Merers Sechste, vollständig umgearbeitete Auflage. Zehnter Aand. Hansen — Joknhama Pierers Universal- Comerjations-Lkkikon Neuestes rmMoMisckrs Wörterbuch aller Wissenschaften, Künste und Gewerbe. Sechste, vollständig nrngearveitete Auflage. Mit zahlreichen Karte», Plänen und Illustrationen. Zehnter Wand. Hansen — Joknhama. — HöerHansen und Leipzig. BerlagSbuchhandliuig von Ad. Spaarmann. Spaarmann'sche Buchdruckerei (Bauer L Wihleri in Oberhausen. KWSSMWi iiSUj ^LLÄ! / D. Hansen, 1) Maurits Christopher, nor- weg. Novellist u. Dichter, geb. 5. Juli 1794 in MoLum, wurde 1816 Sprachlehrer beim Land- cadettencorps iu Christiania, 1820 Lehrer an der Realschule in Drontheim u. 1826 Rector in Kongsberg, wo er 1842 st.; er schr.: Gedichte, 1816 u. Drontheim 1825, 2 Bde.; den Roman: Othar von Bretagne; die Novellen: Theodors Tagebuch, Palmyra, Das Riechfläschchen, Die Klosterrnine, Das Abenteuer an der Reichsgrenze, n. a. (Ilä- vaiA sä 11-8 Roirmnsr vA ikloveller, Christ. 1841 bis 1843, 2 Bde., ist eine nicht vollendete Auswahl; eine Sammlung, idlovsllvr oA^ortasllinAsr, besorgt von C. N. Schwach, erschien daselbst 1855 bis 1858, 8 Bde.); ferner die Dramen: Nor u. Gor, Hakon Athelstan, 1838. 2 ) Peter Andreas, berühmter Astronom, geb. 8. Dec. 1795 zu Tendern in Schleswig, erlernte zuerst die Uhrmacher- knnst, wobei er aber in seinen Mußestunden mathematischen Studien oblag. Durch diese seine Privatstudien in der Mathematik u. Astronomie i tüchtig vorbereitet, fand H. 1821 eine Anstellung i an der Sternwarte zu Altona als Gehilfe Schuh- ! machers und als Mitarbeiter bei der großen dän- s ischen Gradmessung in Holstein und Lanenburg, I folgte 1825 einem Ruse als Director der Stern- ^ warte Seeberg bei Gotha, die er bis 1859 mit ! großer Umsicht leitete. Auf seine Veranlassung wurde 1859 in Gotha eine neue Sternwarte errichtet, wo er bis zu seinem Tode als Director thätig war. Außer der Direktion der Sternwarte > leitete er auch die Landesvermessung u. war seit > 1853 Referent des Staatsministerinms mit dem Titel Geheimer Regiernngsrath. Er st. 28. März 1874. Seine Thätigkeit erstreckte sich vorzugsweise auf die Probleme der physischen Astronomie, sowie auf die Berechnungen der Störungen und Theorie der Mondbeweguugen. Von seinen zahlreichen Schriften sind bemerkenswerth: Methode, ^ mit dem Fraunhoferschen Heliometer Beobacht- ^ ungen anznstellcn, Gotha 1827; Untersuchungen über die gegenseitigen Störungen des Jupiter u. Saturn, Berl. 1831 ; sknnäamsniu nova invssti- Antionis orbitas vsras, gnam Inns. perlnsbrsb, Gotha 1838; auf Grund deren die ausgezeichneten Rabies äs la Inas oonstruitss ä'spres Is prin- oixs nsrvtonien äs 1a Aravibatron universelle, Lond. 1851, entworfen sind; Ermittelung der absoluten Störungen in Ellipsen von beliebiger Ex- centricität n. Neigung, Gotha 1843; Theorie des Äquatoreals, ebd. 1855; Berechnung der absoluten Störungen der kleinen Planeten 1856 — 57, 3 Th.; Theorie der Sonnenfinsternisse, ebd. 1858 (diese letzten sämmtlich in den Berichten der königl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften); Theorie der Pendelbewegung mit Rücksicht auf die Gestalt und Bewegung der Erde, gekrönte Preisschrist, in den PicrerS v. Ausl. x. Neuen Schriften der Natnrforschenden Gesellschaft zu Danzig, 1858; .Darlegung der theoretischen Berechnung der in den Mondtafeln angewandten Störungen, 2 Thle., Leipz. 1862—64; Geodätische Untersuchungen, ebd. 1865; Von der Methode der kleinsten Quadrate n. ihrer Anwendung auf Geodäsie, ebd. 1868. Außerdem veröffentlichte er noch in verschiedenen Zeitschriften eine Reihe von Abhandlungen über theoretisch-astronomische Gegenstände. Die Ladlss än solell gab er mit Oluffen, Kopenh. 1854. heraus. i) c- A Specht. Hansen, Lheophil von, Architekt, geb. 13. Juli 1813 zu Kopenhagen, besuchte die dortige Akademie n. erwarb ein Stipendium, das ihn in den Stand setzte, 1838 eine Reise durch Deutschland und Italien nach Griechenland zu machen. In Athen, wo sein Bruder Christian bereits längere Zeit lebte, blieb er acht Jahre u. war sowol als Architekt, wie als Lehrer an der technischen Lehranstalt thätig. So baute er die Universität, das von Salvanby für die Franzosen gestiftete archäologische Institut, die Sternwarte (im Auftrag VeS Barons von Sina) u. das Haus des Demetrios. 1846 folgte er einer Einladung des Architekten Ludw. Förster nach Wien, wo er seitdem blieb. Vereint mit demselben, baute er die evangelische Kirche in der Vorstadt GnmpeNdorf, die Pereirasche Villa in Altenbnrg bei Greifenstein n. wirkte am Bau des Arsenals mit. Später führte er allein viele Um- u. Neubauten, besonders in Wien, aus. Im Aufträge des Baron v. Sina entwarf er sodann die Pläne zur Akademie der Wissenschaften in Athen, reiste 1861 selbst dorthin, erkrankte ans der Rückreise an einer gefährlichen Augenentzündung in Paris. Wiedergcnescn entwickelte er eine überraschende Thätigkeit, theils auf dem Gebiete des Privatbaues (Paläste n. Zinshäuser, besonders am Ring in Wien), theils auf dem des Monumentalbaues (Mnsikvereinsgcbände in Wien, Spital und böhmischer Leseverein in Brünn, evangel. Kirche zu Käsmark in Siebenbürgen) u. ist augenblicklich mit der Ausführung der großartigen Neubauten des Reichsrathsgebändes, der Börse u. der Akademie der bildenden Künste in Wien beschäftigt. H. ist, wenn er auch im byzantischcn u. Renaissancestil viel gebaut hat, seiner Hanptneigung nach Hellenist, hat aber auch durch sein hervorragendes Verständniß für malerische Effecte u. Grnppirung im Sinne der Renaissance auf den luxuriösen u. üppigen Charakter der Bauten Nen-Wiens großen Einfluß gehabt. Für sein Streben, die Außenseiten der Gebäude durch Farben und malerische Darstellungen zu beleben, fand er in Nahl (s. d.) einen treuen Genossen (Heinrichshos, Kirche am Fleischmarkt). Mit seinem Schwiegervater Förster gab er seit 1851 auch die (Förstersche) Allgemeine Banzeitung heraus. iehstidt. Land. 1 2 Hansestädte - Hansestädte, Städte, die ehemals zur Hansa gehörten; jetzt: Hamburg, Lübeck und Bremen, s. Hansa. Hansgirg, Karl Victor, Ritter von, geh. 5. Aug. 1823 zn Pilsen in Böhmen, Sohn eines Gubernialraths u. Neffe des Dichters Karl Egon Ebert, bezog 1842 die Universität Prag, wo er schon als Student seine ersten Gedichte, Heimat- stirnmcn, herausgab. Nach Vollendung seiner juristischen Studien in Wien, wo er mit Stifter , Frankl, Hebbel verkehrte, wurde er als Staatsbeamter in Jungbunzlau angestellt, von wo er 1847 zur Strafe für ein in den Grenzboten veröffentlichtes Gedicht an das Landesgnbernium in Prag versetzt wurde. Hier erwies er sich auch als Journalist durch religiös versöhnende Leitartikel sür die Bohemia. 1850 wurde er Conceplsad- junct in Plan u. 1852 Bezirkscommissar in Kap- titz, 1855 Bezirksadjnnct in Joachimsthal, 1857 Kreiscommissar in Pilsen, wo er auch die Zeitschrift Westbahn herausgab. 1864 wurde er Bezirksvorsteher in Bergreichenstein in Böhmen und 1868 Vezirkshanptmann in Joachimsthal. Der Kaiser gestattete in Anerkennung seiner Verdienste die Übertragung des Ritterstandes auf ihn von der Person seines Oheims Karl Egon Ritter von Ebert. Er starb 23. Januar 1877 in Joachimsthal.; H. schrieb noch u. A.: Lieder für Deutsche in Böhmen, Prag 1864 (von 272 Tonsetzern com- ponirt u. als deutsches Liederbuch für Männergesang erschienen, 1865); Kaiserkronen u. Schwertlilien, Patriotische Dichtungen, Pilsen 1868; Ich oder Du, Roman, Prag 1871; Liebe u. Leben, Sonettenbnch, ebenü. 1878; Orient u. Occident, epische Dichtungen, 1875. Beyer. Hansgraf (Handgraf, d. i. Hansegraf, Handels- gras), ein Richter unter Kaufleuten, des. in Meß- u. Jahrmarktsangelegenheiten, welcher für die Beobachtung der bestehenden Handelsgesetze n. für die Sicherheit der Kanflente zn wachen hatte. Die Würde bestand urkundlich schon 1100 u. hat sich vielfach bis zum Anfang des 18. Jahrh. erhalten. Hans Heilingsfelsen, s. u. Heiling. Hansiz, Marcus, Kirchenhistoriker, geb. 1683 bei Völkermarkt in Kärnten, trat in das Jesuitencollegium in Eberndorf, studirte in Wien, wurde 1713 Lehrer der Philosophie in Gratz, widmete sich des. Lein Studium der Kirchengeschichte Deutschlands u. st. 1766 in Wien; er schr.: 6ormania oaors, Wien 1727—1754, 3 Bde. (die Geschichte der Kirche zu Lorch, des Erzbisthums Salzburg, u. den Prodromus zur Geschichte der Bischöfe von Regenskurg), fortgesetzt von den Benediktinern in St. Blasien. Hauslick, Eduard, geb. 11. Sept. 1825 zu Prag, Professor der Musik an der Universität Wien, vorzüglicher Pianist u. einer der berufensten und schlagfertigsten Mnsikschriftsteller der Gegenwart. Durch seinen Vater, den bekannten Bibliographen Jos. H., erhielt er eine vorzügliche Bildung; als Gymnasiast bei Tomaschek Klavierspicl n. Theorie der Musik. Er studirte in Wien die Rechte und brachte cs im Staatsdienste bis zum Ministerial- concipiften, trat aber 1866 von dieser Stellung zurück und widmete sich seit dieser Zeit ganz der musikal. Kritik. Die neue freie Presse zählt ihn — Hanswurst. heute noch zu ihren geistvollsten Mitarbeitern; seine Urtheile zeichnen sich Lurch Sachkenntnis, Klarheit der Form u. schlagenden Witz ans. Er schr. das Aufsehen erregende Buch: Vom Mufikal.-Schönen, ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst; Gesch. des Wiener Concertwesens, Wien 1869, u. ein Buch Kritiken: Die moderne Oper. Si-b-nrock. Hanffen, Georg, Nationalökonom der praktischen Richtung, geb. 31. Mai 1809 in Hamburg, studirte seit 1827 in Heidelberg u. KielJurisprudenz und Cameralia und wurde 1833 Privatdocent in Kiel; nachdem er hierauf 1834—37 als Kammer- secretär u. Kammerrath in der deutschen Abtheil- nng des Generalzoll- n. Handelsdepartements gearbeitet hatte, wurde er Professor der Nationalökonomie in Kiel, 1842 in Leipzig und 1848 in Güttingen; 1860 folgte er einem Rufe als Professor der Staatswissenschaften nach Berlin, wo er mit dem Titel eines Geh. Regierungsrathes zugleich Mitglied des Statistischen Bureaus wurde, n. kehrte 1869 an die Universität Göttingen zurück. Er schrieb: Historisch-statistische Darstellung der Insel Fehmarn, Altona 1832, Statist. Forschungen über das Herzogthum Schleswig, ebend. 1832—33, 2 Hefte; Das Amt Bordesholm, Kiel 1842; Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Umgestaltung der gutsherrlich-bäuerl. Verhältnisse in Schleswig-Holstein (Preisschrift), Petersb. 1861; Die Gehöferschaften im Rgsbg. Trier, Berl. 1863; Zur Gesch. norddeutscher Gutswirthschast seit Ende des 16. Jahrh., Gött. 1875; außerdem Abhandlungen in Fachzeitschriften. Schroot. Hanstcen, Christoph er, norw. Astronom, geb. 26. Sept. 1784 in Christiauia, studirte in Kopenhagen, wurde 1815 Pros, der Ästronomie in Christiania, wo er 11. April 1873 st. H. machte sich hauptsächlich durch seine Untersuchungen über den Magnetismus der Erde (Christiania 1819) berühmt. Um die von ihm ausgestellten Theorien in Sibirien zu erproben, unternahm er 1828—30 eine Reise dahin. Er schr.: Neiseerinnerungen aus Sibirien, deutsch von Sebald, Lpz. 1863; Resultate magnet., astron. n. meteorol. Beobachtungen aus einer Reise nach Sibirien, Christ. 1863. Unter seiner Leitung wurde 1833 die neue Sternwarte in Christiania erbaut, deren Director er war. Specht. Haustein, ein altes, schon in der 2. Hälste des 12. Jahrh. genanntes Geschlecht im Eichsfelde, Lessen 1706 ihm verliehene Freiherrnwürde 1840 von Preußen anerkannt wurde, und welches im Eichsfelde, in Hessen u. im Hannoverschen Besitzungen hat. Seine Vorfahren waren Vicedome der Kurfürsten u. Erzbischöfe von Mainz auf dem Eichsfelde. Vgl. Geschichte des Geschlechts von H. in Eichsfeld in der Provinz Sachsen, Kassel 1856. Hanswurst, sonst ein stehender grottesk-komischer Charakter der deutschen Bühne, dem ^.rksoobino der Italiener nachgebildet u. ähnlich gekleidet. Er hatte seinen Namen, gleich den nationellen Spaßmachern der Franzosen (llsan xobnAs), der Engländer (ckaoic pllLäinZ) u. der Holländer (Pickel- Häring), von dem Lieblingsgerichte seiner Landsleute, Wurst. Bereits auf einem Holzschnitt 1504 vorkommend, läßt sich der Name 1519 in dem niedersächstschcn Narrenschiff, u. 1541 bei Luther Nachweisen. 1533 führte der Nürnberger P. Probst H. in ein Fast- 3 Hantcii: - achtsspiel ein u. wie Schmetters Wörterbuch mittheilt, benutzt ihn Hans Sachs als fiugirten Namen von Fressern. Im Schauspiel taucht diese komische Figur 1573 auf u. übt auf der Buhne bis ans Ende des vorigen Jahrh. ihren Einfluß, wennschon zuletzt unter anderen Namen, wie Kasperle, Sepperl, Lipperl, Thaddädl re. In mo- dernisirter Form lebt der alte H. noch heute, in Wien, fort. Schauspieler von Talent bildeten den Charakter bes. aus, jo seit 1708 in Wien I. Stra- nitzky, der in der Maske eines Salzburger Bauern auftrat u. durch Gebrauch des salzburger u. bayerischen Dialekts große Wirkung erzielte. Nach ihm war 1720 G. Prehauser berühmt, ebenso Ber- nandou (Kurz), Schönemann und Franz Schuch. Im Beginn seiner Laufbahn ein wichtiger Factor des dram. Interesses, griff er später zur Zote n. wurde namentlich durch Neubers und Gottscheds Bemühen in Leipzig, wo er öffentlich verbannt wurde (1737), wie ans Betrieb des Freihern v. Pendel (Wien) u. Schönemann (Berlin) von der Bühne verbannt, obgleich Lessing u. Möser seine Verthcidigung ergriffen. In jüngster Zeit ist H. als historische Curiosität, in Laubes hist. Lustspielabend, wieder erfolgreich aus das Theater gekommen. Hanteln, s. u. Turnen. (Kürschner. Hanthaler, Chrysostomns, geb. 1690; Bibliothekar im Lsterr. Kloster Lilienfeld; schriev über das Geschlecht der Babenberger: idiotulao anso- äotas ot ellroniva lllnstr. sbirxis LabonbsrA., Krems 1741 u. A. Hants, s. v. w. Hampshire. Hamrman (i»d. Myth.), ein vorzugsweise in Slldindien verehrter Affengott, Sohn des Wiud- Zvttes, der treue Bundesgenosse Namas bei der Eroberung von Lanka (Ceylon). Hanusch, Ignaz Joseph, Slavist u. Phi- losoph, geb. 28. Nov. 1812 in Prag, studirte seit 1831 in dem Prämonstratenserkloster in Strahow u. dann in Prag erst Theologie, nachher Jurisprudenz, wurde 1835 Adjuncr an der Universität in Wien, 1838 Professor der Philosophie in Lemberg, 1847 in Olmütz n. 1849 in Prag, jedoch nach Kurzem seines Amtes hier enthoben, wnrde er 1860 Uuiversilätsbibliothekar u. starb 19. Mai 1869. Er schr.: Die Wissenschaft des slavischen Mythus, Lemb. 1842; Grundzüge der Metaphysik, 1845; Handbuch der philosophischen Ethik, 1846; Handbuch der Erfahruugsseelenlehre, 3. Anfl., Olmütz 1849; Handbuch der Logik, 2.Aust. 1849; Geschichte der Philosophie bis unter Justinian, 1849; Vorlesungen über die Culturgeschichte der Menschheit, 1849; Rordor ülosoüs Püm/ rs Ltitnslro, 1852; Das Schriftwescn n. Schriftthum der böhm.-sloven. Völkerstämme in der Zeit des Überganges vom Hcidenthum zum Christcnthum, ebd. 1867; Quellenkunde und Bibliographie der böhm.-slovenischen Literaturgeschichte vom Jahre 1348—1868, Prag 1868, u. viele Abhandlungen sprach!., archäol. u. literarhistor. Inhalts. Er re- digirte auch 1848 die Olmützer Zeitung. Nehrmg." Hanwell, Dorf in der engl. Grafsch. Middlesex, etwa 15 Icm von London, am Brent, mit einem großartigen Jrrenhause; 2690 Ew. Haoma, indisch Loina (saroosbsnima neiäum Ä. Lr.)> heißt in der ZenLsprache eine auf Ber- - Harald. gen wachsende Pflanze mit gelben Blütheu, deren knotige Stengel unter Ceremonien abgeschnitten, getrocknet u. in einem Mörser (lloinclsn) verstoßen werden. Durch Ausguß von Wasser entsteht dann ein übel riechender, heiliger Trank, der unter Ceremonien beim Opser getrunken wird. Verschieden von diesem gelben H. ist der weiße, worunter aber ein mehr fabelhaftes Kraut zu verstehen ist. Auch wird H. personificirt u. als Genius gedacht. S. Hang, Ls8az'8, S. 239. Hapale, Seidenäffchen, s. Affen. Haparanda, Stadt im schwed. Län Norbotten od. Lulea, an der Mündung des Tornea-Elf in den Bottnischen Meerbusen, der russ. Grenzstadt Torneä gegenüber, erst 1812 angelegt, regelmäßig gebaut, mit einer der nördlichsten meteorologischen Stationen Europas, lebhaftem Handel u. Schiffbau; 900—1000 Ew. H- Berns. lispsx llogomönon (H. sirsinonon, gr.), ein in einem Werke nur an einer einzigen Stelle vorkommendes Wort. Haphthareu (Haphtharoth), Lesestücke aus den Propheten. Haplöse (v. Gr.), Vereinfachung. Happel, Eberhard Werner, geb. 1647 zu Marburg, der bedeutendste Kosmograph des 17. Jahrh. Sein berühmtes, 1687 in Ulm erschienenes Werk Llnnciuo mirabilw tripartitns, Wunderbare Welt in einer kurzen Kosmographie für- gestellt rc., enthält in der That eine außerordentliche Menge wissenschaftlichen Materials, während auch sehr viel Ballast mit unterläuft, u. der Stil nach der Sitte seiner Zeit für uns ungenießbar geworden ist. Es ist zugleich daS erste Reisehandbuch u. enthält zahlreiche Angaben aller Herbergen, Weiuschenken, Münzsorten rc., so daß es den großen Kaufherren besonders empfohlen wnrde. r. Hapsal (Habsal), Kreisstadt im Kreise Wiek ves russ. Gonv. Ehstland, an einem Busen der Ostsee auf einer kleinen Halbinsel, luth. u. griech. Kirche, Ruinen einer alten Dom- u. Schloßkirche, Handel mit Getreide, Flachs rc., Seebadeanstalt; 2200 Ew., meist Deutsche. H., 1278 vom Bischof von Ösel gegründet, war ehemals eine bedeutende Stadt, kam 1559 an Dänemark, 1645 an Schweden u. 1710 an Rußland. Haquet, s. u. Haket. Haraforen, s. Alfurcn. Harakiri (Harakirn), der in Japan übliche Ge- branch des eigenhändigen Banchaufschlitzens anS gekränkter Ehre, sei es infolge einer Beleidigung durch einen Privatmann oder als Beamter aus Anlaß eines Tadels der Vorgesetzten obersten Be hörde (vgl. Japan). Harald. Könige: ^.) Von Dänemark; außer mehreren der mythischen Zeit augehörigen: 1) H. I., Hildetand, Sohn H. Röriks n. der Oda, regierte nach seinem Großvater Jvar Bid- famne seit 645, breitete seine Herrschaft bis Schweden ans, u. wurde 695 im Kampfe mit seinem Neffen Sigurd Ring in der Schlacht auf der Bra- vallaheide von seinem Wagenlcnker erschlagen. 2) H. Heriold, besiegte mit Hilfe Ludwigs des From men die Söhne Götlriks, welche ihm die Krone streitig machten, trat 826 in Mainz zum Christenthum über u. führte den hl. Ansgarins nach Dä- 1 * 4 Haralson — ncmark. 837 von siorich vertrieben, st. er in der Verbannung in Fri:c-land. 9) H. II-, Blaataud (der Blanzahn), Sohn Gorms des Alten, geb. 911, folgte feinem Vater 935, errichtete das Danewirk, führte Krieg in England, zog 945 dem Normaunenhcrzog Richard nach Frankreich gegen Ludwig d'Onlremer übers Meer zu Hilfe, setzte 950 H. Grafölr auf den Thron von Norwegen, unterwarf aber, von dessen Feinden gewonnen, 962 Norwegen seiner Oberhoheit und zog dann Len Normannen wieder zu Hilfe gegen die Franken; 964 machte er einen Einfall in Schleswig, wurde aber von den Deutschen zurück- getrieben 974. Weil er sich hatte taufen lassen, von seinem Volke gehaßt, wurde er von seinem Sohn Swen 975 vom Thron getrieben u. verließ das Land; zwar kehrte er mit Hilfe der Normannen zurück, aber er wurde 985 von Palna- Toke oder Toko (dem Vorbilde Teils, s. d.) ermordet. L) Von England: 4) H. I., Hare- fod (Hasenfuß, wegen seiner Schnelligkeit), Sohn Knuts II. u. der Alfwen, wurde nach dem Testament seines Vaters 1037 König eines Theils von England, kam aber darüber in Streit mit mit seinem Stiefbruder Knut III. (Hardiknur), welchen Graf Godwin unterstützte, gewann jedoch diesen für sich, bemächtigte sich ganz Englands u. st. 1039. 5) H. II., Sohn des Grafen Godwin von Kent, dem er 1053 als Statthalter von Wessex, Snssex, Kent n. Essex u. als Majordomus des Königs folgte, erhielt 1055 auch Ostangcln und Northumverland, strebte nach der Krone, versprach dem Herzog Wilhelm von der Normandie seinen Beistand zur Eroberung Englands, verließ diesen aber, folgte 1066 durch Anmaßung seinem Schwager Eduard III. dem Bekenner als König, schlug die einbrechenden Norweger, blieb aber 1066 gegen Wilhelm den Eroberer bei Hastings. Mi! ihm erlosch die Dynastie der angelsächsischen Könige ans dem englischen Throne. oosba, r Icralovotnvj Wsslrsno. Prag 16o6, deutsch als: Der christliche Ulysses, Nürnb. 1678. S. Westermanns Monatshefte, 1869. Schro-:." Hiirär, s. Harrar. Harbor Graee, Handelsstadt auf der Insel Neusnndland, au der Westküste der Conceptions Bai; 6770 Ew. 5 Haibou — Harbou, Adolf von, Borstand des Gesammt- rninisteriums von Neuß j. L., ged. 3. Febr. 1809 zn Kopenhagen, stndirte dort, in Kiel, Berlin u. Güttingen die Rechte, wurde 1848 Regieruugs- rath in Schleswig ». darauf Departementschef der provisorischen Regierung in den Herzogtümern u. Mitglied des Landtags. Bon den Dänen ans- gcwiesen, trat er in Sachsen-Mciningensche Dienste als Staatsrath, wurde 1855 Staaisminister daselbst, nahm jedoch 1861 seinen Abschied n. wurde nun in Gera Vorstand des Gefammtministerinms für Renß j. L. Harbour Island, s. Bahamas L. Harburg, 1) Kreis in der preust. Landdrostei Lüneburg, durchschnitten von der Linie Hannover-H. der Hannoverschen Staats-, der Linie Venlo-Ham- burg der Kölu-Mindener u. der Linie Wittenberge- Lüneburg-Buckholz der Berlin-Hamburger Eisenbahn; 1S07„2 üjlcm (27,zg >IM) mit (1875) 72,915 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Süder- elbe, Station der Hannöverschen Staats- und der Kölu-Mindener Eisenbahn; Hauptzollamt, Ober- sörsterei, Handelskanimer, Generalsuperintcndentur; Realschule 1. Ordn., höhere Töchterschule, Handels-, Gewerbe- u. Zeichenvorschule, schwach befestigtes Schloß an der Elbe (jetzt Gefängniß); Eisengießereien, Maschinenfabriken, Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen, musikalische Instrumente, Mctallwaaren, Chemikalien, Oelen, Seife, künstlichen Dünger, künstliche Mineralwasser, Zucker, Tabak, Cigarren, Leder, Gummi- n Gnttapercha- waaren, Stöcken, Papier, Schmirgelpapier, Dachpappen, Stärke, Glas, Cement rc., Wachsbleichen, Garnspinnerei, Rohr-Wäjcherei u. -Bleichen, Bierbrauerei,Kalkbrennerei, Ziegelbrcnnerei, bedeutende Schiffswerfte, lebhafter Speditionshaudel, Handel mit Häringen, marinirten Fischwaaren, Thran, Wein, Spiritus, Vieh, Colouialwaaren, Steinkohlen, Holz rc., bedeutende Pferde- u. Biehmärkte, 2 Häfen mit großen Docks für den Schiffbau, bedeutende Schifffahrt, lebhafte Dampfschifssver- bindung mit Hamburg, Garnison; 1875: 17,149 Ew. (1821 nur 3929). In die Häfen von H. liefen 1875 ein: 618 Seeschiffe (490 beladen u. 3 Dampfer) von 55,551 Tonnen Ladnngsfähigkeit n. aus: 626 Seeschiffe (257 beladen u. 3 Dampfer) von 56,188 T.; es kamen ferner an 7251 Flußschiffe (davon 5030 beladen) zu 212,792 T.; es gingen ab 7246 Flußschiffe (davon beladen 3948) Zu 212,578 T. Eisenbahnverkehr: 1873 kamen an 103,047 Personen, 2,218,895 Ctr. Güter u. 38,429'Stück Vieh; es gingen ab 86,183 Personen, 3,472,168 Ctr. Güter u. 4587 Stück Vieh. Postverkehr (1874): eingegangene Briefpostsendungen 810,666 Stuck u. abgesandte 759,648 Stück, angekommene Packet- und Geldsendungen 58,878 Stück u. abgesandte 64,440 Stück rc. Telegraphenverkehr: angekommen 15,184Depeschen u. aufgcgeben 13,611 Depeschen. H- 'st Geburtsort des Arztes u. Naturforschers Kiefer u. des Orientalisten und Bibelforschers Nöldeke. — H., schon 1142 als Grenzfestung genannt, gehörte früher zu Bremen, seit 1219 den Grafen von Orlamünde. Die Festungswerke und die Stadt wurden 1224 von den Braunschweigern zerstört, aber 1252 von Albert dem Großen wieder gebaut. - Harcourt. 1297 erhielt H. Stadtrechte, kam 1376 an das Fürstenthnm Lüneburg u. war von 1524—1642 Sitz einer cellischcn Nebenlinie. 1705 fiel es an Hannover, hatte 1813 u. 1814 von den Franzosen unter Davoust viel zu leiden u. kam 1866 mit Hannover an Preußen. Die von den Franzosen 1813 erbaute, 5000 m lange Brücke über die Elbe stand nur bis 1816. Seit 1872 führt eine kolossale Eisenbahnbrücke von hier nach Hamburg. Vgl. Carl, Statistische Übersicht über H-s Handels- und Schifffahrtsverkehr, Harb. 1871 ff. 3 ) Stadt im Bez.-Amt Donauwörth des daher. Regbez. «Schwaben u. Nenburg, an der Wörnitz, Station der Bayer. Staatsbahn; evang. Kirche, Bergschloß mit Kapelle, Synagoge, Fabrikation von Fässern, Marmorbrnch, Eisenbahntnnnel (in der Nähe); 1270 Ew. — H., früher Reichsstadt (noch 1250), ist seit 1334 im Besitz der Fürsten v. Oettingen-Wallerstein. H- Berns. Harceliren (v. Fr.), 1) necken, beunruhigen; 2) einen feindlichen Posten alarmireu, daher Harceleur, Plagegeist. Harcourt, Flecken im Arr. Bernay des franz. Dep. Eure, imposante Ruinen einer alten Festung, Tnchfabrikation; etwa 1500 Ew. Harcourt, altes franz. Geschlecht, benannt nach dem Ort H. im Eure-Departement (s. d.), wo Robert H. zuerst 1100 als Erbauer eines Schlosses vorkommt. Jean H. IV. wurde 1338 in den Grafenstand erhoben u. 1700 wurde dies Geschlecht herzoglich. Merkwürdig sind: 1) Henri H., Graf von Armagnac u. Brienne, Sohn Karls von Lothringen, geb. 1601; focht 1620 in der Schlacht am Weißen Berge bei Prag, dann im Kriege gegen die Hugenotten u. 1637 gegen Spanien; 1640 nahm er Turin u. 1641 Coni u. wurde Statthalter von Guienne; 1643 ging er als Gesandter nach England, wurde 1645 Vicekönig von Cata- lonien, besiegte die Spanier in mehreren Schlachten, entriß ihnen 1649 in den Niederlanden mehrere Städte, sicherte seine Statthalterschaft in dem Bürgerkriege von 1651 u. 1652 gegen all» Angriffe, wurde Statthalter von Anjou u. st. 1666. 2) Henri, Herzog von H, geb. 1654, zeichnete sich als Soldat ans; 1697 als Gesandter in Spanien, wirkte er durch seine Geschmeidigkeit u. Klugheit sehr für die Erhebung Philipps V. auf dessen Thron, weshalb ihn Ludwig XIV. 1700 zum Herzog ernannte; 1703 wurde er Marschall, commandirte 1709 gegen den Kurfürsten von Hannover die Rheinarmee, wurde 1710 Pair von Frankreich n. st. 1718. Harcourt, Sir William George Granville Vernon, engl. Jurist u. Parlamentsmitglied, geb. 1827, trat, seit 1854 Advocat in London, 1868 für Oxford ins Unterhaus, wo er zur Whigpartei zählt, dabei aber in jeder Beziehung sich völlig unabhängig zu stellen wußte u. Lurch Rednertalent glänzt. 1869 übernahm er die Professur des Völkerrechts in Cambridge, ist als solcher ein gesuchtes Mitglied für Gesetzberathnngscommissiouen u. beiEntscheidnng von Fragen über internationales Recht; dann aber auch ein hervorragender politischer Schriftsteller. Von ihm sind die in der Times erschienenen, mit Historicus Unterzeichneten, politischen Briefe, u. eine Reihe von politischen 6 Hard — Haidcnbcrg. Aufsätzen in Faiuräaz: Revisu'. Nov. 1873 bis Febr. 1874 war er unter dem Cabinet Gladstone Lolioitor Konsral. Hard, Dorf im Bcz. Bregenz der gefürsteten Grafschaft Tirol u. Vorarlberg (Österreich), am Bodensee, Station der Vorarlberger Eisenbahn; Türkischrothfärberei, Druckerei, kleiner Hafen; 2305 Ew. — Hier im Schwabsnkricge, 20. Febr. 1490, Sieg der Schweizer. Hardangerfjord, ein tief in das Land einschneidender und von hohen Gebirgsmassen umgebener Meeresarm an der WKllste des vorweg. Amtes Söndre-Bergenhus, erstreckt sich weit nach NO. und sendet von seinem äußersten NOEnde den schmalen Sörsjord gegen S., der von ihm durch den bis zu 1650 in hohen Folgefond getrennt wird; ein anderer bedeutender Scitenzweig des H. ist der Aakrefjord. Nordöstl. von H. dehnt sich das durch Wildheit u. großartige Namrschön- heiten ausgezeichnete Hardangerfjeld aus. H- Berns. Harder, William, General der Conföderirten in NAmerika, geb. um 1819 in Georgia, nahm 1844 als Capilan am mejicanifchenFeldzugeAntheil u. erhielt 1850 die Professur der Taktik zu Westpoint. Als der Krieg 1861 ansbrach, wurde er Brigadegeneral in der föderirteu Armee, organi- sirte den Widerstand in Arkansas und avancirte zum Generalmajor n. Divisionskommandanten in der Armee des Generals Polk. Im Octbr. 1862 Generallieutenant, zeichnete er sich 1863 in den Schlachten am Chickamauga-Creek (19. bis 20. Sept.) u. bei Chattanooga (23. bis 26. Novbr.) ans. Bei den nachfolgenden Niederlagen der Con- söderirten deckte er meist den Ruckzug, besonders nach der Räumung Atalantas, im Sept. 1864. Er commandirte dann in Savannah, welchen Platz er 21. bis 22. Decbr. räumte. Nach dem Fall von Richmond u. der Waffenstreckung der Armee von Virginien im April 1865 legte er ebenfalls die Waffen nieder. Man hat von ihm ein sehr geschätztes Werk: Taktik der Tirailleurs u. der leichten Infanterie, Philad. 1853, 2 Büs. Schroot » Hardegg, Gem. im Bez. Horn des Erzherzogthums Österreich unter der Enns, an der Thaya in einem tiefen Bergkessel reizend gelegen, unweit der mährischen Grenze; sehr alte Pfarrkirche, Tnch- fabrikation; etwa 400 Ew. — In der Nähe die Ruinen des Stammschlosses der Grafen von H. Hardegg, Julius Moritz von, einer der hervorragendsten Autoritäten auf dem Gebiete der Militärliteratnr, wurde 11. April 1810 zu Luü- wigsburg geboren, 1828 Lieutenant n. 1849 sehen wir ihn bcreiis als Oberst u. Chef des württem- belgischen Generalstabs. Zum Generaladjutanten des Königs ernannt, wurde er in gleicher Eigenschaft 1855 Generalmajor u. 1859 Commandeur der württembergischen Division, mußte jedoch nur zu bald (1805) aus Gesundheitsrücksichten seinen Abschied nehmen n. st. 16. Sept. 1875 in Stuttgart. Sein Hauptwerk ist: Vorlesungen über Kriegsgeschichte (cncyklopädisch geordnet), Stuttg. 1852—69, 3Bdc., 2. A., bearbeitet von Troschke, 1868 ff. Tcicher. Hardeggcr (Hardeck), Heinrich von, schweiz. Liederdichter deS 13. Jahrh. S. v. d. Hägens Sammlung der Minnesinger, Vd. 2, Lpz. 1838. Hardegsen, Stadt im Kreise Einbeck der preuß,. Landdrostci Hildesheim, an der Espolde; Ober- sörsterei, altes Schloß, Leinenweberei, Tabak- und Cigarrenfabrikation; 1875: 1443 Ew. In dein alten Schlosse starben 1394 Otto der Qnade u., 1503 Herzog Wilhelm der Jüngere. Hardrman, 2 Connties in den Nordamerika». Unionsstaaten; 1) in Tennessee u. 35° n. Br., u. 88° w. L.; 18,074 Ew. Countysitz: Bolivar. 2)inTexas u. 34° n. Br. u. 98° w. L., schwach besiedelt. Hardenberg, eine gräfliche und freiherrliche Familie in Niederdemschland, wo ihr erster Stammsitz Hardenberg bei Northen im Fürstenth. Göttingen liegt; sie kommt urkundlich schon 1174 vor u. der erste nachweisbare Ahn, Dietrich von H., lebte um 1220; dessen Söhne Bernhard u. Günther stifteten zwei Linien, von denen die letztere 1561 ausstarb; die Bernhardsche Hauptlinie theilte sich- wieder in zwei, die Heinrichsche, welche 1669 ausstarb, u. die Hildebrandsche, welche noch blüht, in Preußen, Dänemark, Hannover, Mecklenburg n. Sachsen begütert ist u. sich in drei Linien theilt, von denen eine freiderrlich geblieben, die beiden anderen aber gräflich sind, u. zwar dis eine Nen- Hardenberg seit'l814 (auch einst fürstlich), die andere zu Hardenberg in Hannover bereits seit 1778 Reichsgrafen. Die Linie zu Neuhardenberg in Preußen besitzt die Standesherrschafr Neuhardenberg im Regbez. Frankfurt a. O., wurde 1814 in den Grafen-, resp. Fürstenstand erhoben. Ans ihr stammt: 1) Fürst Karl August, prcnß. Staatsmann, geb. 31. Mai 1750 zu Essenroda im Hannoverschen, Sohn des Brannschweig. Generalmajors, dann Feldinarschalls u. Commandenrs der sächsischen Truppen, Freiherrn Christian Ludwig von H., studirte in Göttingen n. Leipzig, wurde 1770 Auditeur der bannöverschen Kammer, hielt sich längere Zeit in Wetzlar, Regensburg, Wien u. Berlin auf u. bereiste dann Frankreich, Holland u. England, wurde nach seiner Rückkehr 1778 geheimer Kammerrath u. Graf, u. dann Gesandter in England, verließ aber 1782 das Land und die hannöver- schen Dienste infolge eines Privatzwistes mit dem Prinzen von Wales. 1774 hatte er sich mit der letzten Gräfin Reventlow vermählt (geschieden 1788) u. vom König von Dänemark die Erlanbniß erhalten, beide Wappen zu vereinigen u. sich von H.-Reventlow zu nennen. 1782 wurde er wirklicher geheimer Rath des Herzogs von Brannschweig, welcher ihn 1786 mit dem bei ihm nicdergelegtsn Testament Friedrichs II. nach Berlin sendete; 1787 Präsident des Brannschweig. Kammercollegiuins u. 1790 auf Empfehlung Friedrich Wilhelms II. von Preußen, der ihm große Aufmerksamkeit schenkte, Minister beimMarkgrafenvonAnsbach ».Bayreuth. Als der Markgraf seine Länder an Preußen abtrat, wurde H. preuß. Staats- u. dirigirender Minister u. mit Beibehaltung der Verwaltung der Provinz Ansbach und Bayreuth ins Cabinetsministerimn aufgenommen. Bei Beginn des Krieges gegen Frankreich kam er als Armeeminister in des Königs Hauptquartier, schloß 1795 den Frieden zwischen Preußen u. der französischen Republik zu Basel u. vollendete hierauf die Organisation der seiner Verwaltung unterstellten Fürstenthllmer. 1797 erhielt er als Cabinetsminister, nach Berlin 7 Hardenberg. selbst berufen, die Leitung aller fränkischen auswärtigen, Hoheits- u. öffentlichen Angelegenheiten, so wie der Lehnssachcn, u. 1800 wurde er Chef res magdcburg-halberstädtischen u. dann Chef des westfälischen Departements u. des von Neufchatcl u. Curator der Kunst- u. Bauakademie. Als Graf Haugwitz sich zurückzog, trat H. 1803 provisorisch an dessen Stelle, bewirkte die Anschließnng des preuß. Cabinets an England, ohne indessen ans der strengen Neutralität herauszulreten, u. nahm 1804, nachdem Haugwitz seinen Abschied genommen hatte, definitiv dessen Posten ein. Indessen nach der durch Hangwitz in Wien 15. Decür. 1805 abgeschlossenen Convention zwischen Prcnsten u. Napoleon u. den sich daran kuüpsenden, Preußen zur Ruhe verurtheilcndcn Abmachungen überließ H. seine Stelle wieder an Hängwitz u. trat in seinen vorigen Postent, als Chef des magdeburg-halbcrstädtischcn Departements, zurück. 1806 nahm H. an den Charlottenburger Verhandlungen theil, die dein Kriege von 1806 vorausgingen, und nach der Schlacht bei Jena folgte er dem König nach Preußen, übernahm auf Wunsch des Zaaren Alexander 1807 vom General Zastrow Las Portefeuille des Auswärtigen, bat indessen nach dem Frieden von Tilsit schon um seine Entlassung, lebte eine Zeit lang an der russischen Grenze u. später auf seinem Gute bei Berlin. 1810 ernannte ihn der König, nach Steins Rücktritt, zum Staatskanzler, als welcher er nur nothgcdrnngen bis 1813 in das französische System einging, dann aber während des Krieges von 1813 n. 14 den Aufschwung Preußens in hohem Grade beförderte. Er Unterzeichnete für Preußen den Frieden von Paris, n. hier noch erhob ihn 3. Juni 1814 Friedrich Wilhelm III. in den Fürstenstand, nach dem Rechte der Erstgeburt (während die anderen Glieder der Familie Len gräflichen Titel führen sollten), und dotirte ihn mit der ehemaligen Connhurei Liehen u. dem Amte Quilitz, unter dem Namen Nen- hardenberg. H. ging nun mit den 3 Monarchen nach London, wirkte höchst thätig beim Congreß in Wien, wo seiner Standhaftigkeit zu danken war, daß Preußen an Gebiet u. Volkszahl mehr, als es verloren hatte, wieder erhielt, n. an den Verträgen zu Paris 1815. 1817 wurde er Präsident des Staatsraths, den er, so wie das Abgabesystem u. das Staatsarchivwesen organisirtc, nahm dann an den Congressen zu Aachen, Troppau, Laibach u. Verona theil, so wie an den Ministerial- conserenzen zu Karlsbad u. Wien, machte nach dem Congreß von Verona eine Reise durch Norditalien u. st. 26. Nov. 1822 in Genna. Seine Büste ließ der König 1824 im Staatsrathe aufstellen. Er hinterließ Memoiren seiner Zeit von 1801 bis znm Tilsiter Frieden, die er vor seinem Tode im Mannscript dem Staatsrath Schöll übergab n. welche der König, mit dem Siegel verschlossen, im Staatsarchiv niedcrlegen ließ u. erst 1850 zu eröffnen befahl: heransgeg. unter dem Titel Denkwürdigkeiten des Fürsten H., von L. v. Ranke, Lpz. 1877. Die LIsm. ck'nn iromms ä'stat, Paris 1828, 4 Bde., deutsch von F. A. Rüder, Lpz. 1828, 2 Bde., welche sich das Ansehen gaben, als wären sie von H., haben wahrscheinlich Alphons von Beauchamp zum Verfasser. Vgl. Klose, Leben Karl Augusts, Fürsten von H., Halle 1851. — Ans der Freiherrlichen Linie von Mederstedt in Sachsen, begütert in den Herzogthümern Sachsen- Altenburg u. Sachsen-Meiningen (Schlöben, Rabis, Möckern n. Lichienhain) u. in der Provinz Sachsen (Obcr-Wicdcrstedt), stammt 3) Friedr. Ludw. Freiherr von, psendon. Novalis, geb. 2.Mai 1772 zu Wiederstedt im Mansfeldischcn, erhielt von seinen der Brüdergemeinde angehörigen Eltern eine sorgfältige Erziehung, besuchte 1789 das Gymnasium in Eisleben, 1790 die Universität Jena, wo er unter Fichte Philosophie studirtc u. durch Fr. Schlegel mit jenen jungen Männern bekannt wurde, die später den romantischen Dichter- bnnd schlossen. Er stndirte 1792 zu Leipzig und 1793 zu Wittenberg die Rechte, worauf er in Tennstädt (Thüringen) Beschäftigung fand. Im nahegelegenen Grüningen verlobte er sich mit der von ihm besungenen reizvollen 13jährigen Sophie von Kühn, die ihm aber 1797 der Tod entriß. Seine Fragmente u. Hymnen an die Nacht sind Zeugnisse seines Seelenschmerzes über diesen Verlust. 1795 wurde er Auditor an den Salinen in Weißenfels. Nachdem er 1797 in Freiberg noch die Bergwissenschaften studirt u. sich hier mit Julie Charpentier, Tochter des Berghauptmanns, verlobt, wurde er 1799 Salinenassessor in Weißenfels u. 1800 Amtshauptmann, konnte aber wegen Kränklichkeit, welche auch Verschiebung seiner Hochzeit veranlaßt, seine Stelle nicht antreten. Die Nachricht, daß sein Bruder ertrunken sei, zog ihm einen Blntsturz zu, infolge dessen er langsam dahinsiechte, am 25. März 1801 zu WeißenselS in F. Schlegels Armen an der Schwindsucht starb. H. war ein Hauptvertreter der romantischen Schule, der Prophet derselben. Er strebte mit sittlichem Ernste, Leben u. Poesie, Wissenschaft u. Religion zu verschmelzen. Sein unvollendet gebliebener Roman Osterdingen sollte mit dem Geiste der Poesie alle Zeitalter, Stände, Gewerbe, Wissenschaften n. Verhältnisse durchschreitend die Welt erobern u. zugleich eine Apotheose der Poesie sein. Allein so schön seine Schilderung der Liebe Heinrichs u. Mathildens ist u. so ergreifend seine eingestreuten Lieder wirken, so thut doch der phantastische, mystisch-theosophische Grundinhalt denselben Abbruch. Seine sämmtlichen Schriften wurden von L. Tieck u. Fr. Schlegel (Berl. 1802, 5. Aufl. 1838) herausgegeben. Die Gedichte erschienen besonders Berl. 1857 u. in neuer Ausgabe von W. Beyschlag, Halle 1869. Vgl. I. Wolf, Geschichte des Geschlechts der H., Götr. 1823, 2 Thle. 1) Lagai.* L) Bq-r. Hardenberg, Albrecht, reformatorischer Theolog, geb. 1510 zu Hardenberg in den Niederlanden, hieß eigentlich Rizäu s; von der evangelischen Lehre angezogen, verließ er 1538 Löwen, wo er stndirte, ging nach Frankfurt u. dann nach Mainz; t 539 nach Löwen znrückgekehrt, wurde er als Ketzer verfolgt und rettete sich in das Kloster Adnwert, wo er eine Lehrerstelle erhielt; von seinem Freund Johann a Laski znm offenen Bekennen seiner evangelischen Gesinnung bewogen, ging er 1543 nach Wittenberg, und wurde hier mit Luther n. Melanchthon eng befreundet. Auf 1 Empsehlnng des Letzteren wurde er 1544 Prediger 8 Harder — in Speyer, 15-16 Prediger in Einbeck, 1517 Feldprediger des Grafen Christoph von Oldenburg n. dann Prediger am Dom in Bremen. Hier war er Vertreter der milderen Ansicht Melanchthons in der Abendinahlslehre u. galt nebst dem Bürgermeister Daniel von Büren als Repräsentant der Krypto- calvinisten in Norddentschland. Gegen ihn kämpfte besonders Tilman. Heßhus u. die nltralutherische Partei brachte die Sache an den Kreisconvcnt von Niedersachsen, nach dessen Schlnß vom 8. Febr. 1561 H. seines Dienstes entsetzt wurde. Er lebte nun zuerst im Kloster Rastede, wurde 1565 Prediger in Sengwarden in der Herrschaft Knyphansen, 1567 Superintendent in Emden u. st. hier 18. März 1574. Vgl. Gerdes, List, motrmm soolss. in oivitats Lromsnsi tompors L. LaräsudsrAÜ snsvitatornm, Grön. 1756. Löffler.« Harder, LluZiioiäsi Lkeek, Familie der zu den Knochenfischen gehörigen Hartflosser. Körper spindelförmig, dem der Weißfische ähnlich. Kopf plattgedrückt, Wangen mit großen hinterwärts gezähnten Schuppen. Maul quer, zahnlos oder mit feinen Bürstenzähnen besetzt. Zwei kurze Rückenflossen, die erste vier Stacheln tragend. Bauchflossen nach vorn gerückt. Diese wohlschmeckenden Fische leben nur in den Meeren südlicher gemäßigter Zonen u. der Tropen u. steigen in die Flüsse auf. Hierher Nu§il ospimins <7nr>., H., im Mittelmeergebiet unter dem Namen Cephalo bekannt, auch um Madeira u. Westafrika. Farwick. Harderwijk, Stadt im Gerichtsbez. Arnheim der nieder!. Prov. Geldern, an der Zuidersee, Station der Niederländ. Centralbahn; Gymnasium, Zeichen-, Ban- u. Schreinerschnle, Kasernen für die nach Indien bestimmten Truppen, einige Fabriken, Schifffahrt, Fischfang, Häringsräncherei, kleiner Hafen mit Leuchtthnrm; (1869) 6336 Ew., wov. 5068 im Städtchen. H., das 1230 angelegt sein soll, gehörte früher zur Hansa. 1503 brannte es ab, würde 1522 von Karl V. erobert, 1572 den Spaniern wieder genommen; 1672 vom Bischof von Münster erobert, dann 1674 von den Franzosen besetzt, die es aber bald wieder verließen, nachdem es zum Theil uiedergebrannt war. Die 1647 hier gestiftete Universität wurde 1812 aufgehoben. H- Berns. Hardesvögte , dänische Verwaltungsbeamte, welche, unter den Annmännern stehend, die Ver- waltung der Harden (Herreden) Unterabtheilungen der Aemter führen. Hardhcim, Flecken im Amtsbez. Wertheim des bad. Kreises Mosbach, an der Erf, Schloß, Gerberei, Fabrikation landwirthschastlicher Maschinen; (1871) 2289 Ew. Usräi (fr.), dreist, kühn, verwegen; Larcüssss, Dreistigkeit. Harbin, Counties in den nordamerik. Unionsst. 1) in Illinois». 37° n. Br. u. 88-w.L.; 5113 Ew. Countysitz: Elizabethtown. 3) in Iowa, n.42°n.Br. n. 93° w. L.; 13,684 Ew., C-sitz Eldorado. 3) in Kentucky, u. 38° n. Br. u. 86° w. L.; 15,705 Ew., C-sitz: Elizabethtown. 4) in Ohio, u. 40° n. Br. n. 83° w. L.; 18,714 Ew., C-sitz: Kanton. 5) in Tennessee, u. 35° n. B. n. 88° w. L.; 11,768 Ew., C-sitz: Savannah. 6) in Texas, u. 30° n. Br. und 94° w. L., 460 Ew., C-sitz: Hardin. Hardouin. Harding, Stephan, aus England, der dritte Abt von Citeaux seit 1109, dem der Cistercienser- orden hauptsächlich seine Hebung verdankte. Indem er dem reichen u. glänzenden Clugny äußerste Einfachheit und strenge Askese entgegensetzte, gewann er den heiligen Bernhard, mit 30 Gefährten in sein Kloster einzntreten. Von da an wuchs die Zahl der Mönche und Klöster derselben Rege> schnell u. Stephan H. gab 1119 der neuen Mönchsgesellschaft ihre dauernde Gestalt durch ihr Grundgesetz in der Oimrts, obaritatns, bestätigt von Papst Calixt II. 1119. S. Cistercieuser. Wffl-r. Hardinge, Sir Henry, Viscount von L ah o r e, bedeutender britischer Militär- u. Staatsmann, geb. 30. März 1785 zu Wrotham in der Grafschaft Kent, trat 1798 in das Heer, stieg 1804 zum Capitän auf, diente mit Auszeichnung unter Wellington im Halbinselkriege, wo sein Rath namentlich zum Siege bei Albuera beitrug. Beim Wiederausbruch der Feindseligkeiten 1815 trat er abermals in den Stab Wellingtons, nahm als Brigadegeneral und engl. Commissar im Hauptquartier Blüchers an der Schlacht bei Ligny theil, wo er einen Arm verlor. Nach England zurückgekehrt, erhielt er eine Pension, das Com- mandeurkrenz des Bathordens u. ward 1820 von Durham ins Palament gewählt, wo er bis 1844 saß. 1828 übernahm er im Wellingtonschen Ministerium das Portefeuille des Krieges, das er zwei Jahre später mit dem Secretariat für Irland vertauschte. Als Wellington von den Geschäften zurücktrat, resignirte auch H., ward aber in der ersten Verwaltungsperiode Peels (1834—35) von Letzterem in sein Amt wieder eingesetzt, das er auch 1841 aufs Neue bekleidete. Im April 1844 ward er zum Generalgouverneur von Indien ernannt, wo er die Macht der Sikh brach und das Pendschab der britischen Herrschaft einverleibte (s. Indien Gesch.). Der Dank des Parlaments, eine jährliche Pension von 3000 Pfd. St. u. die Erhebung in den Peersstand mit dem Titel eines Viscount von Lahors war der Lohn für seine Verdienste, dem noch die ostindische Compagnie eine Pension von 5000 Pfd. St. hinzufügte. Im Januar 1848 ward er durch Lord Dalhousie als Generalgouverneur von Indien ersetzt. Vier Jahre später stieg er zum Generalinspector der Artillerie auf und ward nach dem Tode Wellingtons im Sept. 1852 Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte und im Ocl. 1855 endlich Gcneralseldmar- schall. Nachdem er im Juli 1856 aus dem acliven Dienst geschieden war, st. er am 24. Sept. d. I. zu Sonthport bei Tunbridge Wells. Bartling. Hardouin, 1) Johann, gelehrter Jesuit, geb. 1646 zu Quimper in der Bretagne; trat 1666 in den Jesuitenorden, beschäftigte sich neben der Theologie besonders mit Philologie, wurde 1683 Bibliothekar am Collegium Ludwigs d. Gr. u. Lehrer der Theologie in Paris u. st. daselbst 3. Sept. 1729. Er erklärte die alten Classikec (mit Ausnahme Ciceros, Plinins des Älteren, VergilS Georgika und Horazens Satiren) auch Homer, Herodot und Plautus für Werke der Mönche im 13. Jahrh. u. behauptete, das N. T. sei ursprünglich lateinisch geschrieben; auch verwarf er alle ! Kirchenschriststeller als von Späteren untergescho- 9 Hardt — den u. erklärte alle alten Kunstwerke, Inschriften u. Münzen für unecht. Seine Ordensbrüder waren darüber so entrüstet, daß sie ihn zum Widerruf seiner Paradoxien nöthigten. Die ersten Äußerungen feiner Paradoxien erschienen in: ObronoksAig ex nummls gntiguis rsstituta, 1677; Osksnss äs 1a lettre äs 8. Obr/sostoms g dssaris, Par. 1690; dollsotio rs^Ia mgximg voneilior. §r. et lat., Paris 1715, 12 Bde., Fol.; er gab auch heraus den Petavius, Antw. 1705, 3 Bde., Fol., den Themistios u. des Plinins Hist. nat.; Opsrg varia, Amst. 1733, Fol.; Opsrg ssl., ebd. 1709, Fol. 2) So v. w. Arduin. Hardt, 1) (Haardt, Hart, Pfälzergebirge) Gebirge in dem bayer. Regbez. Pfalz (Rheinpsalz), die nördlichste Fortsetzung des Wasgangebirges. Die H. bildet ein breites Sandsteinplateau, das im S. an der Grenze des Elsaß beginnt und im N. durch die Einsenkung, durch welche die Eisenbahnlinie Langmeil-Monsheim der Pfälzischen Nordbahnen geführt ist, von dem zum Niederrheinischen Gebirgssystem gehörenden Donnersbcrg getrennt wird. Ihr Abfall nach O. zum Rhein ist steil, nach W. dagegen fällt sie allmählich zur welligen Hügellandschast des Westrich ab, welche mit dem Plateau von Lothringen in Verbindung steht. Die höchsten Punkte liegen unfern des Ostrandes (Rehberg 578 in, Kalmit 659 in). Das Hochland selbst ist wenig fruchtbar u. größten- theils mit Wäldern bedeckt. Der Ostfnß hingegen ist fruchtbar u. hat ein mildes Klima. Weinberge u. Kastanienwälder bedecken hier das Land, die vorzüglichsten Obstsorten gedeihen und selbst die Mandel gelangt zur Reife (Hier die vorzüglichsten Pfälzer Weine von Forst, Deidesheim, Ruppertsberg rc.). 2) Ein Theil der Schwäbischen Alp im Württemberg. Donaukreise, nördl. von der Erms u. der Schulischen, eine im Allgemeinen wenig zerrissene Platte von 700—800 m Höhe mit der Wacht (922 in) u. der Lauen (946 m). H- Berns. Hardt, Hermann von der H., protestantischer Theol., geb. 15. Nov. 1660 zu Melle im Osnabrückschen, gest. 28. Febr. 1746 als Professor der Morgenländischen Sprache und Propst zu Helmstedt; ursprünglich in Verbindung mit den Pietisten, wurde er besonders in der Exegese ein Vorläufer des Rationalismus, aber, weil er damit seiner Zeit voran war, als paradoxer Schrift- «rklärerviel angesochten; er schr.: Ngzmum oeenin. donstgntinopolitgnum oonoil., Hclinst. 1700, L Bde., Fol., der 7. Bd. von Bohnstedt, Berl. 1742; Hist. lit. rsk., Franks, u. Lpz. 1717 f. u. s. f., gegen 300, z. Th. ungedruckte Schriften. Löffler. Härdtfeld, östlichster Theil des Schwäbischen Jura, eine 600—660 in hohe, im Allgemeinen einförmige, gut bewaldete aber wasserarme Platte zwischen dem Brenz-Kocher- n. dem Wörnitzthale im Württemberg. Jagstkreise u. dem bayer. Regbez. Schwaben u. Neuburg; die höchsten Punkte sind die Schafhalde (686 m) u. der Jpf (669 m). Hardun, Eidechsenart, s. Agamen. Hardwar (Hurdwar, Hardwä, Hardwagani, altind. Hari- oder OavAnävara, d. h. Thor des Vischnu oder der Ganga), Stadt in dem Distr. Saharanpur der Div. Mirat der indo-britischen NWProvinzen am Ganges, wo dieser Fluß aus Hardy. dem Gebirge in die Ebene tritt. Der Ort ist von Alters her einer der berühmtesten Wallfahrtsorte Indiens (durchschnittlich über 1 Million Pilger); die Wallfahrten u. das Bad im Ganges geschehen zur Zeit der jährlich März u. April stattfindenden altberllhmten Messe; 6970 Ew. TlMmann. Hardwick-Hall, Schloß in der engl. Grafsch. Derby, in der Nähe von Chesterfield, dem Herzog von Devonshire gehörig, mit einer Gemäldesammlung; das alte, jetzt in Ruinen liegende, von der Gräfin Shrewsbury (Tochter von John Hardwick) erbaute Schloß war einst das Gefängnis) der Königin Maria Stuart. Hardy, County im nordamerik. Unionsst. West- Virginia u. 39° n. Br. u. 78° w. L.; 5518 Ew. Conntysitz: Moorefield. Hardy, 1) Sir Thomas Duffus, engl. Historiker u. Vice-Director des engl. Staatsarchivs, war 1804 in Jamaica geb. Von seinem Vater, einem Artilleriemajor, mit großer Sorgfalt für Len Staatsdienst ansgebildet, trat er 1819 als llnterbeamter in das Staatsarchiv. Hier zeichnete er sich durch Pflichttreue, Emsigkeit, Geschicklichkeit in Entzifferung alter Docnmente und richtiger Schätzung ihres Werthes aus, sowie durch bedeutende Gelehrsamkeit. Nach u. nach in seinem Amte von einer Stufe zur anderen befördert, ward er mit der Herausgabe mehrerer Bände alter Chroniken u. Staatsdocumente beauftragt. Nach dem 1861 erfolgten Tode Sir Francis Palgraves ward er an dessen Stelle zum Vice-Director des Staatsarchivs (vsputzc Lesper cck tbs Nublio Dseoräs) ernannt u. 1870 in den Ritterstand erhoben. H-s mit dem Staatsarchiv verbundene Veröffentlichungen umfassen Dotuli Inttsrarum 61s.u8g.rnm in Nurri Iwnäinsnsi gsssrrati, I. Bd. (1204—1224), 1833, II. Bd. (1224—1227) 1844, die gelehrte Einleitung hierzu, betitelt: Deport, on tbs dloss Dolls, ward auch abgesondert veröffentlicht; Dotuli I-ittsrarum Natsntium in Nur. I-onä. gsssrvati(1201—1216), 1835, Einleitung gleichfalls abgesondert veröffentlicht; Dotuii Nlor- mannigs in Nur. I-onä. asssrrgti, 1835; Datuli äs Oblstis st Nimbus in Nur. I-ouä. gsssrvati, tsmpors DsZfis äobgnnis, 1835; Dotuli dbsr- tarnm in Nur. Nonä. gsservsti (1199—1216), 1837; Dvtuli äs Inbsrtats sts., rs^ngnts äobgnns, 1844; Lloäus tsnsnäi Narliginsntum: eine alte Abhandlung über die Art der Abhaltung des Parlaments in England, lateinisch und englisch, 1846; Äonnmsvtg Ilistoriog Lritannieg, 1848; dieses große von Petrie, dem Bewahrer des Archivs im Tower von London, begonnene Werk ward von H. beendigt und veröffentlicht; Nasti Nedssigs Nn^Iisangv . . . eorrsotsä gnä sontinusä krom 1715 tc> tbs xrsssnt tims, 1854; Osseriptivs datgloZus ok Llannsoripts relgtinA to tbs Distorz' ok drsat Lritain gnä Irslanä, I. Bd. (Vornormännische Periode), 1862; II. Bd. (1066—1200), 1865; III. Bd. (1201 sie.), 1871. Dies letztere Werk ist, soweit es geführt ist, erschöpfend in der Behandlung, ein Muster von Kürze, Scharfsinn und Genauigkeit; für den Geschichtsforscher ist es unschätzbar; DsZistrum Ngig- tiuum Ounslmsnss; Nbo Register ok Disbarä äs Lsiigrvs, I-orä Ngiatins gnä Disbop ok Dur- 10 Hare — Iiam. 1311—1316, 1874, 2 Bde. H. ist ferner der Verfasser von Berichten an den Staatsarchivar (Nastsr ok Uis Uolls) über Mio 6arts null Oarsiv kaxers, 1864; lipon tlrs vooumsnts in tiis ^.r- oliivss anä i?ublio Uibrsries in Vonies, 1866, n. über einen werthvollcn Syllabus in Englisch von Rs/insrs Ikvgäora (IVilliam I bis Läivarck I), 1869. Außerhalb seines Specialdeparrements schrieb H. noch: LataloAno okl.oräs olianeol- lors, Lsexers ok biis 6roab Seals, Kastors ok tüs Rolls aiui xrinoixal Oklieisrs ok tl>s lliAlr Oourt ok Lüanoorx, 1843; Komoirs ok Iwrck I^onAäalo, 1852, 2 Bde.; koviorv ok tlrs xrosent stats ok tlrs Slialcssperian Oovtrovors/, 1860; I'Iis Hkiianasian Lrssä in eonnexion rvitlr tüs Iltroelrt ksaltor; ein Bericht an den Staatsarchivar über eine Handschrift in der Universität Utrecht, 1874; Ikurbtior Rsporb on tlrs Iltroelit ksalter; in ansrvor to tiis ei§lit rsporks inaäs to tlrs tinstoss ok tlrs Lritislr Knsennr, eäitsä bz: tlrs Dean ok IVsstnrinstsr. 2) Gathorne, engl. Staatsmann u. Politiker, geb. 1. Oct. 1814 zn Bradford, als Sohn des früheren Parlaments» Mitgliedes für seine Vaterstadt, studirte an der Universität Oxford. Von 1856 bis 1865 saß er im conservativen Interesse für den Flecken Leo- minster im Parlament, im letztgenannten Jahre aber ward er von Oxford, das Gladstonc, seinen langjährigen Vertreter, wegen seiner anti-staats- kirchlichcn Ansichten verworfen hatte, gewählt. Seine staatsmännische Laufbahn begann H. 1858 als Unterstaatssecretär im Ministerium des Innern in Lord Derbys zweiter Verwaltung; bei der Bildung von Lord Derbys drittem Cabinet im Jnli 1866 ward er Präsident der Armenverwaltnng u. im Mai 1867 an Stelle des zurückgetretenen Walpole Minister des Innern, welches Amt er bis zum Dec. 1868 bekleidete. In dem von Disraeli im Febr. 1874 gebildeten Ministerium ward H. Staatssecretär des Krieges. Seine Verwaltung zeichnete sich durch verschiedene Neuerungen in dem Militärwesen anS, namentlich durch Erlaß eines neuen Mobilmachnngsplanes Ende 1875 u. durch einschneidende und reformatorische Regulationen betreffs des Abschieds u. der Pen- sionirung der Offiziere. Bartling. Hare, Robert, amerik. Chemiker, geb. 1781 in Pennsylvanien, studirte aus der Pennsylvania Universität Chemie, wurde hier Professor der Chemie u. starb 15. Mai 1858 zu Philadelphia. Er schr.: Lrisk vieiv ok tlrs xolio/ anck rssonr- ess ok tilg Iloitecl States, 1810; 6omponä ok ollsiiiistrzr, 1831; 6Iiemiea1 axxaratus aml ma- nipulations, 1836; sehr zahlreiche Abhandlungen in MI. ikbil. Na§. n. SiUim. llourn. r. Harem (d. i. das Heilige, s. Haram), 1) Aufenthaltsort der Frauen der Mohammedaner, meist ein abgesonderter Ort des Hauses, zu welchem nur dem Gatten der Zutritt freisteht; des. 2) Wohnsitz der legitimen Frauen (bis 7 an der Zahl) des Großherrn. Diese Frauen unterscheiden sich durch die Zahl, als: erste, zweite, dritte rc. Gemahlin (Khaduna), von denen jede ihre eigene Wohnung ».eigene Sklavinnen hat, deren Zahl bis aus 160 bis 200 steigen darf. Außerdem werden im H. noch 12 bis 1400 Frauen (Geliebte) des Groß- > Harcth. snltans erhalten, die, solange sie noch unberührt sind, als Odalik (Odalisken) bezeichnet werden, sobald sie der Sultan berllhrthat, erhaltensie besondere Wohnung, besondere Bedienung, dürfen aber nur ans des Snltans Befehl wieder vor ihm erscheinen. Jede der sieben legitimen Frauen (irrthümlich Sultaninncn genannt, da diesen Namen nur die Mütter, Schwestern und Töchter der Sultane führen) lebt von den anderen getrennt n. sie sehe» sich fast nie; jede hat ihren Garten, Wohnsitz u. Bäder, sowie auch ihre Vergnügungen für sich allein. Der Harem steht unter unmittelbarer Aufsicht der Kijaja-Khadnna, einer der älteren Geliebten des Sultans, welche nur nach langen u. erprobten Diensten diesen Posten erhält. Sie Hafter für die Ruhe des H. und erhält von dem Kaiser alle Befehle unmittelbar. Will der Sultan einer Khaduna einen Besuch abstattcn, so läßt er ihr durch die Kijaja-Khaduna des H. ein Geschenk (Bokschah) geben. Dieses ist gewöhnlich eine Nachtkleidung u. besteht aus: Hemden, Unterbein- klcidern mit gestickter Binde, Taschentüchern rc. Die Kijaja-Khadnna begleitet die Snltanin dann ins Bad, salbt und kleidet sie an u. führt sie in das Gemach des Großherrn; wird sie von demselben nicht angeredet, so gilt dies als Zeichen, daß er sie verschmäht, worauf sie wieder in den H. znrllckgcführt wird. Die Bewachung im H. sichren schwarze Verschnittene (Eunuchen) über welchen der Kislar Aghasie steht. Die zur Unterhaltung des H. bestimmten Einkünfte (Haremai) werden aus verschiedenen Ländereien u. Städten in Asien und Europa erhoben. Sie überstiegen unter dem Sultan Abdul Äziz 13) Mill. Fcs. jährlich. Haren, 1) Willem van H., geb. in Leeuwar- den 1626, tüchtiger Diplomat, unterhandelte mit Dänemark, Schweden, dem Bischos v. Münster u. England, st. 1708. 2) Willem v. H., Enkel des vorigen, geb. in Lcenwarden 1710, Diplomat, Gelehrter u. Dichter; er schr.: Gevallen van Friso (1742); Leonidas; er st. 1768. 3)Onno Zwier' v. H., Bruder des Letzteren, geb. 1711, Staatsmann u. äußerst fruchtbarer Dichter; am bekanntesten ist sein Epos: Die Geusen, 1854 erschien eine Gesammtausgabe seiner Werke. Wenzelburger. llaeros od. Iiores (lat.) Erbe. Härefis (gr.), 1) gewählte Lebens- oder Lehr» art. 2) Sekte, Schule, Partei, besonders die philosophische. 3) die besonderen Lehren einer solchen; bes. 4) in der Christlichen Kirche so v. w. Ketzerei, s. d.; daher Häretiker, Ketzer; Häretisch, ketzerisch; Häresiarch, Haupt der Ketzer, Erzketzer; Häresiologie, Beschreibung der Ketzer u. Ketzereien; Häresiolog ium, Verzeichniß der Ketzer; Häresiomastix, Geißel, d. h. Feind der Ketzer. Hareth od. Harith (arab.), I) Ackerbauer; der Gewinn macht, Schätze sammelt. 2) gr. Aretas, gemeinsamer Name mehrerer arab. Könige. 3) Hareth Ben Hilizza, arabischer Dichter vom Stamme Bekr, einer der Verfasser der Moallakah, bes. herausg. von W. Knatchbull, Oxford 1820, u. Vullerst(der arab. Text mit den Scholien von Zu- zeni nebst lat. Übersetzung u. Anmerkungen), Bonn 1827. S. Arab. Literatur II. o. u. Moallakah. «- 1 ! Harft — Harfe (ital. L.rpa, fr. Harpe), ein schon den Hebräern, Ägyptern u. Griechen bekanntes Saiteninstrument, von verschiedener Art u. Form. Bei den Hebräern war die H. (Nabal) nach Cassio- dorus einem umgekehrten Delta Cx/) ähnlich, nach Hieronymus viereckig, hatte 12 Seiten und wurde mit zwei Händen gespielt. Auf alten, bes. ägyptischen Bildern kommt die H. in ähnlicher Form vor wie die heutige. Die jetzt gebräuchlichen H-n sind: n) die Doppel-od. Davids-H., in Form eines Dreiecks, dessen längste Seite (Corpus) etwas geschweift ist u. von unten nach oben konisch znläust. Das Corpus besteht aus einer Nesoncmzdecke, einem Boden u. den Seiten- wändcn (Zargen). Auf der Resonanzdecke befinden sich mehrere Schalllöcher u. eine längs der Mitte laufende schmale Leiste mit Löchern u. Knöpfchen zur Befestigung der Saiten. Am oberen schwachen Ende des Corpus ist der Hals eingefügt, in Form eines wenig gekrümmten liegenden 8, mit eisernen Stiften (Wirbel»), welche ihrerseits wieder die Saiten zu halten haben. Den Hals unterstützt eine Stange (Baron- sBaren-s stange), welche davon in gerader Richtung bis zum Ende des Corpus läuft. Die H. hat einen Umfang von 4—5 Octaven, aber nur in diatonischer Ordnung, die halben Töne gewinnt man durch bewegliche Haken, ini Halse befestigt, die sich an die Saite anlegen, oder durch festes Anlegen des Daumennagels an das obere Ende der Saite. Diese Unvollkommenheit gab Veranlassung zur Erfindung (Hochbrucker, 1720) d) der Pedal-H., wo am unteren Ende des Corpus ein Pedal von sieben Tritten angebracht ist, welche einzeln oder zusammen getreten werden. Durch jeden dieser Tritte werden Federn in Bewegung gesetzt, welche im Halse liegen und die halben Töne Hervorbringen. Der Harfenspieler sitzt und nimmt die gewöhnliche oder Pedal -H. zwischen die Knie, so daß das Corpus zwischen diesen liegt. Die Saiten werden mit Len Fingerspitzen angeschlagen; die linke Hand spielt den Baß, die rechte Len Discant. Eine fernere Verbesserung wurde durch den Instrumentenbauer Erard (inParis)durchdiedoppeltePedalrücknnger- zielt.DieseDopp el pedalharse besitzt denUmfang von 6H- Octaven, ebenfalls wie die Hochbruckersche P.-H. sieben Pedals, von denen aber jebes statt einer, um zwei Stusen nieder bewegt, und so jeder diatonische Ton nach Belieben um vier oder zwei Halbtöne erhöht werden kann. Harfen- schnlcn v. Wernich (Berlin, 1772); Backofen (Lpz. Brcitk. u. Härrel); Cousineau (Paris); Krnmpholz (Paris); Navermann (Paris). Si-dearsck. Harflenr, Sradt im Arr. Havre des franz. Dep Seme-Jnserienre, an der Lezarde, unweit der Mündung ber Seine, Station der Weslbahn; schöne Kirche aus dem 15. u. 16. Jahrh., Leiu- wandbleichen, Gerbereien, Fabrikation von Oel und Chemikalien, Zuckerraffinerien, Schifffahrt, Fischerei, kleiner Hafen; 1966 Ew. H. (früher Hareflot) war im Mittelalter der Hauptseeplatz des nordwestl. Frankreichs; später sank es infolge des Aufblühens von Havre und ber Versandung des ehemals bedeutenden Häsens, von dem gegenwärtig ein großer Theil als Weide dient. Die Festungswerke sind geschleift. 1415—1433 und Hargicaves. 1440—50 war es in den Händen der Engländer infolge Eroberung. H- Berns. Harford, County im nordamerik. llnionsst. Maryland; u. 39° n. Br. u. 76° w. L.; 22,605 Ew. Couutysitz: Bel Air. Hargrave, Francis, engl, juristischer Schriftsteller, geb. 1740 in Liverpool und starb 1821 daselbst als Archivar; seine Loileotion ok stabs- trials, London 1811, Fol., und 6ol!votion ok traots relativ« to ttw law oik Lupstanck, ckuriäi- oal ^.rAumonto anck (lollsetlons, 2 Bde., gelten noch jetzt als die brauchbarsten Promptuarien in England. Hargralics, Edmond Hammond, englischer Reisender, geb. um 1816 zu Gosport (Grafschaft Sussex). Nachdem er 3 Jahre mit einem Kaus- fahrer gereist war, bewirthschaftete er seit 1834 in Australien eine Farm. 1849 ging er nach Californien u. wurde durch Ähnlichkeiten, die ihm zwischen der dortigen Bodenbeschaffenheit und der ihm in Australien bekannten auffielen, zu Untersuchungen geführt, deren Resultat die Entdeckung der Goldfelder am Macguarie war (1851). H. wurde nach erfolgter Anzeige u. Bestätigung des Vorkommens von der Regierung zum Commissär des Kronlandes ernannt u. beauftragt, die metallhaltigen Landcstheile zu untersuchen u. besonders dem Edelmetalle nachzuforschen. Nachdem er Bericht über seine Untersuchungen erstattet hatte, zog er sich 1852 ins Privatleben zurück und erhielt von der Legislative von Dlow 8outd 'VVnIss eine Prämie von 10,000 Psd. St., worauf er sich 1854 in England niederließ. Er schrieb: Lustralis, auch Its §olck üslcio, Lond. 1854. Schroot. Hargreaves, James, Erfinder der Kratzmaschine u. der Spiuu-Jenuy, war Arbeiter znStanhilk bei Blackburn, wo er um Las 1.1719 geboren war. H. ernährte sich u. seine Familie Lurch Weben u. Spinnen, das damals im eigenen Hause geschah. 1760 erfand er die Kratzmaschine als einen Ersatz für die Handkratzen, u. 4 Jahre später producirte er die Spinu-Jeiiny (s. Jennymaschine), mit der er und seine Familie so lange arbeitete, bis die große Menge der von ihnen gesponnenen Baumwolle den Neid seiner Werksgcuossen erregte, so daß sie in H'. Wohnung einbracheu und seinen Spindelrahmen zerbrachen. Hierauf zog er 1768 nach Nottingham, wo er eine Spinnerei errichtete. Zwei Jahre später nahm er ein Patent auf seine Maschine u. trat, als er wahrnahm, daß sie bei den Fabrikanten in Lancashire ohne seine Erlaub- niß in Gebrauch war, mit einer EntschädignngS- klage aus 7000Pfd. St. gegen dieselben auf. Da er aber vor Erwerbung seines Patents bereits einige Maschinen verkauft hatte, so verlor er den Proceß u. es erwuchs ihm aus seinem Werke nur geringer Vortheil. H. betrieb bis an seinen Tod im April 1778 in Partnerschaft mir einem Mr. Jones die Garnfabrikation mit mäßigem Erfolg, und der Verkauf seines Geschäftsantheils brachte seinen Erben nur die geringe Summe von 400 Psd. St. Sein Vaterland belohnte ihn nie, und erst durch Sir Robert Peel erhielt die jüngste u. einzige überlebende Tochter H'. ein Jahrgehalt von 250 Psd. St. aus dem königt. Wohlthätig- keitssonds. Bartling. 12 Hange Luft Harige Luft (Seew.), tiefe Senkung des Nebels, bei der das Land über ihm zu sehen ist. Häring, Georg Wilhelm Heinrich (pseud. Wilibald Alexis), deutscher Romanschriftsteller, geb. 29. Juni 1798 in Breslau; stammte aus einer bretonischen Emigrantcnfamilie, die ihren Namen Härene ins Deutsche übersetzt hatte; besuchte das Werdersche Gymnasium in Berlin, nahm als Freiwilliger am Feldzugs von 1815 theil, wurde nach vollendeten juristischen Studien Kammergerichts- rsferendar in Berlin, legte bald seine Stelle nieder, redigirte mit Förster das Berliner Conver- sationsblatt, das er 1830—35 mit dem Freimüth- igen vereinigte. Die Universität Halle ehrte ihn 1828 durch Verleihung des Doctortitcls. Durch unglückliche Speculationen verlor er einen Theil seines Vermögens. Um so energischer warf er sich der Romanschriftstellern in die Arme und leistete namentlich im vaterländischen historischen Roman Hervorragendes. Das Gebiet desselben betrat er mit dem umfangreichen Roman Cabanis, ein charakteristisches Zeitbild aus der Zeit Friedrichs d. Gr., Berl. 1832, 4. Ausl. 1874, 6 Bde., sowie mit dem Haus Düsterweg, Lpz. 1835. 1857 traf ibn ein Gehirnschlag, wozu später noch theilweisc Erblindung trat; 1859 siedelte er nach Arnstadt über, wo er 16. Derbr. 1871 starb. H-s Frau, Lätitia (geb. Perceval), eine seingebildete Engländerin von Geburt, die den deutschen Walter Scott so schön Pflegte, st. in Arnstadt 10. Mai 1873. Seine ersten schriftsteller.Publikationen waren: Die Treibjagd, scherzhaftes Epos in Hexametern, Berl. 1820; Die Schlacht bei Torgau u. der Schatz der Tempelherren, ebd. 1823; Heer- u. Querstraßen (ans dem Englischen), Berl. 1824—27. Sodann solgte: Walladmor, (angeblich) aus dem Englischen von W. Scott, ebd. 1824 (dieser Roman begründete des. seinen Ruhm, er wurde ins Englische übersetzt, u. selbst W. Scott äußerte sich über seine geniale 'Nachahmung lobend). Unter gleicher Maske erschien: Schloß Avalon, Lpz. 1827, 3 Bde., vor dem jedoch die Geächteten, Lpz. 1825, erschienen waren. Jetzt trat der Dichter mit selbständigen Schöpfungen hervor, die anfänglich in Taschenbüchern, Journalen, Zeitschristeu rc., dann als Gesammelte Novellen, Berl. 1830, 4 Bde., u. Neue Novellen, 2 Bde., 1836, erschienen. Als Reiseschriftsteller bewährte er sich durch seine Herbstreise durch Skandinavien, Berl. 1828, 2Bde.; Wanderungen im Süden, ebd. 1828; WienerBilder, Lpz. 1833, die inPreußen verboten wurden; sowie Schattenrisse aus Süd- Deutschland, Berl. 1834. Nach Herausgabe seiner Balladen, Berl. 1836, erschienen die Romane: Zwölf Nächte, Berl. 1838; Der Roland von Berlin, Lpz. 1840, 3. Aufl. 1874; Shakespeare und feine Freunde, nach dem Englischen, Berl. 1839, 3 Bde., sowie die Übersetzung (im Verein mit I. Nenmark): I. Pardoes, der Roman des Harems, ebd. 1840, 3 Bde. Nachdem er (Lpz. 1837) mit E. Ferrand u. A. Müller die Babiolen herausgegeben hatte, begründete er 1842 mit E. Hitzig den Neuen Pitaval, eine Sammlung von Crimi- nalnovellen älterer u. neuerer Zeit, die seit 1863 A. Bollert fortsetzt. Um jene Zeit schloß er seine zum Theil im Jahrbuch deutscher Bühnenspiele erschienenen Arbeiten fürs Theater ad. Es wa-i — Häringe. reu folgende: Die Sonette, Lustspiel, 1828; Änn- chen von Tharau, Drama, 1829; Der verwunschene Schneidergesell, Fastnachtsschwank, 1841; DerPrinz von Pisa, Lustspiel, 1843. Die nun folgenden spannenden Romane sind, abgesehen von mancher Breit- spurigkeit, als poetische Zeichnungen des wirklichen Lebens aufzufassen u. zwar selbst da, wo sie, wie Der falsche Waldemar, Berl. 1842, 3. Aust. 1874, ober Die Hosen des Herrn von Bredow, 3. Ausl. 1874, oder Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, ebd. 1854, 5 Bde., 3. Aust. 1874, od. Jsegrimm, ebd. 1854, 3 Bde., 2. Aust. 1874, od. Dorothee, ebd. 1856, 3 Bde., ihre Charaktere u. ihre Handlung ans der brandenburgischen od. der deutschen Geschichte entlehnen. Bes. ist dies aber der Fall in Urban Grandier, Berl. 1843, und im Zauberer Virgilius, Berl. 1851, im Märchen ans der Gegenwart, ebd. 1852, sowie im Bruchstück seines größeren, unvollendet gebliebenen Romans: Ja, in Neapel, ebd. 1860. H-s Romane erschienen gesammelt als Vaterländ. Romane, Berl. 1871—73, 20 Bde. Biographisches über ihn lieferte Jul. Schmidt in den Westermannschen Monatsheften, Jahrg. 1871; ferner Bollert im Daheim u. (Todesbericht) in der Voss. Ztg. vom 20. Dec. 1871, endlich Fontane im Salon, Jahrg. 1872. Beyer. Häringe (Llnxsoiäei MW.), Familie der zu den Knochenfischen gehörigen Schlundblasenfische. Fettflosse fehlt, die Oberkinnlade vom Zwischen- u. Oberkiefer gebildet, Rückenflosse in der Mitte des Rückens; Körper stark zusammengedrückt, mit großen, leicht abgehenden Schuppen; Schwimmblase einfach. Zu den zahlreichen Arten gehören als die wichtigsten: Anchovis (lünAi-anlis snorasiebo- Ins <7nv.), s. d., Sprotte, Spratte (Lllnpsa, oprs-t:- tns ^/.), Sardelle (0. pilvimräus rc. Von größter Bedeutung ist der Gemeine H. (OInpss. barongus il).). Derselbe ist 25—30 ein lang, oben meergrün od. grünblau, unten silberig, Rückenflosse dunkel, Brust-, Bauch- u. Afterflossen hellfarbig, Schwanzflosse tief gabelig, Bauchschuppen sägenartig vorstehend; Kopf u. Mund klein, letzter, sowie die kurze und spitzige Zunge mit kleinen Zähnen bewaffnet, Kiemendeckel aderig gestreift. Der Gemeine H. lebt in der Tiefe der Nord- u. Ostsee, nährt sich von Wasscrinsecten u. Fischbrut u. bes. von kleinen krebsartigen Thieren. Er ist sehr fruchtbar: in einem nicht sehr großen fand man 68,656 Eier. Die Laichzeit dauert vom Januar bis zum Hochsommer od. Herbst; doch scheint im Juni und Juli eine Pause einzutretcn. Behufs Laichens schwimmen die H. in dichtgedrängten, oft meilenlangen und -breiten Zügen an die flachen Stellen der Küsten, Buchten n. Baien, wo die der Brut zuträgliche Wärme vorhanden ist, u. setzen den Laich am liebsten an mit Wasserpflanzen bewachsenen Stellen ab. Kurz vor der Laichzeit u. während derselben frißt der H. nicht, ist dann aber um so gieriger. Die etwa 7 mm langen Jungen schlupfen in der Ostsee im Mai in 14 —16, im August in 6—8 Tagen ans, tragen noch etwa 8 Tage den Dottersack, bleiben anfangs am Brnt- platze, gehen dann näher ans Land, um sich den Nachstellungen der Fische u. Vögel zu entziehen, n. ziehen später gemeinsam nach Nahrung umher. !Mil 3 Jahren sind sie sortpflanznngsiähig.. Nach 13 Hänngr'. der Größe, Fangzeit und Entwickelung des H-s unterscheidet man verschiedene Sorten. Die Holländer nennen die noch nicht geschlechtsrcifen, die erst im Sommer laichen werden, Matjes (Mädchen- oder Jungsern-H.), die mit vollem Rogen u. Milch versehenen Voll-H., u. die, welche bereits gelaicht haben, Hohl-H. (Schoten, Ihlen). Die Richtung, welche die zum Laichen kommenden H. ihren Zügen geben, ist nicht alle Jahre gleich. An schönen Tagen gehen sie so nahe an die Oberfläche des Wassers, daß der dichte Zug einen Silberschimmer auf demselben veranlaßt; wo sie tiefer gehen, verräth sie das durch losgelöste Schuppen getrübte Wasser. Außerdem schweben den ganzen Tag Möven n. andere Schwimmvögel als Feinde über ihnen. Des Nachts erkennt sie der Fischer an dem sog. H-sblick, welcher dadurch entsteht, daß sich die H. während des Schwimmens aus die Seite legen. Die H-sfischerei wird von den Engländern, Norwegern, Schweden, Dänen, Franzosen, Hanseaten n. Holländern in der Nord- n. Ostsee betrieben. Nachdem die Fahrzeuge (H-s- buisen, die kleinen Schlabber) die Häfen verlassen haben, finden sie sich Ende Juni an den Shet- ländijchen u. Orkadischen Inseln ein, dürfen aber (wenigstens die Holländer) nicht eher als den 25. Juni das Netz auswerfen. Dieses ist mit kleinen Tonnen versehen, von gutem Hanf oder von grober gelber persischer Seide gefertigt und, um die H. nicht durch die Helle Farbe zu verscheuchen, braun geräuchert. Die Maschen sind bei den Holländern von einer vorgeschriebenen Größe, damit sie die jungen, kleinen H- dnrch- lasseu; andere Rationen befolgen dies nicht, sondern treiben vollständige Raubwirthschast. Das Netz wird Abends ansgeworfen u. gegen Morgen mit den gefangenen H-n in das Schiss gezogen. Ein Zug liefert häufig 4—1H Mill. H. Sogleich nach dem ersten Fange werden die meisten H. ausgesucht, in Tonnen gepackt und durch eigene Jachten (H-sjägers, Windjägers) nach Holland u. den NKüsteu gesendet; daher heißen dieselben auch Jacht-H. (unrichtig Jagd-H.); sie werden zu Lande versendet, sonst mit der Post (Post-H., auch weil sie meist zu Präsenten dienen, Präsent-H.). Der Ausschuß der H. heißt H-swrack und der noch schlechtere H-swrackwrack; die schon etwas faul gewordenen H. heißen Stank-H. Früher hielt man die H., in deren Magen sich ein röthlicher Stoff zeigte, für krank u. ihren Genuß für schädlich; jetzt weiß man, daß dieser röthliche Stoff nur aus den Resten der gefressenen krebsartigen Thiere besteht. Zn Ehren Benkelsons (s. d.), der das Einsalzen der H. verbesserte, soll das Einsalzen Bökeln (Pökeln) od. Einbökeln n. roth gesalzene H. Bötlinge (Bücklinge) genanni worden sein. Das Entsalzen der H. geschieht entweder sogleich auf dem Schiffe, od. auf dem Lande. Zuerst werden den H-n die Eingeweide u. Kiemen herausgenommen; dann werden sie in eine starke Lake von Boyscilz gelegt und in eichene Tonnen gepackt. Da bei einem reichlichen Fange nicht Zeit genug ist, alle H. sogleich einzusalzen u. eiu- zupackeu, so muß ein Theil 2 Nächte an der Luft oder in der Lake liegen bleiben (H. von 2 Nächten); die besseren (H. von einer Nacht) werden sogleich behandelt. Diese Art einznbökeln nennt man das weiße Einsalzen; die zu Bücklingen (s. d.) bestimmten H. werden roth eingesalzeu, d. h. über 2 Nächte in der Salzlake liegen gelassen. Die eingesalzenen H. werden in besondere H-stvnneu verpackt. Unsorlirte Waare in erster Verpackung nennt man Scepack, sortirte u. amtlich gestempelte Brand-H.; das auf diesen eingebrannte Zeichen, wodurch 3 verschiedene Hauptqualitäten bezeichnet werden, heißt H-szeschen, die H. selbst Brand-H. Man unterscheidet bei letzteren: Bartholomäi-Brand (Keulscher, Kölnischer Brand, weil sie bes. nach Köln geschickt wurden), Jacobi-, Kruis- (Crncis-, Kreuz-) Brand, nach den Tagen oder der Zeit gezeichnet, wo sie gefangen sind. Diese Prüfung und Stempelung wurde in Holland bis 1857 von amtlichen Probir- meistern vorgenommen u. wird auch heute noch, wie in England, durch Regiernngscommissare ausge- führt, wenn der Verkäufer dafür bezahlt. Die H-sstscherei wird schon seit etwa 700 Jahren betrieben; sie findet bes. an den großbritann- ischen, dänischen, norwegischen und go,ländischen Küsten, sowie in der Nord- u. Ostsee statt. Die Fischer verkaufen die H. roh an die Kaufleule, welche das Einsalzen für eigene Rechnung besorgen. Nach Wittmack betrug die Einfuhr von H-n ins Deutsche Reich 1»'.9 Tonn. 16", Tonn. Tonn. Ln.iLnn. Davon aus den 'Niederlanden 651966 559165 554412,691L6o..?78r23 25323 46686 38112 ! 52603« 67976 Bremen . 5586 3321 3964 603l! 6677 Hamburg. 61654 68634 67663 86076-102045 der Nordsee 65183 43387 51308 5l3i0 6265.S der Ostsee 476091 386782 375088 484538,523484 123 > 230 Dänemark 24 6 522 Belgien . 1051 2331 5404 45661 3334 Gesammtwerth 187S: L8,u. a., verfaßte S. de Sacy den arab. Commen- tar zu seiner Ausgabe der Makamen (Par. 1821 bis 1822, 2 Bde.), welche von Reinaud u. De- renbourg (ebd. 1847 — 52, 2 Bde.) neu herausgegeben u. von Nasif-al-Jazidschi in Beirut einer Kritik unterworfen wurde (Kpwtola critioasstasiü- al-llarägi von Mehren, Lpz. 1848). Andere Ausgaben erschienen in Calcntta, 1809—14, 3 Bde., in Bulak 1867, 2 Bde., mit dem Commentar des Alsedarisedi in Kairo 1850, mit gedrängtem Commentar besorgt von Scheich Mohammed Al- tunisi, in Lucknow lithographirt mit persischer Jn- terlinearversion, in Delhi 1849 mit Commentar. von Abd'nl-Kerim u. ohne Commentar von Canssin Le Perceval, Par. 1818. Eine lateinische Übersetzung gab Peiper heraus, Hirschb. 1832, eine deutsche Nachahmung Rückert (Verwandlungen desAbnSeid von Serug, Stnttg. 1864, 2 Bde., 5. Ausl., in 1 Bd. 1875). Unter H-s vielen grammatischen Schriften sind hervorzuheben: Llotdat-al-rrad, iibcr die arabische Syntax in Versen, vurrat-nl- Adarvvvas über arab. Idiotismen, aus denen sich Bruchstücke in S. de Sacys ^.nbdolvAis §ram- inalnoais, Par. 1831, finden. °- Harkanij, Badeort im Ungar. Comitat Bara- nya, etwa 18 lern von Fllnfkirchen; altes Bergschloß, Weinbau, 3 stark mnriatische Schwefelthsr- mcn von 18—42" y. xova Ew. Harkort, Friedrich Wilhelm, preuß. Land- tagsabgeordncter, geb. 22. Febr. 1793 auf dem Familiengute Harkorten in der Grafschaft Mark; widmete sich der Kaufmannschaft u. dem Fabrikwesen. 1813 trat er in die neugebildete westfäl. Landwehr u. machte als Lieutenant im 1. westfäl. Landwehrregiment bei dem Bülowschen Corps 1815 den Feldzug in Holland u. Belgien n. die Schlacht bei Ligny mit, in der er verwundet ward. Nach der Herstellung des Friedens nahm er die gewerbliche Thätigkcit wieder auf, errichtete und verwaltete 1816 ein Kupferwalzwerk, 1818 eine Lederfabrik, 1819 eine Maschinenfabrik zu Wetter. Nach einer Studienreise in England gründete er 1827 ein Puddlingswerk für Stabeisen in Wetter, 1857 die Eisenhütte zu Kaltenbach. Gleiche Thätig- keit widmete er seil 1830 dem Baue von Eisenbahnen u. der Entwickelung der Dampfschifffahrt auf dem Rheine. Er wirkte ferner für Entwickelung des Associationswesens, gründete eine Spar-, Beamten- u. Jnvalidenkasse in Wetter u. trat in Schrift u. Wort für Einrichtung von Provinzial- bauken auf. 1830 nahm er seinen Abschied als Hauptmann der Landwehr u. begann gleichzeitig seine politische Wirksamkeit als bäuerlicher Depu- tirter auf dem Provinziallandtage. 1848 Mitglied der prenß. Nationalversammlung u. von 1849 bis 1871 Mitglied des prenß. Abgeordnetenhauses, seit 1867 Mitglied des Norddeutschen und darauf des Deutschen Reichstages, nahm er für letzteren nur noch bei den Wahlen 1871 ein Mandat an, und war er immer thätiges Mitglied der Fortschrittspartei. H. lebt jetzt in Hombruch bei Dortmund. Seine ausgebreitete populäre Schriftthätig- keit bezog sich sowol auf das Politische, wie seine Politischen Briese vom 1.1848, seine Parlaments- correspondenz und sein Bürger- und Bauernbrief (1351), für den er ''m das Criminalgericht zu I!) Harlan - Berlin gerufen, aber freigesprochsn wurde, — als auch auf gewerbliche u. sociale Interessen u. auf die Entwickelung des Volksbankwesens. Auf den Wunsch seiner Kameraden veröffentlichte er: Die Zeiten des 1. westfäl. (16.) Landwehrregiments, Essen 1841. Bauer. Harlan, zwei Counties in den Nordamerikas Unionsstaaten, 1) in Kentucky, unter 37° n. B. und 83° w. L.; 4415 Ew.; C-sitz: H. 2) in Nebraska, unter 40° n. B. u. 99° w. L. Harlay dc Chanvalon, Franz, Erzbischof von Paris, geb. 1625, war zuerst seit 1650 Erzbischof von Rouen. Als Erzbischof von Paris seit 1670 vertheidigte er die gallicanischen Freiheiten gegen den Papst und hielt als Leiter des Regularklerus u. Vorsitzender der Synoden Jesuiten u. Jansenisten gleich sehr im Zaum; erst. 1695. Harlekin, französische Benennung des italien. Arlecchino (s. d.). Hartem, 1) so v. w. Haarlem; 2) östl. Stadt- theil von New-Iork. Harlcß, 1) Gottl. Christoph, bedeutender Philolog, geb. 21. Juni 1740 in Kulmbach, stu> dirte in Erlangen u. wurde 1765 Professor am Gymnasium in Koburg, 1770 Professor der Beredt- samkcit in Erlangen, 1776 Oberbibliothekar und Scholarch am Gymnasium, gründete 1777 das philologische Seminar u. st. daselbst 2. Nov. 1815; er schrieb schon 1760 eine Ointribs äs prasoonuw apnä (lrasoos oküeiis u. gab eine große Anzahl philologischer Schriften heraus (verzeichnet in 8axs Onomavtioon VIII., S. 203) n. a.; Inbroänobio in llistoriam linAnns xrasoas, Altenb. 1778, 2 Bde., 2. Aust. 1792 — 95; Introänobio in nobi- biam litsratnrns romnnao, Nitrnb. 1781; besorgte die neue Ausgabe von ä. L. k?abrioü bidliobirsoa iprasoa, Hamb. 1790 — 1889, 4. A., 12 Bde., Index dazu, Leipz. 1838; Lnpplomsnts. nä drsviorsm nobitiam iib. romau., ebd. 1799 — 1817, 3 Bde. Überdies lieferte er mehrere Ausgaben und Erklärungen lateinischer u. griechischer Classiker. Vgl. Hariosü vitn (von dem Folgenden), Erl. 1817. 2) Johann Christian Friedrich, gelehrter Mediciner, Sohn des Vorigen, geb. 11. Juni 1773 in Erlangen, studirte hier, habilitirte sich 1795 , mar von 1796 — 1805 außerordentlicher Professor der Heilkunst in seiner Vaterstadt, bereiste 1801 u. 1803 Italien, wurde dann ordentlicher Professor u. Mitdirector des klinischen Instituts in Erlangen, 1808 Herzog!. Anhalt-Bernburg. Geh. Hosrath, stiftete 1818 die Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, erhielt in demselben Jahre die Berufung als Preuß. Geh. Hofrath u. ordentlicher Professor der Medicin an die neu gegründete Universität Bonn, errichtete hier die klinischen Anstalten u. st. hochverdient um seine Wissenschaft, des. um die Badeheilknnde, sowie um die Geschichte der Medicin, 13. März 1853. Er sehr.: Geschichte der Hirn- n. Nervenlehre im Alterthum, Erl. 1801; Lehrbuch der specifischen Heilkunde, ebd. 1810; Handbuch der ärztlichen Klinik, ebd. 1816—26, 3 Bde.; ^.nalsoba äs ^rolÜAsns inoäioo sb äs ^.poiioniis msäiois, Bamb. 1816; Die sämmtlichen Heilquellen u. Knr- bäder des siidl. u. mittleren Europa, Westasiens u. Nordafrikas, Berl. 1846—48; gab heraus: - Harletz. Abhandlungen der (von ihm gestifteten) Physikal- isch-medicinischen Societät zu Erlangen, Franks. 1810 u. 1812, 2 Bde.; mit Hufeland u. Schreger: Journal der ausländischen medicinischen Literatur, Berl. 1802 f., 3 St.; Neues Journal rc., Nllrnb. 1804—12, 10 Bde.; Jahrbücher der deutschen Medicin u. Chirurgie, seit 1813, gingen später in die Heidelberger klinischen Annalen über. 3) Gottlieb Christoph Adolph, protestantischer Theolog, geb. 21. Nov. 1806 in Nürnberg, studirte seit 1823 zuerst Philosophie u. Philologie, dann Theologie, habilitirte sich 1828 bei der phi- losophischen, daun bei der theologischen Facultät in Erlangen, wurde Lehrer am dasigen Gymnasium u. 1833 Professor der Theologie n. Universitätsprediger. Wegen seiner lebhaften Betheiligung an der Kniebeugungsfrage für die protestantischen Soldaten auf dem Landtage von 1843 wurde er im März 1845 seiner Professur in Erlangen enthoben u. als Consistorialrath nach Bayreuth versetzt, aber im Herbst d. I. Professor in Leipzig u. 1847 Pastor an der Nikolaikirche, im Februar 1850 Oberhofprediger, Geh. Kirchenrath im Ministerium des Cnltns n. Viceconsistorialpräsident in Dresden u. 1852 Präsident des protestantischen Oberconsistoriums in München und bayerischer Reichsrath. H. ist einer der bedeutendsten Kanzel- redncr der Gegenwart u. hat als Oberconsistorial- präfident das strenggläubige Lutherthum im rechtsrheinischen Bayern (die Pfalz hat ein selbständiges Consistorium) aufs eifrigste gefördert. Er schr.: lls mal» sznsgus oriZins, Erl. 1828; Commentar über den Brief Pauli an die Epheser, ebd. 1834; Die kritische Bearbeitung des Lebens Jesu von Strauß, ebd. 1836; Theologische Encyklopädie u. Methodologie, Nllrnb. 1837 ; Predigten, Erl. 1838; Christi Reich u. Christi Kraft, Stuttg. 1840; Die christliche Ethik, ebd. 1842, 6. Aust. 1864; Sonn- tagsweihe (Predigten), 1848—51, 5 Bde.; Etliche Gewissensfragen hinsichtlich der Lehre von Kirche, Kirchenamt, Kirchenregiment, Stuttg. 1862; Die lutherische Kirche in Bayern u. die Insinuationen Döllingers; Erl. 1843; Staat u. Kirche, Leipz. 1870; I)s Lupsrnatnrakismo Asnbikium, Erl. 1837; Verhältniß des Christenthums zu Cnltur- n. Lebensfragen der Gegenwart, Erl. 1866; Selbstbiographie: Bruchstücke aus dem Leben eines süddeutschen Theologen, Bielef. 1872—75. 4) Emil, bedeutender Physiolog, Neffe von H. 2), geb. 22. Oct. 1822 in Nürnberg, studirte seit 1839 Medicin, Physik n. Chemie in Erlangen, Berlin und Wllrzbnrg, habilitirte sich 1848 in München, wurde 1849 außerordentlicher Professor, 1852 Vorstand des physiologischen Cabinets, 1857 ordentlicher Professor der Physiologie, u. hat sich namentlich um die vergleichende Anatomie u. die Physiologie besonders verdient gemacht Er schrieb ein schr geschätztes Lehrbuch der plastischen Anatomie, Stuttgart 1856—58; Muskelirritabilität, Münch. 1851; Theorie u. Anwendung des Seitendrnckspirometers, ebd. 1855; Molccular-Vorgänge in der Nerven- snbstanz, ebd. 1858—61; Die elementaren Functionen der creatllrlichcn Seele, ebd. 1862; Zur inneren Mechanik der Mnskelzucknng, ebd. 1863. Schon früher waren erschienen: Wirkung des Schwefeläthers, Erl. 1847; Populäre Vorle;,lügen 16 Harlcy — Harmcrsbach. aus d m Gebiete der Physiologie u. Psychologie, Brschw. 1851. 1) Elchhoff. L) t) Thamhayn. s) Löffler. Harlcy, Robert, Graf von Oxford und Mortimer, namhafter engl. Staatsmann und Gelehrter, geb. 1681 in London, warb mit seinem Vater Sir Eduard bei der Revolution, welche Jakob II. des Throns beraubte, auf eigene Kosten Reiter u. trat bald darauf ins Parlament, wo er mit Bolingbroke an der Spitze der Tories stand; er wurde 1702 Sprecher im Unterhause, bald darauf Staatssecretär, 1710 Kanzler der Schatzkammer und 1711 in den Grasenstand erhoben. Als nach dem Utrechter Frieden sich die Tories in zwei Parteien spalteten, stand an der Spitze der einen H., an der der anderen Bolingbroke. Kurz vor der Thronbesteigung der Königin Anna trat er aus dem Ministerium, trug aber dennoch viel zum Sturz des Herzogs von Marlborough bei. Unter Georg I. wurde er der Verrätherei angeklagt u. 1715 in den Tower gesetzt, jedoch 1717 wieder freigesprochen. Er widmete sich nun der Literatur und sammelte eine Bibliothek, deren 2000 schätzbare Maunscripte noch als Larls/an mwesUaniW in dem Britischen Museum in London vorhanden sind; der Katalog, in dritter Bearbeitung von Oldy, Lond. 1744, wurde 1808 wieder gedruckt. Er selbst st. 1724. Von ihm: Viuckioabion ob tüe ritz'Uts ok eommsres ob ilnZlanä. Harlingen (friesisch Harns), Stadt im Gerichtsbezirk Leeuwarden der niederländ. Prov. Friesland, Hanptsee- u. Handelsplatz der Prov., an der Zuidersee, Station der Niederländ. Staatseisenbahn, regelmäßig gebaut u. von Kanälen durchschnitten, schöne reformirteKirche, Lateinische Schule, höhere Bürgerschule, Bau-, Zeichen- u. Seefahrtsschule, Fabrikation leinener Säcke, Maschinenfabrik, Schifsswerfte, lebhafter Handel, Schifffahrt, großer u. tiefer Hafen; (1869) 9945 Ew. — H. ist Sitz der Friesischen Dampfschifffahrtsgesellschaft. H. ist Geburtsort des Sprachforschers Symon Styl. Aus dem Meeresdeiche südlich von der Stadt steht das Monument des spanischen Statthalters Nobles von Billy, der im 16. Jahrh. die Meeresdeiche verbesserte. — H., vorher ein Dorf, wuchs durch die Verbindung mit dem Dorfs Almen zur Stadt u. wurde um 1496 von den Groningern u. 1500 von Albert von Sachsen befestigt. H- Berns. Harlingerland, Landschaft im Kreise u. der preuß. Landdrostei Aurich, im ehemaligen Fürstenthum Ostfriesland, an der Nordsee, nach dem Flüßchen Harle benannt; 885 (7 (IW), meist fruchtbares Marschland. H., die Herrschaften Esens, Wittmuud u. Stadesdorf umfassend, war von 1461 bis nach 1600 von Ostfriesland (meist als geldernsches Lehen) getrennt, kam darauf durch Heirathen zuerst an Rietberg, fiel dann an die Cirk- fena zurück, u. erst 1745 wurde unter preuß. Verwaltung die vollständige Verbindung mit Ostfriesland wiederhergestellt. Hauptort ist Esens. H- Berns. Harlunge (deutsche Heldensage), Jmbricke u. Fritile, die Bruderssöhne König Ermenrichs. Ihr Vater, Diether, wahrscheinlich auch Harlung genannt, wohnte in Breisach. Nach seinem Tode wurden die Söhne von dem treuen Eckehard gepflegt u. gehütet. Da geschah es einst in dessen Abwesenheit, Laß ihr Oheim auf Anstiften seines treulosen Rathgebers Sibich dieselben ergreifen u. erhängen u. ihr Gold hinwegführen ließ. Dieses tragischen Endes derselben ward in der deutschen Sage vielfach gedacht u. es galt als die größte Misselhat, die je auf Erden geschah. In der Thidrekssaga, welche das Schicksal der H. am ausführlichsten erzählt, heißt aber der Vater Aki, führt den Beinamen Aurlunge (d. i. H.) Trost u. ist ein Sohn Er- ^ menrichs; seine Söhne heißen Egard u. Aki, ihr Pfleger heißt Fritila und ihr Sitz ist die Fritila- ^ bürg. S. Grimm, Heldensage 264. Raßniann. ! Harma (gr.), 1) Wagen; 2) Streitwagen. Ha rin a (a. Geogr.), 1) See (j. Paralimni) im Gebiete von Theben; 2) Ort, zwischen Theben u. Aulis; soll den Namen davon haben, daß hier Adrastos seinen Wagen zerbrach, oder daß Am- phiaraoZ hier mit seinem Wagen von der Erde verschlungen wurde. Harmalin, eine organische B'.se, welche sich in den Samen einer in Rußland heim- ischen Steppenraute (ksKanum Harmala) neben einer anderen Base, dem Harmin, befindet. Das H. krystallisirt in farblosen Octa- edern, ist leicht löslich in heißem Alkohol, wenig in Äther u. Wasser. Mit Säuren bildet es leicht lösliche krystallisirbare gelbe Salze, liefert durch Ory- dation einen rothen Farbstoff, Harmalaroth; man hat es daher in der Färberei anzuwenden gesucht. Das Harmin, in rhombischen Prismen krystallisirend, kann durch Oxydation des H-s erhalten werden. Broglie. Harmattan, heißer Wind auf der Westküste von Afrika, der periodisch 7—8 Tage lang drei oder vier Mal in jeder Jahreszeit weht. Er ist von einem dichten Nebel begleitet, den nur in der Mittagszeit einige Strahlen der roch aussehenden Sonne Lurchdringen können. Ferner ist der H. von so außerordentlicher Trockenheit, daß die Gewächse unter seinem Hauch verdorren u. die ent- § blößten Theile des menschlichen Körpers sich schälen, wogegen die Neger durch Beschmieren ihres Körpers mit Fett od. Talg sich zu schützen Pflegen. Specht. Harmätus (a. Geogr.), Stadt u. Vorgebirge am Elaitischen Meerbusen in Aeolis (Kleinasien); hier ankerte der Spartaner Mindaros vor der Schlacht bei Abydos 411 v. Ehr. mit seiner Flotte. Harmenopnlos, Constantinus, griechischer Rechtsgelehrter, geb. um 1320, war Richter in Thessalonich, Rath der Kaiser Joh. Kantaknzenos u. Joh. Paläologvs u. st. um 1380 in Constan- tinopel; er war der letzte griechische juristische Schriftsteller u. schrieb: rw»- (kromxtuarium juris, Erzänzung des Prochciron des Kaisers Basilius), heute noch bürgerliches Gesetzbuch in Griechenland, zuerst griechisch heraus- gegebcn von Snallenberg, Par. 1540; dann lateinisch von Ney, Köln 1547 u. 1549; griechisch i u. lateinisch von D. Godesroy, Genf 1556 und 1587; neu herausgeg. von Heimbach, Leipz. 1851, ! neueste Ansg., Athen 1872. Lagai. I Harmersbach (Ober- u. Untsr-H.), 2 Kirch- ^ dörser im bad. Amtsbez. und Kreise Offenburg, am Hammersbach, dessen Thal von Zell bis zur ! Kinzig geht u. bis 1803 reichssrei war; Eisen« s Hämmer, Granitschleisereien, Mühlen; (1871) 2119 l und 1739 Ew. s 17 Hcmnin — ! Harmin (Chcm.), s. u. Harmalin. Harmodros, Athener, ans Gephyrä stammend, von dem Pisistratidcn Hipparchos (jüngerem Brn- ' der des Tyrannen Hippias) durch wollüstige Versuche u. dann Kränkung seiner Schwester gereizt, ermordete mit seinem Landsmanne und Freunde Aristogiton 514 v. Chr. denselben am Feste der Panathenäen; H. wurde sogleich von der Leibwache umgebracht, Aristogiton später hingerichtet. Als Wiederhersteller der Freiheit galten beide als Heroen. Harmonia, 1) (gr.) so v. w. Harmonie; 2) auch Hermione (Harmonia), Tochter des Ares u. der Aphrodite nach der Umarmung, bei welcher sie Hephästos mit deni goldenen Netz fing (nach ! Anderen des Zeus u. der Kytherea od. Elektra), mit Kadmos; bei ihrer Hochzeit waren alle Götter zugegen, Kadmos gab ihr zum Brautgeschenk ein Gewand und ein von Hephästos gefertigtes, sehr kunstreiches Halsband (Halsband der H.), welchem eine geheime, Unglück bringende Kraft inwohnte. Als H. mit ihrem Gemahl nach einem langen unglücklichen Leben nach Jllyrien kam, wurde sie mit demselben in Schlangen verwandelt; dann empfand die Wirkungen des Halsbandes Eriphyle n. nach Einigen auch Semele und Argeia; zuletzt wurde dasselbe in Delphi anfgehängt; allein auch hier erzeugte cs noch Unheil, denn die Gemahlin des Ariston, eines Feldherrn der Ötäer, wurde vom Tyrannen Phayllos geliebt, wollte sich aber ihm nur für das Halsband ergeben; er nahm es aus dem Tempel u. brachte es ihr; bald aber wurde ihr Sohn rasend, zündete das Haus an u. verbrannte sie init Allem, was darin war. 3) s. Asteroiden N. 40. Harmonika, s. Harmonika. Harmonichord, ein von Friedrich Kaufmann in Dresden 1808 erfundenes Saiteninstrument in Form eines aufrecht stehenden Flügels mit har- I monikaähnlichcm Ton. Es ist mit Metallsaiten bezogen und der Spieler hat neben der Tastatur noch eine Walze mittels eines Fußtrittes zu bewegen, deren rascher oder langsamer Umschwung zur Bildung des Tons beiträgt. Die Modificirung der Stärke oder Schwäche des Tons hängt von dem Drucke des Fingers auf die Taste ab; das Instrument hat noch die Vorzüge, daß man sowol Adagios als auch brillante Sätze ausführen kann, ohne der genauen Ansprache n. Schönheit des Tons Abbruch zu thnn. Die Spielart ist für jeden Pianofortespiclcr bei einiger Übung leicht. Harmonie (v. Gr.), 1)Zusammenfügung, Ver> bindnng gleichartiger aber nicht identischer Theile zu einem Ganzen, besonders wohlthuende Übereinstimmung; besonders Zusammenklang der Töne, eines Accordes, musikalischer Wohlklang. 2) H. der Evangelien, s. Evangelien - H. 3) Eine Art > von unmittelbarer Verbindung zweier Knochen, welche durch einfaches Aneinanderliegen ungezähn- ; ter n. nicht schuppenförmig über einander liegender / Ränder derselben bewirkt wird. ; Harmoniemusik, s. Orchester. « Harmonik (v. Gr.), .1) bei den Griechen so v. w. Musikalische Grammatik. Sie zählten dahin: Kenntniß der Töne überhaupt, Kenntniß der Intervalle, Systeme und Klanggeschlechter, Tonarten u. Octavengattnngen; 2) (Harmonielehre) PiercrZ Universal-Conversatioiis-Lerikon. t>. Aufl. x. Harmoniren. ein besonderer Theil der Musikalischen Grammatik, welcher sich mit der Verbindung der Töne zu Accorden beschäftigt, n. enthält: a) Bildung der Accorde, Unterscheidung derselben als con- und dissonirende u. deren Umkehrungen; b) Verbindung der Accorde (Fortscbreitnng der Stimme, Modulation, Schlüsse); e) Melodische Bewegung der Stimme innerhalb der Accorde (Alteration, Anticipation u. Retardation, durchgehende Noten); ci) Mehrstimmige Behandlung der Accorde; 3) im weiteren Sinne das Studium der sämmtlichen Musikwissenschaften. Siebenrock. Harmonika, musikalisches Instrumentals dessen Erfinder, oder vielmehr Verbesserer, der berühmte Benjamin Franklin genannt wird. Veranlassung zum Bau dieses Instrumentes gab ihm das Glasspiel eines Irländers Puckeridge, nach Anderen Delavals in London. Die erste H. vollendete Franklin 1763 n. soll dessen Anverwandte Miß Davis Virtuosin des Instrumentes geworden sein, n. dasselbe durch Concerte in London und große Kunstreisen bekannt gemacht haben. Die Frank- linsche H. besteht aus einem länglich viereckigen, auf vier Füßen ruhenden Kasten, dessen obere Decke abgenommen werden kann. Ans einer im Gehäuse in Pfannen laufenden eisernen Welle sind die in der Mitte durchlöcherten u. nach der Höhe immer kleiner werdenden Glocken (daher Glockenkegel) mit Kork so befestigt, daß keine die andere berührt und die Ränder um Fingersbreite hervorstehen. Mittels eines Fußtritts wird die Welle in Bewegung gesetzt u. die vor ihrem Gebrauche zu befeuchtenden Glocken dem Spieler zugetrieben, der seine ebenfalls benetzten Finger bald leichter, bald stärker darauf legt n. ans diese Weise den Ton bildet. Derselbe ist von bezauberndem Schmelze und kann vom zartesten Hauche bis zu nervenerschütternder Stärke gebracht werden. Einmal gestimmt, behält das Instrument fortwährend seine Intonationsreinheit; doch eignet es sich nur sür Stücke von langsamer Bewegung u. ernstem Charakter. Trotz verschiedener, durch die Gcsnndheitsgefährlich- keit der direkten Einwirkung der Glasglvckenvibra- tion veranlaßter Verbesserungen, — z. B. I. PH. Kricks Tasten-H., Abt Mazzuchis Tonerzengnng Lurch einen Violinbogen, Glocken von Metall und Holz — u. trotz verschiedener Erweiterungen, z. B. des badischen Kapellmeisters Schmittbauer Krystallglasglocken-H. mit dem chromatischen Umfange vom kleinen s bis zum zweigestrichenen k, Hessels Klavier-H. (1785), Müllers H. (H. mit Flötenregal) u. Krassas H. mit Pedal, griff man in neuerer Zeit wieder zur Franklinschen H., als der einzig richtigen, zurück. Übrigens hat infolge veränderten Geschmacks die Vorliebe für die H. sehr abgenommen u. ist dieselbe für den Conccrt- saal von gar keiner Bedeutung mehr. Die Ton- zeugnngsart der H. war von Wichtigkeit für Chladnis Euphonion, den Klavicrcylinder, das Melodiken, Panmclodikon rc.; auch wurde dessen Name auf verschiedene Instrumente übertragen, z. B. Stahl-H. (Stiftgeige), Phys°H. (Äoline), Mund-H. (Maultrommel) u. s. w. Anleitung zum «Selbstunterricht auf der H. von I. C. Müller, Leipz. 1788. Siebe,irock. Harmoniren (v. Gr.), 1) zusammenstimmen; Land. ^ 18 Harmonische Hand — Harms. 2) zusammenpassen, in richtigem Verhältniß stehen; 3) in gutem Vernehmen stehen. Harmonische Hand, so v. w. Guidonische Hand, s. Guido 9). Harmonische Theilnng (Math.). Wenn in einer geraden Linie die Punkte X, 8, 0, v so liegen, daß X6:68 ^ Lv: VS, so heißt XS durch 6 u. v, 6V durch X u. 8 harmonisch ge- theilt; X, 8, 6, v heißen harmonische Punkte. L. und 8, 0 und O conjugirt, zngeordnet. Verbindet man sie mit einem beliebigen Punkte 0 durch Gerade, so heißen diese harmonische Strahlen oder Harmo nikalen, bilden einen harmonischen Vierstrahl. Zieht man durch 8 zu 0X eine Parallele, verlängert 06 bis zum Durchschnitt mit derselben, so werden aus ihr 2 gleiche Stücke abgeschnitten; hieraus ergibt sich die Constrnction der H-n T. Harmonische Strahlen werden von jeder beliebigen Geraden in harmonischen Punkten geschnitten. Die H. T. wird in der neueren Geometrie gebraucht. Bmhrucker. Harmonistik, diejenige theologische Wissenschaft, die sich bemüht (was freilich meist nur künstlich u. gewaltsam geschehen kann), alle Discrepanzen oder Widerspruche beider Testamente in sich selbst n. unter einander hinwegznränmen, z. B. die Opferung Isaaks Genes 9, 6 vgl. mit Exod. 20, 13; od. Genes. 2, 18 vgl. mit Corinth. l, 7, 8. Die H. wurde von Calvin angeregt und von Andr. Osiander streng grübt, aber die neuere kritisch-historische Erforschung der Bibel hat diese Wissenschaft überflüssig gemacht. Harmonium, orgel'ähnliches Instrument, dessen Töne dadurch gewonnen werden, daß man messingene Zungen durch dichtere, als atmosphärische Luft in tönende Vibration versetzt Die sog Percussion bewirkt eine fehl präcise Angabe des Tones, u. besitzt das H mehrere Zungen sür dieselben Töne, wodurch verschiedene Klangarten entstehen (beides Merkinale. welche das H. im Wesentlichen von der Physharmonika unterscheiden). Die nöthige Lust wird durch ein orgelmäßig eingerichtetes Gebläse zugesllhrt, welches der Spieler zumeist selber durch das Treten der Bälge in Thätigkeit bringt. Zn den klingenden Registern des H-s gehören: 6or volco, Xeolias, Voix oölssbs, vantdow, Olariuskt, vlüto. 6or an- §Inis, Sordini, 6Iairon, Sasson und Somdards; Hilfszüge sind: Forte, Sourdinc oder 6elsste (Dämpfer), Lkslodis, 6rand Ion (volles Werk), Manual- u. Pedal-Koppel. Bon des Wichtigkeit ist die Expression, da sie das Anschwellen und Verklingen des Tones ermöglicht, indem sie den sogen. Reservebatg schließt u. die Luft direct den Zungen zntreibt. Der Hilfszug Iremblanb bewirkt die Bebung, u. das Prolongement, das Fort- klingcn eines Tones, auch wenn der Finger die betreffende Taste verlassen. Die Fortbildung des H-s scheint nocht nicht abgeschlossen u. wird dasselbe in gegenwärtiger Zeit theils für sich, theils mit anderen Instrumenten u. selbst mit kleinem Orchester (wo es die Blasinstrumente vertritt) mit großer Vorliebe gespielt. Renommirte Fabriken: Schiedmayer in Stuttgart, Tilz in Wien, Needham in New-Dork rc. Siebenrock. Harmony, siädt. Bez. im Chautanqua County des nordamerikan. Unionsstaates New-Dork, am Chautanqua See; 4000 Ew. Harmosten (gr. Ant.), 1) in Sparta Männer, welche den einzelnen Periökendistricten Vorständen; 2) Statthalter der Spartaner in der Zeit, als sie die Hegemonie in Griechenland hatten; sie wurden in die einzelnen abhängigen Staaten geschickt, um die spartanischen Besatzungen zu com- mandiren u. die oligarchischen Parteien zu schützen. Harmotom (Baryt-H, Krenzstein), Mineral, erscheint gewöhnlich in säulenförmigen Zwillings- krystallen des rhombischen Systems, welche im Grundriß die Form eines Kreuzes haben; wenig spaltbar, farblos od. schwach graulich, gelblich od. röthlich, glasglänzend u. durchscheinend, Härtel—5, spec. Gew. 2,«—2,^; besteht im Wesentlichen aus kieselsaurer Thonerde, kieselsanrem Baryt und Wasser, schmilzt in der Hitze n. wird durch Salzsäure zersetzt. Findet sich ans Gängen bei Andreasberg, Kongsberg u. in Mandelsteinen u. Basalten. Harmözon (a. Geogr.), Vorgebirg auf der Küste von Karamanien, am Persischen Golf, die Umgegend hieß Harmozia. Von den Mongolen bedrängt, wanderte im Mittelalter ein Theil der Bewohner nach dem im Golf gelegenen Eilande Geron, das von ihnen den Namen Hormus annahm. Harms, I) Claus, lutherischer Prediger, geb. 25. Mai 1778 in Fahrstedt in Süderdithmarschen in Holstein, war der Sohn eines Müllers u. betrieb ansangS selbst dies Geschäft; er besuchte seit 1797 die Schule in Meldorf u. stndirte seil 1799 Philosophie u. Theologie in Kiel, wurde 1806 Dia- cvnus in Lunden, 1816 Archidiaconns u. 1835 Hauptpastor an der Nicolaikirche und Propst in Kiel, 1842 auch Oberconsistorialrath; 1849 trat er, erblindet, aus seinem Amte und st. 1. Febr. 1855 in Kiel. Er war ein „allkirchlich frommer, volksthümlich bilderreicher Prediger" (Hase), und machte sich bes. bekannt durch seine 95 orthodoxen Thcses, die er 30. Oct. 1817 an die Universiläts- kirche in Kiel anschlug. Gegen dieselben schrieb BaumgarteN'Crusius die X6V. tkisssZ tlwol. contra superstitionem st prokanationoin. Der hie-durch erregte Streit (Thesenstreit) wurde bes. dadurch wichtig, daß er Len Streit über Rationalismus u. Supernaturalismus ansachte. Schr.: Winter- (Kiel 1808) und Sommerpostille (ebend. 1815), 6. Aust. 1846; Neue Winterpostille, Alt. 1826; Predigt über die 3 Artikel, Kiel 1833 s.; Uber das Abendmahl, 1822; Passionspredigten, 1838; Über das Vater Unser, 1838; Über die Bergpredigt, 1841; Über die Bibel, 1842; außerdem Pastoraltheologie, Kiel 1830—34, 2. Aust., ebd. 1837, 3 Bde. ; Gnomon (ein Volks- u. Schnllese- buch), 1842, 3. Aust. 1854; Die Augsburger Consession in 15 Predigten, 1847; Weisheit und Witz, 1850; Der Scholiast, 1851; Selbstbiogra- phie, 2. Aust. 1851; Vermischte Aussätze n. kleine Schriften, 1853. Vergl. M. Baumgarten, Ein Denkmal für Claus H., Braunschw. 1855; Kaftan, Claus H., Bas. 1875. 2) Ludwig Detlef Theodor, lutherischer Prediger, geb. 5. Mai 1808 in Walsrodc, 1844 Hilfsprediger bei seinem Vater zu Hermannsburg und 1848 dessen Nachfolger daselbst, st. 14. Nov. 1865. Er ist bes. durch feine rege Amtsthätigkeit, die Errichtung -einer Missionsanstalt 1849, die Aussendnng eines eigenen Missionsschiffes zur Anlegung von Mis- sionscolonien unter den Basutos seit 1853 bekannt. Von seinen Schriften verdienen Erwähnung: Predigten über die Evangelien des Kirchenjahres, Leipz. 1858—60, 5. Anfl., Hermannsb. 1868; Predigten über die Episteln, ebd. 1862 bis 1865; Die heilige Passion (aus den Epistelpredigten), ebd. 1864, 3. Anfl. 1870; Goldne Aepfel in silbernen Schalen (Erzählungen), ebd., 4. Anfl. 1869; auch gab er seit 1854 die Hermannsburger Missionsblätter heraus. Seine Lebensbeschreibung schrieb sein Bruder Theodor H., Leipzig 1868. Dieser gab auch H.' Nachlaßpredigten Uber die Evangelien und Episteln, Hermannsb. 1868—70, 2 Bde.; den Psalter erklärt, ebd. 1869, 2. Ausl. 1870; Auslegung der 1. Epistel St. Petri, ebd. 1870, u. der Epistel an die Hebräer, ebd. 1870, sowie Festbüchlein (Betstunden und Predigten ans die Hauptseste), ebd. 1870, u. Geistlicher Blumenstrauß (Predigten über das Leben Johannis des Evangelisten, Las apostol. Glaubensbekenntniß rc.), ebend. 1870, heraus. 3) Friedrich, Professor der Philosophie u. publicistischer Schrisisteller, geb. 24. Octbr. 1819 in Kiel, studirte Medici,i und dann Philosophie, habilitirte sich 1842 als Privat- docent der Philosophie in Kiel, rückte 1848 zum außerordentlichen, 1858 zum ordentlichen Professor vor, war 1866 u. 1867 Rector der Universität, folgte 1867 einem Rufe an die Universität Berlin u. wurde hier 1873 auch Mitglied der Akademie. Er machte den Versuch, die Philosophie auf den Begriff des Wissens zu basiren und schr.: Der Amhropologismns in der Entwickelung der Philosophie seit Kant, Leipz. 1845; Prolegomena zm Philosophie, Braunschw. 1852; I. G. Fichte, Kiel 1862; Die Philosophie Fichtes nach ihrer geschichtlichen Stellung u. ihrer Bedeutung, ebd 1862; Abhandlungen zur systematischen Philojo phie, Berl. 1868; Zur Erinnerung an Hegels lOOjähr. Geburtstag, Berl. 1871; Ä. Schopen Hauers Philosophie, ebd. 1874; Die Philosophie seit Kant, ebd. 1876; Psychologie, Logik n. Ethik, ebd. 1877. Über den Begriff der Psychologie, Znt Reform der Logik rc., in den Abhandlungen der k. Akademie der Wissenschaften. 1848 gab er mit Mommsen die Schleswig-Holst. Zeitung, Organ der provisorischen Regierung heraus, n. war seil 1864 einer der Thätigsten der preußisch-deutsche» Partei in den Herzogthümern, schrieb endlich auch über das Ein- und Zweikammersystem, Republik und Monarchie rc. U 2> Löffler.» s) Laga, Harn (Physiol., Med. n. Chem.), das durch die Nieren ansgeschiedene Excretionsproduct des Ihierischen Organismus, welches hauptsächlich ans Wasser, darin gelösten Salzen u. den Stickstoff- Verbindungen besteht, die Lurch Zersetzung der Blut- u. Gewebstheile gebildet u. zur Regeneration - verbrauchter Organentheile nicht mehr verwendbar sind. Bei Menschen und Säugethieren träufelt er durch die H-letter in die H-blase, wo er sich ansammelt u. dann durch einen Reiz u. die Spannung der Blase einen Trieb zur Ausleerung anregt, die unter Leitung der Willkür steht, wodurch er dann durch die H-röhre in einem Strom ans dem Körper gelangt. Die Vögel entleeren ihren H. mit dem Darmkoth, indem bei ihnen die Ausführnngsgänge der Liieren in das Rectum münden; manche Vögel entleeren aber Len H. u. die selten Excremente zu verschiedenen Zeiten; auch bei Reptilien, Amphibien u. Fischen geschieht die Entleerung des H-es zunächst in den Darm, ungeachtet mehrere mit der H-blase ähnlichen Organen versehen sind. Der normale Menschen-H. ist eine klare, blaß- bis dunkelbernsteingelbe Flüssigkeit von salzigem Geschmack, eigenthümlichem, schwach aromatischem Geruch, schwach saurer Reaction und einem spec. Gew. von 1,„„5 bis 1,„^. Seine Menge ist sehr wechselnd, beträgt aber im Durchschnitt täglich 1500—1800 obcm. Mikroskopisch untersucht, zeigt er sich frei von geformten Bestandtheilen, doch enthält er häufig Epithelzellen u. Schleimkörperchen aus den H-wegen, Samenfäden, Eiter- n. Blutkörperchen, Fettkörnchen, Bacterien rc. Beim Stehenlassen bilden sich häufig in ihm leuchte, stockige Wölkchen, die in ihm schwimmen, von dem beigemischte» Schleim der H-wege herrühren und weiter keine schlimme Bedeutung haben, wie bes. Hypochonder so häufig meinen. Bei noch längerem Stehenlassen scheiden sich ans ihm häufig kleine, von H-sarbstofp gelblich gesärbie Kiyslalle ab, oü. es bildet sich ein ziegelmehlaniger Niederschlag ans amorphem harnsaurein Natron, kugeligem Harnsäuren Ammon, Prismen non phosphor- saurer Ammonmagnesia, Ocloeder -pon ozal- sanrem Kalk, bes. bei stark concemiirtein H., z. B. bei Fieber, nach starkem Schwitzen; dies beruht einfach daraus, daß der H. beim Erkalten Nicht mehr im Siande ist, alle die Substanzen, die er bei der Blnitemperalnr gelöst emhalt, noch in Lösung zu erhalten u. sie daher ansscheidet; beim Erwärmen lost sich der Niederschlag wieder. Beim serneren Stehenlassen des H-es nimmt die sauere Reaclion zuerst noch zu, nach einiger Zeit aber entfärbt sich dann der H, wird trübe, bildet auf seiner Oberfläche ein weißes, schillerndes Häutchen u. nimmt unter Entwickelung eines unangenehmen, fauligen, ammoniakatischen Geruches u. Ausscheidung weißlicher Kryslalle von phosphorsaurem Am- monmaglresta eine alkalische Reaction an. Im Wesentlichen ist der normale H. eine wässerige Losung von H floss u. unorganischen Salzen, er enthält aber noch meistens in geringen und sehr wechselnden Mengen H--säure (resp. deren Salze), Hippursärire, Milchsäure, Kreatinin, ikaiilhin, Traubenzucker, H-sarbstosse und Schleim. Der wichtigste Bestandiheil ist der H-slofs (s. d.), das Umsatzproducl der stickstoffhaltigen Eiweißkörper der Nahrung der Gewebe, dessen tägliche Menge im H. jedoch eine sehr schwankende ist und bei einem gesunden Manne und je nach der Art der Nahrungsmittel zwischen 25—40 ^ schwankt, bei reichlicher Fleijchnahrung 52—53 K erreicht, bei Pflanzenkost n. bei völliger Abstinenz beträchtlich (auf 15 A und weniger) sinkt, aber auch bei längerem Fasten sich stets noch im H. findet. Bei einigen Krankheiten findet eine Vermehrung, bei anderen eine Verminderung desselben statt. Von den unorganischen Bestandtheilen (Harnasche) sind zu erwähnen: Chlornatrinm (Kochsalz), Chioc- talinin, schwefelsauere Alkalien, phosphorsauere 2 * 20 Hcirn. Salze von Natrium, Calcium, Magnesium und Eisenoxyd. Bon diesen sind wol die Chloralkalien (Chloruatrium u. Chlorkalinm, des. das erstere) die wichtigsten, ihre tägliche Menge wechselt sehr, n. bei manchen Krankheiten sehlen sie ganz. Ein sehr seltener Bcstandthcil des H-es ist das Cystin. Eiweiß, das im normalen H. nicht vorkommt, findet sich bei Krankheiten der Nieren (z. B. Brightscher Krankheit), ferner bei Scharlach, Cholera und organischen Krankheiten der Brust- und Unterleibsorgane, hektischen Fiebern rc. Bei der Gelbsucht erscheint der H. oft dunkel oder blutig- roth mit gelbem Schaum, infolge der Beimischung von Gallenfarbstoff; Zucker findet sich bei der Zuckerharnrnhr (Oiabotss), Blut und Eiter bei Erkrankungen und Verletzungen der H-organe, häufig findet man auch bei Neubildungen (Geschwülsten) dieser Theile Partikelchen derselben im H.; bei manchen Erkrankungen der H-organe finden sich dann wol massenhafte Epithelzellen der H-wege, Exsudat- (sog. hyaline) Cylinder, d.'h. Faserstoffgerinnungen, welche Abdrücke der H-ka- nälchen in den Nieren darstellen rc. Nach den neuesten Untersuchungen scheint es festzustehen, daß die Nieren nur die Absonderungsstätten des H-es aus dem Blute,' nicht die Bildungsstätte der specifischen H-bestandtheile sind. Ganz läßt sich aber eine Mitbethciligung der eigentlichen Drüscnzellen der Nieren, nämlich der Epithelzellen der H-kanälchen, nicht znrückweisen, da eine Erkrankung derselben die H-ansscheiLung stört. Bis jetzt hat man noch nicht positiv seststellen können, in welchen Theilen des Körpers sich die specifischen H>bestandtheile bilden. Der Vorgang bei der H-ausscheidung in den Nieren ist wahrscheinlich folgender. In den Gefäßknäueln der Niere (s. H-organe) steht das durch das zuführende Gesäß zugeführte Blut wegen des im Capillar- systeme des Knäuels gelegenen Hindernisses unter einem stärkeren Druck, es wird hier also auch eine stärkere Filtration aus dem Blute in die Kapsel stattfinden, d. h. es wird eine größere Menge Wasser u. der echt gelösten Bestandtheile der Blutflüssigkeit (Salze, H-stoff, Zucker rc.) in die Kapsel der Gefäßknäuel, dis Anfänge der H- kanälchen, austreten. Diese dünne Lösung trifft nun in den gewundenen H-kanälchen mit dem in den ansführenden Gesäßen der Gefäßknäuel, welche mit ihren Endverzweigungen diese Kanälchen umspinnen, enthaltenen consistenteren Blute zusammen, u. es wird nun zwischen diesen nur durch äußerst Lünne Wandungen geschiedenen Flüssigkeiten ein lebhafter endosmotischer Austausch stattfinden müssen, der nothwendig wieder zu einem Rücktritt von Wasser in das Blut führen muß, wodurch der H. erst seine gewohnte Concentration erhält. Von großem Einfluß auf die H-absonder- ung ist die Schnelligkeit des Blutstromes, die Höhe des Blutdruckes in der Liiere n. die Menge der im Blute enthaltenen difsnndirbaren Substanzen. Je mehr solcher Substanzen nämlich in den Gesäßknäueln durchfiltirt werden, desto mehr Wasser wird auch der H. in den folgenden Abschnitten der H-kanälchen zurückhalten. Die Schnelligkeit des Blutstromes u. die Höhe des Blutdrucks in den Nieren nimmt zu bei einer allgemeinen Zunahme dieser Factoren, z. B. nach reichlichem Trinken von kaltem od. warmen Wasser (Zuckerwasser, Lhee rc.), Milch, Limonaden, kohlen- sänrehalrigen Getränken (Selterswasser, Apollinaris rc.), Bier u. Wein u. durch erhöhte Herz- thätigkeit; ferner auch bei localen Ursachen, wenn der Blutabfluß aus der Niere gehemmt oder infolge Unterbindung eines größeren Gesäßes der Blutandrang nach der Niere vermehrt wird; dann auch bei Gebrauch der sog. harntreibenden Mittel. Eine sehr starke Vermehrung des Blutdruckes, wie man sie häufig in Krankheiten beobachtet, bedingt auch ein Übergehen der unecht gelösten Blutbestandtheile (Eiweiß, fibrinogene Substanz), oder, infolge des Zerreißens der Gefäßwände, von Blut (Blutkörperchen) in den H.; entgegengesetzte Einflüsse, Verminderung der Herzthätigkeit (bei Herzkrankheiten, Schwächeznständen) u. großer Wasserverlust des Körpers (nach starkem Schwitzen, starkem Durchfall, im Fieber n. bei großen Blutverlusten) bedingen eine Abnahme der H-menge. Der in den Nieren fortwährend abgesonderte H. fließt Lurch die Nierenkelche, Nierenbecken u. die H-leiter beständig in die H-blase ab, wo er sich ansammelt. Ein Zurückstauen des H-es aus der H-blase in die H-leiter verhindert unter sonst normalen Verhältnissen der schräge Durchtritt derH- leiter durch die H-blasenwandnng u. ihre schlitzförmige Öffnung am Grunde derselben, so daß bei Zunahme des Druckes in der Blase diese Mündungen stets geschlossen werden. In der H-blase, die im leeren Zustande znsammengefaltet ist, sammelt sich der H. so lange, bis dieselbe ganz ausgedehnt ist; der Ausfluß aus derselben wird verhindert durch die am Blasenhalse kreisförmig angeordneten Muskelvündel, die den Schließmuskel der H-blase, gptüuobsr vssioas, bilden, mehr noch durch einen Ring elastischer Fasern, beim Manne außerdem durch die Elasticität der Vorsteherdrüse. Die Menge H., welche die Blase fassen kann, ist eine bei den einzelnen Personen sehr wechselnde u. lassen sich darüber keine bestimmten Angaben machen. Bei krankhafter Hinderung des Abflusses kann sich die Blase bisweilen so mächtig aus- dehuen, daß sie bis über den Nabel hinausreicht u. bis zu mehreren Kilo H. enthält. Bei diesem längeren Verweilen in der H-blase geht der H. häufig in Zersetzung über, nimmt eine alkalische Reaction an, wird trübe und bildet einen, reichlicheren Bodensatz. Ist die Blase vollständig mit H. angefüllt, so stellt sich Drang zum H-lassen ein, u. es wird jetzt entweder der Verschluß der H- blase durch willkürliche Anspannung der die H-röhre umgebenden Muskeln verstärkt, der H. also noch in der H-blase zurückgehalten, od. es wird willkürlich die Entleerung der H-blase eingeleitet. Begünstigt wird das Zurückhalten des H-es in der H-dlase durch Sitzen mit vornüber gebeugtem Körper und zusammengezogenen Schenkeln. Die Entleerung des H-es geschieht durch die sich zusammenziehenden Längenfasern der H-blasenmus- knlatur, die den sogen. Ootrusor urinas bilden, u. die sich allmählich bis zum vollständigen Verschwinden des Hohlraums der H-blase znsammen- ziehen und den ganzen Inhalt der H-blase durch die H-röhre nach außen treiben, wobei sie durch Harimbsondcruug — die Banchpresse unterstützt werden. Während im gesunden Zustande Las H-lassen von einem Gefühle körperlicher Befriedigung u. Erleichterung begleitet ist, wird es in Krankheiten, bes. der H-blafe und der H-röhre, zuweilen äußerst schmerzhaft u. geht das« der H. unter wehenartigem Drängen oft nur tropfenweise ab (v/8nria u. in noch höherem Grade 8krau§uria). Zuweilen ist das H-lassen gänzlich unterdrückt (Isdmria) oder der Willkür entrückt (H-fluß, Inoonkinsutia nriuas). Ist der Strahl des H-es gedreht, gewunden, gespalten oder dünner als normal, so deutet das ans H- röhrenvcrengerung durch Narben (nach Gonorrhoe, syphilitischen Afsectionen), Neubildungen od. sonstige Hindernisse. E. Berns. Harnabsonderung, s. Harn. Harnblase, s. Harnorgane. Harnblasenbrnch (llsruia vooieas, griech. L^vroxrjll^), Lageverändernng der H-blase, bei der sie den Inhalt eines Bruches bildet (s. Bruch (Med.) 2, I.). Harnblasenkatarrh, s. Harnblasenkrankhciten. Harnblascnkrankhciten. Die wichtigsten sind: 1) Die Harnblasenblutnng (Hasmatnria, vssi- oalis). Dieselbe kommt zu Stande durch Verletzungen der Blase mit Instrumenten, durch Reizungen der Blasenschleimhaut bei Blasensteinen, durch Zerreißungen von neugebildeten, lockeren Gefäßschlingen bei Blasenpolypen, Krebs, durch Platzen von Blntgesäßausdehnungen bei Blasenhämorrhoiden, durch leicht zerreißliche Beschaffenheit der Blutge- säßwandnngen bei Bluterkrankheit, Scorbut rc. Die Erscheinungen bestehen in Abgang von Blut mit dem Urin u. ist zum Unterschiede von Nieren- blutnngen das Blut nicht ganz innig mit dem Urin vermischt — namentlich besteht der zuletzt entleerte mehr oder weniger fast aus reinem Blute, während der zuerst entleerte fast reiner Urin ist; immer sind zugleich im Urin die großen plattenförmigen Blasenepithelien in großer Menge vorhanden. Häufig entsteht Druck n. schmerzlose Empfindung in der Harnblasengegend u. Urindrang. Der Zustand erfordert ärztliche Behandlung. 2) Die Harnblasenfisteln sind Oefsnungeu der Harnblase nach außen hin, jodaß durch diese Öffnungen Urin abfließen kann. Sie sind entweder angeboren u. finden sich derartige Fisteln am häufigsten an der vorderen Wand der Harnblase in Form von Spalten, doch auch an der Hinteren Wand n. im letzteren Falle commnnicirt die Harnblase mit der Scheide (Blasen-Scheidenfistel) oder (bei Männern) mit dein Mastdarm (Blasen-Mast- darmfistel); od. erworben u. stellen bei Männern am häufigsten kanalartige Verbindungen zwischen Blase u. Mastdarm, bei Frauen loch- oder iäual- sörmige Verbindungen zwischen Blase u. Scheide dar. Die erworbene Blasenmastdarmfistel Hai ihren Sitz meist im Grunde der Blase n. es entleert sich Urin aus dem Aster, während anderseits Kothmassen in die Harnblase treten u. durch die Harnwege entleert werden. Die Ursachen der erworbenen Blasenmastdarmfisteln können sein: Steine in der Harnblase, Eiteransammlnngen zwischen Blase u. Mastdarm, Mastdarmkrebs, Mastdarmverletzungen. Die erworbene Blase n-Scheidensist el ist die von allen Blasenfisteln am hänf- Harnblascilkwilkheiten. 21 igsten vorkommende. Es findet fortwährendes Ab- tränfeln des Harns aus der Fistelöfsnnng statt. Der urinöse Geruch ist für die Umgebung, wie die Kranken meist fast unerträglich. Ursachen können sein: Quetschungen der Blase beim Geburtsacte, geschwürige u. brandige Zerstörungen der Scheide (Krebs), Verletzungen der Blase durch Schnitt n. Stich, in seltenen Fällen die Durchbohrung der Blase durch einen Blasenstein. Die Heilung jeder Fistel ist nur auf operativem Wege möglich. 3) Der Harnblasenkatarrh oder die Harnblasenentzündung (O^stütis). a) Der acute Harnblasenkatarrh entsteht bes. bei Erkältung u. Durch- nässung der Füße, durch inneren u. äußeren Gebrauch LerKanthariden u.des Terpentins, nach dem Genuß leicht zählender Getränke, wie junger Biere u. Weine (kalte Pisse), bei Harnverhaltung infolge von Harnröhrenverengerungen, Blasenlähmungen und namentlich auch nach Einbringung unreiner Katheter in die Harnblase rc. Die Veränderungen, welche mau beim acuten Katarrhe in der Blase findet, bestehen in mehr od. weniger rosiger Röth- ung der Schleimhaut, welche sehr häufig insulär ist n. sich besonders um die Einmünduugsstellen der Harnleiter findet, in Absonderung einer schleimigen, nicht selten mit Blutspuren vermischten Masse, in Schwellung u. Lockerung der Schleimhaut. Bisweilen kommt es zu Geschwürsbildnngen u. durch diese zu Durchbruch in benachbarte Höhlen, ferner zu Eiterbildungen in den Wandungen der Harnblase (Harnblasen-Abscesse). Der acute Katarrh geht entweder in Heilung über oder in die chronische Form. Je nach seiner Ursache ist er ein bald leicht, bald schwer zu beseitigender Zustand; leicht ist er zu beseitigen, wenn er durch Erkältung, durch Len Reiz von Kanthariden, durch den Genuß leicht gährender Getränke entstanden war; schwer in typhösen Zuständen, und wenn er durch unreine Katheter entstanden ist. Die Erscheinungen bestehen in einem dumpfen Schmerze in der Harnblasengegend mit fortwährendem Urindrange und strahlt der Schmerz nicht selten in die Schenkel, in die Harnröhre, die Hoden und nach den Nieren zu aus. Sehr häufig ist damit Fieberfrösteln, bisweilen selbst ein vollständiger Frostanfall, dem erhöhte Temperatur ü. Vermehrung der Pnlssre- quenz folgen, verbunden, der Appetit gestört, die Zunge schleimig belegt. Der Harndrang ist bisweilen äußerst stark und anhaltend und gleichwol werden immer nur wenige Tropfen Urin u. zwar unter Brennen in der Harnröhre entleert. Der Urin ist anfangs sauer, macht einen schleimigen Niederschlag, nach einigen Tagen wird er alkalisch, macht einen eitrigen Niederschlag u. riecht nicht selten sehr übel. Geht der Katarrh in Genesung über, so schwindet allmählich der Harndrang u. zwar meist unter Neigung zu Schweißen, der Urin wird ohne Schmerzen entleert rc. und der Kranke ist nach 2—3 Wochen wieder gesund. Immer aber bleibt eine Neigung zu ferneren Erkrankungen an Blasenkatarrh zurück, die sich schon bei geringfügigen Veranlassungen bemerkbar macht. Die Behandlung besteht bei dem Lurch Erkältung entstandenen acuten Blasenkatarrh in Schwitzen, heißen Breiumschlägen auf die Blasengegend und in reichlichem Trinken von Leinsamen- od. Malven- 22 Harnblasenkrankheiten. thce; beim Blasenkatarrh durch den Genuß leicht gährender Getrünke in Darreichung von Soda- od. besser Wildunger Wasser. Sind die Schmerzen auch nicht sehr heftig, so ist ärztliche Behandlung doch nöthig. Bildet sich eine starke Ansammlung von Urin in der Blase, so ist unverzüglich der Urin niit dem Katheter zu entleeren u. die Entleerung so oft vor- znnehmen, als die ausgedehnte Blase fühlbar wird. Geschieht dies nicht, so kann es zum Platzen der Blase u. Erguß des Urins in die Bauchhöhle od. zu Vergiftung durch Wiederaufnahme des (zersetzten) Harns in die Blutmasse kommen, zwei Eventualitäten, die immer den Ansgang in den Tod nehmen, b) Der chronische Harnblasenkatarrh ist eine ebenso häufige Krankheit wie der acute u. ein äußerst hartnäckiges Übel. Er entsteht am häufigsten durch Vernachlässigung des acuten Katarrhs, durch Fortpflanzung eines chronischen Harnröhrenlrippers auf die Blasenschleimhaut, durch Harnstauungen in der Blase bei Harnröhrenverengerungen u. durch den Reiz von Steinen in der Harnblase. Man findet die Schleimhaut schiefergran u. zwar meist insulär, die Blasen- wäudemehr od. weniger erheblich verdickt, die Blasenhöhle verkleinert od. die Blasenwände verdünnt u. die Blasenhöhle erweitert, in der Schleimhaut nicht selten Geschwüre u. zottenartige Wucherungen an den Geschwürsräudern, der Inhalt der Blase besteht aus einer gallertartigen od. höchst übelriechenden eitrigen Masse. Sehr häufig ist zugleich die Vorsteherdrüse angeichwollen, verdickt u. verhärtet. Die Erscheinungen des chron. Harnblasenkatarrh bestehen in einem unangenehmen, des. nach dem Genuß von Bier u. anderen alkohol. Getränken bemerkbaren Druck in der Blasengegend mit mäßigem Harndrang; der Urin wird meist unvollständig entleert u. stauet sich gern in der Blase an. Seine Entleerung ist mühsam, seine Reaction in schlimmeren Fällen alkalisch. Im letzteren Falle verbreitet er einen pestilenzialischen Gestank, im er- steren ist er entweder noch schwach sauer od. neutral. Läßt man den Urin im Nachtgeschirre stehen, so senkt sich alsbald ein mehlartiger, weißlicher, gelatinöser Niederschlag zu Boden, der ans Eiter u. Epithelzellen der Blase besteht. Sind Geschwüre in der Blase vorhanden, so enthält der Urin Blutspuren, ja selbst größere Mengen Blut. Die Krankheit kann sich viele Jahrehinziehen u.beiVerschwär- ung der Blase selbst zum Tode führen; bei sorgfältiger Kur kann Genesung erfolgen. Zu einer solchen gehört aber vor Allem eine wohlangepaßte Diät. Der Kranke muß sich absolut aller alkoholischen Getränke enthalten, diesalzigenu.gewürztenSpeisen, ja selbst eine zu reichliche Fleischkost meiden, da letztere den Urin zu stark harnstoffhaltig macht, stets eine sehr warme Kleidung, am besten eine wollene Binde um den Unterleib, tragen rc. Als Getränk benutze er Wildunger, Biliner oder Selterswasser. Eine recht gute Wirkung hat der kurmäßige Gebrauch des Wildunger Wassers in Wildungen selbst. Die weitere Behandlung dieser Krankheit ist Sachs des Arztes. 4) Der Har'n- blasenkrampf s. unter Blasenkrampf. 5) Der Harnblascnkrebs (Oaroinoma, vssicas). Er ist in den meisten Fällen eine Fortsetzung von Krebs eines Nachbarorgans, besonders des Mastdarms u. der Gebärmutter, nur selten nimmt en seinen Ursprung von der Blase selbst. Die Erscheinungen bestehen in häufigen u. copiösen Blutungen aus der Harnblase u. in dein Eintritt jener fahlen Gesichtsfarbe, die dem Krebskranken eigen- thümlich ist. Bei der Untersuchung durch den» Mastdarm und die Scheide fühlt man leicht die krebsige Verwachsung dieser Organe mit der Blase, während der primär in der Blase entstandene u. meist aus langen Zotten bestehende Krebs sich' nicht selten durch Anwesenheit von Zottenpartikelchen im Urine mit Bestimmtheit erkennen läßt. Der Harnblasenkrebs ist unheilbar. Dem Arzte bleibt nichts übrig, als Schmerzen durch Opium, Blutungen durch Eiswassercompressen auf die Blasengegend zu mildern n. den Kräftezustand des Kranken durch eine möglichst nahrhafte Kost zu unterstützen. 6) Die Harnblasenlähmung (Ineon- tinsutia nrinns und Isoirnrin xarahckioa). Die Harnblase ist ein muskulöses Organ. Ist dieselbe leer, so findet man die Muskelfasern zusammengezogen, die Blasenwand bis 1 cm verdickt, die Blasenhöhle bis auf ein Minimum verschwunden; bei der Anfüllung dehnt sich die Blase aus und bildet eine Höhle, die Vz—b^z^^ssen im Stande ist. Sind die Muskelfasern gelähmt, so findet keine Zusammenziehung der Blase statt, der Urin häuft sich demzufolge in der Blase an (Harnverhaltung), n. bildet die letztere nicht selten eine kolossale runde harte Geschwulst im Unterleibs. Da selten auch das Gefühl in der Blaseumusknlatur verloren gegangen ist, so haben in solchen Fällen die Kranken häufig keine Ahnung von der enormen Urinansammlung in ihrer Blase. Bisweilen sind nur die Kreisfasern, die um den Eingang der Blase circulär verlaufen u. den Schließmuskel der Blase bilden, gelähmt, während die übrigen Muskelfasern, die des Blasenkörpers selbst, sich noch normal zusammenziehen. In einem solchen Falle fließt der Urin fortwährend abtröpfelnd ab, ein Zustand, den man häufig bei alten Leuten antrifft. Die Ursachen der Harnblasenlähmung liegen theils in allgemeiner Lähmung, wie sie in hohem Aller, in schweren Krankheiten und bei manchen Hirn- und- Rückenmarkskrankheiten (z.B NUckenmarksjchwind- sucht) beobachtet wird, theils sind sie rein localer Natur. So entsteht die Harnblasenlähmnng im letzteren Falle nicht selten plötzlich durch zu langes Anhalten desUrins beiSpielern, Gelehrten, bciFranew in Kaffegesellschaften u. in genirlen Verhältnissen. Bisweilen liegt ein organ. Blasenleiden (chron. Katarrh, Blasensteine rc.) zu Grunde. Die Erkennung der Krankheit ist leicht. Den Patienten wird es schwer, den Urin aus der Blase zu pressen n. müssen sie zu diesem Behufs stark drängen — gleichwol erfolgt die Entleerung nicht in kräftigem Strahle; bei höheren Graden der Krankheit tröpfelt der Harn fortwährend ab, besudelt die Wäsche u. sind solche Kranke schon durch den urinösen Geruch ihrer Beinkleider rc. kenntlich. Untersucht man die Blase mit dem Katheter, so findet sich stets, daß sich die Blase niemals vollständig entleert und fließt aus dem eingefuhrten Katheter stets noch eine mehr od. minder große Menge Urin ab. Die Heilbarkeit richtet sich nach den zu Grunde liegenden Ursachen. Sind diese nur örtliche n. lassen sie sich beseitigen, Harnblascnnervcn — Harnisch. 23 z. B. bei einer Überausdehnung der Blase, so ist auch die Harnblasenlähmung heilbar; namentlich ist in solchen Fällen eine häufige Entleerung der Blass durch den Katheter vorzunehmen u. ist der Katheter das beste Anregungsmittel der Blase zur Znsainmenziehung. Wo Rückenmarksschwindsucht, Geisteskrankheit, allgemeine Paralyse rc. vorhanden ist, kann auf eine Beseitigung des Übels nicht gehofft werden u. beschränkt sich der Arzt in solchen Fällen aus die häufige Anwendung des Katheters, um größere Harnansammlungen u. deren Folgen (s. Harnvergiftung) zu verhindern. 7) Die Harnblasenpolypen bilden schmale, verzweigte, bis einen Zoll lauge Zotten, welche aus einer Schleimhautstelle der Harnblase emporwuchern u. in ihren: Innern eine weite Blutgefäßschlinge haben. Sie sind nicht zu verwechseln mit dem bisweilen in der Harnblase vorkommenden Zottenkrebse, welcher zu den bösartigen Neubildungen der Harnblase gehört. Auch die Blascnpolypen (papillärenFibrome), veranlassen wie die Zottenkrebse copiöse Blasenblutungen u. erschöpfen leicht Len Kranken. Die Erkennung geschieht durch die mikroskopische Untersuchung mit dem Urin ausgeschwemmterkleiner Partikelchen der Neubildung. Die Behandlung erstreckt sich auf Stillung der Blutungen durch Eiswassercom- pressen u. zusammenziehende Einspritzungen in die Harnblase. 8) Harnblasensteine s. Harnsteine. 9) Die Harnblasenunempfindlichkeit, Anacst- hesie der Blase, nächtliches Bettpissen (Lnu- rssis nocturna). Diese am häufigsten bei Kindern vom 8.—12. Lebensjahre vorkommende Krankheit, die nicht zu verwechseln ist mit der allerdings auch in diesem Alter vorkommenden Nachlässigkeit, besteht in einer Unempfänglichkeit der Blase aus Reize u. ist eine Nervenkrankheit. Der Kranke fühlt den Reiz des augesammelteu Urins nicht od. wenigstens nicht so deutlich, daß er davon vom Schlafe auswacht. Gleichzeitig Pflegt aber auch eine Schwäche des Schließmuskels der Blase zu bestehen, sodaß derselbe schon bei einem geringen Urindrucke in der Blase nachgibt u. die Blase sich öffnet. Die Entleerung des Urins erfolgt häufig schon wenige Stunden nach dem Zubettegehen. Die Krankheit verschwindet in der Regel im 14.—15. Jahre von selbst, nur wenige Kranke bleiben auch weiterhin Bettpisser. Die Behandlung besteht vorzugsweise in der häufigen Einführung des Katheters, La durch diesen ein günstig wirkender Reiz aus die Blase ausgeübt u. auch der Schließmuskel zu kräftigerer Zusammenziehuug angeregt wird. Zugleich ist dafür zu sorgen, daß die Blase vor dem Zubettegehen gehörig entleert wird, daß der Kranke ca. 2 Stunden vor dem Schlafengehen nichts trinkt, daß er wennmöglich nach einigen Stunden zur Urinent- leerung geweckt wird. In der kstux, vomioa besitzen wir außerdem ein Mittel, in vielen Fällen wirksam gegen das nächtliche Bettpissen entschreiten zu können. Kunze. Harnblasennerven, s. Harnorgane. Harnblasenspaltung, Harnblasenvorfall (Invorai.» s. l?rokap8U3 vsoicas), seltener Bild» uugsschler, wobei die Harnblase vorn gespalten u. die Schobknochenverbindiiitg unvollkommen geschlossen ist. Über derselben zeigt sich die innere Fläche der Harnblase als eine Platte, röthliche, weiche, halbkugelige, immer feuchte Geschwulst, au deren unterem Ende die Mündungen der Harnleiter immerfort Harn auslräuseln. Die Behandlung derselben ist eine sehr mißliche u. meist erfolglose, meist wird man sich darauf beschränken müssen, den Harn in einem passend angebrachtem Gefäße auszufangen. Harnblasensteine, s. u. Harnsteine. Harnblasenstich (ünnetio vsoioao), in hartnäckigen Fällen von Harnverhaltung das einzige Mittel zur Entleerung des Harns. Der Harn wird durch einen eiiigestoßenen Troicar entleert. Harnett, County im Nordamerika!!. Uuionsst. NCarolina, 35° n. Br. u. 78° w. L.; 8895 Ew. Countysitz: Summerville. Harnfistel, eine widernatürliche Verbindung zwischen einzelnen Theilen der Harnwege, besoud. der Harnblase od. der Harnröhre, u. der äußeren Haut oder einem benachbarten Schleimhantsystem, z. B. der Scheide beim Weibe, durch welche der Harn beständig nach außen abfließt. Stets sind es sehr lästige, ekelhafte Leiden, deren Heilung oft aus sehr große, ja unüberwindliche Schwierigkeiten stößt. Harngeist, gefaulter u. destillirter Harn. Er ist sehr reich au Ammon u. wird zur Fabrikation von dessen Salzen in der Dllugerfabrikation benutzt. Harngries, s. Gries. Hornhaut (Anat., so v. w. Allautois, Bd. I-, S. 440. Harninfiltration, Erguß von Harn aus den Harnorgauen, u. zwar besoud. aus den Nierenbecken, der Harnblase u. der Harnröhre in umgebende Gewebe infolge von Verletzungen durch Schnitt, Quetschung oder Durchbohrung von Steinen. Am häufigsten ist die H. am Mittelfleische bei Fisteln der Harnröhre u. beim Steinschnitte u. gehört zu den unangenehmsten Vorkommnissen. Harnisch) (Panzer, Küraß), derjenige Theil der in früheren Zeiten üblichen Rüstung, welcher den Oberkörper gegen Hieb u. Stich schützen sollte. Harnisch, Christian Wilhelm, bedeutender Pädagog, geb. 28. August 1787 zu Wilsna im Braudenburgischeu; stndirte seit 1806 in Halle u. Frankfurt a. O., wurde 1812 erster Lehrer am Schullehrerseminar in Breslau u. 1822 Director des Seminars in Weißenfels; machte sich dort um Hebung des Volksschulwesens verdient u. wurde 1842 Pfarrer zu Elbei bei Magdeburg; später emeritirt st. er 15. Aug. 1864 in Berlin. Er schr.: Die deutschen Volksschulen, Berl. 1S12; Der Schulrath an der Oder, Bresl. 1814; Ünterricht in der deutschen Sprache, Berlin 1818, 4 Bde.; Darstellung und Beurtheilung des Bell-Laucaster- Schulwesens, ebd. 1819; Das Turnen, ebd. 1819; Schlesien, ebd. 1820; Geschichte des Turn- wesens, ebd. 1820; Handbuch für das deutscheVolks- schulwesen, Lpz. 1820, 3. Ausl. 1839; Land- u. Seereisen für die Jugend, ebd. 1821—32,16 Bde.; Die Raumlehre, Bresl. 1822, 2. Aust. 1837; Der Himmelsgarteu, ebd. 1824 n. Aust. 1839; Das preußischeSachsenlanL, Weißens. 1827, 2Bde.; Die deutsche Bürgerschule, Halle 1830; Anweisung zum deutschen Sprachunterricht, Bresl. 1831; Vollständiger Unterricht im evang. Christenthum, Halle 1831, 2 Bde.; Entwürfe u. Stoffe zu Unter- 24 Harnlassen — rcdungenüberLutherskleinen Katechismus, Weißens. 1834—40, 3 Thle., n. A. 1841—45; Frisches u. Firnes zu Nach u. That, Eisl. 1835—39, 3Bde.; Betrachtungen über Luthers kleinen Katechismus, Brannschw. 1836; Das Wsißenfelser Schullehrer, seminar, Berk. 1838; Briefe au meine Tochter, ans einer Reise durch Böhmen rc., Essen 1841, u. v. A.: Die Geschichte des Reiches Gottes aufErdeu, ü.Anfl. Halle 1844; Mein Lebensmorgen, herausgeg. von Schmieder, Berk. 1865. Harnlaffcn, s. Harn. Harnleiter, s. Haruorgane. Harnorgane (Organa, nroposkioa), die zur Absonderung u. Ausscheidung des Harns aus dem Körper dienenden Organe, welche ein zusammen- hängendes Ganze, den Harnapparat, bilden u. zusammengesetzt sind aus einem Absonderuugs- organ, den Nieren mit den Harnleitern, einem Sammelbehälter, der Harnblase, u. einem Aus- sührungsgang, der Harnröhre. Die Nieren (Ronos, s. Tasel Eingeweide Fig. 1 g u. Fig. 6), zwei bohnenförmige, bräunliche bis rothbraune, ziemlich derbe und resistente Gebilde mit' glatter Oberfläche liegen in der Bauchhöhle hinter dem Bauchfellraume zu beiden Seiten des 1. bis 3. Lendenwirbels, die rechte unterhalb der Leber u. etwas tiefer als die linke, die unter der Milz liegt, in einem lockeren, aber n. das befand. bei wohlgenährten Personen ziemlich fettreichen Bindegewebe, Nierenfcttkapsel (Oapsula alliposa rsnis, die bei den Thieren das so beliebte Nierenfett liefert), welches gleichzeitig dazu dient, die Nieren in ihrer Lage zu erhalten. An ihrem nach der Lendenwirbelsäule gerichteten kleinern concaven Rand findet sich ein Ausschnitt (Hilus) als Ein- u. Austrittsstelle für die Nerven, Blutgefäße u, die Harnleiter. Sie haben einen glatten serösen Überzug, der sich von gesunden Nieren leicht abziehen läßt, u. bestehen auf dem Durchschnitt (s. die Tafel Fig. 6) aus einer äußeren rothbraunen Gefäß- oder Rindensubstanz (8ul>- stantia vasoulosa, s. oortäoalis), in der außer den Gefäßknäueln und den gewundenen Harnkanälchen der größere Theil der Blutgefäße sich verästelt, u. einer inneren Heller gefärbten Röhrenoder Marksubstanz (Lubstankia, tubuloss, s. msänl- laris, auch Niereumark genannt), die zum bei weitem größten Theil aus den geraden und den rücklaufendeu Harnkanälchen gebildet wird. Die Gefäßkuäuel der Niere (Olomoruli LlalxiAll- ia.nl, Nierenkörperchen, Niercnkörnchen), mikroskopisch kleine rundliche Körperchen in der Rindensubstanz, die sich dort in zahlloser Menge vorfinden, sind die Anfänge der Harnkanälchen (Pubuli uriniksri) und bestehen aus einer dünnwandigen, häutigen, im Innern mit einfachem Plattenepithel bekleideten Kapsel, in welche ein Zweig der Niereu- arterie, das znführende Gefäß (Vas aüsrsns), ein- tritt, sich darin in ein Capillargefäßnetz anflöst, das sich wieder zu einem einfachen Stamme, dem ausführenden Gefäß (Vas otksrons), vereinigt, das an derselben Stelle die Kapsel wieder verläßt. Aus jedem Gesäßknäuel tritt, der Ein- u. Austrittsstelle der Gefäße gegenüber, ein Harnkanälchen aus, dessen gewundener Ansaugstheil (Palmins oontortns) noch in der Nindensnbstanz liegt, dann Haruorgane. als gerades Harnkanälchen (Pulmlas rsotus) in die Marksubstanz eiutritt, um in derselben früher oder später, schlingensörmig nmznbiegen (die 4nsa lllerüsi bildend) u. zur Rindensubstanz zurllckzulau- fen, wo sich mehrere von ihnen unter mannigfachen Krümmungen zu einem stärkeren Stämmchen vereinigen. Diese unzähligen, mikroskopisch kleinen Stämmchen treten wieder in die Marksubstanz ein u. vereinigen sich, indem fortschreitend je zwei unter sehr spitzem Winkel zusammentreten, gegen die Spitzen der Markmasse zu einer auch noch ziemlich großen Zahl größerer Stämmchen, welche au der Spitze der Marksubstanz endigen. Diese Marksubstanz besteht eigentlich nur aus diesen durch spärliches, wenig Blutgesäße enthaltendes Bindegewebe zusammeugehaltenen Harnkanälchen u. zerfällt in 10—15 dreiseitige Pyramiden, Mal- pighischePyramiden (i>zwainjäosNaIxi§liiani), welche durch vom äußeren Rand zwischen sie eindringende Theile der Rindensubstanz (oolumnas Lertini) von einander getrennt werden. Die Malpighischen Pyramiden bestehen selbst wieder aus einer Anzahl kleinerer Pyramiden (?/ra- niiäss lssrreinU), entsprechend der Anzahl der Öffnungen an der Nierenwarze (s. u.), da jedes dort mündende Harnkanälchen mit seinen Verästelungen eine solche Pyramide für sich bildet. Die nach dem Hilus der Niere sehenden abgerundeten Spitzen der Malpighischen Pyramiden, die Nieren- wärzchen (l?apillao renales, s. Tafel Eingeweide Fig. 6 s) sind von kurzen häutigen Schläuchen, Nierenkelchen (oaliess rsnalss), umgeben, in welche sie wie Pfropfen hineinragen (s. Fig. 6ä); diese Nierenkelche vereinigen sich zum Nierenbecken (?slvis rsnalis, s. die Fig. 6 s), das im Hilus hinter den Blutgefäßen liegt u. sich trichterförmig verengernd in den Harnleiter (Ilrskor, s. Fig. 6 k) übergeht, der an der vorderen Fläche der hintern Bauchwand hinabsteigt u. in der Douglas- ischen Falte des Bauchfells (s. Bauch) zum Grunde der Harnblase hinabzieht. Ihr Blut erhalten die Nieren aus der aus der Bauchaorta stammenden Nierenarterie (Arksria rsnalis s. die Taf. Fig. 6§ u. Fig. 1, 5), die am Nierenhilus Len fibrösen Überzug derselben durchbohrend u. sich in mehrere Äste theilend, zwischen den Malpighischen Pyramiden zur Nindensnbstanz verläuft u. dort an alle Gefäßknäuel die zuführenden Gefäße abgibt. Die aus diesen Gefäßknäueln ansteckenden ansführenden Gefäße (s. oben) lösen sich in Capillarnetze auf, aus denen die in die untere Hohlader ein- mllndendeNierenvene (s. Tafel Eingeweide Fig. 6 Ist) sich bildet. Die Nerven der Nieren stammen aus dem Samengeflecht des Gangliennervensystems. Die Harnblase (Vssisa urinaria, Tafel Eingeweide Fig. 2i, Fig. 4k, Fig. 5§), ein ziemlich ovaler, häutiger Behälter, liegt in der Höhle dos kleinen Beckens dicht hinter der Schambeinvereinigung, über die sie im gefüllten Zustande mit ihrem obersten Theile,dem Scheitel (Vsrlsx), hinüber» ragt, grenzt nach hinten beim Manne an den Mastdarm (s. die Tafel Fig. 4 s), beim Weibe au die Gebärmutter und die Scheide (Fig. 5 g—n), hängt nach oben durch das von ihrem Scheitelausgehende mittlere Harnblasenban d, den Rest des Urachus beini Foetus (s. Em- 25 Harnröhre - bryologie), und zwei von ihren Seiten ausgehende seitliche Harnblasenbänder (die oblilerirten Nabelarterien des Embryo) mit dem Nabel zusammen. Ihr unterer weiter Theil heißt Harnblasengrund (i?nnäu8 vssioas). der zwischen Grund n. Scheitel liegende Theil Körper <6orpus vssioas), u. die Stelle, wo die Harnröhre abgeht, Harnblascnhals (Oollnm vsnioao). Ain Blasengrnnde münden die Harnleiter mit spaltförmigen Öffnungen. Die Wandungen der Harnblase bestehen aus einer inneren, ein mehrschichtiges Pflasterepithel tragenden Schleimhaut, die bei leerer Blase sich in Falten legt, einer ans längs- und qusrverlaufenden Fasern bestehenden Mnskelschicht n. einem die Hinteren u. seitlichen Wandungen n. den Scheitel überziehenden Bauchfellüberzng (s. Bauch). Die Harnröhre (ilrstüira), der Aus- führnngsgang der Harnblase, dient beim Manne auch noch zugleich als Entleerungsweg des Samens n. hat daher einen ganz anderen Bau u. größere Bedeutung als die sehr kurze u. gerade weibliche Harnröhre (s. Fig. Sk), welche zwischen den kleinen Schamlippen und zwischen Kitzler und Scheideneingang endet. Die männliche Harnröhre ist 15—18 em lang und einer bedeutenden Ausdehnung fähig, durchbohrt mit ihrem engen An- fangstheil (karg proatatüea) die Vorsteherdrüse u. trägt hier an ihrer unteren Fläche den Samenhügel (6oIIienin8 osminalia), an dessen Seiten die beiden Ausspritznngskanäle (s. Geschlechtsorgane L.) und die Ausfllhrungsgänge der Vorsteherdrüse münden; mit ihrem mittleren häutigen Theile (ks.r8 msmbranaosa) schlägt sie sich um den unteren Rand der Schambeinvereinigung nach oben, während ihr Endtheil (?ai8 vavsrncws,) von einem eigenen Schwellkörper umgeben ist, der mit einer zwiebelsörmigen Anschwellung, Harnröhrenzwiebel (Lnlbus nrstüirag), beginnt u. mit der Eichel (s. Geschlechtsorganes) endigt. Sie besteht aus einer Cylinderepithel tragenden u. an elastischen Fasern reichen Schleimhaut, einer Schicht längs- und querverlaufender glatter Muskelfasern u. einer sie mit ihrer Nachbarschaft verbindenden fettlosen Bindegewebsschicht. Einen gleichen Ban hat die weibliche Harnröhre. Die Arterien der Harnblase (Artorias vs8iea1s8) stammen auS der Beckenarterie (s. d.) u. verästeln sich besonders zahlreich am Grunde derselben und um den Anfangstheil der Harnröhre; ihre Venen bilden um letzteren ein besonders starkes Geflecht u. ergießen sich in die Beckeuvene; ihre Nerven stammen aus den unteren Geflechten des Gangliennervensystems. Die Arterien der Harnröhre stammen aus der gemeinschaftlichen Schamarterie, einem Aste der Beckenarterie; ihre Venen ergießen sich durch das Schamgeflecht n. die Schamvene in die Beckenvene; ihre Nerven stammen ans den inneren Schamnerven (aus dem Schamgeflecht der Krenzbeinnerven) n. den untern Beckengeflechten des Gangliennervensystcms. E. Berns. Harnröhre, s. Harnorgane. Harnröhrenentzündung, so w. v. Gonorrhoe. Harnröhrenschnitt (Ilrstbrotomin), s. Harn- röhrenverengernng n. Harnröhrcnsteine. Harnröhrenstcine, Harnsteine in der Harnröhre, entweder kleinere Harnsteine oder Trümmer ^ — Harnsäure. von Harnsteinen, die aus der Harnblase in die Harnröhre gelangt sind u. sich dort, bcs. hinter einer verengten Stelle, festgesetzt haben, oder Harnsteine, die sich um fremde Körper in der Harnröhre, z. B. Nadeln, Ringe, abgebrochene Katheter- stllcke rc. gebildet haben. Wegen der Beschwerden beim Harnlassen n. der von ihnen erregten Entzündung, dis leicht zur Bildung einer Harnröhrenfistel führen kann, müssen sie möglichst schnell ansgezogen (extrahirt) werden, entweder durch in die Harnröhre eingeführte Instrumente (Zangen rc.) ober nach Eröffnung der Harnröhre mit dem Messer (Harnröhrenschnitt). E. Berns. Harnröhrcnliercngerung (Strioburs, nretb- ras), ist entweder durch Geschwülste (z.B. Karnickeln der angeschwollenen Vorsteherdrüse), die in die Harnröhre hineinragen, oder durch fremde Körper (Ltriotnra msoimnios.) oder durch Veränderungen in dem Bau derselben selbst bedingt (Lbrietnrg, orAnnioa). Letztere Art der H. entsteht häufig nach Verletzungen, Quetschungen od. Entzündungen der Harnröhre, bes. nach der Gonorrhoe (s. d.), u. man beobachtet dabei nicht selten mehrere Verengerungen von wechselnder Gestalt, Lage u. Größe hintereinander. Der Harn kann dabei nur mit Beschwerden u. zuweilen Schmerzen u. unter starker Anstrengung der Bauchpresse oder Druck auf den Unterleib gelassen werden. Der Harnstrahl ist dabei häufig doppelt (gespalten), gedreht, gewunden, sehr dünn, oder der Harn träufelt nur langsam ab, oder kann endlich bei den hochgradigsten Verengerungen gar nicht mehr gelassen werden (Harnverhaltung). Da dieses Leiden, sich selbst überlassen, stets weiter fortschreitet u. lebensgefährlich wird, so ist stets recht frühzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Behandlung besteht in Erweiterung durch das Einfuhren von Bongies oder Kathetern, durch Kauterisation; in schwierigen Fällen muß die verengte Stelle mit dem Messer erweitert werden (Harnröhrenschnitt). Bei vollständiger Harnverhaltung kommt der Harnblasenstich (s. d.) in Frage. Die krampfhaften H-n gesellen sich häufig zu den organischen, besonders nach Excessen im Essen und Trinken, sind stets vorübergehender Natur und erfordern nur ein ruhiges Verhalten. E. Berns. Harnröhrcnzwiebel, s. Harnorgane. Harnruhr, s. viabstss. Harnsäure, Blasensteinsäure, 6zII^,0z, findet sich theils frei, theils in Form von Salzen im Harne des Menschen u. der Säugethiere, u. zwar bes. der fleischfressenden Säugethiere; ihr saures Ammonsalz bildet den Hanptbestandtheil des Harns der Vögel, der Excremente der Schlangen, Schildkröten, Leguane, der Schmetterlinge, vieler Käfer u. Raupen, u. einiger Helixarten. Außerdem ist sie enthalten in den Gichtknoten, in der Leber, Lunge, Milz, im Blute und wahrscheinlich in der Pankreas u. im Gehirn. Der Harn des Menschen enthält unter normalen Umständen so wenig harnsaure Salze, daß diese auch nach dem Erkalten gelöst bleiben und erst nach dem Ansäuern mit Salzsäure sich krystallinisch ausscheiden. Bei größerer Secretion der H. Lurch die Nieren bilden sich in der Harnblase Eoncrelionen in Form von ^Harngries ob. Harnsteinen. Als allgemeiner Be- 26 Harnschneller standtheil des Harns der Wirbelthiere ist die H. ein höchst wichtiges Product der regressiven Metamorphose der stickstoffhaltigen Bestandtheile der Körpergewebe. Am zweckmäßigsten wird die H. aus den Schlangenexcrementen oder dem Guano dargestellt. Sie ist ein weißes, geruch- und geschmackloses, mikroskopisch-krystallinisches Pulver, in Wasser schwer löslich, unlöslich in Alkohol und Äther, leicht löslich in concentrirter Schwefelsäure. Die Lösung in Salpetersäure hinterläßt beim Verdampfen einen gelben Rückstand, der durch Kalilauge violett, durch Ammoniak purpurroth gefärbt wird (äußerst empfindliche Reaction auf H., Mur- exidreaction). Die H. ist eine schwache, zweibasische Säure; sie gibt mit den Metallen der Alkalien und alkalischen Erden zwei Reihen von Salzen, je nachdem ein oder zwei Atome Wasserstoff vertreten werden. Die ersteren, die einbasischen Urate, bilden sich bei der Einwirkung von kohlensauren Alkalien, die zweibasischen nur bei der Einwirkung der basischen Hydrate; sie verlieren durch Einwirkung von Kohlensäure die Hälfte ihres Metalls. Das saure Harnsäure Natron ist ein Bestandtheil des Fieberharnsedimentes neben saurem harnsaurem Ammon (Hauptbestand- theil der Schlangenexcremente) u. freier H. Der amorphe saure harnsaure Kalk findet sich in den Gichtknoten, auch in Harnsedimenten und Harnsteinen. Bei trockener Destillation liefert die H. kohlensaures Ammon u. Blausäure, Cyanammonium, Harnstoff, Cyannrsäure u. a. m., u. stickstoffhaltige Kohle. Mit concentrirter Jodwasserstoffsäure auf 160° erhitzt, zersetzt sie sich in Kohlensäure, Jodammonium u. Glycocoll. Beim Kochen mit Kalilauge bildet sich Uroxansänre; beim Schmelzen mit Kalihydrat Cyankalium, cyansaures Kali u. kohlensanres Kali. Durch energische Sauerstoffwirkung entsteht in saurer Flüssigkeit Paraban- säure, durch gemäßigte Oxydation hingegen Alloxan, Harnstoff, Mesoxalylharnstoff. Bleisuperoxyd, Fer- ridcyankalium, übermangansaures Kali bewirken die Bildung von Allantotn. Broglie. HarnschnellersNusonlus aeoslsratornrinas, 8. Ll. bulboenvsrnosns), ein Muskel, der die männliche Harnröhre nach ihrem Durchtritt unter der Schambeinvereinigung umgibt n. durch seine Zusammenziehung den Rest des Harns beim Harnlassen ans der Harnröhre austreibt u. auch beim Ausspritzen des Samens beim Zengungsact mitwirkt (daher Djaerüator ssminia). Harnsteine (Orrleuki vsmoalss), harte, steinartige Gebilde von wechselnder Größe, Gestalt, Farbe u. Zusammensetzung, die sich in den Harnwegen, am häufigsten im Nierenbecken und der Harnblase vorfinden. Über ihre Entstehung und ihre Ursachen ist noch wenig bekannt, kein Alter schützt vor ihnen, aber auch keines präoisponirt dazu; bei Männern kommen sie viel häufiger zur Beobachtung wie bei Weibern, da bei letzteren die weitere, dehnbarere u. viel kürzere Harnröhre den Austritt auch schon etwas größerer Steine gestattet. Sicher ist, daß die Lebensweise auf die Entstehung der H. einen großen Einfluß hat; so findet man sie in manchen Gegenden u. bei Leuten, die vorwaltend von Fleischnahrnug leben, viel häufiger als in anderen Gegenden u. bei solchen Leuten, — Harnsteine. die sich hauptsächlich von Pflanzenkost nähren. Sie bilden sich durch Niederschläge aus dem längere Zeit in der Harnblase verweilenden Harn (z. V. bei Lähmung der Harnblase, Harnröhrenverengerung, Anschwellung der Vorsteherdrüse und ferner bei Blasenentzllndung) od., u. das meistens, durch Ablagerung von Salzen um einen in der Blase befindlichen Kern, z. B. in sie geschwemmte Steine ans dem Nierenbecken, um Schleimklümpchen, Blutgerinnsel, Eiter oder zufällig in die Blase gelangte Fremdkörper (Nadelbüchse, Kornähre, Knochensplitter bei Verletzungen rc.). Ein in Ägypten häufig beobachteter Kern der H. sind die Eier eines im Blute des Pfortadersystems (also auch der Blasenvenen) lebenden Wurmes (Owtoma. IrasmatodiniL), die, wenn sie nach Verletzung der Gefäße in die Harnblase gelangen, dort zur Stein- bildnng Veranlassung geben. Die Größe der H. ist sehr verschieden, von dem kleinsten sandsörmigen, dem Harngries an, findet man deren von Erbsen-, Bohnen-, Hühnerei- u. Mannsfaustgröße, ja selbst darüber bis zum Gewichte etlicher Pfunde. Ihre Anzahl wechselt sehr, meist ist nur ein Stein vorhanden, doch findet man nicht selten S, 3 n. noch mehr in einer Blase; die kleineren Steine findet man häufig in größerer Anzahl. Ihre Gestalt ist meist rund od. rundlich, eiförmig; die um einen fremden Körper gebildeten werden eine demselben mehr od. weniger entsprechende Gestalt haben; ihre Oberfläche ist bald glatt, bald rauh u. höckerig, selbst kantig u. zackig; sind mehrere Steine in einer Harnblase, so sind die einander berührenden Seiten derselben meist abgeschliffen, facettirt. Ihre Härte wechselt von kreideähnlicher Weiche u. Zerreiblichkeit bis zur Härte des Marmors; ihre Farbe hängt von dem größeren oder geringeren Gehalt an Harnfarbstoffen und von ihren Hrupt- bestandtheilen ab u. wechselt von reinweiß, hellgelb, gelblichbrann, gelbroth, roth, rothbrann bis schwarz. Nach ihrer chemischen Zusammensetzung unterscheidet man hauptsächlich drei Arten von H-n. 1) Die harnsauren Steine (Urate), die häufigsten von allen, bestehen entweder aus Harnsäure u. harnsaureu Salzen, u. sind dann häufig reinweiß, gelb oder bräunlich, rund oder rundlich, glatt, wie polirt, oder haben eine etwas höckerige Oberfläche; auf dem Durchschnitte sind sie meist geschichtet, od. sie bestehen ans harnsaurem Ammon allein. Sie bilden sowol die größten H., als auch den feinsten Harngries. 2) Die H. aus phosphorsauren Salzen (Phosphate) bestehen entweder bloß aus phosphorsaurem Kalke, oder aus diesem und phosphorsaurer Ammon-Magnesia (Tripel- Phosphat), sind auch noch ziemlich häufig, fast od. kreideähnlich (zerreiblich), weiß u. glatt, auf dem Durchschnitte meist geschichtet; sie haben ein geringes specifisches Gewicht. 3) Die H. ans kleesaurem (oxalsaurem) Kalk (Oxalate) sind die härtesten von allen H-n; die größten derselben haben meist eine rauhe, höckerige od. warzige Oberfläche (Maulbeersteine), geschichtete Schnittfläche n. dunkelbraune Farbe; die kleinern sind meistens glatt u. Heller gefärbt. Sehr selten sind H. ans Cystin u. -kanthin; dieselben sind meist klein, rundlich, an der Oberfläche glatt u. haben eine gelbliche bis dunkelbraune Färbung. Häufig bilden mehrere Harnstoff — Harntreibende Mittel. 27 der erwähnten Substanzen einen Harnstein, u. die einzelnen Substanzen bilden dann Schichten, welche - concentrifch auf einander folgen u. auf dein Querschnitt verschiedene, oft sehr zierlich gefärbte Zeichnungen Larstellen. Meist bilden dabei die Urate den Kern, hie Phosphate die äußeren Schichten, oder zwischen den Uraten sind Oxalate abgelagert (gemischte H.). Außerdem enthalten alle H. Wasser u. eine größere od. geringere Menge organischer Bestandtheile, welche die Salze gleichsam mit einander verkitten und das Schrumpfen der H. beim Austrocknen bedingen. — Über die Erscheinungen, welche H. in den Nieren Hervorrufen s. Nierensteine und Nicrensteinkoliken. In der Harnblase liegen die H. meistens im weitesten Theile derselben, seltener im Harnblasenhals, u. sind entweder frei u. beweglich, so daß sie bei jeder Änderung der Körperstellung auch ihre Lage verändern, be sonders die glatten und runden Steine, oder sie liegen in Falten u. Ausbuchtungen (Divertikeln, s. d.) der Harnblasenwandung mehr od. weniger fest eingeschlossen. Die rauhen u. zackigen Steine erregen eine Entzündung der Blase, die beweglichen verstopfen nicht selten beim Harnlassen die Harnröhre u. bedingen eine plötzliche Unterbrechung des Harnstrahls; durch Druck auf die Ein- mündungsstellen der Harnleiter hindern sie den Abfluß des Harns aus den Nieren in die Blase, bedingen dadurch Ausdehnung der Harnleiter u. der Nieren (Hydronephrose), die häufig hohe Grade erreicht. Die Haupterscheinungcn der H. in der Harnblase find das Gefühl eines fremden Körpers in der Blase, der seine Stellung ändert u. Störungen in der Harnentleerung, oft plötzliche Unterbrechung des Harnstrahls, verursacht; oft können die Patienten nur in ganz eigenthümlichen Stellungen, die sie selbst sich heraussuchen müssen, ihren Harnlassen; ferner Abgang eines trüben, blutigen oder eiterigen Harns, bes. nach starken Körper- erschüttcrungen (Fall, Fahren in stark schüttelndem Wagen, Reiten), Schmerzen beim Harnlassen und oft auch beim Stuhlgang, die häufig bis in die Eichel ausstrahlen u. die Kinder zum fortwährenden Ziehen an der Vorhaut veranlassen; zuweilen ausstrahlende Schmerzen in die Hoden, Schenkel u. die Nierengegend; heftiger, schmerzhafter Harndrang (Dysurie, in schweren Fällen Strangurie), krankhafte Zusammenschnürung des Afters rc. Doch alle diese Erscheinungen geben keine vollständige Sicherheit über das Vorhandensein oder Nichtvor- handensein eines Harnsteins, die erhält man nur durch die Untersuchung mit der Steinsonde u. durch den Nachweis des Abganges der Steine mit dem Harn. Diese Erscheinungen nehmen mit der Dauer des Leidens allmählich an Stärke zu, selten daß infolge einer Auflösung der H. dieselben Nachlassen n. vollständige Heilung eintritt. Werden die H. nicht rechtzeitig entfernt, so gehen die Kranken in der Regel an den Folgen der Blasenentzündnng und der gewöhnlich sich hinzugesellenden Nierenerkrankungen zu Grunde. Bis jetzt ist kein Mittel bekannt, welches, innerlich genommen oder in die Blase eingcspritzt, den Stein in derselben zur Verkleinerung oder Auflösung brachte, es bleibt also nur die Entfernung der Steine durch eine Operation möglich; kleinere Steine können, besonders bei Frauen, häufig ganz durch die Harnröhre mittels eigener Instrumente aus der Blase entfernt werden; bei größeren Steinen bleiben aber nur zwei Möglichkeiten, entweder (auf unblutigem Wege) Zertrümmerung des Steines in der Blase (Lithotripsie) u. Entfernung der Trümmer durch die Harnröhre mir eigens dazu construirtcn Instrumenten (Lithotriptoren) oder (auf blutigem Wege) Entfernung des Steins ans der Blase nach Eröffnung derselben durch den Steinschnitt (s. d.). Bei allen Steinkranken ist aber ferner eine zweckmäßige Lebensweise unumgänglich nöthig: eine ausschließliche oder starke Fleischkost, der Genuß starker Biere u. Weine, überhaupt aller Spirituosen istznvermeiden; anzurathen leichtes, weißes Fleisch, fleißiges Wassertrinken, regelmäßige Körperbewegung im Freien; von großem Nutzen, besonders bei der von verschiedenen Seiten behaupteten erblichen Anlage zu H-n, und bei Abgang von Harngries u. kleineren Steinen ist der Gebrauch kohlensaurerer Alkalien, besonders der diese enthaltenden Mineralwässer wie Karlsbad, Wildlingen, Teplitz, Salzbrunn rc. E. B-r„s. Harnstoff, Carbamid, Carboxyldiamin, findet sich im Harn aller Thiere, namentlich der Säugethiere. Auch in anderen thierischcn Flüssigkeiten, wie im Fruchtwasser, im Blute, in der Glasfeuchtigkeit des Auges der Säugethiere, im Schweiße ist er gefunden worden, wiewol nur in geringer Menge. Er wurde 1773 im Harn entdeckt u. 1828 durch Wühler synthetisch dargestellt. Im Thierkörper bildet er sich durch die regressive Metamorphose stickstoffhaltiger Gewebebestandtheile oder durch Zersetzung stickstoffhaltiger Nahrung u. wird durch die Nieren aus- dem Blute abgeschieden. Bei gestörter Nierensecretion häuft er sich im Blute und in allen Körperflüssigkciten an (Urämie). Man stellt ihn aus dem Harn, sowie auf versch. Wegen künstlich dar, namentlich synthetisch aus schweselsaurem Ammon u. cyansaurem Kali. Der H. krystallisirt in weißen, vierseitigen Prismen, bei gestörter od. zu rascher Krystallisation in feinen, weißen Nadeln. Er ist geruchlos, schmeckt bitter; löslich in Wasser u. Alkohol, unlöslich in Äther. Schmelzpunkt 120° 0. Er geht mit Säuren, Basen und Salzen Verbindungen ein. Wichtige Zersetzungen des H-s sind: 1) die Zersetzung durch Gährung (s. d. 8); 2) starke Mineralsäuren und die Hydrate der Alkalien verwandeln ihn unter Aufnahme von Wasser in kohlensaures Ammon (OÜ^zO-l-llllLO—(MllzszLOg); 3) salpetrige Säure zerlegt den H. in Wasser, Stickstoff, Kohlensäure (08^0-1-^O^—OOz -i- 48 -i- 282O); Chlor in Stickstoff, Kohlensäure und Salzsäure; 4) wird er über 100° 0. erhitzt, so entweicht Ammoniak; beim Erhitzen auf 150—160" 6. bleiben im Rückstände Binret, Ammelid u. Cyannrsäure, bei noch stärkerem Erhitzen entsteht Cyansänre. Cyansäure mit Methylamin, Aelhylamin rc. statt mit Ammoniak znsammengebracht, liefert die sog. zusammengesetzten oder copulirten H-e, d. h. solche, in denen der Wasserstoff zum Theil durch Alkoholradicale vertreten ist. In ihren Eigenschaften sind sie dem gewöhnlichen H. sehr ähnlich. Mit dem H. in naher Beziehung steht das Binret (s. d ). Broglie. Harntreibende Mittel (Oiurstisn), Mittel, 28 Harnvergiftung des welche die Harnausscheidung vermehren, entweder dadurch (indirect), daß sie bei Schwächeznständen die darniederliegende Ernährung, hauptsächlich den Blutkreislauf, heben u. den arteriellen Blutdruck vermehren (Fingerhut, Chinin in kleinen Dosen, alle anregenden, bitteren n. stärkenden Mittel), oder dadurch (direct), daß sie die Mutmaße vermehren (reichliches Trinken von Wasser, Limonaden rc.), oder die Ansscheidungsvorgänge in den Nieren erleichtern (viele Salze, wie Kalium und Hukrrum aeotioum, Lmmvnium u. Intlrium ourboniouiurc.), oder durch Anregung der Nierenthätigkeit in einer bis jetzt noch wenig bekannten Weise (Klettenwurzel, Wachholder, Hauhechel, Petersilie, Guajac- Holz, Sarsaparille, spanische Fliegen, Zeitlosenwurzel, Meerzwiebel, Senega, Meerrettig, Terpentin, verschiedene Balsame rc.). E. Berns. Harnvergiftung des Blutes (Urämie), ein ans schweren Nervenerscheinungen, bes. allgemeinen Krämpfen u. Betäubung, zusammengesetztes u. ans Zurückhaltung von Harnbestandtheilen jeder Art im Blute beruhendes Krankheitsbild. Man beobachtet die H. bei verschiedenen Krankheiten, welche die Entleerung des Harns erschweren od. hindern. Die Entwickelung der Erscheinungen der H. erfolgt entweder plötzlich oder (jedoch seltener) allmählich. Die Kranken werden schläfrig, klagen über Kopfschmerz, sind betäubt, bewußtlos, bekommen Sinnestäuschungen u. Sehstörungen, bald partielle, bald allgemeine Krämpfe, Erbrechen (nicht selten Wasser von ammoniakalischem Geruch), Laxiren, die Haut- temperatnr ist erhöht, der Puls beschleunigt, ebenso die Athmnng, die Haut bisweilen von einem reifartigen, aus Harnstoff bestehenden Überzug bedeckt. In Len meisten Fällen führt die Krankheit schon nach ein paar Tagen zum Tode, in seltenen Fällen findet die Ausscheidung der giftigen Substanz aus dem Blute durch den Schweiß, Urin und Darm statt, und es erfolgt Genesung. Die gegen H. empfohlenen Mittel geben nur geringe Aussicht auf guten Erfolg. Vgl. Bright, Lop. cck insck. cas., 1827; Frerichs, Die Brightsche Nierenkrankheit, 1851; Rosenstein, Deutsche Zeitschrift sllr prakt. Med., 1874, Nr. 20; Bartels, Volkmanns SammO klin. Vortr., Nr. 25. Kunze. Harnverhaltung, Verhinderung des Harnabgangs, beruht entweder auf einem Krampfe der Blase oder auf einer Lähmung der Blase (s. Harnblasenkrankheiten), oder endlich ist die Harnröhre durch Steine, Gerinnsel verstopft, od. durch hochgradige Schwellung ihrer Schleimhaut (siehe Gonorrhoe) unwegsam geworden. Harnzucker, Traubenzucker, der als konstanter Bestandtheil des Harns bei der Harnruhr, Diabetes mellitus, auftritt. Harnzwang (StranZuria), s. unter Blaseu- krampf- Haro, 1) so v. w. Zetergeschrei; 2) Geldstrafe für die, welche beim Einfangen eines Verbrechers saumselig gewesen waren. Haro, Stadt in der span. Provinz Logrono (Alt-Castilien), am Ebro, in sorgfältig angebauter Gegend; Station der Tudela-Bilbao-Eisenbahn; Hutfabrikation,Gerbereien, Töpfereien, Kupferbergwerke; 6594 Ew. Haro, Don Louis Mendez de, Herzog Blutes — Harper. von Carpio, geb. im Febr. 1598 zu Valladolid, Nachkomme des ersten Marquese von Carpio, Diego Lopez Juan de Ht, Neffe des Don Gaspar de Gusman, Herzogs von Olivarez, war Jugendfreund König Philipps IV.; sagte die Losreißung Portugals (1640) voraus n. empfahl Frieden mit Frankreich u. Holland. 1644 folgte er seinem Oheim als Minister, hielt als solcher Spanien unter den größten Widerwärtigkeiten aufrecht, vertrieb die Franzosen aus Catalonien, schlug den Ausstand in Neapel nieder, schloß 1648 Frieden mit den Niederlanden, nahm den Prinzen von Conde auf, hielt die Portugiesen vom Einfall in Spanien ab, hielt der Staatsklugheit Mazarins Stand u. schloß 1659 den Pyrenäischen Frieden mit Frankreich, worauf Philipp IV. sein Mar- quisat Carpio zu einem Herzogthum erhob, ihm selbst aber den Titel als Friedensfllrsten beilegte. H., der 17.Nov. 1661 in Madrid st., war ein Freund der Poesie und begünstigte Calderon und andere Dichter. Henue-Am Rhyn. Häromszek, ein Stuhl im Lande der Szekler des Großfürstenthums Siebenbürgen, 2990 s^jlcm (51,-i ÜÜM) mit 110,055 Ew. (aus 1 Hjllm 37, in ganz Siebenbürgen 38). Der Stuhl bildet eine rings von Bergen umschlossene Ebene mit vorzüglichem Weizenboden u. wird durchflossen von der Alt (Alnta), dem Schwarzbach rc. Hauptort ist Sepsi-Szent-György. llsi-pago (röm. Ant.), eine Art Enterhaken, auch im Belagernngskriege zum Abbrechen der Mauerzinnen benutzt; angeblich von Perikles erfunden. Harpägon (gr.), so v. w. Harpax. Harpägos, Minister des medischen Königs Astyages, welcher von diesem den jungen Kyros zum Tödten erhielt, aber den königlichen Befehl nicht ansfllhrte. Der König bestrafte ihn dadurch, daß er ihm das Fleisch seines eigenen Sohnes znm Essen vorsetzte. Später verband sich H. mit Kyros zum Sturz des Astyages 559 v.Chr. (s. d.). Harpälos, 1) griechischer Astronom vor Meton, welcher den Versuch machte, durch Ausstellung eines bestimmten Jahrescyklns eine erträgliche übereinstimmende Jahresrcchuung zu erreichen (vergl. Oktaeteris). 2) Makedonier, Machatas Sohn, aus dem fürstlichen Hause von Elymiotis, Oheim des Antigonos, Jugendfreund Alexanders d. Gr., welcher ihm, da er zum Kriegsdienst körperlich untauglich war, bei seinen Zügen die Verwaltung der Kriegskasse anvertraute. Nach Eroberung von Persien und Medien übergab ihm Alexander (330 v. Chr.) die Verwaltung des großen Neichsschatzes zu Ekbatana u. die Oberaufsicht über die Schatzämter des Westens; während Alexander aber in Indien kämpfte, veruntreute u. verschwendete H. die Schätze u. floh, als der König zurllckkehrle (324), mit 5000 Silbertalenten u. 6000 Miethsoldaten nach Attika. Als dann die makedon. Neichsbehörden seine Auslieferung forderten, ließen die Athener ihn entwischen; H. aber ging nun nach Kreta, wo er von einem seiner Freunde, Thimbron, getödtet wurde. Hertzberg. Harpax (gr.), geiziger, habsüchtiger Mensch. Harpe, Amadee Frederic de la H., s. Laharpe. Harper, amerikan. Buchdrucker- n. Verleger- Familie. James, geb. 1795 in Newton, gest. 29 Horpcrs Fcrry 27. Mai 1869 in New-Dork, erlernte mit seinem Brnder John, geb. 1797 in Newton, gest. 22. April 1875 in New-Dork, die Buchdruckerkunst in New-Dork, u. sie gründeten dann mit ihren jüngeren Brüdern Jos. Worley, geb. 1801, gest. 14. Febr. 1870 in New-Dork, n. Fletcher, geb. 1804, ein Bnchdrnckerei- n. Buchhändlergeschäft Harpsr auä Lrotbers, welches das großartigste in Amerika ist. Außer zahlreichen Werken, welche sie verlegten oder nachdrnckteu, geben sie die Zeitschriften blarpsrs Nerv inontlil/ maxarins u. seit 1857 Harpsrs heraus. Schroot. Harpers Ferry (ursprünglich Shenandoah Falls), Postort im Jefferson County des nordamer. Unionsstaates Virginia, am Zusammenflüsse der Shenandoah und Potomac Rivers, welche dann vereinigt hier die Blue Ridge durchbrechen (eine der malerischsten Natnrschönheiten in den Verein. Staaten); Eisenbahnstation; aus dem jenseitigen Ufer des Potamac geht der Ohio Chesapeake Kanal ab; 2000 Ew. Die frühere Gewehrfabrik wurde nebst dem Zeughaus 1861 beim Ausbruch des Krieges in Asche gelegt. Hier wurden 12. Sept. 1862 die nordstaatlichen Generale Mils u. White mit 10,000 Mann von dem General Jackson gefangen genommen. Harpeth River, 161 lcm langer Nebenfluß des Cumberland im Staate Tennessee (NAmerika). Harpeus, Harplls (Seew.), mit Terpentin gekochtes und abgeschäumtes Harz, was (bes. mit etwas Schwefelznsatz) eine klare, glänzende Flüssigkeit gibt, die zum Anstrich aller blank gehobelten, nicht durch Farbe gedeckten Holztheile (Masten, Raaen, Docks rc.) gebraucht wird, um diese vor dem Reißen in der Sonne zu schützen. Fest- Harpokrätes, Harpechruti, die griech. Form des ägypt. Gottes Horos (s. d.). Später wurde er als Gott des Schweigens verehrt, in welcher Beziehung auch sein Cultus in der Kaiserzeit nach Rom drang. Harpokrätion, Valerius, aus Alexandria, vorzüglicher griech. Grammatiker um 350 n. Chr.; er schr.: ^lxLr-cä>- rcür- üHa herausg. v. Aldus, Vened. 1503 od. 1527, Fol.; v. Maussa- cus, Par. 1614; von Blancard, Leyd. 1683; von Jak. Gronov, ebd. 1696, n. Ausl, (von W. Din- dorf) Oxf. 1853, 2 Thle.; steht auch im 10. Bande der attischen Redner von Neoph. Dnkas, Wien 1812. Harpprecht, Joh. Heinrich, Freiherr v. H., geb. 1702 in Tübingen; wurde 1750 in den Reichssreiherrnstand erhoben u. st. 1783 als Reichskammergerichtsrath in Wetzlar; seine zahlreichen Schriften sind für die Geschichte des Reichskammergerichts wichtig. Harpune, s. u. Walfischfang. Harpyie, 1) Harpz-ia, IN., Gatt, der fruchtfressenden Fledermäuse, mit auf dem Rücken angehefteten Flughäuten, rundem Kopf, kurzer und breiter Schnauze u. röhrenförmigen Nasenlöchern. 8. ospimlotss Celebes. 2) Gattung der Adler (s. d.). Harpyien (lat. Raxao) in der griech. Mythol. die Göttinnen des hinreißenden Sturmes. In der Ilias kommt nur eine H., Podarge, vor, welche in Stutengestalt von Zephyros Mutter der Rosse des Achilleus, Lanthos u. Balios, wurde; ! — Harrach. in der Odyssee erscheinen H. in der Mehrzahl als Genien des schnell dahinrafscnden Todes. Sie wohnen nebst den Erinyen am Okeanos vor dem Eingang in das Schattenreich. Bei Hesiod sind sie schöugclockte und geflügelte Töchter des Thau- mas n. der Elektra, mit Namen Aöllo (Sturm) und Okypete (Raschflng), nach And. sind sie Töchter des Pontos u. der Gäa. Andere fügen noch die Keläno zu und nehmen mit Podarge (Schnellfnß) vier an; bei And. heißen sie Thy ella (Sturm), AcheloL u. Aellopus (od. Nikotho'c). In der Argonantensage erscheinen sie als Plage- göttinnen der Menschen, wie sie dem Phineus die Speisen wegfressen n. besudeln, bis sie von Kalais n. Zetes auf die Strophadislbcn Inseln gebannt worden. Sie wurden abgebildet als Raubvögel mit jungfräulichem Gesicht und schmutzigem Leib, Arme mit großen Krallen u. in Hahnenfüße ausgehenden Schenkeln. H. erscheinen auf Wappen als Adler mit vorwärts gekehrten Jungfranen- köpfen. Thiele,na»n. Harrach, alte aus Böhmen stammende, jetzt auch in Mähren und Ungarn begüterte Familie, welche 1552 in den Freiherrnstanb, 1616 in Len Grafenstand erhoben und 1559 mit dem Obersterblandstallmeisteramte im Lande ob der Enns beliehen wurde. Gras Karl, geb. 1570, kaiscrl. Rath u. Stellvertreter des Grafen Eggenberg bei dem Erzherzog n. nachherigen Kaiser Ferdinand II., bei dem er in großer Gunst stand, Geh. Rath, Kämmerer und Hofmarschall, wurde, nachdem erden Frieden mit ven Venetiancrn verhandelt und in verschiedenen Successionsangelegenheiten thätig gewesen, 1627 in den ReichSgrasenstand erhoben. Außer einer Tochter Maria Elisabeth, welche in zweiter Ehe mit Wallenstein vermählt war, hinterließ er 1628 bei sseinem Tode drei Söhne, deren ältester, Graf Ernst Albrecht, geb. 1598, Cardinal, Erzbischof zu Prag n. Bischof zu Trident, dem Kaiser in den böhmischen Unruhen diente, von den Schweden 1648 in seinem Palast zu Prag gefangen, doch auf Verwenden Mazarins gegen Lösegeld wieder sreigelassen wurde n. 1667 in Wien starb. Die beiden jüngeren Söhne des Grafen Karl gründeten die beiden jetzt noch blühenden Linien: Graf Karl Leonhard die Ältere Linie zu Rohrau, Graf Otto Friedrich die Jüngere Linie zu Bruck (Prugg), welche die Reichsstandschaft mit Sitz und Stimme auf dem schwäbischen Grafencollegium hatte u. deren Chef daher jetzt noch das PräLicat Erlaucht sühn; ihre Besitzungen sind die Herrschaften Brugg au der Leitha, Stauff n. Aschau in Österreich, Starkenbach, Schluckenau, Sedova u. Stezer in Böhmen, Janowitz in Mähren, Parndorf in Ungarn. Aus ihr stammt: Ferdinand Bonaventura, geb. 1637, bekleidete mehrere Ämter am kaiserlichen Hofe, war auch öfter Gesandter, unter anderem in Spanien, wo er unter Karl II. bemüht war, dem österreichischen Hause die Nachfolge zu sichern, allein durch Stolz gerade seinem Gegner in die Hände arbeitete u. die Sache seines Hofes verdarb. Er bat 1698 um seine Zurückberufung, ward 1699 Obersthofmeister n. Direktor des Geheimeraths u. starb 15. Juni 1706 zu Karlsbad. Seine Ülämoires, Haag 1720, 2 Bde., herausgeg. von de la Torre. 30 Harran - Sein zweiter Sohn Graf Aloys Thomas Raymund, geb. 1669, wurde 1698 an seines Vaters Stelle Gesandter in Spanien, ließ sich durch den französischen Gesandten in Madrid, Grafen Harcourt, überlisten, u. durch seine Sorglosigkeit ging dem Hause Habsburg die Thronfolge in Spanien verloren. 