Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
225
Einzelbild herunterladen
 

225

So und in ähnlicher Weise könnte der 3. August zu unsreden. Er hat uns eine Lektion gegeben. Er hat sie zweimalwiederholt, damit wir dieselbe begreifen möchten. Er hat dieStraßen mit Blut befleckt, Angst lind Schrecken unter den ruhigenBürgern verbreitet, inehr als einen unter die Erde, mehr alsHundert in die Gefängnisse gebracht, und noch nach vielen Tagenwerden die Zuchthäuser davon zu reden wissen. Laßt es unsüberlegeil, was wir daraus hätten lernen können: Zählen wirdie wesentlichsten Punkte auf!

1) Es wohnt eine ungeschlachte, rohe Masse voll Volk unteruiis; sie wird von Leidenschaften regiert; sie kennt nicht Vernunft,nicht Ehrfurcht vor dein Gesetz.

2) Dieser Zustand ist gefährlich für die Ruhe und Sicher-heit der Stadt. Die Leidenschaften sind da. Es bedarf nurder Gelegeuheitsursache, sie zu wecken. Dieser Zustand ist bleibend.Es ist möglich, daß morgen oder übermorgen ein Funke den vor-handenen Brennstoff entzündet.

3) Dieser Zustand stimmt nicht mit der gepriesenen Intelligenzund Bildung dieser Zeit. Oder sollten wir uns darin verthanhaben?

4) Es begründet für diejenigen, welche Bildung, Macht undGelegenheit haben, diesen Mißstand zu heben und diesen Krebs-schaden zu heilen, einen gerechten Vorwurf, wenn sie es nichtthiin. Denn er widerspricht der Humanität, die uns eigen sein,der Religion, die uns beseelen soll. Was spricht diese?

Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst!"

Thun wir dieses, lieben wir den Nächsten wie uns selbst?Nein! Wenn wir es behaupten, so lügen wir daran. Die Thatspricht gegen uns. Und doch hat unsere göttliche Religion solchesschon achtzehn Jahrhunderte von dem Menschengeschlechte ver-langt. Die Religion ist keine Wahrheit geworden.

Was folgt daraus?

Antwort: Auf dem bisherigen Wege geht es nicht, ist esnicht gegangen, wird es nicht gehen. Soll es ewig so bleiben?Das wolle Gott verhüten!

Diesterweg, Ausgew. Schriften. 2. Aust. I.

15