Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
168
Einzelbild herunterladen
 

168

Verständnis dieses richtigen Grundsatzes wäre es, wollte man mitder Unterscheidung der einzelnen Arten derselben Gattring an-fangen; denn diese Unterschiede sind viel feiner, liegen viel tieferund entziehen sich viel eher dem Auffassungsvermögen als die Diffe-renzen von Arten ganz verschiedener Gattungen, als die Unter-schiede zwischen verschiedenen Familien und Ordnungen. Mit diesenallgemeinsten, gröbsten Unterschieden beginnt man daher, und steigtvon ihnen herab zu feineren Unterscheidungen, wie man auch irrder Zoologie erst den Unterschied von Säugetier und Vogel auf-fassen lehrt und viel später zu den Differenzen der Arten derKatzen oder der Finken z. B. übergeht.

Dieser auf dem Gebiete der Naturkunde geltende methodischeGrundsatz gilt auch für den Sprachunterricht. Ohne Zweifel hatsich in dieser Richtung auch die Sprache selbst entwickelt. DerEntstehung des ausgebildeten Satzes ging der nackte Satz, derHineinlegung einzelner Begriffsunterschiede in ihren weiteren Ver-zweigungen in untergeordneten Arten die Unterscheidung allge-meiner Differenzen vorher, ganz gemäß der Entwickelung einesGewächses, dessen Teile sich aus einer bestimmten beschlossenen Ein-heit in immer weiter gehenden Differenzierungen entwickeln. Allesaber auf dem Boden des Konkreten, nirgends von einer voraus-gegebenen abstrakten Regel, sondern überall von der unmittelbarenlebendigen Anschauung aus. Diese bildet die Einheit der Be-trachtung, von der alles ausgehen muß. Sie besteht in der un-mittelbaren Erfassung eines Gedankens; sie ist also eine innereAnschauung, d. h. genaue Unterscheidung des Gedankens und derVorstellungen von dem Worte und dem Satze, welche äußerlich,in äußeren Anschauungen aufgefaßt werden. Von diesen innerenAnschauungen geht alle Klarheit in der Auffassung der Sprach-formen, wie jede Sprachforschung selbst aus; denn diese beruhtauf der Vergleichung der Wort- und Satzformen mit den in ihnenliegenden Vorstellungen und Gedanken. Von ihr geht man überzu der Auffassung der in ihr zu einer Einheit verknüpften Vor-stellungen und Begriffe, dann zu deren Beziehungen zu einander,und diesen inneren Verhältnissen gemäß zu den ihnen entsprechendeiläußeren, dem Satze im allgemeinen, den einzelnen Wörtern des