— 58
Zeit nicht bedeutend vorwärts geschritten, ja es zeigen sich fastnllerwärts, wo musikalische oder dramatische Künste blühen, diesicheren Spuren eines geschraubten, verkünstelten Sinnes, wo nichtgeradezu eines verdorbenen Geschmacks. Doch dieser Gegenstandliegt uns zu fern, als daß wir mehr als diese Andeutung zugeben uns versucht fühlen sollten.
20. Die Hauptforderung, welche eine kult n r gemäße Erziehungin moralischer Hinsicht stellt, stimmt mit den ewigenAnforderungen einer sittlichen Erziehung überein. Denn diesittliche Erziehung ist überall und ewig die einzig wahre,also auch die stets und überall knltnrgemäße, wenn nicht derBegriff der Kultur mit dem Wechsel der Mode oder gar derVerdorbenheit eines Zeitalters stets anders und anders ge-faßt werden soll. Doch aber verlangt die wahre Kultur derGegenwart in sittlicher Beziehung vorzugsweise: Ausbildungdes sittlichen Bewußtseins, klare Erkenntnis der Pflichten-und Rechtslehre, Entwickelung männlicher Thatkraft, unbe-dingte Wahrheitsliebe und offenen Geradsinn zur Unterdrückungdunkler phantastischer Ansichten, frömmelnd unbestimmter undnichtswürdiger Hingebung und feiler Schmeichelsticht. Wennes wahr ist, daß ein revolutionärer Geist durch die Zeitgeht, so kann derselbe nach unserm Ermessen vorzugsweisedurch die Entwickelung sittlicher Lebensgrundsätze und durchdie Kenntnis des ewigen und positiven Rechts, überhauptdurch klare Selbstverständigung über diese hohen Angelegen-heiten beschwichtigt und in die regelrechte Bahn einer successivenEntwickelung der Kultur gelenkt werden. Denn der revo-lutionäre Geist verträgt sich am ersten mit Unklarheit undUnbestimmtheit der Ansichten. Wer daher die Menschen derZeit wahrhaft anfklärt, bringt sie auch von allein gesetz-widrigeil Treiben zurück, ohne ihnen die Thatkraft für edleLebensentwickelung zu raubeil.
Groß siild die Anforderungen, welche der Grundsatz derKulturgeniäßheit den Erziehern der Völker und Nationen stellt;denn die Kultur der Gegenwart ist in mehr als einer Beziehunghochgesteigert.