Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
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Betrachten wir das Lesen von der äußeren Seite, so gehörtzum anschaulichen Erkennen des Stoffes die ganz klare Unter-scheidung aller, in der Rede vorkommenden einzelnen Laute undihrer Verbindung zu Silben, Wörtern und Sätzen; dann dieAuffassung des dynamischen, melodischen und rhythmischen Ele-ments der Sprache und ihrer Erscheinung bei der Ausspracheder Wörter und Sätze. Von dieser klaren, anschaulichen Er-kenntnis, welche natürlich zur Fertigkeit im Können ausgebildetwird, hängt die Klarheit des Bewußtseins ab, mit welcher derSchüler das Lesen vollzieht. Die Vorzüge, welche der Lautier-unterricht in dieser Beziehung vor den: Buchstabieren hat, aus-einanderzusetzen, erscheint als überflüssig. Der alte Buchstabier-unterricht ließ das Kind über dieses alles im Unklaren. Es hörteBuchstabennamen, abstrahierte sich nach tausend Übungen denLaut derselben in ihrer Verbindung, kam aber nie zu einer klarenUnterscheidung der Laute von den Buchstaben, und es ahmteblind nach, wie es lesen hörte. Von Lernen mit klarem Bewußt-sein konnte da nicht die Rede sein.

Noch weniger gelangte es zur Auffassung des übrigen Mannig-faltigen, welches sich zur Einheit des Lesens verbindet, das über-haupt erst eine Sache der neuesten Zeit ist. Früher beschränktesich das Wissen über das Lesen und die Regeln, welchen man esunterworfen glaubte, auf einiges über deu Accent, und daß manbeim Punktum die Stimme ganz, beim Komma halb sinken lassen,beim Fragezeichen aber heben und zugleich verhältnismäßige Pausenbei den Unterscheidungszeichen anbringen müsse. Daß zur durch-gebildeten Lesekunst und zum klaren Bewußtsein darüber, soweites auch nur das Äußere betrifft, also von: Inneren noch ganz ab-gesehen, weit mehr gehört, wissen alle die, welche sich mit denFortschritten, die die Leselehre und dadurch die Methodik derselbenerfahren hat, bekannt gemacht haben. Dadurch ist es möglichgeworden, den Schüler allmählich nicht bloß zu einem richtigen,auf blinder Nachahmung beruhenden Können, sondern zu eineranschaulichen Auffassung aller einzelnen Momente, die beim LesenVorkommen, zu führen und dadurch allen Mechanismus und allesdiktatorisch vorgeschriebeue Formelwerk zu vermeiden.