Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
68
Einzelbild herunterladen
 

- 68

Zeigt dieser Lehrweg auch wohl eine Spur vou organischer An-ordnung, und wo ist das bildende Prinzip desselben? Wir sindunsähig, es anfzusinden; vielmehr müssen wir das Ganze für eintotes Wort- und Regelwerk erklären. Die Muttersprache istaber eine lebende und soll eine lebendige sein, d. h. derSprechende soll sich der Bedeutung der Sprachteile unmittelbarbewußt werden. Solches aber wird auf jenem Wege nimmererreicht, sondern nur dadurch, daß man zuerst Sach- und Sprach-unterricht gar nicht voneinander trennt, späterhin die Aufmerk-samkeit auf den Satz hinlenkt und alle Formen der Sprache aufihn, als die organische Einheit, in welcher die einzelnen Teileals Organe beschlossen sind, bezieht.Die Einlernung der Sprach-formen ist," sagt Becker in seiner Abhandlung über die Methodedes Sprachunterrichts,wie alles Einlernen von Dingen, denenkeine lebendige Anschauung entspricht, dem Schüler schwer undwidrig, und es enget seinen Geist ein, statt ihn anzuregen undfrei zu machen. Wenn man dagegen alle Verhältnisse der Spracheans der Anschauung des Urteils entwickelt und jedes Besonderean eine lebendige Anschauung knüpft, so wird die Erlernung derSprache für den Schüler ein freies Spiel seiner geistigen Kräfte,und, wie jede wirkliche Entwickelung, leicht und angenehm."

Um nicht zu weitläufig zu werden, sprechen wir nur noch kurz vom

6) Religionsuuterrich t.

Es gab eine Zeit, wo man die Religion als eine dem mensch-lichen Gemüte fremde Sache betrachtete, als etwas von außenHerstammendes, das in den menschlichen Geist hineinzutragen,dem Menschen einzuimpsen sei. Dieser Ansicht gemäß verfaßteman die in dem religiösen Jugendunterricht zu gebrauchendenLehrschriften. Sie enthalten, gleich dem positiven Gesetzbucheüber die äußere» Handlungen, Gebote und Verbote und abstrakteSätze über den Inhalt des Glaubens. Die Form, in welcherdiese Religionswahrheiten dem kindlichen Geiste vorgerückt wurden,war und ist größtenteils noch die strenge Lehrform, die dogma-tische, welche vom Lehrenden verlangt, daß er an- und aufnehmen,behalten und anwenden solle. In solcher Weise war der Reli-gionsunterricht ein rein äußerlicher, gedächtnismäßiger und mecha-