Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
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gewonnen hat. Dadurch begreifen wir, wie in der gegenseitigenBerücksichtigung und Abwägung der Anforderungen beider Differenzund Streit der Ansichten entstehen kann, der Streit der Ideologenmit den Realistei:, die Differenz des Vernunftrechts und deshistorischeil Rechts, der Kampf der Idee mit dem Herkommen.Die pureil Historiker lind praktischen Realisten richten sich ein-seitig nach dem bestehenden herkömmlichen Recht, nach den Ge-rechtsamen; die abstrakten Ideologen einseitig nach der Idee.Beide haben in ihrer Einseitigkeit unrecht. Huldigt mail alleindem Herkommen, so stellt man die Zeit still, und aller Fortschritthat eül Ende; will mail alles nach den reinen Anforderungen desideellen Vernunftrechts gestalten, so begeht man gleichfalls diehöchsteil Ungerechtigkeiten lind stellt die Pyramide der Entwickelungauf die Spitze. Darum gibt es kein anderes Heil, als Ver-söhnung lind Vermittlung der historischen Ansprüche mit denewigen Anforderungen der Vernunft und der allgemeinen Ge-rechtigkeit; Berücksichtigung des Bestehenden, das in der Geschichteder Vergangenheit wurzelt, und allmähliche, stufenweise Fort-schreitling gegen das Ziel hin. Nie darf der Lenker der Weltund der Geschichte die Idee aus dem Auge verlieren, aber auchliie die Anforderungen der Zeit gleich Null setzeil.

Jil den Gebieteil der Erziehung nnd des Unterrichts strebeman darum ewig darnach, das Prinzip der Naturgemäßheit all-gemein gültig und herrschend zu machen; aber mit Rücksicht aufden Standpunkt, den man bereits gewonnen hat; also Strebennach der Naturgemäßheit unter Berücksichtigung dessen, was dieKultur und die Zeit erheischeil. Ohne jenes vergreist man sichail deil heiligen Forderungeil der Menschheit; ohne dieses wirdman eiil Phantast, oder ein Despot und ein Tyrann. -Ohne daseine gibt es keinen Fortschritt der Menschheit, wie in China;ohne das andere gerät mail in die Fluteil der Revolution.

Wer wäre so kurzsichtig, die Schwere der Allsgabe zu er-kennen, die daraus für die Lenker der Geschichte und Staatenerwächst; wer so beschränkt lind einseitig, keck und übermütig,über die Bestrebungen und Ansichten anderer vorschnell ab-urteilen zu wollen!