1701 abbernfen, wurde er nachher Landmarschall u. Generaloberst in Österreich unter der Enns, 1728 Vicekönig von Neapel, 1733 Conferenzminister u.st. 7. Nov. 1742. Sein Sohn, Graf Friedr. Aug. Gervasius Protesius, geb. 1696, schloß als Conferenzminister 1742 den Breslauer Frieden n. st. 4. Juni 1749. Dessen Enkel, Graf Karl Bor- romäus, geb. 11. Mai 1761, studirte die Rechte u. Medicin, ward Regierungsrath in Prag, legte aber 1790 diese Stelle nieder, begab sich aus Reisen, promovirte nach seiner Rückkehr u. übte dann die ärztliche Praxis in Wien unentgeltlich, ein Heiser u. Tröster der Armen, aber auch ein ebenso großer Freund der Wissenschaften u. ihrer Pfleger. Er st. in Wien, 19. Oct. 1829. Sein älterer Bruder, Graf I ohann N epomuk Er nst, geb. 16. Mai 1756, seit 1785 Wirkt. Reichshos- rath, machte sich bes. verdient als Förderer der Linnen- u. Eisenindustrie; er st. 11. Apnl 1829. Graf Ferdinand, der jüngste Bruder der beiden vorgenannten, geb. 17. März 1763, gest. 5. Der. 1841 in Dresden, war der Valer der Gräfin Auguste v. H. (s. Auguste 4l. Ihr Nesse, Gra> Ferdinand, berühmt als Landschaft-n. Genremaler, geb. zu Rosnochan lOberschlesien) 27. Febr. 1832, studirte an der Berliner Umversiläl Jurisprudenz u. Landwirthschast, besuchte 1854 Italien, ward dann in Düsseldors Schüler von Kalkreuth, arbeitete unter ihm, Ramberg und Paurvels in Weimar, machte den Krieg von 1870—71 im Gefolge des Kronprinzen von Preußen mit u. lebt seil- seiner Rückkehr aus Italien 1872 meist in Berlin. Die dortige Akademie erwählte ihn 1873 zu ihrem Mitglied. Werke: Gemsenjagd; Heinrich der Finkler; Kaiser Max auf der Martinswand;Scenen aus dem Kriege 1870—71. L- u. Regnet. Harran, verödete Stadt im asiat.-türk. Vila- jet Aleppo, das alte Haran (s. d.); im Mittel- alter ein bedeut. Ort, während der Kreuzzüge ost der Streitpunkt zwischen Christen n. Muselmännern. Harrar (Harar, Härär, Hurrur), kleines Land im Innern von Ostasrika, zwischen der Stadt Berbera am Busen von Aden u. der abessinischen Landschaft Schon, eine von Bergen umgebene, wohl bewässerte Oase, von Galla, Somali und Arabern bewohnt; früher unabhängig, 1875 von Ägypten in Besitz genommen. Die gleichnam. Hauptstadt (1600 nr ü. d. M.) hat lebhaften Handel niit den Gallaländern, Kassa, Enarea rc. u. etwa 9000 Ew., nach neueren Berichten sogar über 30,000. H> Berns. Harring, Harro Paul, polrt. Agitator und Schriftsteller, geb. 28. Aug. 1798 in Jbensdorf bei Husum, wurde Beamter beim Zollwesen, ging jedoch bald nach Kopenhagen, Kiel u. 1819 nach Dresden, um sich als Maler ausznbilden, 1820 nach Wien und später wieder nach seiner Heimath n. Kopenhagen. Er diente hierauf in Morea gegen die Türken; reiste nach Rom u. 1828 nach - Harris. Warschau, wo er Junker im russischen Gardelancierregiment wurde. 1830 nahm er seinen Abschied u. lebte in Leipzig, wurde jedoch von hier n. aus Bayern ansgewiesen. Von Straßburg kam er 1832 zum Hambacher Fest, ging dann nach der Schweiz, wo er mit Mazzini in Verbindung trat und am Savoyerznge theil nahm, weshalb er verhaftet u. nach England gebracht wurde. Dort wurde er im Mai 1837 in einem Pistolenduell verwundet, lebte darnach unstet bald auf Helgoland, bald auf Jersey, in Belgien, Frankreich, England u. Amerika, endlich seit 1849 in Norwegen; da er aber mehrere Schriften mit der offenbaren Tendenz, Norwegen in Aufstand zu bringen u. die monarchische Verfassung des Landes umzustürzen, herausgab, wurde er Ende Mai 1850 auch von hier ausgewiesen und ging nun nach London, wo er Mitglied des Europäischen demokratischen Centralkomites wurde; 1854 in Harburg verhaftet, aber auf Verwenden des amerikanischen Consuls wieder freigelassen, ging er nach Amerika, blieb bis 1856 in Rio Janeiro und kehrte dann nach London zurück. Nachdem er in der größten Noch gelebt, tödtete er sich selbst 25. Mai 1870 auf der Insel Jersey. Seine zahlreichen Romane, dramat. Schriften u. polit. Pamphlete sind vergessen. Seiner Zeit ragten darunter hervor die Erzählungen: Der Pole, 3 Bde., Bayr. 1831, u. Dolores, '4 Bde., Bas. 1858—59. H-mie-AmRhyn.* Harrington, 1) John, engl. Dichter, geb. 1561 zu Kelson in Somersetshire, nahm Kriegsdienste, wurde von dem Grasen Essex auf dem Schlachtfelds znm Ritter geschlagen u. st. 1612; er schr.: Epigramme, Lond. 1615, n. A. 1792 u. 1804; übersetzte Ariosts Orlancko knrioso u. a. m. 2) James, engl, politischer Schriftsteller, geb. 1611 zu Uvton in Northamptonshire; ging in die Dienste des Kurfürsten von der Pfalz, Friedrich V., wurde später Kammcrjunker König Karls I., begleitete denselben aufs Schaffot u. zog sich dann in die Einsamkeit zurück, wo er sein großes Werk Oceana, eine Art von politischem Roman, Lond. 1656, schrieb. Unter Karl II. als Unruhestifter verhaftet u. später nach Plymouth gebracht, verfiel er in Wahnsinn u. st. 11. Sept. 1677 in London. Neben seiner Oceana schrieb er noch: Mrs Oroumlo ok rsascm ok Llons-rok^ ecmsiclsrecl; Mw ?reroAa- tivs ok populär Government; A mockel ok populär Aovornmsnt, sowie eine Anzahl kleinerer politischer Tractate u. eine Übersetzung eines Theils der Vergilschen Schriften. Die beste Ausgabe seiner Schriften ist die von Brand Hollis, London 1771. Bartling. , Harriot, Thomas, geb. 1560 in Oxford; er schr.: Artis anLlz'tioas xraxin, Lond. 1631, worin er sich um die Behandlung der Gleichungen wesentlich verdient gemacht hat, u. st. 1621 in London. Descartcs soll ihm Manches von dem, was er über dieAlgebra geschr., zu verdanken haben. Harris, zwei Counties in den NAmerikan- ischen Unionsstaaten; 1) in Georgia unt. 33° n. Br. n. 85° w. L.; 13,284 Ew., Conntysitz: Hamilton. 2) in Texas unter 29° n. Br. und 94° w. L.; C-sitz: Houston. Harris, 1) John, wurde um 1667 geboren, studirte Theologie und wurde zuerst Pfarrer zu 31 Harrisburg - Barming, dann in London. Seine Wissenschaft-^ lichen Schriften verschafften ihm die Mitgliedschaft der Ro^al Soöistx, deren Secretär und Vicepräsi- dent er selbst wurde. Doch starb er in großer Armuth 1719. Durch sein I-sxioou tsclmoloAleum or an universal ckiotiouar/ ok blrs arts snä soiouoss, 2 B., Lond. 1708, das erste seiner Art in England, bahnte er einen ganz neuen Zweig der Literatur an. Er schrieb noch: 'IRsorz: ok blrs «artti, Lond. 1697; dlavi^antium atgus itinsran- tiuin bibliotbsoa, 2 B. das. 1705, n. Ausl., das. 1744, 1764; 1'rsab. an alg-sdra, das. 1709; ^sirouom. ckialoAuss 1717. 2) James, engl. Philologe, geb. 20. Juli 1709, in Close bei Salisbury, wurde, nachdem er längere Zeit im Parlament gesessen, Lord der Admiralität, später Lord der Schatzkammer, u. dann Secretär der Königin u. starb 22. Dec. 1780. H. veröffentlichte 1774: Ilirsslreabisss: I..^rt; II. Llusie, ?aintinA anä ikoetr/; III. klappinsss. u. sein berühmtes Werk Lsriuss, or a plulosopliieal inguirz- oonoernin§ universal ^rammar, Lond. 1751, 4. Ausg. 1786 (deutsch von Ewerbeck, Halle 1788). Hieran schlossen sich 1775 lRüIosopbieal arranAsmsnts, als Theil eines Werkes über Aristoteles' Logik. Seine kbiloloZiesl Inguiriss wurden 1781 nach seinem Tode veröffentlicht. Bollständige Ausgabe seiner Werke von seinem Sohne Lord Malmcs- bury, Lond. 1801, 2 Bde. U r. L)B->r,ling. Harrisburg, Hauptstadt des nordamerikan. Unionsstaates Pennsylvanien, am Susquehanna u. dem Pennsylvaniakanal, Eisenbahnknotenpunkt; Capitol mit Staatsbibliothek, Arsenal, lebhafter Handel u. Gewerbthätigkeit (bes. Eisen- u. Stahlwerke), Wasserleitung; 1785 von John Harris gegründet, 1808 incorporirt, wurde 1812 Hauptstadt des Staates; 24,796 Ew., darunter etwa 3000 Deutsche. Harrison, 1) Connties in den nordamerikan. Unionsstaaten, a. in Indiana, unter 38° n. Br. u. 85" w. L., 20,005 Ew., Countysitz: Corgdon. d. in Iowa, unter 42° n. Br. u. 95" w. L., 8931 Ew., C-sitz: Magnolia. e. in Kentucky, unter 38° n. Br. und 84» w. L., 12,877 Ew., C-sitz: Cynthiana. ä. in Mississippi, unt. 30° n. Br. u. 89° w. L., 5795 Ew., C-sitz: Mississippi City, s. in Missouri, unter 40° n. Br. u. 94° w. L., 14,635 Ew., C-sitz: Bethany. k. in Ohio, unter 40» n. Br. und 81° w. L., 18.682 Ew., C-sitz: Cadix. A. in Nebraska, westlich, 631 Ew. In in Texas, unter 32° n. Br. u. 94° w. L., 241 Ew., C-sitz: Marlhall. 1. in WVirginia, u. 39°n. Br. u. 80° w. L., 16,714 Ew., C-sitz: Clarksburg. 2) Zahlreiche städt. Bezirke ebenda, darunter a) im Gloucester County, New Jersey, 4600 Ew. d) im Hudson County, New Jersey, 4115 Ew. Harrison, 1) Thomas, einer der Richter des Königs Karl I.; er wurde von dem Langen Parlament zum Generalmajor der Armee ernannt und damit beauftragt, den gefangenen König von der Insel Wight nach London zu bringen, u. nach Karls II. Zurückberufung 1660 hingerichtet. 2) John, Mechaniker, geb. 1693 zu Fonlby in Dorkshire, war ursprünglich Zimmermann, besaß aber ein bedeutendes mechanisches Talent, ließ sich 1735 als Uhrmacher in London — Harrison. Mieder, hatte schon früher das Rostpendel construirt und lieferte 1736 eine tragbare Seeuhr, wofür er einen Theil des großen vom englischen Parlament für diese Erfindung ausgesetzten Preises u. die Copleysche Medaille erhielt. Er st. 24. März 1776 in London u. schr.: Ossorlpbion eoubaininA suolr moobnnisiu ns rvill aftorck n trus msnsu- rntion ok tims, London 1759. 3) William Henry, der 9. Präsident der nordamerikanischcn Unionsstaaten, geb. 9. Febr. 1773 in Birginien, Sohn Benjamins H., eines Mitunterzeichners der Unabhängigkeitserklärung Nordamerikas und 1782 Gouverneurs von Virginia, trat, als im Nov. 1792 die Vereinigten Staaten ein Heer gegen die Indianer bildeten, als Fähndrich in Vas erste Infanterieregiment und focht nun gegen die Indianer, wurde 1794 Lieutenant, 1797 Hanpt- mann, Kommandant des Forts Washington und Adjutant des Oberbefehlshabers General Wayne und dann Vicegouverneur des Nordwestgebietes (Indiana), setzte als erster Abgeordneter Indianas beim Cvngreß mehrere günstige Maßregeln durch n. wurde Gouverneur von Indiana. Als solcher schloß er mit den Indianern wichtige Verträge, erwarb von denselben für den Staat 220,000HjiJosef, berühmter amerikanischer Techniker, geb. 20. Sept. 1810 zu Philadelphia, bildete sich in verschiedenen Zweigen der praktischen Mechanik aus u. widmete sich dann ganz dem Locomotivban, wnrde Teilhaber der großen Fabrik Garrctt, Eastwick u. Co., die später Eastwick u. Harrison hieß, construirte eine neue höchst wirksame Locomotive, die ihm einen Ruf nach Rußland eintrug zum Bau solcher Locomotiven und anderer Eisenconstrnctionen für die Strecke St. Petersburg-Moskau. Wohl unter den größten Schwierigkeiten, aber reich geehrt u. bezahlt, führte er die contractlichen Arbeiten aus u. kehrte 1852 nach Philadelphia zurück. Nach mancherlei getäuschten Hoffnungen, die selbst den Plan in ihm auftauchen ließen, wieder nach Europa zurückzukehren, construirte er seinen berühmten Sicherheitsdampskessel, durch welchen die verhäng- nißvollen Kesselexplosionen unmöglich gemacht werden sollten. Der erste wurde 1859 in Thätigkeit gesetzt u. bewährte sich selbst bei vorher unerreichbarem Dampfdruck so vorzüglich, daß -diese Erfindung allein ihm den Dank der Menschheit sichert, u. ihm die goldene n. silberne Numford- Medaille der Amerika«. Akademie für Künste n. Wissenschaften einbrachte. Auch schriftstellerisch war er in der späteren Zeit seines Lebens thätig, 32 Harrodsburg — Härtel. obgleich seine Schulbildung sehr mangelhaft gewesen und er versicherte, vor seinem 2l>. Jahre keinen Brief geschrieben zu haben. In einem Folioband von über 200 Seiten veröffentlichte er für seine Familie ein Gedicht: Der Eisenarbciter und König Salomo, zur Verherrlichung dessen, „was nur zu oft als niedere Arbeit angesehen wird", eine Selbstbiographie, mit vielen merkwürdigen Einzelheiten aus seinem Leben in Rußland, über seinen Dampfkessel, den Ban her Brücke über die Newa u. a. Er st. zu Philadelphia 27. März 1874. s> Specht. 3>Schroot* 4) r. Harrodsburg, Sitz des Mercer County im Nordamerika!!. Unionsst. Kentucky, Militärakademie, berühmte Mineralquellen, 3000 Ew. Harrogate (Harrowgate), viel besuchter Badeort im WRiding der engl. Grafschaft Dort, Eisenbahnstation; 4 Kirchen, Handwerker-Institut, 11 Mineralquellen (Eisen- n. sehr starke'Schwefelquellen) mit Badeanstalt; 6843 Ew. In der Nähe die Höhle, in der Eugen Aram seinen Freund Clarke ermordete, und eine versteinernde Quelle (äroppiuA tvsll). Harro Harring, s. Harring. Harrow on the Hill, Dorf in der engl. Grafschaft Middlesex, 15 Lin. nordwestl. von London, mit einer schönen Kirche u. der 1571 von John Lyon gestifteten Erziehungsanstalt für Söhne der höheren Stände, welche auch Byron und Sir RobertPeel unter ihren Zöglingen zählte; 4997 Ew. Harrysmith (Vreede Dorp), Districtshanpt- stadt in der Orangefluß.Republik (SAfrika), ein auf- blühender, erst 1851 gegründeter Ort, unweit des de Beers-Passes, durch welchen die Straße über die Draken-Berge nach Port Natal führt. Harsdörffer, Georg Philipp, Deutscher Dichter u. Prosaiker, geb. 1. Nov. 1607 in Nürnberg, stndirte in Altdorf und Straßburg, bereiste dann Frankreich, England, Holland, Italien, wurde 1637 Richter in Nürnberg, stiftete hier 1644 mit Joh. Klai den Blumenorden an der Pegnitz, trat 1655 in den Rath ein, st. 22. Sept. 1658. Schriften: Fraucnzimmer-Gespräch-Spiele, Nürnb. 1641 bis 1649, 8. Bde.; Poetischer Trichter, das. 1647 bis 1648, 2 Thle., u. ö. in 3Thlen.; Herzbewegende Sonntagsandachten rc., das. 1651; Nathan, Jotham u. Simson, od. geistlicher und weltlicher Lehrgedichte erster n.andererTheil, das. 1650—51; Auswahlaus H-s Gedichten in Müllers, Bibliothek Deutsch. Dichter des 17. Jahrh. IX. Vgl. I. Tittmann, Die Nürn- bergerDichterschule, Göttingen 1847. Zimmermann. Harste, im Mittelalter eine Art Miliz. Daher Harsthörner, die Hörner, welche diese Truppen zum Angriff riefen. Hart, s. u. Härte. Hart, zwei Counties in den Nordamerika!!. Unionsstaaten: 1) in Georgia unter 84" n. Br. u. 82" w. L., 6788 Ew.; C-sitz: Hartwell; 2 ) in Kentucky unter 37" n. Br. u. 85" w. L., 13,687 Ew.; C-sitz: Munforbsville. Hartberg, Stadt im gleichnamigen Bezirk des österr. Herzogthums Steiermark; Kapnzinerkloster (1654gestiftet), Pfarrkirche mit dem schönsten Thurm im Lande; Tuchfabrikation, Getreidehandel, Pferdezucht; 1500 Ew. In der Nähe die Schlösser Neuberg, Klaffenau, Kirchberg, Reitenau u. Eichberg. Hartblei, s. Blei 6). Härte, der Widerstand, welch»n feste Körper dem Eindringen von Spitzen, dem Geritztwerden, entgegensetzen. Die Bestimmung der H. ist bes. in der Mineralogie von Wichtigkeit. Die Grade der H. werden ungenau durch die Worte zerreiblich, weich, halbharr, hart bezeichnet; zur genaueren Bestimmung des H-grades, gewöhnlich schlechtweg Härte genannt, bedient man sich nach Mohs einer Härtescala, d. h. einer Reihenfolge von Mineralien, von denen immer das nächste härter ist als das vorhergehende, u. welche als feste Ver- gleichungspnnkte für alle Härtebestiinmungen dienen; nach dieser Scala besitzt Talk die H. Steinsalz „ „ Kalkspath „ „ FluUpatl, „ „ Apatit „ „ Feldspath die H. Quarz „ „ Topas „ „ Korund „ „ Diamant „ „ 6 7 8 g 1 » Bei der Bestimmung des H-grades irgend eines Minerals versucht man nun, welches von den Gliedern der Scala durch eine scharfe Kante des Minerals noch geritzt wird, u. durch welches Glied der Scala das Mineral selbst geritzt wird, z. B. der Analcim ritzt Apatit und wird von Feldspath geritzt, also liegt seine Härte zwischen der des Apatits und des Feldspaths, man sagt, seine H. sei 5 bis 6. Ritzt ein Mineral ein Glied der Scala und wird von dem nächst höheren Grade nicht geritzt, so hat es die H. des letzteren, z. B. Boracit ritzt den Feldspath u. wird durch Quarz nicht geritzt, also ist seine H. — 7. Bei genaueren H-bestimmungen bedient man sich eines Sklerometers, da die geringeren H-verschiedenheiten, wie sie auf ein und derselben Fläche in verschiedenen Richtungen (z. B. beim Kalkspath) oder auf verschiedenen Flächen desselben Minerals (z. B. beim Cyanit von 5—7 gehend) Vorkommen, durch die obige Methode nur selten wahrzunehmen sind. Lehmann? Härtel, 1) Gottfried Christoph, Buchhändler, geb. 27. Jan. 1763 in Schneeberg, stndirte seit 1780 in Leipzig die Rechte, Philologie und Ästhetik, lebte dann einige Zeit als Hauslehrer bei adeligen Familien in Dresden, wurde 1789 Lehrer u. Privatsecretär der Gräfin Auguste von Schönburg-Vorderglaucha, kehrte jedoch 1794 nach Leipzig zurück, wo er sich literarisch beschäftigte u. im Herbst 1795 in das Geschäft des Buchhändlers Christoph Gottlob Breitkopf als Theilnehmer eintrat u. dasselbe mit ihm gemeinschaftlich bis zu dessen Tode 1800 unter der Firma Breitkopf u. Härtel n. dann allein fortführte. Mit dem Geschäft, welches ursprünglich in einer Buch- und Musikalienhandlung, einer Buchdruckerei u. Schriftgießerei bestand, verband er noch eine Stein- u. Zinndruckerei für den Notendruck u. eine Fabrik musikalischer Instrumente. Er unternahm 1798 die Herausgabe der Werke Mozarts in 17 Bänden, denen bald die Werke Haydns, Clcmentis und Dusseks folgten, und gründete 1798 die erste Musikalische Zeitung, gab zahlreiche musikalische u. auf Musik u. Componisten bezügliche, sowie andere wissenschaftliche Werke, so seit 1812 die Leipziger Literaturzeitung heraus, n. st. 25. Juli 1827 auf seinem Landgute Cotta bei Pirna. Nach mehrjähriger Administration des Geschäfts unter vormundschaftlicher Aufsicht übernahmen die Leitung 33 Härten — desselben die beiden Söhne des Vor.:^ 2) Hermann, geb. 27. April 1803, vr. zur.. als feiner Kunstkenner, Erbauer des sog. Römischen Hauses wolbekannt, seit 1852 Secretär des Vereins der deutschen Musikalienhändler; gest. 4. Aug. 1875 in Leipzig; 3) Raymund, geb. 9. Juni 1810, Stadtältester, Vorsitzender der Leipziger Buchhändler, der die Firma z. Z. im Verein mit Wilh. Volkmann u. Oskar Hase, Enkeln Gottfried Christoph H-s, leitet. Unter den Brüdern H. nahm der Mufikverlag einen neuen Aufschwung, namentlich durch die Originalausgaben von Werken Thalbergs, Mendelssohn», Schumanns, Chopins, in neuerer Zeit durch Veranstaltung kritischer Gesammtausgaben der Werke Beethovens, Mendelssohns u. Mozarts, sowie einer billigen Volksausgabe der musikalischen Classikcr. Die Firma beschäftigt gegen 400 Mann. 4) Robert, Bildhauer der Gegenwart, geb. zn Weimar 1831; war erst Goldschmiedslehrling, wandte sich dann der Kunst zu, studirte in München, Dresden und Berlin, arbeitete an der Restauration der Wartburg mit, wo er sich unter Schwind bildete, und wurde daun zu Dresden Hähnels Schüler. Werke: Schildknappe; Statue der Poesie (Eigenthum der Großherzogin Sophie v. Sachsen-Weimar); Großer Fries (120 F. lang, 4 F. hoch); Hermanns- Schlacht mit Jugendleben der Germanen u. Auf- nähme der Helden in Walhalla; Bronzhschild mit dem Krieg; Leben Casars (cyklische Darstellung). 5) Emil, talentvoller Maler, Bruder des Vor., geb. 22. Sept. 1835, hat sich durch Zeichnungen und Illustrationen für große Blätter (Daheim, Jllustrirte Zeitung, Neue Blatt, Gartenlaube rc.) bekannt gemacht. Aufsehen in Kunstkreisen erregten seine in Dresden u. bei Del Vecchio in Leipzig ausgestellten Wartburg-Cartons, ferner ein Cyklus von Elisabethbildern (Illustrationen zu Legenden von der heil. Elisabeth), die Compositiouen Heitere u. ernste Musik, endlich die im Neuen Blatt, Jahrg. 1874, erschienene Illustration zu einem Gedicht Conrad Beyers. Die neuerdings entstandene Com- posttion zu Beyers epischem Gedicht: Schwanensang hat den Dichter zum Zeugniß veranlaßt, daß ihm sein Gedicht durch H-s Compositiouen erst doppelt Werth geworden sei. 4> Regnet. 5) Beyer. Härten, ein Metall hart machen; geschieht bei allen Metallen durch die Bearbeitung mit dein Hammer od. längeres Walzen. Bei Eisen u. Stahl geschieht es absichtlich, um ihm mehr Härte und Elasticität zu geben, zugleich bekommt er dabei ein feineres Korn; es gehört dazu das Glühen, das Ablöschen und das Anlassen; s. unter Stahl. Härten von Gips, siehe Gips. Holz härtet man durch schwaches Anbrennen oder Überstreichen mit Wasserglas. JungS. Hartenstein, Stadt in den Schönburgischen Receßherrschaften der königl. sächs.Kreishauptmannschaft Zwickau; prachtvolles Schloß mit dem Schönburger Familienarchiv, einer Kapelle u. schönem Park; Weberei, Strumpfwirkerei, Stickerei, Bierbrauerei; 1875 2609 Ew. — H. ist Geburtsort des Dichters Paul Flemming. In der Nähe die Prinzenhöhle, in welcher Mosen u. Schönfels mit dem Prinzen Ernst sich 3 Tage versteckt hielten (s. Priuzenraub). H. gehörte früher mit der Pierers Umversal-Conversations-rexikon. 6. Aufl. X. ! - Hartflvß. gleichnamigen Grafschaft den Burggrafen zu Meißen als Neichslehcu. H. führte den Titel als Grasschaft erst nach der Mitte des 13. Jahrh.; seitdem residirten auch die Burggrafen in H. u. gesellten seit 1323 ihrem Titel dem als Grafen von H. bei. Als 1381 die Brüder Meiuher V. und Berthold die burggräflich meißenische Besitzung theilten, fiel H. dem Ersteren zu, welcher die Hartensteinsche Linie der Burggrafen von Meißen gründete, u. wurde durch einen eigenen Vogt verwaltet. Im Jahre 1406 wurde H. vom Burggrafen Heinrich I. an die von Schönburg verpfändet u. nicht wieder eingelöst. Diese verkauften 1559 die sog. Obere (Oberwäldische) Grafschast H. an Kurfürst August zu Sachsen, u. 1701 wurde auch ein Theil der Niederen Grafschaft abgetrennt zur Bildung der Schönburgischen Herrschaft Stein. Gegenwärtig sind die Grafschaft H. u. die Herrschaft Stein ein gemeinschaftlicher Besitz der Fürsten von Schönburg- Waldenburg u. Schönburg-H. H. Berns. Hartenstein, Gustav, Philosoph, geb. 18. März 1808 in Plauen im Sächsischen Voigtlande; studirte in Leipzig Theologie n. Philosophie,, wurde 1833 Privatdocent u. 1836 Professor der Philosophie in Leipzig, legte 1859 seine Professur nieder u. zog sich nach Jena in den Privatstand zurück. Seiner philosophischen Richtung nach gehört er zu der Herbartschen Schule. Er schrieb: Os ^rokrzckas ll'arsvtivi üaAmsvtis pkrilosopirieis, Lpz. 1833; Vs xkvlosoxirias ivstirocko IvAioas Isgibus acksbrivAsvcks, övibrrs von bsrurivarrcks, ebd. 1835; Die Probleme und Grundlehren der allgemeinen Metaphysik, ebd. 1836; Vs sürioss s Sekcksisrmaelroro propositss kunckamsuto, ebd. 1837, 2 Thle.; Über die neuesten Darstellungen u. Beurtheilungen der Herbartschen Philosophie, ebd. 1838; Vs pszwiroioZias vutgnris origins ak> ^ristotsls roxstsucks, ebd. 1840; Die Grundbegriffe der ethischen Wissenschaften, ebd. 1844; Os rvabsrias spuck Vsidvibiurv votüovs eb sck movackas rslatüons, ebd. 1846, mit 2 Supplementen, 1856 u. 1857 (umgearbcitet u. erweitert u. a. Zeitschr.: Über Leitzniz' Lehre von dem Ver- hältniß der Monaden zur Körperwelt in d. hist.- philos. Abhandl.); Darstellungder Rechtsphilosophie des Hugo Grotius, ebd. 1850; Vs votiouum zuriz st civitatis, guas 8. Spinors et Mi. Lobbs» proponunt similituckins st äissimilituäins, 1856; lieber den wissenschaftlichen Werth der aristotelischen Ethik, 1859; Lockes Lehre von der menschlichen Erkenntniß in Vergleichung mit Leibniz' Kritik derselben, 1861; H-s Abhandlungen erschienen unter dem Titel: Historisch-philosophische Abhandlungen, Leipz. 1870. Außerdem gab er Kants Werke, ebd. 1838 (10 Bde.) u. 1867 (8 Bde.) u. nach Herbarts Tode dessen kleinere philosophische Schriften n.Abhandlungeu nebst dessen literarischem Nachlasse, Lpz. 1841 fs., 3 Bde., ebenso Herbarts sämmtliche Werke, ebd. 1850 ff., 12 Bde., heraus. Schroot» Härteskala, s. Härte. Hartflost, 1 ) weißes Roheisen, hart u. spröd, leichter schmelzbar als das graue Roheisen; 2) eine bes. zur Stahlbereitung verwendete Roheisensorte (Spiegeleisen), silberweiß und glänzend, beim Schmelzen am dickflüssigsten. Es besitzt von allen Eisensorten den höchsten chemisch gebundenen Band. § 34 Hartflosser Kohlenstoffgehalt (ca. 5 "/») und einen Mangan- gehalt von 4—12, zuweilen bis 20 V». Hartflosser, so v. w. Stachelflosser, s. Fische. Hartford, 1) County im nordamerik. Unionsstaate Connecticut unter 41—42" n. Br. u. 72" w. L.; 109,107 Ew.; C-sitz: H. 2) Hauptstadt darin, am Connecticutfluß, der hier schiffbar wird, schön gebaut mit zahlreichen Eisenbahnverbind» ungen, lebhafte Handels- und Fabrikbetriebsamkeit (Eisenbahnmaterial, Coltsche Wafsensabrik rc.); Staatenhaus, Nathhaus, Gerichtshalle; Bischofssitz, Trinity-College (unter Leitung der Episkopalen, 1823 gegründet, mit Bibliothek), Wadsworth Athenäum (zugleich Sitz der Connsetient Rivtorieal Looietz-), Theolog. Seminar, Taubstummeninstitut, Irrenanstalt rc.; 37,180 Ew. — H. gegenüber East-H., mit demselben durch eine gedeckte Brücke verbunden. H. ist eine der ältesten Ansiedelungen des Staates, wurde 1635 durch englische Colonisten aus Massachusetts angelegt, nachdem die Holländer bereits 1633 dort ein Fort errichtet hatten; 1784 wurde es als City incor- porirt. Schroot. Hartgras, so v. w. Lcksroeliloa. Hartgummi (hornisirtes Kautschuk, Ebonit), ist ein mit einer sehr bedeutenden Menge Schwefel (30—60°/«) vulkanisirtes, in der Regel aber mit einer großen Menge fremder Substanzen gemengtes Kautschuk. Es wurde von Hancock entdeckt u. von Goudyear zuerst im Großen dargestellt. Seine Fabrikation ist wie die des vulkauisirten Kautschuks, nur mit erhöhtem Schwefelzusatz. Mit zunehmendem Schwefelgehalt nimmt seine Härte zu, seine Elasticität ab. Zusatz von Schellack od. Guttapercha vermehren seine Härte u. seine Elasti- cität. Außerdem aber werden theils der Färbung, des. aber des vermehrten Gewichts (d. h. der Billigkeit) wegen Schwerspath, Gips, Magnesia, Thon, Schwefelantimon-Blei u. «Zink, Steinkohlentheer- asphalt, erdige Farbstoffe rc. bis zu 80"/o der Ge- sammtmenge zugesetzt. Das H. läßt sich bei der Fabrikation in beliebige Formen pressen, nimmt eine sehr gute Politur an u. wird durch warmes Wasser nicht verändert (wie Horn rc.). Es wird deshalb zu den mannigfaltigsten Gegenständen als: Kämmen, Schirm- u. Stockgriffen, Spazierstöcken, Mcsserhesten rc., vorzüglich aber zu Schmuck- fachen aller Art, bes. Brochen, Armringen, Ketten u. Knöpfen rc. verarbeitet; mit viel feinem Sand oder Schmirgel gemischt, macht mau in neuester Zeit Schleifsteine u. Polirscheiben daraus. Außerdem dient es seiner vorzüglichen akustischen Eigenschaften wegen zu Blasinstrumenten u. Hörröhren, u. als Nichtleiter der Elektricität u. als vorzüglicher negativer Erzeuger derselben findet es in der Physik vielfache Anwendung. Auffallend ist auch seine starke Ausdehnung in der Wärme. Von Ozon wird es übrigens stark angegriffen u. verliert dann seine Jsolationsfähigkeit sehr. Durch Abreiben mit gebrannter u. kohlensaurer Magnesia u. Policen mit einem trockenen wollenen (od. besser mit Schwefelkohlenstoff befeuchteten) Lappen läßt sie sich aber völlig u. leicht wiederherstellen. Jungck. Hartguß, 1) Legirung von Kupfer u. Zinn, welche harter als die Bronze od. das Geschützmetall ist u. von der Artillerie zur Herstellung einzelner — Hartig. Gegenstände verwendet wird. 2) (Schalenzuß) Gießen gußeiserner Gegenstände in gußeisernen ' mit Theer oder Graphit überstrichenen Formen " (Schalen, Kapseln); die Hartgußstücke erhalten ^ durch die schnelle Abkühlung (Abschrecken) in der r gutleitenden Form große Härte u. Sprödigkeit auf ^ der Oberfläche, welche sich oft tief ins Innere er- ö streckt. Je nachdem das Gußstück eine größere ^ oder geringere Härte erhalten soll, kühlt man die ^ Formen ab oder erwärmt sie. Der H. wird bes. ^ zu Hartwalzen verwendet. Siber. « Hartgußgranate, s. u. Munition. ^ Hartha, Stadt in der Amtshauptmannschaft § Döbeln der kgl. sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig; ^ Wollenspinnerei, Weberei, Filzwaarensabrikation, " Stuhlbauerei, Gneißbrüche; (1875) 3049 Ew. s Hartheu, die Pflanzengatt. L^psrieuw. ^ Harthörigkeit(Schwerhörigkeit),niederer Grad s der Taubheit. ^ Hartig, ein katholisches, anfänglich in Schlesien . v u. der Lausitz, jetzt in Böhmen u. Niederösterreich ^ angesessenes u. vormals in drei, jetzt nur noch in ^ einer Linie blühendes Geschlecht, wurde 1586 ge- ^ adelt, 1668 in den Reichsritterstand, 1700 in den ^ böhmischen u. 1707 in Len Reichssreihcrrenstand, " 1732 in den böhmischen u. 1734 in den Reichs- A grafenstand erhoben, erhielt auch 1847 das sieben- ^ bürgijche Jndigenat. Ihm entstammt Gras ^ Edmund v. H., hervorragender österi. Staats- ^ manu, Sohn des 1865 verstorbenen Staats- u. t Conserenzministers Grasen Franz v. H., geb. 2. 1 Nov. 1812 in Wien, widmete sich der diplomal- ^ ischen Laufbahn u. vertrat von 1846—59 Oster- g reich als Gesandter in Kassel, Kopenhagen und " München. Seit 1861 Vertreter des böhmischen " Großgrundbesitzes im böhmischen Landtage u. dann im Abgeordnetenhaus, vertrat er dort nachdrück- '' lichst die Schmcrlingsche Politik. Als Belcredi ,, ans Ruder kam, legte er sein Mandat nieder, um erst nach dessen Sturz 1867 wieder in den böhm. ' Landtag zu treten. Im selben Jahre wurde er ^ Oberstlandmarschall von Böhmen u. lebensläng- l? liches Mitglied des Herrenhauses. " Hartig, 1) Georg Ludwig, berühmter Forst- A mann, geb. 2. Sep't. 1764 zu Gladenbach im 7 Kreise Biedenkopf, studirie nach bestandener Jäger- ^ lehre 1781—83 in Gießen; wurde 1786 fürstlich ^ Solms-Braunselsscher Forstmeister zu Hungen in der Wetterau, 1797 naffauischer Landjorstmeister in Dillenburg, 1806 Oberforstrath in Stuttgart, > 1811 k. preußischer Staatsrath u. Oberlandforst- ^ meister zu Berlin, wo er zugleich forstwisfenfchast« ^ tiche Vorlesungen an der Universität hielt und 2. 7 Febr. 1837 starb. Auch in seinen früheren Stellungen hatte H. stets nebenher jungen Leuten Un- , terricht im Forstwesen erlheilt; seine in Hungen » gegründete, später nach Dillenburg u. Stuttgart - verpflanzte Forstschule genoß großen Ruf. Ebenso wie als Lehrer hat sich H. auch in Wissenschaft ^ u. Praxis, hier namentlich durch die Organisation - der preußischen Forstverwaltuug, die größten Ver- ^ dienste erworben. Vgl. den Art. Forstwirthschafl. § Von seinen zahlreichen Schriften sind die hervor- ^ ragendsten: Anweisung zur Holzzucht für Förster, > 1791, 7. Ausl. 1817; Grundsätze der Forstdirec- ^ tion, 1803 u. 13; Lehrbuch für Förster, 1808; ^ Harting — Hartleibigkeit. 35 Lehrbuch für Jäger rc., 1810 (jenes in 8. u. 9. Aufl. 1846 u. 1851, dieses in 6.-9. Anfl. 1844 bis 1865 von Th. Hartig heransgegeben); Die Forstwissenschaft nach allen ihren Theilen rc., 1830. 2) Theodor, Sohn des Vor., gleichfalls ausgezeichneter Forstmann, geb. 21. Febr. 1805 zu Dillenburg, studirte in Berlin: wurde hier nach mehrjähriger praktischer Beschäftigung 1831 Docent der Forstwissenschaft u. ist seit 1835 Professor am Carolinum zu Braunschweig, seit 1838 zugleich herzogl. Forstrath. Schriften: Vollständige Naturgeschichte der forstlichen Culturpslauzen Deutschlands, 1840; Pflanzenkunde in ihrer Anwendung auf Forstwissenschaft, als erster Theil des Lehrbuchs sür Förster (s. oben u. 1), 1851; Die Aderslllgler Deutschlands, 1837; Jahresbericht über die Fortschritte der Forstwissenschaft rc., 1836/37, u. a. m. 3) Robert Heinrich Julius, ebenfalls namhafter Forstmann, Sohn des Vor., geb. 30. Mai 1839 zu Brauuschweig, studirte daselbst Forstwissenschaft, daun in Berlin Naturwissenschaften, Cameral- und Rechtswissenschaft, trat 1865 in braunschweigischen Staatsdienst, nahm aber bald wieder seinen Abschied, trat an der Forstakaüemie zu Neustadt-Eberswalde als Lehrer ein, wurde Docent der Botanik u. Zoologie u. 1871 Professor der Botanik. Er schrieb: Über Wachsthumsgang u. Ertrag der Rolhbuche, Eiche rc., Stnttg. 1865; Rentabilität der Fichtenholz- u. Buchenholzwirth- schast im Harze, ebd. 1868; Krankheiten der Wald- bäume, Berl. 1874; Das spec. frische u. Trockengewicht des Fichtenholzes, ebd. 1874; Die durch Pilze erzeugten Krankheiten der Waldbäume, 1. u. 2. Aust., Breslau 1875; Zahlreiche Abhandlungen in forstlichen und botanischen Zeitschriften. 1> 2 ) Wimmeiwucc L. 3; r. Harting, Pieter, bedeutender holländ. Mikco- skopiker u. Botaniker, geb. 1812 zu Rotterdam; studirte Medicin u. war von 1835—41prakt. Arzt zu Ondewaler, dann Professor der Chemie und Botanik am Athenäum zu Franeker, 1843 Professor der Pslauzenphysiologie, Geologie, Paläontologie rc. zu Utrecht, 1855 wurde er Director des naturhistorischen Museums daselbst. Seine zahlreichen Schriften behandeln meist mikroskopische u. pflanzcn- physiologijche Untersuchungen. Besonders bemerkenswertst sind: Lz'ckr. tot cks FeLcbrsäsnis äsr Llilcrosleoopön in cms Vsckorl., Utr. 1846; Lla^t van Irst llksrno, ebd. 1849, deutsch von Schwarz kopf, Lpz. 1851; Heb NUcrosleoop sto, 3 Thle., Utr. 1848—50; Vs voorrvorläolz-ics 8clroppiv^vu, Tiel 1857; Msurvots vvrbsbsrinMn van bst Llrllrosleoop, ebd. 1858. Auch gab er mit Lubach und Cogemann die Zeitschrift LIbum cksr Platuur heraus, die von Martin als Skizzen aus der Natur, Lpz. 1854, ins Deutsche übersetzt wurden. Zahlreiche Abhandlungen in verschiedenen holländ. Fachzeitschriften. r. Hartington, Spencer Compton Caven- dish, Marquis v., brit. Staatsmann u. Politiker, ältester überlebender Sohn Wilhelms, siebenten Herzogs von Devoushire, geb. 23. Juli 1833; ward iin Trinity-College zu Cambridge ausgebildet, wo er sich 1854 den Grad eines Baccalaureus u. 1862 den eines Doctors der Rechte erwarb. 1856 begleitete er den Grasen Granville auf seiner besonderen Mission nach Petersburg, ward im März 1857 im liberalen Interesse von Nord- Lancashire ins Unterhaus gewählt u. machte sich 1859 in weiteren Kreisen durch seine Beantragung eines, auch vom Unterhause angenommenen, Mißtrauensvotums gegen das Ministerium Derby einen Namen. Im März 1863 ward er zum Lord der Admiralität ernannt, vertauschte dies Amt aber im April bereits mit dem eines Unter- staatssecretärs im Kriegsministerium. Bei der Neubildung der zweiten Russelschen Verwaltung im Febr. 1866 ward H. Kriegsminister und trat im Juli dess. I. mit seinen College» vom Amte zurück. Bei den allgemeinen Wahlen im Decbr. 1868 verlor er seinen bisherigen Parlamentssitz, ward aber gleich darauf von den Radnor Flecken gewählt, nachdem er zuvor im Gladstoneschen Ca- binet den Posten eines Generalpostmeislers empfangen halte. Dieses Amt verwaltete er bis Jan. 1871, wo er Chichester Fortescue als erster Secretär sür Irland ersetzte. Beim Rücktritt der Gladstoneschen Verwaltung im Febr. 1874 legte auch H. sein Amt nieder. Als sich Gladstone kurz vor Eröffnung der Parlameutssession von 1875 von der Führerschaft der liberalen Partei zurückzog, ward H. von einer Versammlung der hervorragendsten Glieder der genannten Partei auf diesen wichtigen politischen Posten berufen, auf dem ersieh bis jetzt durch seinen großen Takt und seine kluge Mäßigung auszeichnet. Bartling. Hartknoch, Christoph, Historiker, geb. 1644 in Jablonka u. st. 1687 in Thorn als Professor am Gymnasium. Er schrieb: Preußische Kirchen- historie, Lpz. 1686; Altes n. neues Preußen, ebd. 1684; Vs oriAmibus vomoranicis. ebd. 1673 ; Vs repnbl. volouias, ebd. 1678; vissortat-ionez bist,, äs variis robns prussiois, Frkf. 1679; u. gab heraus Peters von Duisburg Vtrronieon vo- russiav, ebd. 1679; daun dessen visssrb. äs IInA. vskor. vruss. Hartleibigkeit, Stuhlverstopsuug (obstructio alvi), die länger als 1—2 Tage erfolgende Zurückhaltung der Kothmasscn im Darme. Dieselbe ist entweder nur ausnahmsweise einmal, kurze Zeit vorhanden (acute H.), oder eine Person leidet loriwährend an ihr (habituelle H.). Die acute H. beobachtet man bei fieberhasten Leiden, bei starkem Schwitzen, nach dem Genüsse schwer verdaulicher Nahrungsmittel (Klöße, Hlllsenjrüchte, Kartoffeln) oder znsammeuziehenderGetränke(Roth- weiu, schwarzer Thee), bei Einklemmung des Darms in Brüchen, bei Lageumänderungen (Drehungen, Knickungen, Einschiebungen) des Darms u. ist je nach der vorhandenen klrsache ein leicht oder schwer zu beseitigendes Übel. Die habituelle H. kann bedingt sein durch eine lähmungsartige Schwäche der Darmmuskulatnr u. ist diese Ursache vorhanden bei manchen Gehirnkrankheiten, nach erschöpfenden Krankheiten, bei lebensschwachen Kindern u. Greisen, bei Bleichsüchtigen; oder sie ist bedingt durch abnorme Körperhaltung, durch sitzende Lebensweise (z. B. bei Schreibern u. Gelehrten), oder durch Druck von Geschwülsten auf den Darm (bei Eierstocksgeschwlllsten, bei Geschwülsten der Gebärmutter, des Netzes (auch die Schwangerschaft zählt hierher)) ober durch den Darm ein- 36 Hartlepool - schnürende Neste abgelaufener Entzündungen (z. B. des Bauchfells), durch narbige Berengungen des Darms nach Darmgeschwüren (in der Ruhr, im Typhus); oder sie kann bedingt sein durch krampfhafte Zusammenziehungen des Darms (H. der hysterischen Frauenzimmer), endlich noch durch abnorme Beschaffenheit der Verdauungssüfte (der Galle, des Magen- u. Darmsastes u. dergl. Die Folgen der H. bestehen zunächst in einer drückenden Empfindung im Darme infolge der Ausdehnung desselben, in Erschwerung der Blutcirculation in Len Unterleibsgefäßen und sind daher Hämorrhoidalknoten die unausbleiblichen Begleiter der habituellen H., in Störungen der Berdauung (Appetitlosigkeit, Völle und Druck im Magen rc.); im Weiteren in Launenhaftigkeit, hypochondrischer Stimmung, Schwindel, Herzklopfen, unruhigen Schlaf rc.; Erscheinungen, die meist durch die gestörte Circulation hcrbeigesührt werden. Die Behandlung richtet sich nach den Ursachen. An der großen Anzahl der letzteren sieht man, wie jeder Fall einer eingehenden Erwägung bedarf u. wie thöricht es ist, die H. nach einer Schablone zu behandeln und das erste beste Abführungsmittel in Anwendung zn bringen. Jeder einzelne Fall muß nach seiner Eigenthümlichkeit aufgefaßt werden. Sehen wir ab von den Fällen, in welchen eine mechanische Ursache (wie bei Darmeinschnürungen, Brüchen rc.) die Fortbewegung der Darmmassen bedingt u. in denen häufig nur das chirurgische Messer Hilfe zu schassen inr Stande ist, so sind es zunächst am häufigsten die Kothanhäusnngen bei unzweckmäßiger Kost u. beim Fieber, welche einer Beseitigung bedürjen. Hier sind zunächst Abführmittel (Ricinusöl, St. Germainlhee, Wiener Trank, Bitterwasser) anzuwenden und dann die Diät zu ordnen. Bei lähmungsartigenZuständendesDarms verdient die Ilux vomies. in Verbindung mit Colm quinthen u. Aloe am meisten Vertrauen; die Diät sei bei diesen Formen von H. mehr anregend, bestehe in etwas Wein, Braten, gewürzten Speisen; zweckmäßig sind zugleich Abreibungen des Unterleibs mit kaltem Wasser, schwedische Heilgymnastik, Turnen. Huseland empfahl, zur bestimmten Stunde täglich zn Stuhle zu gehen, um Len Darm an Ordnung zu gewöhnen, Andere einen Trunk frischen Wassers bei nüchternem Magen am frühen Morgen. In allen Fällen sind fleißige körperliche Bewegungen nicht zu verabsäumen. Vergl. den Art. Hämorrhoiden. Kunze. Hartlepool, Stadt in der engl. Grasschaft Durham, aus einer Halbinsel nördlich von der Mündung des Tees, Eisenbahnstation; Rathhaus, neue Markthalle, Spital für Seeleute, Handwerker- Institut, Steinkohlenhandel, Schifffahrt, Fischerei, Seebad, leicht zugänglicher u. durch einen Damm geschützter Hasen, große Docks mit Schiffswerften; 13,166 Ew. — 1874 besaß die Stadt 189 Schisse von 66,796 Tonnen und etwa 160 Fischerboote. Der Werth der Ein- u. Ausfuhr etwa je 2H- Will. Pfü. St. In der Nähe an der Meeresküste merkwürdige Höhlen. H- Berns. Hartloth (Schlagloch), wird verwendet zum Löthen schwerflüssiger Metalle, wenn dieselben eine höhere Temperatur anszuhalten bestimmt sind, daher ist rS selbst schwerflüssig. Es besteht z. B. aus - Hartmaim. Kupfer für Eisen; ferner je nach der gewünschten Strengflüssigkeit aus Messing allein oder mit Zinkzusatz für Eisen, Stahl, Kupfer und Messing; aus zinkreichem Argentan für Argentan u. feinere Stahl- arbeiten; aus Silber und Kupfer (zuweilen mit Zink oder Messing) für Silber oder feinere Arbeiten aus Messing, Kupfer, Stahl; aus Gold, Silber u. Kupfer für Gold u. feine Stahlwaaren aus reinstem Golde, auch neuerdings ans Platin- schwamm mit Leinöl vermischt zum Löthen der Platingefäße. Jungs. Hartmanganerz (Psilomelan, Schwarzmanganerz), Mineral, in stalaktitischen, traubigen, ^ röhren- od. nierensörmigen Massen, auch derb u. ; eingesprengt, selten stänglich, mit schaliger oder körniger Zusammensetzung; Bruch flitchmuschelig bis eben, Härte 5—6, spec. Gew. 4„—4,^; eisenschwarz, bläulichschwarz od. schwärzlichgrau, schimmernd bis mattglänzend und undurchsichtig; im Strich bräunlichschwarz u. glänzend. Besteht ans Mangansuperoxyd, Wasser und Kali oder Baryt. Das H. wird wie der Braunstein benutzt; eS findet sich auf Gängen mit Brauneisenstein, besonders bei Schneeberg, Johanngeorgcnstadt, Ilmenau, Schwarzenthal in Böhmen, Jassenitz in Mähren, inüngarn, Frankreich, Cornwall, Devonshiren.a.O. Hartmann, 1) H. von Aue, mittelhochdeutscher Epiker u. Lyriker, geb. um 1 1 70 in Schwaben, Dienstmann der Herren von Aue im Breisgau, trat einen Kreuzzug an, starb zwischen 1210 und 1220. Über H-s dichterischen Charakter j. d. Art. Deutsche Nationalliteratur, S. 168. Chronologische Folge seiner Werke: Erec, nach dem gleichnamigen Werke des Chreiien de Troics 1192—93 gedichtet; 2 Büchlein (oder Liebesbriefe, das 2. nicht sicher von ihm); Gregorius, nach einer sranzösischea Quelle; Der arme Heinrich, dem wahrscheinlich eine lateinische Sagenaufzeichnung z» Grunde liegt; Jwein, zu dem Chrciiens de Times OiwvaÜor äu klon das Material bot, u. der schon vor 1204 bekannt sein mußte; Ausgaben des Erec von M. Haupt, Leipz. 1839, 2. Aust. 1871, Des Gregorius von Greith im 8picile§. Vatican., Frauenfeld 1838, von Lachmann, Beil. 1838, von H. Paul, Halle 1873; Des armen Heinrich von den Brüdern Grimm, Berl. 1815, von W. Müller, mit Wörterbuch, Gütt. 1842, von Haupt (sammt den Büchlein), Leipz. 1842, von Lachmann in der Auswahl, von Wackernagel im Lesebuch u. Basel 1355; Des Jwein von Benecke u. Lachmann» Berl. 1827 (mit Beneckes Wörterbuch, Gött. 1833), 2. Aust., Berl. 1843, 3. Aust., daselbst 1868. Ge- sammtausgabe von FeLor Bech, in den deutschen Classikern des Mittelalters, Bd. 4—6, Lpz. 1867—69, 3 Bde., 2. Aust. 1870—73. Neu« hochdeutsche Übersetzungen: Des Erec von Fistes, Halle 1851; Des Jwein vom Grasen W. Bau- dissin, Berl. 1845; Des armen Heinrich von K° Simrock, Berl. 1830. Vgl. L. Schund, Stand, Heimath u. Geschlecht des Minnesängers H., Tüü. 1874; Schrcyer, Untersuchungen über das Leben u. die Dichtungen H-s v. A., Berl. 1874; 2 ) H., der Arme, geistlicher Dichter des 12. Jahrh., der Sprache nach ans Mitteldeutschland. Eine Ausgabe seiner gereimten, häufig mit Latein vermengten Rede vom Glauben hat Mcßmann in Hartmann. 37 den Gedichten des 12. Jahrh. besorgt, Quedlinb. 1873. Vgl. Reißenberger, Über H-s Rede vom Glauben, Leipz. 1871. I) Zimmermann. Hartmann, 1) Anton Theodor, Theolog u. Orientalist, geb. 1777 in Düsseldorf, wurde 1799 Prorector in Herford, 1803 Lehrer in Oldenburg, 1811 Professor der Theologie u. Consistorial- rath in Rostock u. st. 1837. Er schr.: Asiatische Perlenschnur, Berl. 1800 f., 3 Bde.; Die Hebräerin am Putztisch und als Braut, Amsterd. 1809 f.; Wanderungen durch die biblisch-asiatische Literatur, Brem. 1808—20; Mwsnnri linAuas Irsbraioae sLlisoflng. auAsnäi kartie. I—III., Rostock 1826; 8) Jakob von, bayerischer General, geb. 5. Febr. 1795 zu Maikammer in der Rheinpfalz, trat, als die Pfalz noch unter französischer Herrschaft schmachtete, in die franz. Armee ein, erhielt seine militärische Erziehung zu Bonn u. St. Cyr u. wurde 1811 Unterlieutenant. 1814 zeichnete er sich in den Schlachten bei Fleurus und Orleans, sowie 1815 bei Belle-alliänce aus u. erwarb sich die Ehrenlegion. Als 1816 die bayerische Pfalz wieder an Bayern kam, trat er aus dem franz. Dienst in den bayerischen als Oberlieutenaut über; wurde 1829 Hanptmann, 1839 Major im Generalstab, 1842 Adjutant des nachmaligen Königs Max II. und 1848 bereits General und Flllgcl- adjutant. Im Feldzuge 1866 wurde er als Führer der 4. bayerischen Infanterie-Division vielfach angegriffen, weil er mit seinen Truppen nicht im Treffen bei Kissingcn erschien, das dann allerdings einen anderen Ausgang genommen hätte; allein H. war daran durch Befehle verhindert worden; nach den Siegen bei Weißenburg, Wörth u. Sedan steht er in ehrenvollem Andenken bei der deutschen Nation. Er st. 23. Febr. 1873 zu Würzburg als General der Infanterie und com- mandirender General des 2. bayer. Armee-Corps. Z) Johann Pet. Emil, hervorragender Com- ponist, geb. 14. Mai 1805 in Kopenhagen, trieb Musik u. studirte zugleich seit1822 daselbst dieRechte, verließ aber die jurist. Laufbahn u. widmete sich ganz der Musik; er wurde Organist an der Garnison- u. 1842 an der Metropolitankirche, auch 1840 Professor der Musik an dem Conservatorium; er hat viel com- ponirt, z. B. die Opern: Der Rabe, Klein Kirsten, Die Corsaren; die Melodramen: Die goldenen Hörner u. Das Juragebirg; außerdem Ouvertüren- Märsche, Symphonien, Cantaten, Lieder, Klavierstücke rc. 4) Richard, bedeutender Maschinenbauer, geb. 8. Nov. 1809 zu Barr im Elsaß, wurde Schmied n. stand einige Zeit in Chemnitz in Arbeit; 1837 gründete er eine eigene Werkstätte u. gewann durch Verbesserung der Baumwollenspinnmaschinen bedeutende Aufträge, so daß die Fabrik sich rasch vergrößerte und auch andere Maschinen dargcstellt werden konnten. So gründete er 1847 eine Anstalt für Locomotivenbau u. schon 1858 war die 100. Locomotive beendigt. Darauf folgten zahlreiche andere Specialitäten der Mechanik, so daß die Etablissements von H. zu den bedeutendsten Deutschlands gehörten. 1870 gingen sie durch Kauf an die Aktiengesellschaft der sächsischen Maschinenfabrik zu Chemnitz über. 5) Julius von, preußischer General, Sohn des hannöverschen Artillerie-Generals I. v. H. (starb 1856), geb. 2. März 1817 in Hannover, trat, 20 Jahre alt, in das 10. preußische Husaren-Regiment ein u. wurde 1849 Hauptmann im Generalstab. Als solcher machte er den Feldzug in Baden mit. 1853 wurde er Major und etatsmäßiger Stabsoffizier im 3. Ulanen-Regiment, 1857 Com- mandeur des 2. Dragoner-Regiments, 1858 als Oberstlieutenant in das Kriegsministerium als Chef der Abtheilung für Armee-Angelegenheiten versetzt. 1860 wurde er Oberst u. Generalstabschef des 6. Armee-Corps, 1863 Commandeur der 9. Cavalerie-Brigade, 1865 Generalmajor und Commandant von Koblenz u. Ehrenbreitstein. Den Feldzug 1866 machte er als Commandeur der Cavalerie-Division der 2. Armee mit u. 1867 kam er, zum Generallieutenant ernannt, als Militär- bevollmächtiger nach München u. 1868 als Commandeur der 2. Division nach Danzig. 1870 betheiligte er sich als Commandeur der 1. Cavalerie- Div. an den Schlachten von Courcelles u. Gravelotte u. wurde anfangs Octbr. Commandant vor Diedenhofen. Als Prinz Friedrich Karl gegen S. aufbrach, folgte auch H. u. machte diesen Feldzug mit der größten Auszeichnung mit (Gefecht bei Nendvme). Am 6. Jan. 1871 erhielt er ein selbstständiges Commando über ein aus allen 3 Waffen bestehendes Detachement mit dem Aufträge, den zwischen der Loire u. dem Loir von S. herandrängenden Feind in Schach zu halten und dann die Offensive zu ergreifen. Er löste diese Aufgabe, indem er 7. u. 9. Jan. die siegreichen Gefechte bei St. Amand u. Chateau Renault bestand u. 19. Jan. Tours besetzte. Ende Mai 1871 wurde er Gouverneur von Straßburg n. nahm 1875 als General der Cavalerie seinen Abschied. 6) Moritz, Dichter u. Publicist, geb. 15. Octbr. 1821 zu Duschnik (im böhmischen Kreise Eger), stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie; studirte 1838 in Prag, 1840 in Wien, wo er für Sicherung seiner Existenz gleichzeitig Erzieher in einem Banquierhause wurde. 1844 ging er auf An- rathen Lenaus nach Leipzig, wo 1845 die erste Sammlung seiner Gedichte unter dem Titel Kelch und Schwert erschien. Deßhalb von der österr. Negierung verfolgt, ging er erst nach Brüssel, dann nach Paris, wo er mit Heine, Venedey, Beranger u. A. verkehrte und für Zeitschriften schrieb (best für die Grenzboten). 1846 gab er in Leipzig Neuere Gedichte heraus, besuchte heimlich seine Eltern u. floh dann nach Berlin. Ende 1847 ging er nach Prag, um sich allen Strasconsequenzen zu unterwerfen. Er wurde verhaftet; im März 1848 freigegeben, wurde er Führer der deutschen Partei in Prag gegen das überwiegende Czechcnthnm, im April an den Kaiser deputirt und dann von der Stadt Leitmcritz in das Frankfurter Parlament gewählt, wo er zur äußersten Linken gehörte. Im Octbr. mit Jul. Fröbel u. Rob. Blum nach Wien abgeordnet, hatte er es nur dem Zufall zu danken, daß er nicht mit seinen Freunden in demselben Hotel gewohnt hatte, als diese verhaftet wurden. Er entkam nach Frankfurt, wunderte mit dem sog. Rumpfparlament nach Stuttgart u. betheiligte sich nach dessen Auflösung am badischen Aufstande, worauf er nach der Schweiz floh. Als Frucht einer Reise durch Frankreich erschien: Tagebuch aus 33 Hartmcimisdorf — Hartmilt. Provence u. Languedoc. Darmst. 1852, 2 Bde., neue Ausg. Stuttg. 1874, sowie Bretonische Volkslieder (letztere in Gemeinschaft mit Ludw. Pfau, nach de la Villemarques Sammlung. Köln 1859, herausgegeben). 1854 ging er als Correspondent der Köln. Zeitung aus den Kriegsschauplatz nach den Donaufürstcnthümcrn, 1855—57 warf ihn ein Beinleiden aufs Krankenlager, 1860 ließ er sich in Genf nieder, wo er sich mit Bertha Rüdiger vermählte u. als Professor der deutschen Literatur an der Akademie angestellt wurde. 1862 ging er nach Stuttgart, wo er die Zeitschrift Freya und seit 1867 auch die Wochenausgabe der Augsburger Allg. Ztg. redigirte. 1868 ging er als Redacteur des Feuilletons der Neuen freien Presse nach Wien, wurde aber hier von einem Liierenleiden befallen, dem er am 13. Mai 1872 erlag. Er veröffentlichte noch: Der Krieg um den Wald, Franks. 1850; Adam u. Eva (eine Idylle in 7 Gesängen), 1851 u. 1874; Schatten (poetische Erzählungen), Darmst. 1851; Die Reimchronik des Psasfen Mauritius, 1849 und 1874; Zeitlosen (Gedichte), Braunschw. 1858; Märchen und Geschichten aus Osten u. Westen, ebd. 1858; Erzählungen eines Unstäten, Bell. 1858, 3 Bde.; Erzählungen meiner Freunde u. Novellen, Franks. 1860; Bilder und Büsten, 2. Bde., ebd. 1860; Von Frühling zu Frühling, Berl. 1861; Novellen, Hamb. 1863, 3 Bde.; Die letzten Tage eines Königs (historische Novelle), Stuttg. 1866, 2. Aust. 1867; Nach der Natur (Novellen), ebd. 1866; Märchen (nach Perrault), ebd. 1867; Die Diamanten der Baronin (Roman), Berl. 1868, 2 Bde.; Gesammelte Werke, Stuttg. 1873—75, 10 Bde.; Gedichte (neue Auswahl), ebd. 1875. Er übersetzte Alex. Petöfis Gedichte (mit Szarvedy), Darmst. 1851. Außerdem sind zu nennen seine ungedrucklen dramatischen Dichtungen: Sie ist arm, Trauerspiel; Gleich und gleich, Lustspiel; Buridans Esel. 7 ) Ludwig, Klaviervirtuos, Lomponist, Musikschrifl- steller, geb. 1836 zu Neuß, erhielt seine Ausbildung in Leipzig n. bei Liszt in Weimar, trat 1859 -n Dresden mit vielem Ersolg auf und ließ sich daselbst nieder. Er ist ein hervorragender Vertreter der Liszt - Wagnerschen Richtung; schrieb Lieder, Klavierstücke, die Oper Helge (Manuskript) und zahlreiche Journal-Aussätze. 8) Karl Robert Eduard v.. Philosoph, geb. 23. Februar 1842 in Berlin, trat 1858 in das Garde-Artillerie- Regiment ein, wurde 1860 Osfizier und besuchte 1859—62 die vereinigte Artillerie-u. Ingenieurschule. Nachdem er 1865 aus Gesundheitsrücksichten den Abschied mit dem Charakter als Premierlieutenant genommen hat, prwatisirte er in Berlin. Er sehr.: Über die dialektische Methode, Berl. 1869; Philosophie des Unbewußten; ebd. 1869, 7. Aust. 1875; Aphorismen über das Drama, ebd. 1870; Gesammelte philosophische Abhandlungen zur Philosophie des Unbewußten, ebendas. 1872 (historische, kritische und polemische Aussätze in den Philosophischen Monatsheften); Schellings positive Philosophie als Einheit von Hegel und Schopenhauer, ebd. 1869; Das Ding an sich u. seine Beschaffenheit, ebd. 1871; Erläuterungen zur Metaphysik des Unbewußten rc., ebd. 1874; Die Selbstzersetzung des Christemhums und die Religion der Zukunft, ebd. 1874; Wahrheit und Jrrthum im Darwinismus, ebd. 1875; Kirchmanns erkenntniß - theoretischer Realismus, ebd. 1875; Gesammelte Studien u. Anssätze, ebd. 1876. H. I hat sich unter dem Karl Robert auch als dramatischer Dichter versucht. In spekulativer Beziehung läßt sich H-s System als eine Synthese der Antipoden Hegel und Schopenhauer bezeichnen, eine Synthese der logischen Idee u. des blinden Willens, welche nur in einem neueren Princip möglich ist, das diese beiden in sich vereinigt und zu seinen Momenten (Attributen) herabsetzt. Dieses neue Princip ist das Unbewußte, ein Begriff, der auch schon früher, namentlich von Schelling u. Carus, berührt, aber nicht sicher als absolutes Princip erfaßt wurde. Eine der frappantesten Seilen des Buches ist die zum Schluß vollzogene Synthese des Hegelschen Optimismus mit dem selbständig u. tiefer begründeten Schopenhauerschen Pessimismus, ans welcher Verbindung zwar ein von allweiser Vorsehung möglichst zweckmäßig geleiteter, aber doch schließlich nur zu einem negativen Ziele führender Welcproceß resultirt. Die Philosophie des Unbewußten hat zahlreiche Angriffe erlebt, ans die H. selbst u. Andere geantwortet haben. Tue Schriften H-s zeichnen sich durch eine klare und pikante Darstellungsweise aus. Auch die Gattin H-s, Agnes geb. Taubert, hat unter dem Namen Ä. Taubert eine philosophische Schrift: Der Pessimismus u. seine Gegner, Berl. 1873, veröffentlicht. Vgl. Vaihinger, H.-Dühring-Lange, Jserl. 1876. 9) Robert, Anatom u. Ethnograph, geb. 8. Oct. 1832 in Blankenburg a. H., studirte Medicin u. Naturwissenschaften, übernahm, nachdem er 1859 bis 1860 als Begleiter des Freiherrn A. v. Barnim die Nilländer bereist hatte, 1865 an dem landwirthschastl. Institute in Proskau eine Lehrerstelle für Zoologie und Physiologie, erhielt dann 1867 den Ruf sllr den Lehrstuhl der Anatomie in Berlin und hat sich bes. durch seine ethnograph. Arbeiten einen bedeutsamen Namen erworbenp außerdem hat er reiches Material zur Durchforsch- ung der von ihm bereisten Länder gesammelt. Von seinen Schriften sind besonders zu nennen: Die Nigritier, Berl. 1876, dem 1863: Reise des Freiherrn v. Barnim durch NOAsrika u. 1866 seine: natnrgeschichtlich-medicinische Skizze der Nilländer vorangingen. H. ist Milredacteur der Zeitschrift für Ethnologie. 2 > 5) Traber. 31 7) Brambach.* Tbamhayn. Hartmannsdorf, Kirchdorf inderAmtshaupt- mannschaft Rochlitz der kömgl. sächs. Kreishaupt. Mannschaft Leipzig, Station der Sächsischen Staatseisenbahn; Fabrikation von Slrumpswaaren, Serpentin- u. Sandsteinbrüche; (1875) 3333 Ew. Hartmäuligkeit, eine verminderte Empfindlichkeit des Pserdes gegen den Eindruck des Gebisses, so daß es durch dasselbe schwer oder gar nicht zu lenken ist; gewöhnlich Folge davon, daß man den jungen Pferden zu scharse Gebisse anlegt. Hartmetall, Kupjer oder Messing, welchen noch anderes Metall, bes. Wismnth oder Antimon beigemischl ist, wodurch es hart n. spröde wird n. nur zu Gußwaaren, vor allem aber für Lagerschalen bei Walzen u. Wellen rc. rangt. Sib-r. Hartmnt, in der deutschen Heldensage Nor- 39 Hartmuth v. Kronberg — Harnspex. mannenkönig, Sohn Ludwigs u. Gerlindens, der um Gudrun freite, von ihr verschmäht wurde u. sie > mit Gewalt entführte (s. Gudrun). I Hartmuth V. Kronberg, fränkischer Ritter, einer der ersten Anhänger Luthers und der Reformation, geb. 1488, war in kaiserlichen Diensten zum Mainzischen Erbtruchkeß empvrgestiegen. Luthers Schrift an den Adel deutscher Nation ergriff ihn tief, u. er erklärte sich offen für die Reformation in seiner Schrift Christliche Vermahnung an die 4 Bettelorden, 1522, sowie in Zuschriften an Papst Leo X. u. Kaiser Karl V., von welch letzterem er hoffte, er werde die Papstmacht in Deutschland beschränken. Als Freund des Franz vonSikkingen nahm er 1522 an dessen Erhebung gegen den Kurfürsten von Trier theil, verlor infolge dessen seine Burg u. mußte in die Schweiz fliehen. Dort trat er mit dem vertriebenen Herzog Ulrich von Württemberg in Verbindung und war unter denen, die ihn für die Reformation gewannen. 1541 in seine Güter wieder eingesetzt, starb er 7. Ang. 1549. S. Strauß, Ulrich von Hutten, Bd. 2. Lösfl-r. Hartriegel, 1) die Pslanzengattung voraus, bes. 6. mssouls, u. O. ssnAuinsa,; 8) f. v. w. lüAustrma vui§srs. Hartschier, von Archer, d. i. Bogenschütze, jetzt Benennung der Gardisten der bayerischen Leibwache. Hartschliigigkeit, Hartschlächtigkeit,Hart- schnaufigkcit, s. v. w. Damps 2). Hartsoeker, Nicolaus, bedeutender holländ. Physiker, geb. 26. Mai 1656 zu Gouda, lebte ' in Amsterdam, im Haag, 1678—1679 und dann wieder 1684—1696 in Paris, kehrte nach Amsterdam zurück, war Lehrer Peters des Großen, lebte 1704—1716 als Hofmathematikus des Kurfürsten v. d. Pfalz in Düsseldorf u. war Honorarprofessor in Heidelberg, zuletzt in Utrecht, wo er am 10. Dec. 1725 st. Unter seinen zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: lilssai äs äioplrigns, Par. 1694; skrinoixss äs pb^sigus, ebd. 1696; Voiffeeturss xlrxs., Amsicrd. 1706 n. Fortsetzung 1708, 1710, 1712. In dem Rsonsil äs päusisurs xissss äs piiMgus rc., Utr. 1722, u. in verschiedenen Abhandlungen trat er als scharfer Gegner Newtons auf. Zahlreiche physikalische Untersuchungen (über die Circulation des Blutes, die Magnetnadel, - über Frostwirkung auf Knospen, Capillarität rc.) finden sich in wissenschaftlichen Zeitschriften. r. Hartwinder, Pressionsspulenapparat, ein von Richard Hartmann in Chemnitz erfundener Apparat, welcher an Mulemaschinen jetzt sehr verbreitet ist u. die richtige u. dichte Auswickelung des Garns auf die Kötzer bewirkt. Hartzcnbusch, Juan Eugenio, neben Breton de los Herreros der vorzüglichste der zeitgenössischen spanischen Dramatiker, von einem aus Schwaders bei Köln gebürtigen, 1804 in Madrid eingewanderten deutschen Vater (Kunsttischler) u. spanischer Mutter stammend, geb. 1806 in Madrid, begann das Studium der Theologie bei den Jesuiten, wandte sich später mit Vorliebe den schönen Künsten (Dichtkunst, Malerei) zu, sah sich aber genöthigt, als sein Vater 1823 dauernd erkrankte, dessen Handwerk, die Kunsttischlerei, zu betreiben. Durch den um 1833 beginnenden Bürgerkrieg geschästslos geworden, legte er sich auf die Stenographie u. wurde 1835 Schnellschreiber der Regierungszeitung. Schon früher halte er sich dramatischen Arbeiten gewidmet, jedoch nur Übersetzungen, meist nach dem Französischen u. Italienischen gebracht; 1836 trat er mit Originalen «uf die Bühne u. gab seine Stenographenstelle auf; 1844 wurde er Unterbibliothekar zu Madrid, 1847 Mitglied der Akademie und 1852 Oberrichter des Theaterrathes; 1862 wurde er zum 1. Director der Nationalbibliothek in Madrid ernannt. Als Dichter gehört H. zu derjenigen Fraction der Romantischen Schule, welche die alten National- dichter zum Vorbild nehmen. Er schr. die Dramen: los amsvtss äs Israel (1836, neuere Ausg. 1838 u. ö.); Dana Llsnois, (1838); Li- konso sl sssto (1841); Li baokillsr Ilsnäsriss (1842); krimsro xo (1842); Honoris, (1842); die Lustspiele: Im rsäoms, snosntmäs, (1839); Im visionsris(1840); lm oojs, z? sl snsoZIäo (1843); lm msärs äs keines (1846); Gedichte u. prosaische Aufsätze, Madrid 1843 ff.; Im srguoängus- sita, (1854); Vnsntos x lübulss (2 Bde., Madr. 1861); Odrss äosnllsr§o(1864); Obrss ssooAiäss, Par. 1851; vervollständigte Originalausgaben seiner ausgewählten Werke erschienen in 2 Bdn. 1865 u. 1876 bei Brockhaus in Leipzig. Er gab auch in der trefflichen großen Ausgabe von RivaLeneyra (1847—61) Tirso de Moliuas Teatro, Calderon u. Ruiz de Alarcon, 1852, heraus. H-s Stil gilt als musterhaft rein, von blühender, frischer Phantasie; seine Verse zählen durch ihren großen Wohllaut zu den besten, die in spanischer Sprache gedichtet wurden. Neben den anderen modernen Literaturen kennt H. auch die deutsche Literatur genau; einzelne poetische Übertragungen, z. B. Schillers Kindesmörderin (Im inlsnrioiäa) und die Glocke (Im sampsns), sind so vorzüglich gelungen, daß sie dem deutschen Original an Werth Völlig gleichkommen. Booch-Arkossy.» Harud, Fl. in WAfghanistan, entspringt ans den Bergen von Ghorat als Aüreskant u. verläuft sich in einem großen Delta in den Hamun-See. Harugari (v. altd. irsruo, heiliger Hain, Priester), deutscher Orden der H., eine im März 1847 in New-Zork gegründete u. jetzt in über 200 Logen über die ganze Union verbreitete Verbindung, welche den Zweck hat, in Noth, Krankheit rc. sich gegenseitig beizustehen, dann aber bes. deutsches Wesen n. deutsches Leben in NAmerika zu heben u. zu veredeln. Ihr Organ ist seit 1869 die Deutsche Eiche. Harun al Raschid, Sohn Mahdis, einer der bekanntesten u. gefeiertsten Khalifen, der Held von Tausend u. Einer Nacht n. vieler Sagen im Abendlande, durch seine Beziehungen zu Karl d. Gr. hauptsächlich bekannt, geb. 766 n. Chr., regierte von 786—809. Dem glänzenden Bild, welches die Sage von ihm bietet, entspricht nicht das der Geschichte; wol war er thatkrästig, kunst- u. prachtliebend, aber nicht frei von orientalischer Nachsucht u. willkürlicher Grausamkeit, so gegen die Barmekiden (s. d.); ebensowenig war seine Regierung eine durchaus glückliche, s. u. Khalis. TlMemann. Haruspex, Mehrh. Harusprces (röm. Ant.), 4V Harvard College — Harz. in Rom Weissager, welche sich mit der Schau der Eingeweide der Opferthiere (s. LxtisMium und Luxuriain), Deutung u. Procuration der Prodigien u. Bestattung von Blitzen beschäftigten; sie waren etruskischer Abstammung (vgl. Etruskische Mythologie), anfangs wurden stets H. aus einer etruskischen Stadt geholt; später ließen sich deren in Rom nieder, wo sie bes. im Velabrum ihren Sitz hatten, u. zwar den römischen Auguren nicht gleichgeachtet wurden, aber doch in Ehren standen. Zur Zeit der Republik bildeten sie kein besonderes Priestercollegium; erst Kaiser Claudius errichtete ein solches, welches aus 60 Mitgliedern mit einem Uaxioter xubiious an der Spitze bestand u. mit Len übrigen Priesterständen gleiche Würde theilte; es ging 419 n. Chr. wieder ein. Außer den öffentlich autorisirten gab es auch deren, welche im Stillen den Leuten wahrsagten. Die Wissenschaft der H. (RaruZpioins.) waren in bestimmten Büchern (Harnspiorui libri) enthalten. Harvard College, s. u. Cambridge 3. Harvestehude, Ortschaft im Geestlande des Gebietes der freien u. Hansestadt Hamburg, an der Außenalster; schöne Landsitze, einst Lieblingsaufenthalt des Dichters Hagedorn; (1875) 4329 (1871) 5265 Ew. Harvest, 1) William, berühmter Arzt, geb. 2. April 1578 zu Folkestone in der englischen Grafschaft Kent, studirte Medicin, reiste dann in Frankreich, Deutschland und Italien, hielt sich längere Zeit als Schüler des Fabricius ab Aqua- pendente in Padua auf, ließ sich dann in London nieder, trat 1604 in das Collegium der Ärzte ein und wurde Arzt am St. Bartholomäus- Hospitale. 1613 erklärte er in seinen Vorlesungen zum ersten Male seine neue Lehre vom Blutlaufe, die erst 1628 durch den Druck veröffentlicht wurde. 1615 wurde er Lehrer der Anatomie u. Chirurgie am Londoner Collegium der Ärzte, 1632 Leibarzt Karls I. u. starb 3. Juni 1657. Durch ihn wurde die iatromathematische Schule begründet. Seine neue Lehre vom Blutlauf hat er 1628 in dem unsterblichen Werke: lüxsroitatio anatomiea sie motu corüiv et savAuinis in aui- malibus, Franks. 1628, Leyden 1639 veröffentlicht. In feiner Schrift: Vs gsnsrations nuiinaiium, Lond. 1651 u. ö., zuletzt Haag 1680, sprach er den Satz aus, daß alles Lebende von seines Gleichen stamme (omns vivum ex ovo). Beide Schriften vereint erschienen Leyden 1737, 2Bde. Gesammelte Schriften gab Lawrence, 1766, 2 Bde., heraus. Leider wurden bei einer Plünderung seines Hauses während des Bürgerkrieges eine Menge werthvoller Manuskripte verbrannt, worunter namentlich die über die Generation der Insekten. 8 ) William, geistvoller engl. Illustrator, geb. zu Newcastle 1796, gest. zu Prospect Lodge (Richmond) 13. Jan. 1866, Schüler Bewicks, des Neubegründers des Formschnittes, ging 1817 nach London zu Haydon, malte dort in Oel, wendete sich aber vorzugsweise der Bücherillnstration zu und fertigte mit gewandter Hand und leichter Erfindungsgabe zahllose Holzzeichnungen. Am bekanntesten wurde H. durch Knights kioborial Ldakesxoare, am besten zu schätzen aus seinen originellen u. höchst charakteristischen Zeichnungen zu Laues Bearbeitung von 1001 Nacht (Lrabiau uiAÜts). i> Thamhaqn. L) Regnet. Harwich, Seestadt in der engl. Grafschaft Essex; an der Spitze einer Landzunge zwischen den Mündungen des Stour u. des Orwell (beide oberhalb der Stadt schiffbar), Eisenbahnstation, Fabrikation von römischem Cement, Fossilien-Dünger (6s.xro- Uts), Schiffbau, Schifffahrt, Handel, stark befestigter Hafen, Seebäder; 6079 Ew. — Werth der Einfuhr 1874 3 Mill. Psd. Sterl., derjenige der Ausfuhr 2,» Mill. Pfd. Sterl. Über H. u. Rotterdam od. Antwerpen vermittelt sich einer der Wege zwischen London u. dem Continent. Bei H. das Bad Dovercourt mit Mineralquelle u. Kurhaus. Harz, 1) (Harzgebirge) das nördlichste Gebirge in Deutschland, welches im Längendurchschnitt von NW. nach SO. von Seesen bis Hettstädt etwa 90 Icm (12 M), im größten Ouerdurchschnitt von Blankenburg bis Walkenried 30 icm (4 M) mißt u. sich über einen Mchenraum von 2045 (37,,, ÜÜM) erstreckt, wovon 738,z jUicm (13,«, UM) auf Braunschweig, 682,, sülcm (12,«« fssssM) auf die preuß. Provinz Hannover, 496,, lULm (9,0, UM) aus die preuß. Provinz Sachsen und 126,g s^jkni (2,g s^M) auf Anhalt kommen. Die über die angegebenen Grenzen im S. u. W. hinausreichenden Höhen werden Vorharz genannt. Das Hauptgebirge ist ein scharf umrissenes'Massen- gebirge mit plateauartiger Oberfläche, die sich von NW. nach SO. erheblich senkt, so daß der äußerste südöstliche Gebirgsrand (220 m) nicht viel mehr als ein Drittel der Höhe des nordwestl. Randes (600 m) erreicht. Der Abfall desselben ist im N. am steilsten, wo es mit seinen höchsten Theilen unmittelbar aus der Tiefebene aufsteigt (bei Goslar erhebt sich der Rammelsberg etwa 300 in aus der vorliegenden Tiefebene); auch im W. ällt es zum Thal von Seesen gleichfalls sehr bedeutend ab, während im O. und S. die Abfälle weniger steil sind. Die plateauartige Oberfläche wird von einzelnen tiefen Thälern durchschnitten, und über dieselbe erheben sich Berge mit meist sphärischen Kuppen. Durch das Brockengebirge wird der H. in den Ober- u. Unterharz getheilt; jener umfaßt den nordwestlichen höheren, dieser (der Unterharz) den südöstlichen niederen Theil des Gebirges. Den nordwestl. Theil des Oberharzes bildet das Plateau von Klausthal, an das ich im O. das Brockengebirge u. im SO. die Gebirgslandschaft von Andreasberg anschließt. Jenes Plateau hat einen einförmigen Charakter und eine mittlere Höhe von 560 m. Auf der NSeite desselben erhebt sich ein kleiner Rücken mit dem Rammelsberg (634 in), Dicken Kopf (662 in), Schalke (766 m) u. Bocksberg (726 in). Vom Kern des Plateaus wird durch die Innerste der westl. Theil des H. mit der Spielmannshöhe (607 in), der Großen Wülpke (620 in), dem Eipelberg (600 in) rc. abgeschnitten. Im SO. wird es von einem von NO. nach SW. streichenden Rücken begrenzt, dessen nordöstlicher Theil Bruchberg (mit Wolfswarte 918 m) und dessen 'üdwestlicher Theil Ackerberg (832 m, mit der Hanskühnenburg) genannt wird. Zwischen dem Brnchberg und dem Brockengebirge bildet das Brockenfeld eine ti-k- Einsenkung (ein Torfmoor Harzburg. 41 mit den Quellen mehrerer Flüsse). Die südlich davon ». südöstlich vom Ackerfelde gelegene reizende Gebirgslandschaft von Andreasberg, die von mehreren Flnßthälern durchschnitten wird, hat als Höchsts Punkte den Rehberg (881 in), den Sonnenberg (822 m) u. den Rabensberg (754 in) mit herrlicher Aussicht. Zwischen den Quellen der Eker u. Ilse (Weser) u. Holzemme u. Bode (Elbe) er- hebt sich das Brockengebirge, dessen höchster Berg der 1143 in hohe Brocken (s. d.) ist. Andere bedeutende Berge sind: die Heinrichshöhe (1037 m), der Große u. der Kleine Königsberg (1029 u. 1027 in), der Große u. Kleine Winterberg (920 u. 871 m), der Wormberg (970 m), die Achtermannshöhe (928 in), der Reckenberg u. die Hohneklippen (906 in) rc. Der Unterharz besteht aus den beiden Plateaux von Elbingerode und Harzgerode. Jenes, südöstl. vomBrockengebirge, hat eine mittlere Höhe von 470 m, trägt keine nennens- werthen Gipfel, wird aber vom Bodethal mit der Baumanns- u. Bielshöhle durchschnitten. Im O. u. SO. wird es von dem Ramberg mit der Roßtrappe (461 rn), dem Hexentanzplatz (454 in) u. der Victorshöhe (537 m) u. dem Auerberg (570 m) begrenzt. Das Plateau von Harzgerode, das den südöstl. Theil des eigentlichen Harzes umfaßt, dacht sich von 400 ans 220 in ab u. besitzt das Thal der Selke mit Alexisbad, dem Mägdesprung und dem Falkenstein. Ans seinem NRande erheben sich der Stubenberg, sowie der Schloß- n. Ziegenberg u. in seinem südlichen Theile der Wachberg. Die höchsten bewohnten Orte sind Andreasberg in 591 m, das Dorf Hohegeiß in 605 m u. die Stadt Klausthal in 603 m Höhe. Die östlich entspringenden Flüsse (Zorge, Wipper, Eine, Selke, Bode, Holzemme) gehören zum Elbegebiet, die westlichen (Oder, Siebe, Söse, Nette, Innerste, Ocker, Eker, Ilse) zum Wesergebiet. Der innere Bau des H-es ist ziemlich einfach; er besteht seiner Hauptmasse nach aus Thonschiefer, Übergangs- kalk u. Grauwacke, welche von Grünstem in seinen verschiedenen Arten, von granitischem Gestein (bes. um den Brocken), Porphyr rc. durchbrochen ist. Außerordentlich reich ist der H. an Erzen, nämlich an Silber, Gold, Eisen, Blei, Kupfer rc., u. steht an Mineralreichthum in Deutschland nur dem Erzgebirge nach. Außerdem bricht man auch Marmor, Granit, Alabaster rc., u. am östlichen Fuße befinden sich ergiebige Salzquellen. Der H. hat reiche Waldungen, Nadel- u. Laubholz (auf dem Oberharz wiegt das Nadelholz, auf dem Unterharz das Laubholz vor); darin viel Wild, als Hirsche, Rehe, Schweine, Luchse, Füchse, wilde Katzen; ferner zahlreiche ofstcinelle Pflanzen, Isländisches Moos, verschiedene Waldbeeren und Trüffeln. Die Bewohner des H-es gehören verschiedenen Stämmen an: dem ober- und nieder- sächsischen, dem fränkischen u. thüringischen. Der Bergbau, seit dem 10. Jahrh. durch fränkische Bergleute eröffnet u. jetzt zu den wichtigsten in Deutschland zählend, bildet die Hauptbeschäftigung der Bewohner; außerdem bildet die Holz- wirthschaft einen wichtigen Nahrnngszwcig, sowie auch vie Viehzucht u. (namentlich auf dem Unterharz) der Ackerbau. Wichtige Nebenbeschäftigungen sind noch das Einsammeln von Waldbeeren, Holzschnitzerei, Zimmerarbeit, Spitzenklöppelei, Vogelfang u. Zucht von Kanarienvögeln. Die schönsten Thäler des H-es sind das Selkethal, Bodethal, Jlsethal; andere sehenswerthe Punkte sind außer dem Brocken der Stauffenberg mit den Ruinen der Burg Heinrichs I., die Teufelsmühle, die Roßtrappe, der Mägdesprung, Schloß Falkenstein, Alexisbad, Victorshöhle, Stubenberg, die Baumanns- n. Bielshöhle, die Kelle, das Einhorn- u. Weingartenloch rc. Die Anmuth u. die Großartigkeit der Natur in den Schluchten, Thälern n. Bergen zieht alljährlich viele Fremde, für deren Fortkommen durch gute Wege nach allen Orten, sowie auch für bequeme Gasthäuser gesorgt ist, in das sagenreiche Gebirge, das gegenwärtig bereits von Eisenbahnen ganz umschlungen u. z. Th. durchzogen ist. Vgl. Zimmermann, Das Harzgebirge, Darmst. 1834, 2 Bde.; I. Fr. L. Hausmann, Über die Bildung des Harzgebirges, Gött. 1842z Gottschalk, Taschenbuch für Reisende in den H., Maadeb., 5. Ausl. 1843; Brederlow, Der H., zur Belehrung und Unterhaltung für Harzreisende, Braunschw., 2. A. 1851; W. Lschmann, Nivellement des Harzgebirges, ebd. 1851; Wegweiser im H. und dessen Umgegend (Griebens Reisebibliothek 2.), 5. Aust., Bert. 1857; Spieker, Der H., seine Ruinen und Sagen, Berl., 2. Aust. 1857; Jacobs, Der Brocken u. sein Gebiet, Wernig. 1870; Gcoddeck, Abriß der Geognosie des Harzes, Klausthal 1871; Hampe, Plora Rsro/iiiea, Halle 1873; Jacobs, Zeitschrift des Harzvereins, 9.Jahrg., Wernig. 1876; ferner Reisehandbücher von Meyer, Grieben, Prediger rc. Vom H. hatte 2) ein Departement im ehemaligen Königreich Westfalen den Namen Harz- (u. Leine-) Departement; es begriff einen Theil von Grnben- hagen. das Eichsfeld, Walkenried, Mühlhausen, Nordhausen, Stücke von Niederhessen u. Blankenburg, umfaßte 4072 Hjlcm (14 ffZM) u. hatte zur Hauptstadt Heiligenstadt. 3) Sonst Theil des ehemaligen hannöverschen Fürstenthnms Gruben- hagcn, begriff den hannöverschen Oberharz n. den Commnnionunterharz, genoß verschiedene Freiheiten, gab keine Abgaben, doch den Überschuß des Forst- u. Bergbauertrages. Der Oberharz (Einseitiger H.) bildete die frühere hannöversche Berghauptmannschaft Klausthal. Der Communion- harz gehörte Hannover u. Braunschweig gemeinschaftlich, wurde auch gemeinschaftlich unter wechselndem Directorinm verwaltet u. ist reich an ergiebigen Bergwerken, die reichliche Ausbeute geben. Zu ihm gehören der Rammelsberg, der Jberg, die Eisengruben am Schweinsrücken bei Klingen- Hagen u. im Gegenthal bei Seesen, die Eisenhütte von Gittelde u. die Saline Jnliushall. Vom jährlichen Reinertrag erhielt Hannover und später Preußen § u, Braunschweig i). Laut einer 1874 getroffenen Übereinkunft zwischen Preußen und Braunschweig hat letzterer Staat seine ehemaligen Hoheitsrechte im Gebiete des Commnnionharzes aufgegeben. H- Berns. Harzburg, Burgruine unweit Neustadt-Harz- burg im braunschweig. Kreise Wolfenbüttel, auf dem Burgberge an der Randau, mit herrlicher Aussicht. Die Burg H. wurde zwischen 1065 u. 1069 vvu Heinrich IV. zur Unterjochung der Sachsen erbaut. 1074 wurde er, der gern auf 42 Harze — Harzgcrode. der Burg weilte, hier von den Sachsen belagert, n. nur mit genauer Noth entging er seinen Feinden, die dann die H. von Grund aus zerstörten. 1076 ließ Heinrich IV. sie wieder anfbanen, aber einige Jahre später wurde sie abermals von den Sachsen zerstört. Um 1180 baute der Kaiser Friedrich I. sie wieder auf; in ihr starb 1218 Kaiser Otto IV. 1370 kam sie in den Besitz Ottos des Quaden, der sie dem Ritter Hans von Schwicheldt schenkte. Da aber die Schwicheldt auf der H. als Raubritter hausten, so wurde sie 1422 abermals geschleift. Nachmals erbaute ein Raubritter sich hier eine neue Burg, welche 1485 von Herzog Heinrich dem Wunderlichen von Braunschweig erobert u. 1650 von Herzog August abgebrochen wurde. Das 1667 auf dem Burgberge erbaute Forsthaus zerfiel auch schon im 18. Jahrh. Auf dem Burgberg seit 1875 ein Denkmal zu Ehren des Fürsten Bismarck mit der Inschrift: Nach Canossa gehen wir nicht. H- Berns. Harze, sehr verbreitete, aus Kohlenstoff, Wasserstoff u. Sauerstoff bestehende pflanzliche Producte, welche in den sog. Harzgängen, meist in ätherischen Ölen gelöst, enthalten sind. Einige von diesen Stoffen schwitzen von selbst aus den Pflanzen aus, andere gewinnt man, indem man in die sie führenden Gefäße Einschnitte macht und dadurch die Gefäße entleert. Im rohen Zustande sind sie amorph, von glänzend muscheligem Bruche, einige sind geruchlos, andere haben einen aromatischen Geruch, der aber von dem beigemischten ätherischen Öl herkommt; in Wasser sind sie unlöslich, in verschiedenem Grade in Äther, Weingeist u. flüssigen Kohlenwasserstoffen, namentlich den Terpenen, löslich; optisch sind sie inactiv; Nichtleiter der Elektri- cität, werden sie beim Reiben elektrisch. Beim Erhitzen schmelzen sie, können jedoch nicht ohne Zersetzung destillirt werden. Sie brennen mit leuchtender rußender Flamme. Manche H. verhalten sich chemisch wie schwache Säuren, röthen Lackmus, und treiben zuweilen beim Kochen mit kohlensauern Alkalien die Kohlensäure aus. Die Alkalisalze dieser Säuren lösen sich in Wasser zu schäumenden Flüssigkeiten und finden daher als Harzseisen technische Anwendung. Jedes H., wenn.es auch durch Schmelzen von seinen ätherischen Ölen, durch Behandlung mit Wasser von den im Wasser löslichen Stoffen gereinigt ist, bildet noch ein Gemenge von H-n, die nur äußerst schwierig von einander zu trennen find und Alpha-, Beta- u. Gamma-H. genannt wurden. Die H. stehen in nahem Zusammenhänge mit den Terpenen, indem sie zugleich mit denselben in den Harzgängen Vorkommen und durch Oxydation derselben, sehr wahrscheinlich unter gleichzeitiger Wasseraufnahme, entstehen. Die meisten Terpene u. Öle verharzen beim Stehen an der Luft. Manche H. hat man krystallisirt erhalten. Mit Salpetersäure behandelt, liefern einige Nitrosäuren, andere Kamphor- und Kam- phoronsäure. Mit Kali geschmolzen, liefern die meisten H., meist neben Fettsäuren, Resorcin, Phloroglucin, Paraoxybenzodsäure, Protokatechusäure. Man theilt die H. ein in: 1) Hart-H., eigentliche H. Sie sind fest, spröde, lassen sich pulvern und enthalten kein oder nur sehr wenig ätherisches Öl. Hierher gehören Colophonium, Benzoeharz, Gummilack, Copaivaharz, Guajak, Copal, Elemiharz, Harz von bstons rubiAiuosa. Dammaraharz, Sandarak, Olibanum, Animaharz, Mastix, Acaroidharz, Jalappenharz, Scammoinum, Alo'ö, Drachenblut, Bernstein u. a. m. 2)Weich- H., so v. w. Balsame, s. d. 3) Gummi- od. Schleim-H., 6ummirosiuas, Gemenge von Harz, ätherischem Öel u. Pflanzenschleim. Sie werden durch Eintrocknen des Milchsaftes verschiedener Pflanzen erhalten. Erwähnung verdienen Galba- num, Gummigutt, kostiäa, Euphorbium, Ammoniakgummi, Myrrhe. Biele H. erhält man durch Auskochen des zerkleinerten Holzes mit Alkohol; die fossilen H. werden gegraben, oder, wie der Bernstein, gefischt. Um die natürlichen H. von den ätherischen Ölen zu befreien, kocht man sie so lange mit Wasser, bis kein Öl mehr destillirt. Durch Behandlung mit Alkohol befreit man sie von Gummi n. Schleim, wobei das H. sich löst n. aus der alkoholischen Lösung durch Wasser gefällt werden kann. Die H. selbst versucht man durch ihre verschiedenen Löslichkeitsverhältnisse in Alkalien, in kaltem und heißem Alkohol rc. von einander zu trennen. Man benutzt die H. zur Herstellung von Leuchtgas, von Harzseifen, Firnissen, Kitten rc. Auch in der Medicin finden sie Anwendung; ihre Wirkung auf den Organismus, bcs. als Reizmittel, scheint auf der Beimengung von ätherischem Öl zu beruhen. BroM. Harzfirmss, ein billiger, durch Auflösen von Fichtenyarz in Terpentinöl bereiteter Firniß. Er ist schön glänzend, aber wenig dauerhajt, bekommt bald Risse n. wird leicht trübe. Harzfluss (Gummifluß), Krankheit der Stein- obstbäume, entsteht thcils von selbst, theils durch Beschädigungen. Da, wo der H. Hervorbrechen will, ist die Rinde dunkler; man bemerkt dann bald eine Erhabenheit mit Ritzen, das Holz der kranken Stelle ist rothgelb, schwarzbraun od. auch ganz schwarz; der ätzende Säst verdirbt auch bald die übrige äußere Rinde, tritt aus der Öffnung, verdickt sich u. bildet das Harz. Man muß die angegriffene Stelle bis auf Las gesunde Holz wegschneiden u. mit einer Salbe ans Ätzkalk u. Lehm belegen. Harzgang, s. Gewebe 2 ) (Bot.). Harzgcrode, Stadt im Kreise Ballenstedt des Herzogthums Anhalt, ans dem Unterharz; schöne Kirche, altes Rathhaus, altes Schloß mit Mineraliensammlung, Eisengießerei; 1875 mit Forstbezirk und Alexisbad 2862 Ew. Bergbau in der Umgegend. In der Nähe im Selkethale liegt das Alexisbad, der Mägdesprung, die Victor- Friedrichs-Silberhütte, die Victorshöhe ans dem Ramberg mit Aussichtsthurm, das Jagdschloß Wilhelmshof, das Jagdschloß Meiseburg, die Ruine der Burg Anhalt u. m. a. — Im 14. Jahrh. wurde H. an die Grafen von Mansfeld versetzt, wieder eingelöst wurde es 1413 wieder an Landgraf Friedrich versetzt, dann kam es an die Grafen von Stolberg, wurde aber 1536 durch die Fürsten Wolfgang, Johann Georg u. Joachim wieder eingelöst. In der Theilung kam 1544 H. an den Fürsten Georg; 1549—52 wurde das Schloß gebaut, und 1688 vom Fürsten Wilhelm der 1705 43 Harzlack — Augustusstadt genannte Stadttheil angelegt; 1710 kani H. an Bernburg. H. Berns. Harzlack, 1) aus Fichtenharz, geschlämmter Kreide oder Gips, Talg u. Terpentin, mit oder ohne Wachs bereiteter ordinärer Siegellack. Zum Färben wird demselben Eisenoxyd, Bolus, Chromgelb, schlechtes Ultramarin, Beinschwarz rc. zugesetzt. 3) Aus Harz bereiteter Lackfirniß, s. Firniß L. u. 6. u. Harzfirniß. Harzmalerei, nach den Untersuchungen von Lucanus diejenige Malertechnik, welche die antike Malerei bei Ausführung größerer Wandgemälde in Anwendung brachte. Das dabei gebrauchte Bindemittel ist der sog. Copaiva-Balsam, welcher auch sonst zur Conservirung von Kunst- u. Ge- brauchsgegenständen, sowie (bei den Ägyptern) von Leichen — daher der Ansdruck Einbalsamiren — verwandt wurde, indem die betreffenden Gegenstände damit überzogen wurden. Am geschätztesten unter den verschiedenen flüssigen Baumharzen ist das arabische Saftharz, auch Balsam von Mekka genannt (s. auch Enkaustik.) Vgl. Lucanus, Die H. der Alten, Lpz. 1839, u. (im Zusammenhänge damit) Endlich entdeckte wahre Malertechnik des klassischen Alterthnms u. des Mittelalters u. s. f. von Knierim, Lpz. 1845. Schasler. Harzöl, das bei der Destillation von Harz gewonnene, in rohem Zustande dunkle, starkriechende, sauer reagirende Öl. Es wird durch Kali- oder Natronlauge mit nachherigem Abfitzenlassen und Filtriren durch Baumwolle u. Holzkohlenklein, zuweilen auch durch nochmalige Destillation gereinigt, ist dann wasserhell u. nicht mehr sauer. Es dient zum Auflösen verschiedener Harze, des Kautschuks rc.; das rohe auch zum Bestreichen von Schiffswänden, als Bindemittel für Farben auf Kalkwänden rc. Es besteht aus einem Gemenge mehrerer Öle, von denen das Retinyl Eglkjz eine durchsichtige, bewegliche, bei 150" 6. siedende Flüssigkeit speciell den Namen H. führt. J»»gck. Harzrcifien (Harzscharren, Ausbrüchen), die Gewinnung deS Harzes der Nadelhölzer zur Darstellung von Pech, Terpentinöl, Kienruß u. a. In Deutschland wird hauptsächlich die Fichte, in den vsterr., schweizer, rc. Alpen auch die Schwarz- kieser, die Lärche (Vcnetianischer Terpentin), die Weißlanne (Straßburger Terpentin) u. die Legföhre (Krnmmholzöl), in Frankreich die Seekiefer, in NAmerika die Balsamtanne (Canada- Balsam) aus Harz genutzt. Zur Gewinnung des Fichtenharzes werden am unteren Baumstämme mehrere ca. 1 in lange, schmale Risse (Lachen, Lachten) in die Rinde gehauen, aus welchen das sich ansammelnde Harz von Zeit zu Zeit mit dem Harzmesser (Harzscharre, Harzelsen) in die aus Fichtenrinde gejertigten Harzmesten (trichterförmige Gefäße) gekratzt wird. Das aus neuen Lachten gewonnene, reinste und werthvollste Harz heißt gutes od. Bruchharz; ältere, wieder aufgefrischte (ungezogene) Lachten liefern das Pick- harz; das am Stamme herabgeflossene, mit Rindenstücken u. Erde verunreinigte Harz geringster Sorte heißt Flußharz u. wird hauptsächlich zum Kienrußbrennen verwendet. Das weniger leicht verhärtende, an Terpentinöl reichere Harz der Schwarzkieser wird in schüsselsörmigen Ver- Hasdrubal. tiefungen (Grandeln), die man am unteren Stammende einhaut, gesammelt und ausgeschöpft. Die Lärchen werden bis ins Herz des Stammes angebohrt; das Bohrloch wird alsdann mit einem Pfropfen verschlossen, der, später herausgenommen, das inzwischen angesammelte Harz ausftießen läßt. Kiefern u. Lärchen leiden unter der Harznutzung weniger als die übrigen Holzarten, namentlich die Fichte, bei welcher jene in der Regel Fäulniß, Verminderung des Holzwerthcs n. Zuwachsverlust herbeiführt. Wmimenauer i,. Harzseifen (Faponss rosinosi) werden in England in des. großen Quantitäten dargestellt und durch gleichzeitige Verseifung von Talg, Palmöl u. Harz (oder besser Harzöl) mit ätzenden oder kohlensauern Alkalien dargestcllt. Sie sind wachsgelb, sehr consistent, in Wasser leicht löslich. Man zerschlägt das Harz (Kolophon) in Stücke u. verseift es mit dem Drei- bis Pierfachen Gewicht an Talg u.einerMischung von Ätzkali od.Natron. Während des Verseifens muß man gut umrühren, bis das Harz ganz verseift u. ansgelöst ist. Nach dem Garsieden zieht man die Unterlauge ab, kocht den Seifenleim abermals in einem Kessel mit Lauge von 7—8" Beaume u. reinigt ihn auf dieselbe Art wie weiße Seife. Verseift man Kolophon ohne Talg, so hat die Seife keine Consistenz. Ein Zusatz von wenig Palmöl (H—^ des Harzes) verbessert Farbe und Geruch der H. Eine Art von H. wird auch in der Papierfabrikation zum Leimen des Papierzeuges verwendet. Siber. Usssrck (fr.), Ungefähr, Zufall, Glück, Gefahr; daher Hasardiren, auf den Zufall ankommen lassen, wagen; Hasardspiele, Spiele, bei welchen es nur ans den Zufall ankommt, nicht auf die Geschicklichkeit der Spielenden. Wer aus Glückspielen (Hasardspielen) ein Gewerbe macht, wird nach dem D. R.-St.-G. mit Gefängniß bis zn 2 Jahren bestraft, woneben auch auf Geldstrafe von 100—2000 Thlr., sowie ans Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden kann. Ausländer können deshalb aus dem Landesgebiete aus- gcwiesen werden. Den Inhaber eines öffentlichen Versammlungsortes, welcher Glücksspiele daselbst gestattet, oder zur Verheimlichung derselben mitwirkt, trifft eine Geldstrafe bis zu 500 Thlr. Seit 31. Dec. 1872 sind durch Bundesgesetz vom 1. Juli 1869 (dann im Reiche eingeführt) alle vom Staate concessionirten Spielbanken geschlossen. In Frankreich sind alle öffentlichen Spielhäuser seit I. Jan. 1839 aufgehoben. Hasbea (Hasbeia), Stadt am Hasbani, in einem fruchtbaren Thale des Antilibanon, Syrien, Sitz eines Emirs und hat 5—6000 Ew., darunter 4000 Christen und Drusen. In der Nähe sind reiche Asphaltgruben u. eine Menge Tempelruinen. Hasbengau (Hesbaye), außerordentlich srucht- bare Landschaft in der belg. Pro». Lüttich, am linken User der Maas. Hauptort ist Warem. Hascan Bcba, Ordensvorsteher der türkischen Derwische. Haschisch (Hadschisch, persisch), opiumähnlicher Extractivstoff aus den Blättern des Hanfes, s. Oannadm. Daher Haschischin, s. Assassinen. Hasdrübnl (gr. >toü5nft4a5), häufiger karthagischer Name. Bemerkenswerth: 1) H., Sohn Hau- 44 Hae. uos, focht Unglücklich gegen die Römer unter Regulus in Afrika u. wurde 251 v. Chr. von Metellus bei Panorums auf Sicilien entscheidend besiegt. 2) H., Schwiegersohn des Hamitkar Bar- kas und 228 v. Chr. dessen Nachfolger als Feldherr in Spanien, dessen Besitzergreifung er bis an den Ebro ausdehnte und mit staatsinännischer Gewandtheit befestigte. Bon ihm stammt die Gründung Carthagenas. 221 wurde er von einem Spanier ermordet. 3) H., Sohn des Hamilkar Barkas u. Hannibals Bruder, blieb im Zweiten Panischen Kriege in Spanien zurück und kämpfte unter vielen Wechsclfällen gegen die Römer, 213 auch gegen den König Syphax von Numidien. 207 von seinem Bruder Hannibal nach Italien zu Hilfe gerufen, kam er durch einen geschickten Marsch über die Pyrenäen u. Alpen bis nach Umbrien, verlor aber am Metaurns Schlacht u. Leben (s. Panische Kriege). 4) H., Sohn Gisgons, des Vor. Mitseldherr in Spanien: kämpfte dort von 214 bis zum völligen Verlust des Landes 206, worauf er nach Afrika zurückkehrte. Dort führte er das Commando gegen Massinissa und dann gegen die landenden Römer unter Scipio, von denen er geschlagen wurde, u. wurde abwesend zum Tode verurtheilt; auf Hannibals Fürsprache erhielt er wieder ein Commando u. kämpfte 202 mit bei Zama; da ihm die Schuld dieser Niederlage beigemessen wurde, hat man ihn ge- uöthigt, Gift zu trinken. 5) H., war als Feldherr der Karthager 151 v. Chr. gegen Massinissa unglücklich; deshalb zum Tode verurtheilt, floh er u. sammelte 20,000 Mann gegen sein Vaterland. Bei dem Einfalle der Römer stellte er sich Karthago wieder zur Verfügung u. leitete die Ver- theidigung der Stadt mit Geschick u. Energie. Bei der Erstürmung 146 zog er sich zuerst auf die Burg zurück, floh dann aber mit Zurücklassung seiner Familie in das Lager der Römer, wurde nach Italien geführt u. st. dort als Gefangener. Thielemann. Hase, 1) (Zool.) s. Hasen. 2) (Astron.) Ein kleines, dicht unterhalb des Orion stehendes Sternbild, hat in seinem mittleren Thcile 2 Sterne 3. Größe u. ringsherum 8 der 4., unter denen ein Doppelstern sich befindet, nebst mehreren kleineren. Nach der Mythe soll der H. wegen seiner Schnelligkeit vom Merkur unter die Sterne versetzt worden sein. Hier entdeckte Hind 1855 den rothen veränderlichen Stern, welcher von ihm Crimson Star genannt wurde. Hase, 1) Theodor de (Hasäus), geb. 1682 in Bremen n. st. das. 1731 als Prediger u. Professor der Theologie; er gab heraus mit K. Jken: Ilresanrus rwv. blisal.-xküIoloA., Leyd. 1732, 2 Bde., Fol.; mit A. Campe: Liblioblrsoa lüsbor. xstilol., Brem. 1719—25, 8 Bde.; mit N. Nonne: LIussnin lüsb., pdilol., bllsol., ebd. 1728, 2 Bde. 2) Karl Benedict, namhafter Philolog, geb. 11. Mai 1780 in Stadt Sulza; studirte in Jena u. Helmstädt, Mng 1801 nach Paris, wo er 1805 auf der k. Bibliothek im Departement der Handschriften angestellt u. 1812 Miterzieher der beiden Söhne der Königin Hortense (Napoleon Louis u. Louis Napoleon (späteren Kaisers Napoleon III.)), sowie 1816 Professor der Neugriechischen Sprache und der Paläographie an der Oeols sxeoials der Orientalischen Sprachen, später Präsident dieser Anstalt, 1824 Mitglied der Akademie der Inschriften, 1830 Professor der Deutschen Sprache und Literatur, sowie Mitglied des Verwaltuugsraths der Polytechnischen Schule wurde; für ihn wurde 1852 die Professur der vergleichenden Grammatik bei der Oaoults äss Isbbrss gegründet. Er gab heraus den Laurentius Lydns Os maAstr. roman., Par. 1812 (mit I. D. Fuß), u. Os ostentis, ebd. 1823; von den byzantin. Schriftstellern den Leo Diaconus, ebd. 1819; betheiligte sich wesentlich bei der Herausgabe des griechischen Thesaurus von Stephanus u. lieferte viele Beiträge in das llonr- nal äss 8a.vs.iits etc. Er st. 21. März 1864. Vgl. Guigniaut, Nobles käst. sur In vis st Iss travanx äs OIi.-Lsucät II., Par. 1868. 3) Heinrich August, geb. 18.Jan. 1789 in Altenburg; studirte Theologie, lebte dann einige Zeit als Erzieher im Hause des Grafen von Medein in Kurland, ging hierauf nach Paris u. Italien u. zuletzt nach Dresden, wo er 1820 Unterinspector des Autikencabinets u. Hofrath u. nach Böltigcrs Tode 1835 Oberinspector des Autikencabinets und des Mengsschen Museums wurde und 9. Nov. 1842 starb. Er sehr.: Sammlung von alten, mittleren u. neueren Münzen, Dresd. 1818; Nachweisnng für Reisende in Italien, Lpz. 1821; Elastische Alterthumskunde, Dresd. 1828 ff.; Übersichtstafeln zur Geschichte der neueren Kunst, ebd. 1828; Verzeichniß der Bildwerke u. Alterthümer in der Antikensammlung in Dresden, 4. A. 1836; Paläo- logus, Lpz. 1837; übersetzte Bignons Geschichte von Frankreich, Lpz. 1833, rc. 4) Karl August, deutscher protestantischer Theolog, geb. 25. Aug. 1800 in Steinbach bei Penig; studirte seit 1819 in Leipzig, Erlangen u. Tübingen Theologie, saß wegen Thcilnahme an der Burschenschaft 5 Monate auf der württembergischen Festung Hohen- asperg, wurde 1823 Privatdocent der Theologie in Tübingen, 1829 Professor der Philosophie in Leipzig u. 1830 Professor der Theologie in Jena. Er sehr.: Des alten Pfarrers Testament, Tüb. 1824; Lehrbuch der evangel. Dogmatik, Stnttg. 1825, 6. Ausl., Lpz. 1870; Vom Justizmorde, ein Votum der Kirche, Lpz. 1826; Gnosis, ebd. 1827 bis 1829, 3 Bde., 2. Ausl. 1869, 1870; Outts- rus rsälvivns od. Dogmatik der evangel. Kirche, ebd. 1829, 11. Ausl. 1868 (worüber er beim ersten Erscheinen in eine langdauernde literarische Fehde verwickelt wurde, auf welche sich die Theologischen Streitschriften, ebd. 1834—37, 3 Hefte, beziehen); Das Leben Jesu, ebd. 1829, 5. Ausl., ebd. 1865; Geschichte Jesu, Lpz. 1875; Kirchengeschichte, ebd. 1834, 9. Ausl., ebd. 1867; Die beiden Erzbischöfe (in der Kölner u. Posener Angelegenheit), ebd. 1839; den 2. Theil zu Baum- garten-Crnsius' Compendium der christlichen Dogmengeschichte, 1846; Die evangelisch-protestantisch Kirche des deutschen Reiches, Lpz. 1849> 2. AuA 1852; Neue Propheten (die Jungfrau von Ovi leans, Savonarola und das Reich der Wieder^ täufer), ebd. 1851, 2. Ausl. 1861; Franz votz Assisi, ein Heiligenbild, Lpz. 1856; Katharina vo^ Siena, 1864; Jenaisches Festbüchlein, Lpz. 1856z Tübinger Schule; Sendschreiben an Herrn Or. von Baur, ebd. 1855; Handbuch der Protestant- 45 Hasel - ischen Polemik gegen die römisch-katholische Kirche, 1862, 3. Aufl., Lpz. 1871; Selbstbiogr. Ideale u. Jrrthümer, 1872, 2. Aufl. 1873; Das geistliche Schauspiel, ebd. 1858; er schr. auch als Karl von Steinbach den Griechischen Robinson und Sachsen u. seine Hoffnungen, ebd. 1830. 5) Kon- rad Wilhelm, Baumeister, geb. 2.Oct. 1818 zu Einbeck; besuchte die Polytechn.Schule zu Hannover, studirte dann unter Gaeriner in München und bildete sich auf Reisen in Italien, Frankreich, Deutschland, Belgien und Holland weiter, ward 1849 Professor am Polytechnicum in Hannover, dann kgl. Baurath. Er cultivirt mit Vorliebe den gothischen Stil. Werke: außer mehreren Restaurationen das Museum in Hannover, die Christuskirche das., die Fronte des Andreanum in Hildesheim u. das Schloß Marisnburg bei Nordstemmen. L) S) Brambach, t) Löffler. S) Regnet. Hasel (H-staude, H-nußstrauch), Bot. Charakter, s, u. lüoizckus. Forstliche Bedeutung hat die H. nur für den Niederwald, wo sie sich durch große Ausdauer der Stöcke und reichlichen, den Boden durch Humuserzeugung bessernden, Blattabfall auszeichnet, auch ein gutes Brenn- u. Kohlholz, sowie Nutzstangen zu Faßreifen, Floßwieden, Rechenstielen u. dgl. liefert. Da sie jedoch nur auf besserem Boden gedeiht und hier oft andere werthvollere Holzarten, namentlich die Eiche, verdrängt, so gilt sie auch im Niederwald vielfach nur als Forstunkraut und wird als solches möglichst vertilgt. Wimm-nau-r l,. Hasel, ein 30 km langer Nebenfluß der Werra im Kreise Schleusinge» des preuß. Regbez. Erfurt, im Thüringer Walde, entspringt bei Suhl am Böllberg u. mündet bei Grimmenthal. Haselhuhn (Lonasa silvsstris Lrelrm), Art der Waldhühner. Lauf halb befiedert, rostfarben mit schwarz u. weiß untermischt, Schwanz I6sed- rig, bis aus die 2 mittleren aschgrau mit schwarzer Endbiude. Haselhahn: rostfarbig, Kopf, Hals u. Rücken mit schwarzen Wellenlinien und röthlich aschgrauen Federsäumcn, über den Augen ein hoch- rother, warziger Fleck, Kehle schwarz, rothbraune Seiten der Brust, Mitte der Brust u. Bauch weiß. Schwanz abgerundet u. vor der Spitze auf den äußeren Federn mit breiter, brauner Binde. Haselhenne: kleiner, Kehle hellrostgelb, Oberleib dunkler u. stärker schwarz gefleckt. Lebt paarweise in den Gebirgswaldungen von Europa bis Lappland; liebt Holzabhäuge und Gründe mit Haselstauden u. Birken. Standvogel, frißt Jnsecten u. Beeren, im Winter Hasel-, Birken- und Erlen- zäpschen u. Knospen, Spitzen von Heidelbeerkrant, Fichten, Wachhotdec rc. Balzzeit: Ende März, das Männchen lockt das Weibchen durch Pfeifen. Die Henne nistet in dichtem Gebüsch u. Haidekraut u. brütet 3 Wochen. Eier 8—15, taubeneigroß, gelbbrännlich mit dunkeln Punkten am stumpfen Ende. Man schießt das H. im Herbst u. Frühjahr, nachdem man es durch Nachahmung des Locktones (Spissen, bei jungen Hühnern Bisten) gelockt hat; es geht auch in Sacknetze u. Bügeldohnen. Das Wildpret ist sehr schmackhaft u. zart. NAmerika besitzt die Art L. nmbsilus L^>., mit 18 Schwanzfedern. Farwick. Haselmaus, Llusearäinus kFÜFir., Nagethier« - Hasen. gattung der Familie der Schläfer. Backzähne Z, mit vielen queren Schmelzleisten. Körper ohne Schwanz, 8 em lang, Schwanz ebenso lang, zweizeilig behaart. Mausähnlich. Ll. avsllauarlns U-sirgn., H., ockergelb, Brust und Kehle weiß; frißt Nüsse, Beeren und Baumknospen, baut ein kunstvolles Nest aus Gras mit seitlichem Eingang, 1 bis 1H m vom Boden in Hecken und Lichtem Gebüsch; wirft Juli od. August 3—6 Junge, hält einen Winterschlaf in hohlen Baumstämmen oder Erdhöhlen. Mitteleuropa, auch England und Skandinavien. Farwick. Haselnußkäfer, Haselnußwurm, istLalani- nus rmonm L. Haselnußstrauch, ist tkorzstus avsllana L., s. u. OorMs. Haselünne, Stadt im Kreise Meppen der preuß. Landdrostei Osnabrück, an der Haase; Fabrikation von Matrosenhüten, Sensen, Schaufeln, Tabak, Cigarren, Bleiweiß, Töpferwaaren, Branntwein, Hefe u. Cichorien, Ackerbau; 1875: 1703 Ew. — Hier 1. Jan. 1636 Gefecht zwischen den Schweden u. Kaiserlichen, wobei der schwedische Feldmarschall Kniphausen blieb. Hasen, Iwporina, starten/:., Fam. der Nager. Hinter den längsgefurchten Nagezähnen des Oberkiefers 2 kleinere, sogen. Stiftzähne. Backenzähne H oder Z, wurzellos, unten nicht geschlossen. Schädel gestreckt, Vorüerfläche des Oberkiefers mit einem großen oder mehreren kleinen Löchern. Augen groß, Ohren löfselfärmig, Körper seitlich comprimirt, mit dichtem, weichem Pelz. Hinterbeine lang (Sprungbeine), vorn 5, hinten 4 Zehen. Fußsohlen behaart. Schwanz kurz. Nähren sich von Vegetabilien, trinken nie; äußerst furchtsam, bei Tage versteckt; laufen schnell, gehen humpelnd. 14 Arten; auch fossile aus der pleisto- cänen Formation. Gatt.: I-uAom^sF'. (7nu., Pseis- H., Backzähne G, Schwanz äußerlich nicht sichtbar, Ohren kurz u. gerundet, Hinterbeine kurz. 4. aipinns Fi, Lsttv., Schoberthiere; gelblich graubraun. Trägt als Wintervorrath Hausen von Pflanzen zusammen, welche von den Reisenden als Pferdefutter ausgesucht werden. Sibirien. 4,. prinosps Me/r., Felsengebirge Nordamerikas. Gatt. 4spus 44, Backzähne Z, Ohren u. Hinterfüße lang, Schwanz kurz, buschig. 4. ounieulus L., Kaninchen, 40 vm laug, Ohr mit braungrauer Spitze u. schwarzem Rand, kürzer als der Kopf, ragt nach vorn angedrückt nicht bis zur Schnautzenspitze. Hinterbeine von halber Körperlänge. Oberseite grau, im Nacken ein Rostflecken. Unterseite weiß. In sandigen, mit niedrigem Baum- u. Strauchwuchs bewachsenen Gegenden, graben sich Höhlen, in welchen sie ruhen und bei Gefahren sich zurückziehen. Südwestl. Europa u. NAfrikaz die ursprüngliche Heimath soll Spanien sein. Sre laufen in Zickzacksprüngen. Die Jäger lassen sie meist durch Frettchen aus dem Bau in vorgelegte Schlingen treiben. Viele domesticirte Rassen, auch Bastarde mit dem gem. H., s. Kaninchen. 4. variabüis Alpenhase; Ohrenlänge wie beim Vor.; im Sommer braun, im Winter weiß bis auf die stets schwarzen Ohrspitzen. Weit verbreitet, im hohen Norden und den Schweizer u. Bayerischen Alpen. 4. iimi- 46 Hasenaller — Hasenclever. äns T,., gemeiner Hase, 60 am lang. Ohr erreicht angedrückt die Schnautzenspitze, Leib langgestreckt, Schwanz kurz, in die Höhe gekrümmt, Hinterläufe lang, Balg aus Wollhaaren mit einzelnen Stichelhaaren, oben rothgran, an der Brust u. Len Seiten braunröthlich, unten röthlich, braun u. gelb. Das Männchen (Rammler) ist kürzer, hat breitere Lenden, stärkeren, wolligeren Kopf, längeren Bart, kürzere Ohren, ist mehr braun- roth, das Weibchen (Häsin, Setzhase) ist größer, gestreckter, Rückenwolle schwärzlich-grau, Seitenfarbe lichter, Schwanz länger. Varietäten: der südeuropäische Hase mit kurzer, lockerer Behaarung u. schlanken dünnbehaarten Ohren. Pelz mit viel rostfarbenem Haar. Der mit tele uro- p äische H. mit langem, dichtem Haar, langen, dichtbehaarten Ohren; Schenkelhaare weißlich, Wimer- pelz mit Weiß. Nordöstlicher H. ebenso, aber Körperseiteu u. Schenkel weißlich, Rücken im Winter grauweiß. Hauptcharakter des H. ist Furchtsamkeit, doch schläft er nicht mit offenen Augen; verfolgt zeigt er viel Schlauheit. Er bewohnt Europa, mit Ausnahme des NO. u. N., findet sich auch um den Kaukasus, am Terek, Kuma, der unteren Wolga u. den südlichen Vorbergen des Ural. Er hält sich gewöhnlich im Felde, weniger im Walde auf u. gräbt sich sein ovales Lager in die Erde. In der Jägersprache heißen des H. Ohren: Löffel, Augen: Lichter (Seher), Füße: Läufe, Hinterfüße: Sprünge, Schwanz: Blume (Feder), Haare: Wolle, Nahrung: Aesnng (er äßt sich); er sitzt in dem Lager od. drückt sich, er erhebt sich in demselben, er ruscht, geht langsam vor, er rückt oder fährt in das Holz, er geht schnell (läuft), trillt (im Schritt), kommt flüchtig, wird aufgestoßen (aus dem Lager getrieben), durch den Hund aufgestochen, auf der Neue aufgeschürt oder ausgemacht; wenn ihn die Hunde greisen wollen u. durch seine Wendungen verfehlen, gerahmt; fassen sie ihn, so ist er ergriffen (weggenommen, gefangen); er ist fett, gut (statt feist) oder schlecht, schreit, quäkt, klagt nicht, wird erwürgt (genickt); er macht einen Kegel, wenn er auf den Hinterbeinen aufrecht sitzt; macht ein Männchen (bäumt auf), wenn er auf den ausge- streckteu Hinterläufen steht u. sich umschaut; man wirft ihn aus, streift ihn ab, häst ihn ein. Nahrung: alle Arten Feld- u. Gartenfrüchte, bes. Gerstensaal, junger Rübsen und Raps, Kraut, Klee, Hafer u. alle milchhaltigen Pflanzen; im Winter auch Baumspitzen, Baumrinde, Eicheln u. andere Mast. Begattung: Ende Januar bis September; hierbei suchen sich die H. im hohem Korne auf bes. gebahnten Pfaden (Hexenstegen) auf. Die Häsin geht im Februar oder März bis October 30—31 Tage, setzt des Jahres 3—4 Mal 1—3, das 2. Mal 3—5 Junge. Satz in ein flach gegrabenes, mit Haaren gefüttertes Nest, oder in Laub od. hohes Gras, das sie längstens nach 3 Wochen verläßt u. sich 6 Tage nach dem Setzen schon wieder begattet. Die Jungen brauchen etwa 9 Monate, um ausgewachsen zu sein, und heißen nach 9 Wochen halbwüchsig, nach 12 Dreiläuser. Bei den jüngeren H. läßt sich das Fell zwischen den Ohren leicht in die Höhe ziehen. Feinde: alle Ranbthiere, Hunde, Raben, Elstern, innerlich Bandwürmer. Krankheiten: die Leberfäule, von übermäßiger Hitze in der Begattungszeit drüsenartige Geschwüre (Hitzblattern) an Lunge, Herzen, Rücken rc., bes. aber au dem männlichen Glied, welche nach neueren Untersuchungen syphilitischer Natur sind. Lebensdauer 10 Jahre. Das Fleisch ist sehr wohlschmeckend, bes. von jungen H. vom 3. bis 8. Monat; die Berghasen geben das beste Fleisch, H. aus sumpfigen Gegenden das schlechteste. Häsinnen sind wohlschmeckender als Rammler. Mit H-feilen wird ein starker Handel getrieben und die besseren Winterbälge, bes. die weißen, dienen als Pelzwerk; die enthaarten H- felle geben Leder u. die Abfälle Leim; die weichen Haare werden theils wie Wolle zugerichtet u. zu Handschuhen, am häufigsten zu Filzhüten benutzt; das Fett gibt eine heilende Salbe; die Hinterläufe dienen als Handbesen. Begegnung mit einem H. galt n. gilt dem Aberglauben noch als schlimme Vorbedeutung. Den Israeliten, Türken u. Armeniern ist das Fleisch des H. unrein, die Araber schätzen es. Bei den Griechen, wie bei den Ägyptern, war der Hase Symbol der Fruchtbarkeit. Zur Jagd der H. bediente man sich großer Knittel oder Krummstäbe (Lagobola), mit denen man sie warf. Sein Bild findet sich auf römischen Grabmonumenten; angeblich, weil er mit offenen Angen schlafe, als «Sinnbild der Unsterblichkeit. Bei den alten Briten war der H. in den Mysterien des Ceridwen bedeutungsvoll, und aus seinem Laufe schloß man auf den Ausgang eines Krieges. Das Schelt- und Schimpfwort Hase für Feigling kam bei den Deutschen und Franken schon frühe vor; den Gegensatz bildeten, als Beinamen kräftiger Männer, die Namen starker Ranbthiere (Wolf, Bär, Löwe). Farwick. Hasenauer, Karl, namhafter Architekt der Gegenwart in Wien, geb.das. 1833, fludirte Technik am Collegium Carolinum in Braunschweig, dann von 1850—55 an der Akademie zu Wien unter Sicardsburg u. van der Nllll, auf Reisen in Oberitalien, Bayern, Frankreich, England und Schottland, wurde 1866 Mitglied der Wiener Akademie und 1868 Ehrenmitglied des Instituts der britischen Architekten in London. Von ihm zahlreiche Privathäuser in Wien, so die Pareira- schen am Graben rc. Auch an den Bauten der Weltausstellung 1873 daselbst hatte H. weitgehenden Antheil. Regnet. Hascnberg, der höchste Punkt in Ostpreußen, fast nördlich von Kandilten im Kreise Pr. Eylau des Regbez. Königsberg, 195 in hoch. Hascnclever, 1) Johann Peter, namhafter Gcnremaler, geb. 18. Mai 1810 in Remscheid, starb in Düsseldorf 16. Dec. 1853. Dort wollte er sich zuerst zum Baumeister ausbilden, ging aber dann zur Malerei über u. lebte dann 1838 bis 1842 in München. Der vorherrschende Zug in seinen Bildern ist Humor, u. was dem verwandt ist in Laune, Satire u. Gemllthlichkeit. Er tritt vornemlich in einer Reihe von Bildern hervor, die er dem komischen Heldengedicht der Jobsiade entnommen hat und von denen das Consistoriab- examen (in der Münchener Neuen Pinakothek) das bekannteste ist. Von großer komischer Wirkung ist seine Dorfschule, dann Der Niesende, Das Lesecavinet, Die Raucher, Das Lesezimmer und 47 Hasengeil — ganz befand, charakteristisch Die Weinprobe, beide letztere in der Nationalgalerie zu Berlin, bei welcher die Gutschmeckerei und die wichtigthuende Weinkennerei auf das lustigste dargestellt sind; ein tiefernster Humor herrscht im Bild Die Spielbank. Der süßlichen Romantik der älteren Düsseldorfer Schule stellte H. mit bestem Ersvlge seinen frischen Humor entgegen. H. war Mitglied der Berliner Akademie. 2) Wilhelm, Präsident des Allgem. Deutschen Arbeitervereins in Berlin; geb. 19. April 1837 in Arnsberg (Westfalen), erlernte, nachdem er das Gymnasium besucht, die Lohgerberei und durchwanderte als Handwerksgeselle ganz Deutschland u. NItalien. 1862 übernahm er die Redaction der demokratischen Westfälischen Volkszeitung in Hagen, wurde 1868 Kasstrer des Allgem. Deutschen Arbeitervereins, 187t) Lessen Secretär und 1. Juli 1871 Präsident desselben; zugleich redigirte er den Neuen Socialdemokraten und die Socialpolitischen Blätter. Bei der Bereinigung mit den Social-Demokratcn Eisenacher Richtung (Bebel-Liebknecht) im Jahre 1875 wurde H. Vorsitzender der Socialistischen Arbeiterpartei Deutschlands und Nedacteur des Cemral-Organs Vorwärts. Mitarbeiter an der Neuen Welt. Von ihm: Liebe, Leben, Kamps, Gedichte, Hamb. 1876. 1869—70 vertrat er Duisburg im Norddeutschen Reichstag u. seit 1874 Altona. 1877 gewählt in Altona u. Berlin nahm H. für letztere Stadl Las Mandat zum Reichstag an. i) Regnen Hasengcil, ist Osoista tinotoria. 7). Hasengräs, ist Lrira. mockia L. Hasenhackc, beim Pferde längliche Auftreibung an der Hinteren Fläche des Sprunggelenkes, entstanden durch Knochenwucherung infolge einer chronischen Gelenkentzündung od. durch Verdickung der Bänder; tritt meist nach großen Anstrengungen ein und ist wie Spat (s. d.) zu beuriheilen. Pferde mit H. sollten, weil die Anlage dazu erblich ist, von der Zucht ausgeschlossen werden. Schmidt. Hascnhcide, ist 1) (Z't-ims seoxarius; 2) Oeuists. kinet-oria. 3) Sladttheik von Berlin. Hasenkinnp, I) Johann Gerhard, pielist- ischer Theolog, geb. 12. Juli 1736 in Wechte in der preuß. Grafschaft Tecklenburg, Sohn armer Bauersleute rejoimirtcn Glaubens; studirte seit 1753 aus der Akademie zu Lingen Theologie, wurde seiner heterodopen Lehren wegen als Candida! suspendirt, 1763 ober in Berlin wieder re- stituirt u. wurde 1766 Rector am Gymnasium zu Duisburg, wo er mit den Pietisten u. Separatisten am Niederrhein, bes. Or. Collenbusch, in Verbindung trat. Mit Lavater besreuudet, machte er mit diesem 1774 die Reise nach Elberfeld und Barmen u. st. 10. Juni 1777 in Duisburg. Er schrieb mehrere kleine Schriften meist polemischen und apologetischen Inhalts. 2) Friedrich Arnold, Bruder des Vor., geb. 11. Januar 1747, war auch dem Pietismus ergeben, folgte später seinem Bruder in seinem Amte zu Duisburg und starb 1795; er schr.: Über die verdunkelnde Aufklärung, Duisb. 1789; Briefe über Propheten u. Weissagungen, ebd. 1791 f., 2Thle.; Wahrheiten für ein braves Volk, ebd. 1793; Briese über wichtige Wahrheiten der Religion, ebd. 1794, 2 Thle., u. a. 3) Johann Heinrich, Bruder des Bor., Hasenscharte. geb. l9.Sept. 1750; studirte bis 1773 Theologie, wurde 1776 Rector in Emmerich u l779Psarrer in Dahle bei Altena in der Grafschaft Mark, wo er 17. Juni 1814 starb. Seine Schriften sind gesammelr unter dem Titel: Christliche Schriften, Münster 1816—19, 2 Thle. Löstler.» Hasenklee, ist Mikolinm arvsvss L. Hasenkohl, ist Lcmoims oloraesns 4-. Hasenkraut, ist Hypericum xsrloratum Hasenlattich, ist krenantiies. Hasenöhrchen, ist IsLuxlsurmn; 2)4sarum suropaeurn. Hascnpappel, ist Llakva ailvsatris T). u. Ll. rotunclikolia 7) Hasenpflug, Karl Georg Adolf, namhafter Architekturmaler, geb. zu Berlin 23. Sept. 1802, st. in Halberstadt 13. April 1858. Der Dekorationsmaler Gropius entdeckte das Talent des armen Schusterjungen u. nahm ihn in sem Atelier auf. Später bildete sich H. fast ganz durch sich selbst, wie er denn von 1826 an von allem Kuust- leben abgeschieden in Halberstadt lebte. Am stärksten war H. in Winterarchilekturbildern, wie das Kloster Heisterbach u. Walkenricd. Andere Werke: Junen- und Außenansichteu des Kölner Doms, Krenzgänge, Burg- u. Klostcrruincn rc., alle voll seiner poetischer Empfindung. Regnet. Hascnpoth (teil. Aisputtc od. Ahsputte), Kreisstadt im russ. Gouv. Kurland, an der Tebber; 2 Kirchen, darunter die lulhcr. aus dem >3. Jahrh., Synagoge; Ruinen einer vom Großmeister Dietrich von Grönningen erbauten Burg; 3344 Ew. Hier ehemals die Pillenschen Landtage. H. wurde 1378 von Otto, Bischof von Kurland, gegründet. Hasenscharte (I-abium lvporinum s. sissum), angeborene Spaltung der Oberlippe infolge einer Hcmmungsbildung der Lippen u. Kicserbciuc. Die H. ist entweder einfach oder doppelt (d. h. auf beiden Seiten) vorhanden, sie kann sehr seicht sein, aber auch die ganze Lippe durchsetzen u. sich tief in das betreffende Nasenloch hineinerstrccken. Gewöhnlich ist sie aber nur einfach n. hat ihren Sitz auf der linken Seile. Mit der.H. ist häufig eine Spaltung der Oberkieferbeine (Kieserspalte) und des Gaumens (Wolfsrachen, f. Gaumen) verbunden. Die H. ist ein sehr entstellendes Übel, bes. die doppelte, hindert die Kinder allerdings nicht am Saugen, wie man früher irrthümlicher Weise glaubte u. jetzt auch noch häufig hört, bedingt aber in späteren Jahren ein entstellendes Hervorwachsen der oberen Schneidezähne, erschwert das Kauen u. behindert das Aussprechen der Lippeulaule u. muß daher durch eine Operation beseitigt werden. Diese HasenschartenoperationbestehtinWundmacheu der Lippenränder mit dem Messer od. derScheere und Vereinigen der Wundränder durch die umschlungene Naht; diese Operation nimmt man bei kräftigen Kindern am besten bald nach der Geburt vor, bei schwächlichen wartet man zweckmäßig, bis sie etwas kräftiger geworden sind, etwa bis zum 4. oder 6. Monat. Ein nicht zu hochgradiger Wolssrachen schließt sich nach gelungener H-n- operalion häufig von selbst. Mißlingt die H-n- operalion beim ersten Male, was häufig genug vorkommt, so muß sie nach einiger Zeit wiederholt werden. E- Berns. 48 Häser - Häser, 1) August Ferdinand, Componist u. Musikschriststeller, geb. 15. October 1779 als jüngster Sohn des Universitätsmusikdirector Joh. Georg H. in Leipzig; stndirte daselbst Theologie, widmete sich aber mehr der Musik, wurde Lehrer und Cautor in Lemgo, begleitete 1806—13 seine Schwester nach Italien und erhielt, nachdem er mehrere Jahre wieder in Lemgo als Subconrector zugebracht hatte, den Rus zur Organisation des Theaterchors in Weimar, wurde 1829 Musikdirektor an der dortigen Hauptkirche u. st. daselbst 1. Nov. 1844. Von seinen vielen Werken zeichnen sich aus: Vaterunser u. Heilig von Klopstock, Uiserors, 1s Dsuin, Lakvs LsAiva, Xxris und 61oräa, Legalem, Chorgesangschule; Versuch einer systematischen Gesanglehre. 3) Charlotte Henriette, Schwester des Vor., geb. 24. Juli 1784 in Leipzig; debutirte als Sängerin in den Gewand- hausconcerten in Leipzig, wurde 1803 Mitglied der Italienischen Oper in Dresden, machte mit ihrem Bruder Anglist Ferdinand eine Knnstreise, sang acht Monate bei der Italienischen Oper in Wien u. in mehreren Städten Italiens u. erwarb sich den Namen La ckivina Iscisoea, 1812 heirathete sie in Rom den Advocaten Giuseppe Vera, zog sich von der Bühne zurück u. lebte seit dem Tode ihres Mannes 1831 abwechselnd in Nom u. aus ihren Gütern; sie st. 1867. 3) Heinrich, medi- cinischer Geschichtschreiber, geb. 11. Oct. 1811 in Rom; stndirte in Jena Medicin, habilitirte sich hier 1836 als Privatdocent, erhielt 1839 die Professur, ging 10 Jahre später nach Kiel u. 1862 nach Breslau. Er schrieb: Die menschl. Stimme, Berl. 1839; Historisch-pathologische Untersuchungen zur Geschichte der Volkskrankheiten, Leipz. 1839 bis 1841; Lidliobd. epicksmioArapll., Jena 1843 u. 1862; Lehrbuch der Geschichte der Medicin u. Bolkskrankheiten, ebd. 1845, 3. A. 1875; Geschichte der christl. Krankenpflege, Berl. 1857; Die Vac- cination u. ihre neuesten Gegner, 1854, und gab heraus: Repertorium sür die gesammte Medicin, 1840—42, u. Archiv sür die gesammte Medicin, 184g—47, 1> L> Brambach.* S> Thamhayn. Haslach, 1) Marktflecken im Bezirk Rohrbach des Erzherzogthums Österreich ob der Enns, am Zusammenfluß der Großen u. der Böhm. Mühl; Fabrikation von Leinen- u. Baumwollenwaaren; 2278 Ew. (1693 im Orte). 2) Stadt im Amtsbezirk Wolsach des bad. Kreises Ossenbnrg, an der Kinzig; Station der Bad. Staatsbahn; Eisenhämmer, Fabrikation von Seidenwaaren, Senf u. Holzschuhen; Obst- u. Weinbau; 1682 Ew. H. ward 1704 von den Franzosen zerstört. Hasli (Oberhasle im Weißland), Berner Amtsbezirk in der Schweiz mit 7476 resorm. dentsch- redenden Einw., Hauptort Meiringen, erstreckt sich vom OEnde des Brienzersees im Aarethal 12 Stunden lang bergaufwärts bis zur Grimsel und Hausegg, wo es an den Kanton Wallis grenzt. Dazu gehören noch das bewohnte Gardmenthal u. die unbewohnten Urbach- u. Genthäler. Die Einwohner gelten für die schönsten Menschen in Len Alpen, sind besonders gewandt im Ringen u. in gymnastischen Spielen und leben von Alpen- wirthschaft u. Holzschnitzereien. B-riepich. Haslingden, Fabrikfladt in der engl. Graf- - Hasner. schaft Lancaster, Eisenbahnstation; Stadthaus, Handwerker-Institut, Seiden-, Baumwollen- und Wollenmanufactnren; 7698 Ew. In der Nähe Steinbrüche u. Steinkohlengrnben. Haslinger, Tobias, geb. l.März 1787 zu Zell in Österreich; kam frühzeitig als Sängerknabe nach Linz n. fand hier auch in Glöggls Musikalienhandlung Beschäftigung ; 1810 kam er nach Wien, wo er Handlungsgesellschafter von Steiner wurde u. 18. Juni 1842 starb. Er brachte nicht allein diese Handlung in kurzer Zeit empor, sondern hob zugleich den ganzen österreichischen Musikalienhandel. Als Tonsetzer zeichnete er sich durch Werke für die Kirche, bes. durch seine zwei Messen für Männerstimmen und durch seinen Musikalischen Jugendfreund, 25 Hefte, aus. Sein Sohn Karl, geb. 11. Juni 1816, gest. 26. Dec. 1868, zeichnete sich auch als Komponist und Klaviervirtuos ans u. brachte die 1842 von ihm übernommene Musikalienhandlung zur höchsten Blllthe. Haslithal, s. Hasli. Hasloch, s. Haßloch. Hasmona (a. Geogr.), Lagerplatz der Israeliten in der Wüste bei Ägypten. Hasmoiliicr (jüd. Gesch.), s. Makkabäer. Häsne (türk.), Schatzkammer des Sultans. Hasnadar Baschi, der Großschatzmeister des Sultans, ein Verschnittener, welcher stets um den' Sultan ist. Seine Stelle ist gewöhnlich mit der des Kislar Aga verbunden. Hasner, Leopold, Ritter v. Artha, österr. Staatsmann u. Nationalökonom, geb. 15. März 1818 in Prag, stndirte bis 1839 daselbst die Rechte, trat 1842 als Beamter in die Hoskammerprocura- tur, redigirte 1848 die officielle Prager Zeitung u. wurde 1849 Professor der Rechtsphilosophie — hier einer der Hanptvertreter der Hegelschen Schule in Österreich — u. 1851 der politischen Ökonomie in Prag. 1860 erfolgte seine Wahl in den Prager Gemeinderath und 1861 in den böhmischen Landtag, der ihn in demselben Iahte in das Abgeordnetenhaus deputirte; hier war er erst Vice- präsident, dann nach Heins Austritt Präsident. Juni 1863 wurde er an die Spitze des Unter» richtsrathes nach Wien berufen und 1865 unter gleichzeitiger Ernennung zum Hosrath an der dortigen Universität Professor der politischen Wissenschaften. Im März 1867 wieder in den böhmischen Landtag und im April in den Reichstag gewählt, ward er im Mai zum lebenslänglichen Mitglied des Herrenhauses ernannt und Ende 1867 übernahm er im Cisleithanischen Ministerium das Portefeuille des Unterrichts. Hier brachte er das österr. Unterrichtsgesetz zu Stande. Bei der Spaltung im Cabinet wegen des versöhnlichen Ausgleichs mit den widerstrebenden Nationalitäten zählte H. zur Majorität, deren Memorandum den Rücktritt der Minorität veranlaßte, u. wurde dann I.Febr. 1870 Präsident des neuen Ministeriums und zugleich Wirkl. Geh. Rath. Indessen schon 5. April trat er mit seinen Collegen zurück und wirkt im böhmischen Landtage als Führer der Deutschen u. im Herrenhause als hervorragendes Mitglied der Verfassungspartei. Er sehr.: Grundlinien der Philosophie des Rechts u. seiner Geschichte, Prag 1851, u. System der polit. Ökonomie, Prag 1861. Lagai. 49 Hasnon Hasnon, Dorf im Arr. Valencicnnes des franz. Dep. Nord, an der Scarpe; Fabrikation von Zucker, Decken, Bau von kleinen Flnßfahrzeugen, Zubereitung von Flachs u. Hanf, Zwirnerei, Handel; 3505 Ew. (1139 im Orte). Hasparrc», Flecken im Arr. Bayonne des franz. Deport. Basses-Pyrönees; Friedensgericht, Fabrikation von Wollenzengen u. Chocolade, starke Schuhmacherei, Gerberei, Viehhandel; 5144 Ew. (1419 im Orte). Haspe, Stadtzemeinde im Kreise Hagen des preuß. Negbez. Arnsberg, an der Enneper Straße u. au der Mündung des Hasper Baches in die Ennepe, Station der Berg.-Mark. Eilenbahn; Eisen-, Stahl- u. Mejsingwaarcnfabriken, Eisengießereien, Maschinenfabriken, Puddlings- u.Walzwerkerc.; 1875: 7940 Ew. H. ist Stadtgemeinde seit 1874. Haspel, 1) (Winde) in Bergwerken, aufSchiffen, bei Schöpfbrunnen, bei Schleusen, Mühlwehren, bei Bauten rc. verwendetes Hebezeug mit horizontaler Welle (Rundbaum, H-baum), mit welchem durch Meuschenkraft Lasten an einem Seil in die Höhe gewunden werden. Die Japsen Üer Welle, um welche das Seil geschlungen ist, ruhen in den Pfannen, Pfadeisen, von dem H.-gerüste, d. i. zwei hölzernen Ständern, H-stützen, gestützt, die bei Bcrg-H-n auf einem viereckigen Rahmen, dem H-geviere, stehen; der Nundbäum wird mittels zweier kreuzweise eingestecktcr eiserner Stangen, Bleizapfen (Kreuz-H.), od. mit einer oder zwei Kurbeln, H-Hörnern (Horn- od. Kurbcl-H.), oder endlich mit einem H.-Nad gedreht, um welches ein Seil od. eine Kette ohne Ende geschlungen ist (Seil- od. Ketten-Nad-H.). Ferner gebraucht man Speichenräder oder Arm-, Hornräder, auf deren Stirn starke Zapfen, Arme, Hörner als Griffe eingefchlagen sind (Armrad-H., Hornrad-H.); Näder mit zwei Kränzen, zwischen welchen sprossen- jörmig hölzerne Stöcke befestigt sind, oder Räder mit einem Kranze und beiderseits hervorragenden Stöcken (SpillraL-H.). Endlich dreht man den H. auch durch ein Gangrad (Gangrad-H.). Damit daS auf- und niedergehende Seiltrum nicht zusammenkomme, ist aus dem H-baume eine Scheibe (H-scheibe) angebracht, auch bringt man ein Schwungrad, eine Schwungscheibe oder einen Schwungkolben daran an, um die Bewegung gleichmäßiger zu machen. Die erwähnten sind einfache H.; wirkt aber der H. durch Vermittelung von Zahnrädern, Rollen, oder steht er in Verbindung mit einem Krahn, einer Ramme (H-ramme) und dergl., so nennt man ihn zusammengesetzt. 8) (Garn-H. od. Weise) Werkzeug, mit Lein das gesponnene Garn von der Spule abgewunden (gehaspelt) u. zugleich gemesjen wird. Eine Welle trägt 4—8 Stäbe, oben mit Querhölzern versehen, die ein Rad ohne Kranz bilden. Auf die Querhölzer wird das Garn gewunden; der Umfang des H-s beträgt etwa 1 bis 3 m. An der Welle des Rades ist eins Schraube ohne Ende eiugeschnitten, welche in ein Rad mit 20 od. 40 Zähnen greift. Hat man den H. 40mal herumgedrcht also 40 Faden von bestimmter Größe, die ein Gebind machen, abgewunden, so hat sich das Zahnrad einmal herumgedreht; dies wird demHajpeler durch rin bei jeder Umdrehung des Zahnrades hervor- PiererL Umvcrsal-Coiwersatwii--Virilor,. 6. Aujt. X. - Hassan. gebrachtes hörbares Zeichen bemerklich gemacht. Das Zählerwerk kann auch die Zahl der gehaspelten Gebinde anzeigen. In Maschinenspinnereien sind die H-n gewöhnlich so eingerichtet, daß 20—50 Fäden zugleich ausgewickelt werden. Gl-seler.» Haspinger, Joachim, tiroler Patriot, geb. 28. Oktober 1776 zu St. Martin in Gsieß (im Pusterthale); stndirte 1793—1796 in Bozen, zog dann mit den Schaaren, welche die Venetianische Grenze decken sollten, n. stndirte nach seiner Rückkehr weiter Philosophie n. Medicin; 1802 trat er in den Kapuzinerorden u. stndirte Theologie, nahm 1809 an dem Befreiungskämpfe Tirols als Feldprediger theil, stand aber auch als Kämpfer nebst Andr. Hofer, Speckbacher u. A. an der Spitze des bewaffneten Volkes und trug namentlich zu dem Siege auf dem Jsel 13. Aug. 1809 wesentlich bei. 1810 von Bayern geächtet, mußte er Tirol verlassen, durchzog die Schweiz u. ging von da durch Oberitalien mitten durch die französische Armee nach Wien, wo er 31. Oct. 1810 eintraf. Aus dem Kapnzinerorden ansgetreten, wurde er 1815 Pfarrer zu Traunfeld in Niederösterreich ; seit 1836 pensionirt, lebte er in Hietzing bei Wien, zog aber im Frühjahr 1848 wieder als Feldpater mit einer Compagnie Tiroler Feldjäger nach Italien, lebte nach beendigtem Feldzüge einige Jahre in Döb- ling bei Wien, seit 1854 in Salzburg, wo er 12. Januar 1858 starb; seine Leiche wurde aus kaiserlichen Befehl nach Innsbruck gebracht u. in der dortigen Hofkirche neben Andreas Hofer beigesetzt. Vgl. Schallhammer, Biographie des I. H., Salzb. 1856. Lagai.* Hast, gesteigerte, meist aggressive Form amreh- mende Abneigung; der H. ist entweder subjektiv oder vielmehr persönlich, also gegen den Nebenmenschen gerichtet, od. ästhetisch, gegen Las formal u. wesentlich Häßliche, od. ethisch, gegen das sittlich Verwerfliche gerichtet. Man stellt auch Menschen-, Partei- u. Nationalhaß als Kategorien auf. Wo der H. aus edlen Motiven oder idealen Gesichtspunkten ausgeht, ist er durchaus berechtigt, so lange er nicht in Fanatismus ausartet; weniger aber ist diese Berechtigung vorhanden, wo er lediglich eine Äußerung des Selbsterhaltungstriebes ist, denn hier tritt jedesmal auch der Fall ein, daß das Häßliche u. Verwerfliche sich dem Schönen u. Guten, von dem es sich beeinträchtigt glaubt, feindselig entgegenstellt. Schroot. Hassan (Hasan, arab., der Schöne, Gute), 1) Jbn Sab ah, Stifter der Sekte der Assaffinen (s. d.), war der Sohn eines ismaelitischcn Lehrers, in Nischapur Schüler eines strenggläubigen Theologen u. Mitschüler des Seldschuken-Veziers Nezam el Mulk, der ihn an den Hof des Sultans Malek- schah brachte. »Nachdem es ihm mißlungen, Nezam zu stürzen, schloß er sich den Jsmaeliten an, ging dann nach Ägypten, konnte sich aber trotz der ihm vom Sultan Mostansur geschenkten Huld n. trotz des Ansehens, dessen er als eine Art Heiland dort genoß, nicht halten u. mußte rasch entfliehen, durchwanderte Syrien u. Persien, wo er bedeutenden Anhang gewann, trotzdem ihm Nezam immer noch nachstellte. Endlich 1092 besetzte er die Bergfestung Alamut in Persien (jetzt Provinz Jrak- Adschemi), unterwarf sich das umliegende Gebirg Land. ch I 50 Hassan Dagh — Hassel. u. ward seitdem Schelk al Dschebel (Herr des Ge, birges, Alter vom Berge) genannt. Hier erst bildete und erzog er eigentlich seine Secte zu jenem Fanatismus, der dieselbe allen Gefahren u. Feinden trotzen ließ. 1124 bei seinem Tode übergab der ebenso schlaue als charakterfeste, äußerst strenge Mann die neu errichtete geistlich-weltliche Macht dem ersten n. ältesten Lehrer der Secte, Kia Buzurk. 3 ) H. Gazi, Sohn eines Griechen aus Rodosto, geb. 1716, kam, von Seeräubern geraubt, nach Algier, wurde Gouverneur von Tlemsan, entfloh 1760 nach Spanien u. wurde von Karl IV. von Spanien n. Ferdinand IV. von Neapel nach Con- stantinopel empfohlen. Hier bei der Flotte angestellt, um dieselbe in besseren Stand zu setzen, u. bald zweiterBefehlshaber nach demKapudanPascha, focht er 1770 gegen die Russen, flog bei Tschesme auf dem Admiralschiffe mit in die Luft, wurde aber wieder aufgefischt u. entsetzte später das von Orlow belagerte Schloß von Lemnos. 1773 an Dschaasars Stelle Kapudan Pascha, diente er nun 1774 zu Lande an der Donau, konnte aber die Niederlagen der Türken u. den Frieden von Kainardschi nicht hindern. Er züchtigte nun die Seeräuber im Archi- pelagns u. an den Küsten, schlug den Hauptrebellen Scheikh Taher in Syrien u. vernichtete 1776 dessen Söhne. 1778 wollte er mit den Tataren in der Krim gegen Rußland gemeinsame Sache machen, allein diese blieben ruhig, u. H. mußte 1779 der Abtretung der Krim an Rußland ruhig zusehen. Darauf besiegte er als Seraskier die Albanesen aus Morea, züchtigte 1780 die Mainoten n. 1786 die empörten Beis in Ägypten; 1788 verlor er mehrere Seegefechte bei Oczakow gegen den Prinzen von Nassau, befehligte dann zu Lande in der Moldau gegen die Russen, wurde 1790 unter Selim III. Großvezier u. st. 1790. Er war Beschützer der Wissenschaften, persönlich sehr stark, streng gerecht u. unbestechlich. i> Lagai. Hassan Dagh, Gebirg, so v. w. Antitaurus. Hassberg, 1) waldiger Bergrücken im bayer. Regbez. Unterfranken n. Aschaffenburg, erstreckt sich von der oberen fränkischen Saale u. den Rhönbergen in slldöstl. Richtung bis zum Kessel von Bamberg, bis 511 m hoch. Auf der Südseite sind Wein- und Obstpflanzungen; 3 ) Berg des Sächsischen Erzgebirges, 991 in hoch. Hasse, 1) Joh. Adolf, berühmter Opern- componist, geb. 25. März 1699 zu Bergedorf bei Hamburg, wurde 1718 Tenorist an der Hamburger Opernbühne u. 1722 Hof- u. Theatersänger in Brannschweig; seit 1724 lebte er in Italien, wurde 1727 Oberkapellmeister in Dresden, hielt sich aber wechselweise in Italien u. Deutschland ans; 1783 ging er nach London, wo er mit großem Beifall die Oper Artaxerxes aufführte, u. erst 1740 wählte er Dresden zu seinem beständigen Aufenthalte. Später penstonirt, wendete er sich nach Wien, wo er feine letzte Oper, Ruggiero, coniponirte, u. von da mit seiner ganzen Familie nach Venedig, wo er 23. Der. 1783 st. Er compo- nirle auch im Fache der Kirchenmusik viel. Seine Gattin Faustina H., geb. Bordo ni, geb. 1700 in Venedig, wo sie 1716 zuerst als Sängerin anf- trat; 1724—26 war sie in Wien u. London, und virheirathete sich dann in Dresden, wo sie 1733, zum ersten Male auftrat, sie starb um 1786. 3) Friedr. Christ. August, Historiker, geb. 1773 zu Rehfeld bei Herzberg, studirte die Rechte, wurde Lehrer bei dem Fürsten von Schönburg-Waldenburg, 1798 Professor am Cadettenhaus in Dresden, 1803 Professor der Moral u. Geschichte daselbst, machte mehrere größere Reisen, wurde 1828 Professor der historischen Hilfswissenschaften in Leipzig u. st. hier 6. Febr. 1848; er schr. u. A.: Moreau, Dresd. 1816; Wellington, Leipzig 1817; Gestaltung Europas seit dem Mittelalter, ebd. 1818, 1 Bd.; Geschichte der Lombardei, Dresd. 1826—28, 4Thle.; gah (mit Anderen) heraus: Taschenency- klopädie, Lpz. 1816—20, 4 Bde.; Geschichte der Bnchdruckerknnst bei der 4. Säcularfeier der Buch- drnckerkunst, ebd. 1840; er redigirte die 6. u. 7. Auflage des Brockhausschen Conversationslexikons n. von 1831 mit Gretschel die Leipziger Zeitung (bis 1846), auch bis zu ihrem Eingehen die Leipziger Fama. 3) Friedrich Rudolf, Kirchenhistoriker, Sohn des Vor., geb. 29. Juni 1808 in Dresden, studirte Theologie u. habilitirte sich für das Fach der Kirchengeschichte 1838 in Greifswald, erhielt 1843 daselbst die Professur, 1843 die der Kirchengeschichte in Bonn und st. daselbst 14. Oct. 1862; er schr. u. A.: Anselm von Can- terbury, Lpz. 1843—52, 2 Bde.; Kirchengeschichtliche Vorlesungen, herausgeg. von Köhler, Leipz. 1864. Vgl. F. R. H., ein Lebensbild von W. L. Krafst, Bonn 1863. 4) Karl Ewald, Mediciner, Bruder des Vor., geb. 23. Juni 1810 in Dresden, studirte in Leipzig, wurde 1839 Prof, der Mcdicin daselbst, 1844 Director der Kantonalkrankenanstalten u. Prof, der medicinischen Klinik und Pathologie in Zürich, 1852 Prof, der Klinik u. Pathologie in Heidelberg n. 1856 in Göttingen. Er gehört der Richtung an, welche gegen die naturphilosophische u. natnrhistorische Richtung in der Medicin ankämpfte u. der französischen patholog.- anatomisch-diagnostischen vorarbeitete, aus der sich dann die Neue Wiener Schule als Ableger entwickelte. Er schr.: Anatomische Beschreibung der Krankheiten der Circulations- u. Respirationsorgane, Lpz. 1841; Krankheiten des Nervensystems, 2. Anfl., Erl. 1868. 1> Brambach. 8) A. Duncker. 8) Löffler. 4> Thamhaya. Hassel, I) Johann Georg Heinrich, geb. 30. Der. 1770in Wolfenbüttel; war anfangs Amts- actnar daselbst, 1809—13 Director des Statistischen Bureaus rc. in Kassel, wurde 1815 Braunschweigischer Bevollmächtigter in Paris u. privat- isirte seit 1816 in Weimar, wo er mit Bertuch an dem Landesindustriecomptoir wirkte n. 18. Jan. 1829 starb; er schr. u. A.: mehrere geographische und statistische Werke, ferner Handwörterbuch der Geschichte u. Mythologie, Weimar 1825; er war auch seit 1819 Mitherausgeber des Handbuchs der neuesten Erdbeschreibung, Weim. 1818—28, und mit W. Müller des zweiten Hauptabschnittes der Ersch-Gruberschen Eucyklopävie H—0. 3) Samuel Friedrich, Schauspieler und Sänger, geb. 9. Sept. 1798 zu Frankfurt a. M., betrat das. 16 Jahr alt als Chorsänger die Bühne, sang 1815 als erste Solopartie: Rodrigo in Winters Maria von Montalban, ließ sich 1818 für das Actientheater in Mainz cngagiren u. kehrte 1821 51 Hasselfelde — in seine Vaterstadt zurück, wo er 3. Febr. 1876 st. Als Baritonist, namentlich in der komischen Oper erfolgreich lhätig, errang er durch die Rolle des alten Bürgerkapitäns in Malß' gleichnamigem Localstücke, u. in den verschiedenen Hampelmannia- den, die mit Der Landpartie nach Königsstein ihren Anfang nahmen, außcrordentl. Popularität. Trotz glänzender Engagemcntsanerbieten, die ihm ans seine vielfachen Gastspielreisen gemacht wurden, blieb er Frankfurt treu, beging am S. Nov. 1864 sein 50jähr. Jubiläum u. entsagte der Bühne, die er in einer Wohlthätigkeitsvorstellung den 31. Octbr. 1875 zum letztenmal betrat, am 26. März 1866. Er schr.: Die Frankfurter Localstücke, Skizzen aus meinem Schauspielerleben 1821—1866, Franks. 1867. 2) Kürschner. Hafselfelde, Stadtim braunschweigischen Kreise Blankenburg, im Unterharz an der Hassel; Amtsgericht, Holzwaarenfabrikation, schwefelhaltige Mineralquelle; 1875: 2438 Ew. Im Mittelalter blühte hier der Bergbau auf Kupfer n. Silber. Hasselt, Stadt u. Hauptort im glcichnam. !Arr. der belg. Prov. Limburg, an der Deiner, Station der Aachen-Mastrichter u. der Nicderländ. Staats- Eisenbahn; großes Rathhaus, Athenäum, öffentliche Bibliothek, Fabriken für Leinwand, Spitzen und Tabak, Branntweinbrennereien, Gerbereien, Ziegelbrennereien, Tabak-, Cichorien- u. Krappbau; (1866) 10,448 Ew. Hier 6. Aug. 1831,Sicg der Niederländer unter dem Prinzen von Oranien über die Belgier unter General Daine. Hassclt, Andr. Heinrich van H., belg. Gelehrter, geb. 1806 in Mastricht, studirte in Brüssel, Heidelberg u. Paris die Rechte, wurde Advocat in Lüttich, widmete sich aber bald ganz den Schönen Wissenschaften, ging 1833 nach Brüssel u. erhielt hier den Preis für eine Abhandlung über die belgisch-französische Poesie bis auf Albert u. Jsa- belta: Rssni Zur 1'bistvirs äs la xossis kraugniss «u LsIZigue, Brüssel 1838. Augerdem schr. er: Ilisb. äs In vis sb äss ouvrnAos äs R. ?. Rubens, Brüssel 1840; lübnäes sur Iss sauses äss sonievsmsnts eb äss Ausrres äos xa.z-sa.ns au mozen-LAs, Lütt. 1841; Ra. LslAigus st, la Hvl- lanäs, 1844; Rss Leides anx sroisaäss, Brüss. 1846, 2 Bde.; Hist. äss RsiAss zusgu'a. 1a läomination romains, 1847, dann Gedichte in holländischer u. französischer ^Sprache u. mehrere Aussätze über belgische Kunst im Mittelalter. Hassenfratz, Jean Henry, sranz Naturforscher, geb. in Paris 20. Dec. 1755, wurde früh Schiffsjunge auf einem franz. Kriegsschiff, dann nach seiner Rückkehr nach Paris Zimmermann u. mit 22 Jahren Meister. Um sich in seinem Handwerk auszubilden, hörte er einen mathemat. Cur- ssus bei Monge, wurde aber dann von Bauvin, Geographendes Königs, als InAsoi.sur-6PoAra.xIts beschäftigt. 1782 wurde er Bergwerkseleve u. reiste, um Len Bergbau praktisch kennen zu lernen, nach Österreich. Nach Paris zurückgekehrt, wurde er Lavoisier empfohlen, der ihn mit der Leitung seines Laboratoriums betraute. Dann brach die Revolution aus, an der H. den begeistertsten Antheil nahm. Anfangs zu den Clnbbisten, dann zu den Jacobinern gehörig, setzte er die Verhaftung der Girondisten durch. Er nahm dann nach u. nach - Hassciipflug. verschiedene politische Stellungen an, bis er 1795 Professor an der neu gegründeten Leols äss Muss u. 1797 Lehrer an derPolytechnischenSchule wurde. 1814 wurde er pensionirt, verlor aber schon 1815 seinen Titel u. die damit verbundene Pension. Er st. 26. Febr. 1827 zu Paris. Seine Schriften sind so zahlreich als mannigfaltig. Die militärischen u. politischen hatten Bedeutung in der Zeit ihres Entstehens, die naturwissenschaftlichen dagegen behalten ihren Werth. Zu erwähnen sind besonders: 6soAra.xb.io slsmsnbairs, Par. 1792; Nablsau äs minsraloAis, das. 1796; 6-mrs äs xbz-sigus oslests 1803, 1810; R'art äs obar- psnbisr, 1804; Liäsroteebvis sto., 4 Bde., 1812; mit Cassini, Monge u. Bertholon: viot. äs xb^- slgus, 4 Bde., 1816—21; R'art äs oalsinsr la. xisrrs saloairs, 1815. Zahlreiche Abhandl. vorwiegend über chem. Fragen finden sich in den lln. äs Oliim., deren Mitgründer er war, dem äourn. äss Llinss, äourn. äs Rbz-s. u. den kiiik. Irans, r. Haffcnpflug, Hans Daniel Ludwig Friedrich H., geb. 26. Febr. 1704 in Hanau, studirte in Güttingen, machte den Feldzug 1814 mit, wurde 1817 Assessor beim Justizsenat der Regierung in Kassel, 1821 Assessor und 1827 Rath beim Oberappellatiousgericht, 1832 Minikterialrath und Mitglied des Ministeriums, bald darauf Geheimer Rath im Ministerium des Innern. Als solcher war er die Seele des damaligen hessischen Ministeriums, u. von ihm und Vilmar ging die damals in Hessen bemerkliche Reaction aus (s. Hessen, Gesch.). Infolge des Auftretens der Gegenpartei nahm er, auch mit dem Kurprinz-Mit- regenten zerfallen, 1837 seinen Abschied, trat 1838 als Ches der Regierung und des Hofgerichts in Dienste des Fürsten von Hohenzollern-Sigmarin- gen, 1839 als Civilgouvernenr an die Spitze des neu organisirten Großherzogthums Luxemburg u., nach Abdicirung Wilhelms I. entlassen, 1841 in preußische Dienste alsObertribunalsrath in Berlin. Anfangs 1844 ward er OberappellatiouSgerichts- präsident in Greifswald; hier wurde er 1849 wegen in den Jahren 1846 u. 1847 unter ihm vorgekommener Unregelmäßigkeiten in der Verwendung fiskalischer Baugelder in Anklagestand versetzt, aber vor Austrag der Sache, die später mit seiner Freisprechung endete, im Februar 1850 von dem Kurfürsten von Hessen zur Bildung eines neuen Ministeriums berufen, in dem er (22. Febr.) das Präsidium u. die Justiz, später auch die Finanzen erhielt. Darauf ging er als Bevollmächtigter Kurhessens nach Frankfurt zu der Plenarversammlung u. leitete die im September nach der Flucht des Kurfürsten aus Kassel nach Wilhelmsbad verlegte Regierung des Landes. Er war die Seele der gegen die preußische Unionspolitik gerichteten kleinstaatlichen Bestrebungen und einer der eifrigsten Sachwalter Österreichs und der Wiederherstellung des Bundestags. Das Einrücken bayr. u. österr. Executionstruppen in Hessen, der Umsturz der Verfassung von 1831, die Verfolgung der Liberalen in Hessen sind wesentlich sein Werk (s. Hessen-Kassel, Gesch.). Zuletzt durch seine Herrschsucht auch dem Kurfürsten verhaßt, erhielt er 16. Oct. 1855 die Entlassung, welche er schon im Nov. 1853 wegen eines persönlichen Conflicts mit dem Schwieger- 4 * 52 Haßfurt — Unstn. sohn desselben, dem Grafen (jetzigen Fürsten) von Asenburg-Wächtersbach, erbeten hatte. H. siedelte darauf nach Marburg über, wo er am 10. Oct. 1862 st. -k--" Haßfurt, Stadt u. Hauptort in dem 427, 2 » UDm (-„s IHM) mit (1875) 27,658 Ew. u. die beiden Landgerichte H. und Eltmann umfassenden, gleichnam. Bezirksamt des bayer. Regbez. Unterfranken u. Aschaffenburg, am Main, Station der Eisenbahnlinie Bamberg-Würzburg; Sitz des Bezirksamts und eines Landgerichts, Pfarrkirche im Spitzbogenstil, merkwürdige, 1392 erbaute Ritterkapelle mit Johannes v. Huttens Denkmal, Latein. Schule, Präparanden-Schnle, Hospital, Fabrikation von landwirthschaftl. Maschinen, künstlichem Dünger, Leim, Cigarren u. Malz, Bierbrauerei, Dampfmahl- u. Sagemühle, Viehzucht (namentlich gute Schäferei), Acker-, Obst-, Hopsen- und Weinbau. 1875: 2500 Ew. In der Nähe ein schwach besuchtes Wildbald mit Eisen- und Schwefelwasser. Ritter von H. werden im 13. u. 14. Jahrh. erwähnt. H. wurde wiederholt geplündert u. verheert, so 1541 durch den Markgrafen Albrecht Al cibiades, 1632 durch die Truppen Tillys u. 1639 durch die Franzosen. H- Berns. Haßkarl, Justus Karl, verdienstvoller Botaniker, geb. 6.Dec. 1811 in Kassel, erlernte seit 1827 in Poppelsdorf die Gärtnerei u. erhielt 1832 eine Stelle am Botanischen Garten zu Düsseldorf, später die Leitung desselben. 1834 ging er nach Bonn, um seine naturhistorischen Studien fortzusetzen u. sich namentlich für wissenschaftliche Reisen vorzn- bereiten. 1836 ging er nach Java, doch war seine Stelle am Botanischen Garten zu Bnitenzorg anfangs mit großen Schwierigkeiten u. Widerwärtigkeiten verbunden. Trotzdem arbeitete er mnthig weiter, lieferte eine Reihe von Abhandlungen botanischen Inhalts und reorganisirte den Garten. Schwer krank mußte H. im Herbst 1843 Java verlassen, doch kehrte er schon 1845 wieder zurück. Die Verhältnisse hatten sich aber derart geändert, daß H. seinen Abschied nahm u. abermals nach Europa zurückkehrte, wo eine Zeit schwerer Noth begann. Er nahm verschiedene kleine Beamtenstellen an, schrieb botanische Abhandlungen, übersetzte Coles Das Cap und die Kafsern, Lpz. 1852, besorgte die deutsche Ausgabe von Junghuhns Java u. dessen Rückreise von Java nach Europa, Lpz. 1852. 1852 erhielt er von der holländ. Regierung den Auftrag, den Chinarindenbaum von Peru nach Java überzusiedeln. Es gelang ihm mit Überwindung der größten Schwierigkeiten 400 kräftige Calisaya-Chinapflanzen glücklich zur Küste u. von diesen (Decbr. 1854) wenig über 40 nach Java zu bringen. Damit wurde die unterdessen so gewinnbringende u. die größten Hoffnungen erregende Chinacultur in Java begonnen. H. war infolge der schweren Mühen wieder todtkrank und mußte abermals den fremden Boden verlassen. Sein Nachfolger in Java wurde Junghuhn. H. lebte dann wissenschaftlichen Arbeiten in Königswinter, Bonn und jetzt in Kleve. Unter seine»! Schriften sind noch zu erwähnen: 8ub van äo! planten stavao, Amsterd. 1845; LataloZrw pian-- tarum in Irorto LoKvrisnsi, Batavia 1854; s?lantas javavioas rarisres, Verl. 1847; Australien n. seine Colonien, Elberf. 1849; klantas stunA- lrulmias, Leyd. 1851 s.; Schlüssel zu Rheedes Hort, malabarions u. zu Rumphs llorb. amboi- nsnss; Die Chinacultur auf Java, Lpz. 1869. r. Haßlach (Haslach), Nebenfluß der Rodach im bayer. Regbez. Ober-Franken, entspringt mit ihren zahlreichen Nebenbächen (Thettau, Kronach rc.) südl. von Ludwigsstadt aus dem Thüringer Walde u. mündet südlich von Kronach. Haßlach, s, Haslach. Häßlich (Ästhet.), 1) in subjectivem Sinne diejenige Erscheinung, welche,im Gegensatz zu dem durch die Schönheit hervorgerufenen Wohlgefallen, Mißfallen (Haß, daher der Ursprung des Wortes) erregt; in objektivem Sinne die Nichtübereinstimmung der Form eines Gegenstandes mit seinem Zweck, ebenfalls als Gegensatz zur objektiven Schönheit (lor- mositas), welche solche Übereinstimmung zeigt. In beiden Bedeutungen ist es also so viel als Mißgestalt u. nur auf Erscheinungen der Naturwirklichkeit anwendbar. 2) In der Kunst gibt es nicht nur kein H-es in solchem Sinne, sondern hier tritt der Begriff des H-en sogar als wesentliches Moment des Künstlerischen auf, nämlich als dasjenige, welches dem abstrakten Kunstideal das individualisirende Gepräge des Charakteristischen verleiht. Aristoteles defimrt daher das Komische als ein H-es ohne zerstörende Kraft; ähnlich liegt im Tragischen ein H-es (Mißstimmung Erregendes), was den eigentlichen Inhalt des tragischen Leidens, also seine specifische Kunstwirknng, ausmacht. 3) In populärem Sinne nennt man Alles häßlich, was überhaupt Mißstimmung hervorruft, also auch übertragen auf das moralische u. praktische Gebiet. Das H-e bildet mit dem Bösen u. Falschen eine ähnliche (aber negative) Trias, wie das Schöne mit dem Guten u. Wahren in positiver Richtung. Vgl. Schönheit. Schosler. Häßler, Hans Leo, der größte Orgelspieler seiner Zeit u. Meister des geistlichen n. weltlichen Liedes, geb. 1564 zu Nürnberg, war 1584 Schüler des berühmten Andrea Gabrieli zu Venedig; wurde 1585 Organist in dem Fuggerschen Hause zu Augsburg, 1601 Hofmusikns des österr. Kaisers Rudolph II., der ihn geadelt haben soll, 1608 Hoforganist in Dresden, u. st. 8. Juni 1612 zu Frankfurt a. M. Er legte den Grund zu den äßbareren u. angenehmeren Melodien der evang. Kirchenlieder; mehrere seiner Choralmelodien be- rnden sich in dem Hizlerschen Choralbuch (Straßburg). Siebenrock. Haßloch, Kirchdorf im Bezirksamt Neustadt a. d. Hardt des daher. Regbez. Pfalz; das größte Dorf der Rheinpfulz; Station der Pfälzischen Ludwigsbahn; Nettungshaus; Tabaks- u. Getreidebau; 1875: 5069 Ew. lllssts (röm. Ant.), Spieß, Lanze, als H. IvvA» auch auf Schiffen zur Abwehr der feindlichen Enterhaken. Die 8. war das Symbol der Eroberung u. des Kriegsrechts, sodann des Eigenthums überhaupt; daher kommt die 8. oft in den römischen Gebräuchen vor; im Völkerrecht, wo die Fetialen bei der Kriegserklärung eine kl. (8. letislm) in das feindliche Gebiet warfen; im öffentlichen Recht: 8. publica (8. venäitiönis). wenn Zölle u. andere Einkünfte des Staates an den Meistbietenden von den Lea- Hastuti — Hastingssand. 53 foren verpachtet wurden; 8. esnsoria (8. ioea- tiünis), wenn auf Befehl des Prätors Jemandes Güter versteigert wurden. 8. krumentaris. (8. salntis), Lanze, bei einer Theuernng aufgestellt, als Zeichen, daß Getreide unter das Volk vertheil: werden solle; auch bei Privatauetionen fehlte die 8. nicht, zum Zeichen, daß der Gegenstand in das Eigenthum eines Anderen gegeben werden sollte; daher noch jetzt 8ub llasta verkaufen, so v. w. versteigern oder verauctioniren. Bei Hegung des Gerichts der Osntumviri wurde auch eine 8. (8. eentumvirüiis) aufgesteckt. Im Privatrecht kam die 8. bei Eheschließungen vor, indem hier mit einer kleinen 8. (8. eaeiillüris) der Braut das Haar geordnet wurde; der Grund ist unbekannt. llsststi (näml. militss), das mit der basta (s. d.), später mit dem xilnm bewaffnete erste Treffen des römischen Fußvolks in der Legions-Aufstellung s. unter Legion. ttsstsius (Bot.), spieß- oder spontonförmig, von, dreilappigen Blatt, dessen beide seitlichen Abschnitte zu dem mittleren rechtwinklig stehen. Hastenbeck, Kirchdorf im Kreise Hameln der preuß. Landdrostei Hannover, bei Hameln; 400 Ew. Hier 26. Juli 1757 Sieg der Franzosen unter dem Marschall d'Estrees über die Verbündeten unter dem Herzog von Cumberland, worauf die Capitulation von Kloster Seven folgte. Hastinapura, in den epischen Gedichten der Inder gestierte Hauptstadt des Reiches Magadha. wo die Kuru herrschten, gelegen am oberen Ganges. Hastings, 1) Stadt in der engl. Grafschaft Sussex, unweit der Mündung des Bourne in den Canal (la Manche); Eisenbahnstation, in einer Einsenkung gelegen und gegen W., N. u. O. von Hügeln umgeben, so daß es gegen kalte NWinde vollständig geschützt ist, hat hübsch gebaute neuere Straßen mit großen Hotels, Arkaden rc., Lateinische Schule, Handelsinstitut, Theater, Rathhaus, Badeanstalten; Fischerei, Schiffsbau, Kalkbrennerei; 29,291 Ew. H. sendet 2 Mitglieder zum Parlament. Der Küste entlang erstreckt sich die Marine- Parade. H. ist einer der Cinque Ports (s. d.). Dabei Trümmer der alten Burg. Hier 14. Oct. 1066 Sieg Wilhelms des Eroberers über Harald, König von England. Ganz in der Nähe St. Leonhard, gilt als westl. Vorstadt von H., erst 1828 gegründet, besteht aus einer Reihe von Prachtbauten mit 152 m langer Cvlonnade nach der See hin. 2 ) Sitz des Dakota County im nordamerikan. Uuionsstaate Minnesota, am Mississippi; Eisenbahnstation; lebhafter Handel; 3458 Ew. 8 H- Berns. Hastings, 1) Warren, erster Generalgouverneur von Britisch Indien, geb. 6. Dec. 1732, stammte aus einer alten, aber verarmten Familie zu Daylesford in der Grassch. Worcester. Als Schüler der Westminstcr-Schule, in die ihn ein entfernter Verwandler gethan, versprach er einer der ersten Gelehrten seines Landes zu werden, als er, kaum 17 Jahre alt, als Schreiber der Ostindischen Compagnie nach Indien gesandt wurde. Nachdem er hier in14jähr. Dienst ein mäßiges Vermögen erworben, kehrte er 1764 nach England zurück, mit dem Ruf eines in indischen Angelegenheiten u. Sprachen außerordentlich bewanderten Mannes. 1769 ging «r aufs Neue nach Indien und zwar als zweithöchstes Mitglied des Raths von Madras u. 1772 ward er zum Präsidenten des höchsten Raths von Bengalen erhoben. Ein Jahr später erließ das Parlament eine Acte, wonach das Haupt der Prä- sidentschajt von Bengalen in Zukunft den Titel eines Generalgouverneurs von Indien tragen u. H. der erste Träger desselben sein solle. Unter Len schwierigsten Umständen, nur auf seine eigenen Bemühungen angewiesen, gelang es ihm über alle Erwartungen, die Macht der Compagnie auf Kosten der eingeborenen Fürsten zu vermehren u. zu stärken. Ungeachtet dessen wandelte Parteigeist in der Heimath das Verdienst H-s in Verbrechen u. er ward vor dem Parlamente verklagt. 1786 kehrte er nach England zurück u. nun schleuderte Burke im Unterhause gegen ihn die Anklage, willkürlich n. tyrannisch regiert, große Summen Geldes erpreßt u. jede Art der Bedrückung ausgeübt zu haben. Nachdem der Proceß 9 Jahre gedauert, ward H. endlich freigesprochen, jedoch zu den Kosten seiner sich auf eine Summe von 67,000 Pfd. St. belaufenden Vertheidigung verurtheilt. Diesen Verlust ersetzte ihm die Oslindische Compagnie durch eine jährliche Pension von 4000 Pfd. St. u. durch ein zinsfreies Darlehen von 50,000 Psd. St., auch erlebte er noch, daß seine Pläne zur Sicherung Indiens 1818 öffentlich gelobt wurden. Die letzten 24 Jahre seines stürmischen Lebens verbrachte er, den Studien u. dem Landbau gewidmet, auf dem wiedererworbenen Sitz seiner Väter zu Daylesford, u. starb das. 22. Aug. 1818. Von seinen Schriften sind zu erwähnen: Narrative ok tlls iats transaetion nt Lenares, Calc. 1782' Uevierv ok tlls skate ok Lea§al, ebd. 1786; 1'lls present state ok tlls Last Inckies, ebd. 1786- Spssell in tlls lli§ll oonrt ok cknsties in >Vost^ ininstsr-8aU, Land. 1791. Vgl.: Gleig, Llemoirs ok >Varron 8., London 1841, 3 Bde.; Macan- lays unvergleichlichen Essai über H-s Laufbahn, Bd. 1, u. den Neuen Pitaval, Bd. 5. 2 ) Francis Rawdon, Marquis von, brit. Staatsmann u. Feldherr, Sohn des Grafen Moira, geb. 7. Dec. 1754, trat, nach kurzen Studien an der Universität Oxford, 1771 in die Armee, zeichnete sich im amerikanischen Kriege so sehr aus, daß er bereits 1778 Generaladjutant des brit. Heerführers Lord Cornwallis wurde. Im Sommer 1794 zum Generalmajor aufgestiegen, ward er dem Herzog von Jork mit 10,000 Mann nach Holland zur Hilfe gesandt, u. ihm war es hauptsächlich zu verdanken, Laß der holländische Feldzug der Engländer gegen die Franzosen nicht mit gänzlichem Ruin endete. 1812 ward er Generalgouverneur von Indien, u. während seiner lOjähr. Verwaltungsperiode besiegte er die Pindaris, den Scindiah und die Gebirgs- Völker von Nepal, u. als Belohnung dafür wurde er, nachdem er bereits 1816 seinem Vater in dem Titel eines Grafen von Moira gefolgt war, zum Marquis von H. erhoben. Nach seiner Rückkehr 1824 zum Gouverneur von Malta ernannt, starb er auf der Rhede von Bajä 28. Novbr. 1828. Sein interessantes ikrivats llonrnal wurde 1858 von seiner Tochter, der Marquise von Bute, veröffentlicht. Bartling. Hastingssand, ein eisenschüssiger Sandstein der Kreideformation in England. 54 Hatanga — Hatanga, Fluß im russischen Asien, entspringt aus einem See im Gouvernement Tomsk, fließt über 742 km durch flache, sumpfige Gegenden u. ergießt sich in das Nördliche Eismeer. Nebenflüsse rechts: Monera, Kotokan, Korgovka, Sdanicha, Nishejä, Bludna u. a.; links: Jstok, Cheta und Nowaja. Au der Mündung bildet die H. den geräumigen H-schen Meerbusen. Arendts.» Hatchett, Charles, verdienstvoller englischer Chemiker, geb. 1763, lebte ohne öffentliche Stellung seinen chemischen Forschungen u. machte sich bes. verdient durch Untersuchungen über die Molybdän- Verbindungen, mehr noch (1801) durch Entdeckung des Tantal (LmalMs ob a min. snbst. krom istortlr L.msrioa, sonbaininF a mebal bitirsnto nnknorvn, Obii. Irans. 1802). Hier finden sich noch (von 1796—1817) zahlr. Abhandlungen chem. Inhalts. H. st. 10. Febr. 1847 zu Chelsea bei London, r. Hatchettin, flockig oder feinkörnig derbe, wal- ruty- od. wachsähnliche weiche Substanz von gelblicher Farbe, durchscheinend bis fast undurchsichtig, geruchlos. Besteht aus Kohlenstoff u. Wasserstoff. Merthyr-Tydvil in der walis. Grafschaft Glamer- gan u. Wetlin, preuß. Prov. Sachsen. Lehmann. Hatist, 1) persischer Dichter, lebte zu Ende des 15. Jahrh. u. schrieb das ans einigen 100 Versen bestehende romantisch-mystische Gedicht Gui-u- tschankan, d. i. der Ball u. der Schlägel, dessen Helden ein junger Schah und ein Derwisch sind. 2) H., Schwestersohn des berühmten Dschami, pers. Dichter, geb. in Dscham, gcst. 1520, lebte in einem Garten von Gardschard, einem Dorfe im Distr. von Dscham, wo er auch begraben liegt. Er ist der Verfasser eines Chamjeh oder Fünfers, d. i. einer Sammlung von 5 Mesnewi oder doppelzeiligen gereimten Gedichten, als Nachahmung des Fünfers von Nizami, brachte aber nur 4 Mesnewi zu Stande. Auch suchte er in den 3 romantischen Gedichten: Chosrav-u-Schirin, Hast Mansar n. Lei- la-u-Madschnun den Dichter Nizami nachzuahmen. Letzteres erschien in Calcutta 1788, in Lucknow 1862 u. in Tcbriz. Sein in Versen geschriebenes Timurname ist eine Nachahmung des Jskendername von Nizami u. sein Epos über Schah Ismail vollendete nach seinem Tode Kassim Gunabadi. °> Hato, so v. w. Estancia (s. Estancias). Hatras (Hattras), Stadt im Distr. Allygurh der Div. Mirat der indobrit. JtWProvinzen, an der Eisenbahn Agra-Delhi; 23,589 Ew.; Hauptmarkt für die Baumwolle der Gegend. Haträsch (türk.), das Aufgebot der Grenzvölker in Kroatien u. Bosnien. Hatschettin, so v. w. Hatchettin. Hatschicr, so v. w. Hartschier. Hätszeg (Hötzing), Stadt u. Hauptort im sieben- bürgischen Comitate Hunyäd, im Lande der Ungarn, am Szebes n. am Eingänge des gleichnamigen 22 km langen u. 15 km breiten reizenden Thales; Station (Väralya-H.) der Siebenbürger Eisenbahn; 2 Kirchen; Weinbau; 1806 Ew. Hattala, Martin, Professor der slav. Sprachen an der Universität Prag, geb. 1821; schrieb: 2vukos1ovi jar^ka staro-i-novoesskölro a slo- vsnskeiro, Prag 1854; Lrovnävaei mluvnies zar^ka ossksko a siovenskeba, Prag 1857; Os mntations oontixusrum eonsonantinm in iinxuis Hatti-Lcherif. slavieis, Prag 1865, u. eine Reihe Abhandlungen sprachwissenschaftl. u. literarhistor.Jnhalts. N-hrmg. Hattemisten, Glieder einer religiösen Secte, welche zu Anfang des 18. Jahrh. in den Niederlanden von dem wegen seiner religiösen Meinungen des Amtes entsetzten Geistlichen Po nie an Hattem zu Bergen op Zoom gegründet wurde. Er lehrte, daß der wahrhaft gute Mensch ganz in Gott versenkt sein müsse, so daß alle selbst- thätige Freiheit aufhöre, somit auch die Sünde nur in der Einbildung des Menschen liege; Christus habe auch die Menschen nicht mit Gott versöhnt, sondern ihnen nur den Wahn genommen, daß sie sündigen könnten. Hattem st. 1706 u. seine Anhänger wurden, da sie auf Abwege geriethen, 173S gänzlich aus Holland vertrieben. Lagai. Hattenheim, Flecken im Kreise Rheingau des preuß. Negbez. W esbaden, am Rhein; Station der Nassauischen Staatsbahn; vorzüglicher Weinbau, bes. der Markobrunner, der auf dem Strahlenberge gewonnen wird; auch der Steinberger wächst in der Gemarkung; 1200 Ew. In der Nähe daS Kloster Eberbach (s. d. 2)). Hatteras (Cape H.), Vorgebirge mit Lencht- thurm an der OKüste von Nord-Carolina (Nord- Amerika), umgeben von Klippen'und Untiefen; häufige Windstöße u. Stürme; eine der für die Schifffahrt gefährlichsten Stellen des Atlantischen Oceans. Hattija (Hattia), Insel vor der Mündung der Meghna in Bengalen (Vorderindien), vom Strom angeschwemmt, zur Fluth und Regenzeit beinahe ganz überschwemmt, aber sehr fruchtbar u. trägt Regierungs-Salinen. Für die Schifffahrt bildet sie ein großes Hindcrniß. Hattin, eine aus Kalkstein bestehende mäßige Erhöhung in Galiläa, südwestl. von Kapernaum. Am südlichen Fuße liegt das Dors H. Nach lateinischer Sage hielt Jesus auf dem H. die Bergpredigt; nach anderer Sage war hier die Speisung der 5000. Bei H. wurde 1187 das Kreuzheer von Saladin geschlagen u. der letzte Rest auf dem Berge H. überwältigt. i-- Hattingen, Stadt im Kreise Bochum des preuß. Regbez. Arnsberg, an der Ruhr; Station der Berg.-Märk. Eisenbahn; höhere Bürgerschule; Wasserleitung; Fabrikation von Tuch, Wollen- u. Seidenzeugen, Tabak, Eisen- und Stahlwaaren, großes Eisenwerk (Heinrichshlltte), Bierbrauerei, Branntweinbrennerei; 1875: 6995 Ew. — In der Nähe Kohlen- u. Eisensteingruben u. die spärlichen Überreste der ehemals ansehnlichen Isenburg (schon 1226 geschleift) mit herrlicher Aussicht. H. gehörte im Mittelalter zur Hansa. Hatti-Scherlf, Hatt-i-Humajum (türk.), erhabenes Schreiben, jede Cabinetsordre des Sultans, welche, mit der arabischen Kanzleischrist Diwani geschrieben, über dem Texte als Zeichen ihrer Echtheit den verschlungenen Namenszug des Sultans (Tugra, auch Nischanischerrf) meist schwarz, hier u. da auch roth oder mit Goldschrift, trägt. Gegen eine solche Ordre ist weder Appellation noch Einwendung möglich. H. von Gülhanie, das türkische Grundgesetz vom 3. Novbr. 1839; dann der H. vom 18. Febr. 1856, durch welchen die Gleichstellung aller nichtmuselmanischen Unter- 55 Hatto — thanen der Pforte mit den Muselmanen proclamirt wurde. Lagai. Hatto (Alto). I. Erzbischöfe von Mainz: 1) H. I. ans Schwaben, geb. um 850, studirte im Kloster Ellwangen, wurde 899 Abt in Reichenau und 891 auch Erzbischof von Mainz; als Kaiser Arnulf, dem er die Erhebung auf den erzbischöflichen Stuhl verdankte, 900 gestorben war, führte er während der Minderjährigkeit für Ludwig das Kind die Regentschaft mit u. behielt seinen Einfluß auch unter Konrad I. In der Babenberger Fehde nahm er Partei gegen die Babenberger u. überlieferte den Grafen Adalbert durch treulose List dem Kaiser, der ihn hinrichten ließ. In der Kirche drang er auf strenge Kirchenzucht, suchte die geistliche Macht über die weltliche zu erheben u. vertrat die Rechtsansprüche deutscher Bischöfe gegenüber den Eingriffen des Papstes. Er starb 913; zu der Sage, der Teufel habe ihn geholt u. seine Leiche in den Ätna geworfen, gab seine Herrschsucht, Gewaltthätigkeit und Treulosigkeit in seinem politischen u. kirchlichen Wirken Veranlassung. 2 ) H. II., studirte in Fulda u. wurde hier 942 Abt; 961 begleitete er den Kaiser Otto I. nach Italien, wurde 968 Erzbischof von Mainz u. st. 969 (970); von ihm geht die Sage, daß er den Mäusethurm bei Bingen erbaut habe und wegen seiner Unbarmherzigkeit gegen die Armen darin von den Mäusen gefressen worden sei. II. Bischof: 3) H. (Haito, Aito, Hetten), geb. 763, studirte im Kloster Reichenau; wurde Vorsteher der dortigen Schule, 805 Bischos von Basel u. 806 zugleich Abt von Reichenau; 811 ging er als Gesandter Karls des Großen nach Constanti- nopel u. litt auf dem Rückwege Schifsbruch; 823 gab er seine Ämter auf und lebte als Mönch in Reichenau, wo er 836 starb. Er schr.: Vs vi- sions IVettini (von Walafrid Strabo in Verse gebracht), in Mabillons Xsba Lanotorum; und XXV vaxita (eine Art Pastoralanweisung), im 1. Bande von d'Acherys LxioilsAium. Hattzan, Marktflecken iin ungarischen Comitate Heves, an der Zagyva, Station der Ungarischen Staatsbahn (nördl. Linie); schönes Castell; Bierbrauerei, Pferde- u. Schafzucht, Weinbau, Melonenbau (berühmt durch seine riesigen Melonen); 4018 Ew. — H. war einst befestigt u. besaß eine berühmte Prämonstratenserabtei. 1525 wurde hier der berühmte stürmische Landtag gehalten. 1678 wurde es von den Osmauen ganz zerstört. Hier 2. April 1849 Gefecht zwischen den Ungarn und dem österr. Feldmarschalllieutenant Schlick; Letzterer geschlagen. H- Berns. Hatzfeld, 1) Stadt im Kreise Biedenkopf des preuß. Regbez. Wiesbaden, an der Eder in rauher Gegend; Obersörsterei, Papiermühle, Eisenhammer, Holzhammer; 1875: 1002 Ew. Dabei die Ruinen des Schlosses H., des Stammschlosses der noch blühenden Familie von Hatzfeld. 2 ) (ungar. Zsombolya) Marktflecken im ungarischen Comitate Toronto!; Station derÖsterr.Staatsbahn; Weizenbau; 7971 Ew. Hatzfeld, altes hessisches Dynastengeschlecht, nach seiner Stammburg Hatzfeld 1), so benannt; als ältester Ahnherr wird Richard v. H. genannt, der 968 dem Turnier zu Merseburg beigewohnt Hatzfeld. haben soll. Das Geschlecht gehörte zu der rheinischen Reichsritterschaft u. theilte sich durch Gotthards (st. um 1420) zwei Söhne, Johann und Gotthard, in zwei Linien, von denen nur noch die Jüngere blüht. I. Die Ältere H.-Wildenberg- Hessische Linie, gestiftet von Johann u. 1629 in den Freiherrenstand erhoben, welche sich wieder spaltete in: X) die ältere Wildenberg- Hessische, erlosch mit dem Freiherrn Kasimir Friedrich Karl; L) die jüngere Wildenberg- Hessisch-Crottorssche oder später Trachen- berg-Rosenbergsche, 1641 in den Grafenstand als Grafen zu Gleichen und Herren zu Wildenberg erhoben. Zu dieser gehören: 1) Melchior von H., Gras von Gleichen, geb. 10. Oct. 1593, kaiserlicher General; drängte 1636 Baner aus Sachsen zurück nach Pommern, wurde aber mit dem Kurfürsten von Sachsen bei Witt- stock geschlagen, vereinigte sich mit Götz und entsetzte dann im Winter auf 1637 Leipzig; schlug, in Westfalen befehligend, den schwedischen General King u. den Kurfürsten von der Pfalz 1638 bei Flöthe; überzog 1640 u. 1641 Hessen, stand bann gegen Guebriant am Rhein und zog sich Ende 1642 ans des Kaisers Befehl nach Böhmen zurück, siegte 1643 bei Möhringen über die Franzosen, focht dann in Sachsen gegen Königsmark, erhielt 1644 nach der Entsetzung von Gallas den Ober besehl über das kaiserliche Heer als Feldmarschall u. sammelte bei Prag eine neue Armee, mit derer, gegen seinen Willen, auf des Kaisers Befehl 1645 Torstenson angriff, aber geschlagen u. gefangen wurde. Ausgewechselt, befehligte er die Truppen, die Kaiser Leopold Johann Kasimir von Polen gegen die Schweden zu Hilfe schickte, n. st. 9. Jan. 1658. Er erhielt von Kurmainz die heimgefallenen Lehn des Grafen von Gleichen, von Brandenburg-Ansbach die Herrschaft Rosenberg u. vom Kaiser 1641 die Standschaft Trachen- berg in Schlesien, zugleich mit der Erhebung in Len Reichsgrasenstand. 2 ) Fürst Franz Philipp Adrian, wurde 1741 von dem König Friedrich II. von Preußen für Trachenberg in Len Fllrsten- und 1748 von Kaiser Franz I. in den Reichs- sürstenstand erhoben, jedoch so, daß nur der regierende Fürst u. seine Gemahlin den Fürsten- titel, die übrigen den Grasentitel führen. Dieser Stamm erlosch 1794 mit Franz Friedrich Cajetan; der Antheil an der Grafschaft Gleichen wurde als erledigtes Lehn von Mainz eingezogen, die Allodialgüter fielen an den Grasen von Schönborn, die anderen Lehen, sowie die Herrschaft Trachenberg, kamen durch rechtlichen Ausspruch an die H.-Wildenbergische Linie. II. Die jüngere Linie H.-Wildenb e r g- Wildenberg, gestiftet von Gotthard, zerfiel in drei Speciallinien, deren mittlere oder Werte nsche 1681 mit Daniel von H. erlosch. Die ältere oder Weisweilersche, gestiftet von Johann III., der die Herrschaft Wcisweiler er- heirathete, wurde mit Wilhelm Heinrich 1629 zur frciherrlichen, 1635 zur reichsgräflichen Würde erhoben und blüht heute noch als ältere Linie Wildenburg in einem fürstlichen Aste und einem gräflichen. Nachdem nämlich die Rechts- n. Besitzverhältnisse des H-schen GesammthauseS 56 Haubar - durch einen 1868 von sämmtlichen Agnaten beschlossenen und von der Krone Preußens 1870 bestätigten Familienvertrag u. Erbvergleich definitiv geordnet worden, nach welchem auch die Weis- weilersche Linie den Namen Wildenburger Linie annahm, wurde 10. Mai 1870 dem Grafen Alfred von H. (ältesten Sohn des 1874 verstorbenen Grafen Edmund) u. feinen in das H.- Wildenburger Fideicommiß berufenen Erbfolgern die Fürstenwürde mit dem Prädicat Durchlaucht (Nachfolger-Prinz mit dem Prädicat fürstliche Gnaden) verliehen. Der jüngere Bruder Alfreds, Melchior, setzt die gräfliche Linie fort. Die jllng ere fürstliche H.-Wildenburg -Werther- Schön- steinsche Linie, gegründet von Hermann (starb 1539), erhielt nach dem Erlöschen des Merten- schen Astes den Mitbesitz von Schönstem, u. nach dem Abgang des Trachenberg - Rosenbergschen Astes 1802 das Fürstenthnm Trachenberg als Majorat u. wurde 1803 in den Fürstenstand erhoben, seit 1861 mit dem Prädicat Durchlaucht; der präsumtive Nachfolger führt den Fürstentitel, alle übrigen den Grafentitel. Sie nennt sich H.- Trachenberg. 3) Fürst Franz Ludwig, geb. 23. Nov. 1756 in Wien; erst kurmainzischer Rath und Generallieutenant, trat 1795 in preußische Dienste, wurde 1802 hier Generallieutenant und 10. Juli 1803 von dem König von Preußen fir den Fürstenstand erhoben; er war, als 1806 Berlin geräumt wurde, daselbst mit der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten betraut n. mußte täglich seinen Bericht an den König senden. Wenige Stunden vor dem Einmärsche der Franzosen kam ein solcher Bericht in die Hände Napoleons und am 28. Oct. wurde deshalb H. verhaftet. Seine Gemahlin eilte zum Kaiser, warf sich ihm zu Füßen und bat um Gnade. Der Kaiser gab ihr zum Beweis, daß er nicht begnadigen könne, den Brief, welcher die Schuld ihres Mannes erwies, sie aber, schnell entschlossen, hielt den Brief über ein nebenstehendes Licht und vernichtete so den einzigen Zeugen des stattgesundenen Verhältnisses. Nach anderer Erzählung überließ ihr Napoleon den Brief zur freien Verfügung. H. wurde später zu mehreren diplomatischen Sendungen gebraucht u. brachte im Mai 1813 das Entschuldigungsschreiben des Königs von Preußen wsgen Jorks Übertritt zu den Russen nach Paris, war später preußischer Gesandter in den Niederlanden u. 1822 in Wien; er st. daselbst 3. Febr. 1827. Sein jüngerer Sohn 4) Graf Maximilian, geb. 7. Juni 1813, war seit 1838 preuß. Lega- tionssecretär zu Paris, seit 1849 außerordentl. Gesandter u. bevollmächtigter Minister daselbst, wohnte in dieser Stellung als 2. Bevollmächtigter Preußens dem Pariser Friedenskongresse von 1856 bei, reiste Ende 1858 in Urlaub nach Berlin u. starb das. 19. Jan. 1859. Henne-Am Rhyn.» Haubar ist ein Holzbestand, sobald er dasjenige Alter (Haubarkeitsalter) erreicht hat, in welchem sein Abtrieb mit Vortheil stattfinden kann, resp. vorliegender Bestimmung gemäß zu erfolgen hat. Dem Abtriebs- oder HaubarkeitSer- trag stehen die Erträge der Zwischennutzungen (Durchforstungen) gegenüber. Haube, weibliche Kopfbedeckung bes. für ver- - Haubold. heirathete Frauen, daher unter die H. kommen, so v. w. heirathen; dann Bezeichnung für hauben- förmige Auswüchse (Federhaube bei Vögeln rc.) oder Gegenstände (Bedeckung des Treibherdes rc.) auch derartige Bedachung rc. Hauber, Michae l, Hofkapelldirector u. Probst an der Hofkirche in München, geb. 1778, gest. 1843, berühmt sowol als Kanzelredner u. Verfasser eines in mehreren Sprachen übersetzten katholischen Gebetbuches, als auch durch seine musikalischen Leistungen. Hauberg, so v. w. Hackwald. Hauberisser, Georg, Baumeister, geb. zu Graz 19. März 1841, studirte seit 1862 unter Ziebland, Gottfr. Neureuther und L. Lange in München, dann unter Strack und Bötticher in Berlin und schließlich unter Schmidt in Wien. Bei der Concurrenz um deu Münchener Rathhausbau fiel auf ihn die Wahl und er begann diesen gothischen Bau 1867, zu welchem Zweck er nach München übersiedelte. Von ihm mehrere Privatbauten, darunter das Wohnhaus des Baron Nonnenkamp an der Schwanthalerstraße und das Kaulbach-Museum in München. H. ist Mitglied der dort. Akademie u. Professor. Regnet. Haubitze, s. u. Geschütz. Hanbner, Gottlieb Carl, einer der namhaftesten Gelehrten auf dem Gebiete der Thierheilkunde, geb. 18. September 1806 zu Hettstädt, studirte 1826—29 Thierheilkunde in Berlin, war hier 2 Jahre lang anatomischer Assistent; 1831 Kreisthierarzt zu Ortelsburg, 1836 zu Greifswald und gleichzeitig Lehrer an der Akademie zu Eldena; seit 1853 ist er Director an der Dresdener Thierarzneischule. H. hat große Verdienste um die Regelung und den Fortschritt des Veterinärwesens in Sachsen. Von seinen Schriften seien erwähnt: Über die Magenverdauung der Wiederkäuer, Anklam 1837; Landwirthschaftliche Thierheilkunde, Anklam 1837, 7. A., Berl. 1875; Die Gesundheitspflege der landwirthschaftl. Hausthiere, Greifsw. 1845, 3. Anfl., Drcsd. 1872; Handbuch Ser Veterinärpolizei, Dresd. 1869. Schmidt. Haubold, ChristianGottlieb, hervorragender Rechtslehrer, geb. 4. Nov. >1766 in Dresden, habilitirte sich 1786 anderUniversitätLeipzig, wurde 1789 außerordentl. Professor der Rechtsalterthümer, 1791 Assessor beim Oberhofgericht, 1796 ordentl. Professor des Sächs. Rechts, 1802 Beisitzer der Juristenfacultät, 1816 OberhofgerichtSrath, 1821 Capitnlar des Hochstifts Merseburg u. st. in Lpz. 14. März 1824, ein seltener Kenner des klassischen Alterthums u. vorzüglicher Bearbeiter des Römischen u. des Sächsischen Rechts. Er schr.: In- stitutionum siiatorioarum jnria Romani linoa- msnta, Lpz. 1805; 2. Ausl, von Otto, 1825; Institutionossuris Romani libsrarias, Lpz. 1809; Inststtntionum suris Romani privatst üistorioo- ckoAmatstoarnm spitomo, Lpz. 1814, 2. Aust, von Otto, 1827; Llaunals Rasilioorum, Lpz. 1816; Lehrbuch des Sächs. Rechts, Lpz. 1820; 3. Ausl, von Hänsel, 1846; voetrmas Ranäsotarnm linea- monta «um locsts vlassiois, Lpz. 1820 rc.; gab des Rogerius Beneventanus Vs äisssnsionibna ciominornm, Lpz. 1821, u. des Heineccius ^nti- guitatum Romanarum axntaAma, Frks. 1822 57 Haubourdin - heraus. Seine Opnaenla aeacksmioa, herausgeg. v. Wenck und Stieber, 2 Bde, Lpz. 1825—29; seine ^ntiguitatisiromg.nas inonnmsnba, herausg. von Spangenberg, Berlin 1830. Vgl. sein Leben von Otto, Lpz. 1824. Lagai. Haubourdin, Marktflecken im Arr. Lille des französischen Dep. Nord, an der Haute-Denle, Station der französischen Nordbahn; Friedensgericht, Hospiz, Fabrikation von Zucker n. Chemikalien, Flachs- und Baumwollenspinnerei, Salzraffinerie, Bleichen, Färbereien, Destillerien, Gerbereien, Mühlen; 4434 resp. 3921 Ew. Hauch, Joh. Carsten vonH., Dän.Dichter, geb. 12. Mai 1790 zu Frederikshald in Norwegen, doch von dänischer Familie, studirte Natnrwissen- schäften, wurde 1821 Professor der Physik an der Akademie in Soröe, 1846 Professor der nordischen Literatur in Kiel und lebte seit 1848 auf dem Schlosse Frederiksberg bei Kopenhagen; gest. aus einer Reise in Rom 4. März 1872. Er schr.: Oontrastsrns (1816), Rosanra (1817), Namackrz-- säsn (1830, episch-romantisches Gedicht); die Tragödien: Bajazet Liberins (deutsch Lpz. 1836), 6rsAor VII., 8vsnä 6rattto (1841), Llarslr 8ti§ (1850); die Dramen L/otto Lraiws IInAckom (1852), 8ö8trsnspaaLillnskuIIön(1849); Larls V. Döck; Llaatrioffts iZsksirinA (1833, deutsch Lpz. 1834); die Romane: Wilhelm Zabern (1834, 2. A. 1848, deutsch Lpz. 1848) u. OuIämaFsrsn (1836, 2. A. 1851, deutsch von Christiani, Kiel 1837); ün pololc §ainiiis (1839, deutsch Lpz. 1842); 8Iobbsb veä Lkinen, Kopenh. 1845; LaZo om Tborvralä Viäkörls (1849, 2 Bde.); I-z-risks viAts, 1842; Die nordische Mythenlehre, Lpz. 1848; u. noch andere Schriften, auch ästhetische Kritiken und Abhandlungen. Mit Forchhammer gab er heraus: Örsteds Leben, Kopenh. 1853 (deutsch von Sebald, Spandau 1853). H. gehört enschieden der Deutschen Romantik zu; eine ge- gewisse Schwerfälligkeit u. Mangel an Verve haben bewirkt, daß seine Schriften nie eigentlich populär wurden. Eine Sammlung seiner: Ikomansr vF I'ortWnAor erscheint seit 1873 in Kopenhagen. °- Hauchbilder, Hauchfiguren, Mosersche Bilder, von Moser (1842) entdeckte Bilder, welche auf glatten Flächen beim Anhauchen oder unter der Einwirkung von Quccksilberdämpfen entstehen, wenn die Flächen vorher gewissen Einwirkungen ausgesetzt waren. Zeichnet man auf eine vollkommen glatte (blanke) Fläche (z. ,B. Glasscheibe) mit einem Holzstäbchcn oder einem anderen Gegenstand, der für sich keine Spur zurückläßt, so treten nach dem Anhauchen die gezeichneten Linien deutlich hervor. Setzt man einen Stempel (z. B. Petschaft mit eingeschnittenen Buchstaben) auf eine blanke Fläche oder auch auf eine sehr kleine Entfernung über dieselbe, und nimmt ihn nach einiger Zeit wieder weg, so zeigt die Fläche nach dem Anhauchen das Bild des Stempels. Am deutlichsten treten die H. hervor, wenn man die Fläche Quecksilberdämpfen aussetzt. Die beim Anhauchen sich niederschlagenden Wassertröpfchen (resp. Quecksilbertröpfchen) setzen sich zuweilen nur aus den berührten Stellen an, zuweilen nur auf den nicht berührten, zuweilen auf beiden in verschiedener Weise. Die Erklärung - Hauenschild. der Entstehung der H. hat Waidele gegeben Jeder feste Körper verdichtet auf seiner Oberfläche eine Schicht der ihn umgebenden Gase u. Dämpfe (vgl. Absorption). Diese Gasatmosphäre kann durch Putzen, besonders mit frisch ansgeglühtem Tripel, entfernt oder doch vermindert werden. Je mehr eine Fläche von verdichteten Dämpfen und Gasen rein ist, desto mehr Wassertröpfchen schlagen sich beim Anhauchen auf ihr nieder. Werden nun zwei Flächen in Berührung gebracht, so wird, wenn die Dichte ihrer Gasatmosphären nicht ganz gleich ist (was wol sehr selten eintritt), an den Berührungsstellen ein Austausch der Gase stattfinden; jenachdem also der Stempel in obigem Versuch z. B. reiner oder unreiner war als' die unterliegende Fläche, werden die Berührungs- stellen ebenfalls reiner bez. unreiner werden, also mehr bez. weniger Wasser- oder Quecksilberdamps verdichten als ihre Umgebung; diese verschiedene Beschaffenheit der beim Anhauchen beschlagenen Flächentheile tritt im Hauchbild hervor. Älaren beide Flächen vollkommen frei von Gasschichten, so entstehen erfahrungsgemäß keineH. Wimm-nau-r. Ll. Hcrttck, Minute, geb. 16. Nov. 1852 in New- Dork; ihr Vater, ein Deutscher von Geburt, wendete sich nach New Orleans, wo sich Minnie der Musik widmete; 1866 kehrte sie mit ihren Eltern nach New-Iork zurück, ltudirte bei Errani und wurde bald die gefeiertste Opernsängerin Amerikas; sang seit 1868 an den verschiedensten Orten, in London, Paris, Holland, 1870 in Wien (3 Jahre engagirt), 1874 in Berlin und fand als vorzügliche Vertreterin des Soubretten- u. Colo- ratnrfachesüberall sehr warmeAufnahme.Sieb-nrock. Hauderer, Miethwagen, Fiaker. Hauenschild, Richard Georg Spiller von, bekannt als talentvoller Dichter unter dem Pseudonym: Max Waldau, geb. 24. März 1822 zu Breslau, studirte daselbst u. in Heidelherg Jurisprudenz, Cameralia, dann aber hauptsächlich Geschichte u. Philosophie, promovirte, u. wollte sich als Docent fllrKnnstgeschichtehabilitiren,indessen durch Familienrücksichten in seinen Absichten behindert,machte ergrößereReisen inDentschland, besuchte die Schweiz, Frankreich, Italien u. Belgien u. trachtete nach seiner Rückkehr darnach, sich eine Stellung in der Diplomatie zu erwerben. Seine freisinnigen Ansichten standen jedoch damit im Widerspruch und nachdem er seine romantischlyrische Stimmung in: Ein Elfenmärchen, Heidelberg 1847, überwunden, fand er um so schwungvollere u. kräftigere Töne zu Zeitgedichten, Blätter im Winde, Paris 1847, 2. Anfl., Leipzig 1848; Canzonen, ebendas. 