Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
388
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nicht alles, was sie denken und empfinden, durch bestimmte Sätzeund Wörter aus, manches deuten sie nur durch eine Wendung,oft nur, wie Briefschreiber, die sich ans die Kunst des Brief-schreibens verstehen, namentlich an vertraute Personen, die inanin unser Inneres blicken lassen will, durch ein Satzzeichen oderdurch plötzliches Abbrechen und durch ähnliche, dein groben Augeund Sinne unsichtbare Mittel aus. Bei den tiefsten Schrift-stellern steht vieles zwischen den Zeilen. Oft geht uns erst beiden: dritten, vierten, zehnten und zwanzigsten Lesen das rechteLicht auf, und wir finden, so oft wir das Lesen auch wieder-holen, immer noch Neues. Dies ist ein sicheres Zeichen, nichtnur von der Tiefe des Schriftstellers, sondern auch von unsermFortschreiten. Wer diese Erfahrung gemacht hat, kennt dieFreude, die diese Wahrnehmung verursacht, nämlich bei dem, derseine Freude in der Entwickelung seines Lebens, besonders seinesinneren, sucht. Ihm heißt Leben Fortschreiten, und ihm istdas Lesen ein Mittel und ein Maßstab des Fortschrittes. Erhat Lieblingsschriftsteller, nämlich solche, mit denen er sich vor-zugsweise verwandt fühlt, welche Akkorde anschlagen, die in seinemInneren nachklingen. Denn das Verstehen eines tiefsinnigenSchriftstellers hängt von dem Grade innerer Verwandtschaft ab.Jedermann weiß es, und jeder, der etwas mehr als rein Äußer-liches an sich hat, hat es erfahren. Es giebt Menschen, die sichgar nicht verstehen, ohne daß inan dem einen oder dem anderndaraus einen Vorwurf zu machen berechtigt wäre. Der Gedanken-inhalt, auf dem sie fußen, ist zu verschieden; die Voraussetzungen,von welchen sie ausgehen, zu ungleich; die Tendenzen, denen siezustreben, gehen zu weit auseinander; der Rhythmus ihresLebensspieles folgt zu differentem Tempo, als daß sie sich ver-stehen könnten. Sie sind nicht füreinander geschaffen, Anlagenmrd Erziehungsweisen halten sie so auseinander, daß sie wohl-thun, sich gegenseitig zu ignorieren. Unsere deutsche Litteraturist so reich, daß keiner alles zu goutieren imstande ist. Dereinzelne geht so an ganzen Richtungen seiner Zeit vorüber, undganze Zeitalter sind früheren Zuständen entwachsen, im Jünglings-alter zieht man die Knabenschuhe aus. Anderes ist schön und