Druckschrift 
Bd. 3 (1876) Baumpfähle - Brasilien
Entstehung
Seite
798
Einzelbild herunterladen
 

798

Brasilien (Geogr. u. Statistik).

als Lastthier dient das Maulthier. Jagd undFischerei sind einträglich, letztere besonders aufWalfische, namentlich an der Küste von Bahia(jedoch Regal, jährlich fängt man gegen 500 Wall-fische). Die Industrie ist noch ganz in der Kind-heit u. beschränkt sich auf etwas grobe Banin-wollenweberei, Gerberei u. Töpferei; größere Fa-briken beginnen erst zu entstehen, u. noch wirdder meiste Bedarf vom Anslande bezogen. Hand-werker finden sich fast nur iu den Städten u. sindbeinahe ausschließlich Ausländer. Der Bergbau,der, wenn er nur mittelmäßig betrieben würde,bei dem Rcichthnm an edlen Metallen u. Dia-manten eine höchst ergiebige Finanzquelle seinwürde, ist in neuerer Zeit vernachlässigt wordenu. gibt bei weitem nicht mehr die Ausbeute wiefrüher. Der Handel erlag vor der Trennung vonPortugal ganz dem Colonialzwange, nur portu-giesische Schiffe wurden in B. zugelasscn, dochtrieben die Engländer bedeutenden Schleichhandel.Erst 1808, nachdem sich der Hof nach Rio deJaneiro übergcsiedclt hatte, wurde der Handelallen Nationen frcigegcben. 1827 schloß Englandeinen (1844 abgclanfenen) Handelsvertrag mit B.ab, wonach die Einfuhr aller britischen Erzeugnissenur mit 15pCt. ihres Werthes Zoll belegt wurde;ähnliche Verträge schlossen dann auch die Hanse-städte, Preußen, Österreich rc. Der Einfuhrzollauf die meisten Artikel beträgt durchschnittlich20 pCt. ihres Werthes. Am 1. Juli 1857 istein neuer Zolltarif erschienen, der, wenn schoneinige Zölle höher gestellt sind, als früher, doch imAllgemeinen namentlich auch den Zollverbandscr-zengnissen günstiger ist, als der seitherige. Auchschloß B. mit den meisten enrop. Staaten Han-delsverträge n. gab 1867 die Schiffahrt ans demAmazonas nnd seinen Nebenflüssen frei, ebensodie Küstenschifffahrt, die über 45 Will. Mark um-sctzt. Der Großhandel ist fast gänzlich in denHänden Englands, Frankreichs, der VereinigtenStaaten, der Hansestädte, Hollands und Belgiens,der Kleinhandel in denen der Brasilianer u. Por-tugiesen. Der Handelsbetrieb im Innern ist fol-gendermaßen eingerichtet: meist schaffen Manl-thierkarawauen die Maaren an die Küste, wozusie oft 5 Monate Zeit gebrauchen. Im Innerntragen Menschen die Ballen von einem Stapclortcznm anderen. Boote u. Kähne brauchen 2 bis5 Monate, ehe sie stromaufwärts den Stapelplatzerreichen. Als Tanschwcrthe kennt man im W.u. N. nicht Geld, sondern Nähnadeln, Knäulebaumwollenen Zwirnes, Wachs, Slrohhüte, Fisch-angeln, Haumesser, Tocago (Banmwollenzeng).An den Flüssen besteht der Hafcnplatz oft nuraus einigen Schuppen auf einer Anhöhe wegender Überschwemmung, u. der Handelsort selbstliegt viele Meilen entfernt. Die Bewohner mancherDörfer ernähren sich als Träger oder Schiffer(Logas). Frachtkähne sind 14 in lang, 1 in breitund bestehen aus einem Baumstämme. DerLuntsro, flußkundige Bootsmann, befehligt, derLopsro lenkt, die Logas rudern. Laisas sindFlöße aus leichtem Balsaholze (Ooln-oma pisoa-ioria), wo auf niedrigem Gerüste in der Mittedie Waare lagert. Kähne, ausgehöhlte, vorn zn-gespitzte Baumstämme, macht man ans der Ooärola