1848, erregten Aufsehen durch Formvollendung u. reichen philosophischen Inhalt. Den Bewegungen der Revolutionsjahre folgte er zwar fern der großen Welt, auf seinem Gute Lscheidt bei Bauerwitz in Oberschlesten, mit regem Interesse und warf schnell hintereinander seine Schriften, gleich Sturmrufen, in das Publicum. So: O diese Zeit! Canzone, Hamb. 1850; Für Gottfried Kinkel, Ratibor 1850; Sirvente des Troubadours Pierre Cardinal, Hamb. 1850. 2 Romane: Nach der Natur, das. 1850, 2. Anfl. 1851; Aus der Junkerwelt, das. 1851; Cordula, Grauhündner Sage, das. 1851, 2. Anfl. 1855, 58 Hauenstcin — Hauff. ein als Friihlingslied bezeichnetes Epos; Rahab, ein Frauenbild aus der Bibel, erzählende Dichtung, Hamb. 1855; in all diesen verschiedenartigen, aber werthvollen Dichtungen ist der Kampf für die Freiheit gegen Unterdrückung das Leitmotiv und in diesem Drange übersetzte er auch Silvio Pellicos: ^raneeaea äa Riminl. H. war Jahre hindurch brustleidend und st. auf dein genannten Gute, zu früh für sein großes Talent,' 20 . Jan. 1855. St-Ker. Hauenstcin, 1) ehemalige Grafschaft im Großherzogthum Baden, im südlichen Schwarzwald, 853 (15H UM), kam mit dem Breisgau an Baden. Die Einwohner haben gegenwärtig noch eigenthümliche Tracht und Sitte. 2) Stadt im bad. Kreise u, Amtsbez. Waldshnt, die kleinste Stadt des Deutschen Reiches, am Rhein, ehemals Hauptort der gleichnam. Grafschaft, mit einer Burgruine; 160 Ew. Hier 1409 die Hanensteiner Einigung, ein Bündniß mehrerer schwäbischer u. schweizer. Stände und Städte gegen Österreich. 3) oberer (732 m) u. unterer (694 m üb. d. M.), zwei Jurabergpäße im schweiz. Kant. Baselland, unweit der Grenze gegen Solothurn, früher (seit 1538) als solche sehr benutzt, seit 1857 der untere H. Zwecks der Centralbahn auf 2500 ua Entfernung durchtunnelt (Baukosten 5,000,000 Frc.). Am 28. Mai 1857 verloren 63 Arbeiter ihr Leben beim Bau; sie liegen in einem gemeinsamen Grab zu Tribach. 1) 2> H. Berns. 3) Berlepsch. Hauer, Franz, Ritter v., bedeutender österreichischer Geolog, geb. 30. Jan. 1822 zu Wien, stndirte daselbst u. auf der Bergakademie zu Schem- nitz, trat 1843 in den praktischen Bergdienst bei der Bergvcrwaltung zu Eisenerz, wurde aber schon im Herbst zu den Vorlesungen des damaligen Bergraths W. Haidinger einberusen u. 1846 dessen Assistent am montanistischen Museum. Er nahm nun an allen Unternehmungen desselben, welche eine so große Bedeutung für die Entwickelung des naturwissenschaftlichen Lebens in Wien u. Österreich erlangten, den lebhaftesten Antheil. 1849 zum ersten Bergrath bei der neu gegründeten k. k. geologischen Reichsanstalt ernannt, wurde er 1866 Direktor derselben u. k. k. Hofrath. Durch zahlreiche Schriften machte er sich um die geologische Kenntniß der Österreich. Monarchie hochverdient; besonders erwähnenswerth sind: Die Cephalopoden des Salzkammerguts, Wien 1846; mit Fötterle: Geologische Übersicht der Bergbaue der Österreich. Monarchie, ebd. 1855; Beitrag zur Paläontogra- phie von Österreich, 2 Hfte., Wien 1858—59; Geologische Übersichtskarte Siebenbürgens, 1 Bl., Hermannst. 1861; Geologie Siebenbürgens, Wien 1863; Geologische Übersichtskarte der Öesterreich.- Ungar. Monarchie, 12 Bl., ebd. 1867—71, die meisten Blätter in 2. Aust.; Geologie u. ihre Anwendung auf die Kenntnisse der Bodenbeschafsenheit derÖsterreich.-Ungar.Monarchie, ebd. 1875; Geologische Karte von Österreich, 1 Bl., ebd. 1875. Von seinen zahlreichen Abhandlungen finden sich die wichtigeren in den Berichten u.naturwissenschafrl. Abhandlungen von Haidinger, ferner im Jahrbuch der Geologischen Reichsanstalt u. den Sitzungsberichten u. Denkschriften der Wiener Akademie; sie betreffen sämmtlich die Geologie u. Paläontologie des Oesterreichischen Kaiserstaates u. zwar insbesondere der Alpen- u. Karpathengebictc. r. Hauer, die Eckzähne des Wildschweins. Häuer, Hauer, der mit der Gewinnung der Mineralien, mit der Herstellung unterirdischer Baue und ihrer Erhaltung beschäftigte Arbeiter. Man unterscheidet Lehrhauer u. Vollhauer; Fahr- oder Oberhauer führen die Aufsicht. Niederstein. Häufelpflug, eine Art Pflug mit geraden Streichbrettern, welcher dazu dient, die in Reihen stehenden Feldfrllchte, bes. Hackfrüchte, zu reinigen, zu behäufeln u. das Unkraut auszurotten. Haufenröstung, s. Röstung. Hauff, 1) Wilhelm, namhafter deutscher Prosaist, geb. 29. Nov. 1802 in Stuttgart, wo sein Vater, der einmal 9 Monate lang wegen seines Freimuths auf dem Hohenasperg schuldlos gefangen gehalten wurde, Regierungssccretär war; lebte nach dessen Tod 1809 im Hause seines Großvaters, des Öbertribunalsrathes Elsässer in Tübingen, kam 1818 aus die Klosterschule zu Blaubeuren, 1820 ins Seminar nach Tübingen, wo er Theologie stndirte, war 2 Jahre Hauslehrer in Stuttgart, wurde dann Redacteur des Morgenblattes u. starb in Stuttgart 18. Novbr. 1827. 1840 wurde ihm bei Lichtenstein in Württemberg ein Denkmal gesetzt. Er trat, um den durch die Claurenschen Romane verdorbenen Geschmack Mieder zu verbessern, als H. Clauren mit einer Persiflage auf dieselben (dem Roman: Der Mann im Monde, Stuttg. 1827, 2 Bde.) auf. Hosrath Heun (pseudonym Heinrich Clauren) verklagte infolge davon den Verleger des Romans, Frankh, wegen literarischen Betrugs. Der Pro- ceß machte bes. deßhalb Aufsehen, weil ihn Heun, gegen die Ansicht des größeren Theils des Pu- blicums und der Rechtsgelehrten, gewann. H. schrieb dagegen die sarkastische Controverspredigt über H. Clauren u. den Mann im Monde, gehalten au das deutsche Publicum, Stuttg. 1826. Weitere Werke: Märchenalmanach auf 1826, ferner auf 1827 u. 1828; Die Memoiren des Satans, ebd. 1826—28, 3 Bde.; Lichtenstein (Roman), ebd. 1826, 3 Bde.; Novellen (darunter bes. Die Bettlerin vom konb äss arts und Das Bild des Kaisers), ebd. 1817 f., 3 Bde.; Die Phantasien im Bremer Rathskeller, 1827, mit Illustrationen von 1849, eine der humoristischsten interessantesten Schöpfungen des Dichters; Phantasien u. Skizzen, ebend. 1828; Märchen, ebend. 1830, 1875, 14. Ausl., zeichnen sich durch phantasiereiche Schilderung u. volksthümliche Darstellung vortheilhaft aus. Sämmtliche Schriften, herausgeg. von G. Schwab, Stuttg. 1830 f., 36 Bdchn., ebd. 1840, 5 Bde., 1846,18 Bdchn., 13. Ausl. 1870; Lebensbeschreibung von G. Schwab, Stuttg. 1830. 2 ) Hermann» Bruder des Vor., geb. 22. Aug. 1800, studirte in Tübingen n. Paris Medicin, practicirte bis 1827 als Arzt, wurde daun Redacteur des Morgenblattes in Stuttgart, seit 1847 zweiter Bibliothekar an der öffentlichen Bibliothek u. st. 16. Aug. 1865 zu Stuttgart. Er schr. u. a.: Moden und Trachten, Stuttgart 1841; Skizzen aus dem Leben u. der Natur, ebd. 1840, ,2 Bde. u. er übersetzte Humboldts Reisen in die Äquinoc» tialgegenden ins Deutsche. Beyer.» Häufung - Häufung, der Klagen, s. Cnmulation. Häug, 1) Johann Christ. Friedrich, Epigrammatiker, geb. 19. März 1761 zu Nicder-Stotz- ingen im Württembergischen, erhielt von 1776 an seine Bildung mit Schiller auf der Karlsschnle, erhielt viele Preismedaillen bei den Prüfungen, wurde 1783 Geh. Cabinetssecretär, 1794 Geh. Secretär, 1816 Hofrath u. Bibliothekar in Stuttgart, wo er mit Nückert gemeinschaftlich das Cotta- sche Morgenblatt redigirte, vgl. Fr. Nückert, ein biographisches Denkmal von L. Beyer, S. 85. Er st. 30. Jan. 1829; er schrieb anfangs unter dem Namen Hophthalmos: Sinngedichte, Epigramme, Scherzgedichte, Fabeln rc. und hatte auch Antheil an den von Grillparzer herausge- gebeneu dramatischen Miscellen, Wien 1830. Seine Gedichte erschienen in einer zweibändigen Auswahl, Hamb. 1827. 2) Martin, geb. 30. Jan. 1827 in Ostdorf bei Bailingen in Württemberg, bezog 1848 die Universität Tübingen, nachdem er sich theils durch seinen späten Besuch des Gymnasiums, theils durch Selbststudien die nöthige Vorbildung erworben hatte. Hier studirte er oriental. Sprachen, widmete sich aber unter der speciellen Leitung des Professors Roth vorzugsweise dem Studium des Sanskrit, ging dann zu seiner weiteren Ausbildung nach Göttingen und habilitirte sich 1854 als Privatüocent in Bonn. Auf eine Einladung Ritters von Bunsen kam er 1856 nach Heidelberg, um sich an der Ausarbeitung von dessen berühmtem Bibelwerke zu betheiligen. Von einem Engländer empfohlen, ging er 1859 nach Indien, wo er zu Puna als Lnpsrintsnctsub ob Lavskrir otn- äis8 und i?roksssor ok Lomoirrit in tko i?uva LolieZs angestellt wurde. Nachdem er hier 6 Jahre hindurch eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet hatte, bewogen ihn Familienrücksichten, diese Stelle niederzulegen und nach Deutschland zurllck- zukehren, wo ihm 1868 die Professur des Sanskrit u. der vergleichenden Grammatik an der kgl. Universität zu München übertragen wurde. Er st. 3. Juni 1876 im Bade Ragaz in der Schweiz. H-s zahlreiche Schriften beurkunden eine gründliche Kenntniß der altindischen u. altpersischen Literatur. Seine literarische Thätigkeit war aber vorzugsweise der Erforschung der Zendavesta-Sprache gewidmet. Vor ihm war cs dem scharfsinnigen Eug. Burnouf gelungen, auf Grund der von den alten Parsen herstammenden Tradition und der Vergleichung von Zendwörtern mit den entsprechenden der eng verwandten Sanskritsprache, namentlich des älteren Vedadialekts, eine wissenschaftliche Grundlage für die Interpretation des Zendavesta zu schaffen u. waren ihm außer Anderen namentlich Spiegel u. Justi auf diesem Wege gefolgt u. hatten das Studium der Zendsprache in grammatischer u. lexikalischer Hinsicht ungemein gefördert. Da aber H. ihre Methode verwarf und seine auf Etymologie begründete als die einzig richtige anerkannt wissen wollte, so entwickelte sich eine beklagenswertste literarische Polemik, die in den beiden Schriften: Über den gegenwärtigen Stand der Zendphilologie mit besonderer Rücksicht auf F. Justis sogenanntes altüaktrisches Wörterbuch, ein Beitrag zur Erklärung des Zendavesta, von M. Haug, Stuttg. 1868, und Abfertigung des^ - Haughton. 59 jM. Hang von F. Justi, Leipz. 1868 ihren Abschluß fanden. H. hat folgende Schriften hinterlassen : Über die Pchlewisprache u. den Bnndehcsch, Gött. 185 l; Über die Schrift und Sprache der zweiten Keilschriftgattnng, ebd. 1855; Die fünf Gathas, eine Sammlung von Liedern u. Sprüchen Zarathustras, seiner Jünger u. Nachfolger, herans- gegeben, übersetzt u. erklärt, Leipz. 1858—1860, 2 Äde.; Lsssg-s onbils gaersä lanANLAo, rvritinAS ancl rsii^ion ob tirs karssso, Bombay 1862; ^.itars/a Lro-ümans. ok tbs LiZvsäa, sä. tranol. anä sxpl., ebd. 1863, 2 Bde.; L. ioebnrs on au original spssokr ok 2oroa8tsr, ebd. 1865; Au oick 2onä-i?nlüg.vi Aiosoar/, Lond. 1867; Über den Charakter der Pchlewisprache, Münch. 1869; Das 18. Capitcl des Wendidad, ebd. 1869; Über das Aräni-Virak-uamstl, ebd. 1870; Lu oick ?ai>1a.vi-?o.ranä ^lossarz-, Lond. 1870; Lias AbnnL- vairzn-Formel, das heiligste Gebet der Zoroastrier, Münch. 1872; u. inVerbindung mitWest: Kiosoar^ anä Incksx ok tbs i?adlavi tsxt of tbs book ok Aräa-Virock, Lond. 1874. Außerdem hinterließ H. eine sehr werthvolle Sammlung orientalischer Handschriften, die er während seines sechsjährigen Aufenthalts in Indien unter günstigen Umständen erworben hat. Das darüber in München 1876 erschienene Verzeichnis; enthält 34Nrn. Zend, Pahlavi, Pazand, Parsi u. persischer n. 343 Nrn. Sanskrit- Handschriften, die nach dem Wunsche des Verstorbenen vereinigt bleiben sollen. i) Beyer. 2 > °. Hange, Hans Nielsen, norweg. Erweckter, geb. 3. April 1771 auf dem Hofe H. im Kirchspiel Thunö in Norwegen; in religiöse Schwärmerei versunken, glaubte er sich zum Propheten berufen, trat 1795 als Prediger in seinem Kirchspiel auf, gewann Anhänger u. Lehrgehilfen u. breitete seit 1800 seine Grundsätze auch in Dänemark aus. 1804 ließ er sich in Christiansand nieder, wo er auch zur Verbreitung seiner Schriften eine Druckerei errichtete; aber alsbald wurde er wegen verbotener religiöser Zusammenkünfte und Beleidigung gegen die Geistlichkeit gefänglich eingezogen und seine Bücher, deren er eine große Menge schrieb n. die sehr viel Absatz fanden, confiscirt. 1814 wurde er freigelassen, lebte still in Breddwill bei Chri- stiania u. st. 24. April 1824. H-s Lehre dringt, un Gegensatz gegen den Rationalismus, besonders auf den Glauben an Gottes Gnade u. die innere Erneuerung. Seine Anhänger, Haugianer, auch Leser genannt, sind stille geordnete Leute, die sich von der lutherischen Kirche nicht separiren wollen, und in vermindertcrZahl noch vorhanden sind. Vgl. Jees Möller, sowie F. W. v. Schubert in Stäudlins u. Tzschirners Archiv, Bd. 2 u. 5. Löffler.» Haughton, Sir Graves Chamuey H., englischer Orientalist, geb. in Irland 1789, studirte in Calcutta indische Sprachen, kehrte 1815 nach England zurück u. ward 1817 Professor des Sanskrit u. Bengali am Collegium zu Hailybury. Im Jahr 1839 siedelte er nach Frankreich über u. st. 1849 in St. Cloud. Als Lehrer u. Schriftsteller erwarb sich H. ausgezeichnete Verdienste um die Beförderung des Studiums des Sanskrit u. Bengali. Er schrieb eine Bengali - Grammatik (Ruckimsutis ok ItsiiAnIi ^ramiuar, Calc. 1821), nebst dazu gehörigen Lesestücken mit Übersetzung u. 60 Haugirgericht - Glossar (8sloeb LsnZaii storiss, Lond. 1820, u. BsnZM Lelsstions, ebd. 1822), sowie ein Sanskrit- u. Bengali-Wörterbuch (Oicüonar/ LsnAali anä Lausorih expl. in Nuglisb., London 1833) u. gab Manns Gesetzbücher in Sanskrit heraus Manava Obarma aastra, Lond. 1825, 2 Bde.). Er war Mitglied der Ro/al Looiebx ok I»ouäou u. correspondirendes Mitglied der ^onäsmis äss Insorixtlons st Lolios-Iwttrss in Paris. Haugirgericht, so v. w. Nügegericht. Haugwitz, ein altes Geschlecht, welches ursprünglich in Meißen u. der Oberlansitz saß, im 12. u. 13. Jahrh. nach Schlesien kam, sich daselbst weit ausbreitete; jetzt blühen noch zwei Linien, die Linie zu Krappitz, 1786 in den preußischen Grafenstand erhoben, und die Linie Namiest, Neichsgrasen seit 7. Der. 1779, während die Linie Pischkowitz, 1780 in den preuß. Grafenstand erhoben, 1842 erloschen ist. Ans der Linie Krappitz stammte: Christian Heinrich Karl, Graf v. H., preuß. Staatsmann, geb. 11. Inn. 1752 auf dem väterlichen Gute Peuske in Schlesien, studirte in Halle u. Göttingen die Rechte, lebte mehrere Jahre in der Schweiz u. Italien, wo er den nachmaligen Kaiser Leopold ll. kennen lernte, u. wurde nach seiner Rückkehr zum Generalland- schaftsdirector von den schlesischen Ständen erwählt. Auf Wunsch Kaiser Leopolds II. wurde er 1790 preuß. Gesandter in Wien, in welcher Eigenschaft er 1790 die Reichenbacher Convention u. 1791 Len Pillnitzer Vertrag mit Oesterreich gegen Frankreich abschloß. Ende 1792 zum Cabinets- minister an Schulenburgs Stelle berufen, schloß er 14. April 1794 den englisch-preußischen Sub- sidienvertrag u. leitete die Friedensverhandlungen mit Frankreich zu Basel 1795 , wofür ihm eine Dotation in Gütern, im Werthe von 200,000 Thlr., wurde. Wie sein Bestreben überhaupt dahin ging, daß Preußen mit keinem der kriegführenden Thcile es verderbe, ließ er sich mit Lucchesini u. Lombard von Bonaparte erst mit der Hoffnung täuschen, Hannover werde preußisch, dann mit dem Versprechen abspeisen, Preußen werde bei allen Hannover betreffenden Unterhandlungen zu Rathe gezogen, u. sah erst ein, daß er Lupirt sei, als 1803 Bonaparte Hannover besetzte. Infolge dessen trat er zurück u. überließ Hardenberg sein Portefeuille. Indessen als die stricte Neutralitätspolitik dieses Letzteren durch die Gebietsverletznng der Franzosen im Ansbachschen einen letzten Stoß erlitt und über die Sache Napoleon nur mit einem auf seine Ideen eingehenden Manne verhandeln wollte, wurde H. wieder ins Cabiuet berufen 1805 und schloß in Wien mit Napoleon die Convention ab, durch welche Frankreich gegen Ansbach, Kleve n. Neuschatel Hannover an Preußen überließ u. die Neutralität des nördl. Deutschlands anerkannte. Nun übernahm H. wieder das Auswärtige und brachte, in seiner Vertrauensseligkeit fort u. fort getäuscht, Preußen in den verhäng- uißvollen Krieg von 1806, wohnte selbst der Schlacht von Jena bei, erhielt aber auf der Reise nach Ostpreußen mit dem Könige begriffen, im Nov. 1806 seinen Abschied. Er zog sich nun ins Privatleben auf seine Güter zurück, bis er 1811 zum Curator der Universität Breslau ernannt wurde. — Hauptfestung. Seit 1820 lebte er meist in Venedig, Padua od. ans seiner Villa bei Este, auf welcher er 19. Febr. 1832 starb. Seine viel angefochtene Politik suchte er zu rechtfertigen in der Schrift: israsswoub äss msmoirss insäits än oomöo äs 8., Jena 1837. Vgl. Minutoli, Der Graf v. H. u. Job v. Witzleben, Berl. 1844. Lagai. Hauhechel, s. Onoiäs. Haupt, Moritz, Germanistu.Philolog, Sohn des Ernst Friedrich H. (geb. 1778, gest. 1843), Bürgermeisters in Zittau und Herausgebers der Jahrbücher des Zitlauischen Stadtschreibers Johannes von Guben, Görl. 1837 rc.; geb. 27. Juli 1808 in Zittau, gebildet auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt u. in Leipzig 1826—30 unter Gottfried Hermann, gehörte er als hervorragendes Mitglied der dortigen griechischen Societät an, und wurde 1837 Privatdocent in Leipzig, 1838 Professor der Philosophie, 1843 der Deutschen Sprache u. Literatur, kam nach den Maiereignissen 1849 in Untersuchung, wurde zwar 1852 freigesprochen, aber als Lehrer der Universität entlassen, 1853 dagegen ordentlicher Professor der Römischen Literatur an Lachmanns Stelle an der Universität Berlin. Er gab heraus: Ovids Haiisutiea, des Gratius und Nemesianus EzmsAstiea, (1838), Catull, Tibuil, Properz, 2. Aust. 1868, Vergil, 2. Aust. 1873, Horaz, 3. Aust. 1871, Die Metamorphosen des Ovid mit Anmerk., Bd. I., 5. Anfl. 1872, Hartmanns von Aue Erec (1839) und Armen Heinrich (1842) , Rudolfs von Ems Guten Gerhard (1840), Konrads von Wüczburg Engelhard (1844), Winsbeke (1844), Gottfrieds von Neuffen, Neiü- harts von Reusnthal u. Moritz v. Craon Lieder, besorgte die n. Aust, von Lachmanns Ausgabe der Nibelungen, 3. Aust., Berl. 1852, u. der Gedichte Walthers von der Vogelweide; mit Hofsmann von Fallersleben gab er heraus: Alldeutsche Blätter (1836 — 1840, 2 Bde.) und gründete die Zeitschrift für deutsches Alterthum, Leipz. 1841 ff. Er st. zu Berlin 5. Febr. 1874. Vgl. Kirchhofs, Gedächtnißrede auf M. H., Berl. 1875. Eichhoff. Hauptachse, 1) bei Pflanzen die primäre Achse, welche die unmittelbare Verlängerung der Achse der Keimpflanze bildet oder bei seitlichen Blüthen- ständen die Achse des primären in der Achsel des Tragblattes stehenden Blüthenzweiges, die daraus folgenden Achsen heißen Nebenachsen und zwar erster, zweiter, dritter Ordnung u. s. w. 2) (Min.) s. Krystall. Hauptbuch» Buch, in welches der Kaufmann die im Journal enthaltenen Posten aus besondere Conti überträgt, und Hauptkassenbuch, Buch, in welches er die baaren Ausgaben u. Einnahmen einträgt u. welches bei der doppelten Buchführung durch ein eigenes Kassenconto das Hauptbuch con- trolirt, s. u. Buchhaltung. Hauptfestung, Festung ersten Ranges, an einer Hauptoperationslinie oder einem zur nachhaltigen Vertheidigung geeigneten Terrainabschnitt (Fluß) gelegen, deren Besatzung und Geschützausrüstung so groß ist, daß sie den Feind, um sich ihrer zu bemächtigen, zur Durchführung einer förmlichen Belagerung zwingt. Derartige Festungen sind z. B. Metz, Straßburg, Mainz rc. Andere Festungen, die nur einen Paß, eine Eisen- Hauptgraben bahn sperren, wie Bitsch, Saarlouis, sind Ne- benfestungen. Hanptgraben, 1) der unmittelbar vor der Hauptnmwallnng einer Festung gelegene Graben; 8) der in der Provinz Brandenburg zur Entwässerung des Havelländischen Luchs angelegte ca. 9 Meilen lange Kanal, welcher oberhalb Spandau sich aus der Havel abzweigt, Nauen berührt und unterhalb Rathenow wieder in die Havel einmiindet. Derselbe, 1718—24 angelegt u. auch unter dem Namen Hauptkanal bekannt, ist schiffbar und wird zur Abfuhr des in großen Mengen im Luch lagernden Torfes benutzt, l. Hanptkanal, 1) s. Hanptgraben; 2) Kleiner H., so v. w. Friesacker Kanal. Hauptkirche, so v. w. Mntterkirche, im Gegensatz zu einem Filial oder einer Kapelle; vornehmste Kirche eines Ortes od. eines Kirchspiels, so v. w. Kathedrale. Hanptkreis (Größter Kreis, Normalkreis), Kreis auf der Kugel, dessen Ebene durch den Mittelpunkt derselben geht. Hauptmann, 1) der Vorgesetzte über eine gewisse Anzahl Personen od. einen District; vgl. Amtshauptmann; 2) Anführer eines Truppen- theils, daher früher Feld-H., so v. w. Feldherr, jetzt eine Offizierscharge, mit der gewöhnlich das Commando über eine Compagnie oder Batterie verbunden ist, s. u. Offizier. Hauptmann, Moritz, bedeutender Theoretiker u. Komponist, geb. 13. Oct. 1792 in Dresden, widmete sich der Musik, wurde 1812 an der Kapelle in Dresden angestellt, privatisirte 1813 in Wien und Prag, war 1815—1820 Musiklehrer beim Fürsten Repnin in Rußland, wurde 1822 Mitglied der Kapelle in Kassel u. 1842 Cantor u. Musikdirector an der Thomasschule in Leipzig, seit 1843 auch zugleich Lehrer des Contrapunktes am Conservatorium der Musik daselbst. Er st. 8. Jan. 1868. Er componirte die Opern Mathilde u. Klein Karin, eine große Messe, ein Offertorium, mehrstimmige Lieder rc.; schr. das ausgezeichnete Werk: Die Natur der Harmonik und der Metrik, Leipzig 1853. Brambach.» Hauptmannal, so v. w. Hauptwerk, s. u. Orgel. Hanptmuschelkalk, s. Muschelkalk. Hauptnenner, s. Bruch (Rechenk.)u.Dividuus. Hanptnoten, 1) diejenigen Noten, welche im Niederschlage des Taktes stehen; 2) wesentliche Accordtöne im Gegensatz zu Nebennoteu (Wechselnoten); 3) bei Verzierungen diejenigen Noten, über denen das betreffende Zeichen der Verzierung steht. Hauptnutzung, 1) Ertrag des Waldes an Holz im Gegensatz zu den sonstigen Erträgen (Nebennutzungen) an Rinde, Blättern, Früchten, Säften, Mast, Weide u. dergl.; 2) Haubarkeitsertrag im Gegensatz zu denZwischennutzungen. Hauptquartier, 1) im Felde oder bei Can- tonirungen der Ort, wo sich das Obercommaudo einer Armee oder das Generalkommando eines Armeecorps befindet. Für Divisionen und Brigaden ist in diesem Sinne die Bezeichnung Stabsquartier gebräuchlich. 2) Die Gcsammtheit der Offiziere, Beamten und Mannschaften, die zum Stabe einer Armee oder eines Armeecorps gehören. Im deutschen Heere unterscheidet man — Hauraki. 61 das große H., von dem die oberste Heeresleitung ausgeht, und die H-e der Armeen und Armeecorps. — Commandant des H-s ist ein mit der Ausübung der Disciplinarstrafgewalt und mit Aufrechthaltung der militärischen Polizei im H. beauftragter Offizier. S- Hanptrippe, die Mittelrippe beim Blatte oder Rippe ersten Grades, wenn von der Blattbasis mehrere gleich starke Rippen ausstrahlen. Hauptrogenstein, s. u. Juraformation. Hauptrngen (Hauptwrogen, Hauptwände), die nach Len Begriffen der alten Deutschen größten u. strafbarsten Verbrechen, deren Untersuchung u. Bestrafung daher nicht Beamten überlassen, sondern den Herzogen und Grafen Vorbehalten blieb, als Mord, Raub, Brand und Nothzucht. Der erwähnte Vorbehalt war die Veranlassung zu dem in manchen Ländern noch bis in die neueste Zeit gebliebenen Unterschied von Ober- und Erbgerichtsbarkeit. Hauptsegel, so v. w. Vorder- od. Untersegel. Hauptstadt, die vorzüglichste Stadt eines Landes oder Districtes, entweder nach ihrer Größe, oder weil sich die wichtigsten Behörden in ihr befinden. Hauptstannn, die älteste Linie eines Geschlechts, im Gegensatz von den Nebenlinien. Hauptstrahl, s. Licht. Hunptstiick, jede der sechs Abtheilungen des Katechismus, in welchen die evangelischen Glaubens- u. Sittenlehren abgehandelt werden. Haupttaue (Hooftaue), so v. w. Wanten. Hauptton, die harte oder weiche Tonart, in welcher ein Tonstück gesetzt ist, dessen Modulationen sich alle darauf beziehen, u. in welcher es anfängt und schließt. Haupt- und Staatsaktionen, s. Schauspiel. Hauptverfahren (Rechtsw.), s. Deduction 5). Hauptwache, in größeren Garnisonen Centralpunkt für den gelammten Wachdienst, meist im Mittelpunkte der Stadt etablirt und am stärksten besetzt, an sie gelangen Rapporte und Meldungen der übrigen Wachen. Hauptwals, diejenige Umwallung der Festung, welche den Platz in einer zusammenhängenden Linie umschließt u. mit dem davorliegenden, aus Flankirnugsanlagen bestrichenen Hanptgraben denselben gegen gewaltsame feindliche Unternehmungen sichert. Der H. entzieht zugleich das Innere der Festung der Einsicht von außen. In der Neuzeit, wo die Festungen meist mit einem Gürtel weit vorgeschobener detachirter Forts umgeben werden, wird der H. einfacher wie früher gehalten und setzt sich gewöhnlich aus geraden, in stumpfen Winkeln zusammenstoßenden Polygonalfronten zusammen, deren Graben aus gemauerten Capo- nieren flankirt werden. l- Hauptwcrk, die stärkeren Stimmen an der Orgel. Hauptwort, so v. w. Substantivum. Hauptzins, so v. w. Bodenzins. Hauraki, vortrefflicher, für den Handel geeigneter Golf an der buchtreichen Ostjeite der Nordinsel von Neuseeland, durch eine schmale Landzunge von dem Hasen von Mauukau geschieden. Im Hintergründe von H. liegt die Stadt Auck- land (s. d.), die sich, wie der Golf, durch die 62 Haurair - Schönheit der umgebenden Landschaft anszeichnet. Cook nannte den H. Themse. Arendts. Hauran, Hochebene vulcanischen Ursprungs in Syrien, östl. vom Jordan, im Mittel 600 m; der östliche Theil derselben, der aus Dolcrit bestehende Dschebel H. ist im Mittel etwa 1200 m hoch und steigt im el Dschuelil 1782 m und im el Kleb 1720 m auf. Die Landschaft, die ehemals zum Theil mit Eichenwaldungeu bedeckt war, ist jetzt fast kabl, aber sehr fruchtbar und erzeugt einen vorzüglichen Weizen. Die eigentlichen Bewohner des H. sollen aus dem südl. Arabien eingewandert sein, auch Drusen haben sich hier angesiedelt und außerdem Hansen hier auch uomadisirende und räuberische Beduinen. Merkwürdig sind im H. die vielen verlassenen Wohnplätze, thcils aus unterirdischen, in den Felsen gehauenen Behausungen, theils aus Dörfern und förmlichen Städten bestehend, die mit Mauern u. Thürmen umgeben sind u. bei deren Bau nirgends Holz verwendet ist. Thüren, Fenster, selbst Hausgeräthe, ist alles aus Stein. Die Höhlenwohnnngen reichen ohne Zweifel in das graueste Alterthum hinauf; die Israeliten fanden dort 60 feste Städte; die jetzt vorhandenen Überbleibsel rühren jedoch ans späterer Zeit her und zeugen von hoher Cnltur, die aber durch die mohammedanische Völkerwanderung zu Grunde ging. Bewundernswert!, sind auch die großartigen Wasserleitungen u. Cisternen. Die Hauptstadt der Landschaft war Bostra. Vergl. Wetzstein, in der Zeitschrift für allgem. Erdkunde, Berl. 1860. Schroot. Haus, 1) ein zur Wohnung, Arbeit od. Versammlung der Menschen dienendes Gebäude, das nach seiner verschiedenen Bestimmung auch verschiedene Benennungen bekommt. Näheres s. u. Wohnhaus; 2) die zu einer Familie gehörenden Personen; daher 3) so v. w. Geschlecht, od. auch Zweig eines Geschlechtes; 4) so v. w. Handelshaus; 5) die Abtheilungen der Landstände, so Herrenhaus, Abgeordnetenhaus; in England H. der Gemeinen, das Unterhaus des englischen Parlaments, s. Großbritannien (Geogr., Gesetzgebende Gewalt). Hausach (Hausen), Stadt im Amtsbez. Wol- sach des badischen Kreises Ofscnbnrg, an der Kinzig, Station der Badischen Staatsbahn; Fabrikation von Strohhüten, Ruinen der von den Franzosen 1643 zerstörten großen Burg; 1276 E. — In der Nähe ein großes Eisenhammerwerk. Hausarrest, Strasart beim Militär, so v. w. Stubenarrest; sonst überhaupt Gesangenhaltung einer Person in ihrer eigenen Behausung. H ansberg, ein 382 m hoher Berg bei Jena, mit dem jetzt zur Rundschau eingerichteten 22 m hohen Fuchsthurm, dem einzigen Ueberrest der 3 Kirchbergschen Schlösser Wind-, Greif- u. Kirchberg. Vgl. Onlosf, Die H-sburgen bei Jena, Jena 1858. Hansbcrge, Stadt im preuß. Kreise und Negbez. Minden, an der Weser, oberhalb der Westfälischen Pforte, unweit der Station Porta der Köln-Mindener Eisenbahn, Fabriken für Glas, Ceinent u. Cigarren, Garn- u. Leinwandhandel; 1400 Ew. — In der Nähe große Brüche von braungeadertem Sandstein. Hauscapitel, die Versammlungen, welche die — Hauser. Geistlichen eines Klosters in einem besonderen Zimmer (Capitelhaus) halten, wobei gebetet und Sittengericht gehalten wird. Hauschild, Ernst Jnnocenz, bedeutender Schulmann, geb. 1. Nov. 1808 in Dresden, bekleidete seit 1830 verschiedene Lehrämter in Leipzig u. gründete 1849 das Ostern 1877 bestandene, sog. Moderne Gesammt-Gymnasium, in welchem, nach H-s Programm: die neue Zeit fordert von allen Gelehrten nicht nur Gelehrsamkeit, sondern vor allem Bildung u. diese Bildung ist die Bildung der Neuzeit, die neueren Sprachen und unter diesen voran die eigene Muttersprache, dann auch die mathematischen Wissenschaften u. das Alterthum mit seinen Sprachen gelehrt, überhaupt der gesammte höhere Bildungsstoff umfaßt wurde. 1857 ging H. als Direktor der evaugel. Schule nach Brünn, kehrte aber 1859 nach Leipzig zurück, wo er 1861 Director der 4. Bürgerschule wurde und 5. Aug. 1866 st. Er schrieb: Über Erziehung und Unterricht, Lpz. 1840; mehrere Grammatiken u. Schulbücher nach der sogen, calculirenden Methode; Oletiounarrs st^mo1o§igus äs In lauFns kran- yniss, Leipz. 1843; Pädagogische Briefe, ebend. 1860—63; Die leibliche Pflege der Kinder, ebd. 1858, 2. A. von Schildbach, 1866; auch mehrere Kinder- u. Jugendschriften u. gab Leipzig. Blätter über Erziehung und Unterricht, ebd. 1855—57, 3. Jahrg., heraus. Stötzaer. Hauscommunion, die Spendung des Heiligen Abendmahls für Kranke u. Schwache in deren Behausung; ist in der Katholischen und Lutherischen Kirche gewöhnlich, nicht aber in der Reformirten, weil hierdieAuffassuug des h. Abendmahls als Symbol u. Ausdruck christlicher Gemeinschaft vorwiegr. Hausdiebstahl, s. Diebstahl, S. 418. Hauschre, 1) so v. w. Hausfrau; 2) die Gewalt eines Hausvaters über sein Eigenthum. Hausen, s. u. Stör. Hausenblase (lalrtbzwoollg,, Oolla xiooium, Fischleim), aus der Schwimmblase der Störe, des. des Hausen, hauptsächlich an den Ufern des Kaspischen Sees n. seiner Flüsse gewonnener Leim; soll weiß od. fast weiß, geruch- u. geschmacklos, hornartig, durchscheinend sein u. beim Kochen sich fast vollständig anflösen; die Auflösung in 30 Th. Wasser soll warm ganz klar sein u. beim Erkalten zu einer zitternden Gallerte erstarren; gebleicht wird sie durch schwefclige Säure. Eine uordamerikan- ische, von einem Lippfisch gewonnen, u. eine brasilianische geben schwächere u. mehr gefärbte Gallerte. Man gewinnt auch einen geringeren Fischleim durch Auskochen häutiger Theile der genannten Fische, Ausgießen des starken Absuds in viereckige Formen und Trocknen. Außerdem gibt es auch Nachbildungen von H. aus Gedärmen u. Verfälschungen. Man benutzt die H. zur Bereitung von Gallerte, des englischen Pflasters, des Mundleims, zum Klären trüber Flüssigkeiten, bes. des Bieres u. Weines, zu Glas- u. Porzellan- kitt, zum Leimen musikalischer Instrumente, zur Appretur seidener Zeuge, in den französischen Seearsenalen zu Fensterscheiben. Mit Ausnahme der Anwendung zur Filtration läßt sich die H. fast stets durch Knochenleim od. Gelatine ersetzen. Hauser, Kaspar. Am Pfingstmontage, 26. 63 Hauser. Mai 1828 traf in Nürnberg ein Handwerker einen jungen Burschen in Bauernkleidern, der in ungeschickter Haltung sich kaum fortbewegen konnte u. einen Brief an den Rittmeister Wessenich in der Hand haltend, nach diesem sich zu erkundigen schien. Der Bürger führte ihn zum Rittmeister, der nichts aus ihm herausbringen konnte, als ein paar mechanisch hergeplauderte Worte, deren Sinn jener selbst nicht einmal zu verstehen schien. Man brachte ihn auf die Polizeiwachstube, dann in das Vaga- bundengefängniß. Auf die an ihn gerichteten Fragen antwortete er: „Reiter wähn, wie mei Vottä wähn is" — „von Regensburg" — „woais int"; doch schrieb er „Kaspar Hauser." Bei der Untersuchung ergab sich, daß er wohlgewachsen war, von zarten Gliedern, weichen Händen und Füßen, die nie von Schuhen gedrückt waren, aber neue Blutblasen hatten; außer Brod und Wasser wollte er nichts genießen, auch machten ihm andere Speisen übel, n. Bier od. sonstige geistige Getränke waren ihm im höchsten Grade zuwider; ihr Geruch schon veranlaßt ihm Unwohlsein; seine Augen waren höchst empfindlich; er war unbekannt mit den gewöhnlichsten Erscheinungen n. Gegenständen des Lebens, griff z. B. selbst noch später unbedenklich in die Flamme eines Lichtes, weil er keine Ahnung hatte, daß er sich die Finger verbrenne. Obwol etwa 16—17 Jahre alt, fürchtete er sich vor dem 2jährigen Knaben des Gesängnißwärters u. spielte am liebsten mit einem hölzernen Pferdchen; alle Menschen nannte er „Bua", alle Thiere „Roß". Bei sich hatte er nichts gehabt als ein Schnupftuch mit L. H. roth gezeichnet u. einige katholische Gebete. In dem Briefe, datirt 1828 von der bayerischen Grenze, hieß es, daß der Briefsteller ein armer Taglöhner sei, dem der Knabe am 7. Oct. 1812 von dessen unbekannter Mutter zugebracht worden, daß er ihn nicht aus dem Hause gelassen, aber christlich erzogen u. schreiben gelehrt u. nnn des Nachts fortgcführt u. bis Neumark begleitet habe. Ein in dem Briefe eingeschlagener, wie von der Mutter beschriebener Zettel besagte, daß sie (die Mutter), ein armes Mädchen, Len Knaben den 30. April 1812 geboren habe u. daß sein Vater Chevauxleger beim 6. Regiment in Nürnberg gewesen sei. Die Angaben waren, wie sich ermitteln ließ, auf Täuschung berechnet; einige lauteten wie Hohn („christlich erzogen", Beigabe eines Tractätleins, betitelt: „Kunst, die verlorene Zeit und übel zugebrachten Jahre zu ersetzen" re.). Nach sechswöchentlicher Beobachtung veröffentlichte Bürgermeister Binder von Nürnberg die Resultate der bisherigen Nachforschungen. Darnach war H. von Kindheit au in einem, unter der Erde liegenden Behältniß gehalten, wohin, da ein Holzstoß vor dem Fenster stand, kein Licht und keine Menschen gekommen, außer daß ihm ein Mann, wenn er geschlafen, Brod u. Wasser gebracht und ihn gereinigt habe. Sein Spielzeug seien zwei hölzerne Pferde gewesen. Kurz vor seiner Wcgführung sei der Mann öfter gekommen, habe ihm die Hand zum Schreiben geführt u. die Füße im Gehen geübt, endlich habe er ihn auf den Schultern ans dem Kerker getragen u. nach Nürnberg gebracht. Seit dem 18. Juli 1828 wurde H. dem Professor Daumer in Nürnberg zur Erziehung übergeben. Je mehr Dinge er kennen lernte, desto mehr schwand seine anfangs sehr große Wißbegierde, die Schärfe seiner Sinne und die Treue seines Gedächtnisses, doch lernte er schreiben, zeichnen und reiten. Am 17. Oct. 1829 wurde er von der Mutter seines Erziehers im Keller in einer Ecke kauernd, durch einen Schnitt an der Stirn verwundet, gesunden. Er erzählte, als er auf dem Adtritt gesessen, habe sich ihm ein Mann mit schwarzem Gesicht genaht u. ihm diese Wunde mit einem Messer beigebracht; in der Angst habe er sich in Len Keller verkrochen. Alle Nachforschungen deshalb blieben erfolglos; sie waren aber auch (nach Daumers Angaben) nichts weniger als in geeigneter Weise geführt worden. Zur Sicherheit wurde H. in das Haus des Magistratraths Biberbach gebracht u. erhielt zwei Mann Polizeiwache. Nachdem er so einige Monate gelebt hatte, hörten die Wächter einst in der Stube einen Schuß fallen u. fanden H. beim Eintreten am Kopf durch einen Pistolenschuß verwundet. Er gab an, die Pistole hätte an der Wand gehangen, und da er von dem Sims ein Buch bade holen wollen, sei er gestürzt, habe sich aver an der Pistole festgehalten, u. Liese sei so losgegangen u. habe ihn verwundet. Mittlerweile hatte die Stadt Nürnberg den Findling als Sohn adoptirt u. den Frhrn. von Tücher (nachmaligen Oberappellrath) zu dessen Vormünder bestellt, welcher den Unglücklichen in sein eigenes Hans aufnahm. Im Mai 1831 kam Lord Stanhope nach Nürnberg, nahm den H. als Pflegesohn an, übte aber constant einen so Übeln Einfluß aus denselben, namentlich seinen bis dahin unverdorbenen Charakter, daß Tücher, nachdem alle seine entgegenwirkenden Bemühungen vergeblich geblieben, die Vormundschaft niederlegte, Stanhope aber den Findling zu einem Schullehrer Meyer in Ansbach brachte, bei dem er weiter erzogen werden sollte. Als H. 14. Dec. 1833 im Schloßgarten bei Utzens Denkmal, wohin ihn ein Fremder unter dem Vorgeben bestellt hatte, ihm manches Wichtige zu entdecken, erschienen war, empfing er, wie er sagte, von dem Fremden einen Stich in die linke Seite u. starb hieran 17. Dec. 1833. Ein am Platz der Verwundung gefundener, verkehrt geschriebener Zettel gab wieder die bayerische Grenze als den Ort an, woher der Mörder gekommen sei. Ein Thäter ward nirgends ermittelt, obwol der König Ludwig I. von Bayern einen Preis von 10,009 Gulden ans dis Entdeckung gesetzt hatte. Allein auch diesmal hatte inan (nach Daumers speciellen Nachweisen) die Nachforschung, obwol scheinbar mit dem größten Eifer, tatsächlich in einer unbegreiflich nachlässigen Weise geführt. Die Section ergab, daß das Mord- instrnment durch alle Kleider 4 Zoll tief in den Körper gedrungen u. Herz, Zwergfell, Leber und Magen verletzt hatte; eine Selbstverwundung dieser Art mußte nicht nur als im höchsten Grade unwahrscheinlich, sondern beinahe als unmöglich erklärt werden. Jetzt u. in der Folge ward vielfach die Frage nach H-s Herk nuft aufgeworfen. Schon zu seinen Lebzeiten verbreitete sich das Gerücht: er sei der angeblich gestorbene älteste Erbprinz des Großherzogs Karl von Baden u. dessen Gemahlin Stephanie (Adoptivtochter Napoleons I.), indem 64 Hauser. für ihn ein sterbendes Kind untergeschoben worden sei. Diese Anficht vertrat namentlich der berühmte Criminalist Feuerbach in einem Memoire, welches er der damaligen Königin von Bayern, als Tante des Unglücklichen, übersendete, die ihrerseits die nämliche Ansicht theilte, wie auch König Ludwig I. von Bayern; außerdem scheint sich die verwittwete Großherzogin Stephanie der Meinung zugeneigt zu haben, daß H. wirklich ihr Sohn sein könne; doch ist das Letzte, aber auch nur dies, bestritten. Dagegen erhob sich auf einmal die Behauptung: H. sei einfach ein Betrüger gewesen; eine Ansicht, für welche sich ausfallender Weise plötzlich auch Stanhope, dann zuletzt l)r. Julius Meyer (der Sohn des Ansbacher Lehrers) erklärte. War er Betrüger, dann fiel die badische Prinzschaft von selbst hinweg. Der gedachten Behauptung ist indessen in der neueren Zeit Kolb mit den aus den vsficiellen Acten entnommenen Beweismitteln über H-s körperliche u. geistige Zustände in einer Weise entgegengetreten, nach welcher diese Meinung sich nicht länger aufrecht erhalten läßt. (Weichheit der Fußsohlen, die früher nie Schuhe getragen, noch znin Gehen benützt waren, ebenso Weichheit der Hände, eigenthümliche Beschaffenheit der Kniekehlen, Muskulatur wie bei einem Kinde; Mangel an Ausdrücken und Begriffen, Greisen in die Flamme, Nichtverstehen selbst der Drohung mit Stockprügeln; Abscheu vor jeder Nahrung außer Wasser und Brod, bis zum Tod fortdauernder Widerwille gegen alle geistigen Getränke; Empfindlichkeit gegen Gerüche, nach der Section ermittelter Zustand von Leber, Lunge u. Gehirn rc.) War damit nun aber auch keineswegs die wirkliche Herstammung H-s dargethan, so fand gleichwol die Meinung von der badischen Prinzschast um so allgemeineren Glauben, als für alle anderen Vermuthungen nicht wie für diese beachtenswerthe Jndicien ausgefunden werden konnten. Die bad. Regierung, obgleich im Laufe von Dccennien so oft auf das Äußerste provocirt, hatte bis dahin unter den verschiedensten Ministerien das unbedingteste und beharrlichste Schweigen beobachtet. Endlich wurden im Juni 1875 aus dem badischen geheimen Hausarchiv 3 bisher nie producirte Protokolle, unzweifelhaft osficiös, in der Allg. Ztg. veröffentlicht, nämlich über die von einer Hebamme in Gegenwart des Großherzogs vollzogene Noth- taufe u. den Tod des Erbprinzen, dann über die Section u. endlich über die Beisetzung des Leichnams. Damit schien denn die Sache abgethan; sie war es indessen doch nicht. Kolb, unter Auf- rechthaltung der von ihm früher veröffentlichten Jndicien u. unter Vorlage von 3 ärztlichen Erklärungen, suchte darzuthun, daß die Behauptung des Leibarztes über das Sectionsergebniß absolut unhaltbar sei, ja daß sich daraus sogar noch weiter die Wahrscheinlichkeit der Unterschiebung eines anderen Kindes ergeben dürste. Hiergegen erschien in der Allg. Ztg. eine lange Reihe heftiger Artikel vom Oberstaatsanwalt Lr. Mittelstädt in Ham- bürg (auch nachträglich als besondere Broschüre abgedruckt). Kolb erwiderte auch darauf sehr umfassend in der Frkf. Ztg. Bis jetzt find seine dortigen Behauptungen ohne weitere Entgegnungen geblieben u. harren somit noch der Widerlegung. Der heutige Stand der Streitsache ist nun im > Wesentlichen dieser : Mittelstädt, ausdrücklich zugestehend, daß H. nicht als Betrüger betrachtet werden kann, u. weiter einräumend, daß die Erklärung des Leibarztes über den Grund der Krankheit des Prinzen eine irrige gewesen, behauptet, durch die veröffentlichten Protokolle sei jedenfalls das Ableben jenes Erbprinzen unwiderleglich dargethan, H. also keinenfalls jener badische Prinz gewesen, besonders da der Vater u., einschließlich 3 Chirurgen, 7 ärztliche Personen der Nothtaufe beigewohnt, der Großherzog aber nicht so geistesstumps, wie Kolb ihn schildere, gewesen sei; es wäre undenkbar, Laß ein sterbendes Kind (und wo habe man es hergenommen?) habe unbemerkt in das Schloß, und der gesunde Erbprinz aus demselben ebenso heraus gebracht werden können; Feuerbach ! habe gegen sein besseres Wissen u. nur als Söldling des nach badischem Lande begierigen bayer. - Königs Ludwig I. geschrieben, ebenso Kolb nur aus demokratischer Verbissenheit gegen die badische Dynastie. Hiergegen macht Kolb geltend : Es liege in der Natur der Verhältnisse, daß in einem sol- s chen Falle gesorgt worden, jeden unmittelbaren > Beweis unmöglich zu machen, wol aber lägen Jndicien genug vor, um, wie schon Feuerbach ge- ! tyan, eine moralische Überzeugung zu begründen. Er bezieht sich sodann daraus, daß Großh. Karl selbst vielfach unverhohlen geäußert, es sei beim j Tode seiner beiden Prinzen nicht mit richtigen Dingen zugegangen; eine Anzahl Angehöriger des bad. Hauses selbst habe, wie nun wenigstens theil- weise zugestanden, H. für den Erbprinzen gehalten; s die Mutter, Großherzogin Stephanie, habe ihr j Kind weder krank noch todt mehr sehen dürfen (nach dem Protokolle fehlte sie wirklich bei der Nothtaufe); auch die Amme, welche bei einem Ausgang das bis dahin immer gesunde Kind gesund verlassen, sei in gleicher Weise von dem sterbenden Prinzen wie von dessen Leichnam absolut ferne gehalten worden; Broschüren, welche in den ! 1830er Jahren die Prinzschast H-s behauptet, ^ habe man aufs eifrigste unterdrückt, auch Versasser u. Verbreiter jestgcnommen, dann aber, als Kam- ! mermitglieder aus gerichtliche Verhandlung gedrun- . gen, es, wenn auch erst nach längerem Widerstreben, vorgezogen, jene Beschuldigten in aller Stille frei zu lassen, ja ihr ferneres Schweigen mit Geld zu erkaufen (in dieser Beziehung werden bes. Mittheilungen des GeheimrathsWelckerhervorgehoben): Correspondenzen, welche der Günstling des 1830 gestorbenen Großh. Ludwig (von der älteren Linie), Major Hennenhojer, gerade mit jenen Flüchtlingen geführt, welche ihn als beim Morde H-s betheiligt, öffentlich angegriffen, seien nicht anders zu erklären, als daßerdas Schweigen seiner Angreiferzuerkaufen gesucht, wobei er vom bad. Ministerium unterstützt worden ; der ehemalige bad. Minister Freiherr v. Hacke habe, als er in Bayern wohnte u. Zeugniß ablegen sollte, was er über die Herkunst H-s wisse, statt einfach auch vor Gericht zu erklären, wie er privatim versicherte, es sei ihm nicht das Geringste darüber bekannt, — unter völlig haltlosen Einwendungen alle Instanzen durchgemacht, um sich nur der Zeugnißabgabe überhaupt zu entziehen, u. sei daun, als Lies nichts geholfen, in mysteriö- 65 j cs Hauser — ser Weise, allem Anscheine nach durch Selbstmord, gestorben. So handle man nicht, wenn man unschuldig sei und nichts von einer Sache wisse, — weder wie Hacke, noch wie Hennenhofer. Kolb fügte dem noch eine Reihe vereinzelter Momente als weitere Judicien bei, wie: Gesichtsähnlichkeit H-s mit dem Großherzog Karl (selbst von Wolfgang Menzel hervorgehoben) und mit dessen Tochter, der Herzogin von Hamilton; Veröffentlichung einer schon im Jahre 1816 in der Berliner Vossischen Ztg. enthaltenen Correspondenz, im Rheinstrom bei Basel sei eine Flasche mit einem Zettel aufgefangen worden, der in mysteriöser Weise die Einkerkerung eines Thronerben u. dessen Thronberaubung denuncire rc. So stehen sich heute die beiderseitigen Behauptungen entgegen. Literatur. Dieselbe ist ungemein ausgedehnt. Besonders beachtenswert!): K. H., Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen, von Anselm Ritter v. Feuerbach, Ansb. 1832; Memoire über K. H., an die verwittwete Königin Karoline von Bayern, von Anselm Ritter von Feuerbach (abgedruckt in dem Werke seines Sohnes Ludwig sdes Philosophen): Anselm Ritter v. Fenerbachs Leben u. Wirken, Lpz. 1852); Broch (pseudonym für G. F. Kolb), K. H., kurze Schilderung seines Erscheinens u. Todes, Zürich 1859; Meyer, vr. Jul., Authentische Mitthellungen über K. H., Ansb. 1872; dagegen: G. F. Kolb in der Frkf. Ztg. 15. Febr. bis 2. März 1872 ; ebenso Daumer, K. H., sein Wesen, seine Unschuld rc., Regensburg 1873; Mg. Ztg., Beil, vom 3. Juni 1875 (die drei Urkunden ans dem badischen Hausarchiv enthaltend), und dasselbe Blatt vom 27. August bis 9. Sept. 1875, K. H,, von vr. Otto Mittelstadt, in bes. Abdruck unter gleichem Titel, Heidelberg 1876. Dagegen G. F. Kolb in der Frkf. Ztg. 18.—24. März 1875 (Resurne der Forschungen bis dahin), 17. u. 18. Juni 1875 (Beleuchtung der drei bad. Actenstücke), u. 30. Sept. bis 21. Oct. 1875 (Kritik des Mittelstädtschen Elaborats). Hauser, 1) Franz, ausgezeichneter Musiker, dramatischer Sängern.Gesanglehrer,geb. 12.Jan. 1794 zuKrasowitzbeiPrag; wollteMedicin stndiren, widmete sich aber später unter Tomaschek der Musik, betrat 1817 zum ersten Male die Prager Bühne, war bei den bedeutendsten Theatern engagirt, reiste aus Gastspiele u. erntete überall durch Schönheit der Stimme, Wärme des Vortrages, ungewöhnliche Technik n. Coloratur die größten Lorbeeren. H. wurde 1846 Vorstand des neu errichteten Con- servatorinms zu München, welchem Posten er 1864 durch Pensionirnng enthoben wurde; st. 14. Ang. 1870 in Freibnrg i. Br. Ein Sohn von ihm, Joh. Hauser, wirkt noch heute als ausgezeichneter Baritonist an der Karlsruher Hofbühne. 2) Michael (Miska), geb. 1822 zu Preßburg in Ungarn, bedeutender Violinvirtuose, machte von 1835 unter Böhm u. Mayseder Studien am Wiener Conscr- vatorium. Seine Kunstreisen führten ihn von Europa (1839) nach Amerika, Westindien, Cali- fornien, ans die Südseeinseln, nach Australien, Indien, Ägypten u. zurück, bis er etwa 1864 fast ganz vom öffentlichen Schauplatze verschwand. Seine technische Brillanz, seine frappanten Kunststücke verschafften ihm reiche Anerkennung, doch Picrers Uiuversal-ConversationZ-Lexiron. 6. Ausl. X. Hausgcsctze. genügt seine Richtung den heutigen Anforderungen nicht mehr. Er schrieb: Violinstücke; Wanderbuch eines österreichischen Virtuosen, Leipz. 1858 und 1859. Sicbenrock. Hausflur, Raum in einem Gebäude, zunächst an dem Eingänge von der Straße rc. Hausfriede, das Recht des Hausherrn, in seiner Behausung mit seinen Angehörigen ungestört zu bleiben u. Niemand darin zu dulden, der sich eigenmächtig in die Behausung eindrängl. Die Heiligkeit des H-ns beruht ans einer allgemeinen deutschen Rechtsansicht, die sich bes. in England stark ausgebildet hat, wo das Sprichwort sagt: das Hans eines Mannes ist sein Castell (LI/ Ilonas is in/ oastlo). Die Verletzung des H-ns heißt Hausfriedensbruch und unterscheidet das Strafgesetz zwischen Einfachem und Qualificirtem Hausfriedensbruch. Elfterer wird be- begangensowoldadurch.daßsichJemand eigenmächtig in eines Anderen Wohnung od. die dazu gehörigen Räume eindrängt, als auch, wennJernand widerden ausdrücklich erklärten Willen des Anderen darin verweilt. Nach Z 123 des Reichsstrafgesetzbuches steht auf demselben Gefängniß von 1 Tag bis zu 3 Monaten oder Geldstrafe bis zu 300 LI. Jedoch tritt die Verfolgung nur auf Antrag des Betroffenen ein. Qualificirter Hausfriedensbruchliegt vor, wenn eine öffentlich sichzusammenrot- tendeMenschenmenge inderAbsichtder Gewaltverübung an Sachen oder Personen in eine fremde Behausung oder deren zugehörige Räume oder in die zum öffentlichen Dienst bestimmten abgeschlossenen Räume widerrechtlich eindringt. Z 124 des Reichs- strafgesetzbnches bestimmt für jeden Theilnehmer .Gefängniß von 1 Monat bis zu 2 Jahren. Der von einein Beamten in Ausübung oder Veranlassung der Ausübung seines Amtes begangene Hausfriedensbruch gilt als Amtsverbrechen u. wird nach Z 342 des R.-St.-G.-B. mit Gefängniß von 1 Tag bis 1 Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 900 LI bestraft. Lagai. Hausgeist, im Volksglauben guter Geist, welcher des Nachts allerlei Arbeiten verrichtet, vgl. Kobold. Hausgcsctze, Hausverträge, sind die für die Familien des hohen Adels in Betreff der unter ihren Gliedern geltenden besonderen Familien- u. Erbsolgerechte bestehenden Satzungen n. enthalten zu diesem Zwecke Bestimmungen über die Ehen, die Erbfolge (Primogenituren, Seniorate, Majorate, Ausschließung der Töchter), Unveräußerlichkeit der Güter rc. Die H. sind bald eigentliche Gesetze, insofern sie von dem Oberhaupte eines souveränen Staates, der zugleich Oberhaupt einer solchen hohen Adelsfamilie ist, ausgegaugen sind, u. bilden in diesem Falle häufig einen iutegriren- den Theil der Staatsverfassung (Württemb. Hausgesetz vom 1. Jan. 1808; Bad. Hausgesetz und Familienstatut v. 4. Oct. 1817; Bayer. Familien- statul v. 5. Aug. 1819 rc.); bald tragen sie mehr den Charakter von Verträgen, wenn alle volljährigen Familienglieder ihre Einwilligung dazu gegeben haben; bald beruhen sie auch auf letztwilligen Dispositionen, Testamenten rc. Ihre geschichtliche Erklärung finden sie theils in der Autonomie der alten Geschlechter, nach welcher Band. 5 66 Hausgötter - denselben das Recht zustand, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu ordnen; theils in dem bes. nach dem Eindringen des Römischen Rechtes häufiger gewordenen Streben, die Kraft der Familienverbindungen, welche unter den Grundsätzen des allgemeinen Rechtes leiden mußte, durch besondere Satzungen zu stützen und zu erhalten. Die H. verbinden zunächst nur die Glieder der Familie; dritte Personen können dadurch nur insofern in ihren Rechten beschränkt werden, als ihnen gegenüber dieselben gehörig bekannt gemacht worden sind, und nicht bereits für den Dritten wohlerworbene Rechte bestanden. In Betreff solcher Familien des hohen deutschen Adels, welche durch Auflösung des Reiches aus ehemaligen Reichsständen in die Klasse der Standesherren herabgesticgen sind, wurde durch Art. 14 der Deutschen Bundesacte nicht nur die Aufrechterhaltung der bereits bestehenden H. erklärt, sondern diesen Familien auch für die Zukunft ausdrücklich die Befuguiß zugesichert, über ihre Güter- und Familienverhältnisse verbindliche Verfügungen zu treffen, doch so, daß dieselben dem Souverän vorgelegt u. bei den höchsten Landesstellcn zur allgemeinen Kenntniß u. Nachachtung gebracht werden müssen. In Frankreich sind derartige H. ganz verboten. Vgl. Schlund, Die Giltigkeit der H. des hohen deutschen Adels, Münch. 1842; v. Gerber, Das Hausgesetz des Grafen Giech, Tüb. 1858; Schulze, Die H. der regierenden deutschen Fürstenhäuser, Jena 1862, Bd. 1. Lagai.' Hausgötter, s. Laren u. Penaten. Haushofer, 1) Max, namhafter Landschafter, geb. zu Nymphenburg bei München 20. Septbr. 1811, st. zu Starnberg 24. Aug. 1866. Er studirte erst die Rechte, ging 1833 zur Kunst über und lebte 1835—37 in Italien, ward 1841 vom Herzog von Nassau am Rhein u. in Oberösterreich beschäftigt, 1845 Professor an der Prager Akademie und malte als der Erste Bilder aus dem Böhmerwald. Seine meisten Stoffe aber holte er sich vom Chiemsee u. aus den Alpen. Seine Haupt- stärke ttegt in poetischer Behandlung der Lüfte, übrigens gelingt ihm die Darstellung des Großartigen ebensowol als die des Anmuthigen. Werke von ihm in allen bedeutenderen öffentlichen und Privatsammlungen. 2) Max, Sohn des Vor., volkswirthschaftlicher Schriftsteller, geb. 23. April 1840 zu München, studirte dort Philosophie und die Rechte, ward dort 1867 Privatdocent an der Universität n. ist seit 1868 Professor der dortigen polytechnischen Hochschule. 1876 von der Stadt München in den bayer. Landtag gesandt, zeigte er sich als entschiedener Gegner der Klericalen. Schriften: Der landw. Credit, Münch. 1865; Die Zukunftder Arbeit, Münch. 1866; Lehr- u.Handbuch derStatistik, Wien 1872; GruudzügedesEisenbahn- wesens, Stuttg. 1873; Der Industriebetrieb, ebd. 1874; Eisenbahngeographie, ebd. 1875, u. bearbeitete einen Theil der Handelsgeographie der europ. Staaten, ebd. 1876 ff. « Regnet. L) Schroot. Hausindustrie. Es gab wol einmal eine Zeit, in der jeder Einzelne alle Bedürfnisse durch unmittelbar eigene Thätigkeit befriedigen mußte. Eine H. kann man dies aber nicht nennen. Damals gab es weder Häuser noch eine Industrie — Hausmann. nach unseren Begriffen. Der Ausdruck setzt jedenfalls einen Zustand bedeutend vorangeschrittener u. entwickelter Bildung voraus, welche Industrie in des Wortes höherer Bedeutung in sich begreift. Erst mit dem Emporkommen von Fabriken und Groß-Manufactnren, u. zwar in gewissem Sinne im Gegensätze zu diesen, konnte sich der Begriff H. entwickeln. Speciell versteht man darunter: einmal die industrielle Nebenbeschäftigung, u. zwar nicht für den eigenen Bedarf, sondern darüber hinaus, wesentlich mit der Bestimmung des Produktes für den Verkauf; znm Anderen u. besonders: die industrielle u. gewerbliche Arbeit für Fabrikanten u. andere Großunternehmer, welche Arbeit nicht in Fabriken, sondern in der Wohnung des Arbeiters ausgeführt wird. Man hat darüber gestritten, ob die Arbeit im Hause oder in Fabriken mehr zu erstreben sei. Allein es gibt darüber keine allgemeine Regel; maßgebend sind die spe- ciellen Verhältnisse, u. zwar subjectiv wie objectiv. H. ist mehr oder weniger schon von selbst ausgeschlossen, wo die Anwendung großer, kostspieliger, viele Menschen zugleich beschäftigender Maschinen stattfindet und das Jneinandergreifen vieler und großer Kräfte erforderlich ist. Die H. ist ferner meist (wenn auch nicht unbedingt) beschränkt auf Industriezweige, welche solcher Maschinen, u. namentlich der Dampfkräste, nicht bedürfen, wie Holzschnitzerei, Spitzenklöppelei, Stickerei, Strohflechterei, Uhrenindustrie; doch dehnt sie sich bis zum Betriebe eines Webstuhls rc. aus. Aber auch in denjenigen Fällen, in denen sie zulässig, fehlt es meist nicht an gewissen Klagen, namentlich über Veruntreuung des von den Fabrikbesitzern gelieferten Materials (z. B. der zu verarbeitenden Rohseide). Ebenso läßt es sich nicht bestreiten, daß in den eigentlichen Fabriken eine Controlirung der auf die Sanität einwirkenden Verhältnisse, der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze von Franen u. Kindern gegen Überanstrengung leichter ist, als bei der H. Dagegen besitzt diese einen ganz entschiedenen Vorzug, nämlich den der besseren Erhaltung des Familienlebens, der sich ganz bes. geltend macht in Beziehung auf die Pflege, Erziehung u. überhaupt das Loos der Kinder. Kolb. Haustrcn, Maaren von Haus zu Haus tragen, um sie feil zu bieten; die Befugniß zum H. ist nach der D. Reichs-Gewerbe-Ordnung durch Lösung eines Legitimationsscheines dazu zu erlangen. Hauskanzler, früher die erste österreichische Staatswürde in Verbindung mit Hof- u. Staatskanzler. Hauskind, das unter der väterlichen Gewalt 'teheude Kind, Sohn oder Tochter. Hauslauch ist Lsrupervivum tsetorum L. Hausmann, 1) Nicolaus, reformatorischer Theolog, geb. um 1480 in Freiberg, Prediger in Schneeberg 1519—1521, widerstand als Prediger in Zwickau 1521—1532 den Schwarmgeistern, führte 1532 in Dessau die Reformation ein, starb 3. Novbr. 1538 als Superintendent in Freiberg während der ersten Predigt, einer der ältesten u. liebsten Freunde Luthers, der von ihm bezeugte: guoä nos Looswus, ills vivit. S. Schmidt, Nic. H., der Freund Luthers, Lpz. 1860. 2) Io- Hann Friedrich Ludwig, berühmter Minsra- 67 Hausmamnt log, geb. 22. Febr. 1782 zu Hannover, wurde 1803 Auditor bei den Bergämtern zu Klausthal u. Zellerfeld, 1805 braunschw. Kammersecretär, 1809 Generalinspecwr der Berg-, Hütten- und Walzwerke des Königr. Westfalen zu Kassel, dann 1811 Professor der Mineralogie u. Technologie zu Göttingen u. Mitglied der königl. Societät der Wissenschaften daselbst, wo er 26. Dec. 1859 starb. Für die Entwickelung der Krystallographie waren seine Arbeiten epochemachend. Unter denselben sind besond. hervorzuheben: Krystallogische Beitr., Braunschw. 1803; Einl. in die Oryktognosie, ebd. 1805; Norddeutsche Beitr. zur Berg- u. Hüttenkunde, ebd. 1806—10; System der unorgan. Naturkörper, Kassel 1809; Reise durch Skandinavien, 1806/7, 5 Bde., Gött. 1811—18; Handbuch der Mineralogie, 3 Bde., ebd. 1813, 2. Aust. 1828—47; Unters, über die Formen der leblosen Natur, ebd. 1821; Umrisse nach der Natur, ebd. 1831; Zustand und Wichtigkeit des hannöv. Harzes, ebend. 1832. Zahlreiche Abhandlungen finden sich in den Studien des 1821 von ihm gegründeten Vereins bergmänn. Freunde, sowie in anderen Fachschriften. 3) Franz, Neichstags- mitglied für Lippe, geb. 26. Febr. 1818 zu Horn in Lippe-Detmold, studirte die Rechte und wurde 1845 Stadtrichter mit dem Titel Syndicus in Horn. 1847 in den constituirenden Landtag von Lippe-Detmold gewählt, wurde er Vicepräsident desselben bis 1851 und nachher als Führer der nationalen Partei im Land- u. aus den deutschen Abgeordnetentagen thätig. 1867 in den Norddeutschen Reichstag gewählt u. seitdem dem Reichstage (Fortschrittspartei) angehörend, veranlagte er durch seine Beschwerden über die Regierung in Lippe die Entlassung des Vorstandes des fürstlichen Cabinetsministeriums von Oheimb, machte aber auch nachher die Aussöhnung zwischen Regierung u. Landesvertretung unmöglich, i) Löffler. 2; r. s> g. Hausmamnt, Mineral, krystallisirt in tetrago- nalen Pyramiden, häufig zu Drusen verwachsen, auch derb und körnig; Härte 5 bis 6; spec. G. 4,7 bis 4,»; eisenschwarz bis bräunlichschwarz, im Strich braun oder röthlichbraun; metallglänzend u. undurchsichtig; besteht aus Mangauoxyduloxyd; findet sich ans Gängen..im Porphyr in Jlefeld am Harz, Schnceberg u. Öhrenstock bei Ilmenau. Hausmarken (mittcllat. Laonls), bei den Germanen Zeichen, deren sich die Freien als Wahrzeichen des Grundstückes u. dessen Inhaber zur Bezeichnung ihres Eigenthums an Hansgiebeln, über Hausthüren u. Hosthoren, auf Grabsteinen oder an Thieren und Gerüchen, auch selbst (bis ins 17. Jahrh. herab) statt der Namensunterschrift in Urkunden u. auf Siegeln bedienten; für letzteren Zweck heißen sie in der älteren deutschen Rechtssprache Hantgemal (Handzeichen). Homeyer, Über die Heimath nach altdeutschem Recht, bes. über das Hantgemal, Berlin 1852; Michelsen, Die Hausmarke, Jena 1853. Hausmeier, so v. w. Lkajor äomus. Hausmittel nennt man jene kleinen Mittel, die meist von Laien nach eigenem Ermessen gegen Gesundheitsstörungen angewendet werden. Dieselben bestehen theils in allerlei Theesorten: Linden- blüthcn-, Flieder-, Kamillen-, Schafgarben-, — Hausrath. Rainfarn-, Melissen-, Salbeithee rc., theils in gewissen äußeren Proceduren wie Streichen und Kneten der Muskeln (Malaxiren), was meist von alten Weibern ansgeführt wird, in Klystieren rc., theils endlich in wirklichen Arzneistoffen, die im Handverkauf in den Apotheken zu haben sind, z. B. Sennesblättern, Rhabarber, doppelkohlensaurem Natron. Das wol am häufigsten angs- weudete Hausmittel ist Schwitzen, u. wendet man das bei fast jeder Gelegenheit an, da man annimmt, die meisten Krankheiten entständen durch Erkältung, u. gegen deren Folgen sei das Schwitzen das Universalmittel. Wenn wir uns die Frage vorlegen, handeln wir zweckmäßig beim Gebrauche der Hausmittel, so müssen wir zunächst daran denken, daß der Laie, da ihm die Keuniniß abgeht, die Krankheiten zu erkennen, bei der Wahl des Hausmittels völlig im Dunkeln tappt. Die erste Bedingung, ein Arzneimittel verordnen zu können, ist, zu wissen, was für eine Krankheit liegt vor? Dasselbe gilt vom Hausmittel, u. kann nur Nacktheil daraus folgen, wenn ein solches ohne Erkennung der Krankheit gebraucht wird. Beweisen wir dies durch ein Beispiel. Es hat sich Jemand erkältet, friert u. fühlt sich unwohl. Das beliebte Schwitzen wird in allen den Fällen zu großem Schaden sein, in welchen der Fieberfrost der Anfang einer schweren entzündlichen Krankheit, z. B. der Brustfellentzündung, Lungenentzündung rc. ist. In anderen Fällen wird infolge der Anwendung der Hausmittel häufig die rechtzeitige Hinzuziehung eines Arztes verschleppt, u. die Krankheit erreicht durch das möglicherweise noch dazu schädlich wirkende Hausmittel eine bedrohliche Höhe. Aus diesen Gründen kann nur dann die Anwendung eines Hausmittels für vernünftig gehalten werden, wenn eine auch dem anrathenden Laien erkennbare Störung vorliegt,z. B Stuhlverstopfung, Brustkatarrh rc.; dagegen müssen Laien es in allen anderen Fällen unterlassen, durch H. curiren zu wollen, u. kann die Ausrede nicht Platz greifen, die H. seien unschädliche Mittel. Kunze. Hausorden, 1) s. Ernestinischer Hausorden; 2) s.Oldenburg. Haus- ».Verdienstorden; 3) H. Albrechts des Bären, der Anhaltische Hausorden. Hauspilz (Hausschwamm, Holzschamm), s. u. Llsrnisus. Hausrath, Adolf, protestantischer Theolog, geb. in Karlsruhe (Baden) 13. Jan. 1837, studirte 1856—1860 zu Jena, Göttingen, Berlin u. Heidelberg, habilitirte sich 1861 an der theologischen Facultät zu Heidelberg, wobei er zugleich als Hilfsgeistlicher an dortigen Kirchen thätig war. Er wurde hierauf 1864 als Assessor inden Badischen Ober-Kirchenrath berufen, 1867 zum Vertreter der Stadt Heidelberg in der Generalsynode gewählt. Im Herbst 1867 erhielt er als Nachfolger von Hundeshagen den Lehrstuhl für Kirchengeschichte u. neutestamentliche Exegese in Heidelberg, seit 1872 als ordentlicher Professor. Er sehr.: Kurze Darstellung des Lebens und der Lehre des Apostels Paulus, Heidelb. 1865, 2. Aust. 1872; Neutefta- mentliche Zeitgeschichte, ebd. 1868, 2. Aust., 4 Bde. 1874—77; Biographie von David Strauß, 1. Bd., ebd. 1876. H. ist einer der bedeutendsten Ver- 5 * 68 Hausruck - rreter der historisch-kritischen Richtung Leineneren Theologie im Sinne der Tübinger Schule, ausgezeichnet besonders auch durch feine, geschmackvolle Darstellung. Löffler. Hausruck, waldiges Gebirge im Erzherzogthum Österreich ob der Enns, das zu den ober- österreichischen Alpen gehört, von Haag im Bez. Ried in südwestlicher Richtung bis Wolfsegg im Bez. Vöcklabruck sich erstreckt u. die Scheide zwischen Jnn u. Ager bildet; es erhebt sich nur bis 802 w u. enthält ansehnlicheBraunkohlenlager. Darnach war früherder Hausruckkreis (Hausruckviertel) benannt, einer der 4 ehemaligen Kreise des österreichischen Kronlandes ob der Enns, welcher Wels zur Hauptstadt hatte. Haussa, das Land im inneren Nordafrika (Sudan) zwischen 12° und 13° 10' n. Br. und 22°—29" ö. L., westwärts vom Niger begrenzt, ostwärts vom Reiche Bornu; größtentheils ganz eben, hat das Land nur im Innern n. im sud- westl. Theil Gebirgszüge, welche mehreren Flüssen, Sokoto, Gindi, Mayarrow, Kaduna, Gongola, Komadugu Waube u. a. ihre Entstehung geben; der außerordentlich fruchtbare Boden wird in den Niederungen während der Regenzeit häufig überschwemmt u. infolge davon entstehen weite Sümpfe, welche auf das Klima nachtheilig wirken. Die Bevölkerung ist mohammedanisch u. besteht aus den ursprüngl. Einwohnern, den Haussanern, u. den jetzt herrschenden Fellatahs. Die Haussaner beschäftigen sich mit Ackerbau, Viehzucht, Handel u. Industrie, namentl. werden viele u. schöne Baumwollen- u. Lederwaaren verfertigt. Die Sprache der H., nach dem jetzigen Standpunkt der Forschung unter den Afrikan. Sprachen isolirt dastehend, von Lepsius als verwandt den libyschen Sprachen zugerechnet, ist infolge des lebhaften Handels der Bewohner fast für das ganze innere NAfrika die allgemeine Verkehrssprache geworden. Ehemals bildeten die Haussaner eigene Staaten; zu Anfang dieses Jahrh. wurden sie jedoch fast sämmtlich von den Fellatahs unterworfen, u. stehen jetzt zumeist unter Botmäßigkeit des Reiches Sokoto, zu geringerem Theile unter dem Reiche Gando, nur sehr wenige Distrikte, wie z. B. Soma, haben ihre Unabhängigkeit bewahrt. Arendts.» Hausse, das Steigen der Staats- und Börsenpapiere, im Gegensätze zur Baisse. Haussier, der auf Steigen der Papiere speculirende Börsenmann (s. Börse). Hausier, Ludwig, deutscher Geschichtschreiber, geb. 26. Oct. 1818 in Kleeburg (Elsaß), studirte seit 1835 in Heidelberg u. Jena Philologie n. Geschichte, wurde, nachdem er in Heidelberg 1838 promovirt u. seit Frühjahr 1840 in den Archiven u. Bibliotheken von Paris Studien gemacht, Herbst 1840 Privatdocent u. 1845 außerord. Professor der Geschichte in Heidelberg, betheiligte sich 1846 lebhaft an der Agitation für Schleswig-Holstein, leitete seit 1847 die Deutsche Zeitung mit u. 1848 vom März bis Sept. allein, wurde im Nov. in die bad. Kammer gewählt, trat 1849 vom öffentlichen Leben zurück, um sich ganz wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen, nahm 1858 an den kirchlichen Kämpfen auf liberaler Seite theil, opponirte 1859 gegen das Concordat mit Rom, war 1860 — Haußmaun. bis 1865 wieder Mitglied der 2. Kammer u. be- theiligte sich 1863 an den gleichzeitig mit dem Fürstentage in Frankfurt austretenden Einheits- bestrebungen. Er st. 17. März 1867 in Heidelberg. H. war einer der glänzendsten und gesuch- testen Kathederredner Deutschlands. Er schr.: Die deutschen Geschichtschreiber von Ans. des Frankenreichs bis auf die Hohenstaufen, Heidelb. 1839;. Die Tellsage, 1840; Gesch. der Rheinpfalz, 1845, 2 Bde., 2. A. 1856; Schleswig-Holstein, Deutschland u. Dänemark, 1846; Denkwürdigkeiten zur Geschichte der beiden Revolutionen, 1851; Deutsche Geschichte vom Tods Friedrichs d. Gr. bis zur Gründung des Deutschen Bundes, 4 Bde., 4. A. Berlin 1869 f. Nach seinem Tode erschienen seine Vorlesungen über Geschichte der französischen Revolution, Berl. 1867, und über Geschichte des Zeitalters der Reformation, ebd. 1868, heransgeg. von Oncken, u. Gesammelte Schriften, Bd. 1 u. 2, Berl. 1869 u. 70. Hmne-Am Rhyn. Hansimann, Bernhard, Oberbaurath u. berühmter Kunstsammler u. Knnstschriftsteller; geb. zu Hannover 15. Mai 1784, starb das. 13. Mai 1874, erhielt eine sorgfältige wissenschaftliche Erziehung u. sollte Kaufmann werden, wurde 1805 gelegentlich einer Reise nach Italien von Rumohr m Rom in Künstlerkreise eingeführt, sah in Paris die Kunstschätze aller Länder vereint, übernahm dann die väterliche Fabrik u. begann Kunstwerke zu sammeln, ward 1833 Mitglied der Ständekammer, 1848 Präsident der Handelsdeputirten in Frankfurt, 1849 Mitglied der ersten Kammer u. später deren Präsident. Von 1853 an widmete er sich dem Studium der Künste, bes. Dürers, u. besuchte zu diesem Zwecke bis 1853 Oberitalien, alle deutschen Sammlungen, die Ausstellung in Manchester (1857), das British Museum und die Kopenhagener Sammlungen. Seine Gemäldesammlung erwarb der König Georg V. von Hannover; seine Sammlung der Dürerschen Blätter, nun Eigenthum des Hrn. Or. Blasius in Zabern, gilt als die vollständigste. Er schr.: Alb. Dürers Kupferstiche, Radirungen, Holzschnitte und Zeichnungen unter besond. Berücksichtigung der dazu verwandten Papiere u. Wasserzeichen. Regnet. Hausimann, Georges Eugene, Baron, franz. Senator und Präfect von Paris, geb. zu Paris 27. März 1809, Enkel eines Conventsmitgliedes, war Schüler des Conservatoriums der Musik, arbeitete dann bei einem Notar u. wurde Advocat. Nach der Revolution von 1830 war er Unterpräfcct in Neval, Saint Givons und Blaye bis 1848; unter der Präsidentschaft Louis Napoleons seit 1850 Präfect des Var, der Donne u. der Gironde und seit 1853 Präfect der Seine. In letzterer Stellung unternahm er großartige Arbeiten zur Verschönerung von Paris', gestaltete die Stadt durch Niederreißen alter u. Herstellung neuer Straßen vollständig um, wobei namentlich politische Motive, wie die Verhinderung von Revolutionen, maßgebend waren, indem die entlegenen Stadttheile durch gerade Straßen mit dem Mittelpunkte der Stadt verbunden wurden. Er ließ neue Kasernen,die Centralhallen,das ungeheure Schlachthaus der Billette, die neue Polizeipräfectur, über zwölf Brücken, mehrere Kirchen, monumentale 69 Haussonville — Brunnen, Wasserleitungen errichten, führte ein j neues System der Kloaken ein, baute die bedcu- I tendsten Theater, Hospitäler rc. in glänzender Weise um, ließ das Bonlogner Holz als Park verschönern, gründete Credit- und Bankinstitute rc. Zu ^ diesen Schöpfungen mußte die Stadt Paris enorme Anleihen aufnehmen, so 1865 eine von 250 n. 1869 eine von 260 Millionen; ja die dem Prä- secten bewilligten Credite wurden um mehrere hundert Millionen überschritten. Durch diesen Geldaufwand erregte H. eine lebhafte Opposition gegen seine Unternehmungen. Er wurde von der Presse heftig angegriffen. Der Rechnungshof fand in seinen Berichten über die finanzielle Lage der Stadt im Jahre 1868 Unregelmäßigkeiten. Darauf verlangte H. vom Kaiser, daß das Budget der Stadt Paris vom Gesetzgebenden Körper regntirt werde, u. in der Sitzung dieser Behörde von 1869 wurde jenes Anleihen von 260 Millionen bewilligt und Lurch öffentliche Suhscription sünfzigmal gedeckt. H., seit 1857 Senator, repräsentirte auch im Privatleben großen Glanz; aber infolge Einführung der parlamentarischen Regierung Anfang 1870 war er gezwungen, seipe Entlassung zu Nehmen. Seit 1872 ist er Director des Orsckit mobiUsr. Unter seiner Protection erschien: llistoirs Asnsrsls äs karis, 1866, 2 Bde. Vgl. Lon, karslislv cmtrs Is Nargnis äs kombal sv Is Lsron R., Paris 1869. Henne-Am RIM. Haussonville, Joseph Othenin Beruard de Cleron, Graf von, sranz. Staatsmann n. Historiker, geb. zu Paris 27. Mai 1809, Sohn eines 1846 gestorbenen Pairs, war erster Gesaudt- schaftssecretär der sranz. Botschaften in Brüssel, Turin u. Neapel, wurde 1842 u. 1846 Abgeordneter u. Mitglied des Generalraths der Seine u. Marne u. zog sich 1848 vom öffentl. Schauplatz zurück. Er war Schwiegersohn des Herzogs von Broglie u. Feind der Republik u. wurde, da er bei der Kaiserwahl seine orleanistischen Sympathien laut werden ließ, kurze Zeit verhaftet, worauf er nach Belgien auswanderte u. in Brüssel init Alexander Thomas das Bulletin ckranysäs gründete, ein Blatt in orleanistisch-conservativem Sinne geschrieben u. mit heftigen Ausfällen gegen Louis Napoleon. In der Bstckre nur Conseils Aenersux, 1859, forderte er vom Kaiserreiche die mit der Verfassung vereinbarten Freiheiten zurück. Im Jahre 1869 wurde er an Viennets Stelle in die Akademie gewählt, was dem Kaiser so sehr mißfiel, daß er H. von der üblichen Vorstellung entband. Er schr.: Üistoirs äs Is. politigus sxtsrisurs äu Aouverus- mout ckrg.nya.is 1830—48, Par. 1850, 2 Bde.; Bistoirs äs 1a reunion äs la ck.orrs.ino a 1a Bräues, ebd. 1854—1859, 4 Bde., 2. Aufl. 1860; 1/BAÜss romains sb Is Premier Bmpirs, 1868 bis 1870, 5 Bde., 3. Anfl. 1870—71. Außerdem schr. er sehr bedeutende historische Aufsätze für die Revue äes Bsux lllouäss. Hen»e-Am RM. Hausstock, der, 3156 m hohe, schneebedeckte prachtvolle Pyramide in der Bergkette zwischen den schweiz. Kantons Glarus u. Graubünden. Haussuchung (Bsrscrutatio äomsstioa, kvr- guisitio ä.), jede zum Zweck einer strafrechtlichen Untersuchung von der Behörde angeordnete Durchsuchung eines Hauses, einer Wohnung und der - Haussuchung. zur Wohnung gehörigen Räumlichkeiten und Behältnisse, um entweder einen verborgenen Verbrecher od. Gegenstände, welche zu dem Verbrechen in Beziehung stehen, aufznsnchen. Den Gegensatz zur Haussuchung bildet die Durchsuchung der Person, welche jedoch nach preußischer Strafproceß- ordnung nur gegen Gefangene zugelassen wird. Was die Vorbedingungen einer Haussuchung anbelangt, so kommt hierbei neben dem strafprocessua- len Zwecke der Wahrheitserforschung noch ein anderer verfassungsmäßig garantirter Grundsatz in Erwägung, nämlich die Unverletzlichkeit der bürgerlichen Wohnung. Die Verschiedenheit der Behandlung des Instituts der H. in den verschiedenen Strafproceßordnungen wird nun gerade dadurch bedingt, daß auf den letzteren Gesichtspunkt je ein größerer oder geringerer Nachdruck gelegt wird. Bekanntlich wird die Heiligkeit der Wohnung im Englischen Rechte vorwiegend betont. Mein Haus ist meine Burg, kann der Engländer ganz mit Recht sagen. Nicht nur seine Verhaftung ist in seinem Hause zumeist unmöglich, wenigstens wenn es sich um die civilrechtliche Schuldhaft handelt, sondern auch die H. überhaupt und insbesondere auch die zur Beschlagnahme von Gegenständen, welche Beweismittel in einer Strafverhandlung werden können, ist überaus erschwert, wobei freilich ins Gewicht fällt, daß die englische Strafprocedur von Len Principien der Anklage überhaupt u. der Privatallklage insbesondere beherrscht ist. Weniger scrupulös ist der französische Ooäe ä'instrucckion. In den deutschen Strafproceßordnungen entscheidet zumeist ihr Alter. Je älter, desto weniger erschwert sind die H-en, je jünger, desto erschwerter. So ist theilweise die H. gestattet bei frischer That, bei Gefahr auf Verzug, u. zwar durch Polizei n. Staatsanwaltschaft, oder es wird immer oder meistens ein gerichtlicher Auftrag erfordert, und nur dann eine H. gestattet, wenn dringende Verdachtsgründe bereits anderweitig vorliegen, daß sich die fragliche Person od. Sache im fraglichen Hause befinden. Auf gleiche Weise verhält es sich mit den theilweise vorgeschriebenen Beschränkungen für die Vornahme der H., z. B. Beschränkung auf die Tageszeit, auf den Fall des Ungehorsams, daß nicht der Wohnunzsinhaber freiwillig bereit ist, das Verlangte ausznliefern, Vie Thüren, Schlösser rc. zu öffnen; auch die Borschrist, gewisse Personen als Zeugen beiznziehen, gehört hierher. Der Deutsche Strafproceß- entwurf huldigt im Allgemeinen der neueren humaneren u. freiheitlicheren Auffassung, wenn auch noch immer im Verhältnisse zum Englischen Rechte bedenkliche Verclausnlirungen und Äusnahmsbe- stimmnngen darin enthalten sind. Es bestimmt n. A. Z 93, daß bei dein als Thäter od. Theil- nehmer Verdächtigen H. im weitesten Sinn und Durchsuchung seiner Person stattfinden darf, wenn es sich um seine (gesetzlich gerechtfertigte) Verhaftung handelt und zu vermnlhen ist, daß Beweismittel werden gefunden werden. Bei anderen Personen darf nach Z 94 nur dann die H. stattfinden, wenn anzunehmen ist, daß die gesuchte Person, Spur od. Sache sich in den zu durchsuchenden Räumen j befinde. Im Allgemeinen wird die H. zur Nachtzeit für unzulässig erklärt (S 95). H 96 lautet: 70 Haussy — Haustclcgraph. „Die Anordnung von Durchsuchungen steht dem Richter, bei Gefahr im Verzüge auch der Staatsanwaltschaft u. den Polizei- u. Sicherheitsbeamten zu." Über den Zuzug von Zeugen u. dgl. werden genaue Vorschriften gegeben. Aus dem alten Juquisitionsproccsse hat sich in ein Paar Parti- cularproceßordnungeu (von Baden und Württemberg) noch eine eigenthtimliche Reminiscenz erhalten. Hiernach nämlich gibt es zwei Arten von H-cn. Dieselbe ist eine generelle rc., wenn alle Behältnisse eines Districts, od. sämmtliche an einem Orte, z. B. in einem Wirthshaus Anwesende durchsucht werden; od. eine specielle, wenn sie nur die Besitzungen bestimmter einzelner Individuen zum Gegenstände hat. Vgl. K. Wieding im Rcchts- lexikon von Holtzcndorff, 2. A. 1875. Bezold. Haussy, OrtimArr. Cambrai des franz. Dep. Nord; Fabrikation von Zucker, Leinen- n. Baum- wollenwcberei, Mühlen, Steinbrüche, Ruinen eines Tcmpelherrenschlosses; 3540 Ew. Haustafel, Anhang im Lutherschen Katechismus, welcher in Bibelsprüchen die Pflichten im häuslichen, Lehr- und obrigkeitlichem Stande zu- sammengestellt enthält. Haustelegraph, Einrichtung zur telegraphischen Verbindung zwischen verschiedenen Räumen desselben Gebäudes, wie sie jetzt häufig in größeren Wohnhäusern, Gasthäusern (als Hoteltelegraphen), Werkstätten, ebenso stuf Dampfschiffen rc. angewcndet werden. Ein akustischer H. erfordert bloß die Legung einer engen Metallröhre von einem Zimmer zum anderen; an jedes Ende der Röhre kommt ein Schlauch u. ein Mundstück; in das eine Mundstück wird unmittelbar gesprochen, das andere ans Ohr gehalten. Pneumatische H-en wurden u. a. für Kohlengruben empfohlen. Der pneumatische H. (atmosphärische Klingelzug) von Sparre hat an dem einen Ende einer an der Mauer hingeführten 3 mm weiten Zinn- od. Blei- Röhre einen birnförmigen Ballon, welcher, niit der Hand zusammengedrllckr, einen ähnlichen Ballon am anderen Röhrenende anfbläst und so ein Läutewerk auslöst od. auch bleibende Zeichen gibt. In ähnlicher Weise werden bei den Luftwellen- Telegraphen von Guattari in Berlin mittels eines Blasbalges Luststöße (Strahlen) durch die Röhre gesendet, um am anderen Ende hörbare Zeichen zu geben oder einen Zeiger sortzubewegen. Die einfachsten clektrischenH-ensinddie elektrischen Klingeln. Diese H-en erfordern eine galvanische Batterie und einen gegen die Wände, Decken und den Fußboden isolirten geschlossenen Stromkreis. Für trockene Gebäude reicht mit Baumwolle über- sponnener Asphaltdraht aus, sonst nimmt man mit Kantschuck überzogenen, od. mit Baumwolle über- sponnenen, sorgfältig mit Wacbs getränkten Kupfer- drahl. Als Zeichengeber dient die Läute- oder Wecker-Taste, welche, äußerlich in sehr verschiedener Gestalt auftretend, wesentlich die aus Fig. 8 aus Tafel Feuerwehr- und Haustelegraphen ersichtliche Einrichtung hat und beim Niederdrücken des Holz- oder Porzellanknopfes st die Feder k mit dem Ambose 1» in Berührung bringt, um den Stromkreis -r, b, e, l, ä zu schließen. Eine Taste mit Rücksignal besitzt im Tastengehäuse eine Magnetnadel, welche, wenn im Empfangsapparate das erschienene Signal von demjenigen, dem es gilt, in die Ruhelage znrück- gebracht wird, durch eine Stromwirkung in eine andere Lage versetzt wird und dadurch dem Tele- graphirenden die richtige Ankunft des Signals anzeigt. Signalapparate mit Rückantwort können zwischen zwei Stationen beliebige Zeichen hin u. her befördern u. erfordern nur eine Batterie, aber 3 Leitungsdrähte. Bei einer Glocke mit einfachen Schlag gibt der auf dem verlängerten Anker s (Fig. 11) des Elektromagnetes N sitzende Klöppel st bei jeder Stromseudung einen Schlag auf die Glocke 6; durch Grnppirung der Schläge telegraphirt man verschiedene Mittheilun- geu. Eine Lärmglocke mit Selbstunterbrechung läutet ununterbrochen, so lange der Dtrom währt; dieser nimmt in Fig. 11 den Weg b, L, 8, stl, 0, o, r, 8, o, welcher durch jede Aukeranziehuug unterbrochen, beim Abfallen des Ankers s aber sogleich wiederhergestellt wird, wenn s die Feder r wieder erreicht. Noch zweckmäßiger entmagnetisirt man den Elektromagnet N nicht durch eine wirkliche Stromunterbrechnng, sondern durch eine Nebenschließung, d. h. die kurze metallische Verbindung eines Stromkreispunktes vor mit einem Punkte hinter dem Elektromagnet Ll. Doppelklingeln mit Stromunterbrechung enthalten zwei Elektromaguete, zwischen denen der Klöppel hin und her schwingt, da der Strom in ihnen abwechselnd unterbrochen u. wiederhergestellt wird. Braucht man wegen der Entfernung des Läutewerks od. der Schwere des Klöppels ein Relais, so läßt man gern durch den (schwachen) Linieustrom einen von einem Vorsprunge am An- kerhebel des Elektromagnetes abschnappenden Hebel auf eine Contactfeder auflegen n. so den (kräftigeren) Localstrom durch den nämlichen Elektromagnet schließen, oder man trifft ähnliche Vorkehrungen wie bei den Eisenbahnläutewerken (s. Eisenbahn- sigualwesen 3). Meist gehört bei den H-eu und namentlich bei den Hoteltelegraphen eine größere Anzahl Läntetasten zu einer allen gemeinschaftlichen Klingel; dann läßt man durch ein bleibend sichtbares Zeichen in einem Kästchen (Tableau) die eben läutende Taste bezeichnen. So enthält der Hotel-Nadeltelcgraph (Fig. 10) im Tableau vor den Polen jedes Elektromagnetes ist s" einen nach oben in einen Zeiger auslaufeuden permanenten Magnet n s; wird die Taste 1^ niedergedrückt, so durchläuft der Strom der Batterie 8 den Weg 8, a, b, iz, o, ä, e, 8; der in diesem Stromwege liegende Elektromagnet ist 8' zieht n s an u. letzterer bleibt auch nach dem Aufhören des Stromes an elfterem haften, weshalb der Zeiger auf 2 weist, bis ihn der Kellner mittels der Stange 2 r wieder in die Ruhelage zurückversetzt. Bei den zuverlässigeren Tableauzeigern mit Fallscheibe hält der Anker in Fig. 13, od. na in Fig. 12 des Elektromagnetes stl in seiner Ruhelage die Fallscheibe 8 od. d o ck o fest u. verborgen; der angezogene Anker läßt die Scheibe frei u. diese nimmt nun, indem sie sich durch Übergewicht od. Federwirkung dreht, fällt od. aufsteigt, die punktirte Lage (Fig. 12 u. 13) ein u. wird sichtbar. Für jedes Zimmer ist auch hierbei eine besondere Leitung, Taste u. Fallscheibe nebst Elek- 71 Hauslhicn tromagnct erforderlich; Klingel, Batterie u. Rückleitung sind für alle Zimmer gemcinfchaftlich. Fig. 9 zeigt 9 Tasten T in 2 Stockwerken, nebst Batterie 8, Klingel L u. Tableau L.; beim Drücken der Taste 7 ist der Stromkreis rv, r, ^,x, q, 8, r, vi Hammer schlägt auf die Glocke O, Tableau 7 erscheint. Der Hoteltelegraph von De- bayeux in Paris enthält 15 Befehle auf einer Tafel im Zeichengeber u. der Gast hat bloß einen Zeiger aus den zu telegraphirenden Befehl zu stellen, damit durch elektrische Ströme im Empsangsap- parate ein anderer Zeiger auf denselben Befehl herabgeht. Es ist dabei zwar bloß eine Klingel, aber für jeden Zeichensender auch ein besonderer Empsangsapparat erforderlich. Wenn für häns- licheZwecke vollkommenere Telegraphen-Einrichtnn- gen erforderlich sind, so gleicht die ganze Anlage mehr den sonst gebräuchlichen Telegraphen. Man wird dabei meist vor den Nadel- und Morseschen Telegraphen die Zeigcrtelcgraphen u. unter diesen Magnet - Jnductions - Zeigertelegraphen vorziehen, weil bei letzteren galvanische Batterien ganz entbehrlich sind und mau überdieß, wenn mau die Zeiger durch die vom Magnet-Jnductor gelieferten Wechselströme in Bewegung setzt, durch gleichgerichtete Jnductionsströme noch ein Läutewerk ertönen lassen kann. Zetzschc. Hausthiere, Thiere, welche der Mensch zu seinem Nutzen in seinen Wohnungen hält od. erzieht, wie Pferde, Rindvieh, Schafe, Hunde rc. Dieser Nutzen ist entweder ein directer, indem die H. ihm Nahrung in F-orm von Fleisch, Milch rc. geben, od. indirect (Arbeitsleistung, Vergnügen). Von den wilden Thieren gleicher Gattung u. Art haben sich die H. durch erblich gewordene Eigen- ichasten mit der Zeit abgegrenzt. Die Züchtung dat hier den größten Einfluß und kann Erstaun-- uches leisten. FmwiS. llaustorlum (Sangwarzc, Ansauger, Bot.), ein warzenförmiger Fortsatz, sei es von einer Pflauzcn- zelle, sei es von einem ganzen Pflanzentheil, einer- parasitisch lebenden Pflanze, der den Schmarotzer mit dem Wirth od. der Nährpflanze in Verbindung bringt u. unterhält. Solche Haustorien sind deutlich bei einzelnen Schmarotzerpilzen, z. B. 6z-s- toxrw, anderseits an den Wurzeln der Oroban- osisao, Ouscutsae, MrinLirblraesae und einzelner Zantalaaeao. Engter. Hanstruppen, s. u. Garde. Hausvater, der Familienvater in seiner Eigenschaft als Oberhaupt der Familie u. insofern er die väterliche Geivalt innchat u. ausübt. Hansverträge, s. u. Hausgesetze. Hauswurz, die Pflanzengattung Sempsrvivum. Haut (Orttls), 1) im engeren Sinn der allgemeine äußereÜberzug derThier- u.Menschenkürper. I. Die niedrigsten Thiere, wie die Amöben, zeigen keinerlei Differeuzirnng der Leibessubstanz: bei manchen anderen Protozoen, wie besonders den Infusorien, findet sich eine mit Wimpern besetzte äußere Membran. Erst bei den Cölenteraten finden wir eine das Körperparenchym cinschließende, oberflächliche Zellschicht, die Oberhaut, mit Wimpern n. Nesselorganen. Bei den Echinodermcn ist die H. mehr oder minder vollständig verkalkt und in einen ledcrigen oder starren Panzer umgewandelt, — Haut. der als Anhänge oft bes. bewegliche Stacheln u. eigenthümliche Greifapparrate, Pedicellarien, trägt und von Poren zum Durchtritt der Ambulacral- füßchen durchbrochen ist. Die H. der Würmer ist eine mit dünnerer oder dickerer Cuticula (homogenen Membran) überzogene Zellenlage, welche bald Wimperhaare trägt, bald einen oft geringe!, ten Chilinpanzer mit Haaren, Borsten u. Haken darstellt u. durch Aufnahme von Muskeln den die Bewegung der Würmer vermittelnden Hautmuskcl- ichlanch bildet, wie einsolcher sich übrigens bereits bei vollkommeneren Formen der Cölenteraten und ge- wissen Stachelhäutern (des. Holothurien) findet. Bei den Gliederfüßlern stellt die H. ein festes, äußeres, stets in Ringel gegliedertes Chitinskelet dar. Bei den Mollusken ist die H. weich, schleimig; der H-muskelschlauch erlangt hier, namentlich im sog. Fuß, eine hohe Bedeutung für die Ortsbe- weguug. Bei den eigentlichen Mollusken bildet die H. eine den Körper mehr oder minder vollständig einhüllende Duplicatnr (Falte), den Mantel, der in sehr vielen Fällen eine kalkige Schale ab- sondert. Die H. der Wirbelthiere, in Oberhaut, Lederhant u. Unterhautbindegewebe geschieden, ist häufig mit eigenthümlichen Bedeckungen und Anhängen versehen, welche theils, wie die Schuppen von Fischen und Reptilien, auf Erhebungen und Verhärtungen, oder, wie die Panzer der Kroko- dile, Schildkröten u. Gllrtelthiere, auf Verknöcherungen der Lederhaut, theils, wie die Überzüge der Schlangen» u. Eidechsenschuppen, das Schildpatt, die Federn und Haare der Warmblüter, sowie Krallen, Nägel, Hufe, Hörner rc. auf Horngebilde der Oberhaut zurückzusühren sind. II. Die H. des menschlichen Körpers (InteAumsntmm eommrms) erstreckt sich als eine bald dünnere, bald dickere Decke über die Oberfläche des ganzen Körpers und geht an den großen Öffnungen desselben ununterbrochen in die angrenzenden Schleimhautzllge über. Sie hängt mit den von ihr bedeckten Gebilden durch sehr zahlreiche bindegewebige Faserbündel zusammen, von deren wechselnder Dehnbarkeit, Länge und Dichte die verschiedengradige Faltbarkeit und Verschiebbarkeit der H. abhängt. An einigen Stellen bildet sie frei vorspringende Verdoppelungen (Augenlider, Vorhaut, Schamlippen) und außerdem während der Ausführung gewisser Bewegungen kleinere oder größere Falten, die bei starker Abmagerung oder im höheren Alter, wenn die H. ihre Elasti- cität verliert, zu bleibenden Runzeln (bes. im Gesicht) werden. An den Stellen, wo sie einer häufigen Dehnung u. Biegung unterliegt, finden sich davon wol zu unterscheidende bleibende Furchen, z. B. in der Hohlhand, an der Beuge- feite von Gelenken, welche auf einer strafferen Anheftung der H. an diesen Stellen beruhen, die Ausführung der Bewegungen erleichtern und eine andere unzweckmäßige Faltung der H. verhindern. Die H. besteht aus drei wesentlich verschiedenen Lagen, der Oberhaut, derLederhaut u. dem Unterhautzellgewebe, ist reich an Blutgefäßen u. Nerven u. trägt außerdem zweierlei hornartige Anhänge, die Nägel (s. d.) u. die Haare (s. d.) a. Die Le der ha nt (Lorrrrm, Derma, Outis) ist die mittlere u. zugleich wichtigste Schicht der H. 72 Haut. Ihr dichtes, derbes, dehnbares u. elastisches Gewebe besteht aus feinen innig verflochtenen u. verfilzten Bindegewebsfasern mit zahlreich beigemischten elastischen Fasern und enthält an allen behaarten Stellen in seinen äußeren Lagen kleine Bündel glatter Muskelfasern (Hautmuskeln), die zn je ein oder zwei sich an den untern Theil der Haarbälge ansetzen und die sog. Aufrichter der Haare (Lrrseborss pili) darstellen (vgl. Gänsehaut). In den obersten Schichten der Lederhaut ist das Gewebe dichter n. fester als in Len unteren, in deren zahlreichen und weiteren Maschen außer den die Lederhaut durchsetzenden Haarbälgen (s. Haare) u. Hautdrüsen (s. unten) gewöhnlich noch reichliche Feltmassen abgelagert sind, während mehr nach der Oberfläche hin das Fett vollständig fehlt. Die Dicke der Lederhaut schwankt zwischen 0,75—3,4 mm, am stärksten ist sie an der Fußsohle, in der Hohlhand, dem Rücken, am behaarten Kopf; an der Streckseite der Extremitäten ist sie im allgemeinen stärker u. derber als an den Bengesciten, wo sie sich so verdünnt, daß die oberflächlichen Hautgefäße durchschimmern, z. B. Leistengegend, Brüsten, Hodensack, Wangen u. Augenlidern. Auch an den Stellen, wo sie Gruben oder Furchen bildet, wird sie dünner und zarter (in der Achselhöhle, Ellenbogenbeuge, Kniekehle rc.). Ferner zeichnet sich im allgemeinen die weibliche H. vor der männlichen durch Zartheit des Gewebes u. feinere Behaarung aus. An ihrer Oberfläche bildet die Lederhaut fast in ihrer ganzenAusdehuungHaut-oderTast- wärzcheu (kapillas oorii s. taotns) kegelförmige oder warzenförmige Erhebungen mit stumpfer Spitze, bald dünner und höher, bald dicker und niedriger n. dann häufig zusammengesetzt, d. h. am freien Ende in mehrere Spitzen zerfallend; ihre Größe wechselt von kaum merkbaren Höcker- chen (in der Haut des Rückens) bis zu einem 1 mm hohen Kegel (in der Haut des Fersenballens). Dicht gedrängt stehen sie an den Lippen, der Eichel, den kleinen Schamlippen u. den Brüsten; an der Volarfläche der Hand u. Finger stehen sie in gekrümmten, concentrisch verlaufenden Linien oder Riffen, die an den Fingerspitzen, wo sie am zahlreichsten und stärksten sind, vollständige Ellipsen (Tastrosetten) bilden. Die Lederhaut ist überall reich au Blutgefäßen und Nerven, welche reiche Netze bilden, von denen sich besonders die der Arterien an einzelnen Stellen durch ihre eigen- thümlichen Formen auszeichnen. In jedes Tastwärzchen dringt ein oder mehrere Arterienstämm- chen ein, löst sich darin in Capillarschlingen auf und verläßt es als Vene wieder; ebenso tritt zu jedem Tastwärzchen ein Nervenendast, über dessen Endignngsweise in demselben aber noch wenig bekannt ist. b. Die nerven- und gefäßlose Oberhaut (Lpiäsrmis, Äußere H.), welche einen zusammenhängenden Ueberzug über die ganze Lederhaut bildet, besteht aus zwei wesentlich verschiedenen Schichten. 1) Die unterste oder Schleim- schicht (Malpighisches Netz, Lbratum mueosum s. Ilsbs LlalpiZlü) besteht aus kleinen, rundlichen, kernhaltigen Zellen, die in den oberen Schichten größer u. vielkantiger werden und mit ihren gezackten Ständern fest ineinandergreifen (Stachel- oder Riffzellen). Sie füllen die Zwischenräume zwischen den Tastwärzchen aus und bilden außerdem noch eine dünnere über die Spitzen dieser Tastwärzchen hinwegstreichende Decke. Die Ge- sammtheit der Tastwärzchen u. diese ihre Zwischenräume ausfüllende Schleimschicht bezeichnet man auch häufig als-Warzen-oder Papillarkörper (Osrpua s. Ltratum paxillars). In den tiefsten Schichten dieser Schleimschicht liegt der Farbestoff, welcher der H. ihre Farbe gibt, und dessen Verschiedenheit oder stärkere Anhäufung auch die verschiedene Hautfarbe der einzelnen Menschenrassenoder die dunklere Färbung einzelner H-stellen (auch der Sommersprossen) Muttermale) bedingt. 2) Die obere vd. dieHornschicht (Lbratum eor- uoum) besteht aus verhornten, glattrandigen, nach derOberfläche mehr abgeflachten platten Schüppchen ohne Zellenkern u. Membran. Die obersten Schichten der Oberhaut schuppen sich fortwährend in Pulverform ab (nach manchen Krankheiten wird diese Abschilferung stärker, z. B. Masern, Scharlach, bei letzterem lösen sich häufig ganze Flatschen aus einmal ab) u. werden durch Nachwuchs von unten regelmäßig ersetzt. Die äußere Oberfläche der Oberhaut erscheint durch unregelmäßig sich kreuzende kleine Furchen und Einschnitte in eine Unzahl Felder getheilt, eine Zeichnung, die sich bei hohen Graden wassersüchtiger Ausdehnung verliert. Die Dicke der Oberhaut wechselt von ^ — 1 '" (O,»«-—2,25 mm); dieser Unterschied hängt nicht allein von der Einwirkung äußeren Druckes ab, wie man nach ihrer Dicke in der Fußsohle u. in der Hohlhand bei Handarbeitern schließen könnte, sondern wird von gewissen Entwickelungsgesetzen bedingt, La man schon beim Foetus die Oberhaut an diesen Stellen zwei bis drei Mal so stark findet als an den anderen. 0. Das Unterhautzellgewebe (iLsxtus LöUnIo8U3 anbeutansrw), welches die Verbindung der Haut mit den unterliegenden Theilen bildet, besteht aus Bindegewebe u. elastischen Fasern, und ist der Weg, auf dem Nerven und Gefäße zur Haut gelangen; durch reichliche Fettbelageruug in demselben entsteht die Fetthant (s. d.). In der H. finden sich zwei Arten von Drüsen. 1 ) Die knäuelförmigen Schweißdrüsen (6Ian- cknlas 8uckoriksras) aus einer gestaltgebenden strukturlosen Membran und mehrschichtigem Cylinder- epithel bestehend, deren knäuelsörmig aufgerolltes unteres Ende in den unteren Schichten der Lederhant oder dem Unterhautbindegewebe liegt, sind mit Ausnahme der concaven Flächen der Ohrmuschel, des äußeren Gehörgangs und der Eichel über die ganze Haut verbreitet, durchbohren mit korkzieherartig gewundenem Ausführnngsgang (Schweißkanal) die Oberhaut u. münden mit seinen Oeffnungen (Schweißporen), aus denen der Schweiß (s. d.) austritt. An den H-riffen der Hohlhand u. bes. der Fingerspitzen kann man diese Oeffnungen schon mit bloßem Auge erkennen. Am zahlreichsten sind die Schweißdrüsen in der Hohlhand und der Fußsohle, am größten sind sie in der Achselhöhle; am Rücken sind sie nicht so zahlreich als an der Vorderseite des Stammes. Ihr Secret bedingt an den Füßen und in der Achselhöhle die bei manchen Personen so sehr stark anftretende Verfärbung der Wäsche. 2) Dis kleinen, 73 Haut — Hautes-Alves. einfach traubenförmigen, ebenso gebauten Talgdrüsen sind besonders zahlreich an allen beharr- ten Körpcrstellen, wo sie meist als Anhänge der Haarbälge (Haarbalgdrüsen) erscheinen, finden sich aber auch an vielen haarlosen Stellen u. fehlen stets im Handteller, in der Fußsohle, an der Eichel u. dem Kitzler. Ihr Secret, der Hauttalg, dient dazu, die Oberhaut u. die Haare geschmeidig zu erhalten. Sie liegen meistens in der Lederhaut, selten reichen sie bis in das Unterhautbindegewebe hinab. Die Bestimmung der Haut ist eine mehrfache. Erstens dient sie als Schntzorgan für die unter ihr liegenden Gebilde; die Oberhaut schützt die unter ihr liegende Lederhaut, besonders die Tastwärzchen gegen mechanische Einwirkungen; ihre Hornschicht mit ihrem Fettüberzuge ist ein ziemlich sicherer Schutz gegen die chem. Wirkung mancher ätzenden Substanzen u. vieler Gifte; die Lederhaut vertheilt vermöge ihrer Elasticität, Dehnbarkeit u. Festigkeit einen etwaigen Druck auf eine größere Fläche u. schwächt so dessen Wirkung ab; das Unterhautzell- gewebe, resp. die Fetthaut, dient als Polster und schlechter Wärmeleiter. Insbesondere dient die H. durch ihre zahllosen Tastwärzchen (s. o.) als Tast- organ u. ist der Hauptsitz des Tastsinns, der allerdings auch in geringerem Grade einigen Schleimhäuten zukommt, lieber ihre Betheiligung an der Athmung s. Athmen (II. Band Seite 288). Ferner hat sie noch eine ziemlich hohe Bedeutung als Absonderungsorgan des Schweißes (s. d.). Wie groß ihre Bedeutung für die Athmung n. die Schweißabsonderung ist, geht daraus hervor, daß Thiere sterben, wenn man ein Drittel ihres Körpers mit Lack überzieht, wodurch die Thätigkeit der H. an diesen Stellen unterdrückt wird. Die früher vielfach angenommene Bedeutung der H. als Aufsaugungsorgan ist nach den neueren Forschungen eine irrthümliche Annahme gewesen. In Krank- heitszuständen ist die Beschaffenheit der H. oft von großer Wichtigkeit; hauptsächlich kommen dabei in Betracht ihre Farbe, Temperatur, Feuchtigkeit u. ihre Anschwellung (geschwollen, straff n. gespannt bei Wassersucht, Hautemphysem, entzündlichen Processen in der Tiefe; schlaff u. welk bei Abmagerungszuständen und besonders im Gesicht beim Collaps fs. d.j rc.). 2) (Membran, Invion msmöranaosa) jedes in Flächenform sich ausdehnende mehr oder weniger weiche Gewebe, das zur Bildung bestimmter Tyeile (z. B. Harnblasenhäute, Gallenblasenhäute rc.), zum Ueberzug anderer Theile (wie die Gehirnhäute, Lungensell rc.) dient. Je nach ihren Bestandtheilen bezeichnet man eine solche H. als Muskel-H.. seröse, fibröse, Schleim- rc. H. i > ii. u. s, E. Berns. Uaut (weibl. llnuts, franz.), hoch erhaben; äs d. en das, von oben herab, geringschätzig. Hautalgen, Algen verschiedener Art, welche auf der Oberfläche des Wassers dünne, hautartige üeberzüge bilden. HautaPoplcxie,Hautblutungcn,Hauthae- morrhagie, Blutaustritte in das Gewebe der Haut. Dieselben sind entweder flohstichähnlich (Petechien) oder Streifen darstellend (vibiees) oder endlich größere Hautröthungen (Ekchymosen); sie entstehen meist durch Zerreißungen kleiner Blutgefäße, z. B. bei Quetschungen der Haut (Sugillationen, Blutunterlaufungen), bei Bluterkrankheit, Werlhofscher Krankheit, Scorbut, in schlimmeren Fällen von Typhus u. Kiudbettfieber, selten durch Austritt von Blut aus Leu unverletzten Blutgefäßen. Bisweilen entstehen umfängliche, flächenhafte, blaurothe Blutinfiltrationen bei Verstopfungen von Blutgefäßen (Venen) am Schenkel bei Personen, in denen die Rückströmung des Blutes aus den Schenkelvenen durch Lebererkrankungen, Drüsengeschwülste in der Leistengegend ec. verhindert ist. Nach Schönlein kommen an geschwollenen, rheumatisch afficirten Ge- lenken manchmal runde, linsengroße, lividrothe Flecken vor (ksliosls rllsumabioa). Kunze. llautbois (fr.), so v. w. Oboe. Hantboisten (v. Fr.), Oboebläser, dann überhaupt Tonkünstler, welche in Gemeinschaft Tonstücke mit Blasinstrumenten anfführen, die Mitglieder einer Musikkapelle. Bei Militärmusiken sind dieH. gewöhnlich mit Janitschar enmusik v erstärkt. Hautbreme, s. u. Biesfliegen. Hautecombe, ehmalige Cistercienserabtei im Arr. Chambery des franz. Dep. Savoie, in der Gem. St. Pierre de Curtille, am See Bourget u. am Fuße des Mt. du Chat, wurde 1125 durch Amadeus III. von Savoyen gegründet. Aus ihr gingen die Päpste Cölestin IV. u. Nicolaus III. hervor. 1742 u. 1743 litt sie viel durch Plünderung der Spanier, wurde aber seit 1743 fast ganz neu aufgebaut. 1792 u. 1793 wurden die Gräber ganz ausgeplündert. Später wurde die Abtei verkauft u. in den Gebäuden derselben 1800 eine Fayencefabrik errichtet. König Karl Felix von Sardinien kaufte sie 1824 wieder u. ließ sie iin gothischen Stil restauriren. Er u. viele seiner Vorfahren liegen darin begraben. Die Kirche besitzt viele merkwürdige Gemälde, Statuen rc. H- Berns. Haute oontre (fr.), Altstimme, s. u. Alt. Hautcfcnille, Jean de H., geb. 1647 in Orleans u. st. daselbst 1724 im Besitz geistlicher Pfründen; als Mechaniker bes. dadurch bekannt, daß er die Spiralfeder zur Reguliruug des Ganges der Taschenuhren zuerst anwendete (nachher von Huyghsns vervollkommnet), die daher Taschenpendel (ksnäulss äs paolls) genannt wurden; er schrieb auch Mehreres. klautg-Illnanlls (fr.), hohe Finanzwelt, die ersten Größen unter den Bankiers und kaufmännischen Finauzmännern. Hauteliffe-Tapeten u. -Teppiche, gewirkte Tapeten u. Teppiche mit Bildern u. Zeichnungen, ganz von Seide oder von Seide und Wolle, zu Tischdecken, Überzügen u. Wandbekleidung; kommen von Paris, Amiens, Brussel, Antwerpen, Lille, Tournai, Oudeuaarde, Wien, Berlin rc. Die vorzüglichsten H.-Fabriken sind die Gobelinsfabriken (s. u. Gobelins) in Paris. Sie werden auf dem H.- Stuhl mit vertical stehender Kette gewebt, um welche der Einschlagfaden mit der Hand durch kleine Schützen oder Spulen geschlungen wird. Nach Erforderniß arbeiten 2—4 Personen auf einmal an dem Stuhle. Beyffell.» tlautemsnt (fr.), laut, kühn, entschlossen, nachdrücklich, ungescheut. Hautemphysem, s. Emphysem. Hautes-Alpes (Hoch-Alpen, Obere-Alpen), 74 sinutesso — Hautgewcbc. Dep. im südöstlichen Frankreich, gebildet aus dem südöstlichen Theile der ehemaligen Dauphine (den Ländchen Brianxonnais, Embrunais u. Gapen^ais) u. einem kleinen Streifen der Provence (70 Hstcm), grenzt im N. an das Dep. Savoie, im O. an Italien, im S. an das Dep. Basses-Alpes, im W. an das der Dröme u. im NW. an das der Jsere; 5589,5 sUkm (101,5 lUM) mit 118,898 Ew. (auf 1 s^km 21, in ganz Frankreich 68,z). Das Dep. ist eins der höchstgelegenen Frankreichs u. liegt ganz auf den Lettischen Alpen od. den Alpen derDauphine, deren gewaltigste Berggrnppe, die des Pclvoux mit der Barre-des-Ecrins oder Pointe-des-Arsines (4163 m), ihm angehört. Flüsse: Durance, Clairee, Guil, Vaschöres, Reallon, Vence, Bnech, Meauge, Romanche, Drac, Severaisse, Aygnes (Eygues), Oule rc. Zahlreiche kleine Seen und mehrere hauptsächlich zur Bewässerung dienende Kanäle sind vorhanden. Eisenbahnen: nur 65 km der Paris - Lyon - Mittelmeerbahn. Der Boden ist nur im S. etwas fruchtbar, die Berge haben gute Weiden. Das Klima ist in den verschiedenen Theilen des Dep. ein sehr verschiedenes; im Allgemeinen aber ist die Luft rein, die Winter sind lang u. strenge, die Frühlinge regnerisch u. kalt, die Sommer sehr heiß u. reich an Ungewit- tern, die schönste Jahreszeit ist der Herbst. Von der Gesammtoberfläche sind nur 90,549 iia Ackerland, 28,966 da find Wiesen, 5109 da Weinberge, 94,662 da Wald u. Gehölze u. 221,614 da Heiden. Producte: Schiefer, Kreide, Kalksteine, lithographische Steine, Marmor, Alabaster, Asbest, Eisen-, Blei- u. Kupfererze, wenig Gold u. Silber, Steinkohlen, Mineralquellen; Getreide, Wein, Kartoffeln, Hülsenfrüchte; Rindvieh, Pferde, Esel, Manlthiere, Schafe, Schweine, Ziegen rc. Der Ackerbau ist noch wenig fortgeschritten, die Viehzucht dagegen steht auf ziemlich hoher Stufe. Die Industrie ist unbedeutend; es gibt im Dep. Steinkohlen-, Blei- u. andere Bergwerke, Eisenhämmer, Hohösen, Fabriken für grobe Tuche, wollene Strümpfe, Cadis, Leinwand, Hüten, landwirthschaft- liche Gerüche, Wollen- u. Baumwollenspinnereien, Gerbereien, Destillerien, Nagelschmieden, Ziegelbrennereien rc. Der Gesammtwerth der industriellen Producte beträgt jährlich etwa 12 Mill. Frcs. Volksbildung: 1872 gab es in dem Dep. unter 100 Bewohnern über 6 Jahre 14,z Ununterrichtete, in ganz Frankreich 33,4. Au höheren Unterrichtsanstalten besitzt es 3 Communal- Colleges u. eine freie Secundärschule. Es bildet ferner die Diöcese des Bischofs von Gap u. ge- hört zum. Appellhofe u. zur Akademie von Grenoble. Eintheilung in die 3 Arr. Gap, Brianxon u. Embrun mit zusammen 24Cantonen u. 189 Gern. Hauptort ist Gap. Das Dep. ist ein Theil der alten Dauphine (s. d.). H- Berns. liautes8e (fr.), Hoheit, Würde, Ansehen; sranz. Anrede an den Großsultan. ttautour (fr.), Höhe, Anhöhe; Stolz, Amnaß. ung, Übermuth. klaute vvILe (fr., d. i. hoher Flug) eigentlich der höhere Rang (Adel), dann aber die feinere, vornehmere Gesellschaft. Hautfarne, s.v.w.L/msrwxllMaesas.s. Farne. Hautflügler (Aderflügler, Immen, II)'meuv- xtsra), Ordnung der Jnsecten, mit 4 häutigen Flügeln, die von wenigen astsörmig verzweigten Adern durchzogen sind und nur selten fehlen oder hinfällig sind; die vorderen sind länger u. breiter als die Hinteren; das Bruststück ist von einer harten Horndccke umgeben und seine drei Ringe sind mit einander verwachsen; der Kops steht senkrecht, so daß der Mund nach unten gerichtet ist; Oberlippe und Oberkiefer sind deutlich, letztere sehr stark, hornartig und gezähnt; Unterkiefer u. Unterlippe sind oft verlängert und werden dadurch zum Lecken geeignet. Außer den 2 Netzaugen besitzen sie noch 3 Punktaugen auf der Stirne. Die Kiefertaster sind 4—6gliedrig, die Lippentaster gewöhnlich 4gliedrig, die Fühler stehen an der Stirn zwischen den Augen, sind entweder mit verlängerten Schaftgliedern versehen oder aus ziemlich gleichmäßigen Gliedern gebildet; der Hinterleib ist 3—9ringlig und zuweilen gestielt; das Weibchen hat entweder einen Legestachel in Form einer Säge, eines Bohrers rc., oder einen Giftstachel, der im Hinterlcibsende gelegen u. von 2 seitlichen Klappen umschlossen ist, aus Chitin besteht und theils zum Betäuben der Beutethiere, theils zur Vertheidigung dient. Beim Stich bleibt die mit Widerhäckchen versehene Spitze in der Wunde sitzen, in welche sich Flüssigkeit aus einer im Hinterleib gelegenen Gistblase ergießt u. Anschwellung u. Schmerz an der betroffenen Stelle verursacht. Den Stachel muß man zur Verhütung von Geschwüren aus der Wunde entfernen. Ammoniak und Spiritus heben den Schmerz. Die Beine sind meist lang u. dünn, die Füße 5gliedrig, das letzte Glied mit Haftlappen. Die Verwandlung der H. ist eine vollkommene; die Larve ist entweder fußlos (madenartig), hat dann einen als Blindsack endigenden Magen u. lebt als Schmarotzer in Thieren u. Pflanzen, oder wird von den Weibchen resp. Arbeitern gefüttert; oder sie hat vorn 3 u. hinten 6 bis 8 Beinpaare u. lebt frei (Asterraupen). Diese Jnsectenordnung ist in 15,000 bekannten Arten über die ganze Erde verbreitet. Trotz ihrer unscheinbaren Größe und wenig auffallenden Färbungen spielen die H. doch in der Natur eine ganz bedeutende Rolle, indem einige durch Uebertragung des Blüthenstaubes die Pflanzen befruchten, andere die zu große Vermehrung anderer Jnsecten hemmen. Ihre Lebensweise bietet sehr viele anziehende Momente dar, einige in ihrem geselligen Staatenleben, andere in ihrem Einzelleben. Daher hat man den H-n auch den ersten Platz unter den Jnsecten eiugeräumt. Die H. werden in 3 Gruppen getheilt nach ihrer Lebensweise u. der Nahrung ihrer Larven: I.Gr.: Gift- stachler (Loulsata), mit den Familien Bienen (L-plaria), Grabbienen (4närsnstias), Wespen (Vsaparia), Grabwespen (Ornbrouina), Wegwespen (kompiliäs-s), Verschiedengeschlechtige (Rstsro- §)-va), Goldwespen (Oiirz-siäiäas), Ameisen (§or- miearlas); 2. Gr.: Jnsectensresseude (künbomo- pkmKa) mit den Familien: Schlupfwespen (lob- noumoviäas) u. Gallwespen (O^nipiäus); 3. Gr.: Pflanzenfresser (?bz-topsta§a) mit den Fam. Blattwespen (lkeutLreämiäas) und Holzwespen (I7ro- oerlüse). AanriS. Hautgewcbc, s. Gewebe. Hautgout — Hautkrankheiten. 75 lisntgout (fr.), feiner, den Gaumen besonders kitzelnder Geschmack, wie ihn die eigentlichen Feinschmecker lieben; auch der von Manchen geliebte Geruch u. Geschmack des nicht mehr frischen Wildes u. sonstigen Fleisches. Hanthörner (oornua oniansa) sind konische Zapfen, die bisweilen 1—2 Zoll lang sind, die Härte der Nägel haben u. ans einer Wucherung der Oberhautschüppchen (üpiäsrmis) bestehen. Ihre Entfernung geschieht durch das Messer. Hautknötchen, s. Hautkrankheiten. Hautkrankheiten (Exantheme), mit oder ohne Fieber verlaufende Krankheiten der H. Zu den mit Fiebererscheinungen verlaufenden gehören Masern, Rötheln, Scharlach, Pocken (die sog. acuten Exantheme, s. die einz. Art.). Die fieberlosen H. theilt man nach ihren Ursachen ein in solche, die durch einen krankhaften Proceß der Haut entstehen, in solche, die durch thierische, und solche, die durch pflanzliche Parasiten hervorgerufen werden. L. Die durch einen krankhaften Proceß der Haut entstehenden H, zeigen je nach dem Ergriffensein der verschiedenen Gewebe der Haut verschiedene äußere Eigenthümlichkeiten; daher hat man die letzteren als Eintheilungsgrund zu folgenden Gruppen benutzt: 1) Hautröthungen, wenn die Hautkrankheit in einem vermehrten Blutzuflusse zu einer Hautstelle besteht. Hierher gehören das Erythema, s. d. Ferner gehört zu dieser Gruppe die Rossola, welche namentlich häufig bei Typhus u. Syphilis vorkommt u. in stippchen- od. hirsekorngroßeu röth- lichen Flecken auf dem Bauche, der Brust rc. besteht. 8) Hautknötchen, Papeln, bei welchen eine faserstoffige Ausschwitzung in die Hautpapillen stattgefunden hat. Hierher gehört der Lichen, gelb- roth oder braun gefärbte Knötchen ohne erhebliches Hautjucken, welche bes. bei Scrophulösen Vorkommen; dieJuckblätterchen (krnritzo), kleine mit der Haut gleichgefärbte Knötchen mit unausstehlichem Jucken, die häufig mit dem Wegbleiben der weiblichen monatlichen Reinigung, ferner bei Eierstocksleiden, bei Gelbsucht rc. Vorkommen. 3) Quaddeln, 8omp!n, beetartige, brennende oder juckende Hauterhebungen infolge einer wässerigen Infiltration der Hautpapillen. Sie werden beobachtet nach dem Genuß von Krebsen, Lalsam. Oopaivas, nach der Berührung von Brennnesseln. Bisweilen entsteht ein Ausbruch von Quaddeln über den ganzen Körper unter Fieber (Nesselfieber, Urticaria). 4) Bläschen, Vssionli, mit wässeriger Flüssigkeit gefüllte hirsekorngroße Erhebungen der Oberhaut. Hierher gehören der Bläschenausschlag (Herpes), wenn die kleinen Bläschen in Gruppen stehen — kommt vor an den Lippen (8. labialis), an der Vorhaut (8. praeputialis), am Stamme des Körpers u. zwar denselben halbkreisförmig umgebend (8. Mster, Gürtelflechte) —; ferner das Ekzema, s. d. 5) Blasen (Lukkas), s. Blasenausschlag. 6) Eiterblasen (Pustulae), wenn sich eine eitrige Flüssigkeit unter der Oberhaut ansammelt. Dian beobachtet dieselben bei Scrophulösen im Gesicht und auf dem Kopse, wo sie zu dicken Krusten eintrocknen (nässender Grind, Impetigo eapitis), bei Syphilitischen, wo unter den Borken sich Substanzverluste in der Lederhaut zeigen (Ekthyma, s. d.). 7) Schuppen (Lguamas), wenn die Oberham sich abblättert, abschilfert (Abschilferung). Hierher gehört die Kleien flechte (kitz'riasis), wenn die Schuppen mehlartig klein sind, die Schnppen- flechte (Lsoriasis), wenn sich von geröthetem, entzündetem Grunde größere silberglänzende weiße Schuppenabheben, die Fischschuppenkrankheit (lobtbz-osls), eine wol immer angeborene Hautkrankheit, bei welcher die Oberhaut auf nicht entzündeter Basis wuchert u. sich zu dicken, weißen Schuppen, bes. am Knie, an den Ellenbogen auflagert. 8) Knoten, wenn sich in der Lederhaut größere, erbsen- u. darüber große Verhärtungen bilden. Hierher gehört der Impns, die fressende Flechte, wenn die Knoten in herdweisen zeitigen Wucherungen in der Lederhaut bestehen; derselbe hat im Gesicht seinen Sitz, zehrt nicht selten die Nasenflügel, Augenlider, Wangenhaut, Lippen ans n. läßt weiße, strahlige, verzerrende Narben zurück. Ferner die Mitesser (6oinsäonss), die in einer Anhäufung von Hauttalg in den Talgdrüsen der Haut, u. die Finnen (^.ons), die in Verstopfung von Talgdrüsen n. Entzündung ihres Drüsenbalgs u. der unmittelbaren Umgebung der Drüse bestehen. Sitzen die Finnen im Barte u. bilden sie hier Knoten und Pusteln, so nennt man sie gz'eosis, Bartflechte, doch ist diese Bartflechte von der durch einen Pilz erzeugten, der 8/oosis parasitiea, einer viel böseren Form, zu unterscheiden. — Der Verlauf der obengenannten Hautkrankheiten ist oftmals ein recht hartnäckiger, in die Länge gezogener, daher stehen diese im Volksmunde im Allgemeinen mit dem Namen Flechten bezeichneten Affectionen in üblem Rufe. Dieser Ruf ist um so begründeter, wenn sie, wie sehr häufig, ihre Ursache in Erblichkeit oder in Syphilis haben; gerade die Syphilis gibt den günstigsten Boden zur Entwickelung aller möglichen Hautausschläge ab. Von den einzelnen Formen sind die Schuppenausschläge (ksoriasis) u. Knötchen u. Knoten bildenden (Inekrsn, Impns) am hartnäckigsten. — Die Behandlung zerfällt in eine örtliche und allgemeine. Die örtliche kann bestehen in fleißigen, lauwarmen Bädern, event. mit Zusatz von Ab- kochungen von Kleie, Stärke, wenn ein starker, nervöser Reizzustand der Haut vorhanden ist, in kalten und selbst Eiswasscr-Umschlägen, wenn ein Blutandrang zu einer Hautstelle stattfindet, oder vielleicht, wie z. B. bei der Rose, noch weitere entzündliche Vorgänge in der Haut zu Grunde liegen, in Abreibungen mit Kaliseife (grüner Schmierseife), wenn Wucherungen von Oberhautschuppen entfernt werden sollen, z. B. bei der Schuppenflechte, bei der Fischschuppenkrankheit, in Anwendung des scharfen Löffels, wenn herdweise oder flächenhafte zeitige Wucherungen, wie beim Impns u. dem mit wuchernden Granulationen bedeckten Unterschenkel-Ekzema, vorhanden sind, in Anwendung von Salben u. Bädern, denen man eine specifische Wirkung auf Flechten zuschrcibt: Theer-, weiße Quecksilberpräcipitatsalbe, Schwefelbäder. Die allgemeine Behandlung richtet sich bes. nach zugrunde liegenden Ursachen. L. Zu den durch thierische Parasiten erzeugten H. gehört bes. die Krätze, s. d. 0. Die durch pflanzliche Parasiten erzeugten H. 76 Hautkrebs sind: 1) Die Kleienflechte (kitzwiasis vorsioolor), s. Flechten (Med.). 2) Der Erbgrind, so v. w. Favus, s. d. 3) Die haarscheerende Flechte (Herpes bansurans), von stNioboxlizckcm bonsurans erzeugt, s. Flechten. Derselbe Pilz kommt vor im Barte bei der 8zwosis parasities-, unter den Nägeln (Onzwllomz'eosis) u. auch bisweilen an unbehaarten Körperstellen (Horpes eiroinimtus, UiuZ- rrorm der Engländer). Nur eine sorgfältige und schleunige Zerstörung des Pilzes kann vor dem oftmals bleibenden Verlust der Kopfhaare und der Nägel schützen. Kunze. Hautkrcbs, s. Krebs. Hautmont, Stadt im Arr. Avesnes des franz. Dep. Nord, an der Sambre; Station der Franz, u. der Belg. Nordbahn; bedeutender Eisenhammer u.Hohofen,Glashütte, Nägclfabrik,Marmorsägewerk, Bierbrauerei, Korn- und Ölmühlen, Handel mit Getreide, Wein, Eisen n. Steinkohlen; 4906 Ew. Hantmuskeln, -nerven re., s. Haut. Hautpoul, 1) Marie Constant Fidele Henri Amand, Marquis v., franz. General, geb. 1780 im Schlosse Lasbordes in Languedoc; erhielt seine militärische Bildung auf der Polytechnischen Schule in Paris u. der Artillerie- u. Ingenieurschule zu Metz. 1803 in die reitende Artillerie ausgenommen, war er beim Occupations- heer in Hannover u. 1805 unter Murat bei Ulm n. Austerlitz. In Spanien (1808) zun, Stabsmajor der Artillerie erhoben, führte er mehrere wichtige Expeditionen ans; 1809 bei Wagram verwundet, wurde er von Napoleon auf dem Schlachtfeld«: zum Gardecapitän ernannt; 1812 begleitete er Napoleon nach Rußland, wo er in Moskau zuni Reichsbaron ernannt wurde. 1813 zum Oberstlieutenant der alten Garde ernannt, kämpfte er bei Großgörschen, Bantzen u. Dresden. Nach Napoleons Abdankung war er einer der ersten, welche Ludwig XVIII. huldigten, u. reorganifirte nach der zweiten Restauration die reitende Artillerie, wurde 1819 Marechal de Camp, 1823 Generalinspector in den Pyrenäen u. später Generalinspector der königl. Artillerie- u. Militärschule Frankreichs. In der Julirevolution 1830 hielt er treu bei Karl X. u. vertheidigte das Jnvalidenhotel. 1833 wurde er auf kurze Zeit Hofmeister des Herzogs v. Bordeaux in Prag, zog sich dann von Allem zurück u. starb 15. Juni 1853 in Paris. 2) Alphonse Henri, Graf v., franz. General, Bruder des Bor., geb. 4. Januar 1789 in Versailles, trat 1805 in die Militärschule zu Fontainebleau; wurde 1806Unter- lientenant u. nahm theil an den Schlachten von Jena, Eylau u. Friedland; ging 1808 mit nach Spanien, stieg während des Feldzugs in Portugal 1811 zum Capitän, wurde bei Salamanca 1812 gefangen u. nach England abgeführt. Nach seiner Rückkunft nach Paris wurde er beim Generalstabe angestellt. In den 100 Tagen blieb er den Bourbonen treu u. wurde nach der zweiten Restauration Oberst. Im Spanischen Feldzuge 1823 war er Commandant eines Garderegiments, wurde 1828 Generalmajor u. 1830 Director des Kriegswesens. Im Juni dess. I. wurde er zum Präsidenten des Wahlcolleginms im Audedepartement u. zu Carcassonne zum Deputirteu gewählt. In Len Jnlitagen suchte er die Truppen für die könig- — Hauy liche Sache zu erhalten. Ohne sich der Regierung Ludwig Philipps anzuschließen, nahm er bis zur Auflösung der Kammer von 1831 an den Ver- Handlungen theil. 1832 zog er sich auf seine Besitzung Saint-Papoul im Audedepartement zurück, wurde 1834 vom Arrondissement Montpellier zum Vertreter gewählt, 1838 zum Commandanten der 11. Militärdivision, 1841 zum Generallieutenant, 1842 zum Obercommandanteu zu St. Omer, u. im Nov. dess. I. zum Oberbefehlshaber der 3. Militärdivision zu Marseille befördert. Von der Provisorischen Regierung des Febr. 1848 außer Activität gesetzt, wurde er 1849 zum Repräsentanten in die Gesetzgebende Versammlung gewählt u. im Oct. d. I. zum Kriegsminister u. provisorischen Minister des Auswärtigen ernannt. Ain 22. Öct. 1850 als Kriegsminister entlassen, übernahm er die Oberstatthalterschaft in Algerien, wurde aber im April 1851 abberufen. Beim Staatsstreiche erklärte er sich für Louis Napoleon und ging bald darauf in diplomatischer Mission nach Madrid. Zurückgekehrt, wurde er Großreferendar des Senats u. st. 28. Juli 1865. 3) s. Beaufort d'HaUtponl. Hcnnc-Am Rhyn.» Hautrelief (ital. aito rslievo), im Unterschied einerseits von Rundfigur, anderseits von Flachrelief, diejenigeplastisch-figllrlicheDarstellung, welche die Formen in einer dem halben Durchschnitt der Naturform sich nähernden Erhabenheit aus der Fläche hervortreten läßt. Die H-s werden thsils bei Porträtköpfen, in Medaillonformat, theils — bei zusammengesetzten Compositionen — in rechtwinkelig abgeschlossenen Flächen ausgeführt und dienen in letzterem Falle meist zur Ausschmückung von Deukmalspiedestalen mit gewöhnlich allegorischem Darstellungsinhalt. Vgl. Relief. Schasler. Hautröthe, s. Hautkrankheiten. Hautschrunden (RImZuäss, Aufgesprungene Haut), trockene oder auch nässende oder leicht eiternde Risse, vorzüglich an den Handflächen und Fußsohlen, den Lippen, am After, den Geschlechts- theilen, Folge der Kälte oder von Anstrengung rc., häufig von Ausschlägen (z. B. der Krätze), auch von inneren Ursachen, z. B. durch Lustseuche, Scrofeln; gehen meist leicht vorüber, sind bisweilen (z. -B. am Aster) aber sehr schmerzhaft u. können bei Vernachlässigung in Geschwüre ausarten. Hautwanzen (A.os.ntlriaäas), Familie derLand- wauzen mit dreigliederiger Schnabelschneide, der Schnabel in einer Rinne an der Kehle. Sie sind meist mit lappigen oder blasigen Fortsätzen und Auswüchsen versehen, die ihnen oft ein sehr sonderbares Aussehen geben. Daher der Name H. Hierher namentlich die Bettwanze (s. L.) Farwick. Hautwassersncht, s. Wassersucht. Hauy, 1) Renö Just., hervorragender Mine- ralog, geb. 28. Febr. 1743 zu St. Just in der Picardie, wo sein Vater Weber war; wurde Geistlicher, entdeckte die Gesetze der Krystallisation und wurde so Schöpfer eines neuen, auf mathematische Grundlage gestützten mineralogischen Systems. Er war über 20 Jahre Lehrer am College des Car- dinals Lemoine, wurde 1783 Adjunct der Akademie der Wissenschaften in der Klasse der Botanik, mußte aber diese Stelle als nicht geschworener Priester 1792 anfgeben; wurde unter dem Consulat Ober- 77 Hauyn — Havarie, Haverei, Avaric. aufsehcr der Mineraliensammlungen der iLeols äss min an u. Lehrer an der Normalschule, Secretär der zur Einrichtung des Maßes u. Gewichts nach dem Decimalfuß ernannten Commission, Professor am naturhistorischen Museum u. an der Universität, u. st. 3. Juni 1822 zu Paris. Er schr.: Lssai ä'nns blrsoris sur la sbrnoturs «Iss erisbanx, Par. 1784; Exposition äs In tlleoriv äs I'sisotrioits et än maxnetisms, ebd. 1787 (deutsch von Mnr- hard, Lpz. 1808); Maits äs ininsraloAio, Paris 1801, 4 Bde., n. Ausl. 1822 (deutsch von Karsten u. Weiß, Lpz. 1804—10); Matts äs pllxsigus, Par. 1803, 2 Bde., n. Ausl. 1806 u. 21 (deutsch von Blumhof, Wenn. 1804, von S. Weiß, Lpz. 1802); Padlsan oowparattvs äss rssnttats äs la eristalloxraplüs, Par. 1809; Oss earaotsres pli^s. äss pisrrss pröoisusos, ebd. 1817; Platte äs sristalloAraptüs, ebd. 1822, 2 Bde. Sehr zahlreiche Abhandlungen in wissenschaftlichen Fachschriften. 2 ) Valentin, Bruder des Vor., geb. 13. Nov. 1745; errichtete in Paris zwei Blindenunterrichtsanstalten u. legte 1806 mit seinem Schüler Fournier ein kaiserliches Blindeninstitnt in Petersburg an, u. starb 18. März 1822 in Paris. Er schr.: Hssat sur t'öänsation äss avsn^Iss, Paris 1786; Asmotrs kistorigus snr Iss tsIvKrapllss, ebd. 1810. U r. 2) Schroot. Hauyn, Mineral, tesseral, meist in Dodekaedern, häufig in einzeln eingewachsenen krystallinischen Körnern, Bruch flachmnschelig bis uneben, spröde, Härte 5 — 6, spec. Gew. 2,^ — 2^; himmelblau, lasurblau, braun in verschiedenen Nuancen, bis pechschwarz, glas- bis fettglänzend, durchsichtig bis durchscheinend; besteht ans Kieselsäure, Thonerde, Natron, Kali, Kalkerde und Schwefelsäure; vor dem Löthrohr zerknistert er, entfärbt sich und schmilzt zu einem blasigen Glas; findet sich am Albaner See, in den Laven der Umgegend von Rom, am Vesuv u. Monte Somma, u. Niedermendig bei Andernach, sowie in den Lesesteinen von Laach. Lehmann. Havanna (San-Cristobal de laHabana), Hauptstadt der Insel Cuba u. des ganzen span. Westindien, ans der westl. NKüste in einer Ebene, an der Mündung des Lagida; einer der wichtigsten Handelsplätze von Amerika; stark befestigt, Hafen, der gegen 1000 Schisse fassen kann, große Schiffs- werste u. Docks; Sitz des Generalcapitäns, eines Bischofs, hat Kathedrale (darin die 1796 von S. Domingo herübergebrachten Gebeine Colombos); Universität (1728 gegründet, zählt etwa 300 Stu- direndc), geistliches Seminar, patriotische Gesellschaft, Schifffahrtschnle, Botan. Garten, Irrenanstalt, Seearsenal, Zollhaus, 3 Theater, Circus zu Stiergefechten, Gesellschaft für Ackerbau, Industrie u. Künste, Wasserleitung, herrliche Anlagen in der Stadt u. Umgebung rc. Die Stadt steht durch directe Dampserlinien mit Europa u. dem amerikanischen Festlande und durch Eisenbahnen mit allen Theilen der Insel Cuba in Verbindung. Die Gewerbthätigkeit der Stadt gipfelt in der Fabrikation von Cigarren, die auch den Hauptanssnhrartikel bilden (etwa 180,000 Mille jährlich); außerdem werden ausgesührt: Tabak (20 Mill. Pfd.), Zucker (5 Will. Psd.), Rum (12 bis 14,000 Fässer), Melasse, Kaffe rc. Die Einfuhrartikel bestehen neben Steinkohlen u. Bauholz ausschließlich ans Lebensmitteln. Den Werth der Ein- u. Ausfuhr schätzt man auf 40 Mill. Doll. Die Zahl der jährlich ein- u. anslaufenden Schiffe beträgt 1800 — 2000. Die Spanier halten hier eine bedeutende Garnison, auch ist H. die Station der spanisch-westindischen Flottille. Durch zweckmäßige Einrichtungen ist das früher ungesunde u. bes. wegen des Gelben Fiebers verrufene Klima der Stadt so verbessert worden, daß sie jetzt als klimatischer Kurort gilt. Die Zahl der Bewohner, 1821 140,618, bei der Zählung vom Dec. 1860 196,847, ward 1873 auf 230,000 geschätzt. — Der Hafen von H. wurde 1508 von Sebastian de Ocampo entdeckt, die Stadt H. aber 1511 von Spaniern unter Diego Velasquez an der SKüste in der Nähe des jetzigen Hafens Batabano angelegt, von dieser ungesunden Gegend auf die heurige Stelle verlegt, 1519. 1563 von einem französischen Seeräuber erobert, ist sie wiederholt von Engländern u. Franzosen, ein zweites Mal von Seeräubern u. zuletzt (14. Aug. 1762) wiederum von den Engländern genommen worden, wurde aber infolge des Pariser Friedens 1763 an die Spanier znrückgegc- ben, in deren Besitz sie seitdem geblieben ist. Schroot. Havarie, Haverei, Avarie (engl. ^verng-g, holl. imvarij, abgeleitet aus dem arab. arvär, Gebrechen, Schaden), nach neuerem Seerechtdie außerordentlichen Unkosten u. Schäden, welche ein Schiff von der Zeit des Ladens bis zum Löschen auf der Seereise infolge von Unfällen ohne Verschulden des Schifffllhrers treffen. Diese H. thcilt sich in a) ein- sache, besondere, particuläre H., womit alle nicht totalen L-chäden n. Verluste bezeichnet werden, welche sich durch die gewöhnlichen aus jeder Reise vorkommenden Zufälle, jedoch ohne Absicht u. Vorsatz, an Schiff oder Ladung ergeben und daher von den dabei unmittelbar betroffenen Theil- nehmern zu tragen sind (vergl. Deutsches Hand.- Ges.-Buch Art. 703); b) die kleine (ordinäre) H., alle Unkosten u. Abgaben in den Häfen, die Bezahlung der Lootsen, Zölle, Quarantainegelder u. dgl.; diese Art H. behandelt das Deutsche H.- G.-B. nicht als H. und weist deren Tragung im Art. 622 nur dem Verfrachtenden allein zu; e) große (allgemeine) H., auch Havereigroße, sind alle Schäden, welche dem Schiffe od. der Ladung oder beiden znm Zwecke der Errettung beider aus einer gemeinsamen Gefahr (gleichviel ob dieselbe durch Verschulden eines Dritten oder auch eines Betheiligten, oder durch den Zufall herbeigeführt ist) von dem Schiffer od. auf dessen Geheiß vorsätzlich zugefllgt werden, sowie auch die durch solche Maßregeln ferner verursachten Schäden, ingleichen auch die zu diesem Zwecke aufgewendeten Kosten. Sie wird von Schiff, Fracht u. Ladung gemeinschaftlich getragen (Art. 702 des D. H.-G.-B.). Fällt einem Betheiligten ein Verschulden der Gefahr zur Last, so kann derselbe nach Art. 704 nicht allein wegen der ihm etwa entstandenen Schäden keine Vergütung fordern, sondern er ist auch den Beitragspflichtigen für den Verlust verantwortlich, welchen sie dadurch erleiden, daß der Schaden als große H> zur Vertheilung kommt. Ist die Gefahr durch Verschulden einer Person der Schiffsbesatzung veranlaßt, so hat der 78 Hav6 — Rheder für die Folgen des Verschuldens einzustehen. H-vertheilung tritt nur ein, wenn sowol das Schiff, als auch die Ladung und zwar jeder dieser Gegenstände entweder ganz oder theilweise wirklich gerettet worden ist. Bei der Schadenberechnung bleiben die Beschädigungen u. Verluste außer Ansatz, welche die nicht unter Deck geladenen Güter, die weder durchComwssement noch durch Manifest od. Ladebnch kenntlich gemachten Güter, die Kostbarkeiten, Gelder u. Werthpapiere, welche dem Schiffer nicht gehörig bezeichnet sind trafen. Der gesammte Schaden, welchen die große H. bildet, wird über das Schiff, die Ladung und die Fracht nach Verhältniß des Werthes n. des Betrages derselben vertheilt. Das Schiff trägt bei nach seinem Werthe am Ende der Seereise mit Hinzurechnung des H-schadens; doch sind Reparaturen u. Anschaffungen, welche erst nach dem H- sall erfolgt sind, abzuzichen. Die Ladung trägt bei mit den bei der Löschung vorhandenen Gütern oder bei Verlust des Schiffes mit den in Sicherheit gebrachten Gütern, soweit dieselben in beiden Fällen bei dem H-fall an Bord des Schiffes od. eines Leichterfahrzeugs waren, u. mit den aufgeopferten Gütern. Die Fracht endlich trägt bei mit 2 Dritteln des verdienten Bruttobetrages u. des Betrages, welcher als H. in Rechnung kommt. Dagegen tragen Überfahrtsgelder nur mit dem Betrage bei, welcher im Falle des Verlustes des Schiffes eingebüßt wäre, aber nach Abzug der alsdann in Ersparung kommenden Unkosten. Nicht beitragspflichtig zur großen H. sind die Kriegsund Mundvorräthe des Schisses, die Heuer und Effecten der Schiffsbesatzung, die Reisceffecten der Reisenden (Art. 718—725). Zur Feststellung, ob H. u. welche Art derselben vorliegt, hat der Schiffer wfort bei Ankunft am Bestimmungsorte oder im Nothhafen, oder bei Verlust des Schiffes an dem Bergungsorte der Ladung bei der zuständigen Behörde über den Hergang des H-falles genauen Bericht zu erstatten u. sammt der Mannschaft als Zeugen die Darlegung (Verklarung, Seeprotest) zu beschwören, worauf dann durch eigens dazu ernannte Sachverständige die Dispache (s. d.) ausgestellt wird. Zum Schutze gegen die Verluste der H. dient die Assecuranz. Vgl. Deutsches Haud.- Ges.-B. Art. 702—735; Schneider in der Zeitschr. f. Handelsrecht XXI.; von Kaltenborn, Seerecht, 2. Bd., Berl. 1851. Usve (avs, lat.), sei gegrüßt! lebe wohl! bes. ans Grabsteinen: Ü. pia anima (lebe wohl, liebe Seele); vgl. L.vs Llaria. Havel, Nebenfluß der Elbe, entspringt in Mecklenburg-Strelitz, nordwestl. von Neustrelitz, aus dem Dambecker See, fließt in südöstl. Richtung durch mehrere kleine Seen, erreicht die Grenze der preuß. Prov. Brandenburg oberhalb Fürstenberg, bildet unterhalb dieses Ortes den Stolp-See, geht ganz in Brandenburg über n. strömt alsdann in südlicher Richtung bis Spandau. Oberhalb dieser Stadt erweitert sich das Flußbett seenartig und behält auch diese Eigenschaft bis Priherbe. Von Spandau bis Plaue fließt die H., mit Ausnahme kurzer, erst nach SW. u. dann nach NW. gerichteter Strecken ihres Laufes, in westl. Hanptrichtung, bald bis zu 600 m n. bald nur 60 m breit. Zu Havelland. den Seen dieser Strecke gehören: der Tegler-. Fahrland-, Jungfern-, Schwilow-, Beetz-, Breitling- u. Plauer-See. Nach ihrem Austritte aus dem letzteren See wendet sich die H. nach NW. u. behält diese Richtung, von dreimaligen kürzeren Abweichungen nach N. abgesehen, bis zu ihrer Mündung bei dem Dorfe Quitzöbel, Werben gegenüber. Auf dieser letzten Strecke, wo sie 106 bis 160 m breit ist, bildet sie meist die Grenze zwischen den Provinzen Brandenburg u. Sachsen; die Mündung gehört wieder zu Brandenburg. Die Quelle der H. ist nur 94 km von der Mündung entfernt, während die Länge ihres ganzen Laufes 356 km beträgt, von denen innerhalb des preuß. Staates (von Fürsteuberg an abwärts) 330 km schiffbar sind. Ihr Gebiet umfaßt 26,303 s^skm (478 UM). Die Schifffahrt auf derselben wird Lurch den 2 km langen Boß-Kanal bei Liebenwalde, der zum Finow-Kanal führt, den 7 km langen Mälzer Kanal oberhalb Oranienburg und den 9 km langen Oranienburger Kanal zwischen Sachsenhausen u. Pinnow abgekürzt u. erleichtert; ferner steht die H. durch den Finow-Kanal mit der Oder u. durch den Plaueschen Kanal mit der Elbe in Verbindung. Nebenflüsse der H. sind: Woblitz, Spree, Plane, Nuthe, Stremme, Rhin, Dosse u. Jäqlitz. H- B-cns. Havelbcrg, Stadt im Kreise Westpriegnitz des preuß. Regbez. Potsdam, unweit der Mündung der Havel in die Eibe; besteht aus der eigentlichen Stadt auf einer Havelinsel u. den 6 Berggemeinden auf dem rechten hohen Ufer der Havel, die seit 1875 sammt der Gemeinde Dom-H. der Stadt eiuverleibt sind; schöne Domkirche (von 1385—1411 erbaut), Landarmenhaus, Zuckerraffinerie, Bierbauerei, Schiffbau, Schifffahrt, Ackerbau; Freimaurerloge: Tempel zur Freundschaft, Garnison; (1875) 6907 Ew. Eine hölzerne Brücke führt über die Havel zu den jenseit derselben gelegenen sieben Bergen, wo die Domkirche (sonst Domstift) steht. — Das Bisthum H. soll 946 von Otto dem Großen errichtet worden sein; die Bischöfe residirten aber gewöhnlich in Wittstock. 1548 wurde das Bisthum säcularisirt, das Domstift aber protestantisch, und bestand bis 30. Oct. 1810. 979, 981 und 1107 wurde H. von den Wenden erobert u. verwüstet. Nach Albrechts des Bären Zeit kam es an die Kurfürsten von Brandenburg. Im Dreißigjährigen Kriege wurde es 1627 von den Kaiserlichen u. 1631 u. 1636 von den Schweden erobert, wobei es viel litt. 1648 kam H. an Brandenburg zurück. 1813 hier Vernichtung einer franz. Division bloß durch preuß. Landwehr. 1870 große Feuersbrunst. H- Berns. Havelland, Landschaft im preuß. Regbez. Potsdam, umfaßt hauptsächlich das Gebiet der Stadt Potsdam u. der jetzigen Kreise West- u. Ost-H.; 2530 s^jkm (45,, s^M). Es bildet eine Insel, welche im O-, S. u. W. von der Havel und im N. vom Rhin u. dem Ruppiner Kanal begrenzt wird. Die Oberfläche besteht theils aus äußerst tiefliegenden Wiesenstrichen, theils aus meist sandigen Hügelflächen. In der Mitte wird die Landschaft von dem Havelländischen Luch, das etwas über 30 m Meereshöhe hat und zwischen Nauen u. Friesack am breitesten ist, and im N. und am 79 Havelock — Rhin von dem Rhinluch durchzogen. Sowol das Havelländische wie das Rhinluch, die mehrfach mit einander in Verbindung stehen, waren ehemals unwegsame Bruchgcgenden, sind aber durch Anlage von Kanälen (Großer u. Kleiner Hauptgraben, letzterer auch Friesacker Kanal genannt, s. d.) u. Gräben 1718—24 unter Friedrich Wilhelm I. entwässert u. größtentheils trocken gelegt worden und enthalten gegenwärtig vorzugsweise Wiesen-, aber auch Ackerland. Vier Hiigelflächen (das Plateau von Ryinow, das von Friesack, das vonFehr- bellin und das von Gliu), größtentheils mit sehr sandigem Boden, werden von Theilen des Luches eingeschlossen. Im S. steigt das H. zu einer 60 bis 80 in erhabenen, zum Theil hügeligen Hochfläche mit zum Theil recht gutem Boden an. H- Berns. Havelock, Sir Henry, berühmter engl. Militär, geb. 5. April 1795 in Bishops-Wearmouth bei Sunderland in der engl. Grafsch. Dürham; studirte erst Jurisprudenz, trat jedoch 1815 als Secondelieutenant bei Len Jägern in die Armee ein, ging 1823 nach Ostindien, kam 1824 in den Generalstab Sir Archibald Campbells, zeichnete sich in dem Birmanischen Kriegs aus u. wohnte 1826 den Friedensverhandlungen mit dem Hofe von Ava bei. 1838 nahm er als Hauptmann unter General Willoughby Cotton am Feldzug gegen Afghanistan theil, war beim Sturm von Ghasna n. der Einnahme von Kabul (1839) und wurde 1842 für seine Betheilignng am Kampfe gegen Mohammed Akbar Brevetmajor und 1843 focht er als wirklicher Major unter General Lord Gongh in Gwalior, wurde nach der Schlacht vonMaha- radschpur 1844 Oberstlieutenant, stand bis 1848 in Bombay, Ceylon u. Madras und kehrte 1849 aus Gesundheitsrücksichten nach England zurück. 1851 ging er wieder nach Ostindien, wurde Oberst «. Generalquartiermeister in Bombay. 1856 com- mandirte er als Brigadegeneral im Feldzuge gegen Persien, kehrte im Mai 1857 nach dem Ausbruche der Seapoys-Revolution nach Ostindien zurück, übernahm den Befehl über das zum Entsätze von Lacknau u. Cawnpore bestimmte Corps, schlug Nena Sahib 12. Juli bei Futtehpore, vertrieb die Insurgenten 16. Juli aus Cawnpore, 21. Sept. die Seapoys bei Mungulvar u. dann bei Alnm Bagh u. drang daraus unter furchtbaren Kämpfen in Lucknow ein, wo er nun mit General Jnglis vereinigt von den Rebellen bis zum Entsatz durch Sir Colin Campbell (später Lord Clyde) im Nov. belagert wurde. Kurz darauf, 22 . Nov. 1857, st. H-, zum Generalmajor u. Commandeur des Bath- ordens ernannt, in Alnm Bagh an der Ruhr. Er schr: Iliakor^ ok tbs^.va oampaixns, Lond. 1827; Usmoir ok bbs ^.tzlian oampniAn, Lond. 1841; vgl. W. Brock, 8ir kksnr^ 8., a bioZrapbioal oüsteb, Lond. u. Leipz. 1858; Marshman, LIs- moirs ok Vir Ilsnrz- 8., Lond. 1860, 4. Aust. 1870. Bartling. Havemann, 1) August Konrad, bedeutender Veterinär, geb. 1755 zu Radbruch bei Lüneburg, gest. 26. Juli 1819 ; studirte Thierheilkunde, wurde 1778 an die Thierarzneischnle von Hannover berufen, trat hier nach Kerstings Tode vollständig in dessen Stellung ein und wurde später mit der Leitung der Schule betraut. Als Schriftsteller hat - Haverhill. er sich bes. durch sein Handbuch über die Beur- theilung des äußeren Pferdes bekannt gemacht, welches 1792 zuerst erschien. 8) Wilhelm, Historiker, geb. 27. Sept. 1800 in Lüneburg; studirte Jurisprudenz, wurde 1822 Lehrer an einem Privatinstitut in Darmstadt, aber dort demagogischer Umtriebe wegen verhaftet, erst nach Wetzlar, dann nach Berlin u. zuletzt nach Köpenick gebracht. Nach 5jähriger Hast erhielt er 1829 seine Freiheit wieder, hielt dann in Hannover historische Vorlesungen, wurde Lehrer der Geschichte und der Deutschen Literatur an der Generalstabs- Akademie in Hannover, 1831 Lehrer an dem Pädagogium in Ilfeld und 1830 Professor der Geschichte, 1850 Mitglied der Societät der Wissenschaften in Göttingen, wo er 23. Aug. 1869 st. Er schr.: Geschichte der italienisch-französ. Kriege von 1494—1515, Hann. 1833—35, 2 Bde.; Geschichte der Lands Braunschweig n. Lüneburg, Lüneb. 1837 f., 2 Bde., 2. Aust., Gött. 1853—57, 3 Bde. (bis 1815); mehrere Biographien (des Herzogs Magnus II., des Propstes Michael Neander re.); Handbuch der neueren Geschichte, Jena 1840—44, 3 Bde.; Geschichte des Ausgangs der Tempel- Herren, Smtt. 1846; Darstellungen aus der Geschichte Spaniens während des 15., 16. und 17. Jahrh., Gött. 1850; Leben Don Juans d'Austria, Gotha 1865; Das Knrfürstenthnm Hannover unter lOjähriger Fremdherrschaft 1803 — 18, Jena 1867. 1841—48 war er Redacteur der Göttinger Gelehrten Anzeigen, i) Schmidt. 2 ) A. Duncker.* Havercamp, Sigebert, holl. Philolog, geb. 1684 in Utrecht; studirte in seiner Vaterstadt il. in Leyden, war zuerst Prediger auf der Insel Overflakkee in Holland, wo er Tertullians Lgwlo- Aeiiens herausgab, dann Professor der Griech. Sprache, Geschichte und Beredtsamkeit in Leyden und st. 1742; er schr.: Hissnnrus LlorsUianus nnmismatum kamilinrum rom., Amsterd. 1734, 2 Bde., Fol.; Lbss. LlorsII. nnm. impsrnbornm, ebd. 1752, 3 Bde., Fol.; Iluinopli^laoiiiln rs§i- uas 6brisbinas, Haag 1742, Fol.; 8Mo§s I. ob II. seripbornm cko rsota sb vorn pronnnoiabiono linAuas Zraeeno, Leyd. 1735—40, 2 Bde., u. m. a. Außerdem gab er den Lucretius, Josephus, Sal- lust u. a. m. heraus. Eichhoff. Haverei, so v. w. Havarie. Haverford, Städt. Bez. im Delaware County des nordamer. Unionsstaates Pennsylvanien, an der Columbia-Eisenbahn: hier H.-College mit chem. Laboratorium, Observatorium und trefflicher Bibliothek. Haverfordwest, Stadt in der Grafschaft Pein- broke des engl. Fürstenthnms Wales, an dein in den Hafen von Milford mündenden Cleddy, ans dem mit der Fluth Schiffe bis zu 100 Tonnen bis zur Stadt kommen; terrassenförmig am Abhange eines Hügels erbaut, mit vielen engen u. steilen Straßen; 9 Kirchen, Schloß (jetzt Gefäng- niß), Nachhalls, Markthalle, Literarisches Institut, Schifffahrt, Fischfang; 6622 Ew. Haverhill, Stadt im Essex County des nord- amerik. Unionsstaates Massachusetts, am hier schiffbaren Merrimac, Bradford gegenüber; Eisenbahnstation, bedeutende Wollwaaren-, Schuh- u. Hutfabrikation; 13,100 Ew. 80 Haveric - Havcrie, so v. w. Havarie. Haverstraw, Poststaüon im Rockland County des nordamer. Unionsstaates New-Dork; 4113 Ew. Havtla (Chavila) (a. Geogr.), in der Genesis, der Wohnsitz der Nachkommen Jsmaels, reich an Gold u. Bdellinm, das jetzige südl. Arabien. Haviidar (Havaldar), in den Seapoys-Regi- mentern des brit. Ostindiens ein höherer Unteroffizier, ungefähr unserem Sergeant entsprechend. Havin, Leonor Joseph, franz. Pnblicist, geb. 1799 zu Saint-Lo; ging infolge des Gesetzes vom 12. Jan. 1816, das über Alle, welche für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt hatten, die Verbannung anssprach, mit seinem Vater, dcrnnterdiesen gewesen war, nach England u. Belgien, kehrte 1820 nach Frankreich zurück u. stellte sich zu Caen an die Spitze der jungen Liberalen. 1830 Friedensrichter in Saint-Lo, darauf 1831 zum Maire von Thorigny u. zugleich zu-m Deputirten für das Dep. Manche gewühlt, nahm er auf der Linken seinen Platz, legte 1835 seine Stelle als Maire nieder, bekleidete 1839—42 eine der Secretärstellen in der Kammer, mußte jedoch auf Guizots Betrieb dieselbe aufgeben, blieb aber Kammcrmitglied bis 1848 u. war namentlich Berichterstatter iiber das Reformbankett zu Thorigny; nach der Februar- Revolution wurde er vom Dep. Manche in die Constituirende Versammlung und 1849 in den Staatsrath gewählt; seit 1851 war er Director des Lieels, lehnte 1857 eine Wahl in den Gesetzgebenden Körper ab, nahm aber 1863 eine solche an, wirkte für die demokratischen Interessen u. st. 12. Nov. 1868. Hcnne-Am Rhyn? Havre, Le (H. de Grace), Stadt u. Hauptort in dem lOCantone u. 123 Gemeinden mit 202,624 Ew. umfassenden, gleichnam. Arr. des franz. Dep. Scine-Jnferieure, an der Mündung der Seine in einer Ebene, welche gegen N. von mit Landhäusern, Gartenanlagen und Gehölzen bedeckten Hügeln begrenzt wird; Station der französischen West-Bahn, einst Festung mit starker Citadelle. Unter den zahlreichen öffentlichen Plätzen u. Straßen sind erwähnenswertst: der Platz Ludwigs LVI., der Platz Louis Philipps, der Platz Vieux-Marche, der Platz Richelieu, der Boulevard Strasbourg (früher Boulevard Imperial), die Rne de Paris rc. Eine beliebte Promenade ist der nordwestl. Hafendamm (8a jstss äu Xorä), an dessen äußerstem Ende ein Leuchtthurm steht. Hervorragende Gebäude sind: die Kirchen Notre-Dame und St. Francois, das alte u. das neue Stadthaus, das Museum mit der Bibliothek (davor die Statuen der in H. geborenen Dichter Bernardin de St. Pierre u. Casimir Delavigne), das große Theater, der Justizpalast, die Tabaksmanufactur, Las Entrepot der Docks, das Marine-Arsenal, das Zollhaus, das Bad Frascati rc. Der Hasen, nächst Cherbourg der einzige an der ganzen NKüste, welcher für große Schiffe zugänglich ist, bildet zugleich den natürlichen Zwischenhafen zwischen dem Atlantischen Ocean und der Nord- u. Ostsee, ist nächst Marseille der bedeutendste Handelshafen Frankreichs, besieht außer einem großen Vorhafen aus 7 gesonderten Bassins, darunter das Bassin Vatikan, in welches von Harfleur her der Vauban- Kaual mündet, Bassin du Commerce, Bassin de la - Hawaii. Barre rc., hat 2 Leuchtrhürme u. ist durch mehrere Forts geschützt. Bon hier aus wird ein regelmäßiger Dampsbootverkehr mit den bedeutendsten Hafenstädten Europas sowie N.- u. SAmerikas unterhalten. Ausfuhrartikel sind: Wein, Branntwein, Ligueure, Landesproducte rc. Einfuhrartikel: Zucker, Kaffe, Thee, Cacao, Baumwolle, Wolle, Häute rc. Die Ein- u. Ausfuhr (1873 im Werthe von 2730 Milk. Fcs.) beträgt den 5. bis 4. Theil der gesammten Ein- u. Ausfuhr von ganz Frankreich. 1874 liefen in den Hafen von H. 2550 Schiffe von 1,366,172 Tonnen Gehalt ein u. 1538 von 891,920 T. Ge- halt aus. H. ist Sitz vieler Consuln n. hat: Gerichtshof erster Instanz, 3 Friedensgerichte, Handelsgericht, Handelskammer, Lyceum, Hydrographische Schule, öffentliche Bibliothek, 3 Theater, 2 Gelehrte Gesellschaften, Hospiz, Seebäder, Quaran- tainehaus,Departementsgefängniß, Succursale der Bank von Frankreich, Börse, Sparkasse, bedeutende Schiffswerfte; Fabriken in Tabak, Leder, Seiler- waaren, Schiffstauen, Maschinen, Eisenwaaren, Ankerketten, Fayence, Zucker, Spitzen, Papier, Seife, Netzen, Segeltuch, Vitriol, Beinschwarz rc.; ferner Eisen- und Kupfergießereien, mechanische Holzschneiderei, Bierbrauereien. H. zählte mit dem Flecken Jngouville, welcher nebst dem größten Theile von Graville u. Sanvic 1854 der Stadt cinvcrleibt worden ist, (1872) 86,825 Ew. — Auf der Stelle, wo H. steht, befanden sich ehedem nur 2 feste Thürme, an deren Stelle die Engländer ein Fischerdorf mit einer Kapelle (1a obapells äs Aräse) gründeten. Die Stadt H. wurde von Ludwig XII. 1509 zu bauen begonnen u. von Franz I. befestigt. 1562 wurde es von Conde der Königin Elisabeth von England eingeräumt, 1563 von Mcntmorency wieder erobert. Heinrich II. u. Ludwig XIII. legten eine doppelte Enceinte u. Bastionen an. Unter Ludwig XIV. wurde die Citadelle gebaut u. die Indische Handelsgesellschaft hierher verlegt. 1678, 1694, 1759 und 1778 wurde H. von den Engländern beschossen. 1839 wurden die Bassins von H. erweitert. Die Befestigungen sind in den letzten Jahrzehnten geschleift worden. Außer den genannten Dichtern wurden in H. Ludwig XII., das Fräulein de Scudery und die Naturforscher Ancelot u. Lesueur geboren. Vgl. Guilmeth, List, äs la vills et äss snvirous än 8., 1842; Nerval, Doenmsnts relatils ä la lonäation än 8., Rouen 1875. H- Berns. Havre de Grace, Postdorf im Harsord Coumy des nordamerik. Unionsstaates Maryland, an der Mündung des Susquehannah und des Tidewater- Kanals, auch Eisenbahnstation mit prachtvoller Eisenbahnbrücke; 2000 Ew. Hawädschi (arab., Kaufmann) werden in Ägypten die Europäer genannt. Hawaii (Owaihi, Owhyhee), 1) Königreich II. Inselgruppe, s. Sandwich-Archipel. 2) Die größte Insel des Sandwich-Archipels (nordöstliches Polynesien), u. 20° n. Br., 138° w.L. (von Ferro), 12,620 s^skm (230 HjM); an der WKüste kahl n. wasserlos; steile, vulcanische Abhänge, erst in den oberen Theilen bewässert u. bewaldet; das Innere eine Hochebene von 1000—1200 m ü. d. M., von Heerden verwilderten Rindviehs durchstreift; angebaut sind nur die nördl. Theile derselben (Distr. 81 Hawasch — Waimea); auf ihr erheben sich 3 der höchsten Berge Polynesiens: Mauna Kea (d. i. Weißer Berg, im nördl. Theile, 4252 in), Mauna Loa (d. i. Großer Berg, 4194 w), Hualai (Hulalai, 3048 in), die beiden letzteren im westl. Theile, alle 3 noch thätige Vulcane; ferner östl. vom Mauna Loa der Kilauea, der merkwürdigste der Vulcane der Welt, dessen schreckenvolle Größe der Scene, welche der Kessel siedender Lava darbietet, wenn man ihn bei Nacht betrachtet, kaum durch die vulcanischen Phänomene an irgend einer anderen Stelle der Erde übertroffen wird; der ver- hältnißmäßig leicht zugängliche Krater ist ein unermeßlicher, elliptisch geformer Schlund, in dessen Grund man gewöhnlich einen See von glühender Lava sieht, deren Steigen und Fallen von dem anderer Vulcane gänzlich verschieden ist. Die NO- u. SKüsten sind weniger steil u. hoch, haben fruchtbare, sich nach dem Innern ziehende Thäler, sind bewohnt u. angebant; Products: Brodfrucht- baum, Cocos rc.; die Einwohnerzahl hat sehr ab» genommen: 1872 betrug sie 16,001, darunter 224 Deutsche. Hauptort ist Hilo, in schöner, gut ange- banter Gegend. Arendts.» Hawasch (Hewash), ansehnlicher Fluß im slld. lichen Abessinien, entspringt in dem Hochlande der Landschaft Gurague, bildet mit seinem fruchtbaren Thale die Grenze zwischen Schoa u. dem Gallaland u. ergießt sich in den Abhebbadsee. Hawick, Stadt in der schock. Grafschaft Rox- burgh, am Teviot; 7 Kirchen, Armenhaus, Lateinische Schule, Handwerker-Institut, 2 Bibliotheken, Zeichenschule; Fabrikation von Strnmpfwaaren, wollenen Zeugen, Handschuhen und Lichten, Maschinenbauanstalt; 11,356 Ew. Hawke, 1) Vorgebirg an der Ostküste von Neu- Holland (Australien); 2) Bai an der OKüste der nördl. Insel von Neuseeland; 3) Pros, dieser Insel mit (1872) 9314 Ew., wovon 6212 Weiße u. 3102 Maori, 1874 berechnet zu 11,122; Hauptort Napier od. Ahuriri mit (1874) 3514 Ew. Hawkesbury, etwa 450 Icm langer Fluß in der Colonie Neu-Süd-Wales (Australien), bildet sich in den Blauen Bergen aus dem Nepean u. Grsse, durchströmt die Küstenebene von Cumber- land, tritt öfters Plötzlich aus und mündet in die Brokenbai. In seinem unteren Laufe ist er schiffbar. Hawkins, County im nordam. Unionsstaate Tennessee u. 36» n. Br. u. 83° w. L.; 15,837 Ew. Countysitz: Rogersville. Hawkins, Sir John, brit. Seefahrer, geb. 1520 in Plymouth; machte in seiner Jugend große Seereisen aus Kausfarteischiffen mit,, trieb seit 1562 bedeutenden Sklavenhandel, wurde dann Schatzmeister des Seewesens, 1588 Viceadmiral der gegen die spanische Armada aufgestellten Flotte, zeichnete sich hier besonders aus u. erhielt dafür die Ritterwürde. Aus Verdruß über den Mißerfolg seiner mit Drake 1594 gegen die spanischen Lolonien in Westindien unternommenen Expedition st. er 21. Nov. 1595 in Portorico. Hawks, Francis, amerik. Theologe, geb. in Newburn in Nordcarolina; wurde Advocat und prakticirte mit großem Erfolg, widmete sich später der Theologie, wurde 1829 Prediger in Philadelphia u. 1830 in New-Dork; 1836 ging er im Picrers Umversal-LonversatümL-Lerilon. L. Aufl. X.! - Hawthornc. Aufträge einer Gcncralconvention nach England, um Documente in Bezug der ersten Geschichte der Episcopal - Kirche in Amerika zu sammeln; wurde 1841 Bischof von Mississippi, resignirte bald darauf, ging 1844 als Rector der Christ Church nach New-Orleans, kehrte aber später nach New- Dork zurück. Von seinen zahlreichen Schriften sind bes. schätzenswerth: Histor/ ob bias ?roto- otant iüpiseopal Olanroü in ViiMma. anck in Aaizckanck; Oontridntions tc, tim üoelssiLsbieal Motors oktüs Unitsä Ltatss, 1836—39, 2 Bde.; Oonotütntion nnä Oanons ok tüs ikxnaoopal Oianroü; Lmrionlar Oonksasion in tüs i?rotsstg.nt: Lpiooopal lllmred, New-Dork 1850. Hawkeshead, Marktstadt in der engl. Grafschaft Lancaster, am Windermere; alte Kirche, Grammar School (der Dichter Wordsworth wurde hier gebildet); in der Nähe große Eisenwerke u. Schieferbrüche; mit dem Kirchspiel 2400 Ew. Hamlet), Postort im Wayne County des Nordamerika». Unionsstaates Pennsylvanien, Eisenbahnstation; 3900 Ew. Hawthorne, Nathaniel, namhafter nord» amerik. Schriftsteller, geb. 4. Juli 1804 zu Salem im Staate Massachusetts; erhielt nach seiner Promotion (1825) ».nachdem er bereits 1828 anonym den Roman ^anolmvs herausgegeben u. Erzählungen für verschiedene amerikanische Zeitungen geschrieben (gesammelt unter dem Titel Lvvivs tokck tnlos, Bost. 1837—42, 2 Bde., neue Aufl., Lond. 1851, 2 Bde., 1831) eine Anstellung im Zollamte zu Boston, die er jedoch 1841 aufgab, um sich an der Gründung einer Gesellschaft, der sog. Lrook- §3.rm-6ommnnib5 in Roxburgh, zu betheiligen, welche die Grundsätze Fourriers u. Owens praktisch verwirklichen sollte. Das Unternehmen schlug gänzlich fehl u. in seinen Erwartungen getäuscht zog H. nach dem bei Boston gelegenen Dorfe Concvrd wo er sich seinen Unterhalt mit literarischen Arbeiten schaffte. In der Einleitung zu seiner Erzählung: Llossos krom an olä manag, New-Dork 1846, hat er sein dortiges Leben beschrieben. Von 1846 bis 1850 war H. Zoll- Jnspector im Hafen von Salem. Das dortige alte Zollhaus und seine ehrwürdigen Einwohner schilderte er in packender u. launiger Weise in der Einleitung zu seinem Roman aus dem Leben der ersten Ansiedler in Neu-England: Lüg aoarlstt Isttsr, Boston 1850. Als 1849 die Whigs ans Ruder kamen, ward H. seines Amtes entlassen u. zog nach Lennox. Hier schrieb er den auch in Europa mit vielem Beisall aufgenommenen Roman Lüs Ilonas ok birg sovsn Zadloa, Boston 1851, u. die Llitüsäals Lomanos, ebd. 1852, deutsch von A. W. Peters, Bremen 1870, worin er die romantischste Episode seines Lebens, nämlich seinen Aufenthalt auf der Brook-Farm, schilderte. 1852 zog er wieder nach Concord und da er während der Präsidentschaftswahlen 1852 eine Lebensbeschreibung seines ehemaligen Schulgenoffen Franklin Pierce geschrieben, so wurde er, nachdem jener Präsident der Vereinigten Staaten geworden» zum Consul in Liverpool ernannt, welchen sehr einträglichen Posten er von 1852 bis 1861 bekleidete. Zur Herstellung seiner Gesundheit unternahm er inzwischen eine Reise nach Italien, die Band. 6 82 Haxo - ihm den Stoff zu dem phantastischen Roman Tüs warbls l?ann, Boston 1860, 3 Bde. (in London in diesem Jahre veröffentlicht unter dem Titel Transformation, unter dem Titel Mirjam oder Graf u. Künstler, deutsch von Klara Marggraff, Lpz. 1862) gab. Nach Amerika zurückgekehrt, ließ er unter dem Titel Our cää Imins, Boston 1863, 2 Bde., mit einem gewissen Vorurtheil gezeichnete Skizzen über England u. die Engländer erscheinen. H. starb plötzlich zu Plymouth in Massachusetts 19. Mai 1864. Nach seinem Tode veröffentlichte seine Frau (1810 geb. u. 26. Febr. 1871 gest.), Sophie Peabody H., die, eine tüchtige Zeichnerin, mehrere seiner Bücher illustrirt hatte, aus seinen sehr regelmäßig gesührten Tagebüchern: ^.msrioan Hots dooics, Boston 1864; bingiisli Hots dooics, ebd. 1870, u. §rsned anä Italian dlüts dooics, ebd. 1872. In demselben Jahre sand man unter seinen nachgelassenen Papieren die Handschrift zu einem psychologischen, sich in Con- cord abspielenden Roman: Lsptiinns dblton or tds slixir ok liks, den seine Tochter Una herausgab. Unter seinen Schriften sind noch zu erwähnen: Trns storiss kram distorx anä dio- Araxdz-, Bost. 1851; Tds vonäsr dooic kor §ii1s snä doxs, ebd. 1851 (deutsch von A. Strodtmann: Ein Wunderbuch für Knaben u. Mädchen, Berl. 1862); Tds TanZImvock talss, ebd. 1853, n. Tds jonrnal ok an.4.trioan Ornissr, nach den Papieren eines Seeoffiziers, ebd. 1854. Vollständige Ausgabe seiner Werke in 21 Bänden, Boston 1873. Vgl. H. A. Page, Llsmoir vk 2., Lond. 1872. Sein Sohn Julian, geb. 22. Juni 1846 zu Boston, versuchte sich in den Romanen Lrsssant, London 1873, 2 Bde., n. läoiatrx, ebd. 1874, 2 Bde., gleichfalls als Romandichter, doch ohne Erfolg. Längere Zeit in Dresden lebend u. dort gastliche Ausnahme findend, dankte er dem dortigen Entgegenkommen durch in der Lond. 6ontemxorarx Revisrv veröffentlichten und dann gesammelt (London 1876) herausgegebenen Skizzen über Land und Leute in Sachsen unter dem Titel Laxon stuäies, die voll der nichtswürdigsten und schamlosesten Verleumdungen seiner ehemaligen Gastfreunde sind. Bartling. Haxo, Nikolaus Benoit, Baron von,geb. 24. Juni 1774zu St. Dizier in Lothringen, entstammte einer polnischen Offiziersfamilie. Sein Vater blieb als republikan. General in der Vendöe. In der Militärschule zu Paris gebildet, trat er sehr jung in das Jngenieurcorps u. wurde einer der ausgezeichnetsten Ingenieure Frankreichs. Bei der in Westdeutschland operirenden Armee wurde er meist ni'- Fortificationen und Belagerungen beschäftigt. Sv befestigte er als Capitän Bitsch u. Genf. Von 1796 an machte er alle Feldzüge mit, focht bei Wagram, war zwei Jahre bei der Armee in Spanien und 1812 Adjutant des Kaisers. Nach dem Gefecht bei Mohilew wurde er Divisions- General u. befestigte 1813 Hamburg. Bei Kulm gefangen genommen, wurde er 1814 wieder frei- gelassen u. nahm an der Schlacht von Waterloo rühmlich Antheil. Ludwig XVIll. machte ihn zum Generalinspector des Geniewesens und als solcher leitete er 1832 die Belagerung der Citadelle von Antwerpen. Er st. 25. Juni 1837 zu Paris. Nach - Haydn. seinem Entwurf wurden 1840 die Befestigungen von Paris unternommen u. auch ausgeführt. Teicher. Haxthausen, ein altes westfälisches Geschlecht aus der Umgegend von Paderborn, welches mit den drei Geschlechtern der Brenken, Stapel und Krevet die l^natuor nodiiss oolnmnao der Hoch- n. Kathedralkirche von Paderborn ausmachte. Die H. waren in Westfalen reich begütert, gehörten zu den reichsritterschaftlichen Geschlechtern in Franken, sin der Wetterau u. am Rhein, besaßen im Fürstenthum Paderborn das Erbhofmeisteramt, welches immer durch den Senior der Familie verwaltet wurde, und hatten auch in Sachsen und im Han- növerschen Besitzungen erworben. Nach Sachsen war zu Ende des 17. Jahrh. ein Zweig der Familie gekommen; nachher kommt diese in Däne- mark und später in Bayern vor. Das Geschlecht theilte sich in ein gräfliches (erloschen 1842) und ein freiherrliches Haus. Aus diesem: August Franz Ludwig Maria, Freiherr v. H.-Abben- bnrg, geb. 3. Febr. 1792 in Abbenburg; studirte seit 1811 die Bergwissenschaften in Klausthal u. Göttingen u. machte 1813—15 in der hannoverschen Armee die Kriege gegen Dänemark ».Frankreich mit; nachdem er dann seine Studien fortgesetzt hatte, verwaltete er seit 1818 seine väterlichen Güter, daneben eingehend Verfassungs- u. Rechtsverhältnisse, namentlich des Bauernstandes, studir- end. Von einer Reise durch Skandinavien (1829) znrückgekehrt, bereiste er, nachdem er durch seine Schrift: Die Agrarverfassung und ihre Conflicte (Bd. 1, Berl. 1829) die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, seit 1830 im Auftrag der preuß. Regierung 9 Jahre lang alle Provinzen des preußischen Staates zum Zweck einer neuen ländlichen Verfassung des Bauernstandes. Inzwischen war er 1836 zum Geheimen Regierungsrathe ernannt worden. 1843—44 bereiste er im Aufträge des Kaisers von Rußland ebenfalls zu agrarischen Zwecken das Innere Rußlands, war 1847 u. 1848 Mitglied des Vereinigten Preußischen Landtages, dann der Preuß. Ersten Kammer, bereiste später bis 1864 England, Frankreich, Österreich, Italien u. Tirol u. zog sich dann auf seine Güter zurück. Er starb als preuß. Geh. Regierungsrath u. Erbhofmeister des Fürstenthums Paderborn 1. Jan. 1867 in Hannover. Außer der erwähnten Schrift von ihm: Die ländliche Verfassung in den Provinzen Ost- u. Westpreußen, Kgsb. 1839; lAuäss sur la Situation intörisnrs etc. äs la Russis, Hannov. u. Berl. 1847—53 ff., 3 Thle. (deutsch ebd. 1847 ff.); Die Kriegsmacht Rußlands, ebd. 1852; Trgnskaukasia (Andeutungen über das Familien- u. Gemeindeleben u. die socialen Verhältnisse einiger Völker zwischen dem Schwarzen u. Kaspischen Meere), Leipz. 1856, 2 Bde.; Die ländliche Verfassung in der Provinz Pommern, Stettin 1861 (von Padberg bearb.); Die ländliche Verfassung Rußlands, ihre Entwickelung und ihre Feststellung in der Gesetzgebung von 1861, ebd. 1866; H. gab heraus: Das constitutionelle Prin- cip (eine Sammlung politischer Schriften von Biedermann, Held, Gneist, Waitz u. Kosegarten), Lpz. 1864, 2 Thle. (französisch ebd. 1865). Lagai.' Hayange, Dorf, so v. w. Hayingen 2). Haydn, 1) Joseph, geb. 31. März 1732 in 83 Haydon. 1 Rohrau (Niederösterreich), der Weste Sohn eines H Wagners, ist der eigentliche Schöpfer der neueren / Instrumentalmusik. Schon mit vier Jahren gab sich sein musikalisches Talent kund; er kam, nach- s dem er fast drei Jahre in Haimburg die Schule , besucht, durch Kapellmeister Rentier als Chorknabe 1 an dem St. Stephanschor nach Wien (1740), wo er ? ziemlich guten Musikunterricht erhielt. Zehn Jahre > alt, componirte er eine 4stimmige Messe mit 16 . Orchesterinstrumenten, wurde aber, da er seine ' Stimme verloren, als Chorknabe entlassen u. der größten Noth in die Arme geworfen. Er gab, i sein Leben zu fristen, um wenige Kreuzer Musikunterricht u. spielte bei Nachtmusiken, wodurch er ! nützliche Bekanntschaften machte. Durch den Dich- ! . ter Metastasio kam er in eine bessere Lage und § . lernte den Gesanglehrer Porpora kennen, bei dem er sogar eine kurze Zeit Bedientendienste verrichtete. Er schrieb Klaviersonaten, Trios, Serenaden, und 1783, 21 Jahre alt, seine erste Oper: Der ^ krumme Teufel (fälschlich für eine Satire auf den hinkenden Theaterdirector Afflizio gehalten). Allmählich besserten sich die Verhältnisse H-s und er konnte sich mit gediegeneren Lehrmitteln versehen. Für den Baron Fnrnberg schrieb er seine ersten Quartette u. erhielt durch dessen Empfehlung eine ' Musikdirectorstelle bei dein böhmischen Grafen ! Morzin. Seine aus Dankbarkeit geschehene Ver- heirathung mit der Tochter eines Friseurs war nicht glücklich, da sich seine Frau herrschsüchtig, verschwenderisch u. lieblos erwies, so daß er sich noch von ihr trennen mußte. Seine erste Symphonie in v (1760) machte den Fürsten Paul Anton Eszter- hazy in Eisenstadt ans ihn aufmerksam. Dieser stellte ihn 1. Mai 1761 als Vicekapellmeister bei ! seinem Orchester an; später wurde er Hauptkapell- ; ' meister und erhielt unter Fürst Nikolaus Joseph ! Esztcrhazy größeren Gehalt. Die musikalischen Aufträge mehrten sich (z. B. mußte er nach CaLix die sieben Worte des Erlösers liefern) u. vielfache Beweise höchster Anerkennung wurden dem Meister zu Theil. Nach dem Tode des Fürsten Nikolaus , Joseph u. der Auslösung der Kapelle folgteH. dem Violinisten Joh. Pet. Salomon nach London. ^ Dieser veranstaltete (1791) Concerte, welche hauptsächlich H-sche Compositionen brachten und dem Tondichter zu hohen Ehren verhalfen. Er wurde ^ zu den Großen Englands geladen, die Universität > Oxford ernannte ihn zum Doctor der Musik, bei " welcher Feierlichkeit die Symphonie in 0 (sog. Ox- - ford-Symphonie) zur Ausführung kam. DieSalo- s monschen Concerte wieoerholten sich auch im fol- ' genden Jahre mir gleichem Erfolge, obgleich sie ? mit einem Gegcunnternehmen zu kämpfen batten. Auf der Rückreise lernte H. in Bonn den jungen sß Beethoven kennen, dessen Lehrer er kurze Zeit wurde. Zum letzten Male reiste der Meister, den is gleichen Triumphen entgegen, 1794 nach London, H n. trat, als Fürst Paul Änt. gestorben war und ^ sein Nachfolger Nikolaus die Musikkapelle wieder Tf errichtete, aufs Neue an die Spitze dieser Körper- K schaft. Die berühmte Nationalhymne: Gott er- ^ halte Franz den Kaiser, entstand 1797 u. wurde bei ihrer Aufführung am Geburtstage des Kaisers mit größtem Enthusiasmus ausgenommen. H. ) hatte ans England einen Oratorienlext mitgebracht, den ihm von Swieten übersetzte; eS war die Schöpfung. Sie, wie die 1800 componirten Iah« reszeiten wurden zuerst im Schwarzenbergschen Palais aufgesnhrt, aber auch bald anderwärts mit großartigen Erfolgen gegeben. Nach Beendigung der Jahreszeiten befiel H. ein Fieber; seine Kräfte nahmen immer mehr ab, namentlich als er den Tod seiner Brüder Johann und Michael erleben mußte. Am 27. Mai 1808 veranstaltete die Universität dem Meister eine großartige Feier; es wurde die Schöpfung aufgeführt n. der Componist bei seinem Erscheinen mit Posaunen- und Trompetenschall begrüßt. H. fühlte sich so erschüttert, daß er sich nach dem ersten Theil forttragen lassen mußte; er st. 31. Mai 1809 u. wurde seine Leiche 1820 nach Eisenstadt überführt. H. war von mittelmäßiger Größe, stämmig, bedächtig, von großer Herzensgute, allen Schmeicheleien abhold. Er betrachtete sein Talent als eine Gottesgabe und bewahrte sich eine tiefe Religiosität. Um die Instrumentalmusik besitzt H. durch Erweiterung der Formen, Ausbau des Orchesters die höchsten Verdienste. Seine Compositionen athmen Gesundheit, Frische und Lebensfreudigkeit; er ist der größte Humorist auf musikalischem Gebiete. Schrieb 118 Symphonien, 83 Streichquartette, 60 Sonaten, 14 Opern rc. Erst in letzter Zeit hat H. in C. F. Pohl einen gründlichen, ausführlich zu Werke gehenden Biographen gefunden (1. Bd., Berlin 1875). Ältere Quellen: G. A. Griesinger, Biographische Notizen überH., Lpz. 1810; H-s Biographie und ästhetische Darstellung seiner Werke, Erf. 1810; Framery, Notice sur ll. 8., Paris 1810; Lombet (Bayle), Vis äs 8., Paris 1817; Grosse, Biographische Notizen überH., Hirschberg 1826 ; Pohl, H. in London, Wien 1867. 2) Johann Michael, Bruder des Vor., geb. 14. Sept. 1737; wurde 1757 Musikdirector des Bischofs von Großwardein, später Musikdirector zu Salzburg, u. st. hier 10. Aug. 1806 ; schrieb 20 Messen mit lateinischem, 4 mit deutschem Text, viele Litaneien, Motetten, Symphonien (z. B. die Schlittenfahrt), welche gewöhnlich seinem Bruder zngeschrieben werden, rc. Sein letztes Requiem ist unvollendet geblieben. Siebcnrock. Hntzdon, Benjamin Robert, englischer Ge- schichtmaler, geb. in Plymouth 25. Jan. 1786. Er bildete sich seit 1804 in London, wo er Wilkics Freundschaft erwarb. Mit ihm reiste er 1814 nach Paris. Erst 1810 zog er die Aufmerksamkeit des Pnblicums in höherem Maße auf sich u. erhielt für seinen Dentatns den ersten Preis der Lritislr Institution. Hauptwerke: Das ikrtheil des Salomo; ,Der Einzug Christi in Jerusalem; Christus am Ölberg; Pharao entläßt Moses; Die Auferweckung des Lazarus; Die Schrinwahl; Die Parlamentswahl; Napoleon, den Sonnenuntergang betrachtend; Der Tod des Enkels. Viel weniger bedeutend sind sein Macbeth, seine Versammlung zur Abschaffung der Sklaverei n. sein Wellington zu Pferd. Fehlt es seinen Compo- sitionen auch oft an Tiefe n. Eigenart, so zeichnen sie sich gleich seinen Porträts doch durch sichere Zeichnung n. gutes Colorit ans. H. erwarb sich das hohe Verdienst, Anlaß zum Ankauf der Elginischen Kunstsammlung durch den Staat gegeben zu haben. 6 * 84 Hayduckcn - Er war wiederholt im Schuldgefängniß u. erschoß sich wegen der Zerrüttung seiner Vermögensverhältnisse 22. Juni 1846 zu London. Seine Tagebücher u. seine Selbstbiographie erschienen 1853. Regnet. Hayducken, s. Haiducken. Haste. La, 1) (La H.-Descartes) Städtchen im Arr. Loches des franz. Dep. Jndre-et-Loire, an der Creuse; Friedensgericht, Bronzestatue des hier geborenen Philosophen Descartes (Cartesius), dessen Geburtshaus noch erhalten ist; Papiermühle, Handel mit getrockneten Pflaumen und Mehl, Honig und Wachs, 12 Märkte; 1722 Ew. 2) (H. Lu Puits) Flecken im Arr. Coutances des Dep. Manche; Getreidehandel, 5 Jahr- und 12 bedeutende Viehmärkte; 1420 Ew. 3) (La H.) so v. w. Haag. Hayek, Wenzel, H. von Liboczan, Prediger zu Prag, st. 1553 als Prior des Stifts zu Alt- bunzlau; er schrieb: Lronioa, Prag 1540, eine aus Urkunden gezogene Geschichte (fast die erste) Böhmens. Hastel (Hasel, Hail), weitläufig gebaute Stadt im inneren Arabien, am Fuß des Dschebel Solma, Sitz des Häuptlings Telal, dessen Familie sich im Dschebel Schomer zur Herrschaft emporgeschwungen hat; angebl. 20,000 Ew. Hayes,1) Rutherford Birchard, nordamcrik. Jurist und Staatsmann, der 19. Präsident der nordamerikanischen Unionsstaaten, Grants Nachfolger, geb. 4. Oct. 1822 zu Delaware (Ohio), studirte 1842—45 auf dem Kenyon College, prak- ticirte bis 1849 als Rechtsanwalt in verschiedenen Städten des Staates Ohio, ließ sich dann in Cincinnati nieder, wurde dort 1858 städtischer Anwalt, machte den Secessionskrieg auf Seiten der Union mit n. stieg bis zum Generalmajor. Im Jahre 1864 wurde er vom zweiten Congreßdistrict des Staates Ohio zum Abgeordneten gewählt u. war in den Jahren 1867, 1869 u. 1875 Gouverneur des genannten Staates. Im Juni 1876 ersah ihn die republikanische Partei mit Rücksicht auf seine administrative Tüchtigkeit, bes. aber die Unparteilichkeit und Makellosigkeit seines Charakters, zu ihrem Candidaten für das Präsidentenamt und siegte er nach langem Wahlkampfe (s. Nordamerika Gesch.) mit 1 Stimme Majorität über den Candidaten der demokratischen Partei, Tilden. H. hat sich s. Z. aufs Lebhafteste für die Sklavenfrage interessirt und trat häufig als Anwalt für flüchtige Skaven auf. Zu den hauptsächlichsten Principien, deren Verwirklichung er sich zur Aufgabe gemacht, gehören: Einführung des Hartgeldes u. Verbesserung des Gerichtswesens. Am 4. März 1877 trat er sein Amt an. 2) Isaak Israel, ainerikan. Nordpolfahrer, geb. 1832 zu Chester (Pennsylvanien), begleitete 1853—55 die Expedition von Kane nach dem Nordpol als Schiffs- arzt u. machte 1860—61 u. 1869 erneute Entdeckungsfahrten nach diesen Gegenden, vorzüglich nach Grönland (s. u. Nordpolfahrten). Er schr.: Mrs Oporr kolar 8sa, New-Iork 1867 (deutsch: Entdeckungsreise nach dem Nordpol, Jena 1868); kbMoal obvsrvatious in tüs arotio seas (1868); Mrs Lauä okässo1atiou(Lond. 1871). 1) Schroot. 2 ) Thielein-mn. Hayes Niver, so v. w. Hils River. Hayez, Francesco, namhafter ital. Historien- — Haynald. maler der Gegenwart, geb. zu Venedig 1791, ! studirte an der dortigen Akademie, dann unter Pelagi in Rom, ward Professor an der Mailänder Akademie u. lebt noch dort. An seinen Arbeiten lobt man Reichthum der Erfindung und Wahrheit des Ausdruckes, auch das blühende Co- lorit. Hauptwerke: Laokoons Tod; Das Todes- urtheil des Carmagnola; Die Sicilianische Vesper; Maria Stuart, das Schaffot besteigend; Die letzten Augenblicke des Marino Falieri; Die Berufung Vittorio Pisanis aus dem Kerker zum Oberbefehl; Die Mailänder Consnln und der Gesandte Friedrich Barbarossas; Eine Badende; außerdem zahlreiche Porträts u. 22 Blätter zum Jvanhoe von Walt. Scott. Regnet. Hayingcn, 1) Stadt im Oberamte Mllnsin- gen des Württemberg. Donaukreiscs, an der Lauter, Schloß, stark besuchte Vieh- u. Pferdemärkte; 1875: 802 Ew. — Dabei das Schloß Ehrenfels, die Ruine Altehrensels, die Friedrichshöhle u. aus einem fast unzugänglichen Felsen Reste eines römischen Castells. 2) (franz. Hayange) Ort im Kreise Diedenhofen des Regbez. Lothringen im deutschen Reichslande Elsaß-Lothringen, an der Feilsch, Station der Elsaß-Lothringischen Eisenbahn; große Eisenwerke (im Besitz der Familie Wendel) mit Fabrikation von Roheisen, gußeisernen Röhren, Stabeisen, Eisenbahnschienen, Eisenblechen rc.; 4004 Ew. In der Nähe große Eisensteingruben. — H. ist Geburtsort des franz. Generals Molitor. H- Berns. Hayle, Stadt in der engl. Grafschaft Cornwall; kleiner, durch einen Wellenbrecher geschützter Hafen; große Eisengießerei, Schifffahrt; 1991 Ew. — Die Bewohner des Bezirks besitzen 32 Seeschiffe u. über 300 Fischerboote. Hastin, Rudolf, deutscher Philosoph, Literarhistoriker u. Publicist, geb. 5. Oct. 1821 zu Grünberg in Schlesien, besuchte Las Kölnische Gymnasium in Berlin, studirte 1839—42 aus den Universitäten Halle u. Berlin, wurde ordentlicher Professor der Philosophie u. der neueren deutschen Literaturgeschichte in Halle, war 1848 Abgeordneter zur deutschen Nationalversammlung, 1866 f. zum preußischen Landtage. Schriften: Reden u. Redner des Ersten Vereinigten Landtags, Berl. 1847; Die deutsche Nationalversammlung, das. 1848—50, 3 Theile; Redaction der Berliner Constitutionellen Zeitung, 1850; Wilhelm von Humbold, Lebensbild und Charakteristik, Berl. 1856; Hegel u. seine Zeit, das. 1857; Gründung der Preußischen Jahrbücher, das. 1858; Arthur Schopenhauer, das. 1864; Die romantische Schule, das. 1870. Zimmerman». Haynald, Ludwig v., Erzbischof, geb. 3. Oct. 1816 zu Szecseny im Neograder Comitate, studirte Philosophie in Preßburg u. Theologie in Wien, ward 1839 zum Priester geweiht u. wirkte dann in der Seelsorge bis 1842, wo er als Professor an die theologische Lehranstalt zu Gran berufen wurde. 1846 ward er Secretär des Erzbischofs u. 1847, nach dessen Tode, Secretär des Capitel- vicars. Politisch zwar entschieden national gesinnt, war H. dennoch dem Königshause HabS- burg ergeben, weshalb ihn Kossuth von seinem Amte entfernte. Allein bald darauf ernannte iha der neue Erzbischof zum Kanzler. 1851 wurde Haynau — er Coadjutor und 1852 Nachfolger des Bischofs Kovats von Karlsburg, wo er bes. für die Schulen und Armenpflege wirkte. 1861 trat er an die Spitze der nationalen Partei in Siebenbürgen u. sprach dann im ungarischen Landtage für die Wiederherstellung der Autonomie der Krone Ungarns, sah sich aber wegen seiner Agitation gegen die Theilnahme der nationalgesinnten Abgeordneten von Siebenbürgen am Landtag in Cönflict mit Schmerling gerathen, genöthigt, seiner Diöcese zu entsagen, 1863, lebte hierauf in Rom, bis er April 1867 zum Erzbischof von Kalocsa-Bacs ernannt wurde; seitdem war er stets Mitglied des ungarischen Landtages. Auf dem Vaticanischen Concil forderte H., einer der enschiedensten Opponenten, noch 17. Juli 1870 die Minorität auf, in der Sitzung vom 18. Juli gegen die Decret- irung des Jnfallibilitätsdogma zu stimmen; allein 15. Sept. 1871 erklärte er seine Unterwerfung unter die Beschlüsse des Concils. Er hat zugleich auch als Botaniker einen bedeutenden Ruf, ist Besitzer einer der bedeutendsten botanischen Sammlungen Europas u. bearbeitet eine didlioa, ist auch Ehren- und Directions Mitglied der ungarischen Akademie. H. zeichnet sich auch durch seltene Wohl- thätigkeit ans. Lagai. Hayna», Stadt, s. Hainau. Haynan, ein freiherrliches Geschlecht, welches aus der morganatischen Ehe des Landgrafen Wilhelm IX. von Hessen, nachmal. Kurfürsten Wilhelm I., mit Rebecca, Tochter eines Apothekers Ritter, nachher Frau von Lindenheim genannt, entstammt. Den Namen H. erhielten sie von der Stadt Haynau (s. Hainau), dem Geburtsort ihrer Mutter, wo Wilhelm, damals noch Erbprinz, in preußischen Militärdiensten stand, als er diese Ehe einging. Aus dieser Ehe gingen hervor: 1) Wilhelm Karl v., knrhess. General, geb. 1779, erlangte seine Berühmtheit erst dadurch, daß er, schon seit 1847 pensionirt, 30. Sept. 1850, als kein höherer knrhess. Offizier die von Hassenpflug über das Land ausgesprochene Verhängung des Kriegszustandes ansführen wollte, sich dazu bereit erklärte und den Oberbefehl über die Armee übernahm. Indessen bei aller Bereitwilligkeit konnte er Nichts ansrichten und mußte, nachdem er durch sein Vorgehen die Anklage wegen Verfassungsverletznng u. Hochverraths gegen sich veranlaßt und das verfassungstreue Offiziercorps durch seine Zumuthungen selbst zum Gesuch um Entlassung gereizt hatte, Las Feld räumen. Er st. 21. Jan. 1856. 2) Freiherr Julius Jakob, österr. Feldzeugmeister, geb. 14. Oct.1786 inKassel, des Vorigen Bruder, trat 1801 als Lieutenant in österr. Dienste, machte die Feldzüge 1805 und 1809, sowie die Freiheitskriege mit, wurde 1835 General, 1844 Feldmarschalllieutenant und stand 1848 in Italien unter Radetzky. Als Comman- dant von Verona trug er durch rechtzeitige Absendung einer Brigade nach Sommacampagna viel zu dem Siege der Österreicher bei Custozza (25. Juli 1848) bei, erhöhte seinen Feldherrnruhm durch ein glückliches Gefecht bei Lonato und die Beschießung von Peschiera und erhielt dafür den Maria-Theresia-Orden. Beim Wiederbeginn des Krieges (1849) unterdrückte er den Ausstand - Hayward. 