Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
337
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behandeln und mißhandeln sieht. Das ist das erste, was ichIhnen, meine Herren, zu sagen habe: ein Buch ersetzt nie denGeist des Lehrers, kein Buch, auch das Buch nicht; der Geistdes Lehrers ist wichtiger als alle Schulbücher zusammen. Nurder lebendige Geist ahnt den Geist, der in den toten Buchstabenschlummert, nur er weckt ihn zu neuem Leben; der lebendigeGeist ist der Dietrich, der den Schrein, in welchem die ver-borgenen Schätze ruhen, aufschließt, nur der lebendige Geist be-sitzt den Schlüssel zum inneren Heiligtum; er allein löst dieSiegel, unter welchen die Geheimnisse beschlossen sind; er nimmtweg die Binde von den Augen der Nichtsehenden; er ist dieWünschelrute, mit der wir die Geisteskräfte heben. So hoch wirdarum den Wert der Bücher anschlagen, treiben wir doch keinenGötzendienst mit ihnen, setzen wir sie nicht dem lebendigen Geistegleich, der nur sich selbst gleich ist; bilden wir darum die Lehrer,daß sie Geist habe», damit sie das kostbare Geschenk der Bücherihrem Zwecke gemäß, d. h. geistig gebrauchen. Wir schwörennicht auf den Buchstaben, auf keinen Buchstaben, wir schwörennur auf den Geist, nur dem Geist.

Bon unermeßlicher Wichtigkeit ist die Art, wie die Jugendein Buch gebrauchen lernt, nicht bloß jedes Buch, sondern haupt-sächlich ein Buch, das nicht nur Schulbuch, sondern Lebens-buch werden und bleiben soll. Mehr als einen mag es unteruns geben, der nur mit lloi-roi- an die Art und Weise denkt,wie sein Jugendlehrer ihn mit diesem oder jenem Buche bekanntmachte und ihm dasselbe vielleicht auf ewig verleidete. Wer iststark genug, die tiefsten Jugeudeindrücke zu verwinden? Um nurein Beispiel zu nennen, wer vermag es zu bestimmen, welchenEinfluß heilsamen oder nicht heilsamen, das bleibe hier un-entschieden, denn die Vorsehung wendet oft zum Guten, was dieMenschen böse gemacht, und es giebt, was vielleicht hier seineAnwendung findet, eine Ironie des Schicksals:Selbst Feindefördern stets, was Gott beschlossen" wer vermag den Einflußzu bestimmen, den die Art, wie der unsterbliche König, dessenAndenken wir jüngst mit Begeisterung gefeiert, den wir denPhilosophen auf dem Thron, den Heros seines Jahrhunderts,

Diesterweg, Ausgew. Schriften. 2. Aust. I. 22