Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
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392
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Sie rühmen sich, den Goethe gelesen zu haben und inihnen findet sich keine Spur von seiner objektiven Natnran-schauung und großartigen, freien Weltanschauung und Stellring;sie rühmen sich, den Schiller gelesen zu haben, den begeistert-sten Dichter für Tugend und Freiheit sie, die aller Be-geisterung, aller Idealität fremd sind, sie, die servilsten, ordinärsten,in submissester Devotion ersterbenden", pfiffigsten Philister; sierühmen sich, die Schriften der Bettine mit Genuß gelesen zuhaben sie, deren Gemüt nicht einmal eine Rheingegend mitBegeisterung auffassen kann und an dem trockensten Buchstabender äußeren Pflichtbegrenzung festhält. Haben sie diese großenMenschen wirklich gelesen? Gewiß nicht. Sie hätten besser ge-than, die darauf verwandten Stunden auf Spazierengehen,Schwimmen, Schlafen oder meinetwegen auf Kegel- und Billard-spiel zu verwenden. Denn dabei wäre doch etwas für den Leibherausgekomme». Behauptet einer, er habe einen Schriftstellermit innerem Genuß gelesen, so setzt das, wenn es anders wahrist, voraus, er habe die Harmonie zwischen dem Schriftsteller undsich selbst empfunden, er habe ihn auf sich wirken lassen, seinInneres nach ihm gestaltet. Wo das fehlt, da fehlt die Haupt-sache. Unsere großen Schriftsteller und Dichter jsind für etwasHöheres da, als zum Zeitvertreib und zum Zeitverderb *. Durchdiese Genien soll sich der Geist der Wahrheit, Schönheit und

* Auch sind sie für mehr da, als in den Schulen gelesen zu werden.Wir verderben meist unfern Leuten den Genuß unserer herrlichen Klassikerdurch unser tolles, verstandloses Antizipieren, d. h. durch das Lesen derMeisterwerke in Zeiten, wo der junge Mensch noch nicht reif ist, Meister-werke von Männern zu begreifen und sich anzucignen. Was diese inihren reifsten Jahren, auf dem Gipfel ihrer Kraft und auf der Basis derreichsten Lebenserfahrung gedichtet und dargestellt haben, ist natürlich nurgenießbar und nutzbar für Männer, welche Erfahrungen, Erlebnisse,Führungen hinter sich haben. Wir aber machen sie zu einer Kinderspeiseund verleiden den Kindern für die Zeit, wo sie Männer geworden sind, dieLust dazu. Sie haben ja alles schon gelesen und durchgekostet. So gehtes mit allem, mit dem Katechismus, dem Gesangbuch und der Bibel, wiemit unfern Klassikern; 812jährige lernen und lesen jene, 1218jährigedis'tiefsinnigsten Werke unserer ersten Schriftsteller, z. B. Schillers philo-sophische Schriften, Goethes Faust u. dgl. m. Es ist ein wahres Verderben.