85 von Brescia, verfuhr aber bei dessen Niederwerfung so grausam, daß er dafür die Hyäne von Brescia genannt wurde. Während der Belagerung von Venedig wurde er zum Feldzeugmeister befördert u. ihm gleichzeitig das Oberkommando in Ungarn übertragen. Die revolutionäre Schilderhebung unterdrückte er, durch russische Hilfe unterstützt, bald durch rasches Vordringen nach dem S. u. schon 9. Aug. war durch die Schlacht bei Temesvar der Aufstand beendigt. Die Strenge, mit der er gegen die Jnsurgentenführer in Pest u. Arad (6. Öct.) verfuhr, brachte ihm den Titel der Henker von Arad ein. Sein selbstherrisches Verfahren brachte ihn schließlich in Conflicte mit der Regierung, so daß er 1850 seines Postens als Militärkommandant enthoben wurde. In demselben Jahre wurde er auf einer Reise in London, sowie 1852 in Brüssel, vom Pöbel wegen seiner Grausamkeiten insultirt; er st. 14. März 1853 zu Wien. Lebensbeschreibung v. Schönhals, 3. A., Wien 1875. 3) Friedrich Wilhelm Karl Eduard v., Sohn von H. 1), geb. 5. Dec. 1804; er nahm als Major bei der kurhessischen Artillerie theil au dem Kriege in Dänemark, trat 22. Febr. 1850 als interimistischer Kriegsminister ins Has- senpflugsche Cabinet, wurde 1853 Generalmajor u. wirklicher Kriegsminister u. 4. Oct. 1855 mit Hassenpflug entlassen. 1857 erhielt er das Oberkommando über die Infanteriedivision, nachdem er zum Geuerallieutenant ernannt worden war. Infolge der Dllrrschen Schrift: Staatsdiener und Staatsschwächen der Gegenwart, 1862, worin H. der Feigheit geziehen wurde, welchen Vorwurf er nicht von sich abwälzen konnte, wurde er 3. Jan. 1863 verabschiedet und erschoß sich 25. Januar d. I. 2j Schroot. Hayne, Anton, bedeutender Veterinär, geb. 1786 zu Krainsberg in Krain, wurde nach medi- cinischen Studien 1811 zum Repetitor am Thier- arznei-Jnstitute in Wien ernannt, 1830 zum Professor der Thierheilkunde am Lyceum zu Olmütz. Nach Waldinger erhielt er die Professur der Klinik u. Pathologie am Thierarznei-Jnstitute in Wien. Er schrieb: Untersuchungen über die Entzündung bei den Haussäugethieren, Wien 1830, 2. A. 1849; Über Erkenntniß des Fiebers, ebd. 1831; Über Heilmittel, ebd. 1833,2 Bde.; DieSeuchen der Hans- thiere, ebd. 1838. Er st. 24. Aug. 1853. Schmidt. Haynpol, s. Cornarus, Janus. Hays, County im nordamerikan. Unionsstaate Texas, n. 29° n. Br. n. 98° w. L.; 4088 Ew. Countysitz: San Marcos. Hayti, s. Haiti. Hayward, George William, engl. Reisender, unternahm im Auftrag der Geographischen Gesellschaft in London 1868—69 eine Erforschnngs- reise nach Centralasten, durchzog den Himalaja u. Kuenluen bis zum östlichen Turkestan, bestimmte die Lage von Jarkand und Kaschgar u. beschrieb die große Gebirgskette Kizil-Jart, welche das Plateau von Pamir auf der östlichen Seite umgibt, in llonrns^ krom I-sIl to ilarkanck aaä LasilAar, aast sxploration ob tlrs sorrress ok tlrs Laricaack rivsr. Auf einer 2. Reise in jene Gegenden wurde er Ans. Aug. 1870 von Einheimischen ermordet. Schroot.» 86 Haywood - Haywood, 2 Counties in den Nordamerika». Unionsstaaten: 1) in Nord-Carolina, u. 35» n. Br. u. 83° w. L.; 7821 Ew. Countysitz: Waynes- ville; 2 ) in Tennessee, u. 35» n. Br. u. 89» w. L.; 25,094 Ew. Countysitz: Brownsville. Hazara (Hesareh), 1) Bolksstamm im nördlichen Afghanistan, zwischen Herat u. Kabul, von mongolischer Abstammung, aber einen persischen Dialekt sprechend, religiös eifrige Schiiten, hauptsächlich von Viehzucht lebend; ungef. 300,000 Menschen, von dem Herrscher von Afghanistan so gut wie unabhängig. 2 ) (Hnzara) Distr. der Div. Peschawar der indo-brit. Präsidentschaft Pendschab, der nördlichste des brit. Indiens, durchgängig gebirgig (vgl. Peschawar); Hauptort AbbotabaL. Hasardspiele, s. Hasard. Hazaribagh (Hazareebagh), 1) (früher Nam- gurh) Distr. der Div. Chota Nagpore der indo- brit. Präsidentschaft Bengalen, erfüllt von niedrigen Höhenzügen und großen Wäldern mit zahlreichen Tigern, wenig angebaut; 18,180 (Dkm (330jDM); 771,875 auf sehr niedriger Stufe stehende Ew. 2 ) Hauptstadt darin, verfallen; 11,050 Ew. Hazcbrouck (Hazebroek), Stadt und Hauptort in dem sieben Cantone und 53 Gemeinden mit 110,283 Ew. umfassenden, gleichnam. Arr. des franz. Dep. Nord, an der Bourre, Station der Französischen Nordbahn und der Belgischen So- ciete; Gerichtshof erster Instanz, 2 Friedensgc- richte, Commnnal-College, Bibliothek, Departe- mentsgesängniß, Tabaksmagazin, Flachsspinnerei, Gerberei, Salzraffinerie, Fabriken fttr Oel, Seife, Dinte, Essig rc., Handel mit diesen Producten, so wie mit Lein, Leinwand, Butter, Hopfen, Rindvieh, Bauholz rc., 3 Jahrmärkte; 9435 Ew. (nur 5982 im Städtchen). Der hier beginnende Kanal von H. vereinigt sich mit den Kanälen von Nieppe u. Preavin. H- Berns. Hazienda (v. Span.), so v. w. Hacienda. Hazleton, Postdorf im Luzerne County des nordamerikan. Unionsst. Pennsylvauien; 4317 Ew., davon über 1000 Deutsche. Hazlitt, 1) William, engl. Literator, geb. 10. Äug. 1778 zu Maidstone in Kent, war erst Maler, später Schriftsteller und st. 1830 in London; er schr.: Mw slogusucs ok tlw Lritisk Louats, Land. 1808; DuZIisb Orammar, ebd. 1810; Mw round tadle, ebd. 1817; Odaractsro ok Lbaicospsarss plaz^s, ebd. 1817; Visv ok tdo Lritisb sta^s, ebd. 1818; Iwctnrss on tds Lritisb poots, ebd. 1818; klds spirit ok tds a^s, ebd. 1825; Mw plain speaicsr, ebd. 1826; lktw liks ok üapoisou, ebd. 1828, 4 Bde., deutsch von Sporschil, Lpz. 1840, 2 Bde.; dann die Bemerkungen über Kunst u.Künstler enthaltenden 6ou- vsrsatious ok damss blortlicots, ebd. 1830 u. a. m. Eine Sammlung seiner Schriften Interarz' remains, Lond. 1836, 2 Bde., wurde von seinem Sohne herausgegeben. 2) William Carew, Schriftsteller, Enkel des Vor., geb. 22. Aug. 1834; ward 1861 Advocat u. trieb dabei sehr eifrig Schriftstellerei; er schr.: Lritisb Oolumbia and Vancouvsro Island, Lond. 1858; Historx ok tds Vsustiau rexublic, ebd. 1860, 4 Bde.; Old Ln^lisd ssst- doods, ebd. 1864, 3 Bde.; liarl/ populär postr^ ok LnAlanä, 1866, 4 Bde.; Tds dlnxlisd drawa - Heathfield. and staxs undsr tds Mador and Ltuart priuoss, 1864: llaudboolc to tds populär, poetical anä dramatic litoraturs ok Orsat Lritaiu, 1863; Lu^lisb provsrdss and provsrdial pdrasss, 1869; l?opular antigultiss ok Orsat Lritaio, 1869, 3 Bde.; Mw ksudal psriod, 1873; den Roman 8opdis dauris, 3 Bde., 1855; endlich gab er heraus: Die Werke von Charles Lamb, 4 Bde., 1866—71; Wartons Rist, ok lünAllsd xoetr/, 4 Bde., 1871 rc. Bartling.« >ld., auf Recepten Abkürzung für Hsrda, Kraut. ll Nur (Mus.), harte Tonart, welcher d zum Grunde liegt. Bei Übertragung des diatonischen Verhältnisses erhält diese Tonart 5 Kreuze, die k, c, A, d u. a einen halben Ton höher stellen. k. s., Abkürzung für doo sst, das ist. Head, Sir Francis Bond, engl. Schriftsteller u. Politiker, geb. 1. Jan. 1793, vorher Major u. Assistenz-Armencommissär, machte sich als solcher verdient um die Einführung eines neuen Armengesetzes in der Grafsch. Kent; wurde 1835 an Colbornes Stelle Gouverneur von Ober- canada, veranlaßte jedoch dort 1837 durch falsche Maßregeln den Ausbruch des Aufruhrs, der ihn veranlaßte, März 1838 seine Entlassung zu nehmen. Nach England znrückgekehrt, suchte er sich dort gegen die vielfachen Beschuldigungen durch seine ^arrativs (ein seltsames Gemisch von Politik und Polemik, von Ernst und bitterem Scherz, von Wahrheit u. Dichtung) zu vertheidigen. Er wurde 1867 Mitglied des Geheimeraths u. starb 23. Juli 1875. H. schr. außerdem: ikonAb ustss talcsu durinA soius journs/8 aeioss tbs Lampas, Lond. 1826; Luddlss krom tbs brumwus ok illassau, ebd. 1833; Mw smiArant, ebd. 1846; 4. ka^ot ok Msucb stiics, or karis in 1851, ebd. 1851; Mw Ilorse aud its ridsr, ebd. 1860; Mw Uozml §n§sussr, ebd. 1870. H. empfing als Belohnung für seine Beiträge zur Literatur seines Landes eine Pension von 100 Pf. St. Bartling. llsar (engl., to bsar, hören; iwsr bim), hört auf ihn! der gewöhnliche Ruf, der das englische Parlament bei Stellen einer Rede, welche Aufmerksamkeit verdienen, durchläuft. Heard, County ini nordamerikan. Unionsst. Georgia, u. 33° n. Br. u. 85° w. L.; 7866 Ew. Countysitz: Franklin. Heard-Jnseln, eine Inselgruppe im Großen Ocean, südöstlich der Kerguelen, bestehend aus einer größeren 2000 m hohen, 2 kleineren Inseln u. einigen Felsen. Temperäre Bevölkerung von 50 zum Robbenfang bestimmten Menschen. Sie wurden 1853 u. 1854 durch Heard u. Attwaye entdeckt (daher auch Attwaye-Jnseln) u. sonst noch verschiedentlich benannt(Sandsgruppe, K. Max-Inseln; auch Dünn die große, u. Gray die kleinen). Heath, Charles, berühmterengl. Kupferstecher, geb. um 1790 in London, gründete 1834 das berühmte L.uuual u. st. 1849 in London. Er gab die Kupferwerke: Lbalcssxsars §aI1sr^; kort- kolio ok snAiarinAs; OrarrinA Room portkolio; Dees bomo; Mrs Inlaut Aoroulos von den Schlangen erdrückt; Die Heilung des Lahmen (woran er 11 Jahre arbeitete); Visv ok Lieb- luoud-Lill, im Ganzen 28 Werke heran-. Regnet.« Heathfield, Lord, s. Elliot 2). 87 Heautognosie — Hebbel. Heautognosie (gr.), Selbsterkenntniß. Heauton timorumenos (gr., Selbstpeiniger), Titel eines Lustspiels des Terentius; Nachbildung des Lustspiels des griech. Dichters Menander. Hebamme, Frauensperson, die sich zum Berufsgeschäft macht, Beistand bei Geburten zu leisten. Daß Frauen beim Gebären für gewöhnlich nicht Len Beistand von Männern erhalten, ist so naturgemäß, daß derselbe von jeher überall nebst der Fürsorge für das Neugeborene zum größten Theil, wo nicht einzig, dem weiblichen Geschlecht anvertraut war und nur die Fälle den Geburtshelfern überlassen bleiben, in denen irgend welche vorhandene Normwidrigkeiten das Eingreifen des Arztes nöthig machen. Daher ist in den gegenwärtig fast nirgends mangelnden H - nordnungen dafür gesorgt, daß der gewöhnliche geburtshilfliche Beistand nur von Frauen geleistet wird, die die gehörige Unterweisung erhalten haben, unter Aufsicht von Medicinalpersonen stehen, für Angehörigkeiten in ihrem Geschäft verantwortlich bleiben u. die Verpflichtung haben, in bestimmten Fällen das zeitige Herbeiholen eines Geburtshelfers zu veranlassen. Indessen sind auch in unseren Tagen Beispiele von H-n, die wissenschaftlich u. technisch höhere Ausbildung erlangt haben (wie M. Theodora Charlotte Heidenreich (v. Siebold), M. A. V. Boivin, 1774—1841, M. L. Lachapelle, 1769 bis 1821, beide in Paris), wenn auch sparsam, doch nicht so ganz selten. Zn ihrem Geschäfte wird die H. durch Unterricht und Übung angeleitet. Sie hat als H. entweder eine öffentliche Anstellung oder ist als solche für einen gewissen Bezirk con- cessionirt. Man erwartet dann von ihr besonders, daß sie mit den Erkenntnißzeichen der Schwangerschaft bekannt sei u. auch dcßhalb zur gerichtlichen Untersuchung gebraucht werden könne; daß sie den Verlauf einer gewöhnlichen Geburt genau kenne, aber auch die Fälle erkenne, wo der Beistand eines Geburtshelfers (bes. Anwendung von Geburtszangen und Instrumenten, Wendung rc.) nöthig ist. Sie hat ferner das geborene Kind aufzunehmen, es durch Unterbinden der Nabelschnur u. Durchschneiden derselben von der Nachgeburt zu lösen, und nach erfolgter Geburt die Pflege von Mutter u. Kind zu besorgen, letzteres zu reinigen, anzukleiden n. zu Belt zu bringen, ferner, während der ersten Tage des Wochenbettes, die diätetische Abwartnng der Wöchnerin so wie des Kindes zu leiten. Die H-n erhalten in eigenen H-n-Anstituten von eigenen H-n-Lehrern theoretischen u. praktischen Unterricht. H-ndienste sind ursprünglich von der Mutter der Tochter, Überhaupt von älteren Frauen den jüngeren Gebärenden erwiesen worden, bis sich schließlich frühzeitig ein förmlicher H-ustand herausbildete, der dann das Recht für sich allein in Anspruch nahm, Kreisenden die nöthige Hilfe zu leisten, war freflich nicht nur diesen, sondern auch der Wissenschaft zum großen Nachtheil gereichte. In den ältesten Zeiten sind Geburtshelfer nicht bekannt, die erst später in der nachhippokratischen Zeit austreten. Bei den mohammedanischen Völkern, wie bei allen Naturstämmen, finden wir noch heute diese Ausschließlichkeit. Die Angabe, daß bei den Athenern ursprünglich nur Männern die Hilfe gestattet worden, scheint nicht glaubhaft. In der Zeit nach Hippokrates steigerte sich das Ansehen der H-n, die freien Frauen durften sogar Meinem erlernen, heilten nun allerhand Krankheiten und verfaßten selbst Schriften, wie wir von der Olympias The- bana, Lais, Aspasia, Sotira wissen. Auch beiden Römern standen sie in großem Ansehen u. wurden selbst in Rechtsfällen als Sachverständige herangezogen; bei den Arabern lehrte man sie Operationen ausführen. Mit dem beginnenden Verfalle aller Wissenschaft sank auch die H-nkunst wieder zurück auf eine niedere Stufe, so daß sie nur in rohen Handgriffen und lächerlichem Formelwesen bestand. Die Arzte wurden wieder mehr u. mehr ausgeschlossen u. Niemand kümmerte sich um die Ausbildung dieser Frauen. Berüchtigt waren namentlich die deutschen H-n des 16. Jahrh. trotz der Bemühungen eines Rößlin, Ryff, Rneff u. A. Erst mit dem Wiederaufblühen der Chirurgie wurde der Grund zu einem verstäudnißvolleren Vorgehen gelegt, wenn es auch langsam ging, denn nur nach u. nach wurde die Hilfe gebildeter Ärzte zugelassen. 1573 erschien eines der ersten H-nbücher in Frankfurt, das wie so viele nachfolgenden freilich noch nicht besonders Vieh Werth war. Eine ehrenwerthe Ausnahme machte Rössels: Grundlegung der H-nknnst vor die Wehmlltter, Altona 1753. Am meisten zur Verbesserung dieses Standes trug die Errichtung gut eingerichteter Gebär- und Hebammenlehr-Anstalten bei, so die erste im Mtsl- Oisu in Paris, 1727 in Swaßburg, 1725 in Dublin, 1745 in London, 1751 in Berlin und 1752 in Wien, die 1784 zum allgemeinen Gebärhause erweitert wurde. Vgl. v. Siebold,- Geschichte der Geburtshilfe. Thamhayn. Hebbel, Christian Friedrich,deutscher Dichter, geb. 18. März 1813 in Wesselburen (Dithmarschen), wurde Schreiber beim dortigen Kirchspiele, ging 1835 nach Hamburg, wo er sich für den Besuch der Universität vorbereitete, stndirte in Heidelberg n. München Philosophie u. Geschichte, hielt sich seit 1839 in Hamburg, seit 1842 in Kopenhagen auf, durchreiste Italien, ging 1846 nach Wien, verheirathete sich hier in demselben Jahre, hielt sich später abwechselnd in der Kaiserstadt u. am Gmundner See auf, st. in jener 13. Dec. 1863. H. ist ein dramatischer Dichter von entschiedener Genialität u. bedeutsamem Streben, aber in seiner Wirkung auf die Nation durch eigensinnige Absonderlichkeit beeinträchtigt. Er faßt, wenn er auch seine Stoffe meist einer fernen, ja primitiven Vergangenheit entlehnt, die Zustände u. Richtungen der Gegenwart ins Auge, die ihm vorwaltend von ihrer kranken Seite entgegentreten, die er aber nicht bloß richtet, sondern auch zu heilen strebt; er betrachtet sich als ethischen u. zugleich als dramatischen Reformator seiner Zeit. Er wählt mit Vorliebe verschlungene psychologische u. sociale Probleme, die er mit der Kraft eines tiefsinnigen, grüblerischen, die Contraste auf die Spitze treiben- den, nur zu oft bewußten n. lehrhaften Denkens zu lösen bemüht ist. Die Architektonik seiner Drqmen beweist einen außerordentlichen künstlerischen Verstand. Seine Charaktere sind tief angelegt u. lebensvoll durchgeführt; aber meist fehlt ihnen die Anziehungskraft des Allgemeinmensch- 83 Hebdomas lichen; sie sind u. bleiben abnorm, ja bizarr; überhaupt kennzeichnet den Dichter eine trotzige Selbständigkeit, die nur zu leicht durch ihre harte und knorrige, dem Lyrischen widerstrebende Sprache abstößt, die mit der Phrase auch der begeisternden Kraft entsagt und durch metaphorische Genialität mehr Bewunderung erregt als fesselt. H-s gewaltige Gedanken sprengen die Form oder drohen sie zu sprengen; das Häßliche gewinnt bei ihm, unaufgelöst, einen zu werten Spielraum; was ihm nur zu häufig abgeht, ist Maßhaltung u. Anmuth. Die lyrischen Gebiete, aus welchen er sich auszeichnet, sind: die höhere Gedankenpoesie in Sonett und Epigramm, die ernste Situationsmalerei und das humoristische Genre. Vgl. Rudolf Gottschall, Die deutsche National - Literatur des 19. Jahrh., з. Aust., 3. Bd., 347 ff. Werke: Judith, Tragödie, Hamb. 1841; Gedichte, das. 1842; Genovefa, Tragödie, 1843; Mein Wort über das Drama, Hamb. 1843; Maria Magdalena, Tragödie, 1844; Der Diamant, Lustspiel, Hamb. 1847; Schnock, ein niederländisches Gemälde, Leipz. 1847; Neue Gedichte, das. 1848; Herodes u. Mariamne, Tragödie, 1850; Julia, Tragödie, 1851; Ein Trauerspiel in Sicilien, Tragikomödie, Leipz. 1851; Der Rubin, Märchen und Lustspiel, ebendas. 1851; Agnes Bernauer, Tragödie, Wien 1855; Erzählungen u. Novellen, 1855; Michel Angela, Drama, Wien 1855; Gyges und sein Ring, Tragödie, Wien 1856; Gesammtausgabe der Gedichte, 1857; Mutter u. Kind, ein kleines Epos, Hamb. 1857; Die Nibelungen, das. 1862, 2 Bde.; Demetrius, das. 1864. Sämmtliche Werke (darunter iusäiba) von Emil Kuh, das, 1865—68, 12 Bde. Zimmermann. Hebdömas (gr.), Woche. 8. nutbonlnes, (8. inäulAentüas, 8. magma, 8. msg'or, 8. muta, 8. xosnasis, 8. sauoba), die Charwoche. 8. iv nlbis, die Woche nach Ostern bis zum Weißen Sonntag oder ((jnasimoäoAoniti), weil die Neugetauften bis dahin in den weißen Kleidern gingen. 8. msälassjuniornin (8. moäiüun), in der Griechischen Kirche die 4., in der Lateinischen die 3. Woche der 40tägigen Fasten. 8. paoobälls, die Osterwoche. 8. xsvbsooZtos, die Pfingstwoche. Daher Hebdomadar ins, Wöchner, bei Ämtern и. in Geschäften, welche von Mehreren, wöchentlich abwechselnd, besorgt werden, derjenige, welcher die Woche hat, besonders der Geistliche, welcher die Amtshandlungen der Woche hat, in Klöstern der Conventual, an welchem die Reihe zu kochen ist, in Schulen der Lehrer, welcher eine Woche lang die Aufsicht hat. Hebe, 1) (griech. Mythol.) Göttin der Jugend, Tochter des Zeus und der Here, Mundschenkin im Olymp, bis sie beim Darreichen einer Schale fiel, woraus Ganymedes an ihre Stelle kam; nach Anderen geschah Letzteres, als H. GemahlindesHerakles geworden war. Dieser erhielt sie, nachdem er mit Here versöhnt war, u. H. wurde von ihm Mutter des Alexiares u. des Aniketos. Sie wurde abgebildet als schönes Mädchen mit Rosen u. Kränzen; gewöhnlich hat sie eine Trinkschale in der Hand, oft steht ihr ein Adler zur Seite, den sie liebkost (bei Len Römern lluvontaa), 2) s. Asteroiden Nr. 6. Hebe (bibl. Alt.), was Gott n. den Priestern! — Hebel. an Früchten, Geld rc. zur Gabe u. Opfer von den übrigen zuerst abgesondert u. mit Emporheben dargebracht ward. Hebel, eine der sog. einfachen Maschinen, bestehend aus einem starren Körper, welcher um einen Punkt drehbar ist, u. welcher von zwei od. mehreren Kräften angegriffen wird, die ihn in entgegengesetzten Richtungen zu drehen streben. An jedem H. werden unterschieden: der Drehpunkt, die H-arme, d. h. die vom Drehpunkte auf die Richtungen der Kräfte gefällten Perpendikel u. die Angriffspunkte der Kräfte, d. h. die Punkte, in welchen jeder H-arm die Richtung der zugehörigen Kraft trifft. Denkt man sich nur die H-arme vom Drehpunkt bis zu den Angriffspunkten als starre, gewichtslose Linien, so hat man einen mathematischen H.; im Gegensatz dazu nennt man den aus einem starren Körper bestehenden einen physischen H. Liegen die H-arme in einer u. derselben geraden Linie, so heißt der H. ein geradliniger, im anderen Fall Winkel-H. Je nachdem die H-arme gleich oder ungleich sind, heißt der H. ein gleich- od. »»gleicharmiger; liegt beim geradlinigen H. der Drehpunkt zwilchen den Angriffspunkten, so heißt der H. zweiseitig, (fälschlich meist zweiarmig), wenn aber beide auf derselben Seite des Drehpunktes liegen, einseitig (einarmig). Jede der am H. angreifenden Kräfte sucht den H. zu drehen; dieses Bestreben einer Kraft kann durch eine andere Kraft unwirksam gemacht werden, welche dem H. die gleiche Drehung in entgegengesetztem Sinne zu ertheilen strebt; man sagt dann, der H. ist im Gleichgewicht. Die Größe des Bestrebens einer Kraft, den H. zu drehen, wird gemessen durch das Product aus der Kraft u. ihrem H-arm; dieses Product heißt das statische Moment der Kraft. Ein von zwei Kräften angegriffener H. ist im Gleichgewicht, wenn die statischen Momente der beiden Kräfte gleich sind; ein von mehreren Kräften angegriffener H. ist im Gleichgewicht, wenn die Summe der statischen Momente der in einem Sinn drehenden Kräfte gleich ist der Summe der statischen Momente der im entgegengesetzten Sinn drehenden Kräfte; oder: ein von zwei Kräften angegriffener H. ist im Gleichgewicht, wenn die Kräfte sich umgekehrt verhalten, wie ihre H-arme; denn dann sind, wie sich mit Hilfe der Proportionslehre zeigen läßt, die statischen Momente der Kräfte gleich. Jeder noch so geringe Zuwachs, den eine der Kräfte erfährt, gibt dann dieser das Übergewicht über die andere, zwingt also den H., sich zu drehen. Die einfachste Form des physischen H-s ist eine gerade unbiegsame Stange, die sich um einen Punkt drehen kann; die Kräfte können durch in den Angriffspunkten angehängte Gewichte repräsentirt sein; häufig ist aber die eine Kraft durch einen schweren Körper, die Last, repräsentirt, der gehoben werden soll (daher der Name H.), die andere ist die bewegende Kraft, gewöhnlich schlechtweg Kraft genannt, welche der Last das Gleichgewicht halten resp. sie bewegen soll. Jeder Schlagbaum, die römischeSchnellwage, die Hebebäume u.a. m. stellen ungleicharmige, jeder Wagebalken einer Schalwage einen gleicharmigen H. vor. Scheeren u. Zangen 89 Hebel — sind aus je zwei zweiseitigen, die eisernen Nußknacker, die Pincette aus je zwei einseitigen H-n mit gemeinsamem Drehpunkt zusammengesetzt; Winkel-H. sind namentlich an Klingelzügen in Gebrauch. Wenn beim einseitigen H. der Angriffspunkt der Last zwischen dem Drehpunkte und Lein Angriffspunkte der Kraft liegt, so heißt er auch Dru ck-H., wenn dagegen der Angriffspunkt der Kraft dem Drehpunkt näher liegt als derjenige der Last, so heißt er auch Wurf-H. Die Stroh- u. Tabaksschneiden, die Citronenpresse, die Ruder, die Schiebkarren u. dgl. sind Druck-H.; der Dreschflegel, die Schleuder, die durch Muskeln bewegten Gliedmaßen rc. Wurf-H. H. von besonderer Form sind die Rolle u. das Wellenrad (s. d.). Ist der H-arm der Kraft länger als der der Last, so kann man mit elfterem eine ebenso vielmal so große Last bewegen; dies nennt man den me chan- ischen Vortheil am H.; freilich ist aber auch die Geschwindigkeit der Last ebenso vielmal so klein und dies nennt man den mechanischen Nachtheil. Da man die Leistung einer Kraft durch das Product der bewegten Last in die Geschwindigkeit bestimmt, so heben also der Vortheil und der Nachtheil einander auf, der mechanische Vortheil ist gleich dem mechanischen Nachtheil (goldene Regel der Mechanik). Die Anwendbarkeit des H-s beruht demnach nur darauf, daß man mit verhältnißmäßig kleiner Kraft, über welche man verfügt, doch eine große Last in Bewegung setzen kann, wenn auch mit geringer Geschwindigkeit, oder auch daß man mit einer verhältnißmäßig großen Kraft eine geringe Last mit um so größerer Geschwindigkeit zu bewegen vermag. Die Theorie LesH-sstellleschonArchimedesauf. Ll. Hebel, Johann Peter, deutscher Volksschriftsteller, geb. 11. Mai 1760 in Basel, Sohn eines armen Gärtners, wurde nach dessen Tode im Dorfe Hausen nicht weit von Schopfheim (Baden) erzogen, mußte anfangs mit seiner Mutter auf der Hauseuer Eisenhütte kümmerlich sein Brod verdienen, wurde vom Uuterosfizier Jselin zu Basel ausgenommen, nach dem Tode seiner Mutter vom Kirchenrath Preußen in Karlsruhe unterstützt u. den Gymnasien in Lörrach u. Karlsruhe übergeben, studirte seit 1778 in Erlangen Theologie, wurde 1782 Pfarrvicar zu Hartingen, 1783 Lehrer am Pädagogium zu Lörrach, 1791 Lehrer am Gymnasium zu Karlsruhe u. Subdiakon an der Hofkirche, 1798 Oberlehrer u. Professor, 1803 Kirchenrath, 1808 Direktor des zum Lyceum erhobenen Gymnasiums, bald nachher Mitglied der evangelischen Kirchencommission, 1814 Mitglied des Consistoriums, 1819 Protestantischer Prälat u. Mitglied der Ersten Ständekammer, 1821 vr. Tlrool., starb auf einer Visitationsreise in Schwetzingen 22. Sept. 1826. H. ist ein Dichter von unwiderstehlich liebenswürdiger Naivität, ursprünglichster Kraft des Hn- mors und tiefster Innigkeit des Gemüths. In seinen Alemannischen Gedichten drückt sich die volle Freude am Dasein, vor allem an der mit Fruchtbarkeit u. Schönheit ss reichlich gesegneten heimathlichen Natur aus, die er mit feinster, lebendigster Beobachtung ersaßt u., bei der größten Anspruchlosigkeit des Tones, im vollsten Glanze dichterischer Begeisterung wiedergibt. Das Ober- Hebeladc. land ist der selige Erdenwinkel, in den er sich immer wieder aus der ihm fremdartigen städtischen Cultur flüchtet, um sein innerstes Leben wiederzufinden. Die Muse, die ihm zuerst seine idyllischen Erzählungen, Beschreibungen u. Lieder eingab, war das Heimweh. Denn er blieb auch in hohen Ämtern u. Würden ein Bauer, der sich in der Unterhaltung mit der ländlichen Bevölkerung erst recht wol fühlte. Nicht leicht war ein Manit so entschieden, wie er, zum Volksschriftsteller angelegt. Dem blllthenreichen und herzigen Breis- gauer Dialekte verstand er alle seine reizenden Geheimnisse abzulauschen. Wenige deutsche Dichter sind in der Personification der Naturgegenstände so glücklich wie H., u. es gibt kein lieblicheres u. sinnigeres Bild, als die Wiese (ein Waldstrom), die er, zum Landmädchen verkörpert, von ihrer Geburt bis zu ihrer Vermählung mit dem Rheine begleitet. Wenn hier u. in anderen Idyllen alle Grazien der Laune, der zutraulichen Naivität u. der kindlich-frommen Lebensheiterkeit weben u. walten, so beweist H. durch eine der echtesten Perlen deutscher Dichtung, den Karfunkel, daß ihm auch die ganze Macht der tragischen Poesie zu Gebote steht. In seinem Schatzkästlein bewährte er die Meisterschaft des prosaischen, volksthümlichen Erzählers, spielen Scherz und Humor muthwillig in den Spitzbubengeschichten, im Geheilten Patienten u. dgl., so schließt der Humor die ganze Tiefe des Gemüthes im Kann nit verstau auf, der Jean Pauls urgewaltigen Geist in der einfachsten Form ausprägt. Auch durch seine übrigen Schriften, wie in seiner amtlichen Stellung als hoher Geistlicher u. Schulaufseher, wirkte H. mit reichlichem Segen. Schristen: Alemannische Gedichte, Karlsr. 1803 u. ö.; Rheinländischer Hausfreund oder: Neuer Kalender mit lehrreichen Nachrichten und lustigen Erzählungen, Karlsruhe 1808—11; 4. Rheinischer Hausfreund, oder allerlei Neues zu Spaß u. Ernst, Karlsruhe 1814; 4. Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes (1808—11), Tübingen 1811 u. ö.; Bibl. Geschichte für die Jugend bearbeitet, Stuttg. u. Tüb. 1822, 2 Bde., u. ö.; Christlicher Katechismus, aus den hinterlassenen Papieren herausgeg., Karlsr. 1828; Werke, Karlsr. 1832—34,8 Bde.; das. 1843, 5 Bde.; das. 1846—47, 3 Bde., 2. Ausg., das. 1853, 3 Bde., herausgeg. von Wendt, Berl. 1873, 2 Bd. Vgl. B. Auerbach, Schrift u. Volk, Grundzüge der volksthümlichen Literatur, angeschlossen an eine Charakteristik I. P. H-s, Leipz. 1846; Längin, H-s Leben, Karlsr. 1874. Im Hofgarten zu Karlsruhe wurde ihm 1835 ein Denkmal errichtet, auch in Schwetzingen ein solches. Zimmcrmann. Hebelade (Hebeleiter), Werkzeug, womit eine Last gehoben wird, u. dessen vorzüglichster Theil ein Hebel ist, dessen Unterlage nach u. nach absatzweise erhöht werden kann. Zu diesem Zwecke sind in einem hölzernen Kasten, od. einem doppelten Ständer zwei oder vier Reihen Löcher angebracht, welche so zusammenpassen, daß zwei eiserne Bolzen hineingcsteckt werden, welche die Unterlage des Hebels bilden, und von welchen der eine bei jeder Aufhebung um ein Loch höher gesteckt werden kann. Steht der erwähnte doppelte Ständer schräg, so heißt die Maschine ein Hebebock. Man 90 Hcbenstreit hat auch ganz eiserne H-n, wo der Hebel in gezahnten Einschnitten fortgerückt wird. H-n werden auch dazu gebraucht, Baumstöcke mit den Wurzeln ans der Erde zu reißen u. ganze Bäume umzuwerfen. Gi-seler? Hcbenstreit, Johann Ernst, Mediciner, geb. 15. Jan. 1702 (1703) in Neustadt a. d. Orla, studirtc in Jena u. Leipzig, machte auf Kosten König Augusts II. von Polen mit Gelehrten seiner Wahl eine wissenschaftliche Reise nach der Nordküste von Afrika, von wo aus er längs der Westküste bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung Vordringen wollte, mußte aber bereits 1733 zurückkehren, da durch den Tod des Königs die Mittel abgeschnitten waren. Gleich darauf wurde er in Leipzig Professor der Physiologie, 1737 der Anatomie u. Chirurgie, 1746 der Pathologie, 1748 der Therapie u. st. 5. Dec. 1757. Er war ein tiefer Kenner der griechischen u. römischen Meinem und erwarb sich große Verdienste um die gerichtliche Medicin. Thamhayn. Hebeopfer (jüd. Ant.), s. Hebe. Heber, Name zweier verschiedener Apparate, die nur das gemein haben, daß sie beide dazu dienen, Flüssigkeiten aus Gefäßen zu heben, d. h. nach oben ausfließen zu machen. 1) Der gekrümmte H., auch Saug-H., ist eine luftdichte, an beiden Enden offene V-förmige Röhre mit 2 gewöhnlich ungleichlangen Schenkeln. Um mittelsdieses H-s Flüssigkeit aus einem Gefäße zu leiten, taucht man den einen (kürzeren) Schenkel, mit der Öffnung nach unten, in die Flüssigkeit u. füllt dann beide Schenkel mit der Flüssigkeit an (meist geschieht dies, indem man an dem Ende des zweiten Schenkels mit dem Munde saugt, daher der Name Saugheber). Die Flüssigkeit fließt dann aus dem Gefäße durch den H. (also erst aufwärts, dann abwärts) aus, so lange die Ansflußöffnung tiefer liegt als der Wasserspiegel im Gesäße. Der Grund davon ist folgender; sind beide Schenkel mit Flüssigkeit gefüllt, so sucht diese vermöge ihrer Schwere in beiden abwärts zu fließen, wodurch an dem höchsten Punkt des H-s ein luftleerer Raum entstehen würde. Dies wird aber durch den äußeren Luftdruck verhindert. Die gesammte Flüssigkeitsmasse im H. kann sich also nur nach einer Richtung hin bewegen; sie fließt also nach der Seite, auf welcher der Druck der Flüssigkeit der größere ist; so lange daher die Flüssigkeitssäule im äußeren Schenkel höher ist als die im inneren — vom Wasserspiegel aufwärts gerechnet — ist auch der Druck derselben größer, und die Flüssigkeit fließt nach außen aus. Selbstverständlich darf der Druck der Flüssigkeit im kürzeren Schenkel den Atmosphärendruck nicht erreichen, oder der H. darf, von dem Flüssigkeitsspiegel an, für Wasser nicht 10 rn, für Quecksilber nicht 760 mm hoch sein. Will man einen H. anwenden, welcher so groß ist, daß die Luft nicht mit dem Munde ausgesaugt werden kann, so muß er an beiden Enden durch Hähne verschlossen und oben durch eine Öffnung mit Flüssigkeit gefüllt werden, worauf die Öffnung luftdicht verschlossen wird. Öffnet man nun die Hähne, so fließt die Flüssigkeit aus. Will man mit einem H. eine Flüssig, keit ausheben, welche beim Aussaugen der Luft — Hebert. nicht in den Mund kommen darf, so wird nahe an der Ausflußöffnung eine aufwärts gehende Röhre angebracht, durch welche man die Luft aussaugt, während man die Ausflußöffnung mit der Hand zuhält. 2) Der Stechheber besteht in einer nach unten in eine Spitze verengten, nach oben zu einem Gefäße sich erweiternden, endlich zu einem Halse „sich verengenden Röhre. Taucht man die untere Öffnung in das Gefäß mit Flüssigkeit und saugt am Halse die Luft aus, so treibt der äußere Luftdruck die Flüssigkeit in den H. Verschließt man hierauf den Hals mit dem Finger, so kann man den H. aus dem Gefäß herausziehen, ohne daß die Flüssigkeit wieder abfließt, denn sie wird durch den äußeren Luftdruck getragen, sofern nur die untere Öffnung enge genug ist. Soll die Flüssigkeit aus dem H. ausfließen, so öffnet man den Hals. Eine in chemischen Laboratorien gebrauchte Form des Stechhebers, die Pipette, besteht aus einer oben und unten offenen, unten etwas verengten, über der Mitte zu einer Kugel aufgeblasenen Glasröhre. Auf den Gesetzen des H-s beruhen viele mechanische Spielereien, so der Vexirbecher, der Zaubertrichter, die magische Gießkanne u. dgl. mehr. Die H. waren schon den Griechen bekannt, Heron von Alexandrien erwähnt dieselben. Vgl. Anatom. Heber Wolffs. Wimmerauer ül.» Heber, Reginald, anglicanischer Missions- Bischof, geb. 1783 zu Malpas in der Grasschaft Chester; wurde 1807 Rector zu Hodnet inShrop- shire und dann dort Prediger, ging 1823 als Missionär nach Indien u. st. 1826 als Bischof von Calcutta zu Trichinopally in der Präsidentschaft Madras; er sehr.: kalaostlua, Lond. 1803 (Gedicht); kosms, ebd. 1812; Leeount ok ajour- usz' to Llaäras anä Loutüoru proviness, null Isttors dritten in luckia, ebendas. 1828, 3 Bde. (deutsch Weim. 1828); llournal anck oorrsopon- ckouos, ebd. 1830, 2 Bde.; vgl. Fr. Krohn, H-s Lebenu.NachrichtenüberJndien, Berl.1831, 2Bde. Hebert, 1) Jacques Rene, franz. Revo- lutionär, geb. um 1755 in Alenyon, kam jung nach Paris, wo er in niederen Dienstanstellungen ein dunkles Leben führte. Mit Eifer trat er aus die Seite der Revolution und 1789 redigirte er das Blatt köro DueüLus, welches gegenüber einem gleichnamigen, das die constitutionelle Monarchie vertheidigte, von den Jacobinern gegründet wurde und in excentrischer Weise die königliche Familie angriff, später auch kstib oaröms cis I'abbs Llaur^ sto., wurde so bald Volksmann und am 10. Aug. 1792 Mitglied des Pariser Commune- ausschusses. Er wurde wegen einer Verschwörung gegen die gemäßigte Mehrheit des Conventes verhaftet, aber vom Volk befreit, klagte nun die Königin der schändlichsten Verbrechen an u. wurde einer der Commissäre, welche im Tempel die Verhöre gegen die königlichen Kinder leiteten. Von Robespierre, der seinen Cynismus verachtete, mit Mißtrauen angesehen, verband er sich mit Chau» mette u. stand bald an der Spitze der als Ultrarevolutionärs (Hebertisten) berüchtigten Fraction, welche die Abschaffung des Gottesdienstes u. Erneuerung des ersten Naturzustandes beabsichtigte u. sogar Danton u. Robespierre der Verletzung Hebeschraube der Freiheit u. der Menschenrechte anklagte. Diese vereinigten sich gegen sie, u. H. wurde unter Anklage auf Unterschlagung, wobei er sich äußerst feig benahm, mit vielen seiner Anhänger 24. März 1794 guillotinirt. Er hatte eine Nonne geheirathet, welche einige Tage nach ihm ebenfalls enthauptet wurde. 2) Antoine Auguste Ernest, franz. Historienmaler, geb. in Grenoble 3. Nov. 1817, studirte von 1835 in Paris die Rechte u. arbeitete zu gleicher Zeit beim Bildhauer David d'Angers, ward 1839 Schüler P. Delaroches u. lebte von 1845—50 in Rom, besuchte 1853 Dresden, um dort zu studircn, u. ward 1867 Direktor der franz. Akademie zu Rom. Seine Arbeiten lassen in Bezug auf Composition Manches zu wünschen übrig, desgleichen sein Colorit, zeichnen sich aber durch große Lebhaftigkeit des Ausdruckes aus u. neigt H. zum Sentimentalen. Hauptwerke: Lasso im Gefängniß; Die Malaria (im Luxembourg, das berühmteste von allen); Der Judaskuß (ebd.); Die Mädchen von Alvito; Die Hcnverkäuferinnen von S.Angelo; Mädchen vonCervara am Brunnen;Die Hirtin; Die Wäscherin. i> H-nne-Am Rhy».* 2 , Regnet. Hebeschraube, Maschine, um sehr große Lasten, selbst ganze Gebäude emporzuheben; besteht aus einer lothrecht stehenden Schraube, auf deren oberem Ende die Last ruht, welche unten in einer feststehenden Schraubenmutter geht und mittels eines langen Hebels in dieser Mutter in die Höhe gedreht wird. Bei größeren H-n wendet man auch Rädervorgelege rc. an, um die Wirkung zu verstärken. Gi-s-ler.» Hebespiegel, hölzernerDeckel, derbeim Schießen von Spiegelgranaten rc. aus Mörsern zwischen Pulverladung und die Geschosse eingelegt wurde, um den Stoß der ersteren auf die letzteren zu vertheilen. Hebetiren (v. Lat.), stumpf machen, abstumpfen. 8sbstnäc>(sr.8sb6tLcio), Stumpfheit, Stumpfsinn. Hebewalze, Maschine zum Emporheben großer Lasten, z. B. von Schiffen, hölzernen Gebäuden rc., von dem Schweden Scheldon erfunden und von Polhelm verbessert; besteht aus einer ungefähr 4 m langen u. 25 om dicken Stütze, welche unten bogenförmig ausgeschnitten ist, so daß sie auf eine Walze paßt. Diese hölzerne Walze ist 60 em lang, 21 cm dick, an beiden Enden mit Löchern versehen, um Hebebäume hineinstecken u. sie um drehen zu können. Die Walze wird wieder auf einen Klotz gelegt, welcher bogenförmig, am besten nach einer Ellipse, ausgeschnitten ist; die Oberfläche des Klotzes wird beim Gebrauch mit Harz u. Sand bestreut. Wird nun die Stütze schräg an einen Vorsprung der Last gestemmt n. die Walze gedreht, so kommt die Stütze nach u. nach in eine lothrechte Richtung u. muß die Last heben. Gicssler.* Hebezeug, 1) so v. w. Hebelade. 2) bei der Artillerie eine zum Ein- und Auslegen schwerer Rohre in die und aus den Lasteten verwendete Maschine, die meist aus einem Gestell, an dessen höchstem Punkt ein vermittelst Windewerke in Thätigkeit zu setzender Flaschenzug angebracht ist, besteht. In neuerer Zeit ist der Differential- flaschenzug u. für sehr schwere Kaliber ein hydraulisches H. im Gebrauch. 2 > z. Hebler, Karl, Philosoph. Schriftsteller, geb. — Hebräer. 91 18. Dec. 1821 zu Bern, studirte nach dem Besuche des Gymnasiums in Stuttgart auf den Universitäten Tübingen und Berlin Philosophie und Theologie, habilitirte sich 1854 als Privatdocent in Bern u. wurde dort 1863 Professor der Philosophie. Er schrieb: Spinozas Lehre von der Substanz n. ihren Bestimmtheiten, Bern 1850; Shakespeares Kaufmann von Venedig, über die sogen. Idee dieser Komödie, ebd. 1854; Lessings Studien, ebd. 1862; Aufsätze über Shakespeare, ebd, 1865, 2. A. 1874; Die Philosophie gegenüber dem Leben n. den Einzelwissenschaften, Berl. 1868, 2. Aufl. 1874; Philosoph. Aufsätze, Leipz. 1869. Hebra, Ferdinand, hervorragenderMediciner, geb. 7. Oct. 1816 zu Brünn, studirte in Wien, wurde Assistent bei Skoda, habilitirte sich 1842 für Hautkrankheiten, übernahm als Primärarzt 1848 die neu geschaffene Abtheilnng für Hantkranke am allgemeinen Wiener Krankenhanse, wurde 1849 Pro- fessor u. hat sich einen mehr als europäischen Ruf für sein Fach geschaffen. Auf pathologische Anatomie sein System gründend, hat er die bis dahin ziemlich wirre Lehre der Hautkrankheiten neu umgeschaffen u. durch selbständige Forschung Vorzügliches geleistet so daß er einer der ersten Vertreter der neuen Wiener Schule ist. Er betont vor Allem den örtlichen Charakter vieler, namentlich nicht fieberhafter Hautkrankheiten, u. behandelt infolge dessen meist auch nur örtlich. Bezüglich der Therapie hat er übrigens dem Nihilismus viel Vorschub geleistet. Er hat bis jetzt veröffentlicht: Atlas der Hautkrankheiten, mit vorzüglichen Tafeln von Ant. Elfinger, Wien 1856—1865; Acute Exantheme u. Hautkrankheiten, als 3. Bd. von Virchows Handbuch der speciell. Pathol. und Therapie, 1860—65; außerdem kleinere Abhandlungen über Krätze, 1842, rc. Thamhayn. llsbrsäsnäroii Pflanzengattung aus der Fam. 6nttiksras-6aioinisas, mitschildförmigen, mit einer ringförmigen Spalte aufspringenden Anthe- ren; 6—7 Arten in Ostindien; wichtig: 8. eam- boxioiäss (OamboZia 6ntta D., (laroinia Llorella De,so.), in Ceylon heimisch, liefert daS ceylonische Gummigutt, welches mit dem in den Handel kommenden siames. Gummigutt identisch ist. Das Harz tritt entweder freiwillig ans der Rinde heraus oder wird durch Einschneidcn in dieselbe gewonnen. , Engl-r. Hebräer. I.,Älteste Geschichte bis zur Rückkehr ans Ägypten nach Kanaan. Die H. waren ein asiatisches Volk und hatten ihren Namen vielleicht daher, weil ihr Stammvater Abraham von jenseit (hebr. Eber) des Euphrat nach Kanaan gekommen war. Tharah, ein Nachkomme Sems, Emir seines nomadisirenden Stammes, war um 2000 v. Ehr. von Ur in Chaldäa in das Land Haran in Mesopotamien eingewandert. Ans Furcht, daß sein Stamm seinem Gotte Je- hovah untreu werde und in die hier verbreitete Abgötterei verfallen möchte, begab sich dessen Sohn u. Nachfolger Abraham mit seinem Brnders- sohn Lot nach Kanaan. Mit seinen zahlreichen Heerden zog er im Lande umher u. erhielt von Gott die Verheißung, daß er einst das Land Kanaan als Eigenthum besitzen u. sein Volk groß n. geehrt u. im Besitze Kanaans (daher Land der Ver- 92 heißung, Gelobtes Land) erhalten werden solle. Auch führte Abraham zum Zeichen der besonderen Verbindung mit Gott die Beschneidnng ein. Isaak, sein einziger Sohn u. Erbe, war ein nicht minder standhafter Anbeter Jehovahs. Ihm folgte sein Sohn Jakob, der den Namen Israel, Gottesstreiter, erhielt, u. an die Namen seiner 12 Söhne, Rüben, Simeon, Levi, Juda, Jsaschar, Sebnlon, Dan, Naphthali, Gad, Asser, Joseph u. Benjamin knüpfen sich dann meist die Namen der 12 Stämme Israels. Joseph, durch den Verrath seiner Brüder als Sklave nach Ägypten verkauft, aber hier zuletzt zur Würde eines Verwesers über das Reich erhoben, rief zur Zeit einer großen Thenerung seine Familie nach Gosen, wo dieselbe, jeder Verbindung und Vermischung mit den Eingeborenen widerstrebend, Jahrhunverte lang lebte. Nach Josephs Tode wurden sie von den Pharaonen in Memphis gelegentlich hoch geehrt, gelegentlich hart bedrückt. Unter diesen Bedrückungen der ihrem Ahnen, Abraham, von ihrem Gott gegebenen Verheißungen auf Kanaan immer lebhafter gedenkend, faßten sie den Gedanken, auszuwandern, und ihr Stammesgenosse Moses, erzogen am königlichen Hofe, brachte, begleitet von Aaron, seinem beredten Bruder, beim Pharao durch mehrere ihn schreckende Thaten (die zehn Landplagen), es endlich dahin, daß ihm die Erlaubniß zum Abzüge mit seinem Volke gegeben wurde (1314 n. Lepsius). Um den Charakter des Volks zu kräftigen, beschloß Moses, es nicht auf dem kürzesten Wege durch das Philisterland, sondern auf einem Umwege durch die Wüste zu führen. Aber bald hatte es der König bereut, daß er die H. hatte ziehen lassen; er beschloß ihnen nachzusetzen u. sie zurückzuführen. Am Rothen Meere traf er sie, aber die H. gingen glücklich durch das Meer (Durchgang der Kinder Israel durch das Rothe Meer), n. die nachfolgenden Ägyptier fanden in der Flnth ihren Tod. Nach Brugsch u. A. gingen die H. nicht durch das Rothe Meer, sondern nördlich auf dem Damme zwischen dem Mittelmeer und den Landseen. Von da ging der Zug durch die Arabische Wüste. Am Horeb erfochten die H. auch unter Josua den ersten Sieg über die Amalekiter. Darauf kamen sie in die Wüste Sinai, wo sie, bes. um von Moses Gesetze zu erhalten, ein Jahr blieben. Zur Berathung über diese Gesetze ging Moses mehrmals auf den Berg Sinai; beim zweiten u. dritten Male mit Aaron, Nadab, Abihn, Josua u. 70 Ältesten; das letzte Male blieb er 40 Tage u. Nächte dort, u. während dieser Zeit machten sich die H. das Goldene Kalb (ein hölzernes und vergoldetes Bild eines Stiers) als Götzen und beteten dasselbe an. Als Moses vom Berge kam, verbrannte er das Kalb, ließ die Asche von den Götzendienern trinken u. dann 3000 derselben von den Leviten umbringen. Darauf wurde das Gesetz verkündet, das erste Passahfest gehalten u. darnach weiter nach Jdumäa gezogen. Aus der Wüste Paran sendete Moses nun Männer aus, unter ihnen Josua u. Kaleb, um Kanaan auszukundschaften, u. diese brachten zum Zeichen der Fruchtbarkeit des Landes eine große Weintraube mit; aber die Erzählungen von menschenfressenden Riesen, die sie dort gefunden haben wollten, erschreckte die H. so, daß sie lieber wieder nach Ägypten znrück- kehren, als dorthin ziehen wollten. Dies war der Grund, daß sie noch lange in der Wüste umher- ziehen mußten, damit das alte furchtsame, wider- spenstige Geschlecht absterbe u. ein neues im Gehorsam des Gesetzes erzogenes heranwachse. Auf der weiteren Reise geschah die Empörung u. Bestrafung der Korahiten, die erbliche Übertragung des Priesterthums an die Familie Aarons, die Auffindung von Trinkwasser aus einem Felsen, in welchen Moses mit einem Stabe stieß (das Haderwasser, weil sie vorher wegen Mangels an Wasser mit Moses gehadert hatten). Ans dem ferneren Zuge eroberten sie mehrere Städte der Ammoniter, besiegten den König Og von Basan, kämpften gegen die Moabiter u. Midianiter. Nach Moses Tode, vor dem schon Aaron gestorben war, wurde Josua Heerführer u. führte die Stämme, von denen schon Rüben, Gad u. der halbe Stamm Manasse die zur Viehzucht geeignetsten Gegenden diesseits des Jordans in Besitz genommen hatten, über den Jordan; die H. zerstörten Jericho, eroberten Ai u. führten einen 7jährigen Vertilgungskrieg, in welchem sie die alten Bewohner Kanaans theils ausrotteten, theils sich unterwürfig machten; nur einige unbesiegte Stämme blieben zurück. II. Nach der Eroberung Kanaans bis zur Wahl eines Königs. Noch ehe die Eroberung vollendet war, schritten die H. zur Theilung des Landes, so daß nach Maßgabe der Stärke des Stammes u. der Güte des Landes auch die übrigen 9^ Stämme: Simeon, Juda, Dan, Naphthali, Asser, Jsaschar, Sebnlon, Benjamin, Ephraim u. die andere Hälfte Manasse ihren Antheil, der Stamm Levi aber wegen seiner priesterlichen Bestimmung keine Ländereien, sondern 48 Städte und 6 Freistädte in den Besitzungen der übrigen Stämme erhielten. Die 2'/y Stämme blieben in ihren Sitzen bis zu Saul, wo sie, nach Besiegung von angrenzenden arabischen Völkern, das Land derselben entnahmen, sich bis Gilead ansbreiteten, unter David ihre Eroberung befestigten u. erweiterten, unter Salomo Tadmor erbauten u. ihre Ansiedelung bis zur Assyrischen Gefangenschaft behaupteten. Während jene Stämme sich so ausbreiteten, zogen sich auch die übrigen Stämme theils tiefer in die weidereichen Gegenden Arabiens, theils gegen O. hinein; bes. wurden die Kanaaniter immer weiter zurückgedrängt. Nach der Verfassung Mosis entwickelten sich nun bei den zwölf Stämmen eben so viele föderirte Freistaaten nach dem theokratischen Prinzip; an ihrer Spitze stand ein gemeinschaftliches Oberhaupt n. ein Oberpriester. Da aber nach Josuas Tode ein allgemeiner Heerführer fehlte, der die Verfassung nach dem Sinne Mosis entwickelte, so konnte weder die Bundesverfassung die Eifersucht der sich immer mehr von einander lösenden Stämme unterdrücken, noch die selbst ausartende Priesterschaft den zunehmenden Verfall des in seinem Schoße an den nicht vertilgten alten Bewohnern noch viele unruhige Feinde nährenden Landes hindern. Unter den Richtern, die oft nur an der Spitze einzelner Stämme standen und meist nur für die Dauer der Gefahr das Volk führten, wurden die H. nicht bloß öfter der Religion und Verfassung Hebräer. 93 ihrer Väter untren, sondern sahen sich auch von den benachbarten Völkern beunruhigt oder zeitweilig unterjocht. So waren sie acht Jahre dem König von Mesopotamien, u. 18 Jahre dem König der Moabiter, der sich mit den Ammonitern u. Ama- lekitern verbunden hatte, unterworfen u. dann von den Philistäern besiegt u. 40 Jahre in der Sklaverei gehalten. Nur durch die gegenseitige Eifersucht der fremden Stämme u. die Großthaten ausgezeichneter Patrioten wurde die Verbindung der einzelnen Stämme erhalten und befestigt. Unter den Richtern in diesem Heldenalter der H. zeichneten sich auch Heroinen au«, wie Deborah, die mit Barak den Sissera, Feldherrn des Königs Jabin, schlug; dann befreite sie, wie einst Athniel von dem Joche Mesopotamiens, Ehud von den Moabitern, Gideon von der Herrschaft der Midianiter, Jephtha von den Ammonitern; am berühmtesten wegen seiner Stärke n. seines Muthes war Simson, dann Eli, der das Richter- und Hohenpricsteramt vereinigte. Samuel, der letzte Richter, leiteteeine zeitgemäße Reform der Gesetzgebung ein u. gründete in den Prophetenschulen Nationalakademien. Allein besorgend, daß das Richteramt erblich werden u. an Samuels böse Söhne gelangen möchte, u. die Noth- wendigkeit eines Anführers im Krieg fühlend, forderte die Nation nach dem Beispiel anderer Völker einen König. III. Die Hebräer unterKönigen bis zur Theilung des Reichs. Samuel salbte um 1050 Saul, einen Vornehmen aus dem Stamme Benjamin, zum König, nachdem derselbe jedoch erst feierlich erklärt hatte, sich in Sachen der Religion nicht mischen zu wollen. Da nicht alle Stämme, namentlich Ephraim, mit seiner Wahl zufrieden waren u. ihm wegen seiner Willkür, Unbesonnenheit und Grausamkeit noch abholder wurden, so kehrte er wahrscheinlich wieder in den Privatstand zurück, u. erst infolge der durch Len Ammoniter- könig Nahas eintretenden Kriegsgefahr trat er sactisch an die Spitze des Volkes, das ihm nun zu Gilgal um so lieber huldigte, als er glücklich gegen die Feinde war. Er stritt glücklich gegen die Philistäer, Moabiter, Jdumäer, bes. gegen die Amalekiter, aber da ihm gänzliche Ausrottung dieses Volkes durch Samuel befohlen war, u. er deren Häuptling Agag am Leben ließ, so erregte dies die Unzufriedenheit des Volkes von Neuem. Da er nun sogar in die Vorrechte der Priester eingegriffen hatte, so verlor er auch Samuels Vertrauen, u. dieser salbte insgeheim David zu dessen Nachfolger. Saul, wegen der Feindseligkeit Samuels und der Priesterschast tiefsinnig geworden, tödtete sich nach der am Berge Gilboa gegen die Philistäer verlorenen Schlacht selbst. David ließ sich nun um 1010 v. Ehr. öffentlich in Hebron salben, wurde aber nur vom Stamme Juda anerkannt; die übrigen elf Stämme wählten auf Abners Anregung Sauls Sohn, Jsboseth, u. erst nach sieben Jahren, als Jsboseth von Baena u. Rechob ermordet worden war, gelang es David, eine scheinbare Vereinigung des gesummten Volkes zu bewirken. Er verlegte seine Residenz von He- vron nach Jerusalem, welches den Jebusitern ab- aenommen worden war, erhob dies zum bleibenveil Sitz der Regierung u. des Nationalcultus des Jehovah, gab den Leviten eine zweckmäßigere Verfassung, in der er die königliche Gewalt mit dem Ansehen der Priester n. Propheten zu versöhnen wußte, u. hob durch Ordnung des Kriegswesens den Muth der Nation. Unterstützt durch Helden wie Joab, war er siegreich in mehreren Kriegen u. dehnte die Grenzen seines Reichs von Ägypten u. dem Arabischen Meerbusen bis nach Thapsakos, vom Euphrat bis an das Mittelmeer aus. Er erbaute die Burg auf Zion u. bereitete den Bau des Jehovatempels vor; Künste blühten unter ihm, vorzüglich die religiöse Dichtkunst, die er selbst u. die Säuger an seinem Hofe ansbildeten. Jedoch die Trennung zwischen Juda u. Israel ganz auszugleichen gelang ihm nicht, sowenig als die Empörungen seiner Söhne u. deren verderbliche Folgen zu hintertreiben. Durch Unfälle in der Familie u. noch durch ähnliche Mißhelligkeiten gegen das Ende seiner Tage tief erschüttert, starb David nach vierzigjähriger Regierung um 970 u. hinterließ seinem Lieblingssohne Salomo, den er, mit Umgehung des ältesten Sohnes Adonia, noch bei seinem Leben zum Könige hatte salben lassen, das Reich. Salomo ließ bei seiner Thronbesteigung, um sein Reich zu befestigen, seinen Bruder Adonia u. einige mißvergnügte Große, namentlich den alten mächtigen Joab, hinrichten, verband sich durch Heirath mit Ägypten und begann unter Beistand des Hiram, Königs von Tyrus, im vierten Regierungsjahre den Bau des Tempels auf Moriah, den er in sieben Jahren vollendete. Durch diese u. andere Verschönerungen der Hauptstadt u. anderer Städte, namentlich Hazor, Megiddo, Bethhoron, Baalath, hob er den Gewerbefleiß seines Volkes, durch Handelsverträge, durch Hebung des Handels u. der Schifffahrt aus dem von David eroberten Hafen Eziongeber am Rothen Meer u. Einfuhr von Gold, Elfenbein und anderen kostbaren Erzeugnissen des Auslandes rc., seinen glänzenden Hofstaat weckte er mit dem Kunstsinn zugleich Prachtliebe. Er errichtete eine 12,000 M. starke Reiterei mit 1400 Streitwagen, stellte 12 Ansseher über die Domänen an, von denen jeder einen Monat lang die Lieferung der Hosbedürfnisse besorgen mußte; diese zu befriedigen mußten aber bald die Unter- thanen mit drückenden Steuern belegt werden. Dazu ergab sich später der sonst wegen seine Gerechtigkeitsliebe u. Weisheit gerühmte Salomo, verleitet von seinen ausländischen Frauen, der Abgötterei u. hielt sich nicht frei von Ungerechtigkeiten, so daß es zu Verschwörungen kam, die zwar an seiner wohlbefestigten Macht scheiterten; allein sobald er starb (929 v. Ehr.), brach offene Empör- ung aus, und sein Sohn Rehabeam, der ihm folgte, war so wenig im Stande das drohende Ungewitter zu beschwören, daß vielmehr sein unkluges Benehmen gegen die um Minderung der Auflagen bittenden u. ihm eine Wahlcapitulation vorlegenden Abgeordneten, zehn Stämme zum förmlichen Abfall brachte. Der hebräische Staat th eilte sich nun in die Reiche Juda u. Israel. IV. Von der Theilung des Reiches bis zum Babylonischen Exil. Reich Israel. Die neuesten Ägyptischen u. Assyrischen Forschungs- ergebnifse gestatten, die Geschichte beider Reiche von diesem Zeitpunkte an genauer chronologisch 94 Hebräer. festzustellen. Zu Israel gehörten die zehn Stämme: Ephraim, Dan, Simeon, Manasse, Jsaschar, Se- bulon, Asser, Naphthali,Gad u. Rüben; die Haupt- u. Residenzstadt war anfangs Sichern, dann Sa- Maria. Obgleich Israel der größere u. volkreich, ere Staat war, so stand es doch an fester Organisation dem Reiche Juda nach, da bei diesem die alte Hauptstadt, der Tempel u. die Priester- schast geblieben waren. Die abgefallenen zehn Stämme wählten Jerobeam I., einen alten Feldherrn Salomos, zu ihrem König, der seine Residenz in Sichern nahm u., um einen Gegensatz zu dem Jehovahcultus in Jerusalem aufzustellen u. seine Unterthanen von den Wallfahrten nach Jerusalem abzuhalten, in Bethel und Dan ägyptischen Thierdienst einsllhrte, auch die Priester, nicht aus dem Stamme Levi nahm. Bald begannen die Kämpfe Israels gegen Juda. Jerobeam starb S08 u. sein Sohn Nadab, ein lasterhafter Fürst, regierte nur kurze Zeit; 907 wurde er schon von Baesa, seinem Feldherrn, erschlagen u. sein Geschlecht ausgerottet; Baesa führte geradezu den Götzendienst in Israel ein. Deshalb überzog ihn Assa, König von Juda, mit Krieg, machte ihm seinen Bundesgenossen, den König von Damascus, abspenstig und vertrieb ihn mit dessen Hilfe 884. Baesas Nachfolger, Ella, fiel 883 durch seinen Feldherrn Simri; dieser wurde jedoch schon nach sieben Tagen durch Omri (Amri) gestürzt n. verbrannte sich, in Thirza von Omri belagert, mit seinem Palaste. Auch gegen Omri stand Thibni als Gegenkönig auf, aber dieser st. 879 u. Omri regierte unangefochten bis 872. Er gründete die Stadt Samaria u. verlegte die Residenz hierher. Seinen Sohn u. Nachfolger, den schwachen Ah ab, veranlaßte seine Gemahlin Jsebel, eine sidonische Königstochter, den Baalsdienst anzunehmen, und verfolgte die damit Unzufriedenen, darunter auch den Propheten Elias, aufs Härteste. Der Assyrer- könig Salmannasir gedenkt seines Sieges über ihn in seiner Monolithinschrist z. I. 854. Die Wirren des Reiches benutzend, zog Benhadad von Da- mascns vor Samaria u. schlug den Ahab 853 in einer Schlacht, in welcher derselbe auch selbst blieb. Ihm folgte sein Sohn Ahasja (Ochoz), und da dieser schon im folgenden Jahre st., dessen Bruder Joram (852—841). In einem Kriege gegen die Syrer wurde er verwundet, und während erkrank darniederlag, überfiel ihn der von Elisa zum König gesalbte Jehu, Sohn Josaphats, ermordete sowol ihn, als seine ganze Familie u. ließ den Baaldienst wieder abschaffen. Sein Sohn Joahas (813—797) verlor gegen die Syrer sein ganzes Heer, u. das Reich wurde denselben auf einige Zeit zinsbar. Joas, Joahas Sohn, schüttelte das syrische Joch wieder ab u. kämpfte gegen die Moabiter. Sein u. seines Vaters Rathgeber war Elisa. Unter beiden begann das Reich Israel wieder zu blühen. Jerobeams II. lange Regierung (796—756) war glücklich; er stellte die alten, oft verrückten Grenzen gegen Syrien wieder her u. befreite die drei Stämme jenseits des Jordan von der syrischen Gewalt. Ihm folgte 756 sein Sohn Zach arias (Sacharja) auf dem Thron. Dieser wurde aber, nachdem er ein halbes Jahr- schlecht regiert hatte, durch eine Verschwörung wieder gestürzt. Sein Mörder, Sallum, wurde König, aber nach einem Monat geschah ihm Gleiches von Menah cm, unter welchem Las Reich den Assyrern zinsbar ward. Phul (? Tiglath Pilesar) drang siegreich in das von Parteien zerrissene Israel ein, unterwarf das Reich u. legte ihm einen Tribut auf, welchen der König merkwürdiger Weise von den Soldaten erhob. Menahems Sohn u. 738 Nachfolger Pokajah wurde 737wieder von Pe- kah ermordet; dieser verband sich gegen Juda mit den Syrern, aber da Juda den Tiglath Pilesar, König von Assyrien, zum L-chutze herbeirief, wurde Israel, nachdem Pekah 729 von Hose» ermordet worden war, von dem Sieger bis auf das samaritanische Land verwüstet u. ein großer Theil der Einwohner in die Gefangenschaft abgeführt, 729 kam Hosea auf den Thron von Israel. Dieser verweigerte, gestützt auf ein Bllndniß mit dem Ägypterköuig, dem Salmanassar den schuldigen Tribut und versuchte wieder unabhängig zu werden; aber Salmanassar fiel 723 in das Land; Samaria wurde 721 zerstört und das Volk theils in andere Länder Asiens, größtentheils jenseits des Euphrat, verpflanzt (Assyrische Gefangenschaft), theils mit neuen Colonisten vermischt. L) Reich Juda. Zum Reiche Juda gehörten die beiden Stämme Juda u. Benjamin; die Hauptstadt war Jerusalem. Die beiden Stämme blieben dem Rehabeam treu; den gefaßten Plan, die abgefallenen Stämme wieder zu unterwerfen, konnte derselbe nicht ausführen. Nachdem er fünf Jahre in Frieden regiert hatte, fiel ein ägyptisches Heer in Juda ein und plünderte den Tempel. Stach Abiam, Rehabeams Sohne, welcher drei Jahre (912—910) regierte, kam dessen Sohn Assa auf den Thron. Dieser stritt mit aller Macht gegen den Götzendienst, u. da ihn Baesa, der König von Israel, deshalb mit Krieg überzog, besiegte er denselben durch syrische Hilfe u. eroberte den Stamm Naphthali; er st. 869. Sein Sohn Josaphat (869—845) war ein gerechter u. edler Fürst; aber er ließ sich in ein nachtheiliges Büuduiß mit König Ahab von Israel ein, u. dessen Nachfolger Ahasja suchte dasselbe zu befestigen. Im Lande suchte er den Unterricht u. die Rechtspflege zu verbessern; in seinen Kriegen früher unglücklich, daß er sogar seine Flotte verlor, war er später glücklicher gegen die Philistäer u. andere Nachbarvölker. Aber sein Sohn Joram (845 bis 841) begünstigte, auf Veranlassung seiner Gemahlin Athalja, den Götzendienst wieder u. verlor die Gewalt über die Edomiter. Als nach Jorams Tode (841) dessen Sohn Ahasja, welcher sich mit seinem Schwager, dem König Joram von Israel, zu einem Feldzuge gegen Damascus vereinigt hatte, mit diesem von Jehu ermordet worden war, ließ Athalja, Ahasjas Mutter, alle königlichen Nachkommen ermorden, um allein den Thron zu behaupten; indessen einer ihrer Enkel, Joas, Ahasjas Sohn, von seiner Tante Jo- saba gerettet und von dem Oberpriester Jojada insgeheim im Tempel erzogen, trat 835 hervor und wurde von den Priestern als König auSgerufen, Athalja aber ermordet u. mit ihr der Baalsdienst gestürzt. Die durch die Wiederherstellung des baufällig gewordenen Tempels erlangte Hebräer. 95 Gunst des Volkes verlor Joas, weil er das Geld zum Friedenskaufe von dem Syrer Hasael aus dem Tempelschatze nahm, und ward 796 infolge einer Verschwörung von seinen Dienern erschlagen. Amazia, sein Sohn u.Nachfolger,besiegte zwar die Edomiter, führte aber deren Götzendienst in seinem Lande ein. Im Kriege gegen Israel wurde er geschlagen u. gefangen, Jerusalem von Israel erobert, die Mauern niedergerissen u. der königliche u. Tempel-Schatz geplündert. Bald darauf kam -Ämazia wieder auf den Thron, wurde aber durch seine Unterthanen verjagt u. floh nach Lachis, wo kr 770 erschlagen wurde. Sein Nachfolger Usia (Asarja) hatte Frieden mit Israel u. benutzte denselben, um sein Gebiet zu erweitern; er demllthigte die Philistäer, nahm Häfen am Rothen Meere ein u. befestigte Jerusalem wieder. Infolge von Eingriffen in die hohepriesterlichen Functionen mußte er 749 seinem Sohne Jotham die Regierung abtreten. Als Neichsverweser ließ dieser den Tempel verschönern, besiegte die Ammoniter u. machte sich dieselben zinsbar. Nach Ustas Tode 742 trat er selbst die Regierung an und führte sie bis 734. Gegen das Ende seiner Regierung wurde er vom israelitischen König Pekah geschlagen u. sah eine Menge seinerUnterthanen als Gefangene weggeführt werden. Während Jotham den Götzendienst nur duldete, war sein Sohn Ahas (734—726) ein entschiedener Begünstiger desselben. Gegen Israel rief er, ungeachtet der Warnung des Propheten Jesaias, den Assyrerkönig Tiglath Pilesar zu Hilfe. Dieser besiegte zwar Israel u. Syrien, aber auch Juda wurde nun den Assyrern zinsbar u. verlor seine Selbständigkeit, am meisten durch das Ausgeben der Nationalreligion. Jesaias, Micha und andere Propheten eiferten für die Wiederherstellung des Jehovahdienstes; aber erst unter Ahas Sohne, Hi skia (726—697), gelang ihnen dies, u. der Tempel wurde unter großen Feierlichkeiten wieder gereinigt. Da Hiskia sich den Tributzahlungen an die Assyrer zu entziehen suchte, so kam San- herib, um das Verweigerte zu erzwingen. Hiskia zahlte den Tribut, u. als Sanherib doch noch ge- en ihn zog, rettete ihn eins Seuche im Belagcrer- eere von der Rache der Assyrer, die er durch Biindnißverhandlungen mit Merodach Baladan von Babylon gereizt hatte. Die Ruhe und der > Glanz, welche Hiskia dem Reiche zuletzt gebracht , hatte, schwand schon wieder unter seinem Sohne Manasse (696—641), welcher Len Götzendienst von Neuem einführte n. von den Assyrern selbst auf einige Zeit in die Gefangenschaft abgesührt wurde. Sein Sohn Amon regierte nur zwei Jahre (641—639), darauf kam Lessen achtjähriger Sohn Josia aus den Thron. Dieser eiferte unter Leitung der Priester für Abschaffung des Götzendienstes, setzte das 624 bei einer Ausbesserung des Tempels gefundene Mosaische Gesetzbuch in Kraft u. gewann dadurch solche Gunst, daß er für den frömmsten und besten König in Juda galt. In einem gegen den ägyptischen König Necho begonnenem Kriege, wo ihm Syrien Hilfe leistete, wurde er im Thale Mcgiddo geschlagen, tödtlich verwundet und st. 608. Nun stand Inda unter ägyptischem Einfluß. Necho setzte den von dem Volke zum König gewählten Jo ahas sogleich ab und nahm denselben mit nach Ägypten (wo er starb); statt seiner aber setzte er 608 dessen Bruder Jo- jakim (früher Eljakim) auf den Thron, welcher den Ägyptern großen Tribut zahlen mußte. Nach dem Siege Nebukadnezars über Ägypten bei Karchemisch kam Juda unter die Babylonier, u. als Jojakim hierauf von Babylon wieder abstel, kehrten die Babylonier in das Land zurück. Unter Jojakim lebte der Prophet Jeremias. Als nach Jo- jakims Tode, 598, dessen Sohn Jojachin (Je- jancha) kaum die Regierung angetreten hatte, kam Nebukadnezar selbst in das Land, eroberte Jerusalem, führte den König u. die Vornehmsten, die meisten Waffenfähigen, Bauleute u. Schmiede in sein Land n. ließ nur einen kleinen Theil des Volkes unter Zedekia (Matthania), Jojachins Ba- tersbruder, zurück. Zedekia verachtete die väterliche Religion u. entweihte den Tempel; 590 versuchte er, im Vertrauen auf ägyptische Hilfe, das Joch der Babylonier abzuschütteln. Nebukadnezar fiel sogleich in Judäa ein u. eroberte Jerusalem nach zweijähriger Belagerung (586). Zedekia entfloh zwar mit den Seinen, wurde aber von den Chaldäern bei Jericho eingeholt; Nebukadnezar ließ vor ihm seine Kinder ermorden, ihn selbst blenden u. dann nach Babylon führen, wo er später auch starb. Jerusalem u. der Tempel wurden verbrannt, die Mauern geschleift u. das Volk nach Babylon in die Gefangenschaft geführt (Babylonische Gefangenschaft). Ueber die wenigen Znrückbleibenden setzte Nebukadnezar den Gedalja als Statthalter; als dieser aber ermordet worden war, zogen die meisten Juden aus Furcht.vor der Strafe des Königs mit Jeremias nach Ägypten. V. Vom Babylonischen Exil bis zur römischen Oberherrschaft. Nachdem die H. 48 Jahre im Exil gewesen u. in ihren Ansiedelungen einheimisch geworden, sogar zuhohen Staatsämtern gelangt waren, zerstörte der Perserkönig Kyros das Chaldäisch-babylonische Reich und er- theilte 538 v. Ehr. den H-n die Erlaubnis) zur Rückkehr in ihr altes Vaterland. Der größte Theil blieb aber in Babylonien, u. nur 42,360 Männer mit ihren Familien, aus dem Reiche Juda, weshalb die H. nach dem Exil Juden genannt wurden, zogen in zwei Karawanen unter Serubabel, Esra u. Nehemia in das Land ihrer Väter, setzte» sich zu Jerusalem fest, nahmen bald die Provinzialstädte von Beerseba bis zum Thale Hinnom ein u. gründeten, unter persischer Oberherrschaft, einen neuen Staat nach der mosaischen Verfassung mit einem Hohepriester und Ältesten an der Spitze. Nehemia war Statthalter. Auch Jerusalem und der Tempel wurden wieder aufgebaut, unter Esras und Nehemias Leitung der Kanon der heiligen Schriften gesammelt u. die große Synagoge zur Auslegung desselben eingesetzt. Zwar blieb das Schicksal der Juden unter Alexander d. Gr. und während der Kriege zwischen seinen Feldherren erträglich, insofern sie deren Freundschaft erkaufen konnten. Sie standen anfangs unter Ägypten, fielen dann zeitweilig in die Gewalt der syrischen Könige; aber König Ptolcmäos Philadclphos zog viele Juden als Colonisten nach Ägypten, bes. nach Alexandrien; in diese Zeit gehörr die griech. Übersetzung des Alten Testaments. Allein als sich 96 Hebräer. die Juden auf die Seite der Könige von Syrien schlugen, wurden sie deren Beute (198). So gut es die H. unter Antiochos d. Gr. hatten, so übel erging es ihnen unter dessen Nachfolgern Seleukos u. Antiochos IV. Der Plan der makedonischen Politik, die Gräcisirung der orientalischen Völker, sollte nun rasch auch an den H-n ausgeführt werden, u. hier wandten sich die Syrer bes. gegen die Religion. Das Volk, festhaltend am Cultus seiner Väter, widersetzte sich, und der Priester Mattatja (167) u. nach ihm (166) sein Sohn Judas der Makkabäer trat an der Spitze einer bewaffneten Schaar, welche sie in den Gebirgen gesammelt hatten, hervor, mußte zwar vor den Syrern bei Beth Sacharja zurückweichen, focht aber dann glücklich, eroberte Jerusalem u. stellte den alten Cultus wieder her. In dieser Zeit hatte die sog. Diaspora der Juden, d. h. die Zerstreuung und Verbreitung derselben über weite Völkergebiete, begonnen. Mit Judas beginnt das Heldenalter der Makkabäer oder Asmonäer (Hasmonäer) in der Geschichte der H. 164 v. Chr. züchtigte Judas die Jdumäer und andere benachbarte Völker für die seinem Volke zugesügten Mißhandlungen. Darauf suchte er die zunehmende Zerrüttung des syrischen Staates zu benutzen und verband sich zu diesem Zwecke mit den Römern; da zogen die Syrer unter Bakchides und Alkimos ins Land, befestigten sich aller Orten, nahmen Jerusalem, u. Judas selbst fiel 161 v. Chr. bei Eleasa oder Bethsetha. Nur eine kleine Schaar unter Jonathan, Bruder des Judas, ergab sich dem Bakchides nicht, sondern entwich in die Wüste Thekoa u. machte sich von dort den Syrern u. Arabern furchtbar. Jonathan wußte die Thronstreitigkeiten der Seleukiden in Syrien geschickt zu benutzen, kam dadurch in den Besitz des Tempels in Jerusalem, wurde 152 Hoherpriester u. Statthalter (damit die geistliche u. weltliche Macht vereinend), erhielt dann das Philisterland 146 u. Steuerfreiheit gegen einen festen Tribut, wurde aber, als Tryphou sich auf den syrischen Thron schwang, von diesem durch Verrath gefangen u. bei Baschama daun 143 v. Chr. ge- tödtet. Seit Jonathans Gefangennehmung der- theidigte sein Bruder Simon, welchen Antiochos früher zum Statthalter über die ganze Küste des Mittelmeeres gesetzt, das Land gegen Tryphon, erklärte 142 sich von Syrien unabhängig u. ward, nachdem er die syrische Besatzung aus der Burg Zion vertrieben, dafür und daß er sonst für das Wohl des Volkes sorgte, von dem Volke 140 zum erblichen Fürsten u. Hohenpriester erhoben, worüber eine auf eherner Tafel gegrabene und im Tempel aufbewahrte Urkunde abgesaßt wurde. Seit 139 schlug Simon auch Münzen mit seinem Namen (die ersten der Hebräer). Nachdem er noch den Feldherrn des Antiochos, der neue Forderungen gemacht, geschlagen, wurde Simon 135 von seinem Schwiegersohn, dem Statthalter Ptolemäos von Jericho, in der Bergfeste Doch bei Jericho ermordet. Er hinterließ seinem Sohne Johannes Hyrkanos (135—107) das Reich, welches dieser, von syrischer Oberherrschaft frei, durch Siege über die Jdumäer (110) u. über Samaria (109) erweiterte, durch Einsetzung des Hohen Raths (Sanhedrin, Synedrium) mit einer festen Verfassung beschenkte u. durch Bildung hob. Indem das Judenthum sich wieder mehr befestigte, ent- standen die Schulen der Sadducäer u. Pharisäer. Da Johannes kein Vertrauen zu seinen Söhnen hatte, so übertrug er testamentarisch seiner Gemahlin die Regierung; aber der eine seiner Söhne, Judas oder Aristobulos I., ließ seine Mutter Hungers sterben, warf drei seiner Brüder ins Gefängniß u. erschlug den vierten; er nahm zuerst den Königstitel an, starb aber schon 106 v. Chr. Seine GemahlinSalomeAlexandra gab ihre dreiSchwäger frei u. heirathete den einen, Jannäos (Jonathan) oder Alexander, welcher so König wurde. Von dem cyprischen König Ptolemäos, welcher Judäa verwüstete, befreite ihn die Königin Kleopatra. Indessen seine vergeblichen Kriege gegen Araber, Moabiter rc. und seine Grausamkeit im Innern erbitterten seine Unterthauen so, daß ein 6jähriger Bürgerkrieg ausbrach. Er ließ als Sieger gegen 800 Aufrührer kreuzigen, machte noch einige Einfälle in andere Länder u. st. 79 v. Chr. Währenddem begann der Staat wieder schnell zu sinken unter dem Einflüsse der von den religiös-politischen Secten der Pharisäer u. Sadducäer hervorgerufenen Parteispaltungen. Nach Alexander führte seine Gemahlin Alexandra die Regierung fort; sie verband sich mit den Pharisäern u. schickte die Sadducäer zum Heere, erließ eine allgemeine Amnestie u. regierte klug u. kräftig bis 70 v. Chr., wo sie starb. Nun machten sich ihre Söhne, Hyrkanos u. Aristobulos, die Krone streitig, bis Hyrkanos, bei Jericho geschlagen, dem Aristobulos II. weichen mußte. Hyrkanos verband sich dagegen mit dem arabischen König Aretas, rückte mit 50,000 Mann nach Judäa, schlug den Aristobulos u. schloß ihn in Jerusalem ein. Da rief Aristobulos den römischen Feldherrn Scaurus zu Hilfe, welcher die Araber zurückwarf. Im Jahre 63 suchten Aristobulos u. Hyrkanos die Entscheidung des Pompejus in Damascus; Aristobulos widersetzte sich, wurde aber gefangen, u. seine im Tempel verschanzten Anhänger mußten sich nach dreimonatlicher Belagerung ergeben; darauf wurden die Mauern von Jerusalem niedergeriffen u. Hyrkanos zum Fürsten u. Hohenpriester gemacht, der jedoch kein Diadem tragen durfte, die Städte in Syrien u. Phöuizien abtreten u. einen Tribut zahlen mußte. So wurde Judäa von Rom abhängig und dem Statthalter von Syrien zur Verwaltung untergeben. VI. Judäa unter römischer Herrschaft bis zum gänzlichen Untergang des Staates. Im Jahre 54 v. Chr. erregte der aus Rom entflohene Sohn des Aristobulos, Alexander, mit einem Anhang einen Bürgerkrieg; auch Aristobulos elbst wurde sreigegebeu, aber von den Römern erschlagen u. Alexander hatte 49 v. Chr. dasselbe Schicksal. Die fürstliche Gewalt des Hyrkanos wurde vom römischen Statthalter Gabiuius sehr geschwächt, indem er die Verwaltung des Landes dem Synedrium übertrug, welches aus fünf Pro- vinzialbezirken zu Jerusalem, Gadara, AmathuS, Jericho u. Sephoris bestand. Von den Nachkommen des Aristobulos, der von den Römern vergiftet worden war, war noch ein Sohn übrig, Antigonos. Dieser eroberte 40 v. Chr. mit Hilfe Hebräer. 97 der Parther Jerusalem, verstümmelte den Hyrkanos u. schickte ihn nach Parthicn; er selbst wurde Fürst von Judäa. Aber 38 kam Herodes, der Sohn des Jdumäers Anlipas (des Rathgebers von Hyrkanos) u. der Bruder des Phazael, des Statthalters von Jerusalem unter Hyrkanos, welcher schon von den Römern 40 v. Chr. zum König bestimmt worden war, und nahm mit Hilfe der Römer unter C. Sosius Jerusalem; Antigonos wurde nach Antiochien geschickt u. dort hingerichtet. So endete das Geschlecht der Makkabäer. Herodes der Große, mit dem das idumäische Geschlecht der Herodianer an die Spitze des Staates kam, hatte während der Belagerung Jerusalems die Mariamue, die Enkelin Hyrkauos', aus demGeschlechtder Makkabäer, geheirathet, um so die Juden mit sich zu versöhnen. Nach der Schlacht bei Aclinm, 31 v. Ehr., beließ ihm Octavianus, der Sieger über seinen Gönner Antonius, nicht nur sein Reich, sondern gab ihm noch mehrere Städte dazu. Die Errichtung von Circusspielen nach Römerarl sühne Unruhen u. neue Hinrichtungen herbei, doch suchte Herodes diese Greuel durch reiche Spenden in einer Hungersnoth (25 v. Chr.) wieder gut zu machen u. verkaufte sogar seine Kostbarkeiten, um dafür Getreide einzuhandeln. Trotzdem u. obgleich er die Juden durch den prächtigen Tempelbau sich geneigt zu machen strebte, so wurde er doch wegen seiner Grausamkeit, in der er selbst 3 seiner Söhne, seine Gemahlin'Mariamne und seine Schwiegermutter ermordet hatte, gehaßt. Unter seiner Re- gierung wurde Jesus geboren. Als er 2 n. Chr. starb, sollte sein Sohn Herodes Philippos folgen, allein aus Haß gegen dessen Mutter Mariamne hatte ihn der Barer gar nicht im Testamente bedacht, u. so wurde ein anderer Sohn, Archelaos, Ethnarch von Judäa, Samaria u. Jdumäa (bis K oder 8 n. Chr.) und dessen Bruder Herodes Antipas über Galiläa. Bei der sich ausbrcitendcn Sittenlosigkeit u. der Ausartung des Gottesdienstes in geistloses Ceremonienwejen reifte das Volk dem völligen Verfalle entgegen. Vergebens suchte Jesus sein Volk durch eine gänzliche Reform der ausgearteten Mosaischen Religion u. durch moralische Besserung vom Untergange zu retten; so fest die Juden auch aus ihre messianischen Weissagungen vertrauten, so verwarfen sie doch Jesus, weil sie vom Messias nur irdische Erwartungen hegten. Die Empörung, zu welcher die Juden, unter den Plackereien der römischen Statthalter, die neben den jüdischen Schattensürsten (wie Herodes Agrippa u. dessen gleichnamigem Sohne, welcher der letzte König war) Las Land nun völlig als römische Provinz behandelten, immer mehr gereizt wurden, 'schlug zwar der Statthalter Gessius Florus 66 n. Chr. im Lande nieder, allein in Jerusalem dauerte sie fort, u. nicht ohne großen Verlust konnte er seinen Rückzug antreten. Da rückte ein römisches Heer unter Vcspasianus in Palästina ein, unterwarf Galiläa, verheerte Jdumäa u. belagerte unter Titus Jerusalem, welches von den Juden tapfer vertheidigt, aber endlich, 70 n. Chr., von den Römern erobert wurde. Vergebens suchte Titus den Tempel zu schonen; die Stabt wurde zerstört u. was von Len Einwohnern nicht Len Tod gefunden hatte, in die Sklaverei verkauft od. Pierers Nniversal-Conversations-Lexikon. 6. Aust. X. vertrieben, u. so der jüdische Staat durch die Zerstörung Jerusalems auf immer aufgelöst. Die fernere Geschichte des allenthalben in der Welt zerstreuten Volkes s. u. Juden. Literatur: Die Schriften des A. u. N. Test, u. des Josephus; Salomo Ben Virga, Lolrsbeb 5uäu (hebr.), Prag 1609 u. ö. (lat. Listoriu ikuckuiea, Amst. 1651); I. Crnll, llsrvisli kiistorg'. London 1708, 2 Bde.; L. Holbcrg, Jüdische Geschichte, aus dem Dänischen von G. A. Detharding, Altona 1747, 2 Bde.; G. L. Bauer, Handbuch der Geschichte der hebräischen Nation, Nürnberg 1800—4, 2 Bde; Scherer, Geschichte der Juden (vor Jesus), Zerbst 1804, 2 Bde.; H. Leo, Vorlesungen über die Geschichte des jüdischen Staates, Berl. 1828; I. M. Jost, Allgemeine Geschichte des Israelitischen Volkes rc., ebd. 1831—32, 2 Bde.; M. Huncler, Lisb. ckss Israskitss, Paris 1837; Bianchi Giovini, Ltoria. clsM Lbrei, Mail. 1844; I. M. Jost, Geschichte der Juden (seit der Zeit der Makkabäer), Berl. 1820—29, 9 Bde.; Ewald, Geschichte des Volkes Israel (bis Christus), 3. Ausg. Gött. 1864 ff., 7 Bde.; Eisenlohr, Das Volk Israel (unter der Herrschaft der Könige), Leipz. 1856; Bertheau, Zur Gesch. der Israeliten, Gött. 1842; Lengerke, Kanaan, Volks- u. Religionsgesch. Israels, Bd. 1, Königsb. 1844; Dessauer, Gesch. der Israeliten, mit des. Berücksichtigung der Culturgeschichte, Erl. 1846; Herzfeld, Gesch. des Volkes Israel, Braunschw. 1847—63; Salvador, Gesch. der Römerherrschaft in Judäa, Brem. 1847; Menzel, Staats- u. Religionsgesch. der Königreiche Israel u. Juda, Breslau 1853; Milman, List. cck tbs llsrvs, Lond. 1863; Sharpe, List, ok tbs Lobrsw Nation, Lond. 1869; Hitzig, Gesch. des Volkes Israel, Leipz. 1869; Schräder, Die Keilinschristen u. Las Alte Testament, Gieße» 1872; Brandes, Abhandl. zur Gesch. des Orients im Alterthum (die jlld. Königsreihen), Halle 1874; H. Brugsch, L'Lxoäs et iss Llonumeut« L^/ptisns, Lpz. 1876. Brandes.' Hebräer (Ant.), die öffentlichen und privaten Einrichtungen, Sitten u. Gebräuche der H. bis zur gänzlichen Auslösung ihres Reiches durch die Zerstörung Jerusalems (die der späteren Inden s. u. Judenthum). I. Staatswesen. .4) Verfassung. In der Zeit der Patriarchen hatte nach orientalischer Sitte ein Familienvater die Gewati über die Glieder seiner u. anderer ihm untergeordneten Familien u. war zugleich Anführer gegen die Feinde, Priester seines Familicucultus u. Richter über seine Familienglieder. Die mosaische Verfassung war eine zusammengesetzte' Stamm- und Familienversassung, in der sich die (12) Stämme (Schebatim) in Geschlechter (Mischphachoth) u. diese in Stammhäuser (Baihe Aboth) theilten; jeder Stamm machte einen Staat aus, an der Spitze derselben standen Stammsürstcn (Ziese haaboth), Stammhäupter (Rosche Bathe Aboth), Älteste (Sekenim) u. Vorsteher (Schoterim). Die Leviten bildeten eine Art priesterlichen Adel mit militärischer Einrichtung, bestimmt als Gegengewicht gegen Len etwaigen überwiegenden Demokratismus. Aus Len Häuptern bildete Moses die Volksgemeinde (Edah) und einen Ausschuß; an der Spitze der ganzen Verfassung stand Jehovah selbst als König, Band. 7 98 Hebräer. daher die hebräische Staatsverfassung eine Theokratie genannt wird. Zwischen ihm u. dem Volk war ein Gesetzgeber (Moses) selbst der Mittler, welcher die Gewalt so vertheilte, daß den Priestern die beschließende (wobei sie an die Berathung der Urim u. Thmmnim gebunden waren) n. richterliche Gewalt nebst der Besorgung des Cultus, dem Josua die ausübende Gewalt übertragen wurde; über die verordnende u. gesetzgebende Gewalt war nichts bestimmt. Nach Josuas Tvde führten die Richter (Schophetim) das Volk im Kampfe an u. sprachen bei entstandenen Streitigkeiten Recht; ihr Amt war aber nicht erblich. Schon damals verlor die theokratische Verfassung an Kraft u. Halt. Zwar vereinigte Samuel wieder Priester- und Richterthum n. somit die ganze theokratische Gewalt, aber er mußte dem Volke, auf dessen ausdrückliches Verlangen, einen König geben, sicherte jedoch das theokratische Prinzip und hielt die Könige in Abhängigkeit, indem er sie durch Propheten wählen u. einsetzen ließ, a) Der König (Melech) wurde nach seiner Wahl durch Priester bei feierlichen Opfern mit heiligem Öl gesalbt u. hatte als Auszeichnung ein Prachtkleid, eine Tiara (dieser), eine Krone (Atarah), einen Scepter (Schebet); sein Sitz war ein Thron (Chisse), sein Einkommen bestand in freiwilligen Geschenken, welche vom Volke bei seiner Salbung u. von Unterworfenen bei ihrer Besiegung dargebracht wurden, in einem Theile an der Kriegsbeute, an Heerden, in dem Ertrag der Krongüter, in Frondiensten u. gewissen Abgaben, welche die Unterthanen leisten mußten; in außerordentlichen Fällen wurde auch eine Kopfsteuer aufgelegt. Der König vereinigte in sich die Staatsgewalt, war aber beschränkt durch eine von Samuel ausgeschriebene u. in der Stiftshütte aufbewahrte Wahlverfassnng und durch die Stimme der Volksversammlung; dennoch artete später die königliche Gewalt nicht selten in vollständigen Despotismus aus, bis sie mit dem Exil endete. Nach dem Exil wurden die Juden von einem den Persern gehorchenden Statthalter und von Richtern aus ihrer Mitte regiert; als sie unter Ägypten u. Syrien standen, erwuchs aus der Übergabe der Landesverwaltung an den Hohenpriester wieder eine Hieraxchie, woraus sich unter römischem Einflüsse nochmals eine Art Königthum entwickelte, b) Die höchste geistliche u. priesterliche Gewalt war in Len Händen des Sanhedrin (Synedrium, hoher Rath), der bis 71 Räche (Priester, Älteste u. Schriftgelehrte) unter einem Vorsitzenden (Nasi) enthielt, o) Beamte: dem Könige zur Seite standen seine Räche (Sadim), der Reichskanzler (Maschir), welcher die Ereignisse, bes. die durch und mit dem König geschahen, aufzeichnete, der Staatssecretär (Sopher), der Feldherr u. der Befehlshaber der Leibwache u. v. a. ä) Bürger waren alle, welche aus einem der 12 Stämme abstammten u. welche zur Beurkundung dessen die Beschneidung an sich trugen; ausgeschlossen waren Verschnittene u. Kinder öffentlicher Dirnen; von Ausländern konnten Edomiter und Ägypter im dritten Geschlecht, Ammoniter und Moabiter nie Bürger werden, sonst jeder Fremde, wenn er sich zum Mosaismus bekannte, s) Sklaven, welche die H. von Len ältesten Zeiten gehabt, waren entweder im Kriege Gefangene, oder Gekaufte, oder von Sklaven Geborene, oder nicht zahlende Schuldner; Arme verkauften sich selbst. Der Herr hatte volles Recht über seinen Sklaven; er konnte denselben ungestraft züchtigen bis zum Tode, wenn er nur nicht augenblicklich starb; verletzte er aber des Sklaven Körper, so wurde, dieser frei. Freigegeben wurden die israelitischen Sklaven in jedem siebenten u. im Jubeljahr, u. jeder Freigelassene erhielt eine Anzahl Schafe, Getreide rc. als Ausstattung zur neuen Wirthschaft; wollte der Sklave die Freiheit nicht, so wurde er zum Zeichen lebenslänglicher Sklaverei an einem durch das Ohr gezogenen Pfriemen an die Thür befestigt. Übrigens hatten Sklaven ihr Eigeuthum. k) Fremde, die nicht zum Judenthum übergingen, hießen Fremdlinge des Thores (Gere Schaar, weil sie innerhalb des Thores wohnen durften); sie mußten sich zur Beobachtung der sieben Noachischen Gebote verpflichten, konnten überall im Lande, nur nicht in Jerusalem, wohnen, erhielten Schutz u. Recht, durften opfern, konnten nie ein öffentliches Amt bekleiden u. waren überhaupt ohne politische Rechte. L) Rechtswesen, a) Rechte, an) Sachenrecht. Der Besitz an Stamm- u. Familienglltern, ebenso Häuser auf dem Lande (Häuser in den Städten waren veräußerlich) und in den Levitenstädten waren unveräußerlich; waren sie verkauft worden, so mußten sie im Jubeljahr der Familie oder dem Besitzer Lurch Wiederkauf zurückgegeben werden; auch konnten cs Besitzer, od. wer es sonst lösen wollte, vor dem Jubeljahr zu- rückfordern. Im Erbrecht bekam der Erstgeborene (mit der Stammfürstenwürde im patriarchalischen Zeitalter) doppelten Theil; Töchter erbten nur, wenn keine Söhne vorhanden waren; hatte der Erblasser auch keine Töchter, so erbten seine Brüder, dann seine Vettern, dann seine nächsten Freunde in dem Stamme, denn außer dem Stamme wurde nichts vererbt, auch die Erbtöchter dursten nicht außer dem Stamme heirathen, wenn sie das Erbe erhalten wollten. Testamente kamen erst spät auf; in der patriarchalischen Zeit galt die Einsegnung als solches, bb) Persönliche Rechte u. Verbindlichkeiten. In Schuld- fachen galt, daß der Schuldner, wenn er nicht zahlte, gepfändet (doch war durch das Gesetz hierin die größte Milde vorgeschrieben) u. dann als Sklave verkauft wurde; im Erlaßjahre wurden keine Schulden eingetrieben. Zinsen durften nur von den Fremden gemachten Darlehen genommen werden. Wer eines Anderen Eigenthum beschädigt hatte, sei es daß er es selbst oder sein Vieh gethan, mußte Ersatz leisten, so auch für getödtctes Vieh. Das Mosaische Gesetz war auch gegen Arme u. Fremde human und mild, für jene wurde bei der Ernte eine Nachlese u. Theilgebung an den Zehentmahlzeiten empfohlen u. ihnen gehörte der Wuchs des Erlaßjahres. b) Gericht. Das Gericht der Ältesten wurde an allen Tagen, außer am Sabbath u. an Festtagen, u. zwar bes Morgens im Lhore oder auf freien Plätzen vor dem Thore, oder bei den Wohnungen der Richter, öffentlich, unter reger Theilnahme des Volkes, seit Salomo in einer bes. gebauten Halle, gehalten, später vom Sanhedrin im Geheimen, von Len römischen Procn- Hebräer, 99 ratoren in ihrem Palaste. Das Verfahren war mündlich und summarisch; Anwälte gab es nicht; in Criminalsachen bedurfte es wenigstens zweier Zeugen, selten und erst später wurden schriftliche Beweismittel gebraucht; in Ermangelung der Zeugen konnte sich der Angeklagte durch den Eid reinigen; eine Art Gottesurtheil war das Bittere Fluchwasser (s. d.) u. das Loos. Die Exemtionen an den Vcrurtheilten wurden schnell und in der Königszeit von der Leibwache des Königs vollzogen. Den e) Strafen lag das Princip der Wieder- vergcltung zu Grunde; dem Beschädigten od. dessen Gewalthaber mußte der verursachte Schaden ersetzt werden; Diebstahl wurde mit mehrfachem Ersatz des Entwendeten bestraft od. mit Verlust der Freiheit, Verkauf zum Sklaven; Verstümmelung wurde durch Wiedervergeltung gesühnt, doch konnte die Talion mit Geld abgelöst werden; auf Verwundung stand ei» Schmerzensgeld; Verbrechen gegen Respcctspersonen, Elternfluch, selbst Ungehorsam gegen Eltern sollten mit dem Tode geahndet werden; vorsätzlicher Mord hatte Todesstrafe zur Folge, doch fanden Mörder bis zum gerichtlichen Austrage der Sache am Altar u. in den 6 Freistätten Schutz; Verbrechen gegen die Religion u. den Cultus (Abgötterei, Gotteslästerung, Sabbathschändung rc.) wurde mit dem Tode bestraft. Die üblichen Todesstrafen waren: Steinigung, Prügeln zum Tode, Zersägen, Ersticken in glühender Asche, Kreuzigung; zu größerer Beschimpfung wurde der Leichnam noch aufgehängt; Leibesstrafen waren Geißelungen od. Schläge — aber nicht über 40 —, wodurch aber nicht Entehrung eintrat. Eine Art Gewissensstrafen waren die Sünd- u. Schuldopfer. Endlich bestand Ausschließung von der Gemeinde, Bann unter 3 Graden, deren härtester unter Verfluchungen u. Verwünschungen. 6) Polizei. Die polizeilichen Verordnungen waren ein Ausfluß der theokratischen Verfassung; die Speisegesetze bestimmten, welche Klassen und Arten von Thieren unrein wären u. nicht gegessen werden sollten; untersagt war der Genuß aller an Krankheit gefallenen oder zerrissenen Thiere, des Blutes u. blutiger Fleischstllcke, von Fischen ausgenommen, gewisser Fettstücke von allen Thieren, aller Speisen und Getränke, welche unbedeckt in einem Lcichenzimmer gestanden. Die Reinigkeits- gesetze ordneten an, daß der, welcher bewußt oder- unbewußt sich verunreinigt hatte, sich wieder reinigen u. sühnen sollte. O) Religion, n) Die Religion der Patriarchen hatte, im Gegensätze zu den anderen Völkern, den Jehovah (Jahve) als öffentlichen Gott zum Gegenstände ihrer Verehrung. Neben dem Jehovah verehrten die einzelnen Häuser ihre Hausgötter (Theraphim), besond. fragten sie dieselben um Rath, gewissermaßen als Orakel. Diese patriarchalische Religion bildete auch die Grundlage zu der, gegen die in Ägypten angenommene Abgötterei des Volkes gerichteten Mosaischen Religion (Mosaismns), welche ein in der Verfassung des Volkes befestigter, in seiner Gesetzgebung ausgeführter und in der inneren u. äußeren Geschichte der H. durchlebter Monotheismus war. Eine eigentliche Glaubenslehre hatte die Mosaische Religion nicht, sie war bloß Anstalt, war bloß praktisch, beschränkt auf die einzige Idee von dem wahren Gott (Jehovah), mit dem das Volk der H. einen Bund gemacht hatte, worin dasselbe Gott Verehrung u. eine gewisse Lebenseinrichtung zusagte und Jehovah dagegen dem Volke Schutz u. Lebensgüter verhieß. Jehovah war ihnen ihr unsichtbarer Herrscher (Theokratie), repräsentirt durch Moses u. später durch die Könige. Die Mosaische Anstalt erfuhr eine Vervollkommnung durch die Propheten, welche die Erwartung des Messias für die gesunkene Anstalt u. die Verbreitung der neuverklärten Anstalt über die ganze Erde ausspra- chen u. so den Universalismus des Christenthums vorbereiteten, b) Der Cultus der Patriarchen war sehr einfach, die Opfer wurden auf einfachen Altären von dem Familienvater gebracht; Tempel gab es nicht, aber heilige Haine, auch verehrte man Gott in heiligen Steinen (Mazboth). Die Mosaische Gesetzgebung verwarf allen Dienst von Bildern, sie ordnete aber den Dienst des Jehovah in bestimmter Weise u. mit bestimmtem Cercmo- niell. In der nachmosaischen Zeit wurde der Jc- hovahdienst sehr getrübt; bald wurde der Dienst der Theraphim in den öffentlichen Gottesdienst gezogen, besond. um sie als Orakel zu befragen; bald wurde wieder Bilderdienst allgemeiner, ja heidnischer Dienst drang seit der Theilung des Reiches immer mehr ein. , So verehrte man Schlangen, als das Bild heilender Kraft; ferner Baal, Astarte, Moloch u. andere von benachbarten Heidenvölkern entlehnte Gottheiten. Mit dem Götzendienst verbreitete sich auch die früher gesetzlich verbotene Zauberei n. Wahrsagerei, Todten- und Schlangenbsschwörung. Der Cultus bestand bes. in aa) Opfern; db) Gelübden; oe) Fasten; äck) Gebet war in besonderer Formel nicht vorgeschrieben, man fiel Labei nieder, od. kniete od. breitete die Hände ans; vorgeschrieben war aber es) die Segensformel (4. Mos. 6, 24), nach Beendigung des Gottesdienstes, Lurch Priester, das Volk antwortete darauf mit Amen; tk) durch David wurde die Feierlichkeit des Tempeldienstes durch die Gesänge begleitende Musik noch erhöht, o) Geleitet wurde der Gottesdienst von den Priestern, welche aus dem Hause Aaron genommen waren; ihr Oberster hieß Hoherpriester; die Leviten, deren ganzer Stamm dem Jehovah geheiligt war, sowie die Glieder aus den Häusern Gerson, Kahat u. Merari stellten die Tempeldiener. ä) Das einzige Nationalheiligthum warfest der mosaischen Zeit die Stiftshütte, deren Hauptinhalt im Allerheiligsten die Bundeslade war; nach deren Wegkommen opferte man an beliebigen Orten, bes. auf Höhen, bis zum Bau des Tempels von Jerusalem unter Salomo; nach dem Exil war in jedem bedeutenderen Orte, neben dem wieder in Jerusulem aufgebauten Tempel, eine oder mehrere Synagogen, o) Feste. Die Zeit des Gottesdienstes war täglich des Abends und Morgens; der den H-n vor allen anderen Völkern des Älterthums eigene wöchentliche Feiertag war der Sabbath am Sonnabend, wo neue Schaubrode aufgelegt wurden und eine neue der 24 Klassen der Priester den Dienst übernahm; der monatliche Festtag war der Neumond, bes. der siebente des Jahres; jährliche Feiertage waren der 100 Hebräer. Versöhnungstag u. die 3 großen Feste das Passah, die Pfingsten u. das Laubhülienfest, Las Sabbath- und Jubeljahr, seit dem Exil das Fest Purim, Tempelweihe u. Holzfest. L) Kriegswesen. In der ältesten Zeit war jedes waffenfähige Glied einer Familie auch Krieger, u. der Stammfürst der Anführer. In der mosaischen Zeit waren heerpflichng Alle, welche das 20. Lebensjahr zurückgelegt Hanen; frei war, wer ein neugebautes Haus noch , nicht bewohnte, wer in einem neuen Wein- od. Ölberg noch nicht geerntet, od. wer noch nicht ein Jahr in der Ehe gelebt hatte. Wenn eine bewaffnete Macht nöthig war, so wurde sie, zur Zeit der Richter, tumult- uarisch aufgeboten; unter Salomo wurde ein stehendes Heer errichtet, wozu Aushebungen aus dem Volke Lurch gewisse Beamte geschahen; doch mie- thete man auch fremde Truppen. Die Truppen waren Fußgänger, Reiter od. Kämpfer auf Streitwagen; diese einzelnen Waffengattungen zerfielen in einzelne größere und kleinere Haufen, welche ihre Anführer, Fahnen (Degel) u. Feldzeichen (Oth) hatten. Als Waffen kommen in der Königszeit vor: große (Zinnah) und kleine Schilde (Magen), Helme (Koba), Panzer (Schir- jon), Beinschienen (Mizchah), Schwert (Chereb), an der linken Seite getragen, Speer (Romach), Wurfspieß (Schebet), Bogen (Kescheth), Schleuder (Kela). Wenn nach Befragung des Örakels (und nach geschehener Kriegserklärung) das Heer ins Feld marschirte, so wurde vorher vom Hohenpriester ein Opfer gebracht u. Jehovah um Glück gebeten; Priester folgten dem Heere. Gewöhnlich wurde das Heer aus dem Marsche verpflegt, die Lagerstätten wurden mit Wachen umgeben u. in denselben strenge Polizei geübt. Zum Ausbruche u. zur Schlacht wurde das Signal mit Trompeten gegeben u. der Angriff mit einem Kriegsgeschrei gemacht; der Sieg wurde mit Gesang und Tanz gefeiert, eroberte Waffen an heiligen Orlen aufgehängt, die Beute in 2 Theile getheilt, von welchen den einen die Krieger, den anderen die Gemeinde bekam; Gefangene wurden zu Sklaven gemacht. Festungen kannten die H. schon früh; die Befestigung bestand in einer, oft mehrfachen, dicken, gebauten, mit Zinnen, Brustwehren und Thürmcn versehenen Mauer (Chomah) u. einem Graben mit Vormauer (Chel); die Thore waren mit Erz beschlagen und mit Thürmcn überbaut; auf den Thürmen und Ecken der Mauern waren eine Art Wurfmaschinen (Chischbonoih) aufgestellt. Bei der Abschließung von Bündnissen pflegten die paciscirenden Theile, zum Zeichen der Treue, zwischen den 2 Hälften des geschlachteten Opfer- thieres durchzugehen, auch wurden rohe Denkzeichen zum Gedächtniß des Bundes errichtet. II. Beschäftigung u. Verkehr. Die älteste Beschäftigung der H. war Viehzucht; sie zogen mit Schaf- u. Ziegenheerden auf den Gemeinde- tristen umher, blieben des Nachts in Hürden unter freiem Himmel oder unter Zelten; Kamele u. Esel dienten zum Transport. Jagd (mit Pfeilen, Retzen, Schlingen u. in Gruben) und Fischfang (mit Netz und Angel) wurden gleichfalls in alter Zeit betrieben. Ein Fest war die feierlich begangene Schafschur. Ackerbau, den die Patriarchen nur nebenbei betrieben hatten, wurde nach der Eroberung des Gelobten Landes die Hauptbeschäftigung der H. u. die Grundlage ihrer Staats- Verfassung. Man baute auf den Feldern besond. Weizen, dann zu Brod für Arme u. zu Viehfutter Gerste, ferner Spelt, Bohnen, Linsen, Flachs, Gurken, Kümmel rc. Die Ernte, in den Ebenen im April beginnend, wurde am Tage nach dem Passahfeste mit religiöser Festlichkeit eröffnet u. zu Pfingsten auf gleiche Weise beschlossen. Das geerntete Getreide wurde auf der im Freien angelegten Tenne (Goren) entweder mit Schlägeln aus- gedroschen od. von Thieren (Ochsen od. Pferden) ausgetreten od. mit Dreschmaschinen ausgebracht; die letzteren waren entweder schlittenartig verbundene u. mit Spitzen besetzte Balken od. mit Rädern u. Walzen versehen. Das Ausgebrachte wurd e dann geworfelt u. die Körner in Speichern (Asam, Ozar) od. Erdhöhlen zum Gebrauche aufbewahrt, die Spreu aber verfüttert oder verbrannt. Die Hügel Palästinas gaben auch Gelegenheit zum Weinbau. Der im September und November unter Jubel geschnittene Wein wurde zum Theil zu Rosinen getrocknet, zum Theil aber in einem Troge (Gath) gekeltert u. nach der Gährung in Krügen od. Schläuchen ausbewahrr. Der Ölbau gab den H-n Salbe, Arznei u. Speiseöl. Außerdem wurden Feigen, bei Jericho Datteln u. Balsam gebaut; in Gärten zog man Obst-, besond. Granat-, Mandel-, Wallnuß-, Äpfel- und andere Bäume, Blumen u. Kräuter, bes. auch Balsamstauden zum Gebrauch u. als Zierde. Zahlreiche wilde Bienenschwärme gaben Honig, der viel zu Backwerk gebraucht wurde; vielleicht kannten die H. auch schon die Bienenzucht. Die Erfindung der mechanischen Künste, namentlich die Bearbeitung der Metalle, setzten die H. in ihre Urgeschichte hinaus und schrieben sie dem Thubal- kain zu; aus Erz wurden Waffen u. Hausgeräthe gemacht, man hämmerte, goß und glättete dies Metall, schmiedete aus Eisen Waffen u. Ackerge- räthe, aus Gold u. Siber Schmucksachen u. Gefäße; Steinarbeiten scheinen erst unter David u. bes. unter Salomo in großartiger Weise ausgeführt worden zu sein; aus Holz machte man Schilde, Wagen, Dreschmaschinen, Körbe rc.; aus Thon Ziegel u. Gefäße, auch die Glasur kannten die H. schon; Glas war sehr geschätzt; edle Steine wurden zu Ringsteinen geschnitten, auch gefaßt (früh im hohenpriesterlichen Öruat vorkommend); mit Elfenbein wurden Hausgeräthe n. Paläste geziert, aus Horn machte man Schmuckgefäße, aus Leder aber Gürtel, Schildüberzüge rc. Das Weben aus Wolle, Flachs u. Baumwolle war Beschäftigung der Weiber u. wurde so stark getrieben, daß man mit den Geweben Handel trieb; meist wurden die Gewebe zu Kleidern benutzt, dazu wurden sie erst von dem Walker gereinigt u. verdichtet und dann gefärbt, bes. geschätzt war die Purpur- u. Carmoisin-Farbe; ob die bunten Stoffe der H. gestickt oder gewebt waren, ist unbestimmt. Zu Salb- u. Räucherwerk wurde Weihrauch, Myrrhen, Cassia, AloLholz, Narde, Safran rc. von besonderen Leuten verarbeitet. Die Handwerke waren nicht streng geschieden, ob sie aber bes. von Sklaven betrieben wurden, ist unwahr- 101 1 Hebräer. scheinlich. Die Schifffahrt betrieben die H. erst seitderZeitderKönigemitRuderschiffen, bedeutender aber wurde der Handel erst nach dein Exil. Tauschmittel war bis zum Exil rohes Silbermetall nach dem Gewicht; nach dein Exil hatten sie die Münzen ihrer Oberherren; Simon Makkabäus prägte die ersten hebräischen Münzen von Silber; Maße waren für Trockenes: Chad, Epha, Omer, Seah; für Flüssiges: Bach, Chin, Log; für Längen: Ezba (Fingerbreite), Tephach (Handbreite), Sereth (Spanne), Ammah (Elle), Kaneh (Ruthe — 6 Ellen); Gewicht: Gera, Sekel, Cichar, Manch; in der Stiftshütte, später im Tempel, gab es Mustermaße unter Aufsicht der Priester. Die geographische Entfernung bestimmte man nach einer Strecke Wegs 1H Stunden und nach Tagereisen — ungefähr 8 Stunden; später galten die römischen Maße: über die Zeitrechnung der H. s. u. Jahr u. Jahresrechnung. III. Kunst u. Wissenschaft. Von den bildenden Künsten war die Baukunst durch Phöni- ker vertreten: das großartigste Werk, der Tempel, war von Lyrischen Baumeistern gebaut; die Sculp- tur, die bes. in der Königszeit Nahrung durch den eindringenden Götzendienst fand, war wahrscheinlich ausländischen Gepräges. Die Musik wurde dadurch veredelt, daß David sie zum Tempeldienste brauchte; von welcher Art sie aber war, ist ganz unbekannt; gewöhnlich waren von Saiteninstrumenten die Harfe in verschiedener Gestalt (Chinnor, Nebel, Sabecha), von Blasinstrumenten die Trompete (Chazozerah), der Zinken (Keren, Sophar), die Pfeife (Chalil) u. a.; von Schlaginstrumenten die Handpauke (Toph), die Becken (Zelzelim, Mezilthaim), die Handklapper (Menaz- neim) u. a. Uber den Stand und Umfang der Wissenschaften u. Poesie s. u. Hebr. Literatur. IV. Privat- u. geselliges Leben. A) Häuser. In der ältesten Zeit, wo die H. noch Nomaden waren, wohnten sie unter Zelten (Ohel, Beith), die durch einen Vorhang in 2 od. 3 Ab- theilnngen geschieden waren, in deren einer die Frauen bes. wohnten; nach der Niederlassung in Kanaan bauten sie sich Häuser. 8) Hausge- räthschaften waren ein Divan, auf dem man auch schlief, Stühle (wenigstens in ältester Zeit saß man mehr, als daß man auf Polstern lag, auch bei Mahlzeiten), ein niedriger Tisch, eine die ganze Nacht brennenve Lampe. 0) Kleider waren gewöhnlich von Linnen ».Baumwolle; Männer trugen auf dem bloßen Leibe ein leinenes od. baumwollenes Ärmelkleiü (Chethoneth), welches mit einem Gürtel (Esor, Chagor) aufgebunden war; darüber ein verschiedenförmiges u. verschiedenfarbiges Oberkleid, Mantel (Simlah, Salmah, Che- suth), welches in eigenthümlicher Weise zusammen- gcfaßt wurde und Armen zugleich als Schlafdecke diente; auf dem Kopfe einen Turban (Aniph), an den Füßen Sandalen (Nealim), die mit Riemen gebunden wurden; die Kleidung der Vornehmen unterschied sich nur durch kostbarere Stoffe. Die Kleidung der Weiber war der der Männer sehr ähnlich, nur von besseren Stoffen, weiter u. schöner; sie wurden von Gürteln gehalten; auf dem Kopfe trugen sie außer dem Turban noch Stirnbänder und den das Gesicht bedeckenden Schleier, ohne welchen in späterer Zeit keine vornehme u. ehrbare Hebräerin ausging. Außerdem gab es besondere Feierkleider, welche mit Kräutern und Oien durchräuchert waren und die auch als Geschenke dienten: ferner Trauerkleider aus groben Stoffen u. Reisekleider; die bunte Farbe war am gewöhnlichsten, die Purpurfarbe am kostbarsten. Als Geschmeide u. Putz trug man Ringe an den Fingern, in Ohren u. Nase, Arm- u. Fußbänder, Halsketten; man schminkte sich besond. die Augenbrauen und brauchte zum Ankleiden Spiegel von Metall; auch liebte mau Amulete. D) Speisen waren anfangs, was Jagd u. Viehzucht hergab; Backwerke waren das gewöhnliche Brod inKucheu- form, dann auch feinere Gebäcke; das Mehl wurde in Handmühlen gemahlen u. der Teig in Trögen znbereitet; das Backen war gewöhnlich die Beschäftigung der Weiber. Als Zukost aß man Hülsenfrüchte, Fleisch nur an Festtagen u. zwar zumeist gekocht mit einer Brühe. Als Getränk diente gewöhnlich Wasser, mit demselben gemischt wurde auch der Wein getrunken. Die H. aßen in ältester Zeit sitzend, später liegend. Die Hauptmahlzeit war Mittags, Gastmähler wurden des Abends gehalten. 8) Gegen Fremde üble der H., nach der Ermahnung des Gesetzes, die ausgedehnteste Gastfreundschaft, denn nicht nur ihnen u. ihren Thieren wurde Speise, Trank u. Nachtlager- gegeben, sondern sie wurden auch gegen Verfolgungen geschützt. Beim Weiterziehen machten sich Wirth u. Gastfreund Geschenke, die bei Großen in Festkleidern, edlen Metallen, Specereien m. dgl. bestanden. Gegen Alle, die ihm begegneten, übte der H. Höflichkeit. 8) Von dem Zeitvertreib, abgesehen von Kinderspielen, der alten H. weiß man nichts, als daß sie sich auf Straßen n. bes. am Thore versammelten, theils um der Unterhaltung zu Pflegen, theils um den Gerichtsverhandlungen zuzuhören. Übrigens waren die Familienväter daheim u. die Söhne waren bei den yeerden; bei Besuchen nahmen die Sklaven das Fußwaschen vor. 6) Die Frauen lebten in alter Zeit freier, später zurückgezogener im Harem, abe- sie arbeiteten dort fleißig und nahmen sich llberr Haupt des Hauswesens an, daher sie als wirkliche Hausfrauen bei den H-n in Achtung standen; Buhldirnen waren gewöhnlich fremde Mädchen. Heirathen konnte der H., selbst noch nach dem Mosaischen Gesetz, so viel Weiber, als er wollte, doch begnügten sich die meisten mit einer Frau, neben der sie jedoch andere, bes. Sklavinnen, als Loncubinen hatten. Die Weiber wurden von ihren Eltern gekauft; Wittwen, die ihrem Manne keine Kinder geboren, wurden gesetzlich von des Verstorbenen Bruder od. Len nächsten Verwandten geheirathet (Leviratsehe). Verboten waren Ehen mit Kanaaniterinnen n. in mehreren nahen Graden der Blutsverwandtschaft; als gesegnet galten Ehen, aus Lenen Kinder entsprungen waren, bes. waren geliebt von den Männern die Frauen, welche Knaben geboren hatten. Die Neugeborenen wurden vor den Vater gelegt, u. indem dieser sie auf den Schooß nahm, erklärte er sie für die seinigen; die Namen, die dem Kinde bei der Beschneidung gegeben wurden, waren immer bedeutsam, zuweilen wurden ihre Namen später ge- 102 Hcbmcrbricf — Hebräische Sprache u. Literatur. ändert, um sie an eine merkwürdige Wendung, Briefen eingereiht, je nachdem man ihn, wie in ihres Schicksals zu erinnern. Auch doppelte Na men pflegten die H. ihren Kindern zu geben. Die Mütter säugten ihre Kinder gewöhnlich selbst; die Knaben erhielten nach der ersten Erziehung im Harem einen männlichen Führer (Omen) n. wurden in dem Gesetz unterrichtet u. in strenger Zucht gehalten. Der Vater behielt über seine Kinder, so lange sie im Hause waren, die vollkommenste Gewalt; Töchter konnte er als Sklavinnen verkaufen; die ohne sein Mitwissen geschehenen Verlobungen galten nichts, er bestimmte über ihre Verheirathung, sowie auch über die der Söhne. K) Wie die H. ihre Todten bestatteten und betrauerten, darüber s. Todtenbestattung. Vgl. Jo- sephos, '/ovüalx,) «Axcno/io/r«,- Sigonins, Oe rspublies, klsdr., Frkf. 1585, n. Ausl, von Nicolai, Leyd. 1701; Lund, Die alten jüdischen Heilig- thlliner rc., Hamb. 1695 u. ö.; Goodwin, Oiviies et seviosiastisi ritns antüg. Osirr., Oxf. 1616 (lat. von Reiz, Brem. 1679 u. ö.); Reland, ^n- tignitatss votsruni Oobr., Utr. 1708; Jken, Ln- tig. Osdr., Brem. 1730, 3. Aufl. 1741; Anmerkungen dazu von Schacht, Utr. 1810; Michaelis, Mosaisches Recht, 6Bde., Franks. 1770—75, 2. Aufl., 5 Bde., 1776—80; Jahu, Biblische Archäologie, Wien 1796—1805, 3 Thle.; Lehrbücher von de Wette, ebd. 1814, 3. Aufl., ebd. 1830; Alterthümer des israelitischen Volkes, Berl. 1817; Hartmann, Die Hebräerin am Putztisch und als Braut, Amsterdam 1809 s.; Hüllmann, Die Staatsverfassung der Israeliten, Lpz. 1834; Kalthofs, Handbuch der hebräischen Alterthümer, Münst. 1840; S. Hirsch, Das System der religiösen Anschauungen der Juden rc., Lpz. 1842; Fr. Allioli, Handbuch der biblischen Alterthnms- kunde, Landsh. 1842; Saalschütz, Archäologie der H., Königsb. 1855; Roskosf, Die hebräischen Alterthümer, in Briefen, Wien 1856; Sammlung von Abhandlungen, welche die hebräischen Antiquitäten betreffen, in Ugolinis Ilissanrns anti- gnitabnm saor., Vened. 1744—69, 34 Bde , Fol.; Populäre Bearbeitungen von Wickard, Rettig u. And; Haneberg, Die religiösen Alterthümer der Bibel, Münch. 1869; Salvador, List, äos Institutions äs Noiss, Par. 1828; Levi, 8nIIa tsooratia Nossiea, Flor. 1843; Fürst, Cultur- u. Literaturgeschichte der Juden, Lpz. 1849; Stanly, Oooturos ou s, Ms andere N. 7l, d! können, da man im Hebräischen die Wörter am Ende einer Zeile nicht theilen darf, zur Ausfüllung der Zeile verlängert od. gedehnt werden (daher vilutadilss litsras genannt), nämlich ^ 2 , p->, Pi, Die angeführten Buchstaben des Alphabets sind lediglich Consonanten; die Vocale werden nicht als Buchstaben geschrieben, sondern als Punkte oder Striche ihren Consonanten unter-, über- od. beigeschrieben. Bei den mit Aspiration gesprochenen Consonanten drückt ein in deren Mitte stehender Punkt (Og,AS8oIl Isue) die Abwesenheit der Aspiration aus, während bei den anderen Consonanten der Punkt (OaAWvIi korts) die Verdoppelung derselben anzeigt. Die grammat. Bearbeitung des Hebräischen beginnt um dieselbe Zeit, wo die Sprache abstarb u. die Sammlung des A. T. abgeschlossen wurde: doch erfolgte die Vocalisirung des Textes, sowie die Accentuation desselben erst im ö. u. 7. Jahrh.n. Chr. Erst um den Anfang des 10. Jahrh. wurden nach dem Vorgang der Araber auch von den Juden grammatische Zusammenstellungen versucht, anfangs selbst noch in Arabischer Sprache; so von Saadia Gaon (st. 942) u. Jehuda Chasng (um 1050). Auf Vorarbeiten dieser Art gestützt, gewann Abraham ben Esra (1150) u. R. David Kimchi (um 1190—1200) als Grammatiker ein classisches Ansehen. Auch galt des Letzteren Wörterbuch für das vorzüglichste; ihm waren die Lexikographen Menahem ben Saruk, Rabbi Jona, Inda ben Karisch, Salomo Parchon vorausgegangen. Als Begründer des hebräischen Sprachstudiums unter den Christen ist Joh. Reuchlin zu betrachten, der sich jedoch wie seine Nachfolger im 16. u. in der ersten Hälfte des 17. Jahih., unter denen Joh. Buxtorf der hervorragendste ist, noch fast ganz an die jüdische Überlieferung und Methode hielt. Erst seit Mitte des 17. Jahrh. erweiterte sich der Gesichtskreis, als durch Alb. Schultens u. Nik. W. Schröder das Studium der Semitischen Schwestersprachen für Las Hebräische fruchtbar gemacht wurde. Die Einseitigkeit, in welche diese sogen. Holländische Schule durch allzu ausschließliche Berücksichtigung des Arabischen verfiel, wurde von deutschen Grammatikern vermieden. In neuerer Zeit haben sich bes. Gesenius, Ewald u. I. Olshausen um die grammatische u. der Erstgenannte auch um die lexikalische Bearbeitung der H-n S. die größten Verdienste erworben. Die beste Sprachlehre lieferten Ewald (Ausführliches Lehrbuch der H-n S., 8. Ausl. Leipz. 1870, I. Olshausen, Braunschw. 1861; I. F. Böttcher, 2 Thle., Leipz. 1866—67; die Hebräische Grammatik von Gesenius (ebd. 1813), wurde nach dessen Tode von Rüdiger (21. Aust. 1872) herausgegeben. Vgl. dessen Lehrgebäude, Leipz. 1817). Die umfassendste lexikalische Arbeit ist Gesenius' Mrsoaurus IlnAuas vsdraieas, beendigt von Rüdiger, ebd. 1829—57, 3 Bde.; Handwörterbücher bearbeiteten Gesenius, ebd. 1810—12, 2 Bde., 5. A. von Dietrich, 1857, Winer (heb. u. lat.), ebd. 1828, u. Fürst, ebd. 1851 f.; Deutsch-Hebräische Wörterbücher von Bensew (Wien 1839, 3 Bde., 3. Aust, von Letteris)u. Schröder (Hildesh. 1831); ein hebräisches Wurzelwörterbuch versuchte Meier, Mannh. 1846. Vgl. Gesenius, Geschichte der H-n S. u. Schrift, Leipz. 1815, 2. Anfl. 1827; Luzzatto vrolsAowerü aä uns. Arainwatioa ra- Aionata, äellu linZua sbraiva, Padua 1836; Ewald u. Dukes, Beiträge zur Geschichte der ältesten Auslegung und Spracherklärung des A. T., Stuttg. 1844; Hupfeld, Vs rsi Aramwatieas apuck äuckaeos initüo autiguissimisgus seripto- ridus, Halle 1846; Dietrich, Abhandlungen zur hebräischen Grammatik, Leipz. 1846; E. Renan, llistoirs st 8^stöms eoinpars ckss lauZuss sswi- tigues, 1. Bd., 4. Aust. Paris 1863. II. Hebräische Literatur. Die H.L., das ist das Schriflthum des Volkes Israel, deckt sich für uns dermalen im Wesentlichen, d. h. soweit es uns im hebräischen Idiome überliefert ist, mit den kanonischen Büchern des A. T. Doch sind uns Reste der H-n L. auch sonst, nämlich in griechischem Gewände, 104 Hebräische Sprache u. Literatur. in etlichen apokryphischen Schriften erhalten, welche theilweis aus dem hebräischen Uridiome lediglich übersetzt sind. Die Spuren einer H-n L. lagen sich bis auf den Stifter der hebräischen Theokratie u. den Gründer des israelitischen Volksthums, Moses, zurückverfolgen. Vor Misses sind keine Spuren einer höheren Geistescnltur bei dem hebräischen Volke vorhanden; erst seit Moses, der selbst seine Bildung in Ägypten erhalten hatte, beginnen Spuren schriftlicher Aufzeichnungen; nicht Laß er Verfasser der nach ihm genannten Bücher, wenigstens in ihrer jetzigen Gestalt, wäre (s. u.), sondern die ältesten unter seinem Einfluß gemachten Schriftwerke waren die steinernen Gesetztafeln. Die ersten Spuren dichterischer Äußerungen zeigen sich bei diesem Volke nach dem glücklichen Durchzug durch das Rothe Meer, wo gesungen und gespielt wurde. Nachdem sich die Hebräer in dem Gelobten Lande festgesetzt und unter den Richtern große Heldenthaten ausgeführt hatten, wurden dadurch auch Dichter u. Sänger geweckt, welche diese Thaten in Liedern besangen; bes. bekannt aus dieser Zeit ist Debora u. Simson; letzter sang u. spielte zugleich. In dieser Zeit wurde auch die Fabel u. das Näthsel entwickelt. Unter Samuel stieg die geistige Cultur des Volkes immer mehr, bes. durch die Errichtung der Prophetenschulen, in denen die Propheten, die zugleich Volkslehrer, Schriftsteller u. Dichter waren, gebildet wurden. Doch auch fern von Liesen Schulen sang, wem Gesang gegeben war, bei Len Beschäftigungen des Hirtenlebens, wie bes. das Beispiel Davids be. weist, und auch auf den Thron gestiegen, behielt dieser die Liebe für die Poesie, er wurde ein Muster für die anderen Dichter, u. ihm verdankt die hebräische Poesie ihre Richtung aufs Religiöse. Sein Nachfolger Salomon, von dem Propheten Nathan erzogen, wurde namentlich als Philosoph gefeiert; von ihm sind noch Gnomen (s. Sprichwörter) vorhanden. Unter Salomo wurden auch die Künste sehr gefördert. Nach der Theilung des Reichs, wo die Feindseligkeiten der beiden Reiche gegen einander die Kräfte u. Sorgen des Volkes nach außen gerichtet hielt, blieb wissenschaftliche Bildung nur noch im Reich Juda und auch hier nur ein Eigenthnm der Propheten; außer mit religiöser Poesie u. Orakelgeben beschäftigten sich dieselben nun auch mit der Geschichtschreibung. In dem Reiche Israel verwischte die Roheit der Könige u. das eindringende Heidenthum mehr u. mehr die Spuren wissenschaftlicher Bildung und von Len dortigen edlen Kämpfern für Wahrheit, wie Elias und Elisa, kennt man keine Schriften. Von Wissenschaften war den Hebräern wenig bekannt; in der Naturkunde hatten sie nur ungenügende, z. Th. abergläubische Vorstellungen, in der Astronomie beschränkte sich ihre Kenntniß auf die Namen einiger Sterne, die Arzneikunde war bloße Empirie, in der Rechtswissenschaft ist das Mosaische Gesetz Hauptwerk. Mit demselben beschäftigten sich nun die Priester u. suchten das noch nicht im Mosaischen Gesetz Bestimmte näher zu bestimmen. Ob die Hebräer wissenschaftliche Schriften in dieser alten Zeit gehabt haben, ist sehr zweifelhaft. Das Exil brachte in Sprache und Literatur eine große Veränderung hervor. Seit dieser Zeit drang das Chaldäische mit Macht ein; nach der Rückkehr aus der Verbannung blieb zwar das Hebräische immer noch die Sprache des Cultus und der Gebildeten, aber sie erscheint mit vielen Thaldäis- men vermischt; dazu zeigt sich in den späteren Schriftwerken auch gegen die alten Products der Literatur ein sehr matter Geist; man studirte ängstlich das Gesetz, verlor sich in Grllbelein über philosophische Gegenstände n. ahmte die alten Pro- pheten nach. In dieser Bewunderung des Alten lag es auch, daß man jetzt viele unechte Schriften unter alten Namen unterschob oder unter falschen Namen in Umlauf brachte. Anderseits regte sich in dieser Zeit das Streben die alten Literaturreste zu sammeln; zu dem Bibelkanon des A. T-s ward in dieser Zeit der Grund gelegt. Nachdem sodann unter Len Nachfolgern Alexanders des Großen Judäa bald an Syrien, bald an Ägypten kam, entstand eine Spaltung in der Hebräischen Sprache u. Literatur. Die in Aegypten wohnenden (Alexandriner) nahmen hellenische Bildung an, man sprach Griechisch, eignete sich griechische Philosopheme, bes. platonische, an und bemühte sich sogar, den Mosaismus mit griechischer Philosophie zu verbinden. Dieser Zeit u. Richtung gehören an die Weisheit Salomonis, die Septuaginta, das ist die griechische Übersetzung des A. T-s, Philo. Der väterlichen Bildung treu blieben die Juden in Palästina (daher Palästinenser) u. Babylon; gegen Liese, als' mit der Zeit fortgehend, erscheinen die Palästinenser in ihrem festen Halten an dem Alten, besonders auf die Tradition viel gebend, als buchstabenglänbig n. einseitig. Man schrieb theils chaldäisch, theils hebräisch, n. dieser Zeit gehören Daniel u. Jesus Sirach an, später schrieben auch einzelne Palästinenser griechisch, wieJosephos. Was in dieser Zeit an heiligen Büchern verfaßt wurde, galt als Apokryphen. Das letzte Aufflackern von Heldengeist n. Patriotismus war unter den Makkabäern; nach ihnen traten viele Secten, bes. die Pharisäer u. Sadducäer, hervor; bei keiner von beiden zeigt sich ein ernsteres Streben nach wissenschaftlicher Bildung, am wenigsten bei jenen mit ihrer Casuistik u. ihrer gezwungenen Schrifterklär- ung; die Schriftgelehrten erklärten besonders das Gesetz in den Synagogen. Dagegen eröffneten die letzten Könige fortwährend, der heidnischen Bildung das Land, man ließ sogar griechische Schauspieler nach Palästina kommen, u. Herodss d. Gr. erbaute ein Theater in Jerusalem, vielleicht auch in Cäsarea, wo griechische Tragödien aufgeführt wurden; Durch Jesus erhielt die jüdische Bildung einen neuen Schwung, aber durch den baldigen Untergang des Reiches wurde der neue Aufschwung bald wieder niedergehalten, denn die Juden wurden nun in alle Welt zerstreut u. ihre ganze Geistesrichtung wurde dem Materiellen, bes. dem Handel, zugewandt. Was von Nationalbildung übrig blieb» das fand sich in den Akademien zu Liberias, Lydda u. Babylon, wo bes. die heiligen Schriften studirt u. jene, schon von Jesus getadelte, aber Lurch die großeü Bedrückungen ihrer Sieger nur noch vermehrte kasuistische Moral gelehrt wurde. Indem man hier, um sich nicht zu weit auf Abwege zu verlieren, alte Satzungen u. Überlieferungen, die sich auf heiliges 105 Hebräische Sprache u. Literatur. u. bürgerliches Recht der Thora bezogen, sammelte, entstauben im 3. u. 4. Jahrh. die beiden Talmude, einer von den palästinensischen, der andere von den babylonischen Juden gesammelt. Damals entstand auch die Kabbala aus der allegorischen Bibelauslegung, welche die schon lange gezeigte und in dem Exil ausgebreitete Liebe zu Wort-, Buchstaben- u. Zahlenspielen begünstigte; dann die Masora, eine Sammlung von textkritischen und grammatischen Anmerkungen zu der Bibel. Später wurde auch von den Majoreten das durch seine Consequenz bewunderungswürdige System der Vocalisation, der Accente u. diakritischen Zeichen in die Heilige Schrift eingeführt. Über die weitere Geschichte der Literatur der Hebräer s. Jüdische Literatur. Van den literarischen Erzeugnissen der alten Zeit bemerken wir die Erzeugnisse ^.) der Poesie. Zuvörderst das Äußere der hebräischen Poesie anlangend, so sind die Verse weder am Ende gereimt, noch nach der Weise einer occidentalische» Metrik gemessen, sondern das Metrische besteht darin, Laß die sich paarweise entsprechenden Glie der in einer gewissen äußeren Gleichheit stehen (Parallelismus der Glieder). Solcher Glieder gehören wenigstens zwei zu einem Vers. Nicht immer sind sich aber die Glieder einander gleich, sondern zuweilen ist das eine länger, das andere kürzer; auch entsprechen sich drei od.vier Glieder, wo dann zwei dem dritten, oder je zwei sich entgegenstehen. Bei dem Vorhandensein mehrerer Sätze nennt man den Satz einen zusammengesetzten, u. darin ist ein Anfang zu Strophen zu finden. Vereinzelt kommen auch Reime vor, auch Parono- masien, wo die nebeneinanderstehenden Wörter gleichklingend enden; eine Künstelei ist die alphabetische Anordnung der Glieder, wie sie sich z. B. in den Klageliedern Jeremiä und etlichen Psalmen findet. Die Überreste a) der lyrischen Poesien (Psalmen) bestehen zunächst in Hymnen an Gott u. an siegreiche Könige (Ps. 2. 20. 21. 45); die zur Aufführung beim öffentlichen Gottesdienst, wie Ps. 24. 33. 68. 81. 134., bestimmten Lieder hießen Tempelpsalmen. Weiter gehören hieher die Elegien, die theils auf einzelne Personen, theils auf das ganze Volk, theils auf beide zugleich sichbeziehen; vgl. auch die Klagelieder Jeremiä u. die verlorene Elegie auf den Tod des Königs Josia. Erotische Dichtung ist z. B. das Hohe Lied Salomonis. Die didaktische Poesie, welche in der H-n L. hierher zu rechnen ist und die ihren Ursprung in Sittensprüchen u. Gnomen zu haben scheint, fand bes. in Salomo ihren Beschützer u. Bearbeiter, weshalb man später der unter seinem Namen vorhandenen gnomolog. Anthologie (Sprüche Salomonis) denselben vorsetzte. Durch Jesus Sirach lebte diese Dichtart nach dem Exil kräftig wieder aus. Die höhere didaktische Poesie, wclcheallgemeine religiöse Glaubenslehren, bes. das Dogma von der Vergeltung, oder moralische Grundsätze zu ihrem Gegenstände machte u. oft mit lyrischem Schwünge behandelte (eine Reihe von Psalmen u. m. Stellen in den Propheten), feiert ihren schönsten Triumph im Buche Hiob, u. war schon zu den Zeiten der Könige heliebt. Elgenthümlicher Art ist die Lyrik in den prophetischen Reden, sie ist improvisatorisch recitirt, erhebt sich aber oft zu dem höchsten Schwünge. Zu der Gattung der didaktischen Poesie gehört auch Kohelet. b) Das Epos ist, wie bei allen semitischen Völkern, so auch bei den Hebräern nur zu unvollkommener Entwickelung gelangt, wenn auch ihre Helden in Lobliedern gefeiert wurden. Auf alten Gesängen epischen Inhalts mag ein Theil der Erzählungen im Pentateuch, den Büchern Josua, der Richter u. Samue- lis heruhen; eine Sammlung von solchen Gesängen scheint das Buch der Kriege Jehovahs, sowie das Buch der Frommen gewesen zu sein. Eben so wenig konnte sich e) das Drama entwickeln; doch haben einige neuere Exegeten im Hohen Liede u. im Hiob eine dramatische Anlage erkennen wollen. Vgl. Lowth, Oe saora llsdrasv- rum xoöoi, 2. Aust, von Michaelis, Gött. 1768, 2 Bde., 3. Aust, von Rosenmüller, Leipz. 1815; Jones, koöseos asiat. cowinsntarü, Lond. 1774; Auszug daraus von Eichhorn, Leipz. 1777; Herder, Vom Geist der hebräischen Poesie, 1782; Meier, Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Hebräer, Leipz. 1856; Saalschütz, Form und Geist der biblisch-hebräischen Poesie, Königsb. 1853; I. Ley, Grundzüge des Rhythmus, Vers- und Strophenbaues in der hebräischen Poesie, Halle, 1875. L) Prosa, a) In ihren historischen Werken knüpften die Hebräer, wie alle alten Völker, ihre Stammgeschichte an den Ursprung der Dinge u. an alte Sagen an und führten dieselbe dann in sehr einfacher Chronologie, die noch keine allgemeine Ära kennt, bis auf die Rückkunft aus dem Exil und ihre neue Pflanzung an den Jordan hinab, aber in mehreren, aus sehr verschiedenen Zeiten u. von ganz verschiedenen Verfassern abstammenden Werken, welche nur immer einzelne Perioden der Geschichte umfassen. Die Verfasser selbst sind größteutheils den Namen nach unbekannt; die Namen, die jetzt in den Überschriften stehen, zeigen meist nur die Hauptperson od. den Hauptgegenstand an, von dem die Geschichte handelt, so die Bücher Mosis, Josua, Buch der Richter, Ruth , Bücher Samuelis, Bücher der Könige, Bücher der Chronik, Esra, Nehemia, Esther, der Makkabäer. Sehr viele andere, in den genannten Büchern angeführten historischen Schriften sind verloren gegangen, bes. die von den Propheten verfaßten Reichsannalen, so Annalen des Königs David, Annalen der Regierung Salomons, die Annalen des Rchabeam rc., außer diesen speciellen gab es auch allgemeine Annalen des Reiches Juda u. des Reiches Israel; Auszüge daraus sind die genannten Bücher der Könige u. der Chrvnika. Sog. Memoiren schrieben Esra u. Nehemia, welche uns theilweile in Len betr. Büchern noch erhalten sind. Die sämmtlichen hebr. Geschichtsbücher von den Büchern Mosis bis zu dem Schluffe der Bücher der Könige wurden später zu einem einheitlichen Ganzen zusammengearbeitet. Ein diesem Geschichtswerke paralleles historisches Gesammtwerk waren die Bücher der Chronik mit den sich daran schließenden Büchern Esra u. Nehemia. b) Philosophische Schriften hat die H. L., wenigstens theoretische, nicht, denn daß Hiob eine philosophische Theodicee sei, wie Einige angenommen haben, ist 106 Hcbraisircn — Hebung u. Senkung. nicht wahr; die Gnomen aber gehören der praktischen Philosophie, der Lebensweisheit an u. nicht hierher; die späteren aber, z. B. Philo u. A„ die sich mit griechischer Philosophie bekannt gemacht hatten u. in griechischem Geiste philosophir- tcn, haben nicht hebräisch, sondern griechisch geschrieben. Vgl. Budde, Introäuotio ack distoriam piiiiosoxiiias Ldrasorum, Halle 1702, n. A. 1720; Jerusalem, Briese über die mosaischen Schriften u. Philosophie, Braunschw. 1762, 3. Anfl. 1783; I. F. Bruch, Weishcitslehre der H., Straßburg 1851. Von Schriften in anderen Fächern der Wissenschaften ist oben geredet. Hebraisiren, Jüdisches nachahmen, besonders Hebraismen (Eigenheiten der Hebräischen Sprache) in seine Rede einmischen. Hebra'l'zantes (Kirchengesch.), s. Verschooristen. Hcbraschc Bleisalbe (ÜnAusntum äiaoliMn Rebras), eine Mischung von einfachem Bleipflaster (s. Bleipräparate A, aa) mit Leinöl, dient gegen Hautkrankheiten. Hebriden (Hebuden, Western Islands, Westliche Inseln), 1) Gruppe von mehr als 300 Inseln n. Jnselchen im Atlantischen Ocean, an der WKüste von Schottland; Gesammtflächenraum 7648f^jkm (139 (UM) mit 81,442 Ew. Etwa 100 derselben sind das ganze Jahr hindurch bewohnt. Die sämmtlichen Inseln sind felsig und gebirgig, mit Bergen bis zu 970 m Höhe, meist baumlos und mit Haidekraut bewachsen; einzelne Stellen sind Weideland. Die Küsten sind arg zerklüftet. Das Klima ist im Verhältniß zur nördlichen Lage ziemlich mild; Westwinde sind vorherrschend. Nur etwas über den 7. Thcil des Bodens ist culturfähig. Produkte: Gerste u. Hafer; Rindvieh u. Schafe, zahlreiche Seevögel. Mineralreichthum bedeutend: Eisen, Blei, Kupfer, Steinkohlen. Die Bewohner sind arm, treiben außer Ackerbau und Viehzucht namentlich Fischerei, Vogelfang (Federsammeln), Sodabereitung, Bergbau auf Kohlen, Eisen und Schiefer. Die ganze Gruppe theilt man entweder in eine westliche (Long Islands oder Outer-Js- lands) u. eine innere (Sporaden- oder Innere H.) oder gewöhnlicher in s.) Südliche H., von Süden aus gerechnet: Cara, Giga (Gigha), Jslay, Jura, Colonsay, Oronsay, Scarba, Lunga, Shunna, Seil, Mull, Jona, Ulva, Staffa, Treshnish (Gruppe mit Fladda, Linga, Cairnbulg, Little Cairnbulg u. a.), Lismore, Tiree, Soll) b) Mittlere H., aa) am Festlande von Süden aus gerechnet: die Small Jsles (Muke, Eig rc.), Scalpay, Raasay, Rum, Cana, Skye; bb) entferntere: die Bischofsinseln, die Barragruppe (Barra Mainland, Ber» nera, Mingulay, Vatersay u. a.), Eriskay, South- u. North-Uist, Benbecula, Boreray u. a.; v) Nördliche H., Harris, Taransay (Taransa), Scarpa, Lewis, Baba (ganz nördlich), die 7 Flannan-Jnseln, St. Kilda (ganz westlich). Die südlichen H. gehören fast sämmtlich zur schotr. Grafschaft Argyle, die mittleren zu Jnverneß u. die nördlichen zu Roß u. Cromarty. — Die Alten nennen diese Inseln Ebudä oder Häbudes und geben ihre Zahl verschieden an: doch ist es zweifelhaft, ob die Römer je daselbst gewesen sind. Sie standen unter eigenen Häuptlingen (Clans), welche die Oberherrschaft der schottischen Könige anerkannten. 56S predigte hier Colnmban das Christenthum n. gründete auf Jona ein Kloster, welches bald ein Sitz der Wissenschaften u. Künste u. die Grabstätte der schottischen Könige wurde. Im d. Jahrh. mußten sich die Clans den damals in WSchottland ansässigen Normannen unterwerfen, welche hier ein Königreich stifteten, das nach dem Sitz der Regierung das Königreich Man hieß, aber nur kurze Zeit bestand. Im 13. Jahrh. unterwarfen sich die Clans zwar den schottischen Königen, schalteten u. walteten aber, als ob sie vollständig unabhängig gewesen wären. Unter den Clans zeichnete sich bes. der Clan von Heregaidel (Argyle), ein Nachkomme der Könige von Man,, aus'; er hatte fast alle Inseln unter seiner Botmäßigkeit u. theilte sein Reich unter seine beiden Söhne Dugald u. Donald. Die beiden Häuptlinge, von denen Donald Stammvater der Macdonalds u. Dugald der der Macdougalds von Lorne oder der Grafen von Roß war, bekriegten fortwährend einander u. widersetzten sich, mit andern Clane» verbunden, den schottischen Königen. Als endlick! Graf Athol 1476 den Grafen John Roß ge- demüthigt u. dieser die Grafschaft Roß an die Krone abgetreten hatte, war seine Macht zwar gebrochen, allein nach 1614 erregten die Mac- donalds einen gefährlichen Aufstand, u. auch dio kleineren Clans trieben das alte Unwesen des Seeraubes u. der Empörungen fort, bis 1748 eine Parlamentsacte alle erbliche Gerichtsbarkeit auf den H., deren Bewohner während der jakobitischeu Unruhe auf der Seite der Stuarts standen, aufhob u. so allen Einfluß der Clans vernichtete. 2) Neue H., so viel wie Heiligen-Geist- Archipel. H. Berns. Hebron (früher Kirjath Arba, jetzt El Khaltl), eine der ältesten Städte Palästinas, stand schon zu Abrahams Zeit, welcher nebst Sarah bei H. beerdigt wurde; es hatte eigene Fürsten u. wurde bei der Eroberung Palästinas eine Besitzung des Kaleb und zum Stamme Juda geschlagen, dann eine Leviten- u. eine der 6 Freistädte; David hielt während der ersten 7A Jahre seiner Regierung hier Hof, u. hier erregte Absalon den Aufstand gegen ihn; unter Rehabeam wurde H. befestigt; während der Babylonischen Gefangenschaft setzten sich darin die Jdumäer fest, welche Judas der Makkabäer wieder vertrieb. Die Römer zerstörten sie unter Vespasian; sie wurde am Fuße des Hügels, auf dem sie gestanden, wieder aufgebaut; über der Grabhöhle Abrahams u. der Sarah baute die Kaiserin Helena eine Kirche, die nachher in eine Moschee verwandelt wurde u. jetzt unter dem Namen Haram eine Ruine ist; außerdem finden sich die Überreste einer Citadelle aus der Zeit der Kreuzfahrer. 1167—87 war H. Sitz eines latein- ischenBisthums. ZahlderBewohnerjetzt8—10,000; es wird Weinbau, Glasfabrikation getrieben, auch fertigt man Wernschläuche. Schroot.» Hebros (a. Geogr.), Hauptfluß Thrakiens; jetzt Maritsa. Am H. wurde Orpheus zerrissen. Hebung u. Senkung (Geol.), plötzliche (in- stantane) oder langsame (säculare) Äußerungen der Contraction der festen Erdrinde. Die Erdgeschichte zeigt einen fortwährenden u. großartigen Wechsel in den Conturen des Festlandes, u. die 107 Hechal - heutige Vertheilung von Wasser u. Land ist das Resultat einer in verhältnißmäßig junger Zeit vor sich gehenden bedeutenden Erhebung der nördlichen Festlande. Auch die Aufrichtung der größten Gebirge ist ein verhältnißmäßig junges Factum. Ihre Höhe steht in einem bestimmten Verhältnisse zur Größe des angrenzenden Oceans; sie entstanden durch eine Aufwölbung, Faltung oder Knickung der Gesteinsschichten an den Rändern der sich hebenden Schollen, in welche die Erdrinde bei ihrer Contraction zerbarst. Die höchsten Gebirge finden sich daher meist am Rande der Continente, während im Innern die Gebirge niedriger sind und die Lage der Gesteinsschichten weniger gestört erscheint. Entsprechend den gewaltigen Störungen in dem Zusammenhang der festen Erdrinde am Rande der Continente ist die Vertheilung der Vulcane, welche die Oceane um- gürtcn und nur höchst selten sich im Innern der Continente finden. Ihre glnthflüssigen Laven finden an den Rändern der Festlande den geringsten Widerstand u. sind daher hier gerade in Reihe» geordnet vulcanische Ansbrüche erfolgt. Die in vielfacher Wiederholung sich findende Wechsellager ung mariner Schichten mit Strand, Sumpf und Süßwasserbildungen aus früheren Perioden gibt ein Bild fortwährenden, vielleicht kaum von Ruhepausen unterbrochenen Auf- u. Niedergehens der einzelnen Festlandstheile. Mit der zunehmenden Verdickung der festen Erdrinde hat diese Bewegung keineswegs aufgchört, sie ist vielmehr noch heute vorhanden. Obwol nur in außerordentlich langen Zeiträumen die Hebung oder Senkung einzelner Länder bemerkbar wird, ist doch der ganze Norden Europas und ein großer Theil NAmerikas erst nach dem Auftreten des Menschen auf der Erde über den Meeresspiegel gehoben worden. Auch jetzt noch dauert z. B. in Skandinavien die Hebung fort, und man hat dieselbe aus etwa 1 m im Jahrhundert berechnen können. Bemerkenswcrth ist, daß nicht alle Thcile des Landes sich in gleicher Weise gehoben haben. Ein Beispiel von Senkung u. Hebung in historischer Zeit liefern die Säulen des Serapistempels bei Puzzuoli. Die drei 13,g m hohen Säulen dieser Ruine waren bis zu einer Höhe von 4 in in vulcanische» Schutt begraben n. die nächsten 3 m von einer Böhrmnschel (Noclioka litiiopImAL) durchlöchert, während die obere u. die von vulcanischem Sande verdeckt gewesene Partie unverletzt sind. Es muß hier also eine Senkung um wenigstens 7 m stattgefunden haben, so daß sich die im Wasser lebenden Bohrmuscheln ansiedeln konnten, darnach aber wieder eine Hebung erfolgt sei. Plötzliche oder instantane Hebungen hat namentlich die WKüste von SAmerika erlitten. 1750 wurden beispielsweise unter Erdbeben die Küstenstriche Chiles um 8 in gehoben, so daß der alte Hafen von Concepcion unbrauchbar wurde, die Schiffe sich darnach nur bis auf 1j M dem Lande nähern konnten u. Sandsteinselscn, welche früher mehrere Faden unter dem Meeresspiegel lagen, über Wasser gehoben wurden. Senkungen, welche in manchen Ländern andauernd vor sich gehen, sind von den Küsten der Bretagne, Englands, von New-Jersey, Nordcarolina u. a. Ländern bekannt. Beweis Hecht. > fortgesetzte Senkung sind die zahlreichen Ko- ralleninseln. Obwol die Korallenthierchen mir bis zu einer Tiefe von 40 in unter dem Wasser spiegel leben, reichen ihre Baue bis zu viel bedeutenderen Tiefen. Die letzteren können also nur so entstandensein, daß die ursprünglichen Saumrisse von Inseln bei fortgesetzter Senkung derselben von den Korallen bauenden Thierchcn allmählich erhöht wurden. Das plötzliche Sinken eines Landstriches ist eine bei Erdbeben nicht gar seltene Erscheinung, steht aber in der Mehrzahl der Fälle mit dem Zusammenstürzen unterwaschener Schichtungen, dem Abrutschen von Gebirgstheilen od. dem Wasscr- verlust früher wasserreicher Schichten zusammen. Bei deni Erdbeben von Lissabon versank z. B. plötzlich der große marmorne Hafendamm. Derartige Hebungen und Senkungen der festen Erdrinde in großem Maßstabe sind von großem Einfluß auf die Verbreitung der einzelnen Floren u. Faunen und die Gleichheit oder Ähnlichkeit derselben auf Inseln nur durch die Annahme eines früheren Zusammenhanges über Wasser verständlich; so weist das Vorkommen von Fuchsaffen u. Faulaffen auf Madagascar, den Seychellen, den Malediven u. Ceylon auf einen versunkenen Continent (Lemuria) hin. Anderseits erklärt sich die Verschiedenheit in der Flora u. Fauna benachbarter Länder durch die lang dauernde Trennung derselben. So kommt es, daß vom Meere abgeschlossene Länder wie Australien und Neu-Seeland einen eigenthümlichen Charakter in der Thier- und Pflanzenwelt bewahrt haben, welcher an ein verflossenes Zeitalter in anderen Continenten erinnert. Lehmann. Hechal, der erste innere heilige Raum des Tempels zu Jerusalem. Hechel, s. Flachs II, L. Hechingcn, 1) Oberamt im preuß. Regbez. Sigmaringen (Hohenzollernsche Lande), bildete bis 1849das FürstenthumHohenzollern-H.; wird durchschnitten von der Linie Lllbingcn-H. (Hohenzollernsche Bahn) der Württcmb. Staalsbahnen; 235„z Hsicm(4,jgIIM)mit (1875) 19,903 Ew. 2) Ober- amtsstadt darin, an der Starzel, Station der oben genannten Eisenbahn; Kreis- und Schwurgericht, eine evangel. u. drei kathol. Kirchen, Synagoge, höhere Bürger- u. höhere Töchterschule, 2 Hospitäler, Rathhaus, 2 Schlösser, Fabrikation von halbwollenen, wollenen, leinenen n. baumwollenen Maaren, 2 Schwefelquellen (Ferdinands- u. Con- stantinqucllel, welche als HauptbestandtheileGlanber- salz neben Kalkerde, Bittersalz, Magnesia rc. und sowol freies als gebundenes Schwefelwasserstoffgas enthalten, mit Badeanstalt; 1875: 3491 Ew. Dabei die Villa Eugenie, das Schloß Lindich mit Park n. das alte Schloß Hohenzollern. H., schon 786 genannt, gehörte seit 1000 Len Grafen von Zollern, fiel 1360 an Württemberg und 1429 an Hohenzollern, war später Residenz der Fürsten von Hohenzollern-H. u. kam mit diesem Fürstenthnm 1849 an Preußen. H- Berns. Hecht, Lsox (7-tv., Gattung der Familie Hechte; Fettstoffe fehlt, Rückenflosse der Afterflosse gegenüber; Schnauze länglich, stumpf, breit, niedergedrückt, Zähne klein, spitzig auf dem Zwischen- kisferknochen, hechelförmig auf Ser Zunge; dem 108 Hecht - Gaumen, Pflugschare, deu Schlundknochep; Oberkiefer zahnlos, der etwas vorstehende Unterkiefer mit großen Zähnen. Körper länglich, seitlich zu- fammengedrückt. Gefräßige Raubfische. Art: Gemeiner H., Flußhecht, L. Irwins T., oben grnn- grau, unten weiß, schwarz pnnkrirt, Seiten grau, gelb gefleckt, doch ist die Farbe nach Alter und Wohnort verschieden; der ein- n. zweijährige ist z. B. olivengrün u. heißt Grashecht; gelb mit schwarzen Flecken heißt er Hechtkönig; sehr große heißen Haupthechte; die im März u. Februar laichenden aber gewöhnlich März- oder Hornungshechte und die im April laichenden lzur Froschlaichzeit) Frosch- oder Padvenhechle. In seinem Munde stehen über 700 kleine Zähne, 5 Eier legt er an 136,000, seine Länge beträgt 1 bis 2 m; da er ein sehr hohes Alter erreicht u. sehr lange wächst, so beträgt Las Gewicht eines H-es oft 10—15 er verschlingt gierig Fische u. Frösche, Ratten, junge Schwimmvögel, Aas u. sogar seine eigene Brut. Man zieht den H. in besonderen Teichen (Hechtreichen), in welche man dreijährige H-e (Hechtsatz) setzt. In Liese Teiche muß man, wenn sie nicht sehr starken Zufluß von wildem Wasser haben, geringere Fischsorten zum Futter setzen. Auch zieht man H-e mit in Karpfenteichen, da sie als Raubfische immer herumstreichen und dadurch die größeren Karpfen in Bewegung setzen u. verhindern, daß diese sich zu lange in den Teichschlamm verkriechen. Am größten werden die H-e in Flüssen u. Seen, wo sie hinlängliche Nahrung finden; daselbst fängt man sie mir großen Znggarnen, Hamen u. Angeln od. tzarpnnirt sie im Fackelschein. Im Frühjahre, wo die Hechte ruhig am Ufer stehen, kann man sie schießen oder mit der Fischgabel stechen. Zum Verspeisen werden die Mittelhechte (Schüssel- Hechte) von 1,5—2 kK Schwere vorgezogen. Am zartesten sind die jungen H-e, welche auch zum Braten dienen. Verbreitet ist der H. über die ganze gemäßigte Zone, er lebt nur im Sllßwasser. Fossile H. treten in der Kreide auf. Farwick.» Hecht, Wilhelm, ausgezeichneter Holzschneider der Gegenwart in München; geb. zu Ansbach 28. März 1843, Sohn eines k. Rentamtmannes; kam 1857 in die Lehre zum FormschneiLer Döring in Nürnberg, bildete sich von 1860—1863 in der artistischen Anstalt von I. I. Weber in Leipzig (Jllustrirke Zeitung), lebte 1864 in Berlin, dann dis 1868 in Stuttgart, wo er in der xylograph- ischen Anstalt von Eloß u. Ruef arbeitete u. entwickelte, seither in München, sein Talent zu solcher Meisterschaft, daß er in seiner Richtung jetzt in Deutschland keinen ebenbnrtigenRivalen hat. Regnet. Hechtbarsch, so v. w. Sander. Hechte (Lsoees), Fischfam. der zu den Knochenfischen gehörigen Schlundblasenfische, ohne Fettflosse, Oberkiefer ganz oder größtentheils vom Zwischenkiefer gebildet; eine Rückenflosse, meist über der Afterflosse, Körper ziemlich walzig-langgestreckt; Schwimmblase groß, einfach. Wohlschmeckend. Raubfische des Meeres u. Süßwassers; bekannteste Gattung: Hecht (Lsox). Heck, der äußere, gewöhnlich mit H-Verzierungen versehene Theil des Achterschiffes; auf Schiffen ohne festes Schanzkleid vom H-balken bis - Hcckcr. zum H-od.Hackbord, das sind die den Hinteren Rand des Oberdecks bildenden Planken od. Balken; bei größeren Schiffen bis zur Reling. Das H. endigte früher fast allgemein in einer platten, nach oben ausfallenden Wand, dem Spiegel; es war bei Schiffen des Mittelalters und bis zum 18. Jahrh. hoch hinaufgczogen u. bei größeren reich verziert. Neuerdings haben die eleganteren Schiffs - formen auch dem H. eine leichtere elliptische oder rundliche Gestalt gegeben; nur kleinere Seeschiffe, Flußfahrzenge und die Boote (excl. der Walfischboote) behalten den Spiegel. Die holländischen Knffen haben kein H., sondern ein aus der vollen Schiffsbreite Plötzlich abgerundetes, wulstiges Hin- tertheil, das mit dem Hintersteven abschneibet. Bei Schiffen mit Kajüten hinten unter dem Oberdeck enthält das H. auch die Kajlltsfenster. H-b allen derHauptquerbalkcn, welcher am oberen Ende des Achterstevens eines Schiffes befestigt ist und die H-stützen, welche die Wände des H-s bilden, trägt. Fest- Heck(Hegius), Alexander von, Humanist, geb. um 1440 in Heck in Westfalen, Schüler des Thomas von Kempen; wurde Lehrer in Deventer u. st. 27. Sept. 1498. Er ist einer der Beförderer u. Verbreiter der wiedererweckten Wissenschaft u. Gelehrsamkeit u. zählte Erasmus von Rotterdam zu seinen Schülern. Vgl. Güthling, Festprogramm des Liegnitzer Gymnasiums, 1867; Dillenburger in der Zeitschrift für Gymnasialwesen Nr. 24. Löffler. Heckemünzen, Münzen, welche weit unter ihrem angeblichen Werth Ende des 16. u. Anfang des 17. Jahrh. von einzelnen deutschen Reichs- fllrsten und Städten dem Reichstagsbeschluß entgegen, welcher Prägung in einer approbirten Kreismünze vorschrieb, ans deren eigenem Territorium geschlagen wurden; sie waren häufig nur versilbertes Kupfer u. trugen auch oft die Stempel fremder Münzen, falsche Jahreszahlen rc. Hecken, aus lebenden Pflanzen gebildete Einfriedigungen, welche gewöhnlich durch Einflechten und häufiges Beschneiven mit der H-scheere zu grünenden Wänden herangebildet werden. Sie dürfen nicht zu breit werden, damit die Zweige im Innern der H. nicht absterben. Die für das deutsche Klima passendsten H-pflanzen sind: der Weißdorn, die Hainbuche, Cornelkirsche, Stechpalme, der Liguster u. Buchsbaum. Heckenfeuer, früher gebräuchliche Feuerart der Infanterie, wobei von einem Flügel beginnend, eine Rotte nach der anderen die Gewehre abschoß. Meist ging das H. in ein regelloses Geknalle über. Heckenkirsche, ist I-oniesra X^Iosbsnm L. Heckenrecht, der Rechtsgrundsatz, infolgedessen derjenige, welcher sein Grundstück mit einem sogenannten lebendigen Zaun umgeben will, diesen drei Fuß von der Grenze nach seinem Grundstück Hineinsetzen muß. Heckenwicke, ist Vieia äumsbornm T. Hecker, 1) Justus Friedr. Karl, berühmter medic. Geschichtschreiber, geb. zu Erfurt 5. Jan. 1795; studirte in Berlin, habilitirte sich 1817 daselbst, wurde 1822 ordentl. Professor für die Geschichte der Medicin, der Encyklopädie n. Methodologie der medic. Wissensch., 1828 Mitglied der Oberexaminationscommission n. st. 11. Mai 1850. 109 Von seinen Schriften sind bes. zu nennen: schichte der Heilkunde, Berl. 1822; Die Pest im 6. Jahrh., ebd. 1828; Der schwarze Tod im 14. Jahrh., ebd. 1832; Die Tanzwulh, ebd. 1832, ins Englische und Französische übersetzt; Volkskrankheiten, 1834; Der englische Schweiß, 1834; Geschichte der neueren Heilkunde, 1839; übersetzte außerdem Gräfes Rhinoplastik ins Lat.; gab heraus Hippokratis Aphorismen, Borsieri von Kanil- felds Institubioneo msciie. prset., u. lieferte, bes. für das encyklopädische Wörterbuch der medic. Wissenschaften, Rusts Handbuch der Chirurgie, u. die litter. Annal. der Heilkunde eine Menge der tüchtigsten Artikel. 2) Friedrich, Führer der badischen Revolution von 1848, geb. 28. Sept. 1811 zu Eichtersheim in Baden; studirte die Rechte u. prakticirte seit 1838 in Mannheim als Ober- gerichtsadvocat. Hier schloß er sich den Radicalen an u. machte, 1842 von Weinheim-Ladenbnrg in die zweite badische Kammer gewählt, die heftigste Opposition gegen das Ministerium; ebenso aus dem zweiten Landtage; 1843—1845 reiste er mit von Jtzstcin nach Berlin, wo Beide 23. Mai d. I. ansgewiesen wurden. Auch gegen das liberale Ministerium Bekk machte er aus dem Landtage 1846—47 Opposition u. stimmte für Stcuerver- weigerung. Nachdem er zur Durchführung der socialen Republik sich enger an Struve ange- schlosscu u. sich an der Offenburger Versammlung 12. Sept. 1847 berhciligt hatte, wo das radicale Programm entworfen wurde, sollte über ihn und seine Genossen eine Criminaluntersuchung wegen Hochverrates verhängt werden, allein die Regierung gestattete ihm den Eintritt in die Kammer, u. hier stand er schon vor und besonders nach den Februarereignissen 1848 an der Spitze der Extremen. Er wurde nun Mitglied des Vorparlaments in Frankfurt, u. da hier seine Partei mit den Hoffnungen aus die Republik in der Minderheit blieb, so erregte er mit Struve den Aprilaufstand im badischen Oberlande u. erklärte dort die Republik, mußte aber nach dem für die Aufständischen unglücklichen Gefechte bei Kandern 20. April in die Schweiz flüchten, von wo er, zerfallen mit mehreren seiner Partei, im Sept. 1848 nach Amerika ging. Als im Mai 1849 die Revolution in Baden gesiegt hatte, beschloß die provisorische Regierung sogleich H-s Zurückberufung. H. erschien auch schon im Juli in Straßburg, kehrte aber wegen des inzwischen veränderten Standes der Dinge nach Amerika zurück, ohne Baden betreten zu haben. Er lebt dorr als Farmer bei Belleville im Staate Illinois. Inzwischen wurde ihm infolge des gegen ihn eingeleiteteu Protestes im März 1850 das badische Bürgerrecht entzogen. Seit 1856 betheiligte er sich lebhaft an Len polit. Kämpfen Amerikas im Interesse der republikan. Partei, trat, als der Secessionskrieg ausbrach, in die Armee der Union, kämpfte als Regimentschef, später als Brigadeoberst, legte aber infolge von Mißhelligkeiten 1864 sein Commando nieder und lebte wieder als Farmer. Bei der Friedensfeier der Deutschen zu St. Louis 12. Febr. 1871 hielt er eine patriotische Festrede u. im Winter 1871 aus 1872 in Washington deutsche Vorlesungen. Zu Hause feit 1868 amnestirt, machte er 1873 einen Besuch in Deutschland, kehrte aber, von den deutschen Verhältnissen durchaus nicht befriedigt, wieder auf seine Farm zurück. i>Tl,ambayn. 2iHcim--AmRhyn. Heckmünzen, 1) so v. w. Heckemüuzen; 2) Geldstücke, denen der Aberglaube die Kraft zuschrieb, sich zu vermehren od. immer wieder zurllck- zukehren; so Heckgroschen, Heckpfennige, Heckthaler rc. Heilsame, ist Iklsx euroxseus T. Heckscher, JohannGustavMoritz, deutscher Reichsminister, geb. 26. Dec. 1797 in Hamburg, studirte, nachdem er im hanseatischen Freiwilligencorps den Feldzug von 1815 mitgemacht, in Göttingen u. Heidelberg die Rechte u. prakticirte dann in seiner Vaterstadt als Advocat. 1848 war er Mitglied des Vorparlaments, dann des Fünfziger Ausschusses, wurde in die Nationalversammlung gewählt, wo er sich der Partei Gagern (linkes Cenlrum) anschloß, war unter der Deputation, welche nach Wien ging, um dem Erzherzog Johann dessen Wahl zum Reichsverweser zu melden und übernahm im ersten Reichsministerium das Portefeuille der Justiz 12 . Juli 1848. Schon 9. Aug. vertauschte er dasselbe mit dem des Auswärtigen, verlor aber nach dem Malmöer Waffenstillstand die Gunst der Linken u. der öffentlichen Meinung u. entging bei dem Frankfurter Aufstaude 18. Sept. nur mit Mühe der Lebensgefahr. Kurz darauf trat er aus dem Ministerium, ging im Oct. 1848 als Gesandter nach Turin u. Neapel u. kam eben zurück, als die Gagernschen Pläne, Errichtung eines.Deutsch-Preußifchen Reiches u. einer Union mit Österreich im Parlament auf die Tagesordnung gestellt wurden; er erklärte sich gegen diese u. sammelte die großdeutschen Elemente der Versammlung Febr. 1849 zu einer festen Partei, ging dann mit Sommaruga u. Hermann nach Wien, um dort eine Verständigung zu erzielen, kehrte aber unverrichteter Dinge zurück, uni nun für ein Reichsdircctorium zu wirken. Ende April 1849 kehrte er nach Hamburg zurück, nahm seine Ad- vocatur wieder auf, wurde 1853 Hamburgischer Miuisterresident in Wien und starb dort 7. April 1865 . Lagai. Heckthaler, s. u. Heckmünzen 2s. Heckweide, ist 8skix xurpurss T. Hecticus (v. Gr.), s. hektisch. Hektar, s. Hektar. Hcctor, Städt. Bez. im Schuyler County des nordamerikan. Unionsst. New-Jork, am Seneca See; 6000 Ew. Hccüba, so v. w. Hekabe. Hcüberg, Franz Theodor, schweb. Dramatiker, geb. 2. März 1828 in Stockholm; hat eine große Menge Dramen, meist Lustspiele, für schwedische Theater geschrieben; Las bekannteste ist öröl- loxsb ps. Illksss, 1865, ein mittelalterliches romantisches Drama von einigem Werth. Er ist auch als Lyriker aufgetreten. °- Hedborn, Samuel Johan, schweb. Lyriker, geb. 14. Oct. 1783 zu Heda in Östergötland, gest. als Prediger zu Askeryd in Östergötland 26. Dec. 1849; gehört zur romantischen Schule. Besonders werden seine Kirchensteuer geschätzt. Seine ssmlscko sicrikter erschienen 1853, besorgt von Atterbom, 2 Thle., Örebro. Hcckmünzcn — Hcdborn. Ge 110 Hcddcrnhmn Heddernheim, Marktflecken im Landkreise n. dem preuß. Regbez. Wiesbaden, an der Nidda; Kupferhammer, Eisenschleiferei, Fabrikation von Pappdeckel, Druckerschwärze u. Bleirohren; 1875: 2722 Ew. Man hat in der Nähe römische Grundmauern u. 1826 einen merkwürdigen Miihrasaltar ausgegraben, der sich im Museum zu Wiesbaden befindet. Unweit davon war das alte Römercastell 8aäriani vious. Heddcsdorf, Kirchdorf im Kreise Neuwied des preuß. Regbez. Koblenz, an der Wied; Stärkefabrikation, Weinbau; 1875: 2996 Ew. Dabei die Rasselsteiner Eisenhütte. , Hedemarken, Amt im norweg. Stift Hamar, grenzt im S. an das Amt Agershuns, im W. an Christiaans-Aint, im N. an Söndre Throndhjem u. im O.an dasschwed.Kopparbergslän; 25,992^>fiw (472 UM) mit 120,442 Ew. (ans 1 s^jkm 5, in ganz Norwegen 5,J. H. ist ganz gebirgig. Die Vogtei H., östlich vom Mjösensee, gehört zu den fruchtbarsten Gegenden in Norwegen, jedoch nur der dritte Theil derselben ist des Anbaues sähig; die übrigen, höher gelegenen Vogteien besitzen sehr ausgedehnte Wälder, welche in neuerer Zeit stark ausgebeutet werden. Wegen ihrer hohen Lage ist ein großer Theil dieser Gegenden unbewohnbar. Die höchsten Punkte derselben sind: Sölen(1788 m), Svuku (1758 m), Tron Fjeld (1743 m) u. Elge- piggen (1615 m). Von den Flüssen sind der Glommen und Klar-Elv und von Len zahlreichen Seen der FämnnL- u. der Mjösensee die größten. In der Vogtei H. bildet der Ackerbau die Hauptbeschäftigung der Bewohner, in den übrigen Thei- len des Amtes die Viehzucht (Alpenwirthschaft, Sätere), außerdem Bergbau, Frachtsuhren, Fischsang u. Jagd. Eintheilung in..die vier Vogteien H., Vinger u. Odalen, Solöer, Österdalen. Hauptort ist Kongsvinger. H- Berns. Hedemöra, alte Stadt im schwedischen Stora Kopparbergslän, am Hafransee, mit einem der bedeutendsten Jahrmärkte des Landes; Handel, Ackerbau; 1200 Ew. Hedemünden, Stadt im Kreise Göttingen der preuß. Landdrostei Hildesheim, an der Werra; Station der Frankfurt-Bebraer Eisenbahn; Fabrikation von Cigarren, Flachsbau, Leinenhandel; 1875: 884 Ew. Kellers L., s. Epheu. Hederich, Pflanze, 1) Gelber H., giuäpis arvsusis; 2) Weißer H., Raxlmnistruw sil- vestrs. Hedcrichjätemaschine, Maschine zum Vertilgen der Unkräuter durch Abreißen od. Abschneiden, benannt nach dem häufigsten u. lästigsten Unkraut, dem Hederich. Die H. ist eine deutsche Erfindung. Man hat zwei verschiedene Systeme; nach dem einen werden mit Kämmen die Blllthen od. theilweise auch die ganzen Pflanzen abgerissen (Jngermannsche H.), beim anderen werden die Aste der Pflanzen von unten nach oben mit Sicheln abgeschnitten (Haudschs H.) Rhode. Hedeffa, so v. w. Esther. Hedio (Heid), Kaspar, reformatorischer Theo- log, geb. 1494 zu Ettlingen in Baden; studirte in Freiburg Theologie, wurde Hofprediger in Mainz > und erzbischöflicher Bicar, ging, durch Capito für — Hcdschra. die Reformation gewonnen, 1523 nach Straßburg, wurde hier Domprediger, lehrte seit 1529 an der um diese Zeit errichteten höheren Lehranstalt daselbst als Professor der Theologie, legte aber, als 1549 das Interim in Straßburg eingeführt wurde, seine Dompredigerstelle nieder u. st. 17. Oct. 1552. Seine Schriften sind großentheils theologischen u. historischen Inhalts, unter letzteren auch ein Lürroirr- eon Asrmauienm bis 1545. Löffler.' Hcdlingcr, Johann Karl, ausgezeichneter Medailleur, geb. 20. März 1691 in Schwyz, st. 14. März 1771; lernte bei Trauer in Sitten n. St. Urbain in Nancy Medaillen schneiden, ging hierauf nach Paris, wo ihn der Baron Görz 1717 nach Schweden berief u. als Münzdirector anstellte; auch Peter der Große suchte ihn zu gewinnen, doch blieb er, einen zweijährigen Aufenthalt in Italien abgerechnet, in Schweden; 1726—28 besuchte er Rußland, nur um das Bild der Kaiserin Anna zu schneiden, u. kehrte erst 1745 in sein Vaterland zurück. H. war einer der wenigen Künstler seiner Zeit, der, von der Antike begeistert, gegen den verdorbenen Geschmack opponirte. Vergl. CH. de Mechel, Oeuvres cku Olrsvallsr 8., Basel 1776, dessen ÜLpIioatlon Insbor. sto., ebd. 1778 ; I. G. Fueßli, Oolloebion ooinpl. cks taubes ckss me- äailles äu Oüev. 8., Augsb. 1782. Regnet. Hedonismos (gr.), System des griechischen Philosophen Aristippos des Jüngeren (Enkel des berühmten Aristippos). Dasselbe geht von der Erklärung der Gefühle aus, nimmt körperliche u. geistige Lust u. Unlust an, gesteht aber der körperlichen den Vorzug zu und bewachtet nicht Glückseligkeit als etwas Zusammengesetztes, sondern die einzelne Lust, und zwar die erregende Lust als den höchsten Zweck des Menschen, u. Weisheit u. Tugend als nothwendige Mittel, welche dazu führen. Die Ethik, als Lehre von den Empfindungen, die allein erkennbar u. untrüglich, mithin auch die einzigen Kriterien des Wahren seien, machte bei diesem System die ganze Philosophie aus. Die weiteren Folgen der consequent eudämonistischen Ethik, in Beziehung auf Wahrheit, Moralität u. Religion, führten einige Kyrenaikcr, daher Hedoniker genannt, weiter aus, so Theodoros, Bion, Euemeros, Hegesias. Hedrocele (v. Gr.), Mastdarmbrnch. Hedschas (El-Hidschaz), 1) (türk.) so v. w. Arabien; 2) Landschaft im nördlichen Theil der WKüste von Arabien, enthält einen Küstenstrich am Rothen Meere vom Busen von Suez an bis Hali (Jemen), ist gebirgig, hat im Inneren mehrere (oft austrocknende) Flüsse, heißes Klima, ist sehr wenig fruchtbar und wird bewohnt von Arabern (meist Beduinen). H. umfaßt mit Jemen (oder überhaupt das ganze Küstenland am Rothen Meer) über 567,836 s^Icm (10,312 s^M) u. 1,134,375 Ew. u. wird zur Asiat. Türkei gerechnet, wenngleich nur H., Las peträische Arabien u. das Gebiet von Mekka unbestrittenes türkisches Gebiet ist. Die heiligen Städte der Mohammedaner, Mekka u. Medina, und die befestigte Hafenstadt Dschidda liegen in H. Arendts. Hcdschra (richtiger Hidschra, früher gewöhnlich Hegira geschrieben, arab.), die Flucht oder Auswanderung (nämlich Mohammeds von Mekka nach 111 Hedwig — Medina), bestimmt nach des Khalifen Omar Ver- sügung den Anfang der Mohammedanischen Aera u. fällt ans den 1. Muharrem 10 Jahre 2 Monate vor Mohammeds Tode oder auf den 15. (nicht 16.) Juli 622 v. Chr., wiewol der Prophet nach Abulfeda 68 Tage, nach Anderen 2 Monate später seine Flucht angetreten hatte. Das Jahr der H. ist ein Mondjahr von 354 Tagen (s. u. Jahr). Die Berechnung eines Jahres der H. nach unserer Zeitrechnung, s. u. Jahrcsrechnung. Hedwig, 1) Hadewig, Tochter des Herzogs Heinrich von Bayern, jüngeren Bruders Kaiser Otto I.; war anfangs mit dem byzanlin. Kaiser Constantin VII. versprochen, wurde aber 954, noch sehr jung, mit Herzog Burkard von Schwaben vermählt; früh Wittwe geworden, führte sie dann die Regierung, zog den gelehrten Mönch Ekke- hart II. (s. d.) von St. Gallen an ihren Hos auf der Burg Hohentwiel, wo er sie im Lateinischen unterrichtete, u. st. 994. 2) H. v. Kyburg, Gemahlin des Grasen Albrecht IV. von Habsburg, Mutter des Kaisers Rudolf. 3) St. H., geb. 1174, Tochter Bertholds IV., Herzogs zu Meran, wurde schon im 12. Jahre mit Herzog Heinrich I. von Schlesien und Polen vermählt; sie zog sich, nachdem sie Mutter von 6 Kindern und 1238 Witlwe geworden, in das von ihr gestiftete Cister- cienser-Nonnenkloster Trebnitz bei Breslau zurück u. st. 15. Oct. 1243; sie wurde 1266 kanonisirt; Tag der 17. Oct. Noch jetzt werden häufige Wallfahrten zu ihren Gebeinen in der Klosterkirche von Trebnitz unternommen. 4) St. H. (Jadwiga), Tochter des Königs Ludwig von Ungarn u. Polen, geb. 1370, wurde nach dem Tode ihres Vaters von den Polen zur Königin erwählt (1384), entsagte dem ihr schon in der Wiege verlobten Herzog Wilhelm von Oesterreich u. vermählte sich 1386 mit Jagello, Herzog von Lithauen, unter der Bedingung, daß er das Christenthum annähme; sie verwendete die Hälfte ihres Geschmeides zur Vollendung der von Kasimir angeiangeuen Universitätsgebäude in Krakau, vermachte die andere Hälste den Armen und wurde nach ihrem Tode (1399) kanonisirt. H-»n--AmRhyn.» tteä>sseese, s. u. IwAuminosae. Uechssrum L., Pflanzengattung aus der Familie der I,eAnminosab - kapilionueeas - Ueäz-sarsae (LVII. 2.), mehrjährige Kräuter u. Halbsträucher mit unpaariggefiederten Blättern u. rochen oder weißlichen achselständigenBlüthentrauben. Blüthen mit kurzen Flügeln u. schief abgestutzten Kähnchen; Hülse flach zusammengedrückt mit zahlreichen, bei der Reife sich von einander trennenden Gliedern. Etwa 50 Arten in Europa, NAfrikä, Asien und NAmerika; in Deutschland, in den Alpen und Sudeten: 8. odsenrnm mit 5—9paarigcn Blättern, schönen purpurrochen Blüthen u. hängenden Hülsen. 8. voron avium T. in Italien; 8. krutioosum L., in Sibirien heimisch, beide wegen ihrer schönen rothen Blumen Zierpflanzen; 8. erista xalki L. (Hahnenkamm), im Orient, ausgezeichnet durch hahnenkammsörmige Hülsen. 8. sszwans ist Dsvmoäium Azwans. Engter. Hecckcren, Georges Charles, Baron v. H., sranz. Diplomat, geb. 5. Febr. 1812 zu Colmar, kam im Jahre 1830 als Herr von Dantes Heemstede. nach Petersburg, wo er in die russische Armee ausgenommen wurde, war 1834 bis zum Rittmeister in einem Gardereiterregimcnt avancirt u. wurde in dieser Zeit vom Herrn v. H., dem holl. Gesandten in Petersburg, adoptirt, dessen natllr- licher Sohn er war. Infolge eines Duells, in welchem er 27./15. Jan. 1837 den russ. Dichter Puschkin, dessen Schwägerin er gehcirathet hatte, erschoß, ging er, aus Furcht vor der Volksrache, nach Frankreich zurück. 1848 wurde er vom Dep. des Oberrheins als Deputirter in die Nationalversammlung gesandt u. dort Secretär iin Comite der auswärtigen Angelegenheiten. Er stimmte gegen das Zweikammersystem, für das allgemeine Stimmrecht, für die Unterdrückung der Clubs, votirte gegen Len Amnestieantrag Ende 1848 u. gehörte zum Wahlcomite des Poitiervercins. In der Con- stituirenden Versammlung war er einige Zeit Secretär u. gehörte zu den sechs Secretären der Gesetzgebenden, 1852 wurde er nach Vollsührung eines Auftrages Ludwig Napoleons an den Kaiser von Rußland, Senator u. später Staatsrath und ward 1852, 1855 und 1858 zu vertraulichen Liplo- malischen Sendungen an die Höfe von Berlin und Wien verwandt. Henne-Am Rhyn.» Heegermühle (Hegermühle), Kirchdorf im Kreise Oberbarnim des preuß. Regbez. Potsdam, am Finowkänal; Messingwerk (1697 vom Kurfürsten Friedrich 18. angelegt und seit 4862 im Privatbesitz), große Ziegelbrennereien (Klinkers); 1200 Einw. Heem, Jan de, berühmter Stilllebeumaler, Sohn des Stilllebenmalers David de H., geb. zu Utrecht um 1605, st. zu Utrecht 1684, Schüler seines Vaters, den er weit übertras, Hauptwerk: Fruchtgewinde um einen Kelch (im Belvedere zu Wien). Regnet. Heemskerk, 1) Marten (eigenst, van Veen), niederländ. Historienmaler und Kupferstecher, geb. zu Heemskerk 1498, gest. zu Haarlem 1574. Eines Bauern Sohn, war er für Len Beruf seines Vaters bestimmt, er lernte aber zuerst bsi Cornelis Willemsz u. dann bei Jan Lucas die Kunst und ward weiterhin Jan Schoorls Schüler. 1532 ging H. nach Italien und gab von dort heimge- kehrt seine frühere einfache Malweise gegen eine nach Effekt strebende auf, die bald Freunde und Nachahmer fand, obwol sie anfänglich lebhaft bekämpft worden. 2) Jakob van, holl. Sceheld u. Entdeckungsreisender, geb. 1 . Mürz 1567 in Amsterdam; erhielt 1595 von den Generalstaaten Len Auftrag, mit sieben Schissen eine nordöstliche Durchfahrt nach China zu suchen, u. wurde Labei von Wilhelm Barentz begleitet, der 1594 die Nordspitze von Novaja Semlja erreicht hatte; zwei Reisen waren aber vergebens, beidemal überwinterte er auf Novaja Semlja. 1601 zeichnete sich H. gegen die Portugiesen in Westindien aus. 1607 gegen die Spanier geschickt, griff er 25. April ihre Flotte auf der Höhe von Gibraltar an, vernichtete dieselbe fast gänzlich, blieb aber selbst Labei. Er wurde in Amsterdam begraben und ihm ein Denkmal gesetzt. i) S) Schroot.' Heemstede, Ort im Gerichtsbez. Haarlem der niederländ. Prov. NHolland; große Bleichereien; 2844 Ew. 112 Hcer — Heer, 1) die Gesammthcit der militärisch organisirten bewaffneten Macht eines Staates, nebst Allem was zur Ergänzung, Erhaltung, Ausrüstung u. s. w. derselben erforderlich ist. Diese bewaffnete Macht besteht aus dem im Frieden schon vorhandenen steh enden H-eu.aus den gesetzlich nur zum Dienst im Kriege verflichteten Mannschaften der Reserve, Landwehr, des Landsturms rc. Je nach Len Gesetzen, die über die Verpflichtung zum Kriegsdienst die s. g. Wehrpflicht in den verschiedenen Staaten bestehen, unterscheidet man verschiedene Wehrsysteme (s. L.). Jedes H. besteht aus Len verschiedenen Waffengattungen und wird je nach seiner Stärke in größere Truppenkörper (Armeen, Armeecorps rc.) eingetheilt. 2) s. v. w. Armee 2). S- Hccr, Oswald, ausgezeichneter Botaniker u. Patäontolog, geb. 31. Aug. 1809 zu Niederutz- wyl, St. Gallen, widmete sich 1828 zu Halle der Theologie u. den Naturwissenschaften, gab 1834, wo er sich zu Zürich als Docent habilirirte, seine geistliche Stelle auf u. wurde, nachdem 1835 seine Beiträge zur Pflanzengeographie erschienen waren, 1836 Professor der Botanik u. Entomologie; mit Hegeschweiler schrieb er die Flora der Schweiz, Zürich 1840; u. allein I'auua eoleoxtsror. bolvst., I. Pur. 1841; dann die Vertreibung und Vertilgung der Laubkäfer rc., Zürich 1843. Dadurch, sowie durch die mit Regel herausgegebene Schweizerische Zeitschrift für Land- u. Gartenbau und andere Bemühungen zu Gunsten der Land« wirthschaft erwarb er sich große Verdienste, nicht minder um die Gründung und Ausbildung des Züricher botanischen Gartens. 1850 ging er krankheitshalber nach Madeira und kehrte 1851 über Spanien u. Südsrankreich zurück; nun erschien die Hausameise Madeiras, Zürich 1852; Fossile Pflanzen von St. Jorge in Madeira, das. 1855; u. damit war H. auf sein eigentliches Gebier getreten, die Untersuchung und Bestimmung von Thier- u. Pflanzenresten. Von seinen zahlreichen vorzüglichen Arbeiten sind besonders erwähnenswertst: Illors, tertiaria llslvstias, 3 B., Winterthur 1855—59, 156 Taft; Ueber Klima u. Vcgetationsverhältnisse d. Tertiärlandes, Winterthur 1860; Beiträge zur Jnsektensanna der Tertiärlagcr v. Oeningen, Oolsoxtsra. Haarlem 1860, 7 col. Kpfrtaft, gekrönte Preisschrist; Die Urwel: der Schweiz, Zürich 1865, auch in viele fremde Sprachen übersetzt; ikosv. vsrter tra 8tst8- dsrgen, Stockh. 1866; I-os regiorw xolairos cku Lausanne 1867; Foss. Hymenopteren aus Oeningen u. Radoboj, Zürich 1867, 3 Kpfrtaft; Pllora ko88ili8 Aretica; Foss. Flora der Polar- ländcr, insbes. von NGrönland, Mellville Ins. rc., 3 Bde. , Zürich 1868— 75; Miocäne baltische Flora, die foss. Pflanzen u. Braunkohlcnformation der Ostseeländer, Königsb. 1869, 30 color. Kpfrtaft; Hora 1o88ili8 Alaksbana, Stockh. 1869, c. 10 Taft; Die miocäne Flora u. Fauna Spitzbergens, Stockh. 1870, 16 färb. Kpfrtaft; Foss. Flora der Bären- Jnsel, Stockh. 1871, 15 Kpfrtaft; Über die Braun- kohlen-Flora des Zsily-Thales in Siebenbürgen, Pest 1872; Fossile Pflanzen von Sumatra, Zürich 1875, 3 Kpfrtaft Von seiner neuesten Schrift: Plora kv88. Rslvstias ist H. 1 (Winterth. 1876) Hecren. mit den Steinkohlen- und Anthracitpflanzen der Schweiz erschienen; eben ist H. mit Len Jurapflanzen Sibiriens n. des Amurlandes beschäftigt. Von seinen zahlreichen Abhandlungen seien nur erwähnt seine Beuräge zur Steinkohlenflora und der Kreideflora der arkt. Zone in L. 8v. Veteiwk. Aüaci. HaucU. B. 12. r. Heerbann, Iioridannuo, fferibannnw, eines der Hauptregierungsrechtc des deutschen Königs, bezeichnet so v. w. Militärgewalt, dann das Aufgebot zum Nationalkriege, das Heer selbst und manchmal auch die Abgabe zur Ablösung des Kriegsdienstes. Der H. verpflichtete die Grundbesitzer zur Folge und stand als Reallast mit der Größe der Grundstücke insofern im Verhältnisse, als je 4 Tagewerke einen Mann stellen mußten. Mit dem H. u. seiner Verfassung im engsten Zusammenhänge stand bei den Franken die jährliche, erst im März, dann (seit Karl d. Gr. regelmäßig) im Mai abgehaltene Heerschau. Schon nach Karl d. Gr. begann das Institut des H-s in Verfall zu gerathen und mit der Hebung des Lehnssystems ward ihm das Ende bereitet. L"g"i. Heerbiene, so v. w. Raubbiene. Heerbrand, Jakob, luth. Theolog, geb. 12. Aug. 1521 zu Giengen in Schwaben, studirte 1538—43 in Wittenberg unter Luther u. Melanch- thon, wurde 1543 Diakonus in Tübingen, aber 1548 wegen des Interims entlassen; doch wurde er von Herzog Christoph 1550 gleich wieder als Superintendent in Herrenberg angestellt, u. 1551 auf das Concil zu Trient geschickt, um das von Brenz verfaßte württembergische Glaubensbekenut- niß zu vertheidigen; 1556 wurde er vom Markgraf Karl von Baden zur Reformation seines Landes berufen, u. 1557 Professor der Theologie in Tübingen, 1590 Kanzler der Universität und Probst, st. 22. Mai 1600. Wegen seines Eifers u. seiner Polemik nannte man ihn gewöhnlich Höllbrand. Er schrieb u. a.: Oratio lunsbria cks ?h. Älelanodtlions, 1560, n. Aufl. 1598, u. Oompenäium ttisol., Tüb. 1573,1578,1591 n. ö. (erste systemaiische lutherische Dogmatik), auch von M. Crusius ins Griechische übersetzt, Wittenberg 1582. Wsfler. Heeremann von Wimpffen, ft Wimpffcn. Heeren, 1) Arnold Hermann Ludwig, Deutscher Geschichtforscher, Sohn des 1811 in Bremen verstorbenen Dompredigers und Kirchcn- liederdichters Heinrich Erhard H., geb. 25. Ocr. 1760 zu Arbergen bei Bremen, studirte in Güttingen erst Theologie, dann Philosophie und Geschichte, wurde nach seiner Rückkehr von Reisen durch Italien, Frankreich u. die Niederlande 1787 außerordentlicher, 1794 ordentlicher Professor der Geschichte in Göttingen, später Hofrath u. 1837 Geh. Justizrath und st. 7. März 1842. H. hat das Verdienst, der deutschen Geschichtswissenschaft eine neue Bahn gebrochen zu haben, indem er Handel u. Verkehr in dieselbe hereinzog und in ihrer Wechselwirkung zum Staats- u. Culturlcben erst der alten Welt in seinen: Ideen über die Politik, den Verkehr u. den Handel der vornehmsten Völker der alten Welt, Gött. 1793—96,2Bde., 4. Aufl. 1824— 26, 6 Theile; dann in ihrer Wechselwirkung zur Politik und Entwickelung des Heerfahrt — Europäischen Staatensystems in seiner: Gesch. des Europäischen Staatensystems u. seiner Colonien, Gott. 1809, 5. Anfl. 1830, — darstellte. Außer- dem schrieb er: Geschichte des Studiums der elastischen Literatur seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften, ebd. 1797—1801, 2 Bde., n. Aust, ebd. 1822; Handbuch der Geschichte der Staaten desAlterthnms, ebd. 1799, 5.Aust. 1826; Kleine historische Schriften, Gött. 1803—1808, 3 Bde.; Historische Werke, ebd. 1821—26, 14 Bde. (der 7.—14. Band sind bloß neue Auflagen älterer Schriften); er gab auch mit Ukert die Geschichte der europäischen Staaten und die üoloAas des Stobäos, Gött. 1792—1801, 4 Bde., heraus u. redigirte die Göttingischen gelehrten Anzeigen von 1827—1840. 2) Friedrich, berühmter Techno- ldg, Neffe des Vor., geb. 11. Aug. 1803 zu Hamburg, studirte in Göttingen Naturwissenschaften, wurde 1831 Prof, der theoret. u. techn. Chemie, früher auch der Physik und Mineralogie an der höheren Gewerbeschule zu Hannover, aus welcher sich besonders durch seinen Einfluß die so berühmt gewordene polytechnische Schule entwickelte. Durch seine Berichte über die Leistungen der verschiedenen größeren Ausstellungen ».zahlreiche technolog. Abhandlungen erwarb er sich große Verdienste um die fortschreitende Entwickelung der Industrie, größere noch durch sein mit Karmarsch herausgegebenes Technisches Wörterbuch. U Lagai. 2- r. Heerfahrt, der Kriegszug, zu dem der Heerbann aujgeboten wurde. Heergeräthe, Heergewende, Heergewette, Inbegriff der einem gerüstet in das Feld ziehenden Krieger nöthigen Geräthschaften; dasselbe wurde als ein Zubehör des Grundeigenthums auf den nächsten männlichen Erben, welcher bloß durch Mannspersonen mit dem Erblasser verwandt war (Schwertmagen), mit Ausnahme der Geistlichen, vererbt. Waren keine Descendenten da, so traten die Ascendenten u. dann die Seitenverwandten ein. Waren mehrere Söhne vorhanden, so erbte der älteste das Schwert im Voraus, in die übrige Verlassenschaft theilten sie sich. Nach Sächsischem Rechte (Sachsenspiegel I. 22) gehörte Folgendes zum H.: das beste Pferd, gesattelt u. gezäumt, der beste Harnisch, das beste Schwert, die täglichen Kleider des Verstorbenen, ein Heerpfühl, ein Kopskissen u. Deckbett (bei den letzteren mit doppeltem Überzug) und zwei Betttücher, ein Tischtuch u. ein Handtuch, Alles nächst dem Besten, zwei Becken oder zinnerne Schüsseln, ein Fischkeffel, ein Schüsselring oder Dreifuß. Das Waffenzeug abgerechnet galt dieses Mobiliarge- räthe bis in die neuere Zeit als ein besonderer Theil der Hinterlassenschaft einer Mannesperson und in derselben eine besondere Succesfion, die z. B. in Sachsen erst 24. Mai 1814 abgeschafft wurde. Sodann bezeichnet H. die Geschenke, die sonst der Vasall an Pferden und Waffen dem Lehnsherrn bei Antritt des Lehns machte, u. endlich alles für die Truppen im Felde nöthige Material. Lagai. Heeringen, Gustav Ado lf v., Novellist, geb. 27. Oct. 1800 zu Mehlra in Schwarzburg-Son- dershausen, studirte Cameralia, wurde Regiernngs- rath u. Kammerherr in koburgischen Diensten u. Vierers Universal-Conversations-Lexikon. S. A»fl. X.! Hecrschnepfe. 113 machte als solcher Reisen nach Portugal u. England, lebte darauf in der Schweiz u. st. 25. Mai 1851 in Koburg. Er schr. theils pseudonym als Ernst Wo dom er ins: Das Trauerspiel (Nov.), Lpz. 1824; Fränkische Bilder aus dem 16. Jahrh., Frankfurt 1835, 4 Thle.; Reisebilder aus Süddeutschland, Lpz. 1839; den Roman: Der Ge. ächtete, Lpz. 1842, 3 Bde.; Der Knabe von Luzern (histor. Roman), Lpzg. 1843; GesammelteNovellen, 1845, 2 Bde.; die Romane: Die Pagen des Bischofs, 1847, 2 Bde.; Der Balsamträger, 1848, 2 Bde.; Der Kaufmann von Luzern, 1849, 2 Thle.; Ein Mädchen vom Schwarzwald 1850. A. Duncker.» Heerlen, Marktflecken im Gerichtsbez. Mastricht der niederländ. Provinz Limburg, besteht aus 2 Dörfern u. 20 Weilern, Sitz einer früheren Herrschaft, die später an die Grafen von Valken- burgüberging; Bierbrauerei, Gerbereirc.; 4894 Ew. Heermann, Johann,lutherischer Liederdichter, geb. 11. Oct. 1585 zu Rauten in Niederschlesien, lebte längere Zeit bei Valerius Herberger in Fran- stadt, kam dann auf die Schule nach Brieg, wo er 1608 zum Dichter gekrönt wurde; er wurde 1611 Pfarrer in Köben in Schlesien, legte diese Stelle 1638 Krankheitshalber nieder und zog nach Lissa in Polen, wo er 17. Febr. 1647 starb. „Er hat, einer der ersten aus der Opitzschen schlesischen Dichterschule, die Reinheit der Sprache, den Wohllaut des Ausdrucks in die deutsche Kirchenliederdichtung eingeführt" (Koch). Von seinen etwa 400 geistlichen Liedern sind viele in den allgemeinen kirchlichen Gebrauch übergegangen, z. B.: Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen; Jesu, deine tiefen Wunden; O Gott, du frommer Gott. Er schrieb mehrere Predigtwerke, dann: vsvoti musios, vorckis oder Haus- und Herzensmusica, Breslau 1630 u. ö.; Gesänge über die Sonn- u. Festtagsevangelien, ebd. 1630 u. a.; Lebensbeschreibung von Joh. Dav. Heermann, Glog. 1759; vgl. PH. Wackernagel, I. H-s geistliche Lieder, Stnttg. 1856; Ledderhose, Das Leben I. H-s von Köben, des Liedersängers der ev. Kirche, Heidelberg 1855. Löffler.