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Man kann nicht weiter lesen, muß das Buch bei Seite legen,mn die eigneil Gedanken verarbeiten zu können. Solche Schriftensind die besten, solches Lesen ist das gedeihlichste, wahres Lesenist Denkeil.
Lesen heißt drittens: Anw ende», nämlich auf sich an-wenden, sein inneres Leben danach uingestalten, fortbilden, ansdas äußere Leben im Streben, Wollen und Thun verwenden.
Was nützt das Verstehen der Gedanken anderer, das Auf-fassen der Wahrheit, die sie ans Licht gebracht, das Denkeneigner Gedanken, wenn mail von ihnen nicht ergriffen, nicht vonihnen geleitet, nicht von ihnen dirigiert und bestimmt wird?Nichts, rein nichts. Zwar ist das eigne Denken niemals ganzohne Einfluß aiif die Gestaltung des ganzen Geistes, feine Tendenzund seinen Willen, denn der Geist lebt auch erkennend; aberein ailderes ist es doch, einen Gedanken klar habeil und — vonihm in Besitz genommen werden, so daß man ohne ihn nichtmehr existiert, so daß er zur Substanz unserer Existenz geworden.„Ich kann nicht anders," dies ist der rechte Prüfstein. Ich kanndiese Gedanken nicht habeil, und nach dem Gegeilteil empfindenund handeln. So muß es sein. Das heißt lesen.
Der Mensch nimmt das Gepräge seiner Umgebung, der vonJugend auf ihn bestürmenden Eindrücke an. Je stärker, nach-haltiger diese wirkeil, desto mehr. So erwartet man mit Recht,daß ein unter dem Einfluß eines mächtigen Geistes ausgewachsenerMensch diesen an und in sich trage. Und darum erwarten wirauch, als eine Frucht des aufmerksam hingebenden, einemMenschen lieb und teuer gewordenen Lesens eines bedeutendenSchriftstellers in ihm ein Gepräge, einen Nachklang nicht nur,sondern einen Teil seiner Eigentümlichkeit, seine Ansichteil, Ge-fühle und Strebungen wiederznfinden. Wo das nicht der Fallist, da hat auch keine Freude, kein Wohlbehagen, keine Harmoniemit dem Schriftsteller stattgesunden, es ist nichts weiter gewesenals Notiznehmerei, höchstens Kenntnisnahme, es hat nichts andersgewirkt als nacktes Wissen, Kritik.
Wenn wir diesen Maßstab an das Lesen, das die meistenthun, anlegen, was finden wir?