Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
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IV.

Meine Beurteilungüber die NeligiolM eines Menschen.

Ich gebe mich schlicht und unbefangen den Eindrücken, dieer auf mich macht, hin, ich höre die Grundsätze und Ansichten,die er ansspricht, beobachte seine Handlungsweise. Stimmen jenemit dieser überein, entdecke ich in ihm Wahrheit und Wahr-Hastigkeit, so ist ihm meine Achtung gewiß. Kommt hinzu, daßich einen dem Guten hingegebenen, mit aller Kraft und Auf-opferung es anstrebenden Mann vor mir sehe; wird es mir zurGewißheit, daß sein Herz für Tugend, Recht und Gerechtigkeiterglüht ist und den Geist mehr liebt, als die Welt u. s. w.:so bin ich geneigt, in betreff der Religiosität seines Innern denvorteilhaftesten Schluß zu ziehen. Mit derselben muß es gutstehen. Wie die Frucht, so der Baum. Dieser Schluß ist alleinrichtig. Erkenne ich den Baum, so erkenne ich auch die Frucht ist ein leerer Satz; denn den Baum erkennt man nicht andersals aus den Früchten. Es giebt keinen andern gültigen Maß-stab als den: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Wo nun andere in ihrer Beurteilung der Religiosität ihrerNebenmenschen sich mit vorliegenden Thatsachen nicht begnügen,sondern dieselbe nach theoretischem Maßstnb bemessen wollen undalles das verwerfen, was mit ihrem Symbolum nicht übcrein-stimmt: da kann ich nur Schiefheit des Charakters, Borniertheitdes Kopfes erblicken. Der theoretische Glaube oder die theo-retische Rechtglänbigkeit besteht nur zu häufig mit praktischem