« Heermerster, s. v. w. Heerführer im Kriege, im mittelalterlichen rc. Ordenswesen (Deutschen- und Johanniter-Orden rc.) der Vorgesetzte einer Ordensprovinz. Heerranch, so v. w. Höhenrauch. Heerscha», so v. w. Revue. Heerschild, ursprünglich der als Zeichen des Aufgebotes des Heerbannes oder der Vasallen öffentlich ausgestellte oder auch statt der Sturmglocke geschlagene Schild, symbolisch dann aufgefaßt der Rang, Stand oder Recht, in Sonderheit das durch Lehnrecht begründete Standesrecht und daher auch so viel wie Lehnfähigkeit. Die verschiedenen H-e bezeichnen die durch den Feudalismus herbeigeführten Gliederungen der Ständeverhältnisse. Ursprünglich gab es 6, dann 7 H-e; im 1. stand der König als oberster Lehnherr u. Kriegssürst, im 2. die geistlichen Fürsten, im 3. die weltlichen Fürsten, im 4. die freien Herren (Dynasten), im 5. die Mannen der freien Herren, im 6. die Aftervasallen der vorigen, im 7. jeder freie Mann ehelicher Geburt. Lagai. Hcerschncpfc (Becassine), s. Schnepfen. Land. g 1 14 Heersteuer Heersteuer (Läoim Llosksnäitiao), sonst Steuer derer, welche nicht persönlich Kriegsdienste leisten wollten. Heerstraste, eigentlich eine Straße, breit genug, daß ein Heer darauf ziehen kann; dann bes. eine öffentliche, zum größeren Verkehr entfernterer Orte unter einander bestimmte Straße. Die H-n wurden sonst allgemein als dem Königsbann unterworfen betrachtet, so daß der König nicht allein die Revenüen an Zöllen, Geleiten rc. davon bezog, sondern auch ausschließlich die Gerichtsbarkeit über die auf denselben vorgekommeneu Frevel (H-ugerichtsbarkeit) auszuübeu hatte. Heerwurm, ein handbreiter, sehr langer, langsam sich auf dem Boden bewegender Zug von zahlreichen Larven der Thomasmücke, Leiara llLonaag. Hefe, ein bräunlicher Schlamm, welcher sich unter dem Mikroskope zu dem Geschlechts der Algenpilze ungehörigen, Zellen auslöst, durch deren Lebensthätigkeit Zucker besonders Stärkezncker in Alkohol und Kohlensäure verwandelt und so in den betreffenden Flüssigkeiten die Gährung erzeugt wird (s. Laeollarom^osZ). Mau unterscheidet: 1. die am Boden sich absetzende Unter-H.; sie entsteht bei Gährung der bayerischen und sonstigen schweren Biere, des Weines rc. 2. Die au der Oberfläche schwimmende Ober-H. bildet sich bei der Gährung gewisser leichter Biere (ober- gährige Biere), ferner mit Unter-H. gemischt bei der Branntweingährung. Im Sauerteige findet sie sich mit Milchsäure.H. (d. h. Hefeuzellen, welche bei ihrem LebenSproceß Milchsäure abscheiden) zusammen vor. Die zum Backen benutzte H. (Bärme) ist gleichfalls Ober-H. Die Erzeugung der H. für letzteren Zweck (Pfund- od. Preß- H.) bildet in neuerer Zeit einen eigenen Fabrikationszweig. Man maischt 3 Th. Roggen- mit 1 Th. Gerstenschrot ein, setzt, um zu kühlen, dünne Schlempe zu u. fügt zur Mischung 0„ des Schrots an kohlensaurem Natron u. darauf 0,gs Schwefelsäure, die zuvor mit Wasser verdünnt wird. Dann erst bringt man die Masse durch Hesenzusatz in Gährung. Mit einem Schaumlöffel schöpft man die sich reichlich bildende H. ab, schlägt sie durch ein Sieb u. gießt das durchgegangene in kaltes Wasser, wo sich die H. zu Boden setzt. Das Abgesetzte wird durch Pressen, Centrifugeu oder auf Thon- oder Gipsplatten theilweise entwässert u. mit 4—1V zuw. 24 "/<> Kartoffelmehl versetzt. Auf 100 ÜA Schrot erhält mau 15—16 KZ; fertiges Product. Die von der H. befreite Maische liefert noch Spiritus u. eine nährstoffreiche Schlempe. Kunst-H. nennt man die zum Ansetzen neuer Bottiche nöthige H. Es ist entweder ähnlich dem Sauerteige eine aus einem in voller Gährung befindlichen Bottiche genommene oder ähnlich wie Preß-H. angesetzte Probe. Jmigck. Hefele, Joseph, katholischer Bischof und Kirchenhistoriker, geb. 16. März 1809 zu Unter- kocheu in Württemberg, studirte in Tübingen, wurde 1835 daselbst Docent und 1840 Professor an der katholisch-theologischen Facultät; 1842 als Abgeordneter in die württembergische zweite Kammer gewählt, unterstützte er u. a. die bischöfliche Motion für die Autonomie der Katholischen Kirche. Während LeS Vatikanischen Concils 1870 — Heffter. zum Bischof der Diöcese Nottenburg erhoben, griff er energisch in dessen Verhandlungen über die päpstliche Unfehlbarkeit 1870 ein durch seine Schrift: Lauoa. Rouorii papas, Neapel 1870, deutsch, Tüb. 1870. Aber die deßfalls von Manchem auf ihn gesetzten weit gehenden Hoffnungen wurden getäuscht durch seine offen erklärte Unterwerfung unter das Jnfallibilitätsdogma 1872. Doch darf nicht verkannt werden, daß cs zum Theil auch sein Verdienst ist, wenn der konfessionelle Friede in Württemberg bis jetzt leidlich erhalten ward. Er schr: Geschichte derEinführung des Christenthums im südwestlichen Deutschland, Tüb. 1837; Das Sendschreiben des Apostels Barnabas, übersetzt u. erläutert, ebd. 1840; Kritische Beleuchtung der Wes- senbergschen Schrift über die großen Kirchenversammlungen, ebd. 1841; Cardinal Limenes, 1844, 2. Aufl. 1851; Conciliengeschichte, 7 Bde., 1. A. 1856—74, 2. Aufl., Freib. seit 1873; Beiträge zur Kirchengeschichte, Archäologie und Liturgik, 2 Bde., Tüb. 1864; gab die Werke der karrss j apostolioi heraus, ebd. 1839. LSsslsr.» Hefepilze, s. Laoodarom/oss. Heffter, 1) Moritz Wilhelm, Philolog und Historiker, geb. 1795 zu Schweinitz bei Torgau, wurde erst Lehrer am Torgauer Gymnasium, ! dann 1831 Prorector am Gymnasium zu Bran- denburg, 1839 Professor u. st. das. 8. Juli 1873. Schriften: Die Götterdienste auf Rhodos, Zerbst 1827—33, 3 Hefte; Geschichte der Stadt Brandenburg, Potsdam 1840; Die Mythologie der Griechen u. Römer, ebd. 1845, 2. Aufl. 1848; Der Weltkampf der Slaven und Deutschen seit Ende des 5. Jahrh., Hamb, und Gotha 1847; Geschichte des Klosters Lehnin, Brandend. 1851; Geschichte der lateinischen Sprache, ebd. 1852; Zusätze zur Geschichte der lateinischen Sprache, ! 1855. 2) August Wilhelm, deutscher Rechts- ! lehrer u. preuß. Kronsyndicus, Bruder des Vor., geb. 30. April 1796 zu Schweinitz bei Torgau, studirte in Leipzig, wurde 1820 Assessor bei dem neuerrichteten Appellationsgerichte in Köln, dann Landgerichtsrath in Düsseldorf, von wo er infolge seiner Schrift: Athenäische Gerichtsverfassung, Köln 1822 , nach Bonn an die Universität 1823 berufen wurde. Hier lehrte er in den Gebieten des Staats- u. Kirchenrechts, Straf- u. Proceßrechts 6 Jahre, dann 3 Jahre in Halle u. endlich seit 1833 in Berlin, wo er 1837 noch Ordinarius des Spruchcollegiums, dann unter Beibehaltung der Professur Geh. Obertribunals- ^ rath u. endlich Kronsyndicus wurde. 1849—52 Mitglied der Ersten Preuß. Kammer, trat H. ganz bes. in der Pairiefrage für Errichtung des Herrenhauses eingreifend hervor, dessen Mitglied er 1861 ward. Schriften: Institutionen des Röm. u. Deutschen Civilprocesses, Bonn 1825,' 2. Aufl. 1843; Beuräge zum Deutschen Staats- u. Fürstenrecht, Berlin 1829; Lehrbuch des gemeinen Deutschen Strafrechts, 6. Aufl., Braunschweig 1857; Das Europäische Völkerrecht der Gegenwart, Berl. 1844, 6. Aufl. 1873, nach der 3. Aufl. ins Französ. übersetzt, Berl. 1857, in 3. A. 1873; Die Erbfolgerechte der Mantelkinder, Kinder ' aus Gewissensehen rc., Berl. 1836; Die Sonder« ^ rechte der souveränen u. der mediatisirten Häuser 115 Hefner - Deutschlands, Berl. 1871; verschiedene kleinere publicistische Schriften, zmnTheil anonym auch 6aü instütnijonnm oommsntarius IV., Berlin 1830. An der Redaction des Neuen Archivs des Criminal- rechts betheiligt, hat er für dasselbe, wie für das Archiv für civilistische Praxis verschiedene Abhandlungen geschrieben. Lagai. Hefner, 1) Johann Joseph v., Philolog u. Schriftsteller über Archäologie, geb. S. Febr. 1799 zu Augsburg, studirte in München, wurde 1825 daselbst Studienlehrer; 1840 Professor des Wilhelmsgymnasiums in München; 1844 Assistent des Antiquariums und st. 16. Sept. 1862. Er war der erste Gründer der Kleinkinderbewahranstalten in Bayern. Außer mehreren Schulbüchern für Gymnasien schrieb er: Leistungen des Bene- dictinerstiftes Tegernsee für Kunst u. Wissenschaft, 1839; Römisch-bayerische urschriftliche u. plastische Denkmäler; Ueber die Alterthümer aus dem Grabfelde von Nordendorf; Das römische Bayern in seinen Schrift- u. Bildmalen, Münch., 3. A. 1852. 8) Otto Titan v., hervorragender Heraldiker, geb. 18. Jan. 1827 zu München, wo er Philosophie, Bautechnik u. Rechtswissenschaften studirte; reiste 1849 nach NAmerika u. gründete 1861 in München ein heraldisches Institut, mit welchem ein Verlag und eine lithographische Anstalt verbunden war, aus welcher mehrere Prachtfarbendruckwerke hervorgingen; st. 12. Jan. 1870. Er veröffentlichte: Anfangsgründe der Wappenkunst, Münch. 1843; Die Siegel u. Wappen der Münchener Geschlechter, ebd. 1850; Originalbilder aus der Vorzeit Münchens, ebd. 1852; Geschichte der Regierung Herzog Albrechts IV. von Bayern (Preisschrift), ebd. 1852; Chronik von Rosenheim, Rosenh. 1860; Handbuch der Heraldik, Münch. 1861—63, 2 Thle; Die Wappen der Städte u. Märkte des Königreichs Bayern, ebend. 1862; Heraldisches Originalmusterbuch für Künstler, Bauleute u. Siegelstecher, 48 Tafeln mit erklärendem Text, ebd. 1862—64, 9 Lief.; Organ für bayerische Geschichte, Kunst und Literatur, ebd. 1864; Denkwürdiger», nützlicher bayerischerAntiquarius, ebd. 1866 ff., 2 Bde.; Altbayerische Heraldik, ebd. 1869; dann Wappenbücher des Hannöverschen, Braunschweigschen, Galizischen Adels; H. veranstaltete auch eine neue Ausgabe von Siebmachers Wappenbuch, Nürnb. 1854—61, und gab Heraldische Bilderbogen, München 1861 — 63, 2 Bde., heraus. Hefncr-Alteneck, Jakob Heinrich v., be- kannter Kunst- u. Culturhistoriker u. Director des Bayer. Nationalmuseums zu München; geb. zu Aschaffenburg 1811, ward H.. der, nachdem er schon in früher Jugend den rechten Arm eingebüßt, gleichwol sich zum tüchtigen Zeichner aüs- gebildet haue, erst Conservator der vereinigten Sammlungen in München, dann Mitglied der Bayer. Akademie der Wissenschaften, Conservator des Königl. Handzeichnungs- u. Kupferstichcabinets u. 1868 Director des Bayer. Nationalmuseums und Conservator der Kunstdenkmäler des Königreiches Bayern. Werke: Trachten des christl. Mittelalters nach gleichzeitigen Kunstdenkmalen, 3 Abth. mit 366 Tfln. (1840—54); Kunstwerke und Ge- räthschasten des Mittelalters und der Renaissance - Hcg-l. mit 180 Tfln. (1848—60); in Gemeinschaft mit C. Becker: Die Burg Tannenberg u. ihre Ausgrabungen (1850); gemeinsam mit F. W. Wolf: Hans Burgkmaiers Turnierbuch (1854—1856); Eisenwerke od. Ornamente der Schmiedekunst des Mittelalters u. der Renaissance (1861—70); Die Kunstkammer des Fürsten Karl Anton v. Hohen- zollern-Sigmaringen (1866—73, 8 Thle.). Nicht edirt: Das Geschlechtsbuch der freiherrl. Familie von Fechenbach-Lauienbach (1848—49). Fast alle Zeichnungen zu seinen sämmtlichen Werken sind von H-s eigener Hand. Ein hohes Verdienst erwarb sich H. durch die Neuordnung des Bayer. Nationalmuseums. R-Wet. Hegau, fruchtbarer Gau im südlichen The'ile Schwaben zwischen dem Bodensee, dem Rhein, der Donau und den Alpen, war schon im 9. Jahrh. reich an Burgen, bildete später mit einigen benachbarten Gebieten den gleichnam. Kanton der freien Reichsritterschaft mit Kanzlei zu Radolfs- zell u. gehört jetzt größtentheils zu Baden. Hege (Gehege, Schonung), junger Holzbestand in den ersten Jahren, während deren das Betreten desselben durch Unberufene meist verboten ist und die unerlaubte Ausübung von Viehweide, Streunutzung rc. bes. streng bestraft wird, weil dadurch sein Gedeihen beeinträchtigt werden würde. Die H-n werden deßhalb in der Regel mit Graben umgeben od. in sonstiger Weise (durch Hegwische u. dgl.) als solche bezeichnet. Wimmenauer I,. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, berühmter deutscher Philosoph, geb. 27. Aug. 1770 in Stuttgart, studirte im Theologischen Stift zu Tübingen Theologie, Philosophie, Mathematik u. Physik, war erst Hauslehrer in der Schweiz und Frankfurt a. M., wurde 1801 Privatdocent in Jena, wo er mit Schelling das Kritische Journal der Philosophie, Tüb. 1802 f., 2 Bde., herausgab; 1805 zum Professor der Philosophie ernannt, verließ er 1807 Jena u. ging als Redacteur einer Zen- ung nach Bamberg, wurde 1808 Professor der Phi- losophischen Vorbereitungswissenschaften u. Rector des Gymnasiums in Nürnberg, 1816 Professor der Philosophie in Heidelberg u. 1818 an Fichtes Stelle in Berlin, wo er 14. Nov. 1831 an der Cholera starb. Er schr.: Do orbibia xlanotarum, Jena 1801; Differenz des Fichteschen u. Schell- ingschen Systems, ebd. 1801; System der Wissenschaft, 1. Th. die Phänomenologie des Geistes, Bamb. 1801; Wissenschaft der Logik, Nürnberg 1812—16, 2 Bde.; Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, Heidelb. 1817, 3. Ausl. 1831, neu herausgeg. von Kirchmann, Berl. 1870; Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berl. 1821. Nach seinem Tode wurden herausgeg.: Die Philosophie der Religion, von Marheinecke, ebd. 1832, 2 Bde.; Ästhetik, vonHolho, ebd. 1835—38, 3 Bde.; Philosophie der Geschichte, von Gans, ebd. 1837; Geschichte der Philosophie, von Michelet, ebd. 1833—36, 3 Bde.; Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften, von Henning, ebd. 1840, 1. Bd.; Grundlinien zur Philosophie des Rechts, von Gans, ebd. 1833. Vollständige Ausgabe der Werke durch einen Verein von Freunden: PH. Marheinecke, I. Schulze, E. Gans, L. von Henning, H. Hotho, K. Michelet, L. Boumauu, 8 * 116 ! Hegel. F. Förster, cbd. 1832—1840, 18 Bde., wovon einzelne Bände in neuen Auflagen erschienen sind. System der H-schcn Philosophie. H. philosophirte anfangs im Geiste Schellings, doch entfernte er sich nach seinem Weggang von Jena von demselben und verwarf namentlich die intellektuelle Anschauung als Organ für das Absolute. Das absolute Wissen und die absolute Wahrheit findet H. in der Idee der Einheit des Subjectiven (Idealen) u. Objektiven (Realen). Das Absolute ist zuerst reiner stoffloser Gedanke, das dann, indem es zur Natur wird, aus sich heraustritt u. sodann wieder aus dieser Selbstentsremdung als bewußter Geist zu sich zurückkehrt. Auf dieser durchaus willkürlichen Annahme beruht die Ein- theilung des H-schen Systems. Die Philosophie zerfällt nach demselben in 3 Haupttheile: 1) in die Logik, als Wissenschaft der Idee an sich (od. von Gott vor der Erschaffung der Welt); 2) in die Naturphilosophie, als WissenschastderJdeeinihrem Anderssein; 3)indie Philosophie des Geistes, als der Idee, die aus ihrem Anderssein in sich zurückkehrt. Die Logik tritt an die Stelle der Metaphysik oder der Kritik der Vernunft; sie ist spekulative Philosophie und zerfällt in die Lehre vom Sein, d. h. vom reinen unmittelbaren Sein ohne Bestimmung, in die Lehre vom Wesen, d. h. dem näher bestimmten und in den erscheinenden Dingen sich offenbarenden Sein, u. in die Lehre vom Begriff (die eigentliche Logik od. Denklehre), welche den Übergang zur Naturphilosophie bildet. Dieselbe zerfällt in die Lehre von der Materie, die Mechanik (zu welcher auch die des Himmels gehört), die Lehre von der Kraft, Dynamik (Physik, Chemie u. Meteorologie) u. in die Lehre vom Leben, Organik oder Biologie, welche die 3 Naturreiche umfaßt. Die Philosophie des Geistes zerfällt in die Lehren vom subjektiven, objektiven u. absoluten Geist. Der subjektive Geist offenbart sich im einzelnen Menschen (Psychologie), der objektive Geist im Zusammenleben der Menschen, das sich im Rechte, in der Moral und in der sittlichen Gemeinschaft knndgibt, der absolute Geist in der Kunst, Religion u. Wissenschaft. Von der H-schen Philosophie, welche bes. seit H-s Auftreten in Berlin zahlreiche Anhänger, Erklärer u. Beförderer fand, hat man bei aller Anerkennung der Originalität, des Scharf- u. Tiefsinns ihres Schöpfers, im Allgemeinen geurtheilt, daß sie überhaupt eine Philosophie von keinem besonderen u. bestimmten Princip sei, auch nicht sein wolle, daß in ihr Alles auf die Methode, welche hier die Dialektik ist, ankomme, daß die Übergänge zu schnell u. kühn herbeigeführt wären, als daß sie überzeugend sein könnten, daß bei ihrem Resultate, dem Begriffe, als dem Einen u. Allen, dem Weltschöpfer u. Vollender, u. da sie bes. praktische Freiheit, Unsterblichkeit u. persönlichen Gott nur als kommende n. schwindende Momente anerkenne, durchaus kalt u. theilnahmslos gegen sie lassen müsse u. daß ihre harte, abstruse Sprache ihr Verstehen erschwere, ja fast unmöglich mache. Dagegen haben Meister und Schule (H-sche Schule, H-ianer) ihre Ansicht geradezu für die wahre Philosophie u. (weil sie all- früheren Systeme als Momente der philosophischen Wahrheit in sich enthalte) für den Ausdruck, für die- endlichen Versetzungen aller spekulativen Gegensätze ausgegeben, u. sie haben es an Nichts fehlen lassen, derselben mögliche Verbreitung zu verschaffen (Magerbearbeitetesie sogarfürDamen, Berl.1837). Die Verständlichkeit anlangend, so sagen die H- iauer, daß das Nichtverstehen nicht Schuld des Systems sei, sondern der Grund davon liege darin, daß die Anderen (so pflegte man die außerhalb- der Schule Stehenden zu bezeichnen) sich nicht von ihrem gemeinen Standpunkt zu erheben vermöchten, und gleichwol hat H. selbst vor feinem Tode geäußert, daß ihn von allen seinen Schülern nur Einer verstanden u. auch dieser noch mißverstanden habe. Einer ihrer praktischen u. populären Sätze war: Was vernünftig ist, ist wirklich; was wirklich ist, ist vernünftig. Nach H-s Tode zerfiel seine Schule innerlich und erfuhr äußerlich von Staats wegen mehrere Maßregelungen; denn iw Preußen wurde seit 1840, aus Besorgniß für das Positive des Christenthums, ja für die Religion überhaupt, der H-schen Philosophie u. ihren Anhängern die öffentliche Gunst entzogen, die theologischen u. philosophischen Lehrer von ihrer äußersten Linken, wie Br. Bauer in Bonn u. Nauwerk in Berlin, von akademischen Lehrstühlen entfernt u. Schilling, welcher nach dem Abfalle H-s von ihm sein lange stiller Gegner u. nach seinem Tode sein öffentlicher Tadler war, nach Berlin gerufen. Schon Leo in Halle, früher Anhänger H-s, klagte die H- ianer 1838 in einem Streite mit Rüge an, daß sie die Persönlichkeit Gottes u. eine persönliche Fortdauer des Menschen nach dem Tode leugneten, die Persönlichkeit Christi in eine religiöse Idee auflösten und das Evangelium für eine Mythe ausgäben. Auch von Anderen war die Theologie H-s angegriffen u. als pautheistisch u. unchristlich bezeichnet worden; namentlich wegen der Sätze, daß nur Gott sei, insofern er sich selber wisse, sein Sichwissen, Gott aber sei sein Selbstbewußtsein im Menschen u. das Wissen des Menschen von Gott, welches sortgehe znm Sichwissen des Menschen in Gott; u. daß Unsterblichkeit nur dem allgemeinen Geiste, nicht aber dem Individuum zukomme. Die Spaltung in die Schule kam mit Dav. Strauß, welcher mit der Mythisirung der Evangelien in seinem Leben Jesu an die Stelle des historischen Christus einen bloß idealen Christus setzen u. den Glauben an die wirkliche Realistrung der Idee in Christo als Gottmenschen durch die Idee einer nicht abgeschlossenen, sondern fortgehenden, in mehreren Individuen sich erzeugenden Menschwerdung Gottes ersetzen wollte, und seit seinem Erscheinen auf dem Felde der Kritik u. wissenschaftlichen Erörterung bildete sich im Gegensatz zu den A l t h e g e l- ia nern, welche in H-s Weise die Wissenschaft mit den Formen des Staats u. der Religion zu versöhnen suchten, wie Hinrichs, Gabler, Göschel, Weiße, Schalter, Hotho, Conradi, Marheinecke, Rosenkranz, ja einzeln im Positiven selbst noch weiter gingen, und deren Organ die Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik waren, die Partei der Junghegelianer. Strauß classificirte die H- ianer selbst so, daß er die Alt-H-ianer die rechte Seite nannte bis auf Rosenkranz, welchen er ins Centrum stellte, wogegen er die Junghegelianer, A 117 Hegemonie - Michelet, Vatke (der dieselbe Operation mit den Büchern des A. T. vornahm, wie Strauß mit denen des N. T.), Gans u. A. der linken Seite zutheilte, in den Elfteren jedoch »och eine Hinneigung zum Centrum anerkannte. Die Junghegelia- ner drangen auf conseqnenteste Durchführung der H-schen Philosophie des Geistes (denn von dieser Seite der Schule wurde sowol die Logik, als auch die Naturphilosophie gar nicht weiter geachtet) u. bes. die auf der äußersten Linken kamen mit dem Negiren des Positiven des Christenthums, ja mit dem Negiren aller Religion, wie namentlich Ludwig Feuerbach und seiner Zeit Bruno Bauer, auf die Spitze hinaus. Die Junghegelianer, bes. Koppen, Echtermayer, Rüge u. Feuerbach, brachten den Hegelianismus auch auf das Gebiet der Politik, wo sie als Revolutionäre galten; ihr Organ waren die Halleschen (später Deutschen) Jahrbücher, worin gegen den bestehenden Staat u. die Religion gesprochen wurde. Diese Jahrbücher, die sich «ach der Exilirung aus Preußen nach dem Königreiche Sachsen übergesiedelt hatten, wurden auch hier anfangs unterdrückt. Auf die Werke der Schönen Literatur blieb diese Philosophie auch nicht ohne Einfluß, und namentlich wurde dem Jungen Deutschland eine Hinneigung zum Hegelianismus schuldgegeben. Im Auslande fand die H-sche Philosophie bes. Anhänger in Dänemark an Heiberg, in Schweden an Snellmann. Tengström, -Bring; in Frankreich an Bbnard, Provost u. A., in England an Stirling, in Italien an A. Vera, Raffaele Mariano u. A. Vgl. Göschel, Hegel u. seine Zeit, Berk. 1832; K. I. Hofmann, H. in seiner Wahrheit, ebd. 1833; Bachmann, lieber H-s System, Lpz. 1833; Derselbe, Anti-H., Berl. 1835; L. Feuerbach, Kritik des Anti-H., Ansb. 1835; Eschenmayer, Die H-sche Religionsphilosophie, Tüb. 1834; Buhl, H-s Lehre vom Staat u. seine Philosophie der Geschichte, Berl. 1837; Frauenstädt, Die Freiheit des Menschen und, die Persönlichkeit Gottes, ebd. 1838; Schubarth, Über die Unvereinbarkeit der H-schen Staatslehre mit dem obersten Lebens- u. Entwickelungsprincip des prenß. Staats, ebd. 1839; Marheinecke, Einleitung in die öffentlichen Vorlesungen über die Bedeut- ung der H-schen Philosophie in der, christlichen Theologie, ebd. 1842; C. Rosenkranz, Über Schilling u. H., Königsb. 1843; Haym, H. u. seine Zeit, Berl. 1857; ferner die Ausführungen in der Geschichte der Philosophie von Erdmann, Bd. 3, Won Chalybäus in seiner: Entwickelung der specu- lativen Philosophie von Kant bis Hegel, 5. Ausl., Lpz. 1860, u. Michelet in: Geschichte der letzten Systeme der Philosophie in Deutschland, Berlin 1837; Die Feier seines lOOjähr. Geburtstages 1870 rief mehrere Schriften seiner Anhänger od. Gegner hervor, so von Rosenkranz (H. als deutscher Nationalphilosoph), Köstlin (H. in philosophischer, politischer u. nationaler Beziehung), Michelet (H., der unwiderlegte Weltphilosoph), M. Schasler (Populäre Gedanken aus H-s Werken). 2) Karl, deutscher Geschichtforscher, ältester Sohn des Vor., geb. zu Nürnberg 7. Juni 1813, wurde 1841 Prosessor der Geschichte zu Rostock u. 1856 zu Erlangen. Sein bedeutendstes Werk ist: Gesch. der Städteversassung in Italien, Lpz. 1347,2 Bde.; - Hegesippus. seit 1862 ist er bei der von der Münchener Commission unternommenen Herausgabe der deutschen Städtechroniken beschäftigt, und gab bis 1876 heraus: Die Chronik von Nürnberg (5 Bde.) u. die von Straßburg (2 Bde.). In Dino Compagni (s. d.) Versuch einer Rettung, Lpz. 1875, weist er die Echtheit der Chronik Dinos gegen Scheffer- Boichorst nach. 1 > Specht.* 2) Henne-Am Rhyn. Hegemonie (v. Gr.), Führerschaft, Principat, den in Griechenland ein Staat über die übrigen ausübte, wie mit den Perserkriegen Sparta, nach diesen Athen, seit dem Peloponnesischen Kriege Sparta, seit der Schlacht bei Leuktra Theben ü. seit der Schlacht bei Chäronea Makedonien, welcher letzterer Staat die H. in eine völlige Oberherrschaft verwandelte. Vgl. Manso, lieber den Begriff «.Umfang der griechischenH., Berl. 1804; Groen van Prinsterer, Über die griechische H., Leyden 1820. Hegergut, in Niedersachsen ein Bauerngut, dessen Besitzer (Hegermann) an den Grundherren (Hegerherren,Hegerjunker) gewisseDienste zu leisten, Zehenten u. Erbzins zu entrichten hatte. Diese Güter standen unter einem Hegergericht, welches nach dem Hegerrecht entschied. Hegerhufe, in Niedersachsen eine Hufe, welche 60 Morgen oder 4 Hakenhufen, oder 2 Land- oder Dorfhufen hält. Hegermühle, Dorf, so v. w. Heegermühle. - Hegesander, Grieche aus Delphi, wahrscheinlich im 2. Jahrh. v. Chr.; schr.: eine Art Encyklopädie, welche von Athenäos viel benutzt worden ist. Hegesras, 1) H., vielleicht aus Kyrene, lebte im 3. Jahrh. v. Chr., war Schüler des Paräbates u. in Alexandria Lehrer der Philosophie; er hielt die Lust für das höchste Gut, aber da er vollkommene Lust für unerreichbar erkannt hatte, so folgerte er daraus die Werthlosigkeit des Lebens u. den Vorzug des Todes (daher sein Beiname Peisithanathos, d. i. den Tod rathend). 2) H. ans Magnesia, griech. Redner und Historiker, um 300 v. Chr., Verfasser einer Geschichte Alexanders d. Gr., zeigt als Redner wie als Geschichtschreiber den beginnenden Verfall des Geschmacks u. der Wissenschaft. 3) H., Erzgießer aus Athen, wahrscheinlich um die Mitte des 5. Jahrh. v. Chr. Von ihm standen in Rom vor dem Tempel des Jupiter Tonans die Kolosse Kastor und Pollux von Erz. Hertzberg.- Hegcsilöchos, Rhodier, errichtete 356 v. Chr. nach dem Sturze der Demokratie, unterstützt vom König Mansolos von Karten, mit seinen Freunden eine Oligarchie auf Rhodus, die mit seinem Tode wieder erlosch. Hegesippus, H., griechischer Redner, der mit Demosthenes den Kampf gegen Philipp von Makedonien führte, u. Len Timarchos gegen ÄschineS vertheidigte. Er ist, wie Bömel bewies, der Verfasser der früher dem Demosthenes ^geschriebenen Rede Os Oaioimsso. Hegesippus, vielleicht aus Josephus verdorben, der 'Name, unter welchem die dem 4. Jahrh. n. Chr. entstammende lateinische Übersetzung u. Bearbeitung der Geschichte des jüdischen Krieges des Jo- sephns erschien. 118 Hcgcwisch Hegewisch, 1) Dietr. Herm., deutscher Ge- schichtforscher, geb. IS. Febr. 1740 in Quacken- brück; stndirte in Göttingen Theologie, dann bes. Geschichte und deren Hilfswissenschaften, war erst Privatlehrer in Hamburg, darauf dän. Legations- secretär daselbst, seit 1782 aber Professor der Geschichte in Kiel u. starb, seit 1805 Etatsrath, 4. April 1812. Er schr.: Geschichte Kaiser Karls des Großen, Lpz. 1772, 3. Aust., Hamb. 1818; Geschichte der fränkischen Monarchie, ebd. 1779; Gesch. der Deutschen von Konrad I. bis Heinrich II., ebd. 1781; Gesch. der Negierung Kaiser Maximilians I., ebd. 1782 f., 2 Bde., 2. Aust. 1818; Historisch-philosophische und literarische Schriften, ebd. 1793. 2 Bde., u. m. a. 2 ) Franz Hermann, Publicist, Sohn des Vor., geb. 13. Nov. 1783 in Kiel; wurde 1809 Professor der Medicin daselbst; er nahm stets regen Antheil an den politischen Fragen und Bewegungen seines Vaterlandes u. gehörte der Reformpartei an. Er schr.: Einige entferntere Gründe für ständische Verfassung, Lpz. 1817; als Franz Baltisch: Politische Freiheit, ebd. 1832; Eigenthnm n. Vielkinderei, Kiel 1846. Er. st. 27. Mai 1865. Henne-Am Rhyn. Hegezeit (Schonzeit), Zeit, während welcher die Jagd auf die eine oder andere Wildart verboten ist; sie fällt gewöhnlich mit der Zeit zusammen, wo das weibliche Wild trächtig ist und setzt, u. dauert z. B. in Preußen für Rehe von Mitte December bis Mitte October, für Hasen n. a. von Anfang Februar bis Ende August, für Hirsche u. Rehböcke dagegen nur von Anfang März bis Ende Juni resp. April. Wimmenimer i,. Heggen, Dorf im Kreise Olpe des prcnß. Reg.- Bez. Arnsberg; dabei die Wilhelmshöhle, ein 9 bis 10 m hohes Labyrinth von Gängen, Grotten u. Hallen mit Stalaktiten u. zahlreichen fossilen Knochen. Hegi, Franz, tüchtiger Schweizerischer Kupferstecher, geb. zu Zürich 1774, arbeitete 1796 bis 1802 in Basel für den P. Birrmannschcn Verlag u. lebte von da wieder in Zürich, wo er 1850 starb. Werke: Meist Landschaften in Aquatinta- Manier n. 12 colorirte Blätter aus dem Leben eines Ritters, bei denen ihm seine genaue Kennt- niß des Mittelalters trefflich zu statten kam. Regnet. Hegira (Chronol.), so v. w. Hedschra. Hegius, Alexander v., f. Heck. Hegnenberg-Dux, gräfliches Geschlecht, welches vom Herzog Wilhelm IV. (I.) von Bayern und dem Frcifräulein Margarethe v. Hansen abstam- mend, 1542 in den Ritter-u. 1790 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde und die Herrschaften Hof- und Alt-Hegnenberg in Oberbayern besitzt. Graf Friedrich, einziger Sohn des 1835 verstorbenen Grafen Georg, geb. 2. Sept. 1810 aus dem Stammschlosse Hegnenberg, stndirte erst Medicin, widmete sich aber dann der Landwirthschaft u. folgte 1835 seinem Vater im Besitz der Herrschaft Hof-Hcgnenberg, war 1845—65 Mitglied der zweiten bayer. Kammer n. lange deren Präsident, sowie erster Präsident des Verwaltungsraths der bayer. Vercinsbank. Seiner politischen Richtung nach gehörte er zu den Föderalisten im großdent- schen Sinne, dann zu den Reichsfreundlichen ohne Einheitlichkeit. Dieser Richtung blieb er auch treu, — Hcher. als er im Aug. 1871, nachdem er bislang jedes Staatsamt, selbst den Eintritt in den Rcichsrath, abgelehnt, auf bes. Andringen der Nachfolger des Grafen Bray als Ministerpräsident mit dem Portefeuille des königlichen Hauses u. der äußeren Angelegenheiten wurde. Er st. 2. Juni 1872. L. Hegner, Ulrich, schweiz. Schriftsteller, geb. 1759 in Winterthur; stndirte in Straßburg Me- dicin, wurde dann Landschreiber in der Grafschaft Kyburg, 1798 Appellationsrath zu Zürich, 1805 zu Winterthur, 1812 Regierungsmitglied in Zürich, ging aber bald wieder nach Winterthur zurück, lebte dort bloß für literarische Beschäftigungen u. st. 3. Jan. 1840. Er schr.: Auch ich war in Paris, Winterth. 1804, 3 Bde.; Die Molkenkur, Zür. 1812, n. A. ebd. 1827, 3 Thle.; Salys Revolntionstage, Winterth. 1814; Berg-, Land- n. Seereisen, Zür. 1818; Suschens Hochzeit, ebd. 1819, 2 Bde. (Fortsetzung der Molkenkur); Leben Hans Holbeins des Jüngeren, Berlin 1828, u. a. m. Gesammelte Schriften, Berlin 1828, 5 Bde. Hemie-Am Rhyn.* Hegumenos (gr., neugr. Jgumen), sn griech. Klöstern so v. w. Abt, u. Hegumene, Abtissin. Hegyallya, Gebirgszug im Ungar. Comitat Zemplin, erstreckt sich zwischen der Tarcza u. dem Hernad im W. u. dem Bodrog u. der Topla im O. von oberhalb Eperies 52 km weit nach S. bis Tokay u. besteht ganz aus trachytischem Gestein. Die nördliche Hälfte mit dem 1083 m hohen Simonka heißt Sovari- oder Salzburger Gebirge, die südliche, an deren Südende sich der 508 m hohe Tokayer-Berg erhebt, fpeciell H. (d. i. Fuß des Gebirges) oder Tokäyer Gebirge. Die Höhen dieses südlichen Thriles zeichnen sich durch an- muthige Formen aus, haben eine üppige Vegetation und sind auf beiden Abhängen mit Weinreben bedeckt. In der Bucht zwischen Nagy-Tokay und Säros-Patak wachsen auf dem vulcanischen Boden die Reben, welche den berühmten Tokayer liefern. H- Berns. Hegyes, 1) Dorf im Ungar. Comitat Bäcs; Ackerbau, starke Rindvieh- und Schafzucht; 4432 Ew. Hier 14. Juli 1849 Gefecht zwischen, den ungar. Insurgenten unter Görgey u. den Österreichern unter dem Ban Jellachich, der geschlagen wurde. 2 ) (Kun-H.) Marktflecken im Distr. der Jazygier in Ungarn; 7272 Ew. Hetzer (Oarrnlna LrrW.), Gattung der Familie der Rabenvögel (Lorviclas); Körper mäßig groß und stark, Schnabel gerade, stumpf, vorn etwas gebogen, Gefieder bunt, Flügel kurz, Schwanz lang, gestutzt, leben auf Bäumen, Hüpfen am Boden. Der Eichel-H., Nußhacker, Markolf (0. Alanäarius L.); Spitze des Oberschnabels herabgebogen, mit Kerbe; röthlich - grau, erste Schwingendecken schwarz, weiß u. blau gebändert, in der Richtung des Unterschnabels ein schwarzer Streif, Kopf mit Heller, schwarz bespritzter Federholle. Standvogel von lebhaftem Temperament, ungesellig und scheu, ahmt die Töne verschiedener Vögel nach, ist leicht zähmbar und lernt sprechen. Frecher Nesterplünderer, nährt sich außerdem von Baumfrüchten. Durch Pflanzen von Eicheln für den Winter wird er nützlich. Nester mit 6 bis 9 grüngrauen Eiern. Der Tanneu- oder Nuß» 119 Hehlerei — Heide. H. (6. earz'ooataerss L.) ist braun mit weißen tropfenförmigen Flecken; Schnabel dünn. Schwanz kurz, gerundet. Tannenwälder des Nordens, auch bei uns in höheren Gebirgen. Farwick. Hehlerei, die zum eigenen Vortheil geübte Begünstigung von gegen das Eigenthnm Anderer gerichteten Verbrechen,Entwendungen,Diebstahl,Raub. Die Strafbarkeit richtet sich insgemein zunächst nach der Schwere des Verbrechens, in Bezug auf welches die H. stattsand, daher nach dem Werthe der verhehlten Sachen, sowie darnach, ob dieselben von einem einfachen, qnalificirten Diebstahle, Raube rc. herrührten, u. ob dem Hehler dies bekannt war; sodann aber vorzugsweise darnach, ob die H. gewerbsmäßig betrieben wurde oder nur in einem vereinzelten Falle erfolgte. Die einfache H. war in den deutschen Partikularstrasgesetzen meist mit Gefängniß bestraft, bei gewerbsmäßiger H., sowie Verhehlung geraubter oder auf qualificirte Weise gestohlener Sachen stieg die Strafe bis auf Zuchthaus (nach dem prenß. Strafgesetzbuch bis zu 15 Jahren) an. Mehrere Gesetzbücher verbanden mit diesen Strafen die Stellung des Verurtheilten unter polizeiliche Aufficht. Das Deutsche Reichsstraf- gesetzbnch ging insofern einen eigenthümlichen Weg, als es die Begünstigung überhaupt, also auch dis nicht zum eigenen Vortheil begangene von dem allgemeinen Begriff der Theilnahme gänzlich loszulösen suchte (obwol dies nicht vollständig gelungen ist). Der 21. Abschnitt (im Speciellen Theile des Str.-G.-B.) behandelt nämlich: Begünstigung u. Hehlerei. Als begriffsmäßiger Zweck der Begünstigung wird in s 257 aufgeführt: wissentliche Beistandsleistung bei Verbrechen und Vergehen, um den Thäter oder Theilnehmer der Bestrafung zu entziehen, oder um ihm die Vortheile der strafbaren Handlung zu sichern (Strafe 8—600 II oder Gefängniß von 1 Tag bis 1 Jahr). Die H. (im engeren Sinne) begeht, wer seines Vortheils wegen sich einer Begünstigung schuldig macht. Strafe: Gefängniß von 1 Tag bis 5 Jahren, wenn der Begünstigte einen einfachen Diebstahl oder eine Unterschlagung begangen, Zuchthaus von 1 Jahr bis 5 Jahren, wenn dieser einen schweren Diebstahl oder ein dem Raube gleich zu bestrafendes Verbrechen begangen (Z 258). Als unter die H. im weiteren Sinne fallend, stellt das Reichs-Str.-G.«B. sodann die dem Sächsischen Strafgesetzbuch entnommene Partirerei auf, wenn es sich nämlich um Verheimlichung, Ankauf rc. von Sachen handelt, von denen der sie Annehmende weiß oder den Umständen nach annehmen muß, daß sie mittels einer strafbaren Handlung (also eines anderweiten Verbrechens und Vergehens außerhalb des Diebstahls, Raubes u. der Unterschlagung) erlangt sind. Strafe: Gefängniß von 1 Tag bis 5 Jahren (Z 259). Gewohnheits- n. gewerbsmäßige H. (im weiteren Sinne also Partners! inbegriffen) bedroht H 260 mit Zuchthaus von 1 bis 10 Jahren. Ähnlich streng sind die im ß 261 angedrohten Rücksallsstrafen. Nach 8 262 endlich kann neben der Strafe wegen H. im weiteren Sinne immer auch auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte u. auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden. Vgl. Merkel in Holtzendorffs Handbuch, Bd. 3, S. 735 ff. u. 743 ff. B-zold. Heiberg, 1) Peter Andreas, dän. Dichter u. Pnblicist, geb. 16. Nov. 1758 in Vordingborg in Dänemark; wurde wegen seiner politischen Ansichten 1800 aus Kopenhagen, wo er seit 1788 als Translator gelebt hatte, verwiesen und ging nach Paris; hier war er zur Kaiserzcit beim Ministerium des Auswärtigen angestellt und 10 Jahre lang Mitredacteur der Usvns enozmk. Er wurde 1817 pensionirt u. st. 30. April 1841. Er war seiner Zeit ein beliebter Lustspieldichter; seine Schauspiele gesammelt 1792—1794, 3 Bde., von Rahbeck 1806—19, 4 Bde.; seine zahlreichen zur Piecenliteratur u. polemischen Dichtung gehörenden politischen u. socialen Gelegenheitsschriften, die ihm mehrere Processe u. zuletzt die Landesverweisung zuzogen, brauchen wir nicht einzeln zu erwähnen, einige solche schrieb er im Exil. Vgl. Gyllembourg- Ehrensvärd, Th. Ehr. 2) Johan Ludwig, dän. Dichter u. Kritiker, Sohn des Vor., geb. 14. Decbr. 1791 in Kopenhagen; studirte seit 1809 Medicin, wendete sich aber bald der Literatur zu, lebte 1819—22 in Paris und wurde nach seiner Rückkehr Lehrer der dänischen Sprache in Kiel, 1829 Theaterdichter am königlichen Theater in Kopenhagen, 1830—36 zugleich Lehrer der Logik, Ästhetik und dänischen Literatur an der Militärakademie u. 1849—56 Director des Theaters in Kopenhagen n. darnach Theatercensor bis zu seinem 25. Aug. 1860 daselbst eingetretenen Tode. Er zählt zu den bedeutendsten dänischen Schriftstellern; obschon zur romantischen Schule gehörend, zeichnet er sich doch vor Allem durch Reinheit u. Klarheit der Form, durch Geschmack u. Begrenzung aus. Als Kritiker beherrschte er die Literatur während einer Reihe von Jahren vor u. nach 1830. Er studirte auch Philosophie (war Hegelianer) und Astronomie, trat auch in beiden Richtungen als Schriftsteller auf. Als Dichter trat er ans 1814 mit: ilarionsttkwatsr; seine dramatischen Jugend- Versuche, bes. llulsspöA oA K/taarskoisr, 1817, sind beeinflußt vom Lieckschen Drama, zum Theil auch vom Calderonschen. 1825 führte er das Vaudeville ein (Lon§ Lalomon sto.), womit die neuere dänische Bühnenschanspieldichtung anhebt. Unter seinen romantischen Dramen dürfte Lkvsrüöi, 1828, das vornehmste sein. Später lieferte er Märchenkomödien, unter welchen bes. ^ckksrns, 1835 (nach Tiecks Märchen Die Elsen), zu bemerken. Ln 8M sktsr Lücken, 1841, ist eine apokalyptische Satire in dramatischer Form. H. war auch Lyriker. Von seinen Abhandlungen dürften die über das Vaudeville, 1826, und die Kritiken über Oehlenschläger, in der von ihm herausgegebenen Lsödsntzavns ü/vsnäo kost (1827 — 30), die wichtigsten sein. Gesammelte Schriften erschienen schon 1848 ff.; wieder und vollständig, Kopenh. 1861 — 62 , 11 Bde. poetische u. 11 Bde. prosaische Schriften. Mehreres ist ins Deutsche übersetzt, bes. Ansgewählte dramat. Werke, übers.von Kannegießer, 2 Thle., Lpz. 1841—44. --- Heide, die Pflanzengattungen Lriea. (s. d.) u. Lakluna (s. d.). Heide (Haide),trockenes,unfruchtbares,mitHeide- kraut, auch wol mit kurzem Gesträuch u. einzelnen Waldbäumen bestandenes Land (so die Torgauer, lLüneburger, Rastatter H.). In ihrem Naturzustand? 120 Heide — dient sie nur zur Bienen- und Schafweide mit, Heideschnucken. Die Urbarmachung ist nicht leicht. In der Regel wird der vorher entwässerte H-boden geschält u. gebrannt, oder nur geschält, und mit Mist, Mergel oder Kalk in Haufen gebracht, oder das H-kraut wird angezündet und die gewonnene Asche zur Düngung verwendet. Dieses Abbrennen der H. verursacht den sog. Moorrauch (Höhenrauch). Heide, 1) Kreisstadt im Kreise Norderdithmarschen der preuß. Provinz Schleswig-Holstein, ein schön gebauter Ort; Kreisamt, Amtsgericht, Hauptsteueramt, schöne Kirche; Fabriken für Tabak, Cigarren rc., Reepschlägerei, bedeutende Bierbrauerei, Gerberei, Schuhmacherei, Viehzucht, bedeutende Wochen- u. Pferdemärkte; 1875: 6772 Ew. — H. ist Geburtsort des plattdeutschen Dichters Klaus Grothe. In der Nähe von H. (zur Hölle) sind in den letzten Jahren Petroleumquellcn erbohrt worden. H., seit 1447 Hauptort in Dithmarschen, sah 1524 Heinrich von Zütphen, den ersten luther. Geistlichen des Landes, verbrennen u. 13. Juni 1559 den letzten Kampf der Dithmarschen für ihre Freiheit; 1494 in der Süderhamme (4 lcm östl. von H.) Niederlage u. Tod GerhardsVI. 2) (Alt- u. Neu-H.) 2 Dörfer im Kreise Glatz des preuß. Regbez. Breslau, an der Weistritz; Eisenwerk, Papierfabrik, Kaltwasserheilanstalt; 1100 Ew. H. Berns. Heideck, Stadt im Bezirksamt Neumarkt des bayer. Regbez. Oberpfalz u. Regensburg, an der Oberen Roth; Schloß, Hopfenbau; (1875) 966 Ew. — Südlich davon der Schloßberg mit Ruine u. hübscher Aussicht. Heideck, 1) Johann Freiherr von, diente anfangs unter Kaiser Karl V., nahm aber beim Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges Dienste beim Herzog Ulrich von Württemberg u. ging von da in kursächsische Dienste. Nach der Schlacht bei Mühlberg in die Acht erklärt, warb er in Nieder- sachsen u. in den Hansestädten einige Regimenter, um Magdeburg zu entsetzen, kehrte jedoch zum Kurfürsten Moritz zurück, war eins der bedeutendsten Werkzeuge desselben gegen den Kaiser, und starb 1554 als Amtshauptmann in Eilenburg. 2) Karl Wilhelm, s. Heidegger. Hcideerde, s. u. Gartenerde. Heidegewächse, die Fam. der Orioaesag. Heidegger, 1) Johann Heinrich, schweizer, reformirter Theolog, geb. 1. Juli 1633 in Bärent- schweil im Kanton Zürich; studirte in Zürich, Marburg und Heidelberg, wurde erst Professor des Hebräischen in Heidelberg, 1659 Professor der Theologie am Gymnasium in Steinfurt, 1665 Professor der Moral in Zürich u. 1667 der Theologie, u. starb 15. Jan. 1698. Obwol Verfasser des Oonssnsus üslvstions, vertheidigte er doch das Recht der freieren, cartesianischen Theologie Hollands. Ein scharfer Polemiker gegen die Röm. Kirche, war er gegenüber der Lutherischen Kirche irenisch, fast unionistisch gesinnt. Er schrieb gegen den Papst u. die kathol. Kirche, das Tridentiner Concil rc., dann Os oonosptäons 8. virZinis Marias; als Nicander v. Hohenegg: Oist. paxa- tns, Amst. 1684, n. Ausl. Franks. 1698; Oorpns tdsolozias, yerauSgeg. von Schweizer, 1700, 2 Bde.; Ltüisas otirist. elsmsnta, Franks. 1711; - Heidel. l Selbstbiographie (Zrsviarinm vitas OsiäsMsri), Zür. 1698. 2) Karl Wilhelm von Heideck, gen. H., bayer. Generallieutenant, berühmt als Schlachten- u. Genremaler, u. dann auch Philhellene, geb. 1788 in Saaralben in Lothringen, Sohn eines Schweizeroffiziers in französ. Kriegsdiensten, erlernte die Anfangsgründe der Kunst an der Züricher Kunstschule, ging 1799 mit seiner Mutter nach Zweibrücken, trat 1801 in die Militärakademie zu München und setzte hier zugleich seine Kunststudien fort, ward 1805 Artillerielieutenant, machte die Feldzüge von 1805, 1806 u. 1809 mit, diente 1810—13 als Hauptmann in Spanien u. kämpfte, zurückgekehrt, in der Schlacht von Hanau. 1814 ging er als Major mit dem Kronprinzen von Bayern nach London, von da nach Wien zum Congreß und nach dem Feldzuge von 1815 als Mitglied der Grenzberichtigungscommission zwischen Bayern u. Österreich nach Salzburg. Während dieser Zeit bildete er sich zum vollkommenen Ichlachten- und Genremaler aus; doch fing er erst 1816 die Ölmalerei zu erlernen an, vollendete aber bis 1825 bereits 67 größere und kleinere Stafseleigsmälde. 1826 ging er als Obristlieutenant nach Griechenland, nahm an dem Kampfe gegen die Türken theil u. erhielt von den Griechen selbst das Ober- commando über mehrere Städte u. Inseln. Indessen mußte er gesundheitswegen 1829 Griechenland verlassen u. kehrte 1830 nach München zurück, wo er sich an der Ausführung der Fresken in der Glyptothek nach Cornelius betheiligte, ging aber 1832 als Generalmajor und Mitglied der Regentschaft wieder nach Griechenland, wo er sich um die Organisation des Staates, bes. aber des Armeeweseus, in hohem Grade verdient machte. ^ 1835 verließ er Griechenland auf immer u. lebte ^ einige Zeit in München fast ausschließlich der Kunst. 1844 wurde er in den Freiherrnstand erhoben, später zum Generallieutenant befördert, war seit 1850 zugleich Referent im Kriegsmini- ! sterium, u. st. 21. Febr. 1861 zu München. H. ! besaß als Maler eine lebendige Darstellungsgabe, ohne je zu übertreiben; seine Zeichnung ist correct u. leicht, nur sein Colorit zuweilen etwas trocken und bunt. Die Gegenstände, die er sich wählte, ^ waren Erlebnisse und höchst mannigfaltig. Die meisten seiner Bilder befinden sich in den königl. Sammlungen in München. Auch als Radirer u. Lithograph leisteteH.Rühmliches. 0 Löffler. 2 )Regnet.» Heidegriltze, Grütze aus den mehlhaltigen Körnern des Buchweizens (Heidekorn) gefertigt, welche in vielen Gegenden, bes. Norddeutschland, Rußland, Polen rc., als solche u. zu verschiedenen anderen Speisen zubereitet viel Verwendung findet. Heidekrug, so v. w. Heydekrug. Heidel, Hermann, Bildhauer, geb. zu Bonn 20. Febr. 1810, starb auf einer Reise zu Stuttgart 29. Sept. 1865; war bis 1835 Mediciner, kam dann in Schwanthalers Schule nach München, arbeitete von 1839—42 in Rom, um dort nachzuholen, was er in München an reinerem Ver- ständniß der Form nicht hatte lernen können, ging 1843 nach Berlin, blieb aber dort ziemlich fremd. Werke: Luther-Relief (noch in Schwanthalers Geist); Compositionen zu Goethes Iphigenie (Kupferstich von Sagert); Statue Iphigenies im Orangerie- ! Heidelbeeren — Heidelberg. 121 Haus zu Sanssouci; Ödipus u. Antigone; Standbild Handels in Halle; Entwurf zu einem Arndt- Denkmal; zahlreiche Entwürfe für die Kunstindustrie, darunter schöne Lampenschirme. Später Entwürfe und Reliefs zum Anakreon und zur Odyssee; Relief: Iphigenie gibt sich Orest zu erkennen. Regnet. Heidelbeeren (Baooas mzcrtillorum), erbsengroße, blaurothe, bläulich bereiste, selten ganz weiße süßsäuerliche Beeren des Heidelbeerstrauches, Vs-o etnium m^rtillus 1-., eines kleinen, in Nord- u. Mitteleuropa in schattigen Wäldern sehr verbreiteten Strauches, der, wo er einmal mit seiner kriechenden Wurzel sich verbreitet hat, den Boden so bedeckt, daß weder Sonne noch Regen ein- dringen u., außer Moos, in das selbst die Wurzeln sich einsenken, keine andere Pflanze aufkommen kann. Die Blätter sind eiförmig, fein gesägt, abgerundet oder kurz gespitzt, mit gestielter Drüse an den Sägezähuen. Die Blüthen treten im Mai u. Juni in den Blattwinkeln an kurzen Stielen als kugelförmig herabhängeude Glocken von weiß- röthlicher Farbe hervor u. werden von den Bienen sehr geliebt; die Beeren reifen im Juli u. werden mit einem hölzernen Kamm (H-kamm) abgekämmt. Sie werden häufig frisch oder zubereitet gegessen, man färbt den Wein u. Papier damit, gewinnt Branntwein u. Essig aus ihnen, sie wirken arzneikräftig gegen Diarrhöen rc.; Stamm, Zweige u. Blätter enthalten vielen Gerbestoff, Blätter und Beeren werden von vielen Thieren gefressen u. die an der Lust sorgfältig getrockneten jungen Blätter geben einen guten Thee. Engl-r.» Heidelberg, 1) Hauptstadt des 968,4 Lüllm mit 131,586 Ew. umfassenden gleichnamigen badischen Kreises, in einer reizenden Gegend langgestreckt längs dem linken Ufer des Neckar, über den eine 190 m lange, mit den Bildsäulen des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz und der Minerva gezierte Brücke führt; Station der Main- Neckar- u. der Badischen Staatseisenbahnlinien nach Bruchsal u. Würzburg. Südlich von der Stadt erhebt sich der Geisberg u. südöstlich davon der 585 m hohe Königsstuhl, wo 1832 der Grundstein zu dem 30 m hohen Aussichtsthurm gelegt wurde; nördlich auf dem rechten Neckarufer der Heiligenberg mit Klosterruine. Dicht bei der Stadt liegt auf dem Schloßberge (Jettenbllhl), einem 222 m hohen Bergvorsprung des Königsstuhls, die Schloßruine, die großartigste u. schönste in Deutschland. Das ältere, 1531 Lurch den Blitz zerstörte Schloß, von dem nur noch spärliche Überreste vorhanden sind, lag ebenso wie der von dem geächteten Pfalzgrafen Friedrich l. aufgefllhrte, später Sternschanze genannte Trutzkaiser auf dem Geisberge. Der Bau des neuen Schlosses auf dem Jettenbühl begann bereits zu Ende des 13. Jahrh. unter dem Kurfürsten Rudolf I. dem Pfälzer und wurde namentlich unter dem Kurfürsten Ruprecht, dem deutschen Könige, fortgeführt; erweitert wurde das Schloß 1556—59 durch den prächtigen Otto- Heinrichsbau (Baumeister A. Collins aus Mecheln) im besten ital. Stile, den architektonisch schönsten Theil des Ganzen, dem noch 1601—1607 der von des Schlosses ein Viereck mit Eckthürmen: auf der NSeite der dicke Thurm u. der Ruprechtsbau (1400—1410 erbaut), auf der OSeite der Alte Bau (auch Rudolfsbau, mit gothischen Erkern), auf der SSeite der Friedrichsbau, mit Schmuck- und Standbildern pfälzischer Fürsten überladen, auf der WSeite der Otto-Heinrichsbau u. der Ludwigsbau. Nachdem das Schloß von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges fast ganz verschont geblieben war, wurde es 1689 u. 1693 von den Franzosen zum größten Theil zerstört, welche Zerstörung 1764 ein Blitzstrahl vollendete. Seitdem ist es eine vom üppigsten Epheu umsponnene Ruine deren gänzlichen Verfall man zu verhindern bestrebt ist. Besonders sehenswerthe Theile der Ruine sind: das halb in Grün versteckte Elisabethenthor, die 4 schönen Granitsäulen, die aus dem Palaste Karls d. Gr. zu Ingelheim hierher gebracht worden sein sollen, der Lust- od. hängende Garten auf dem überhängenden Gemäuer des jetzt sog. dicken Thurmes, der Schloßgarten mit einer großen Terrasse, von der man eine entzückende Aussicht bis in die Rheinebene u. in den Wasgau hat, der gesprengte dicke, dis zu 30 m im Durchmesser haltende Thurm, der schöne achteckige Thurm, der Rittersaal mit seinem Portal, der vormalige Schloßgarten, die noch erhaltene Schloßkirche im Friedrichsbau rc. In einem besonderen Kellergebäude des Friedrichsbaues liegt das H-er Faß. Das erste große Faß wurde vom Pfalzgrafen Johann Casimir 1589 in einem guten Weinjahr erbaut, u. als dieses durch Krieg u. andere Unbilden verdarb, erbaute Kurfürst Karl Ludwig 1664 ein zweites größeres. Das jetzt noch vorhandene, von Karl Theodor 1751 erbaute große Faß hat 11 m in der Länge und 8 m im Durchmesser und faßt 287,000 Flaschen; es ist nur ein- oder zweimal der Curiosität halber mit Zehutwein gefüllt worden. Am Schloßberge liegt die Bergstadt. Zur Stadt gehören ferner die Thalgemeinde Schlierbach, welche sich längs dem linken Ufer des Neckar 3 üm weit ausdehnt, u. Kohlhof. H. hat mehrere parallele Straßen, die Hauptstraße erstreckt sich vom Karls- bis zum Mannheimer Thor. Zu den schönsten öffentlichen Plätzen zählen: der Karlsplatz, der Marktplatz, der Kornmarkt, Ler Wredeplatz (seit 1860 mit einem Denkmale des hier geborenen bayer. Feldmarschalls Fürsten Wrede), derZimmer-, der Bismarcks- u. der Ludwigs- od. Paradeplatz (letzterer wol der schönste von allen). Unter den gottesdienstlichen u. anderen öffentlichen Gebäuden sind die hervorragendsten: die protestantische L>t. Peterskirche, an welcher Hieronymus von Prag 1406 seine Thesen anschlug, vor 1392 erbaut u. seit 1867 in schönstem gothischen Stil restaurirt (Thurm mit durchbrochener Steinpyramide), in der Kirche und auf ihrem Friedhofe befinden sich die Gräber von Sylburg, Gruter, Freinsheim, Freher, Lotichius, Zinkgräf, Micyllus, Agricola, der Olympia Morata u. A.; die simultane Heiligegeistkirche, von der die Protestanten das Schiff, die Altkatholiken das Chor besitzen; die Providenz- kirche mit schönen Deckengemälden, die Jesuiten- u. die englische Kirche, das Rathhaus, Theater, Sebastian Götz aus Chur erbaute Friedrichsbau Museum (seit 1826), Oberamthaus, die Land> hiuzugesügt wurde. So bildeten die Hauptgebäude Zchreiberei (Absteigequartier des Großherzogs) rc. 122 Hcioclbcrg. Oeffentliche höhere Untcrrichtsanstalten, wissenschaftliche Vereine rc.: Universität, Gymnasium, höhere Bürger- u. Gewerbeschule, Höhere Töchterschule mit Lehrerinnenseminar u. Fortbildungsanstalt, natnrhistorisch-medicinischer Verein, historisch, philosophischer Verein, Kunstvercin, Theater rc. Die Universität, die älteste deutsche, wurde 1346 von Ruprecht I. als Uuporta gestistet und 1386 vom Papst Urban bestätigt; von den ersten Kurfürsten freigebig dotirt, mit Gütern und Wohn, Häusern der Juden, später zur Reformationszeit mit den Besitzungen des Augustiner- u. Francis« canerklosters u. vier anderer in der Umgegend bereichert. Sie war nach dem Vorbilde der Pariser Akademie errichtet, hatte 4 Facnltäten und genoß bedeutende Rechte und Freiheiten. Friedrich der Siegreiche, unter dem in H. die erste Buchdrnckerei angelegt wurde, errichtete einen Lehrstuhl für Welt- liches Recht. Philipp der Aufrichtige berief mehrere ausgezeichnete Gelehrte, wie Reuchlin, Joh. Wessel rc. u. errichtete 1529 ein neues Juristencollegium. Ludwig V. errichtete einen Lehrstuhl für hebräische Sprache u. berief 1524 Seb. Münster u. Simon Grynäus. Otto Heinrich organi- sirte die Hochschule aufs Neue, namentlich durch die Errichtung dreier Lehrstühle für Medici». Zur Zeit Friedrichs III. lehrten an der nun in ihrer höchsten Blüthe stehenden Universität neben vielen bedeutenden Gelehrten die beiden Theologen Ursinns u. Olevianus, die Verfasser des H-er Katechismus (1563 erschienen). Mit dem 30jährigen Kriege u. den ihn begleitenden traurigen Schicksalen verfiel die Universität u. ward erst 1652 von Karl Ludwig wieder eingerichtet u. erhielt neue Berühmtheit durch einen Friedr. Spanheim, Freinsheim, Pusendorf, Cvcccji, Lorenz Beger rc. Als aber die kath. Linie Pfalz-Neuburg zur Succession gelangte, sank die Universität unter der Herrschaft des Klerus, bes. der Jesuiten, u. ist ans dem 18. Jahrhund, nicht eine Cclebrität in H. zu finden. 1784 wurde die Staatswirthschastsschule mit der Universität verbunden, doch war sie, ihrer wichtigsten Besitzungen durch den Frieden von Luneville beraubt, 1802 der Auflösung nahe. Sie hob sich erst wieder zu seltenem Glanz, als H. 1803 an Baden kam u. der Kurfürst Karl Friedrich sie mit großer Freigebigkeit ausstattete, ihr ihre jetzige Gestalt und den Namen Uuxorto-Oarolina gab. Auch in diesem Jahrh. haben Lehrer wie Kreuzer, Chelins, Mittermaier, Umbreit, Thibaut, v. Van- gerow, Zöpfl, Rau, Mörstadt, Häußer, Rothe rc. ihren alten Glanz erneuert. Studenten zählte H. 1875/76: 488 u. Professoren u. Lehrer 104. Die Universitätsbibliothek (s?a1abina) entstand vorzüglich aus dem ihr vermachten Büchervorrath des Stifters Ruprecht I. u. aus dem des ersten Rectors Marsilius vonJnghcnu.deserstenKanzlersKonrads von Geylenhausen, der Kurfürsten Ludwig III. u. Otto Heinrich, des Janus Gruterus, vieler Klosterbibliotheken, die mit ihr vereint wurden, sowie aus vielen Schenkungen, u. A. von Ulrich v. Fugger. Zuerst hesand sie sich in dem Chor der Heiligen Geistkirche u. enthielt damals bes. Handschristen, deren man ohne die französischen 3522 zählte. Nach der Eroberung H-s durch Lilly, 1622, schenke Kurfürst Maximilian von Bayern sie dem Papst Gregor XV., der sie 1624 nach Rom bringen und im Vatican als Libliotkeea kalatina aufstellen ließ. 1815 erhielt die Bibliothek nicht nur 38 der besten Handschriften, die von den Franzosen nach Paris geschafft worden waren, vom Papst abgetreten, sondern dieser gab auch auf Asterreichs u. Preußens Verwendung zu, daß die sämmtlichen altdeutschen Handschriften (847) u. der Ooäsx pg-Iatinua des Mönchs Otfried 1816 nach H. zurückgeschafft wurden. Die werthvolle sog. Manessesche Handschrift der Minnesänger blieb jedoch in Paris zurück. (Vgl. Bähr, Die Entführung der H-er Bibliothek, Lpz. 1845 u. 1872; Ru- land. Zur Geschichte der alten nach Rom entführten Bibliothek zu H., Lpz. 1856). Die 1803 neu gegründete Bibliothek zählt gegenwärtig 200,000 Bände, gegen 1800 Manuscripte, 1000 Urkunden, 1000 Jncunabeln und außerdem eine Sammlung von alten Münzen u. eine Anzahl von Gipsabdrücken der vorzüglichsten Antiken. In dem Universitätsgebäude (Oomns tzVilksImiana), 1712 gebaut, befinden sich die Auditorien (für die Naturwissenschaften ist 1863 ein neues Akademiegebäude erbaut) u. mehrere Anstalten, Sammlung mathe- malischer u. physikalischer Instrumente u. Modelle, Naturaliensammlung, ferner gehören dazu Anatomisches Theater, Chemisches Laboratorium, Zoologisches Museum, Botanischer, Forstbotanischer und Oekonomisch-botanischer Garten, Klinik und Poliklinik, Entbindungsanstalt, akademisches Hospital, landwirthschastl. Institut. Seit 1817 erscheinen hier die H-er Jahrbücher. H. besitzt ferner eine Wasserleitung, ein Waisenhaus u. mehrere Wohlthätig- keitsanstalten. — Die Hauptnahrungsquellen der Bewohner bilden der außerordentlich zahlreiche Fremdenverkehr, die Universität und der ziemlich bedeutende Handel, der durch die sich hier kreuzenden Straßen, nun Eisenbahnen (die Bergstraße, von Frankfurt u. Darmstadt nach H. führend u. von da nach der Schweiz, ebenso nach Mannheim gehend, die Straße von dem linken Nheinufer nach Schwaben, dann die durch den Odenwald nach Würzburg, ebenso nach Heilbronn gehend, endlich die Bahn nach Speyer (dem linken Rheinufer) rc.), durch eine Messe, durch einen Freihafen (seit 1832) im schiffbaren Neckar und durch die verschiedenen Eisenbahnverbindungen begünstigt wird. Besonders lebhaft ist der Buch-, Tabak- und Hopfen- Handel. Die Industrie ist nicht bedeutend; es gibt Fabriken für Tabak, Ultramarin, Chemikalien, Leder, chirurgische Instrumente, Feuerspritzen, Eisenbahnwagen, Möbel, Cementzrc., Orgelbauerei, bedeutende Bierbrauereien rc. 1875 hatte Hc 22,335 Ew., zum größten Theil Evangelische. H. ist Geburtsort des Fürsten Wrede, des Generals von Schömberg, der Maler Kaspar Netscher, Ernst Fries u. Bernhard Fries. Die Umgebung H-s, eine der reizendsten Gegenden Deutschlands, hat zugleich einen großartigen u. einen lieblichen Charakter. Vgl. Hautz, Geschichte der Universität H., 2 Bde., H. 1863—1864; Oncken, Stadt, Schloß u. Hochschule H., Bilder aus ihrer Vergangenheit, 2. Ausl., H. 1874. Ob H. anfangs ein Römercastell od. eine deutsche Schanze gegen die Römer gewesen, ist unge- ^ wiß. H., ursprünglich ein Lehn der Bischöfe von > 123 Hcidclbcrgcr Katechismus — Heiden. Worms, ward Stadt im 12. Jahrh.; 1225 wurde der Pfalzgraf Ludwig mit H. belehnt. Pfalzgraf Otto der Erlauchte (1228—53) aus dem Hause Wittelsbach verlegte seine Residenz von Stahleck bei Bacharach nach H., u. dieses blieb nun 5 Jahrh. lang Haupt- und Residenzstadt der Pfalz. Unter Pfalzgraf Ruprecht I. wurde das ciugeäscherte H. wieder aufgebaut und erweitert. Er stiftete 1346 hier die Universität. 1384 wurde hier die H-er Einung gestiftet (s. Deutschland Gesch., S. 325). 1546 nahm H. die Reformation an. 1584 wurde hier ein Religionsgespräch gehalten, durch das der Pfalzgraf Kasimir die Lutherischen u. Reformirten zu vereinigen suchte. 1663 wurde hier die H-er Union von den protestantischen Fürsten geschlossen. Im 30jährigen Kriege mußte H., als Residenz des Kurfürsten von der Pfalz, viel leiden. Lilly belagerte u. eroberte es 1622. 1634 wurde das Schloß durch dicKaiserlichen unter Gronsfeld belagert, durch den Herzog Bernhard von Weimar aber entsetzt; 1635 von den Kaiserlichen unter Gallas besetzt. Nach dem Westfälischen Frieden erhielt Friedrichs V. Sohn, Herzog Karl Ludwig, H. wieder u. richtete Schloß u. Schloßgarten ans das Glänzendste ein. Die im Kriege aufgehobene Universität wurde auch wieder hergestellt. 1688 wurde H. nach einer längeren Belagerung von den Franzosen unter dem Dauphin erobert, geplündert und verwüstet, auch das Schloß durch den General Melac zum Theil in die Luft gesprengt. 1693 wurde die Stadt in dem über die Succession nach Aussterben der protestantischen Linie entstandenen Kriege wieder erobert, die kurfürstlichen Gräber beraubt und das Schloß zerstört. 1720 wurde die Residenz von H. nach Mannheim verlegt. 1803 wurde H. von Pfalz-Bayern an Baden abgetreten, u. Karl Friedrich, Kurfürst von Baden, wurde der zweite Stifter der Universität. Hier 5. März 1848 Versammlung von 51 Männern aus den verschiedenen deutschen Staaten, aus welcher das Vorparlament in Frankfurt hervorging (s. Deutschland, Gesch., S. 341). H- Berns. Heidelberger Katechismus, symbolischesBuch der Reformirten Kirche, auf Befehl Friedrichs III. von der Pfalz von Kaspar Olevianns und Zach. Ursinus verfaßt u. 1563 heransgegeben, von der Dortrechter Synode bestätigt; behandelt in drei Hauptstückcn (menschliches Elend, Erlösung und Dankbarkeit) die christliche Lehre. Der Gegensatz gegen die Römische Kirche tritt darin stark hervor, ber gegen die Lutherische tritt mehr zurück, am meisten der in der Prädestinationslehre. Vergl. Simon von Alpen, Geschichte des H. K., Franks. 1840; Kritische Textausgabe von A. Wolters, Bonn 1864. Löffler.» Hcideloff, 1) Victor Peter, geb. 1757 in Stuttgart; auf der Karlsschule zu gleicher Zeit mit Schiller gebildet, Decorationsmaler, erblindete seit 1804 fast gänzlich u. st. als Professor, Hof- und Theatermaler 1816 in Stuttgart; er machte sich um die Bühne bes. verdient, indem er sie u. die Costüme von französischem Ungeschmack reinigte. 8) Karl Alex., Sohn des Vor., geb. 2. Febr. 1788 in Stuttgart; Maler und Architekt, erhielt seine erste Bildung von seinem Vater, welchen er nach dessen Erblindung als Maler u. Decorateur unterstützte, ging 1816 nach Koburg als städtischer Conservator, 1818 nach Nürnberg u. wurde dort später städtischer Architekt u. Professor der Polytechnischen Schule. Er starb 28. Scpt. 1865 zu Haßfurt, nachdem er daselbst eben die Ritterkapelle restaurirt hatte. H. handhabte mit großer Schnelligkeit die architektonischen Formen, besonders des altdeutschen Baustils. Werke: die Wiederherstellung der Jakobskirche, der Moritzkapelle, der alten Veste, der St. Sebalds- u. St. Lorenzkirche rc. zu Nürnberg, des Doms in Bamberg, der Veste zu Koburg, des Altensteins bei Meiningen, Schloß Reinhardsbrunn bei Gotha, die katholische Kirche zu Leipzig, die Stadtkirchen in Sonncnberg u. Oschatz, das Denkmal von Uz in Ansbach, das Grabmal des Fürstbischofs von Fechenbach in Bamberg; von seiner vielseitigen künstlerischen Thätigkeit zeugen auch Ölgemälde (z. B. Maximilian I. besucht das Grab seines Oheims Eberhard I. zu Einsiedeln, Ritter Toggenburg), sowie Zeichnungen für Taschenbücher und Decoration rc. Von seinen das Baufach behandelnden zahlreichen Schriften sind zu erwähnen: Architektonische Zeichnnngslehre für polytechnische Schulen, Nürnb. 1827, Fol.; Die Lehre von den Säulenordnungen, ebd. 1827; Die kleine Vignola, ebend. 1832, 3. Ausl. 1852; Die architektonischen Glieder, ebd. 1831, 2 Hefte; Anleitung zur Schattenconstrnction, ebend. 1834, 4. Ausl. 1859; Nürnbergs Baudenkmals der Vorzeit, ebd. 1838; Der christliche Altar, ebd. 1838; Ornamentik des Mittelalters, ebd. 1838—1852, 24 Hefte, Suppl. 1855 s.; Die Bauhütten des Mittelalters, ebd. 1844; Architektonische Entwürfe, ebd. 1850 f., 2 Hefte; zu den Kupferwerken kam noch : Die Kunst des Mittelalters u. Bandenkmale ans Schwaben, Stuttg. 1854—61, 6 Hefte. Lehfeldt. Heidelsheim, Stadt im Amtsbezirk Bruchsal des bad. Kreises Karlsruhe, an der Saalbach, Station der Württemberg. Staatsbahnen; 1875: 2235 Ew. Heiden, 1) (Depart. der H.) so v. w. Landes (Depart. des Landes in Frankreich); 2) Pfarrdorf im Schweizerkanton Appcnzell-Außerrhoden, 806 m ü. d. M., in sonniger geschützter Lage zwischen grünen Matten, nach dem großen Brande von 1838 neu aufgebaut; berühmter Molkenkurort, alkalischerdige Mineralbäder mit geringem Eisengehalt, kleines Badehaus, Baumwollenspinnerei, Weberei, Stickerei; 2948 Ew.; von hier Zahnradbahn nach Rorschach am Bodensee seit 3. Sept. 1875. H- Berns- Heiden (gr. kAi-e-eoe, lat. l?a,Aani), 1) eigentlich Bewohner des Landes, im Gegensatz zu Len Städtern. Dann als Constantin der Große und dessen Nachfolger den Götzendienst ans den Städten verbannten, u. derselbe noch am längsten in den Dörfern (l?a§1) blieb, wurden 2) die Anhänger des Götzendienstes von den Christen kaxani benannt, welchen Namen die Deutschen, zum Christenthume bekehrt, in das Deutsche übertrugen u. die Götzendiener Heidebewohner, Bewohner des flachen Landes, nannten, u. man begriff bis in das Mittelalter unter H. 3) die, welche sich weder zum Jnden- thum noch zum Christenthum, also nicht zu den geoffenbarten Religionen bekannten, um die Zeit der Kreuzzüge auch die Mohammedaner (welche man aber jetzt, weil auch sie an Einen Gott glau- 124 Heiden — ben, nicht mehr unter die H. rechnet). Schon das israelitische Volk stellt sich als heiliges, auserwähl- tes Volk allen andern Völkern (Gojim, bei Luther H.) gegenüber, wie auch die Mohammedaner den Angehörigen sämmtlicher anderer Religionen entsprechende Namen geben. Es spricht sich darin das Selbstgefühl der monotheistischen, ethischen Religionen gegenüber den naturalistischen polytheistischen, höchstens von Culturideen geleiteten Religionen aus. Siehe übrigens über Heidenthum, heidnische Religionen d. Art. Religion Löffler.' Heiden, Eduard, Agriculturchemiker, geb. zu Greifswald 8. Febr. 1835, studirte daselbst Naturwissenschaft und speciell Agricultnrchemie, war an den Akademien Eldena u. Waldan Docent bis zu seiner Berufung zum Director der Versuchsstation Pommritz im Königreich Sachsen 1868, u. ist bes. bekannt durch sein Lehrbuch der Düngerlehre, Stuttg. 1867—68, schrieb ferner Statik des Landbaues (3. Band der vorigen),Stuttg. 1871; Beiträge zur Ernährung des Schweines, Hann. 1871. Marx. Heidenchristenthnm, diejenige Richtung in der ältesten, dem apostolischen Zeitalter angehörigen Christenheit, deren Vertreter Paulus war. Im Gegensatz gegen die judaistische Urkirche und die, wenn auch milder, mehr entgegenkommend gesinnten 12 Apostel, betonte Paulus das Aufhören der verpflichtenden Kraft des altt. Gesetzes und den Antheil der gläubig gewordenen Heiden am christlichen Heil, ohne daß sie vorher dem mosaischen Gesetz sich zu unterwerfen hätten. Es ist das Verdienst der sog. Tübinger Schule, aus diesem Gegensatz die Entstehung der neutest. Schriften n. die geschichtliche Entwickelung des ältesten Christenthums beleuchtet zu haben. Löffler. Heidenclke, ist LiaMkius ckoktoickss Heidenhaut, im Volksmunde Bezeichnung für das bei neugeborenen Kindern zugleich mit den Milchhaaren sich abschuppende Oberhäutchen. Heidenheim, 1) Marktflecken im Bez.-Amt Günzenhausen des bayer. Regbez. Mittelfranken, an der Rohrach u. am Hahnenkamm; ehemalige Benedictinerabtsi, im Kreuzgange derselben eine Mineralquelle; 1875: 1430 Ew. Hier errichtete zuerst St. Wunibald 750 ein Kloster, bekehrte von dort aus die Deutschen u. wurde hier mit seinem Bruder Wilibald begraben. 1525 litt H. viel von den aufrührerischen Bauern. 2) Stadt u. Hauptort in dem 459,22 Hssim (8,gi s^M) mit (1875) 35,788 Ew. umfassenden, gleichnamigen Oberamt des württembergischen Jagstkreises, an der Brenz, Station der Württemberg. Staatsbahnen; Oberamt, Oberamtsgericht, Camcral- und Forstamt, Handels- u. Gewerbekammer, Lateinische Schule, Webeschule; Maschinenfabrikation, Eisengießerei, Messinggießerei, mechanische Wollen- und Baumwollenspinnerei, Baumwollen-, Kattun-, Leinen- u. Jacquardweberei, Fabrikation von Pianofortes, Flanell, Tuch, wollenen Decken, Halbwollenwaaren, gestickten Maaren, Filz, Watte, Papier, auch Steinpappe, Shirting, Tabak, Cigarren, Chemikalien, Leder, Holzstofsen, feuerfesten Backsteinen u. irdenem Geschirr (H-er Geschirr), Färbereien, Bleichen, Bierbrauereien, Getreidehandel, Mühlen, Vieh-, namentlich bedeutende Schafmärkte; 1875: 5677 Ew. Dabei auf einem Felsen die Schloßruine Heidenstein. Hellenstein, einst Sitz der Herren der Herrschaft H., welche erst im 12. Jahrh. genannt werden. Nach dem Aussterben derselben 1307 fiel die Herrschaft an das Reich u. 1448 kam sie an Württemberg, das sie 2 Jahre später an Bayern verkaufte. 1536 erhielt Württemberg sie wieder zurück, u. seitdem ist sie dauernd bei demselben verblieben. H., in dessen Nähe zahlreiche römische Alterthümer gefunden worden sind, wurde 1356 Stadt. H- Berns. Heidenheim, Wolf, hervorragender Übersetzer u. Erklärer der gottesdienstlichen jüdischen Dichtungen, geb. 1737 in Heidenheim, gest. inRödelheim 1832. Er wirkte erfrischend und belebend durch die Herausgabe der alten Werke über hebräische Grammatik u. Masora. Tiefe Gelehrsamkeit bekundete er in den in eleganter Sprache geschriebenen Erklärungen zum Machsor (Cyclus der Festgedichte). Fürst- Herdenreich, Mariane Theodora Chal., geb. Heiland, berühmte Geburtshelferin, geb. 10. Dec. 1791 in Heiligenstadt, Tochter des Re- gierungsrathes Heiland, den sie, vier Jahre alt, verlor u. adoptirt von ihrem Stiefvater, dem Ho s- rath Joh. Th. Damian v. Siebold. Sie begann in ihrem 17. Jahre anatom., physiolog. und ge- burtshilfl. Studien nnter Leitung ihres Stiefvaters, besuchte seit 1811 Privatvorlesungen in Göttingen unter Osiander und Langenbeck, ging 1812 nach Darmstadt zurück, ließ sich 1814 als Geburtshelferin prüfen u. vertheidigte 26. März 1817 in Gießen mehrere Thesen öffentlich mit Auszeichnung, so daß ihr die Doctorwürde verliehen wurde. Sie entband auch die Herzogin von Kent 1820, die Mutter der Königin Victoria. 1829 verheirathete sie sich mit vr. H. u. st. 8. Juli 1859; sie schr.: Über die Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter, Darmst. 1817. Thamhayn. Heidenschanzen nennt man Erd-- u. Steinwälle, die in mehreren Ländern Europas aufgefunden sind n. deren Ursprung unbekannt ist, die aber jedenfalls vorgeschichtlicher Zeit angehören. Ihre Ausbreitung ist sehr bedeutend, aber sie sind von sehr verschiedener Beschaffenheit. Man hält sie für kriegerische Befestigungen, daher der Name H.; manche sind auch für Culturstätten angesehen worden. Virchow unterscheidet zwischen Erdwällen u. Brand- oder Schlackenwällen (Glasburgen in Schottland). Letztere, namentlich in Böhmen, der Lausitz, Frankreich und Schottland gefunden, entstanden wahrscheinlich durch zwischen Steine eingelegtes Holz, welches man anzündete, so daß die Steine schmolzen u. verschlackten. Die Erdwälle, vorzüglich in Deutschland u. Skandinavien, erheben sich hügelartig über die Ebene u. sind rund oder länglich, u. es wurden spuren von Brunnen, sowie Topfscherben u. Thierknochen darin gefunden, während Metall fehlt; doch gehören die Scherben ihrer Form nach der Eisenzeit an. In Pommern u. der Neumark wurden Pfahlschanzen, zum Theil auch in Seen wie die Pfahlbauten, entdeckt, auch in Verbindung mit Pfahlbauten. Henne-Am Rhqn. Heidenstein, Reinh., polnischer Historiker des 16. u. 17. Jahrh., geb. zu Olesko in Belcz; er schr.: Loikum mosoovitüeum, gnoä Lbopkranus rsr Lokoniao Asssit, Basel 1588 (deutsch 1590; steht auch in den ^niorso rorum moseovit.); Lanool- 125 Heider — larins palonious, Braunsb. 1611; Hist, äs lö- bas potouisis, Franks. 1672. Heider, Gustav Adols, Archäolog, geb. 15. Oct. 1819 zu Wien, machte philosophische und juristische Studien an der Wiener Hochschule, pro- movirte u. trat 1842 als Adjunct in die Bibliothek der Akademie der bildenden Künste. 1850 wurde er als Concipift in die Bausection des Handelsministeriums und bald darauf in gleicher Eigenschaft in das Ministerium für Cultns und Unterricht versetzt, in welchem er zur Zeit Sections« chef ist. Er hat eine große Anzahl von Werken u. einzelnen Abhandlungen über die vaterländischen Kunstdenkmale geschrieben. Viele Aufsätze schrieb er für die Mittelalterlichen Kunstdenkmale des öftere. Kaiserstaates, welche er in Gemeinschaft mit R. Eitelberger herausgab, ferner für das Jahrbuch der k. k. Ceutralcommission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale, welches er von 1857—61 redigirte, desgl. für die von derselben Commission herausgegebenen Mittheilungen. In seinen literarischen Arbeiten (von denen das bio- graph. Lexikon des Kaiserthums Österreich von Wurzbach ein beinahe vollständigesVerzeichniß gibt) hat er vesonders das Bestreben, nicht nur die ästhetische Seite der Kunstwerke, sondern auch ihren Inhalt klar zu legen, was ihn zu vielen symbolischen n. typologischen Studien leitete. 1868—73 war H. Präsident der Akademie der Künste. LeMdt. Heiderose, ist Rosa oaniua Heideschmnke (Heideschaf), ein in den Heidegegenden Norddeutschlands, bes. in der Lüneburger Heide, im Osnabrückschen, in Ostfriesland, auch in Frankreich (dort Losoagss genannt) vorkommendes Schaf; gewöhnlich grau (selten schwarz od. röthlich), Kops, Beine u. Bauch schwarz; liefern gegen 3 Psd. grobe Wolle, aber wohlschmeckendes Fleisch (vgl. Schaf). Heidingsfeld, Stadt im Bez.-Amt Wllrzburg des bayer. Regbez. Unterfranken u. Aschaffenbnrg, am Main, Station der Bad. u. Bayer. Staatsbahnen; Kloster der Armen Schulschwestern; Maschinen-, Cigarren-, Liqueur-, Essig-und Faßfabrikation, Glockengießerei, Bierbrauerei, Weinhandel, Obst- u. Weinbau; 1875: 3720 Ew. H. wird schon 779 erwähnt und wurde 1367 von Karl IV. zur Stadt erhoben. Heidrun (nord. Myth.), Ziege in Walhalla (s. d.), die sich von dem Baum Lärad nährt u. aus deren Euter täglich ein Gefäß voll Meth fließt, der allen Einheriarn ihre Art u. ihr eigenthümliches Wesen (llsiälli) erhielt u. nährte. Heiducken, so v. w. Haiducken. Heigel, Karl August, Dichter, geb. 25. März 1835 zu München; studirte an der dortigen Universität von 1854—58 Philosophie. Die folgenden fünf Jahre verlebte er auf Schloß Carolath in Niederschlesten als Bibliothekar des Fürsten Heinrich von Carolath-Beuthen, sowie auf Reisen als Begleiter des fürstlichen Neffen. 1863 übersiedelte er nach Berlin und übernahm die Redaction des belletristischen Theiles des Bazar, in welcher Stellung er sich noch befindet. Er schrieb: Bar- Cochba, der letzte Judenkönig, Hannover 1857; Walpurg, ebd. 1859; Wo? eine Erzählung, Lpz. 1865; Angenommen, Lustspiel in einem Act, Berl. - Heiland. 1865; Novellen, 1866; Es regnet, eine Münchener- Geschichte, ebd. 1868; Des Kriegers Frau, ebd. 1871; Ohne Gewissen, Roman, ebd. 1871; Neue Novellen, ebd. 1872; Die Dame ohne Herz, Roman, ebd. 1873: Wohin? eine Novelle, ebd. 1873; Der Diplomat, Erzählung, Stnttg. 1874. Noch ist sein für Fanny Janauscheck geschriebenes, edel gehaltenes Trauerspiel Marfa zu erwähnen, das mehrere Aufführungen erlebte. Beyer. Heigendorf-Jagemann, Karol., s. Jagemann. Heijden, Jan von der H., so v. w. Heyden. Heije, Jan Pieter, niederländischer Dichter, geb. 1. März 1809 in Amsterdam; studirte seit 1827 in Leyden Medicin und prakticirre dann in Amsterdam als Arzt, wo er sich zugleich vielfach wissenschaftlich verdient machte. Er starb 24. Februar 1876. Schriften: lüsäsrsn sn Lav^sn, 1841; Linäsrlisäsrsn, 1847; DioUbsrlifs kraus, 1853; Lcklisnss Loumvatlou, 1867; Vsrsxrsiäs Asäiolttsn, 1870; poetische Bearbeitungen von Aschenbrödel u. dem Gestiefelter Kater, 1870; Ges. Ausg. seiner Gedichte 3. Ausl. 1872; früher gab er den Vrisnä äss vaäsrlauäs, 1832—34, und mit Potgieter Die Musen heraus, arbeitete auch an Rnkimmsr Vollcsalmanak; ferner redigirte er 1838—40 die medicinische Zeitschrift Venksn sn mssninAsn u. 1840—45 ärollisk voor Zsnsos- tcunäs. Wenzelburger.- Heijn, Peter Petersen, holl. Seeheld, geb. 1577 zu Delftshaven in Holland; diente vom Schiffsjungen an, zeichnete sich durch Tapferkeit aus und wurde 1626, infolge des Sieges in der Allerheiligenbai über die Spanier, Admiral im Dienste der Compagnie, nahm bei der Insel Cuba 1628 die spanische Silberflotte und wurde 1629 Admiral von Holland, blieb aber 20. Juni d. I. in einem Seegefecht bei Dünkirchen. Marmornes Grabmonument zu Delft. Schroot. Heil, im allgemeinen Sprachgebrauch gleichbe- deutend mit Gesundheit, ist als Übersetzung von awrypra, salus, besonders in den biblischen und theologischen Sprachgebrauch übergegangen zur Bezeichnung der Rettung der Menschheit aus Sünde u. Tod durch Jesum Christum. Heiland, 1) Erretter, Befreier, Erlöser; bes. 2) Jesus, insofern er die Menschheit von der Sünde u. ihren Strafen befreite, s. u. Jesus Christus. Heiland, Karl Gustav, deutscher Pädagog, geb. 17. Aug. 1817 zu Herzberg in der preuß. Provinz Sachsen, studirte 1836—39 in Leipzig Philologie, wo er sich vorzugsweise an G. Hermann anschloß u. Mitglied der griechischen Gesellschaft wurde, ging dann nach Berlin, erhielt schon 1840 eine Hilfslehrerstelle am Gymnasium in Halberstadt u. wurde, nachdem er 11 Jahre dort- selbst Gymnasiallehrer gewesen war, 1851 Direktor des Gymnasiums erst in Öls, 1854 in Stendal und zuletzt 1856 in Weimar; von hier wurde er 1860 als Schulrath nach Magdeburg berufen u. st. 16. Dec. 1868. Unter seiner Verwaltung wurden in der Prov. Sachsen 4 neue Gymnasien errichtet. Er lieferte werthvolle Artikel für die Schmidsche Encyklopädie des ges. Unterrichtswesens, gab Tenophons Agesilaus, Lpz. 1841, n. A. 1847, heraus u. schr.: Zur Frage über die Reform der 126 Heilandsorden - Gymnasien, Halls 1850; Die Aufgabe des evang. Gymnasiums (Schnlreden), Wenn. 1860. Bgl. H., ein Lebensbild, von W. Herbst, Halle 1869; K. G. Heiland, von Hense in den N. Jahrbüchern für Philol. u. Pädagogik, 7. Heft 1870. Eichhoff. Heilandsorden, so v. w. Brigittenorden. Heilbronn, Stadt u. Hauptort in dem 189 , 4 , lUsirm (3,4» lÜ>M) mit (1875) 41,397 Ew. UM- fassenden, gleichnamigen Oberamt des Württemberg. Neckarkreises, am Neckar, überden hier eine eiserne Brücke führt; Station der Württemberg. Staatsbahnen; ziemlich regelmäßig, aber eng gebaut, die hohen Giebelhäuser mit oft seltsamen Verzierungen, an der Stelle der ehemaligen Festungswerke, von denen noch Mauern u. Thürine vorhanden, von schönen Anlagen umgeben. Hervorragende Gebäude sind: die St. Kilians- od. Hauptkirche (deren Schiss im 13. Jahrh., Chor seit 1420 erbaut ist), mit 62 nr hohem (von 1510—29 erbautem) Thurme, Schnitzwerken u. Glasmalereien rc. u. daneben der Siebenröhrenbrunnen, der früher das Wasser der unter dem Hauptaltar der Kirche befindlichen, aber seit 1857 versiegten Heilquelle (Heiligenbronn) auf- uahm (nach dieser Quelle soll Karl der Große die Stadt benannt haben); die Josephskirche (ehemalige Deutschordenskirche), die Synagoge, das Rathhaus (von 1535) mit einer Freitreppe, Kunstuhr und wichtiger Urkundensammlung, das Deutschordenshaus, in dem Oxenstjerna 1633 den H-er Vertrag abschloß, der Diebs- oder Götzenthurm (einst Gefängnis) des Götz von Berlichingen), das Zellen- gefängniß, das Bahnhofsgebäude rc. Auf dem herrlichen Friedhofe stehen zahlreiche, zum Theil kunstvolle Denkmäler (darunter 2 von Dannecker). H. ist Sitz eines Generalsnperintendenten, eines Oberamts, Kreisgerichtshofs, Oberamtsgerichts, Hanptsteueramts, einer Handels- und Gewerbe- kainmer u. der Württemberg. Transport-Versicher- nngsgesellschast u. hat Gymnasium mit ansehnlicher Bibliothek, Realschule 2. Ordn., Töchter-Jnstitut, Ackerbauschule, gewerbliche Fortbildungsschule, reich dotirtes Spital (von 1305), mehrere ehemalige Klöster, Reichsbanknebenstelle, 3 Volksbanken (darunter eine landwirthschastliche Kreditbank), sehr bedeutende Fabrikthätigkeit, namentlich Fabrikation von Maschinen, Draht, Drahtstiften, Bleiweiß, Schwefelsäure, Soda, Glaubersalz, Essigsäure, Silber- u. Goldwaaren, mathematischen, physikalischen und musikalischen Instrumenten, Messerschmiede- waaren, Wagen, Tabak, Seifen, Stearinlichten, Papier, Tapeten, Tuch, Essig, Alkohol, Parfümerien, Zucker, Cichorien, Harzproducten, Öl, Weinsteinsäure, Cement, künstlichem Dünger rc., Eisengießereien, Wollenspinnereien u. -Webereien, Bleichen, Färbereien, Gerbereien,Bierbrauereien,Kunstmühlen, Säge-, Gips-u. Farbholzmühlen, Schifffahrt, bedeutenden Speditionshaudel, lebhaften Handel mit Colonialwaaren, Getreide,Holz, Wild rc., einen Wollen-, Rinden-, Obst- (sehr bedeutend) u. Traubemnarkt, stark besuchte Vieh« (namentlich Schaf.) und Pserdemärkte; 1875: 21,208 Einw. Eisenbahnverkehr: 1875 kamen an 3,290,032 Ctr. Güter u. gingen ab 1,348,626 Ctr. Schiffsverkehr auf dem Neckar zu Berg u. zu Thal: 3001 Segelschiffe und Nachen. Durch den 1841 vollendeten Wilhelmskanal mit Schleuse können s - Heilgymnastik. jetzt Schiffe, vordem von dem H-er Wehr gehindert, den Neckar von Mannheim bis Kannstatt befahren. Die Einführung einer Kettenschifffahrt ist projectirt. Die Umgebung der Stadt ist überaus fruchtbar u. hat bedeutenden Acker-, Garten-, Obst- und Weinbau. In der Nähe sind wichtig« Gipsbrüche, große Steinbrüche von weißen Sandsteinen, u. mehrere Vergnügungsorte: der Braun- hardtsche Actiengarten, das Jägerhaus und der rebenbepflanzte Wartberg, auf dem der uralte Wartthurm weite Aussicht bietet. — Der Ursprung der Stadt H. reicht wahrscheinlich bis in die Römerzeit hinauf. Karlmann schenkte zwischen 741 und 747 eine Michaelskirche in H. dem Bisthum Würzburg. Karl der Große soll sich an der guten Quelle gelabt und eine königliche Pfalz dort gegründet haben. 1073 erhielt H., damals schon ansehnlich, von Heinrich IV. Stadtrechte, wurde von Friedrich II. vergrößert u. unter Konrad III. 1225 Reichsstadt. Es erhielt viele Freiheiten, das Zollrecht, das Recht, nicht verpfändet zu werden, u. 55 (ca. 1 s^M) Gebiet. Die in Ostsranken gelegene Stadt gehörte wie Hall zu dem Schwäbischen Bunde (welcher auch hier Götz von Berlichingen 1519 eine Nacht gefangen hielt), wurde 1525 evangelisch und von den aufrührerischen Bauern eingenommen, die daselbst einen Convent abhielten, auf dem eine Reform des Reiches berathen wurde, und trat später zu dem Schmalkaldischen Bunde. Hier 3. Jan. 1547 Vertrag zwischen Karl V. u. dem Herzog Ulrich von Württemberg, worin der Letztere dem Schmalkaldischen Bunde entsagte und sich unterwarf. Ihre von Karl V. gemodelte Verfassung wurde 1552 demokratisch. Hier 1598 Zusammenkunft der Protestanten, um gegen die katholischen Stände zu berathen. 1633 vom März bis Mitte April Convent zwischen Oxenstjerna u. den Ständen des Schwäbischen, Fränkischen, Ober- u. Niederrheinischen Kreises und den französischen, holländischen und englischen Botschaftern, infolge Lessen ein Bund (H-er Vertrag) zur Fortsetzung des Krieges zu Stande kam. 1688 wurde es von den Franzosen besetzt, aber 1689 wieder geräumt. 1803 kam H. an Württemberg. Vergl. Jäger, Geschichte vonH., Heilbr. 1828; Kuttler, H., ebd. 1859; Wüst, Einführung der Kettenschiffsahrt auf dem Neckar, ebd. 1874. H. Berns. Heilbrnnn (Oberheilbrunn), Dorf u. Badeort im Bezirksamt Tölz des bayer. Regbez. Oberbayern, zur Gemeinde Steinbach gehörend, am Fuß der Alpen, 780 m ü. d. M., 7 Icm ostfüdöstl. j von der Eisenbahnstation Penzberg; mit einer jod- n. bromhaltigen Kochsalzquelle (ALelheidsquelle) von -i- 8° R. Temperatur u. einer Badeanstalt; 66 Ew. Heilgymnastik (Schwedische Gymnastik), von dem schwedischen Professor Ling zuerst 1813 angewendet und von seinem Nachfolger Branting vervollkommnet, ist das Verfahren, durch gymnastische Bewegungen zunächst das bei Rückgratsverkrümmungen gestörte Muskelgleichgewicht wieder herzustellen. Von Schweden Pflanzte sich die Lingsche H. auch nach Deutschland über, wo sie besonders in Berlin durch den Geh. Sanitätsrath Berends wesentlich ausgebildet und in Wien und Freiberg Anstalten nach ihrem Muster eingerichtet wurden. !Das wissenschaftlich wohlbegründete Princip, von 127 Hemg — Heilige Allianz. dem Ling ausging, Hai heutzutage eine bei weitem allgemeinere Anwendung gefunden. Man versteht heute unter H. überhaupt jede auf Körperbewegungen u. Leibesübungen basirte, methodisch durch- gesührte Behandlung, welche die Beseitigung vorhandener bestimmter Abnormitäten, besonders im Muskel- u. Knocheugebiete, bezweckt. Durch die vorgenommenen Manipulationen wird vor allem eine bessere Blutcirculation u. dadurch eine regelrechtere Ernährung angestrebt. Vgl. P. H. Ling, Die allgemeinen Gründe der Gymnastik (schwedisch), Ups. 1840; H. E. Richter, Die schwedische natio- s nale und medicinische Gymnastik, Dresden 1845; - Rothstein, Die Gymnastik nach dem System des Gymnasiarchen Ling dargestellt, Berl. 1847—51; Derselbe, Die gymnastischen Freiübungen nach dem System Lings, ebd. 1853; Neumann, Das Wesen der schwedischenH., ebd. 1852. Thamhayn. Heilig, ein allen Religionen gemeinsamer Begriff, ursprünglich alle Dinge u. Personen bezeichnend, in denen eine höhere Kraft u. Bedeutung vorausgesetzt wurde, im biblischen Sprachgebrauch alles, was in besonderer Beziehung zu Gott steht als sein Eigenthum, seinem Dienst gewidmet. Sofern alles Heilige ein besonderes Werthvolles ist n. darum Gegenstand ehrfurchtsvoller Scheu u. höherer Werthschätzung, bedeutet der Begriff auf Gott selbst übergetragen die auf der Gesammtheit seines Wesens u. seiner Eigenschaften beruhende absolute Verehrungs-, Liebens- und Vertrauenswürdigkeit Gottes, ähnlich wie Herrlichkeit, Majestät, u. s. f. «M-r. Heilige heißen im biblischen Sprachgebrauch die Christen überhaupt als zu Gottes Eigenthum berufen u. auserwählt u. ihm zu Dienst des Gehorsam sich hingebend. Allmählich blieb der Name Einzelnen Vorbehalten, die durch christliche Tugenden, Leistungen u. Opfer sich ungewöhnlich auszeichneten. Das geschah zuerst durch allmählich sich bildende Gewohnheit. In den Zeiten der Verfolgung erlangten die Märtyrer, in den Zeiten des Mönchthums hervorragende Asketen in den Augen der Menge höhere Ehre. Später creirten Bischöse oder Coucilien Heilige. Seit 993 Papst Johann XV. denBischof Udallrich von Augsburg heilig sprach, u. seit Papst Alexander III. 1170 das Recht der Heiligsprechung ausdrücklich nur für die Päpste in Anspruch nahm, steht die Kanoni- sation, Las Einträgen der Heiligen in den dazu bestimmten Kanon, ausschließlich den Päpsten zu, jedoch nur als öffentlich geltender Ausspruch über ihre Würde u. die ihnen zn erweisende Ehre, wie sie ihnen an sich selbst zukomme. Der Kanoui- falion geht voran die Beatification, Seligsprechung, die nur Anspruch auf Privatverehrung in beschränkten Kreisen giebt. Die Qualification der zur Heiligsprechung Vorgeschlagenen wird aufs Gründlichste untersucht von der dazu bestimmten Congregation der Cardiuäle, in welcher der Xck- vooatns äiaboli alles vorbringt, was gegen die Kauonisation spricht. Unbedingt wird der Nachweis von Wundern verlangt, die von einer Commission von Ärzten untersucht werden. Die Ehre, die den H-u gebührt, ist nicht larxwr'a, aäoraiio, die allein Gott zukommt, sondern ckovlera, luvo- «aüo, deren höchste Stufe, ö-rex-öso-irrir, allein der Jungfrau Maria gebührt. Die Anrufung hat zum Zweck, die Fürbitte der Heiligen zu gewinnen. Wie die Heiligen zur Kenntniß der Anweisungen auf Erden gelangen, erklärt neuestens Dieringer nach dem Vorgang Bellarmins so, daß die Heiligen alles sie Angehende in Gott schauen u. durch besondere Mittheilung Gottes erfahren. Der Protestantismus verwirft den ganzen Heiligeucultus als Beeinträchtigung des Verdienstes u. der Mittlerschaft Christi, u. läßt die Heiligen nur als Beispiele göttlicher Gnade u. christl. Tugend gelten. Wffl-r. Heilige Allianz, Heiliger Bund, ein in Paris den 26. Sept. 1815 zwischen dem Kaiser Alexander I. von Rußland (der denselben veran- laßte u. zwar, wie sich die Frau von Krüdener rühmte, auf ihre Angabe), dem Kaiser Franz I. von Österreich u. dem Könige Friedrich Wilhelm III. von Preußen, ohne officielle Mitwirkung der Minister, geschlossener Vertrag, welcher 1816 auf die eigenhändige Einladung, des Kaisers Alexander u. der darauf folgenden Österreichs und Preußens, von allen europäischen Fürsten u. Staaten, mit Ausnahme des Papstes, der Könige von England u. Frankreich (welche letztere sich wegen der Staatsverfassung ihrer Länder nur persönlich zu den Ansichten der H-n A. bekennen konnten) angenommen wurde. Nach dem von dem Kaiser Alexander selbst geschriebenen Entwürfe sollten 1) die 3 Monarchen auf Grund des göttlichen Gebotes sich zur Bruderliebe verpflichten; 2) die respectiven Nationen sich als Zweige einer Familie ansehen, welche von den 3 Monarchen als Delegirte der Vorsehung regiert würde und Christum als ihren Souverain anerkennen; 3) alle Mächte, welche diese geheiligten Grundsätze feierlich anerkannten, in dieses Bünd- uiß ausgenommen werden. Dem einer edlen humanen Idee entsprungenen Bunde lag als Zweck zu Grunde Anerkennung der Legitimität u. des Besitzstandes der bestehenden Regierungen u. friedliche Auseinandersetzung der verfallenden Irrungen nach rein moralischen, christlichen Grundsätzen, wodurch die Ruhe Europas für längere Zeiten befestigt u. erhalten werden sollte. Diesen Geist sprach die von den Ministern der drei getrennten Hauptmächte Unterzeichnete, auf dem Con- greß zu Aachen den 15. Novbr. 1818 gegebene Ösolaration ckes monargues aus, u. in demselben handelten die Congresse von Laibach und Verona, indem sie die Beruhigung von Neapel, Piemont u. Spanien beschlossen u. damit die Revolution u. aber auch die Fortbildung des Constitutiona- lismus in Schranken zu halten suchten; auch das Einschreiten von England, Frankreich, Rußland zu Gunsten Griechenlands entsprach, da sie zu vermitteln suchten, dem Geiste derselben. Indessen kamen schon in dem Laufe der ersten 15 Jahre mancherlei Dinge vor, die wenigstens indirect gegen die H. A. waren, best der Russisch-türkische Krieg von 1828 u. 1829, u. seit der Julirevolution 1830, namentlich aber seit den revolutionären Ereignissen von 1848 und 1849 schon geschwächt, zumal auch die Nachfolger der Gründer und der beigetretenen Herrscher Len Bund nicht erneuerten, erhrelt sie, in der Periode von 1851—54 nochmals wenigstens theilweise thätig, durch die Polink Napoleons lll. den Todesstoß. Die vollständigste 128 Heiliges Bein - Urkunde der H°n A. findet sich in von Martens Luppism. NN iseueil ckes traitvs, S. 656 ff., u. in G. von Meyers 6orp. zur. xermau., 2. Ausg., Th. 1, S. 221. Schmidt-Phiseldeck, Die Politik nach Grundsätzen der H-nA., Kopenhagen 1822; Willemer, Wie verhält sich die Zeit zum Heiligen Bunde? Frkf. 1819; Archiv des Heiligen Bundes. Nürnb. 1819. ragai. ' Heiliges Bein, so v. w. Kreuzbein, s. Becken X a). Heiliger Blutstag unseres Herrn I. Chr., das Frohnleichnamsfest. Heiliger Bund (Heilige Ligue), s. Ligue. Heiligbutt, Heilbutte, s. u. Scholle. Heiliger Christ, s. u. Weihnachten. Heilige Damm, s. Damm 3) u. 4). Heilige drei Könige, s. Drei Könige. Daher Heilige drei Königsthaler, Thaler mit Abbildung der Anbetung der heiligen drei Könige; man hat deren von der Stadt Köln von 1512—16, vom Domcapitel daselbst von 1688—1761, auch auf einer römischen Doppia des Papstes Leo X. Heilige Familie, Gemälde oder plastische Gruppe, darstellend Jesus als Kind nebst seinen nächstenVerwandten; ursprünglich nur das Christuskind mit der Madonna, später auch mit Joseph, Elisabeth, Anna (Marias Mutter) u. Johannes dem Täufer, u. in der altdeutschen Malerei sogar mit den 12 Aposteln. Unter allen Gemälden dieser Art zeichnen sich die von Rafael, Leonardo da Vinci und Correggio besonders aus. In denen Leonardos fehlt meist der hl. Josef; Rafael zog den Kreis bald enger, wie in seiner Lelis zar- äiuisrs und seiner Madonna mit dem Stiegelitz, bald weiter wie in seinem Münchener Bild u. in der großen Madonna Franz' I. Regnet. Heiliges Feuer, 1) (Judenth., Feuer des Altars), ein auf dem Brandopferaltar beständig unterhaltenes Feuer, mit welchem man alle Opfer anzüudete; 2) so v. w. Antoniusfeuer; 3) hitzige Krankheit der Schafe, rothlaufartige, leicht in Brand übergehende Entzündung der Haut; u. der Pferde, schnell brandig werdende Entzündungsge- schwulst, auf dem Rücken od. an anderen Theilen. Heiliger Geist (Lxiritus sauotus), bedeutet im A. T. (als göttlicher Geist, Geist Gottes, Geist des Herrn) überhaupt den bildenden u. belebenden Hauch Gottes in der Natur u. Geisterwelt (bes. in der Schöpfungsgeschichte), daher auch das Leben, als von Gott geschenkt, ohne daß hierbei immer an ein von Gott als dem Schöpfer zu unterscheidendes göttliches Subject gedacht wird. Im N. T. wird er theils als Person neben dem Vater u. dem Sohn, theils als Kraft und Gabe Gottes bezeichnet, durch welche Christus seine Wunder u. sein gesummtes Erlösungswerk vollbrachte. Seinen Aposteln verhieß Jesus die Sendung des H-n G-es nach seinem Weggang von ihnen, damit sie derselbe in dem Bekenntniß seiner Lehre erhalte u. in der Ausbreitung derselben leite n. kräftige u. damit er sie, wenn er selbst nicht mehr bei ihnen wäre, in alle Wahrheit zu dem führen sollte, was er ihnen bei seinem eigenen Umgang mit ihnen noch nicht gesagt habe. In dieser Beziehung heißt der H. G. im N. T. Parakletos, d. i. (nicht, wie es Luther übersetzt, - Heiliger Geist. Tröster, sondern) Beistand, Vertreter, Berather. Die Mittheilung des H-n G-es an die Jünger (Ausgießung des H-n G-es) geschah (nach dem aus späterZeit stammendenBericht derApostelgesch.) unter wunderbaren äußeren Zeichen am Pfingst- feste nach der Himmelfahrt Jesu. In der Kirche wurde frühzeitig unter Bezugnahme auf die Tauf- formel, auf den sog. apostolischen Gruß, auf die Verkündigung an die Maria, der H. G. werde über sie kommen, und auf Niederlassen des H-n G-es auf Jesus bei der Taufe in Gestalt einer Taube, die Persönlichkeit des H-n G-es gelehrt, was zur Feststellung des Dogmas von der Trinität führte. Ein heftiger Streit entstand aber später über das Verhältniß des H-n G-es zu den beiden anderen Personen der Trinität, dem Vater u. dem Sohne. Nach der Meinung der alten Kirche war der H. G. dem Vater u. dem Sohne untergeordnet, u. was das Ausgehen des H-n G-es anlangt, so lehrte die Formel des Nicäno-Constantinopoli- tanijchen Symbolums, daß er vom Vater (a patrs) ausgehe; aber 589 wurde auf dem dritten Tole- danischen Concil in der Spanischen Kirche der Zusatz u. vom Sohne (ülioguo) gemacht u. seit dem Ende des 8. Jahrh. in der ganzen abendländischen Kirche angenommen. Die Griechische Kirche erklärte sich besond. wegen Joh. 15, 26 entschieden gegen Liesen Zusatz, und so wurde dieser Punkt einer der Hauptgründe der gänzlichen Scheidung der Orientalischen von der Occidentalischen Kirche. Man dachte sich übrigens das Ausgehen, im Gegensatz zu der Zeugung des Sohnes durch den Vater, durch ein Aushauchen (Lxiratio aetiva) des Vaters und des Sohnes geschehen. Die Protestantischen Kirchen haben den Zusatz in ihren Symbolen beibehalten. Die Wirksamkeit des H-n G-es in den Menschen bei der Wiedergeburt (Berufung, Erleuchtung, Besserung, Heiligung u. Bereinigung mit Gott) ist dasselbe, was auch die Gnadenwirkungen genannt werden, u. deren Hervorbringung von der Kirchenlehre in eine bestimmte Ordnung gebracht ist (Gnadenordnung) und wozu sich der H. G. bestimmter Mittel (Gnadenmittel) bediene, s. u. Gnade. Dies zu bewirken, wird von der Kirchenlehre dem H-n G. ein vierfaches Amt (OW- cium Spiritus ss-ueti) zugeschrieben: a) das Ol'ü- oium spauortttotisum, sofern die Menschen durch den H-n G. zur Erkenntniß ihrer Sündhaftigkeit erweckt; t>) 0. äiäasoallum, sofern die Menschen durch ihn von der Wahrheit des Evangeliums belehrt; o) 0. xasäsutioum, sofern die Menschen durch ihn zur Herzensbesserung geführt; ck) 0. xaraolstloum, sofern die gebesserten Menschen durch ihn in Leiden mit der Hoffnung auf einstige Seligkeit getröstet werden. Die strengeren Lutheraner schreiben nach der Concordienformel dem H-n G. die Bekehrung des Menschen ganz allein zu, die Katholiken, Arminianer und Mennoniten lassen den natürlichen Willen des vom H-n G. erweckten Menschen Mitwirken. Die mildere Auf- fassungMelanchthons, gegenüber den strengen Lutheranern, veranlaßte die Synergistischen Streitigkeiten. Die Darstellung des H-n G-es in Gestalt einer schwebenden Taube gründet sich auf das oben erwähnte Ereigniß bei Jesu Taufe. Vgl. A. Kahms, Die Lehre vom H-n G., Lpz. 1847. Heppe.' 129 Heiligen Geists-Archipel Heiligen Geists-Archipel (Heiligen Geists- Inseln, Neue Hebriden, Quirosarchipel, franz. Xroblpsl du Lainb-ÜZprit), Inselgruppe im südwestlichen Polynesien, vom 14."—21.« s. Br. u. 184."—188." ö. L. (von Ferro); besteht aus 6 größeren u. zahlreichen kleineren Inseln, ungefähr 14860 Hstcm (270 jUsM) groß; meist gebirgig u. theilweise vnlcanisch, größtentheils sehr fruchtbar, im Innern dichte Waldungen; Klima heiß, aber durch die Seeluft gemildert; Producte, die gewöhnlichen von Polynesien (s. d.); die Einwohner (gegen 10,000, andere Schätzungen zu hoch gegriffen) gehören dem Australnegerstamm an, sind mißtrauisch, kriegerisch, roh, sehr lebhaft u. stehen bis jetzt noch zumeist in feindseliger Beziehung zu den Europäern; das Christeuthum einzuführen war anfangs schwierig, doch bestehen jetzt mehrere Missionsstationeu. Die bedeutendsten Inseln und Gruppen sind von N. nach S.: die Heiligen Geists-Insel (die größte Insel des ganzen Archipels), Aurora, Malikolo, Ambrim, Sandwich, Erromango u. Tanna. — 1606 entdeckte Quiros die Heiligen Geists-Insel (weshalb auch die ganze Gruppe Quirosarchipel genannt wird), aber seine Bestrebungen, hier eine Niederlassung zu gründen, hatten keinen Erfolg. 1768 landete Bougainville von Neuem und nannte die Gruppe die Großen Cycladen. 1773 besuchte sie Cook u. nannte sie New Hebridcs. 1788 scheiterte Laperouse an den Felsenriffen von Malikolo. 1827 besuchte den H. der englische Capitän Dillon und 1828 Dumont d'llrville. Arendts.» Heiligen Geists-Insel, so v. w. Espiritu Santo 3). Heiligen Gcistes-Orden, 1) Orden des Hei. ligen Geistes von Montpellier (in Italien Orden des H. Geistes äi Lasms,), gestiftet 1178 von Guido von Montpellier für Nitterhospitaliter unter St. Angustins Regel ohne Priester; 1204 zur Übernahme des Spitals di Sassia nach Rom berufen U. mit Geistlichen versehen. Papst Pius II. hob 1459 die Ritter des Ordens auf, in Frankreich aber blieben die Ritter, stellten 1692 dem König ein eigenes Regiment, wurden 1693 förmlich wiederhergestellt, aber 1700 in reguläre Chorherren verwandelt. Auch Regulirte Chorfrauen des Heiligen Geistss"wurden früh dem Orden beigegeben u. bestehen noch zum Theil. 2) Orden des Heiligen Geistes in Frankreich (Blaues Band, Iw ooräon blsu), früher erster Orden Frankreichs u. einer der vornehmsten in Europa. Heinrich III., König von Frankreich, zu Pfingsten 1551 geboren, 1573 zu Pfingsten zum König von Polen erwählt, u. 1574 zu Pfingsten König von Frankreich geworden, sah dies Fest als ein ihm bes. günstiges an u. stiftete daher am 30. Dec. 1578 den Orden des Heiligen Geistes. Die Erlangung dieses Ordens setzte das Bekenntniß des Katholischen Glaubens n. den Besitz des Michaelsordens, sowie den Nachweis von 8 Ahnen voraus. Er enthielt nur Eine Klaffe, u. ohne Auswärtige 100 Mitglieder. Die 30 Ältesten erhielten aus der Dotation des Ordens 6000 u. die übrigen 3000 Frcs. jährlich u. Festkleidung,Auswärtige nichts. Ordens- zeichen: ein grünes Kreuz mit goldenen Linien in den vier Winkeln. In der Mitte schwebt eine PiererS Universal-ConversastonS-Lerikon. K Aust. X. t — Heiligen Grabsorden. weiße Taube niederwärts; auf der Kehrseite das Bild des Erzengels Michael, wie er den Drachen niedertritt. Devise Ouoo et auopioo. Band: himmelblau, von der Rechten zur Linken, auf der Brust ein silberner Stern, wie die Vorderseite des Ordenskreuzes. Ordensfest den 1. Januar. Von 1792—1814 war er erloschen. Ludwig XVIII. erneuerte ihn wieder, aber Louis Philipp hob ihn durch Decret vom 10. Febr. 1831 wieder auf. 3) Hospitaliter- u. Hospitaliterinuen-Brüderschaftcn znm Heiligen Geist in Frankreich; gestiftet 1254 u. als weltliche Vereine dem Orden des Heiligen Geistes von Montpellier beigesellt. Die Hospita- literinnen (wegen ihrer weißen Tracht im Volke gewöhnlich Weiße Schwestern genannt) bestehen noch zahlreich u. sind thätig für Mädchenerziehnng, Kranken- und Armenpflege. 4) Missionspriesterverein zum Heiligen Geist; gestiftet 1700 von Abbe Desplaces und Vincent le Barbier, 1793 vom König autorisirt, für Seminarien, Missions- dieust u. Spitalpflege; ist über viele Häuser aus- gcbreitet, durch Missionen in Amerika, Indien, China, Afrika rc. wirksam, 1805 von Napoleon neu begründet, wurde 1816 reich begabt; besteht noch fort, aber ohne Zuschuß vom Staat. 5) Schwestern des Heiligen Geistes zu Poligny; Hospitaliterinnen, 1212 gestiftet, ein Nebeuzweig der Weißen Schwestern (s. oben 3); über einige Provinzen verbreitet n. sehr thätig. Löffler.» Heilige Gesellschaft (Chebra Kadischah), Verein bei den Juden, in allen Gemeinden bestehend, zur Erfüllung einer der höchsten Pflichten der jüdischen Religion, der Menschenliebe. Solche Vereine setzen sich zur Aufgabe, Kranke zu Pflegen u. ihnen helfend beizustehen, Alles zu thun, was zur Bestattung der Todteu gehört, kurz Alles zu thun, was die Pflichten der Menschenliebe gebieten, welche nach dem Talmud alle Pflichten der Religion aufwiegt. Fürst. Heiliges Grab) s. u. Jerusalem. Heiligen Grabsorden, I) Orden regulirter Chorherren vom H. Grab, gestiftet 1114 von Arnold, Patriarch von Jerusalem, über ganz Europa verbreitet; 1495 aufgehoben. 2) Regulirte Chorfrauen vom H. G., von demselben Stifter, sehr verbreitet u. wie die Chorherren 1637 vom Papst Urban VIII. mit einer neuen Regel begabt; jetzt bestehen sie noch in Holland, Frankreich und Baden; sie leben in strenger Clausur u. beschäftigen sich nun mit der Erziehung junger Mädchen, wodurch sie ihren Unterhalt erwerben. 3) Geistlicher Ritterorden vom H. Grab zu Jerusalem, gestiftet 1496 vom Papst Alexander VI. zur Beschwichtigung des über die Aufhebung der Chorherren vom H. G. sehr erbosten Adels; Zweck: Beförderung der Wallfahrten zum Heiligen Grabe rc. Großmeister der Papst, Stellvertreter der Guardian der Fraiwiscaner zu Jerusalem. Der Orden verbreitete sich über ganz Europa, erlosch im 18. Jahrh., aber Ludwig XVIII. nahm ihn am 19. August 1814 als königlich französischen Orden wieder auf. Das Jahr 1830 machte ihm ein Ende. 4) Geistlicher Ritterorden vom Heiligen Grab in England, angeblich gestiftet 1174 von König Heinrich II. von England; ging 1535 wieder ein. Löffler.» 9 130 Heiligen Herzcnsordcn — Heilige Schaar. Heiligen Hcrzensorden, 1) Augustinische Chorfrauen zum H. H. (Asksckrives genannt), gestiftet 1823 zu Portiers von Abbe Coudrin und der Dame Eymer de la Chevalerie, zur Verehrung der Herzen Jesu und Mariä durch ununterbrochenen Anbelungsdienst, für Freischulen u. Pensionate; innigst verbunden milden 2)AugustinischenChor- berren zum Heiligen Herzen, gleichzeitig gestiftet. Beide Anstalten besitzen reiche Mittel. 3) Con- qregation des H. H. oder des Glaubens Jesu, s. Damen 1). 4) Töchter des H. H. Mariä, gestiftet 1833 von den Schwestern Meschain zu Niort, für Ernährung und Erziehung von Waisen bis zu deren 18. Jahr. Heiliges Herz Jesu. Der Cultus desselben ist von der Nonne Maria Alacoque (geb. 1647) vom Orden der Heimsuchung im Kloster Paray le Mo- nial erfunden. Sie wollte 2 Jahre nach ihrem Proseß von Christus in menschlicher Gestalt besucht worden sein. Sanft habe er, erzählte sie, sein Haupt ans ihrer Brust ruhen lassen u. ihr znm ersten Mal die unaussprechlichen Geheimnisse seines Herzens entdeckt, hierauf ihr eigenes Herz ge- fordert u. in das seinige gelegt. Durch die Seiten- wunde sah sie das Herz des Heilandes, einem brennenden Schmelzofen gleich, worin ihr Herz wie ein kleines Atom erschien. Christus habe dann dasselbe flammend wieder in ihre Seite gelegt u. sie zur Erbin seines Herzens für Zeit u. Ewigkeit eingesetzt mit dem Recht freier Verfügung über die Schätze desselben zu Gunsten jedes derselben Würdigen. Durch ihren Beichtvater La Colombiere wurde die Sache bekannt gemacht und die besondere Andacht zum Herzen Jesu begründet. Dieser Cultus ist seitdem Specialcultus der Jesuiten geworden, besonders der Französischen, die ihn seit 1870 aufs Eisr' sie üben. Am 16. Juni 1875, dem 200jährigen Gedächtnißtage der Maria Alacoque, dem 30. der Erhebung Pius' IX. aus den päpstlichen Stuhl, hat derselbe die ganze Welt diesem Cultus geweiht. S. Huber,Gesch.derJesuiten. LM-r. Heiligen Kreuzes, Töchter des, 1) gestiftet 1625 von Frau von Villeneuve u. Pfarrer Guerin zu Roge in der Picardie, 1640 als Congregation förmlich constituirt, zu gemeinschaftlichem Leben n. Unterricht junger Mädchen. Über viele Städte Frankreichs u. Canadas mit ihren Anstalten (Her- bergen) verbreitet. Tracht: Rock, Leibchen und Schleier schwarz, weißes Halstuch, ein silbernes Kreuz auf der Brust. 2) auch 1634 von Guerin, als weltlicher Verein ohne Gelübde, für dieselben Zwecke u. mit derselben Tracht, gestiftet; besteht noch; 3) gestiftet 1639 von Marguerite Senaux de Garibal zu Toulouse, sür beschauliches Leben n. gute Wecke, speciell zu Verbreitung christlichen Sinnes bei dem weiblichen Geschlecht, Unterweisung u. Versorgung armer Mädchen zum Spitaldienst. Ziemlich verbreitet, arbeiteten sie in Paris sogar während der Revolution fort und wurden 1816 wieder als Congregation anerkannt. Heilige Kriege, d. h. in der griechischen Geschichte wegen Verletzung heiliger Orter geführte, drei der Zahl nach; der erste um 590 v. Chr. gegen die Krissäer, welche die Umgegend und den Tempel von Delphi geplündert hatten; der zweite gegen die Phokenjer 355—46 v. Chr., welche sich Delphisches Tempelgut angeeignet hatten; in diesen mischte sich schon Philipp von Makedonien; der dritte gegen die Lokrischen Amphissäer 340 bis 338 v. Chr., der dem König Philipp Gelegenheit zur entscheidenden Betheiligung an Griechenlands Geschicken gab. Die H-n K. unterscheiden sich dadurch von den anderen Kämpfen griechischer Stämme, daß sie auf Befehl der Amphiktyonie (s. d.) geführt u. die davon Betroffenen dem vollständigen Verderben preisgegeben wurden; die beiden letzten, übrigens mehr politischer Natur, haben sich sür Griechenland äußerst unheilvoll erwiesen. Thielemann. Heilige Krone (Krone des heiligen Stephan), die noch jetzt bei der Krönung des Königs von Ungarn gebrauchte Krone, welche schon der heilige Stephan getragen haben soll. Die H. K. ist deshalb von großer Wichtigkeit, weil nach einer alten Prophezeiung Derjenige als legitimer Herrscher Ungarns angesehen werden muß, welcher, das Haupt mit ihr bedeckt, auf dem Krönungshügel zu Preßburg stehend, das -Schwert St. Stephans nach allen 4 Weltgegenden schwingt. Sie wurde nebst den übrigen Kroninsignien nach der Unterdrückung des Ungarischen Jnsurrectionskampfes (1849) von Kossuth in der Nähe von Orsowa vergraben, aber dort am 8. Septbr. 1853 durch von Karger wieder aufgefunden, am 19. Septbr. nach Wien übergeführt, dort von dem Kaiser Franz Joseph entgegengenommen u. nach Ofen zurückgebracht. Am 8. Juni 1867 wurde sie dem Kaiser Franz Joseph als König von Ungarn aufs Haupt gesetzt. Heiliges Land, so v. w. Palästina. Heilige Linde (poln. Swienta Lipka), Marktflecken im Kreise Rastenburg des preuß. Regbez. Königsberg, in schöner Waldgegend an der Grenze des Ermlandes; die prachtvolle Kirche des dasigen Klosters mit vortrefflicher Orgel u. einer silbernen Bildsäule der Maria ist Hauptwallfahrtsort der Katholiken in der Provinz Preußen; Leinwandmärkte; 400 Ew. Heilige Nacht, 1) eigentlich die Nacht vor dem Weihnachtsfeste; auch 2) so v. w. Osterabend. Heiliges Officium, so v. w. Inquisition. Heiliges Oel, so v. w. Chrisma 2). Heiliger Rock, Reliquie in Trier. Heiligcsrömisches Reich deutscherNatio», Benennung Deutschlands unter der Reichsverfassung bis 1806. Heiliger Sabbath, der Sonnabend in der Charwoche (s. d.). Heilige Schaar (gr. 'ckrgär -iö/or), 1) 300 Thebaner, aus lauter einander auf Leben u. Tod ergebenen Freundespaaren bestehend, welche, lange durch Tapferkeit u. Kriegsglück ausgezeichnet, bei Chäronea (338 v. Chr.) gegen Philipp von Makedonien fielen. 2) (Hierolochiten) der Kern des 1821 von Alex. Dpsilantis theils in die Moldau mitgebrachten, theils dort gewonnenen HeereS, womit er den Griechischen Freiheitskampf in den Donaufürstenthümern begann u. fortsetzte. Sie bestand aus griechischen Jünglingen, zum Theil Söhnen der ersten Familien der griechischen Nation, der Fanarioten rc., unter denen viele von deutschen Universitäten herbeigeeilt waren, um am 131 Heilige Schrift - Kampfe theilzunehmen, n. aus Hetäristen; betrug aber nie mehr als einige Hundert Mann, von Lenen übrigens die meisten keine besondere Kriegsübung, aber desto mehr Begeisterung und aufopfernden Patriotismus hatten. In dem Treffen bei Drachagan am 7. (19.) Juni 1821 fielen sie fast alle mit ihren beiden Führern Dimitrios Sutsos u. Spiridon Draknlis. Hmn--Am Rhyn.' Heilige Schrift, s. v. w. Bibel. Heilige Stätten, s. u. Jerusalem. Heilige Synode, f. n. Griechische Kirche. Heilige Woche, so v. w. Charwoche. Heiligenbeil (poln. Swienta Siekierka), 1) Kreis im preuß. Regbez. Königsberg, durchschnitten von der Ostbahn; 1135,4g lUlcm (20,gz HZM) mit (1875) 45,647 Ew. 2) Stadt darin, an der Jarft u. Bahnau, Station der Ostbahn, Fabrikation berühmter Drechslerwaaren; 1875: 3358 Ew. Hier verehrten die heidnischen Preußen unter einer großen Eiche ihren Gott Churcho. Als die Christen unter Anselm die heilige Eiche umhieben, sprang angeblich beim ersten Hiebe das Beil zurück und verwundete den Arbeitenden; daher der Name der Stadt. H- Berns. Heiligenberg, 1) KirchdorfimAmtsbez. Pfullen- dorf des badisch. Kreises Konstanz, Hauptort der gleichnam. Standesherrschast; schönes Schloß (im großen Saale desselben eine prächtig geschnitzte Holzdecke aus dem 16. Jahrh.), Park mit ausgezeichneter Rundsicht; 600 Ew. 2) S. Heidelberg. Heiligenbilder, Abbildungen od. Statuen von Heiligen in Hausern, auf Straßen rc.: vgl. Heilige u. Bilderdienst. Heiligenblut, Dorf im Bez. Spital des österreich. Herzogthums Kärnten, eins der höchst gelegenen Alpendörser, 1295 m ü. d. M., an der Möll u. am Fuße des Nauriser Tauern u. des Großglockner; hat eine 1483 erbaute Kirche mit fehenswerthen Flügelthüren u. der unterirdischen Kapelle des St. Briccius, in welcher ein Fläschchen des heil. Blutes Christi, das der Heilige aus Constantinopel mitgebracht haben soll, aufbewahrt wird (daher auch der Name des Ortes); Gold- u. Silberbergbau; 1016 Ew. H- Berns. Heiligcnfeste, die Festtage, welche man zu Ehren der Märtyrer und Heiligen begeht und an welchen man ihnen Verehrung erweist. In den ersten zwei Jahrhunderten findet man sie nirgends, dagegen sind sie schon dem 3. u. 4. Jahrh. bekannt, wo die Gläubigen sich an bestimmten Tagen des Jahres versammelten, beim Gottesdienste den Todestag eines Märtyrers oder Heiligen als Geburtstag für den Himmel feierten und sich zur Nachahmung aufmuuterten. Nur der Geburtstag Johannis des Läufers wurde gefeiert. Im 5. Jahrh. feierte man schon die Tage der Reinigung, der Verkündigung, der Empfängniß, im 6. Jahrhundert den Tag der Himmelfahrt Mariä (s. Marienfeste); im 7. Jahrh. das Fest Mariä Geburt, das Fest aller Heiligen u. aller Seelen rc. Ablesung der Legenden von diesen Heiligen, Lobreden aus u. Gebete an dieselben und auch wol Aussprechung des Banns in ihrem Namen über die Ketzer waren die hauptsächlichsten Stücke der Liturgie an diesen Tagen, zu welchen die Messe Noch trat. Die Reformatoren behielten nur die - Hciligcnschrein. Feste solcher Heiligen bei, deren Namen die Bib lische Geschichte nennt, also die Marienfeste, das Stephanus-, Johannisfest u. die Aposteltage. Auch diese sind aber jetzt in protestantischen Ländern fast überall theils abgeschafft, theils auf die nächsten Sonntage verlegt. Den Gedächtnißtag der einzelnen Heiligen weisen die LlartxroloAia u. die OabaloAi Sanotorum nach, auch die den Brevia- rien u. Meßbüchern gewöhnlich Vorgesetzten Kalendarien. In neuerer Zeit hat auch die katholische Kirche die öffentlichen H. sehr beschränkt, s. u. Fest. Heiligengeschichte, s. v. w. Leta. ganoborum. Heiligenyafen (Hilgenhavene), Stadtim Kreise Oldenburg der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, an der Ostsee (der Insel Fehmarn gegenüber); alte Kirche, Hafen, gute Rhede, Eisengießerei u. Maschinenfabrik, Schiffbau, Schifffahrt, Fischerei; 1875: 2279 Ew. Hier 21. Juli 1850 Seegefecht zwischen den Dänen und Holsteinern. Heiligenkreuz, 1) Dorf mit,850 Ew. im Bez. Baden des Erzherzogthums Österreich unter der Enns; hier die 1134 von Leopold lV. gestiftete Cistercienserabtei, die älteste in Oesterreich, mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten, Bibliothek (20,000 Bände), Bildergalerie, Archiv, Kunst- u. Naturaliencabinet, botanischem Garten. Es befindet sich hier eine theologische Hauslehranstalt u. ein Gymnasial - Convict. Vgl. Weis, Urkunden des Cistercienserstiftes H., 2 Thle., Wien 1853—59. 2) (ital. Sta. Croce, slav. Sv. Kriz) Stadt im Bez. Görz des österr. Küstenlandes; altes Bergschloß, Kapuzinerkloster; 2390 Ew. H- Berns. Heiligenlegende, s. Legende. Heiligenschein (Glorie, Himbus, LursAn), 1) der Licht- (Strahlen-) Schein, welcher Bilder u. Statuen göttlicher od. heiliger Personen umgibt. Man unterscheidet Nimbus, wenn er nuys das Haupt, Aureola dagegen, wenn er die ganze Gestalt umstrahlt. Das Christenthum gibt die letztere nur den göttlichen Personen der Dreieinigkeit u. der Heiligen Jungfrau, Gott dem Vater in Form eines Dreiecks, dem Sohne rund mit ein- gezeichnstem Kreuz, den Nimbus dagegen auch den Aposteln, Engeln, Propheten u. Heiligen. Die Glorie kommt schon auf alten indischen Denkmälern u. bei den Ägyptern, ebenso bei den Griechen u. Römern vor. In der Plastik findet sich der H. bald als Ring, bald als Strahlenkranz am Hinterhaupt angebracht. 2) In der Meteorologie bezeichnet man als H. oder Glorie den Hellen Schein, mit welchem man am frühen Morgen bei Hellem Sonnenschein auf stark bethauten Wiesen den Schatten seines eigenen Kopfes umgeben sieht. Die Sonnenstrahlen werden nämlich ans der den Hintergrund jedes Tropfens bildenden Fläche eines Blattes zu einem hellleuchtenden Sonuenbildchen vereinigt, welches der Beobachter durch den dem Schatten seines Kopfes zunächst befindlichen Tropfen, nicht durch entferntere, hindurch steht. O Lösfler. Heiligcnsrhrein, Schränke über den Altären, mit Flügelthüren, auch Diptyche genannt; die Thüren außen mit Gemälden geschmückt, innen mit geschnitzten Heiligenfiguren augefüllt; geöffnet wurden sie nur an Festtagen. Wenn sie bloß bemalte Tafeln sind, wie besonders seit dem 15. Jahrh., die ebenfalls zu verschließen, so heißen sie 9 * 132 Heiligenstadt - Flügelaltäre. Wandelaltäre heißen solche H. oder Flügelaltäre, wenn sie mit mehr als zwei Thüren versehen sind, sie heißen dann Triptyche, weil vermöge der verschiedenen Einrichtung der Flügel verschiedene derselben, entweder mit der Vorderoder Rückseite, sämmtliche oder nur einige in den Prospect des Altars gewendet werden können. I-- Heiligenstadt, 1) Kreis im preuß. Regbez. Erfurt, wird durchschnitten von der Linie Halle- Nordhausen-Münden der Frankfurt-Bebraer und der Linie Gotha-Leineselde der Thüringischen Eisenbahn; 433,55 H>üin (7,g, UM) mit (1875) 37,946 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Leine, Station der Frankfurt-Bebraer Eisenbahn; Sitz des Landrathsamts, eines Kreis- und Schwurgerichts und eines bischöfl. Commissarius; eine evangcl. u. 2 kathol. Kirchen, Schloß, Gymnasium, Schullehrerseminar, 2 Waisenhäuser rc., Baumwollenweberei, Cigarren-, Papier- u. Knochenmehlfabrikation, Steinbrüche; Freimaurerloge: Tempel der Freundschaft; (1875) 5201 Ew. In der Nähe der Wasserfall Scheuche, das anmuthige Pferdebachsthal u. die Weinrichs- höhe. H., angeblich von Dagobert über der Gruft des von den Thüringern erschlagenen BischofAureus von Mainz erbaut, war sonst die Hauptstadt des Eichsfeldes, wurde 1022 von dem Erbischof von Mainz erworben, kam 1103 an Heinrich den Stolzen, fiel aber nach der Achtserklärung Heinrichs des Löwen an Mainz zurück, brannte 1333 ab, wurde 1478 vom Grafen Heinrich dem Jüngern von Schwarzburg u. 1525 vom Herzog Heinrich von Braunschweig eingenommen u. kam 1803 an Preußen. 3) Ort im Commissariatsbez. Döbling des Erzherzogrh. Österreich unter der Enns, einer der nördl. Vororte Wiens; Fabrikation von Par- quetthöden, Wachsleinwand, Wachstafset rc., Mineralquelle (schon den Römern bekannt), Bade- u. Schwimmanstalt, Steinbrüche, ausgezeichneter Weinbau (Kaiser Probus soll hier die ersten Reben haben pflanzen lassen); (1875) 4889 Ew. Hier starb 482 der heil. Severin. H- Berns. Heiligenverehrung, s. u. Heilige. Heiligkeit (Lauolütas). s. Heilig. Das Wort ist auch Prädicat des Papstes, der als Oberhaupt der Katholischen Kirche Allerheiligster Vater in Christo, Lanetissims kator im Eingang, Lano- titas Vsstra im Context genannt wird. Heiligkreuz, Dorf u. Badeort im Bez. Innsbruck der gefürsteten Grafschaft Tirol u. Vorarlberg (Österreich), 2km von Hall; Soolbäder (die Soole dazu wird von Hall bezogen), schwefelhaltige Mineralquellen, Badeanstalt; etwa 150 Ew. Heiligsprechung, s. u. Heilige. Heiligthüuier, alle Sachen oder Orte, welche für heilig gehalten werden; besonders der Gottesverehrung geweihte Gebäude. Heiligthumfest (^satum armorum OIrrluti), Fest am Freitag nach der Osteroctave, zur Ehre der Marterwerkzeuge Christi. Heiligung, 1) Absonderung von gemeinem Gebrauch u. Bestimmung zu religiösem Gebrauch. 2) H. des Namens Gottes, im Gegensatz zu dem Mißbrauch des Namens Gottes, begreift Alles in sich, was zur Verehrung des göttlichen Wesens u. der Person Gottes gehört; im christlichen Religionsunterricht wird bei dem zweiten — Heilsbronn. (bezw. in der reform. Kirche bei dem dritten) Gebot und bei der ersten Bitte davon gehandelt. 3) Die Hervorbringung der Sinnesänderung u. der rechtmäßigen, von Gott gewollten Herzensbeschaffenheit im Menschen. Sie ist lediglich ein Werk Gottes, der die Heiligung und Erneuerung des Menschen durch den heil. Geist bewirkt, was jedoch nur dann möglich ist, wenn der Mensch der göttlichen Gnadenwirkung nicht widerstrebt, sondern sich ihr willig überläßt. Die H. besteht in einem auf Buße und Glauben beruhenden Gemeinschaftsleben mit Gott, durch welches die widergöttliche Selbstsucht und die Macht der Sünde im Menschen mehr n. mehr erlödtet wird. Die Katholische Kirche nimmt die H. als eins mit der Rechtfertigung, die Protestantische Kirche aber betrachtet beide als verschiedene Heilsmomente, und zwar die Rechtfertigung als einmaligen Act des Gerechlsprechens u. die H. als ein allmählich zur Vollendung fortschreitendes Werk. 4) Im Judenthum ist die H. der Sonne (hebr. Riddusch ha Chamah) ein Lobgebet am Ende eines jeden Cyklus von 28 Jahren, wo man die Sonne wieder auf demselben Platze sehen soll, wie bei Erschaffung der Welt; eigentlich Ausgleichung des Sonnen- u. Mondjahres, z. B. im Jahr 1841; dagegen die H. des Mondes (Einsegnung des Mondes, hebr. Riddusch Lebanah), ein monatliches Lobgebet über die Erneuerung des Mondes, an einem Abende der ersten zwei Viertel, im Angesicht desselben, daher meist im Freien u. gewöhnlich nach Beendigung des Nachtgebetes, in der aus der Synagoge kommenden Versammlung. Heppe.' Helling, Hans, nach böhmischer Sage Erdoder Berggeist, welcher eine Sterbliche liebte, dieselbe ehelichte, aber, von Eifersucht verzehrt, sie u. ihre Umgebung in Felsen (Hans Heilingsfelsen) verwandelte, welche noch jetzt zwischen Karlsbad und Elnbogen zu sehen sind. So der Inhalt der gleichnam. Oper von Marschner; etwas modificirt die Novelle von Th. Körner. Heilkunde u. Hcilkunst, s. w. Arzneikunde u. Arzneikunst; Heilmittel und Heilmittellehre, s. v. w. Arzneimittel n. Arzneimittellehre. Heilmethode, s. v. w. Therapie. Heilquellen, s. v. w. Mineralquellen. Heilsame Clausel (0. salutariu), s. u. Clausel. Heilsberg, 1) Kreis im preußischen Regbez. Königsberg, 1074„, Hsitm(19,s,fDM) mit (1875) 53,947 Ew. 2) Stadt darin, am Einfluß der Simser in die Alle; höh. Knabenschule, Schloß des Bischofs v. Ermeland,Armen-u. Krankenhaus, Bierbrauerei, Getreidehandel, Acker- und Flachsbau, Mühlen; (1875) 5770 Ew. Die alte Burg wurde um 1240 von den deutschen Rittern angelegt, ward später Eigenthnm der Bischöfe des Ermelandes, die seit 1306 darin residirten. Neben der Burg entstand 1306 die Stadt, welche 5 Jahrh. lang Residenz der Bischöfe u. Sitz der obersten Landcs- behörden des Ermelandes war. Hier 10. u. 11. Juni 1807 zwischen den Franzosen unter Napoleon u. den Russen unter Bennigsen blutige Schlacht, in welcher die Russen ihre Stellungen behaupteten, ^ später aber auf Fricdland zurückgingen. H- Berns. Heilsbronn (Kloster H.), Marktflecken u.Haupt- ort in dem 298,„ fificm (5,., f^M) mit (1875> 133 Hcilsordnung k 16,804 Ew. umfassenden Bezirksamt Heilsbronn ? des bayer.Regbez.Mittelfranken,an derSchwabach, Station der bayer. Staatsbahn; ehemaliges Cister- cienserkloster, 1 132 von Bischof Otto von Bamberg gestiftet, 1555 aufgehoben, mit schöner Klosterkirche u. Denkmälern der Burggrafen von Nürnberg, die fast alle bis ans Albrecht Achilles (gest. 1486) hier begraben liegen; Mineralquellen, Obst-, Tabak- u. Krappbau; 1165 Ew. In H. bestand 1581—1736 eine Fürstenschule, die später nach Ansbach verlegt wurde. Vgl. Muck, Beiträge zur Geschichte von Kloster H., Ansb. 1859; Rehin, Ein Gang durch u. um die Münsterkirche zu Kloster H., das. 1875. H- Berns. Heilsordnuug (Oräo 8. Osvonomis, saiutis), s. Gnadenordnung unter Gnade. Heilungskosten, Kosten der Heilung einer Krankheit oder Verwundung (Honorar des Arztes u. Wundarztes, Medicamente u. verordnete Speisen, Lohn der Krankenwärter), sind zunächst von demjenigen zu tragen, für welchen sie aufgewendet werden, oder, wenn die Krankheit nicht schuldhafter Weise von einem Anderen verursacht worden war, von diesem. Die Kosten, welche die letzte KrankheiteinesVerstorbenen verursacht hat, genießen im Concurse nach allgemeinem Gerichtsgebrauch u. den meisten Particulargesetzen ein absolut privilegir- tes Vorzugsrecht vor anderen Forderungen. Heim, Ernst Ludwig, berühmter Arzt, geb. 22. Juli 1747 zu Solz, besuchte seit 1766 die Universitäten Halle, Jena, Leipzig, bereiste Deutschland, Holland, England, Frankreich, verwaltete seit 1776 daS Physikat in Spandau, ging 1783 nach Berlin, wurde Leibarzt verschiedener Fürstlichkeiten, impfte als einer der Ersten in Berlin die Kuhpocken u. starb als Veteran der Berliner Ärzte und Geh. Med. Rath seit 1799 am 15. Sept. 1834. Gelegentlich seines 50jährigen Doctorjubiläums wurde seine von Tieck verfertigte Marmorbüste ausgestellt. H. war der erfahrenste, umsichtsvollste u. ruhigste Praktiker seiner Zeit. Nach ihm wurde ein Moos Üz-pnnm (Oxmnostomnm) Usirnii u. eine meji canische Pflanze Leimig, genannt. Seine vermischten medicinischen Schriften wurden herausgegeben von A. Paetsch, Lpz. 1836. Thamhayn. Heimath, Geburtsort einer Person, dann Gemeinde, Land oder Staat, welchem die Person angehört. Heimathsrecht, der Inbegriff aller der Rechte, welche dem Angehörigen eines bestimmten Staates, dem Einheimischen od. Inländer, im Gegensätze zum Ausländer oder Fremden, zustehen, u. zwar: das Recht innerhalb des Staatsgebietes Wohnsitz n. ständigen Aufenthalt zu nehmen, einen eigenen Herd zu gründen, das Gemeindebürgerrecht zu erwerben, ein Gewerbe zu betreiben und sich ansässig zu machen. Auf Grund des H-s kann dann das Staatsbürgerrecht erworben werden. Siehe Bürger- und Staatsbürgerrccht. Erworben wird das H. durch Geburt von heimathsberechtigteu Eltern, durch Aufnahme od. Naturalisation, lieber die Heimathsberechtigung wird urkundlich der H e i- mathsschein von der "zuständigen Behörde ausgestellt. Das H. geht verloren durch Auswanderung, Erwerb des Jndigenats in einem anderen Staate, Eintritt in auswärtige Staats- od. Militär- — Heimburg. dienste, Verheirathung einer Inländerin mit einem Ausländer. S. Bundesindigenat. Staatsangehörigkeit. Heimbach, 1)Karl Wilh. Ernst, Rechtslehrer, geb. 29. Sept. 1803inMerseburg, studirteinLcipzig, wurde 1827 außerordentlicher Professor daselbst u. 1828 ordentlicher Professor der Rechte in Jena, schied aber 1832 aus dieser Stellung wieder aus und trat als nichtakademischer Rath in das Oberappellationsgericht daselbst ein: st. 4. Juli 1865. Er gab heraus Lasiiioornm libri XI,, Leipzig 1833—50, 6 Bde.; u. schr.: Lehrbuch des par- ticularen Privatrechts der zu den Oberappellationsgerichten zu Jena und Zerbst vereinigten Länder, Leipzig 1848, nebst Nachträgen, ebend. 1851—53; Erörterungen aus dem gemeinen und sächsischen Civilrechte ü. Civilprocesse, Jena 1849; Lehrbuch des sächsischen bürgerlichen Processes mit besonderer Rücksicht auf die zu dem Oberappellationsgericht zuJena vereinten Länder, Jena 1852 f., 2 Bde.; mit Ortloff, Schüler u. Guyet gab er heraus Juristische Abhandlungen und Rechtsfälle, Jena 1847. 2 ) Gustav Ernst, Rechtslehrer, Bruder des Vorigen, geb. 15. Nov. 1810 in Leipzig, widmete sich der Rechtswissenschaft und Philologie; 1830—34 unternahm er eine größere Reise nach Frankreich u. Italien, auf welcher er wichtige Beiträge zur Kenntuiß der antiken Rechtsquellen, bes. des Byzantinischen Rechts, sammelte, wurde 1840 außerordentlicher Professor der Rechte in Leipzig u. st. daselbst 24. Jan. 1851. Außer dem Antheil, den er an den von seinem Bruder herausgeg. Basiliken hatte, ließ er erscheinen Xuonz-mi über äs aotionibns, Lpz. 1830; Obsorvabiones zur. rom., ebd. 1834; kAi-exübra, ebd. 1838—40, 2 Bde.; Die Lehre von der Frucht, ebd. 1843; das Xnblrsnbionm, 1846 ff.: Die Lehre vom Crediium, ebd. 1849; Ausgabe des Llanuals isAum s. Lsxabiblos des Harmenopulos, ebend. 1851. Lagai.« Heimburg, Gregor, reformatorischer Rechtsgelehrter, geb. im Anfang des 15. Jahrhunderts in Würzburg, nahm theil am Basler Coucil, wurde dann Secretär bei Aneas Sylvins mit dem er die Übergriffe des Papstes bekämpfte, 1431 Stadtsyndicus in Nürnberg u. wegen seiner großen Rechtsgelehrsamkeit vielfach als Berather in staats- u. kirchenrechtlichen Angelegeheiten gebraucht; er stand an der Spitze der Gesandtschaft, welche die deutschen Kurfürsten 1446 wegen der Bannung der Erzbischöfe von Köln u. Trier nach Rom schickten, trat dann in die Dienste des Erzherzogs Sigismund von Österreich, für welchen er auf den Fllrstenconvent nach Mantua ging, wurde 1460 von dem Papst in den Bann gelhau, weil er seinen Herrn gegen den Papst vertheidigte, ging 1464 nach Böhmen zum König Podiebrad und 1471 nach Sachsen, wo er in Dresden lebte und Aug. 1472 starb, nachdem kurz vorher der Bann gelöst war. Er war ein heftiger Feind der Anmaßungen des Papstthums, ein geschickter Ber- theidiger der Selbständigkeit des Deutschen Reichs u. ein eifriger Vertreter des Studiums der Wissenschaften; seine Schriften erschienen als Leripta nervosa, jnris gustübiaogns pisna, Franks. 1608. Vgl. Pfizers Gedicht, der Deutsche (Gregor v. H.) 134 Heimchen - u. der Welsche (Äneas Sylvius), Stuttg. 1844; Merkel, G. v. H. u. Lazarus Spengler, Berl. 1856; Brockhaus, G. v. H., Lpz. 1861. Wffl-r." Heimchen, s. u. Grille. Heimdall (d. i. Weltglänzer, nord. Myth.), ursprünglich wahrscheinlich ein Gewittergott auch Hallinskldi genannt, einer der Äsen u. zwar der weiseste, Sohn Odins, in Anfang der Zeiten auf wnn- derbareWeise von neunWellenmävchen,Ögirs Töch- tern(Gjalp,Greip, Eistla, Angeyja, Ulsrun, Eyrgja- fa, Jmdr, Atla, Jarnsaxa), geb. u. mit der Erde Kraft ernährt, hatte goldene Zähne, daher Gullin- tanni (Goldzahn) genannt. H. war ein gütiger Lichtgott u. Wächter des Himmels, zu dessen Bewachung sein Palast Himinbjörg auf der Wölbung der Götterbrücke Bifröst gebaut war. Dort wurde ihm Alles, was ist, offenbar, weil er weniger Schlaf bedurfte als ein Vogel u. Tag u. Nacht gleich sah; er hörte sogar das Gras der Erde u. die Wolle aus den Lämmern wachsen. Sobald sich die geringste Gefahr für die Äsen regte, stieß er in sein Horm (Gjallarhorn), mit dem er auch bei Ragnarökr Götter und Einherjar znm Kampfe ruft. Loki nöthigte er das der Freya gestohlene Halzband (Brisingamen) wieder zu geben. Alle Sterbliche heißen H-s Söhne. Unter demNamen Rigr wandelte er einmal aus Erden u. setzte die 3 Stände (Sklaven, Freie u. Fürsten) ein. Sein Roß hieß Gulltopp r (Goldzopf, Goldmähne), sein Schwert H ö fut (Haupt); heilig war ihm der Widder. Raßmann. Heimfall, das Zurllckgehen einer Sache, Mo- bilie oder Immobilie, auch Rente an denjenigen, von welchem sie unter diesem ausdrücklichen Vorbehalte bestellt worden ist. Der H. tritt ein, wenn der die Sache rc. empfangen Habende stirbt, seine Familie ausstirbt, der Zweck, unter welchem die Beleihung, Bestellung geschehen, anfhört. Heimfall, des Lehns, Apertur, Zurückfallen eines Gutes au denjenigen, von welchem es mit diesem Vorbehalt zu Lehn gegeben worden, z. B. wenn der Stamm des Beliehenen erlischt. Heimfallsrecht (lluo albinaAÜ, franz. Droit ä'aubsins), das Recht des Fiscus, sich die Verlassenschaft, welche ein im Lande verstorbener Fremder bei sich hatte, mit Ausschluß aller gesetzlichen, testamentarischen oder vertragsmäßigen ausländischen Erben desselben, zuzueignen. In Deutschland ist dieses Recht, sowie die Beschränkung desselben aus eine Abgabe von dem durch Erbgang außer Landes gehenden Vermögen u. die Nachsteuer seit 1815 abgeschafft, dem Auslande gegenüber ist es nach u. nach durch Staatsverträge beseitigt worden. —t- Heimführung der Braut, s. u. Hochzeit. Heimliches Gericht, so v. w. Fehmgericht. Heimsheim, Stadt im Oberamte Leonberg des Württemberg. Neckarkreises, am Gotzenbach; 1875: 1299 Ew. — H., welches schon 965 erscheint, gelangte später an Württemberg. 1395 eroberte Graf Eberhard die Stadt u. nahm hier die sog. 3 Schleglerkönige gefangen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde H. abgebrannt u. 1692 u. 1693 von den Franzosen ausgeplündert. Hcimskringla, eine Zusammenstellung altnordischer Sagas aus der ersten Hälfte des 13. Jahrh. von Snorri Sturluson- ! — Heimweh. Heimsoeth, Friedrich, classtscher Philolog, geb. 10 . Febr. 1814 in Köln, studirte 1831—35 in Bonn u. wurde hier 1837 Privatdocent, 184S außerordentlicher u. 1865 ordentlicher Professor der elastischen Philologie u. Eloquenz u. erhielt 1876 die Direction des philologischen Seminars. Er veröffentlichten.A.: Die Wahrheit über den Rhythmus in den Gesängen der alten Griechen, Bonn 1846; Die Wiederherstellung der Dramen des Äschylus, ebd. 1861; dazu als Nachtrag: Die indirecte Überlieferung des äschyleischen Textes, ebd. 1862, worin er den Werth der Scholien für die äschyleische Textkritik betont; Kritische Studien zu den griechischen Tragikern, ebd. 1865. Heimstener (Dlmckgrxüiuin), die von der Frau nach deutscher Sitte in die Ehe gebrachte Aussteuer in beweglichen Sachen. Heimsuchung, 1) so v. w. Hausfriedensbruch; 2) Heimsuchung Mariä (Dostum visitatiouig Llarias), ein katholischer Feiertag, 2. Juli, s. u. Marienfeste. Heimsuchungsorden, 1) (Klosterfrauen von der Heimsuchung Mariä, Salesianerinnen, Barmherzige Schwestern, Dos Visitanckiuss) gestiftet 1610 von Franz von Sales u. Johanna Fran- cisca Beriot v. Chantal, zu Annecy, nach milden Regeln, in schwarzer weltlicher Tracht, ohne Clau- sur; für Krankenpflege, Erziehung u. Versorgung armer Frauen; 1618 zu einem regnlirten Orden unter St. Augustins Regel erhoben, bald über Frankreich, Italien, Deutschland rc. verbreitet. Die Schwestern theilen sich in drei Klassen: Chori- stinnen (Chornonnen) für den Chordienst in der Kirche, Zu- (Bei-) gesellte und Hausgenossinncn für die Verrichtungen in Schule u. Haus; Tracht: enger, vielfältiger schwarzer Rock, weite, bis über die Fingerspitzen gehende Ärmel, Schleier und Stirnbinde schwarz, als Vortuch eine weiße Barbette, darunter an schwarzem Band ein silbernes Kreuz. 2) (Schwestern der Heimsuchung in Irland) gestiftet 1758 von Miß Nano Nagle in Cork, für freien Unterricht u. Unterstützung armer Kinder, Kranker, Gebrechlicher; jetzt in mehreren Anstalten in Irland verbreitet. 3) (Schwestern der Heimsuchung) gestiftet 1793 von Marie Rivier u. Schwester Chantal zu Thueys bei Aubenas, für Kranken- u. Armenpflege, Erziehung von Waisen; in Frankreich. Löffler.» Heimweh (bkootalAia), die krankhaft gesteigerte Sehnsucht eines in der Fremde weilenden nach seiner Heimath, deren Gegenstand sowol die Eigeu- thümlichkeiten u. Schönheiten der heimatlichen Gegend allein, als auch die zurückgebliebenen Angehörigen u. Freunde sein können. Es stellt eine Vereinigung von Gemüthsverstimmung mit körperlichen Störungen (Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Berdau- ungsschwäche mit ihren nachtheiligen Einwirkungen) vor, ist als wirkliche Krankheit zu definiren, u. kann Gegenstand tierärztlichen Behandlung werden. Wenn die Gemüthsverstimmung das Primäre ist, so ist das einzige Heilmittel Zurückversetzung in die Heimath. Der Tod kann sehr wol durch H. eintreten. Wenn dagegen bei Eingewöhnung in fremde Verhältnisse, fremde Thätigkeit, verändertes Klima, ungewohnte Kost u. dgl. ein bei sehr vielen Menschen zu beobachtendes Acclimatisationsfieber mit 133 Hein — gastrischen Störungen auftritt, die dann eine leichte Verstimmung des Gemüthes und schließlich H. zur Folge haben, so ist die Heilung auch in der Fremde möglich. Die gezwungene Entfernung aus der Heimath mit der Unmöglichkeit nach freiem Willen znrückkehren zu können, hat einen erheblich größeren Einfluß auf die Entstehung u. Fortdauer des H-s als freiwilliger Aufenthalt in der Fremde. Das H. darf nicht verwechselt werden mit einer aus Unlust u. Unzufriedenheit mit den augenblicklichen Verhältnissen in der Fremde hervorgegangenen Mißstimmung. H. befällt nicht alle in der Fremde weilenden Menschen, u. es lassen sich überhaupt gar keine allgemeinen Regeln ausstellen über sein Vorkommen bei den verschiedenen Geschlechtern, Temperamenten, Alter rc. Die Meisten leiden wol nie daran, manchen befällt es, so oft er die Heimath verläßt. Manchen GebirgS- völkern, wie den Schweizern, Tirolern rc., schreibt man eine besondere Neigung zum H. zu, u. zwar vornemlich zum H. nach ihrer heimathlichen Gegend. Überaus wichtig, aber oft nicht genug gewürdigt ist die Beurtheilung des H-s vom forensischen Standpunkte, La es als ein abnormer Zu- stand der Seele die freie Willensbestimmung der Individuen beschränken u. Vergehen u. Verbrechen veranlassen kann, die dann in milderem Lichte zu beurtheilen sind. Nicht allzu selten ist H., namentlich wenn es unter dem Zwang unabänderlicher Verhältnisse entstand, Motiv zur Brandstiftung, Kindcsmorü rc. geworden, besonders wenn zu einem andauernden Zustande von H. noch ein Afsect hinzutritt gegen die vermeintlichen Urheber seines Leidens (Dienstherren, Vorgesetzte). Auch Selbstmord aus Heimweh ist schon wiederholt beobachtet worden. Auch bei Thicren sollen in der Fremde Erscheinungen zur Beobachtung kommen, die mit dem H. Ähnlichkeit haben; auch sie können bei einem neuen Herren die Nahrung verweigern, kränkeln u. schließlich hiusiecheu. Erlenmeyer. Hein (Freund H.), so v. w. Tod; nach Einigen von einem voigtländischen Gott Hain benannt, Andere wollen es als Holz-, Waldgeist erklären, da auch sonst der Tod unter dem Namen Holzmeier vorkommt; Andere denken an den Kobold Heine (Heinz, Heinzelmann) u.erklären denFreund entweder als Gesell, oder nach alter Ansicht, wo der Tod als freundliches Wesen aufgefaßt wird; der Name läßt sich kaum bis zur Mitte des vorigen Jahrh. hinaufsühren, u. man nennt Claudius als ven Einführer des Namens, wenigstens ist er Verbreiter desselben. I. N. Schellenberg, Freund H-s Erscheinungen, Wiuterth. 1785. Hein, Peter, s. Heijn. Hein, Franz, Freih. v., österr. Staatsmann, geb. 28. Juni 1808 in Olmntz, wurde nach vollendeten Studien Advocat in Johannesberg, 1347 in Troppau u. von hier 1848 in den constituiren- den österr. Reichstag deputirt, in dem er zur ge- mäßigten deutschen Partei zählte, u. in den Ver- safsungsausschuß gewählt wurde; 1860 vertrat er Schlesien in dem verstärkten Reichsrath, 1861 im Abgeordnetenhaus, zu dessen Präsidenten er gewählt wurde. 1862 trat er für die Justiz in das Cabinet Schmerling, dem er bis 1865 angehörte, wurde dann Präsident des Wiener Oberlaudes- - Heine. gerichtes u. 1869 als lebenslängliches Mitglied ins Herrenhaus berufen. Heine, 1) Joh. Georg, geb. 3. April 1770 zu Lauterbach in Oesterreich, wurde chirurg. Instrumentenmacher, bildete sich namentlich in Mainz, Düsseldorf, Göttingen, Berlin seit 1788 aus, errichtete 1798 in Würzburg eine Werkstatt, erhielt bald Ruf u. wurde 1802 Universitätsinstrumentenmacher u. Bandagist. Nun beschäftigte er sich mit Erfindung von neuer Kunsthilfe bei Beinbrüchen u. Verrenkungen, später mit mechanischer Behandlung der Rückgratskrümmungen und Klumpfüße und errichtete 1816 dafür ein eigenes Orthopädisches Institut (Karolineninstitut), wurde 1824 Assessor u. Demonstrator der Orthopädik, erhielt später einen Ruf in Haag, richtete zwischen dem Haag und Schcveuiugen 1829 ein Seebad ein, gründete ebenfalls eine orthopäd. Anstalt, ohne aus dem Verbände mit der Würzburger zu scheiden u. st. als Professor u. Medicinalassessor, vielfach mit fürstlichen Anerkennungen versehen, am 8. Sept. 1838. Er hat Verschiedenes veröffentlicht, was sich theils auf Instrumente, theils auf Apparate od. die Einrichtung seiner Anstalt bezieht, auch eine Selbstbiographie, Würzburg 1827. Das Orthopädische Institut in Würzburg übernahm sein Neffe 2) Bernhard, der seit 1830 Ehrendoctor in Würzburg war, Honorarprofessor seit 1833 u. die Erlaubniß bekam, Vorlesungen über Chirurgie halten zu dürfen. Für sein neu ersundenes Osteo- tom erhielt er nicht nur von Preußen, Österreich, Bayern, Rußland rc. Auszeichnungen, sondern auch von der Pariser Akademie der Wissenschaft den Monthyonschen Preis, der ihm das zweite Mal zu Theil wurde 1838 wegen seiner Abhandlung: Physiologische Untersuchungen u. Experimente über die Wiedererzengung des Knochensystems. Er st. 31. Juli bis 1. Aug. >846 im Glockenthal bei Thun in der Schweiz. 3) Salomo, berühmter Financier, geboren 1767 von jüdischen Eltern in Hannover, kam arm 1784 nach Hamburg, wo er erst eine Stelle als Wechselherumträger bekleidete, dann in dem Wechselgeschäft von Popert diente, aber bald ein Wechselmaklergeschäft, 1797 mit Heckscher ein Bankiergeschäft u. 1818 ein eigenes Geschäftshaus gründete, welchem er bis zu seinem Tode, 21. Dec. 1844 Vorstand, u. das er mit Unternehmungsgeist, Scharfsinn u. Rechtlichkeit führte u. zu einem europäischen Rufe erhob. Er warvon wahrhaft großartigerMildthätigkeil, erbaute 1840 auf eigene Kosten das Krankenhaus für jüdische Arme m Hamburg, gründete die Vorschußkasse für Juden, gabdieHälste der Beiträgezum Bau des christlichen Schulhauses in Ottensen, stellte nach dem großen Brande anfangs Mai 1842 dem Hamburger Staat ein halbe Million zurVerfügungrc., in seinem Testamente bestimmte er u. a. 163,000 Ll Bco. für die Wohlthätigkeitsanstalten Hamburgs. Vergl. Jos. Mendelssohn, Salomo H., 3. Ausl., Hamb. 1845. 4) H einrich (ursprünglich Harry), einer der hervorragendsten deutschen Dichter, geb. zu Düsseldorf 13. Decbr. 1799 (nach Anderen 1. Jan. 1800), wo er das Gymnasium absolvirte u. wo an seinem Geburtshause in der Bolkerstraße eine Gedenktafel angebracht ist. Er wurde zum Kausmannsstande bestimmt u. nach Hamburg, wo 136 Heine. sein Onkel Salomon H. lebte, in die Lehre gegeben. Indessen war H. zum Kaufmannsstande nicht geschaffen u. ruhte deshalb nicht, bis er die Erlaub- niß zu stndiren erlangte. Er wählte die Rechtswissenschaft, besuchte die Universitäten Bonn, Berlin und Göttingen und promovirte 1825 als vr. zur., in welchem Jahre er (28. Juni) auch zum Chri- stenthume übergetreten war u. dabei den Namen Heinrich angenommen hatte. Von seiner Promotion machte er jedoch nie Gebrauch. Seine ersten poetischen Veröffentlichungen: Gedichte, Berl. 1822, denen bald die Tragödien: Almansor, Ratcliff u. Las Lyrische Intermezzo folgten, fanden keine bes. Beachtung, wogegen ihn die Reisebilder, 2 Bde., Hamb. 1826—27, denen 1830—31 noch 2 Bde. folgten, mit einem Schlage berühmt machten. Das Originelle, Romantik in höchster Potenz und darauf folgende oft triviale Ernüchterung, die sprichwörtlich gewordene H-sche Manier, hat in den Reisebildern ihre Grundlage. Deshalb griff Alt u. Jung nach seinem Buch der Lieder, Hamb. 1827 (32. Aufl. 1872), u. je heftiger sein Cynis- mus verurtheilt wurde, desto mehr Leser fanden seine Schriften; seine Sprache und Ausdrucksweise war eben ganz neu, bestrickend und anregend zugleich. Nach beendetem Studium lebte H. meist ans Reisen, mit längerem Aufenthalt in Hamburg, Berlin und München, bis er 1831 nach Paris ging und dort, kleinere Reisen abgerechnet, seinen dauernden Wohnsitz nahm. In Paris wurde er der Gegenstand der Aufmerksamkeit zweier Nationen, indem er es verstand, stets im Vordergrund der Ereignisse, sowol auf politischem als literarischem Gebiete zu bleiben. Seinen Schriften: Kahldorf über den Adel, in Briefen an den Grafen Max Moltke, Hamb. 1831; Beiträge zur Geschichte der neuen schönen Literatur in Deutschland, 2 Bde., ebend. 1833; Französische Zustände (gesammelte Correspondenzen für die Augsb. Allg. Ztg.), 1833; Der Salon, 4 Bde., Hamb. 1835—40, verdankt er bes. Liesen Erfolg. Brachte er es aber bes. als Dichter zur Bewunderung, wurde das Heer seiner, meist unglücklichen, Nachahmer Legion, so flößte er anderseits Furcht ein, die so weit ging, daß seine vorhandenen u. zukünftigen Schriften vom Bundestag in der 31. Sitzung von 1835 verboten wurden. Natürlich machte das den Verfasser nur populärer, während seine Schreibweise um so schrankenloser und bissiger wurde, wie gegen W. Menzel: Über den Denuncianten, 1837. 1836 erschien Die romantische Schule, 1839 gleichzeitig in Paris und Leipzig, Shakespeares Mädchen und Frauen, mit Erläuterungen, worauf dann wieder in Hamburg 1840 die vielfach übel aufgenommene Schrift H. über Börne folgte. 1844 gab er heraus: Neue Gedichte (10. A. 1872), die des Buchs der Lieder zweiter Theil genannt werden können, mit dem Unterschiede, daß mehr Momente eines wechselvollen Lebens darin zu Tage treten. Besonders leistete H. in diesem Buch in Persiflage das Höchste, was jemals gegen das damalige Deutschland und seine knechtische u. despotische Duodezwirthschaft gewagt worden ist. Das fgrößere Gedicht: Deutschland, ein Wintermärchen, setzt Liese Polemik fort, doch har es den Vorzug, daß es auch bei ganz verän- Le.ter politischer Weltlage nicht veraltet. Von einem körperlich leidenden Zustande des Dichters ist darin keine Spur u. doch ging er damals schon einem 1845 völlig zum Ausbruch gekommenen Rücken- marksleiden entgegen, welches sich derart steigerte, daß es ihn 1848 auf das Schmerzenslager, die von ihm so genannte Matratzengruft warf, von dem ihn der Tod erst nach 8 Jahren erlöste. Inzwischen hatte er sein Epos: Atta Troll, ein Som- mernachtstraum, Hamb. 1847, geschrieben, eine Dichtung, ausgezeichnet durch poetischen Gehalt, Gedankentiefe, Humor, Witz und Satire, welche, wie er selbst sagt, in der Traumweise der romantischen Schule geschrieben sei, in der er seine Jugend verlebt u. deren Schulmeister er zuletzt durchgeprügelt habe. Ungeachtet seines schweren Leidens blieb H. geistesfrisch u. dictirte, als er endlich selbst nicht mehr schreiben konnte. So folgten Hamburg 1851: Romanzero (6. Aufl. 1872) und das Tanzpoem Doctor Faust, Die verbannten Götter, Berl. 1853, u. 1854 in Hamburg: drei Bde. vermischte Schriften. Sein schmerzhaftes Dasein verstrich, unter treuer Pflege seiner Gattin Mathilde (Math. Crescence Mirat, die er 31. Aug. 1851 geheirathet hatte), bis er 17. Febr. 1856 starb. Er war eine schöne Leiche, trotzdem er in der letzten Zeit ein Bild des Jammers, halb sitzend, halb liegend, mit geschlossenen Augen u. zeitweise bewußtlos, im Übrigen aber geistesfrisch u. dann auch immer bereit zu Scherz u. Satire gewesen. Er ruht auf dem Kirchhof Montmartre zu Paris, wo seine Gattin, die es ablehnte, daß ihm aus anderen Kreisen ein Denkmal gesetzt werden sollte, auf seinem Grabe eine aufrecht- stehende Sandsteinplatte, nurmit dem Namen Henri H. bezeichnet, errichten ließ. Stach dem Tode des Dichters erschien über ihn eine Fluth von Schriften. Mit echten und unechten Memoiren wurde Handel getrieben, Processe wurden geführt rc. Das Meiste hat sich als Spreu erwiesen. Gediegenes haben nur Alfred Meißner in Heinrich H., Hamb. 1856, u. Adolf Strodtmann (H-s Leben u. Werke, 2 Bde., Berl. 1867, 2. A. 1873) gelie- fert, welch Letzterer eine Gesammtausgabe von H-s Werken besorgte, die von 1861—66 in 21 Bdn. zu Hamburg erschien; eine wohlseile Ausgabe davon kam 1873 u. eine wohlfeilste 1876 heraus. Ans dem H-schen Nachlasse erschienen die im Interesse des Dichters besser nicht veröffentlichten: Letzte Ge- dichte u. Gedanken von Heinr. H., Hamb. 1869. Eine Blumenlese aus seinen Schriften gab Strodt- maun als Immortellen, Berl. 1871, heraus. Die Dichtungen H-s fanden eine wahrhaft kosmopolitische Verbreitung. Außer Französischen Ausgaben seiner Schriften in Paris als Oeuvres oomplstes seit 1852 in 14 Bdn., theils durch ihn selbst, theils durch Saint Reue Taillandier u. Gerard de Nerval, wurden Übertragungen u. Nachdichtungen einzelner seiner Werke ins Französische, Englische, Italienische, Spanische, Holländische, Schwedische, 'Norwegische, Dänische, Ungarische, Russische, Lateinische, Hebräische u. selbst Japanische mit Glück u. Erfolg versucht. Besonders beliebt ist H. in Italien. Ein Silhouettenalbum, H-sche Lieder in Bildern, erschien von Braun, Berlin 1875. Der dänische Bildhauer Hafselriis entwarf seine Porträtstatue. Über die Bedeutung H-s vgl. den Art. Deutschs National- Heincccius - Literatur, VI.Bd.,S.236a. 5) Heinrich Eduard, verdienter Mathematiker, geb. 15. März 1821 zu Berlin, 1844 Privatdocent u. später Professor in Bonn, seit 1856 ordentlicher Professor der Mathematik an der Universität zu Halle. Seine zahlreichen, sich auf die höhere Analysis erstreckenden Arbeiten sind zumeist in Crelles Journal veröffentlicht. Außerdem schrieb er: Handbuch der Kugel- sunctionen, Berl. 1861. 6) Wilhelm, bekannter Maler u. Reisender der Gegenwart, geb. zu Dresden 30. Jan. 1827, Sohn des s. Z. hochgeachteten Schauspielers Ferdinand das.; bildete sich in seiner Vaterstadt u. dann in Paris zum Künstler u. siedelte 1849 nach New-Iork über. Seine erste größere Studienreise von 1851 führte H. nach Mittelamerika. Als 1852 die Regierung eine Expedition nach dem stillen Ocean unternehmen ließ, ward H. derselben als Zeichner beigegeben und nahm hierbei in Japan längeren Aufenthalt. Bald nach seiner Rückkehr besuchte H. Tripolis u. schloß sich im Frühjahr 1860 in Singapore, wohin er über Ägypten gegangen, der von Preußen ausge- rüsteten Expedition nach Ostasten an, zu der er in Berlin init Anderen den Anstoß gegeben, u. diente während des nordamerikanischen Bürgerkrieges als Ingenieur-Kapitän in der topograph. Abtheilung der Potomak-Armee. H. schr.: Wanderbilder aus Centralamerika, Lpz. 1853; Reise um die Erde, Lpz. 1856; Die Expedition in die Seen von China, Japan u. Ochatsk, Lpz. 1858; Japan und seine Bewohner, ebend. 1860; Eine Weltreise um die nördl. Hemisphäre, ebd. 1864; Japan, Beiträge zur Kenntniß des Landes und seiner Bewohner, ebd. 1870. 1) 2> Thamhayn. S) Schrvvt.» 4) Steller. S) Buchrucker. 6) Regnet. Heineecnls, 1) Johann Michael, Historiker n. erster wissenschaftlicher Bearbeiter der Siegelkunde, geb. 14. Decbr. 1674 in Eisenberg, ward 1709 Prediger in Halle, 1719 Consistorialrath u. Vicegeneralsuperintendent in Magdeburg, wo er II. Sept. 1722 st., auch berühmt als Kanzelredner. Er schr.: Os vstsilbus Ocrmauorum ulm- rumgus uutiouum siZillis, Lpz. 1709, 2. A. 1719; Abbildung der Griechischen Kirche, ebd. 1711, 3 Bde., n. gab mit Leuckfeld Lcrixtoros rsram Osrm., Frankfurt 1707, heraus. 2) Joh. Gottlieb, Rechtsgelehrter, Bruder des Bor., geb. 11. Sept. 1681 in Eisenberg, studirte anfangs Theologie, dann, als er in Halle Führer der russischen Grafen Golowkin geworden war, die Rechte, wurde 1721 Professor der Rechte in Halle, 1727 in Frankfurt a. d. Oder, wo er 1731 zum Geheimrath ernannt wurde; 1733 als Professor der Rechte u. Philosophie nach Halle zurückgekehrt, starb er hier 31. Aug. 1741. Er schr.: SzmbaAma, autigulba- tum zus Romanum iÜusbrautium, Halle 1718, n. Aufl. von Haubold, Franks. 1822, von Muh- lenbruch, ebd. 1840; Olomsutazuris civilis sscun- äum oräiusm iusbitutionum, Amsterd. 1725, Berl. 1765, Lpz. 1815 (deutsch Wien 1786, 2 Thle.), vielfach bearbeitet von Biener, Lpz. 1815, Com» mentar dazu von Höpfner, ebd. 1778 und 1787; Llsm. zuris civilis soc. orä. puuäsctarum, Am- st-rd. 1728, Franks. 1770 (deutsch Wien 1784); Oisboris, juris vom. ob Aormau., Halle 1733, Straßb. 1765; OIcm. juris uaturas st Asubiuw, - Heinefctter. 137 Halle 1738, 1742; Oism. zuris cambialis, Am» sterd. 1743, Nürnb. 1799 (deutsch von Müller, Halle 1781, in Polen mit Gesetzkraft versehen); seine Schriften wurden gesammelt als Opera aä Universum jnris pruäsubiam, plrilosoplriam et iitsras lrumaniorss psrtinsntiu, Genf 1744—49, 8 Bde., n.ö.von 3) Johann Christian Gottlieb, seinem Sohne, geb. 1718 zu Halle; war Professor ander Ritterakademie zu Liegnitz u. st. 1791 in Sa- gan; er gab außer der genannten Sammlung noch heraus aus den Vaters Nachlaß die Olemsnts. juris cambialis, die Brissonschen Opuscula xost- lrnma,, Halle 1743, u. die Lmtiguitatos Oerma- nias zurispruäsutiam putriam illustrantss. 4) Gustav Eduard H., Wirkt. Geh. Ober-Justiz- rath und Präsident, Urenkel von H. 2), geb. zu Danzig 9. Nov. 1805, studirte die Rechte in Güttingen unter Hugo, Eichhorn, Göschen rc., trat 1827 in den Justizdienst ein, gehörte von 1855 bis 1872, wo er zum Vice - Präsidenten des preuß. Obertribunals befördert wurde, der Jmmediat- Justiz-Examinations-Commission an, steht seit der Einsetzung des Gerichtshofs für kirchliche Angelegenheiten 1873 als Präsident an dessen Spitze u. wurde 15. August 1876 von der Universität Göttingen zum Or. zuris utriusgus üouoris causa creirt. Lagai. Heinecken, Karl Heinrich v., Archäolog u. Kunstkenner, geb. 1706 in Lübeck; war Privat- secretär Vertrauter des Grafen v. Brühl, wurde geadelt, Geheimer Kammerrath u. Administrator der Brühlscheu Privatgüter, aber nach dessen Tode 1763 verhaftet, indem man glaubte, er wisse von den Summen, welche Brühl unterschlagen u. in den Banken zu Venedig, Amsterdam und London untergebracht haben sollte; befreit verwaltete er die Brühlschen Güter u. st. 23. Januar 1791 zu Altdöbern in der Niederlausitz. Er gab auf seine Kosten heraus: Rscucil, ä'cstampss ä'aprös Iss plus cclsbrss tablsauL äs la §alcr!s rozmls äs Orssäs, Dresd. 1755—57, 2 Bde.; schr.: Nachrichten von Künstlern u. Knnstsachen, Leipz. 1768 bis 1771, 2 Bde.; läse Asusralc ä'uns coUoctüou complcts ä'cstampss, Leipz. 1770; Oictiounairs äss artistos, äoub nous avous äss cstamxss, Lpz. 1778—90, 4 Bde. (unvollendet). i--* Heinefctter, Sabine, Bllhnensängerin, geb. 19. Aug. 1809 zu Mainz, lenkte als Harfenmädchen die Aufmerksamkeit Musikverständiger auf sich, wurde durch Gnhr in Frankfurt ausgebildet und betrat 1825 die Bühne mit großem Erfolg, was L>pohr veranlaßte, die talentvolle Anfängerin für das Kasseler Hoftheater zu engagiren. Hier erreichte sie den Gipfelpunkt als deutsche Sängerin, die neben einer Schechner ebenbürtig bestehen konnte. Bon dem kleinen Wirkungskreis sich beengt fühlend u. durch Gastspiele in ihren Erfolgen sicher gemacht, verließ sie Kassel, trotz lebenslänglichen Contracts, studirte unter Tadolini die italienische Schule u. glänzte in Paris neben der Ma- libran u. Sonntag. Eine brillante Rossini-Sängerin, reiste sie gastspielend durch Europa, nur 1835 sechs Monate aus Dresdener Hoftheater gefesselt. Änfang der 40er Jahre zog sie sich nach Baden zurück, ehelichte 1853 einen Herrn Mar- guet in Marseille u. lebte das. bis 1372, in wel- 138 Hcinicke - chem Jahr sie in das Irrenhaus zu Jllenau überführt am 18. Novbr. st. Ein ebenso starker, als weicher Mezzosopran, glänzende äußere Mittel u. viel Taldnt sür die Darstellung machten H. zur vorzüglichen Repräsentantin einer Rosine, Semi- ramis, Norma u. eines Romeo. Ihre Schülerin u. Schwester Klara, verehelichte Stöckl, geb. 17. Febr. 1816 zu Mainz, gest. in Wien im Irrenhaus 24. Febr. 1857, war eine vortreffliche Co- loralursängerin im hochtragischen Fach, die sich in Österreich». Deutschland einen glänzenden Namen erworben und selbst Spontini zur Bewunderung hingerissen hatte. Eine zweite Schwester Sabinens Kathinka wirkte mehr durch anmuthige als starke Stimme. In Paris ausgebildet, betrat sie 1840, die Bühne, engagirte sich an mehreren großen deutschen Theatern u. st. 20. Der. 1858 zu Freibnrg i. B., wo sie seit 1857 zurückgezogen lebte. Kürschner. Heinicke, 1) Samuel, geb. 10. April 1729 zu Nautzschütz bei Weißenfels, erlernte als Soldat mit Hilse des Feldpredigers Lateinisch u. Französisch u. ließ sich 1757 in Jena als Student in- scribiren. Später Secretär des dänischen Grafen Schimmelmann, erhielt er 1768 die Schulstelle zu Eppendorf bei Hamburg u. unterrichtete dort mit glücklichem Erfolg Taubstumme im Sprechen. Er begründete damit die deutsche Schule, die im Gegensatz zur französ. Schule des Abbe de l'Epee das Hauptgewicht nicht aus das geschriebene, sondern auf das gesprochene Wort legt (vgl. Mubstum- menunterricht). 1778 begründete er aus Veranlassung des sächsischen Kursürsten Fried. August die erste deutsche Taubstummenanstalt in Leipzig, als deren Director er 30. April 1790 starb. H. erwarb sich auch große Verdienste um Verbesserung des Volksschulweseus; er schrieb: Beobachtungen über Stumme u. die menschliche Sprache, Hamb. 1778; Über die Denkart der Taubstummen, Leipz. 1780; Über alte u. neue Lehrarten, Leipz. 1783; Wichtige Entdeckungen und Beiträge zur Seelenlehre u. zur menschl. Sprache, ebd. 1784; Metaphysik für Schulmeister u. Plusmacher, Halle 1785. Vgl. des Unterzeichneten Schrift Samuel H-, Lp)- 1870. 3) Anna Katharina Elisabeth, Gattin des Vor. u. dessen Nachfolgerin im Directorate, geb. 1756, sie wurde 1828 pensionirt U. st. 1840. Stötzner. Heinlein, Heinrich, berühmter Landschaft, maler, geb. 3. Dec. 1803 in Nassau-Weilburg; studirte erst Architektur, bezog 1822 die Akademie in München u. unternahm von da mehrere Studienreisen nach der Schweiz, Tirol, Oberitalieu u. Wien. Von dort nach einjährigem Aufenthalte daselbst nach München znrückgekehrt, ließ er sich ständig daselbst nieder. H. malt vorwiegend große Hochgebirgs-Natur. Seine Zeichnung verräth eine außerordentlich sichere Hand, seine Farbe aber wird von einem manierirt röthlichem Ton, der überall wiederkehrt, beherrscht. Regnet. Heinrich, Pflanze, 1) Großer H. ist Inula Lslsrüum Ö.; 3) Guter H. ist Lllonoxockinm dormo Usorieuo D. Heinrich (nord. Erich, lat. Usurious, franz. Henri, engl. 8evr^, Larr^, span. Lnriqus): I. Kaiser u. Könige: ^.) Deutsche Kaiser u. Könige: 1) H. I., der Finkler ob. Vogler, - Heinrich. Vogelsteller (nach einer Sage, daß ihn die Überbringer der Botschaft von seiner Berufung zum Deutschen König in Quedlinburg auf dem Vogelherd getroffen), Sohn Ottos des Erlauchten, Herzogs von Sachsen, geb. 876; errang schon früh Erfolge gegen die Slaven u. dann, als er seinem Vater in dem Herzogthum folgte, in einem Erbstreite gegen den König Konrad I. Gleichwol empfahl ihn Letzterer selbst bei seinem Tode zu seinem Nachfolger im Deutschen Reiche, und H-s Wahl erfolgte 919 von Sachsen und Franken in Fritzlar. Schwaben u. Bayern, welche Widerspruch erhoben, wurden durch Heeresmacht zur Unterwerfung gezwungen. H. behandelte jedoch die Besiegten gut u. sicherte dann auch Lothringens Verbindung mit dem Deutschen Reiche. Darauf zog er gegen die seit 908 in Sachsen einfallenden Magyaren, mit welchen er 924 einen 9jährigen Waffenstillstand schloß; Las Heer übte er inzwischen im Kriege gegen die Slave», errichtete die Markgrafschaften Meißen u. Nordsachsen, eroberte 928 bis 929 Brandenburg u. schlug die Wenden. Gegen die Dänen stellte er die Mark Schleswig wieder her. Als nun die Magyaren nach Ablauf des Waffenstillstandes Zahlung des alten Tributs begehrt, der Kaiser aber solchen verweigert hatte, brachen sie 933 wieder in Deutschland ein, wurden jedoch von H. in der Gegend von Merseburg gänzlich geschlagen. H. gilt als der Gründer der Städte im nordöstlichen Deutschland, insofern er einen Theil seiner Kriegsleute in Burgen wohnen hieß, welche zum Schutz gegen Landesfeinde errichtet wurden, u. auch Gerichte, Feste u. Versammlungen in Burgen abhalten ließ, u. dann aus diesen Burgen nach n. nach sich Städte entwickelten. Auch verbesserte er die Kriegsverfassung u. schuf eine Reiterei, um den Ungarn u. Slaven Stand zu halten. Er st. 2. Juli 936 in Memleben. Sein ältester Sohn von Mathilde, Otto I., folgte ihm als Deutscher König. Vgl. Waitz, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter H. I., Berlin 1837, neu bearb., Lpz. 1863. 3 ) H. II., der Heilige (der Hinkende), des Vor. Ürenkel, Sohn des Herzogs Heinrich II. von Bayern, geb. 972, folgte seinem Vater 995 in Bayern und 1002 auf Otto III. als Deutscher König. Sein Herzogthum übergab er 1004 seinem Schwager Heinrich von Luxemburg, nachdem er es dem Markgrafen H. von Schweinfnrt entzogen, der sich hierauf mit H-s Bruder Bruno, Ernst von Österreich und Boleslaw von Polen verband. Sie fielen in Sachsen, Bayern u. Franken ein; aber H. schlug sie 1004. Im gleichen Jahre zog er nach Italien, wo er, nach Unterwerfung des Gegenkönigs Har- duin von Jvrea, in Pavia als König der Longo- barden gekrönt, aber, bei einem Ausstand durchs Fenster springend, lahm wurde. Nach seiner Rückkehr bekriegte ihn Boleslaw von Polen abermals, dem er das eroberte Böhmen entriß. Dann führte er seinen Lieblingsplau, die Gründung des Bisthums Bamberg (1007), ans. Bei seinem zweiten Zuge nach Italien (1013) wurde er des unruhigen Harduin ledig, setzte den Papst Benedict VIII., der vor dem Gegenpapst Gregor hatte fliehen müssen, wieder ein, u. wurde von ihm 1014 in Rom zum Kaiser gekrönt; 1021 ging er zum 3. Male nach 189 Heinrich. Italien, um dem Papste gegen die Byzantiner beizustehen, gegen welche er die Normannen gewann; sein Heer wurde jedoch durch Krankheiten geschwächt n. er kehrte 1022 zurück. Er wurde vom letzten König Burgunds, Rudolf III., zum Erben eingesetzt, starb aber kinderlos 13. Juli 1024 auf der Burg Grone bei Göttingen u. wurde in Bamberg begraben; er war seit 1003 vermählt mit Kunigunde, Tochter des Grafen Sigfrid von Luxemburg (st. 1033). H. hatte bei größerer Festigkeit u. Nachhaltigkeit seiner Kräfte Größeres leisten können, als er geleistet, jedenfalls aber that er viel für das Reich u. war, wenn er auch die Kirche reichlich mit Schenkungen bedachte, so daß er heilig gesprochen wurde, auch dieser gegenüber aus Wahrung der Köuigsmacht bedacht. Tag: 12. Juli. Mit ihm endigte die Reihe der Sächsischen Kaiser, und Konrad II. der Salier folgte ihm. Vgl. Hirsch, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter H. II., Berl. 1862—64, 2 Bde. 3) H. III-, der Schwarze oder der Fromme, Sohn des Kaisers Konrad II., geb. 28. Oct. 1017 zu Osterbeck in Geldern; wurde 1026 zum Römischen König erwählt, 1027 Herzog in Bayern, 1028 Herzog von Schwaben u. 1038 König von Arelat u. folgte 1039 seinem Vater als Deutscher König. Den Bestrebungen der deutschen Fürsten, sich selbständig neben dem Könige u. ihre Lehen erblich zu machen, trat er energisch entgegen und schaffte Ruhe im Laude durch den 1043 errichteten Landfrieden von Konstanz; er unterwarf nach drei Feldzügen 1041 Böhmen, zwang nach drei eben solchen 1044 Ungarn zur Anerkennung der Lehnshoheit des Deutschen Reiches, bedrohte den widerspenstigen König Kasimir von Polen, daß er um Frieden bat, nahm dem aufständischen Herzog Gottfried von Lothringen sein Land und wies die Ansprüche Frankreichs auf dasselbe kräftig zurück. Im Jahre 1046 zog er nach Italien, ließ zu Sutri die drei Päpste, die es damals gab, alle absetzen, in Rom den Bischof von Bamberg zum Papste wählen u. sich von ihm krönen. In Unteritalien belehnte er die normannischen Fürsten mu der Herrschaft. 1055 unternahm er einen zweiten Zug nach Italien, um zum vierten Male einen Deutschen als Papst einzusetzen, kehrte aber bald zurück u. st. kurze Zeit darauf (5. Oct. 1056) auf dem Schlosse Botfeld am Harz; beigesetzt wurde er im Dome zu Speier. H., nach innen u. außen ein Mehrer u. Kräftiger des Reiches, ein Beschützer u. Förderer der Künste u. Wissenschaften (Stifter vieler Klosterschulen u. Gründer mehrerer Dome rc.), war vermählt seit 1036 mit Kunelinde, Tochter des Königs Knut des Großen von Dänemark, nach deren Tode (1038) seit 1043 mit AgneS von Poitiers, Tochter des Herzogs Wilhelm III. von Guienne; sein Sohn von der Letzteren war H. IV., welcher ihm folgte. Vgl. Steindorff, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter H. III., Lpz. 1874, Bd. 1. 4) H. IV., des Vor. Sohn, geb. 11 . Nov. 1050, wurde zu seines Vaters Nachfolger erwählt, 1054 in Aachen gekrönt und folgte ihm 1056 unter der Vormundschaft seiner Mutter Agnes. Da diese aber mehreren unzufriedenen Fürsten, um dieselben ihrem Sohne günstig zu stimmen, Coucessionen machte, so erregte dies den Neid der anderen, und der junge König wurde 1062 von dem Erzbischof Anno von Köln, dem Grasen Egbert von Brauuschweig u. dem Bayernherzog Otto aus seiner Residenz Kaiserswerth zu Schisse nach Köln entführt, wo er unterder Aufsicht Annos, später aber des Erzbischofs Adalbert von Bremen, erzogen wurde. Da er von diesem nach seiner Mllndigkcitserkläruug 1065 sich völlig leiten ließ, nöthigten ihn die Fürsten, denselben 1066 zu entfernen u. dem Erzbischof Anno wieder die Reichs- Verwaltung zu übertragen. Indessen schon 1063 rief Heinrich, der Bevormundung durch Anno, seine Mutter u. deren geistlichen Anhang müde, Adalbert wieder zurück und schenkte ihm sein vollstes Vertrauen. Die widerspenstigen Fürsten in Bayern, Kärnten u. Schwaben demllthigte H., ebenso die aufständischen Sachsen u. die mit ihnen verbündeten Fürsten u. Geistlichen, die ihm die Heerfolge verweigert. Indessen begann das Papstthum vor dem kräftigen Auftreten des Königs zu zittern, nachdem es die Zeit der Wirren seit H-s Thronbesteigung zu seiner Machterweiterung benützt, u. Gregor VII. verband sich mit den Unzufriedenen in Deutschland, um so der königlichen Macht daselbst die Spitze bieten zu können: er forderte Freilassung jener gefangenen Geistlichen, bestritt ihm das Jnvestiturrecht u. verlangte strengen Gehorsam des Königs gegen die Kirche. H. ließ als Antwort darauf 24. Jan. 1076 den Papst in Worms für abgesetzt erklären, woraus Gregor 22. Febr. 1076 den Bann über ihn aussprach u. die Unterthanen ihres Gehorsams entband. Als infolge davon die meisten Fürsten vom König abfielen, der Fllrstentag von Tribur von ihm verlangte, daß er sich vor Allem vom Banne löse und dann erst mit dem Papst entschieden werde, ob und wie er ferner regieren solle, bequemte sich der verlassene H., mitten im Winter nach Italien zu reisen u. 25.—28. Jan. 1077 im Hofe des Schlaffes zu Canossa vor dem Papste auf entwürdigende Weise Buße zu thun, um Absolution von ihm zu empfangen. Zu spät sah H. ein, wie tief er gesunken u. trat nun offen als Feind Gregors auf. Er zog zuerst gegen den von seinen Feinden 1077 gewählten Gegenkönig, Rudolf von Schwaben, welchen er mit Hilfe der deutschen Städte 1080 bei Hohenmölsen bei Weißenfels besiegte. Inzwischen wegen Erneuerung der Absetzung Gregors wieder in den Bann gethan, ging H. 1081 nach Italien, um den Papst zu demüthigen. Er nahm 1084 Rom ein u. ließ sich durch den Gegenpapst Clemens III. krönen, worauf er wieder nach Deutschland ging u. dort gegen die nengewählten Gegenkönige Hermann von Luxemburg u. Eckbert von Meißen bis 1089 zu kämpfen hatte. Als er 1090 abermals nach Italien zog, erhob sich sein Sohn Konrad gegen ihn, welchen er 1096 schlug; beinahe in den vollen Besitz seiner Macht gekommen, wurde er 1104 von Paschalis II. wieder in den Bann gethan, weil er die Wahl eines Gegcn- papstes betrieben u. sich nicht an einem Kreuzzuge betheiligen wollte, und erlebte den Schmerz, daß sich auch sein anderer Sohn Heinrich an die Spitze der Unzufriedenen stellte, Len Vater bekriegte, durch List gefangen nahm u. 1105 auf der Burg Böckel- heim bei Kreuznach cinspcrren ließ. Eine sog. 140 Heinrich. Reichsversammlnng in Ingelheim zwang ihn zur Abdankung. H. floh darauf, starb aber schon 7. Ang. 1106 in Lüttich. Da er im Bann gestorben war, so wurde sein Leichnam auf päpstliches Gebot wieder ausgegraben und blieb 5 Jahre in einer Kapelle zu Speier unbeerdigt stehen, bis 1111 die päpstliche Absolution u. darauf die Beisetzung im Dome erfolgte. H. war allerdings herrschsüchtig, leichtsinnig und leidenschaftlich, hatte aber dabei, geistig gut begabt, doch ein gutes Herz, das sich in seiner Treue und Ergebenheit gegen aufrichtige Freunde, in seiner Mildthätigkeit gegen Arme u. Nothleidende bewährte; auf der anderen Seite war er aber bei allem Scharfsinn u. Listigkeit, bei aller Tapferkeit doch wieder zu wenig energisch u. consequent, um seiner Zeit und den mit ihr gekommenen Kämpfen sich gewachsen zu zeigen. Er war vermählt zuerst seit 1066 mit Bertha, Tochter des Markgrafen Otto von Susa; nach deren Tode 1087 seit 1089 mit Adelheid, Tochter des russischen Fürsten Wsevolod, Wittwe des Markgrafen Heinrich von Brandenburg, von welcher er sich jedoch bald trennte. Seine Kinder von Bertha waren, außer Konrad u. Heinrich V., noch Agnes, Gemahlin des Herzogs Friedrich von Schwaben, dann des Markgrafen Leopold III. von Österreich, u. Adelheid, Gemahlin des Königs Boleslaw von Polen. Vgl. Söltl, Heinrich IV., Münch. 1823; H. Floto, H. IV. u. sein Zeitalter, Stuttg. 1855, 2 Bde. 5) H. V., geb. 1081, jüngerer Sohn des Vor. u. der Bertha, wurde 1098, als sein älterer Bruder Konrad sich gegen den Vater empört hatte, zum Deutschen König erwählt u. noch vor des Vaters Tode als solcher anerkannt (1106), kämpfte aber schon seit 1104 gegen denselben, bald im offenen Feld, bald mit Hinterlist u. Heuchelei um die Krone. Endlich zur selben gelangt, strafte er vor Allem die Anhänger seines Vaters und brachte 1109 Böhmen wieder in Abhängigkeit vom Reiche, was ihm dagegen in Polen und Ungarn mißlang. Da der Papst ihm die Krönung als Kaiser versagte, wenn er nicht vorher auf das Jnvestiturrecht verzichtet hätte, so ging er 1110 nach Italien, erzwang 1111 seine Krönung nach einem heftigen Kampfe in Rom zwischen Päpstlichen u. Kaiserlichen u. ohne auf die Investitur zu verzichten, worauf ihn der Papst nach seinem Wegzuge, gegen sein gegebenes Wort, in den Bann that. Dies nahmen die Sachsen zum Vorwand, von dem Kaiser abzufallen; 1115 am Welfesholz geschlagen, überließ er die Vertheidigung seiner Sache den ihm treuen Süddeutschen u. ging 1116 nach Italien, um die Erbschaft der Gräfin Mathilde in Besitz u. dem Papste wegzunehmen; ein neuer Bannfluch des Papstes CalixtuS II. erregte ihm in Deutschland gewaltigeFeindschaft; aber der drohende Bürgerkrieg wurde 1121 durch einen Reichsfrieden beseitigt; auch söhnte er sich 1122 durch das Wormser Concordat mit dem Papste aus. H., ein herrschsüchtiger, äußerst schroffer, unerbittlich strenger, harter Mann, Labei voll Mißtrauen u. selbst für seine Freunde unberechenbar, starb 23. Mai 1125 zu Utrecht kinderlos und wurde im Dome >zu Speier begraben. Mit ihm endigte die Reihe der Salischen oder Fränkischen Fürsten, u. ihm folgte Lothar von Sachsen. H. war seit 1114 mit Mathilde, Tochter des Königs Heinrich I. von England, verheirathet. Vgl. Gervais, Geschichte Deutschlands unter H. V., Lpz. 1841 f., 2 Bde. 6) H. VI., Sohn des Kaisers Friedrich I. Barbarossa u. der Beatrix von Burgund, geb. 1165, gekrönt zum Römischen König 1169; geistig hoch begabt u. tief gebildet, energischen u. festen Charakters, aber leicht zur Grausamkeit neigend, verwaltete seit 1188 in Abwesenheit seines Vaters das Reich n. folgte ihm 1190; seine erste Sorge war die Ausgleichung mit Heinrich dem Löwen durch den Vertrag von Fulda; 1191 ging er nach Italien, um die Erbschaft seiner Gemahlin Constanze (Erbtochter der Normannen) in Sinken anzutreten, wurde von dem widerwilligen Papste Cölestin III., erst nachdem er der Rache der Römer Tuscnlum preisgegeben, zum Kaiser gekrönt, eroberte Apulien, scheiterte jedoch an der Belagerung Neapels, u. kehrte nach Deutschland zurück, wo er mit Heinrich dem Löwen 1194 zu Tilleda einen neuen Vertrag schloß; dann unternahm er einen zweiten Zug nach Italien u. eroberte Sicilien, wo er den Rest des Normannenstammes mit Grausamkeit ausrottete. Seine Lieblingsidee, die deutsche Königswürde in seinem Hanse erblich zu machen, konnte er wegen Abneigung der Norddeutschen u. Roms gegen dieselbe nicht verwirklichen. Um einen Aufstand in Apulien zu unterdrücken, nahm er den Vorwand eines Krenzzuges, hauste wieder blutig in Italien und zwang auch den griech. Kaiser Alexius, der seinen Bruder Isaak, den Vater Irenes, der Schwägerin H-s, vom Throne gestoßen, zu einem bedeutenden Tribut; seine wirkliche Absicht aber, auf Grund dieser Verwandtschaft dem Scepter des Deutschen Kaisers auch den ganzen christlichen Orient zu unterwerfen, konnte er nicht mehr ausfllhren; er starb schon 28. Sept. 1197 in Messina u. ward in Palermo begraben. Ihm folgten aus zwie- spältiger Wahl Philipp von Schwaben u. Otto IV. Er war seit 1186 mit Constanze, Tochter des Königs Roger von Sicilien, vermählt; sein Sohn war der nachmalige Kaiser Friedrich II. Vergl. Toeche, Kaiser H. VI., Jahrb. der deutschen Geschichte, Leipz. 1867. 7) H., Römischer König, Sohn Kaiser Friedrichs II. u. der Constanze von Aragonien, geb. 1212, als Kind zum König von Sicilien u. 1220 auch zum Deutschen König gewählt u. 8. Mai 1222 in Aachen gekrönt, wurde unter Leitung eines Fürstenraths Ncichsverweser, stellte sich aber mit mehreren Fürsten auf Antrieb Papst Gregors IX. feindlich dem Vater gegenüber, der, nach Deutschland zurückgekehrt, ihn, den nun von seinem ganzen Anhang Verlassenen, Juli 1235 gefangen nahm u. nach Apulien führen ließ, wo H. im Febr. 1242 st. Er war vermählt mir Margaretha von Babenberg, Tochter Leopolds v. Österreich, weßhalb auch sein ältester Sohn Friedrich nach Aussterben des babenbera. Stammes testamentarisch mit dem Herzogthum Österreich belehnt wurde, ohne jedoch die Regierung über dasselbe antreten zu können. 8) H. Raspe, s. unter H. 43). 9) H. VII. von Luxemburg, durch Ritterlichkeit aber auch durch Strenge ausgezeichnet, Sohn des Grafen Heinrich IV. (oder II.) von Luxemburg und der Beatrix von Henuegau, geb. Heinrich. 141 1262, folgte seinem Vater 128s als Heinrich V. (III.) in Luxemburg, verband sich 1294 mit König Philipp d. Schönen von Frankreich gegen Eduard II. von England und kam 1300 in Streit mit den Trierern wegen des Moselzolls. Sieben Monate nach Albrechts Tode wurde er 1308 auf Betreiben des Erzbischofs Peter Aichspalter von Mainz und des Erzbischofs Balduin von Trier, seines Bruders, in Reuse zum Kaiser gewählt u. 1309 in Aachen gekrönt; er belieh seinen Sohn Johann mit Böhmen u. zog 1310 nach Italien, wo er 1311 in Mailand die Eiserne Krone sich aussetzen ließ, Cremona u. Brescia demüthigte n. hart behandelte, u. in Rom, um das er blutig kämpfen mußte, 1312 zum Kaiser gekrönt wurde, aber das welfische Florenz nicht nehmen konnte; im Begriff, Neapel zu erobern, starb er 24. Aug. 1313 in Buonconvento. Erfunden ist die Erzählung, daß er von einem Mönche durch eine Hostie vergiftet worden. Ihm folgte Ludwig der Bayer auf dem deutschen Throne. Vermählt war H. seit 1292 mit Margarethe, Tochter des Herzogs Johann I. von Brabant (st. 1311 in Genua); seine Kinder waren: Johann, König von Böhmen, Beatrix, Gemahlin des Königs Karl Robert von Ungarn, u. Marie, Gemahlin des Königs Karl IV. d. Schönen von Frankreich. Vgl. Barthold, Der Römerzug Königs H. VII., Königsb. 1830 f., 2 Bde.; Dünniges, Xetu Henris! VII., Berl. 1840 f., 2 Bde. 2) Lateinisch-ByzantinischerKaiser. 10) H., genannt H. von Hennegau, Bruder Balduins von Flandern, geb. 1174 zu Valenciennes, zog 1202 mit den Kreuzfahrern nach Coustantinopel, wurde nach dem Tode Balduins 1206 zum Kaiser erhoben, hatte mit den Bulgaren n. mit dem Ni- cäischen Kaiser Theodor Laskaris zu kämpfen, war tapfer u. klug, u. st. 1216 an Gift. 0) Könige von Castilien: 11) H. I., Sohn des Königs Alfons III., geb. 1204, folgte seinem Vater 1214 unter Vormundschaft seiner Mutter Eleonore, u. st. 1217, von einem Dachziegel erschlagen. 12) H. II. de la Merced, Gras von Trastamara, geb. 1333 in Sevilla, natürlicher Sohn Alfons' XI. und der Eleonore von Guzmau; gegen seinen Bruder, Peter den Grausamen, arbeitete er seit dessen Thronbesteigung, und erhob 1350, von einer großen Partei unterstützt, die Fahne des Aufstandes, verband sich bald mit Aragon, bald mit Portugal, um Einfälle in Castilien zu machen und drang endlich mit Hilfe des franz. Ritters Duguesclin 1366 nach Burgos, wo er sich zum König aus- rusen ließ, aber von dem engl. Schwarzen Prinzen (s. Eduard 12)), der Peter zu Hilse kam, wieder vertrieben wurde. Mit französischen u. päpstlichen Truppen drang er 1368 auss Neue ein, nahm Toledo, schloß den geschlagenen König 1369 in Montiel ein, ließ ihn in das Zelt Duguesclins locken und tödtete ihn hier im Zweikampse. Sinn den Thron besteigend, regierte er mild und weise, errang Siege über Portugal, Navarra u. Aragon u. st. 29. Mai 1379. Er war vermählt mit Johanna von Pennafiel und hatte zum Nachfolger seinen Sohn Johann I. 13) H. III., der Kränkliche, gleichwol aber energisch u. ein leidenschaftslos kluger Politiker, Enkel des Vorigen u. Sohn Johanns I., geb. 1379 in Burgos, erster Prinz von Asturien seit 1388, folgte seinem Vater 1390, ergriff 1393 selbst die Regierung, that viel für Ordnung und Gerechtigkeit in seinem Lande, verschönerte Madrid, machte Eroberungen in Asrika, und wollte eben der maurischen Herrschaft in Granada ein Ende machen, als er 25. Dec. 1406 st. 14) H. IV., der Freigebige, Sohn Johanns II., geb. 1423, schon als Kronprinz ein Werkzeug des intriguanten Pacheco und des herrschsüchtigen Bischofs von Avila, folgte seinem Vater 1454, führte Krieg mit Navarra, Aragon u. mit den Mauren in Granada u. erregte durch seine Mißregiernng eine Empörung der Vornehmen, welche ihn 1465 zu Avila absetzten. Es entstand ein Bürgerkrieg zwischen ihm und den Aufständischen, die sich nach 3 Jahren unterwarfen. Er st. 20. Dec. 1474. H. war äußerst ausschweifend; nachdem er sich von seiner ersten Gemahlin, Bianca von Navarra, getrennt hatte, heirathete er 1455 Johanna, Tochter des Königs Eduard von Portugal; in Castilien folgte ihm seine Schwester Jsabella, welche Ferdinand V. von Aragon geheirathet hatte, wodurch später Castilien u. Aragon vereinigt wurden. I)) Könige von England: 15) H. I., Leanders (d. i. der schöne Gelehrte) oder Olsrisno, dritter Sohn Wilhelms des Eroberers, geb. 1068, folgte 1100 seinem Bruder Wilhelm II., obgleich die Krone seinem älteren Bruder Robert, welcher damals einen Kreuzzug mitmachte, znstand; H., um sich die Gunst der Engländer zu erwerben, gab die Cbarta Udsrtatum, die Grundlage der engl. Verfassung, u. behauptete sich gegen seinen Bruder, dem er auch die Normandie wegnahm und den er in seine Gewalt brachte; mit dem Papst hatte er Streit wegen der Investitur; er st. zu St. Denis in der Normandie 1. Dec. 1135, u. ihm folgte Stephan von Blois. H., sehr streng, namentlich gegen Wilddiebe, u. den Frauen sehr ergeben, war vermählt mit Matüilde, Tochter des Königs Malcolm von Schottland (st. 1118), von welcher er einen Sohn, Wilhelm, der 1120 ertrank, u. eine Tochter, Mathilde, hatte, welche, erst mit Kaiser Heinrich V., dann mit Gottfried von Plantagenet, Gras von Anjou, vermählt, er vergebens zur Thronerbin einsetzte. Dagegen hinließ er 13 uneheliche Kinder. 