Historienmalerei. 341
ungen durch die überhandnehmende Entartung desKunstgeschmackes überhaupt zu einem bloß mechan-ischen Leben herabsinken.
VI. Die Periode des Verfalls der Kunst um-faßt ebenso wie die vorige ein Jahrhundert (1700bis 1800). Die große Malerei, d. h. die H. ingroßem Stil, verschwindet allmählich gänzlich, nurseichte Allegorien zur Verherrlichung eines eitlenDespotismus, für welche bes. die antike Mytho-logie herhalten mußte, blieben an der Tagesord-nung. 1) In Deutschland zeigt sich jedoch schonin der Mitte des Jahrhunderts eine vereinzelteOpposition gegen die von Frankreich ausgehendeGeschmacksverderbnng durch eklektische Anlehnungan die Muster früherer Epochen; zu den Meisterndieser Art können gerechnet werden: Dietrich(1712—74), Weitsch, Kobell und der trefflicheCharakterzcichner Dan. Chodowiecki (1726 bis1801). Lebhafter n. entschiedener gestaltet sich dieReaction gegen den frivolen Zopfgeschmack durchden Einfluß, den die Anstrengungen Winckel-manns u., im Anschlüsse an ihn, Lessings zurWiederbelebung des Verständnisses der Antike aufeine Regeneration der Kunst ausnbten. Auch hierwar es wieder vorzugsweise Deutschland, welchesdieser antikifirenden Reaction in der Kunst Geltungverschaffte. In erster Linie ist hier Rafael Mengs(1728—79) zu nennen, der sich neben der Antikeauch Rafael zum Vorbilde nahm; ihm schlossensich später an Tischbein, B. Rhode, Graff u.Angelica Kauffmann. Dennoch fehlt diesemimmerhin achtungswerthen Epigoncnthnm eineecht originale Tendenz. Mit solcher tritt, undzwar in specifisch antikem Geiste, Asmus Car-stens (1754—98) auf, ein Künstler von hohemSchönheitsgesühl u. echter, aufs Ideale gerichteterBegeisterung. Ihm schlossen sich an, z. Th. schonin das jetzige Jahrh. hineinrcichend, Wächter,Füßli, A. I. Koch, Tischbein d. I., Weitschd. I., v. Kügelgen, Franz Catel u. G. Schick.2) In Frankreich war es die große Revolution,welche auch in der Kunst einen völligen Umschwungdes Geschmackes zuwege brachte. Wie im äuße-ren politischen Leben, gab auch hier der altrömischeRepnblikanismus die Formen für die ästhetischeUmwälzung her: so entstand die sog. ClassischeSchule, als deren Begründer I. Louis David(1749—1825) austrat. Aber schon in seinen näch-sten Schülern, JeauGros, L.Girardet, Gue-rin, Blondel u.A., zeigte sich die Impotenz u.Nüchternheit dieser Richtung, die im Grunde nurein pathetisch-verständiges Spiel mit antiken F-or-men war, dem jedes innere Leben fehlte: theatral-ische Gespreiztheit galt als antike Strenge, rhe-torisches Pathos für dramatische Classicität. Den-noch liegt, im Vergleich mit der bisherigen Schwäch-lichkeit und frivolen Trivialität des Perrllckenstils,in dieser Rhetorik immerhin eine gewisse Groß-artigkeit, schon hinsichtlich der Wahl der Motive,die meist dem römisch-republikanischen Alterthumentnommen wurden. 3) Auch in anderen Ländernfand diese Richtung Nachahmer: in den Nieder-landen Paliuck, in Italien Appiani und Ca-muccini u. s. f. Es war nothwendig, daß, wiediese antikisirende Tendenz aus einer Reactiongegen den frivolen Zopfstil hervorgcgangen war,
so gegen jene Einseitigkeit abermals in Oppositiongetreten werden mußte, um das Gleichgewicht her-zustellen. Diese Reaction bezeichnet in der Romant-ischen Schule den Beginn der neuesten Periodeder H.
VII. Die neueste Periode der H. oder diemoderne H. im engeren Sinne kennzeichnet sich,im Unterschiede von der gesammten früheren Ent-wickelung, bes. dadurch, daß eine bewußte Trenn-ung zwischen den verschiedenen Zweigen der Ge-sammtgattnng eintritt u. daß namentlich die H.in dem engeren Sinne einer Darstellung geschicht-licher Thatsachen gegenüber einerseits der mytho-logischen Allegorie, anderseits der religiösen Ma-lerei gefaßt wird. Schon in dem durch die sranz.Revolution ins Leben gerufenen TlassicismusDavids werden mit Vorliebe rein geschichtlicheThemata, deren Motive allerdings fast ausschließ-lich dem republikanischen Alterthum entnommenwaren, zur Darstellung gewählt; aber sie warenimmerhin mit einer Tendenz, nämlich mir dereingestandenen Beziehung auf den politischen Geistder damaligen Zeit, behaftet, also im künstlerischenSinne ebensowenig frei wie die mittelalterlich-religiöse H. von der Schranke des kirchlichen Cultus.Erst in der letzten Periode gelangt man zu dieserFreiheit; aber nicht unmittelbar, sondern im Wegeeines abermaligen Znrückgreifens auf eine frühereKunstepoche, jedoch nicht, wie im Davidschen Llassi-cismus, bis auf die Antike, sondern bis zumMittelalter. 1) In der Entwickelung der deut-schen H. dieser Periode lassen sich daher mehrerebestimmt von einander geschiedene Phasen unter-scheiden, nämlich die religiös-romantische des Na-zarenerthums, die profan-romantische der alt-vüsseldorfer Schule u. die neueste Phase, welcheLurch ihre Spaltung in die verschiedenartigstenRichtungen ein wesentlich eklektisches Gepräge zeigt,a) Die erste Phase wird durch die Cornelius-O v erb e cksch e Schule repräsentirt. Peter von Cor-nelius ist einer der erhabensten Künstlergeister derNeuzeit; er bildet den Übergang von der vorigenEpoche zu der gegenwärtigen, denn während erin seinen ebenso geistvollen wie großartigen Com-Positionen zum Trojanischen Kriege noch ganz inder Antike stand, wandte er sich, im Verein mitOverbeck u. anderen Gesinnungsgenossen, baldausschließlich der großen monumentalen Behand-lung religiöser Motive zu, deren großartigste Dar-stellungen in dem Cyklus von Compositionen fürdas Berliner Camposauto enthalten sind. Ihmschlossen sich die beiden Niepenhausen, PH.Veit, Wilhelm Schadow u. eine Reihe spätererSchüler an, die jedoch weit hinter der Größe desMeisters zurückblieben. Wenn nun auch das inder Cornelius-Overbeckschen Richtung liegendeMißverständniß, als ob Lurch ein Zurllckgreifenans einen früheren Standpunkt eine lebenskräftigeRegeneration der Kunst möglich sei, für die Zu-kunst ohne nachhaltige Wirkung bleiben mußte, sowar doch durch die in derselben liegende Tiefe derEmpfindung ein Anstoß gegeben zur Entwickelungeiner neuen Richtung, der profan-romantischen näin-lich, welche sich gegenüber dem Nazarenerthum derOverbeckianer dem geschichrl. Inhalt der Vergan-genheit zuwandte. Vereinzelte Triebs der ersteren