drasilionsis; LloMorias oder Boote zimmert manaus verschiedenen Stämmen. Sie sind klein, größerdie (lariboas, die ein Steuerruder, auf dem Ver-deck ein Dach aus Palmblättern u. einen freienmittleren Raum haben. Doch hat jeder Fluß n. jedeStrecke besondere Arten von Fahrzeugen. Aus-fuhrartikel sind namentlich: Kaffe (10 Will. Ar-roben ä 16 Lg), Zucker (120,000 Tonnen ä 20Ctr.),Baumwolle (für 33H Will. Milrels od. 2 z Mill.Arroben), Tabak (Bahia, Borba am Madeira für3 Mill. Milrels) n. Waldproducte, Nutz- u. Farbe-hölzer, Gewürze, Häute, Hörner, Talg, Gold u.Diamanten (diese beiden letzteren im jährl. Durch-schnitt 60 Mill. Ll). Einfuhrartikel: Baum-

wollen-, Leinen- n. Wollstoffe, Kleider, Schuh-werk, Eisenwaaren, Papier, Möbel, Steingut,Pulver, Mehl, Wein, Bier, Branntwein, Schin-ken, Käse, Butter. Der ganze Handel hat sich inneuester Zeit sehr gehoben: 184445 betrug dieEinfuhr 57 Mill., die Ausfuhr 47 Mill.;185354 die Einfuhr 84 Mill., die Ausfuhr76 Mill.; 186465 die Einfuhr 131» Mill.,die Ausfuhr 141 Mill.; 187273 die Einfuhr15iz Mill., die Ausfuhr 214-z Mill. Milrels.187172 sind eingelaufen 8087 u. ausgelaufen7734, 187273 aber cingelaufen 29,803 nndausgelaufen 28,496 Schiffe. Seit 1809 bestehtin Rio de Janeiro eine Bank u. seit 1816 einHandelsgericht. Einwanderung n. Colonisa-tion. Noch Anfang des 19. Jahrh. war B. derEinwanderung fast gänzlich verschlossen, und erst16. März 1820 erschien ein Gesetz, welches eu-ropäische, namentlich deutsche Auswanderer unterder Zusage einer Landscheukuug aufforderte, sichin B. anzusiedeln. Mit dem Gesetze vom 23. Oct.1832 wurde dann die Frist der Naturalisationaus 4 Jahre u. dem vom 30. Aug. 1843 auf2 Jahre herabgesetzt; dessenungeachtet wollte esnicht gelingen, den Strom der Auswanderungnach B. zu leiten. Auch bezweckte man, das Sy-stem der Larosria (Halbpacht) herzustcllcu u. deminfolge des Sklavenhaudelverbotes sich heraus-stellenden Mangel an Arbeitskräften durch euro-päische Auslöslinge (Rsäomptionsrs, weiße Skla-ven) abzuhelfen. 1847 ließ der Senator Pereirade Campos Vergueiro in der Provinz S. PauloArbeiter auf seine Kosten aus Deutschland kom-men, denen er einzelne Parcelleu in seinen Kaffe-plantagen übergab, ihnen die Hälfte des Ertrageszusicherte u. sie als Leibeigene annahm, bis seineAuslagen für Transport u. dgl. durch ihre Arbeitgedeckt waren. Dies System fand Nachahmung,ward anfangs von der deutschen Neichsregierungunterstützt, bald aber, als von der europ. Pressedie traurige Lage der Auslöslinge geschildert, dieHinterlist u. Treulosigkeit der Plantageubesitzerenthüllt wurde, aus Mangel neuem Zuflußwieder aufgegeben. 1852 versuchte man in Deutsch-land für die Provinz Rio Grande do Sul zuwerben, um dort eine Militärgreuze gegen dieunabhängigen Indianer zu errichten, kam aber zukeinem Resultat. In neuester Zeit haben einigedeutsche Gesellschaften u. Privatmänner das Co-louisanonsunternehmen in die Hand genommen.Dennoch muß man auf Grund trauriger Erfahr-ungen die Deutschen davor warnen, sich an brasil.