16) H. II-, Enkel des Vor., Sohn des Grafen Gottfried Plantagenet von Anjou und der Mathilde, Tochter des Vor., geb. 3. März 1133 in Maus, durch seinen Vater Herr von Anjou, Touraine, Maine u. einem Theil von Bern, durch seine Mutter Herr der Normandie (welche er aber nachher abtrat), durch seine Gemahlin Eleonore Herr von Aquitanien, Guienne, Saintonge, Poitou, Auvergne, Perigord, Angou- mois und Limousin, folgte 1154 als König von England auf Stephan von Blois, der erste aus dem Hause Plantagenet. Er stellte wieder Ruhe u. Sicherheit in dem durch die Anmaßungen des Adels und der Geistlichkeit zerrütteten Reiche her u. ließ die Burgen der Raubritter zerstören. Er fügte die Bretagne seinen Staaten bei, versuchte Toulouse zu nehmen u. hatte seitdem fortwährend Kämpfe mit König Ludwig VH. von Frankreich, dem er die Vasallenpflicht für seine Provinzen in Heinrich. 142 Frankreich verweigerte. Durch den Schutz, welchen der Erzbischof von Canterbnry, Thomas Becket, einem verbrecherischen Priester angedeihen ließ, u. den Widerstand, welchen derselbe der Abschaffung kirchlicher Mißbräuche entgegensetzte, worin ihn der Papst bestärkte, wurde H. so erbittert, daß der bekannte Streit zwischen H. u. Becket (s. d.) entstand, der mit des Letzteren Ermordung endete. Zum Lohne für H-s Buße wegen letzterer That gestattete ihm der Papst die Eroberung Irlands (1171—72). H. hatte mit seinen Söhnen H. u. Richard, welche sich gegen ihn empört hatten, bis 1174 einen schweren Kampf u. mußte dazwischen gegen den König von Schottland ziehen, der einen Einsall in England gemacht hatte. Darauf begann ein langwieriger Kampf unter seinen Söhnen, in welchen er verwickelt wurde u. in welchem Frankreich wieder gegen ihn stand, und diesem Kampf folgte eine neue Empörung der Söhne; aus Gram, daß auch sein Lieblingssohn Johann sich gegen ihn erhob, st. er 6. Juli 1189. Er war seit 1152 mit Eleonore (s. d. 3) von Guienne vermählt; von dieser hatte er 4 Söhne: Heinrich, welcher 1183 st., Richard Löwenherz, u. Johann ohne Land, welche ihm folgten, u. Gottfried, Herzog von Bretagne (st. 1186); seine Geliebte war Rosamunde Clifsord (s. d.). 17) H. III-, Enkel des Vor., Sohn Johanns ohne Land u. der Jsabella von Angoulbme, geb. 1207 in Winchester, folgte 1216 seinem Vater unter Vormundschaft des Grafen von Pembroke, welcher die abtrünnigen Barone unterwarf u. die von einer Partei herbeigerufenen Franzosen aus dem Lande trieb; der schwache König stand fortwährend unter dem Einfluß seiner Räche, weshalb die Großen des Landes ihm zürnten, namentlich als die Verwandten und der Anhang seiner Gemahlin Eleonore aus der Provence an seinem Hofe mächtig wurden; er begünstigte die Ansprüche des Papstthums, führte 1242 einen erfolglosen Krieg mit Frankreich und unterlag in dem Kampfe gegen die Barone unter Anführung Simons von Montsort des Jüngeren, der den König u. dessen Familie gefangen nahm, bis ihm sein entkommener Sohn Eduard 1265 bei Eves- Ham den Sieg über dieselben errang, doch mußte er endlich die LlaAna dmrta beschwören. H. st. 16. Nov. 1272 in Westminster. Er war vermählt feit 1226 mit Eleonore von Provence; seine Söhne waren Eduard, sein Nachfolger, u. Edmund; von seinen Töchtern heirathete Margarethe Leu König Alexander III. von Schottland und Beatrix den Herzog Johann II. von Bretagne. 18) H. IV., Bolingbroke (nach seinem Geburtsorte), geb. 1366, Enkel Eduards III. und Sohn Johanns von Gaunt. Herzogs von Lancaster, anfangs Graf von Derby, dann Herzog von Hereford, kämpfte tapfer in einem Kreyzzuge gegen die heidnischen Lithauer, wurde dann in Streitigkeiten mit demHerzogvonNorfolk verwickelt, infolge deren König Richard II. ihn 1398 verbannte, aber 1399 setzte er nach England über, brachte ein Heer zusammen und machte sich zum Herrn des Reiches, indem erden gefangenen König zur Abdankung zwang und sich als rechtmäßigen Thronerben erklärte. Er ließ den abgesetzten König tödten u. schlug das Heer des aufständischen Herzogs von Northumberland u. seines Sohnes Percy 1403 bei Shrewsbury. Auch weitere Aufstände warf er nieder, führte glückliche Kriege gegen Schottland u. verfolgte die Wiclefiten; er st., in Trübsinn verfallen, 20. März 1413. Er ist der Held des Shakespeareschen Dramas H. IV. Vermählt war er seit 1380 mit Maria Bohun, Tochter des Grafen Hereford, u. nach deren Tode (1394) seit 1403 mit Johanna, Tochter des Königs Karl des Bösen von Navarra, Wittwe des Herzogs Johann IV. von Bretagne (st. 1437); ihm folgte der älteste Sohn erster Ehe, 19) H. V., geb. 1388, anfangs Herzog von Monmonth, nach seines Vaters Thronbesteigung Prinz von Wales, wurde von seinem Vater, aus Eifersucht aus seine Beliebtheit, vom Hofe verbannt u. zerstreute sich in Gesellschaft mit liederlichen Genossen. Seitdem er jedoch, 20. Mär; 1413, aus den Thron erhoben war, verbannte er seine Genoffen aus seiner Umgebung. Er machte die Ungerechtigkeiten seines Vaters möglichst wieder gut, unterdrückte aber die Wiclefiten und Lolharden mit blutiger Strenge. Er führte Kriege in Frankreich, gewann 1415 die Schlacht bei Aziucourt, eroberte im Bunde mit Burgund 1418 die Normandie u. wurde endlich dadurch, daß er 1420 Katharine, die Tochter Karls VI. von Frankreich heirathete, zum Regenten von Frankreich gewählt, aber er verscherzte dort die Liebe des Volkes durch Härte u. stolz, während er in England vom Volke vergöttert war; er st. 31. Aug. 1422 in Vincennes. Er ist der Held des Shakespeareschen Dramas H. V. Vgl. Goodwin, Ilistor/ ol Isis rslAN ok llsnr^ V., Lond. 1704. 30) H. VI., Sohn des Vor. u. der Katharine von Frankreich, geb. 6. Dec. 1421 zu Windsor, folgte 1422 als neunmonatliches Kind seinem Vater unter der Vormundschaft seines Oheims, des Herzogs von Bedford; dieser focht f für ihn in Frankreich gegen Karl VII. anfangs l glücklich. Aber als Jeanne d'Arc bei dem französischen Heere erschien u. die Herzoge von Burgund u. Bretagne von England abfielen, wendete ^ sich das Schicksal. Umsonst führte Bedford den jungen H. nach Paris u. ließ ihn in Notre-Dam- 17. Dec. 1430 zum König von Frankreich salben; ! er mußte wieder weichen und Frankreich war für ! die Engländer verloren; Guienne u. die Norman- ^ die wurden nun französisch. In England selbst brach der Krieg zwischen der Rothen und Weißen Rose oder zwischen H. als Haupt des Hauses Lau- l caster u. dem Herzog Richard vou Jork aus. H. wurde 1455 bei St. Albans u. nach seiner Befreiung 1459 bei Northampton abermals gefangen. Aber seine heldenmllthige Gattin Margarethe, Tochter des Titnlarkönigs Rene von Neapel, ! ruhte nicht, bis Jork 1460 bei Wakesteld geschlagen wurde, wo er fiel. Dessen Sohn Eduard setzte Len Krieg gegen den wieder befreiten H. fort u. ließ sich 1461 von einer Versammlung bei London zum König ausrnfen. H. floh nach Schottland, " wurde aber später auf engl. Gebiete gefangen u. in den Tower gebracht. Nach 6 Jahren wurde er durch seinen früheren Feind Warwick noch einmal auf den Thron gesetzt, Loch unter Marwicks Regentschaft. Da erschien 1471 Eduard von Neuem, ^ Warwick siel bei Barnet, Margarethe wurde bei Heinrich. Z18 Tewkesbury geschlagen u. gefangen, ihr Sohn gemordet u. H. wieder in den Tower gebracht, wo er auf unbekannte Weise das Leben verlor. H. war schwachsinnig und durchaus unfähig. Auch er ist der Held eines Shakespeareschen Dramas. 21) H- VII., Graf von Richmond, stammte väterlicher Seits von dem Hause Tudor, mütterlicher Seits von Eduard HI. aus dem Hause Lancaster ab; er war geb. 1458, diente unter H. VI., rettete sich 1471 nach der Schlacht von Tewkesbury als Erbe der Lancasterschen Ansprüche anfangs nach Wales, seinem Stammlande, dann wollte er nach Frankreich gehen, wurde aber von dem Herzog Franz II. von Bretagne zurückgehalten, jedoch gegen die Nachstellungen Eduards IV. geschützt und, als dieser zu stark drängte, entlassen. 1483 verband sich H. mit dem Herzog von Buckingham, um Richard III. zu stürzen, aber der Anschlag mißlang; 1485 jedoch führte er, von Frankreich unterstützt, ein Heer nach England, besiegte Richard III. 22. Aug. 1485 bei Bosworth, welcher selbst hier blieb, u. bestieg den Thron von England. Dadurch, daß er sich 1486 mit Elisabeth, ältester Tochter Eduards IV., vermählte, endete er den Krieg der Rothen u. Weißen Rose. Die Versuche Lambert Simnells (des falschen Warwick, 1487) u. Perkin Marbecks, ihm den Thron zu rauben (1497—98), mißglückten. Als die Bretagne an Frankreich fallen sollte, erhob H. bei seinen Unterthanen große Steuern, um einen Krieg gegen Frankreich zu führen (1492), ließ sich aber vom letzteren Lande den Frieden abkaufen — so groß war sein Geiz. Indessen hob er das materielle Wohl u. wußte unter Belassung aller Freiheit doch die Rechte der Krone u. seinen persönlichen Einfluß zu behaupten. Zu ihm kam Bartolomeo, Bruder des Christoph Columbns, welchen er aber mit seinem Gesuch um Unterstützung zu einer Entdeckungsfahrt nach Westen abwies. Er starb 22. April 1509. Seine ihn überlebenden Kinder waren: H., sein Nachfolger; Margarethe, Gemahlin des Königs Jakob IV. von Schottland, welche das Anrecht an England in das Haus Stuart brachte; u. Marie, Gemahlin des Königs Ludwig XII. von Frankreich u. nach dessen Tode Karl BrandonS, Herzogs von Snfsolk, und Großmutter der Johanna Grey. 22) H. VIII., Sohn des Vor., geb. 28. Juni 1491, bestieg als Nachfolger seines Vaters 1509 den engl. Thron u. heirathete in demselben Jahre Katharina von Aragonien, Wittwe seines Bruders Arthur und Tante des Kaisers Karl V. 1512 verband er sich mit dem Kaiser Maximilian I. gegen Ludwig XII. von Frankreich, siegte 17. Aug. 1513 mit dem Kaiser in der sog. Sporenschlachi bei Guinegate u. schloß 1514 mit Ludwig XII. Frieden, ja sogar hernach mit dessen Nachsolger Franz I. ein Bündniß gegen Karl V., dem gegenüber Beide mit der Bewerbung um die Kaiserkrone durchge- sallen waren. Durch H-s Günstling u. Kanzler Wolsey, welchem Kaiser Karl V. die Papstwürde in Aussicht stellte, brachte dieser es jedoch dahin, H. Von Frankreich abzuwenden u. mit ihm 1521 einen geheimen Vertrag zu schließen. Der Krieg gegen Frankreich begann 1522; als aber Wolsey sich in seinen Aussichten auf den Päpstlichen L-tuhl getäuscht sah, suchte er den König wieder zum Bunde mit Frankreich zu bewegen, welcher auch 1525 zu Stande kam. Schon in dem französischen Kriege zu Gelderpressnngen gezwungen, infolge deren er den Staatsschatz verschwendete u. von 1523 an 7 Jahre lang das Parlament nicht mehr versammelte, häuften sich dieselben jetzt, da der Krieg 1528 mit dem Kaiser ansbrach, von Neuem, so daß in vielen Gegenden Englands das Volk sich empörte. DerFric- den von Cambrai 5. Aug. 1529 endigte den Krieg. Seine od. wahrscheinlich nur unter seinem Namen verfaßte u. gegen Luthers Buch von der babylonischen Gefangenschaft gerichtete Schrift: Vs osptsm aacramsntis contra, LI. vutllerum, Lond. 1521, fand in Rom so großen Beifall, daß der Papst Leo X. dem König den Titel eines Vertheidigers des Glaubens verlieh. H., der so anfangs der Reformation entgegengetreten war, fing an, da der Papst nicht allen seinen Wünschen willfahrte, sich allmählich von demselben loszureißen. Die katholischen Dogmen ließ er zwar unangetastet, ja fuhr sogar fort, deren Gegner als Ketzer verur- theilen u. verbrennen zu lassen; aber an Stelle des Papstes wollte er selbst als Herr der Kirche ange- sehen sein und machte seinen Willen zu dem allein maßgebenden in religiösen Dingen; denn er hatte die Eitelkeit, der größte Theolog seiner Zeit sein zu wollen. Er zwang die Geistlichkeit selbst 1531 zu der Anerkennung, daß der König der Protector u. das Oberhaupt der Englischen Kirche sei und nachdem das Parlament 1534 die päpstliche Gewalt gänzlich abgeschafst, ließ H. 1536 auf Träumers Rath die Bibel übersetzen und hob die geringeren Klöster auf. Zwar that ihn 1533 Papst Paul III. in den Bann, allein dies fruchtete nichts. Im Mai 1533 ließ sich H. von seiner Gemahlin Katharina ohne Einwilligung des Papstes scheiden, nachdem er sich bereits 14. Nov. 1532 mit Anna Boleyn hatte trauen lassen. Das Gesetz des Parlamentes, nach welchem nur die Nachkommen der zweiten Ehe erbfolgefähig waren, mußten alle Unterthanen beschwören; Thomas More u. Bischof Fisher von Rochester verweigerten diesen Eid und wurden hingerichtct. Als aber eine andere Liebe zu Johanna Seymonr in ihm auftauchte, ließ er einen Proceß gegen Anna einleiten, dessen Resultat ihre Hinrichtung 19. Mai 1536 war. Am folgenden Tage fand H-s Vermählung mit Johanna Seymonr statt, welche aber schon 12. Oct. 1537 bei der Geburt des Prinzen Eduard starb. Das Parlamentsgesetz über die Thronfolge wurde wieder aufgehoben und dem König allein das Recht der freien Verfügung zugcstanden. Zur Regulirung des kirchlichen Glaubens ließ H. 1536 von einer Versammlung Geistlicher des Landes sein aus katholischen und protestantischen Sätzen gemischtes Glaubensbekenntnis), obwol nach vielem Widerstand, sanctioniren. Den deshalb im Oct. desselben Jahres ausgebrochenen Aufstand schlug er nieder und zog 1538 auch die großen Klöster und Stiftungen ein. Infolge der 1539 von H. dem Parlamente vorgelegten u. von diesem approbirten Sechs Glaubensartikel entstanden blutige Verfolgungen Aller, die sich denselben nicht unterwarfen. Am 6. Jan. 1540 vermählte sich H. darauf, um die protestantischen Fürsten Deutschlands zu ge« 144 Heinrich. Winnen, mit der Prinzessin Anna von Kleve, welche er bald überdrüssig bekam, infolge dessen er schon im Juli desselben Jahres sich von ihr scheiden und den Kanzler Thomas Cromwell, der ihm zu dieser Ehe gerathen, hinrichten ließ. Am 8. Aug. folgte die Herrath mit Katharina Howard; aber wegen angeblicher Untreue ließ er dieselbe schon 12. Febr. 1542 hinrichten u. heirathete 12. Juli 1543 seine 6. Gemahlin, die Wittwe des Lords Latimer, Katharina Parr. Der Plan H-s, seinen Neffen, Jakob V. von Schottland, zu einer gleichen kirchlichen Reform in seinem Lande, wie in England, zu bewegen, mißlang; ebenso scheiterte die beabsichtigte Vermählung seines Sohnes Eduard mit der Erbtochter Jakobs V., Maria, an dem Widerstande der katholischen Partei Schottlands. In dieser Angiiegenheit von Franz I. mannigfach verspottet, verband sich H. 1543 nochmals mit dem Kaiser zum Kriege gegen Frankreich, der mit dem Frieden zu Crespy 1546 endete. Seit Ende dieses Jahres von einem schleichenden Fieber ergriffen, st. H. 28. Jan. 1547. Hi körperlich u. geistig trefflich ausgestattet, hatte eine gelehrte theologische Erziehung genossen, war auch in den ritterlichen Künsten wol bewandert, ließ sich aber von seinen persönlichen Eingebungen zu sehr leiten u. verfiel so in Verschwendung u. Gewaltthätig- keiteo, Die bei seiner Energie u. seinem Hang zum Despotismus nur zu oft in Grausamkeiten ausarteten. Ihm folgten erst Eduard VI., sein Sohn Don der Johanna Seymour, dann seine Töchter Maria, von Katharina, u. Elisabeth, von Anna Boleyn geboren. Vergl. Turner, Ilistor/ ob II. VIII., Land. 1826, 2 Bde., neue Aufl. 1828; Thomson, Uomoirs ob bds oonrb ok H. VIII., ebd. 1826, 2 Bde. (deutsch von Becker, Lpz. 1827); Tytler, I^ils ok Lillg- II. VIII., Edinb. 1836, neue Ausg. 1861; Andin, Listorrs äs H. VIII. sb än sodlsms ä'XvAlstorrs, Paris 1847, 2 Bde., neue Ansg. 1862; Fronde, Üistor^ cck ünglanä t'rom tds lall ol Volos^, Band 1—4, London 1856—1858. L) Könige von Frankreich: 23) H. I., jüngster Sohn Roberts u. Constanzens, geb. 1005, vorher Herzog von Burgund; hatte mit seinem von der Mutter begünstigten Bruder Robert um den Thron zu kämpfen, verglich sich jedoch mit ihm, indem er ihm Burgund abtrat; regierte seit 1071, im Kampfe mit dem Adel u. der ausstrebenden Geistlichkeit; unter ihm wurde der Gottessriede eingesührt. H. st. 1060 in Vitry; da seine Verlobte, Mathilde, Tochter des Kaisers Konrad des Saliers, 1034 (1044) starb, vermählte er sich 1051 mit Anna, Tochter des Großfürsten Jaro- slaw von Rußland, welche ihm 2 Söhne gebar: Philipp, welcher ihm folgte, und Hugo, Graf von Vermandois. 24) H. II., Sohn Franz' I. und der Claudia, geb. 31. März 1518 in St. Ger- main enLaye, folgte 1547 seinem Vater; er stand unter dem Einfluß der Guisen, namentlich des Connetable Montmorency, u. seiner Maitresse, der Diana von Poitiers, welche alle Stellen mit ihren Günstlingen besetzte; er erwarb 1550 von England Boulogne, verfolgte in Frankreich die Hugenotten, unterstützte dagegen die Protestanten in Deutschland, um aus diese Weise der ihm gefährlich werdenden Macht Spanien-Hsterreich Schwierigkeiten zu bereiten, kam aber eben dehalb mit Karl V. u. Philipp II. in Streit, der 1559 mit dem Frieden von Chateau-Cambresis endete. Den Engländern nahm unter ihm der Herzog von Guise Calais ab. H. st. 10. Juli 1559 an den Folgen einer Augenwunde, welche er in einem Turnier von Montgomery, dem Hauptmann der schottischen Garden, erhielt. Er war seit 1533 vermählt mit Katharina von Medicis; seine Kinder waren: Franz II., Karl IX., H. III., welche ihm nach einander folgten; Franz, Herzog von Alenxon; Elisabeth, Gemahlin des Königs Philipp II. von Spanien; Claudia, Gemahlin des Herzogs Karl II. von Lothringen; Margarethe, Gemahlin Heinrichs IV. 25) H. III., von Valois, als Prinz Herzog von Anjou, dritter Sohn des Vor. n. Katharinens, geb. 19. Sept. 1551; er erhielt, 18 Jahre alt, das Commando gegen die Hugenotten u. siegte 1569 bei Jarnac u. Montcontour. Durch Jntriguen u. Bestechungen seiner Mutter auf den polnischen Thron erhoben, reiste er 1573 nach Polen, kehrte aber 1574 von dort heimlich nach Frankreich zurück, um auf die Nachricht von dem Tode seines Bruders, Karls IX., die Krone von Frankreich in Besitz zu nehmen. Sich selbst überließ er den Ausschweifungen, beherrscht von berüchtigten Günstlingen (Mignons), die Regierung aber seiner Mutter Katharina; in dem Hugenottenkriege ließ er bald die Gnisen gewähren, bald begünstigte er die Hugenotten, bis er aus Furcht vor der Übermacht der Guisen 1588 den Herzog H. v. Guise u. den Cardinal von Lothringen ermorden ließ und sich mit H. von Navarra verband. Als Beide Paris belagerten, wurde H. III. 2. Ang. 1589 bei St.Cloud von dem Dominicaner Jacques Clement ermordet; s. Frankreich (Gesch. VI.). H., der letzte König von Frankreich aus dem Hause Valois, war vermählt seit 1575 mit Luise de Vaudemont aus dem Hause Lothringen, von welcher er keine Kinder hinterließ. 26) H. IV., der Große, der Gute, Sohn Antons von Bourbon (früher Herzogs von Vendöme, später Königs von Navarra) u. der Johanna d'Albret, geb. 13. Dec. 1558 zu Pan in Bearn; von seiner Mutter sehr hart und im calvinischen Glauben erzogen, übte sich der junge H. nur in den Waffen. König Philipp II. von Spanien wollte, um dem Hause Navarra die Thronfolge in Frankreich nach Heinrichs III. Tode zu entreißen, den Knaben H. nebst seiner Mutter nach Spanien entführen; aber der Anschlag wurde zuvor entdeckt. Kaum 14 Jahre alt, wurde H. unter Coligny und Conde an die Spitze des Heeres der Hugenotten gestellt. Als 7. Juni 1572 seine Mutter starb, wurde er als H. III. König von Navarra; kurze Zeit darauf vermählte er sich mit Margarethe von Valois in Paris, und diese Vermählung 24. Ang. 1572 ist die berüchtigte Pariser Bluthochzeit (Bartholomäusnacht); er selbst wurde vom König als Ge- fangener in Paris zurückgehalten, entwich jedoch 1576, stellte sich wieder an die Spitze der Hugenotten, erfuhr manche Wechselfälle des Kriegsglückes und wurde vom Papst Sixtus V. in den Bann gethan. Am 20. Oct. 1587 gewann er die Schlacht bei Coutras. Nachdem der König H. III. von Heinrich. 145 Frankreich, der sich eben mit ihm verbunden, ermordet worden, nahm H. 1589 den Titel eines Königs von Frankreich an, schlug im folgenden Jahre seine Gegner bei Jvry, sah sich aber aus - dem von den Spaniern unterstützten Paris ausgeschlossen. Um endlich dem Bürger- und Reli- ' gionskriege ein Ende zu machen n. seine Feinde zu entwaffnen, entschloß sich H., seinen bisherigen Glauben der Form nach aufzugeben. Nachdem er in St. Denis am 25. Juli 1593 zur Katholischen Kirche übergetreten war, huldigte ihm das Land, u. er zog 1594 in Paris ein; bald darauf machte der Jesuitenzögling Jean Chatel einen Mordver- ' such auf ihn. Im I. 1598 gab er zu Gunsten s seiner alten Glaubensgenossen das Edict von Nantes, ^ endigte auch den seit 1595 entbrannten Krieg mit Spanien durch den Frieden von Vervins. Mit seinem Minister Rosny, Herzog v. Sully, wirkte er nun für das Wohl Frankreichs, die Schulden wurden fast getilgt u. rückständige Steuern erlassen. ! In seinen letzten Jahren faßte er den Plan einer 1 großen europäischen Staatenrepublik, welche vorzüglich den Zweck haben sollte, die Macht des Hauses Habsburg zu vernichten und die Türken aus Europa zu vertreiben. Ec wurde 14. Mai 1610 in Paris von Ravaillac ermordet. Nach ^ der Scheidung von seiner Gemahlin Margarethe, Tochter Heinrichs II., 1599, war er seit 1600 mit Maria von Medici, Tochter des Großherzogs Ferdinand von Toscana, vermählt; von seinen Kindern aus zweiter Ehe folgte ihm Ludwig XIII.; Gaston wurde Herzog von Orleans; Elisabeth war vermählt an König Philipp IV. von Spanien; Christine an Herzog Victor Amadeus von Savoyen und Henriette an König Karl I. von Eng- s land. Er gilt für den galantesten u. ritterlichsten l König, war tapfer, rasch in seinen Entschlüssen, ! ein ebenso bedeutender Feldherr als Staatsmann, kannte aber keine Dankbarkeit. Gleichwol war er, ! wenn auch den Damen und der Liebe allzu sehr i ergeben und leichtsinnig, doch von den Franzosen > sehr verehrt. Die bekanntesten seiner zahlreichen Mätressen, von denen er 8 Kinder hinterließ, sind Gabrielle d'Estrees, Henriette d'Entraigues, Mar- . quise von Verneuil, Epernon rc. Ihm wurden zu Nerac an der Baisse, ans dem 2onb non! in Paris, 1842 zu Pau u. 1857 zu La Fleche Denkmäler errichtet. Vgl. Perefixe, List, äs 2. IV., n. A. Par. 1822 ; Capefigue, Lisi, äs 1a rslorms, ' äs 1a 1i§us ei äs rs^ns äs 2, IV., ebd. 1834, 2 Bde.; Berger de livrey, üoenell äss Isiirss missivss äs 2. IV., ebd. 1850, 5 Bde.; Jung, 2. IV. serlvain, ebd. 1855; Freer, 2. IV. anä Llaris äs Llsäisi, Lond. 1861, 2 Bde.; Stähelin, Der Übertritt H-s IV. von Frankreich zur kath. ' Kirche, Bas. 1856; M. Philippson, König H. IV. > von Frankreich im Neuen Plutarch, Bd. 1, Lpz. 1874. Das Privatleben H-s schildert der Roman XiZsnis von John Barclay (s. d. 2)). s 1?) König von Jerusalem: 37) H. von ' Champagne, Sohn des Grafen H. I. von Champagne; folgte 1180 (1181) seinem Vater, überließ aber 1183 seinem Bruder die Champagne, machte i den dritten Kreuzzug mit, wo er sich besond. vor St. Jean d'Acre auszeichnete; durch Verheirath- ung mit Jsabella, der Wittwe Konrads von Ty- ^ Vierers Universal-Conversatiens-Lerikon. S. Aufl. X. rus, wurde er 1192 König von Jerusalem u. st. dort an einem Sturze aus dem Fenster 1197. II. Andere regierende Fürsten. V) Herzoge von n. in Bayern: 28) H. mit dem goldenen Pfluge, s. u. Guelfen. 29) H. I., jüngster Sohn des Königs H. I. u. der Mathilde von Ringelheim; erhob sich mit Eberhard von Franken n. Giselbert von Lothringen gegen seinen Bruder, Kaiser Otto I., mußte aber 939, von diesem geschlagen, nach Frankreich fliehen. Nach dem Frieden Ottos mit Ludwig IV. von Frankreich unterwarf er sich u. erhielt das Herzogthum Lothringen, in dein er sich jedoch nicht halten konnte. Wegen eines Mordanschlages auf Otto 941 in Ingelheim eingesperrt, aber Weihnachten dess. I. wieder begnadigt, erhielt er, als Gatte der Tochter des Herzogs Arnulf von Bayern, Judith, das Herzogthum Bayern zu Lehn und ward nun treuer Anhänger Ottos u. zeichnete sich namentlich gegen die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfelde aus. Er st. 1. Nov. 955. Vgl. Winter, H. von Bayern, Jena 1872. 30) H. II-, der Zänker, des Vor. Sohn u. Nachfolger, geb. 951; erst unter Vormundschaft, zählte, selbständig geworden, zu den Mißvergnügten über Otto II. u. vereinte sich auf Anstiften des Bischofs Abraham von Freising 974 mit dem Pfalzgrafen von Scheyern, dem Herzog von Kärnthen, König von Dänemark, den Herzogen von Polen u. Böhmen gegen diesen; die Verschwörung ward entdeckt u. H. nach Ingelheim gebracht. Von da entfloh er n. ließ sich 976 in Regensburg zum König krönen, worauf er seines Herzoglhums entsetzt und nach einer nochmaligen Empörung seiner Güter beraubt u. dem Bischof von Utrecht zur Aussich: übergeben ward. Nach Ottos II. Tode freigelassen, empörte er sich gegen Otto III., erhielc aber 985 nach seiner Unterwerfung Land u. Güter wieder u. auch Kärnthen und die italische Mark. Er st. 25. Aug. 995. Ihm folgte sein Sohn, der nachmalige Kaiser H. II. 31) H. VIII., der Stolze, Herzog von Bayern u. Sachsen, Sohn des 1126 gestorbenen Herzogs H. des Schwarzen, der durch seine Gemahlin Wulshild, die Tochter des Herzogs Magnus von Sachsen, die Billung- ischen Güter erbte; folgte diesem als Herzog in Bayern u. diesen Gütern in Sachsen n. vereinigte infolge seiner Verheirathung 1129 mit Gertrud, Erbtochter des Kaisers Lothar, die Brunonischen, Supplinburgischen u. Nordheimischen Güter mit seinem väterlichen Theile in Sachsen u. Bayern, nahm 1137 auf seinem Zuge unter dem Kaiser nach Italien das schon empfangene Tuscien und die Mathildischen Güter in Besitz u. wurde zum Markgrafen von Toscana ernannt. Bon Lothar zum Erben eingesetzt und mit der Aufbewahrung der Reichskleinodien bedacht, verlangte er für sich die deutsche Königswürde, wurde aber, weil dem Reichstag zu mächtig, nicht gewählt, u. da er die Reichskleinodien wie auch die Abtastung eines der Herzogthümer verweigerte, ward er geächtet 1138 u. starb, ohne wieder zu seinem Besitz gekommen zu sein, 20. Oct. 1139 in Qnedlinhnrg an Gift. 32) H. X., der Löwe, Sohn H-s des Stolzen von Bayern und Sachsen (des Vor.), geb. 1129 wahrscheinlich zu Ravensburg in Schwaben; folgte Band. io 146 Heu seinem Vater 1139 in Sachsen unter der Regent- schast seiner Mutter Gertrud u. seiner Großmutter Richenza; 1146 trat er die Negierung selbst an, zog 1147 gegen die heidnischen Öbotriten u. Wenden, verpflanzte Ansiedler an die slavischen Grenzen, schob diese immer weiter u. brachte so unter die heidnische Bevölkerung Cultnr u. das Christenthum. Als in demselben Jahre der Kaiser Kon- rad III. das seinem Vater entrissene Herzogthum Bayern an H. Jasomirgott (s. H. 42) verlieh, verband er sich mit seinem Oheim Welf von Altdorf, wurde zwar durch Konrad an einem Einfall in Bayern verhindert, erhielt aber 1154, als sein Vetter Friedrich I. Kaiser geworden war, Bayern zurück, das er dem Pfalzgrasen Otto v. Wittelsbach zur Regierung überließ, seine ganze Sorge Sachsen zuwendend. Seine Lande erstreckten sich seitdem von der Ost- u. Nordsee bis znm Adriatischen Meer. Die Städte München, Lübeck, Braunschweig und Hamburg verdanken ihm theils ihre Entstehung, theils ihre spätere Blüthe. Als H. 1162 mit dem Kaiser in Italien war, erhielt er die Nachricht von einer Empörung der Öbotriten; er kehrte eilig zurück, unterwarf die Empörer u. legte zur Sicherung des Landes Schwerin an (1162). Einen unter Mitwirkung der Bischöfe NDeutschlands 1166 gegen ihn gerichteten Bund machte er durch die Eroberung von Bremen ».Oldenburg zu Nichte. Von seiner Gemahlin Clemen- tia, Tochter des Herzogs Konrad von Zähringcn, mit der er seit 1148 vermählt war, trennte er sich 1162 u. verehelichte sich 1168 mit Mathilde, der Tochter H-s II. von England, mit welcher er 3 Söhne, Heinrich, Otto u. Wilhelm, zeugte. H. kehrte 1173 von einer Pilgerfahrt aus Palästina zurück, folgte 1174 dem Kaiser nach Italien, wendete sich aber bei der Belagerung von Alessan- dria von ihm ab und verweigerte 1176 ihm entschieden Hilfe gegen die Lombarden. Der Kaiser, von Letzteren bei Legnano geschlagen, warf seitdem Haß auf H., lud ihn zur Verantwortung auf mehrere Reichstage und erklärte ihn, als er auf keinem derselben erschien, auf dem Fürstentage in Würzbnrg 1180 in die Acht u. aller seiner Lehen verlustig. Seine Länder wurden getheilt: Bayern erhielt Otto von Wittelsbach, Sachsen Bernhard von Askanien, Engern u. Westfalen aber der Erzbischof von Köln und andere kleinere Theile, bis aus Ostfalen, das ihm als Allod verblieb. H. versuchte zwar mit Heeresmacht seine Länder zu halten; aber er mußte vor dem Kaiser aus Sachsen weichen u. floh zu seinem Schwiegervater nach England. Durch einen Fußfall, Len er 1182 in Erfurt vor dem Kaiser that, erlangte er die Zusicherung des Besitzes seiner Erblande Braunschweig und Lüneburg. Als der Kaiser nach Palästina zog, verlangte er von Heinrich, ihn ent- weder zu begleiten, od. auf 3 Jahre außer Landes zu gehen; H. begab sich deshalb 1188 wieder nach England. Als aber 1189, nach dem Tode seiner Gemahlin, dem gegebenen Versprechen zuwider seine Erblande augetastet wurden, brach er von England auf, sammelte seine treuen Vasallen wieder um sich, schlug die Dänen u. Dithmarschen, eroberte Hamburg, Plön, Itzehoe u. zerstörte Bardewiek; Lübek u. Lüneburg unterwarfen sich; aber in der Schlacht bei Segeberg wurde er von Adolf von Dassel geschlagen. Der Reichsverweser König H. u. die Bischöfe von Hildesheim u. Halber- stadt velagerten darauf Braunschweig und es kam endlich 1190 ein Vergleich zu Stande. H. starb 6. Aug. 1195 in Braunschweig und ward in dem dortigen Dome begraben. Vgl. H. Prutz, H. der Löwe, Lpz. 1865. 8) Pfalzgraf bei Rhein u. Herzog von Braunschw eig: 33) H. der Schöne od. Lange, Sohn H-s des Löwen u. Mathildens von England; wurde 1190 von seinem Vater dem römischen König H. VI. als Geisel überliefert, entfloh aber aus dem Lager von Neapel, vermählte sich mit Agnes, Erbtochter des Pfalzgrafen Konrad, Bruders des Kaisers Friedrichs I., u. behauptete sich trotz des Widerstandes des römischen Königs u. Kaisers, Friedrichs II., doch in der Pfalz. In seinen Erblanden regierte er seit 1195 gemeinschaftlich mit seinen Brüdern Otto und Wilhelm, erhielt bei der Theilung zwischen ihnen 1203 Hannover n. Dithmarschen und führte nach Wilhelms Tode für dessen Sohn Otto das Kind die Regierung. Sein anderer Bruder wurde später als Otto IV. Kaiser und durch diesen wurde H. Reichsverweser an der Mosel, sowie später in Sachsen. Er starb 1227; seine beiden Töchter, Agnes u. Jrmcntrnd, theilten sein Erbe am Rhein, während ihr Neffe, Otto das Kind, sich in dem sächsischen Allod behauptete. 0. Herzog von Braunschweig »Wolfenbüttel: 34) H. der Jüngere, Sohn H-s des Älteren, geb. 10. Nov. 1489; folgte seinem Vater 1514 allein, mit Ausschluß seiner Brüder; hatte eine Fehde mit dem Bischof von Hildesheim, von dem er 1519 bei Soltau geschlagen wurde, erhielt dann aber durch die Gunst des Kaisers Karl V. fast das ganze Bisthum Hildesheim, schloß sich aus Dankbarkeit dem Kaiser gegen den Schmalkaldischen Bund an u. wurde in dem Kriege gegen denselben, dessen Truppen sein Land überzogen, bei dem Kloster Höckelem gefangen, aber infolge des Sieges bei Mühlberg befreit; mit der Stadt Braunschweig, welche sich als protestantisch gegen ihn erklärt hatte, mußte er sich vergleichen; er wurde später den Protestanten günstiger gesinnt und st. 11. Juni 1568. Er war vermählt mit Maria von Württemberg und dann mit Sophie von Polen; von seinen Kindern überlebte ihn bloß sein Sohn Julius, welcher ihm folgte; 2 Söhne hatte er in der Schlacht bei Sievershausen verloren. Er soll seine Geliebte Eva v. Trott zum Scheine haben beerdigen lassen, aber auf der Burg Staufenberg verborgen u. dort mit ihr 7 Kinder gezeugt haben. v) Landgraf von Hessen: 35) H. I., das Kind, erster alleiniger Fürst von Hessen, geb. 1244 als Sohn H-s II. von Brabant und Sophiens, Tochter Ludwigs des Frommen von Thüringen u. der hl. Elisabeth. Er erbte durch den den Thüringischen Erbfolgestreit beendigenden Vertrag von 1263 Hessen, bestehend in der Grafsch. Gudensberg u. der Landgrafschaft an der Werra, u. nahm seinen Sitz in Kassel. Durch Kraft u. einsichtsvolle Regierung erwarb er sich die Anerkennung von Seiten der hessischen Großen, ver- Heinrich. 147 größcrte sein Besitzthum u. konnte auch in Brabant, in dem sein Bruder regierte, Ordnung schaffen, sowie Kaiser Rudolf I. gegen Ottokar von Böhmen unterstützen. Er st. 21. Dec. 1308 und war vermählt mit Adelheid, Tochter des Herzogs Otto von Braunschwcig, dann mit Mathilde, Tochter des Grasen Dietrich VI. von Kleve. Seinen Stamm setzte der Sohn erster Ehe Otto fort. L) Herzog von Kärnthen: 36) H-, Sohn Meinhards aus dem Hause Görz-Tirol; folgte 1295 seinem Vater mit seinen Brüdern Ludwig n. Otto in Kärnthen u. Tirol u. erhielt nach deren Tode 1305 u. 1306 Kärnthen allein. Er war seit 1306 vermählt mit Anna, ältester Tochter des Königs Wenzel IV. von Böhmen, u. war deshalb auch von 1307—10 König von Böhmen. Durch Kaiser H. VII. vertrieben, kehrte er nach Kärnthen zurück, entsagte der Krone Böhmen 1324 u. st. 2. April 1335; seine Erbtochter ans zweiter Ehe mit Adelheid von Brauiischwcig-Grubenhagen war Margarethe Maultasch. I?) Herzoge von Mecklenburg: 37) H. Borwin I., Sohn des Herzogs Pribislaw von Mecklenburg; stritt sich nach dem Tode seines Vaters 1178 mit seinem Vetter Niklas, Sohn Wra- tislaws, um Mecklenburg, wurde aber mit diesem von dem Fürsten von Rügen u. dem Herzog von Pommern 1182 gefangen. Befreit, theilten Beide 1183 und H. erhielt Jlow, vereinigte aber das Ganze wieder, nachdem Niklas 1201 gegen die Holsteiner gefallen war; er selbst st. 1228. Er war 2 Mal vermählt, erst mit Mathilde, Tochter des Herzogs H. des Löwen von Sachsen, dann mit Adelheid, Tochter des Königs Lesko des Weißen von Polen; seine Söhne aus erster Ehe, H. und Niklas, folgten ihm. 38) H. Borwin II., älterer Sohn des Vor.; erhielt 1219 einen Theii der väterlichen Besitzungen mit Rostock und erbte nach seines Bruders Niklas Tode auch dessen An- theil; er befreite sich 1227 bei Bornhövede von der dänischen Oberherrschaft und st. 1236; von feiner Gemahlin Sophie, Tochter des Königs Karl VII. von Schweden (st. 1252), hinterließ er viele Kinder, von denen ihm Johann der Theolog folgte, welcher die Linie Mecklenburg stiftete. 39) H-IV., der Fette, Sohn des Herzogs Johann III. u. der Katharina von Sachsen-Lanen- Lurg, geb. 1418; folgte 1423 mit seinem Bruder Johann seinem Vater unter der Vormundschaft ihrer Mutter bis 1436; H. hatte Krieg mit mehreren pommerschen Fürsten, vertrieb Sec- u. an- dere Räuber, welche in sein Land gekommen wa- ren, erwarb 147l Stargard n. st. 19. März 1477; er war ausgezeichnet durch treffliche Eigenschaften des Geistes n. Herzens, aber durch seinen großen Aufwand auf Turniere n. Tafelfreuden wurde er genöthigt, mehrere Domänen zu veräußern; seine u. seiner Gemahlin Dorothea 3 Söhne, AlbrechtIV., Magnus u. Balthasar, folgten ihm. 40) H. V., der Friedfertige, Enkel des Vor. und Sohn von Magnus und Sophie, Tochter des Herzogs Erich II. von Pommern, geb. 1479; folgte mit seinen Brüdern Erich und Albrecht dem Schönen ihrem Vater 1503 gemeinschastlich in Mecklenburg; nach dem Tode ihres Oheims Balthasar 1507 u. des Bruders Erich 1508 regierten H. u. Albrecht gemeinschastlich bis 1523, wo sie theilten; darüber aber in Streit gerathen, bestimmten sie endlich durch das Interim von Wismar 1534, daß die Regierung ungetheilt bleiben, dagegen die Einkünfte gethcilt werden sollten, und nahm H. nun seine Residenz in Schwerin, Albrecht in Güstrow; H. trat der Reformation bei n. st. 6. Febr. 1552. Er war 3 Mal vermählt; aus erster Ehe stammte Magnus, Bischof von Schwerin, aus zweiter Ehe sein Nachfolger Philipp. 8. Markgraf von Meißen, 41) H. der Erlauchte, Sohn Dietrichs des Bedrängten und der Jutta von Thüringen, geb. 1218; stand nach seines Vaters Tode, 1221, unter Vormundschaft seines Oheims, des Landgrafen Ludwigs des Frommen von Thüringen, n. nach dessen Tode, 1227, unter der seiner Mutter, wurde aber bald für volljährig erklärt und vermählte sich 1234 mit Constantia, Tochter des Herzogs Leopold von Österreich; 1242 wurde er mit Thüringen u. der Pfalz Sachsen belehnt. Auch die Herrschaft über Hessen übernahm er 1250 im Namen des unmündigen Sohnes der Sophie, Heinrichs des Kindes, mußte sie aber infolge eines mit Sophie ansgefochtenen Streites nach der Schlacht bei Wettin 1263 an Heinrich abtreten u. behielt nur Thüringen. Von seinen beiden Söhnen, Albrecht dem Unartigen u. Dietrich, gab er dem erstcren Thüringen, die Pfalz Sachsen n. das Pleißenland, dem jüngeren die Mark Lanvsberg; er selbst behielt nur Meißen und die Nicderlausitz für sich. Erbstreitigkeiten zwischen Albrecht n. seinen Söhnen trübten auch die Regierung H-s, der alle ritterlichen Tugenden in sich vereinigte, neben der Kunst auch die Pracht liebte; dagegen fehlte es ihm an Staatsklngheit, einFehler, der sich nachheranseinem Hause rächte. Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin vermählte er sich mit Agnes von Böhmen, und als diese 1268 gestorben war, mit Elisabeth von Maltitz, mit der er Friedrich den Kleinen u. Hermann zeugte. Er st. 1288, Vgl. Tittmann, Geschichte H-s des Erlauchten, Dresd. und Leipz. 1845 s., 2 Bde. 8. Herzog von Österreich. 42) H. II., nach seinem Leibspruche Jasomirgott, aus dem Hause Babenberg; war seit 1140 Pfalzgraf bei Rhein, 1141 Markgraf in Österreich u. vermählte sich 1142 auf KonraLs lll. Weisung mit Gertrud, der Wittwe Heinrichs des Stolzen, um so für seine Belehnung mit Bayern 1142 einen Schein des Rechtens zu gewinnen. Als Herzog von Bayern, H. IX.., konnte er sich erst mit Hilfe des Kaisers behaupten, mußte aber, nachdem Friedrich I. die Kaiserwürde erhalten, trotz seiner Weigerung auf dem Reichstag zu Goslar 1154, endlich Heinrich dem Löwen Bayern zurückgeben, von dem jedoch Theile zur Markgrafschaft „Österreich geschlagen u. mit dieser als Herzogthum Österreich mit besonderen Privilegien ausgestattet u. H. 1156 als Entschädigung übergeben wurden. Er st. 1177. 4. Landgraf von Thüringen, 43) H. Raspe IV., Hermanns I. Sohn; verdrängte nach dem Tode seines Bruders Ludwigs des Frommen die Wittwe desselben (die Heilige Elisabeth) und deren Kinder von der Herrschaft n. übernahm die Vormundschaft für seinen Steffen, Hermann II., 10 * 148 Heinrich. mußte diesem bei seiner Mündigwerdnng Thüringen und Hessen überlassen (1239), erlangte aber nach dessen Tode (1242) ganz Thüringen, die Pfalz Sachsen u. Hessen, unterstützte die Böhmen gegen die Mongolen, wurde 1242 Reichsverweser für Konrad (Sohn Kaiser Friedrichs II.), trat, 1246 von der Geistlichkeit erhoben u. auf dem Reichstage zu Hochheim von den Bischöfen gewählt, als Gegenkönig ans, daher der Pfassenkönig genannt, zog gegen Konrad ins Feld, schlug ihn bei Frankfurt a. M. im Anguü d. I. u. st. im Fcbr. 1247 ans der Wartburg; mit ihm erlosch sein Mannsstamm. III. Prinzen: 44) H. Karl Ferdinand Maria Dieudonnö von Artois-Bourbon, Herzog von Bordeaux, Graf von Cham- bord, s. Chambord. 45) H. der Seefahrer (Dom Henrique el NavegaLor), Jnfant von Portugal, jüngster Sohn des Königs Johanni., geb. März 1394 in Oporto, wandte, nachdem er bei Cents 1415 sich die Sporen verdient und Großmeister des Christusordens geworden, sich dem Seewesen zu, studirte Mathematik, Astronomie u. Geographie und sandte auf seine Kosten von ihm gebildete Seeleute zur Erforschung der Westküste Afrikas aus, die von Erfolg begleitet waren (Porto Santo, Madeira, Cap Branco, Cap Verde, die Azoren, die Cap Verdeschen Inseln u. Senegam- bicn wurden entdeckt). Er selbst kämpfte in Nord- Afrika. H. st. 13. Nov. 1460 auf seinem Wohnsitz Sagres am Cap Vincent. Vgl. Aznrara, türouioa äs Ouius, Par. 1841; Wappäus, Untersuchungen über die geogr. Entdeckungen der Portugiesen unter H., Gött. 1842; De Veer, H. der Seefahrer und seine Zeit, Königsb. 1864; Mayor, I-iks ok priuss Rsurx okkortugai, Lond. 1868. 46) H. (Friedr. H. Ludwig), Prinz von Preußen, dritter Sohn Friedrich Wilhelms I., BruderFriedrichs II., geb. 18. Jan. 1726 in Berlin; wurde gleich seinem Bruder streng u. hart erzogen, doch minderte dies auch bei ihm nicht den Aufschwung des Talents. Den ersten Feldzug machte H. 1742 als Oberst der Armee in Mähren mit. 1744 war er im Gefolge des Königs mit, vertheidigte Tabor und zeichnete sich 1745 bei Hohenfriedberg aus. 1752 vermählte er sich mit der Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Kassel u. erhielt vom König das Schloß Rheinsberg ». einen neugebauten Palast in Berlin. Dort und in Potsdam trieb er mit Eifer militärische Studien. Im Anfang des Siebenjährigen Krieges befehligte er eine Brigade unter dem König, trug damit zum Siege von Prag bei u. zog sich nach der Schlacht von Kollin glücklich zurück. Bei Roßbach, wo er ein JnfanteriecorpS führte, wurde er verwundet. Als der König 1757 nach Schlesien ging, befehligte H. das kleine Corps, welches in Sachsen zurllckblieb. Mit diesem, das 1758 auf 25,000 Mann gebracht wurde, deckte er die Südgrenzen des preußischen Staates n. entwickelte nun eines der ausgezeichnetsten strategischen Talente, indem er sich gegen eine zwei bis dreimal überlegene Macht hielt. Im Jahre 1759 kämpfte er in Böhmen u. Franken, täuschte nach der Schlacht bei Kunersdorf die Österreicher und Russen durch seine Bewegungen, bis der König seine Verluste ersetzt hatte, entsetzte 1760 Breslau u. siegte 29. Oct. 1762 bei Freiberg. Nach dem Frieden lebte er wieder in Rheinsberg den Wissenschaften u. Künsten, bes. liebte er das französische Theater. Die polnische Reichsversammlung beschloß, ihm 1764 die polnische Krone anznbieten, allein er vernahm diesen Plan mit Gleichgiltigkeit, u. sein Bruder ging nicht darauf ein. Von seiner Gemahlin trennte er sich in dieser Zeit. 177:: besuchte er die Kaiserin Katharina in Petersburg; hier kam die erste Theilung Polens zur Sprache, u. H. schloß die Präliminarien dieses Vertrages zur Zufriedenheit des Königs ab. Im Bayerischen Erbfolgekrieg 1778 befehligte H. ein Heer Preußen n. Sachsen, welches von Dresden aus in Böhmen einfiel, gegen Laudon. Mangel an Lebensmitteln zwang ihn zum Rückzug und bald erfolgte der Friede. 1784 ging er nach Paris, um daselbst wegen eines Bündnisses gegen die Vergrößerungspläne Asterreichs zu unterhandeln; die Unentschlossenheit des französischen Cabinets vereitelte dasselbe. Unter Friedrich Wilhelm II. lebte H. verbittert gänzlich von den Geschäften entfernt u. st. з. Aug. 1802 in Rheinsberg, woselbst er begraben ist. Vgl. Vis privss, politigus st millt. äu keines Ilsnii äs krusss, Par. 1809. IV. Geistliche u. Gelehrte. 47)H., Engländer, Missionär, im 12. Jahrh. Bischof von Upsala, Gründer von Abo, vermochte König Erich den Heiligen von Schweden das Christenthuin anzunehmen, und war eifrig bemüht, die unterjochten Finnländer zu bekehren, wurde aber von ihnen erschlagen u. später alsApostel derFinn- länder verehrt. 48) H. von Lausanne, auch H. von Toulouse genannt, mittelalterlicher Secteu- stifter, s. Bruis. 49) H. von Huntingdon,,, Canonicus von Lincoln, in der Mitte des 12. Jahrh., später Archidiakonus der Diöcese vonHuu tingdon; zeichnete sich als Geschichtschreiber au: и. schr. u. a.: Ilistoria Lmglorum (von der Land ung Cäsars bis zum Jahr 1154), herausgegeben in Henry Savile Lsrum an^Iisarum ssriptorc; post Lsäam prasoixui, London 1596. 50) V. Stero, Caplan des Abtes Hermann in dem Klö ster Altaich; setzte dessen Annalen bis 1300 fort (in Frehers 8eriptarss rer. §erm. V. 1 .) und schr. Biographien von den Kaisern Rudolf, Adolf u. Albrecht u. a. m. 51) H. von Livland, zu Anfang des 13. Jahrh., begleitete den Erzbischof Philipp von Ratzeburg nach Livland, war erster Geschichtschreiber von Livland; er schr.: Annalen von 1184—1225, herausgegeben von I. Dan. Gruber, Franks. 1740, Fol. 52) H. von Genr (eigentlich H. Goethals, LouisoUius), Scholastiker, geb. um 1217 in Muda bei Gent, war ein Schüler Alberts des Großen, wurde Professor der Theologie u. Philosophie an der Sorbonne in Paris unv bekämpfte in seinen Vorlesungen den Determinismus des Joh. Duns Scotus; später wurde er Archidiakonus in Tournay u. st. daselbst 29. Juni 1293; er schr.: 8umma tttsolsAias; tzasä- iibeta tttsoloZiea; Vita 8. Disutüsri; Üs viris illustribus s. äs seriptoribus eeeisaiastieis. 53) H. von Langenstein, auch H. von Hessen genannt, Scholastiker, geb. in Langenstein bei Kirch- Hain in Oberhessen; studirte in Paris, wurde daselbst 1363 Lehrer der Philosophie, 1375 Licentiat der Theologie u. später Vicekanzler der Universität; Heinrich. 149 1390 berief ihn Herzog Albrecht III. an die Universität Wien als Lehrer der Theologie und der Mathematik; er wurde dort 1393 Rector u. starb 1397 ; Hauptschrist: Ocmsilium xaois äs nnions ao iskormabiouo soolssiae in «onviiio universali guasronäa, 1381 (welche die Grundsätze entwickelte, die später Gerson u. die reformatorischen Concilien zur Geltung brachten). 54) H. von Gorkum, Scholastiker, geb. zu Gorkum in Holland zu Anfang des 15. Jahrh., zeichnete sich als Philosoph u. Theolog aus u. starb als Vicekänzler der Akademie in Köln; er schrieb: Nrastutus äs super- stitiosis gnibusäain oasibus ssu eaersmouim ooelosiasliois; Ds oslsbribate kestoruin; Lon- dusionss sb oonooiäantig.s bibliorum; 6ontra Hussitas; auch Commentare zu Aristoteles, Tho- ! ums Aquinas und Petrus Lombardus. 55) H. - (Harry) v. Beaufort, s. Beaufort 5). > V. Dichter: 56) Henricus Septimellen- - sis (Arrighetto), lateinischer Dichter zu Ende des 12. Jahrh., geb. auf dem Schlosse Settimello im Florentinischen, Geistlicher, mußte seine Pfründe L wegen eines Processes mit dem Bischof von Flo- l! renz aufgeben, wodurch er in die tiefste Armuth gerieth; er schr.: leider elsMarum (äs älvorsitats d kortunas st pdllosoptrias eonsolations), o. O. si. I. (Utrecht) 1473, Fol. u. ö., mit italienischer Übersetzung ans dem 14. Jahrh. von M. Mauni herausgcgeben, Flor. 1730. 57) H. der Otielrs- saors (Gleißncr), ein adeliger Herr aus dem El- ) i saß; dichtete um 1170 einen Reinhart Fuchs nach ) einem französischen Vorbilde. Das deutsche Gedicht ist nur etwa zum dritten Theil in dem alten, Löffler.* 58)—75) Zimmermaim. Heinrichs, Marktfl. an der Hasel im Kreise Schleusingen des preußischen Regbez. Erfurt; altes Rathhaus; Eisen- u. Stahlhammer, Gewehrfabrikation, Bleiweißfabrik, Baumwollenweberei, Garnbleiche; 1329 Ew. Heinrichs, Johann Heinrich, theologischer Schriftsteller, geb. 1765 in Hannover; studirte seit 1784 in Göttingen Theologie u. Philologie, wurde 1789 Repetent bei der theologischen Facultät daselbst, 1794 Pastor in Quickborn, 1799 Archidia- konus in Dannenberg, 1806 Superintendent in Clötze in der Altmark, 1810 in Burgdorf bei Han- nover u. st. 13. März 1850. Seiu Hauptwerk ist die Fortsetzung des Koppeschen Neuen Testamentes; - Hcmroth. ferner erschienen von ihm die Briese an die Epheser, Timotheus, Titus, Philemon, Philipper u. Co° losser, die Apokalypse. Heinrichsbad (Moosbergbad), berühmter Kurort im Schweizerkanton Appenzell - Außerrhoden, 1 Icm von Herisau; eisenhaltige Mineralquelle, damit verbunden sind Anstalten für Milch-, Molken- u. Wasserkuren, Mineral-, Molken- u. Kräuterbäder.. Heinrichs des Löwen Orden, s. Löwenorden. Heinrichsgrün, Stadt im böhmischen Bezirk Graslitz (Österreich); Schloß mit großem Thiergarten; Eisenwerke, Bierbrauerei, Spitzenkldppelei; 1811 Ew. Heinrichshöhe, s. u. Harz. Heinrichsnobel, engl. Goldmünze, von Heinreich VIII. 1540 an Stelle der älteren Roseuobel, mit einem Schiff bezeichnet; 5Z- Thaler. Heinrichsorden, königlich sächsischer Militär- orden, von August III., König von Polen u. Kurfürst von Sachsen, an seinem Geburtstag, den 7. Oct. (od. richtiger den 7. Nov.) 1736, in Hnbertus- burg gestiftet, zur Belohnung für Offiziere, welche sich im Kriege ausgezeichnet hatten. Prinz Xaver von Sachsen erneuerte ihn 4. Sept. 1768 für drei Klaffen. Neu begründet wurde der Orden 23. Dec. 1829 u. hat jetzt 4 Klassen: Großkreuze, Comman- deure erster n. zweiter Klasse u. Ritter. Die Großkreuze tragen das Zeichen an einem handbreiten, himmelblauen Band mit citrongelber Einfassung über die rechte Schulter nach der linken Hüfte, u. dabei auf der linken Brust einen achtspitzigen, goldenen Stern, mit der Vorderseite des Ördcnszei- chens in der Mitte u. von den Worten: Virtuti ill bsllo umgeben. Die Commaudeurs haben einen kleineren Bruststern. Bei den Rittern hängt das Zeichen noch kleiner an einer Bandschleife im Knopfloch. Eine fünfte Klasse bildet die 1793 gestiftete silberne Verdienstmedaille. Ein Nachtrag zu sden Statuten wurde 9. Dec. 1870 gegeben. Hernrichswalde, Kreisort im Kreise Niederung des preuß. Regbez. Gumbinnen, an der Schneck; 930 Ew. Heinroth, 1) Johann Christian August, geb. 17. (15.) Jan. 1773 in Leipzig, besuchte die dortige Nicolaischule, ging 1791 zur Universität, studirte von 1796—1801 Medicin, reiste daun nach Italien, studirte in Wien unter P. Frank, wurde 1803 zweiter Arzt am Jacobshospital, promovirte 1805, nachdem er in Erlangen eine Zeit lang Theologie studirt hatte, habilitirte sich in Leipzig, wirkte in den französischen Kriegen als Militärarzt, wurde 1811 außerordentlicher, 1819 ordentlicher Professor der psychischen Heilkunde, 1829 sächsischer Hofrath, Arzt am St. Georghause n. st. 1843. Er schr.: Grundlage der Naturlehre des menschl. Organismus, Lpz. 1807; Lehrbuch der Anthropologie, ebd. 1822, 2. A. 1831; Lehrbuch derSeeleugesundheitsknude, ebd. 1823 s., 2 Thle. u. 3. Bd. als Anhang dazu; System der psychisch-gerichtlichen Medicin, ebd. 1825; Geschichte u. Kritik des Mysticismus, ebd. 1830; Gruudzüge der Crimiual-Psychologie, Berl. 1833; Unterricht in zweckmäßiger Selbstbehandlung bei beginnenden Seelenkrankheiten, ebd. 1834; Örthobiotik, ebd. 1839 u. a. m. Er gab heraus: Danz Semiotik, Leipz. 1812; übersetzte mit Rosenmüller John 151 Heinsberg - Bell, Zergliederung des menschl. Körpers, 1806; dann Pallonis Bemerkungen über Fieber, 1805, u. Burrows Untersuchungen, 1822; war auch Mitred acteur der Leipz. Liter. Zeitung. Als Tren- mund Wellentreter gab er: Gesammelte Blätter, Leipz. 1820—23, heraus (prosaische u. dichterische Reflexionen über das Leben). 2) Joh. August Günther, gcb. 19. Juni 1780 in Nordhausen, war zuerst Gesangslehrer bei einem jüdischen Institute in Seesen, organisirte in Berlin und anderen Orten den musikalischen Gottesdienst in den Synagogen, wurde 1818 Universitätsmusik- director in Göttingen, errichtete hier eine Singakademie, einen öffentlichen Lehrstuhl sür den wissenschaftlichen Theil der Tonkunst und führte regelmäßige akademische Concerte ein u. st. 2. Juni 1846. Schr.: Gesangsunterricht für höhere und niedere Schulen; Anleitung, die Choräle nach Noten leichter als nach Ziffern singen zu lehren; 166 Choralmelodien nach dem Böttnerschen Choralbuche in leichte Tonarten transponirt; 169 Cho- ralmelodien mit Harmonien begleitet; Musikalisches Hülfsbuch sür Prediger, Cantoren u. Organisten u a. 1) Thamhayn. L) Brambach.» Heinsberg, 1) Kreis im preußischen Regbez. Aachen, 242„g sHIcm (4,^ UM) mit (1875) 35,414 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Worin, höhere Knabenschule resv. Progymnasinm, Banm- wollenspinnerei, Fabrikation von Sammetband, Seiden- u. Leinenzeug, Bleicherei, Gerbereien, Papiermühle; 1875: 1984 Ew. Geburtsort des Malers K. Begas. Heillse, Wilhelm, deutscher Romandichter u. Kunstkritiker, geb. 16. Febr. 1749 zu Langenwiesen bei Ilmenau, Predigerssohn, stndirte in Jena n. in Erfurt, wo er mit Wieland in ein freundliches Verhältniß trat, Jurisprudenz, wurde auf Gleims Empfehlung Hauslehrer in Quedlinburg, wohnte dann bei Gleim in Halberstadt, zog im Frühling 1774 nach Düsseldorf, wo er mit I. G. Jacobi die Iris herausgab, machte 1780, von Fr. H. Jacobi unterstützt, eine Reise durch die Schweiz und einen Theil Frankreichs nach Italien, kehrte von da 1783 nach Düsseldorf zurück, wurde 1786 Vorleser des Kurfürsten von Mainz, später dessen Hofrath u. Bibliothekar, lebte zuletzt in Aschaffenburg u. st. 22. Juni 1803. Schriften: Laidion od. Die elensinischen Geheimnisse, Lemgo 1774, wiederholt ebd. 1790; Briefe über die hervorragendsten Bilder der Düsseldorfer Galerie, Mercur 1776; Briese aus Italien an Jacobi; Ardinghello und die glückseligen Inseln, Eine italienische Geschichte aus dem 16. Jahrh., Lemgo 1787, 2 Bde., n. Ausl., ebd. 1794, 1821; Hildegard von Hohenthal, Berl. 1795, 2 Thle., n. Ausl., ebd. 1804, rc. Sämmtlichc Schriften, heransgeg. von H. Laube, Leipz. 1838, 10 Bde., wiederholt 1851 ff.; Charakteristik H-s in unserem Artikel Deutsche Nationalliteratur, S. 216. Vgl. Hettners Charakteristik H-s in Westermanns Monatsheften, Dec. 1866. Zimm-rm-mn. Heinfius, 1) Daniel, geb. 9. Juni 1580 in Gent, aus vornehmer Familie, stndirte in Franeker die Rechte, dann in Leyden Philologie unter Scaliger, wurde 1605 Professor der Geschichte u. Politik, Universitätssecretär u. Biblio- - Heinsius. thekar in Leyden, dann königl. Rath n. Historiograph Gustav Adolfs n. st. 25. Febr. 1655. Er schrieb lateinische u. griechische Gedichte u. gelehrte Schriften, u. a.: karapbrasis ^näronioi ükoäir in ^risiotslis Ltbiea, gr. n. lat., Leyden 1607; Naxlinr Iz-rii älsssrtatäsnss, gr. u. lat., 1607 und 1614; Oisssrtatüo äs iblonni Dionz'siads, ebd. 1618; ^.risbarsbns saosr, 1627; üxsreitb. saoras aä ifl. 1., 1639; Reden u. scherzhafte Aussätze: Laus asinl, Laus poäienii, Labxras Nsmppsae, u. a. m.; außerdem wenig bedeutende «.'gründliche Ausgaben u. Erklärungen zu den alten Klassikern Hesiod, Theokrit, Aristoteles' Poetik, Theophrast, Horaz, Terenz u. dem Tragiker Seneca u.Livius. 2 ) Nicol., Sohn des Vor., gcb. 20. Juli 1620 in Leyden, wandte sich vorzugsweise der lateinischen Dichtung und der Kritik der römischen Dichter zu, um derentwillen er zwei Reisen nach Italien machte, folgte 1644 einem Rufe der Königin Christum nach Schweden, die ihn 1651 nach Frankreich ». Italien sandte, um Münzen, Handschristen u. seltene Bücher aufzu- kaufen; wurde 1654 Resident der Generalstaaten am schwedischen Hofe, legte diese Stelle wegen eines verlorenen Processes nieder, wurde 1656Secretär der Stadt Amsterdam, nahm 1660 seine vorige Stelle in Stockholm wieder ein, ging 1669 als außerordentlicher Depntirter nach Moskau u. 1672 nach Bremen. 1675 entlassen, lebte er auf seinem Landgnte zu Mauen bei Utrecht und st. 7. Oct. 1681 im Haag. Er gab heraus den Claudianus, Ovidius, Prndentius, Vellejns, Valerius Flaccus, Vergilius, Silins Jtal., Phädrus, Catullns und wurde besonders 1646 durch sein LieZm- rnm Uber sb varia, ärvsrsi arAnmsntä posnmta bekannt u. bei den Holländern angesehen, schrieb außerdem: ^.ävsrsaiia, Lpistolas, Oratücmvs. 3) Johann Wilhelm, geb. 1763 in Leipzig, Buchhändler daselbst u. dann in Gera; st. 1817; er schr.: Allgemeines Bücherlexikon, 1763, 4 Bde., 2. Ausl. 1812—22, 3 Bde., fortgesetzt bis zum 8. Bde. von F. Bruder, C. G. Kaiser u. O. A. Schulz, Lpz. 1817—1838. 4) Otto Friedrich Theodor, deutscher Sprachforscher, geb. 6. Septbr. 1770 zu Tschernow in der Neumark, war seit 1795 Lehrer an verschiedenen Gymnasien Berlins, wurde 1847 emeritirt u. st. 19. Mai 1849. Er ist Gründer des Luisenstifts u. schrieb u. a.: Deutsche Sprachlehre, Berl. 1798, 3 Thle., 5. Ausl. Lpz. 1833; Neue deutsche Sprachlehre, ebd. 1801, 3 Bde., 4. Ausl. 1822; Kleine deutsche Sprachlehre, ebd. 1804, 13. Ausl. 1834; Tent, oder Lehrbuch der deutschen Sprachwissenschaft, ebendas. 1807—12, 5 Bde., 5. Ausl. 1835—40, 6 Bde.; Der Bardenhain, Berl. 1808; Geschichte der Deutschen Literatur, Berl. 1810, 5. A. 1832; Kleiner deutscher Sprachkatechismus für Stadt n. Land, Berl. 1812, 3. Ausl. 1819; Volksthümliches Wörterbuch der deutschen Sprache, Hannov. 1818 bis 1820, 4 Bde.; Friedrich II. u. sein Jahrh., 1840; Sokrates u. Christus, 1848; Germanologie auf deutschen Lehrstühlen, 1848. 1 ) 2 ) Eichhoss. Heinsius, Anthony,niederländ. Staatsmann, geb. 22. Decbr. 1641, aus einer alten Patricier- jsamilie zu Delft, stndirte in Leyden, wurde 1679 ! Pensionär inDelst, trat aber bald darnach zur Partei des Statthalters, Prinzen Wilhelm III. von Dramen, über, wurde des Prinzen Vertrauter u. übte von da ab in allen wichtigen Angelegenheiten seines Vaterlandes einen bedeutenden Einfluß. 1682 ging er als Gesandter nach Frankreich, wo ihn Louvois wegen kräftiger Vertheidigung seines Vaterlandes u. der Protestanten in die Bastille zu setzen drohte, 1687 nach England u. wurde 1689, nachdem er dort die Mißhelligkciten der ostindischen Compagnien beider Länder beigelegt und mit den Whigs sich befreundet hatte, Nathspensionär von Holland, erster Beamter nach dem Statthalter. Nach dessen Tode, 1702, trat er unmittelbar an die Spitze der Verwaltung n. leitete mit Marlborough u. Eugen von Savoyen im Bunde, allerdings mit schweren Opfern den Krieg gegen Frankreich. Sein Haß gegen dieses ließ ihn aber dessen vortheilhafte Friedensanerbietungen zurückweisen u. den für die Niederlande Schaden bringenden Barrieretractat eingehen. H. st. 3. August 1720. Vgl. H. I. van der Hein: Hst areüisb van äsr raaäpsnsion- naris X. H., Haag 1875, 2 Bde. Heintz, Wilhelm, namhafter Chemiker, geb. 4. Nov. 1817zuBerlin, habilitirte sich 1846 daselbst n. wurde 1850 außerordentlicher, 1855 ordentlicher Professor der Chemie an der Universität Halle. Er schr.: Lehrbuch der Zoochcmie, Bcrl. 1853; Leitfaden für die qualit. chem. Analyse, Halle 1875. Eine große Anzahl von Abhandlungen, von welchen die wichtigsten seine Untersuchungen über die Fette n. die Derivate der Glykolsäure behandeln, finden sich 1842—1862 in Pogg. Ann., von da an in LiebigS Ann., einige physivlog. chemischen Inhaltes auch in Müllers Archiv. r. Heinz, so v. w. Enzio u. Heinrich. Heinze, Karl Friedrich Rudolf, Crimina- !ist, geb. zu Saalfeld (Thüringen) 10. April 1825, studirte in Leipzig, trat in Len Justizdienst im Herzogth. Sachsen-Meiningen u. war 1850—1856 Staatsanwalt; dann nach dem Königreich Sachsen berufen, war er Vertreter des Generalstaatsanwalts in Dresden und 1860 erster Staatsanwalt am Berggerichte daselbst; 1865 folgte er einem Rufe als Professor des Criminalrechts nach Leipzig u. war dreimal in der Ersten Kammer des sächsischen Landtags Vertreter der Universität; H. arbeitete hier in der Gesetzgebungscommission, dann an der Revision der Verfassung, gerieth jedoch 12. März 1872 bei Berathung des Universitätsetats mit dem Cultusminister in einen Couflict u. folgte Ostern 1873 einem Nus nach Heidelberg. Von seinen literarischen Arbeiten sind zu erwähnen: Parallelen zwischen der engl. Jury u. dem sranz.-deutscheu Geschworenengericht, Erl. 1864; Ein deutsches Geschworenengericht, 2. A., Lpz. 1865; Das Recht der Untersuchungshaft, ebd. 1865; Staatsrechtliche u. strafrechtliche Erörterungen zu dem amtl. Entwurf eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund, ebd. 1870; Das Verhältniß des Reichsstrafrechts zu dem Landesstrafrecht, ebd. 1871; Strafprocessuale Erörterungen, Stuttg. 1875; außerdem noch viele Abhandlungen in Fachzeitschriften, wie z. B. über den Einfluß des Nechtsirrthums im Strafrechte (Gerichtssaal XIII), den engl. Gerichtsorganismus u. die Jury (Haimerls Viertelst XV., 1866 ins Russische übersetzt), die Einstimmigkeit des Jury- verdicts u. über Verbrechen gegen fremde Gemeinwesen, deren Güter u. Angehörige (Goltdammer Archiv XIII., XIV., XVII)., Mittel u. Aufgaben unserer Universitätsbibliotheken (Tüb. Zeitschr. für Staatswissenschaft 1870), in Goltdammers Archiv für Strafrecht, in Holtzendorffs Rechtslexikon u. in dessen Handbuch des deutschen Strafrechts. ragai. Heinzelein vö« Konstanz, Küchenmeister des Grafen Albrecht von Hohenberg u. Haigerloch, st. 1298. Von ihm das allegorische Gerücht: Der Minne Lehre, u. 2 Streitgespräche. Ausg. von Pseiffer, Lpz. 1852. Heinzen, Karl Peter, deutscher Revolutionär u. polit. Schriftsteller, geb. 22. Febr. 1808 zu Grevenbroich (Regbez. Düsseldorf), studirte seit 1827 in Bonn Medicin, wurde aber relegirt und ging in holländischen Diensten nach Batavia. Von dort zurückgekehrt, wurde er in seinem Vaterland im Steuerfache, später als Directionssecretär bei der Rheinischen Eisenbahn in Köln angestellt, trat auch in die Direktion der Aachener Feuervcrsicher- ungsgesellschaft ein. Wegen der Schrift: Die preußische Bureaukratie wurde 1844 eine Crimi- naluntersuchuug gegen ihn eingeleitet, doch entfloh er vor der Verhaftung u. ging nach Belgien. Er begann nun mit dem Steckbrief, einer Anklageschrift gegen den Appellationshof der preußischen Rheinprovinz (im März 1845) die Reihe seiner socialistischeu Schriften, die bes. von der Schweiz aus nach Deutschland verbreitet wurden. Er selbst hielt sich seit 1846 in der Schweiz auf, lebte erst in Zürich u. 1847 von hier ausgcwieseu in Bern, Baselland u. Gens, wo er regen Antheil an der deutschen Londoner Zeitung des Exherzogs Karl von Braunschweig nahm. Er nahm auch theil an der Revolution von 1848 u. 1849 u. suchte dann eine Zuflucht in der Schweiz, zuletzt in Genf; im Sept. 1849 ging er nach London u. von da später nach Amerika, ließ sich anfangs in New-Uork, dann inLouisville, iuCinciuuati u. endlich in Boston nieder, wo er den Pionier herauSgab. Er schr. noch: Reise nach Batavia, Köln 1841, 2. Ausl. 1842; Gedichte, ebd. 1841; Doctor Nebel, Lustspiel, ebendas. 1842; Deutscher Radicalismus in Amerika in Ausgewählte Vorträge u. Flugschriften, 3. Bd., herausgegeben von dem Verein zur Verbreitung radicaler Prinzipien, Boston 1875. Hmne-Am Rl,yn." Heinzenberg, Berg zwischen dem Hinterrhein- Thal u. der Landschaft Savien des schweiz. Kanton Graubünden, bis 2186 m ü. d. M., sehr fruchtbar, über 15 üin lang, mit 10 Psarrgemeinden und 3159 Ew. Der Viehstand des Heinzenberg nimmt in Graubünden den ersten Rang ein. Herrath, die eheliche, gehörig vollzogene Verbindung von 2 Personen verschiedenen Geschlechts; vgl. Ehe u. Hochzeit. H. ins Blut, nicht in Len Stand od. ins Gut, so v. w. Morganatische Ehe, s. u. Ehe. Heirathsgut, so v. w. Dos, Ehesteuer, Mitgift; vgl. Aussteuer. Heiraths- pacten, so v. w. Ehepacteu, s. u. Verlobung. Heis, Eduard, deutscher Astronom, geb. 18. Febr. 1806 in Köln, wurde 1827 Lehrer am dcr- tigen Friedrich-Wilhelins-Gymnafium, 1837 Oberlehrer der Mathematik u. Physik au der höheren 153 Heiserkeit — Bürgerschule zu Aachen u. folgte 1852 einem Ruf als Professor der Mathematik u. Astronomie an die Akademie zu Münster. H, ist bekannt als fleißiger Beobachter der Nordlichter, des Zodiakallichtes, der veränderlichen Sterne u. der Sternschnuppen, auch als Entdecker des veränderlichen Sterns e im Fuhrmann. Er schr.: Die periodischen Sternschnuppen, Köln 1849; Sammlung von Beispielen n. Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik u. Algebra, ebd. 45. Aust. 1876; Neuer Hiinmelsatlas, ebd. 1872; Zodiakallicht-Beobachtnngen in den letzten 29 Jahren, 1847—75, ebd. 1875; Sternschnuppen- Beobachtungen in den letzten 37 Jahren. Mit Eschweiler gab er heraus: Lehrbuch der Geometrie, Bd. 1: Planimetrie, Köln, 6. Ausl. 1876; Bd.2: Stereometrie, ebd., 3. Aust. 1874; Bd. 3: Trigonometrie, ebd., 2. Ausl. 1875. Specht. Heiserkeit (Uanoecko), rauhe, tonlose Stimme, entweder durch organische Veränderungen »der Schleimhaut des Kehlkopfes, besonders der Stimmbänder, oder durch nervöse Störungen bedingt. Die Schleimhautverändernngen bestehen am häufigsten in katarrhalischen Veränderungen, in Schwellung der Kehlkopfs-Schleimhaut n. 'Absonderung von mehr oder weniger zähem Schleim, wodurch die Stimmbänder eine Beeinträchtigung ihrer zur Stimmbildung nöthigen Elasticität leiden; bisweilen sind Wucherungen auf den Stimmbändern (Kehlkopfspolypen), oder geschwiirigs Zerstörungen der Schlcimhaur, z. B. bei Syphilis, bei Lungenschwindsucht, die Ursache der H. Die nervösen Störungen bestehen in Lähmungen eines oder beiderStimmbänder (Stimmbandlähmungeu); es können dabei die Stimmbänder nicht die zur Stimmbildung nöthigen Formen u. Gestaltungen der Stimmritze herbeisühren. Sticht selten können die Kranken nicht den geringsten Ton mehr her- Vorbringen (Aphonie). Die Behandlung richtet sich nach den Ursachen. Kunze. Heißen, Landgem. imKreise Mülheim a.d.Nnhr des prenß. Rcgbez. Düsseldorf, bestehend ans den 3 Ortschaften H., Winkhausen u. Fulerum, Station der Rheinischen Eisenbahn, Steinkohlenbergbau (4 Zechen); 1875: 4249 Ew. Heißen, s. u. Hissen. Heißhunger (Suliimis), eine dem Sodbrennen u. dem Magenkrampf nahe verwandte Empfindung vom Magen aus, welche sich bei nervösen Personen u. bei nervösen Störungen der Magennerven findet. Oft u. am schnellsten wird der H. durch den Genuß weniger, besond. trockener Nahrung (Semmel, Brodrinde) gemildert. Das krankhafte Vielessen, die Gefräßigkeit (ikol^pbaAis), ist nicht damit zu verwechseln. Heißluftmaschine, Kraftmaschine, bei welcher die Expansivkrast erwärmter Luft als bewegende Kraft benutzt wird. Zn der unter calorische Maschine (s. d.) behandelten H. ist inzwischen eine neue (Riders Patent bot air snZfins) hinzugekommen, die sich durch große Einfachheit auszeichnet. Dieselbe besteht aus zwei durch einen Kanal in Verbindung stehenden Cylindern, in denen sich Kolben dicht bewegen, die durch unter rechten Winkeln gestellte Kurbeln mit Lenkstangen mit einer über den Cylinder liegenden Schwungradwelle verbunden sind. Der eine der Cylinder ist mit kaltem HcitcrHheim. Wasser umgeben, das durch eine kleine Pumpe fortwährend erneuert wird, der andere wird durch eine darunter liegende kleine Feuerung geheizt. Bei der Bewegung tritt durch den Verbindungskanal, in dem ein Drahtnetz liegt, die Luft von einem Cylinder zum anderen, wodurch sie durch passende Formgebung der Theile abwechselnd schnell erhitzt u. wieder abgeklihlt wird, auch ihr Volumen ändert. Das Drahtnetz soll von der erhitzten Luft Wärme zurückhalten u. später an die erkaltete abgeben. Die Erfindung ist noch zu neu, um über den Werth derselben ein Urtheil abgeben zu können. Giestler. Heister, 1) (bot.) ist Oarpinns Vstlllns V. 2) (Forstw.) junge, jedoch zum Versetzen noch taugliche Holzpflanze von etwa 2,s m Länge u. m. kürzere, ca. 1, 5 — 2,5 m lange, heißen Halbheister. 3) Vogel, so v. w. Elster. Heister, 1) Siegbert, Graf von, österreich. Feldmarschall, aus einem alten steyerschen Geschlecht, focht erfolgreich in den Türkenkriegen u. half namentlich den Sieg bei Zenta 11 . Septbr. 1697 entscheiden. 1703 wurde er Vicepräsident des Hofkriegsraths. Nachdem er 1704 u. 1708 die Jnsnrrection in Ungarn unterdrückt, kämpfte er 1716 und 1717 in Ungarn wieder gegen die Türken, erhielt 1717 das Generalat von Raab n. st. 22 . Febr. 1718. Sein Denkmal zu Kirch- verg a. d. Raab. 3) Lorenz, hervorragender Arzt u. medicinischer Schriftsteller, geb. 18. Sept. 1683 zu Frankfurt a. M. Nach einer glänzenden Vorbildung studirte er seit 1702 in Gießen, ging mit Möller nach Goslar, trieb viel Botanik, besuchte 1706 Amsterdam, bildete sich in der Chirurgie in den Brabanter Lazarethcn aus, promovirte 1703 in Harderwick, ging nach Amsterdam zurück, nahm aber 1710 in Altdorf eine Professur an, nachdem er England besucht hatte, erwarb sich bald durch seine anatom. n. chirurg. Arbeiten einen gefeierten Namen in ganz Europa, wurde znm Mitglied verschied, gelehrter Gesellschaften ernannt, siedelte 1719 nach Helmstädt über, las hier Chirurgie, Anatomie, Pathologie, prakt. Medicin u. Botanik u. st. 18. April 1758, nachdem er verschiedene Male die verlockendsten russ. Anerbietungen zurückgewiescn hatte. Er hat die Chirurgie auf eine strengere anatomische Unterlage gestellt als seine Vorgänger. Von seinen vielen Werken seien nur die hauptsächlichsten erwähnt: Vs ii^potbssinm msckioarnw kaUaoia ob psrnisis, Altdorf 1710; Vs äiikicml- tatsvsritatis invsnisnäas in pb^oioa stinsäieina; 1710; Vs oataraota, ßflaneoinats ob amaurosi traotatio, 1713 u. 1720; Vo Victors st Vastro- rapko, 1715; Olnrnr^iasnovaackninbratio, 1714; Voinpsnckinm anatom., 1717; Oompsnäinm insäi- eornm, 1736; Institutionss obirnrAieao, 1739; 8 /stsma Generals plantarnm ets., 1748; Chirur.- anatom. Lexikon, 1753; Medic.-chirnrg.-anatom. Warnehmungen, 1753. V Schroot. s> Thamhahn. Helsterbach, 1203—1233 aufgeführte berühmte und reiche Cistercienser-Abtei im Siebengebirge, unweit Königswinter, im jetzigen Siegkreise des prenß. Regbez. Köln; nur noch spärlich- Ruinen (Kirche Ans. d. Jahrh. abgebrochen.). Heitersheim, Stadt im Bez.-Amt Staufen des bad. Kreises Freiburg, am Snlzbach, Station 154 Heizmaterialien — Heizung. der Bad. Staatsbahnen; Schloß (1524 erbaut), bedeutender Obstbau, Baumschule; 1365 Ew. H. war ehemals Residenz des Großpriors des Johanniterordens und Hauptort der Johanniterherrschaft H., eines ans 8 Ortschaften bestehenden Fürstenthums, welches 1806 an Baden fiel. Heizmaterialien, so v. w. Brennmateralien. Heizpult, ein von Müller construirter, hauptsächlich zur Berbrennung mulmigen u. feinkörnigen Brennmaterials dienender Rost. Er besteht aus zwei übereinander liegenden Platten, zwischen welche Gebläsewind geleitet wird. Die obere, aus welche das Brennmaterial kommt, ist fein durchlöchert u. wie die untere in das Mauerwerk luftdicht eingepaßt. Der H. leistet bes. bei sonst kaum zu verwendendem Brennmaterial (Sägespähne, Braunkohlen- u. Koksklein) in Generatoren gute Dienste. »ungck. Heizung, die Erzeugung eines hohen Temperaturgrades durch Brennmaterialien (s. d.), sei es zur unmittelbaren Erhitzung von Rohproducten, wie bei hüttenmännischen Processen, oder zur Erwärmung von Zimmern, Fabrikanlagen, Gewächshäusern rc. mittels Äsen oder Röhren, oder endlich zur Bereitung von Speisen durch Kochen, Braten rc. Welches Brennmaterial in einem bestimmten Falle zu wählen sei, entscheidet, wo nicht, wie bei vielen Hllttenprocessen, ein bestimmtes Material durch die Umstände geboten ist, der re- lative Preis, d. h. die Beziehung des Kaufpreises zu der Heizkrast. Holz, Braunkohlen, Torf und Steinkohlen sind die am häufigsten angewendeten Brennmaterialien; zu manchen technischen Processen wird Holzkohle gebraucht; Coaks benutzt man bes. bei Hllttenprocessen, weil sie die intensivste Hitze geben, auch zur Zimmerheizung, zu Schmiede- seuern rc. Die Gichtgase, welche sich bei der Gewinnung des Eisens aus dem Hohofen entwickeln, verbrennt man zur H. von Dampfkesseln u. des Gebläsewindes, seltener werden sie zum Verrösten des Erzes in Schachtöfen, oder zum Puddeln u. Feinen des Roheisens in Flammöfen benutzt. Manche Brennstoffe, welche sich vermöge ihrer geringen Güte nicht zur directen Verwendung eignen, hat man in neuerer Zeit in besonderen Öfen (Generatoren) partiell, d. h. zu Kohlenoxyd, verbrannt u. dieses mit sonstigen Destillationsgasen gemengt zur H. verwandt (s. u. Generator). Auch Leuchtgas ist, bes. in großen Räumen, sehr viel zur H. benutzt (s. Gasbeleuchtung L.). Die H. bes. von Schiffskesseln mit Petroleum ist in neuester Zeit vielfach versucht worden, da dieses zur Erzeugung einer bestimmten Menge Dampf an Raum kaum H der dazu nöthigen Steinkohle einnimmt, was durch die Möglichkeit, die Seefahrten, ohne von neuem Kohlen einnehmen zu müssen, weiter auszudehnen resp. eine größere Fracht einnehmen zu können, von wesentlichem Nutzen wäre. Kochapparate von Petroleum sind schon vielfach im Gebrauch. Soll die Berbrennung vollständig vor sich gehen, so muß dem brennenden Körper die erforderliche Menge Sauerstoff zu- und die gasförmigen Products der Verbrennung beständig fortgcsllhrt und eine allzugroße Abkühlung der Flamme selbst durch wärmecntziehende Mittel vermieden werden. Die Zufuhr von Sauerstoff geschieht durch die atmosphärische Luft; eS ist also Luftzug unerläßliche Bedingung; er kann auf doppeltem Wege, entweder durch natürliche Luftcircu- lation oder künstliche Mittel, wie Gebläse oder Exhaustoren, hergestellt werden. Fast alle H-en gehen bei natürlichem Luftzüge vor sich. Der Grund desselben liegt darin, daß alle Körper, u. bes. die gasförmigen, beim Erwärmen ihr Volumen vergrößern u. daher an specifischem Gewicht ab- nehnien. Befindet sich das Feuer in einer senkrechten, an beiden Enden offenen Röhre, so ist die Lnftbewegnng und Luftströmung stärker, weil die anfsteigende erhitzte Luft durch die Wand der Röhre vor der Abkühlung durch die äußere Lust ^ geschützt ist, ferner der Zufluß der frischen Lust sich auf die untere Mündung der Röhre beschränkt. Auf diesem Umstande beruht die Wirkung der Schornsteine oder Essen. Auch werden künstliche Mittel, wie Gebläse, angewendet. Längst schon haben sich die Pyrotechniker mit der Aufgabe beschäftigt, Len Rauch der Steinkohlenfenerung zu beseitigen, welcher einestheils einen großen Verlust an Brennmaterial mit sich bringt, da er stets ein Resultat unvollständiger Verbrennung ist, an- derntheils aber auch häufig für die Nachbarschaft lästig, u. bes. für die umliegenden Felder nach- , theilig ist. Wirft man auf ein in voller Gluth ^ begriffenes Steinkohlenfeuer Steinkohlen, so entwickeln sich plötzlich kohlenstoffreiche, brennende Gase und Dämpfe flüssiger Kohlenwasserstoffe in i großer Menge. Befinden sich diese Gase in der Nähe der Wände eines Dampfkessels, so ver- brennt infolge der Abkühlung nur der Wasserstoff dieser Verbindungen theilweise, u. der in Gestalt von Ruß ausgeschiedene Kohlenstoff gelangt nicht zur Verbrennung. Es ist überhaupt ein Grundsatz der neueren Pyrotechnik geworden, die Hitze ^ am Entstehnngsorte möglichst zusammenzuhalten u. die H. erst mittels der Hitze der verbrannten Gase zu bewirken, da jede stärkere Abkühlung der Flamme eine unvollständige Verbrennung u. Rußbildung, bes. bei Steinkohlenfeusr, zur Folge hat. Die verschiedenen zu diesem Zwecke construirten Anlagen (rauchverzehrende Feuerungen) beruhen auf verschiedenen Principien. Die übermäßige ! Erhöhung der Schornsteine, worin sich besonders England hervorthut, bewirkt allerdings einen starken Zug u. dadurch eine sehr intensive Verbrennung, zugleich aber entsteht, weil die Verbrennungs- > gase nicht Zeit haben, ihre Wärme an die Kesselwände abzugeben, ein nicht unbedeutender Wärme- ^ Verlust. Sehr viel kann zur Verhinderung des Rauches und zur Ersparung an Brennmaterial durch passende Coustruction des Rostes, indem man je nach Art des Brennmaterials Planroste mit durchbrochenen Roststäben, Treppen-, Etagen-, Ketten- oder rotirende Roste mit mechanischen ! Aufgebevorrichtungen, um eine gleichmäßige Feuer- ^ ung zu erzielen, anbringt. Speciell zur Ranch- ! Verzehrung leiten manche Eonstrnctionen durch einen besonderen Lnstkanal, welcher unmittelbar hinter ! dem Roste ausmnndet, der Flamme einen Strom ! kalter oder besser heißer Luft zu; bei anderen ! wirft man die frischen Kohlen auf das Vorder- ! theil des Rostes und läßt den Rauch über das auf dem Hinteren Theil brennende Feuer streichen; 155 Hekabe. oder man bringt zwei Feuerungen, die neben einander liegen u. abwechselnd mit irischen Kohlen gespeist werden, in solche Verbindung, daß der Ranch der einen Feuerung mit der hell brennenden zweiten Feuerung in Berührung tritt u. dadurch verbrannt wird. Bei der Zimmerheizung werden hauptsächlich drei Arten in Anwendung gebracht: 1) die Kaminheizung, seit langer Zeit ün Gebrauch, unterscheidet sich von allen anderen Methoden dadurch, daß die Erhitzung allein durch Strahlung erfolgt. Sie ist die unvollkommenste H-smethode und eignet sich nur für Länder, die entweder überflüssige Brennstoffe oder ein mildes Klima haben. Bei den Kaminöfen, die schon eine bedeutende Verbesserung darstellen, wird der unmittelbare Abzug der Luft in den Schornstein gehindert, indem man, wie bei Zimmeröfen, eine Circulation desselben einleitet. 2) Die Ofenheizung. Dabei brennt das Feuer in einem abgeschlossenen Raume oder hohlen Körper, dem Ofen, n. erhitzt dessen Wände, welche die Wärme an die Zimmerluft abgeben. Der Ofen steht im Zimmer und erwärmt dessen Lust unmittelbar (s. u. Ofen). Eine besondere Art der Ofenheizung ist die Gasheizung, sie zeichnet sich durch sicheren u. schnellen Effect, Reinlichkeit u. Bequemlichkeit aus, wird aber in Wohnzimmern bei schlechter Construction, durch entweichendes unverbranntes Gas leicht gesundheitsschädlich; vgl. Gasbeleuchtung L). 3) Kanalund Röhrenheizung, s) Luftheizung. Der Heizapparat besteht gewöhnlich ans einer durch einen großen, kastenförmigen Ofen geheizten gewölbten Kammer, die in der Regel im Souterrain liegt u. mit den zu heizenden Räumen durch verschließbare Kanäle verbunden ist. Der durch die Lufteinströmung u. durch die Ausdehnung der Zimmerlust (infolge der Erwärmung) entstandene Luftüberschuß fließt entweder durch die Fenster- und Thürspalten rc. ab, oder besser, er wird zur Ausnutzung seiner Wärme in den Centralofen behufs Unterhaltung des Feuers geleitet, b) Kanalheizung (im engeren Sinne): Man leitet die heißen Verbrennungsgase des Centralofens in Kanälen zick- zacksörmig unter den mit Steinplatten oder Eisengittern belegten Fußboden. Be« ihrer Anwendung muß jedoch der großen Feuersgefahr wegen vor Allem auf gehörige Fernhaltung alles Holzwerks von den Heizkanäleu sorgfältigst Bedacht genommen werden, e) Bei der Warmwasserheizung wird das Wasser in einem geschlossenen im Sonterrain liegenden Kessel (seltener u. weniger gut in einem vssenenhochlicgendenmitHebervorrichtung)erwärmt. Das heiße Wasser steigt in Röhren empor, kühlt sich in den Zimmern (wo die Röhren meist spiralförmig oder anderweitig gewunden lausen) ab u. sinkt auf den Boden des Kessels zurück. An der höchsten Stelle der Rohrleitung ist ein offenes Rohr eingesetzt, durch welches Luftblasen rc. entweichen können. Diese H. ist sehr angenehm u. gefahrlos, ä) Die Heißwasserheizung besitzt ein überall geschlossenes Rohr, in welchem das Wasser circplirt, aber oft bis auf 200 ° u. an der Feuerungsstelle noch weit höher erhitzt wird. Dieselbe gibt zwar eine intensivere Erwärmung, ist aber wegen des in ihr herrschenden bedeutenden Drucks nicht ungefährlich. Die Anwendung des Wassers bietet insofern großen ökonomischen Nutzen, weil dasselbe eine bedeutende specifische Wärme besitzt u. daher ein geringes Gewicht desselben ein großes Volumen Lust zu erwärmen vermag. Beide Wasserheizungen beruhen ans dem Gesetze, daß die Körper in der Wärme sich ausdehnen, hierdurch wird das heiße Wasser leichter u. steigt empor, während das kalte nach unten sinkt. Ähnlich wie bei der Heißwasserheizung kann man die Heizflächen mittels Wasserdampf erwärmen, so entsteht e) die Dampfheizung. Diese ist hauptsächlich da von Vortheil, wo von einem Feuerherde aus die H. auf große Entfernungen u. nach allen möglichen Richtungen ausge- führt werden soll, indem der Dampf bei guter Isolation und nicht zu kleinem Durchmesser der Leitungsröhren sich bei mäßigem Dampfdruck des Kessels weit fortleiten läßt. Für Fabriken rc., die bereits Dampfanlagen mit Mittel- oder Hochdruck besitzen, ans denen der Dampf entnommen werden kann, ist sie, da die Kosten der Anlage, des An- feuerns u. der Wärmeverlust am Kessel u. seinen Umfassungen größtentheils wegfallen, wol die billigste u. rationellste. In sehr vielen Zweigen der Technik bietet der Dampfkochapparat ein unentbehrliches Ersatzmittel für Lirecte Feuerung, best da, wo die Anwendung der letzteren gar nicht, od. nur mit großen Gefahren für die Güte der Products (Zucker, Farbenlösnngen, Alkohole rc.), oder für die Apparate, wenn dieselben z. B. ans Blei, Steingut rc. bestehen, verknüpft sind. Vor der Luftheizung hat sie den Vortheil, daß die Leitungsröhren unter hölzernen Fußböden u. Wänden hingehen u. Gegenstände aller Art berühren können, ohne daß die Gefahr einer Entzündung vorhanden ist; vor der Wasserheizung hat sie voraus, daß der Dampf bis zu großen Höhen aufwärts geleitet werden kann, ohne bedeutende Vermehrung des Drucks im Kessel. In NAmerika wird die Dampfheizung im großartigsten Maßstabe betrieben und cs besteht dort eine Gesellschaft, welche die Heizung ganzer Städte unternimmt. In Gewächshäusern wird häufig dis bei der Währung von Stallmist entstehende Wärme zur H. unter Anwendung von Röhren verwerthet. Alle Vorschläge od. Versuche, eine H. durch Reibung, Luftcompression, Elektri- cität, Benutzung der Erdwärme rc. zu erzielen, sind entweder unrationell oder aussichtslos. Vgl. Schinz, Wärmemeßkunst, Stuttg.1858; Weiß, Mg. Theorie der Feuerungsanlagen, Lpz. 1862; Amtl. Bericht über die Wiener Weltausstellung v. 1873, Brannschw. 1875, Bd. 3, 2 Abth., S. 293—325, von Mcidinger. Für Dampfkessel - H.: Scholl, Führer des Maschinisten, Brannschweig 187S, 9. Ausl. Jungck. Hekäbe (Hecuba), Tochter des Dpmas, n. A. des Kisseus oo. Sangarios, Gemahlin des Priamos, Mutter von 19 Söhnen, deren ältester Hektar war. Nach Trojas Zerstörung wurde sie Sklavin der Griechen (n. A. wegen Schmähungen gesteinigt); nach Euripides kam sie mit den Griechen auf die Thrakische Halbinsel n. entdeckte hier den Leichnam ihres von ihrem Eidam Polymnestor ermordeten jüngsten Sohnes, Polydoros. Aus Rache ermordete sie dessen Söhne u. beraubte ihn seines Augenlichts, worauf sie, in einen Hund verwandelt, iw das Meer stürzte. Sie ist Gegenstand der gleich- 156 Hekatüos — Hekt... u. Hckto... namigen Tragödie deS Enripides u. Hauptperson von dessen Troaden; sie erscheint in der griechischen Literatur überhaupt als der Typus des Leidens. Hckatäos, 1) H. von Milet, griech. Logo- graph, Sohn des Hegesander, stammte ans einer vornehmen Familie in Miletos, war um 550 v. Chr. geb. u. st. etwa im I. 477 v. Ehr.; als Politiker durch seine sehr verständige Haltung bei dem ionischen Aufstande im I. 500 v. Chr. bekannt. Durch große Reisen ausgebildet, schrieb er namhafte geographische und historische Werke. Die Logographic, welche bisher bloß in Umschreibung der epischen Sagen in Prosa u. äußerlicher Ansammlung des überlieferten Stoffes bestanden hatte, hob er durch eine gewisse Kritik; er schrieb in reinem ionischen Dialekt. Fragmente seiner Schriften (Tdr-ca/to/tar oder *LiUt^v), heransgegeben von Creuzer, in Umtorioorum §r. not. kra§m., S. 1—86, Heidelberg 1806; von Klausen, Berl. 1831. 2) H. von Abdera, Schüler des Pyrrho, Philosoph, Grammatiker u. Historiker, Beamter beim König Ptolemäos Lagi v. Ägypten; er schrieb über Ägypten (auch angeblich über die Juden). Fragmente gesammelt von Zorn, Altona 1730, u. von K. Müller im 2. Bde. der IraMuouta küstorieorum xraoo., Creuzer a. a. O. S. 28—38. Mit welchem Rechte man den H. von Tcos bei Strabo, XIV. S. 644, u. den Begleiter und Historiographen Alexanders d.,Gr., den H. von Eretria, mit dem Abderiten identificiren darf, ist zweifelhaft. Hcrtzberg. Hekate, 1) eine wahrscheinlich von den im N. des Ägäischen Meeres wohnenden thrakischen Stämmen nach Griechenland gekommene Gottheit, in der späteren Genealogie eine Titanide, Tochter des Perses (oder Persäos) u. der Asteria, n. A. des Zeus u. der Demeter od. der Here, od. Tochter des Tartaros rc. Homer erwähnt sie noch nicht; ihre gewaltige, geheimnißvolle Stellung erlangte sie erst durch die Orphiker. Sie ist eine Göttin, deren Macht sich auf alle drei Naturgebiete (Himmel, Erde u. Meer) erstreckt; sie verleiht Glück n. Sieg im Kampfe, bei der Schifffahrt, auf der Jagd, Gedeihen der Jugend u. Vermehrung der Herden. Auch wurde sie, identisch der Artemis, als Mondgöttin Beherrscherin der Nacht und seit den Tragikern eine unterirdische Gottheit, als welche sie als KratalS unter den Schatten der Todten waltet, diese ans der Unterwelt hervor- ruft und durch Gespenster die Menschen schreckt. Ihr Gebiet wird nun der geisterhafte Spuk der Stacht, sie selbst Beherrscherin von bösen Dämonen n. Schutzgöttin der Zauberinnen, die sie in Beschwörungsformeln anrnfen; gefolgt von Geistern der Todten und von stygischen Hunden, treibt sie ihr Wesen in mondbeleuchteter Nacht auf Kreuzwegen (daher ihre Beinamen TrioditiS, Trivia), auf den Straßen (Enodia) u. an Gräbern (Tym- bidia). Es wurden ihr vor oder in den Häusern oder auf Kreuzwegen Säulen gesetzt, eine Art kleiner Kapellen u. Bilder. Zu Ende jeden Monats wurden ihr Speisen ausgesetzt, welche die Armen verzehrten. Cultnsstätten hatte sie in Thessalien,Athen, Theben, anfSamothraks,Lemnos, Ägina, in Pherä rc. Geopfert wurden ihr Hunde, schwarze weibliche Lämmer u. Honig. Dargestellt wurde sie theils eingestaltig, theils dreigestaltig mit drei Köpfen (dem eines Pferdes, eines Hundes und eines Löwen; daher Trikephalos, Triceps, Triformis, Trigemina). Attribute: Hunde, Schlangen, Fackeln, Schlüssel, Dolche. 2) S. Asteroiden Nr. 100. Thielemann? Hekaton (Hekato), Stoiker ans Rhodos, Schüler des Panätios, stand im Alterthum als Ethiker im großen Ansehen; von seinen Schriften hat sich nichts erhalten. Scueca erwähnt ihn wiederholt. Hekatombe (gr. Ant.), 1) eigentlich Opfer von 100 Stieren; dann 2) überhaupt feierliches öffentliches Opfer, verschieden an Opferthicren (Rinder, Widder) u. au Zahl derselben (gewöhnlich 81 (als 9x9), 12 rc.). Daher Hekatombäos, Beiname des Zeus u. Apollo, denen H-m geopfert wurden, u. Hekato mbäa, Feste, an denen H-n geopfert wurden; diese wurden gefeiert in dem Monat Hekatombäon (Hekatombeus), dem ersten Monat des Attischen Jahres, welcher in den Juli und August fiel; nach Einführung des Jnlianischen Jahres in Griechenland wurde der Anfang des Hekatombäon auf den 1. Juli festgesetzt. Hekatompedos (gr., 100 Fuß lang), das Parthenon (s. d.) auf der Akropolis von Äthen. Hekatomphorna (gr. Ant.), Opfer, von den Messeniern dem Zeus dargebracht, so oft Jemand 100 Feinde erlebt hatte. Hekatompgkts (gr.), Beiname von Ländern, die 100 oder überhaupt viele Städte haben; so Kretas, das 100 Städte getragen haben soll. Hekatompylos (gr., hundert- oder viellhorig), in der a. Geogr. Hauptstadt von Parthien, von Alexander d. Gr. erbaut, wenigstens erweitert; verfiel später; jetzt Damghan. Hekaton (gr.), hundert. Hekatoncheiren (gr.), so v. w. Centimanen. Hekdasch (hebr., Heiligthum), 1) Alles dem Heiligthum Geweihte, dessen Genuß oder Benutzung dem Laien verboten ist; 2) in manchen jüdischen Gemeinden das Hospital, in früheren Zeiten größ- tentheils zugleich die Herberge für gemeine Bettler (Orchim). Es steht meist unter einer bes. Brüderschaft (Chebrah Kadischah), welche auch für die Todtenbestattung sorgt u. von freiwilligen Schenkungen (Mattanoth) oder regelmäßigen Beiträgen eine eigene Kasse führt. Hekla, Vnlcan auf der dän. Insel Island, im SW. derselben, bildet einen eigenen abgeschlossenen Gebirgsstock von etwallOOdstcm (20(^M) Grundfläche, den er mit seinem ca. 1610 m hohen, ganz in Schnee gehüllten, weit sichtbaren Rücken wenigstens um K überragt, u. dessen ganze Umgebung er mit Lava bedeckt hat. Der Berg hat 5 kleine Krater u. ist, wie seine Umgebung, im Umkreise von über 10 km ganz ohne alle Vegetation. Bon 1104 bis jetzt hat man 18 Ausbrüche des H. gezählt; die Zwischenzeiten zwischen je 2 Ausbrüchen haben 6, aber auch 79 Jahre gewährt. Zu den verheerendsten Ausbrüchen gehören die von 1157, 1300, 1597, 1636, 1700. Der letzte Ausbruch, einer der großartigsten, dauerte von Sept. 1845 bis April 1846. H> Berns. Hckt ... u. Hekto ... (fr., vom gr. Hekaton), 157 Hektenes in Zusammensetzungen so v. w. 100, so Hektar, Hektogramm rc., 100 Ar, 100 Gramm. Hektenes (a. Geogr.), Ureinwohner des Äsopischen Böotien zur Zeit des Ogyges, sollen Lurch eine Pest untergegangen sein. Hektik (v. gr. "L-rrnär), die unter schleichendem Fieber (hektisches Fieber) eintretende Abmagerung des Körpers. Die häufigsten Ursachen sind die sog. zehrenden Krankheiten, die Schwindsucht, andauernde Blutungen, vorangegangene schwere Erkrankungen, wie Typhus, langwierige Eiterungen. Nicht selten sind die Hektischen zu klebrigen Schweißen geneigt u. meist liegt die Verdauung in hohem Grade darnieder. Die Fieberregungen finden namentlich gegen Abend hin statt, während des Nachts der Schweiß stärker hervortritt. Die H. ist in der Regel der Vorläufer des nahen Todes; durch nahrhafte Kost ist sie nur in den seltensten Fällen zu beseitigen. Vgl. Auszehrung. Kunze. Hektisch, (v. Gr.) schwindsüchtig, abgezehrt. Hektar, der älteste Sohn des Königs Priamos von Troja u. der Hekabe, der Gemahl der An- dromache u. Vater des Astyanax od. Skamandrios. Er war nach der Homerischen Ilias der Anführer der Trojaner im Trojanischen Kriege, der tapferste Kämpfer für sein Vaterland, obwol in der Vorahnung von dessen Untergange; kämpfte mit dem Telamonier Aias, erstürmte den griech. Wall, sprengte das Lagerthor, warf Feuer in die griech. Schisse, erschlug den Patroklos und ward selbst von Achilleus getödtet. Von diesem wurde sein Leichnam den Hunden zuni Zerfleischen vorgeworfen, aber von Aphrodite durch ambrosische Salbe vor Verwesung bewahrt; Achilleus schleifte ihn darauf dreimal um das Grab des Patroklos (nach Späteren dreimal um die Stadt Troja), aber Apollo schützte ihn vor Verletzungen. Endlich erhielt Priamos, welcher selbst in das griechische Lager gekommen war, den Leichnam von Achilleus gegen Lösegeld zurück und ließ ihn im Hose des Palastes feierlich bestatten. Hemie-Am Rhyn.» Heküba, 1)s. Hekabe; 2) s. Asteroiden Nr. 108. Hel (nord. Myth.), Tochter Lokis u. der Riesin Angurboda, halb schwarz u. halb menschenfarbig u. von grimmigem, furchtbarem Aussehen; wurde, als sie Loki aus Jötunheim nach Asgard brachte, von Odin nach Niflheim geworfen u. thront dort in Helhcim als Göttin der Finsterniß und des Todes; zu ihr kommen nur die an Krankheiten und Altersschwäche Gestorbenen. Der Weg nach Helheim (Helweg) führt durch Dornheiden und Sümpfe, dann durch ewiges Dunkel zu dem reißenden Strom Gjöll, über den die mit glänzendem Gold bedeckte Gjallarbrücke führt, auf der eine Jungfrau Modgndhr (Seclenkampf) sitzt, ihre Wohnung selbst umgibt ein festes Gehege, dessen Pforte von einem Hunde mit blutbefleckter Brust u. klaffendem Rachen bewacht wird. Ihr Saal heißt Eljudhnir (Elend), ihre Schwelle Fallanda Forad (entfallender Sturz), ihre Schüssel Hungr (Hunger), ihr Messer Sultr (Gier), ihr Bett Kür (Kümmerniß), ihr Vorhang Blikjandaböl (drohendes Unheil), ihr Knecht Ganglati (Träg), ihre Dienerin Ganglöt (Langsam). So traurig und schaurig auch Helheim gedacht wird, so ist es dennoch kein Ort der Strafe, nur daß daselbst un- - Held. erbittlich die Gestorbenen festgehalten werden. Dennoch kannte das nordische Heideuthum auch einen Ort der Strafe, eine Wasserhölle, wo furchtbare Schlangen hausten, reißende Giftströme scharfe Schwerter wälzten, in denen Meuchelmörder, Meineidige u. Verführer waten mußten. Schon in der heidnischen u. vollends in der christlichen Zeit trat an die Stelle des persönlichen der räumliche Begriff. der nun zum Ort der Verdammten (Hölle, Gehenna) wurde. Raßmann. Hrl (Schifssw.), l. u. Hellcgat. Hela, Schwarzgöttin bei den Wenden; abgc- bildet in fürchterlicher Gestalt, mit einem ausge- spcrrten Löwenrachen u. vorgestreckter Zunge. Hela, 1) Halbinsel im Kreise Neustadt des preußischen Regbez. Danzig, erstreckt sich, an der breitesten Stelle im S. 3 km breit, 36 Irm weit in die Ostsee hinein u. bildet die Putziger Wiek; besteht größtentheils aus Dünen, enthält aber auch einiges Ackerland u. im S. eine Kiefernwaldung. 2) Flecken auf dem breiten SEnde dieser Halbinsel; Lenchtthurm, ansehnliche Fischerei; 380 Ew. H. war früher (seit 1378) Stadt. Helüe, ein 52 Lm langes Flüßchen, entspringt südöstlich von Friedrichslohra auf dem Dün und mündet bei Griefstedt im preuß. Kreise Weißensee in die Unstrut. Hclblinft, Seifried, österreichischer Dichter, im letzten Viertel des 13. Jahrh., der viele lehrhafte Gedichte verfaßte, welche für die Sittengeschichte von Wichtigkeit sind; mehrere sind herausgegeben von Karajan in Haupts Zeitschrift für deutsches Alterthnm, Bd. 4. Helbon (a. Geogr.), Ort in Syrien, durch seinen Wein berühmt; noch jetzt H. im NW. von Damascus. Helcel-Sztersztyn, Anton Sigmund, polu. Rechtsgelehrter und Schriftsteller, geb. 1808 in Krakau, studirte daselbst u. im Auslande Juris- prudenz, focht 1830 im polnischen Unabhängigkeitskampfe, privatisirte dann in Krakau und wurde 1833 außerordentlicher Professor der Rechte das.; er stellte 1835 seine Vorlesungen ein u. redigirte 1835—37 die Wissenschaft!. Zeitschrift Lrvartaluilc nLukorv/, war 1837—38 Abgeordneter des Landtags für Krakau, privatisirte dann mit dem Studium der Quellen des polnischen Reichs beschäftigt, war 1848 Abgeordneter für Krakau auf dem österreichischen Reichstage, wo er zur Rechten gehörte, u. übernahm 1849 seine Professur wieder, um, später seines Amtes enthoben, wieder ins Privatleben znrllckzutretcn. H. st. 2. April 1870 in Krakau. Er schr. den Commentar zum I.Bd. des 6oä. äipkomations von Rzyszczewski, Die Entwickelung des Criminalrechts in neuerer Zeit (polnisch 1836), übersetzte Lengnichs Ins publ. ?ok. 1836; lurinm oonstibuüonumgus Fillfismumli- narnm propooita a. Llattkria Lliwnieio in der Libl. Orcivn. Zlxsrsiorosiloli I. 1859, gab heraus die Briefe Sobieskis an dessen Frau Maria Kasi- mira 1860, u. verfaßte mehrere vortreffliche Abhandlungen. Sein Hauptwerk von monumentalem Werth ist Ltaroäarvns prava xolsicisA» poinnlki, I. 1856 , der II. Bd., von ihm vorbereitet, ist nach seinem Tode erschienen. N-hring. Held, 1) (Allgemein) eine Persönlichkeit, welche 158 Held — im Kampfe — sei es gegen materielle Gewalt, fei es gegen die Macht der Verhältnisse, od. endlich gegen die im eigenen Innern sich entwickelnden Leidenschaften — durch Entfaltung außerordentlicher Kraft unsere Bewunderung erregt; daher 2) (im Besonder») soviel als Kriegs-H., durch Muth im Kriege sich auszeichucudcr Heeressührer. 3) (im übertragenen Sinne) Hauptcharakter einer solchen Kampf darstellenden Dichtung, entweder in der Form des Epos oder Romans, oder des Dramas, namentlich der Tragödie. Nach des Aristoteles Vorschrift darf der tragische H. weder ein ganz vollkommener noch ein durchweg böser Charakter sein, weil in beiden Fällen die Wirkung keine rein tragische sein würde. Bei dem Untergange des letzteren werden wir kein Mitleid empfinden, bei dem ersteren würde die Furcht sich zum Entsetzen steigern, da er ganz ohne Verschulden im Kampf mit dem Schicksal zu Grunde ginge. (Vgl. Drama). 4) Die Ausdrucke Roman- H., Tugend-H. u. a. haben in ihrer Übertragung von der Dichtung auf das wirkliche Leben einen tadelnden (ironischen) Nebensinn. Schasier. Held, 1) Heinrich, Dichter, geb. in Guhrau in Schlesien gegen Ende des 16. Jahrh., lebte daselbst als Licentiat der Rechte u. Rechtsprakticus u. st. 1643; er ist einer der gediegensten Dichter der alten Schlesischen Schule; von ihm ist auch das Lied: Gott sei Dank in aller Welt; er schr.: Hans Wurst, Franks. 1643; Poetische Lust und Unlust, ebd. 1643. 2) Hans Heinrich Ludwig von H., politischer Schriftsteller, geb. 15. Nov. 1764 in Auras unweit Breslau, stndirte die Rechte und Staatswirthschaft, wurde 1788 Secretär bei der niederschlesischen Accise- n. Zoll- direction in Glogau, 1791 nach Küstrin versetzt, 1793 Assessor bei der Zoll- u. Steuerdirection in Posen n. noch in diesem Jahre Oberaccise- und Zollrath, 1797 aber wegen eines Gedichts zur Geburtstagsfeier des Königs, welches Anspielungen auf den Minister Hoym enthielt, nach Brandenburg versetzt u. 1801 wegen des, gegen die Staatsminister Hoym u. Goldbeck gerichteten sogenannten Schwarzen Buchs (Die wahren Jacobiner im preußischen Staate, oder Actcnmäßige Darstellung der bösen Ränke u. betrügerischen Dienstführung zweier preußischen Minister) zu 18monatlicher Festungshaft in Kolberg verurtheilt. Im Sommer 1803 kehrte er mit Beibehaltung seines Titels nach Berlin zurück, wo er von dem Minister Strnen- see beschäftigt wurde; 1804 richtete er ein heftiges Sendschreiben an Bonaparte u. zog sich bald nach dem Einzüge der Franzosen in Berlin (1806) nach Neu-Rnppin zurück; erst 1810 nahm er wieder seinen Aufenthalt in Berlin u. wurde hier 1812 als Salzfactor angestellt; als durch Diebstahl die Salzkasse, die er verwaltete, einen beträchtlichen Verlust erlitten hatte, welchen er ersetzen sollte, erschoß er sich 1842. Er schr. noch: Geschichte der Stadt Kolberg, 1802; Über Preußens Vergrößerung im Westen, 1802; Patriotenspiegel für die Deutschen, 1804; Struensee, eine Skizze, 1805; Blicke hinter Vorhänge, 1806; vgl. Varn- Hagen von Ense, Hans H., ein preuß. 'Charakterbild, Lpz. 1845. 3) Gustav Friedrich, bedeutender Jurist, geb. 1804 zu Meuselwitz im Hcldburg. Altenburgischen, stndirte in Leipzig die Rechte, wurde hier 1828 Advocat u. Privatdocent, 1832 Assessor beim Schöppenstnhl u. 1835 Appellations- rath in Dresden, war seit 1846 mit der Bearbeitung eines Civilgesetzbuches für das Königreich Sachsen beschäftigt, verwaltete vom 25. Febr. bis 2. Mai 1849 das Justizministerium und st. 24. April 1857. Er schr.: Der Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das Königreich Sachsen in seinem System, Leipz. 1852; der Entwurf selbst erschien Dresden 1852 und Erläuterungen dazu Leipz. 1853: mit v. Watzdorf gründete er die Jahrbücher für Sächsisches Strafrecht, 1839, und setzte dieselben mit Schwarze und Siebdrat als Neue Jahrbücher 1841 ff. fort. 4) Joseph v., Staatsrechtslehrer, wurde am 9. Aug. 1815 in Wllrzbnrg geb., bezog 1833 die Universität daselbst n. stndirte ferner in Heidelberg u. München; er begann, nachdem er 1838 vr. der Rechte, 1838 Or. der Philosophie geworden, 1839 als Privatdocent in Wllrzbnrg seine akademische Lausbahn, wurde 1841 außerordentlicher, 1843 ordentlicher Professor u. nachmals k. bayer. Hofrath. Eine rühmliche Lhätigkeit entfaltete H. in der Sanitätspflege in den Kriegsjahren von 1866 u. 1870. Äußer einer Mehrzahl von Abhandlungen n. Aufsätzen über politische, staats- u. völkerrechtliche Gegenstände, welche thcils einzeln, theils in Zeitschriften u. Sammelwerken erschienen, als: Nationalität, Würzb. 1841; Legitimität u. Legitimi- tätsprincip, Wllrzb. 1859; Frankreich an der Spitze der Civilisation? Wllrzbnrg 1863; verfaßte H. folgende größere Werke: System des Verfassungsrechtes mit bes. Rücksicht auf die constitutionelleu Staaten Deutschlands, 2 Thl., Würzb. 1856 bis 1857; Staat u. Gesellschaft, 3 Thl., Leipz. 1861 bis 1863; Grundzüge des allgemeinen Staatsrechts, Lpz. 1868; Die Verfassung des Deutschen Reichs, Lpz. 1872. 5) Adolf, Nationalökonom, Sohn des Vor., geb. 10. Mai 1844 in Würzburg, stndirte von 1861—65 in Wllrzbnrg und München Philosophie u. die Rechte, trat 1865 in die Praxis, promovirte Juni 1866 an der staats- wirthschaftlichen Facnltät zu Wllrzbnrg, war 1866 bis 1867 am statistischen Bureau in Berlin beschäftigt, wurde Oct. 1867 Privatdocent in Bonn u. Lehrer an der landwirthschaftlichen Akademie zu Poppelsdorf, 1868 außerordentlicher, 1872 ordentlicher Professor in Bonn. Zugleich ist er Schriftführer des Deutschen Vereins der Rheinprovinz u. seit 1873 Secretär des Vereins für Socialpolitik. Größere Schriften: Careys Socialwissenschaft u. das Mercantilsystem, Würzb. 1866; Die Einkommensteuer, Bonn 1872; Dis Deutsche Arbeiterpresse, Lpz. 1873; Grundriß für Vorlesungen über National-Ökonomie (im Manuskript gedruckt), Bonn 1876; ferner größere Aufsätze in den Preuß. Jahrbüchern, Bluntschlis Staatslexikon, Hildebrands Jahrbüchern rc. 4> Lagai. s) Contzen. Heldburg, Stadt im Kreise Hildburghausendes Herzogthums Sachsen-Meiningen, an der Kreck; Kirche mit schönem Thurm, Bierbrauerei, Land- wirthschaft; 1875: 1132 Ew. — Dabei auf einem Basaltkegcl die ehemalige Veste H. (Fränkische Leuchte) mit Kirche und Rüstkammer. Die Stadt wird schon 837 als Dorf genannt. Auch die Burg 159 Heldmbuch soll schon im 9. Jahrh. vorhanden gewesen sein; sie wurde 1558—03 vom Herzog Johann Friedrich dem Mittleren restaurirt u. zur Residenz gemacht, 1632 u. 1634 von den Kaiserlichen erobert und geplündert, später aber wieder hergestellt. Seit 1683 residirte hier Herzog Ernst von Hildburghausen öfters, weshalb auch zu Ende des 17. Jahrh. Sachsen-Hildbnrghauscn zuweilen Sachsen- H. genannt wurde. H- Berns. Heldenbuch, dieser Name bezeichnet 1) zwei vom Ende des 15. bis gegen Ende des 16. Jahrh. oft gedruckte Sammlungen von epischen Gedichten aus der deutschen Heldensage, nämlich: s.. Das sogen, alte H., ans Ortnit, Wolfdietrich, dem großen Rosengarten, Laurin bestehend, die mnth- maßlich älteste Ausgabe o. O. u. I. in Fol. gedruckt (erneut von Keller, Stuttg. 1867, Literar. Verein), die jüngste Ausgabe Frankfurt a. M. 1590 in Fol. und in 4°; b. das um 1472 geschriebene Dresdener H., gewöhnlich nach einem der beiden Schreiber das H. Kaspars von der Röhn genannt, aus Ortnit, Wolfdrietrich, dem großen Rosengarten, Laurin, dem Eckenlied oder Ecken Anssahrt, dem Niesen Siegenot, Dietrichs Drachenkämpfen, dem Hildebrandslied, Etzels Hofhaltung, dem Meerwunder, dem Herzog Ernst bestehend, heransgeg. von F. H. v. d. Hagen und A. Primisser, Berl. 1820—25. In beiden Sammlungen, besonders in der zweiten, finden wir unsere Heldensage in Verwilderung u. Auflösung begriffen. 2) Neuere Sammlungen alter deutscher Heldenlieder, iusbesonders F. H. v. d. Hagen, Helden- buch, Altdeutsche Heldenlieder aus dem Sagenkreise Dietrichs von Bern und der Nibelungen; meist nach einzigen Handschristen zum erstenmal gedruckt oder hergestellt, 2 Bd., Leipz. 1855; Deutsches H,, herauSgeg. von Oskar Jänicke, Ernst Martin, Arthur Amclnug, Julius Zupitza, Berl. 1866, 70, 71 u. 73. Ziimnermmm. Heldengedicht, 1) soviel als Epopöe, episches Gedicht überhaupt (s. Epos). 2) Diejenige Gatt- ung der epischen Dichtung, welche speciell heroisches Epos genannt wird. Die bekanntesten H-e des klassischen Alterthums sind die Ilias u. Odyssee des Homer, die Aeneide des Vergil, der indischen Poesie der Mahabharata u. Ramajana, der germanischen die Nibelungen. Die späteren, seit der Zeit der Kreuzzüge, namentlich in Frankreich u. Italien, entstandenen Rittergedichte und Ritterromane können ebenfalls dahin gerechnet werden. Schasi-r. Heldensage, der Inbegriff der Sagen aus der Heldenzeit eines Volkes, welche nebst den Mythen den Inhalt der nationalen epischen Poesien bilden; über die Deutsche H. u. deren Bearbeitungen s. d. Art. Deutsche Natioualliteratur S. 151—154, 165, 166, 170. Helder, de H., Stadt im Gerichtsbez. Alkmaar, auf der äußersten Spitze der niederländ. Provinz Nordholland, durch den H.-Kaual mit dem Nordholländischen Kanal verbunden, Station (Nieuwe- Diep) der Holländ. Eisenbahn. Gegen Ende des 18. Jahrh. noch ein einfaches Fischerdorf, ist H. jetzt eine ansehnliche Handelsstadt, zugleich einer der am stärksten befestigten Orte Hollands (die Festungswerke von Napoleon I. 1811 angelegt, 1826 vollendet), dessen Vertheidigung eine Besatzung von — Helena. 7—9000 Mann erfordert, und der ein befestigtes Lager bildet, das 30,000 Mann ausnehmen kann. Hauptanstalten u.-Anlagen sind: das schöneMarine- Etablissement, das Marine-Institut, die Einrichtung für meteorologische Beobachtungen, der schöne und sichere Außenhafen, der mit dem inneren 300 Schiffe bergen kann, der Lenchtthurm im N. ver Stadt. 1869 hatte H. 18,749 Ew., 1875 geschätzt (laut Berechnung) auf 21,328 Ew. Durch die durch Küstenbatterieen vertheidigte Meerenge Mars- diep ist H. von der Insel Tcxel getrennt. In der Nähe des Forts Kijkduin 21. Aug. 1673 Seesieg der Holländer unter de Äuyter u. Tromp über die Engländer. 1799 Landung der Engländer u. Russen. H- Berns. Heldrungcn, Stadt im Kreise Eckartsberga des preuß. Regbez. Merseburg, unweit der Unstrut; Oberförsterei, ehemals befestigtes Schloß (jetzt zum Theil abgetragen), worin Thomas Münzer 1525 gefangen saß; Acker-, Hopfen-, Flachs- und Hanfbau; 1875: 2112 Ew. — Geburtsort des Philosophen G. E. Schulze. Helena, Sitz des Philipps County im Nordamerika». Unionsstaat Arkansas am Mississippi; 3106 Ew. Hier 4. Juli 1863 Sieg der Unioni- sten über die Conföderirten. Helena (Helene, griechische Name), 1) die berühmteste, die Tochter des Zeus u. der Leda, der Gemahlin von Tyndareus, die Schwester der Dioskuren und Ursache des Trojanischen Kriegs. Wegen ihrer Schönheit entführte sie Theseus aus dem Tempel der Persephone u. brachte sie nach Aphidnä, von wo sie jedoch durch die Diosknrcu befreit wurde. Eine Menge Freier warben nun um sie, welche alle schwören mußten, dem im Kampfe beizustehen, welchen H. zum Gatten wählen würde. H. wählte Menelaos, wurde ihm aber durch Paris entführt, dem sie Aphrodite als Preis für sein Urtheil über den bekannten Apfel zu ihren Gunsten bestimmt hatte (Raub der H., besungen von Koluthos). Der Raub der H., und daß sie auf das Verlangen von Gesandten nicht zurückgegeben wurde, veranlaßte den Trojanischen Krieg. Nach dem Tode des Paris heirathete sie den Bruder desselben, Derphobos. Als Ilion vor den: Verderben stand, gab sie durch Fackeln den Griechen das Zeichen zum Einbruch u. kehrte nach der Einnahme der Stadt mit Menelavsnach Sparta zurück. Nach dem Tode des Menelaos wurde sie von ihren Stiefsöhnen, Nikostratos u. Megapen- thes, aus Sparta vertrieben, floh nach Rhodos, wurde aber von Polyxo, der Gemahlin des Tle- polemos, welcher vor Troja gefallen, aufgehäugt u. später von den Rhodiern als Dendritis verehrt; auch in Lakedämon hatte sie einen Tempel, n. daselbst wurden ihre Feste (Helenra), bei denen Mädchen in Procession anfzogen, gefeiert. Sie erscheint fast durchgängig als schönes, aber schwaches, doch nicht mit Absicht buhlerisches Weib, ausgezeichnet durch ihre Geschicklichkeit im Spinnen u. in künstlicher Weberei. Ihrer eigentlichen Bedeutung nach war sie eine Mondgöltin. Ihre Tochter von Menelaos war Hermione. Sie ist das Sujet einer Tragödie des Euripides und einer großen Episode des 2. TheileS von Göthes Faust. 2) Gattin des Königs Monobaz von Adiabnnn, ca. 20 v. Chr. bis 62 n. Chr., verließ gleich ihren Söhnen Jzates u. Monobaz das Heidenthum u. nahm die jüdische Religion an; sie that ein Nasiräergelübde u. kam zur Erfüllung desselben nach Jerusalem, baute sich dort einen Palast, u. in einem Hungerjahre ließ sie Getreide aus Alexandria kommen u. unter die Armen vertheilen; sie beschenkte auch den Tempel. Sie baute sich bei Jerusalem ein Mausoleum, wo ihr Sohn, König Monobaz, sie beisetzen ließ. 3) H., Mutter Constan- tins des Großen, von ungewisser Herkunft (Glou- chester, Trier, Obermösien, Bithynien werden als Geburtsort genannt), u. nach den Einen war sie von hoher Abkunft, nach Anderen eine Hirtenoder Wirthstochter, geb. um 274 n. Ehr.; wegen ihrer Schönheit wurve sie vom Kaiser Constantius Chlorus geheirathet u. gebar demselben den nachmaligen Constautin den Großen. Von ihrem Gemahl bei der Heirath mit Theodora verstoßen, lebte sie dann zurückgezogen, im Trierschen, bis sie ihr Sohn zur Augusts u. Jmperatrix erklärte u. ihr großen Einfluß auf die Regierung »erstattete; sie erbaute, zum Christenthum übergegangen, Kirchen, unterstützte die Armen rc. 326—27 be- suchte sie die heiligen Stätten zu Jerusalem und fand Jesu Kreuz (s. Krenzerfindung), baute auch auf den einzelnen heiligen Städten Kirchen; sie st. 327, u. ihr Leichnam soll in Rom, Hautvilliers u. in Venedig bestattet sein; sie wurde canonisirt, ihr Tag: 18. Aug. Nach ihr wurde Drepannm Helenopolis (welches auch ihr Geburtsort sein soll) und der westliche Theil des kappadokischen Pontus Helenoponros genannt. 4) St. H., als Heidin Olga, geb. in Pskow; heirathete 903 den russischen Großfürsten Igor n. wurde nach dessen Tode 945 Reichsverweserin n. Vormünderin ihres Sohnes Swätoslaw, voll Segen u. Sraats- klugheit waltend; nach der Sage nahm H. an den Derewiern, welche ihren Gemahl erschlagen hatten, dadurch Rache, daß sie ihre Hauptstadt verbrannte, indem sie Tauben n. Sperlinge, denen sie brennende Schweselsäden unter die Schwänze gebunden hatte, losließ; 955 machte sie, betagt, eine Reise nach Constantinopel, wo sie 957 die Taufe und den Namen H. empfing. Vergebens waren aber alle Bemühungen der ebenso männlich starken wie cul- turfreundlichen Fürstin, ihren Sohn oder seine Unterthanen dem Lhristenthume, dessen Weltherrschaft sie voraussah, zuzuführem H. st. 969 in Kiew; sie ist eine der 57 Heiligen der Russischen Kirche; ihr Tag: 11. Juli. 5) H. Paulowna, Großfürstin von Rußland, Tochter des Herzogs Paul von Württemberg u. der Prinzessin Charlotte von Sachsen-Altenbutg (damals Hildburghausen), früher Charlotte Marie; sie ist geb. 9. Jan. 1807 (a. St. 28. Dec. 1806) u. wurde 20. Febr. 1824 mit dem Großfürsten Michael, jüngstem Bruder der Kaiser Alexander I. u. Nikolaus, vermählt, wobei sie zur Russischen Kirche übertrat u. den Namen H. annahm. Seit 9. Sept. 1849 ' Wittwe, st. sie 21. Jan. (2. Febr.) 1873, eine Frau von großer Begabung, die in Petersburg ganz bes. Kunst n. Wissenschaft reichlichst unterstützte, auch in der Politik einen nicht unbedeutenden Einfluß übte. Ihre einzige Tochter Katharina Michai- lowna ist seit 20. Juni 1876 Wittwe von Herzog Georg von Mecklenburg - Strelitz. 6) H. Luise Elisabeth, Herzogin von Orleans, die Tochter des 1819 verstorbenen Erbgroßherzogs Friedrich Ludwig von Mecklenburg-Schwerin, geb. 24. Jan. 1814, wurde 1837 mit Ferdinand, Herzog von Orleans, ältestem Sohn des Königs Ludwig Philipp u. damals präsumtiven Thronerben Frankreichs, vermählt, gebar demseben den Grafen von Paris (geb. 24. Aug. 1838) und den Herzog von Chartres (geb. 9. Nov. 1840) u. wurde 13. Juli 1842 Wittwe. Nach der Abdankung Ludwig Philipps am 24. Febr. 1848 zu Gunsten des Grafen von Paris, sollte ihr die Regentschaft übertragen werden; sie begab sich daher nach der Flucht ihres Schwiegervaters während der Revolution in den Straßen von Paris in die Dc- putirteukammer, wo sie mit Beifall empfangen wurde, u. Odilon - Barrot für die Regentschaft H-s sprach. Als aber die Republikaner die Oberhand behielten, entfernte sie sich von Paris und ging über Lille nach Ems; hier lebte sie eine Zeitlang mit ihren Kindern in größter Zurückgezogenheit, nahm aber später ihren Wohnsitz in Eisenach. Im Sommer 1849 begab sie sich mit ihren Söhnen nach England zur vertriebenen Köuigsfamilie, lebte dann theils in Eisenach, theils in Kitley bei Plymouth, sich nur der Erziehung ihrer beiden Söhne widmend. Bei der Verordnung über den Verkauf der Orleansschen Güter in Frankreich 1852 blieb ihr Wittweneinkommen (300,000 Frcs.) unverletzt; sie starb 18. Mai 1858 zu Richmond in England. H. war eine seltene Frau, der echte Typus deutscher Weiblichkeit, dabei Verehrerin u. Pflegerin der schönen Künste, Dichterin und plastische Künstlerin. Vergl. G. H. von Schubert, Erinnerungen aus dem Leben der Herzogin H. Luise von Orleans, Münch. 1859; 7. Ausl. 1862; Marquise de Harcourts Llmiamo In Ouettssos ^'Orleans, Ilolsns ä« LkekIsnbourA-Lollveerin, Paris 1859 (deutsch, Berl. 1859); Brünier, Eine Mecklenburgische Fürstentochter, Brem. 1872. 1) Thielemann." 2) Fürst. S> Löffler. 4i Klemschmidt. 5)6)1,." Helena (Krana's, a. Geogr.), 1) Eiland im Ägäischen Meere, ander äußersten Spitze Attikas, wo Paris u. Helena bei ihrer Flucht aus Sparta landeten; jetzt Makronisi. 2) s. Asteroiden N. 101. St. Helena, Insel im südlichen Atlantischen Mkere, zu Afrika gehörig, 121 siMin (2,-, sJM) groß, em einziger großer Basaltfelsen, welcher steil aus dM Meer emporsteigt, mit mehreren Spitzen " sDianenpik serwa 80o m Hochs, Euttolds-Point, Halleys Mount u. a.), tiefen Thälern (Devils Punchbowle) und großeik"HöhISU, doch anch mit Vergebenen fvongwooo, 6dO in yoch). Die Insel' hi teichlich mir gutem Wäger versehen u. fruchtbar, weshalb die meisten Segelschiffe auf diesem Wege hier landen. Alle 14 Tage landet auch ein Postdampfer. Das Klima ist mild u. äußerst gesund; di e Regenzeit fallt meistens in die Monate Juni u. Juli. Die einheimische Flora ist arm, die eingeführte aber sehr mannigfach, da Pflanzen aus allen Welttheilen neben einander gedeihen, neben der Eiche und dem Obstbaume die Cocos- palme, Ananas, Südfrüchte, Bambus, Gemüse aller Art, Wein rc. Doch ist der Anbau sehr vernachlässigt. Von den (1871) 6241 Ew. der Insel ! i 161 Hclenamedmlle — Helfert. find 8000 Europäer, meist Engländer, die übrigen Farbige. Hauptort der Insel ist Jamestown. H. wurde 21. Mai 1801 von den Portucsiesen entvear n., da es der lltamenstag der St. H. war," nach ihr oenannt. w urde dann vorübergehend von der Holländisch-ostindischen Compagnie öccupirt u. 1661 u. definitiv 1674 von der Englisch-ostindis chen Compaame rn Benlz genommen, von ver fie iW an me Bntyche Slaatsregierung überging. 1815 wurde Navoleon bierher ,n Berwahrung gebracht.^ Cr verweilte anfangs in einem Landyause vei Jamestown, später zu Longwood. Er wurde öst- lich von Longwood in einem Thale (Huts Pforte s begraben, 1b. Oct. 184» aber lem Leichnam von hier abgeholt u. in Paris beigcsetzt . Die ehemalige Wohnung Napoleons in Longwood wurde 1857 von Napoleon III. angskausi. Arendts*. Helenamcdaille (Helenadenkmünze), eine von Napoleon III. durch Decret vom 12. Aug. 1857 gestiftete Kricgsdenkmünze für alle französischen u. ausländischen Militärs der Land- und Seearmee, welche von 1792—1815 unter franz. Fahnen ge- sochteu haben; sie ist von Bronze, auf dem Avers das Bild Napoleons I., auf dem Revers: 6aw- PLMS8 äs 1792 ä 1815. L. ses eornpaxnons äs gloirs sn äsrniörs psnsss, 5. Lläi 1821; sie wird au einem grün u. rothem Bande im Knopfloch getragen. Helene, Wilhelmine Dorothea Marie v. H., geb. Gräfin Häseler zu Blankenfelde, geb. das. 16. Febr. 1829, seit 6. Aug. 1819 Gattin B. v. Hülsens (s. d.s: trat unter dem Namen Helene, neuerdings als Helene v. H., mit glücklichstem Erfolg als Schriftstellerin auf. In Literatur und Geschichte durch Prof. Schottmllller in Berlin ausgebildet, vereint H. v. H. mit gemüthvoller Auffassung ein treffliches Erzählertalent. Sie schr.: Aus Herz u. Leben, Gedichte, Berl. 1867; Novellen u. Skizzen, ebd. 1869; die Novellen: Ungesucht- Gefunden, ebd. 1871; Aus aller n. neuer Zeit, ebd. 1873, u. Ohne Flitter, ebd. 1876; endlich den Roman: Traum u. Wahrheit, ebd. 1874. Kürschner. Helenenkraut, ist Inula klolsninm. Helencnpfennige, eherne religiöse Schaumünzen, von der Kaiserin Helena um 325, mit dem Bild Christi, waren als Amulet in hohem Ansehen. Helenenthaler, Sedisvacanzmünze des Domcapitels in Trier von 1715, mit dem Bilde der Sta. Helena. Helcnin, Alantkampher6,iL2gOz, findet sich in der Alantwurzel (Inula illslsnium) und wird aus derselben durch Ausziehen mit Alkohol gewonnen; farblose, geschmack- u. geruchlose, in Alkohol und Äther lösliche Prismen. Schmelzpunkt 72°, Sicdep. 120—200" 0. Broglie. Helenas, der einzige den Fall von Troja überlebende Sohn des Priamos und der Hekabe, ein Vogcldeuter, der von den Griechen gefangen genommen wurde oder freiwillig zu ihnen überging und ihnen weissagte, daß sie Troja nur mit Hilfe des Neoptolemos und Philoktetes nehmen könnten. Nach Trojas Fall ging er mit Neoptolemos nach Epiros, wo er nach dessen Tode einen Theil des Landes und die Andromache zur Gemahlin erhielt. St. Helens, Fabrikstadt in der englischen Graf- PiercrS Nnlversat-CoiiversatioirS-Lerlkon. L. Aug. R. schast Lancaster, Eisenbahnstation, große Kupfer- und Glashütten, namentlich für Spiegelglas, Eisengießereien, chemische Fabriken, Bierbrauerei, Töpferei, Gerberei, Seilerbahnen; im Municipal Borough 1871 45,134 Ew. Helensburgh, Dorf in der schottischen Grafschaft Dumbarton am Clyde; Seebäder; 5975 Ew. Helepolis (gr. Ant.) thurmförmiger Belagerungsapparat von mehrere» Stockwerken aus eisen- beschlagenen Balken; wurde aus Walzen oder Nädern an die feindliche Befestigung herangeschoben. Helfer, 1) in einigen Ländern, z. B. Württemberg u. der Schweiz, so v. w. Diakon; Ober- H, Archidiakon. 2) bei den Herrnhutern der Seelsorger oder Sittenaufseher, s. Brüdergemeinde. Helferich, Johann Alfons Renatus v., hervorragender Nationalökonom, geb. 5 Nov. 1817 zu Neuenburg in der Schweiz (Heimathsort Frankfurt a. M., wo der Vater Bürger war), besuchte Vas Gymnasium zu Nürnberg, seit 1836 die Universitäten Erlangen, Berlin u. Heidelberg, wo er 1840 promovirte, widmete sich sodann speciell, nachdem er philologische, historische u. geographische Studien getrieben, dem Studium der politischen Ökonomie unter Fr. B. W. Hermann in München von Ostern 1841 bis März 1843, wurde zum Prof, sxtraorä. April 1844 zu Freiburg i. Br., 1847 zum Prof, orärn. daselbst ernannt. Im Winter 1848 auf 49 mit Urlaub im Reichs- miuistcrium des Handels zu Frankfurt a. M., nahm er Herbst 1849 einen Ruf nach Tübingen u. 1860 einen solchen nach Göttingen an, von wo er Ostern 1869 endlich einem Rufe nach München folgte. Schriften: Schwankungen im Werthe der edlen Metalle, Nürnberg 1843; zahlreiche Aufsätze, zum Theil größeren Umfangs in verschiedenen Zeitschriften, besonders in der Tüb. Zeitschrift der gesammten Staatswissenschafl während der Jahre 1843—73. Hervorzuheben find: Uber die Capitalsteuer in Baden; Joh. Heinrich von Thiineu und sein Gesetz über die Theilung des Products unter Arbeiter und Kapitalisten; Studien über Württ. Agrarverhältnisse; Die österr. Valuta seit 1848; Die Waldrente; Die Reform der directen Steuern in Bayern; ferner in den Göttinger Anzeigen 1864: Über Henry Dunniug Macleods politisch - ökonomische Schriften; I. E. Lairnes 8oms IsaäinA xrinoixss ok pol. soonomz', das. 1875. Mehr Lehrer als Schriftsteller ist H. bemüht, die Zuhörer zum selbständigen ökonomischen Denken anzuleitcn, wozu die Hermannische Richtung, der H. im Allgemeinen folgt, besonders geeignet erscheint. Von seinen zahlreichen Schülern pflanzen mehrere als hervorragende Lehrer der politischen Ökonomie an deutschen Universitäten, wenn auch mit eigenthümlicher Richtung, seine Methode des Unterrichts fort. Contzen. Helferich, Dienstmann Dietrichs von Bern; kämpfte in der Ravennaschlacht mit Baldung von Paris, erschlug in der Nibelungen Not Dankwart und fiel dann selbst. Helfershelfer, s. v. w. Gehilfe, s. u. 6ou- eursus aä äelictrrin. Helfert, 1) Joseph, die bedeutendste Autorität für Kirchenrecht in Österreich, geb. 1791 in Plan, wurde 1829 Professor des Kwcheu- u. des Baud. i ^ 162 Helge-A — Römischen Rechts in Prag u. st. 1848. Von ihm u. a.: Die Rechte und Verfassung der Akatho- liken in Österreich, Prag 1843; Handbuch des Kirchenrechts, ebd. 1845, 4. A. 1849, 2 Bde. 2) Jos. Alexander, Freiherr v. H., österr. Staatsmann und Rechtsgelehrter, Sohn des Vor., geb. 3. Nov. 1820 in Prag, wurde 1847 Lehrer des Römischen u. Kanonischen Rechts an der Universität Krakau u. 1848, von der Stadt Tachau gewählt, Mitglied des österreichischen Reichstages, wo er durch sein unerschrockenes Auftreten Hauptstütze des Ministeriums wurde. Im October 1848 wurde er nach Ablehnung des ihm angebotenen Unterrichts-Ministeriums im Cabinet Schwarzenberg Unterstaatssecretär in diesem Departement, auf welchem Posten er 1854 in den Freiherrnstand erhoben und 1861 zum Geheimen Rath mit dem Prädicat Excellenz ernannt, besonderes Verdienst sich u. A. auch erwarb durch die von ihm geleitete Ausstellung des österreich. Uuterrichtswesens auf der Londoner Industrieausstellung 1862, wofür ihm die Goldene Medaille und die besondere kaiserl. Anerkennung wurde. SO. April 1863 wurde er unter Belastung seines Ranges und Charakters als Unterstaatssecretär, Präsident der Central-Commission für Baudenkmale (nachmals für Kunst- und historische Denkmale), 21. Nov. 1865 aber unter Beibehaltung dieses noch jetzt von ihm versehenen Präsidiums in den zeitlichen Ruhestand versetzt. Er schrieb: Über den Heimfall des Heirathsgutes, Prag 1842; Hnß u. Hieronymus, ebd. 1853p, Über Natioual- geschichte und deren Pflege in Österreich, Wien 1854; Österr.Geschichte für das Volk, ebd. 1863; Die Schlacht bei Kulm 1813, ebd. 1863; Fünfzig Jahre nach dem Wiener Congreß, ebd. 1865; Geschichte Österreichs vom Ausgang des Wiener October-Ausstandes. 1.—4. Bd. (noch nicht vollendet), Prag 1869 ff.; Maria Luise, Erzh. von Österreich u. Kaiserin der Franzosen, Wien 1873; Der Rastadter Gesandtenmord, ebd. 1873; Revision des Ungar. Ausgleichs, aus geschichtlichstaatsrechtlichen Gesichtspunkten, ebd. 1875; auch besorgte er mehrere neue Auflagen der kirchenrechtlichen Werke seines Vaters. Lagai. Hclge-Ä, Fluß iu >,Schweden, entspringt im Kronobergs- oder Wexiö-Län, bildet den Helgasee und mündet unterhalb Christianstad bei Ahns in die Ostsee. Helgi (Helge) (nord. Sagengesch.), H. Had- diugiaskati, Hiörvards Sohn, von der Walkyre Svava beschützt und mit einem Zauberschwerr beschenkt, rächte er seine Verwandten an Hrodmar in dem großem Kampfe auf Sigursvöllr, und tödtete den Riesen Hast, fiel aber gegen Alf, den Sohn Hrodmars. Wiedergeboren vom König Sigmund und Borghild von Braluudr, hieß er H. Hundingsbani (der Huudingstödter); er stand, einen Tag alt, schon im Panzer, ging als Kundschafter verkleidet an den Hof des feindlichen Hunding, Königs von Hundland, entzog sich den Nachforschungen desselben als Mahlmagd verkleidet u. erschlug denselben in der Schlacht am Arnstein und dann dessen Söhne. Durch seine Tapferkeit erwarb er sich die Liebe der Sigrun, Högnis Tochter, der wiedergeborenen Svava, einerWalkyre, Helgoland. die ihn bat, sie von Hödbrodd, dem Sohne des mächtigen Königs Granmar, dem sie verlobt war, zu befreien. H. schlug nun die Schlacht am Frekastein, wo Hödbrodd und die meisten Verwandten Sigruns fielen, und vermählte sich selbst mit Sigrun. Dagr, SigruuS Bruder, tödtete aber den H. aus Vaterrache. Sigrun aber ließ durch ihre Thränen dem Gatten keine Ruhe in Walhalla, so daß er ihr an seinem Grabe mit großem Gefolge und in der Nacht erschien, worauf sie, da er den Besuch nicht wiederholte, aus Gram starb. Dieser Mythus ist die älteste Gestalt der Leonorensage. Raßmann. Helgoland (engl. Heligoland, nieder!. Heilge- land), Insel in der Nordsee, nordwestl. von den ^ Mündungen der Elbe und Weser, 44,g stm vom Contineute entfernt, einst dänisch, jetzt den BMen gehörig, besteht aus der Felseniusel und der durch einen 6—6,5m tiefen, vor 1720 ganz seichten Kanal (Oours) davon getrennten Düne (Dönnäoe); 0,es ÜDm (0,oi IHM) mit 1913 Ew. Jene, ein rother Thonsteinfelsen, erhebt sich etwa 60 in über ! den Meeresspiegel, ist 2300 Schritte lang u. 280 bis 650 Schritte breit, und besteht aus dem Oberland und dem Unterland. Das Oberland, ^ das Plateau der Felseninsel, ist mit einer dünnen ! Schicht tragbarer Erde bedeckt u. hat neben nied- , rigem Strauchwerk einige Grasflächeu u. Kartoffel- ! felder; auf demselben befindet sich eine kleine Stadt , (ein Theil derselben liegt im Unterstände) mit schöner Kirche u. palastartigem Schulgebäude u. ein hoher mit Vermeidung allen brennbaren Materials neu erbauten Leuchtthurm. Das Unterland bildet ein flaches, steiniges Gestade von geringem Umfange, Las durch eine Treppe von 190 Stufen mit dem Oberlands verbunden ist. Die Uferwände der Insel im NO. steigen schroff auf; ein großartiges Bild der Zerstörung aber bietet der Küstenstrich dar, der das NHorn mit dem SHorn verbindet: gigantische Felsenthürme, hohe Felsenthore, schlanke Säulen u. zackige Klippen, wechseln hier mit einander ab, wo in den dunkeln Grotten zahlreiche Seevögsl nisten. Etwa 1200 m östlich vom Unterlande liegt die Düne, 1500 Schritte lang, ^ 300 Schritte breit und bis zu 25 m hoch, der H Hauptbadeplatz. Auch an der Ost- u. Nordseite wird je nach der Windrichtung gebadet. In der Unterstadt befindet sich ein Badehaus für warme Seebäder, mit Einrichtungen zu Sturz-, Regen- u. Douche-Bädern, ferner das geräumige Couver- sationshaus mit einem Saale, der 500 Personen fassen kann, u. worin Concerte u. Bälle stattfinden. Unter den Nordseebädern nimmt H. dcnl. Rang ein; die Badezeit dauert von Anfang Juni bis Mitte October; während derselben regelmäßige Dampfschiffverbindung mit Hamburg und Bremerhaven. Die Einw. sind Friesen, haben eine eigenthüm- liche Tracht u. bewahren noch Manches von alter Sitte u. Sprache; Kirchen u. Schulsprache ist die Deutsche. Die Weiber bestellen das Feld während die Männer zur See sind. Die Helgoländer treiben Handel, sind Fischer (von Ende October 1875 bis Ende Februar 1876 wurden 400,000 Schellfische gefangen, außerdem bedeutender Hummer- und Dorsch-Fang), Schiffer u. gute Lootsen. Sie sind abgabenfrei (Leuchtthurm, Treppe, Schule rc. sind 163 Heliäa — > auf Kosten Englands erbaut worden), bekennen sich zur Evangelischen Kirche, wählen ihre Geistlichen selbst, deren Besoldung jedoch England bestreitet. An der Spitze der Verwaltung steht seit 1868 , wo die alte Verfassung aufgehoben wurde, der Gouverneur. H. hieß im Mittelalter Fosi- tesland (Fosetisland) von dem friesischen Gotte Forseti, welcher hier verehrt wurde. St. Willibrod stürzte hier das Heidenthum, indem er die heiligen Rinder schlachten u. die Weihestätte zerstören ließ. Bon den Missionären, die sich hier niederließen, erhielt dann H. den NamenHeleg Land (Heiliges Land). Später (wenigstens seit dem 14. Iahrh.) gehörte die Insel zu Holstein, bis sie der Herzog von Gottorp 1714 an Dänemark abtrat; 1808 nahmen die Engländer H. u. machten es während der Continentalsperre zur Hauptniederlage für ihren Schleichhandel mit dem Coutinente. 1814 wurde H. völlig an England abgetreten. In der Nähe von H. 9. Mai 1864 Seegefecht zwischen österreichischen und dänischen Seeschiffen. Früher soll H. eine umfangreiche, stark bevölkerte Insel gewesen sein, von der vom 9. bis 17. Iahrh. das Meer große Stücke hinweggerissen haben soll. Diese Angaben entbehren jedoch alles historischen Grundes. Einzelne und auch ziemlich bedeutende Zerstörungen und ein allmähliges Abbröckeln ist wahrzunehmen, aber wesentliche Veränderungen hat H., wenigstens seit dem 11. Iahrh., wo es Adam von Bremen beschrieb, nicht erlitten. Am 4. Sept. 1856 wurde die hier befindliche Spielbank geschlossen. Vgl. Lappenberg, Über den ehemaligen Umfang u. die alte Geschichte H-s, Hamb. 1831; Hirsch, H. als Seebad, Hamb. 1852; Oetker, H., Berl. 1855; Wallace,H., Hamb. 1876. H> Berns. Heliäa, der oberste Gerichtshof in Athen; die Mitglieder hießen Hel ia stä (vgl. u. Athen S.273). Hcliädii, sieben Söhne des Helios und der Rhode, gute Sternseher und sehr erfahren in der Schifffahrt. Heliades, die Töchter des Helios u. der Klymene, Schwestern Phaethons; sie wurden wegen der nie ersterbenden Klage um ihren Bruder in Pappel- oder in Lerchenbäume und ihre Thräneu in Bernstein verwandelt, daher Thränen der H. sprichwörtlich für kostbare Sachen wurden. Man verlegte sie an den Eridanus (s. d.). Heliand, s. Heljand. Uelisnibsmum (Lbrt»r., i?s»-s.), Pflänzengatt- ung aus der Familie der tlisiünsas, XIII. I., Kräuter oder Halbstränchcr, oft mit niederliegenden Zweigen, meist linealischen oder länglichen, ganzrandigen Blättern und ziemlich großen, meist in endständigen Trauben stehenden Blüthen; von der nahe verwandten Gattung 61stus unterscheidet sich H. durch 3 Placentcn ü. Kapselklappeu und durch einen doppeltgefalteten gekrümmten oder gewundenen Embryo. Zahlreiche Arten in Nord-, Mittel- u. Süd-Amerika, im Mittelmeergcbiet u. im westl. Asien. Durch ganz Europa verbreitet ist: 2. vulgare Aaei'tw., gemeine Cistenrose, Sonnenröschen mit ovalen bis lineallänglichen, stumpfen, am Rande etwas znrückgerollten Blättern, zurückgebogenen Fruchtstielen und gelben Blüthen. Englcr. llslisntkiis D., Pflanzengatt, aus der Fam. der Lowposit»s-2eliautkioiilog.e. Hohe einjährige od. St. Holicr. perennirende Kräuter, unterwärts mit gegenständigen, oberwärts mit abwechselnden, ganzrandigen od. gezähnten Blättern u. meist sehr großen einzelnen od. in Doldenrispen stehenden. Blüthenköpfchen, deren Randblüthen steril sind; ungefähr 50 Arten, die meisten in NAmerika, nur wenige in Peru u. Chile. Wichtig: 2. s-uuuus H. (Sonnenblume), mit sehr großen flachen Blüthenköpfen, herzförmigen, großen gerippten Blättern; Sommergewächs, wird über mannshoch; die Samen geben ein feines Lll und werden von den Vögeln, des. von Meisen, sehr gesucht; die Pflanze stammt aus Peru und ist schon lange bei uns als Zierpflanze in Gärten beliebt. 2. tubsrssus T,. Topinambur oder Erd- birn, wahrscheinlich aus NAmerika, nicht wie bisweilen angegeben wird, aus Brasilien stammend, besitzt eine Grnndachse mit länglichen Knollen, einen aufrechten, ästigen, rauhen Stengel mit gestielten dreincrvigen Blättern und einzeln stehende, aufrechte Blüthenköpfe mit lanzettlichen Hüllblättern. Die Knollen schmecken süß und werden theils als Gemüse anstatt der Kartoffeln genoffen, theils als Viehfutter verwendet und daher angebaut. 2. orD'vIw Dk7., mit aufrechtem, glattem Stengel, sitzenden, linealischen, einnsrvigen, ge- zähnelten Blättern und doldenrispig gestellten, ziemlich kleinen Köpfen mit linealischen Hüllblättern; Zierpflanze aus Arkansas. Englcr. Uo!iokr>sum (Lliolir^sum), Pflanzengattung aus der Familie Oompositas-Inuloiäoas- üimplmllsaö, Kräuter mit abwechselnden Blättern, dachziegelartig gelagerten, trockenhäntigen, zum Theil strahlenden Hüllblättern, flacher Blüthen- standachse u. einreihig gestellten weiblichen Blüthen; Haarkrone mit rauhen Haaren, sonst wie dnapiia- Iinm. Von den mehr als 200 Arten wachsen die meisten im südlichen Afrika u. Australien, wenige auch im tropischen Afrika u. Europa. Wichtig: 2 arsnarium (L.) ULI. (Immortelle), grauwolligfilzig, mit flachen, länglich-verkehrt-eiförmigen Blättern n. kleinen, kugeligen, dicht doldenrispigen Köpfen, deren citronengelbe Hüllblätter locker au- liegen; in trockenen Wäldern, auf Sandhügeln im mittleren und nördl. Europa stellenweise häufig. 2. braotoatum (^e,rt.), (Strohblume, Immortelle) mit aufrechtem, oberwärts ästigem, etwas rauhem Stengel, breiten, am Ende der Aeste einzeln stehenden Köpfen, deren mittlere strahlende Hüllblätter am längsten, spitz, trocken und goldgelblich oder weißlich sind; in Neuholland einheimisch, in Europa vielfach angepflanzt, La die Blüthenköpfe als Strohblumen im Winter gut verwendbar sind. Englcr. »elioonm L., Tafelbanane, Pflanzengattnng aus der Familie der Llusaesas - 2ölioouisas, hohe Kräuter mit unterirdischem Grundstock, beblättertem Stengel, großen länglichen Blättern und großen, rispig angeordneten Blüthen, deren Perigon tief zwcilippig ist und von deren 6 Staubblättern eines abortirt; Frucht eine dreikantige, dreifächerige Kapsel mit cinsamigen Fächern. Arien in Südamerika heimisch, mehrere bei uns in Gewächshäusern cultivirt, so namentlich 2. xsitta- osrum L. aus Surinam mit gelb und roth gefärbten Blüthen. Englcr. St. Hclicr, Hauptstadt der engl. Insel Jerkey 11 * 164 Helikc — (einer der Canalinseln), an der St. Aubin-Bai; 22 Kirchen u. Bethäuser, Victoria College, öffentliche Bibliothek, Theater, königl. Gerichtshof, Armenhaus, Gefängniß, aus dem Royal Square das vergoldete Standbild Georgs II., Hafen (durch 2 Hafendämme gebildet und durch 2 Forts ver- iheuügt), regelmäßige Dampfschiffsverbindung mit der Insel Gnernfey u. mehreren engl. Hafenorten, Stadt u. Pfarrei 16,715 Ew. Hcltke (a. Geogr.), alte Haupistadt in Achaia, an der Mündung des Selinus in den Korinthischen Busen, soll von Jon erbaut worden sein. Hier Tempel des Poseidon u. das Grab des Tisamenos. Sie wurde 373 v. Chr. durch Erdbeben zerstört n. ein Theil derselben von dem Meere verschlungen. Hcltke, Tochter des Lykaon oder Olenos, Nymphe, welche den Zeus mit auferzvg; sie wurde von ihm als großer Bär an den Himmel versetz:. Helikon (a. Geogr.), Gebirg im südlichen Böotien, bis 5000 Fuß hoch, waldig, reich an Weiden, romantischen Thälern u. Schluchten, dem Apollo und den Musen (daher deren Beinamen Helikoindes, Helikoniades) geweiht; am H. sprudelte der Musenquell Aganippe, bei Askra die Hippokrene (s. b.); unterhalb derselben der Musen- vain, Tempel u. Agon. Ein Theil des H. hieß Libethrios mit der Grotte der Libethrischen Nymphen. Der H. sührt jetzt noch diesen Namen, vd. auch Palaio-Buni, türk. Zagora, d. h. Hasenberg. Hcliocentrisch (v. Gr.), s. geocentrisch. Heliochromic (v. Gr.), photographische Dar. siellung farbiger Lichtbilder. Becquerel hat gefunden >.1848), daß, wenn man eine Silberplatte eine Zeit- ,ang als positiven Pol einer Boltaschen Säule in - urch Salzsäure angesäuertes Wasser bringt und ; arm ein Sonnenspectrum darauf fallen läßt, i rsselbe sich mit seinen eigenthümlichen Farben ab- Nldet. Niepce de Saint-Victor bildete das Verfahren zur Anwendung in der Oamsra obseura aus. Poitevin erzeugte nach farbigen Glasgemälden Abdrücke in den natürlichen Farben auf Papier, das mit violettem Silberchlorür überzogen, u. mit Auflösung von dichromsaurem Kali, schwe- selsaurem Kupfer u. Chlorkalium getränkt wurde. Es ist bis jetzt nicht gelungen, die heliochromischen Bilder haltbar zu fixiren. Liesegang. Heliodöros, 1) Schatzmeister des Königs Se- leukos IV. von Syrien, wurde 176 von seinem Könige nach Jerusalem gesendet, um die Auslieferung der Schätze des jüdischen Tempels zu fordern. Als er, trotz der Vorstellungen des Hohenpriesters Onias, das Heiligthum betrat, erschienen ihm angeblich ein glänzender Reiter, der auf ihn lossprengte, u. zwei Jünglinge, welche ihn zu Boden schlugen, so daß er ohne Besinnung hinsank und nur durch Gebet des Onias genas. Jedenfalls erreichte H. damals seinen Zweck nicht. Im folgenden Jahre vergiftete er den Seleukos u. setzte sich selbst auf den syrischen Thron, wurde aber bald von Antiochos IV. Epiphanes verdrängt. 2) H. aus Emesa, um 390 n. Chr. Bischof von Trikka in Thessalien; schr. in seiner Jugend den Roman von der Liebe des Theagenes u. der Chariklea, herausgeg. Bas. 1534 u. ö., von Bekker, Lpz. 1855; von Hirschig. Par.. 1856. I) griechischer Wundarzt in Rom zu Trajans Zei- Hcliomcter. ten, von Galen u. Paul v. Aegina oster erwähnt, hat die Diagnose der Extravasate bei Kopfverletzungen für alle Zeiten festgestellt u. die Bandagen- und Maschinenlehre wesentlich verbessert. Seine Werke sind leider bis auf einzelne Fragmente verloren gegangen. l,Hertzberg. 3>Tamh-yn. Heliogabalus (Elagabal, phönikisch, so v. w. Sonne), eigentlich Barius Avitus Bassianns, Sohn des Varius Marcellus u. der Soämis, Enkel der Julia Mäsa, schöner Jüngling, wurde als Knabe Oberpriester der Sonne zu Emesa in Syrien; hier wurde er den im Winterquartiere liegenden römischen Truppen bekannt, welche ihn nach dem Tode des Caracalla, für dessen Sohn ihn seine Großmutter ausgab, gegen Macrinus, 17 Jahr alt, 218 n. Chr. als M. Aurel. Antoninus zum Kaiser ansriefen. Nach Besiegung des Macrinns zeigte er dem Senat seine Erhebung an, begab sich aber erst nach längerem Aufenthalte in'Nikomedien nach Rom, wo er den Sonnendicnst einführte u. durch sein wollüstiges, verschwenderisches Leben u. seine Grausamkeit sich den Soldaten verhaßt machte, so daß ihn diese, als er dem von ihm adoptirten Alexander Severus nach dem Leben trachtete, 222 mit seiner Mutter ermordeten u. beider Leichname in die Tiber warfen. Sein Leben beschrieb Aelius Lampridius. Hemie-AmRhyn.» Heliographie (v. Gr.), 1) Lehre von der Sonne als Weltkörper. 2) Anwendung der Photographie auf die unmittelbare Darstellung von lithographischen oder Stahltafeln (Niepce de Saint-Victor). Ein feinkörniger polirter Marmorstein wird nach gehöriger Reinigung durch Benzol u. Alkohol mit einer Schicht von heliographischem Firniß überzogen, d. i. einer Auflösung von Asphalt in Lavendelöl od. in Benzol n. Citronenessenz. Dieser Firniß hat nämlich die Eigenschaft, nach der Einwirkung des Lichtes für schwache Ätzmittel undurchdringlich zu sein. Ist die Schicht trocken, so legt man eine positive auf Albumin od. Wachspapier Large- stcllte Photographie darauf u. setzt das Ganze hinreichend dem Lichte aus. Hierauf löst man dieFirniß- schicht durch eine Mischung von Naphthaöl u. Benzin u. erhält durch Netzen mir verdünnter Salpetersäure die gewünschte Platte. Ähnlich ist das Verfahren, gravirte Stahlplatten darzustellen. Liefegang.' Heliolätrie (v. Gr.), Verehrung der Sonne, Sonnendienst; vgl. Sabäismus. Heliometer (v. Gr., Sonnenmesser), Objcctiv- mikrometer, ein zuerst von Bongner 1748 angegebenes, von Dolland und bes. von Fraunhofer verbessertes Fernrohr, das zum Messen sehr kleiner Winkel am Himmel, z. B. des scheinbaren Durchmessers der Sonne (daher der Name H.), Abstand der Sterne, die einen Doppelstern bilden, dient. Beim Frannhoferschen H. ist das Objectivglas des Fernrohrs durch einen gegen dasselbe senkrechten Schnitt in zwei Hälften getrennt, von denen eine jede sich in einer besonderen Fassung befindet, so daß sie sich neben einander verschieben lassen. Sind sie nun so eingestellt, daß ihre Mittelpunkte zusammenfallen, so decken sich ihre Bilder und sie bilden sozusagen nur ein Objectiv; durch Verschiebung des einen, welche mittels einer Mikrometerschraube bewirkt wird, kann man es aber dahin bringen, daß das Bild der einen Hälfte um 166 Heüopictvr — HeUothcrmomctLr. sine beliebige Größe von dem Bilde der anderen absteht. Aus der Größe der Verschiebung, die nöthig ist, bis das von der einen Halste entworfene Bild eines Punktes (z. B. Sterns) mit dem von der anderen Hälfte entworfenen Bilde eines zweiten Punktes sich deckt, berechnet man den Abstand der beiden Punkte. Vgl. Hansen, Ausführliche Methode, rwit dem Fraunhoferschen H. Beobachtungen anzustellen und zu berechnen, Gotha 1827. Specht. Heliostictor, photographische Onmsra obsoura, verbunden mit Gefäßen zur Präparation n. Entwickelung nasser Collodiumplatten. Heliostlastik (v. Gr.), photographische Darstellung von Reliefbildern. Sie beruht darauf, daß trockener, mit einem dichromsauren Salze im- prägnirter Leim nach der Lichteinwirkung nicht mehr mit Wasser anschwillt. Man überzieht eine Glasplatte mit einer Auflösung von Gelatine u. dichrom- fanrem Kali, läßt sie trocknen und setzt sie unter einem Negativ dem Lichte aus. Taucht man darauf die Platte in Wasser, so treten die nicht vom Licht getroffenen Stellen als Relief hervor, welches dann in Gips od. galvanoplastisch in Metall abgebildet werden kann. Erfinder dieser Methode ist Poitevin. Lies-gang. Heliopolis (Heliupolis, gr., Sonneustadt, a. Geogr.), 1) der griechische Name der Stadt Baalbek (s. d.); 2) (in der Bibel On, Anu, hieroglyph. ?a-Ln) Stadt in Unterägypten, östlich vom Nil, an dem Kanal, welcher den Nil nnt dem Arabischen Meerbusen verband, mit berühmtem Sonnentempel. Hier wurde auch der heilige Stier Mne- vis unterhalten u. hier war auch der Sitz der Sage von dem wunderbaren Vogel Phönix; die Priester am Sonnentempel standen im Rufe hoher Gelehrsamkeit, bes. der Geschichtskunde, u. vier von ihnen waren Mitglieder des Reichsgerichtshofes neben solchen von Theben u. Memphis. Die Stadt litt schon zur Zeit der Eroberung Ägyptens durch die Perser; spärliche Ruinen, die bedeutendste ein Obelisk, bei Matarieh. Helros (dem römischen Lol entsprechend), der Sonnengott, die tägliche u. jährliche Erscheinung der Sonne, die am Himmel auf- n. niedersteigt, der Sohn des Titanen Hyperion n. der Theia od. Euryphania, der Bruder der Selene u. Eos. H. badet sich u. seine geflügelten vier weißen Rosse (Pyroeis, Eoos, Äthon, Phlegon) am Morgen in dem strahlenden See der Äthiopen am Okeanvs im Osten u. erhebt sich dann in seinem Viergespann an dem ehernen Himmelsgewölbe. Nach And. befindet sich in der Gegend des Aufgangs die glänzende Sonnenburg, aus welcher H. jeden Morgen ausgeht. Hat er seine Bahn vollendet, so schläft er im Westen u. wird dann (nach späteren Dichtern) am Morgen in einem goldenen Becher od. einer goldenen Schale, die Hephästos gebildet hatte, durch den Okeanos nach dem östlichen Äa geführt, wo er seine Bahn von Neuem beginnt. H. ist «in mächtiger Gott, welcher alles sieht und Alles hört. Deshalb galt er für den Späher der Götter u. Menschen, der die Geheimnisse entdecken kann, n. wurde bei Eidschwüren angerufen, auch schwuren die Männer ihre Liebe bei ihm. Er verleiht Einsicht und Weisheit. Auf der Insel Thrinakia im Mittelmeere weiden seine heiligen Heerden, welche sich weder vermehren, noch vermindern, sieben Heerden Kühe u. eben so viele von Lämmern, gehütet von Phaelhusa u. Lampetia, seinen Töchtern von der Neära. Sage» von ihm sind: einst stritt er mit Poseidon um die Korinthische Landenge; Briareus, zum Schiedsrichter erwählt, sprach dem H. den Berg über Korinth, dein Poseidon den Isthmus zu; er verrieth dem Hephästos die heimliche Umarmung des Ares mit Aphrodite^ u. der Demeter den Räuber der Proserpina; die Überlassung des Sonnenwagens an seinen Sohn Phäethon. Schwer rächte er den Raub einiger Rinder, welche die Gefährten des Odysseus 'an seinen Heerden auf Thrinakia begingen, s. u. Odysseus. Beinamen sind: Hyperionrdes, Hy- perron, Titan (von seiner Abkunft), Akamas (der Unermüdliche), Pha'ethon oder Phlegethon (von dem glänzenden Licht), später wurde er mit Apollon identificirt, daher sein Beiname Phöbos. Der Hauptsitz seines Cultus war Rhodos, welche Insel er urspr. besessen haben soll. Er wurde meist auf Bergen u. am Meere verehrt, so bes. in Korinth u. in den korinthischen Colonien (z. B. in Apollonia), auf dem Taygetos, auf dem Vorgebirge Tänaron, wo er meist heilige Heerden hatte. Tempel hatte er außerdem noch in Argos, Trö- zene als Etentherios, Megalopolis n. Elis. Sein Hauptfest fiel in Rhodos in den Monat Gorpiäos (August), u. man opferte ihm hier jährlich einen vierspännigen Wagen, der ins Meer geworfen wurde; außerdem geweihte weiße Lämmer oder Eber. Heilig waren ihm Pferde, Wölfe, Hähne, Adler u. a. Abgebildet wird H. als Jüngling, bekleidet, mit Strahlen um das Haupt, auf seinem Viergespann fahrend. Thiel-mmm.» Helioskop (v. Gr., Sonnenbeschaner), 1) ein von Scheiuer erfundenes n. aus einem erhabenen Objectivglase und hohlem Augenglase mit dazwischen befindlichen farbigen Plangläsern zusammengesetztes Fernrohr zur Beobachtung der Sonne. Das H. ist übrigens durch das parallaktische Stativ u. die vervollkommneten achromatischen Fernröhre u. Sonuengläser verdrängt worden. Die Sonnenbeobachter bedienen sich jetzt vorzugsweise der helioskopischen Oculare. 2) Orientiruugs-Apparat für Photographen. ' O Specht. Heliostat (v. Gr., Sonnensteller), ein von s'Gravesande erfundenes u. von Biot, Fahrenheit, Gambey, Silbermann u. a. verbessertes Instrument, die Sonnenstrahlen nach jeder beliebigen Richtung zu lenken. Die Einrichtung des H. ist sehr complicirt. Sie besteht im Wesentlichen darin, daß ein durch ein zweckmäßig angebrachtes Uhrwerk in Bewegung gesetzter Spiegel so gedreht wird, daß trotz der scheinbaren Fortrückung der Sonne doch das von ihm reflectirte Licht in unveränderter Richtung nach einem bestimmten Punkte hingeworfen wird. Gonel hat ein H. angegeben, bei welchem das Uhrwerk ganz wegfällt. Specht. Heliothermometer (v. Gr.), Sonnenwärmemesser, ein zur Messung der Sonnenwärme dienendes Instrument. Saussure benutzte hierzu ein Thermometer mit geschwärzter Kugel in einem mit schlechten Wärmeleitern angesüllten Kasten, dessen 166 Heliotrop - offene Seite er durch eine od. mehrere durchsichfige Glasscheiben schloß n. sodann diese Vorrichtung so ausstcllte, daß die Sonnenstrahlen die Glasplatten senkrecht trafen. Herschel construirte ein von dem H. etwas abweichendes Instrument zu gleichem Zwecke u. nannte es Aktinometer. Specht. Heliotrop, Mineral, Varietät des Chalcedons, ist dunkellauchgrün mit blutrothen Punkten, undurchsichtig; findet sich in Turkestan, bei Orsk in Sibirien, in Böhmen, im Fassathal rc.; er wird als Schmuckstein angewendet. Heliotrop(griech.,Svnnenwender),Instrument, mit Hilse Lessen Sonnenlicht an einein Punkte aus- gefangen u. nach einem bestimmten anderen entfernten Punkte gelenkt wird. Das H. wurde etwa im Jahre 1820 von Gauß erfunden, u. zur Sig- nalisirnng bei der Hannoverschen Gradmessung angewendet. Zu solchen Signalisirungen wird das H. und zwar sowol das ursprüngliche Gaußsche als auch die später nach dem gleichen Grundgedanken constrnirten H. von Steinheil, Bertram u. A. seither fast ausschließlich angewcndet an Stelle der früher gebräuchlichen Signalgerüste od. der nächtlichen Signale mit künstlichem Licht. Der Hauptbcstandtheil jedes H. ist ein ebener Spiegel von etwa 1 äm Fläche, der beim Gebrauch so gestellt sein muß, daß ein von der Sonne aus ihn fallender Lichtstrahl nach dem entfernten Punkt reflectirt wird, welcher Licht erhalten soll. Die Einstellung eines H. braucht nicht sehr genau zu sein und kann ohne Fernrohr geschehen. Da die Sonne ihren Stand beständig ändert, kann ein einmal eingestelltes H. nicht ans längere Zeit, sondern höchstens 1—2 Minuten lang einem bestimmten entfernten Punkte Licht senden, man muß deshalb zur Bedienung eines H. einen Gehilfen haben, welcher während der ganzen Beobachtungs- zeil in kleinen Intervallen den Spiegel immer wieder neu einstellt. Die Lichtstärke des H. ist bei gleichbleibender Entfernung sehr veränderlich je nach der Stellung des Spiegels gegen die Sonne, der Tageszeit und dem Zustand der Atmosphäre. Da nun aber immer die Stärke eines zu Beobachtungen zu verwendenden H-lichtes nur innerhalb gewisser mäßiger Grenzen variiren darf, könnte man in vielen Fällen vom H-licht keinen Gebrauch machen, wenn nickt das H. selbst ein einfaches Mittel zur Telegraphie böte. Durch abwechselndes Auf- u. Zudecken des Lichtes lassen sich nämlich Signale geben und es hat stets der Beobachter, welcher H-licht benützen will, selbst ein H. zur Hand, um dem entfernten Gehilfen Signale über Lichtstärke u. Ähnliches zu geben. Auf 5—10 Irin Entfernung gibt ein mäßiger Spiegel ein starkes, das bloße Auge blendendes Licht, über die Wirkung des H-s auf weitere Entfernungen theilt Gauß folgendes mit: ans die Entfernung vom Lichtenberge nach dem Berge Hills — 40 km, od. 5,t deutsche Meilen, sah man das H. immer mit bloßem Auge. Unter bes. günstigen Umständen sah man es zwischen dem Brocken u. dem Hohenhagen auf eine Entfernung von 69 km oder 9,g deutsche Meilen noch mit bloßem Auge. Mit dem Fernrohr konnte man es zwischen dem Brocken u. dem Jnselsberge, — 106 km oder 14,r deutsche Meilen, namentlich gegen Abend noch sehr scharf — Heljcind. anvisiren. Es scheint, daß für jede noch so große freie Durchsicht, welche auf der Erde gewonnen werden kann, H-licht zum Signalifircn ausreicht. Im Laufe eines Tages zeigt fick das H-licht sehr verschieden. Einige Stunden vor u. nach Mittag erscheint dasselbe sehr groß, aber blaß u. verwaschen mit stark hüpfender Bewegung. Zuweilen verschwindet sogar alles Licht infolge der ungleichen Bewegungen der Luft. Nach u. nach nimmt die Helligkeit an Stärke zu, dagegen die Ausdehnung immer mehr ab, bis die Gestalt einer Scheibe sich bildet. Die hüpfende Bewegung geht in eine zitternde über u. wird gegen 4 od. 5 Uhr Abends sehr gering. Näher an den Abend hin wird die Lichtscheibe immer kleiner und ruhiger, u. einige Stunden vor Sonnenuntergang erscheint es als kleiner unbeweglicher Punkt, welcher erst mit Untergang der Sonne verschwindet. Man kann deswegen bei Triangulirungen nicht während des ganzen I Tages, sondern nur während einiger Nachmittag» n. Abendstunden nach H-licht beobachten. Jordan. Heliotropismns ist die Erscheinung, derzu- folge Pflanzentheile verschiedener Art, chlorophyll- führende u. chlorophylllose, sich dem Lichte zuwenden, ! was dadurch erklärt wird, daß die dem Lichte zn- gewendete Seite des Organs langsamer wächst, ^ als die dem Lichte abgewendete. Soweit jetzt die Versuche reichen, wirken die Strahlen hoher Brechbarkeit, die blauen, violetten u. ultravioletten, ver- j langsamend auf das Wachsthum. Engler. Uoliotropium L., Pflanzengattung aus der Familie der aksporikoliaesas (V. 1). Ein od. mehrjährige, rauhaarige Pflanzen mit gestielten ganz- randigen Blättern u. vielblüthigen Wickeln zu 2—3 an der Spitze der Äste; Kelch özähnig od. ötheilig; Blnmcnkrone stieltellerförmig mit Sspaltigem Saum n. kahlem od. behaartem Schlunde; Klausen (Theil- früchtchen) dreieckig-eiförmig. 8. suropasum L., hellgrün, mit eiförmig-elliptischen Blättern, weißen Blüthen u. kurzhaarigen Klausen, in Süddeutschland u. dem Mittelmeergebiet heimisch, als Zierpflanze cultivirt; das Kraut (8srba vsrruoarias 8. oanoii) war sonst officinell gegen krebsartige Geschwüre u. den Scorpionenstich, wurde auch als Zusatz zu ^ Niespulvern angewendet: 8. xornviarmm L. ' (fälschlich Vanillenkraut genannt), Bäumchen mit lichtblauen, ins Weiße spielenden, vanilleartig riechenden Blüthen; stammt aus Peru, blüht vom Juni bis August, ist durch Ableger zu vermehren u. leicht zu überwintern, als Zierpflanze für das Zimmer u. freie Land verbreitet. Engler. Heliotypie, so v. w. Lichtdruck, Albertotypie. Helix, s. Schnirkelschnecken. Heljand, altsächsische Form für Heiland. Nach einer im Wesentlichen glaubhaften Ueberliefer- ung ertheilte Ludwig der Fromme einem berühmten sächsischen (westfälischen?) Dichter den Auftrag, das Alte u. Nene Testament zur Erbauung des ganzen Volkes in deutsche Poesie zu übersetzen. Der Dichter bearbeitete eine Auswahl ans dem gesamm- ten Umfange der biblischen Erzählungen und gab einzelnen Partien eine allegorisirende Deutung. ! Höchst wahrscheinlich gehörte zu diesem Werke die alt- , sächsische, wesentlich aus mündliche Fortpflanzung, berechnete Darstellung des Lebens Jesu Christi,, für welche der erste Herausgeber I. A. Schmeller 167 Hell — I Len Namen H. entführte. Der Dichter muß, La e: die Evangelien, namentlich die sog. Evangelienharmonie des Tatianus in der lateinischen Übersetzung des Bischofs Victor von Capua zn Grunde legre u. nebenbei Commentare der Kirchenväter, namentlich des Hrabanus Maurus, Beda u. Al- cuinus, benutzte, entweder selbst ein Geistlicher gewesen sein od. von einem Geistlichen seinen Stoff empfangen haben. Die Erbauung steht hier so entschieden im Vordergründe, u. der Glaube hält so ernst u. pietätsvoll jeden Zug der heiligen Überlieserung fest, daß in der Erzählung des Lebens Jesu eine eigentliche schöpferische Thätigkeit des Dichtergcistes keinen Spielraum findet. Der ästhetische Maßstab kann deswegen nur an die Sprache, an die Darstellung oder eigentlich an die Nach- cmpfindung, an die kindliche Abspiegelung des Gegebenen in der Dichterseele u. an das allgemeine Colorit gelegt, werden, u. in diesen Beziehungen strahlt das Werk als eine Perle echter unvergänglicher Poesie. Die Haltung ist eine vorherrschend epische; an einzelnen Stellen bricht weniger die Lyrik als die Beredtsamkeit hervor; aber durch den gedrängten, anspruchslosen, den Schmuck zurückhaltenden, wenn auch nicht überall verbergenden Gang der Volkserzählung athmet eine nie ermattende Wärme, die man gar wol als eine große Lyrik bezeichnen darf. Ausgaben von Schmeller, Münch. 1830 (2 Bde. Olososrium 1840); I. R. Köne, Münster 1855, und M. Heyne, Paderborn 1867. Übersetzungen von G. Rapp, Stuttg. 1856; K. Simrock, Elberfeld 1856 (2.Aufl. 1866) u. Grein, Rinteln 1854 (2. Bearbeitung, Cassel 1869). Vgl. Vilmar, Die deutschen Alterthümer im H., 2. A., Marb. 1862; Windisch, DerH. und seine Quellen, Lpz. 1868; Grein, Die Quellen des H., Kassel 1869; Sievers, Der H. u. die angelsächs. Genesis, Halle 1875. Zimm-rm-mn. HrU, 1)Max., Astronom, geb. 1720 zu Schem- nitz in Ungarn, wurde 1738 Jesuit, studirte später in Wien Philosophie, beschäftigte sich jedoch auch mit mechanischen u. astronomischen Arbeiten, wurde alsdann Gehilfe an der damaligen Jesuitenstern- warte in Wien, war 1752—54 in Nensohl, Tyr- nau u. Klausenbnrg, an letzterem Orte Lehrer der Mathematik, wurde 1755 Vorsteher der neuerrichteten Sternwarte der Wiener Üniversität u. Lehrer der populären Mechanik, unternahm 1768 im Aufträge des Königs Christian VII. von Dänemark mit Pater Sainovics eine Reise nach Wardöhus in Lappland, um daselbst 3. Juni 1769 den Durchgang der Venus durch die Sonnenscheibe zn beobachten, sammelte dabei wichtige Notizen über Sprache, Sitten, Religion, Beschäftigung n. Künste der Lappen. Auf seinen Antrag wurde 1786 das große u. kleine Herschelsche Teleskop als Sternbild von Bode an den Himmel versetzt. H. starb 1792 in Wien. Er gab verschiedene astronomische Werke heraus u. seine Reise nach Wardöhus veröffentlichte K. L. Littrow, Wien 1835. 2) Theodor, Pseudonym für K. G. Th. Winkler. Specht.' Helläda (od.Alamana, der Sperchcios der Alten), Fluß in Griechenland, entspringt aus dein Veluchi (Typhrestos), durchfließt die das thessal. Grenzgebirge u. den Ota trennende Thalsenkung u. fällt unter- haw derThermopylen in denMeerbusenvonZeituni. skIlLllOI'HS. Helladios, ans Alexandria, nach dem Anfang des 4. Jahrh. n. Ehr.; er schr. ein griech. Wörterbuch oder eine Chrestomathie, aus welcher Photius Auszüge gibt, heransgeg. von Meursins, Utr. 1686. Heüamkos, 1)H.Lesbios, griech.Logograph aus Mitylene, geb. 496 v. Chr.; er lebte zum Theil in Makedonien n. st. 411 v. Chr. zn Per- perena, einer asiatischen Stadt, Lesbos gegenüber; er behandelte in zahlreichen genealogischen, chorographischen u. chronologischen Schriften als ein guter Compilator die Geschichte des Auslandes u. der hellenischen Stämme und Staaten, besonders der ältesten Zeit, Fragmente, heransgeg. von Sturz, Leipz. 1787, 2. Ausg. 1826, u. in Müllers IrsZ- msuts küsboriosrum Zrs.se, I., S. 45—69. 2) H., Zeitgenosse des Aristarchos, einer der Kritiker (Chorizonten) über Homer. Hertzberg. Hellanodtkai (gr. Ant.), Kampfrichter bei den Olympischen Spielen, s. d. Hellas (a. Geogr.), 1) ursprünglich Stadt in Phthiotis in Thessalien, welche znm Gebiet des Achilles gehörte u. von Hellen gegründet sein sollte; 2) später der Name für ganz Griechenland, soweit Hellenen wohnten, s. Griechenland (Geogr. II.). Hellbrunn, s. u. Salzburg. Helldunkel, so v. w. Olair-obsour. Helle (gr. Mythologie), Tochter des Athamas, Schwester des Phrixos, mit welchem sie vor den Nachstellungen ihrer Stiefmutter Ino floh; auf einem goldvließigen Widder mit ihm von Nephele entführt, fiel sie, über den Hellespont schwimmend, von diesem herab, ertrank u. gab dieser Meerenge den Namen. Hellcbarte (Hellebarde), mittelalterliche Hieb- n. Stoßwaffe, deren oberer metallener Theil aus einer zweischneidigen Lanzcnspitze, einem Beil u. einem Haken bestand u. an einer hölzernen Stange befestigt war. Die mit der H. bewaffneten Soldaten hießen Hellebartirer. Helleborein, aus der Wurzel von Uslisborus uiZsr erhalten. Farblose mikroskopische Nadeln. In Wasser löslich. Spaltet sich beim Kochen mit Säuren in Zucker und Helle- boretin, In der Wurzel von Ilolls- borus viriäio ist das in siedendem Alkohol lösliche Helleborin, Dieses wird durch verdünnte Säuren in Zucker und Helleboresin OsoIIg»Oi gespalten. Beide Glycoside wirken narkotisch. Broglie. llelloborus I-., Pflanzengattung aus der Familie der RanunLulLeöss-IIsllsbursas (XIII. 3). Mehrjährige Kräuter mit Hand- oder sußförmig gelappten oder eingcschnittenen Blättern u. großen, weißen, grünen od. dunkelrothen Blüthen, Kelch blumenblattartig, 5blätterig, bleibend, Corollenblät- ter kleiner als die Kelchblätter, nektarienförmig, mit Nagel u. rühriger zweilippiger Platte. Balgfrüchte sehr groß, lederartig od. pergamentartig. Arten in Europa und dem westl. Asien. H. uiZor I-. (Christblume, Schwarze Nieswurz), mit weißen, im ersten Frühjahr, oft schon um Weihnachten, auch wol noch im Herbst sich entwickelnden Blumen, deutsche u. südeuropäische Gebirgs- u. Alpenpflanze, auch in Gärten, sowie die beiden folgenden, als Zierpflanze cultivirt. Mutterpflanze der offici- nellen schwarzen Nieswurz (kaäir Rellsbori ui- 168 Hellcgat gri s. Zlelnwpockü), mit der häufig die Wurzeln anderer Arten, so wie auch von Adonis vsrnalis u. ^.skrantin msjor verwechselt werden. H. viridis L., mit doppelt scharf gesägten Blattern u. schwach riechender, grasgrüner Bliithe, in Mitteleuropa; kl. ockorus IV. L, der vorigen ähnlich; aber mit grünen, stark riechenden Blüthen u. nicht zurückgekrümmten Blättchen der sußförmigen Wurzelblätter, in SDeutschland; kl. orisndalis (8. slüoinalis Lalrsb., wahre Nieswurz), in Griechenland heimisch, größer als die vorige, mit großen, grünlichrothen od. rothbraunen Blumen, für den wahren klslkoborns des Hippokraies gehalten; 8. t'ostickns L., in Deutschland und dem gemäßigten Europa heimisch, von widerlichem Geruch; Stengel vielblüthig, beblättert, die unteren fußförmig, mit 7—9 Blättchen, die oberen dreilappig, Deckblätter oval, Blüthen grasgrün, mit schmalem Pnrpurrande, sonst vfstcinell; giftig. Engler. Hellegat (Schiffsw.), früher Hel (Hölle), auch Vorpiek genannt; bei kleinen Schiffen der vordere Raum unter Deck, in welchem Taue, Segelwerk und dergl. ausbewahrt werden; bei größeren, bes. Kriegsschiffen, das vordere Deck unterhalb des Zwischendecks, welches die Kammern für Segel, Tauwerk, Taljen, Materialienvorräthe, Karben, sowie Kabel- n. Trossenrollen, aber gleichzeitig Kammern für die betr. Unteroffiziere (Bootsmann, Zimmermann, Maler rc.) enthält. -M. Hellen, Sohn des Denkalion u. der Pyrrha, von der Nymphe Orse'is Vater von Doros, Tuthos n. Äolos u. durch diese der mythische Stammvater der Hellenen. Hellenen, so v. w. Griechen, s. u. Griechenland. Hekemka, ein griechisches Geschichtswerk von Lenophon (s. d.) Hellenisch, so v. w. Griechisch. Hellenische Sprache und Hellenistische Sprache (Hellenistisches Idiom), s. u. Griechische Sprache. Hellenisten, eigentlichu. überhaupt die griechisch redenden Ausländer, bezeichnet vorzugsweise die griechisch redenden Juden, Hellenismus, ihre Art u. Sprache. Letztere hatte sich aus der seit Alexander d. Gr. entstandenen ckältxxrov hervorgebildet. Ihre Gestaltung unter dem Einfluß der alttestamentlichen religiösen Anschauungen und Ausdrücke hat sich besonders in der Bibelübersetzung der I-XX. und im Griechischen des N. T. ausgeprägt. Vgl. Winer, Grammatik des neutestamentlichen Sprachidioms, 7. Ausg. von Lünemann, Lpz. 1867; Cremer, Biblisch-theologisches Wörterbuch der neutestamentlichen Gräcitäl, 2. Ausl., Gotha 1872. Löffler. Hellenotannai (gr. Ant.), die von Athen eingesetzten Schatzmeister, welche seit 475 v. Ehr. die Bundeskasse der griechischen Staaten zur Kriegsführung gegen Persien, zuerst aus Delos, später in Athen, verwalteten. Heller (Haller), 1) deutsche Scheidemünze, kam um 1228 zu Hall in Schwaben auf und erhielt von dieser Stadt den Namen. Anfangs waren die H. Silbermünzen u. hatten mit dem Pfennig einerlei Werth; sie wurden gemeiniglich gewogen, bald sehr verschlechtert gingen 1430 2 H ans — Heller. den Pfennig; endlich hörten sie auf, Silbermünzen zu sein, wurden zu sogen, schwarzen oder rothen H-n, u. da der Pfennig immer tiefer sank, so sanken sie mit u. zwar blieb in den meisten Gegenden der H. — Pf. Ursprüngliches Gepräge: Kreuz u. Hand. 2) Früher in Knrhessen der 12. Theil eines Silbergroschens, also genau dem preuß. Pfennig entsprechend. Heller, 1) Jomtob Lippmann, Erklärer der Mischna, geb. in Wallerstein 1579, gest. in Krakan 1654, erhielt seine rabbinischs Ausbildung in Prag, widmete sich auch dem Studium der Mathematik n. insbesondere der Geometrie, ward 1625 als Rabbiner von den Gemeinden Nikolsburg und Wien berufen, zog Wien vor n. wirkte daselbst höchst wohlthätig; im Jahre 1627 nach Prag berufen, ward er wegen seiner Geradheit bei Vertheilung von Kriegscontributionen bei Kaiser Ferdinand II. verläumdet n. nach langem Gefängniß aus nichtigen Gründen zu einer Geldstrafe von 12,000 Thalern verurtheilt, seines Amtes entsetzt; er nahm dann 1631 ein Rabbi- nat in einer Gemeinde Polens, zuletzt in Krakau an. Aber auch dort ward er denuncirt, weil er gegen die dort übliche Käuflichkeit der Rabbinats- stellen eiferte. Außer seinem bekannten Mischna- Conimentar (Ibssapbobli llomtod) u. a. schrieb er eine Selbstbiographie unter dem Titel: Lls- KÜIabb Loda. 2) Joseph, Kunstschriftsteller, geb. 22. Sept. 1798 in Bamberg, widmete sich anfangs dem Kanfmannsstande, später hauptsächlich der Kunstgeschichte u. st. daselbst 17. Juni 1849; er schr.: lieber das Leben und die Werke Lucas Cranachs, Bamb. 1821; Geschichte der Holzschneidekunst, cbd. 1823; Handbuch für Kupferstichsammler, ebd. 1824, 3 Bde., 2. Ausl., Leipz. 1850; Das Leben u. die Werke Albrecht Dürers, ebd. 1826—31 (nur der 2. Bd.); Monogrammen- Lexikon, ebd. 1830 f.; Die bambergischen Münzen, ebd. 1839; Anleitung zur schnellen Aneignung der Geschäftsformen, Prag 1839; und gab Winckelmanns Malerlexikon, 1842 ff., neu heraus. Ferner: Die gräflich Schönbornische Gemäldesammlung (1845); endlich Zusätze zu Brrtschs ksintrs Aiavsur (1854). 3) Wilhelm Robert, Romanschriftsteller, geboren nach seinem Selbstbericht 24. November 1812 in Groß-Dreb- nitz bei Stolpen, stndirte 1832—1835 in Leipzig die Rechte, wurde dann Accessist beim Criminal- gericht in Leipzig, entsagte dieser Laufbahn und widmete sich der Schriftstellerei, als sein erster novellistischer Versuch: Die Eroberung von Jerusalem, Beifall gefunden hatte. Er gründete die Zeitschrift: Rosen, die er bis 1847 herausgab; machte 1839 eine Reise nach Italien, übernahm im Sept. 1849 die Redaction der Deutschen Zeitung in Frankfurt, trat im Juli 1850 davon zurück und wandte sich nach Berlin; 1851 übernahm er das Feuilleton zu den Hamburger Nachrichten bis zu seinem 7. Mai 1871 erfolgten Tode. Er schr.: Bruchstück aus den Papieren eines wandernden Schneidergesellen, Lpz. 1836; Der Wende, Lpz. 1887; Novellen, Dresd. 1837—40, 3 Bde.; Alhambra (spanische Novellen), Altenb. 1838, 2 Bde.; Der Schleichhändler, ebd. 1838, 2 Bde.; Eine Sommerrsiie Leipz. 1840; Novellen auS 169 § i Hellcspont dem Süden, Menb. 1341—43, 3 Bde.; Eine neue Welt, ebd. 1343, 2 Bde.; Der Prinz von Oranien (hist. Roman), Lpz. 1843; Das schwarze Brett (Roman), 1844; Das Erdbeben von Caracas, 2 Aust. 1846, 2 Bde.; Die Kaiserlichen in Sachsen (Roman), 1345; Sieben Winterabende (Novellen), 1846, 2 Bde.; Florian Geyer (Roman), 1848, 3 Bde.; Brustbilder aus der Paulskirche, 1849; Der Reichspostreiter in Ludwigsburg, Franks. 1857; Ausgewählte Erzählungen, Leipz. 1857—62; Das Geheimniß der Mutter, ebd. 1859; Hohe Freunde, ebd. 1861; Posen- schrapers Thilde, Roman aus Hamburgs Vergangenheit, ebend. 1863; Primadonna (Roman), Verl. 1871. Außer den Rosen gab er auch das Taschenbuch: Die Perlen, 1842—51, 6 Jahrg., heraus. Nachgelassene Erzählungen, mit Vorwort von H. Laube, 5 Bde., Brem. 1874. 4) Karl Bartholomäus, Naturhistoriker, geb. 1824 in Mißliborzitz (Mähren), ging 1845 im Nustrag der Wiener Gartenbaugesellschast nach Bera-Cruz, Puebla, Mejico, Jucatan, Tabasco u. Chiapas und kehrte 1848 über Havanna, NAmerika und Frankreich mit reichen naturhistorischen Sammlungen nach Wien zurück; 1851 wurde er Lehrer der Naturgeschichte in Gratz. Er schrieb: Reiseberichte aus Mejico, Wien ^1846; Briefliche Mit- Heilungen über Tabasco u. Chiapas, ebd. 1848; Beiträge zur näheren Kenntniß Mittelamerikas, Gratz 1853; Reisen in Mejico, Lpz. 1853; Das dioptrische Mikroskop, Wien 1856. 5) Stephan, Pianist u. Klaviercomponist, geb. 15. Mai 1815 zu Pest; sollte Kaufmann werden, sein Talent zur Musik brach sich aber so sehr Bahn, daß ihn sein Vater zu seiner Ausbildung nach Wien zu Aut. Halm gehen ließ. H. gab Concerte in Wien, Pest u. machte eine Kunstreise nach Oberungarn u. Deutschland. Nach mehrjährigem, förderndem Aufenthalte in Augsburg, begab er sich nach Paris, mußte daselbst viel Noth und Anfechtung erleiden, compouirte aber fleißig, gab Klavierunterricht, schrieb musikalische Kritiken und errang sich endlich einen der geachtetsten Namen in der Pariser Kunstwelt. Seine vielen Compositionen, worunter Sonaten, Etüden, Impromptus rc., zeichnen sich durch geistvolle Charakteristik, Eleganz und edle Kunstgesinnung aus. 1) Fürst. 2 > Regnet.* 3) 4) Beyer.* 5) Siebenrock. Hellcspont (a. Geogr.), die Meerenge, welche den Thrakischen Chersones von Asien trennt und das Ägäische Meer mit der Propontis verbindet; jetzt die Straße der Dardanellen (Näheres s. d.) Sie erhielt den Namen von Helle (s. d.). Hcllevoetslttis, Stadt und Festung im Gerichtsbezirke Brielle der niederländischen Provinz Südholland, auf einer Insel in der Maasmündung, am Haringvliet u. am Kanal von Voorne; Hafen, sichere Rhede, schöne, eiserne Drehbrücke, Reichsseemagazine, Schiffswerfte, 2 große Docks, Artilleriemagazin, Kaserne, Lagerhäuser; Überfahrt nach Harwich in England; (1869) 4324 Ew. In H. schiffte sich Wilhelm von Oranien mit 14,000 Mann ein, als er 1688 zur Besitzergreifung des englischen Thrones abzog. 1795 besetzten Franzosen, im Dec. 1813 Engländer die Festung. Hellgate, s. n. New-Iork. — Helling. Hcllin, Stadt in der span. Prov. Albaceta (Murcia), am Mundo; prächtige Kirche; 7632 E. In der blähe königl. Schwefelminen u. Schwefelquellen (-j- 20 " ü.), die zu Bädern benutzt werven. Helling (Schiffsb.), eine künstlich von Holz od. Stein hergestellte, geneigte Ebene, auf welcher Schiffe gebaut, zu Wasser gelassen u. auch vielfach zur Reparatur wieder aufgeschleppt werben. Die Construccion ist selbstverständlich nach Boden u. Material verschieden; an den deutschen Küsten llberwiegen die hölzernen durch Pfahlroste oder auch durch bloße Horizontalrostwerke gebildeten H-e; nur die Marinewerften haben gemauerte H-e, die aber auch erst wieder auf Pfahlrost fundirt sind. Je nach >der Schwere der zu bauenden Schiffe wird die Zahl der längsschiffs angeordneten Pfahlreihen (4—12) oder der einzelnen Lagen des Rostwerks ( 1 —5) größer od. geringer bemessen; die oberste Lage des Nostwerkes bei hölzernen H-en bilden immer Qnerschwellen, auf welche die Stapelklötze und später die Schmier- planksn direct befestigt werden, od. die erst noch mit Brettern zu einer glatten Fläche zugedeckt werden. Der Raum zwischen den einzelnen Lagen des Rostwerkes wird, soweit innerhalb od. unterhalb der Terrainhöhe, mit fester Erde od. Lehm zugestampft. Gemauerte H-e erhalten in den Abständen, in welchen Stapelklötze angebracht werden sollen ( 1 , 5—2 in), parallelopipedische Vertiefungen zur Aufnahme hölzerner Querbalken, auf welche dann die Stapclklötze :c. mitDubelu u.Bolzen befestigt werden. — Die Neigung oder der Falt der H. kann zur Horizontalprojection der Länge das Berhältniß 1:6 bis 1:19 haben; sie ist um so größer, je leichter die Schiffe, und um so geringer, je schwerer die Schiffe sind, welche im Durchschnitt auf der H. gebaut werden sollen; muß auf einer H. mit geringem Fall ein leichtes Schiff aufgetzt werden, so stellt man es auf hohe Stapelklötze, damit die Ablaufsneignng derSchmier- planken eine größere werden kann, convergirend mit der H-sneigung nach dem H-skopf zu, dem unter Wasser befindlichen Ende der H. — Die H. zerfällt im Allgemeinen in die Land-H. (vom inneren Landende bis zum Wasserspiegel), die Vor-H. (die H-slänge unter dem Wasser bis zum Abschluß der H-e durch Pontons oder dgl.) und die Außen-H. (die Verlängerung der H-s- ebene unter Wasser noch über das Ponton hinaus). Wo ein Abschluß durch Ponton nicht noth- wendig, fallen Vor- u. Anßen-H. zusammen; sie schrumpfen auf Privatwerften oft zu kürzen Flächen ein. Derjenige Theil der H., welcher nicht vom Wasser befreit werden kann, muß leicht hinznlegende n. wieder herauszunehmende Senkstücke, Mundstücke (Verlängerung des Ablaufstapels mit Schmierpfannen rc.) erhalten, welche jedesmal kurz vor dem Ablauf u. den Verhältnissen desselben entsprechend aufgebracht werden. — Sehr verschieden ist der Tiefgang, bis zu welchem die H. unter Wasser hinuntergeht; bei Kriegsschiffs-H-en nimmt man im Allgemeinen die Tiefe des H-s- kopfes unter Wasser, wenn hinter ihm tiefes Wasser, gleich der Summe des vorderen Tiefgangs des abgelaufenen Schiffes (T) u. der Höhe der Stapelung (ll) (die Schiffe stehen auf der H. 170 Hcllmesbcrger überwiegend mit dem Hintersteven nach dem Wasser zu); ist dagegen das ^Wasser flach , so wird statt des vorderen der mittlere Tiefgang genommen Nach einfacher trigonometrischer Betrachtung ist die Länge einer geraden H. unter dem Wasser gleich -i- k). ^ 2 ^ wo s- der Neigungswinkel; sie beträgt sonnt für eine Neigung von 1:14, für I —4°> u.ll —1,-," bereits 77,2 eine Länge, welche höchst kostspielige Wasserbauten, Abschluß der H. durch Ponton und dergl. mehr verlangt. Um diese Länge noch mehr zu verringern, gibt man der Außen-H. größeren Fall od. legt die ganze H. nach einem flachen Kreisbogen an, der seinen Scheitel auf dem Landende hat. Das letztere findet aber verhältnißmäßig selten Anwendung, da es alle Arbeiten auf der H. wesentlich complicirt. — Für den Ban ist die freie, lustige Stellung des Schiffes wesentlich, daher sind die H-e an flachen Ufern, wo die Land- H. wenig od. gar nicht ins Erdreich einschneidet, die besten. Mitunter convergiren die H-e nach einem gemeinschaftlichen Wasserbassin, wo die von der H. heruntergeschobenen Schiffe durch ein Schwimmdock ausgenommen werden, welches sie darauf ins Wasser senkt (s. u. Dock 2). Es gibt ferner H-e, welche die daraus stehenden Schiffe durch Wände u. Dach ganz gegen die Unbilden der Witterung schützen; wieder andere, welche nur bedacht sind; die Mehrzahl ist ganz frei, weil sie für den Bau die wenigsten Hindernisse bieten, allerdings haben sie in Bezug auf das Austrocknen des Holzes u. guten Anstrich manche Nachtheile. Endlich sei hier noch erwähnt, daß man auch H-e baut, auf welchen die Schiffe parallel zum Wasser stehen (Quer-H.) u. von denen sie auch der Quere nach zu Wasser gelassen werden, z. B. in Bremen. Das größte Schiff der Welt, der Great Eastern, ist u. A. auch auf diese Weise vom Stapel gegangen. Fest. Hcllmesbcrger, Joseph, Violiuvirtuos, geb. S. Nov. 1829 in Wien, erhielt von seinem Vater, dem ehemaligen Conservatoriumsprosessor u. Direktor am Hosoperntheater die vorzüglichste musikalische Ausbildung, machte 1847 mit seinem älteren Bruder Georg eine Kunstreise durch Deutschland; wurde 1850 Professor des Violinspiels u. Director des Wiener Conservatoriums, 1860 Con- certmeister am Hofoperntheater und 1865 erster Violinist der kaiserl. Hoskapelle; dirigirte das Con- servatoriumsorchester und führt seit Jahren die artistische Leitung der Concerte der Gesellschaft der Musikfreunde. H. hat sich viele Verdienste um das Musikleben Wiens erworben; berühmt sind namentlich die seit 1849 eingesührten H-schen Quartettconcerte; auch verschaffte ihm seine ausgezeichnete Thätigkeit als Lehrer des Violinspiels wohlverdienten Ruf. Siebenrock. Hellsehen, Hellseherei, s. Somnambulismus. Hellvig, Amalie von H., geb. Freiin von Jmhof, Schriftellerin, geb. 16. Aug. 1776 in Weimar, machte schon in jüngeren Jahren ausgedehnte Reisen, lernte in Weimar Französisch, Englisch u. auch griechisch. Goethe lehrte sie den Bau des Hexameters, in welchem Versmaß sie ihr — Hcllwald. > bestes Gedicht schrieb: Die Schwestern von Lesbos, Heidelberg 1801. Sie wurde 1801 Weimarsche Hofdame und verheirathete sich 1803 mit dem schwedischen Obersten, nachmaligen preußischen Generallieutenant Karl Gottfried von H., folgte ihm nach Schweden, kehrte jedoch bereits 1810 zurück, hielt sich an mehreren Orten auf, u. A. 1816 in Rom, wohin sie den schwedischen Lyriker Atterboom mitnahm, und st. 17. Decbr. 1831 in Berlin; sie schrieb: Die Schwestern von Corcyra, Leipz. 1812; Die Tageszeiten, ebd. 1812; Die Sagen am Wolfsbrunnen, Heidelb. 1821; Helene von Tournon, Berl. 1824 u. a. m.; übersetzte ^ Tegner Frithjofssage, Stuttg. 1826, neue Ausl, ebd. 1832. Mit Karoline de la Motte-Fouque gab sie heraus: Taschenbuch der Sagen und Legenden, Berl. 1812 u. 1813. Sie war auch geschickte Malerin. Beyer. Hellwag, Konrad Wilhelm, Ingenieur, geb. zu Eutin 18. Sept. 1827, bildete sich erstlich an der Universität Kiel u. von 1851 an, nachdem er den Krieg Schleswig-Holsteins gegen Dänemark mitgemacht, am Münchener Polytechnikum, erhielt 1853 bei der Schweizer Centralbahn Beschäftigung, ging 1857 zur Franz-Joses-Orientbahn über, 'ward dann stellvertretender Bauleiter der Brennerbahn, nachdem er zuvor noch an der Umlegung der Linie Wien-Triest beschäftigt gewesen, ward 1868 ^ Baudirector der österr. Nordwestbahn, an welcher er alle großen Hoch- n. Kunstbauten aufführte, u. ist seit 1875 Oberingenieur der Gotthardbahn. Von seinen zahlreichen Facheditionen sind die Normalien am bekanntesten. Regnet. Hcllwald, 1) Friedrich Anton Heller v., Culturhistoriker u. geograph. Schriftsteller, geb. 29. März 1842 in Padua, Sohn des bekannten österr. Militärschriftstellers u. Feldmarschalllieute- ! nauts Friedrich v. H. (gest. 1864), trat 30. März 1858 in die österreich. Armee ein, wurde 1859 Lieutenant, 1863 Oberlieutenant, machte 1866 Len Feldzug gegen Preußen mit,„fand dann in der Redaction der Streffleurschen Österr. Militärischen Zeitschrift, von Ende 1869 im Präsidialbureau des Reichskriegsministeriums in Wien Verwendung u. übernahm seit 1. Jan. 1872 die Redaction des Ausland, damals in Augsburg, seit j 1873 in Stuttgart; H. nahm dann seinen Wohn- ) sitz in Kannstatt. Wichtigste Schriften: Maximilian I., Kaiser von Mejico, nebst einem Abrisse der Gesch. des Kaiserreiches, Wien 1869, 2 Bde.; Die Russen in Centralasten, Augsb. 1873; Cen- i tralasien, Landschaften und Völker in Kaschgar, Turkestan, Kaschmir u. Tibet, Lpz. 1875; Cultur- geschichte in ihrer natürlichen Entwickelung bis zur Gegenwart, Augsb. 1875, 2. Ausl. 1876, 2 Bde.; ^ Hinterindische Länder und Völker, Reisen in den Flußgebieten desJrawaddy u. Mekhong,in Annam, Kambodscha u. Siam, Lpz. 1876; Die Erde und ihre Völker, Stuttg. 1876—1877, 2 Bde.; Der Islam, Türken u. Slaven, Augsb. 1877. 2 ) Ferdinand v., hervorragend durch seine Studien in der niederländischen Literatur, Secretär des Groß- mcisterthums des souveränen Malteserordens in Rom, Bruder des Vor.; geb. 22. Septbr. 1843 in Wien, genoß er nur Privatunterricht, war von 1862—1873 an der kaiserl. Hofbibliothek zu Wien,. 171 » Hellwcg - 1 zuerst als Collaborator, vom Jahr 18K9 an als I Amanuensis; erhielt aber Januar 1874 oben er» > wähnte Sccretariatsstclle. Auf dem Gebiet der I nordgerinanischen u. skandinavischen Sprachen u. I Literaturen, speciell der niederländischen, thätig, D wirkt er nicht nur für deren Verbreitung in Deutschland, sowol in Zeitschriften wie durch selbständige Publikationen, sondern auch für die Erweiterung j der Kcnntniß jener Literatur selber, insbesondere j der mittelniederländischen, durch Erschließung neuer x Quellen. Sowol in holländ. Vereinspublicationen s wie in deutschen Fachzeitschriften veröffentlichte er 2 verschiedene noch gänzlich unbekannte Denkmäler ) der älteren niederländischen Literatur. Seinen eigentlichen Ruf in Holland begründete er jedoch durch die Entdeckung (1869) des bis dahin vermißten zweiten Theils von Jacob van Maerlants Geschichts-Spiegels aus dem 13. Jahrh. (beiläufig 33,900 Verse umfassend), dessen Publication durch die Nieder!. Literatur-Gesellschaft zu Leyden (deren Mitglied H. ist) bis zur Stunde noch nicht vollendet ist. Durch Herausgabe des Tagebuchs des Haarlemer Malers Adrian Matham berichtigte H. einen Jrrthnm in der holländ. Kunstgeschichte, dann aber beleuchtete er durch seine Geschichte des holländ. Theaters eine bisher noch völlig unbeachtete Seite des nieder!. Geisteslebens. Umfangreichere Schriften: ci'Xärisn Llatüam au Uaroo, 1640—41, publis pour 1s, Premiers kois, La Raz's 1866; Die holländ. n. die französische Phädra, eine literarhistorische Studie, Wien 1867; Vlämisches Leben, Geschichten und Bilder, Wien 1868; Jacob van Maerlants LxisglrölHisioriasI, Leyden1871—76,Lfg.1—5; Geschichtedesholländ. Theaters, Rotterdam 1874. i) Schroot. Hellweg, fruchtbare Ebene im preuß. Negbez. Arnsberg, erstreckt sich nördlich bis zur Lippe u. wird im S. durch den Haarstrang nebst dem Ardey von dem Sauerlaude geschieden; einen Theil derselben bildet die Soester Börde. Hellwig, s. Hellvig. Helm, 1) militärische Kopfbedeckung, die zu- ! gleich als Schutzwaffe dienen soll. Im Alterthum bestanden die Helme aus Thierfellen, Leder oder Erz, letztere wurden durch Riemen oder Seitenblätter am Halse befestigt u. waren oben mit verschiedenen Verzierungen versehen. Im Mittelalter hatte das Fußvolk die sog. Sturm- oder Pickelhaube, während die Ritter Helme trugen, die entweder offen oder mit einem durchbrochenen auf- u. niederklappbaren Visir versehen waren. Theil- - weise waren auch ganz geschlossene Helme, die nur kleine zum Dnrchsehen bestimmte Löcher hatten, im Gebrauch. Diese schweren Kopfbedeckungen wurden allmählich durch den leichteren Filzhut verdrängt, der zur Zeit des siebenjährigen Krieges fast allgemein verbreitet ist. Erft zu Anfang des ' 19. Jahrh. wird der H. für die schwere Cavalerie ' wieder eingeführt. Seit 1843 ist für den größten Theil der preuß. Armee der lederne mit Metall- i beschlag versehene H. angenommen u. nach u. nach s auch auf die übrigen Contingente des deutschen ) Heeres übergegangen. In Rußland war vorüber- ( gehend der H. im Gebrauch, ist aber jetzt wieder aufgegeben (s. u. Kopfbedeckung). Inder Heraldik i bildet der H. das Hauptnebenstück des Wappens — Helme. über dem Schild u. ist entweder einfach oder gekrönt, geschlossen oder offen, mit dem Bruststücke bald nach vorwärts, bald seitwärts auf dem Schilde stehend; ihn zieren H-decke n. H-kleinodien. 2) (Schiffsw.) ursprünglich, wie auch im Englischen, dem es entstammt, die ganze Steuervorrichtung, bestehend aus Steuerruder, Ruderpinne n. Handgriff bez. Steuerrad (auf größeren Schiffen); dis Ruderpinne hieß dann auch wol H-stock. Da indessen die Commandos bis jetzt noch immer fälschlich in Bezug aus eine nach vorn gerichtete Ruderpinne, statt auf die des Steuerruders selbst gegeben werden, Mo H-backbord, H-mittschiffs rc., so hat sich die Bedeutung von H. allmählich auf die Ruderpinne conceutrirt. i> z- 2 ) Fest. Helmarshansen, Stadt im Kreise Hofgeismar des preuß. Regbez. Kassel, an der Diemel, Station der Bergisch-Märkischcn Eisenbahn (hessische Rordbahn); Schloß, ehemaliges Kloster (jetzt Schulgebäude), Leinenweberei, Eisenschmieden (Sensen, Äxte, Messer), Steinbrüche, Steinplattcuschleiferei; 1875: 1412 Ew. In der Nähe die Burgruine Kruckenbcrg. Helmüold, Ludwig, lutherischer Liederdichter, geb. 13. Jan. 1532 in Mühlhausen in Thüringen, studirte seit 1547 in Leipzig und Erfurt, wurde 1550 Schulvorsteher in Mühlhausen, studirte aber seit 1552 wieder in Erfurt, wurde 1562 Con- rector des unter seiner Mitwirkung entstandenen Pädagogiums daselbst, 1565 Decan der philosophischen Facnltät an der dortigen Universität u. 1566 vom Kaiser Maximilian II. auf dem Reichstage zu Augsburg zum Dichter gekrönt. Durch die überhandnehmende Macht der katholischen Partei gezwungen, gab er 1570 seine Stellung in Erfurt auf u. kehrte in seine Vaterstadt zurück, wo er im folgenden Jahrs Diakonus und 1586 Superintendent wurde u. 8. April 1598 st. H., der den Refrain ins Kirchenlied entführte u. von seinen Zeitgenossen der Deutsche Assaph genannt wurde, hat mehrere 100 Lieder gedichtet, in verschiedenen Sammlungen herausgegeben, darunter Von Gott will ich nicht lassen; Ich weiß, daß mein Erlöser lebt. Seine Biographie von W. Thilo, Berl. 1851, 2. Ausg. 1856. Löffler.» Helmbrechts, Stadt im Bez.-Amt Mllnchberg, des bayer. Regbez. Oberfrankeu, unweit der Selbitz, Mineralquelle, Baumwollenmanufacturen, Dampfwollfärberei, Dampfappreturanstalten, Fabrik für Preßhefen n. Spiritus; 1875: 2665 Ew. Hclmdccken (Her.), die Zierathen, welche vom Helm ausgehend sich über den Rand des Schildes verbreiten u. meist bis über die Mitte des Schildes niederhängen. Sie haben gewöhnlich die Gestalt eines in einander geschlungenen Laubwerks; oft sind es aber auch Helmmäntel, die viereckig zu beiden Seiten herunterhängen oder in einen Knoten geschlagen, auch wol besetzt sind (Altfränkische Decken). Helme, ein 90 Icm langer Nebenfluß der Unstrut in Thüringen, entspringt bei Stöckey, südlich vom Harze, fließt nach O. bis Ober-Röblingen u. dann nach S. durch die Goldene Aue, nimmt die Zorge und Tyra auf und mündet unterhalb Artern. Nach der H. war der Helmegan, der nördlichste Gau des alten Thüringen, benannt, 172 Helmegau — welcher die obere Goldene Aue von Nordhausen bis Ariern umfaßte. Hclmrgau, s. u. Helme. Helmcnd, s. Hilmend. Helmerding, Karl, bekannter Berliner Komiker, geb. 29. Oct. 1822 zu Berlin, derSohn eines Schlossermeisters, erlernteernachvorhergegangenem Besuch des Friedrichs-Wilhelmsgymnasiums u. der Akademie, auf der er unter Schadow sein zeichnerisches Talent ausbildcte, das Gewerbe seines Vaters, widmete sich aber im 25. Lebensjahre der Bühne, auf der er sich bei Liebhabertheateru schon öfters versucht hatte, und ward vom Dircctor Dietrich für die Stadttheater in Meißen u. Frei- berg engagirt. Erst im ernsten Fache thätig, wandte er sich erst später dem komischen zu, ans das ihn auch seine ganze individuelle Begabung hinweist. Bevor er jedoch in Berlin am Wallner- theatsr die Aufmerksamkeit aller Freunde gesunden und echten Humors auf, sich lenkte und zu dem schmeichelhaften Urtheil Veranlassung gab: Was der Kladderadatsch in der Theorie ist, ist H. in der Praxis, mußte er Wanderjahre durchmachen, in denen er dem Hennigschen Sommertheater unter Director Collenbach in Berlin, dem Sondershanser Hof- (1850) u. dem Erfurter Stadttheater (1851) angehörte, dann aus dem Berliner Königstädtischen Theater unter Cers u. in Köln spielte. 1855 enga- girte ihn Franz Wallner für Posen, nahm ihn aber noch im selben Jahre für sein neues Unternehmen mit nach Berlin. Hier erreichte H. als der würdigste u. befähigste Repräsentant der Possenfiguren Kalischs die allgemeinste Popularität, von der er gelegentlich seines 25jähr. Schauipielerjnbiläums die glänzendsten Beweise erhielt. H. ist ein überaus seiner Beobachter, reich an kaustischem Witz, wie drastischen Darstellungsmitteln, im Besitz einer seltenen Gelenkigkeit der Zunge, wie des ganzen Körpers u. in vielen Darstellungen ein wahres Muster feinster Charakteristik. Ein Meisterin den heterogensten Rollen, spielt er heut in Mein Leopold den Weigelt (in welcher Rolle ihn Spielhagcn in seinem Skizzenbuch geschildert hat), morgen Nitschke im Gebildeten Hausknecht, Dauert in Berlin wird Weltstadt, od. den Or. Knetschke, Wichtig im Registrator auf Reisen, od. Knetschke im Actienbudiker, u. findet trotz alledem noch zu dramatischen (Eine Weinprobe, Ein vergessener Ballgast, Leiden eines Choristen) und senilletonist- ischen Arbeiten Muße. Kürschner. Helmers, Jan Frederik, geb. 1767 in Amsterdam u. st. 26. Febr. 1813; gefeierter patriotischer Dichter Hollands; er schr. das Gedicht Sokrates u. das Epos Holland, 1812, n.A. 1821; das Trauerspiel vinomsolls; Gedichte, 1809 s., 2Bde. Sein poetischer Nachlaß erschien als HalsrinZ van Osäiolltsn, 1814 s., 2 Bde. Helmerscn, Gregor v., ruff. Geolog, geb. 29. Sept. (11. Oct.) 1803 zu Duckershof in Livland, studirte in Dorpat anfangs die Rechts-, später aber die Naturwissenschaften; er nahm theil an wissenschaftlichen Reisen durch Rußland u. begann 1828 die Untersuchung des südlichen Ural gemeinschaftlich mit Ernst Hosmann; 1830—32 besuchte er mit Hofmann die Universitäten von Berlin, Heidelberg v. Bonn, durchreiste Deutschland, After- Uslililiitlies. reich u. das nördliche Italien u. blieb einige Zeit in Freiberg. Nach Rußland zurückgekehrt, setzte er seine Forschungen im Ural fort u. wurde 1834 mir der Untersuchung des Altai beauftragt; durchreiste 1835 die Kirgisensteppe u. wurde 1837 Professor der Geognosie an dem Berginstitnte in Petersburg u. war 1865—1873 Director des Berginstituts. Seit 1835 unternahm er zahlreiche Reisen in Rußland, Finnland, Ehstland, Polen, Schlesien, im Ural n. schr.: Geoguostische Untersuchung des Südnral- gebirges, Berl. 1831; Der Telezkische See u. die Teleuten im östl. Altai, Petersb. 1838; mit Baer gab er heraus: Beiträge zurKenntniß des Russischen Reiches. 1866 gab er eine geologische Karte von Rußland heraus. Helmholh, Hermann Ludwig Ferdinand, berühmter deutscher Naturforscher, geb. 31. Aug. 1821 zu Potsdam, studirte in Berlin Medicin, wurde 1843 Militärarzt in Potsdam, 1848 Gehilfe am anatom. Museum in Berlin, 1849 außerordentlicher, 1852 ordentlicher Professor der Physiologie zu Königsberg, 1855 zu Bonn, 1858 zu Heidelberg, 1871 Professor der Physik zu Berlin. Die Physiologie verdankt H. in ihren verschiedensten Theilen die wesentlichste Förderung; schon in seiner ersten Schrift: Über die Erhaltung der Kraft, Berlin 1847, hat er epochemachend in die Wissenschaft eingegriffen. Seine später (Königsb. 1854) erschienene Schrift Über die Wechselwirkung der Naturkräfte führte das begonnene Thema weiter aus. Für die Augenheilkunde war seine Beschreibung eines Augenspiegels zur Untersuchung der Netzhaut im lebenben Auge, ebd. 1851, von allergrößter Bedeutung; andere physiologische Untersuchungen von nicht geringerer Wichtigkeit über das Auge u. das Sehen schlossen sich an (Theorie der zusammengesetzten Farben, ebd. 1852, Über das Sehen des Menschen, Lpz. 1855, Physiologische Optik in Mg. Encykl. der Phys. H. 1 , ebd. 1856, Veränderung des menschl. Auges bei der Accomodation, Ber. Berl. Akad. 1853, Brewsters Analyse des Sonnenlichts, Poggend. Ann. B. 86, 1852, Empfindlichkeit der menschl. Netzhaut für die benachbarten Strahlen des Sonnenlichts, ebd. B. 94, 1855 rc.). In seinem classischen Handb. der physiologischen Optik, Lpz. 1859—1866, sind seine optischen Untersuchungen und Entdeckungen zusammengestellt. Ebenfalls ganz neu u. unge- mein scharfsinnig ausgeführt waren seine Versuche über Wärme-Entwickelung bei der Muskelaction (Müll. Arch. 1848), Über die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nervenreizung (Ber. Berl. Akad. 1850, u. Über die Geschwindigkeit einiger Vorgänge in Muskeln u. Nerven (ebd. 1854). In seiner Lehre von den Tonempfindungen, Brschw. 1862, 3. A. 1872, gab H. eine Zusammenstellung seiner ungemein wichtigen Untersuchungen über Schallwahrnehmungen und die Luftschwingungen, die durch Töne erzeugt werden. Daß H. Meister in gemeinverständlicher Behandlung wissenschaftlicher Fragen ist, hat er am meisten durch seine Populären wissenschaftlichen Vorträge, 3 H., Braunschw., bewiesen. Nach Poggendorffs Tode, Febr. 1877, übernahm er mit Wiedemann die Redaction von Poggend. Annalen. r. «slmmtiies, s. v. w. Eingeweidewürmer, Hel- 173 Ilolmiiitlioejivrtoii — Hclmstädt. minthiasis, Wurmkrankheit. Helminthica, Wurmmittel gegen Eingeweidewürmer, Helminthologie, Lehre von den Eingeweidewürmern. llolmintkoakorton oktioinnlo DL. (^laiäinm oküoinals Ls., gximersoooous Uslminbooiiortns -ä.A.) Alge aus der Fam. der §Ioricksns-8x1iasro- vooesas, mit bräunlichem, an der Spitze zwei- nnd dreitheiligem Thallus von 2—3 «m Länge, schmeckt salzig, ekelhaft, riecht widerlich, dumpfig, braust, wegen anhängender Schalengehäuse oder kleiner Kalkstücke mit Säuren, ist meist mit bis 20 anderen Arten gemengt; sie kommen von Corsica u. dienten als Wurmmittel. Engl-r. Hclmklcinodien (Herald.), Figuren mancherlei Art, welche auf dem Helm befindlich sind, und zwar meist Thiere, ganz n. wachsend u. Theile von ihnen, in Beziehung zu den Schildfiguren. Heimle, Lorenz, Glasmaler, geb. 1783 zu Breitenau im Badenfchen, st. in Freiburg im Breisgau 15. Feb. 1849. Er half seinem Vater beim Malen von Zifferblättern, fand, 1822 mit seinem älteren Bruder Andreas (gest. 1845) nach Freiburg gekommen, dort durch den Grafen Reinach die nöthige Unterstützung zur Erlernung der Glasmalerei u. wurde mit Andreas Wicderhersteller der Glasmalerei im SW. Deutschlands. Ihre Glasmalereien befinden sich außer der Schweiz bes. in Frankreich u. England, auch zwei Fenster im Dom zu Köln u. eines in der Kirche zu Bergheim bei Köln. Regnet. Helmlehen, s. v. w. Mannslehen. Helmold, deutscher Chronist des Mittelalters, geb. in Holstein, Schüler Gerolds, des ersten Bischofs von Lübeck, u. Missionär bei den slavischen Heiden; dann Priester in Bosau unweit Plön im 12. Jahrh.; schr. Oirronioa, 81avornm (von Karl d. Gr. bis 1170), meist nach Adam von Bremen, nur die Geschichte des 12. Jahrh. ist als Originalquelle wichtig; fortgesetzt von Arnold, Abt von Lübeck (gest. 1212) bis 1209; zuerst heransgegeben von Melanchthon; dann von Lappenberg in Pertz Llonn- Mentn Osrmnniao piaboriea, Bd. 21; deutsch von Laurent, Berl. 1852. Vgl. Völkel, Die Slaven» chronik Helmolds, Gött. 1873. H-mie-Am Rhyn. Helmond, Stadt im Gerichtsbez. Eindhoven der niederländ. Prov. Nordbrabant, an der Aa u. der Guid-Willemsvaart, Station der nieder!. Staats- cisenbahn; altes Schloß, schöne St. Lambcrtnskirche, Latein. Schule, Banmwollenfabriken u.-Druckereien, Färbereien, Tabak- u. Cigarrcnfabriken rc., lebhafter Handel; (1869) 6435 Ew. H- Ber,^. Helmont, Johann Baptist van H., Herr von Merode Royenbroch, Oirschot, Pellines rc., geb. 1577 in Brüssel; stndirte in Löwen, schenkte, nachdem er die mystischen Schriften von Thomas a Kempis u. Tauler gelesen hatte, seine Besitzungen seiner Schwester u. stndirte mit unermüdlichem Fleiße Medicin, um in der Nachfolge Christi Werke der Barmherzigkeit zu üben. Nach feiner Promotion 1600 machte er eine Reise in die Alpen u. nach Savoyen, trieb die ihn ganz beherrschenden chemischen Studien in Spanien, Frankreich und England, verheirathete sich nach seiner Rückkehr 1605 und nannte sich nun einen meäienm per iAnsm. sich ganz alchimistischen Studien hingebcnd. Mit wunderbaren, selbstgebrauten Mitteln heilte er nach eigener Angabe jährlich Myriaden von Krankheiten. Er st. 30. Dec. 1644. H. war eine edel u. glänzend angelegteNatur, erfinderisch, mit lebhafter ungeregelter Phantasie, aber ohne durch selbständige Studien erlangte Kenntnisse. Die Chemie sollte ihm das Universal- mittel schaffen; er erfand das oleum snlknris per onmpanam, das lEckannm karaoslai, den liguor eoriin osrvi, das oleum tsrtari per ckeliguinm. Er nimmt zwei verschiedene den Körper beherrschende Principe an: das Duumvirat, das im Magen und Milz thront, von der Seele die Intelligenz empfängt u. die Heilmittel den kranken Tcheilen znführt, u. Len Archäus, der die Materie befehligt u. noch mehrere kleine, den einzelnen Organen vorstehende Archäi unter sich hat. Schriften: Ortna msciiemns 8. Initia plizsions 1mrmlibs,s, Amsterd. 1658, u. ö.; zuletzt: Franks, a. M. 1707 (deutsch Sulzb. 1683, Fol.). Die beste Ausgabe ist die Amsterdamer 1652 von Elzevier; die anderen, namentlich die Venediger 1651, sind unzuverlässig; es giebt auch Opern omnin, ins Franz., Engl, u Holländ. übersetzt. Über ihn Loos, Heidelberg 1807; Spieß, H-s System der Medicin, Franks. 1840. Tyamhayu. Hclmorden, s. Eiserner Helm. Hclmrost, das Gitter, welches das Visir bildet oder unter demselben angebracht ist. (Vergleiche Helm 1). Hclmsdorf, Friedrich, Landschaftmaler, geb. 1784 in Magdeburg; ging 1809 nach Straßbnrg, besuchte von da ans Italien, wo er das zweitemal von 1816—20 verweilte. Später siedelte er nach Karlsruhe über u. starb daselbst 1852. Hauptwerke: Die Lassos Eiche u. der See von Nenn. Regnet. Helmstadt, Marktflecken im Bez.-Amt Markt- heidenscld des bayer. Regbez. Unterfranken nnd Aschaffenburg, südwestlich von Wnrzburg; große Gemeindewaldung, Schweinezucht; 1875:1087EW. 25. Juli 1866 siegreiches Gefecht der preußischen Division Beyer gegen die Bayern. Hclmstädt (Helmstedt), Kreisstadt in dem 787,^ ^skm (14,,i HW) niit 53,717 Ew. umfassenden, gleichnam. Kreise des Herzogthums Brannjchweig, unter dem Elm, Station der Berlin-Potsdam- Magdeburger nnd der Braunschweig. Eisenbahn; mit 2 Vorstädten (Nenmarkt u. Ostendorf); Kreisamt, Amtsgericht, Oberforstamt, 4Kirchen, darunter die schöne gothische Stephanskirche von 1321, das Gebäude der 1809 aufgehobenen Universität (das Julenm), Gymnasium, landwirthschaftliche Schule, 2 Hospitäler, Denkmal für die bei Waterloo Gefallenen; Wollenspinnerei, Fabrikation von Tabak, Tabakspfeifen, Essig, Branntwein, Hüten, Zucker, Thonwaarenrc., Braunkohlen- u. Eisenstcingrubcn, Handel; Freimaurerloge: Julia Carolina zu den drei Helmen: 1875: 7793 Ew. Die Universität, 1575 vom Herzog Julius von Braunschwcig gegründet, stand bis zur Stiftung der Universität Göttingen 1734 in hoher Blüthe und zählte die bedeutendsten Gelehrten zu ihren Mitgliedern. 10. Dec. 1809 wurde sie unter westfälischer Herrschaft aufgehoben u. blieb es. In den ehemaligen Gebäuden derselben befinden sich jetzt die Bibliothek, das Gymnasium, das Kreisamt und Amtsgericht. H. ist Geburtsort des Naturforschers Leuckart u. der 174 Helmvogcl — Hclps Gebrüder (des Chirurgen u. Rechtslehrers) Bruns. Dicht vor der Stadt die Domäne St. Ludgeri mit kathol. Kirche u. Klosterruinc, aus der entgegenge- setzten Seite das luther. Jungfrauenstift Marienberg (ehemals ein Augustiner-Nonnenkloster) mit schöner Kirche im romanischen Stile, und 6 kern nordnordwestl. von der Stadt das ehemalige Cister- cienserkloster Marienthal, das, 1138 vom Pfalzgrafen Friedrich von Sommcrschenburg gestiftet, 1569 evangelisch wnrde. In der Nähe auf dem Corneliusberge die Lübbensteine, zwei aufgerichtete Granitblöcke, wahrscheinlich altsächsische Opferaltäre od. Grabdenkmäler, u. östlich in einem Thale des Lappwaldes ein Gesundbrunnen (Eisenquelle). — H. entstand der Sage nach um 78V durch den hl. Ludger, der hier an der Ludgeriquelle getauft und ein Kloster gegründet haben soll, wurde aber in Wirklichkeit erst 100 Jahre später von Werden an der Ruhr aus gegründet. Die Stadt war Eigen- lhnln des Klosters unter der Hoheit des Abtes von Werden, doch wurden die Herzöge von Sachsen, später die Pfalzgrafen von Sommerschenburg und im 12. Jahrh. Heinrich der Löwe und seine Nachkommen Vögte über das Kloster. Im 11. Jahrh. erhielt H. einige Befestigungen und 1099 städtische Privilegien. 1199 wurde H. vom Erzbischof von Magdeburg zerstört, später aber wieder aufgebaut u. befestigt. Seit der Ermordung des Abtes Otto durch die Helmstädter, 1288, lagen die Bürger immer mit den Äbten in Streit. 1340 machten die Wollenweber einen Aufstand gegen den Stadtrath, welchen der Herzog von Braunschweig mit Len Waffen dämpfte. 1489 verkaufte der Abt von Werden die Stadt an Brannfchweig, die alsdann 1490 mit Ausnahme des Ludgeriklosters (das 1803 säcularisirt wurde) als Mannslehen an Herzog Wilhelm den Jüngeren kam. 1807—13 war H. Hauptstadt eines Districts im Ocker-Depart. des Königreichs Westfalen. Vgl. Kunhard, Beiträge zur Geschichte der Universität H., Helmstädt 1797; Ludewig, Gesch. u. Beschreibung der Stadt H., cbd. 1821; Gesch. der ehemaligen Hochschule äulia Carolina zu H., H. 1877. H- Berns. Helmvogcl, NusopsinAa violaooa s. Musafresser. Uelodms, Klasse der Monocotvledonen, Sumpf- oder Wasserpflanzen mit doppelter Blüthenhülle, deren innere oft blumeukroncnartig; viele ein- sächerige, mehr oder weniger getrennte Fruchtknoten ; die Früchte sind ein- bis vielsamige Balg- lapseln; Keim eiweißlos, homotrop, d. h. Würzelchen und Federcheu haben gleiche Richtung mit dem Samen; hierher gehören die Familien L.Iis- inaeeao, llunoLAinsas u. Lutomaooao. Heloise, geboren 1105, Geliebte des Abälard (s. d. Art.). He-long-(He-lung-,Chelung-)kiang, d. i. Drachenfluß, der chinej. Name des Flusses Amur (s. d.); früher auch die Bezeichnung des nördlichen Theiles der Mandschurei, der von den Chinesen an die Russen verloren ist. Helörus (a. Geogr.), 1) Fluß auf der OKllste Siciliens, mündete zwischen Syrakus und dem Vorgebirg Pachynum; j. Abisso; 2) alte, befestigte Stadt, unweit der Mündung des Vorigen, wo starke Fischerei getrieben wurde; setzt Colisseo S Filippo. Die reizende Umgegend hieß das.He- lorische Tempe. Hclos (a. Geogr.), 1) Stadt in Elis am Al- pheos, früh verfallen. 2) Ort in Lakonika in NO. der Eurotasmündung; die Spartauer eroberten es und führten die Einwohner in die Sklaverei (vgl. Heloten); j. noch Helos. Heloten (Heilstes, Helotes od. Helotä), in Lakonika die Leibeigenen, welche vor den Sklaven anderer griech. Staaten das voraus hatten, daß >! sie nicht außer Landes verkauft werden konnten; j sie waren die Nachkommen der Landeseinwohner, l welche bei der Einwanderung der Dorier persön- i liche Freiheit u. Grundbesitz verloren hatten, und der Name soll nach Einigen von der Stadt Helos Herkommen, deren Bewohner zuerst diesem Loose verfallen wären, nach Anderen aberKriegsgefangene bedeuten. Sie wurden vom Staate an einzelne i Sparliaten abgelasscu u. bauten deren Land; von ! dem Ertrage, mußten sie eine bestimmte Leistung an Gerste, Öl und Wein zahlen, außerdem ihre Herren bedienen u. im Kriege als Leichtbewaffnete, auch als Matrosen Dienste thun. Ihre Lage war nur insofern eine gedrückte, als sie von den Freien verachtet waren, sonst konnten sie sich bei guter / Wirthschaft zur Wohlhabenheit emporarbeiten und s für Auszeichnung im Kriege auch die Freiheit er- ^ halten; sreigelassene H. hießen Neodamodeis; da« Bürgerrecht aber wurde ihnen selten ertheilt. Kinder von Spartanern mit Helotinnen hießen « Mothakes od. Mothones u. waren Freie, die auch s das Bürgerrecht erlangen konnten. Die Verachtung, mit welcher die H. von den Spartanern angesehen und behandelt wurden, erzeugte in ihnen Haß gegen ihre Herren, u. diese fürchteten dieH. wegen ihrer Ungeheuern Überzahl (vor der Schlacht bei Leuktra zählte man bei 224,000 H. an 56,000 ! Waffenfähige), weshalb über sie, besonders von den jüngeren Spartanern, eine sehr genaue u. scharfe Aufsicht geführt wurde, die zuweilen in Grausamkeit ausartete u. sogar zu geheimen u. öffentlichen Niedermetzelungen unter ihnen führte. Wie ge- ! gründet freilich der Verdacht der Spartaner gegen i die H. war, zeigte sich durch öftere Empörungen der H., namentlich als diese im dritten Messenischen Kriege mit den Meffeniern gemeinschaftliche Sache - gegen die Spartaner machten (H-krieg), wo sie aber besiegt wurden. Helotisch, niedrig, sklavisch; Helötismus, tiefste Sklaverei. Henne-Am Rhyn.' Helps, Sir Arthur, engl. Schriftsteller, geb. 10. Juli 1817 zu Streathan; ward im Irinit^ Coilexs zu Cambridge ausgebildet, erwarb sich dort den Grad eines Baccalanreus, ward Privat- secretär des Schatzkanzlers im Melbourneschen Cabinet, späteren Lords Monteagle, dann 1839 des Secretärs für Irland, Lord Morpeths, u. fungirte als Commissar bei den französischen, dänischen u. spanischen Forderungen. 1859 ward er Secretär des Geheimeraths, einen Posten, den er bis an seinen Tod, 7. März 1875, bekleidete; 1872 ward er in den Ritterstand erhoben. Unter seinen zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: MrouAÜts in tlls eioistor anci tlls ororvä, Lond. 1835 ; Lssa/s rrrittsu in tsis inborvnis ob businsrs, ebd. 1841; 2 Dramen Lin§ Hsnr/ II. u. Catllarins OonZIas, ^ !ebd. 1313; IRs vlauns ob labour, ebend. 1844; 175 Hclsingborg — Helft. «in Werk, das seinen Ruf als scharfer Denker u. eleganter Schriftsteller sehr hob, war §risitäs in oouuoil, a, ssrios ok roaäiuAs auä äioooursss büsrssu, ebd. I. Serie 1847, II. Serie 1859. l Hierauf folgte ein ähnliches Werk: Lompauious f ok solituäs, ebd. 1851; ferner: 6snc;usrors ok büs Hsv IVorlä, auä tüsir douäsmou, ebd. ! 1848—52, 2 Bde.; erweitert in Mas Lpauisü Lou^ussb in ^.morioa, ebd. 1855—57, 3 Bde., j in welchen H. den Ursprung u. das Wachsthum 1t der Negersklaverei erzählt. Seine späteren Werke ft waren: Rsaimaü, London 1868; lüs I,iks ok ft kirarro, ebd. 1869 ; Lasüuir Narsmua u. Lrovia, sr süort esoaxs auä apüorisius, ebend. 1870; (louveroatüous on rvar 3ncl Asusral ouiturs, I,iks ok Oortss u. MiauKÜbo upou Govsrumeut, ebd. 1871; I-iks auä iadora ok Llr. Lrasssp (den großen Eiscnbahnunternehmer), ebd. 1872; Ouliba büs oerk, eine Tragödie, ebd. 1873, u. Ivan äs Liron, or ills Russiau oourt in tlis miääls ok Äis last Oouturzr, ebd. 1874. Säinmtliche Schriften H-s tragen das Gepräge eines hohen philosophischen u. sittlichen Tons an sich, wodurch er namentlich die Aufmerksamkeit der Königin von England auf sich zog, der er bei der Herausgabe ihres bekannten Buches I-savss krom büs jouruai ok onr liks in tüsHiAiiiauäs behilflich war. Bartling. Helsingborg, Stadt im schwed. Län Malmöhus, an der schmälsten Stelle des Oeresundes, Helsingör gegenüber, mit dem alten Thurm Kärnan, der den Schiftern als Merkzeichen dient; Station der Es- löf-H-er Eisenbahn; guter Hafen, einige Industrie, Handel, Seefahrt, Fischerei, Ackerbau; 7560 Ew. In den Hafen von H. liefen 1873 ein 1921 Schiffe mit 22,661 Last. In der Nähe der Gesundbrunnen Ramlösa, die Steinkohlengruben von Höganäs u. , der wildromantische Kullen (das westliche Vorgebirge von Skäne) mit einem Leuchtthurme. H. ist eine der ältesten Städte Schwedens, bis ins 17. Jahrh. abwechselnd im Besitze von Dänemark und Schweden, nach 1677 dauernd zu letzterem Staate gehörig; historisch denkwürdig durch verschiedene Reichstage u. Synoden. Hier 1343 Friede zwischen König Magnus von Schweden und den Hansestädten; in der Lübecker Bllrgermeisterfehde 2 Treffen, 16. Oct. 1534 Sieg der rebellischen wendsysselcr Bauern u. Fischer über die dänischen Ritter u. Söldner, n. 13. Jan. 1535 Sieg der Schweden unter Johann Turson über die Lübecker unter Max Meier; II. März 1710 Niederlage der Dänen unter Ranzau durch die Schweden unter Steenbock. H- Ber:L Helsingfors, Hauptstadt des ruft. Großfürstcn- thums Finnland (seit 1819) u. des Gouv. Nyland, auf einer Halbinsel am Meere; Station der Finn- i länd. Eisenbahn; eine freundliche Stadt mit breiten u. geraden Straßen; großer u. sicherer Hafen; Sitz der Centralbehörüen des Großfürstenthnms, Paläste für den Senat u. die Adelsversammlnng, schöne luther. Nikolaikirche (von 1830—52 erbaut), griechische Kathedrale, Denkmal der Gemahlin des Kaisers Alexander I., Alexandersuniversität (1827 - aus Abo hierher verlegt) auf dem Senatsplatze (1875 etwa 700 Studirende) mit Sternwarte, i Bibliothek von ca. 150,006 Bänden, Botanischem > Garten und Magnetischem Observatorium (1845 theilweise abgebrannt), zwei Lyceen, Polytechnische Schule u. andere Lehranstalten, Looiotas soioubia- rnm lkiuniea, Finnische Literatnrgcsellschaft, Finnischer Kunslverein, große Kasernen rc.; in der Stadt u. Umgegend viele Fabriken, besonders für Segeltuch, Tabak, Leinwand, Tapeten rc., ferner mechanische Werkstätten, Bierbrauereien u. Branntweinbrennereien ; lebhafter Handel, namentlich nach st. Petersburg, Schweden, England u. den deutschen Ostseehäfen (Ausfuhrartikelsind Getreide, Eisen, Holz, Holzwaaren rc., Einfuhrartikel: Wein, Co- lonialwaaren, Luxusartikel rc.); besuchtes Seebad; 32,113 Ew. (meist Schweden u. Finnen). Der Hafen ist stark befestigt, in der Stadt selbst die Forts Ulrikaborg u. Braborg, nach der Seeseite die Feste Sweäborg. H., von Gustav I. von Schweden um die Mitte des 16. Jahrh. an dem Flüßchen Wanda (etwa 7 üin nordöstlich von dem heutigen H. erbaut), wurde 1642 von der Königin Christine von Schweden nach seiner jetzigen Stelle verlegt. Es ward 1710 von einer furchtbaren Pest heimgesucht, die fast ein Drittel der Einwohner hinrasfte, brannte 1728 ab und wurde 1729 befestigt. Hier 4. Sept. 1742 Capitulation der Schweden unter Lewenhaupt; 2. März 1808 wurde H. von den Russen unter Bnxhöwden besetzt und brannte 1809 abermals ab. Seit 1815 ist es großartig neu aufgebaut und seit 1819 Sitz des Senats des Großfürstenthums Finnland. 1854 wurde es von den Franzosen in Blockädezustand erklärt u. im Juni 1858 wieder von einer großen Feuersbrunst heimgesncht. H- Berns. Hclsingör (Elsenör), Stadt im dänischen Amt Frederiksborg, auf einer Landzunge, an der schmälsten Stelle des Oeresundes, der schwedischen Stadt Helsingborg gegenüber; Station der Seeländischen Eisenbahn; offen, jedoch geschützt durch die von König Friedrich II. 1574—1585 erbaute Festung Kronborg; hat 2 Kirchen, neues gothisches Rathhaus, einen guten (seit 1829) Hafen, lebhafte Schifffahrt, Handel, Seebad, einige Fabriken; 8891 Ew. Bis 1857 wurde hier der Sundzoll erhoben. Es ist der Geburtsort des Saxo Grammaticus u. Poutanus. Die Aussicht von Kronborg, od. von dem nahe gelegenen Lustschloß Marienlyst (mit berühmtem Seebad) auf den im Sommer stets mit Fahrzeugen bedeckten Sund u. die gegenüberliegende schwed. Küste mit dem Vorgebirge Kullen ist unbeschreiblich schön. — H. war früher ein Dorf, das 1288 die Norweger verbrannten; später wieder aufgebaut, erhielt es 1425 von König Erich VII. von Dänemark Stadtrechte. 1522 wurde es von den Hanseaten zerstört; 1658 bet der Belagerung Kronborgs durch die Schweden, die hier 9. Nov. von den Niederländern zur See geschlagen wurden, hart mitgenommen. 1660 kam es an Dänemark zurück. Hier 11. Juni 1842 große Feuersbrunst. Vergleiche I. Rodenberg, Vier Wochen in H., Berlin 1867. H- Berns. Helft, Bartholom, van der, berühmter holländischer Genremaler, geb. 1613 in Haarlem, gest. 1670 in Amsterdam. Hochberllhmt seine Schützen- Mahlzeit (im Museum zu Amsterdam) und Las Amsterdamer Schützencorps, dessen kleine Wiederholung im Louvre, ferner das Schützenbild im Rathhaus von Amsterdam; außerdem malte H. -1 176 Helston — trefflichste Porträts, darunter die der Prinzessin Maria von England, der Viceadmirale Koetenaar n. Stellingwers rc. Regnet. Helston, Stadt an der SKüste der englischen Grafschaft Cornwall, unweit der Mündung des Loe od. Lober; hoher Glockenthurm, der den Schissern als Merkmal (Scemarke) dient, Stadthaus, Markthalle, Handelsschule, literarisches Institut; Fabrikation von Schuhen, Acker- und Bergbau; 37S7 Ew. In der Umgegend reiche Zinnminen; der Hafen Portpleven ist 4,g km von der Stadt entfernt. Heluan, Badeort südl. von Kairo (Ägypten) u. mit diesem seit 7876 durch Eisenbahn verbunden, den Pyramidenfeldern gegenüber; Schwefelquellen, Salzquellen, seit 1871 nach langer Verödung wieder aufgedeckt. Ihre Heilkraft war schon im 8. Jahrh. Len Arabern bekannt. Heluland (Hellu-, Hälluland, d. i. Felsland), der Name, welchen der Isländer Leif, Sohn Eriks, der von ihm 1001 entdeckten Felsenküste gab, unter dem das heutige Labrador zu verstehen ist. Helveconen (a. Geogr.), germanisches Volk, zwischen Oder u. Weichsel gesessen. lislvells Pilzgattung der viseom^csbes- 8e1vellacsi, Morcheln mit faltiger, buchliger, am Strunk herabgeschlagener Mütze, letztere gewöhnlich hohl. Fast alle Arten sind genießbar, keine giftig, nieist von derber, fleischig-wachsartiger Substanz n. finden sich im Sommer u. Herbst auf der Erde, bcs. auf etwas feuchten, offenen Plätzen; den besten Geschmack besitzt 8. sscnlsnta V'er«., Stein- od. Speisemorchel, mit aufgeblasenem, unförmlichem, am Grunde eingebogenem Hut; bes. auf etwas feuchtem Sandboden in lichten Nadelwäldern. 8. Oi^as Lromb/t.., Riesenmorchel, sehr groß, bisweilen 3 äm, mit gefaltetem, weißlichem, an den Stil fest angewachsenem Hut; ans bemoosten Waldplätzen. 8. erisxa FVr'ss, mit gefaltetem, krausem Hut mit 3 oder 4 zurückgeschlagenen, oben blassen oder weißen, dünnen, selten zerrissenen, wellenförmigen Lappen; aus feuchter Walderde unter Gesträuch. Engler. Helvetrei, Schweizer, so v. w. Calvinisten. Helvetien, Helvetische Eidgenossenschaft (Helvetische Republik), so v. w. Schweiz. Helvetier, keltisches Volk, welches ursprünglich in dem Lande zwischen Neckar, Main u. der schwäbischen Alp (Wüste der H. genannt) gesessen haben, aber später südlicher gedrängt worden sein soll, wo es dann in der geschichtl. Zeit in der jetzigen Schweiz, wohnte; es- theilte sich in 4 Gaue (va§1), von denen nur 3, der Tugenns, Tigurinns u. Verbigenns (Urbigenus) bekannt sind; darin lagen 12 Städte u. 400 offene Flecken ; unter ersteren war die bedeutendste Aventicum. Zuerst erscheinen sie in der Geschichte zur Zeit des Cimbrischcn Krieges, wo sich die Tiguriner den Cimbern anschlossen und unter ihrem Häuptling Divico die Römer unter L. Cassius 107 v. Chr. schlugen; nach der Vernichtung der Cimbern kehrten sie unangefochten in ihre Heimath zurück. Im Jahre 58 v. Ehr. unternahmen sie auf des Orgetorix Rath, der aber noch vor der Ausführung umkam, 368,000 Personen stark, darunter 92,000 Krieger, einen Zug nach Südgallien, mußten aber nach einer großen Niederlage bei Bibracte durch die Römer unter Cäsar - Hclvidms. wieder in ihr Land zurückkehren. Von nun air wurde ihr Land, ilxsr Uslvstiornin, mit römischen Colvnien (Noviodunum, Vindonissa rc.) u. Castellen besetzt n. sie selbst durch die Römer unterworfen u. romanisirt, behielten jedoch manche Rechte und ihr Land wurde erst später zur Provinz gemacht. Als die H. in dem Kaiserstreite den von den ger- manischen Legionen zum Kaiser ausgerufenen Vitellins nicht anerkennen wollten, wurden sie von diesem furchtbar heimgesucht und der Flor ihres Landes gebrochen. Daher verliert sich schon seit Vcspasian der Name der H. aus der Geschichte; ihr Land bildete nachher mit dem der Sequaner u. Rauraker die Provinz lilanima Lsqnanornw u. wurde anfangs des fünften Jahrh. im Osten von Alemannen u. gegen Mitte desselben im Westen von Burgundern überzogen. Vgl. Schweiz (Gesch.). Hennc-Am Rhyn.» Helvetisches Collegium (OollsAlnw lrslvsti- eurn), ein zur Heranbildung von Geistlichen für die Schweiz 1579 vom Cardinal und Erzbischof ! Karl Borromäus zu Mailand gestiftetes, in der Revolutionszeit wieder aufgehobenes Seminar. Helvetische Confession(Ooukss8io Helvetica), . s. u. Confession. Helvetischer Consens (Oon- I 8SNSN8 lrslvsticns), s. u. Ooussnsns 3). Helvetischer Krieg, s. u. Gallien (Gesch.) u. Helvetier. Hclvetius, 1) Claude Adrien, franz. Philosoph, geb. im Jan. 1715 in Paris; widmete sich s dem Finanzfachc, wurde 1738 Generalpächter, kaufte ! sich später die Stelle eines Haushofmeisters der > Königin, die ihm jedoch Zeit ließ, sich auf seinem Gute Vore einer philosophischen Muße zu widmen, ^ hierzu bes. noch durch den Umgang mit d'Alembert, Diderot, Holbach ermuntert. Wegen seines Wer- kes 8nr l'esxrit (das 1759 ans Veranlassung der Geistlichkeit in Paris verbrannt wurde) verlor er seine Stelle u. ging 1765 nach Deutschland, wo ihm Friedrich II. von Preußen Achtung bewies. ! Nach Frankreich zurllckgekehrt, st. er Ans. des Jahres ! 1771 zu Paris. H. ist entschiedener Empiriker u. ! Materialist, er bestritt alle Religion u. statuirte nur ! eine Tugend als Wirkung und Äußerung eigen- > nütziger Triebe. Er schr.: V'ssxilt, Par. 1758 l u. ö. (deutsch von Gottsched, Lpz. 1759, von Forkel, Liegn. 1760, 2 Bde., und fast in alle Sprachen übersetzt); Vs I'konuns, Lond. (Amsterd.) 1772, 2 Bde. (deutsch von Wichmann, Brest. 1772); Vss xro§rss äs la raison äans la rsclrsrclts än vrai, Lond. 1776; Vs bonlrsur, ebd. (Par.) 1772; Vs vrai seng än sz-stsins äs 1a natnrs, Lond. 1774 (deutsch Frkf. 1783). Seine Oeuvres com- ! xistos, Amst. 1776, 5 Bde.; Zweibr. 1784, 7 Bde. (unvollständig); Par. 1794, 5 Bde., 1796,10 Bde., 1818, 3 Bde. 3) Madame H., geb. Gräfin de Ligneville, geb.1719, Gattin des Vor., zog sich nach dessen Tode nach Auteuil zurück, wo ihr Haus ein Sammelplatz ausgezeichneter Männer wurde, ungeachtet sie selbst nicht durch Kenntnisse, sondern nur durch Theilnahme für alles Schöne n. durch richtigen Verstand sich auszcichnete; sie st. 1800. Specht.' Hekvidius, eine wahrscheinlich aus Samnium stammende römische Familie, in welcher merkwürdig ist: 1) H. Priscus, ein in den Wissenschaften, bes. in der Stoischen Philosophie, bewanderter 177 Hclvig — Hemenocktllis. Mann, lebte unter Nero in Rom, wurde Quästor u. 56 n. Chr. Volkstribun; seiner republikanischen Gesinnungen halber von Nero 66 n. Chr. aus Italien verwiesen, hielt er sich bis zu dessen Sturze in Makedonien auf n. wurde von Galba 68 n. Chr. zuruckgerufen. Bespasian, verbannte ihn wegen fortgesetzter Opposition n. schickte ihm das Todes- urtheil in die Verbannung nach, welches auch, wider seinen späteren Wunsch, vollzogen wurde. 2) H., ein Häretiker des 4. Jahrh., war Schüler des Arianers Auxentins in Mailand u. lebte dann um 365—385 in Nom unter Bischof Damasus; in einer Schrist, welche er dort verfaßte, suchte er nachznweisen, daß Maria nach der Geburt Jesu von Joseph noch mehrere Kinder geboren habe; er trat auch der mönchischen Askese entgegen u. verwarf deren Verdienstlichkeit. Seine Anhänger hießen Helvidianer. Hieronymus schrieb gegen H. im I. 383 seine Schrist ^.ckversus Kolviäium. Helvig, s. Hellvig. ILlMcmaim. Helvii (a. Geogr.), keltisches Volk in Gallien, ani rechten Ufer der Rhone, an der Mündung der Jstre; Hauptstadt: Alba. Helvms. Die Kelvin Zsns war ein römisches Geschlecht, aus welchem bekannt sind die Familien Cinna u. Pertinax (s. d). Helvoetsluis, s. Hellevoetslnis. Helyot, Pierre, Geschichtschreiber der Mönchsorden, geb. 1660 in Paris, hieß als Franciscaner Pater Hippolyt u. st. 5. Jan. 1716 m Paris;, er schr.: List, ckes orclros monaskiguss, rsli§isux ot militairss ob ckss eon§rs§ations sveuliörss. Par. 1714—19, 8 Bde. (deutsch Lpz. 1753—56, 8 Bde.). Hemans, Felicia Dorothea, geb. Brown, namhafte engl. Dichterin, geb. 25. Sept. 1794 in Liverpool, wo ihr Vater, ein Irländer, Kaufmann war; lebte später in NWales, wo sie sich, geweckt von der romantischen Gegend u. von den Helden- thaten ihrer Landsleute in Spanien, der Poesie widmete; sie heirathete einen Offizier H., doch wurde später diese Ehe wieder getrennt n. sie st. 16. Mai 1835 ans dem Gute Redesdale bei Dublin. Sie schr.: Oomostie uiksetions, 1812; Mrs rostoiatwn ok tlis rvorlcs ob Lwt in Ital^, 1816; Äloclorn Eroees; lales anä Irisborio sosnss in verses, 1819 (Balladen): ^7allaes u. Oartmoor (2 Preisgedichte), 1821; Korest sanotnar/, 1825, 2. A. 1829; LiöAS ok Valsnoia, nach spanischen Vorbildern, und 8on§s ok Oicl und Niro la^s ob wanx lancks, nach Herder gedichtet; Usooräs ob vowsn, 1823; 8onZs ok tüs aKsetions, 1830; Kxwlls on tlrs rvorlrs ok natnrs, 1833; Könaus kor oliillldooci u. Loenss anck Iixmns ok Üko, 1834 (religiöse Gedichte); eine Ausgabe ihrer Kostioal rvvrlcs erschien 1861 zu London. Barüing.' Hemau, Stadt und Hauptort in dem 712,5, lH>cm ( 12 ,g 4 UM) mit 1875 29,347 Ew. in den beiden Landger.-Bez. H. u. Riedenburg umfassenden, gleichnam. Bezirksamt des bayer. Regbez. Oberpfalz u. Regensburg; Bezirksamt, Landgericht, 3 Kirchen, Schloß, Wasserleitung; 1875 1537 Ew. H. ist Stadt seit 1350. In der Nähe Wallfahrt (zur heil. Dreifaltigkeit). Hemd, 1 ) weites Kleidungsstück, das fast den ganzen Körper bedeckt und vorn wenigstens nicht Pierers Nniversal-EouversationL-Lerilon. S. Aust. x. ganz offen ist, z. B. Chor-, Fuhrmanns-, Panzer- H. rc. 2) Ähnliches Kleidungsstück, das auf der Haut getragen wird, wozu meist Leinwand, Baumwollenzeug, aber auch Seide und Flanell genommen wird. Ähnlich dem H., welches gemeiniglich nur Weiber trugen, ist das römische lrulusium. In Frankreich soll im 15. Jahrh. die Gemahlin Königs Karl VII. die ersten leinenen Hemden gehabt haben. 3) S. unter Hohofen. Hemel-Hempstead, Marktflecken in der engl. Grafschaft Hertford, unweit des Grand Junction Kanals, Eisenbahnstation; 5 Kirchen, Stadthalle, Eisengießerei, Schriftgießerei, Papier- und Kornmühle, Ziegel- und Kalkbrennerei, Bierbrauerei; 5996 Ew. Hemer (Ober- u. Nieder-H.), 2 Dörfer im Kr. Iserlohn deS preuß. Regbez. Arnsberg, an der Oese; Eisengießerei, Fabriken für Drahtstifte, Gußscheereu, Papier, Öl, große Papierhandlungen; 2900 Ew. Hemera (gr.), der Tag; als Göttin Tochter des Erebos u. der Nyx. Hemeralopie, Nachtblindheit, eigenthüm- liche Störung des Sehvermögens, die sich dadurch charakterisirt, daß die betreffenden Kranken, während sie bei Tageslicht ganz gut sehen, bei Eintritt der Dämmerung od. überhaupt bei schwachein Lichts uuverhältnißmäßig schlecht sehen, so daß sie sich bei Abend schwer oder gar nicht zurechtzufinden wissen. Unter den Ursachen sind unzureichende Nahrung und der Einfluß blendenden Lichtes die wichtigsten. Die Krankheit kommt zuweilen epidemisch vor, z. B. in Gefangeneuanstalten, auf Schiffen im Zusammenhang mit Skorbut, bes. in tropischen Gegenden, wo zu Blendung durch grelles Sonnenlicht am meisten Veranlassung gegeben ist. Die Behandlung besteht in zweckmäßiger Ernährung und Schutz gegen blendendes Licht (dunkele Brillen oder selbst längerer Aufenthalt in ganz verdunkeltem Raume); s. Förster, Über H., Bresl. 1857. StammeshauL. Hcmerobaptisteu (die täglich Badenden, im Talmud hebr. Nobls Lolraoliritlr genannt, was das Gleiche wie H. bedeutet), der griech. Name für die Essäer; diejenige Religionsrichtung unter den Juden von 200 v. Chr. bis zum Untergang des Staates, welche sich besonderer Enthaltsamkeit u. levitischer Reinheit beflissen. Hegesipp nennt sie aus Uukenntniß neben den Essäern. Das Wort Essäer bedeutet im Syrischen ebenfalls Badende. Fürst. llomsroinäss u. llomorobius, s. Florfliegen. iiemorooallis II. (Taglilie), Pflanzengatt, aus der Familie der Iüliaosg.s->Lntlloriceas (VI. 1), mehrjährige Pflanzen mit kriechender Grundachse, zweizeiligen, gekielten, linealischeu Laubblättern u. hohem schraubeligem Blüthenstand mit großen Blüthen; Perigou trichterförmig, unterwärts schmal röhrenförmig, am Grunde mit dem Fruchtknoten verwachsen; Griffel fadenförmig, Narbe stumpf, Kapsel fleischig-lederartig mit wenigen kugeligen Samen. K. üava L., mit gelben, wohlriechenden Blüthen, deren Abschnitte flach u. spitz sind; im südöstlichen Deutschland heimisch, als Zierpflanze cultivirt. H. kirlva O., mit rothgelben Blüthen, deren in»ers Abschnitte am Rande wellig und stumpf find; in Band. iz 178 Hcmcrodromos Süd-Deutschland heimisch, überall in Gärten cultivirt. Engter. Hcmcrodrömos (gr. Ant., d. i. Taglänfer), Eilbote, Schnellläufer, der bei den alten Griechen als Staatsbote zur Überbringung wichtiger Nachrichten diente; berühmte H. waren Phidippides u. Philonides. Hemcrologrum (v. Gr., Tagzeiger), Kalender. Hemerose (v. Gr.), Bezähmung der Leidenschaften, Selbstüberwindung. Henri.... (gr.) halb.... Hemianthropic (v. Gr.), Zustand des Menschen, wo er nur noch halb Mensch ist; Rohheit. Hemiccphalus (v. Gr.), Halbkopf, Katzenkopf, eine seltene Art der Mißgeburten mit theilweisem Mangel des Schädels und Gehirns, bei der gewöhnlich das Schädeldach u. das Gehirn vollständig fehlen und die frei vorliegende Schädelbasis nur von den Gehirnhäuten oder einer blutigschwammigen Masse oder dem mangelhaft entwickelten Gehirn bedeckt ist. Eine solche Mißgeburt (Hemicephalie) ist nicht lebensfähig. E. Berns. Uennäesmus Ä. L-., Pflanzengattung aus der Fam. der^soispiackaosLs-DsripIoesas (V.2). Art: L. inäious L. L?., kletternder Strauch auf Ceylon u. in Ostindien. Die aus langen, schlanken, zahlreichen Fasern bestehende, süßlich aromatisch schmeckende Wurzel kommt als Ostindische Sassa- parille (Raäix sassapailUas inäious, R. nunnuri) in den Handel und soll die Kräfte der amerikanischen Sassaparille besitzen, zugleich als Magenmittel dienend. Heniiedric, s. Krystall. Hemikranie (Migräne), halbseitiger, periodisch austretender Kopfschmerz. Hemiopie, Halbsehen, Ausfallen (Defect) der rechten oder linken Hälfte des Gesichtsfeldes, beruht auf Lähmung der zugehörigen Netzhaut- Hälfte infolge von Leitungsunterbrechung bestimmter Sehnerveusasern; nicht selten mit halbseitiger Lähmung des ganzen Körpers verbunden. Ursache der H. sind intracranielle Processe, Gehirnblutungen, Geschwülste rc. StammeLhauZ. Hemiphorrum (v. Gr.), ein kurzes Oberkleid der Geistlichen in der alten Kirche. Hemiplegie (v. Gr.), halbseitige Lähmung. Uemlpters, die Schnabelkcrfe. Hemisphäre (v. Gr.), 1) Halbkugel, s. u. Kugel; 2) die eine Hälfte der Erdkugel; östliche im Gegensatz zur westlichen, nördliche im Gegensatz zur südlichen, ebenso die Hälfte der Himmelskngel; vgl. Erde; 8) eine Hälfte des großen Gehirns. Daher Hemisphärisch, in,Form einer Halbkugel. Hemitheoi (gr.), so v. w. Halbgötter. Hemitonlon (gr.), so v. w. Halber Ton. Hemitropie (v. Gr., Halbwendung), Verwachsung von Krystallen, so daß der eine die umgekehrte Lage des anderen hat; daher Hemitro- pisch, halbgewendet. Hemling, Hans, s. Memling. Hemlocklcder, s. Leder. Hcmman, in Schweden so v. w. Landgüter; sie sind königliche (Kron-H.), wenn sie der Krone Grundzins geben; od. freie, adelige Güter (Fräl-H.). Hemmen, 1) Wagenräder durch einen daran > — Hcn.ltüiig. gelegten Gegenstand im schnellen Laufe hindern (einhemmen). Wird das Hemmniß wieder weg- genommen, so hemmt man aus. Die Vorrichtungen znm H. sind: u) Klapperstecken, durch die Speichen der Räder gesteckte starke Stecken, die beim Herumdrehen durch ihre Elasti- cität in die nächste Speiche springen und dadurch den Wagen anfhalten; Labei leiden aber die Speichen sehr, d) Die Hemmkette, welche unten am Wagen befestigt ist, mittels eines Hakens um das Hinterrad geschlungen u. dann fest angezogen wird. Die Hemmvorrichtung schadet aber den Wa- ! gen, wie den Straßen, sehr, gewährt auch nicht !j die gehörige Sicherheit, da durch das Springen eines Kettengliedes das H. sogleich aufhört, o) Der Hemmschuh. Der hölzerne Hemmschuh ist ' ein länglicher, unten flacher Klotz, in welchen oben , eine schräge Rinne von der Breite des Wagenrades gehauen ist; der eiserne besteht aus einem starken, krumm gebogenen Stück Eisen, auf welchem 2 niedrige Seitenwände in der Entfernung der Radbreite befestigt sind. Diese Hemmvorrichtung ist umständlich und unsicher, denn es kostet ! Mühe, bas Rad des beladenen Wagens in den ^ Hemmschuh einzupassen; auch fährt das Rad im ! Fahren oft heraus, u. namentlich eiserne Hemm- , schuhe, besond. wenn sie schmal sind, schaden der Straße, ä) Die Bremse od. das Schleifzeug, welche die anderen Hemmvorrichtungen fast ganz verdrängt hat, da sie am einfachsten u. sichersten ist. Die Bremse besteht aus segmentartigen Holzstücken, die gewöhnlich durch Schrauben, oft durch Vermittelung von Hebeln, so fest gegen die Rad- umsänge gepreßt werden, daß die Räder verhin- ; dert werden sich zu drehen. Die Bremse muß so Z angebracht werden, daß der Fuhrmann dieselbe ( leicht erreichen n. handhaben kann. Bei Kutschwagen wird sie meist durch eine Kurbel vom l Kutschersitze aus bewegt, bei Frachtwagen ist sie s meist am Hinteren Ende des Wagens. Bei Eisenbahnfahrzeugen sind besondere Personen (Bremser) mit der Handhabung der Bremsen betraut, auch hat man häufig versucht, die Dampfkraft der Lo- comotive als Triebkraft für sog. Dampfbremsen zu benutzen. Um einen bergan gehenden Wagen beim Halten am Zurückgeheu zu hindern, benutzt man die Hemmgabel, welche am Hiutertheile des Wagens angebracht ist u. deren eiserne Spitzen in den Boden eindringen. Gieseler. ! Hcmmerlin, Felix, so v. w Hämmerlin. ^ Hcmuiinsi, Nikolaus, Draseuptur Dumas genannt, geb. 1513 auf der Insel Laaland; stu- ! dirte in Wittenberg unter Melanchthon Theologie, i wurde später Prediger in Kopenhagen, dann Pro- ! fessor der Griechischen u. Hebräischen Sprache an ! der dortigen Universität, 1557 Professor der Theo- ^ logie, sodann Vicekanzler; 1579 wurde er seiner Ämter entlassen, erhielt ein Kanonikat am Dom l zu Roeskild u. st. 1600. Er schr. u. a.: Luofti- > riäion tirsoio§ieum, Wittenb. 1558 f.; Outs- oiiismi guusstionss, 1560 u. ö.; Distoriu llosu 6 dr., 1562; Ds suis nuturus, ebd. 1566; Demonstratio inäuditutus vsritutis äs Domino llesu voro Dso et vero ftomins, 1571; 8/ntu§mu in- stitntionum ollristiunurum, Kopenh. 1574 u. L.; Commentare zu verschiedenen biblischen Schriften; 17S' Hemmingstedt — Henckel von Donnersmarck. Opuseula tbgoloL'iea, herausg. von S. Goulart, Straßb. 1586. l.» Hemmiugstedt, Kirchdorf im Kreise Südwest, dithmarschen der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, zwischen Meldorf u. Heide, am Rande der Marsch; 400 Ew. Hierl7.Febr.1500Sieg der Dithmarschen über die Dänen unter König Johann; die Schlacht wird auch nach dem Dorfe Eppenwöhrden benannt. Hemmstrauch ist I-arvsonia alba Hemmung, 1) jedes Hinderniß; 2) (Lollax- psmsub) Vorrichtung, durch welche der Gang eines Uhrwerks, das mit hin- und hergehendem Pendel resp. Unruhe versehen ist, gleichförmig gemacht wird. Näheres s. u. Uhren. Hemmungsbildung, Mißgeburt, bei der die embryonalen Organe auf einer niederen Stufe der Entwickelung stehen geblieben sind. Hempfield, Städtischer Bez. im Westmoreland County des uordamerik. Unionsstaales Pennsyl- vanien, von der Pennsylvania Centraleisenbahn durchschnitten; 8500 Ew. Hempstead, 1) County im nordamer. Unions- staale Arkansas, unt. 34" n. Br. u. 94" w. L.; 13,768 Ew.; Countysitz: Washington. 2) Städt. Bez. in Queens County, New-Aork, auf Long- Jsland, Eisenbahnstation; 12,000 Ew. Hemsbach, Kirchdorf im Amtsbez. Weinheim des bad. Kreises Mannheim, an der Bergstraße, Station der Main-Neckar-Bahn; altes Tempel- ritierschloß, Villa des Barons v. Rothschild, Weinbau; 1620 Ew. — H. kommt schon 792 als Villa vor und kam nach verschiedenen Besitzern im 14. Jahrh. von der Pfalz an Mainz, aber bald wieder an die Pfalz. 1410 wird zuerst die Burg H. erwähnt. 1485 wurde H. an Worms verkauft und hier residirteu die Bischöfe von Worms oft. 1705 wurde es an Kurpfalz verkauft. H- Berns. Hemskerk, 1) Martin, genannt van Veen, Historienmaler der Holländ. Schule, geb. 1498; studirte in Rom nach Michel Angelo u. st. 1575 in Haarlem; Zeichnung leicht, Colorit trocken, den Gesichtern mangelt Annehmlichkeit. 2) Egbert, Maler, st. zu Ende des 17. Jahrh.; er malte Bauernhochzeiten u. Conversationsstücke, mit richtiger Zeichnung u. lebhaftem Colorit. 3) Egbert, Sohn des Vor., geb. 1645; malte, in des Vaters u. Browns Manier, lächerliche Teufels- u, Hexen- Darstellnngen. Er st. 1704 in Leyden. Regnet.» Hemsterhuis, 1) Tiberius, holl. Philolog, geb. 9. Jan. 1685 in Groningen; studirte seit seinem 14. Jahre in seiner Vaterstadt Mathematik, dann in Leyden besond. unter Perizonius, arbeitete hier an der Universitäts-Bibliothek, wurde 1704 Professor der Mathematik ».Philosophie am Athenäum in Amsterdam, machte aber nun das Studium der Alten zu seinem Lieblingsgeschäft, las alle griech. Schriftsteller von Homer an durch, wurde 1717 Professor der Griech. Sprache und bald darauf der vaterländischen Geschichte in Fra- neker und 1740 in Leyden, wo er 7. April 1766 starb. Er ist einer der einflußreichsten Humanisten des 18. Jahrh., insbesondere auch iu Belebung des Studiums der Griech. Sprache u. Literatur, und gründete in Holland eine eigene philologische Schule, aus welcher Ruhnken u. Valckenaer hervorgingen; er vollendete die Leüerlinsche Ausgabe von Pollux Onomasticon u. gab heraus: Gespräche des Lukianos, den Plntos des Aristophanes, schrieb mehrere akademische Reden u. Abhandlungen (1784 von Valckenaer herausg.); seine Anmerkungen zu Thomas Magister, Kallimachos, Hesychios u. Pro- pertius stehen in den vorzüglichen Ausgaben dieser Schriftsteller. Vgl. Rnhnkens Liogium 8sm- sbsrlmsli, Leyd. 1768, n. A. 1789, von Linde- manu herausg., Lpz. 1822; ^.nseäota Hemster- buoiaaa gab Geel heraus, Leyd. 1825; Orabio- nss sb Lpwtolas, Friedemann, Weilb., 2. A. 1839; Rink, H. u. Rubriken, Königsb. 1801. 2) Franz, Philosoph u. Philolog, des Bor. Sohn, geb. 1720 in Groningen; lebte meist im Haag u. st. das. 1790 als erster Commis des Secretariats der Verein. Staaten. Er beniühte sich bei. den Lockescheu Sensualismus weiter auszubilden u. zu popularisiren, war übrigens ein Verehrer Platos und Jacobis. Bekannt ist sein Verkehr mit der Fürstin Galizyu u. dem Münsterschen Kreise. Seine Schriften (gesammelt von Jansen, als Osuvrss pirilos., Par. 1792, n. Ausl. 1809, 2 Bde., neueste Ausg. von S. van de Weyer, Löwen 1825—27, 2 Büe., u. deutsch, Lpz. 1782—97, 3 Bde., n. A. von Mey- boom,Leeuw.1846—50, 3 Bde.), enthalten archäologische und religionsphilojopbische Abhandlungen n. Dialoge; ^.ristss, ou äs la äiviuits, 1779; I-sbbrs äs Oioelss ä Oiotims snr l'atlrsisms, 1785; Loxlizäs, ou äs 1a püilosopiiis, 1778, u. a. Über ihn schr. Tydemann: ?rosvs ssnsr lokrsäö ox L, Leyd. 1834. U Eichhoff. L> Löffler. H enade (v. gr. von Hen, eins), so v. w. Monade. Hcuärcs, Nebenfluß des Jarama in Spanien; entspringt in der Prov. Guadalajara, nördlich von Siguenza, u. mündet nach einem Laufe von etwa 150 km bei Mejorada in der Prov. Madrid. Hencke, Karl Ludwig, geb. 8. April 1793 in Drusen; machte die Freiheitskriege mit, widmete sich, nachdem er an verschiedenen Orten Postmeister gewesen, astronomischen Studien, entdeckte 8. Dec. 1845 den Asteroiden Asträa und 1. Juli 1847 Hebe, wofür er vom König von Preußen eine Pension erhielt. Er st. 21. Sept. 1866 zu Marienwerder. Specht. Henckel von Donnersmarck, alte in Schlesien angesessene Familie, stammt aus Ungarn von dem Geschlechts der Grasen von Thurzo, aus welchem Petrus im 14. Jahrh. die Erbtochter der Familie von Henckel heirathete, den Namen derselben annahm u. mit dem seiner eigenen Besitzung Donnersmark (Marktflecken im Zipser Co- mitat) vereinigte. Der Urenkel dieses Petrus von Thurzo, H. v. D., Johannes Conradi primo- Asuitus, erwarb bedeutende Besitzungen in Österreich, u. Lazarus der Ältere, seit 1615 Freiherr, kaiserl. Geh. Rath u. Oberdirector aller Bergwerke in den österr. Erbstaaten, stiftete aus der Standesherrschaft Beuthen-Tarnowitz u. der Min- derherrschaft Öderberg in Oberschlesieu mit allen landesherrlichen Hoheitsrechten re. ein Fideicom- miß für seine männlichen Descendeuten. Sein Sohn Lazarus der Jüngere wurde 5. März 1661 sammt seinen Nachkommen mit allen Vorrechten wirklicher alter Reichsgrafen in den Reichs» grasenstand erhoben. Nachdem von seinen 3 Söhnen der mittlere gestorben, rheilten die beiden über- 180 Hendeka — Hendcrson. lebenden Brüder, Elias u. Georg Friedrich, u. als des Ersteren Stamm der Oderberger später ausstarb, wurde deren Herrschaft allodificirt u. ist Georg Friedrich auf Tarnowitz-Neudeck der Stammvater der beiden jetzt noch blühenden Linien, der älteren, der katholischen Linie zu Beuchen, u. der jüngeren, der evangelischen Linie aus Tarnowitz u. Neudeck. Die ältere Linie besitzt in Oberschlesien die Fideicommißherrschast Beuchen nebst den Herrschaften Sieniianowitz, Guretzko, Lassowitz mit Sowitz, inKärnthen die Herrschaften Wolfsberg, St. Leonhard, Groß-Reiüelen u. Wie- senau u. ist deren Chef seit 9. Ang. 1699 freier Standesherr von Ober-Beuchen u. seit 12. Oct. 1854 erbliches Mitglied des Herrenhauses. Die jüngere Linie zerfiel mit den Söhnen des Stifters, Grafen Maximilian (gest. 1770), in zwei Zweige, u. brachte der Gründer des ersten Zwei- Graf Leo Maximilian, wieder die freie Standeswürde an die Linie. Aus dem zweiten Zweige erwähnenswerth: Graf Victor Amadeus, geb. 15. Sept. 1727, zeichnete sich bes. im Siebenjährigen Kriege aus u. wird als einer der kenntnißreichsten Offiziere der preuß. Armee gerühmt. 1769 beorderte ihn Friedrich II., dem Feldzüge der Russen gegen die Türken bei- znwohnen. 1790 erhielt er den Oberbefehl über das an der Manischen Grenze aufgestellte preuß. Armeecorps. Er st. 31. Jan. 1793 als preuß. Generallientenant und wurde sein Militärischer Nachlaß, 2 Bde., Zerbst 1847—49, von Zabeler heransgegeben. Sein älterer Sohn, Gras Wilhelm Ludwig Victor, geb. 30. Oct. 1775 in Königsberg (nach Anderen in Potsdam), trat 1789 in ein preuß. Dragonerreginjent, wurde 1803 Rittmeister bei der Karls cln oorps und machte als Major den Feldzug von 1807 mit. 1810 zum Flügeladjntanten ernannt, war er der Gratnla- tionsgesandtschaft zur Vermählung des Kaisers Napoleon mit Marie Louise zugetheilt. Am russ. Feldzüge nahm er als Adjutant Jorks theil und brachte von dem von Jork am 30. Dec. geschlossenen Waffenstillstand mit den Russen dem König Friedrich Wilhelm die erste Nachricht. 1813 war er zuerst Adjutant des Königs, dann Conimau- deur einer Reservecavaleriebrigade des 1. Armeecorps, befreite nach der Schlacht bei Leipzig, mit Verfolgung des Feindes beauftragt, 4000 Gefangene, welche die Franzosen nach Dresden bringen wollten, wurde Generalmajor, machte den Feldzug 1814 mit, erhielt 1815 die 4. Jnsanteriebrigade, focht bei Ligny und Belle-Alliance, wurde dann Commandenr der Reservecavalerie des 5. Armeecorps n. blieb bei der Occupationsarmee in Frankreich. Im Winter 1818—19 kehrte er mit derselben zurück, erhielt das Commando der 8. Division mit dem Oberbefehl über die Festung Torgau, nahm jedoch 1821 als Generallieutenant seinen Abschied; er lebte seitdem auf seinem Gute Tiefensee bei Düben, nachdem er dies verkauft hatte, seit 1842 in Dessau u. st. 24. Juli 1849 in Dresden. Er sehr.: Erinnerungen aus meinem Leben, Zerbst 1846. Lagai. Hendeka (gr.), 1) eilf; 2) (o5 kr-öx-ca) Eilf- männer, eine Behörde in Athen, welcher die Überwachung der Gefängnisse und deren Insassen, die Sorge für ordnungsmäßige Vollstreckung der To- desurtheile oblag, sodann die auf der That getroffenen Verbrecher zu verhören und, wenn sie gestanden, sofort zu bestrafen, u. sonst in der gerichtlichen von ihnen eingeleiteten Untersuchung den Vorsitz zu führen; endlich hatten sie über die confiscirten Güter Buch zu führen, verborgen gehaltene Staatsgüter anzuzeigen, den betreffenden Finanzbeamten (Poleten) zum Verkaufe zu überweisen, über desfalls entstehende Rechtsstreitigkeiten den Proceß einznleiten u. dem Gerichte vorzusitzen. Sie wurden ans den 10 Phylen gewählt, aus jeder einer, wozu noch ein Graminateus kam. Lagai. Hendekagörmm (gr.), regelmäßiges elsseitiges Polygon. Hendekasljlläbi (v. Gr.), 1) elfsilbige Verse, z. B. der Sapphische, Alkäische; 2) (Phaläkische Verse) als eigene Bersart, nicht, wie bei Horaz, untermischt mit anderen; befand, von Catull gebraucht u. vorzugsweise zu tändelnden Gedichten sich eignend; ihr Schema ist: §irrti- vos iroinillnin ^ vläsnb amorss Hendel-Schütz, Johanne Henriette Rosine, unübertroffene mimische Künstlerin u. tüchtige Schauspielerin, gyh. 13. Febr. 1772 zu Dö-- beln in Sachsen, Tochter des Schauspielers Schüler. Schon im jugendlichen Alter Figurantin beim Ballet, auch schauspielerisch thätig, heirathete sie 1783 den Tenoristen Ennicke, dem sie 1789 nach Mainz und Bonn, 1792 nach Amsterdam, 1794 nach Frankfurt und von hier wieder zurück nach Berlin folgte, wo sie mit Beifall hochtragische u. sentimentale Rollen gab. Von Ennicke geschieden, verließ sie 1802 das Theater, heirathete den Arzt Mayer in Stettin n. nach abermaliger Scheidung den Stadtarzt H., dessen baldiger Tod sie veran- laßte, in Berlin von 'Neuem die Bühne zu betreten, n. nachdem sie 1811 den Professor F. K. I. Schütz geheirathel hatte, unternahm sie mit diesen! eine Kunstreise Lurch Deutschland, Dänemark, Schweden, Rußland, Holland n. Frankreich, ans der sie in mimisch-plastischen Darstellungen eine große Kunst entwickelte. Unterstützt wurde sie bei Liesen Darstellungen durch ihre Tochter Thekla, die das Großartigste als mimische Künstlerin versprach, aber schon im 12. Jahrs, 21. Oct. 1815, zu Köln verstarb. 1818 nach Halle zurück-- gekehrt, verließ H. 1820 das Theater, trennte sich 1824 von S. u. zog 1832 nach Köslin, wo sie 4. März 1849 starb. Vgl. Blumenlese aus dem Stammbuche der deutschen mimischen Künstlerin H.-S., Lpz. 1815; Joh. Falls Aussatz in der Urania 1813; Peroux-Ritter, Pantomimische Stellungen der H.-S., Franks.; Erinnerungen an H.-S., Darmst. u. Lpz. 1869. Kürschner. Hcrrderson, Counties in den Nordamerika!!« Unionsstaaten, 1) in Illinois unter 40° n. Br. n. 90° w. L.; 12,582 Ew.; Countysitz: Okuawka. 2) in Kentucky unter 37° n. Br. u. 87° w. L.; 18,457 Ew.; C-sitz: Henderfon, Eisenbahnstation am Ohio, 4200 Ew. 3) in NCarolina n. 35° n.Br. u. 82° w. L.; 7706 Ew.; C-sitz: Hendersonville. 4) in Tennessee unt. 35° n. Br. u. 88° w. L.; 14,217 Ew.; C-sitz: Lexington. 5) in Texas unt. 32°n.Br. u. 95°w. L.; 6786Ew.; C-sitz: Athens. 181 Hcndiadys — Hendiadys (griech., eigentlich Hendiadyoin, d. h. Eins durch zwei), syntaktische Figur, nach welcher statt eines ALjectivs ein mit dem anderen Substantivum durch und verbundenes Substanti- vum gesetzt wird, z. B. wir opfern auf Gold u. auf Schalen, statt auf goldenen Schalen. Hendon, Dorf in der engl. Grafschaft Middle- sex, 11 km nördlich von London, am Brent; dabei Millhill, lateinische Schule protestantischer Dissidenten, und das vonJesuitengeleitete Josephs- College zur Ausbildung von Jesuiten für die britischen Colonien; 4544 Ew. Hendrichs, Hermann, vorzüglicher Schauspieler, geb. 17. Oct. 1809 zuKöln. Non seinem Vater, einem Postbeamten, zum Kaufmann bestimmt, fand H. auf einem Liebhabertheater in Frankfurt a. M. Gelegenheit, schauspielerische Talente zur Geltung zu bringen, entsagte bald dem Handel u. widmete sich, nach vorangegangenen Studien bei Elise Bürger, der Bühne. Als Kostnsky deblltirte er in Darmstadt mit gutem Erfolg, ward 1831 als erster Liebhaber für das Frankfurter Stadttheater engagirt, ging 1837 nach Hannover, schon damals auf Gastspielreisen außergewöhnlich gefeiert; 1840 wurde er an das Berliner Hoftheater berufen, an das er auch nach einem 4jährigen Engagement in Hamburg zurückkehrte. 1864 pcnsionirt, unternahm er große Gastspielreisen, die ihn bis nach Rußland und Amerika führten. Allwinterlich trat er am Berliner Victoriatheater auf, übernahm im Oct. 1871 auch die Leitung dieses Instituts, st. aber bereits 1. Nov. gen. Jahres. Der letzte Romantiker der deutschen Bühne, besaß H. alle Eigenschaften, die einen Schauspieler groß machen. Fast das ganze Gebiet der Heldenliebhaber und Helden beherrschte er mit souveräner Gewalt. Sein Laganar, Ferdinand, Bruno (Mutter u. Sohn), Don Carlos, später Oerindur, Rochester, Götz, Strahl, Teil n. a. enthusiasmirten geradezu das Publicum. Kürschner. Hendricks, County im Nordamerika». Unionsst. Indiana unt. 39° u. Br. u. 85° w. L.; 390 dW L0,277 Ew.; Conntysitz: Danville. Hendschel, Albert, Zeichner, geb. 1834 in Frankfurt a. M., Sohn des bekannten Herausgebers des Telegraphen, erhielt auf dem Gym- nasium seiner Vaterstadt seine allgemeine, auf der Städelschen Kunstschule seine künstlerische Bildung und malte bis 1865 unter Jak. Beckers Leitung, woraus er 1869 und 1870 in Italien lebie. Hauptwerke: sein Skizzenbuch, in welchem H. launige und lachende Spiegelbilder der kleinen wie der großen Welt gibt, in welchen er mit dem Reiz des äußeren Scheins achtes Leben, Wahrheit der Empfindung und Naivetät der Auffassung, Innigkeit mit köstlichem, schalkhaften Humor verbindet, auch wol zum losen Spottvogel wird, unter Lessen Hand sich die Schilderung von Personen, Handlungen und Zuständen zur Karikatur zuspitzt. R-gn-t. Hcneqnen, s. Sisalhanf. Hengist u. Horsa, nach der Sage edle Nie- dersachsen, Witgils Söhne, kamen, 449 (446) aus dem Vaterlande verbannt, mit drei Schiffen zu dem, von den Picten und Scoten bedrängten König Vortigern in Britannien, landeten bei Ux- Hengstenberg. winsfleet in Kent, schlugen den Feind, zogen eine Schaar ihrer Stammesgenossen nach sich und erhielten für sie Sitze in Kent, Essex, Wessex und weiter nach Norden. Als Vortigerns Söhne Vortimer und Catigcrn gegen die immer mehr sich ausdehnendeu Einwanderer zu Felde zogen (455), fiel Horsa bei Aegelsthorp durch Catigerns Hand und mußte Hengist fliehen, aber 456 schlug Hengist mit seinem Sohne Aesc die Briten und nannte sich seitdem König von Kent; 465 und 473 besiegte Hengist die Briten nochmals u. st. 488. So die angelsächsische Sage; die Geschichte bezweifelt die Existenz der Beiden. Vgl. Lappenberg, Gesch. v. England, Bd. 1, Hamb. 1834. Die britische noch weniger haltbare Sage läßt Hengist die Insel Ruithiua (Thanet) zum Geschenk erhalten und dann Verstärkung aus der Heimath holen; dann habe Vortigern für Hengists Schwester Rovenna Kent gegeben, sei aber vom Volke abgesetzt worden, worauf Vortimer den Horsa tödtete und den Hengist zur Flucht trieb; der nach Rovennas Tod zurllckgerufene Vortigern habe dann auch den Hengist wieder gerufen, doch da diesem sein Land verweigert worden, sollten 500 Sachsen und 500 Briten den Streit gütlich schlichten, aber Hengists Leute zogen, als sie mit den Briten zusammenkamen, die verborgen gehaltenen Messer und tödteten die Briten, für Vortigerns Freiheit aber mußte den Sachsen Sussex, Essex n. Middle- sex abgetreten werden. Lagai. Hengstenberg, Ernst Wilhelm, Intherisch- confessionalistischer Theolog, geb. 20. Oct. 1802 in Fröndenberg in der damaligen Grafschaft Mark, stndirte seit 1820 in Bonn Philologie u. Orientalische Sprachen, u. gehörte dort dem freisinnigen Verein und der vorwärtsschreitenden Richtung in politischer und auch wissenschaftlicher Rücksicht an; 1823 ging er nach Basel als Privatlehrer der Orientalischen Sprachen, woher er 1824 mit einer zur kirchlichen Orthodoxie geänderten Richtung zurückkehrte und Privatdocent der Theologie, 1826 anßerordentl., 1828 ordentl. Professor u. dann auch Consistorialrath in Berlin wurde; er starb hier 28 . Mai 1869. H. übte einen tiefgreifenden Einfluß auf die preuß. Landeskirche, namentlich Lurch die seit 1827 erscheinende Evangelische Kirchenzeitung, die mehr und mehr das orthodoxe Lntherthum vertrat und selbst strebte die preuß. Union auf eine Consöderation zurückznführen. Das größte Aufsehen machte die in derselben enthaltene Abhandlung H-s über die Rechtfertigung, welche auch eine Denkschrift des Oberkirchenraths hervorries. Er schr.: Übersetzung der Metaphysik des Aristoteles, Bonn 1824, 1. Bd; Christologie des A. L., Berlin 1829—35, 2. Anfl., ebd. 1855; Beiträge zur Einleitung ins A. T., ebd. 1831 bis 1839, 3 Bde; Die Bücher Mosis u. Ägypten, ebd. 1841; Die wichtigsten und schwierigsten Abschnitte des Pentateuchs, ebd. 1842; Commentar über die Psalmen, Berl. 1842—45, 4 Bde., 2. A. 1849—52; Commentar über die Offenbarung Johannis, ebd. 1850 f., 2 Bde., 2.Aufl. 1861 — 62 ; Das Evangelium des heil. Johannes erläutert, 2 Bde., Berl. 1861—62, 2. Ausl. 1867—69; Das Hohelied Salomonis ausgelegt, Berl. 1853; aus seinem Nachlaß: Die Weissagungen des Pro« 182 Hcnhöfer pheten Ezechiel, S Thle., Berl. 1867—68; das Buch Hiob erläutert, Bert. 187V; Gesch. d. Reiches Gottes unter dem alten Bund, 3Bde., Berl. 1869 bis 1871; vgl. Ad. Müller, H. u. die Evangelische Kirchenzeitung, Berl. 1856, 3. Aufl. 1857; Bachmann, E. W. H., Gütersl. 1876, 2 Bde. Löffler. Henhöfer, Aloys, Theolog, gcb. 11. Juli 1798 zu Völkersbach bei Karlsruhe, anfangs Hauslehrer in der Familie von Gemmingen in Karlsruhe, wurde 1818 katholischer Pfarrer in Mühlhausen bei Pforzheim, trat 1822 mit 167 Pfarrkindern, darunter der Gutsherr und Lessen Familie, zur Evangelischen Kirche über u. wurde Pfarrer in Graben, später Spöck, wo er 5. Der. 1862 starb. Hauptschriften von H., Tübing. 1822, Heidelb. 1824; von Tzschirner, Lpz. 1823. Biogr. v. Ledderhose, Heidelb. 1863. Löffler. Henikstein, Alfred von, geb. 10. Juli 1810 in Döbling bei Wien; Sohn des jüdischen Bankiers Ritter v. H., trat, Christ geworden, 1827 in das Ingenieur-Corps, avancirte rasch, so daß er 1854 bereits Generalmajor war, und wurde 1859 wegen feiner Verdienste im italienischen Kriege Feldmarschall-Lieutenant und in den Freiherrnstand erhoben. Nach dem Kriege war er vorerst Kommandant des 5. Armee-Corps in Verona und später Generalstabschef iin Kriegsministerium. Dieser Stelle war er jedoch nicht gewachsen, denn im Jahre 1866 wurde er wegen seiner großen Fehler, die er vor und während der Schlacht bei Äöniggrätz machte, sofort seiner Function enthoben und vor ein Kriegsgericht gestellt, das zwar später wieder eingestellt wurde, jedoch ihn veranlaßte bleibend in den Ruhestand zu treten. Teicher. Henin-Lictard, Flecken im Arr. Böthune des franz. Dep. Pas-de-Calais, Station der franz. NBahu; Glashütte, Battistweberei, Ölfabrikation; 5029 Einw. Heniöchos (gr.), 1) bei den alten Griechen der Wagenlenker. 2) das Sternbild des Fuhrmanns, vgl. Erechtheus. Henke, 1) Heinrich Phil. Konrad, rationalistischer Theolog., Kirchenhistoriker, geb. 3. Juli 1752 zu Hehlen iin Braunschweigischen; studirte in Helmstädt Theologie und wurde hier 1777 Professor der Theologie, 1801 Generalsuperiniendent, 1803 Vicepräsibcut des Consistoriums u. Curator des Carolinum in Braunschweig, so wie Abt zu Königslutter u. st. 2. Mai 18u9; er schr.: Geschichte der Christlichen Kirche (sein Hauptwerk), Braunschw. 1788 —1804, 6 Bde., davon 4 erste Bde. in 4. Ausl., ebd. 1800—1806, dazu Bd. 7 bis 9, 1818—20, von Vater; lausamsnta. iustn- tutiouum tiäsi ebrist., Helnist., 1793, 2. Aufl, 1795 (deutsch ebd. 1803); Magazin für Religionsphilosophie, Exegese und Kirchengeschichte, ebd. 1793—1804, 12 Bde.; Archiv für die neueste Kirchengeschichte, Weim. 1794—99, 6 Bde.; Ense- bia, Zeitschrift, Helmst. 1796—1800, 3 Bde.; Religionsannalen, Braunschw. 1800—5, 12 St.; Museum für Religionswissenschaft, Magdeburg 1803—9, 3 Bde.; Kirchengeschichte des 18. Jahrh., Braunschw. 1802; OMsonis. aoaäsmioa, Lpz. 1802; vgl. Bollmann n. Wolfs, Denkwürdigkeiten aus H-s Leben, Helmst. 1816. 2) Adolf Christ. Heinr., Professor derMedicin und besonders der — Heule. Staatsarzneiknnde, gcb. 12. April 1775 in Braun- schweig; studirte in Göttingen u. Helmstädt, pro- movirte hier 1799, ließ sich 1802 in Braunschweig als prakt. Arzt nieder, wurde 1806 außerordeml. Professor der Heilkunde in Erlangen, 1816 bahr. Hofrath, ordentl. Professor der Therapie, Klinik und Staatsarzneiknnde, Director des klinischen Instituts, 1825 Abgeordneter der Universität in der zweiten Kammer u. st. 8. August 1843. H. repräsentirre am würdigsten die deutsche gerichtliche Medicin, theils in seinem Lehrbuche derselbe» (seit 1812 13. Aufl.), theils in seinen Abhandlungen und dem höchst umsichtig redigirten Journale für Staatsarzneiknnde. Eine rühmenswerthe Leistung ist seine anonym herausgegebene: Darstellung der Feldzüge der Verbündeten gegen Napoleon in den Jahren 1813-15, 4 Bde. 1814—16. 3) Her- mann Wilhelm Eduard, bedeutender Crimi- nalist, Bruder des Vorigen, geb. 28. Sept. 1783 in Braunschweig; studirte in Helmstädt u. Göttingen die Rechtswissenschaften, hadilitirte sich 1806 in Erlangen und 1808 in Landshut, wurde 1813 Stadtgerichtsassessor in Nürnberg, 1814 Professor in Bern, 1832 Oberappellationsgerichtsrath in Wolfenbüttel und 1833 Geh. Jnstizrath u. Professor d. Rechte in Halle; 1857 emeritirt, st. er 14. März 1869 in Braunschweig. Er schrieb u. a.: Gejch. des Deutschen peinlichen Rechts u. der peinlichen Rechtswissenschaft, Sulzb. 1808 s., 2 Bde.; Über den streit der Strafrechtstheorie, Regensb. 1811; Lehrbuch der Strafrechtswissenschast, Zür. 1815; Handbuch des Lriminalrechts und der Criminal- rechlspotitik, Berl. 1823—38, 4 Bde. 4) Ernst Ludwig Theodor, Kirchenhistoriker, Sohn von H. 1), geb. 22. Febr. 1804 in Helmstädt, 1828 Professor am Carolinum in Braunschweig, 1833 Professor der Theologie in Jena, 1836 Consi- storialrath und Director des Predigerseminars in Wolsenbnttel, 1839 Professor der Theologie und seit 1849 zugleich Ephorus des theologischen Seminars in Marburg, st. 1. Dec. 1872. Er schr.: I'irsoloAorum Laxonieormn vonasnvus rspstitnis, Mark. 1846; Oonssnsns rvpsbrtmo ücioi vers l-nbstoianLs, ebd. 1847. Georg Calixt und seine Zeit, Halle 1853—1860 (sein Hauptwerk); Papst Pius VII., Mark. 1860; Konrad von Marburg, ebd. 1861; Kaspar Peucer und Nic. Krell, ebd. 1865; Jakob Friedrich Fries, Lpz. 1867; Zur neueren Kirchengeschichte, Marb. 1867; Aus seinem Nachlaß herausgeg.: Neuere Kirchengesch., Halle 1864 ss.; Ergebnisse und Gleichnisse, Lpz. 1874. Vorlesungen über Liturgik und Homiletik, Halle 1876. r» u. 4) Löffler. L, Thamdayn. s> L. Henkel von Donnersmark, s. Henckel. Henken, so v. w. Hängen; Henker, s. u. Scharfrichter. Henle, Friedrich Gustav Jakob, einer der tüchtigsten Physiologen und Anatomen der Gegenwart, geb. 19. Juli 1809 in Fürth, studirte seit 1827 in Bonn n. Heidelberg; wurde 1834 Prosec- tor der medic. Facultät zu Berlin. Als Mitglied der Burschenschaft eingezogen, aber begnadigt, habili» tirte er sich 1837, las besonders Mikroskop. Anatomie u. allgem. Pathologie, ging als strosessor der Anatomie und Physiologie 1840 nach Zürich, 1844 nach Heidelberg und 1852 als Professor der 183 Hcnlcy — Anatomie und Direktor der anatomischen Anstalt nach Göttingen. H. ist mit Pfeufer Begründer der sogenannten rationellen Meinem, der znsolge Physiologie und Pathologie eins sind, während Wunderlich die Pathologie als Physiologie des kranken Menschen auffaßt. Er schr.: ÜberNarcine, Berlin 1834; Lz'mdoias all anatom. villornm in- isstinaiinm, ebd. 1837; Über Schleim- n. Eiterbildung, ebd. 1838; mit I. Müller, Beschreibung der Plagiostomen, ebd. 1841; Pathologische Untersuchungen, ebd. 1840; Vergleichende Anatomie des Kehlkopfs, Lpz. 1839; Zoolog. Beschreibung der Haifische und Nochen. Berl. 1841; Allgemeine Anatomie, ebd. 1841 (ist der 6. Theil der neuen Ausgabe von Sömmerings Anatomie); Handbuch der rationellen Pathologie, Braunschw. 1846—52, 2 Bde. (sein Hauptw.); Handbuch d. systematischen Anatomie, ebd. 1855ff., 2 . A. 1871 ff.; außerdem lieferte er von 1838—42 die Berichte über Pathologie für Canstatts Jahresberichte, die über allgemeine Anatomie sür Müllers Archiv von 1846—49 und die über specielle und allgemeine Anatomie von 1838—55. Mit Pssufer gründete er 1841 die Zeitschrift für rationelle Mediein. Thamhayn. Hcnley (H.-on-Thames), Marktflecken in der englischen Grafschaft Oxford, an der Themse, Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Handelsschule, Handel mit Malz, Mehl und Korn; 4523 Ew. Henlopen, Borgeb. an der Küste des nordamerikanischen Unionsstaates Delaware. Henna, so v. w. Enna (s. d.). Henne, 1) Jos. Anton, schweiz. Historiker u. Dichter, geb. 22. Juli 1798 zu Sargans in der Schweiz; sollte im Kloster Pfässers Mönch werden, verließ es aber, wurde 1823 Lehrer der Geschichte an dem Fellenbergschen Institut inHof- wyl, trat 1826 als Kantons- und Stiftsarchivar in St. Gallen in den Staatsdienst, bethciligte sich 1830 an der demokratischen Verfassnngsreform, 1834 übernahm er die Professur der Geschichte und Geographie an der kath. Kantonsschule, von welcher Stelle ihn aber die ultramontane Partei 1841 verdrängte, wurde 1842 Professor der Geschichte an der Universität Bern, kehrte 1855 nach St. Gallen zurück, wo er Stiftsbibliothekar und 1862 Aetnar des kantonalen Erziehnngsrathes wurde u. st. 22. Nov. 1870 zu Wolshalden (Kant. Appenzell). Sehr geschätzt war er als Volksredner. Er schr.: Lieder und Sagen aus der Schweiz, Bas. 1824, n. Ausg. 1827; Divico oder die Lemanschlacht, Epos, Stuttg. 1826, 2 Bde.; Schweizerchronik sürs Volk, St. Gallen 1828—35, 3 Bde., 2.Aufl. 1840—43; Allgemeine Geschichte, 1. u. 2. Buch, Schaffhansen 1845 u. 46; Der Sonderbnnd u. seine Auflösung, ebd. 1848; Gesch. der kirchlichen Vorgänge in der kath. Schweiz, Mannh. 1851 ; Schweizergeschichte für Volk und Schule, St. Gallen 1857 u. ö.; Die Klingenberger Chronik, Gotha 1861; Manethos, die Origines uns. Geschichte u. Chronologie, ehd. 1865n. a. m. 2 ) (H.-Am Rhyn) Otto, Sohn des Vor., Cultur- historiker, geb. 26. Aug. 1828 zu St. Gallen, wurde 1852 Reg.-Secretär daselbst, 1857 Professor an der Kantonsschule, 1859 Staatsarchivar, begab sich 1872 nach Leipzig, wo er u. a. die neue Ausgabe von Ritters Lexikon besorgte und die Freimaurer- Hcmicberg. Zeitung redigirte, n. übernahm 1877 die Redaction eines polit. Blattes in Hirschberg. Schr.: Gesch. des Kantons St. Gallen, St. Gallen 1863; Gesch. des Schweizervolkes, Leipz. 1864—66 , 3 Bde.; Das Buch der Mysterien, St. Gallen 1868; Die Cnlturgeschichte im Lichte des Fortschritts, Leipz. 1869; Allgem. Cnlturgeschichte, ebend. 1877—78, 2. A., 6 Bde.; Die Deutsche Volkssage, ebd. 1874; Anonym: Xällrio stab; Die Freimaurerei in 10 Fragen u. Antworten, St. Gallen, 4. Aust. 1870 n. a. m. Der Beiname Am Rhyn ist der Familienname seiner Gattin. S. Henneberg, 1) sonst gefürstete Grafschaft Deutschlands, zum fränkischen Kreise gerechnet; von Thüringen, Hessen, Fulda, Wllrzburg und Sachsen begrenzt; 1926 s^jlrm (35sDM) mit (1803) 105,000 Ew.; gebirgig Lurch das Thüringer Waldgebirge und die Rhön, bewässert durch die Werra und einige Nebenflüsse derselben. H. ist jetzt gctheilt unter: a. Preußen (die Herrschaft Schmalkalden, Schlensingen, Suhl,Kühndorfu. e. a.), 729 (13,25 (UM); l>. Weimar (Ilmenau, Ostheim, Kaltennordheim u. a.), 289 f^iem (5,2g ÜZM); e. Meiningen (Meiningen, Maßfeld, Salzungen, Franenbreitnngen, Behrungen, Röm- hild rc.), 646 f^Icm ( 11 , 7 g H>M); ci. Koburg- Gotha, 247,g H,km (4,g Außerdem besitzt Stolberg-Wernigerode unter preußischer Hoheit Len Flecken Schwarza. 2 ) Dorf im Kreise Meiningen des Herzogthums Sachsen-Meiningen, 9 icm süd- südwestlich von der Stadt Meiningen, mit der Ruine des gleichnam. Schlosses, dem Stamm- schlossc der Grafen von H., das 1525 im Bauernkriege zerstört ward; 570 Ew. Henneberg gehörte vormals den Grafen von Grabfeld; von denen sich Poppo nach dem Schlosse H. (Hainberg) Graf von H. nannte und 1037 zuerst als solcher vorkommt. Seine Söhne Poppo II. und Gottwald I. theilten; des Ersteren Linie, die u. a. Wasungen hatte, st. nach 1198 mitPoppolV. u. Gottwald III. aus; das Hauptgebiet erhielt Gottwald II.; er setzte den Stamm fort und st. 1144 als Burggraf von Würzburg; von seinen Nachkommen stiftete Otto II. wieder eine Nebenlinie (H.-Bodenlaube, die mit dessen Sohn Otto III. erlosch); Poppo VII. erhielt mit seiner zweiten Gemahlin, Jutta, Tochter des Landgrafen von Thüringen, die Anwartschaft auf die thüringischen Allodialgüter. Er hatte zwei Söhne, Heinrich III. und Hermann I-, welche wieder theilten; der Letztere, durch seine Mutter Jutta ein Stiefbruder Heinrichs des Erlauchten, wurde von diesem um 1260 als Statthalter von Thüringen eingesetzt, bis sein Neffe Albrecht die Landgrasschaft selbst übernahm. Hermanns Stamm erlosch mit seinem Sohne Poppo VIII. 1291, worauf seine Güter, meist aus den thüringischen Erbgütern von seiner Großmutter Jutta her bestehend, an seine Schwester Jutta von Brandenburg steten. Heinrich III. hatte drei Söhne, welche 1274 theilten. So entstanden die Linien: a. H.-Hardenberg-Röm- hild, die schon 1378 mit Berthold X. erlosch, nachdem er zuvor 1371 seine Herrschaft an Hermann V. zu Ascha verkauft hatte. I>. H.-Ascha, welche nach Erwerbung Römhilds Ascha verkaufte, sich seitdem H.-Römhild nannte, 1447 die Für- 184 Hemiebcrg - stenwürde erhielt, öfter theiltc und 1549 mit Al- brecht erlosch, c. H. - Schleusingen, die bedeutendste Linie. Aus dieser wurde Berthold VII. 1310 in den Fürstenstand erhoben und kaufte 1312 die Neue Herrschast oder die sogenannte Pflege Kvbnrg, wozu Heldburg, Hilburghausen, Koburg, Schweinfurt re. gehörten. Er gab die Burggraseuwürde ab, führte das Majorat in seinem Lande ein und st. 1340. Wilhelm VII. vereinigte 1549 den ganzen Besitz von H.; aber von vielen Schulden gedrängt, schloß er 1554 mit Herzog Johann dem Mittlern von Sachsen, dessen Brüdern und Hessen einen Erbvertrag, durch welchen das Sachsen-Ernestinische Haus gegen Übernahme von 130,474 Gulden und die 20jährige Verzinsung, die Anwartschaft auf H. erhielt, von welcher 1573 ein Theil (^-) auf die albertinische Linie des Hauses Sachsen übertragen wurde. Nur Schmalkalden wurde an Hessen überlassen. Daher nahm der Kurfürst August von Sachsen nach dem Tode des letzten Fürsten Georg Ernst von H. 1583 für sich und die beiden Herzoge von Weimar, deren Vormund er war, von H. Besitz, der bis 1660 gemeinschaftlich blieb. In der endlichen Theiluug erhielt Herzog Moritz zu Sachscn-Zeitz Schleusingen, Suhl, Kllhndorf, Rohr, Veßra; Herzog Friedrich Wilhelm zu Alteuburg-Mein- ingen Themar, Maßfeld, Behrungeu-Milz u. H. selbst; Herzog Wilhelm und Herzog Ernst zu Weimar und Gotha beide Ilmenau, Frauenbreit- ungen, Sand und Wasungen. Nach Aussterbeu der Linie Sachsen-Zeitz fiel dessen Antheil au Kursachsen und 1815 kam derselbe an Preußen; mit Aussterben der Linie Sachsen-Gotha 1826 kam der größte Theil des ganz zerstückelten Gebietes von H. an Sachsen-Tsteiningen, -Hildburghausen. Vgl. Brückner, Hennebergisches Urkundenbuch, Memigen 1857. H> Berns. Henne-Am Rhyn.» Henneberg, 1)Joh. Wilh. Jul., Agricultur- chemiker, geb. 10. Sept. 1825 zu Wasserlebeu, Pros. Sachsen, studirte Naturwissenschaft, speciell Chemie in Brauuschweig, Jena u. Gießen. 1851 Secretär des landw. Vereins für Brauuschweig und der Königl. landw. Gesellschaft für Hannover, 1857 Vorsteher der Versuchsstation Weende bei GLttingen, seit 1874 in Göttingen Professor. Bekannt durch seine Fütterungs- und Respirations- Versuche, deren Resultat er veröffentlichte in: Beiträge zur Begründung einer rationellen Fütterung der Wiederkäuer, Brschw. 1860 ff. u. v. a. 2) Rudolph, Geschichtmaler, geb. zu Brauuschweig 13. Sept. 1826, war zuerst Auditeur, gab aber 1850 den Staatsdienst auf, um sich in Antwerpen der Kunst zuzuwenden, ging 1852 nach Paris und bildete sich dort drei Jahre unter Contures Leitung, worauf er 1857—63 in Italien, 1863 bis 1865 in München, 1866—73 in Berlin lebte. Seit 1873 verweilte H. in Rom u. st. 14. Sept. 1876 in Braunschweig. Hauptwerke: Die Jagd nach dem Glücke (1868, in der Nationalgalerie zu Berlin), Wandgemälde in Eltcaustik in der Villa Warschauer. H. zeigt einen gewissen Zug nach dem Phantastischen, gepaart mit realistischer Darstellung. 1) Marx. Lj Regnet. Hennebont, Stadt im Arr. Lorient des franz. Dep. Morbihan, am Blavet unweit des Oceans, - Hennegau. Station der Orleansbahn; Fricdensgericht, schöne KircheNotre-Dame de Paradis aus dem 16.Jahrh.; Schiffbau, Sägewerk, Gerberei, Steiubrllche, Ka- stauienbau, Handel mit Eisen, Getreide, Honig, Wachs, Cider und Wein, Flußhafen, Seebäder, 6 Jahrmärkte; 5498 resp. 4341 Ew. H. war ehemals stark befestigt. H- Berns. Hennef, Flecken im Siegkreise des preuß. Regbez. Köln, an der Sieg, Station der Köln- Mindener und der Brölthal-Eisenbahu; Eisengießerei u. Fabrik landwirthschastlichcr Maschinen (größteMähmaschincufabrikDeutschlands); 600Ew. Hennegau (lat. Haunouig, Ilaiiauia, altfranz. Hainaulb, von dem Flusse Haine benannt), 1) ehemalige Grafschaft im nordwestlichen Deutschland, eine der 17 Provinzen der alten vereinigten Niederlande, jetzt theils zu Belgien, theils zu Frankreich gehörig, grenzte an Flandern und Artois, Cambresis, Picardie und Champagne, das Stift Lüttich u. die Grafschaft Namur. 2) (neufranz. Hainaut), eine der Provinzen des Königreichs Belgien, bildet einen Hauptbestandtheil der ehem. Grafschaft H., grenzt im N. an Brabant u. die beiden Flandern, im W. u. S. an Frankreich u. im O. an Namur; 3721,g Hjüm (67,^ sUM) mit 1866 (Zählung) 846,146, 1874 (Schätzung wol zu hoch) 949,346 Ew. (auf 1 Hj Icm 242, in ganz Belgien 173). Die Oberfläche der Provinz ist im Ganzen eben, nur der S. u. O. ist hügelig durch niedrige Ausläufer der Ardennen. Bewässert wird sie durch Schelde, Rönne, Sambre, Dendre, Sille, Marcq, Haine, Senne u. a., ferner durch die Kanäle, die von Charleroi nach Brüssel u. von Mons nach der Schelde und Conde führen. H. besitzt ein viel verzweigtes Eisenbahnnetz, die verschiedenen Linien der belg. Staatsbahnen allein haben eine Länge von ca. 300 Lin. Der Boden ist sehr fruchtbar an Feld- u. Gartenfrüchten wie au Haudelsgewächsen (Flachs, Hanf, Tabak, Hopfen u. a.). Das Klima ist mild und gesund. Der Ackerbau ist von großer Bedeutung u. nicht weniger bedeutend die Viehzucht (die Pferde sind groß u. stark). Den Hauptreichthum der Provinz bilden die Eisenbergwerke u. Steinkohlengruben, in der Umgebung von Mons allein gibt es etwa 150 Steinkohlenzechen. Die blühende Industrie liefert Stahl- u. Eisenwaaren, Porzellan, Teppiche, Spitzen, Leinwand, Fenster- u. Spiegelglas, Papier, Leder u. s. w. Der Handel ist lebhaft. Die Einwohner sind überwiegend Wallonen. Eintheilung in die sechs Arrondissements: Mons, T»urnai, Charleroi, Ath, Soignies u. Thuin. Zur RLmcrzeit gehörte H. zur Prov. (lLrmamg.il. u. war von den Nerviern bewohnt. Um 850 erhielt es eigene Grafen, die unter den Königen der Franken standen. Der erste war Rainer I. (Ra- gimcr), der angeblich eine Tochter des Kaisers Lothar I., Irmengard, heirathete. Sein Sohn Rainer II., ein treuer Anhänger des Königs Kar! des Einfältigen, war dessen Statthalter in Lothringen; er st. 917. Sein Enkel Rainer IV. erbte H., wurde aber, mit dem Erzbischof Bruno von Köln, dem Bruder des Kaisers Otto I., in Händel verwickelt, von demselben gefangen und ins Exil geschickt, in dem er 977 starb. Sein ältester Sohn, Rainer V^ erhielt durch französische Hilfe 185 Hcnneuhofer H. wieder u. vermählte sich mit der Tochter Hugo Capets. Sein Sohn, Rainer VI., gest. 1036, hinterließ bloß eine Tochter Richilde, die sich erst mit Hermann von Sachsen u. nach dessen Tode mit Balduin VI., Grasen von Flandern, vermählte, der als Balduin I. Graf von H. wurde,' aber 1070 gegen seinen Bruder Robert den Friesen fiel, worauf Richilde die Regierung beider Grafschaften übernahm, und zwar so, daß ihr ältester Sohn, Arnulf, Flandern u. der zweite, Balduin II., H. erhalten sollte. Aber Robert setzte den Krieg fort, schlug die Brüder 1071 bei Mont-Cassel, wo Arnulf blieb, n. bemächtigte sich beider Länder, trat jedoch H. dann wieder an Balduin II. ab. Richilde scheint die Regierung von H. an ihres Sohnes Statt geführt zu haben. Sie creirte 11 Pairs nach französischem Muster, die auch Oberrichter waren u. in Mons ihren Sitz hatten, n. st. 1085 (1086). Balduin II. begleitete Gottfried von Bouillon auf dem ersten Kreuzzuge u. starb 1102 im Gelobten Lande. Balduin V. erbte durch seine Gemahlin Margarethe, eine Tochter des Grafen Dietrich von Flandern, 1192 dieses u. nahm nach der Vereinigung beider Grafschaften den Titel Balduin VIII. Graf von Flandern und H. an. Balduin VI., sein Sohn, wurde 1204 erster Lateinisch-Byzantinischer Kaiser, während seine Hausbesitzungen seiner ältesten Tochter Johanna, Gemahlin des Prinzen Ferdinand von Portugal, znfielen. Ihr folgte die Schwester Margarethe, die erst an Burkhard von Avesnes, dann an Guido von Dampierre vermählt war. 1246 wurde den Kindern erster Ehe die Anwartschaft auf H., denen zweiter die auf Flandern gesichert, doch herrschten seitdem Wirren zwischen beiden Linien. Johann II., Margarethens Enkel, Graf von H., erheirathete Holland u. Seeland, mußte aber mit Flandern deßhalb Krieg führen, unterstützt von den Franzosen, die von den Flamländern 1302 bei Kortryk geschlagen wurden. 1299 hatte er als der nächste Erbe durch seine Mutter auch Holland erhalten. Wilhelm der Gute, Johanns II. Sohn, nach dessen Tode Graf von H., Seeland u. Holland, regierte 1304—1337 und unter ihm erreichte das Haus seine höchste Blüthe. Nach Wilhelms II. Tode 1345 kam mit dessen älterer Schwester Margaretha, Gemahlin Ludwigs des Bayern, H. mit Holland n. Seeland an Bayern. Ihr folgten ihre Söhne Wilhelm u. Albert, dann dessen Sohn Wilhelm IV. 1404—1417 u. diesem Jakobäa von Bayern, welche 1433 H. mit ihren übrigen Staaten an das Hans Burgund abtrat. Von diesem kam H. 1477 an das Haus Habsburg, und zwar blieb es 1556—1713 bei dem spanischen, 1713—1797 bei dem österreichischen, nachdem schon 1659 u. 1678 durch den Pyrenä- ischen u. den Frieden von Nymwegen der südlich: Theil von H. mit Avesnes an Frankreich gekommen war. 1814 kam H. durch den Frieden von Paris an die Niederlande u. 1830 als Provinz an Belgien. Der erstgeborene Sohn des Herzogs von Brabant (Kronprinzen von Belgien) führt den Titel Graf von H. H- Berns. Lagai. Hennenhofer, Johann Heinrich David, bad. Staatsmann, geb. 12. März 1793 zu Gernsbach, Sohn eines Schiffers, lernte die Buchhand- — Hennig. lung, kam aber 1812 mit dem Großherzog Karl in Berührung, der ihm seine besondere Gunst zn- wandte, ihn zu seinem Adjutanten ernannte und mit nach Wien zum Congresse nahm.. Unter Großherzog Ludwig, der ihm ebenfalls seine Gunst schenkte, übte er einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die politischen Angelegenheiten als Chef der diplomatischen Section. Die Folgen der Julirevolution veranlaßten ihn 1831 seinen Abschied zu nehmen und sich auf sein Landgut zu Mahlberg zurückzuziehen; später ging er nach Frcibnrg im Breisgan, wo er 12. Jan. 1850 st. Vielfache Beschuldigungen wurden in der Kasp. Hauserschen Angelegenheit gegen ihn erhoben, und namentlich durch die Correspondenzen zu begründen gesucht, welche er mit Flüchtlingen führte, um deren Schweigen über jene Sache zu erkaufen. H-s hinter- lassene Papiere nahm nach seinem Tode die bad. Regierung an sich. Hennepin, County im nordamerikan. Unionsstaate Minnesota unter 45° n. Br. u. 93° w. L.; 48,735 Ew. C-sitz: Minneapolis. Hennequiu, 1) H., franz. Schriftsteller, geb. 1780, war Advocat am kaiserl. Gerichtshöfe in Paris u. 1849 Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung, wurde beim Staatsstreiche 2. Decbr. 1851 mit verhaftet, 6. Jan. 1852 wieder freigelassen, doch wegen Preßvergehen zu einer Geldstrafe verurtheilt, u. st. im Dec. 1854. Er schr. n. a.: Inbroänetion üistorlgus a 1'stnäs äs In lsArsIatiou Iranyaiss, Par. 1840; Iftoäslits, ebd. 1846; dlisorig äs Ostarles Iftnrisr, 1847; Or- As-nisabion än bravail ä'aprvs 1a tstsorls äs Ostarles Courier, 1848; löss amonrs an pstalall- stsrs, 1849; rc. 3) H., Philippe Augustin, Historienmaler, geb. zu Lyon 1763; ging, nachdem er Davids Schule verlassen, nach Italien, entging in Rom und Lyon mit Mühe dem Tode, lebte hierauf in Paris als eifriger Anhänger Napoleons, wunderte nach dessen Sturz nach Lüttich aus n. st. 12. Mai 1833 als Vorstand der Kunstschule in Lenze bei Tournai. Hauptwerke: Orest, von den Furien verfolgt (1800, im Louvre), Der 10. Aug. oder der Triumph des französ. Volkes, Die 300 Bürger von Franchemont. 2 ) Regnet. Hennersdorf, 1) Dorf im Bezirk Jägerndorf des österr. Herzogthums Schlesien, unweit der preuß. Grenze; Station der Mährisch-Schlesischen Centralbahn; Nebenzollamt, Schloß, Zucht veredelter Schaft, deren Wolle sich durch Feinheit auszeichnet; 2769 Ew. H. bildet mit den Ortschaften Petersdorf (1327 Ew.), StadtJohannesthal (1625), Arnsdorf (399) gleichsam einen sich wol 10 lern ununterbrochen im Thale des Peterbaches hinziehenden Ort. 3) so v. w. Groß-Henners» dorf. 3) H. in Seifen, so v. w. Seif-Henners- dors. 4) Dorf im Kreise Jauer des preußischen Regbez. Liegnitz; 540 Ew. Hier 26. Aug. 1813 während der Schlacht an der Katzbach heftiges Gefecht zwischen den Franzosen und Russen unter Langeron. 5) Katholisch-H„ Dorf im Kreise Lauban des preuß. Regbez. Liegnitz; Garnspinnerei; 2031 Ew. Hier23. Nov. 1745 Überfall der Sachsen durch die Preußen. H- Berns. Hennig, Gustav Adolf, Historienmaler, geb. zu Dresden 1797, st. das. im Jan. 1869; bildete 186 Hcnnig-Z - sich an der Akademie ebenda unter Schubert und Mathäi, dann 1822—26 und 1833 in Rom bei Overbeck, malte mit Schwind im Schlosse Rüdigsdorf bei Altenburg Fresken für Crusius und ward 1846 Lehrer an der Leipziger Akademie. Hauptwerk: Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel. Regnet. Hennisis, Joachim von, entstammte einer Bauernfamilie aus der Altmark u. trat während des Dreißigjährigen Krieges in die brandenburgische Armee ein. Durch seinen persönlichen Muth erwarb er sich den Offiziersdegen, wurde nach der Schlacht bei Warschau 1656 Major, zeichnete sich bes. 1674 im Elsaß als kühner Führer von Streifcorps aus und ward auf dem Schlachtfelde von Fehrbellin wegen hervorragender Thaten zum Obersten u. unter dem Namen von Tresfenfeld in den Adelstand erhoben; 1679 wurde er wegen seiner glücklichen Verfolgung der Schweden in .Ostpreußen, wobei er inimense Beute machte, znm General ernannt. Er st. 1688 auf seinem Gute Könnigde. T-ich-r. Henning, Salom on v., geb. 1528 in Weimar; wurde 1554 Geheimer Secrerär des Heermeisters Kettler in Livland u. dann Rath; nach Kettlers Tode 1562 Rath des Herzogs Gotthard von Kurland und 1566 geadelt; er wirkte bes. eifrig für die Reformation in Kurland und starb 1589 in Wahnen. Von ihm: Kurländische Kirchenordnung, Rostock 1570; Liv- u. kurländische Lüroniea (von 1554—89), Lpz. 1594, Fol. Henoch, Patriarch, Sohn Jareds, Vater Me- thusalahs, führte unter den sittlich immer mehr verderbenden Menschen ein gottseliges Leben und wurde deßhalb 365 Jahre alt von Gott auf besondere Weise von der Erde genommen. Das Buch H., eine ihm zngeschrievene Weissagung, welche im Briefe Judä erwähnt wird, ist ein Pseudoepigraphon des A. Test., das gewöhnlich nicht in die Bibel ausgenommen ist. Die Kirchenväter citiren es oft, aber im 8. Jahrh. ging es verloren, wurde in neuerer Zeit von dem englischen Reisenden Bruce in Habesch in äthiopischer Sprache wieder aufgefunden u. von R. Lawrence, Oxford 1833, u. von A. Dillmann, Lpz. 1851, herausgegeben; von Lawrence auch englisch 1821, sowie von A. Dillmann (1855) daraus deutsch übersetzt. Vgl. Hoffmann, Das Buch H., 1833, 2 Bde., u. Ewald, Über das äthiopische Buch H., Gott. 1854. Der Zweck des Buches ist, die Gemeinde der GotteSsürchtigen unter den Drangsalen einer bösen Zeit zu erhalten und zu trösten durch die apokalyptische Darstellung des bevorstehenden göttlichen Gerichts, welches allen Bösen ein Ende u. den Frommen Herrschaft u. Ruhe bringen wird. Als Absassnngszeit wird in der Regel das letzte Jahrhundert v. Ehr. angenommen; nach G. Volckmar (Eine neutestament. Entdeckung, Zürich 1862) ist dasselbe erst zur Zeit des Hadrian während des jüdischen Aufstandes unter Bar Chochbar um 132 entstanden. Henösis (gr.), 1) Vereinigung; daherHenotik, die Kunst, streitende Parteien, bes. über Glaubensfachen, zu vereinigen. Henotikon, Vereinignngs- cdict des byzantinischen Kaisers Zeno I. von 482 in den Streitigkeiten über die menschliche u. göttliche — Hcnriot. Natur in Christo (s. u. Monophysiten); dann überhaupt Schrift, worin eine Vereinigung streitender Parteien zu bewirken gesucht wird. 2 ) (Med.) so v. w. Symblepharon. Henri (fr.), so v. w. Heinrich. Henriade, Epos von Voltaire (s. d.). Henrichemont, Stadt im Arr. Sancerre des ! franz. Dep. Cher, an der Petite-Sauldre; Fabriken für baumwollene u. halbwollene Zeuge, Lichte rc., Gerberei, Töpferei, Handel mit Wolle, Wein u. Getreide, 6 Jahrmärkte; 3459 Ew., im Orte 1512. ) Henrico, County im Nordamerika». Unions- s staate Virginia, unter 37" n. Br. u. 77" w. L.; , 66,179 Ew. C-sitz: Richmond. ! ttenrleus (lat.), so v. w. Heinrich. ! Henriette, 1) H. Marie, Tochter des Königs Heinrich IV. von Frankreich und der Marie von i Medici, geb. 1609 in Paris; vermählte sich 1625 mit Karl I. von England, mit dem sie anfangs sehr glücklich lebte. Es machte jedoch böses Blut ^ im Lande, daß sie eine Menge katholischer Priester ! mit an den Hof brachte u. den Katholicismns zu verbreiten suchte u. so in den Verdacht kam, auch den König bekehren zu wollen. Dies trug mit anderem viel znm Ausbruche der engl. Revolution bei. Als die königliche Familie London verließ, floh sie nach Holland, wo sie alle ihre Kostbarkeiten verkaufte und Truppen warb, mit denen sie nach England übersetzte. Nach vielen Gefahren kehrte sie 1644 nach Frankreich zurück u. versuchte vergebens Österreich und die übrigen Mächte zu bewegen, ihrem Gemahl Hilfe gegen die Empörer zu leisten. Nach ihres Gemahls Hinrichtung lebte s sie, erst von den Frondeurs u. dann von Mazarin ' unwürdig behandelt, in Mangel u. Sorgen, ging j 1660 mir ihrem Sohne Karl II. nach England, ( kehrte aber nach Frankreich zurück, ging -in das ' Kloster Chaillot u. st. 10. Sept. 1669 auf einem Landhause zu Colomb bei Paris. 2) H. Anna, s. Orleans. Hennc-Äm Rliyn. Henrion, 1) Nicol., geb. 1683 in Troyes, war erst Advocat, dann Kunstsachen- u. Antiquitätenhändler, u. st. 1720; merkwürdig ist besonders seine Berechnung der Größe der Menschen in den verschiedenen Zeiten; so sollte dieselbe von 123 Fuß 9 Zoll bei Adam bis 5 Fuß bei Julius ( Cäsar herabgestiegen sein; das Buch Praits des > poids et mssures «los anoisnnss in mehreren Bänden in Fol., worin dies gezeigt war, ist nicht gedruckt worden. 2) Pierre Paul, Baron H. de Pansey, geb. 1742 zu Treveray bei Ligny; wurde 1763 Advocat in Paris; während der Revolution ging er nach Joinville, wurde 1796 Administrator des Departements Haute-Marne, 1800 Mitglied des Kassationshofes, 1809 einer der Präsiden:«: desselben, dann Reichsrath u. Reichsbaron, unter dem Pariser Gouvernement 1814 Justizminister, u. st. 1829. H. ist der Hanptfendalist Frankreichs u. schr.: Praits des Leks, Par. 1773; visssrtations ksodalss, ebd. 1789, 2 Bde.; Os la oompstones dos juxss ds paix (welches 10 Aufl. , erlebte) u. I-'autorits judleiairs, ^ssemdlses nationalen u. a. j Hcnriot, FranyviS, französ. Revolutions- j mann, geb. 1761 zu Nanterre bei Paris, von niederer Herkunft, lebte längere Zeit in tiefem Henri c^natre — Hcnscl. 187 Elend, erhielt dann eine Stelle als Duanier an den Barrieren von Paris, folgte 1789 mit Eifer der Revolution, wurde Polizeispion, bald darauf aber wegen Diebstahls nach Bicetre gebracht; 1792 wieder sreigelassen, nahm er großen Antheil am Aufstande vom 19. August, betheiligte sich während der Septembertage bei der Ermordung der Gefangenen, wurde Anführer einerSansculotten- fection u. einer der eifrigsten Anhänger Robes- pierres n. im Mai 1793 Commandant der Pariser Nationalgarde. An deren Spitze machte er 2. Juni einen Angriff auf die Nationalversammlung und trug wesentlich zum Sturze der Girondisten bei. Nach Robespierres Fall wollte er denselben befreien u. schon hatte er eine Compagnie der Artillerie der Natioualgarde dazu gebracht, die Kanonen gegen die Nationalversammlung zu richten; doch im entscheidenden Moment wagte er nicht den Angriff, auch fielen jetzt die Truppen von ihm ab. Er flüchtete nach dem Stadthaus, wurde dort zum Fenster hinabgestürzt, auf der Straße balbtodt wieder aufgehoben und mit Robespierre am 10. Thermidor (28. Juli 1794) hingerichtet. Kolb? Henri quatre (fr.), Zwickelbart an der Unterlippe, wie König Heinrich IV. trug. Heuriquel, Dupont, berühmter französischer Stecher der Gegenwart, geb. zu Paris 13. Juni 1797; war in der Schule Pierre Guerins und Bervies, arbeitete von 1818 an selbständig und stach nach van Dyck (Porträt einer jungen Frau mit einem Kinde), nach Delaroche (Grablegung Christi u. Porträts von Strafford u. Pastoret, Moses u. den Hemicycle), nach Hersent (Abdank- ung Gustav Wasas), nach Görard (Porträt Louis Philipps), nach Ingres (Porträt Berlins) nach Ary Schefser (Christus als Tröster), nach Rafael (Madonna mit dem Kinde, Zeichnung im Louvre), nach Correggio (Vermählung der hl. Katharina), nach Paul Veronese (die Jünger in Emmaus), nach Benouville (Bildniß Ary Schefsers), nach Gros (Bildniß Lamoricieres u. seines Sohnes). H. ist seit 1849 Akademiker, seit 1863 Professor der Slechkunst au der Üools äs8 dsuux-arts u. seit 1868 Vorsitzender der Französ. Gesellschaft für Kupferstich. Regnet. Henriquinquisten (fr.), streng legitimistische Partei in Frankreich, die noch immer Leu Herzog von Bordeaux, Grafen von Chambord, Heinrich V., als König anerkennt. Henry (engl.l, so v. w. Heinrich. Henry, Counlies in den nordamerik. Unions- staaten: 1) in Alabama, unter 31" n. Br. u 85° w. L., 14,191 Ew.; Conntysitz: Abbeville; 2) in Georgia unter 33" n. Br. u. 84" w. L., 10,102 Ew.; C-sitz: MacDonough; 3) in Illinois, unter 41° n. Br. u. 90° w. L., 35,506 Ew.; C-sitz: Geneseo; in Indiana, unter 39° n. Br. u. 83° w. L., 22,986 Ew.; C-sitz: New-Castle; 5) in Iowa, unter 41° n. Br. u. 92° w. L., 21,066 Ew.; C-sitz: Mt. Pleasant; 6) in Kentucky, unter 38" n. Br. u. 85° w. L., 11,066 Ew.; C-sitz: New-Castle; 7) in Missouri, unter 38° u. Br. u. 94° w. L., 17,401 Ew.; C-sitz: Clinton; Z) in Ohio, unter 41° n. Br. u. 84" w. L., 14,028 Ew.; C-sitz: Napoleon; 9) in Tennessee, unter 36° n. Br. u. 88° w. L., 20,380 Ew.; L-sitz: Paris; 10) in Virginia, unter 37" n. Br. u. 80° w. L., 12,303 Ew.; C-sitz: Marrinsville. Henry, 1) Patrick, berühmter Nordamerika». Patriot, geb. 29. Mai 1736 in Birgiuicn; lernte erst die Kaufmannschaft, stndirte seit 1761 die Rechte, wurde 1765 Mitglied des Hauses der Abgeordneten für Virginien u. brachte einen Antrag gegen die englische Stempeltaxe ein, wodurch er in den Ruf eines Vertheidigers der Freiheit der Colonie kain, bis zu Ende der Revolution Abgeordneter blieb und 1774 zu dem Allgemeinen Congresse nach Philadelphia geschickt wurde. Er war 1775 kurze Zeit auch Befehlshaber aller Streitkräfte Birginiens, wurde aber bald nachher Gouverneur von Virginien; 1779 wurde er Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung, nach dem Kriege abermals Gouverneur bis 1786, worauf er wieder als Advocat practicirte, bis er sich 1794 in Ruhe setzte u. 6. Juni 1799 starb. Lebensbeschreibung von Wirt, Philadelphia 1817. 2) William, engl. Chemiker, geb. 12. Dec. 1774 zu Manchester; stndirte Medicin, bes. aber Chemie, u. wurde Besitzer chemischer Fabriken in Manchester, seine Llomsnts ob sxpsrimsubal olremisbrzc, 2 Bde., Lond. 1799, erlebten 11 Ausl. (1829). Auch waren seine Versuche über die Eigenschaften der Gase von Wichtigkeit; so: §xp. kor äsoomposivA mnrlatio aoiä., Phil. Trans. 1800; bes. bekannt ist er durch Aufstellung des sog. Hsnry-Dalron- schen Gesetzes (s. Absorption) in: (ju-rnbib^ ock Aases adsordock d/ rvabor ab äiiksrsnb bsmpsra- burss null uuäsr ckitk. prsssures, ebd. 1803. Er st. 2. Sept. 1836 zu Pendlebury bei Manchester durch Selbstmord. 1> Schroot.» L) r. Henry d'or, französ. Goldmünze unter Heinrich II., 1551—58, etwa — 1 Ducaten. Henry-Martinigewehr, s. unter Handfeuerwaffen. Henschel, Joh. Werner, tüchtiger Bildhauer, geb. 14. Kebr. 1782 zu Kassel; bildete sich erst unter dem Hofbildhauer Heyd in Kassel, von 1805 bis 1810 als Maler unter David in Paris, ohne den französischen Stil anzunehmen, wurde 1832 Lehrer der Bildhauerkunst an der Akademie in Kassel, ging 1843 nach Rom u. starb daselbst 15. Aug. 1850. Hauptwerk: Die kolossale Statue des st. Bonifacins in Fulda (1842); Die Brunnengruppe Hermann u. Dorothea sür das pompejan. Bad im Potsdamer Garten (1846) rc. Regnet. Hensche» (Hensschen), Gottfried, Jesuit, geb. 21. Jan. 1600, st. 1681; s. ^.eba üanutiiruiu. Hensel, 1) Wilhelm, Geschichtmaler, geb. 6. Juli 1794 in Trebbin, st. in Berlin 26. Novbr. 1861; H. studirte in Berlin, nahm als Freiwilliger an den Feldzügen von 1813—15 theil und wurde Offizier, bildete sich in Paris in seiner Knust weiter aus, ging 1823 auf königliche Kosten nach Rom u. wurde 1828 Hofmaler in Berlin. Hauptwerke: Christus vor Pilatus, in der dortigen Garnisonkirche; unter seinen Porträts ist das seines Schwagers Felix Mendelssohn-Bartholdy (gestochen von Caspar) das bekannteste; außerdem lieferte er noch eine Sammlung von Bildnissen berühmter Zeitgenossen (über 900 eigenhändig gestochene Porträts) u. Illustrationen zu Tiecks Genovesa u. Phan» tasus rc. 1848 stand er an der Spitze des bewaff- 188 Henselt - rieten Künstlercorps in Berlin u. war im Sinne der conservativen Partei thätig; 1857 malte er den Thronsaal in Brannschweig. Er gab Bundes- blüthen (Gedichte), Berl. 1816, heraus u. schrieb das Lustspiel Ritter Hans (in Müllners Almanach für Privatbühnen). 2) Fanny, seine Gattin, Schwester Mendelssohn-Bartholdys, geb. 14. Nov. 1805 zu Hamburg; genoß eine ausgezeichnete musikalische Bildung unter Zelter u. Berger, com- ponirte MehrereS, das anfangs einzeln unter ihres Gatten Namen und erst kurz vor ihrem Tode in Heften gesammelt unter ihrem eigenen erschien; sie starb 14. Mai 1847. 3) Luise, seine Schwester, geb. 30. März 1798 zu Linum in Ost-Havelland, trat Ende 1818 zur katholischen Kirche über, wirkte Jahre lang als Erzieherin in vornehmen Familien, zog sich 1843 nach Wiedenbrück in Westfalen, 1873 nach Paderborn zurück, wo sie 18. Decbr. 1876 st. Ihre Gedichte gehören zu den innigsten christlicher Poesie in neuerer Zeit. Vielfach zerstreut veröffentlicht sind sie herausgeg. von Schlüter, Lieder von L. H.; von Neuem mit einer Biographie L. H. u. ihre Lieder von Reinkens (dem altkathol. Bischof), Bonn 1877. Eine frühere, unvollständige Sammlung, worin «uch Lieder ihrer Schwestcr Wilhelminc, geb. 11. Sept. 1802, zuletzt Bor- steherin der Elisabethstistung zu Pankow, ausgenommen sind, von Kletke, Berlin 1857. 1) 2) Regnet.* s) Thielemann. Henselt, Adolf, Klaviervirtuos, geb. 12. Mai 1814 in Schwabach, gab schonmit dem 14. Jahre ein Klavierconcert in München, wurde Schüler Hümmels, später machte er theoretische Studien bei Sechter in Wien u. übte manchen Tag 12—16 Stunden Klavier; trat in Weimar, Jena, Dresden, Berlin, Leipzig (wo Mendelssohn und Schumann) auf, u. erzielte die großartigsten Wirkungen. Schumann nannte ihn einen der gewaltigsten Klavierspieler unserer Zeit, einen Componisten voll großer schöpferischer Kraft. Von Dresden ging H. nach längerem Verweilen nach St. Petersburg, wo er mit solchem Enthusiasmus ausgenommen wurde, daher sich daselbst ganznierderließ. H. hat sich von der Öffentlichkeit zurückgezogen u. wirkt in ausgedehntester Weise als Lehrer. Er wurde Hofpianist der Kaiserin u. Generalmusikinspector der kaiserl. Erziehungsanstalten. Schrieb treffliche Klavierstücke, worunter hervorragend seine Dtmciesfu. a. berühmt Vöglein-Etude n.Dosme ck'amour). Siebenrock. Hensler, 1) Philipp Gabriel, einer der geistvollsten u. gelehrtesten Ärzte des 18. Jahrh., Lessings Freund u. selbst Dichter, geb. 11. Dec. 1733 in Oldensworth bei Eiderstäüt, studirte in Göttingen zunächst Theologie, dann Medicin, pro- movirte 1762, ließ sich in Preetz nieder, wurde Stadtphysikusin Altouau. Pinneberg (Segeberg?), 1775 wegen seiner großen Verdienste Archiater des Königs von Dänemark, schlug eine Professur in Güttingen aus, nahm aber später 1789 für Kiel an, u. st. 31. Dec. 1805. Er war ein vorzüglicher Praktiker und em trefflicher historischer Bearbeiter, der eine sehr gute Schrift über die Kriebelkrankheit(1771) veröffentlichteu. durchseine Geschichte der Lustseuche 1789, sowie Des abendländischen Aussatzes im Mittelalter (1790) sich ein dauerndes ehrenvolles Andenken gesetzt hat; Ein - Hrnz. poetischer Versuch vom Gefühle war 1758 erschienen. 2) Karl Friedrich, dramatischer Dichter, geb. ! 2. Febr. 1761 zu Schaffhausen, besuchte die Uni- ! versität zu Göttingen, ward sodann Erzieher in ^ Mülheim a. Rh. n. wandte sich 1784 nach Wien, > wo er als Dramatiker anftrat, u. von 1803—1815 das Leopoldstädter, 1817 das Theater an der Wien, endlich vom 22. Oct. 1822 bis zu seinem Tode (24. Nov. 1825) das durch ihn, als Volksbühne im besten Sinn, bekannt gewordene, von - ihm erbaute Theater in der Josephstadt leitete. 1818 war er Director der Theater zu Preßburg und Baden. H. hat gegen 200 dramatische Arbeiten verfaßt, von denen die TenfelSmühle am Wienerberg (Musik von Wenzel Müller) sich der grüßen Beliebtheit erfreute, D Thamhayn. 2 ) Kürschner. Henßlmaun, Emcrich, Ungar. Archäolog, geb. zu Kaschau 13. Oct. 1813, studirte in Pest und Wien, promovirte 1832 als Dr. msäio. in Padua, studirte daun in Italien Architektur, und verschaffte sich durch seine Entdeckung der arith« ! luetischen Verhältnisse der griechischen Baukunst ^ einen hochgeachteten Namen. Schriften: Parallele zwischen den Ansichten der Pflege der alten u. neuen Kunst, mit besonderer Rücksicht aus die Entwickelung ^ der Kunst in Ungarn, Pest 1841; Die Tragödie der Griechen, mit einem Rückblick auf das christliche Drama (in Bd. 5derJahrb.derKisfaludy-Gesellsch. 1846); Die im altdeutschen Stile erbauten Kirchen > der Stadt Kaschau; ll'llsoris äss proportions ap- Mguöss äan8 I'arollibsoturs ckspuis 1a XII. Dynastie ckss rois e^ptiens zusgn'an XVI. sisols, Paris 1860; Übersetzung von Bloranis Werk: Die mittelalterliche Baukunst in England aus dem Englischen ins Deutsche, Leipz. 1847. H. ist Mit- ! glied der ungarischen Akademie und im Zeichnen, Malen u. in der Plastik wohlerfahren. Regnet. Henz, Ludwig Benjamin, Ingenieur, verdient um die Einführung der Eisenbahnen in , Deutschland, geb. 23. Mai 1798 in Magdeburg, ! studirte er Las Baufach u. wurde 1825 Wasserbaumeister an der oberen Ruhr. 1830 lernte er auf einer Reise in England die neue Eisenbahn Liverpool-Manchester kennen, und machte dieselbe durch einen Aufsatz in Deutschland bekannt. Infolge dessen wurde ihm die Bearbeitung mehrerer Eisenbahnprojecte übertragen. Nach deren Vollendung machte er eine Studienreise nach Belgien, deren Resultate er in Aussätzen veröffentlichte. 1837 bearbeitete er das Project der Main-Weserbahn. Nachdem er hierauf als Wasserbaumeister in Ruhrort u. Danzig, dann als technischer Hilfsarbeiter im Finanzministerium zu Berlin fungirt, bearbeiteteu.leitete er 1843—lödenBauderNieder- schlesisch-Markischen Eijpnbahn, 1848 den des Bcr- lin-Spandauer Kanals u. wurde Regierungs- u. Banrath. Als solcher bearbeitete er die Pläne der Köln-Minden-Thüringer Verbindungsbahn u. führte, in den Vorsitz der Westfälischen Eisenbahn berufen, den Bau derselben aus, welcher 1853 vollendet wurde. Er st. 21. Jan. 1860, ehe er zur Herausgabe eines größeren Werkes, für welches er auch in NAmerika Studien gemacht hatte, gelangen konnte. Von ihm erschienen: Hilfstafeln, dei Berechnung des Inhalts von Erdarbeiten beim Bau der Eisenbahnen, Chausseen u. Kanäle, Berl. 18S Henzen — 1854; Praktische Anleitung zum Erdbau, Berl. 1856, 3. Allst. 1873; Normalbrücken u. Durchlässe, Berl., 2. Aust. 1869, u. nach seinem Tode, vonBandel bearbeiteteAufsätze, betreffend dasEisen- bahnwesen in NAmerika, Berl. 1862. LeMdt. Henzcn, Joh. Heinrich Wilhelm, Archäo- log, geboren 24. Jan. 1816 zn Bremen, studirte 1836—38 in Bonn, 1838—40 in Berlin, bereiste dann zu archäologischenZwecken Jtalienu. Griechenland u. widmete sich in Rom epigraphisch-antiquar- ischen Studien, wurde i. I. 1842 zum zweiten u. nach E. Brauns Tod 1856 zum ersten Secre. tär des archäologischen Jnstistnts ernannt, n. von der König!. Akademie der Wissenschaften zu Berlin bei der Herausgabe des großen lateinischen JnschriftenwerkssOorpns inserixtionnmlatinarnm) niit Theodor Mommsen u. dem Grafen Rossi zum Commissionsmitglied u. Hanptredactenr ernannt. Er lieferte außer einer Menge einzelner archäologischer Abhandlungen auch eine vielfach verbesserte n. vermehrte Ausgabe von Orellis InsoriMonnm labinarnm oollsotio, Zürich 1856. Eichhoff. Henzi, 1) Samuel, geb. 1701 aus einer Berner Patricierfamilie, wurde Hauptmann in Diensten Modenas, richtete nach seiner Heimkehr 1744 mit mehreren anderen Bürgern eine Bittschrift an die Regierung, auch den nicht regierenden Familien der Stadt den Eintritt in den Rath zu öffnen, wurde dafür mit Verbannung bestraft, aber nach einem Jahr begnadigt, unternahm dann, durch Zurücksetzung von Seite der Behörden beleidigt, mit Anderen 1749 eine Verschwörung gegen die bestehende Verfassung, im Sinne seiner er- wähntenBittschrift, ohne jedoch die gewünschte Gleichberechtigung auch auf das unterdrückte Landvolk ausdehnen zu wollen; aber der Plan wurde ver- rathen, und H. mit seinen Genossen Fueter und Wereier 17. Juli hingerichtet und seine Familie aus der Schweiz verbannt; Lsssing hat dies zum Gegenstand eines (unvollendet gebliebenen) Trauerspiels gemacht. H. selbst schrieb 1744 in Nenen- burg in sranz. Sprache eine Tragödie, welche die Sage von Tell und Geßler behandelte und 1762 anonym im Druck erschien. 2) Heinrich Edler von Arthnrm, geb. 1735, Enkel des Vor., seit 1804 im Dienste des österr. Jngenieurcorps und zuletzt Commandant von Ofen, wo er 22. Mai 1849 bei der Erstürmung der Stadt durch die Ungarn an seinen Wunden starb. Ihm wurde 1852 in Ofen ein Denkmal gesetzt. Hemie-Am Nhvn. Uopsr (Leber, Chem. und Pharm.), 1) Name löslicher Schwefelmetalle, ursprünglich der Lebcr- sarbe des Schwefelkaliums entlehnt; so: a) II. snlknris alkallnum, Schwefelleber; b) 8.8n1kuris ealearsnm, Kalkschweselleber; o) 8. volatils, Am- inoniumpolysnlfuret, s. Ammoninmsnlfnrete. 2) 2. antimonü, durch Verpuffen eines Gemenges von salpetersanrem Kali u. Schwefelantimon erhaltenes Gemenge von Antimonoxyd, Schwefelantimon, Schwefelkalinm u. schweselsaurcm Kali. liepation öve (7-, Pflanzengatt, ans der Fam. Rannnonlaosas - ^nsmonoas (XIII. 3.); Hüllblätter dreizählig, sitzend, ungetheilt, kleiner als die Kelchblätter, denselben sehr genähert n. dadurch kelchartig; Kelchblätter blumenblattartig, blau oder violett, in der Knospenlage dachig; Blumenkrone Hcphästos. fehlt; FrüchtcheneinsamigegeschwänzteNllßcheu.Art: 8. brilobs, SA.ssonst^nsinons bsxatioa L., Leberblümchen), im ersten Frühjahr an Waldrändern u. in Laubwäldern blühend, in Gärten, rolh, blan u. weiß gefüllt; Zierpflanze. Ehedem die Blätter als Horba, bspatieas nobilis (Edellcberkraut) officinell. Engter. Uepstloas (Lebermoose), s. Moose. Hepatisation (v. Gr.), die durch faserstofsig- blutige Ausschwitzung in die Lungenzellen herbei- gesührte Verdichtung der Lunge, ein Zustand, der das zweite Stadium der croupösen Lungenentzündung bildet. Da durch diesen Vorgang die Lungen ihren Luftgehalt eingebüßt haben u. nun eine ähnliche derbe Masse wie die Leber bilden, so hat man den Zustand Verleberung genannt. Man unterscheidet die rothe H., wenn der faserstofsig-blutige Inhalt der Lungenbläschen noch frisch roth ist, der Erguß erst vor Kurzem stattgefnnden hat, die graue H., wenn die ergossene Masse eine graubraune Färbung durch Zerfall der Blutkörperchen angenommen, die gelbe H., wenn nur noch gelb« rothes Blntpigment neben schleimig-eitrigen Massen in den Lungenalveolen vorhanden ist, Verfärbungen, wie sie allmählich innerhalb einiger Tage bei der Lungenentzündung anftrcten. - Kunze. Hepatitis (v. Gr.), die Lsberentzündnng. Hepha (bibl. Geogr.), so v. w. Sykamina. Hcphästron, 1) Amyntors Sohn, makedonischer Ritter ans Pella, Jugendgenosse n. zn allen Zeiten vertrautester persönlicher Begleiter Alexanders des Großen; bei dessen asiatischen Feldzügen führte H. wiederholt größere selbständige Corps, so namentlich bei dem indischen Kriege; im Detail hat er seit Ende d. I. 330 v. Chr. (nach Philo- tas Tode) seine Hipparchie (Regiment) die Ritterschaft commandirt. Er st. im Herbst 324 in Ek- batana u. wurde in Babylon mit unerhörter Pracht bestattet. 2) H., griechischer Grammatiker ans Alexandria, um die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr.; er schr.t rccrr rwr-, herausgeg. zuerst Flor. 1536 n. ö., zuletzt von Gaisford, Oxf. 1810, Lpz. 1832. 3) H. aus Theben, astrologischer Schriftsteller, aus dessen Werken Auszüge übrig sind; Stücke davon herausgeg. von Camerarius in den LsbroloMsa, Nürnb. 1532. Hertzberg.» Hcphästos, dem römischen Vnlcanns od. Bol- canns entsprechenden der griech. Mythologie Gottdes strahlenden u. wärmenden Feuers, dessen segensreiche Wirkungen fortwährend in der Natur sich kundgeben u. dann der Künste, dis erst mit Hilfe des Feuers ermöglicht werden. Der Vorstellung gemäß, daß alles Feuer vom Himmel stammt, ist er der Sohn des Zeus u. der Hera, nach anderen Mythen gebar ihnHera ohne Zuthnn eines Mannes (daher sein Beiname: Apator (Vaterloser)). Da H. von seiner Geburt an lahm war, so warf ihn seine Mutter aus dem Olymp; er siel ins Meer, wurde von Thetis u. Enrynome ausgenommen u. neun Jahre lang in verborgenen Grotten gepflegt, wo er viele kunstreiche Werke schmiedete. Nach anderer Tradition rührte seine Lahmheit daher, daß, als er einst bei einem Streite zwischen Zeus n. Hera seiner Mutter beistehen wollte, Zeus ihn vom Olymp schleuderte; H. fiel einen ganzen Tag l90 Hep-Hep lang und stürzte mit Sonnenuntergang ans die Insel Leinnos, u. die dortigen Bewohner, die Suitier,uahmenihn sreundlickansu.pflegtenih». Wegen seiner Lahmheit hat er LisBeinamen Ky ltopvdion u. Amphigyeeis. Sonst war er von rüstigem u. starkem Körperbau, ein tüchtiger Schmied, mit nervigem Nacken, starker Brust und gewaltigen Armen. An seiner Mutter rächte er sich durch das Geschenk eines gotoenen Thrones mit unsichtbaren Fesseln, von Lein sie zu besreieu er allein im Stande war; dazu musste er, von Dionysos betrunken gemacht n. so aus den Olymp zurückgeführt werden. Nach seiner Verweisung aus dem Olymp lebte er unter der Erde u. fertigte daselbst die kostbarsten Geräthschasten, Kunstwerke, Waffcn- stücke rc., namentlich was davon im Olymp gebraucht oder den Sterblichen von Göttern an prächtigen Geschenken gegeben wurde; dahin gehören die von setbst sich bewegenden Tische (Dreisätze) in dem Speisesaal der Götter, die Massen des Achilles, bes. dessen Schild, die Rüstung des Diomedes, die goldenen Sklavinnen, deren er sich beim Gehen als Stützen bediente, die Scepter des Zeus, Pelops u. Agamemnon, die Säulen im Palast des Atkinoos u. die denselben bewachenden goldenen Hunde, der Palast und der Wagen des Helios, das Halsband der Hermione, die Krone der Ariadne, das Schwert des Pelens, das Netz, worin er Ares u. Aphrodite fing, auf Befehl des Zeus die Buchse der Pandora u. v. a. Überhaupt, wo ein altes kostbares Prachtstück in der Mythologie erwähnt wird, pslegt es ans den künst- terischen Händen des H. hervorgegangen zu sein. Anderseits bewährte er seine Kunst in der Anschmiedung des Prometheus an den Kaukasos, der Bändigung der Flamme des Lanthosflusses im Trojanischen Kriege, der Öffnung des Kopfes des Zeus zu dessen Entbindung von Athene. Bei Homer hat er seine Werkstätte mit 20 künstlichen Blasebälgen auf dem Olymp; bei Anderen werden als Orte seiner Werkstätte genannt die feuerspeienden Berge, besonders auf Lemnos, auf den Liparischen Inseln, der Ätna, wo er mit seinen Knechten, den Kyklopen (den alten Dämonen des Feuers), arbeitete. Als Gemahlinnen wurden ihm bald Aglaia, die jüngste der Grazien, bald Aphrodite gegeben: doch blieb ihm Letztere wegen seiner Häßtichkeil nicht treu. Sein Eultus war in Athen sehr alt u. eng verbunden mit dem der Athene; ein Hanptort ferner seiner Verehrung war die vulcan. Insel Lemnos. Für die Großgriechen waren der Ätna mit den an Sicilien liegenden Liparischen Inseln wegen ihres vulkanischen Bodens, ferner das südl. Campanien mit seinen vul- canischen Buchten u. Inseln in der Gegend von Puteoli Hauptpunkte der Verehrung des H. Abbildungen stellen den H. als Schmied vor, vor einem Ambos mit Hammer u. Zange arbeitend, bärtig, nur leicht gekleidet u. den Kopf mir einer Mütze verhüllt. Auf Vasen findet sich oft die Scene dargeslellt, wie Dionysos den betrunkenen H. auf den Olymp zurückführt, oder wie H. dem Zeus das Haupt spaltet, oder wie er den Prometheus anschmiedet rc. Heilig waren ihm die Löwen. Von Festen wurden ihm gefeiert in Athen die Hephästeia, wobei die Lampado- — Heppe. dromie (s. Fackel) stattfand; ferner an demselben Orte ihm u. der Athene gemeinschaftlich das Fest der Ehalksia am letzten Pyanepsion (Oktober) u. die Apaturien in demselben Monate. Thi-lemma.» Hep-Hep, ein Feldgeschrei, unter welchem die Juoenhetzen im Mittelalter u. bes. von den Na- tionalitätsschwärmern zu Anfang dieses Jahrh. vor sich gingen, so namentlich 2. Aug. 181S von Len Studenten Würzburgs u. dann in fast allen Städten Deutschlands. In Heidelberg vertheidigten die Studenten unter Leimng der Professoren Daub' n. Thibaut die Humanität und traten dem rohen > Treiben entgegen. „Ich mußte mich besinnen", schreibt I. H. Voß darüber, „ob wir 1819 oder 14ld schreiben." Fürst. Hcpp, Karl Friedrich Theodor, Crimina- list, geb. 10. Decbr. 1800 in Altona, wurde 1830 Privatdocent der Rechte in Heidelberg, 1832 Professor in Bern, 1836 Professor des Eriminalrechts in Tübingen u. st. 3. März 1851 in Wildbad; er schr.: Versuche über einzelne Lehren der Strafrechtswissenschaft, Heidelb. 1827; Kritische Darstellung der Strafrechtstheorien, ebd. 1820; Das Strasensystem rc., ebd. 1836; Über die Zulässigkeit der Todesstrafe, Tüb. 1836; Die Theorie von der Zurechnung, Heidelb. 1836; Die Zurechnung aus dem Gebiete des Civilrechts, Tüb. 1838; Commentar über das neue württembergische Strafgesetzbuch rc., ebd. 1838 f., 2 Bde.; Anklageschaft, , Oefsentlichkeit n. Mündlichkeit des Strafverfahrens, 1842; Darstellung u. Beunheilung der deutschen Strafrechtssysteme, 2. Abth., 1843—45 u. a. Heppe, Heinrich Ludwig Julius, evang. Theologe, geb. 30. März 1820 in Kassel, stu- dirle 1839—1843 in Marburg u. begann darauf seine Quellenstudien zunächst im Staatsarchive zu Kassel, war seit 1845 Pfarrer daselbst, u. wurde 1850 außerordentl. und 1864 ordentl. Professor der Theologie in Marburg. Außer mehreren gegen Vilmar n. a. Luiheraner, welche das Recht der l Reformirten Kirche in Hessen bestritten, gerichteten kleineren Schriften, worin er dieses Recht bewies, schrieb er: Geschichte der Hessischen Generalsynoden von 1568—82, Kassel 1847, 2 Büe.; Die fünfzehn Marbnrger Artikel vom 3. Octbr. 1529, nach dem wieder aufgefnndenen Antographon der Reformatoren als Faksimile veröffentlicht u. be- vorwortel, ebd. 1847 u. 2. Aufl. 1854; Historische Untersuchungen über den Kasseler Katechismus, ebd. 1847; Die Einführung der Berbeffer- ungspunkte von 1604—10, ebd. 1849; Die Restauration des Katholicismus in Fulda rc., Marb. l 1850; Beiträge zur Geschichte u. Statistik des § hessischen Schulwesens im 17. Jahrh., Kassel 1850; Gebetbüchlein, 4. Aufl., ebd. 1876; Geschichte des deutschen Protestantismus in den Jahren 1555 bis 1585, ebd. 1852—66, 4 Bde.; Die confes. sionelle Entwickelung der altprotestantischen Kirche Deutschlands, ebd. 1854; Denkschrift über die ^ confessionellen Wirren in der evangelischen Kirche , Kurhessens, Kassel 1854; Die Bekennruitzschriften , der altprotestantischen Kirche Deutschlands, ebd. 1855; Dogmatik des deutschen Protestantismus im 16. Jahrh., Gotha 1857, 3 Bde.; Geschichte des deutschen Volksschulwesens, 5 Bde., Gotha 1858—1860; Ursprung u. Geschichte der Bezeich« , 191 Heppenheim — Hera. nungen Reformirte und Lutherische Kirche, ebd. 1859; Das Schulwesen des Mittelalters». Lessen Reform im 16. Jahrh., ebd. 1860; Die Bekenmuiß- jchristen der reformirte» Kirche Deutschlands, Elberf. 1860; Die Dogmatik der evang. reform- irte» Kirche, dargestellt und aus den Quellen belegt, ebd. 1861; Theodor Beza, Leben und auS- gewählte Schriften, ebd. 1861; Der Text der Belgischen Concordiensormel, Mark. 1860; Philipp Melanchthon, ebd. 1860, 2 Aufl. 1867; Das evangelische Hammelburg, Wiesb. 1862; Die Entstehung u. Fortbildung des Lutyerthums rc. von 1548—76, Kassel 1863; Geschichte der evangelischen Kirche von Kleve, Mark und der Provinz Westfalen, Jserl. 1867—70, 2 Bde.; Die pres- byteriale Synodalverfassung der evangel. Kirche in Norddeutschland, ebd. 1868, 2. Aufl. 1874; Die Verfassung der evangel. Kirche im ehemal. Kurhessen, Mark. 1869; Geschichte der theolog. Facultät zu Marburg, ebd. 1873; Geschichte der quietist. Mystik in der kath. Kirche, Berl. 1875; Kirchengesch. beider Hessen, 2 Bde., Mark. 1876. Heppenheim, Kreisstadt in dem 300,2« LZKm (5,nis, s. Pflanzeusystemc. Hcptamekcr, Vers von sieben Füßen. Heptan, es sind vier isomere H-e be- kannt. Das normale H. ist im Petroleum enthalten, siedet bei 98" L. lloptsmirin, s. Pflanzensystsme. Heptanömis (a. Geogr.), Mittelägypten, welches von Hermopolis Magna bis in die Nähe der Theilung des Nil reichte; eigentlich nur geogra- phischer Begriff, keine administrative Eintheilung. Heptarchie (v. Gr., Siebenherrschaft), die 7 angelsächsischen Reiche in England. yeptas (gr.), die Zahl Sieben (s. d.). Hcptatenchos (gr., die sieben Bücher), die fünf Bücher Mosis (Pentateuchos), nebst Josua u. dem Buch der Richter. Hcptilalkohol, Oenanthylalkohole, 6^8,«0. Der normale H. siedet bei 177" liefert bei der Oxydation Heptylsäure wird aus Heptan dargestellt. Heptylcn, und Hexylen oder Capro- len, Destillativnsproünct der Cannel- und Bogheadkohle; ersteres siedet bei 100, letzteres bei 69" 0. Hera, 1) (Here, der römischen Göttin Juno entsprechend) die Himmelskönigin, Tochter des Kronos u. der Rhea, älteste Schwester und Ge- mahlin des Zeus, wurde nach ihrer Geburt von ihrem Vater verschlungen, aber Lurch ein Brechmittel ihm wieder entrissen u. von Okcanos und Tethys, oder nach anderer Sage von den Horen oder den Nymphen erzogen. ArgoS (daher ihr Beiname Argeia, Argiva), Stymphalos n. Samos (daher ihr Beiname Samia) rühmten sich, ihr Geburtsort zu sein. Sie repräsentirt die weibliche Seite des Himmels, die Luft, die Atmosphäre und wird als Gemahlin des Zeus segensreich und die Erde befruchtend, unter den Menschen Ehen stiftend gedacht, im ehelichen Zerwürsniß mit Zeus aber als furchtbar, finster, verderbend. Nach argivischer Sage soll Zeus als Kukuk bei einem Srurmwetter auf ihren Schooß geflogen, von ihr mitleidig ausgenommen u. an ihrem Busen erwärmt worden sein, dann sich in seiner wahren Gestalt geoffenbart u. Lurch ein Ehegelöbniß ihre Liebe gewonnen haben. Auf Kreta wurde die Ehe vollzogen, u. ein Tempel bezeichncte später die Stätte, wo dies geschehen war; jährlich im Frühlinge wurde in demselben geopfert und jene Vermählung mimisch dargestellt. Daß aber ein Hauptzug im Charakter der H. Hader u. ehelicher Widerspruch ist, war die natürliche Folge sowol davon, daß ihre ganze Bedeutung die des ehelichen Verhältnisses zum Zeus ist, als auch die der Eigenthümlichkeiren des griechischen Himmels, wo sich lllegen u. Sturm mit heftiger u. plötzlicher Gewalt entwickeln. So gilt die Ehe des Zeus u. der H. im Alterthum als ein Muster von Ausschweifung u. Aufbrauscn auf der einen, von Eifersucht, Streit u. List auf der anderen Seite. Durch Trotz u. Scheltworre wollte sie ihren Gemahl fast immer züchtigen, aber gewöhnlich mußte sie dafür harte Bußen erleiden; so als sie einst mit Hilfe des Boreas dcmHerakles auf demMeere übel mitgespielt hatte, band ihr Zeus zwei Ambose an die Füße u. ließ sie so frei vom Olymp herabhängen. Dagegen war Zeus zärtlich, als sie mit dem Zaubergürtel der Aphrodite sich ihm auf dem Jda nahte, um ihn in einen Zustand zu bringen, daß er die Einmischung der Götter in den troischeu Kampf nicht sehen sollte. H. war schön, deshalb konnte sie mit Athene u. Aphrodite vor Paris in den Wettkampf 192 Heräa — Hcraclianus. cintreten; Dichter rühmen ihr großes, gebietendes Auge (daher ihr Beiname Boopis, Ochsen-, Großäugige, Andere deuten diese Beinamen auf die am Himmel weidenden Wolken), ihren stolzen Wuchs, erhabenen Gang, weißen Arm (daher ihr Beiname Lcukolenos, Weißarmige), sie war darauf stolz, dennoch wollte sie nur bewundert, nicht geliebt sein n. beharrte ebenso auch ihrer Reinheit (vgl. die Sagen von Jxion, Porphyrion u. A.), wie sie die Geliebten des Zeus (vergl. Jo, Europa, Side, Alkmene, Leto, Kallisto), mit unauslöschlichem Haß verfolgte. Als Gemahlin des Zeus war sie Königin des Himmels u. der Götter die ehrwürdigste u. verehrteste unter allen Göttern des Olympos; sie thront auf goldenem Sessel neben Zeus (daher ihr Beiname Chrysothronvs, die Goldthronige), gebietet auch, wie dieser, über die himmlischen Erscheinungen; sie sendet Stürme, Nebel, Donner, Blitz u. leitet die Bahn des Helios. Als ehrwürdige und keusche Matrone war sie Göttin der Ehe, daher ihre Beinamen: Zygia, Teleia n. Gamelia, in Sparta hieß sie Aegophagos (Ziegenfresserin), indem ihr die Ziege als Symbol des Wettersturmes geopfert wurde. Der H. rechtmäßige Kinder sind Ares, Typhon, Hebe, die Geburtsgöttin Eileithyia (mit der sie auch identificirt wurde), nur den Hephästos (s. d.) erzeugte sie aus eifersüchtigem Trotz aus sich selbst, doch brachte sie nach Anderen auch den Typhon aus sich selbst hervor. Die Orte ihrer Verehrung waren vorzügl.Argos, Korinth, Sparta, Mykenä, Samos, Arkadien (bes. Stymphalos,Mantinea,Megalopolis, Heräa), Elis, Olympia, Koronea, Jolkos, Böotien (Thespiä, Platää), Euböa,Kreta, Kroton, Pandosia, Sybaris, Metapontum, Karthago. Ein berühmter Tempel der H. (Herüon) stand auch am Fuße des Berges Euböa zwischen Mykene u. Argos u. gehörte den beiden Städten gemeinschaftlich. Ihre Feste (Heräa) wurden zu Argos bes. durch Pro- cessionen von Frauen, welchen die erste Priestern: auf einem, mit weißen Stieren bespannten Wagen vorfuhr, gefeiert (vgl. Kleobis); doch kamen auch kriegerische Spiele der Männer (daher ihr Beiname Hoplosmia) in ihrem Culte vor, so das ritterliche Spiel mit dem Preise des heiligen Schildes, für dessen Stifter Lynkens galt. In Elis u. Olympia fanden sie alle 4 Jahre Statt; 16 Matronen mußten sür sie ein kostbares Gewand weben; Jungfrauen liefen um Preise. Zu Korinth, wo sie als Burgherrjcherin (Akraia) verehrt wurde, war ihr Fest eine Todtenseier für die Kinder der Medea, welche in ihrem dasigen Tempel begraben lagen. Heilig war ihr das Gras, das Lamm n. bes. der Pfau, in dessen Schweif sie die 100 Augen des getödteten Argos (s. d.) gesetzt hatte; unter ihrem Schutze standen die Thore. Ihr war der attische Monat Gamelion geweiht. Ihre Attribute sind Diadem, Scepter und Pfau, Bogen, Fackel. Dargestellt wurde H. ans einem Throne sitzend entweder als Braut verschleiert oder als Braut prächtig gekleidet, mit weitem, faltigem Peplos, auf dem Haupte die Kopsbinde (Stephane) oder der Modins od. Polos, in der Hand ein Granatapfel. Bes. berühmt war die Statue des Polyklet von Gold od. Elfenbein im Heräon bei Mykenä, welche die H. auf einem Throne sitzend darstellte, ihre Krone mit den Chariten u. Horen verziert, in der einen Hand den Granatapfel, in der anderen das Scepter, aus welchem der Kukuk saß. Auch Kallimachos, Alkamenes u. Praxiteles (letzterer sür die Tempel zu Mantinea u. Platää) hatten Statuen der H. gefertigt. 2 ) s. Asteroiden N. 103. Heräa, Heräon, s. Hera. sThiekmann.' Heraclca (a. Geogr.), so v. w. Herakles. Usrselsonsos iabülso, zwei eherne, im Museum zu Neapel unter dem Namen L.os Lritanvieum u. L.S3 dlsapolitanuw: aufbewahrte Tafeln, resp. Bruchstücke solcher, welche 1732 bei Herakles 1) gefunden, u. die eine von Maittaire und Conrad (London 1736), die andere von Mazochi (Neapel 1755), zusammen nebst deutscher Übersetzung von Hugo, im 2. u. 3. Bde. des Civilistischen Magazins herausgegeben wurden u. nach Savigny (Zeitschrift für geschichtl. Rechtswissenschaft, 9. Bd., S. 300 sf.) Bruchstücke der Isx lulia, ranniolxalis enthalten. Vgl. Dirksen, Oiwsrvatb. ack bai>. Hornel. xart. alb. oto., Berl. 1817; Marezoll, 8raA- mollta 1sAi8 rom. in avoroa babnlas lioravl. parts, Gott. 1811. L- UorsclZum 19., Pflanzengatt, aus der Familie Hrnbsllifsrae-I'ouüeäansas (V. 2). Zwei- oder mehrjährige Kräuter mit großen, breit gelappten od. fiedertheiligen Blättern u. gelappten Abschnitten; Blüthen oft polygamisch, weiß, grün oder gelblich, in zusammengesetzten Dolden; Kelch flinf- zähnig, Blumenblätter verkehrt eirund, ausgeran- det, mit einwärts gebogenen Läppchen, die äußeren ost strahlend, zweispaltig, Striemen der Thäl-- cheu an den Früchten abgekürzt, meist keulig, übrigens wie bei kasbinaoa. Arten: 8. Lpiionciz'- linin L. (Unechte Bärenklau), häufig auf Wiesen, mit ranhhaarigen, gefiederten oder tieffiederspal- tigen Blättern, die Blättchen fiederlappig oder handförmig getheilt, gesägt; Blumenblätter weiß od. mit zwei grünen Flecken an der Basis, oder hellgrün od. rosenroth; Früchte oval, stumpf, aus- gerandet, mit zweistriemigen Thälchcn; früher, auch schon im Alterthum, officinell. Die jungen Blätter werden als Gemüse genossen; aus den geschälten und getrockneten Stengeln sondert sich eine süße, mehlige, in Persien u. Kamschatka als Zucker verwendete Substanz ab; ans Stengeln u. Wurzeln wird ein starker, wohlschmeckender Branntwein gewonnen. Auch 8. üavösosns soll sehr znckerreich sein, sowie auch 8. ikanaoeo L. in Si- cilien, 8. xubosoono 18. 8reb. im Kaukasus, das früher sür die Mutterpflanze des Ammoniakgummi gehalten wurde. 8. psraiouin Dss/k, aus Nordpersien, mit gefiederten, oberseits kahlen, unter- seits weichhaarigen Blättern u. mit fiederspaltigen Blättchen mit länglich-lanzettlichen Abschnitten, wird häufig als Zierpflanze in Gärten u. Parkanlagen angetroffen. In den Alpen finden sich 8. a8porum 18. Lreb., mit fast einfachen, handförmig gelappten Blättern, in den Bayerischen, Salzburger, Steyrischen und Tiroler Alpen; 8i. alpinum L., mit herzförmig rundlichen, gelappten Blättern u. Früchten ohne Striemen ans der Fngenfläche u. 8. au8triuoum 8,., mit gefiederten oder gedreiten Blättern u. mit gesägten Blättchen, u. mit Früchtchen wie die vorige, in den östlichen u. Central- Alpen. Engter. Heracliänus, Feldherr des Kaisers Honorius: Hcraclius — Herakles. 193 ließ den Stilicho hinrichtcn u. erhielt dafür Afrika als Präfectur, rüstete später in empörerischer Abficht eine Flotte aus, wurde aber geschlagen, floh nach Karthago u. wurde hier 413 n. Chr. ermordet. Heraclrus (a. Gesch.), s. Heraklios. Heraklea (Herakleia, a. Geogr.), Name einer- ganzen Reihe griechischer Städte, deren über 20 genannt werden n. von denen die bemerkenswertheften find: 1) Stadt in Großgriechenland, am Siris, Colonie der Tarcntiner durch den Spartaner Kleandridas, Vaterstadt des Zeuxis. Hier hielten die griechischen Städte Unteritaliens ihre Congresse, und hier siegte 280 v. Chr. Pyrrhos über die Römer; j. Policoro. Hier wurden 1732 die Hsraelssnseslabuluo gefunden. 2)H. Mino a, Stadt auf Sinken, im Gebiet von Agrigent, stand später unter Selinus, wurde 500 von Lakedämo- niern eingenommen, dann karthagisch, dann römisch, 103 römische Colonie, die aber bald verfiel. 3) (Heracleum) Stadt auf der Nordküste von Kreta, galt als Hafen am Knossos. 4) H. Pontika. Stadt und Handelsort in Bithynien, am Schwär zen Meer, mit 2 Häfen, Tempeln und großer Bibliothek; ihr Gebiet reichte zur Zeit ihrer Blüthe vom Parthcnios bis zum Sangarios. Hier soll Herakles den Kerberos aus der Unterwelt ans Tageslicht gebracht haben u. hier Jdmon, der alk- Heros verehrt wurde u. dessen Grabmal auf dem Markte stand, auf dem Argonautenzug gestorben sein. Die Stadt war eine Colonie der Megarer mit aristokratischer Verfassung, welche jedoch im 4. Jahrh. infolge innerer Unruhen zu einer Th. rannis unter Klearchos sich umänderte. Erst unter Oberherrschaft Alexanders des Gr., dann der makedonischen, daun der bithynischen Könige warf sich H. im 1. Jahrh. v. Chr. Mithridates, der ihre freie Verfassung schirmte, in die Arme, u. wurde deßhalb von den Römern nach langer Belagerung 70 erobert, wobei ihre Blüthe sehr litt. In der späteren Zeit byzantinisch, dann eine Zeit lang Emporium von Genua, fiel H. unter Mohammed II. an die Türken, die es jetzt noch besitzen. Der heutige Name ist Eregli. 5) H. (gewöhnl. Cher- sonesos), Stadt auf dem Taurischen Chersoncs, unweit des jetz. Sewastopol, von Herakleensern aus Bithynien n. Deliern gegründet; dabei das Castell Palakion. Eine freie Stadt, suchte sie, vielfach von den Skythen beunruhigt, Schutz bei dem politischen Könige Mithridates, wodurch sie in Abhängigkeit von demselben kam. 6) (Trachinia) Stadt in Thessalia Phthiotis, unweit der Thermopylen, 425 von den Spartanern an Stelle des zerstörten Trachis aufgebaut. Thi-lemann. Herakleia (Herakleen), Feste des Herakles (s. d.). Heraklcion, 1) ein Tempel des Herakles (s. d.); 8) eine ganze Reihe griech. Städte, darunter eine bemerkenswerth in Campanien, s. Herculaneum. Herakleon, Gnostiker im 2. Jahrh., Valentins Schüler, der dessen System mit Besonnenheit fortbildete, n. insbesondere auch über das Märtyrer- thum recht vernünftige Ansichten äußerte. Er schr. u. a. einen Commentar über das Johannisevangelium, Fragmente davon, von Origenes ausbewahrt, in Grabe gpieilsAium xatr. et imorst., 5. 80 ff. MIer.« Griechen, Sohn des Zeus u. der Alkmene, zugleich mit Jphikles, dem Sohne Amphitryons, von dieser geboren. Zeus schwur, als Alkmene (eine Enkelin des Perseus) in Geburtswehen lag, daß der zuerst geborene Perfide über alle übrigen dieses Stammes herrschen solle. Hera benutzte dies und förderte die Entbindung der ans diesem Geschlecht entsprossenen Nikippe, Gemahlin des Sthc- nelos, Königs von Mykenä, verzögerte aber die der Alkmene sieben Tage lang (s. Galinthias), wodurch der schwächliche u. feige Eurystheus, der Sohn der Nikippe, Gebieter des H. wurde. Nach älterer Sage wurde der neugeborene H. durch daS kräftige Wasser der Quelle Dirke bei Theben ernährt, nach späterer legte Zeus oder Athene ihn insgeheim an die Brust der Hera, so daß er Unsterblichkeit aus ihrer Brust sog. Hera, seine Todfeindin, erkannte ihn aber endlich an der Kraft, womit er die Milch ihrer Brust entzog, u. schleuderte ihn voll Ärger weit von sich. Öa das Kind bei diesem Falle nicht umgekommen war, warf sie zwei ungeheure Schlangen in die Wiege, welche jedoch von ihm mit der Hand erwürgt wurden. Unterrichtet wurde H. in Tugend u. Weisheit von Rhadamanthys, im Wagenlenken von Amphitryon, im Ringen von Autolykos, im Bogenschießen von Eurytos od. vom Skythen Teutaros, im Gebrauch der Waffen von Kastor, in der Musik von Eumol- pos oder Linos, in der Kräuterkunde von Chiron. Als ihm einst Linos einen Schlag mit der Hand gab, erschlug ihn H. mit der Leier, weshalb ihn Amphitryon ins Gebirge Kythärou zum Heerden- weiden verbannte. Dorthin wird die bekannte Dichtung des Sophisten Prodikos, H. am Scheidewege, verlegt, wo ihm zwei Göttinnen begegnen, die der Wollust u. die der Tugend, jene jugendlich u. anmuthig, üppig gekleidet, ihn durch Verheißungen von Freude u. Lust zu sich lockend, diese ernst, ehrbar u. einfach gekleidet, ihn einladend, durch Arbeit u. Kampf ewigen Ruhm und Unsterblichkeit zu erringen, die sie ihm in der Ferne auf hohem, steilem, leuchtendem Berge zeigt. H. folgte dieser u. erreichte glücklich dieses Ziel (Leno- phon, des Sokrates Memorabil. II.). Die Thaten des H. bestehen meist in Ver- tilgung von Ungeheuern und in Beschlltzung und Rettung Unterdrückter. Am Berge Kithäron erlegte er 18 Jahre alt einen furchtbaren Löwe», wofür ihm Thespios, König von Thespiä, seine 50 Töchter gab, deren jede ihm eineu Sohn gebar. Die Thebaner befreite er von dem Tribut, den sie dem Könige Erginos von Orcho- menos als Sühne des an seinem Vater begangenen Mordes geben mußten. Kreon, König von Theben, gab ihm dafür seine Tochter Megara, u. die Götter beschenkten ihn, Athene mit ihrem Schleiermantel, Hephästos mit einem Harnisch, Hermes mit einem Schwert, Apollon mit Pfeilen; die Keule (von welcher er den Beinamen Koryne- phoros, lat. OiuvlAsr, Keulenträger, hatte) nahm er von einem wilden Ölbaum am Saronischen Meerbusen, nach Anderen aus dem Walde bei Ne- mea zum Kampfe gegen den dortigen Löwen. Nachdem er, durch Hera in Wuth u. Raserei gebracht, alle seine Kinder, nach Anderen auch seme Herakles (lat. Hercules), Nationalheros derGattin Megara, erschlagen (Lies der Inhalt der PiererS Univerlal-Conversations-Lexikon. k. Aufl. X. Band, 1Z 194 Herakles. Tragödie H. Mainomenos von Euripides) u. ihn Athene durch einen Steinwnrf an seine Brust wieder zur Besinnung gebracht hatte, wendete er sich nach Delphi und wurde von der Pythia in den Dienst des Eurystheus geschickt. Bei dieser Gelegenheit wurde er zum ersten Mal mit dem Namen H. statt seines früheren Alkäos oder Alkides begrüßt (weil er seinen Ruhm durch die Ränke der Hera erlangen sollte). Eurystheus befahl ihm nun die bekannten 12 Arbeiten (Athloi) zu vollbringen, um seine Kraft zu ermatten. 1) Die Erlegung des Nemeischen Löwen. Dieses unverwundbare Ungeheuer, Product von Typhon u. Echidna, verheerte Alles um Nemea u. Kleonä. Waffen waren gegen es unnütz, daher H. es packte u. mit den Händen erwürgte. Das undurchdringliche Fell zog er ab u. trug es als Panzer, den Kopf als Helm. 2 ) Die Tödtung der Lernä- ischen Hydra. Diese, gleichfalls von Typhon u. Echidna stammend, hauste in einer Höhle bei Lerua; mit giftigem Blut u. Hauch, sie hatte neun (od. 7 od. SV od. 100) Köpfe, von denen einer unsterblich war, jeder derselben wuchs abgeschlagen zweifach nach. H., die Nutzlosigkeit des Kopfabschlagens einsehend u. von einem ungeheuren Seekrebs (Karkinos) in den Fuß gebissen, befahl, nachdem er diesen zertreten, seinem Wagenlenker Jolaos, einen Wald in Brand zu stecken, u. brannte mit glühenden Baumstämmen die Stelle eines jeden Kopfes aus, den unsterblichen Kopf begrub er unter einem großen Felsen. Er tauchte seine Pseile in das Blut der Schlange, die fortan tödt- lich verwundeten. Eurystheus aber wollte wegen der Hilfe des Jolaos den Kampf nicht gelten lassen. 3 ) Der Fang des Erymanthischen Ebers (am Berge Erymanthos). Ans dem Wege zu dieser Jagd ging H. über das Gebirge Pholoe, welches Arkadien von Elis schied. Dort kehrte er bei dem Kentauren Pholos ein, welcher ihm auch köstlichen Wein zu trinken gab. Der Geruch desselben lockte die übrigen Kentauren herbei, welche mit Felsblöcken u. Fichtenstämmen bewaffnet auf H. eindrangen, jedoch theils erschlagen, theils verjagt wurden. Den Eber jagte er nun in tiefen Schnee, wo er ihn lebendig fing u. zu Eurystheus brachte. Dieser kroch vor Schrecken in ein Faß u. fürchtete den H. so, daß er ihm seine Befehle fortan durch Koprens außerhalb seiner Residenz srtheilen ließ. 4 ) Der Fang der Hündin der Artemis (Kerynitisod. Artemisia). Diese Hirschkuh, ein Wnnderthier mit goldenen Hörnern und ehernen Läufen, war von der Plejade Taygete der Artemis geweiht worden. H. verfolgte sie ein ganzes Jahr, selbst bis zu den Hyperboräern (wo er Len Olbaum fand, den er in Olympia pflanzte); endlich lähmte er sie in dem arkadischen Waldgebirge am Fuß durch einen Pfeilschuß, holte sie ein u. brachte sie auf den Schultern zu Eurystheus. 5 ) Die Erlegung der Stymphaliden. Diese waren Raubvögel am See Stymphalos in Arkadien, von der Größe der Kraniche, hatten spitzige Schnäbel u. fraßen Menschen u. Thiere; nach Anderen hatten sie eherne Federn, welche sie wie Pfeile abschosfen. H. scheuchte dieselben mit einer ehernen Klapper, welche ihm Athene gegeben hatte, aus dem undurchdringlichen Walde u. erschoß sie mit seinen Pfeilen. 6) Die Reinigung der Ställe des Äugias; Augias, Fürst der Epeer in Elis, hatte in seinen Ställen 3000 Rinder lange Zeit stehen gehabt. H. sollte diese Ställe in einem Tage reinigen. Es gelang ihm dadurch, daß er den Fluß Alpheios (nach Anderen den Pe- neios, nach Anderen beide vereinigt durch dieselben leitete. Obwol ihm Augias den bedungenen Lohn, den 20. Theil der Heerde, nicht gab, wollte Eurystheus doch wegen dieser Forderung die Arbeit nicht gelten lassen. 7 ) Die Einfangung des Kretensischen Stiers. Poseidon hatte, aufgebracht auf Minos, einen wllthenden Stier nach Kreta geschickt, welcher Flammen ans der Nase blies u. das Land verheerte. H. fing denselben lebendig ein u. brachte ihn zu Eurystheus, welcher ihn wieder in die Marathonischen Gefilde lausen ließ, bis er später von Thesens getödtet wurde. 8) Die Einfangung der menschenfressenden Rosse des Königs Diomedes in Thrakien, welchen er selbst den Rossen vorwarf. Nach dieser Arbeit fällt seine Theilnahme am Argonautenzuge, s. unten. 9 ) Die Abholung des Wehr ge henk es der Amazonenkönigin Hippolyte für Ad- mete, Tochter des Eurystheus. Dies Gehen! hatte Hippolyte von Ares erhalten und war bereit, es dem H. zu geben, aber Hera wiegelte die anderen Amazonen auf, u. H., welcher darin einen Ver- rath ahnte, erlegte die Hippolyte u. erbeutete das Wehrgehenk. Hierauf ist bald die Sage von H.' Amazonenkriege überhaupt entstanden. 10 ) Die Abholung der Rinder des Geryonens, welche von dem Hund Orthros u. dem Hirten Eu- rytion auf dem Eilande Eurytheia im Okeanos bewacht wurden. H. erschlug beide, tödtete den Geryonens, welcher ihm nacheilte, durch einen Pfeilschuß, schiffte die Rinder ein, landete bei Tartessos u. zog durch Spanien, Gallien, Italien, Sicilien bis Mykenä. Außer diesen zehn Arbeiten, zu welchen H. über acht Jahre gebraucht hatte, mußte er wegen der unvollkommenen (2 und 6) noch folgende zwei vollbringen: 11 ) DieAbhol- j ung der goldenen Äpfel der Hesperiden, welche einst Gäa der Hera bei ihrer Vermählung geschenkt hatte; sie wurden von den Hesperiden, den Töchtern des Atlas u. der Hesperis, u. dem Drachen Ladon bewacht. Der Weg des H. zu deren Gärten ging durch Libyen, Ägypten, Asien, Thrakien, dann wieder nach Libyen und an den Okeanos, dann an den Kaukasus, wo er den Prometheus befreite, nachdem er die ihn quälenden Geier erschossen. , Auf dessen Rath läßt er sich durch Atlas die Äpfel besorgen, für den er unterdessen das Himmelsgewölbe trägt; diese werden ^ dann durch Athene wieder an ihren Ort gebracht (vgl. Hesperiden). 12 ) Die Heraufführnng des Kerberos auf die Oberwelt. Hierzu mußte er sich erst durch Eumolpos zu Eleusis in die Mysterien einweihen lassen. H. stieg bei TLnaron in die Unterwelt hinab u. trug mit Erlaubniß des Hades den Höllenhuud zu Eurystheus, auf dessen Geheiß er ihn in die Unterwelt zurüchschleppen mußte. Damit war er von der Knechtschaft des Eurystheus frei. Seine anderen, nicht minder großartigen Tha- ten, Parerga (Nebeuthaten) oder Praxeis, sind 195 Herakles. u. A.: der Kampf mit den Kentauren (s. o. den Z. Kampf); der Kampf mit dem Kentaur Enrytion; die Theilnahme am Argonautenzug. Sein Liebling Hylas war unterwegs von Nymphen entführt worden. H. verließ die Argonauten, indem er ihn suchte, s. Argonautenzug. Er eroberte ferner Paros, beschützte den König Lykos gegen die Bebryker, befreite die Hesione (!. d.), zerriß am Westende des Mittelmeeres den das Meer begrenzenden Berg u. machte daraus zwei Säulen zum Andenken feines Zuges im Westen von Europa, Kalpe in Europa, Abyla in Afrika (daher SäulendesH.), gründete Alesia, durchzog Italien, wo Euander ihm zuerst göttliche Ehre erwies, u. wo er ferner in Rom den Riesen Cacus erschlug, kämpfte ferner auf den Phlegräischeu Feldern mit Giganten u. gab dann dem Lande Cultur, erdrückte den Antäos, töütete den Busiris, befreite den The- seus, Pirithoos u. Afkalaphos. Hierauf kehrte H. wieder nach Theben zurück u. vermählte seine Gemahlin Megara (nach Anderen hatte er sie früher getödtet, s. oben) an„Jolaos. H. hörte, daß Eu- rytos, König von Öchalia in Thessalien, seine schöne Tochter Jole nur demjenigen geben wolle, welcher ihn und seine Söhne im Bogenschießen übertreffen werde, er erfüllte Liese Bedingung, erhielt jedoch die Jole nicht. Den ältesten Sohn des Königs, Jphitos, der allein auf seiner Seite stand und der, die gestohlenen Pferde seines Vaters suchend, nach Tiryns kam, stürzte er in einem Anfall von Raserei von einem hohen Thurm. Um dafür gesühnt zu werden, begab er sich zu Neleus, der es verweigerte, dann zu Derphobos, der es that. Dennoch verfiel er in eine schwere Krankheit. Als ihm das Orakel in Delphi die Angabe eines Mittels dagegen verweigerte, raubte er der Pythia den Dreifuß und errichtete sich selbst einen Orakelsitz. Apollo kämpfte mit ihm um den Dreifuß, ein Blitz vou Zeus trennte die Streitenden. Endlich erhielt er Loch in Delphi Len Bescheid, er müsse sich drei Jahre als Sklave verkaufen und Len Preis dafür dem Eurytos zur Sühne geben. Hermes verkaufte ihn an Om- phale, Tochter des Jardanos, Wittwe des Tmo- los. Königin der Lydier. Er mußte ihrer Wollust fröhuen u. zugleich weibliche Arbeiten verrichten; doch bekämpfte er auch die aufrührerischen Unter- thanen seiner Gebieterin, zog gegen die lytischen Tremilen und gegen die Amazonen, verjagte und erschlug die Kerkopen. Nach dieser Sklavenzeit bestrafte er mit Telamon, Peleus, Orkles u. an- deren Helden den König Laomedon von Troja für seine Treulosigkeit (s. Hesione). Auf der Rückkehr von Hera ans dem Meere verschlagen, eroberte er die von Meropern bewohnte Insel Kos, welche den H. nicht landen lassen wollten. Er besiegte ferner den Augias u. dessen beide gewaltige Streiter, die beiden Aktorionen, fetzte nach der Eroberung von Elis die Olympischen Spiele ein, nahm Pylos, vernichtete dort das Geschlecht des Neleus mit Ausnahme des Nestor und verwundete den Hades, welcher den Pyliern beistand, eroberte Lakedämon, dessen König Hippokoon er tödlete, u. gab es dem Tyndaveos zurück, zeugte mit der Auge den Telephos, warb um Dekanira, Tochter des Ätolerkönigs Oneus (s. Acheloos), erhielt sie u. führte sie als Gattin nach längerem Aufenthalte in Kalydon nach Trachis. Auf dem Wege dahiu wurde sie von dem sterbenden Kentaur Nessos bewogen, sein Blut als Liebeszauber sich mitzunehmen u. so der Anlaß zu H'. Verderben (s. De'kanira). Hierauf besiegte H. die Dryoper, den Kyknos, einen Sohn des Ares, die Lapithen, den Ainyntor, König vonOrmenionrc. Nach Trachis gekommen, sammelte er zur Rache für die schimpfliche Abweisung, die er von Eurytos in Öchalia «fahren hatte, ein Heer, besiegte u. tödtete den Eurytos u. führte die Jole gefangen fort. H. landete auf der Rückkehr bei dem Vorgebirge Keuäon auf Euböa, um hier seinem Vater Zeus zu opfern. De'tauira, eifersüchtig auf Jole, sendete ihm zu dem Opfer daS mit dem Blute des Nessos getränkte Gewand. H. hatte dasselbe kaum angezogen, so empfand er furchtbare Schmerzen; wüthend schleuderte er den Lichas, der das Gewand überbracht hatte, vom Vorgebirge herab ins Meer, riß Las Gewand von sich u. mit ihm sein Fleisch. So wurde er nach Tr-achis gebracht, wo sich Deranira aus Verzweiflung erhängte (dies ist der Gegenstand von Sophokles Trachinierinnen). H. ging auf den Öta, errichtete einen Scheiterhaufen, bestieg denselben u. befahl den Seinen, denselben anzuzünden. Sie weigerten sich dessen, bis es der vorübergehende Hirt Pöas od. dessen Sohn Philoktetes that, wofür ihm H. seine Pfeile schenkte. Während die Flamme aufloderte, führte Athene in einer Wolke auf einem Viergespann den verklärten Helden zum Himmel empor, den Nike umschwebte u. dem der olympische Siegerkranz die Schläfe krönte. Im Olymp wurde er unsterblich u. Hebe seine Gemahlin, welche ihm den Alexiares u.Aniketos gebar. Seine Thateu wurden von griechischen Dichtern vielfach besungen, schon in frühester Zeit und noch später, z. B. von Rhianos; solche Gesänge hießen Herakleen. Die zahlreichen Nachkommen des H. heißen He- rakliden. Die religiöse Verehrung des H. erstreckte sich sehr weit. Der argivische H. scheint der älteste, nächst ihm der thebanische; außerdem sind die wichtigsten Stätte» feiner Sagen und seines Cultus der Berg Öta, Attika, Makedonien, die Gegend von Ätolien bis Thesprotien, Troas, My- sien und Lydien. Der Cultus des H. schwankte zwischen dem eines Heroen u. dem eines olympischen Gottes; der heroische Cultus soll zuerst in Öpus u. Theben, der des Gottes zuerst in Athen zur Geltung gekommen sein. H. ist das Abbild seines himmlischen Vaters Zeus auf Erden; aus den zahllosen Kämpfen, die er zu bestehen hatte, geht er als ruhmgekrönter Sieger hervor. Wie Alles, so behandelten die Griechen auch den Mythus von H. poetisch schön; er ist ihnen das Ideal der Männlichkeit, das Sinnbild männlicher Kraft, zugleich aber auch der Abwehrer des Unheils, das Symbol des Culturganges, denn er macht durch Ausrottung der wilden Thicre das Land fähig zum Anbau, verbindet es durch Handel u. Schifffahrt mit fremde» Ländern u. hebt Lurch Errichtung von Altären den Sinn des Menschen zu dem Höheren. Erst später kommen die die ursprüngliche Figur des H. entstellenden, ans dem Orient stammenden , Sagen von der Omphale rc. hinzu. Später war 196 Hcrakleupolis kaum ein Ort in Griechenland, wo er nicht einen Tempel od. eine Kapelle (Herakieion) od. heilige Haine hatte. Seine Feste beißen Herakleia u. wurden in Athen, Sikyon, Theben, Lindos, ans Kos u. a O. gefeiert, in Athen scierte man ihm auch die Diomeen; inBöotien opferte man früher Schafe, später mit einem Wortspiel statt der Schafe (Mela) Äpfel (Mela), mit vier die Beine vorstellenden Hölzern; außerdem Eber, Widder rc.; in Lindos durfte man nur Verwünschungen n. Worte von böser Vorbedeutung hören lassen; wer ein glückverkündendes Wort aussprach, hatte die heiligen Gebräuche verletzt. Auch in Italien hatte H. einen ausgebreitcten Cnltus. Zu Nom wurde jährlich die Einweihung des H-tempels gefeiert, der an dem einen Ende der Flamininischen Rennbahn stand. Heilig waren ihm die warmen Quellen, die Wachteln, Quitten, der Ölbanm, der Epheu, eine Art Eiche, bes. die Silberpappel; geschmückt mit Zweigen derselben, die er am Acheron gebrochen hatte, soll er den Kerberos ans der Unterwelt heransgebracht haben. Man kränzte deshalb mit denselben ausharrende Helden und Jünglinge in den Gymnasien. In Rom waren ihm auch die unterirdischen Schätze heilig; Leute, die reich werden wollten, oder es schon waren, wciheten ihm daher einen Theil ihres Einkommens. Er galt sogar für den Hüter aller verborgenen Schätze. Bei den Sabinern hieß er Semo oder Semo SancuS, n. unter diesem Namen war ihm zu Rom schon in uralter Zeit ein Tempel geweiht, n. zwar als Gott der Treue, weshalb er auch Dons skiäins genannt worden sein soll. Abgebildet wird H. als das Ideal der Manneskraft, init größter Gliederfülle, ernsten doch sanften Mienen, kurzem Haar, krausem Bart, festem Stand n. ruhigen Geberden. Die Löwenhaut und Keule sind Embleme, die den übrigens nackten H. fast immer begleiten, die aber erst im 7. Jahrh. v. Ehr. von Pisander dem H. beigelegt worden sein sollen. Unter den vorhandenen H-figuren ist das Hanpt- stück der Farnesische H.; ein ähnlicher, sehr schöner, findet sich im Palast Pitti in Florenz. Man findet ihn ferner vorgestellt im Kampfe mit dem Nemeifchen Löwen, mit der Hydra, wie er sich selbst verbrennt. Ein Bruchstück von einem der größten Meisterstücke ist der Torso. Beinamen desH. außer den oben genannten sind: Amphi- tryoniades, von seinem menschlichen Vater Am- phitryon; Hippodetos, weil er in dem Kriege der Böoler gegen die Orchomenier deren Pferde n. Wagen durch Zusammenbinden verwirrt hatte; Agonios, als Stifter der gymnastischen Spiele; Palämon, der starke Ringer; Alexikakos und Soter, Befreier von Noth und Unheil; Ana- pauomenos, der von seiner Arbeit ansruht; Buphagos, der ganze Rinder verzehrt; Lhy- moleon, Löwenmüthiger; Mnsagetes,als Führer der Musen; Kallinikos (Victor), rühmlicher Sieger; Ötäos, weil er sich aus dem Ota verbrannt hatte. Da die späteren Schriftsteller und Mythendeuter die Thaten des H. für Einen zu viel achteten, so nahmen sie deren mehrere an; Vsrro nimmt deren 43, Cicero 6 an. Bon dem orientalischen H-dienst, in dem er ausschließlich als Gott erscheint, har sich bes. der — Heraklidcs. assyrische n. phönikische früh über Kleinasien und den griechischen Archipel, hie u. da wol auch bis an die griechischen Küsten verbreitet. Der assyrische H. (auch Sandon genannt) war von Ninive n. Babylon nach Kleinasien gebracht u. hatte in Sardes, der Hauptstadt Lydiens, eine feste Stätte erhalten. Der phönikischeH., welcher inTyrus u. den lyrischen Colonien als Melkart verehrt wurde, verbreitete sich von da über viele Inseln u. Küsten der griechischen Gewässer (Kreta, Rhodos, Thasos, Cypern, Lesbos, nach Erythrä in Klcinasien) bis nach Sicilien u. an die Gaditan- ische Meerenge. In diesen orientalischen Culten tritt H. bes. als Sonnengott u. Sonnenheros hervor, sowol in der symbolischen Natnrbedeutung, als in der übertragenen ethischen. Dahin gehört sein Kampf mit dem Löwen, seine Selbstverbrennung aus dem Scheiterhaufen, von dem er von Neuem als Gott zuin Himmel emporfährt, die Vorstellung seiner Fahrt in dem Sonnenbecher od. auf einem Floß rc. Der indische H. ist wol erst durch die dorthin übertragene griechische Tradition entstanden. Auch bei den Germanen begegnet der Cnltus desH., der aber, ein Nationalgott, nichts als den Name» mit H. gemein hat, u. noch jetzt findet man viele Idole in deutscher Erde, die denselben knieenü mit über dem Kopf geschwungener Keule Larstellen, Len sogenannten Hercules Saxanus, den man mit Donar identi- ficirl hat. Eine ähnliche Bedeutung scheint der Hercules Magusanus bei dem germanischen Volke der Beigen gehabt zu haben. Thielemami» Heraklenpolis (auch Heraklea oder Sethron), Stadt in Mittelägypten, westl. vom Nil; von ih, stammte die 10. (Herakleotische) Dynastie (s. Ägypten S. 293). Hcrakliden, 1) Nachkommen des Herakles, von dem abznstammen im Alterthum eine Unmasse sich rühmten. Gewöhnlich wird der Name aber auf die aus der Familie des Herakles bezogen, die achtzig Jahre nach dem Trojanischen Kriege mit Doriern und unter Anführung des Oxylos aus Nordgriechenland in Len Peloponnes wanderten und Gründer der peloponnesischen Reiche wurden, eine Erzählung, die sehr verschiedene Versionen im Alterthnm erfahren hat. 8) (a. Lit.) Tragödie des Enripides, s. d. Hcraklrdes, 1) Pontrkos aus Heraklea Politik« (s. d. 4), in Athen Schüler des Platon u. Aristoteles ; blühte um 338 v. Chr. n. gehörte als pe- ripatetischer Philosoph zu den Polyhistoren: seine zahlreichen Schriften behandelten die Philosophie, die Mathematik, Musik, Grammatik,Geschichte, Poesie u. a. Übrig ist mit seinem Namen eine Schrift Legi Tro^re-wi-, welche jedoch wol nur eine in später Zeit aus H., bes. aus seiner Schrift über die Gesetze, aber auch aus Aristoteles angefertigte Compilation ist, herausgeg. bes. von Köler, Halle 1804. Die Homerischen Allegorien (herausg. von Schon», Gött. 1782) sind nicht von ihm, obgleich er in der Thal über Homer schrieb. Seine Schriften über Abaris u. Zoroaster lassen seinen Hang zumWnnderbaren, Fabelhasten ahnen, wegen dessen man ihn tadelte, während sein anmuthiger Stil gelobt wurde. 2 ) H. von Erythrä, Arzt aus , der Schule des Herophilos u. einer seiner berühm-- I 197 Heraklios — Heraldische Figuren. testen Schüler, war vorzugsweise Theoretiker, 210 v. Chr.; schrieb Commentarien über die Werke des Hippokrates. Den Puls definirte er als eine Zusammenziehung u. kraftvolle Ausdehnung des Herzens u. der Arterien u. kannte auch Blutungen des Zahnfleisches durch Secretion. 3) H. v. Tarent, um 242 v. Chr., Schüler des Mantias u. der bedeutendste Empiriker. Er hatte das Verdienst, dieArzneimittellehre genauer bearbeitet zu haben, schrieb ein vollständiges Werk hierüber, ferner Auslegungen des Hippokrates, ein medic. Tischbuch unter dem Titel: Gastmahl, Abhandlungen über Landwirthschaft u. a., die leider sämmt- lich verloren gegangen sind. Ein ferneres, großes Verdienst erwarb er sich um die Chirurgie, namentlich durch die Kritik der Lehre von den vergifteten Wunden und durch die Darstellung phar- maceutischer wie operativer Kosmetika gegen die damals häufigen Flecken bei Aussatz, die er zuerst eingehend erörterte, sowie um die Diätetik. 1) Riese. L)S) Thamhayn. Heraklios. Byzantinische Kaiser: 1) Con- stantinus H., s. Constantin 4). 2) H-, Sohn des Exarchen H. von Afrika, geb. 575; stürzte im Jahre 610 den in jeder Hinsicht nichtsnutzigen Usurpator Phokas vom Throne, ließ ihn 5. Oct. desselben Jahres enthaupten und sich selbst zum Kaiser krönen, s. Byzantinisches Reich. Seine Negierung, die bis zum Jahre 641 dauerte, war höchst ereigniß- u. wechselvoll. Der langwierige, letzte byzantinische Krieg mit den durch die Avaren unterstützten Persern, die 628 zu verlustvollem Friedensschluß genöthigt werden, dann die seit 633 beginnenden Eroberungen der mohammedanischen Araber auf Kosten der Oströmer, endlich die Ansiedelung der Kroaten u. Serben in Dalmatien u. weiter ostwärts (seit 620) kommen besonders in Betracht. H. war vermählt erst mir Eudoxia, dann mit seiner Nichte Martina. Hertzberg. Heraklitos, griechischer Philosoph, mit dem Beinamen Physikos oder (weil seine Lehre sehr unverständlich war) Skoteinos (der Dunkle), aus Ephesos, lebte um 500 v. Chr.; er zog sich, mit seinen Zeitgenossen unzufrieden, von öffentlichen Geschäften zurück. Nach seiner Angabe war er Autodidakt, nach And. Schüler des Tenophanes, Andere rechnen ihn zu den ionischen Kosmophy- sikern; sein Hauptwerk, welches er im Dianen- tempel niederlegte, war iUoöaae od. Trepk gwarwL Er lehrte im Geiste der dogmatischen Schule: Das Feuer, als Urelement od. Grundkraft, ist selbst fortwährend thätig u. in stetem Wandel u. erhält Alles in beständigem Fluß, entgegengesetzter Bestimmung u. einer strengen Nothwendigkeit. Daher ist die end- liche Welt weder Menschen- noch Gottes Werk, sondern ein harmonisches Wechselspiel der Natur; daher ist das Feuer die Seele des Ganzen, gleichsam die Gottheit, sowie die Seelen der Menschen feurige, eingeathmete Wesen sind. Da H. Alles auf Eine »othwendige Grundursache zurücksührte, so hob er, obgleich die menschlichen Gesetze aus der allgemeinen Vernunft ableitend, den Unterschied zwischen Gut u. Böse auf. Von Bedeutung für die Geschichte der Philosophie ist H. dadurch geworden, daß er, im Gegensatz zu der Eleatischen Schule, dem Begriff des Seins alle wissenschaftliche Bedeutung absprach und an dessen Stelle den des ewigen grund- u. zwecklosen Werdens setzte, wodurch er der Urheber einer speculativen Grund- ansicht wurde, welche sich fortwährend iu veränderten Gestalten wieder geltend gemacht hat. Fragmente in Mullach: OraAmonta pkülosoplior. §rae- oor., Bd. I, Paris 1860; A. Gladisch, H. u. Zoro- after, Leipz. 1859; Bernays, Osraolitsa, Bonn 1843; Die Heraklitischen Briefe, Berl. 1859; Lasalle, Die Philosophie H'., Berl. 1858, 2 Bde. Specht.» Heraldik (eigentlich Wissenschaft der Herolde), Wappenkunde, die Wissenschaft von den Regeln u. Rechten der Wappen. Diese Regeln waren ursprünglich das Eigenthum der Herolde und ihrer Schüler (Persevanten), welche mündlich fortgepflanzt u. zugleich als ein Zunft- geheimniß bewahrt, allmählich aber bekannter wurden. Man betrachtet die H., die mit der Genealogie zusammenhängt, als historische u. juristische Hilfswissenschaft. Die H. zerfällt s.) in theoretische H., von Namen, Eintheilung, Ursprung, Rechten, Bedeutung u. Geschichte der Wappen u. ihrer Theile handelnd; i>)praktische H., die Aufstellung u. Aufreißung der Wappen betreffend. Die H. wurde zuerst in Frankreich ausgebildet und ist die älteste Handschrift die von einem Herold dem König Philipp August zugeeiguete; auch Le Bouuier, der Wappenkönig Karls VII., hat eine Handschrift von der H. hinterlassen. Unter den späteren französischen Bearbeitern sind vornemlich Marc Gilbert Le Varennes (UsL armorum, Par. 1635, 1640, Fol.), MarcVulson de laColombierejOasoisuosttsrolgus, ebd. 1644 u. 1669), bes. C. Fr. Menestrier von 1650 an zu beachten; in Deutschland schrieb Bartolus de Saxo Ferrato im 14. Jahrh. den Tractat: Os insi§n1is eb armis; aber erst später wurde hier die H. von C. Spaugenberg, Th. Hö° pingk u. I. P. Harsdörfer, jedoch nicht frei von französischem Einfluß u. nicht erschöpfend, dann wissenschaftlich von PH. I. Spener (im Opus tts- raläieum, zweiter specieller Theil 1680 u. Mrsorin insiAlllum, 1690) bearbeitet. Er setzte deutsche Ausdrücke fest u. machte auf den Unterschied der französischen u. deutschen H. aufmerksam. Seine Nachfolger brachten die Wissenschaft wenig weiter; erst I. C. Gatterer (1763 u. 1792) machte die deutsche H. von der französischen unabhängig u. gab eine bestimmte u. klare Nomenclatur, Siebenkees ergänzte ihn. In der praktischen H. lieferte Gatterer 1791 die Beweise, wie man von den Lehrsätzen den theoretischen Gebrauch machen müsse, u. bes. wie Genealogie, Diplomatik u. Numismatik dabei zu benutzen sind, was früher von I. D. Köhler, S. W. Ätler u. A. in einzelnen Fällen versucht worden war. Die Behandlung der H. bei den übrigen Völkern stand unter dem Einfluß der Franzosen; französische Regeln ».Ausdrücke wurden übergetragen u. ausgenommen u. sind größtentheils beibehaltcn worden. Schöne Wappensammlungen lieferte England. Die nordischen Völker haben sich mehr zu der deutschen Behandlungsweise geneigt. Lagai.* Heraldische Figuren (H. Zeichen), Figuren u. Linien, mit denen das Wappe« in Haupt- u. Nebenstücken, Tincturen, Theilungen u. Figuren zusammengestellt, erkannt und erklärt wird. 198 Hcrat — Herät, I) die östlichste Landschaft von Afghanistan in Asten, zwischen Persien im W. u. den afghan. Landschaften Kandahar u. Kabul im O., auf 110,000 — 160,000 geschätzt. Zum Theil wüst und unbebaut, zum Theil namentlich in den Flußthälern von üppiger Fruchtbarkeit u. wohlcultivirt; vor Allem ist das Thal des Heri- Rnd mit Obst- und Blumengärten, Weinbergen u. Kornfeldern übersät und wegen des Reichthums seiner Erzeugnisse berühmt. Der Hauptfluß ist der Heri-Nud; im S. strömen der Harud u. Farrah; von Gebirgen erstrecken sich die westlichen Fortsetzungen des Hindukusch in das Land. Die Hauptmasse der Bewohner, ungefähr 1 Million, sind stark mit mongolischem Blute gemischte Tadschik; die herrschende Klasse sind Afghanen, daneben Turkmanen. 2) Hauptstadt des Landes u. Residenz des Königs, wegen seiner Lage in fruchtbarer, vom Heri-Rud durchströmter Gegend die Perle der Welt od. der Segensort, oder die Stadt mit 109,000 Gärten genannt; einst als prächtig gerühmt, jetzt eine Stadt mit engen, schmutzigen, finsteren Gassen; durch einen großen, mit Castellen versehenen Erdwall befestigt, Fabrikation von vortrefflichen wollenen u. seidenen Teppichen, Lederwaaren rc., gegen 45,000 Ew. Stadt und Umgegend sind voll Ruinen alter Prachtbauten, darunter das Bagh-Schahi (der Königsgarten) u. die von Mossalah (Ort der Andacht), die Grabstätte eines centralasiatischen Herrschers. H. ist Lurch seine Lage an dem Handels- wege zwischen Indien, Persien, dem Kaspischen Meere ein wichtiger Handels- u. Waffenplatz n. seit alten Zeiten der Durchgangspnnkt für die Eroberer Indiens gewesen. — H., das Haraiva der alten Perser, das Hsxaneiria, Ariornm der klassischen Geographen, theilte nach dem Fall des altpersischcn Reichs die Schicksale von Khorasan u. kam mit diesem im 7. Jahrh. an die Khalifeu, von denen es 1042 die Seldschuken eroberten. In der Mitte des 12. Jahrh. wurde es Sitz der Ghoriden, unter denen die Blüths der Stadt begann; noch vor Ablauf dieses Jahrh. wurde es von dem Schah von Kharesm u. 1221 von Dschellaleddin, Sohn Dschiugis-Khans, erobert und bei einem Aufstand dem Erdboden gleich gemacht. Um die Mitte des 13. Jahrh. nahm mit Malek Hussein dessen Dynastie Besitz von H. u. machte es zur Residenz einer eigenen Dynastie, unter welcher es 1201 nochmals von den Mongolen erobert wurde. Die berühmtesten Herrscher dieser Dynastie sind Fachr-ELLin u. sein Nachfolger Gajath-Eddin (zu Anfang des 14. Jahrh.). 1381 eroberte Timur H. mit ganz Khorasan, u. H. wurde durch seinen Sohn Scharoch nun Sitz einer Dynastie der Timnriden, unter denen bes. Hussein (1470—1506) es zu einem Sitz der Persisch. Wissenschaft n. Literatur machte. Nachdem H. 1507 von den Usbeken erobert worden war, kam es 1510 in die Gewalt Jsmael Sofis u. blieb nun bei Persien, bis es 1749 von den Afghanen genommen wurde. In den Thronstreitigkeiten der Söhne Timur Schahs nach dessen Tode 1794 behauptete sich zuerst Mahmud, daun sein Bruder Firnz unter vielen Greuelthaten, u. nach dessen Entthronung 1818 des Elfteren Sohn Kamran als selbständige Herrscher. Bei den fortwährenden Unruhen in Afghanistan richtete sich - Herault. das Auge der Perser auf H.; zugleich sing er an die Aufmerksamkeit der beiden rivalisirenden Mächte Rußland u. England zu erregen. Die Eroberungsversuche des Perser - Schah von 1833 u. 1838 scheiterten an dem von den Engländern durch Sendung von Offizieren u. diplomatisch unterstützten Widerstand Kamrans. Diesem folgte 1842 sein bisheriger Vezier Jar Mohammed, diesem 1852 sein Sohn Saiad Mohammed, der von dem Emir Dost Mohammed hart bedrängt u. nur durch Englands Einsprache gerettet wurde. Nach dessen Ermordung 1855 folgte Jussuf, Neffe Kamrans, unter dem Einfluß Persiens; da er bald verdrängt wurde, schritten die Perser zum Krieg und besetzten 26. Oct. 1856 die Stadt. Eine sofortige Expedition der Engländer nach dem PersischenMeerbusen zwang den Schah im Frieden von Teheran, 14. April 1857, seine Truppen zurückzuziehen u. auf jeden Anspruch von H. zu verzichten. Seit dieser Zeit regierte Achmed Khan, ein Anhänger Persiens, den aber 1862 der Emir Dost Mohammed von Afghanistan vertrieb u. Stadt u. Gebiet wieder mit dem afghanischen Reiche vereinigte. Seitdem verblieb es bei Afghanistan u. wurde von 1871—74 von Jakub Khan, dem Sohn des Emirs L>chir Ali, beinahe selbständig verwaltet. Ende des letzt. Jahres wurde er jedoch verrätherischer Weise von seinem Vater gefangen gesetzt u. die Stadt dem afghanischen Reiche direct untergeben. Der Besitz Vieser Stadt ist nicht allein für die beiden benachbarten Reiche Persien n. Afghanistan, sondern auch in ebenso hohem Grade für die beiden hinter ihnen stehenden n. durch sie operirenden Rußland u. England von größter Wichtigkeit. Thi-lemann. Herault 1) (sonst Arauris) Fluß im südlichen Frankreich; entspringt nordwestl. von Balle» rangnes im Dep. Gard am Fuße der hohen Berge von Aigonal n. des Esperon in den Cevennen, durchfließt in südlicher Richtung das nach ihm benannte Dep., nimmt rechts die Arre, Vis, Boyne, Tongue, links den Rientort auf, ist von Bessan an schiffbar u. mündet nach einem Lauf von 164 km unterhalb Agde in das Mittelmeer (Golf du Lion). Oberyalb Agde mündet rechts der Kanal du Midi ein u. wird links fortgesetzt bis in den Etang von Than. 2) Dep. in Frankreich, ans Bestand-Heilen des ehemaligen Languedoc zusammengesetzt, u.zwar ans den 4 Diöcesen Montpellier, Loveve, Böziers u. Narbonne, die drei ersten vollständig, die letzte zu etwas mehr als Vs umfassend; grenzt im W. an das Dep. Tarn, im SW. an Aveyron, im N. u. O. an Gard, im SO. an das Mittelländische Meer u. im S. an dieses Meer u. Aude; 6193 lHüm ( 112 , 5 g UM) mit 429,878 Ew. (aus 1 llssicm 69, in ganz Frankreich 68,g). Das Dep. ist im NW. u. W. gebirgig durch Zweige der südlichen Cevennen, wie die Monts de la Seranne, Monts Garrigues u. Monts de l'Espirwuse, die meist kahl, z. Th. auch mit Heidekraut und niedrigem Gebüsch bedeckt sind. Die Abdachung ist nach L-lldost zur Küste gerichtet, in deren Nähe sich weite Ebenen, aber auch Moräste u. eine Reihe von Lagunen u. Strandseen (Etangs) ausdehnen, wie die Etangs von Than, Magnelonne, Pbrols, Mauguio, Vendres rc. Flüsse: H., Lez, Vidourle, Orb, Aude rc. Unter Len Kanülen sind der Kan. du Midi 199 Herault — ll. der Kan. des Etanges die wichtigsten. E isen- bahnen: das Dep. wird von mehreren Linien der Süd- u. der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn (311 u. 134 km) durchschnitten. Das Klima ist mild u. gesund, die mittlere Jahrestemperatur 10,,° L., der Boden fruchtbar. Producte: Getreide (über den Bedarf), Wein (z. B. Lünel, Frontignan rc., 1874: 13 Mist, KI, 21°/„ der gelammten Wein- production Frankreichs), Obst (wird größtenthcils getrocknet), Oliven, Btandeln, Feigen, Maulbeeren, Krapp, Hans, Flachs rc.; Esel, Maulesel, Schweine, Rindvieh, Pferde; Eisen, Blei, Steinkohlen, Marmor, Granit, Gips, Alaunerde, Erdöl, Salz (aus den Lagunen), Braunkohle, die unter dem Namen von versteinerter Asche (osnärss kossils) zur Verbesserung des Bodens verwandt wird. Mineralquellen sind zu Balaruc, Gabian, La Malou, Avesne, Perols, Montpellier. Von der Gesammt- oberfläche sind 1589„g Hjkm Ackerland, 134,ig sH km Wiesen, 1044,54 sü km Weinberge, 803,s, Wald u. 2022,5g Hskm Heiden. Die Bewohner, welche das languedocsche Patois reden, beschäftigen sich hauptsächlich mit Ackerbau, Vieh-, namentlich Schafzucht u. Zucht der Seidenwürmer; viele finden auch in den zahlreichen industriellen Etablissements Beschäftigung. Die ziemlich bedeutende Industrie liefert Wollen-, Seiden- n. Baumwoüen- zeuge, Glasflascheu, Branntwein, Liqneure, Seifen, Lichte, Parfümerien, chemische Erzeugnisse, Eisen, Stahl, Papier rc. An der Küste wird Austern- u. Sardellenfischerei betrieben. Der Gesammtwerth der industriellen Producte beträgt etwa 94 Mill. Frcs. jährlich. Die Haupthandelsplätze sind Montpellier u. der Hafen Cette. Volksbildung: 1872 gab es in dem Dep. unter 100 Bewohnern über 6 Jahre 36,, Unnnterrichrete, in ganz Frankreich 33,4. An höheren Lehranstalten besitzt eS ein Ly- ceum mit kleinem College, 8 Commnnal-Colleges u. 20 freieSecundärschnien. Eintheilung in die 4 Arrondissements Montpellier, Veziers, Loüeve u. St.-Pons, zus. mit 36 Cantonen u. 335 Gemeinden. Hauptort ist Montpellier. H. bildet die Diö- cese des Bischofs von Montpellier u. gehört zum Appellhof u. zur Akademie dieser Stadt. H- Berns. Hsrairlt, 1) Didier (latinisirt Heraldus) Rechtsgelehrter u. Philolog, geb. um 1580, war schon mit 19 Jahren Professor der griechischen Sprache in Sedan, mußte aber, als Protestant in Polemiken verwickelt, seine Stelle ausgeben u. ging nach Paris. Hier wurde er 1611 Parlamentsad- vocat u. st. Juni 1649, nachdem er mit seinem früheren Freunde Salmasius die heftigste Polemik über die Advocatur geführt. H. schrieb u. a. Obssrvntiouos aä jus attieum st. Romauum, Par. 1650 ; gab 1600 Anmerkungen zu Martialis heraus, 1605 tkruobü äisxutatio aävsrsus §sutss, 1613 Lörtuiliani L-poloAstious et Llinuoius skolix. 2) H. de Sechelles, I ean Marie, geb. 1760 in Paris, aus einer alten Adelsfamilie u. daher auch mit dem Hofe in Beziehungen, war seit 1781 Kronanwalt in Chntelet u. wurde 1786 Gcneral- anwalt beim Parlament. 1789 focht er als Na- tionalgardisi vor der Bastille, wurde Cvmmissär des Königs beim Cassationshose, dann Mitglied der Nationalversammlung u. 1. Sept. deren Präsident. Hierauf in den Convent gewählt, wurde er 2. Nov. Herbarium. 1792 dessen Präsident, jedoch nur auf wenige Tage, da er eine auswärtige Sendung annahm; doch sandte er von Auswärts seine Zustimmung zur Hinrichtung des Königs. Zurückgekehrt trat er zur Bergpartei über, wurde Juni 1793 wieder Präsident, dann Präsident im Wohlfahrtsausschuß, zeichnete sich auch hier Lurch harte Vorschläge aus u. ging im Sept. an den Oberrhein, um auch dort das Schreckenssystem einzuführen. Indessen nach seiner Rückkehr selbst entsetzt über den Fortgang des Schreckenssystems, wollte er mit der gemäßigten Partei der Jakobiner Einhalt thun, wurde aber, von Robes- pierre schon lange wegen seines Einflusses gehaßt, verhaftet u. 5. April 1794 guillotinirt. Er schrieb Tllsoris äs 1'Lmbition, herausgeg. 1802 von Salgnes. Lagai. Herausforderung, s. u. Duell. Herausrufen der Wachen geschieht durch den vor dem Wachlocale ausgestellten Posten auf den Ruf Heraus, um die gesammte Wachmannschaft zu versammeln, sei es zum Zweck der Abgabe der Ehrenbezeugung (vor fürstlichen Personen, hochstehenden Militärs rc.) oder zum Zweck der Ablösung des Posten, der Revision der Wachmannschaft oder endlich zur Aufrechthaltuug der Ordnung. Herb, 1) vom Geschmack, sauer und zugleich zusammenziehend; 2) unangenehm. Herbarium (3. vivnw), Sammlung getrockneter Pflanzen. Am besten werden von jeder Art (Abart) einige Exemplare nebst einem, den systematischen u. etwaigen deutschenNamen,Fundort, Blüthezeit u. etwaige Bemerkungen enthaltenden Zettel, in einen Bogen Schreibpapier, sämmtliche Arten einer Gattung in einen Umschlag gelegt u. zwischen zwei Pappen gebunden, an welchen der Name der Ordnung oder Familie bemerkt ist. Kleinere Herbarien werden nach der betreffenden Localflora, größere, allgemeinere Übersichten gewährende, nach größeren Handbüchern, z. B. nach Endlichers Lnelliriäicm botnnionm oder nach Bent- ham und Hookers Oonsrn iklantarum geordnet. Bei der Auswahl der Exemplare achte man darauf, Laß dieselben instrnctiv sind u. daß die verschiede- inen Exemplare ein Bild von den verschiedenen Entwicklnngsstadien der Pflanze (z. B. Keimpflanze, Blüthenpflanze, Fruchtpflanze) geben. Immer verfolge man beim Sammeln den Zweck, die Pflanze später wieder zu untersuchen, aber nicht sie bloß zwischen Papier getrocknet aufzubewahrcn. Die in das H. zu legenden Pflanzen müssen bei trockenem Wetter gepflückt oder, wenn sie feucht waren, bis zum völligen Abtrocknen im Zimmer aufbewahrt werden; dann werden sie zwischen Lagen von Fließpapierplatten eingelegt und ausgebreitet, das Ganze mit Brettern beschwert oder- mäßig gepreßt. Nach einem od. einigen Tagen, je nach dem Saftgehalt der zu trocknenden Pflanzen, wird das feucht gewordene Papier mit trockenem vertauscht. Nicht allzu saftige Pflanzen trocknen am besten in Büchern, wo sie gewöhnlich bis zur völligen Austrocknung liegen bleiben können. Saftige Pflanzen, auch Nadelhölzer u. Ericaceen, werden vor dem Trocknen in heißes Wasser getaucht. Saftvolle, durch das Pressen alle Form verlierende Blumen, z. B. Jrisarten, Rosen rc. werden vor dem Einlegen zwischen Papier in mäßig heißem Sande 200 Herbart - so weit ausgetrocknet, daß sie zwar den größten Theil des Saftes, aber nicht alle Biegsamkeit der Blumenblätter verlieren. In neuerer Zeit wendet man vielfach sog. Gitterpressen, welche aus eisernem Rahmen mit Drahtgeflecht bestehen, zum Trocknen an, man erzielt bannt ein rasches Trocknen, Erhaltung der Farben u. nicht allzu starkes Zusammendrücken der Pflanzentheile, welches die Pflanzen für Untersuchungen weniger tauglich macht. Zur Abhaltung der den Sammlungen feindlichen Jnsecten dienen, außer öfterem Durchblättern u. Tödten der Larven, Insektenpulver n. a. Gifte. Sehr empfehlenswerth sind Kisten aus Blech, die einen abnehmbaren, in einer mit Wasser zu füllenden Rinne liegenden Deckel besitzen; stellt man in diese Kisten ein Gefäß mit Schwefelkohlenstoff u. setzt eine Anzahl Pflanzenpackele etwa 24—48 Stunden in den luftdicht zu verschließenden Kasten, so werden die Jnsecten getödtet. Wiederholt man dies Verfahren etwa alle Jahre, so kann man die etwa wieder hinzugekommenen Jnsecten leicht entfernen. Engter. Herbart, Johann Friedrich, dentscherPhilo- soph, geb. 4. Mai 1776 in Oldenburg, studirte in Jena, wurde 1805 Professor der Philosophie in Götlingen, 1809 in Königsberg u. 1833 wieder in Göttingen, wo er 14. Aug. 1841 st. Seine wichtigsten Schriften sind: Pestalozzis Idee eines ^.86 der Anschauung, Gött. 1802, 2. A. 1804; Kurze Darstellung eines Planes zu philosophischen Vorlesungen, ebd. 1804; Os xlatouioi o/stsinatis knucka- msubo, ebd. 1805; Allgemeine Pädagogik, ebd. 1806; Über das philosophische Studium, ebd. 1807; Allgemeine praktische Philosophie, ebendas. 1808; Hauptpunkte der Metaphysik, ebd. 1808; Pflsorias cks Ltbraotions siomsntorum prinoipia lusbapb., Königsb. 1812, 2 Thle.; Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie, ebd. 1815, 4. Ausl. 1841; Lehrbuch der Psychologie, ebd. 1816, 2. A. 1834; Psychologie als Wissenschaft, ebd. 1824 s., 2 Thle.; Allgemeine Metaphysik, ebendas. 1828 f., 2 Bde., 2. Ausl., Halle 1841; Gespräche über das Böse, Königsb. 1817; Über die gute Sache (gegen Professor Steffens), Lpz. 1819; Über die Möglichkeit u. Nothwendigkeit, Mathematik auf Psychologie anzuwenden, Königsb. 1822; Encyklopädie der Philosophie, ebd. 1831, 2. Ausl. 1841; Umriß pädagogischer Vorlesungen, Gött. 1835, 2. Ausl. 1841; Analytische Beleuchtung des Naiurrechtes u. der Moral, ebd. 1836; Zur Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens, ebd. 1836; Psychologische Untersuchungen, ebd. 1839 s., 2 Hfte.; H-S kleinere philosophische Schriften und Abhandlungen, herausgeg. von Hartenstein, Leipz. 1842 bis 1843, 3 Bde.; von Demselben auch H-s Sämmtliche Werke, ebd. 1850—1852, 12 Bde. Seine Pädagogischen Schriften in chronologischer Reihenfolge mit Einleitungen gab Willman, Lpz. 1874—75, 12 Bde., heraus. Vgl. Ziller, Her- bartsche Reliquien, Leipz. 1871. H., zunächst in der Schule Kants u. Fichtes gebildet, aber auch durch das Studium der griechischen Philosophie angeregt, begründete ein eigenes philosophisches System, welches sich durch Scharfsinn, Strenge und Len Geist gewissenhafter Forschung vor den meisten Probucten der nachkantischen Speculatiou - Herbcck. auszeichnete. Die Herbartsche Philosophie gibt nicht zu, daß verschiedene Ansichten von verschiedenen Standpunkten gleich wahr sein können, sondern die Wahrheit ist ihr nur Eine, u. philosophisches Wissen ist ihr Ziel. Dabei läßt H. jedes Problem der Wissenschaft in seiner Sphäre u. behandelt es nach der demselben natürlichen Methode, n. daher kommt es, daß die Wissenschaft sich bei ihm nicht aus Einem Prinzip, sondern von mehreren coordinirten Anfangspunkten aus entwickelt, deren Resultate in ihrer gegenseitigen Ergänzung das gesammte philosophische Wissen bilden. Ihm zerfällt die Philosophie in drei, nach der Beschaffenheit der durch die eigenthümliche Natur der Begriffe selbst bestimmten Aufgaben des Denkens geschiedene Theile, nämlich in Physik, Lehre von der Erkenntniß dessen, was ist u. geschieht; Ethik, Lehre von den ästhetisch-praktischen Prinzipien; Dialektik, Lehre von der Gesetzmäßigkeit in der Bestimmung u. Verbindung der Gedanken. Theoretische Grundwissenschaft ist nach H. die Metaphysik, die sich mit dem Begriff der Realen, d. h. der ursprünglich verschiedenen u. unveränderlichen Dinge, oder richtiger, der als Dinge gedachten Merkmale der Dinge befaßt u. in welcher die Mannigfaltigkeit und der Wechsel der Erscheinungswelt auf eine, den Atomen der Alten und den Monaden Leibniz' entsprechende Vielheit des Realen zurückgeführt wird. Die sittliche Werthschätzung ist nach H. eine ästhetische. Die Ethik tritt als strenge Tugend- u. Pflichtenlehre auf. Ihre Grundlage bilden fünf Ideen: innere Freiheit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht, Billigkeit. Die ethischen Ideen und die teleologische Natnrbetrachtung sind der Ausgangspunkt der Religionsphilosophie. Die Herbartsche Philosophie sucht sich als exacte Wissenschaft darzustellen. Die Mathematik findet daher allseitige Anwendung, vornemlich auf dem Gebiete der Psychologie, die sich mit dem Ich beschäftigt, welches als ein Reales dem Begriff der Seele gleichkommt, deren gesammtes Leben in der Selbsterhaltung besteht und deren daraus hervorgehende Vorstellung H. nach den Regeln der Mechanik berechnet. Die Herbartsche Philosophie, welche der herrschenden idealistischen Denkweise des Zeitalters fremdartig gegenübertrat, ist vielfachen Mißverständnissen ausgesetzt gewesen; gleichwol hat sie allmählich einen wachsenden Einfluß gewonnen, der sich namentlich auf dem Gebiete der Psychologie u. der Pädagogik zu erkennen gibt. Unter den Vertretern derselben sind außer Roer, Griepenkerl, Tante, Allihn u. A., bes. Drobisch, Hartenstein, Strümpell, Exner, Thilo, Volkmann, Waitz zu nennen. Vgl. die Biographie H-s in Hartensteins Ausgabe seiner kleineren philosophischen Schriften, Bd. 1, u. Thilo, H-s Verdienste um die Philosophie, Oldenb. 1875. Am hundertjährigen Geburtstage H-s, 4. Mai 1876, wurde ihm in seiner Vaterstadt Oldenburg ein Denkmal gesetzt. Specht. Herbeck, Johann, ausgezeichneter deutscher Tonkünstler, geb. 25. Dec. 1831, der sich namentlich als Dirigent einen glänzenden Ruf erworben hat. Er wurde mit 10 Jahren Sängerknabe des Cistercienserstistes Heiligenkreuz, kam zu Rotter nach Wien, um Harmonielehre zu studiren, und 201 Herbcde - verdankt im klebrigen seine ganze musikalische Bildung dem eigenen rastlosen Fleiße. Bevor er sich der Musik völlig hingab, besuchte er das Gymnasium u. widmete sich drei Jahre dem Studium der Jurisprudenz. Mit erstaunlicher Raschheit brachte es H. vom Chordirector bei den Piaristen (1852) zum Chormeister des Wiener Männergesangvereins, zum Conservatoriumsprofessor, 'artig. Director der Gesellschaft der Musikfreunde, zum Vicekapellmeister (1863), ersten kaiserl. Hoskapell- meister, bis endlich (als Nachfolger Dingelstedts) zum Director der kaiserl., Hofoper (1871), deren Thätigkeit unter seiner Ägide den höchsten Aufschwung genommen hat. Seine Compositionen (Messen, Ouvertüren, Symphonien rc.) nehmen keinen außergewöhnlichen Rang ein. Sieb-nrock. Herbede (West-H.), uraltes Psarrdorf im Kreise Bochum des preuß. Regbez. Arnsberg; Station der Ruhrthalbahn; Kohlenbergbau; 1600 Ew. In der Nähe die Ruinen der Burg Hardenstein, deren Ursprung in die Zeit Karls d. G. fallen soll. Herberge, 1) das Unterkommen in einem Hause; 2) zur Zeit des Zunftwesens das Local, in dem die sämmtlichen Gesellen einer Zunft ihre Zusammenkünfte hielten, ihre Lade aufbewahrten u. wo die einwandernden oder kranken Gesellen verpflegt wurden; meist ein Privathaus, häufig sogar der Zunft selbst gehörig, seltener ein Gasthaus. Daher die H. wegbringen, sie in ein anderes Haus verlegen und die Lade sin (feierlichem Aufzuge an diesen Ort bringen; H-svater u. H-smutter Hauswirth u. -wirthin. Herberger, Valerius, berühmter lutherischer Prediger, geb. 21. April 1562 in Fraustadt im Posenschen, studirte in Frankfurt a. O. u. Leipzig Theologie, wurde 1584 Diakonus u. 1590 Pfarrer in Fraustadt, wo er 18. Mai 1627 st.; er schr.: LlaAuaUa Osi, d. i. Die großen Thaten Gottes von Jesu, 1601 ff., Halle 1854; Psalterparadies; Evangelische Herzenspostille, n. A. von Tauscher, 1840, von Bachmann, Berl. 1852; Epistolische Herzpostille, n. A., Berl. 1852; Geistreiche Stoppelpostille; Passionszeiger, Halle 1854; von ihm ist das Kirchenlied (sein einziges): Valet will ich dir geben; Lebensbeschreibung von Lauterbach, 1708 ff., 2 THIe., u. von C. F. Ledderhose (im 4. Bd. der Sonntagsbibliothek, Vieles. 1851). Löffler. Herberstcin, ein in Österreich und Preußisch- Schlesien angesessenes altadeliges Geschlecht, welches schon im 10. Jahrh. vorkommt; es wurde vom Kaiser Ferdinand I. 1537 in den Freiherrnstand erhoben u. erhielt 1556 von demselben das Erb- kämmerer- u. Truchsessenamt in Kärnten; 1644 wurde ihm der Grafenstand u. 1688 die Magnatenwürde von Ungarn verliehen. Das Stammschloß Herberstein liegt in Unter-Steiermark an der Feistritz, in der Nähe der ungarischen Grenze. Merkwürdig: Sigismund, Freiherr v., Staatsmann u. Geschichtschreiber, geb. 23. Aug. 1486 zu Wippachlin Kärnten, studirte die Rechte zu Gurk u. Wien, trat 1506 in die Armee u. befehligte 1509 die gesammte Reiterei Krains, ward dann Hofrath, machte 1517 seine erste und 1526 seine zweite Gesandtschaftsreise nach Moskau, dazwischen 1519 nach Spanien; dann zum Geheimen Rath u, Präsidenten des Finanzcollegiums ernannt, zog - Herbert. er sich 1556 vom Staatsdienst zurück, nachdem er noch 1553 die zweite Gemahlin des Königs Sigismund, eine Herzogin von Mantua, nach der polnischen Hauptstadt geführt, u. st. zu Wien 28. März 1566. Im Aufträge des Erzherzogs Ferdinand schrieb er: Rsrum Ässooviticarum oommouiarii (Wien 1549; Basel 1551 u. ö.; neu herausgegeben im Rsouoil von Starczewski, Petersb. und Berl., Bd. 1), lange Zeit hindurch das Hauptwerk über Rußland, deutsch zuerst Wien 1557, dann auch böhmisch und italienisch; Gesandtschaftsreise nach Spanien, herausgeg. von Chmel, Wien 1846; seine Selbstbiographie, herausgeg. von Kovachich, Ofen 1805; vgl. F. Adelung, Sigismund Freiherr von H., mit besonderer Rücksicht ans seine Reisen in Rußland, Petersb. 1818. Lagai. Herbert, 1) Anton, einer der größten Legisten Englands, war 1523 ffuä§s oktbs eommou plsas u. st. 1538. Er schr. u. a.: RsZistruiu smuium brsvium tam oriAivalium guam zuäioaiium, Lond. 1531; einen Commentar über die Os^ss munioi- palss des Königreichs, über die Lla§ua odarta rc. 2) Edward, Lord H. of Cherbury, englischer Deist, geb. 1581 zus Montgomery in Wales, 1616 Gesandter in Frankreich, um zu Gunsten der Protestanten zu wirken, im Bürgerkrieg auf Seiten des Parlaments, starb 1648. Er ist der eigentliche Begründer des englischen Deismus, indem er als Kern aller Religionen aufstellte: Einheit Gottes, Pflicht ihn zu verehren durch Tugend u. Frömmigkeit u. Meiden des Bösen, die göttliche Vergeltung in diesem u. jenem Leben. Schr. u. a.: Os veritats, Par. 1624; Os rsÜAious Asutilium, Lond. 1645. Vgl. Mrs liks ak O. I,. ok ob., rviittsn dzr bimsslk, Lond. 1770, herausg. von Horaz Walpole; CH. de Remusat: Oorä Osrbort äs Oirsrbur/, Paris 1874. 3 ) John Rogers, engl. Historienmaler, geb. zu Maldon (Essex) 23. Januar 1810, von 1825 an Schüler der Londoner Akademie u. bald als Bildnißmaler Liebling der Aristokratie, bildete sich nach den alten engl. Meistern u. gesellte sich nach feinem Übertritt zum Katholicismus den Nazarenern bei. In seinen Bildern bekundet H. tüchtige Zeichnung bei lebhafter Darstellungsgabe. Hauptwerke: Des- demona für Cassio bittend (1838); Prozession in Venedig im Jahre 1528 (1839); Das Signal (1840); Venetianische Bräute durch Seeräuber entführt (1841); Die Einführung des Christenthums in der Bretagne (1842); Christus u. die Samariterin am Brunnen (1843); Der Proceß der sieben Bischöfe (1844); Römische Kinder, vom hl. Gregor im Gesang unterrichtet (1845); Der Knabe Jesus, ein Kreuz erblickend (1847); viele Bilder aus der Bibl. Geschichte im neuen Paria- mentsgebäude: Moses mit den Gesetztafeln, Das Urtheil Salomos, Tempelbau, Daniel in der Löwengrube rc. 4 ) Sir Sidney, Lord, engl. Minister u. Staatsmann, Sohn des 11. Grafen von Pembroke ans dessen zweiter Ehe mit einer Gräfin Woronzow, geb. 16. Sept. 1810 zu Rich- mond, ward auf der Universität Oxford ausgebildet u. widmete sich frühzeitig dem öffentlichen Leben. Bereits 1832 ward er für Süd-Wiltshire ins Unterhaus gewählt, u. vertrat diesen Wahlkreis bis zu seiner Erhebung in den Peerstand 202 Hcrbesciren (1861). H. begann seine Laufbahn als einConser- vativer, u. war von 1841—45, in Peels erster Verwaltung, Secretär der Admiralität und dann Kriegsminister. Als Mitglied dieses Cabinets mußte er dem Cobdenschen Anträge auf Einsetzung einer Commission zur Untersuchung der Wirkungen der Korngesetze auf die Farmer entgegentreten u. dann kurz darauf doch für den Freihandel in Korn plai- diren. Als 1846 die Whigs zur Macht gelangten, trat H. mit seinen übrigen Collegen vom Amte zurück u. gehörte von nun an zu der kleinen Schaar parlamentarischer Capacitäten, die unter dcmNamen der Pecliten gemäßigt konservative Grundsätze mit einer liberalen Handelspolitik verbanden. Als im Dec. 1852 Lord Aberdeen die Leitung der Geschäfte übernahm, ward H. abermals Kriegssecrctär, in welcher Eigenschaft er die Vorbereitungen zu dem Kriege gegen das ihm eng befreundete Rußland zu führen hatte. Das Mißgeschick des englischen Heeres in der Krim, das im Januar 1855 zum Sturz des Ministeriums Aberdeen führt, wurde ihm, wenn auch vielfach irrthümlich, zngeschrieben. Nachdem er vorübergehend und nur aus einige Wochen Colonialminister in Palmerstons erstem Cabinet gewesen, übernahm er im Juni 1859 aufs Neue das Portefeuille des Krieges unter Palmerston. Seine Verwaltung zeichnete sich durch Verbesserungen im Gesundheitszustände u. im Er- ziehnngswesen des Heeres, durch die Verschmelzung der indischen milder königlichen Armee, u. namentlich aber durch die Organisation des Freiwilligenwesens aus. Die hierdurch bedingte große Arbeitslast hatte H-s Gesundheit erschüttert, u. um sich etwas zu erholen, ließ er sich 10. Januar 1861 znm Lord H. auf Lea ernennen, damit er das geschäftige Unterhaus mit dem verhältnißmäßig ruhigeren Oberhanse vertauschen konnte. Doch die Ruhe kam zu spät u. er st. 2. Aug. 1861. In Salisbury sowol wie in London ist ihm ein Standbild errichtet worden. -) iöstler. S> Regnet. 4> Bartling. Hrrücsciren (v. Lat.), hervorsprießen; daher Herbescent, kraulartig, als Kraut hervorsprossend. Hcrbcsttzal, Dorf im Kreise Eupen des preuß. Regbez. Aachen, zur Landgemeinde Lonzen gehörig, 15 km von Aachen, wichtig als Grenzstation der Rheinischen u. der Belg. Staatsbahn, Grenz-Zollamt. Herbiers, Les, Gemeinde im Arr. La Roche- sur-Don des franz. Dcp. Bendee, an der Maine; schöne Kirche aus dem 15. Jahrh., Papierjabrika- tion, Gerbereien, Weinbau, Handel mit Getreide, Wein n. Eisen; 3681 Ew. fl355 im Orte.) Herüiferisch (v. Lat.), Kramer hervorbringend, kräuterreich. Herbrpvlis, lat.-griech. Name für Würzbnrz. Herüolzheiur, Stadt im Bcz.-Amt Ettenheim des bad. Kreises Freibnrg, an der Elz, Station der badischen Staatsbahn; schöne Kirche mit Madonnenbild (besuchter Wallfahrtsort), Fabrikation von Leinwand, Cigarren und Cichorien, Hanf-, Tabak- u. Weinbau, Handel; (1871) 2018 Ew. Herborn, Stadt im Dillkreise des preuß. Regbez. Wiesbaden, an der Dill, Station der Köln-Mindener Eisenbahn; altes Schloß, evangelisch theologisches Seminar, Gerberei, Weberei, Dampssägewerk, Papier-, Walk- und Loh- mühlcn, Fabrikation von Tabak und eisernen — Herbst. Möbeln; 1875: 2718. Ew. — Die 1584 vom Grafen Johann dem Älteren gestiftete reformirte theologische Akademie wurde 1654 zu einer Universität erweitert, welche bis 1817 bestand, in welchem Jahre sie in ein theologisches Seminar verwandelt wurde. H- Berns. Herbort von Fritzlar, Hesse, wahrscheinlich Geistlicher, der noch in jungen Jahren, wol schon zwischen 1201—10, auf Anregung des Landgrafen Hermann von Thüringen, nach dem französischen Werke des Beniot de Sainte-More, dem Heinrich von Veldeke nacheifernd, ein Liet von Troie dichtete. Ausg. von Frommann, Quedl. u. Lpz. 1837. Herbsleben, Flecken im Landrathsamte Gotha des Herzogthums Sachsen-Kobnrg-Gotha, an der Unstrut; vorzüglicher Gartenbau (Spargel), Fischerei; (1875) 2146 Ew. — Geburtsort LesRechtS- lehrers Zachariä in Göttingen. Herbst, 1) Jahreszeit, von dem Tage an, wo die Sonne (scheinbar), beim Zurückgang von ihrem höchsten Stand, den Äquator durchschneide:, bis dahin, wo sie sich auf entgegengesetzter Seite am weitesten von diesem entfernt hat. Für die nördliche Ervhemisphäre tritt H-anfang ein, wenn die Sonne in das Zeichen der Wage tritt (den 23. Sept., H-äquinoctinm). Der H. währt bis zum 21. od. 22. Dec. (Wintersolstitinm). Der Durchschnittspnnkt des Himmelsäquators mit der Ekliptik, in welchem die Sonne bei H-anfang steht, heißt der H-punkt u. liegt dem Frühlingspunkte diametral entgegen. Auf der südlichen Hemisphäre beginnt der Herbst mit dem 21. oder 22. März und entspricht unserer Frühlingszeit. Der H. gilt für eine ungesunde Zeit, wegen mancher in ihm herrschender Krankheiten (H-krank- heiten), meist auf schnellem Temperaturwechsel beruhend. Als allegorische Gottheit wird er abgebildet als Mann od. Weib mit Krone von Wein- lanb n. Trauben, od. auch mit Trauben n. Äpfeln in der Hand, auch wol mit einem Füllhorn mit Früchten. 2) Die Zeit, dann auch der Ertrag der Weinlese: daher Herbsten, die Trauben ernten; ganzer H., eine volle, halber H., eine geringere Ernte. i) Specht.» Herbst, 1) Johann Gottlob, Württemberg, katholischer Theologe, geb. 13. Jan. 1787 in Rottweil, trat 1805 in den Benedictinerorden, studirte in Freiburg u. Rottweil Philosophie u. Theologie, war erst Repetent und Lector der Orientalischen Sprachen an der Schule zu Ell- wangen, wurde 1314 Professor der Theologie in Freiburg, später iu Tübingen, 1822 Oberbidüo- thekar an der Universitätsbibliothek daselbst und st. 1836; er war Mitbegründer der Tübinger Quartalschrift. Historisch-kritische Einleitung des A. T. herausgcg. u. ergänzt von Welte, Freib. 1841. 2) Eduard, österreich.Staatsmann, geb. 9. Dec. 1820 in Wien, studirte daselbst die Rechte u. wurde 1847 Professor der Rechtsphilosophie u. Les Criminalrechts in Lemberg u. 1858 in Prag; 1861 in den böhmischen Landtag gewählt, gehörte er zu den Führern der deutschen Partei u. wurde von diesem in den Reichstag delegirt, ebenso 1867; zu Ende dieses Jahres übernahm er im Ministerium Auersperg das Portefeuille der Justiz u. brachte hier die neue Civilproceßordnnng für 203 Herbstein — Österreich an den Reichsrath. Im Ministerium Taaffe zählte er zu der Partei der Majorität, der Centralisationspartei, trat aber mit diesem Ministerium im April 1870 zurück und ist seitdem im Abgeordnetenhaus des österr. Reichsraths Führer der verfassungstreuen Linken. Er schr.: Handbuch des Österreichischen Strafrechts, Wien 1855, 2 Bde., 2. Aust. 1865; Sammlung von strafrechtlichen Entscheidungen des obersten Gerichtshofes, ebd. 1853, 3. Aust. 1858, Nachträge 1860; Einleitung in das Österreichische Strafproceßrecht, ebd. 1860, neue Aust. 1871, u. Abhandlungen in Fachzeitschriften. 3) Wilhelm, Pädagog, geb. 8. Nov. 1825 in Wetzlar, studirte seit 1844 in Bonn u. Berlin, wurde, nachdem er an verschiedenen Gymnasien gelehrt, 1859 Direktor des Gymnasiums in Kleve, 1860 in Köln, 1865 in Bielefeld, 1867 Direktor und Propst am Kloster U. L. F. in Magdeburg und 1873 der Landesschule zu Pforta. Er schrieb: Das klassische Alterthum in der Gegenwart, Leipzig 1852; Zur Geschichte der auswärtigen Politik Spartas im Zeitalter des Peloponnesischen Krieges, ebd. 1853; Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote, Gotha 1857, 3. A. 1863; Histor. Hilfsbuch für die oberen Klassen von Gymnasien, Mainz 1864—1866, 3 Thle.; K. G. Heiland, ein Lebensbild, Halle 1869. Seine Königsgeburtstagsreden, gesammelt, 2. Aust., Mainz 1876. 1) Wffkr. 2> Lagai. Herbster», Stadt im Kreise Lauterbach der großherzogl. Hess. Provinz Oberhessen, auf einem Basaltfelsen; Laudgerichtssitz; Leinenweberei; 1875: 1715 Ew. H. gehörte früher zum Bisthum Fulda. Herbstfärbung, insbesondere der Blätter, besteht darin, daß das Chlorophyll schwindet, während die Stärke nach denjenigen Organen wandert, welche als Nährstossreservoire für das nächste Jahr dienen; an die Stelle des Chlorophylls tritt dann gelber Farbstoff oü. flüssiger rother Zellsafr (Erythrophyll), worauf dann bei den Pflanzen mit periodischem Laub die Blätter abgeworfeu werden können, während sie bei einzelnen immergrünen Pflanzen nächstes Jahr wieder e>grünen. Uebrigsns tritt bei vielen immergrünen Gewächsen, z. B. IIsx, vielen Coniferen, I-aurus rc. keine H. ein. Enzler. Herbstschein, der Neumond im September. Hercher, Rudolf, ausgezeichneter Kenner der gricch. Sprache, geb. zu Rudolstadt 11. Jan. 1821, in Leipzig Schüler G. Hermanns u. M. Haupts, 1847 Professor in Rudolstadt, 1861 in Berlin am Joachimsthalschen Gymnasium, 1873 Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, hat sich bes. um die Textverbesserung späterer Autoren (Man, griech. Erotiker, Epistolographen, Äneas Tacticns, Plutarch, Apollodor u. v. a.) Verdienste erworben. Er hat die 3. Ausl, von Lübecks AjaS und die Herausgabe des 2. Bandes von Bekkers Homer. Blättern besorgt. Homer und das Jthaka der Wirklichkeit, Hermes I., 263 f.; Über dis Homer. Ebene von Troja (Abh. der Berl. Akad.), 1876, sind epochemachende Arbeiten. Eberhard. Hercolänr, ein in Italien begütertes und in Bologna residirendes Fürstcngeschlecht, welchem 1699 vom Kaiser Leopold in der Person des' Grasen Philipp H. wegen der von demselben und. Herculaneum. dessen Vorfahren über 600 Jahre geleisteten ausgezeichneten Dienste die Reichsfürstenwürde nach dem Rechte der Erstgeburt ertheilt und 1765 bestätigt wurde. Herculaneum, bei den Griechen Herakleion (gewöhnlich Herculanum genannt, ital. Ercolano), alte Stadl in Lampania öslir, am Meere u. am westl. Fuße des Vesuvs; zuerst von Ostern bewohnt, später von Tyrrheneru und endlich von Griechen besetzt. Die Römer bemächtigten sich schon vor dem Bundesgenossenkriege der Stadt u. führten eine Colonie hin, durch welche H. eine der blühendsten Städte Campaniens wurde. Schon hatte sie durch Erderschütterungen häufig, namentlich 63 n. Chr., gelitten, beim Ausbruch des Ve- suvs 20. Nov. 79 n. Chr. wurde sie mit Pompeji u. Stabiä zugleich gänzlich verschüttet. Später wiederholte Lavaströme (man zählt deren 6 verschiedene über einander) begruben die Stadt in eine Tiefe von 12—30 in. Mit der Zeit wurden über die Stelle der alten Stadt Portici u. ein Theil von Resina gebaut, und wenn auch die Stätte, wo H. einst gestanden, später nicht unbekannt war (denn italienische Karten des16.Jahrh. zeigen noch bei Portici H. an), so wurde doch erst im 18. Jahrh. die Stadt durch Ausgrabungen wieder mehr bekannt. Frühere Ausgrabungen, wie die von 1684, waren bereits in Vergessenheit gekommen, als Emanuel von Lothringen, Prinz von Elbens, der 1706 ein Landhaus bei Portici gekauft hatte, infolge einer Ausgrabung von drei weiblichen Statuen auf dem'Grunde des alten Theaters, die man 1713 beim Graben eines Brunnens fand (jetzt im Museum zu Dresden aufbewahrt), weitere Nachgrabungen anordnete, die ihm jedoch bald darauf von Seiten der Regierung untersagt wurden. Erst 1738 wurden diese durch König Karl III. unter Leitung des Architekten Rocco Giachiuo Alcubierre u. des schweizerischen Ingenieurs Karl Weber, sowie dessen Nachfolgers ln Veja fortgesetzt, wobei mau auf einen Jupiter- tempel mit Bildsäulen und Las fast noch uubc- schäoigte.Thcater stieß. 1750 entdeckte man dann auch Stabiä u. Pompeji. Unter König Joseph Napoleon (1806—8) und Joachim Murat (1808 bis 1815) wurden die Nachgrabungen am thät- igsteu u. planmäßigsten betrieben, bis sie durch die politischen Ereignisse in Neapel unterbrochen wurden. Doch verorduete König Ferdinand I. 1816 die Fortsetzung der Arbeiten, aber erst seit 1828 ließ König Franz I. durch den Baumeister Bona:ci die Ausgrabungen wieder beginnen. Ausgegrabeu u. in der Regel wieder zugejchüttet wuroen: das Theater, ein Theil des Forums mit Säulenhallen, eine sllnsschisfize Basilika, Tribunale u. mehrere Privathäuser. Die Straßen waren ganz gerade und mit Lava gepflastert und an den Seiten mit Trottoirs belegt. Der Grund, daß nicht mehr Nachgrabungen gehalten werden, ist außer der Schwierigkeit, den Tuffstein, und die verhärtete Lava zu entfernen (vgl. Pompeji) der, daß mau, wegen der übergebauteu Städte Portici und Resina, die Häuser nicht bloßlegen und nur schachtmäßig entfahren kann, u. also die alte Stadt unterirdisch ist. Was man an Kunstgegenstäuden , hier u. in Pompeji fand, wurde anfangs in Len 204 Hcrculano de Carvalho königlichen Palast zu Portici, spater in das königliche (j. National-) Museum nach Neapel gebracht, wo es sich noch befindet. 1755 wurde auch zur Untersuchung u. Beschreibung derselben die Loos.- äsmis. Lroolsnoss gestiftet, die seit 1760 ihre Untersuchungen veröffentlicht hat. Benierkenswerth sind bes. die Mauergemälde durch Inhalt, Com- position, Zeichnung u. Farbengebung. Sie sind s tempern gemalt, nur wenige auf nassem Grunde, od. eigentliche Frescogemälde. Für die schönsten gelten die Tänzerinnen, die Nymphen und die Kentauren. Diese Gemälde wurden zugleich mit ihrem Grunde, der Mauer, ausgeschnitten; dadurch, daß man sie früher mit darauf gespritztem Wasser aufsrischte, verblichen sie nach und nach; jetzt ist dies verboten, ja sie werden sogar gleich durch Glas vor der Luft geschützt. Abzeichnungen davon in: I-s pitturs sntiobs ä'Proolsno (von Pasquale), Neapel 1757 ff. Weniger Gewinn hat die alte Literatur davon getragen, da weder die gefundenen Manuscripte ganz gelesen werden konnten, noch auch ihr Inhalt von Bedeutung war. Man fand nämlich in dem oben genannten Hause, theils in einem Zimmer des Hauptgebäudes, theils im innern Porticus iu einem Kästchen viele Papyrusrollen verkohlt. Sie dienen ihrem Inhalt nach hauptsächlich zur Erweiterung der Kenntniß der Epikureischen Philosophie, namentlich von dessen Anhänger Philodemos (s. d.). Vgl. Wiuckelmanu, Sendschreiben von den herculan. Alterthümern, Dresd. 1762; dessen Nachricht von den herculan. Entdeckungen, ebend. 1764; Abbildungen der ausgedeckten Alterthümer finden sich iu: Zahn, Die schönsten Ornamente u. merkwürdigsten Gemälde aus Pompeji, H. und Stabiä, Berlin 1828 ff.; Kaiser, H. und Pompeji, vollständige Sammlung der daselbst entdeckten Malereien, Mosaiken und Bronzen, gestochen von H. Roux u. Bouchet, Text nach dem Französischen von L. Barre, Hamb. 1833—41, 6 Bde.; Ternite, Wandgemälde aus Pompeji und H. (mit Text von O. Müller und Welcker), Berl. 1839—47. Die gefundenen Papyrusrollen wurden edirt in: Lsroulsu. volumina, 11 Bde., Neapel 1797 bis 1855 (theilweise von Gompertz); Pbiloäswi äs irs, über, Leipz. 1864. Bgl. desselben Herculanische Studien, 2 Hefte, Lpz. 1865—66 (Übrigens vgl. u. Pompeji). Lehfeldt.» Herculäno de Carvalho e Araujo, Alexandra, hervorragender portugiesischer Gelehrter, Dichter und Publicist, geb. 1796 zu Guimarens (Guimaraes) in Portugal; studirte Philosophie u. moderne Sprachen in Paris, kehrte nach Portugal zurück, schloß sich der liberalen Partei an und übernahm die Redaction des durch wissenschaftliche u. belletristische Tendenz wichtigen Journals Panorama; er schr. die religiös-politischen Gedichte L vor äo propiiets u. 4. bsrps äo oronts; Lu- rloo, o preis äos 6oäos (Eurich, der Priester der Gothen, Roman, deutsch von Heine, Leipz. 1847); dasselbe Drama mit der Novelle 0 monZs äs 6istsr unter dem Gesammtitel 0 Nonsstioon, 2 Bde., Lissab. 1844—48, neue Ausl., Lpz. 1867; sein Hauptwerk bleibt, neben einer großen Anzahl kleinerer Schriften verschiedenen Inhalts, die durch Freimütigkeit, reine Sprache u. stylistische Gediegenheit ausgezeichnete llistoria äo Portugal, e Araujo — Hercynit. Lissab. 1847—52, 4 Bde.; dieser schließt sich würdig an: Da origem s ostsblsoimsnto äa Inguisayao sm Portugal (Ursprung u. Einführung der Inquisition), 3 Bde., Lissabon 1854 bis 1859. Booch-Arkosjy. Herculanum, s. Herculaneum. Hercules, Sternbild des nördl. Himmels, dargestellt: mit dem einen Fuße knieend (daher auch Jngeniculus), mit dem anderen auf den Kopf des Drachen tretend; in der einen Hand eine Keule haltend, mit der anderen den Cerberus fassend. H. ist das einzige Sternbild, welches die Karten umgekehrt, den Kopf nach S., die Füße nach N. gewendet, darstellen. Nach Flamsteed gehören 113, nach Heis 227 Sterne zu ihm, worunter der hellste (Ras Algethi) am Kopf ein Doppelstern u. nebst seinemBegleiter veränderlich ist. Außer diesem befinden sich noch einige Doppelsterne hier. Specht. Hercules, s. Herakles. Hercules, von Este, s. Este. Herculesbäder, Schwefelthermen beim Marktflecken Mehadia im Ungar. Comitate Szöreny, zwischen Ausläufern der Karpathen, im wildromantischen Thale der Cserna; 22 erdig-muriacische Schwefelquellen mit einer Temperatur von -l- 17 bis -I- 50° R., von denen aber nur 9 Quellen benutzt werden. Diese schon den alten Römern als Pontes Leroulis oder Lguns llsrouiis bekannten Thermen werden gegenwärtig stark besucht. Die Saison dauert von Mitte Mai bis Ende September. H- Berns. Hereuleskiifer, vznastss (8oars.ba.sus), llsr- oulss ^k)., Art der Blatthornkäfer, Familie Özms- stiäas, Riesenkäfer, Halsschild des Männchens mit sehr langem, abwärts gebogenem, Kopf mit etwas kürzerem, auswärts gebogenem Horn; schwarz mit graugrünlichen Flügeldecken, 15 om lang; Weibchen schwärzlich, sein braunbehaart, Flügeldecken mit Ausnahme der Spitze grob gezeichnet, 7—8 om lang. Mittel- u. SAmerika. Farwick. Herculessäulen (Lsreulis oolumnas), die 2 gegenüberstehenüen Berge, der Abyla in Afrika (jetzt Almina bei Cents) u. der Kalpe in Spanien (jetzt Gibraltar). Die Verbindung des Oceans u. des Inneren Meeres hieß Horoulsum krstum, jetzt Meerenge von Gibraltar. Herkulisch, 1) riesenmäßig, groß; 2) schwer zu vollbringen, wie Herculische Arbeit, s. u. Herakles. llsroulis Promontorium, Vorgebirg, 1) in Lri- bannia romana, an der Westküste, jetzt Hartland Point; 2) in Bruttium die südlichste Spitze Italiens; jetzt Cap Spartivento. lierolllis silvs (a. Geogr.), Wald in Germanien, östlich von der Weser; wahrscheinlich der Sünrel iu Westfalen. Hercynischer Wald, s. Germanen S. 115. — Manche bezeichnen das Gebirgssyftem Deutschlands u. theilweise der germanischen Nachbarländer nach demselben auch mit dem Namen Hercynisches Gebirgssyftem. Hercynit, Mineral, derb, in körnigen Massen mit Spuren von oktaedrischen Krystallen, Bruch muschelig, auf den Bruchflächen lebhafter Glasglanz; Härte 7—8, spec. Gew. 3,^ bis 3,^; schwarz, Strich graulichgrün bis lauchgrün; undurchsichtig; 205 Herd — besteht aus Thonerde, Eisenoxydul und etwas Magnesia; vor dem Löthrohr ist er unschmelzbar, das Pulver wird beim Glühen ziegelroth; findet sich bei Natschetin u. Hoslau am Böhmcrwald u. wird als Smirgel benutzt. Herd, 1) ebener, gewöhnlich erhöhter Platz ans der Erde, gewisse Verrichtungen daraus vorzunehmen. 2) Die Erderhöhung beim Vogelherd, wo die Netze liegen. 3) Ort, worauf Feuer unterhalten wird, vorzüglich der Küchenherd. Bei den Griechen war dieser H. (Hestia) heilig, denn er galt als Hausaltar und aus dem H. standen die Hausgötter; bei dem H. wurden auch heilige Eide geschworen. An den H. flohrn Hilfesuchende und wenn sie denselben berührt oder sich in die Asche des H-eS gesetzt hatten, so mußte sie der Hausherr schützen. Bei den Römern war der H. im Atrium. Auf ihm wurde ein brennendes Feuer erhalten, um ihn standen die Bilder der Laren. 4) (H.- Osen) kastenförmig oder kreisförmig ausgetieste Feuerstätten, entweder ganz osten oder an einer oder mehreren Seiten durch niedrige Mauern oder Eisenplatten geschlossen; das Brennmaterial ist mit dem auf dem H-e zu bearbeitenden Erze rc. in Berührung u. wird entweder nur durch den na- türlichen Luftzug oder mit Gebläseluft verbrannt. Die H-e dienen für die Zwecke des Hüttenwesens: zum Rösten, Saigern u. Schmelzen, stets mit Gebläse. 5) (Eisengießerei) der Fußboden vor dem Ofen, mit einer Schicht Sand bedeckt, aus dem die Formen (Herdformerei) für den Guß gebildet werden. DerHerdguß wird ohnejDecke gegossen u. ist somit einfacher als der rings eingeschlossene Kastenguß. 6)Ein beim Garmachen des Kupfers gewonnenes, kupserhaltiges Product; wird dem Krätzschmelzen untexworfen oder den Erzschichten zngetheilt. Jungck. Herdecke, Stadt im Kreise Hagen des preuß. Negbez. Arnsberg, an der Ruhr; Station der Rheinischen u. Bergisch-Märk. Eisenbahn; großartiger Viadnct der Rhein. Bahn über die Ruhr; kathol. n. evang., angeblich aus der Zeit Karls d. Gr. stammende, Kirche; Fabrikation von Eisen- u. Stahlwaaren, bedeutende Steinbrllche; 1875: 8741 Ew. In der Nähe aus dem Kaisberg ein 28 m hoher Thurm zur Erinnerung an den Freiherrn vom Stein und seit 1874 mit einer Büste des Pädagogen Diesterweg. Herder, 1) Joh. Gottfried von, deutscher Dichter, Philosoph und Theolog, geb. 25. Aug. 1744 zu Mohrungen in Ostpreußen; sein Vater, Gottfried H., Tuchmacher, dann Glöckner und Elementarlehrer, bestimmte ihn zum Schreiber, er kam als solcher zum Prediger Trescho in Mohrungen, u. dieser erlaubte ihm die Theilnahme an den Lehrstunden seiner Kinder im Lateinischen und Griechischen. Ein russischer Regimenlschirurg, Schwarzerloh, lernte ihn während des 7jährigen Krieges kennen u. beredete ihn, in Königsberg u. Petersburg Medicin zu studiren. H. ging 1762 nach ersterem Orte, bekam aber gleich bei der ersten Section einen solchen Widerwillen gegen die Medicin, daß er Theologie zu studiren beschloß. Durch Verwendung einiger Gönner wurde er im Friedrichscollegium erst Aussetzer einiger Kostgänger, dann Lehrer u. gewann so bei hinlänglicher Muße zum Herder. Studium auch die nöthigen Mittel; er hörte Kant und lernte Hamann kennen, suchte aber auch ans allen Gebieten des Wissens heimisch zu werden, namentlich beschäftigte er sich anch mit Kunst u« Poesie, Naturwissenschaft, Literatur und Geschichte. 1764 wurde er Collaborator u. Prediger an der Schule zu Riga, legte aber 1769 diese Ämter nieder u. ging auf Reisen, wurde kurze Zeit Reiseprediger des Prinzen von Holstein-Gottorp, nahm aber, da er durch ein Augenübel abgehalten wurde, ihm zu folgen, 1717 einen Ruf als Hofprediger u. Superintendent nach Bückeburg an; 1776 wurde er, durch Goethe empfohlen, Oberhofprediger, Generalsuperintendent und Obercon- sistorialrath in Weimar, machte 1788—89 eine Reise nach Italien, wurde 1793 Vicepräsident und 1801 Präsident des OberconsistorinmS und von dem Kurfürsten von Bayern „geadelt, und starb 18. Dec. 1803 in Weimar. Über seine Stellung und Bedeutung in der deutschen Nationalliteratnr vgl. diese, Seite 208—210, 223. Am 25. Aug. 1844 wurde die Säcularfeier seines Geburtstages in mehreren Universitäts- und anderen Städten (Königsberg, Erlangen, Wien) begangen und zur Erinnerung daran das Herder-Album, Jena 1845, herausgegeben, auch die Aufstellung eines Denkmals in Weimar beschlossen und dasselbe von Ludwig Schalter in München modellirt und in der königlichen Gießerei daselbst gegossen, wurde am 28. Aug. 1850 vor der Stadlkirche in Weimar aufgestellt. Schriften: Kritische: Fragmente über die neuere deutsche Literatur; Kritische Wälder; Bon deutscher Art u. Kunst; Briefe, das Studium der Theologie betreffend; Philosophische: Kalttgone; Abhandlung über den Ursprung der Sprache; Über die Ursachen des gesunden Geschmacks bei den Völkern rc; Präludien zur Geschichte der Menschheit; Ideen zur Geschichte der Menschheit; Postscenien zur Geschichte der Menschheit; Briefe zur Beförderung der Humanität; Verstand u. Erfahrung; Adrastea. Theologische: Vom Geiste der hebräischen Poesie; Lieder der Liebe; Älteste Urkunde desMenschengeschlechts; Erläuterungen zum 9t. T. aus dem Zendavest; Maran Atha oder Das Buch von der Zukunft des Herrn; Christliche Schriften; Vom Erlöser des Menschen oder unsere drei ersten Evangelisten; Von Gottes Sohn der Welt Heiland nach Johannes; Christliche Ho mitten und Predigten. Poetische: Der Cid; Legenden; Stimmen der Völker in Liedern; Christliche Hymnen u. Lieder; Cantaten, Übersetzung aus den alten n. neueren Dichtern; Paramythien; Epigramme; Fabeln; In den Zerstreuten Blättern; In der Terpsichore. Sämmtliche Gedichte herausgeg. von Müller, Stuttg. 1817. Gesammelte Werke, her- ansgeg. von I. G. Müller (dem Theologen, Bruder des Geschichtschreibers), ebd. 1805—20, 45 Bde., Taschenausgabe in 40 Bdn. von Cotta. Vergl. Erinnerungen aus H-s Leben, von seiner Gattin, herausgegeben von I. G. Müller, Stuttg. 1820, 2 Bde.; H-s Leben, von H. Döring, Weimar 1823, n. Ausl. 1829; C. L. Ring, H-s .Leben, Karlsr. 1821 (darin mehrere ungcdrnckte Briefe H-s); Charakteristik H-s, von Tanz und Gruber, Lpz. 1805; Über H., von G. G. Fülleborn, Bresl. 1800; Danz, H-s Ansichten des klassischen Alterthums, 206 Herdfrischen - Lpz. 1805 f., 2 Thle.; Herderiana, Hamb. 1811; Geist aus H-s Werken, Berl. 1820, 6 Bde.; Dogmatik aus seinen Werken, gezogen von Angusti, Jena 1805; Genius aus H-s Werken, von I. Günther, Jena 1841; H-s Lebensbild, von Em. Gottfr. v. Herder, Erl. 1846 f., 6 Thle.; Erdmann, H. als Religionsphilosoph, Hersf. 1866; Dibbits, H. als Theolog (Holland.), Utrecht 1863; Werner, H. als Theolog, Berl. 1871; v. Bärenbach, H. als Vorgänger Darwins u. der modernen Naturphilosophie, Berl. 1877. Seine Gattin Maria Karoline, geb. Flachsland, geb.28.Jan. 1750zu Reichenweyer im Elsaß, lebte nach ihres Vaters Tode bei ihrer Schwester in Darmstadt; hier lernte sie den Vorigen kennen, der sich mit ihr 1773 verheira- thete; nach H-s Tode ordnete sie dessen literarischen Nachlaß u. schrieb u. sammelte die Materialien zu den Erinnerungen aus dem Leben H-s, herausgeg. von I. G. Müller; sie starb 15. Sept. 1809 in Weimar. 2 ) Sigmund August Wolfg., Freiherr von H., zweiter Sohn des Vor., geb. 18. Aug. 1776 in Bückeburg; studirte seit 1795 in Jena, Göttingen, Freiberg u. Wittenberg, trat 1802 in den Staatsdienst, wurde 1810 Bergrath, 1813 vom König von Sachsen in den Freiherrnstand erhoben, kam 1817 nach Dresden in das Geheime Finanzcollegium, wurde 1819 Berghauptmann u. Geh. Finanzrath, 1826 Oberberghauptmann, unternahm wissenschaftliche Reisen nach Schweden u. Norwegen, den Niederlanden u. 1835 nach Serbien. Er st. 29. Jan. 1838 in Dresden. H. hat sich um den sächsischen Berg- und Hüttenbau große Verdienste erworben. Er schrieb: Os jure rei metalllos,«, Wittenb. 1802; Der tiefe Meißner Erdstollen (der berühmte Plan, die Freiberger Gruben durch einen tiefen, bei Meißen sich öffnenden Stollen zu lösen) erschien erst nach seinem Tode, Lpz. 1838; aus seinem Nachlasse wurden von Breudel, Reich, Winkler u. Marbach hcraus- gegeben: 25 Tafeln Abbildungen der vorzüglichsten Apparate zur Erwärmung der Gebläseluft auf den Hüttenwerken. Seine beiden Brüder waren: der ältere: Wilhelm Gottfried, gest. 1806 als Hof- medicus in Weimar, und der jüngere: Emil Gottfried, gest. 27. Febr. 1855 als daher. Oberforst- u. Regierungsrath in Erlangen, der Herausgeber von H-s Lebensbild (s. o.). U Löffler? 2) r? Herdfrischen, Methode der Herstellung von Schmiedeeisen, bei welcher weißes Roheisen in Platten in einem Herde (Frischherd genannt) mit Holzkohlen eingeschmolzen u. hierbei beständig einem durch ein Gebläse erzeugten Lnststrome ausgesetzt Wird. Glatzel. Herdofen, s. Herd. HerdonlUs, Appius, reicher Sabiner, der 460 v. Ehr., Unruhen in Rom benutzend, mit 4000 römischen Clienten u. Verbannten das Capitol überfiel und sich desselben bemächtigte, aber von den Römern mit Hilfe eines tnsculanischen Heeres in blutigem Kampfe besiegt, gefangen genommen u. getödtet wurde. l-- Here, so v. w. Hera 1). Hereford, 1) (Herefordshire) Grafschaft im westlichen England, grenzt im N. an die Grafschaft Salop, im Ö. an Worcester u. Gloucester, im S. an Gloucester u. Monmouth, u. im W. an Brecknock — Heremans. uno Radnor; 2156,4g (39,„4 HsM) mit 125,370 Ew. (auf 1 (Dkm 58, in ganz England 163). Die Grafschaft ist ein Hügelland mit breiten, fruchtbaren Thälern. Die ansehnlichsten Erhebungen bilden die Hatterel-Kette mit dem 810 m hohen Cradle an der WSWGrenze u. die bis zu 425 in hohen Malvernhills an der OGrenze. Die Oberfläche ist fast ganz mit altem rothem Sandstein bedeckt; daneben kommen nur hier und da silurische Bildungen, von Syenit durchbrochen, vor. 'Flüsse: Wye (steigt nach heftigem Regen oft um2,g in) u. seine Nebenflüsse Frome, Lug, Arrow, Monnow u. a. Unter den Kanälen ist der Here- sordkanal, der bis zur Saverne in der Grafschaft Gloucester geht, der wichtigste. Mehrere Eisenbahnen durchschneiden die Grafschaft. Products: Garten- n. Feldfrüchte, Obst (viel Eider), Hopfen, Lohe, Holz, Marmor, Eisen. Von der Gesammt- oberfläche sind etwa 43"/» Acker- u. Gartenland, 40°/„ Weiden u. stark 6"/, Wald. Ackerbau und Viehzucht bilden die Haupterwerbsquellen der Bewohner. Viehstand 1875: 20,531 Pferde, 80,907 Stück Rindvieh, 348,035 Schafe (liefern sehr feine Wolle) u. 24,596 Schweine. Die Industrie ist unbedeutend; am wichtigsten sind: die Handschuh- Fabrikation u. die Baumwollen- u. Wollenmanu- facturen. 2 ) Hauptstadt darin, am Wye u. dem Herefvrdkanal; Eisenbahnstation; von den früheren Festungswerken ist noch ein Theil der Stadtmauern vorhanden, im älteren Stadttheile viele Häuser mit Holzschnitzereien; Bischof, Kathedrale (mit 49 m hohem Thurme), alte Grafschaftshalle, Rathhaus, 7 Hospitäler, Krankenhaus, Arbeitshaus, Naturwissenschaftliche Gesellschaft, 3 literarische Institute, Handwerker-Institut mit Bibliothek; Handschuh- Fabrikation, Eisengießerei, lebhafter Handel, namentlich mit Landesproducten; 18,347 Ew. — Auf der Stelle des alten Schlosses steht eine Nelson- sänle. H. gibt der Familie Devereux den Viscounttitel, sendet 2 Mitglieder ins Parlament und ist Geburtsort von Garrick. H. soll auf den Trümmern des alten Acriconinm entstanden sein, wurde bald Bischofsstadt u. war bes. berühmt als Grabstatt des ostanglischen Königs Ethelbert, über dessen Grabe die Domkirche gebaut wurde. Diese wurde 1055 von den Normannen verbrannt, 1115 aber wieder anfgebant. 1791 wurde der Herefordkanal zu bauen angefangen. H- Berns. Heremans, Jakob Frans Johan, niederländischer Sprachforscher, geb. 28. Jan. 1825 zu Antwerpen; wurde hier nach Vollendung seiner Studien 1843 Hilfsbibliothekar und gründete mit de Laet u. van Beers den Paslvsrbonck. Dann Lehrer geworben, erst in Mecheln, dann 1845 am Athenäum in Gent, u. zwar für die niederdeutsche Sprache, stiftete er mit Snellaert rc. die Gesellschaft Vlaomsolr Mnootsollax, wurde 1854 Lehrer der vlämischen Literatur an der Universität, 1864 wirklicher Professor u. 1871 Mitglied der Akademie. 1856 gründete er die Monatsschrift I-osamussnm, u. gibt jetzt die Zeitschrift Nsäsrlanäseir Nnsenm heraus. Schriften: Uecksrlanäsoiis spraaiclssr, seit 1876 in 11. Ausl.; Biographie von Ledegauck, Antw. 1847; von Theodor van Ryswijk, ebd. 1850; I7säsilanäsolls Oiolltsrllalls, 2 Bde., Gent 1858—64; Nsäsrlauäsells Nstrlsü, Gent 1862, Hsr6mence - 1874; Over äsn invlosä van Mrä-^säsrlanä op äs Isbtsricunäs in äs 2 uiäs 1 ifüs provineisn Asäursnäs üst tijäpsrk 1815—30, Autw. 1874; vokkmann van vallsrslsdsn su äs I^eäsrlanäsoüo Vsttsricunäs, Gent 1874. Lagai. Heremence, Val d', im Schweiz. Kanton Wallis, ein 6 Stunden langes Seitenthal des Eringer Thales, von der Dixence durchströmt, die aus dem Glacier de Durand u. de Lendarey entquillt. Geschlossen wird es durch den Mt. Pleureur (3706 m), Mt. Blanc de Cheillon (3250 m), la Ruinette (3879 m) u. Glacier d'Arolla (3801 w). Der gleichnamige Ort hat 1144 Ew. Herencia, Stadt in der spanischen Provinz Ciudad-Real, in einem fruchtbaren Hügelgelände; 7317 Ew. Herens, Val d', s. Eringer Thal. Hercnthals, Marktflecken (früher Stadt) im Arr. Turnhout der belg. Prov. Antwerpen, an der Kleinen Nethe, Station der belgischen Eisenbahnen Grand Central u. Lierre-Turnhoüt; Spitzen-, Tuch-, Öl- u. andere Fabriken; 4782 Ew. Herero, s. Herrero. lleres (Üasrss u. in der Mehrzahl Rsrsäss), Erbe, s. u. Erbrecht, Vsrss sx asss, Universalerbe. V. sx parts, Miterbe. 8. iustitutus, eingesetzter testamentarischer Erbe. Vsrsäss usess- saril, Notherben. Vsrsälbas, Erbschaft. läsrsäi- tarrus, Erb..., erblich; Vsrsäitarlnmzlls, Erbrecht. Vsreäibarii inardi, erbliche Krankheiten. Vsreäixsta, Erbschleicher. Heresbach, Konrad von (der Deutsche Colu- mella genannt), Humanist, geb. 2. Aug. 1494 zu Heresbach im Herzogthum Kleve, Sohn eines sehr wohlhabenden Landwirths; studirte Theologie und Rechtswissenschaft, Sprachen- u. Naturlehre in Köln u. Freiburg i. Breisgau, wo er Erasmus v. Rotterdam kennen lernte, der ihn dem Herzog Johann von Kleve empfahl. H. wurde Erzieher, dann Geh. Rath des Herzogs von Kleve, wohnte aber seit 1534 auf dem Lande, Ackerbau u. seine Studien treibend; nur wöchentlich einmal mußte er nach Düsseldorf zur Nathssitzung. Obgleich eifriger Katholik, stand er auch mit Erasmus u. Melauch- thon in freundschaftlichem Verhältniß; er zog viele Gelehrte an den Hof, veranlaßt? die Stiftung der Hochschule in Duisburg, that aber namentlich viel für Hebung der Landwirthschaft. Er st. 14. Oct. 1576 zu Wesel. Von ihm: Vs sänoanäis prin- eipum liberis, Franks. 1570—92, 2 Bde.; IliZt. anabaptisbiea äs kaetions Nouastsrisnsi annl 1534—1536, Amsterd. 1637 U. 1650; vss rustis., Köln 1570; übersetzte den Herodot, Thukydides, Strabo u. a. Vgl. Wolters, K. v. H. und der klevische Hof zu seiner Zeit, Elbs. 1867. Löffler. Herford, 1) Kreis im preuß. Regbez. Minden, durchschnitten von der Köln-Mind., der Linie Vienenburg-Löhne der Hannover-Altenbekener u. der Linie Stadthagen-Ostcrholz bei Stadthagen der Hannov. Staatseijenbahn; 437,^ ssZIcm (7,„ H>M) mit (1875) 70,375 Ew. 8) Kreisstadt darin, an der Werre u. Aa, Station der Köln-Mindener Eisenbahn; 5 Kirchen, darunter die Münsterkirche in roman. Stile, die goth. Marienkirche aus dem 14. Jahrh., u. die Johanniskirche mit 87 m hohem Thurme, Synagoge, Gymnasium, Landwirthschafts- — Horicourt. 207 schule, Theater, großes Zuchthaus; Flachs« u. Wergspinnerei (in den Gebäuden der ehemaligen Abtei, 5. Mai 1876 abgebrannt), bedentendeLeinenweberei, Fabrikation von Wäsche, baumwollenen Waaren, Teppichen, Leder, Tabak, Cigarren, Nähmaschinen, Möbeln, Stärke, Essig, Senf, Maschinenöl rc., Bleichen, Färbereien, Steinhauer-Werkstätten, Ölmühlen, Samen- u. großeLeinenhandlungen; 1875: 12,012 Ew. — H., schon im 9. Jahrh. vorhanden, entstand um daS 789 von Widukind gestiftete Benedictiner-Nonuenkloster, erhielt im 11 . Jahrh. Mauern und durch Friedrich I. zugleich mit der Abtei, welche übrigens mit der Stadt nichts gemein hatte, die Reichsfreiheit. Hierher berief 1218 Kaiser Friedrich II. eine Versammlung sächsischer Stände. 1224 wurde die Neustadt angelegt. H. trat der Hansa bei und nahm 1530 (1532) die Reformation an. 1631 wurde die Stadt durch das Neichskammergericht als freie Reichsstadt anerkannt, trotzdem jedoch 1647 u. 1652 von dem Kurfürsten von Brandenburg eingenommen u. zur Grafschaft Ravensberg geschlagen. 1807 kam die Stadt an das Königreich Westfalen u. 1813 wieder an Preußen zurück. Am 21. Sept. 1857 große Feuersbrnust. Besonders berühmt wurde die Stadt durch die 820 durch Kaiser Ludwig den Frommen erneuerte kaiserliche frciweltliche Benedictiner-Abtei, eins der ältesten Frauenstifte auf sächsischem Boden für Damen ans reichsfllrstlichem oder gräflichem Geschlecht?. In diesem Stifte wurde die vom Herzog Widukind abstammende heilige Mathilde erzogen, und von hier von ihrem Gemahl, dem Kaiser Heinrich I., abgcholt. Die Äbtissin der Abtei wurde später gefürstet und hatte Sitz und Stimme auf dem Reichstag u. beim Westfälischen Kreise, auch nachdem das Kloster evangelisch geworden war. Eine der berühmtesten Äbtissinnen war die Prinzessin Elisabeth von der Pfalz, eine Schülerin des Cartcsius. Die Abtei wurde 1803 säcularisirt u. kam an Preußen. H- Berns. Hergenröther, Joseph, kath. Theolog, geb. 15. Sept. 1824 zu Würzburg, studirte daselbst u. in Rom, ward 1848 Priester, 1851 Privatdocent in München, 1852 außerordentlicher und 1855 ordentlicher Professor des Kirchenrechts und der Kirchengeschichte in Würzburg; 1868 u. 1869 war er zu den Vorbereitungen für das ökumenische Concil in die Commission für Kirchenrecht nach Nom berufen. Er schr.: Die Lehre von der göttlichen Dreieinigkeit, Regensb. 1850; Vs eatüo- lieas oeslosias priinoräiis rsssnbiornin vrotsstan- tinm s/stsmata, ebd. 1851; Der Kirchenstaat feit der franz. Revolution, Freib. 1860-, Photius, Patriarch von Constantinopcl, Regenb. 1867—69, 3 Bde.; Anti-Janus, Freib. 1870; und gab heraus Photius' Vs Lxiritns sanetl w^sta§o§ia, Re- gensb. 1857. lierlbannum (lat.), s. Heerbann. Hericourt, Stadt im Arr. Lure des französ. Dep. Haute-Saone, an der Lisaine, Station der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn;Baumwollen-u. Hanfspinnerei, Fabrikation von Baumwollenwaaren, Leinwand u. Leim, Zeugdruckerei, Gerberei, Färberei; 2826 Ew. Hier 13. Nov. 1474 Sieg derschweizer unter Jakob von Savoyen über die Burgunder, welche H. belagerten. Während der dreitägigen 208 Hering — Hcrloßsohu. Schlacht bei Belfort 15.—17. Jan. 1871 bildete H. den Mittelpunkt der deutschen Stellung. Hering, sehr alte Stadt im Kreise Dieburg der großherzogl. Hess. Prov. Starkenburg; Eisensteiu- grube; 483 Ew. Über der Stadt aus einem 723 m hohen Berge die Feste Otzberg u. ein jetzt unbewohntes Schloß. Hering, Eduard, einer der bedeutendsten thierärztlichen Gelehrten, geb. 20. März 1799 zu Stuttgart; studirte Thierheilkunde in Tübingen, Wien, München u. Kopenhagen. 1822 wurde er Lehrer der Anatomie u. Physiologie an der neuerrichteten Schule in Stuttgart, übernahm später auch die Klinik dieser Schule u. leitete von 1824 bis 1831 nebenbei den thierärztlichen Unterricht in dem landwirthschaftlichen Institute zu Hohenheim. 1862 wurde er zum Ober-Medicinalrath u. Vorstand der Thierarzneischule ernannt. Er schr.: Physiologie für Thierärzte, 1832; Vorlesungen für Pferdeliebhaber, mit Zeichnungen von Baumeister, 1834; SpeciellePathologieu. Therapie, 1842, 49 u. 52; Die thierärztlichen Arzneimittel, 1847; Handbuch der thierärztlichen Operationslehre, 1857. Schmidt. Heringen, Stadt im Kreise Sangerhausen des preuß. Regbez. Merseburg, in der Goldenen Aue u. an der Helme, Station der Frankfurt-Bebraer Eisenbahn (Halle-Nordhausen-Mündeu); Zuckerfabrik, Acker- u. Obstbau (Pflaumen); 1875: 2316 Ew. Die Stadt gehörte bis 1815 zu Schwarzburg- Nudolstadt. H- B-rns. Heringsdorf, Kirchdorf im Kreise Uscdom- Wollin des preuß. Regbez. Stettin, auf der Insel Usedom in lieblicher Gegend an der Ostsee, 8 Lin von Swinemünde; schöne Kirche, besuchtes Seebad; die mittlere Temperatur des Meerwassers während der Badesaison zwischen -s- 14 bis -I- 15" R. schwankend; 200 Ew. Vgl. Schmige, Das Seebad H., Berl. 1852. Heri-Rud (Hare-Rud), Fluß im nördl. Afghanistan, entspringt aus dem Paropanisos (demGe- birgevouGhuristan), fließt erst in westl., dann in nördl. Richtung seine Umgebungen reich befruchtend an Herat u. Sarakhs vorbei und verliert sich unter dem Namen Tedschend unter 58" in einem großen Sumpf. Herisau, größter Ort im Kant. Appenzell, 723 bis 777 m ü. d. M. am nördl. Fuß der Egg gelegen. Die Erzeugnisse seiner Industrie (Musseline, Gaze, brochirte Gewebe rc,) gehen durch die ganze Handelswelt. Seit 1876 verbindet es eine nur' 15 Lin lange Eisenbahn mit den Vereinigten Schweizerbahnen (St. Gallen-Zürich); (1871) 9727 Ew. Nahebei das Heinrichsbad, stark besuchtes Pensions-Gebäude srommer Richtung. llorisson (fr.), 1) ein Igel; daher 2) L In 8., igelartig, eine Frisur mit struppigen, emporstehenden Haaren; 3) mit eisernen Stacheln eng besetzter Schlagbaum, der beweglich aus einem Pfahle ruht, daß man ihn drehen kann. Heristall, s. Herstal. Heritier de Brutelle, Charles Louis, geb. in Paris 1746; war vor der Revolution im Besitz mehrerer erkaufter königlicher Ämter, später als Appellationsgerichtsbeisitzer im Justizministerium u. wurde 1800 in Paris ans der Straße ermordet; er gab folgende, nur in wenig Exemplaren abgezogene u. unter die kostspieligsten in dieser Art gehörige botanische Kupserwerke heraus: Ltirpss novas aub miuu8 «»Anitas, Par. 1744 s., 7Fas- cikel, in 2 Bdu., Fol.; 6sranio1o§ia, 44 Kupser- taseln (ohne Text), ebd. 1787; 6ornns, ebd. 1788, Fol.; Lsrbmn anAlioum, ebd. 1788—90, gr. Fol. Er datirte seine Schriften um vier Jahre zurück, um für seine Gattungen u. Arten das Prioritätsrecht zu erschleichen. Herjeädalen, Landschaft im südlichen Theile des schwed. Jemtlands-Län, ein vom Ljusneelf u. dessen Nebenflüssen bewässertes, wildes u. rauhes, an Naturschönheiten reiches, aber unfruchtbares Gebirgslaud. Herkimer, County im nordam. Unionsstaate New-Sjork u. 43° n. Br. u. 75" w. L.; 39,929 Ew. Countysitz: H. Herleshansen, Kirchdorf im Kreise Eschwege des preuß. Regbez. Kassel, in schöner Lage an der Werra, Station der Thüringischen Eisenbahn; schönes Schloß Augustenau, Wohnsitz des Landgrafen von Hessen-Philippsthal-Barchfeld; 1100 Ew. 6 Lm nordwestl. von H. auf einem Felsen die Burgruine Brandenburg. Herlin, 1) Friedrich, Maler u. Bildschnitzer, soll ein Schüler Rogers van der Weyden gewesen sein, lebte um 1450 in Ulm u. 1462 in Nördlin- gen, wo er 1491 st. Hauptwerke in Nördlingen und in Rothenburg am Tauber, in der Weise der van Eyckscheu Schule. 2) Jesse H., des Vor. Sohn, Maler, lebte in Ulm u. Nördlingen u. st. 1510, erreichte seinen Vater zwar nicht an Bedeutung, ist aber wegen der in seinen Werken herrschenden, seine Zeit u. Umgebung charakteri- strenden Sinnesänderung merkwürdig. In der Hauptkirche von Nördlingen ist ein jüngstes Gericht von ihm. Herlisheim, Flecken im Kreise Hagenau des Regbez. Unter-Elsaß (Elsaß-Lothringen), an der Zorn, Eisenbahnstation; Wollenspinnerei, Hopfenbau; (1871) 2118 Ew. Herlostsohn, Karl, eigentlich Karl Georg Regin a i d H erloß, deutscher Roman- und Novellendichter, geb, 1. Sept. 1804 in Prag, studirte hier und in Wien, bekleidete eine Zeitlang eine Hauslehrerstelle bei Prag, siedelte 1826 nach Leipzig über, wo er 1830 den Kometen gründete und 1830—40 und dann 1844—48 redigirte. Er starb bier 10. Decbr. 1849 in den traurigsten Verhältnissen. Schriften: Emrny und Vielliebchen, ^ beide Leipzig 1827 unter dem Namen Cla uxen berausaeaevÄ :' iLlevMi'^MälkU "d^ Mom^ne- griner, Lpz. 1828, 2 Bde.; Der Venetianer, das. 1829, 3 Bde.; Der Ungar, das. 1832, 3 Bde.; Der letzte Taborit, Lpz. 1834, 2 Bde.; Scherben, das. 1838; Buch der Liebe, nebst einem Anhang, Las. 1842: Wallensteilis erste Lie be. Lann 184 4. - . - 3 Bde.; Die Locbter.Les Piccolomini, _ 1846. 3 Bbe. : Die LNörder Waüenstmis.^eiviia 1847, 3 Bde., 2. A. 1849; Buch der Lieder, Lpz. 1848, 4.A. 1857; mit Rob. Blum u. H. Marg- graff gab er heraus: Theaterlexikon, Altenburg 1839—42, 7 Bde.; Reliquien in Liedern, herausg. von A. Böttiger, Lpz. 1852—53 rc.; Gesammelte Schriften, das. 1836—37, 11 Bde., neue Folge I! s 209 Hermä — 4 Bde., 3.A. 1843; Gesammelte Schriften, Prag 1866—68, 12 Bde.; Historische Romane, Erste Gesammtausgabe, Prag 1863—65, 3. A. 1870. Hermä (Knnstgesch.), so v. w. Hermen. Hermäa, Feste zu Ehren des Hermes (s. d.). Hermagoras, griech.Rhetor, lebte im 2.Jahrh. v. Chr. u. war Begründer eines besonderen Systems der Rhetorik u. einer besonderen Schule sür Entwickelung des rhetorischen Fachwerks. Hermandad (Verbrüderung), ursprünglich seit der Mitte des 13. Jahrh. eine Verbindung der Städte in Aragonien und Castilien zur Aufrechthaltung des Landfriedens gegen die Bedrückungen u. Räubereien des Adels. Die Könige unterstützten diese Verbindung, da sie ein Mittel bot, die Macht des Lehnsadels zu brechen. 1295 schlossen auch die Städte Castiliens und Leons eine solche. In Castilien 1486 u. in Aragonien 1488 wurde die H. völlig organisirt u. besond. privilegirt zur Ausrechterhaltung des Landfriedens gegenüber dem Adel u. hatte ein eigenes Heer u. eigene Richter, von denen die Friedensstörer, vom Heere ausgesucht, ohne Rücksicht auf Stand u. Rang verur- theilt u. bestraft wurden. Vor dieser, das Prä- dicat der heiligen (Lauts. 8.) führenden H. schützte selbst das Asylrecht der Kirche nicht. Gegen Mitte des 16. Jahrh. wurde die heilige H. eine bloße Gendarmerie, eine Compagnie stark, welche in die verschiedenen Bezirke von Castilien u. Leon vertheilt, die Sicherheit der Landstraßen überwachte, aber erst nach vollbrachter strafbarer That einschrei- ten durfte. L. Hcrmanfried, letzter Thüringerkönig, folgte gemeinschaftlich niit seinen Brüdern Berthar und Balderich in der Herrschaft von Thüringen; er ließ jedoch den Berthar tödten u. gegen Balderich rief er den Frankenkönig Theoderich I. zu Hilse mit dem Versprechen, ihm einen Theil seines Reiches zu geben; als Balderich 516 besiegt und mngekommen war u. H. dem Genossen sein Versprechen nicht hielt, zog dieser 528 gegen ihn, nahm ihm sein Reich und erschlug ihn 530 oder ließ ihn zu Tolbiacum von der Mauer in den Graben stürzen. St. Hermangild, Sohn Leovigilds, Königs der Westgokhen, seit 580 dessen Neichsgehilfe in Spanien, dann aber Regent in Sevilla; er war vermählt mit Jngundis, Tochter des Königs Sige- bert von Australien u. der Brunhilde, welche ihn zum Übertritt vom Arianismus zum Katholicis- mus bewog; als er seinen Vater entthronen wollte, wurde er selbst von demselben besiegt und 585 in Tarragona hingerichlet; nach Anderen wurde er von seinem Vater wegen des Bekenntnisses des katholischen Glaubens ermordet u. deßhalb später canonisirt; sein Tag: 13. April. Hermangild (Hermengild), Orden des St. H., gestiftet 27. Novbr. 1814 von König Ferdinand VII. von Spanien; 10. Juli 1815 zum Mi- litärverdienstordcn sür Land- u. Seemacht u. 40 Dieustjahre erhoben, sür 3 Klassen: Großkreuze mit dem Titel Excellenz; Offiziere; Ritter, sür 25 Dienstjahre, wobei man wenigstens 10 Jahre Offizier ist. Ordenszeichen: ein achtspitziges goldenes Schuppenkreuz, mit Kugeln an den Spitzen auf silbernen Strahlen, als Bruststern für Klasse 1 u. PierersUniversal-Coiwersations-Lcxikon. 6. Aufl. X. Hermann. 2, im runden Mittelschild auf blauem Felde das Reiterbild des Königs St. Hermangild, die Umschrift: krsmio s Is voustsneis mllitsr, von grünem Lorbeerkranz umgeben. Das Kreuz achtspitzig, weißemaillirt mit schmalem Goldrand, dasselbe Miltclschild wie beim Stern, jedoch ganz blau, darüber eine goldene Königskrone; Band roth mir blauem Rand. Hermanmiesteh (Hermanmestec, Hermannstadt), Stadt im böhm. Bez. Chrudim (Österreich -, Schloß mit Park und Thiergarten, Bürgersvital, Wollenspinnerei, Fabrikation von Branntwein n. Zündwaaren; 4271 Ew., davon 3443 im Orte. Hermann (männlicher Taufname, der Tapfere). I. Fürsten. L.) Cheruskerfürst: 1) s. Armi» nius. L) Deutsche Gegenkönige: 2) H., Herzog von Schwaben u. Elsaß, Sohn Udos, Grafen von Rheingau, folgte 997 seinem Oheim Konrad I. als Herzog von Schwaben u. Elsaß u. war 1002 Mitbewerber um die deutsche Krone gegen Heinrich II., unterwarf sich aber Oct. dess. Jahres, behielt seine Herzogthllmer n. st. 1004; seine Gemahlin war Gerberga, Base des Kaisers Heinrich. 3) H. vo n Salm, Graf von Luxemburg, Sohn des Grafen Giselbert; wurde 1082 während Heinrichs IV. Zuge nach Italien von den Schwaben u. Sachsen zum König gegen Heinrich IV. gewählt. Als die Sachsen sich 1088 Heinrich IV. unterwarfen, legte H., der ohnedem nur Schattenkönig war, den königlichen Titel nieder, gab sich mit Heinrichs Erlaubuiß auf seine Erbgüter u. wurde kurz darauf, da er, um die Wachsamkeit der Besatzung eines dortigen Schlosses zu prüfen, die Thore sprengte, unerkannt getödtet. 6) Markgrafen des Hauses Zähringen: 4) H-, zweiter Sohn Bertholds I., Herzogs von ZLH- ringcn, Markgraf von Verona und Stammvater der Markgrafen von Baden, ohne dies Land besessen zu haben; er verheirathete sich mit Judith, Tochter Adalberts, Grafen von Kalw, u. erhielt als Heirathsgut die Grafschaft Uffgau; 1073 ging er in das Kloster Clugny u. st. hier 1074. 5) H. I., des Vorigen Sohn, folgte 1078 seinem Großvater Berthold in einem Theile der Zährin- genschen Güter, nahm den Namen Markgraf von Baden auf dem Reichstage zu Basel 1130 an n. starb in demselben Jahre, ü) H. IV. der Kriegerische, theilte mit seinem zweiten Bruder Heinrich 1190, u. H. gründete die Linie Baden-Baden. 0) Landgraf von Hessen: 7) H. IV., Sohn des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel, geb. 1607, an einem Fuße lahm, wurde zum Gelehrten erzogen, entwickelte namentlich Talent für Ma- lhematik u. verwandte Wissenschaften, u. trat selbst als Schriftsteller hervor; nach seines älteren Bruders Philipp Tode führte er über seine jüngeren Geschwister die Vormnndschast. Als Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft hatte er den Beinamen der Fütternde. H. st. 1658 kinderlos. Von ihm: Odssrvstionoo lüsborieo-mstllsmstiLss äs smiis 1618—35, 1635; Deutsche Astrologie, Gre- benst. 1637; Ilistvris mstsoroloAios, Kass. 1651; üexssmsron, ebcud. 1652. L) Landgraf von Thüringen: 8) H. I-, Sohn Ludwig des Eisernen u. der Judith von Schwaben, Schwester des Kaisers Friedrich I, zog 1180 gegen Heinrich den Band. 14 210 Hermann. Löwen u. wurde gefangen, aber 1181 sreigegeben; er erhielt 1181 von seinem Bruder Ludwig III. die Pfalzgrajschaft Sachsen, folgte nach dessen Tode 1190 als Landgraf von Thüringen, war ein Anhänger Philipps von Schwaben, welcher ihm Mühlhausen, Nordhansen, Saalfeld, Rahms und das Land an der Ocla schenkte; nachher verließ er denselben und schlug sich zur Partei Ottos IV.; da Philipp in sein Land einfiel u. auch die Hilfe des Königs Ottokar von Böhmen ihm nichts half, so söhnte er sich mit Philipp ans, worauf Otto Thüringen verwüstete. Als Letzterer allein Kaiser war, veranstaltete H. eine Fürstenversammlung in Nanmbnrg, welche ans den Vorschlag des Papstes Jnnocenz III. Otto absetzte n. Friedrich II. zum König wählte. Er begünstigte den Minnesang u. übte ihn selbst u. unter ihm fand 1207 der sog. Sängerkrieg auf der Wartburg statt. H. st. 1216 in Gotha; er war erst vermählt mit Sophie, Tochter des Pfalzgrafen Friedrich von Sachsen (st. 1195); dann mit Sophie, Tochter des Herzogs Otto von Bayern; aus zweiter Ehe war sein Nachfolger Ludwig IV. II. Ordensmeister: 9) H. von Salza, geb. um 1180 zu Salza (jetzt Langensalza), ans dem thüringischen Geschlecht dieses Namens, zog mit in das Gelobte Land und wurde dort nach H-s von Bart Tode 1210 zum Hochmeister des Deutschen Ordens gewählt; er nahm 1218—19 an der Eroberung Damiettes theil u. diente 1221—23 dem Kaiser Friedrich II. in Italien zu diplomat. Sendungen. Nachdem er 1223 wieder bei seinem Orden im Morgenlande gewesen war, kam er 1224 nach Italien zurück, vermittelte 1225 zu Germano zwischen Papst u. Kaiser u. machte eine Rundreise an den Fürstenhöfen in Deutschland, um zur Theil- nahme an einem Krenzzug aufznfordern; 1228 wohnte er dem Kreuzzug mit dem Kaiser bei, dem er im Kampfe gegen das Papstthum stets treu blieb, n. schloß den Waffenstillstand mit dem Sultan El Kamel; 1230 bewirkte er die Aussöhnung zwischen Kaiser u. Papst zu Anagni; 1234 war er mit dem Kaiser in Deutschland und versöhnte denselben mit seinem rebellischen Sohne Heinrich, freilich nur ans kurze Zeit. Noch einmal ging er 1237 für den Kaiser zu dem Papste, um dessen Verwendung gegen die Empörer in der Lombardei anzusprechen. Für seine dem Kaiser u. dem Papste geleisteten Dienste wurde der Deutsche Orden mit vielen Privilegien u. Schenkungen ausgestattet, u. er selbst für sich u. seine Nachfolger im Hochmei- sterthnm in den deutschen Neichsfürstenstand erhoben. Nachdem schon seit 1226 der Herzog Kon- rad von Massovien die Hilfe des Deutschen Ordens gegen die heidnischen Preußen in Anspruch genommen, u. H. 1228 mehrere Ordensritter ans Thüringen u. Sachsen unter Hermann Ball dahin gesendet hatte, wurde 1237 der Schwertbrüderorden dem Deutschen Orden cinverleibt. H. selbst war 1238 noch einmal in Deutschland gewesen, kehrte krank nach Italien zurück n. st. 20. März 1239 in Salerno, wo er ärztliche Hilfe gesucht hatte. Er war der Begründer der Größe und der Ausbreitung des Deutschen Ordens. Vgl. Karl von Salza, Die edlen Herren von Salza, Lpz. 1838; er ist auch der Held in Zach. Werners, Das Kreuz an der Ostsee; K. Hentschel, Die Bekehrung der Preußen durch H. v. Salza (Gedicht). III. Geistlicher Fürst: 10 ) H. V.,Kurfürst und Erzbischof von Köln, vierter Sohn des Grasen Friedrich I. von Wied, geb. 14. Januar 1477, 1492 Domherr in Köln, seit 1515 Erzbischof u. Kurfürst, 1532 auch Bischof von Paderborn. Anfangs ein Widersacher Luthers, war er doch seit 1529 für eine Reformation der Kirche u. des kirchlichen Lebens u. hielt mit seinen Bischöfen 1536 eine Provinzialsynode in Köln, auf welcher Beschlüsse zur Einführung evangelischen Christenthums in Verbindung mit einem geläuterten Ka- tholicismus gefaßt würden; er lernte Melanchthou kennen, berief Liesen, Bncer u. A. 1542 u. 1543 zu Unterredungen nach Köln u. legte bereits Hand an das Neformationswerk in seiner Diöcese: da aber erklärte sich der Klerus dagegen u. auch der Kaiser forderte H. auf, von seinem Beginnen abzustehen. Er wurde nach Rom zur Verantwortung gefordert, u. da er dort nicht erschien, durch Breve vom 8. Jan. 1546 snspendirt u. durch eine Bulle vom 16. April d. I. abgesetzt. Darauf zog sich H. 1547 in seine Grafschaft zurück u. st. dort 15. Aug. 1552. IV. Andere Geistliche: 11 ) H. der Lahme (Gichtbrüchige, Hsrmsnnus Oovtrsobus), Chronikschreiber, Sohn des Grafen Wolfrat von Behringen in Schwaben, geb. 18. Juli 1013, wurde Mönch im Kloster Reichenau, wegen seines Wissens, seiner mechanischen u. musikalischen Fertigkeiten das Wunder des Jahrhunderts genannt u. starb 24. Septbr. 1054 in Reichenau; er schr.: Obrovi- oov ab orbs eovckito sei arm. 1054, herausgegeb. St. Blas. 1529—36, von Ussermann, ebd. 1790, 2 Thle., u. im 5. Bd. von Pertz' Novum. bist. Zerm. deutsch von K. Robbe; auch schreibt man ihm noch die Kircheugesänge: Lima roäsmpstwris u. Lsx rsAvum, I)oi »Ans zu. 12 ) H. von Alt- a ich, Geschichtschreiber des Mittelalters, geb. 1200, Abt von Nieder-Altaich in Bayern 1242, st. 1275; schr. Annalen von Nieder-Altaich, enthaltend Kloster- u. Reichsgesch. von 1137—1273, werthvoll von 1250 an, fortgesetzt von Anderen bis 1305; herausgeg. von Jafse in Pertz' Novum. Asrmsv. bist. Bd. 17. 13 ) H. von Lehnin, Mönch in Lehnin, angeblich um 1234, oder später, Verfasser einer Prophezeiung über das Kloster Lehnin, das Hans Brandenburg (Vstloiviumlwbvlvovvs, Leh- ninsche Weissagung) in 100 lateinischen Hexametern. Das Manuscript soll von dem Großen Kurfürsten, welcher aus den Ruinen des Klosters Lehnin ein Schloß bauen wollte, in einer alten Mauer gefunden worden sein. Darin wird, im Interesse der römischen Hierarchie, der Untergang des Manischen Hauses in Brandenburg u. das Auskommen des Hoheuzollerschen daselbst beklagt, namentlich weil dieses Hans zur Protestantischen Kirche übergegangen ist, jeder Regent des letzteren charakterisier, die Zeit des Untergangs der Hohenzollern bestimm: u. als letztes prophezeit: sb xsstor (der Papst) ArsAsm roeipit, dsrmsvis rsAom. Die erste sichere Spur dieses Gedichts fällt in das Jahr 1693. Zuerst herausgeg. in Lilienthals Gelehrtem Preußen, Königsb. 1723, wieder 1741, Berl. u. Wien 1745, Bern 1758, Lpz. 1807, auch in Hermann. 2)1 Frankreich 1827 u. 1830, in Gfrörers Oroxirstias vott. 1840, von W. Meinhold (mit metrischer Übersetzung), Lpz. 1849, E. Rösch, Stuttg. 1849; Gieseler, Die Lehninsche Weissagung, Erf. 1849: Gnhrauer, Die Weissagungen von Lehnin, Brest. 1850; O. Wolf, Die berühmte Lehninsche Weiss., Grünberg 1850; M. Hcffter, Geschichte des Klosters Lehnin, Brandend. 1851. Widerlegungen, Berl. 1746, von Wilken 1847; benutzt zu Partei- zwecken in L. de Bonverots i8xtrg.it: ä'nn manns- orit rölatik g In xropiisbis än irers H. äs Oelmin (deutsch von W. von Schütz, Würzb. 1847); I. A. Boost, Die Weissagungen des Mönchs H. zn Lehnin, Augsb. 1848; Historisch-polit. Bl., 1858, 8Hf.,Diejenigen, welche die Weissagung für unecht n. nicht sowol für eine Prvphezeihung der Zukunft, als für eine in mysteriöse Verse gebrachte Geschichte der Vergangenheit halten, nennen als Verfasser .entweder den Kammergerichtsassessor M. F. Seidel (st. 1693 in Berlin), od. den Consistorialrath Audr. Fromm (starb 1685 in Prag), od. Nikolaus von Zitzwitz, Abt von Huysbnrg (st. 1709); oder den Jesuiten Friedrich Wolf, welcher 1685—86 Caplan beim österreichischen Gesandten in Berlin war u. 1708 starb; od. Len Rittmeister Ölven in Stettin (st. 1727). 14 ) H. von Wartberg, Geschichtschreiber, Kaplan des Landmeisters von Livland im 14. Jahrh., schrieb eine bis 1378 reichende Chronik, wichtig für die Geschichte des Deutschen Ordens, abgedr. in den Lorrptb. ror. Orugsioarum, 2 Bd., Lpz. 1863. 15 ) H. von Fritzlar, Mystiker, einer der besserenProsaisten seiner Zeit, wahrscheinlich ein Dominicaner, welcher viele u. weite Reisen gemacht hatte; verfaßte zwischen 1343—49 das Buch von der Heiligen Leben, ein asketisches mit Predigten untermischtes Sammelwerk, Bruchstücke daraus in Wackcrnagels Altdeutschem Lesebuch, 3. Ausl., Bas. 1859, ganz abgedr. in Pfeiffer, Deutsche Mystiker des 14. Jahrh. I., 1—258. Nach Gervinus ist H. auch Verfasser eines Ge- Lichts von der Tochter von Syon, welches in Grasss Diutiska, BL. 3, abgedruckt ist. V. Minnesänger u. Dichter: 16) H. der Damen, Minnesänger ans der zweiten Hälfte des 13. Jahrh., ein älterer Zeitgenosse Heinrichs von Meißen, wahrscheinlich wie dieser ein Obersachse, gehörte zu den wandernden Sängern. Eine Anzahl seiner Lieder, worunter einige von Werth, sind in von der Hägens Minnesängern abgedrnckt. 17) H. von Sachsenheini, ein Dichter des 15. Jahrh., der 1458 in hohem Alter starb. Er ist Verfasser der Mohrin (um 1453), eines größeren allcgorisirenden erzählenden Gedichtes, das einem bayerischen Fürstenpaar gewidmet ist und in der ersten Hälfe des 16. Jahrh. (zuerst in Straßbnrg 1512, Fol.) gedruckt wurde. Einige Jahre (1455) vor seinem Tode dichtete er noch Den goldenen Tempel, ein Gedicht zn Ehren der Jungfrau Maria. 1 >—9) Heime-Am Rhyn. ro) ri) IS) 15) Löffler. Hermann, 1) Nikolaus, Dichter u. Compo- nist geistlicher Lieder, seit 1518 Cantor in Joachimsthal, wo Joh. Matthesius, Luthers Freund u. Tischgenosse, zugleich Psarrer war; er st. 3. Mai 1561. Seine geistl. Lieder bilden den Uebergang vom streng liturgischen, objektiven Kirchenlied zum mehr populären, subjektiver Erbauung dienenden Hausliede; von ihm ist z. B.: Wenn mein Stündlein vorhanden ist, Lobt Gott ihr Christen allzugleich rc. Er schr.: LvkmAvlia, ans alle Sonn- und Festtage iin ganzen Jahr in Gesängen, Wittenb. 1560; Die Historien von der Sündflnth, Joseph, Mose rc., Lpz. 1563; er hat auch Melodien zn Kirchenliedern gesetzt. Vgl. LeLderhose, Matthesius u. Nik. Hermann, Halle 1855. Pfeifer, N. H., ein Lebensbild eines ev. Lehrers ans der Reformationszeit, Berl. 1857. 2 ) Joh. Gottfried Jakob, einer der ersten Philologen Deutschlands, geb. 28. Nov. 1772 zn Leipzig, unterrichtet durch D. Ilgen, bezog im 15. Jahre die Universität Leipzig, um Jurisprudenz zn stndiren, wandte sich aber bald zur Philologie, wurde 1790 mnAisbsr libsralirrm artürrm n. habilitirte sich nach einem kurzen Aufenthalt in Jena, behufs Studiums der Kantschen Philosophie, in seinem 23. I. als Privatdocent in Leipzig, wurde 1797 sxbraoräinarins u. nachdem er einen Ruf als Rector in Schnlpforta ausge- schlagen hatte, 1803 Orokosssr slognoirtnao, 6 I. später auch Orok. posssos n. st. 31. Dec. 1848. Er schr. zuerst Os mstris lib. III. (1796); Handbuch der Metrik, 1799; Pllsmsnta äootrinas mstrioas (1816) n. Opiboms ä. m. (1818), ergänzt durch die Abhandlungen Oo mstris Oinäari und Os antOtropinois. In der Grammatik trat er epochemachend auf durch seine Schrift Os omsn- äanäa rationo pframmativas Oraseas u. die neue Ausgabe von ViAorns äs prasorpnis 6r. lin^nas iärotismis, welcher er Anmerkungen beifügte und die Abhandlung Os ellrpsi et plsonasmo folgen ließ (1808). Daran schlossen sich die Bücher über oie Partikel ä>. Für die Ästhetik machte er sich durch die Ausgabe von Aristoteles Poetik n. die Abhandlung Os oompositrons tstraloAmrum tra- Aearnm (1819) verdient, u. um die Geschichte der epischen Poesie durch seine Abhandlung über die Orpirioa (1805) u. die Interpolationen bei Homer (1832). Auf das mythologische Gebiet durch Creuzer geführt, gab er die Briefe über Homer n. Hesiod n. die Abhandlungen über die älteste griech. Mythologie und die Anfänge der griech. Geschichte (1817 n. 1818) heraus. Von Ausgaben sind die Fortsetzung der Erfurdtschen Sopholles- Recension, die Herausgabe mehrerer Tragödien des Euripides n. der homerischen Hymnen zn erwähnen. Die letzte aber nicht..ganz vollendete Arbeit, die neue Recension des Äschylus, wurde von Haupt in 2 Bänden (1852) heransgegeben. H. ist durch seine Schriften und noch mehr durch seine persönliche Lehrthätigkeit von bestimmendem Einflüße aus Las philologische Studium in Deutschland gewesen. Vgl. O. Jahn, G. H. eine Ge- dächtnißrede, Leipzig 1849. Köchly, Gottfried Hermann. Zu seiner 100jährigen Gebnrtsfeier. Heidelb. 1874. 3 ) Friedrich Benedict Wilhelm, deutscherNationalökonom u. Statistiker, bayer. Staatsrath, geb.5.Dec. 1795inDinkelsbllhl, wurde, nachdem er erst später znm Studium gelangt, 1821 Lehrer der Mathematik am Gymnasium in Erlangen und 1823 Privatdocent daselbst, dann Professor der Mathematik in Nürnberg, 1828 außerordentlicher n. 1833 ordentlicher Professor der Staatswirthschaft in München, 1835 Mitglied der Akademie der Wissenschaften, 1836 Jnspector der 14 * 212 Hermann — technischen Lehranstalten in Bayern u. 1837 Mitglied des obersten Kirchen- u. Schulraths, 1839 Leiter des statistischen Bureaus, 1845 Ministerialrath im Ministerium des Innern u. 1855 zum Staatsrath im ord. Dienste ernannt. 1848 Mitglied der Deutschen Nationalversammlung, gehörte er dem Cen- lrum an u. war einer der Führer der großdeutschen Parte». Er st. 28. Nov. 1868 nach einer ausgebreiteten Thätigkeit als akademischer Lehrer u. als praktischer Beamter im Staatsdienst. Inder Geschichte der staatswirthschaftlichen vueramr hat sich H. besonders durch seine Staatswirthschasi- lichen Untersuchungen, Münch. 1832, einen bleibenden Namen gesichert. Außerdem lieferte er zahlreiche Abhandlungen in die von ihm herausgeg. Beiträge zur Statistik des Königreichs Bayern, Münch. 1850 ff., in das Archiv der polit. Ökonomie u. Polizeiwiffenschaft, das er mitherausgeg. n. in die Abhandlungen der bayer. Akademie, rc. 4) Karl Heinrich, Historienmaler, geb. 6. Jan. 1802 in Dresden, bildete sich hier unter Hartmann u. unter Cornelius in Düsseldorf u. München; wo er unter ihm, wie vordem in der Aula der Bonner Universität, in der Glyptothek u. Ludwigs-Kirche malte. Seine Zeichnung ist zwar etwas trocken, allein sehr correct u. charakteristisch, seine Kuustbildnug gründlich. 1841 folgte er einem Nuse nach Berlin, die Ausführung der Schinkel- scheu Entwürfe für das Museum al kroseo zu übernehmen, trat indessen 1842 von dieser Arbeit zurück. Werke: Die Theologie, großes Frescobild in der Aula zu Bonn; Ludwig der Bayer in den Arkaden des Hofgartens zu München; Die Him- melsahrt Christi in der protestantischen Kirche n. Die Fahrten des Parcival im neuen Königsbau daselbst; Die Erzväter rc. in der Klosterkirche zu Berlin; 15 große Blätter ausder Culturgeschichtedes Deutschen Volkes. 5) Karl Friedrich, namhafter Alterthumsforscher, geb. am 4. Aug. 1804 zu Frankfurt a. M., hier u. auf dem Gymn. in Weilburg gebildet, studirte seit 1820 in Heidelberg u. Leipzig, habilitirte sich dann 1826 als Privat- docent in Heidelberg, wurde 1832 Prof, der alten Literatur u. Prof, ologu. in Marburg, 1842 an O. Müllers Stelle Professor in Göttingen, wo er am 31. Dcc. 1855 st. Nach seiner schon aus dem Gymn. angefertigten anonymen Neubearbeitung der Uebersetzuug des Eutrop lieferte er 1827 die Ausgabe von Imeianus äs eonseridsuäa lrisboria, u. 1851 des Plato (bei Teubner); schr. ferner Lehrbuch der griech. Staatsalterthüincr (1836), der gottesdienstlichenAlterthümer (1846), der gr.Privat- alterthümer (1852), deren 5. Aust. 1876 durch Stark besorgt wird, ferner Geschichte u. System der platonischen Philosophie (1838) u. eine große Zahl Abhandlungen u. GclegenheitSschriften. Nach seinem Tode erschien seine Cultnrgeschichtc der Griechen». Römer, Gott. 1856. 6) H. von der Hardt, s. u. Hardt. 1) Löffler. 2) s) Eichboff. s>r°gm. 4) Regne«. Hermann, Sitz des Gasconade County im nordamerikan. Unionsst. Missouri am Missouri, Eisenbahnstation, bedeutender Weinbau, 1600 Ew., fast nur Deutsche u. Schweizer. Hermanni, Jak., so v. w. Arminins'2). Hermannsbnrg, Kirchdorf im Kreise Fallingbostel der preuß. Landdrostei Lüneburg, an der Hermannstadt. Örze; evangel. Missionsanstalt, Asyl für entlassene Sträflinge, Sägemühlen; 1300 Ew. — H. ist ein alter Missionsvorposten gegen die Wenden «soll 972 angelegt worden sein) u. war einst der Wohnort Hermann Billungs (gest. 973), nach dem es wahrscheinlich benannt worden ist. Hermannstadt, 1) (Szeben) Stuhl im sie- benbllrg. Sachsenlande (Oesterreich), ist gebirgig durch die Transsylvanischen Alpen (Karpathen), wird vom Alt (Aluta) und einigen anderen kleinen Flüssen durchströmt u. der Ungar. Ostbahn durchschnitten; 2317,g7 Ullcm (42,7 HZM) mit 86,917 Ew. (auf 1 s^jlcin 38, in ganz Siebenbürgen ebenfalls 38). 2 ) (lat Oidinluin, ungarisch Nagy-Szcben, roman. Sibiniu), königliche Frei- stadt darin und Hauptstadt des Sachsenlandes,, ehemals Hauptstadt von Siebenbürgen, am Zibin, einem Nebenfluß des Alt, Station der nngar. Ostbahn, besteht aus der oberen u. der unteren Stadt (durch steile, steinerne Treppen mit einander verbunden) u. 3 Vorstädten. Unter den 10 Kirchen u. anderen öffentlichen Gebäuden sind hervorzuheben: die golhische evangel. Hauptkirche mit 73m hohem Thurme, die resormirte und die ehemalige Jesuiten-, jetzt kathol. Hauptpfarrkirche, das Rathhaus mit dem reichhaltigen sächs. Nativnal- archiv, das kath. Waisenhaus (Theresianum), das von Bruckeuthalsche Palais mit dem sehenswerthen. Laudesmnseum (enthält werthvolle Gemälde-, Bücher-, Münzen-, Antiken- und Naturaliensammlungen), das evangel. Gymnasium, ebenfalls mit sehcnswertheik Sammlungen, und das Deutsche Theater. In H. tagt die sächsische Nations-Universität (Volksvertretung, 27. Juni 1861 eröffnet);, es ist Sitz des Gra wu (Lomes) der Sachsen, des k. k. sie- benbürgischeu Militärcommandos, eines griechischorientalischen Erzbischofs, des Oberconsistoriums der evangel. Landeskirche u. hat: eine Nechtsakademie, evangel. n. kathol. Obergymnasium, evangel. Ober- Realschule, Normalhauptschule, pädagogischtheolog. Diöcesanlehranstalt, Schullehrerseminar, Francis- caner- u. Ursulinerinnenkloster, verschiedene Wohl- thätigkeitsanstalten, Landwirthschafts-, Natnrhistor., Verein, Verein für siebenbllrg. Landeskunde, Bür- gergewerbs-, Musik- u. andere Vereine, Boden- creditaustalt, Fabrikation von Tuch, Wolldecken, Leder, Papier, Stearinkerzen, Zucker, Töpferwaa- ren. Hüten, Silber- u. Seilerwaaren rc., Buchdruckereien, lebhaften Handel, namentlich Commissions- u. Speditionshandel; 18,998 Ew., davon 69°/o Deutsche, 17°/o Rumänen u. 7°/„ Magyaren. Die starken Mauern u. Thürme, von denen früher die obere u. die untere Stadt umgeben waren, sind in der letzten Zeit fast ganz abgetragen worden. Auf der öffentlichen Promenade das Bronzedenkmal des Kaisers Franz I. Die von H. nach der Walachei durch den Rothenthurmpaß längs der Aluta führende u. zum Theil in Felsen gehauene Karolinenstraße ist 36 lern lang. H. wurde wahrscheinlich von dem Nürnberger Bürger Hermann, welcher 1160 mit einer Colonie unter König Geisa II. hierher kam, gegründet u. hieß nach einer Michelsberger Urkunde vom Jahr 1223 ursprünglich Villa Hermanni; im selben Jahre erhielt es von Andreas II. bedeutende Gerechtsame; 1438 wurde es von den Türken belagert; 18. März 213 Hermannus — 1442 hier Sieg der Ungarn unter Johann Hu- rryades über die Türken. In dem Kriege um die Ungar. Krone zwischen Ferdinand von Oesterreich und Johann von Zapolya wurde die Stadt von den Anhängern des Letzteren belagert; 1536 wurde sie von Len Türken erobert, 1610 von dem siebenbürg. Fürsten Gabriel Bathory durch List eingenommen u. geplündert, 1685 vom Fürsten Michael Apassi besetzt, Hier 21. Jan. 1849 Schlacht zwischen den Österreichern unter Puchner u. den Ungarn unter Bem; 24, Jan. zweite Schlacht bei H. zum Nachtheil der Österreicher, worauf die Stadt 28. von den Ungarn besetzt wurde; 15. Febr. 1849 abermals Treffen zwischen den ungarischen Insurgenten unter Bem u. den Oesterreichern. Anfangs März desselben I. wurde H. von den Russen unter Skariotin u. 11. März wieder von Bem besetzt; 8. Juli von den Russen u. Oesterreichern vergeblich angegriffen, 20. Juli Gefecht zwischen den Ungarn u. Russen; 21. Juli wurde die Stadt von den Russen besetzt, 4. Aug. wieder von den Ungarn unter Bem genommen. Vgl. Seivert, Die Stadt H., Hermannst. 1856; Deutsch, Geschichte der siebenbürger Sachsen, Leipz. 1874. 3 ) Stadt, so viel wie Hermanmiestetz. H- Berns. liermamms (lat.), s. Hermann. Hermanos, los, zu Venezuela gehörige Inselgruppe im Caraiküschen Meere. Hermanrich, König der Ostgothen im 4. Jahrh. n. Chr., aus dem Geschlechts der Amaler; Begründer die Macht der Ostgothen; er stürzte sich, am Widerstand gegen die Hunnen verzweifelnd, 376 in sein Schwert, nachdem er ein Alter von über 100 Jahren erreicht. Hermaphrodit, Zwitter, ein wirklich od. scheinbar mit beiderlei Geschlechtsorganen versehenes Individuum; s. Fortpflanzung u. Hermaphroüi- tismus; hermaphroditisch, zwitterig. Hermaphroditismus (v. Gr.), Zwitterbildung. Beim Menschen (und den höheren Thie- ren) kommt H. im eigentlichen Sinne des Worts nicht vor. Dasjenige, was mit dem Namen bezeichnet wird, sind bloß Mißbildungen, die dem wirklichen H. zu ähneln scheinen. Es ist weder je mit Sicherheit beobachtet eine männliche Bildung auf der einen u. eine weibliche auf der anderen Seite, noch auch ein nicht difserenziirtes Geschlecht bei irgend einem Individuum. Wol aber kommen Fälle vor, in denen bei männlicher Anlage der Geschlechtsdrüsen ein weiblicher Typus der äußeren Erscheinung, und umgekehrt vorliegt, u. zwar in dem Grade, daß Jrrthümer unvermeidlich sind. So ist es z. B. mehrfach beobachtet, daß männliche Individuen, d. h. solche, die nachweislich Hoden (wenn auch in verkümmerter Gestalt) besaßen, als Mädchen getauft, erzogen, verheirathet sind, bei denen erst eine spätere genaue ärztliche Untersuchung das Geschlecht feststellte; in noch anderen Fällen kann diese Untersuchung erst nach dein Tode zu einem Resultat führen, dadurch daß die mikroskopische Untersuchung der Generationsdrüsen crgiebt, ob es Hoden oder Eierstöcke sind, ob sie Spermatoiden oder Ovula enthalten. Diese Fälle nennt man Hermaphroditen. Die Erklärung eines solchen Zustandes liegt in der Entwickclungsge- schichte. Zu einer Zeit, in der sonst sämmtliche Hermaphroditos. übrigen Anlagen am Fötus gebildet sind, kann man an ihm das Geschlecht noch nicht unterscheiden, die vorhandenen Anlagen können sich ebenso gut nach der männliche», als weiblichen Seite hin entwickeln. An der Rückenwaud der Bauchhöhle liegt beiderseits ein drüsiges Organ, der Wolfsche Körper und daneben ein Zellenhaufen; aus dem ersteren wird der Nebenhoden resp. Nebeueierstock aus dem letzteren der Hoden resp. Eierstock gebildet. AuS dem Wolsschen Körper führt ein Aussührungsgang nach außen, der beim Mann zum Samenstrang wird, bei der Frau obliterirt. Sieben ihm liegt der sog. Müllersche Gang, der blind endigt, und beim Manne später obliterirt, bei der Frau sich zur Muttertrompete entwickelt. Dieser Müllersche Gang vereinigt sich am unteren Rümpfende zu einem gemeinschaftlichen Ausführungsgang, aus diesem entstehen beim Weibe die Gebärmutter u. die Scheide, heim Manne ein Theil der Vorsteherdrüse (Vsaioula. xroatatica). Auch die äußeren Geschlechts- theile sind ursprünglich gleichmäßig bei Mann u. Frau angelegt. Es ist eine, anfangs sogar mit dem Aster communicirende weite Ausführungsöffnung, die von 2 seitlichen Wülsten begrenzt wird (den großen Schamlippen beim Weibe, dem Ho- densack beim Manne); Liese wachsen erst später beim Manne durch eine daS Leben hindurch sichtbare Naht zusammen u. verändern sich weiter in ihrem Ansehen dadurch, daß die Hoden aus dem Bauch in sie sich hineinsenken. Dicht über dem Ausführungsgang der Harnblase hildet sich bei beiden Geschlechtern ein zapfenförmiges, schwellungsfähiges Organ, das in2 seitliche Hautfalten ausläuft. Dieses Organ bleibt beim Weibe in dieser rudimentären Form bestehenalsKitzleru.kleine Schamlippen; beim Manne entwickelt es sich als männliches Glied die beiden Hautfalten schließen sich nach hintenzusammen, nehmen die Mündung der Harnblase in ihr Lumen auf und bilden so die das Glied durchbohrende Harnröhre. Es begreift sich nun leicht, wie durch eine Hemmung in der Entwickelung beim Manne die beiden Hockensackhälften sich nicht schließen, das Glied rudimentär bleiben, u. die Hoden im Bauch Zurückbleiben können, u. dadurch der völlige Eindruck eines Weibes entsteht, um so mehr, als in Liesen Fällen, wie bei Castraten, die Stimme hoch bleibt, die Fettentwickelung bedeutender ist u. der Bart fehlt. Ebenso kann durch excessive Entwickelung des Kitzlers, durch abnorme Verwachsung der Schamlippen der Eindruck eines Mannes entstehen, doch ist dieser Fall viel seltener, lieber den Hermaphroditismus bei niederen Thieren s. Fortpflanzung. Jahn. Hermaphroditos, nach späterer römischer Sage Sohn des Hermes u. der Aphrodite, welcher von Nymphen in den Jdäischen Grotten aufgezogen wurde, als Knabe noch nach Karten zog und sich in der Quelle der Nymphe Salmakis badete; da er die Liebe der Nymphe nicht erwiderte, wurde er auf ihr Flehen mit ihr durch die Götter zu Einem Leibe vereinigt u. auf sein Gebet stieg fortan jederMannals Mannweib aus dem Quell, der sich in demselben badete. Nach ihm die Benennung Hermaphroditen,für Zwitter. Es gibtmehrere antike Statuen von H. in denen die alten Bild- l Hauer die schwierige Aufgabe zu lösen suchten, den 214 Hermas — Charakter des Mannes u. Weibes vereint darzu- stellen; das Ideal stellte Polyklet ans; man findet an ihnen den übrigens männlichen Leib an Brust, Hüften u. Schenkeln in völlig weibliche Formen gearbeitet. In der Botanik heißt eine Blüthe herma- phroditisch, wenn Staubgefäße und Pistille in derselben Vorkommen. i-- Hermas, von Paulus Rom. 16,14 gegrüßt, wurde in der Schrift kastor llvrmao wahrscheinlich von einem dem römischen Bischof Pins I. (gegen die Mitte des 2. Jahrh.) gleichzeitigen Verfasser dieses Namens als Empfänger von Offenbarungen eines Engels (Kastor) dargestellt. Zweck der darin erzählten Visionen, die der Engel durch Gebote u. Gleichnisse verdeutlicht, ist die sittliche Erneuerung der verweltlichten Gemeinde in einer Zeit der Verfolgung, wahrscheinlich unter Hadrian 135—137. Die Schrift ist ein Vorläufer des Montanismus, doch mit kirchlicher Richtung und zwar im Sinne eines gemäßigten Judenchristenthums mit stark katholisirender Färbung (Lipsius). Lange war sie nur in lat. Uebersetzung bekannt, zuletzt heransgeg. von Hefele, kabrumapoatolioorumapp., 4. Ausg., Tüb. 1855, u. von Dreffel in seinen apost. Vätern. Der von Anger u. Dindorf, später von Tischendors heransgeg. griech. Text wurde ebenfalls in den, von Tischendorf entdeckten Sinaitischen Bibelcodex gesunden (heransgeg. in Dressels 2. Ausg. der apostol. Väter, Leipz. 1863, ebenso von Hilgen- selb, H. 1?. extra oanonom reooptum, Leipz. 1866). Auch eine äthiopische Uebers. giebt D'Abbadie in den Abhd. zur Kunde des Morgenlands, Leipz. 1860. Vgl. Fachmann, D. H. d. H., Königsb. 1836; Gaab, Basel 1867; Zahn, Gotha 1868. Hilgenfeld, Zeitschrift für wiffensch. Theol. I. Lipsius, ebd. VIII. tl. XII. «Mer. llormaeum (v. gr. äx>/raco»-) 1) Fund, Glücksfall, welchen man vem Hermes zuschrieb; 2) (röm. Ant.) Zimmer in dem kaiserlichen Palaste zu Rom. Hermbstädt, Sigismund Friedrich, einer der bedeutendsten technologischen Schriftsteller im Anfang des 19. Jahrh., geb. 14. April 1760 in Erfurt, widmete sich der Pharmacie, studirte Me- dicin, wurde Vorsteher einer Apotheke und 1790 Administrator der k. Hofapotheke in Berlin, hielt zugleich Privatvorlesungen über Physik, Chemie, Technologie und Pharmacie; wurde 1791 ord. Professor der Chemie und Pharmacie bei dem Collegium ollir. msä., wirklicher Obersanitätsrath, auch Assessor bei dem königlichen Manufactur- n. Kammercollegium u. der Salzadministration, 1797 Hofapotheker, 1810 Professor der Chemie u. Technologie an der Universität, Beisitzer der technischen Deputation im Ministerium des Handels u. der Gewerbe u. st. 22. Oct. 1833. Sein Hauptverdienst liegt in der speciellen Bearbeitung mehrerer Zweige der chem. Technologie: Färbekuust, Berl. 1802, 3. Aufl. 1825; Bleichknnst, ebd. 1804. Ledergerberei, ebd. 1805—07, 2 Thle.; Chem. Grundsätze, Branntwein zu brennen rc., eb. 1817, 3. Anfl. 1841; Chem. Grundsätze, Bier zu brauen, ebd. 1826; Compendium der Technologie, ebd. 1831, neue Ausg. v. Rud. Wagner, 1855. Auch Lavoisiers System d. antiphlogist. Chemie, 2 Bde., ebd. 1792, 2. Aust., 1803, Scheeles sämmtl. Werke, 2 Bde., ebend. 1793, Chaptals Chemie, 2 Hermeneutik. Bde., ebendaselbst 1803 u. a. wurden von H. deutsch herausgegeben. r.» Hermelin, (Großes Wiesel, Llustsla, sr- minon , skuborius orminsus Ow.), Art der Wiesel, 24—30 om (ohne den 6—10 om langen (Schwanz) lang, 6—7 om hoch, Oberseite u. erste Hälfte des Schwanzes im Sommer rothbraun, im Winter weiß, Unterseite immer weiß mit gelblichem Anflug, Schwanzspitze schwarz; lebt in Europa uördl. den Pyrenäen u. Alpen, sowie in N.« u. Mittel-Asien (ähnliche Formen im nördl. NAmerika bis zum Ohio u. Arkansas) in Erd- u. Mauerlöchern, Steinhaufen, hohlen Bäumen, überhängenden Ufern rc., frißt kleinere Säugethiere und Vögel bis zu Kaninchen- u. Hühuergröße, Eier, die es verschleppt, indem es sie unter dem Kinn wegträgt, auch Schlangen u. Eidechsen. Es paart sich im März u. bringt im Mai 5 — 8 Junge; der Winterpelz bes. des sibirischen gibt das bekannte geschätzte u. dauerhafte Pelzwerk. Das H. ist sehr muthig (greift zur Vertheidigung selbst den Men- scheu an), u. äußerst gewandt im Klettern, Springen u. Schwimmen; jung eingefangen läßt es sich zähmen. Farwick. Herinelinrnantel. Da der Hermelin im Mittelalter für überaus reinlich gehalten wurde, und man von ihm erzählte, daß er lieber durch das Feuer, als durch den Koth liefe, nahm mau ihn als Symbol der Reinheit u. Unschuld an; es war ein Vorrecht fürstlicher Personen, Mäntel mit Hermelin ansgeschlagen zu tragen, u. ist der H. Auszeichnung nicht nur für regierende Fürsten selbst geblieben, sondern umgibt auch die Wappen fürstlicher Personen. i-- Hermen (v. Gr.), viereckige, nach unten zugespitzte, oben mit einem Kopfe geschmückte Pfeiler, welche zuweilen auch Inschriften haben; sic hatten den Namen von Herines, welcher in der ältesten Zeit in Griechenland ohne Hände und Füße abgebildet wurde, oder bezeichnen wahrscheinlich überhaupt die ersten Anfänge der Bildhauerkunst. Sie kamen später noch in Athen häufig vor, wo sie in Straßen und vor den Häusern standen (vgl. Alkibiades), und wurden dann in Italien als Grenzpfeiler oder auch später als Weg-n. Gartenverzierungen benutzt. Wenn auf der Herme das Bild eines anderen Gottes oder Heros, als des Hermes, stand, so verband man den Namen Herme mit dem Namen des ausgestellten Kopses, u. daher kommen die Benennungen: Hermares (Herme des Ares), HermathLne (der Athene), Hermeräkles (des Herakles), Hermeros (des Eros), Hermapollon (des Apollon), Herma- mithras (des Mithras), Hermöpan (des Pan). Nach And. waren dies Säulen, auf welchen der Hermcskopf mit denen des Ares, Pan, Herakles rc. vereinigt angebracht war. Sie finden in der modernen Baukunst bisweilen Verwendung als Mittelpfeiler monumentaler Fenster rc. Lehs-ldt.» Hermcncgild, so v. w. Hermangild. Hermeneutik (gr., Anslegungswiffenschaft), 1) das System der Grundsätze, nach welchen der Sinn irgend einer Rede oder Schrift erforscht oder entwickelt werden muß; bes. 2) Inbegriff von Regeln, durch deren Anwendung man in den Stand gesetzt wird, Len Sinn eines Schriftstellers Hermes. 215 nicht nur selbst aufznfinden, sondern ihn auch Anderen auf eine überzeugende Weise mitzuthcilen. Im engsten Sinne 3) die biblische H. (Asr- msnsutiaa saora), die Theorie der Auslegung der Heiligen Schrift, s. u. Exegese. Vgl. Löhnis, Grundzüge der biblischen H., Gieß. 1839; Lotz, Biblische H., Pforzh. 1849, 1861. Hermes, bei den Römern entsprechend dem Mer cur ins, in der griechischen Mythologie ein alter Gott, welcher die zeugende und befruchtende Naturkraft personificirt, der Regengott, Sohn des Zeus und der Maia, und durch diese Enkel des Atlas, auf dem Berge Kyllene in Arkadien geboren (daher sein Beiname Kyllenios) und in Akakesion erzogen (daher sein Beiname Akakefios). Kaum lag H. nach der Geburt in der Wiege, so schlich er sich, in sein Betttuch gehüllt, heraus, fand eine Schildkröte, tödtete sie, spannte 7 Saiten über die Schale und erfand die Zither. Hierauf stahl er dem Apollo Rinder von seiner Heerde, opferte davon zwei und verbarg die anderen und gab sie erst auf Befehl des Zeus wieder heraus. Doch ließ ihm Apollo einen Theil der Rinder und gab ihm eine goldene Ruthe (daher sein Beiname Chrysorrhapis), wofür H. ihm die Ehre der Zithererfindung abließ u. zu seinem eigenen Gebrauch die Hirtenflöte erfand. Aus dieser goldenen Ruthe ist in späterer Mythologie das x^poxerox oder der Caduceus (s. d.) entstanden. Außerdem trug H. als Götterbote Flügelschuhe und den Petasos ss. unten). H. galt als Gott der Befruchtung für einen Regenspender überhaupt (daher sein Beiname Eriunios), dann als Gott der Heerden (daher Nomios, Epimelios), als Gott der List (daher seine Beinamen Dolios, Polytropos, Haimylometes) und aller Werke des praktischen Verstandes, der Redekünste, der Erfindungen. des Verkehrs; er soll Buchstabenschrift, Sprachsünde, Beredsamkeit, Arithmetik, Musik, Würfelspiel, Ringerkunst (daher Pädokoros, Promachos), Handel erfunden haben, daher er gewöhnlich als Gott der Kaufleute angegeben wird und den Beinamen Kerdoos (Gewinngeber) führt. Daher galt er auch als Schützer der Märkte (daher sein Beiname Agoräos, Marktgott), der Häfen und der Landstraßen (daher seine Beinamen Hodios u. Enodios, Weggott u. als Weg weisender Gott (Hegemonios), ferner der Ringschulen (daher seine Beinamen Agonios u. Ena- gonioS), und in Tanagra wurde er einen Widder tragend (daher Kriophoros) dargestellt. Ueber- tragen wurde von seiner Eigenschaft als Gott des Regens, der in die Erde eiudringt und dieselbe befruchtet und die darin schlummernden Keime erweckt und ans Licht bringt, auf ihn das Amt, die Seelen in die Unterwelt zu führen, daher sein Beiname Nekropompos, Psycho- pompos, Psychagogos, Todten-,Seelenführer, Ehthonios der Unterirdische. Anderseits führte er auch die Seelen aus der Unterwelt hinauf wie bei den Seelcnfesten des Frühlings, bei Todten- beschwörungen u. A. So ist er der Vermittler zwischen der Ober- und Unterwelt und auch der Gott des Schlafes, weshalb man ihm auch vordem Schlafengehen Libationen brachte. Im Göt- t.-rstaate galt er als Bote der Götter, meldete den Menschen die Pläne der Götter (daher Diaktoros, Botschaftbringer) und ist auf Rath und Befehl der Götter den Göttern u. Menschen rettender Führer und Geleiter; so rettete er den Ares ans schweren Banden, so erscheint er später als Tödter des hundertäugigen ArgoS (daher sein Beiname Ar- gciphontes,Argostödter), welcherdicJo bewachtere. Seine Kinder waren Eudoxos von Polymele, Ke» phalos von Herse, der Räuber Autolykos von Lhione, Pan von Dryope u. a. Fast in allen Städten Griechenlands wurden ihm Feste (Her- maia) gefeiert und man fand seine Tempel (Her- meia) vorzüglich in Arkadien am Berge Kyllene in Athen, auf Samothrake, Lemnos, Jmbros, Thasos, der Thrakischen Küste (bcs. zu AinoS). Abgebildet ward er als Jüngling mit Flügeln n. Sandalen (als Götterbote), mit Beutel in der Hand, mit Caduceus u. Reisehut (Petasos); immer geschmeidig u. gewandt. Er ist entweder ganz nackt oder trägt nur die Chlamys. Die Flügel sind am Hut, am Kopf, an den Knöcheln, an den Sohlen, als Sinnbild der Schnelligkeit. Dargestellt ist er in älteren Abbildungen gewöhnlich bärtig und als kräftiger Mann, in späteren jugendlich; er erscheint bald als Hirt, ein Stück Vieh tragend, oder die Heerde vor sich her treibend, bald als der kleine listige Dieb, bald als Kaufmann mit dem Beutel, auch mit der Lyra, bald als Herold, gewöhnlich als Götterbote. Einer seiner Typen, der den Widder auf der Schulter tragende Hermes, ist in die christliche Symbolik als guter Hirte übergegangen. Hermesstatuen und Hermesgruppen gab es von Phidias, Polyklet, Skopas, Praxiteles rc. In seinem Ideal ist körperliche Schönheit mit geistiger Gewandtheit vereinigt. Attribute sind: Hahn (Wachsamkeit), Schildkröte (Zither), Widder und Patera (Opfcrdienst), Harpe (Ärgos- tödter).. Thielemann.' Hermes, gewöhnlich der Große (Irismsxistos d. i. der dreimal größte) genannt, mythische, bei den alten Alchemisten am höchsten gepriesene Persönlichkeit des alten Ägypten; nach ihm wurde die Alchemie auch hermetische Kunst genannt und bis jetzt hat sich der Ausdruck hermetischer Verschluß für vollkommen luftdichten Verschluß erhalten. In neuester Zeit (Ende 1875) hat nun der deutsche Ägyptologe Ebers in London eine Papyrusrolle von 60 Fuß Länge entdeckt, die vor wenigen Jahren von einem Araber bei einer Mumie gefunden worden sein soll und mit rothen und schwarzen Schriftzügen bedeckt ist. Nach oem Charakter der Schrift zu urtheilen, scheint das Manuskript etwa aus der Zeit des Aufenthaltes Moses an dem Hofe Pharaos zu stammen (1500 v. Christi). Da nicht angenommen werden kann, daß hier ein Betrug vorliegt, so würden wir zwar nicht über das Leben des großen H., wol aber über seine wissenschaftliche Thütigkcitu.seineKennt- nisse, sowie über die Ursache Aufschluß erhalten, warum er so hoch von seinen Nachfolgern verehrt wurde. Vgl. Pietschmann, H. Tr., Lpz. 1875. r. Hermes, 1) Johann Timotheus, Dichter- didaktischer Romane, geb. 1738 in Petznick; stu- dirte in Königsberg, wurde Lehrer an der Ritterakademie in Brandenburg, bekleidete dann verschiedene geistliche Aemter, wurde 1808 Super- 216 Hermesianax intendent und erster Professor der Theologie in Breslau und starb hier als Oberconsistorialrath und Propst an der heiligen Geistkirche in Bres- lan 1821; er schrieb: den Roman, Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen, Lpz. 1770—75, 5 Bde., 3. Aust. 1778, 6 Bde.; Geschichte der Miß Fanny Wilkes, Lpz. 1766, 3. Aust. 1781, 2 Thle.; Für Töchter edler Herkunft, Lpz. 1787, 3 Thle.; Für Eltern und Ehelustige, ebd. 1789 bis 1790, 5 Bde.; Geistliche Lieder, Bresl. 1800. 3) Johann August, rationalistischer Theolog, gcb. 24. Aug. 1736 in Magdeburg; war seit 1760 an verschiedenen Orten Prediger, wurde 1780 Oberprediger und Consistorialrath in Quedlinburg; legte aber 1821 seine Stellen nieder u. st. 1822 in Bonn. Aus seiner früheren pietistischen Richtung lenkte er später zu der rationalistischen Auffassung der Dogmatik ein; er schr.r Handbuch der Religion, Berl. 1779, 4. Ausl. 1791 (von der Gemahlin Friedrichs II. ins Französische, außerdem ins Dänische, Schwedische und Holländische übersetzt); mit Cramer gab er die Allgemeine theologische Bibliothek 1784—87 heraus; Geschichte seiner Verfolgung im Mecklenburgischen, Berlin 1777 (darauf schrieb Nicolai seinen Se- baldus Nothanker); H. nach seinem Leben, Charakter und Wirken, geschildert von I. H. Fritsch, Quedlinb. 1827. 3) Georg, Stifter der philosophisch-dogmatischen Schule in der kath. Kirche, geb. 22. April. 1775 in Dreyerwalde im Münster- scheu, studirte 1792—98 Theologie u. Philosophie (namentlich dieKautsche) in Münster, wurde 1798 Lehrer am Gymnasium und 1807 Professor der Dogmatik daselbst und 1820 an der Universität in Bonn, wo er 26. Mai 1831 st., nachdem er 1825 vom Papste zum Domherrn der Metropolitankirche in Köln ernannt worden war. Er schr.: Untersuchungen über die innere Wahrheit des Christcnthums, Münst. 1805; Philosophische Einleitung in die christkatholische Theologie, Münst. 1819—29, 2 Bde., 2. Ausl. 1831—34; Christkatholische Dogmatik, herausgeg. von Achterfeld, ebd. 1834, 3 Bde. H., schon ftüh ein scharfsinniger Denker, kam bald zu der Einsicht, daß die Kautschs und Fischtesche Philosophie mit den Lehren des Christenthums unvereinbar seien und suchte ein neues positives System an Stelle dessen zu setzen, das durch jene Philosophen nicdergeriffen war. Der erste Versuch derart war seine Einleitung in die christlich-kath. Theologie (s. o.), die sich noch fern hielt ein katholisches Dogma zu berühren und im Verein mit H-s Lehrtätigkeit ihm eine bedeutende Zahl Anhänger zusührte. Erst im weiteren Verlaufe seiner Forschungen kam er dazu, die Dogmatik der Römisch-Katholischen Kirche philosophisch zu begründen (Hermesiamsmus), u. bildete einen großen Kreis von Schülern (Herme- sianer) um sich, welche auch die philosophischen und theologischen Lehrstühle in dem westlichen u. östlichen Theile des Preußischen Staates bald ein- nahmen und in einer eigenen Zeitschrift für Theologie und Philosophie, Köln 1832, ihr System zu verbreiten suchten. Nachdem schon früher in Süddeutschland der Hermesianismus als ketzerisch de- nuncirt worden war, langte unmittelbar nach dem Tode seines Begünstigers, des Erzbischofs Spiegel — Hermias. in Köln, am 26. Sept. 1835 von Rom ein päpstliches Breve an, welches den Hermesianismus als ketzerisch verdammte, und der neue Erzbischof von Köln, Droste von Vischering, legte sofort sämmt- lichen Geistlichen seiner Diöcese 18 Sätze zur Unterschrift vor, in denen sie sich gegen die Hermesiau. Lehre verwahrten. Die Hermesianer suchten sich in Schriften zu rechtfertigen, so Achterfeldt, Lutterbeck, Baltzer, Braun, Elvenich u. A., appellirten, im Bewußtsein ihres guten Katholicismus, an den Papst u. Elvenich u. Braun gingen persönlich nach Rom, kehrten aber unverrichteter Sache heim u. wurden 1844 ihrer Lehrämter enthoben. Vgl. Esser, Über H' Leben u. Lehre, Köln 1832; Elvenich, ^.ota Ilsrmosiana, 1837; Braun, romana, Hannover 1838; Niedner, ktillosoxkias Hsrmssii exptioatio, Lpz. 1839; Bernhard!, H. u. Perrone, Köln 1840 (lateinisch von Braun, Bonn 1843); Stupp, Die letzten Hermesianer, Wiesbaden 1844 f., 5 Hefte. Löffler.' Hermesianax aus Kolophon, griechischer Elegiker kurz nach der Zeit Alexanders des Großen. Seine drei Bücher erotischer Elegien, nach dem Namen seiner darin besungenen Geliebten Leontion benannt, zeigen in ihrem von Athenäos uns erhaltenen Ueberrest von 49 Distichen bereits den Charakter alexandrinischer Poesie: mythologische Gelehrsamkeit nnd allzustarkes Streben nach gewählten Ausdrücken. Herausg. in SchueidewinS Oslsotno possis §r. 6le§iseas, Gött. 1838, S. 143 f.; deutsch in W. E. Weber, Die elegischen Dichter der Hellenen, Frkf. 1826, S. 278 ff. Riese- Hermesianer und Hermesianismus, s. u. Hermes 3). Hermetische Medicin, uralte, auf Hermes Trismegistos zurllckgeführte, medicinische Vorschriften und Regeln. Diese auf Tradition be- ruhenden und wahrscheinlich auch die semiotischen Erfahrungen der Vorwelt enthaltenden Regeln mußten von den Ärzten genau befolgt werden, da im Vernachlässigungsfalle selbst bei günstigem Ausgange Todesstrafe erfolgte, während die Ärzte für den Tod der Kranken sonst nicht verantwortlich gemacht wurden. Später wurden unzählige Schriften dem Hermes untergeschoben (s. Wieganv bei Ersch u. Gruber). Der von Ebers entdeckte kapz^us (s. Hermes) soll einen großen Theil der hermet. medic. Bücher enthalten. Im 16. Jahrh. nannte man wol auch die von Paracelsus vertretene Richtung hermetische Medicin. Thamhayn. Hermetischer Verschluß, luftdichter Verschluß, nach Hermes Trismegistos genannt, der Schätze und Gefäße durch magische Siegel zu verschließen verstanden haben soll. Hermias, 1) Eunuch, wurde nach Ermordung seines Herrn Eubulos Tyrann von Atarneus und Assos, Schüler Platons und Freund des Aristoteles, welcher sich, nachdem er Athen verlassen hatte, drei Jahre bei ihm aufhielt, bis H. getödtet wurde; Aristoteles heirathete dessen Schwestertochter Pythias; er schr. von der Unsterblichkeit der Seele. Aristoteles dichtete zu seinem Preise einen (erh.) Päan. 2) H., christlicher Apologet um 200 n. Chr., nach Anderen erst im 5. oder 6. Jahrh.; er schr.: eine Spottschrift auf die heidnischen Philosophen und Warnung vor Hermidia — deren Jrrthümern, heransgegeben zuerst 1553, dann im ^.uotnarium bibliottrsvas vairnm, Par. 1624; von Menzel, Leyd. 1840; deutsch von Thienemann, Lpz. 1828. Hermidra (gr.) kleine Hermen. Hermies, Flecken im Arr. Arras des franz. Dep. Pas-de-Calais; 2517 (2431) Ew. Bei H. u. zum Theil unter dem Orte ist infolge eines Einsturzes 1840 ein ungeheuerer unterirdischer Raum mit mehreren Straßen u. 115 runden und viereckigen Zimmern, deren Abtheilungen ca. 300 Zellen auf- weisen, entdeckt worden. Der Eingang zu demselben, dessen Ursprung und Bestimmung noch ganz unbekannt sind, befindet sich unter dem Thurm der Kirche. tieemmium L. Lr., Pflanzengattung aus der Familie Oreiiiäsas-Opirrz-ckeas mit glockenförmig zusammenneigendem Perigon, sackartig vertiefter oder flacher Lippe, kurz gestielten Pollenmassen u. großen Staminodien. Art: II. Llonorekis L. Lr., mit kleinen, rundlichen Knollen, meist zwei länglichen, spitzen Laubblättern am Grunde des Stengels und dichter vielblüthiger gelbgrüner Aehre; in Deutschland hier u. da auf Moorboden; andere Arten in Ostindien. Engter. Herminönes (Herminonen), nach der Taci- teischen Eintheilung einer der drei Hauptstämme der Germanen, welcher den mittleren Theil des Landes, um die Vsraznia siiva, zwischen Jngä- vouen und Jstävonen bewohnte. Hermiöne (Harmonia), 1) s. Harmonia. 2) H., Tochter des Menelaos und der Helena; während der Belagerung Trojas versprach sie ihr Vater dem Neoptolemos, dem sie nach der Heimkehr ihrer Eltern vermählt wurde, nach anderer Fassung war sie dem Orestes vorher verlobt, der die Delphier veranlaßte, Neoptolemos zu ermorden und sie entführte. Sie wurde von diesem Mutter der Tisamenos. Nach späterer Tradition heirathete sie endlich noch Diomedes u. wurde init diesem vergöttlicht. 3) s. Asteroiden N. 121 . Hermiöne (a. Geogr.), Stadt in der Landschaft Hermionis, im südlichen Theil von Argolis, an einer Bai des Argolischen Meerbusens, die daher Hermionischer Busen hieß; Lurch Handel u. Gewerbe blühend, mit berühmten Tempeln u. Kunstdenkmälcrn; später warfen sich Tyrannen hier auf, deren letzter freiwillig abdankte und die Stadt dem Achäischen Bunde beigesellle; jetzt Kastri. Hcrmippos, 1) Dichter der alten Komödie zu Athen, noch vor Aristophanes; er soll 40 Stücke geschrieben haben, von denen nur S ans Titeln u. Bruchstücken bekannt sind; sie waren politischen Inhalts u. theilweise gegen Perikles u. seine Freundin Aspasia gerichtet; daraus sind uns Parodien homerischer Stellen erhalten. 2) H. der Kalli- macheer, ein bedeutender Biograph des Alterthums; geb. in Smyrna, lebte er als Schüler u. Studienfreund des Kallimachos in Alexandria, wo er um 204 v. Ehr. seine Biographien (Lr'oc) schrieb. Dieses höchst umfangreiche u. sorgfältige Werk scheint alle für die geistige Entwickelung der Hellenen bedeutsamen Persönlichkeiten biographisch dargcstellt zu haben, vielleicht mit besonderer Bevorzugung der Philosophen u. der Redner u. Rhetoren; doch könnte es auch Zufall sein, daß uns Hermogenes. 217 jene gerade besonders häufig angeführt werden. Der Verlust dieses Werks, aus welchem uns jedoch indirect viele Nachrichten erhalten sind, ist sehr zu bedauern. Fragmente herausgeg. von Ad. Lozynski, Bonn 1832. 3) H. aus Berytos, zur ZeitHadrians, Schüler des Philon, ein Astrologe, schrieb u. a. von den Träumen (Verl.). Riese. Hermitage, (franz.) I) Ermitage, Einsiedler, Klause; 2) Name franz. Weiß- und Rothweine ersten Ranges, wachsen bei Tain im Arr. Balence des franz. Dep. Drome (Dauphine). Hermite, Charles, bedeutenderMathematiker, geb. 24. Dec. 1822 in Dieuze (Dep. Meurthe), seit 1848 an der polytechnischen Schule in Paris, 1856 Mitglied der Akademie der Wissenschaften daselbst. Viele Arbeiten von ihm finden sich in den Math. Zeitschriften, wie Liouvilles u. Crelles Journal. Selbständig erschien: Oours ck'anal/ss, Paris 1873. Buchrucker. Hermodactyli, Hermodatteln, die flach herzförmigen Knollen des in SEuropa u. Kleinasien heimischen Voisfiivnm varisAatum V., welche ehemals als Heilmittel bei der Gelenkgicht in großem Ansehen standen; jetzt nicht mehr im Gebrauch. Hermodlke, Gemahlin des phrygischen Königs Midas, angeblich Erfinderin der Münzen. Hermodöros, ein Grieche aus Ephesus: aus seiner Vaterstadt vertrieben, ging er nach Rom u. soll um 452 v. Ehr. den römischen Gesandten, welche wegen Entwertung des Zwölftafelgesetzes nach Griechenland gingen, als Dolmetscher gedient haben. Hermodr (d. i. der Heerkühne, Nord. Myth.), Odins Sohn, Diener u. Bote der Götter, wurde nach seines Bruders Baldur Tode zu Hel wegen -der Freigebung der Leiche desselben gesendet. Hermogenes, 1) H., gnostisirender Häretiker in Afrika, gegen Ende des 2. Jahrh., wahrscheinlich in Karthago, welcher die Ewigkeit der Materie u. die Materialität der Seele behauptete; gegen ihn schrieb Tertullian sein Buch Läversus Vsrmo- Asnsm, auch in seiner Schrift Vs anima o. 11. Der bei Clemens von Alexandrien, Philastrius u. Augustin (als Patripassianer) erwähnte H. ist ohne Zweifel derselbe. H. war seines Berufes ein Maler. 2) H. aus Tarsos, berühmter Rhetor um 160 n. Chr.; trat schon im 15. Lebensjahre in Rom vor Kaiser Marc Aurel als Rhetor auf; verlor aber, 25 Jahre alt, Gedächtniß ».Sprache u. st. in hohem Alter; er schrieb in seiner Jugend: erste Ausgabe in Aldus' Rirstorss Arasei, Veued. 1508, Fol., u. ö., am besten in Walz' Rtistorss Arasoi.Bd.3. Der5.Theil(Progymnasmata)istauch vonPriscianus ins Lateinische üb ersetzt. Das Werk des H. galt viele Jahrh. lang als maßgebendes Lehrbuch der Rhetorik, wurde auch iu den folgenden Jahrh. vielfach commentirt (was davon erhalten ist, gibt Walz in seinen Vllsborss Zrasoi). Nur die Progymnasmata (praktischen Übungen) wurden bald durch die des Aphthonius verdrängt. 3) Jurist um 336 n. Chr., Verfasser des vermoAsuianns socksx (s. 6oäsx); er sehr, auch: Ins sMnmarnm und Vibri ücksi eommissorum (Fragmente in den Digesten); vgl. Fincstres u. de Monsalvo, Vs vsrmoAsniano ejusgus ssripbis, 1757, 2 Bde. 4) H., Architekt, Zeitgenosse Alex. d. Gr., brachte die ionische Bauordnung am Artemistempel zu 218 Hcrmoglyph Magnesia u. am Bakchostempel zu Teos zur Vollkommenheit. I) Liiffl-r. 2) Riese. Hcrmoglyph (v. Gr.), 1) Verfertiger von Her- men; 2) überhaupt Bildhauer; daherHermoglyphik, so v. tv. Bildhauerkunst. Hcrmokrätes, ein ausgezeichneter Staatsmann u. Heldherr der aristokratischen Partei in Syrakus zur Zeit des Peloponnesischen Krieges, Sohn des Hermon. Als 424 v. Chr. die Athener von den Leontinern gegen Syrakus zu Hilfe gerufen worden waren, vereitelte er deren Plane, indem er unter den Griechen Siciliens einen allgemeinen Frieden herslellte. Nachher bei der kolossalen Unternehmung der Athener gegen Syrakus im Jahre 415 war er die Seele u. der Führer der siegreichen Vertheidigung. Später führte er mit gleichem Ruhme die Flotte, durch welche die Stadt Syrakus seit 412 die Peloponnesier an der asiatischen Küste gegen die Athener unterstützte. Trotzdem durch die Agitation der radikalen Volkspartei seiner Vaterstadt im Jahre 410 für verbannt erklärt und seiner Commandvs beraubt, kehrte er nach Sicilien zurück, sammelte zu Selinus eine Freischaar, befehdete die Karthager mit Glück, fand aber dann im Jahre 408 den Tod bei einem Versuche, mit Gewalt in Syrakus einzu- dringeu. Seine Tochter heirathete den Tyrannen Dionysius den Älteren. Hertzberg. Hermon, 1) (Dschebel-esch-Schech, Dsch. et TelLsch, d. i. Berg des Bejahrten, Schneeberg) 2860 va hohes Kalkstein-Massengebirge in Syrien, westl. von Damascus, im Alterthum der Heilige Berg genannt wegen des religiösen Cultus, der auf ihm geübt wurde, wovon noch Ruinen Zeug- niß ablegen; 2) (Dsch. ed Dahi) 553 m hoher Berg, südl. von Nazareth, Palästina. Ersterer heißt auch der Große, letzterer der Kleine Hermon. Schroot. Hermonthis, Hauptstadt des gleichnam. Nomos in Obcrägypten, welcher alle Ortschaften aus der Westseite des Nil bis nach Äthiopien umfaßte; Verehrungspunkt des Horos; Ruinen beim jetzigen Erment. Hcrmonymos, Georg, griechischer Gelehrter u. berühmter Kalligraph, aus Sparta gebürtig, ging nach dem Falle des griechischen Reiches nach Italien; vom Papste Sixtus IV. um die Befreiung des von Eduard IV. eingekerkerten Erzbischofs von Jork zu vermitteln nach England gesandt (1476), darauf in Paris, wo er als der erste geborene Grieche die griechische Sprache lehrte und Rcucklin, Melanchthon u. Budäus zu Schülern hatte. Er verfaßte mehrere theolog. Schriften. Eberhard. Hcrmopölis (Hermupolis), 1) (II. maZna) Hauptstadt des gleichnam. Nomos in Mittelägypten, am linken Ufer des Stil, mit Hafen, eine der bedeutendsten Städte daselbst; südl. dabei das Castell Hermopolitäna Phylake, Zollstätte für die ans Thebais Kommenden; Ruinen beim Dorfe Achmunin; 2) II. parva, Stadt der Rs§io aloxanärina in Unterägypten, an dem Kanal des Nils; j. Damanhur. In einer der beiden Städte sollen Joseph u. Maria mit Jesu bei ihrem Aufenthalt in Ägypten gewohnt haben. Hermas (a. Geogr.), Fluß in Kleinasien, der aus dein Gebirge Dindymon entspringend in den nach ihm genannten Hsrmoua Linus (Busen von — Hernals. Smyrna) des Ägäischen Meeres mundete, j. Ge- dis Tschai od. Sarabat; er war für flache Boote schiffbar. Hermosillo (Pitic), Stadt im mejican. Staate Sonora, in äußerst fruchtbarer Gegend am Sonora, Handel mit Landesproducten; 14,000 Ew. Hermsdorf, 1) (H. unterm Kynast) Kirchdorf im Kreise Hirschberg des preuß. Regbez. Liegnitz,, am Fuße des Riesengebirges; Schloß mit Bibliothek, Kunst- u. Naturaliensammlung, Steinschneiderei u. Steinschleiferei, Fabrikation von Zünd- waaren; 2000 Ew. — Dabei auf 589 in hohem Berge dis sehenswerthe Ruine der 1292 von Bolko II. angelegten Burg Kynast. 2) Nieder-H.^ Kirchdorf im Kreise Waldenburg des preuß. Regbez. Breslau, bedeutende Steiukohlengrnbeu; großes Eisenwerk, Spath-u. Brauneisensteingänge; 1875: 5956 Ew. — Dabei die Schönhuter Berge mit einem Tunnel für die Gebirgsbahn. 3) Grllffau- isch-H. (s. d.). H- Berns. Hermunduren (a.Geogr.), germanischer Volksstamm ; sie gehören zu den Sueven u. lebten im ersten christlichen Jahrh. im jetzigen Thüringen, das von ihnen den Namen haben soll, indem der letztere sie als die großen Düren (Düringen) bezeichnet. Sie stürzten 19 n. Chr. die Herrschaft des Gothen Catualda über die Markomannen u. 50 die des Quaden Vannius, u. nahmen 58 den Chatten die Salzquellen (angebl. bei Salzungen) weg. Auch kämpften sie mit anderen german. Völkern gegen die Römer unter Marc. Änrelius. Seitdem verschwinden sie aus der Geschichte. He>mc-Am Rhhn. Hermupolis(Neu-Syra), 1) Stadt auf derOst- Küste der griech. Insel Syra (Syros), Hauptstadt der Nomarchie der Kykladen u. blühendste Handelsstadt Griechenlands, ein wohlgebauter Ort mit vielen schönen, dreistöckigen Häusern, Sitz des Nomarchen, eines griech. Erzbischofs und eines römisch-kathol. Bischofs, 6 Kirchen, darunter eine katholisck>e u. eine protestantische, 2 Gymnasien, Gerichtshof erster Instanz, Friedensgericht, Laza- reth, Arsenal, Zoll- »nd Hafenamt, bedeutender Schiffsbau, großer halbkreisförmiger und sicherer Hafen, der einen Vereinigungspunkt aller Dampfschiffe bildet, die den Handelsverkehr zwischen Marseille, Triest, Constannnopel, Smyrna, Alexandrien rc. vermitteln; (1871) 20,996 Ew., darunter sehr viele Kauflcute ans verschiedenen Orten, namentlich Chioten. — H. ist erst seit dem griech. Befreiungskriege auf der Stätte des alten Syros entstanden. 2) So v. w. Hermopolis (si ch., 1) u. 2). H. Berns. Hernad, Fluß in Ungarn, entspringt an der Kralowa Hola aus der Westgrenze des Comitats Zips, durchfließt in südöstlicher Richtung die Comi- täte Zips, Saros n. Abauj-Torna u. mündet bei Köröm rechts in die Theiß; Nebenflüsse: Göllnitz, Tarcza u. Sajo. Hernals, Vorort von Wien, im gleichnam. Bez. des Erzherzogthnms Österreich unter der Enns, am Alserbache; schöne Kirche, Realgymnasium, Erziehungsinstitut für Offizierstöchter, Palfsysches Palais,Fabriken fürMaschinen,Eisenbahnwaggons, hölzerne und eiserne Möbel, Feuerspritzen, -Nähmaschinen, Wachsleinwand, Chemikalien, Branntwein, Liqneur, Essig, Rüböl rc.; (1875) 56,662 Ew. Usi'NLnäia, »srnsnüis L., Pflanzengatt. nach Fr. Hernandez, Leibarzt Philipps II. von Spanien u. Westindienforscher, benannt, aus der Fam. vapllnoicisas. Art: II. sonora, L. (Königsbaum), großer oft- u. westindischer Baum mit schildförmigen, in der Milte mit einem rothen Fleck bezeichneten Blättern; die Kelche sind in der Fruchtreife aufgeblasen, umschließen locker die Nuß u. geben, vom Winde angeweht, einen Ton von sich; die öligen Samen dienen als Purgirmittel, ebenso diejenigen von H. oviAsra T,. auf den Molukken u. H. Auian- uensis in Guiana. Engkr. Hernando, County im nordamerik. Unionsst. Florida n. 28° n. Br. u. 82° w. L. 2938 Ew. Conntysitz: Bayport. Herne, Kirchdorf im Kreise Bochum des preuß. Negbez. Arnsberg, Station der Köln-Mindener u. Berg.-Märk. Eisenbahn; höhere Knabenschule, bedeutende Steinkohlengruben,Kalkbrennerei, Dampfmühle; 1875: 6141 Ew. Hernc-Bay, Seebad in der engl. Grafschaft Kent, an der Nordsee und unfern der Themse- mündnng, mit einem 1110 m langen Hafendamme u. öffentlichen Anlagen; 1715 Ew. ttsrnis (lat.), s. Bruch (Med.) 2), daher: Herniotom, Bruchmcsser, und Herniotomie, Bruchschnitt (s. d.). tterniaris L., Pflanzengattung ans der Familie der üa.r/opIiMaesas-I'g.ronz'elUsas (V. 2.); kleine Pflanzen mit niederliegenden Stengeln, gegenständigen Blättern n. kleinen Blütchen in knäuelartigen Wickeln; Kelch 5theilig, 5 Blumenblätter n. 5 Staubblätter; Fruchtknoten mit 2 fast sitzenden Narben. Arten: H. Alabra L. (Harnkrant), gelbgrün, kahl mit länglichen oder elliptischen Blättern u. ungewimperten Kelchabschnittcn, auf dürren, sandigen und kiesigen Feldern. Engl-r. Hcrniker (Hernrci, a. Geogr.>, Volk sabinischen Ursprunges, in Latium, zwischen Len Marsern, Äquern und Volskern in den Apeuninen nördl. vom Fluß Trerns, mit der Hauptstadt Anagnia; sie traten 486 v. Ehr. dem Latinischen Bunde bei u. wurden als Theilnehmer an dem Samnitischeu Kriege 306 v. Chr. von den Römern unterjocht. Hcrnkrctschen, so v. w. Herrnskretschen. Hernösand, 1) Län in Schweden, so v. w. Westernorrland. 2) Hauptstadt in dem schwed. Län Westernorrland, in SAngermanland auf der Insel Hernö, an der Mündung des Ängerman- Elf, schöne Domkirche (1842—46 erbaut), Hasen; 3508 Ew. H. ist von Johann III. angelegt worden. Hero, 1) Priesterin der Aphrodite in Sestos am thrakischen Chersonesos; sie liebte den Leander, welcher am anderen User des Hellespont in Aby- dos wohnte, u. hing eine Leuchte von einem Thurm aus, um dem Geliebten, der allnächtlich über den Hellespont schwamm, um H. zu besuchen, ein Zeichen zu geben. Einst löschte der Sturm die Leuchte aus, Leauder ertrank u. H. stürzte sich ins Meer. Diese Liebe ist im Alterthum von Musäos (nicht dem alten griechischen Dichter, sondern von einem späteren Grammatiker), in einem kleinen Gedicht, TU °//pco xar besungen (die Ausgaben s. u. Musäos) u. von Schiller zu einer Ballade benutzt worden. 2) H., griechischer Mathematiker, s. Heron. — Hcrodcs. 219 Herödes, 1) H. der Große, König der Juden, Sohn des Antipater von edomitischer Abkunft, geb. 73 v. Chr. in Askalon, wurde nach seines Vaters Tode Statthalter von Galiläa, wo er Ruhe und Ordnung im Lande herstellte, aber weil er ohne gerichtliches Urtheil die Räuber u. Tumultuanten hinrichten ließ, vor dem Synedrium verklagt wurde. Vor dem Urtheil verließ er jedoch Jerusalem, ging nach Damascns u. wurde Statthalter von Cöle- syrieu u. Samaria, nach Casars Tode Procurator von Syrien u. wirkte ganz im römischen Interesse, verband sich mit Antonius, vertrieb den Antigonus aus seiner Statthalterschaft Judäa u. wurde zum Tetrarchen u. 40 v. Chr. zum König von Judäa ernannt. Nach der Niederlage des Antonius bei Actium, 31 v. Chr., unterwarf sich H. dem Octa- vian, wurde in seiner Köuigswürde bestätigt und erhielt eine ansehnliche Gebietserweiterung; er regierte von 13 an mit abnehmender Macht und Energie bis 4 v. Chr. (nach Keim), wo er starb. Er war sehr prachtliebend u. baute viel, seit 20 den neuen Tempel zu Jerusalem. Seine maßlose Herrschsucht führte ihn zu rücksichtsloser Grausamkeit, der er auch die nächsten Angehörigen, so Mariamne, Tochter Hyrkans II., aus dem Geschlechts der Makkabäer, im Jahre 29 v. Chr., die Söhne derselben, Alexander und Aristobul, 8 v. Chr., den Sohn Antipater von seiner ersten Gemahlin Doris, kurz vor seinem Tode opferte. Die Geburt Jesu fällt wahrscheinlich kurz vor seinen Tod, also vor diejetzigeZeitrechnung. DieErzählung vomBethle- hemitischeu KindermorL ist ein Nachklang seiner geschichtlich bezeugten Grausamkeiten, u. die damit zusammenhängende Erzählung von den Weisen ans dem Morgenlande eine spätere, schon die Kindheit des Messias verherrlichende Sage. 2) H. Archelaos, ältester Sohn des Vor., s. Archelaos 6). 3) H. Antipas (Antipater), Sohn von H. d. Gr. und der Malthake, Bruder des Archclaos, wurde nach des Vaters Tode Tetrarch von Galiläa und residirte in Sepphoris, später in dem von ihm neu erbauten 'Liberias. H. verstieß seine Gemahlin, die Tochter des Königs der Araber, Are- tas, u. heirathete seine Nichte Herodias, die er seinem Bruder Herodes Boethos (nicht Philippos, wie das Evangelium Marci irrig erzählt) entführte. Der in seinem Lande besonders auftretcn- Len messianischen Bewegung machte er durch die Enthauptung Johannes des Täufers und seine furchtsam argwöhnische Nachstellung gegen Jesus von Nazareth ein Ende. Ein Günstling des Liberias, war er schon unter Claudius von dem Feldherrn Vitellins in seinem Kriege gegen Arctas im Stich gelassen worden. Als Calignla Kaiser wurde, gelang es dem von ihm bevorzugten H. Agrippa l. ihn in solche Ungnade bei dem Kaiser zu bringen, daß er 42 mit seiner Familie nach Lyon verbannt wurde, wo er starb. 4) H. Philippos, Sohn H. d. Gr. von der Jernsalemitin Klcopatra, erhielt nach seines Vaters Tode die Länder Batanäa, Trachonitis u. Auranitis (nicht auch Jturäa, wie Ev. Luc. erzählt). Er baute Cäsarea Philippi an der Stelle des alten Paneas, n. war mit der Tochter der Herodias, Salome (um 10 geb.), verheirathet. St. 33—34, worauf seine Provinzen zu Syrien geschlagen wurden. 220 Herodianer - 5) H. Agrippa I., Enkel H. d. Gr., Söhn des Aristobulos n. der Berenike, lebte in Rom so verschwenderisch, daß er Schulden halber nach Jdumäa entweichen mußte. Nachdem seine Gemahlin bezahlt hatte, kam er nach Rom zurück, wo ihn Liberins ins Gefängniß setzen ließ; H. wußte aber die Gunst des Caligula u. Claudius zu erwerben, von denen er nach u. nach alle Besitzungen seines Großvaters Herodes mit dem Königstitel bekam, n. st. 44 n. Chr.; er ließ den St. Jacobus hin- richlen. 6) H. Agrippa II., Sohn des Vor., letzter König der Juden. Kaiser Claudius nahm ihm sein Reich, gab ihm aber andere Provinzen u. die Aussicht über den Tempel zu Jerusalem. Er erfreute sich auch der Gunst des Kaisers Nero. Während der Empörung der Juden wurde er im römischen Heere vor Gamala verwundet. Mit Titus war er bei der Belagerung von Jerusalem, u. st. im Jahre 100. Mit ihm war das Haus H. d. Gr. ausgestorben. 7) H., mit dem Beinamen Tib. Claud. Atticus, aus Marathon, bedeutender griech. Redner, geb. 104 n. Chr., sichrer der Kaiser Berns u. Marc Aurel, Sophist u. großer Redner, bekleivete mehrere Staatsämter, 141 das Consulat u. st. 180. Seine unermeßlichen Reichthiimer wendete er zur Verschönerung Athens an, besond. zu großartigen Bauwerken, so zierte er Athen mit dem OLeum, welches er seiner Gattin Regilla widmete, n. Rom mit dem Trio- pium, einem Park mit Familieiibegräbniß an der Appijchen Straße. Von seinen Schriften ist nichts übrig als die (ihm fälschlich zugejchriebene) Siede über den Staat, herausgeg. in den Sammlungen griechischer Redner von Aldus 1513, von Gruter 1619, Reiske, im 5. Bd. von Bekkers Oratoros ^.ttioi (Berl. 1826); einzeln von Fiorillo, Leipz. 1801. Vgl. Schillbach über das Odeion des H. Attikos, Jena 1858. Löffler." Herodianer, 1) Fürstendynastie in Palästina; 2) H., welche in Len Evangelien des Matthäus u. Marcus Vorkommen u. mit den Pharisäern Jesu austauertcn, eine politische Partei, welche für den Herodes gestimmt war. Hcrodiänos, 1) Älios H., einer der letzten großen alexanbrinischen Gelehrten. Geb. in Alexandrien, Sohn des Apollonios Dyskolos, kam er in Nom um 160 n. Chr. als Freund des Kaisers Marc Aurel zn hohem Ansehen und schrieb bedeutende grammatische u. prosodische Schriften. Die wichtigste war die ^aAoltrxy Trpoawckr« in mindestens 20 Büchern, welche sich besonders aus der Accentlehre des späteren Grammatikers Arka- dios (Trogt rör-wx) in gewissem Grade sicher resti- tuiren läßt; dazu gehörten dann die Attische, die Homerische u. a. Prosodieen. Ferner schrieb H. Orthographisches, Schriften über die Redetheile, die Flexion, über vereinzelt vorkommenden Wörter u. a. Er war im Wesentlichen scharf beobachten- der Empiriker, während sein Vater die Syntax ii. zwar in systematischer Weise förderte. Seine Schriften sind fast nur in Auszügen und Fragmenten erhalten. In der früh-byzantinischen Zeit wurde H. am eifrigsten studirt u. epitomirt, später hielt man sich an Liese Auszüge. Treffliche Ausgabe von A. Lentz, Lpz. 1867—70, 2 Bd. 2) H., griechischer Geschichtschreiber, wahrscheinlich in — Herodotos. Griechenland geboren um 170 n. Ehr., hielt sich besonders in Rom auf u. st. um 240; er schr.: illyS' zrcra H/ä( ü'armsa), letztere Lehrlinge, welche den Unterricht von den H-en mündlich empfingen. Die H-e trugen einen Wappenrock, auf Brust u. Rücken Wappen u. Insignien des Fürsten gestickt, dein sie dienten, außerdem trugen sie einen Stab. Die Pflichten des H-s wurden von einer eigenen Wissenschaft (H-s-Wissenschaft) umfaßt u. in einer eigenen Zunft oder Gesellschaft der H-e geheim gehalten. Diese H-swissenschaft umfaßte, außer der Heraldik noch das Ceremonienwesen. Mit den: Verfall der Ritterspiele ging nach u. nach der allgemeine Ge- 222 Herold — brauch der H-e verloren, und sie kommen, so wie auch jetzt noch, nur bei ausgezeichneten Gelegenheiten, wie bei Krönungen, Einführung der Gesandten, Reichsversainmlungeu (daher Neichs-H-e), feierlichen Friedensschlüssen rc. vor. Auch haben die meisten Ritterorden in Europa einen Ofsi- cianten, welcher den Titel H. führt u. bei Feierlichkeiten des Ordens in vorgeschriebener Cere- monientracht erscheint, auch außerdem gewöhnlich die Kanzleigeschäfte des Ordens besorgt. Vergl. Heroldsamt. Herold, Ludwig Joseph Ferdinand, geb. 28. Jan. 1721 in Paris von deutschen Eltern, bildete sich unter Adam im Pianofortespiel, dann unter Catel und Mehnl zum Componisten, reiste, nachdem er den großen Staatspreis errungen, auf 3 Jahre nach Italien, wurde 1827 Oberdirigent des Gesanges an der Großen Oper in Paris u. st. daselbst 18. Jan. 1833. Er com- ponirte Vieles für das Piano, setzte viele Opern, Ballette rc. Seinen Nus begründete er nach vielen schmerzlichen Enttäuschungen mir Marie (1826). Noch mehr war dies mit Zampa (1831), u. Der Zweikampf (dessen Erfolg der Compouist nicht mehr erlebte) der Fall, u. haben beide Werke an allen Opernbühneu Europas Aufnahme gefunden. Den begonnen Loudovic vollendete Halevy. Siebenrock. Hcroldsamt (Heroldie), die Behörde, welche den Stammbaum, die Geschlechtsregister u. Wappen des Adels prüft, um Mißbrauch damit zu verhüten, u. vor welcher die Ansprüche ans Lehen, Stistsstellen u. Orden ausgeführt werden müssen. In England bilden noch jetzt die drei Wappenkönige (Liarter Principal für den Hosenbandorden, Llarsneienx für die südlichen Provinzen, llorro^ für den Norden) u. Gefolge, unter Vor- sitz des Obermarkchalls Herzogs von Norfolk, das schon 1340 gestiftete H. (Heralds College) oder PIrs lleralüo ccküos. Heroldsfigure» (Her.), so v. w. Ehrenstllcke. Heroldt, Georg, ausgezeichneter Erzgießer, geb. 1832, st. in Stockholm 28. Juli 1871, war mit Lenz Besitzer der berühmten nach ihnen vordem von Burgschmiet innegehabten Erzgießerei in Nürnberg. Er war seit 1867 in Stockholm, wohin er berufen worden, mit umfassenden Aufträgen beschäftigt gewesen. Heran, 1)H. der Ältere, einer der bedeutendsten Mathematiker u. Mechaniker des Alterlhnms, Nachfolger des Archimedes ans Alexandria, lebte um 215 v. Chr.; er schr.: zry/a- nxat, das vollständigste Werk der Alten über Mechanik; von diesen und einigen anderen seiner Werke sind nur Bruchstücke erhalten; herausgeg. von Hultsch, ll. rvliguius, Berl. 1864. 2) H. der Jüngere, bhzant. Mathematiker, aus Alexandria; gewöhnlich in das 7. Jahrh. gesetzt, lebte aber nicht vor dem 10.; von ihm die Schrift I)s ma- cirinis bsllici.8 Uber, lat. mit Anm. von Barozzi, Veued. 1572, deutsch in Köchly n. Rüstow: Griech. Kriegsschriftsteller, Leipz. 1853, 1. Bd., und Ds- ünitiousg Aoomstricus (herausgeg. von Hasenbalg, Strals. 1826). Buchruckcr.» Herousball, ein zum Theil mit Wasser, zum Theil mit Luft gefülltes Gefäß, in dessen Mündung eine bis gegen Len Boden reichende Spritzröhre lust- Herophilos. dicht eingesetzt ist. Bläst man in die Röhre, so fängt Las Wasser von dem Druck der zusammengedrückten Luft zu springen an ».springt so lange, als dieser Druck größer als der der Atmosphäre ist. Der H. wird angewandt als Theil der Feuerspritze; die im chemischen Laboratorium gebrauchte Spritzslasche ht ein H., der außer der nach unten um- gebogenen Spritzröhre eine unter dem Stöpsel mündende zweite Röhre zum Einblasen von Lust hat; das Wasser spritzt ans der ersten Röhre aus, so lange man in die zweite hineinbläst. Die Spritzflasche wird namentlich zum Auswaschen (Ausjllßen) von Niederschlägen auf den Filter gebraucht. Nach demselben Princip sind die Bierpumpeneingerichtet, bei welchen comprimirte Luft aus einem eisernen Behälter in das Faß gepreßt wird, so daß das Bier durch eine zweite bis zum Boden des Fasses reichende Röhre, die in der ersten steckt, Lurch den Druck der zusammengedrückten Luft in die Höhe nach dem Krahn getrieben wird. Heron 1) beschrieb diese Vorricht, ung zuerst. Wimmenauer Ll. Heronsvrunnen, von Heron 1) erfunden, ist eine aus zwei übereinander stehenden, luftdicht verschlossenen Gefäßen zusammengesetzte Vorkehrung zu einem Springbrunnen. Das obere hat an seiner oberen äußeren Seite eine in Form einer Schüssel vertiefte Oberfläche u. kann durch eine lustdicht verschließbare Öffnung mit Wasser gefüllt werden. Dies obere Gefäß ist mit einem Springrohr versehen, welches mit seiner unteren Öffnung bis nahe an den Boden, mit seiner oberen (engeren) aber über das Gefäß hiuausreicht. Ein zweites Rohr reicht von der Fläche der Schüssel aus durch Las obere Gesäß, in das sie luftdicht eingesetzt ist, hindurch in das untere Gefäß, bis nahe zu dessen Boden hinab. Ein drittes Rohr geht von der oberen Fläche des unteren Gefäßes aus nach dem oberen, tritt in Las Innere desselben ein und mündet hier oberhalb des Wasserspiegels. Wird nun das obere Gefäß mit Wasser angefüllt, und das Loch, durch welches dies geschah, verstopft, dann Wasser in die Schüssel gegossen, so läuft dieses in Las untere Gefäß u. drängt die Lust durch das zweite Verbindungsrohr in das obere; der Druck dieser Lust bringt das Wasser hier zum Springen; dieses fließt in die Schüssel ab u. ersetzt das früher daraus abgeflossene Wasser. Das Wasser springt so lange fort, als Las obere Gesäß noch Wasser enthält. Mmmemmer Ll. Heröon (gr. Ant.), 1) einem Heros gewidmeter Tempel; 2) Fest, einem Heros gefeiert; I) Grabmal eines Heros, gewöhnlich mit Altären und Hain. Hcroopölis (Heroonpolis, a. Geogr.), Stadt in Niederägypten am Trajanskanal, der in den nach ihr benannten Heroopolit attischen Busen des Rotheu Meeres mündete; durch denselben soll nach der gewöhnlichen Annahme der Zug der Israeliten bei ihrer Flucht aus Ägypten gegangen sein. Durch ihre Lage war sie der Stapelplatz für de» indischen Handel und blühend, so lauge der Trajans- und Königliche Kanal nicht unter dem Flugsands vergraben waren. Jetzt heißt der Platz, wo sie stand, Abukeschid, mit merkwürdigen Ruinen. ! Hcrophtlos, aus Chalkedon, Arzt und nach 223 Heros — Galen berühmtester Anatom des Alterthums, lebte! zur Zeit Alexanders d. Gr., oder genauer von 335—280 v. Chr., war ein Schüler des Praxa- goras, vielleicht auch des Aristoteles, wurde des. beeinflußtvonPhilotimos, Endemos u. Erasistratos, begründet einen eigenen Zeitabschnitt in der Geschichte der Medicin, lehrte den menschlichen Körper unter allen Griechen am genauesten kennen, stellte die ineisten ärztlichen Disciplinen fast vollständig encyklvpädisch dar u. wurde Stifter der Herophile- ischen wie der Empiristischen Schule, die sein Schüler Philinos von Kos weiter ausbildete. Er legte vor Allem aus die Selbstanschauung (Autopsie) den vollen Nachdruck u. schuf somit die Methodik des Studiums der Medicin um. Von Einzelheiten sei erwähnt, daß er zuerst die Nerven für die Werkzeuge der Empfindung ausgab, daß seiner Beschreibung des Gehirns später fast nichts mehr hinzu zu setzen war (der größte unpaare Blutleiter des Gehirns führt heute noch seinen Namen, sporLuInr Lsropllili), daß er die Netzhaut des Auges genau kannte u. auch die Milchgefäße mit ihren Drüsen im Gekröse aufgefunden hatte, eine später wieder verloren gegangene, u. erst 1622 von C. Aselli neu gemachte Entdeckung; die Gs- fchlechtstheile hat er eingehend u. gut untersucht. Er erläuterte ferner die wichtigsten Lehren der Physiologie, ließ Gesundheit u. Krankheit auf dem Zustande der Säfte beruhen, unterschied genau zwischen Voranserkenntniß u.Voraussagedes Krank- hsitsausganges, lehrte Diätetik, führte zuerst die Pulslehre in die Semiotik ein, suchte Ordnung in die Llat. wsciloa zu bringen durch Classification der Mittel, sündigte freilich auch mannigfach, besonders durch die Darreichung großer Dosen drastischer Mittel, erwarb sich große Verdienste um die Geschwürslehre durch methodische Behandlung der Geschwüre u. ist auch in der Geburtshilfe nicht unbewandert; er bespricht gut die Kindsbewegungen u. die Milchabsonderung, das Verhalten des Muttermundes u. die Frage wegen Tödtung der Frucht. Er schr. außer einem Commentar über des Hippo- krates Prognostikon noch eine Erklärung der bei diesem vorkommenden dunkeln Ausdrücke u. eine Auslegung der Aphorismen desselben. Diese Werke sind nebst dem Lehrbuche der Anatomie leider nur noch in Bruchstücken vorhanden; nur der Commentar über die Aphorismenistuocherhalten. Thamhayn. Heros (Held). Den Griechen waren Heroen Wesen, die zwar ganz wie Menschen geartet, aber durch ihre Talente weit über das gewöhnliche Maß der menschlichen Natur hinausreichend, Jdeal- menschen sind, die selbst von den Göttern ab- stammen (daher Diogeneis genannt). Der Heroendienst erklärt sich aus dem Bestreben, die Götter den Menschen zu nähern, sie letzteren ähnlich zu gestalten, daher die Heroen zugleich die mythischen Eigenschaften der Götter beibehalten und gleich diesen verehrt werden, zugleich aber auch Schick- sale wie die der Menschen erleiden, kämpfen und sterben. Sie sind zugleich Nationalhelden, die Könige, Gesetzgeber, Begründer u. Ordner des Staates, Vorkämpfer in der Schlacht, Anführer bei Abenteuern, Stifter aller königlichen u. edlen Geschlechter. Bei Homer unterscheiden sich die Heroen von den Menschen nur dadurch, daß sie Herrenberg. stärker, mnthiger, schöner als diese und mit den Göttern verkehren. Im Gegensatz zu den Heroen stehen die gewöhnlichen Menschen, die Männer des Volks, die unmittelbar aus den Händen der Natur hervorgegangen sind. In das Elysion, auf die Inseln der Seligen, sind Rhadamanthys und Menelaos ohne Tod versetzt worden; auch andere Heroen finden dort nach dem Tode ihre Wohnsitze. Hesiod, für den die Zeit der Heroen schon verschwunden ist, denkt sich diese als ein inmitten der Götter stehendes Geschlecht, als Halbgötter. Durch Krieg u. Noch ist es aufgerieben worden u. lebt jetzt geschieden von den anderen Menschen in dem Elysion, wo Kronos der Herrscher ist. So entstand der Heroencnlt, der nothweudig ein Todten- dienst werden mußte. Ihr Cult schloß sich des. an ihre Gräber (Heroa) an; doch baute man ihnen auch an anderen Orten Altäre, Kapellen u. Tempel. Man opferte ihnen Honig, Wein, Wasser, Ül, Milch; beim Opfern wendete man sich mir dem Gesicht nach Abend, der Gegend der Unterwelt, und groß die Spende in eine westlich vom Grabe des H. gemachte Grube. Wenn Thiere geopfert wurden, ließ man das Blut in die Grube fließen u. verbrannte das Fleisch. Allmählich aber wurde jede Einrichtung auf einen H. zurückgeführc, u. so galten Heroen als Stifter der Innungen, selbst als Gründer von Dörfern. Endlich begann sich in den späteren Zeiten die Heroeuverehrung so weit auszudehnen, daß man fast alle bedeutende Verstorbene als Heroen achtete, indem man in jeder menschlichen Seele etwas Dämonisches oder Göttliches sah. Vergl. Griechische Mythologie, S, 490. Henne-Am Rhyn.* Herosträtos, aus Ephesos; zündete, um seinen Namen berühmt zu machen, 356 v. Chr. den Tempel zu Ephesos an n. wurde Leßhalb martervoll getödtet. Trotz dem Verbote, seinen Namen je zu nennen, hat ihn Theopompos in seiner Geschichte überliefert. Herotheismus (gr.), Vergötterung der Heroen od. Verehrung derselben als Götter. Herpes (v. Gr., Med.), so v. w. Flechte. Herr, derjenige, welcher Macht n. Gewalt über eine Person oder eine Sache hat, dann so v. w. Dynast, u. in der officiellen Sprache im 14. und 15. Jahrh. Jeder von niederem Adel; später auch bürgerlicher Rittergutsbesitzer (Erb-, Lehn- u. Gerichtsherr) u. Doctoren; noch später alle Stndirte, Angestellte u. Kaufleute, u. jetzt Anrede überhaupt an jeden anständigen Menschen. Herravura, 1) Vorgebirge u. Hafen an der Westküste von Costa-Rica in Mittelamerika. 2) Vortrefflicher Hafen in den chilen. Prov. Coqnünbo; hier die großartigen Kupferschmelzen von Guayacan. Herred. Gerichtsbezirk (Vogtei) in Dänemark. Herrenüank, sonst die Bank der Ritterschaft auf den Landtagen und nach Einführung der gelehrten Gerichtsbeisitzer deren Bank, der gelehrten Bank gegenüber die Bank derjenigen Gerichtsbeisitzer, welche nur aus dem Adel genommen waren. Endlich bezeichnet? inan auch die Grafenbank der ehemaligen Reichstage mit H. Htrrenberg, Stadr u. Oberamtssitz in dem 237,^ flskm (4,gi IHM) mit (1875) 22,554 Ew. umsassenden, gleichnam. Oberamte des wnrrtem- 224 Herrenbreitungen — Herrick. belgischen Schwarzwaldkreises; schöne Stiftskirche (zu einem ehemaligen Chorherrnstifte gehörig), Ruinen eines alten 'Bergschlosses; Tuchsabrikation u. sonstige Textilmannfacturen, Werksteinbrüche; 1875: 2263 Ew. H., das 1278 schon Stadt war, gehörte früher den Pfalzgrafen von Tübingen. 1382 wurde Stadt u. Amt an Württemberg verkauft. 1733 erlitt der Ort durch starke Erdrisse viele Beschädigungen. H- Berns. Herrenbreitungen, Marktflecken (Dorf) im Kreis Schmalkalden des preuß. Regbez. Kassel, an der Mündung der Trnse in die Werra; Schloß (bis 1553 ein bedeutendes Benedictinerkloster); 300 Ew. Gegenüber das meiningische Schloß Königs- od. Frauenbreitnngen. Herrendienst, 1) Dienst bei einer vornehmen Herrschaft; 3) so v. w. Frondienst. Herrcnfall, Thronfall, Aendernng der herrschenden Hand, bezeichnet im Lehnsrecht den Wechsel in der Person des Lehnsherrn, im Gegensatz zum Lehnsfall, dem Wechsel in der Person des Belehnten, der dienenden Hand. Herrenhaus, bei Rittergütern das Wohnhaus des Besitzers; politisch die osficielle Bezeichnung der Ersten Kammer des Preußischen Landtages u. der Ersten Kammer des Österr. Reichsrathes. Herrenhausen, Dorf mit Lustschloß u. Park bei Hannover (s. d. 3). Hier 3. September 1725 Allianz-Tractat zwischen Georg I. von England und Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Herrenlose Sache», so v. w. Adespota. Herrenpilz, 1) I'olz'porus snbsgnawosus; 8) Mariens eawxestris, s. Blätterschwamm; 3) so v. w. Kaiserling; 4) Lolstus eäulls. Herrenstand, die Ritterschast eines Landes. Herrenwörth, Insel, s. u. Chiem-See. Herrera, 1) Juan, Baumeister, geb. 1530 zu Morellar in Asturien; stndirte Humaniora und Philosophie in Valladolid u. reiste im Gesolge des Prinzen Don Felipe nach Brüssel, widmete sich dann der Architektur u. Mathematik, wurde 1563 der Gehilfe von Juan de Toledo u. nach dessen Tode sein Nachfolger, bes. beim Bau des Escorial und starb 1597. Unter seinen vielen Schülern hat es besonders Francisco de Mora zu Bedeutung gebracht. 3) Hernando de H., klassischer spanischer Dichter u. Historiker, geb. um 1534 in Sevilla; wegen seines vorzüglichen Talentes Oivino genannt; war Geistlicher u. schrieb Gedichte, meist erotischen Inhalts, gesammelt nach seinem Tode als Obras en verso, Sevilla 1582 und 1619; Relaeiou äs In Auerra äs Ostiprs etc., Sevilla 1572; Viäa ^ wusrts äs Iowas Lloro, Sevilla 1592. Er st. 1597. 3) Antonio de H. Tor- desillaS, span. Geschichtschreiber, geb. 1559 in Cuellar bei Segovia; wurde, in Italien gebildet, Secretär des Vicekönigs von Neapel, Gonzaga, dann Historiograph von Indien u. Castilien unter Philipp II. u. st. zu Madrid 29. März 1625 als Staatssekretär; er schrieb: List, gousral äs los stsestos äs los OastsIIanos en las islas ^ tüsrra Lrws äol war Oosano, 1492—1552, Madrid 1601—15, 4 Bde., Fol., u. ö.; Oowsntarios äs los lrselros äs los üspanoles, Pransssss ^ Vsnooianos sn Italla 1285—1559, Madr. 1624, Fol.; Ulstoria Asnsral äol wunäo äsl tiswpo äsl ssöor v. I'sllps II. 1584—1598, ebd. 1601, 3 Bde., Fol.u. m. a. 4) Francesco de H., genannt el Viejo (der Alte), berühmter spanischer Historienmaler, geb. 1576 in Sevilla, gest. 1656 inMadrid; Gründer der neueren realistischenSchule; Hauptwerke in den Kirchen von Sevilla, so namentlich sein Hauptwerk, das Jüngste Gericht in San Sebastiano. Im Louvre: Die Juden beim Wachtelfang in der Wüste. Er malte auch Scenen des gemeinen Lebens u. trieb die Baukunst praktisch: von ihm die Faxade des Klosters de la Merced in Sevilla. 5) Sebastiano H., Sohn u. Schüler des Vor., geb. 1619 bei Madrid; Maler, Bildhauer u. Baumeister; wurde Aufseher der Kunstwerke sämmtlicher Paläste u. st. 1671. 6) Francisco, genannt el Mozo (der Junge), Sohn von H. 4), geb. 1622 in Sevilla; Frescomaler und Architekt, st. 1685 als Intendant der königlichen Gebäude. Von ihm stammt der Plan der Kathedrale zu Zaragoza. Er malte namentlich auch Fische trefflich u. hieß deshalb in Italien il Spag- nuolo degli pesci. Hauptwerke: Himmelfahrt in der Kapelle der hl. Maria de Atocha in Madrid u. mehrere Bilder im Dom zu Sevilla. 1 > Lehseldt. L> S) Booch-Arkossy. 4i—o> Regnet. Herrero (Herero), Volk an der südwestlichen Küste von Afrika, s. Ovaherrerö. Ihre zu der westlichen Gruppe der Bantu-Sprachen (s. d.) gerechnete Sprache ist bearbeitet nach den Materialien von Halz von Steinthal, Berl. 1857. Herreros, Manuel Breton de los, s.Breton 2). Herrgott, Marquard, eigenst. Joh. Jakob, Benediktiner; geb. 1694 zu Freiburg im Breisgau; st. 1762 als kaiserlicher Rath und Historiograph in Wien; er schr.: üsnsaäuKia älplownt. auAustas Zeutis HabsburA, Wien 1737 f., 2 Bde., Fol.; Llouuwonta. nnZustas äowus nustriaoae, ebd. 1750, 3 Bde., Fol. (ein 4. Band von dem Abt Gerbert); Nuwotstsoa. prinsipuw ^.ustrlss, Freib. 1752 f., Fol.; kwaootbeea. xrinoixnw änstiias, Wien 1760, Fol. Herrich-Schäffcr, Gottlieb August, bedeutender Entomolog, geb. 18. Dec. Il^O zu Regens- burg; stndirte in Würzburg, Heidelberg, Landshut und Berlin Medicin, war anfangs Arzt an verschiedenen Orten, dann in Regensburg und trieb mit Vorliebe nebenher namentlich Schmetterlingskunde; so erschien in 6 Bdn. seine Systematische Bearbeitung der Schmetterlinge von Europa, Re- gensb. 1843 — 55. Seine Detailarbeiten sind sehr zahlreich. Er gab einen Nowsnslntor Lntowo- IsZious, eine ^Asnäa LutowoloAiea, ein systemat. Verzeichniß der europ. Schmetterlinge mit Einschluß der Sibirier u. Kleinasiaten heraus, schrieb über Schmetterlinge von Cuba, über die geographische Verbreitung der Schmetterlinge, mit Hahn Die wanzenartigen Jnsecten, 9 Bde., Nürnb. 1831 bis 1853; Neue Schmetterlinge aus Europa, 3 Hfte., Regensb. 1856 — 61; kroärow. sxst. Iisxiäoxt., 3 Thle., ebd. 1864—68 ; setzte auch Panzers Werk: Deutschlands Jnsecten, fort. Er starb zu Regensburg 14. April 1874. r. Herrick, Robert, geb. 1591 in London; kam in der Revolution unter Karl I. um; er schrieb Gedichte, als: Hespeiiäss or Mrs ivorüs botst 225 - Herrieden - 1 ^ buwsns auä äivivs, Lond. 1648; dabei sein Noble ^ numbers; Auswahl von Nolt, Bristol 1810. Herricdcn, Stadt im Bez.-Amt Feuchtwangen i des bayer. Regbez. Mittelfranken, an der Altmühl- ehemaliges Collegialstift; Wachsbleiche, Gipsbrnch, l Hopfcnbau, Viehzucht; 1875: 991 Ew. H. gehörte früher zu Eichstädt, ward 1633 von den Schweden zerstört. Hcrrinfl, John F., engl. Thiermaler, geb. 1795 in der Nähe Londons, st. 23. Seht. 1865 auf seinem Landgute Meopham-Park bei London. Früher Lohnkutscher in Donkaster, wendete er sich ^ später ganz der Kunst zu, die er vordem als Dilettant betrieben und lebte seit 1835 in London. Die Herzogin von Kent hatte ihn zu ihrem Hofmaler ernannt, im übrigen ist er so recht als der ^ Maler des engl. Sport zu betrachten. Regnet. Herrliche Gerichte, Patrimonialgerichte solcher Rittergüter, deren Besitzer ein Bürgerlicher ist. Herrlichkeit, 1) so v. w. Herrschaft, besonders ^ Standcsherrschaft; 2) als Titel ist es die Anrede an Vornehme, vorzüglich an höhere Geistliche, die englischen Lords rc.; 3) so v. w. Regale, z. B. forstliche H., d. i. Forstregale; 4) H. Gottes ^ (Llagestg.8 s. 6ioria Lei interna), der Inbegriff ' aller Vollkommenheiten Gottes, sofern sich dieselben in der Welt u. im Menschen verklären. Herrmann, 1) Ernst Adolf, bedeutender Historiker, geb. 25. März 1812 zu Dorpat; stubirte daselbst Geschichte u. Philologie u. dann in Berlin unter Ranke bes. moderne Geschichte. Nach j seiner Promotion 1837 lebte er eine Zeit lang in seiner Vaterstadt, zog aber dann nach Dresden 1839 u. übernahm hier 1842 die Fortsetzung der russischen Geschichte von Strahl für das Heeren- Uckertsche Geschichtswerk. 1847 habilitirte sich H. > in Jena, wurde 1848 außerordentlicher Professor daselbst u., nachdem er 1849—51 die Wcimarsche Staatszeitung redigirt, 1857 ordentl. Professor der Geschichte an der Universität Marburg u. gründete hier das historische Seminar. H. veröffentlichte: Beiträge zur Geschichte des russischen Reiches, Lpz. 1843; oben genannte Fortsetzung der russischen ! Geschichte für die Heeren-Uckertsche Sammlung, Bd. 3—6, Gotha 1846—1860, Ergänzungsband, 1866 ; Dis österr.-preußischc Allianz vom 7. Febr. 1792 u. die zweite Thcilung Polens, Gotha 1861, > welche Schrift zu einer heftigen Polemik mit H. v. Sybel führte; Vockerordts Denkschrift über Rußland unter Peter d. Gr., 1872, u. Diplomat. Beiträge zur russ. Geschichte, Petersb. 1868—75. 2 ) ! Emil, Präsident des preuß. Obcrkircheurathes, geb. 9. April 1812 zu Dresden; studirte in Leipzig die Rechte, habilitirte sich daselbst 1834, ging 1836 als außerordentlicher Professor für Criminal- und Kirchcnrccht nach Kiel, dann, seit 1842 ordentlicher Professor, in gleicher Eigenschaft 1847 nach Göttingen u. 1868 nach Heidelberg. Bon hier wurde er 1872 an die Spitze des evangel. Oberkirchenraths nach Berlin berufen, um die evangelische s Kirchenresorm in Preußen durchzuführen. H. schr. > u. a.: Johann Freiherr zu Schwarzenberg, Lpz. 1841; Uber die Stellung der Religiousgemein-, schäften im Staat, Gött. 1849 ; Zur Beurtheilung des Entwurfs der bad. Kirchenversassung, ebd. 1861; Über den Entwurf einer Kirchenordnung der sächs. Picrers Universal-Conversations-Lexikon. 6. Aust. X. - Horsbruck. Landeskirche, Beil. 1861; Die nothwendigen Grundlagen einer die consistoriale u. synodale Ordnung vereinigenden Kirchenversassung, ebd. 1862; Das staatliche Veto bei Bischofswahlen nach dem Rechte der oberrheinischen Kirchenprovinz, Heidelb. 1869; Grundriß zu Vorlesungen über das deutsche Strafrecht, ebd. 1871. Für den 6orpns ll. kl. der Gebrüder Kriege!, Lpz. 1833—40, bearbeitete H. den Justinianischen Codex, u. schr. sonst Abhandlungen für Fachzeitschriften rc. Lagai. Herrnhut, Marktflecken in der Amtshauptmannschaft Löbau der königl. sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen; Station der (Löbau-Zittauer) Sachs. Staatseisenbahn; ein regelmäßig gebauter, reinlicher Ort, merkwürdig als Stammort der 1722 dort begründeten Evangelischen Brüdergemeinde, deren Mitglieder darnach Herrnhuter genannt werden (s. Brüdergemeinde); Erziehungsanstalt u. 4 Chorhäuser (d. i. Wohn- u. Arbeitsgebäude für Wittwer, Wittwen, Jünglinge u. Jungfrauen mit je gemeinschaftlichem Schlaf-, Arbeits- u. Betsaal) der Brüdergemeinde; Fabriken in Leinwand, bes. mit bunten Streifen od. Gattern (H-er Leinwand), in buntem od. marmorirtem Papier (H-er Papier), Lichtern, Eisen rc., Kunsttischlerei; 1875:1128 Ew., meist Herrnhuter. H. wurde 1722 von mehreren, unter Anführung des Zimmermeisters David aus Mähren eingewanderten Familien Mährischer und Böhmischer Brüder erbaut, u. der beginnende Ort wurde H. genannt zur Erinnerung, daß sie in der Obhut des höchstenHerrn derWelt ständen. H. Berns. Herrnschmid, Johann Daniel, einer der besten pietistischen Liederdichter, geb. 1675 zu Bop- fingen in Württemberg; wurde, seit 1702 Helfer ini Predigeramte, 1712 Consistorialrath in Idstein u. kam 1715 als Professor der Theologie und Sub- Lirector des Waisenhauses u. Pädagogiums nach Halle, wo er 1723 starb. Von ihm sind die Lieder : Lobe den Herrn, o meine Seele; Gott wills machen, daß die Sachen rc. Hcrrnskrctschen(Hernkretschen,Hernskretschen, Hernijchkretschen), Dorf im böhm. Bezirk Letschen (Österreich), dicht an der sächs. Grenze, in einem von hohen Sandsteinfelsen eingeschlossenen Thale an der Elbe und Kamnitz; Orseillefabrik, Sägemühlen, Holzflößerei, Holzhandel, Schifffahrt; 760 Ew. In der Nähe der Prebischgrund mit dem das Prebischthor genannten merkwürdigen Felsenbogen. Bei H. beginnt die Sächsisch-Böhmische Schweiz. Herrnstadt, Stadt im Kreise Guhrau des preuß. Regbez. Breslau, an der Bartsch; Schloß, Damastweberei , Branntweinbrennerei, Ziegelbrennerei, Dampfsägewerk, Garnison; 1875: 2140 Ew. Am 23. Oct. 1759 Bombardement der Stadt durch die Russen. Herrschende Zeichen (8i§na imporautiu, Astrol.), die sechs nördl. Zeichen: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe u. Jungfrau. Herry, Gemeinde im sranz. Dep. Cher, Arr. Saucerre; 2653 Ew. (im Orte nur 677). Hersüruck, Stadt u. Hauptort in dem 425,08 sH>cw (7,72 ÜM) mit (1875) 34,510 Ew. in den beiden Landger.-Bez. H. u. Lauf umfassenden, gleichnam. Bez.-Amt des bayer. Regbez. Mittelfranken, an der Pegnitz; Station der Bayerischen 8a»d. ig 226 Hersch — Herschels Teleskop. Staatsbahnen; Lateinische Schale, schönes Schloß, Eisenerzgrube, Steinbruch, Gerberei, Bierbrauerei, starker Hopfenbau; 1875: 3556 Einw. H-, das 1353 zuerst als Stadt genannt wird, gehörte früher zu Nürnberg. Vgl. Ulmer, Chronik der Stadt H., Nürnb. 1872. Hersch, Hermann, dramatischer Dichter, geb. 1821 zu Jüchen in Rheinpreußen. Armer jüdischer Eltern Kind, konnte er zunächst seinen Wissensdrang nicht befriedigen u. mußte Kaufmann werden. Erst 7 Jahre später ermöglichten ihm wohlwollende Glaubensgenossen den Besuch der Bonner Universitär. Stach einem Aufenthalt in Berlin wandte er sich nach München, wo Dingelstedt 1854 sein Erstlingswerk, das einactigc Drama Alfonzo Guzman der Getreue, zur Aufführung brachte. Nach Berlin zurückgekehrt, st. H. daselbst 27. Juli 1870. H. hat mehrere Gedichtsammlungen veröffentlicht; von seinen dramatischen Werken hat sich eigentlich nur das volksthümliche Schauspiel Die Anna-Liese, Franks. 1867 , 2. Aufl., einen dauernden Platz auf dem Repertoir gesichert. Kürschner. Herschel, 1) Friedrich Wilhelm, berühmter Astronom, geb. 15. Nov. 1738 in Hannover; wurde im 14. Jahre Regimentshautboist, ging 1757 mit dem Regimente nach London, wurde Mnsiklehrer in Leeds, Organist in Halifax u. 1766 in Bath. Innere Neigung führte ihn indessen zur Astronomie, u. da ihm die Mittel fehlten, sich ein Fernrohr zu kaufen, baute er sich selbst einen fünffüßigen Nesractor, durch den er den Ring des Saturn u. die Trabanten des Jupiter beobachten konnte. Von nun an fertigte er noch zahlreiche Spiegelteleskope von ungewöhnlicher Größe, mittels deren er Entdeckung auf Entdeckung machte. U. a. fand er zuerst 1781 den Planeten Uranus. Wegen dieser Entdeckung ernannte ihn Georg III. zum königlichen Astronomen u. schenkte ihm das Landgut Slough bei Windsor. Hier beobachtete er bes. die Nebelflecke u. Doppelsterne, entdeckte von 1787—94 sechs Monde des Uranus, sowie vermittelst seines 1785 von ihm selbst erbauten Müßigen Riesen- teleskopes die Rotationszeit des Saturn u. fand, daß dieser Planet sich um eine Axe dreht, die senkrecht auf seiner Bahn steht. Ebenso entdeckte er die Rotationszeit des Saturnringes und machte an den von Piazzi, Olbers u. Harding gefundenen vier Planetoiden neue Beobachtungen. Seine Theorie von dem physikalischen Zustande der Sonne ist Lurch die neueren Forschungen widerlegt. Dagegen hat er sich durch die Entdeckung der Doppelsterne u. seine Theorie der Fixsternsysteme unvergängliche Verdienste erworben. Als Physiker fand er, daß die vom Prisma gebrochenen Farbenstrahlen auch verschiedene Wärmegrade haben u. daß die rochen Strahlen die wärmsten sind. H. ft. 25. August 1822 auf seinem Landsitze Slough. Seine Beobachtungen sind größtentheils in den ikllil. Maus. niedergelegt; doch hat man folgende deutsche Übersetzungen: Drei Abhandlungen über den Bau des Himmels, Königsberg 1791, 2. Aufl., Dresden 1826; Beschreibung des Müßigen refiectirenden Teleskops, Leipzig 1799, von Geisler übersetzt; Untersuchungen über die Natur der Sonnenstrahlen, Halle 1801, von Harding. Vgl. Wolf, W. H., Zür. 1867. 2) Karoline, Schwester des Vor., geb. 16. März 1750; unterstützte ihren Bruder bei seinen Beobachtungen (sie entdeckte 1791 selbst fünf Kometen) und Nieder- schreiben derselben, lebte nach dem Tode desselben bei dem Prediger Luthner in Hannover, st. das. 10. Jan. 1848 u. schrieb: Oataloxuo ok sbars, 1798. Vgl. Nsmoir anst oorrsspouäonos ok 6a- rolins 2. (1750—1848), Lond. 1875, deutsch Berl. 1876. Auch H-s 1) Bruder, ein geschickter Mechaniker, war ihm bes. im Bau der Instrumente behilflich. 3) Sir John Frederik William, Baronet, verdienter Astronom, gewöhnlich der jüngere H. genannt, Sohn von H. 1), geb. 7. März 1792 zu Slough bei Windsor; studirte in Cambridge, wurde dort Lehrer der Mathematik; revidirte zuerst La- croix' Abhandlung vom Calcul, widmete sich aber spater mehr der Astronomie u. den Naturwissenschaften, beschäftigte sich mit South seit 1816 besonders mit den Doppelsternen u. zeigte 1823 der könig- lichen Societät in London 380 neue an (Obssr- vatious ok tsts apparoub äisbauoos auck posi- bions ok tstros Imnärost unst stoudls aast tripls sturs, London 1825). 1827 folgte ein neuer Katalog von 295 u. 1828 von 324 solcher Sterne. Seit 1830 theilte er wichtige Messungen von 1236 u. später von noch mehr Gestirnen mit. Er machte auch mehrere neue Beobachtungen über Galvanismus, die Fortpflanzung des Schalls und über die Bewegungen der flüssigen Leiter. 1834 ging er nach dem Cap, um dort den südl. Himmel zu stndiren u. blieb bis Mai 1838 daselbst. Die Königin Victoria ernannte ihn bei ihrer Krönungsfeier (Juni 1838) zum Baronet; 1850 wurde er Director des königlichen Münzwesens (Nüster ok tbs Nint). H. st. 12. Mai 1871 in London. Er schr.: Ou tim tstoor^ ok liebst, Lond. 1828 (deutsch von Schmidt, Stuttg. 1831): Drsutiss ou sonnst (in der LuozwI. Nstrox.), Lond. 1830; prsli- minur^ äisoonrss on tsts stnä/ ok natural plu- losoxli^, Lond. 1831 (deutsch von Weinlig: Einleitung in das Studium der Naturwissenschaft, Lpz. 1836) ; ^ treatiso ou astronomz-, ebd. 1833 (deutsch von Michaelis, Populäre Astronomie, Lpz. 1837) ; Nsmoir ok Brands Lail^, London 1845; Rssnlts ok astrouoinioal observations maäs at tlro Oaxs ok lloost Hops, Lond. 1847; Ontlinss ok astronom^. Lond. 1849, 10. Aufl. 1871; Na- nual ok soiontiüo ongnirzg ebd. 1849. Während seines Aufenthaltes am Cap erschien zuerst in einem amerikanischen Journal eine satirisch-witzige Abhandlung über die angeblichen Entdeckungen H-s im Monde, worin von Menschen mit Fledermausflügeln, von amethystenen Felsen u. dgl. die Rede war. Diese Abhandlung ging in englische, französische und deutsche Blätter über und fand viel Gläubige, so daß sie völlig von Astronomen widerlegt werden mußte, um das Publicum zu enttäuschen. Besonders gedruckt wurde diese Abhandlung als: Neueste Berichte vom Cap der guten Hoffnung über Sir I. H-s merkwürdige Entdeckungen, Hamb. 1836. Specht.' Herschels Teleskop, Sternbild zwischen den Zwillingen und dem Luchs, ostwärts beim Fuhrmann, aus kleinen Sternen zusammengesetzt; von Bode zum Andenken des Herschelschen Spiegel- 227 Herse — releskopS u. der Entdeckung des Uranus zuerst in seine Himmelskarte ausgenommen, nachdem der Abt Hell das Große u. Kleine Herschelsche Teleskop zu neuen Sternbildern in Antrag gebracht hatte. Herse, Tochter des Kekrops; wurde als Thau- göttin verehrt u. ihr das Fest der Arrhephorien gefeiert; sie wurde von Hermes Mutter des alleren Äephalos. Hersek, türkischer Name für Herzegowina. Hersent, Louis, franz. Historienmaler, geb. zu Paris 10. März 1777, st. ebd. 2.Oct. 1860; war ein Schüler Regnaults. Werke: Achill übergibt Briseis den Abgesandten des Agamemnon (1804); Daphnis und Chloe; Ludwig XVl. theilt Unterstützung unter das Volk aus (1817, im Versailler Museum); Übergang über die Brücke zu Landshut (1810, ebd.); Abdankung Gustav Wasas (früher Eigenthum des Herzogs vonOrleans, 1848 zerstört); Ruth u. Boas; Die Mönche des St. Gotthardt, welches ihm 1822 die Ausnahme ins Institut eintrug. H. leistete auch im Porträt Tüchtiges; dahin gehören namentlich die Porträts von Casimir Perier u. Delphine Gap. Nach ihm stachen Tar- dieu, V. Adam, Heuriquel-Dupont rc. R-gnet. Hersfeld, 1) (Herdfesfeld) ehemalige reichsunmittelbare Benedictinerabtei und nachheriges Fürstenthum; 551 H>km (10,g HsM). Die Bc- nedictinerabtei wurde schon 736 von Winfried gestiftet, aber erst von seinem Schüler Lullus 769 durch erlangte Dotationen zu Stande gebracht u. dem Schutze Karls d. Gr. übergeben. Lullus (später Erzbischof von Mainz) war auch erster Abt bis 785. Den Dom baute der vierte Abt Bruno 831. Unter dem Abt Hagano (936—59) erhielt die Abtei das Münzregal; Gozbert (970 bis 985) gründete die ehemals sehr berühmte Bibliothek. Unter Meginher (1036 — 59) brannte der alte Dom ab; au Stelle desselben wurde die Stiftskirche erbaut, welche erst 1144 unter dem Abt Heinrich I. vollendet wurde. Das Hochstift, Las unter den fränkischen Kaisern so herabgekommen war, daß der Abt Hartwig (1072—88) Bettelbriefe auSschickeu mußte, gelaugte unter den Hohenstaufen wieder zu hoher Blüthe. Unter Sig- fried (1180—1200) wurde 1190 dem Landgrafen von Thüringen die Schirmvogtei über das Hochstift entzogen u. nur noch die Advocatie gelassen. Seit dem 13. Jahrh. minderte sich die Macht des Sliftes wieder. Ein Versuch des Abtes von Fulda (1513 — 15), das Stift H. mit dem seinigen zu vereinigen, brachte die Stiftsbibliothek um die werthvollsten Handschriften, und seit 1548 mußte der Abt von H. dem von Fulda den Vorrang lassen, nachdem schon 1526 das Stift dem Landgrafen Philipp von Hessen hatte huldigen müssen. Nach dem Tode des letzten Abtes Joachim (1592 bis 1606) wurden die Söhne des Landgrafen Ludwig Moritz von Hessen Administratoren des Stiftes, das nach einem vergeblichen Versuche zur Restitution von Seiten des letzten katholischen Domherrn im Westfälischen Frieden 1648 förmlich fäcularisirt wurde und definitiv au Hessen fiel. 1651 wurde dem Lande der Titel eines Fürstenthums verliehen. Bon 1807—14 bildete H. einen District des westfälischen Departements Werra. - Herstal. 1815 wurde es nach Abtretung des Amtes Frauensee an Weimar eine hessische Provinz, später ein Kreis der Prov. Fulda und kam 1866 mit dem Kurfürstenthum Hessen an Preußen. 2 ) Kreis im preuß. Regbez. Kassel; der ganz gebirgige Kreis wird im W. vom Knllllgebirge und im O. vom Seulingswald durchzogen, von der Fulda u. Werra durchflossen u. von der Frankfurt-Bebraer Eisenbahn durchschnitten; 506,^Hsirm (9,^ ssM) mit (1875) 32,701 Ew. 3 ) Kreisstadt darin, ehemalige Hauptstadt des gleichnam. Fürstenthums, an der Mündung der Geiß u. Haune in die Fulda, Station der obengenannten Eisenbahn, an Slelle der einstigen Festungswerke von freundlichen Anlagen umgeben; schöne evang. gothische Pfarrkirche (aus dem 12. Jahrhundert) mit vorzüglichen Glasmalereien, hohem Thurm und schwerer Glocke, Ruinen der 1144 erbauten und 1761 von den Franzosen unter Broglio verwüsteten Stiftskirche, alterthümliches Rathhaus, schöner Marktplatz, Schloß, Hospital, Waisenhaus, reformirtes Gymnasium (vom Abt Michael 2. Juli 1570 gestiftet), höhere Bürgerschule, Tuchfabriken, Freimaurerloge: Edler Verein; (1875) 6537 Ew. Zum Andenken an den Gründer des Stifts wird alljährlich in H. am 16. Oct. ein Volksfest, der Lullusmarkt, gefeiert. In H., das im Mittel- alter durch seine Klosterschule berühmt war, schrieb der Mönch Lambert von Aschaffeuburg die Geschichte seiuer Zeit (1050—77). — H. entstand um die Abtei. Es wurde um 1080 von den Magdeburgern u. Halberstävtern u. 1262 von dem Abt von Fulda belagert. Durch kaiserliche Privilegien und Posamentierwaareu- und Tuchfabriken wohlhabend geworden, lehnte sich H. gegen die Äbte auf und begab sich 1370 in den Schutz der hessischen Landgrafen. Die Residenz der Abte war das feste Schloß in den Eichen (Eichhof). 1378 entbrannte ein heftiger Krieg zwischen der Stadt und dem Abte Berthold, u. nun schloß sich die„erstere gänzlich an Hessen an, dem 1414 das Öfsnungs- u. 1430 das Beschirmungsrecht übertragen wurde. Im Bauernkriege wurde H. von den Bauern genommen, aber vom Landgrafen wieder befreit. Schon früh ward die Reformation hier eingeführt. 1628 von dem Abt von Fulda genommen, aber von den Schweden wieder erobert, kam H. mit der Abtei an Heften. 1806 wurden bei einem Tumult gegen die Franzosen mehrere italienische Soldaten verwundet und einer getödtet, weshalb Napoleon befahl, die Stadt zu plündern und an Len 4 Ecken anzuzlluden. Die Stadt entging jedoch der augedrohten Zerstörung durch den Edel- muth zweier Männer, des badischen Majors Lingg von Lingenseld nämlich, der, zur Plünderung com- mandirt, dieselbe dennoch nicht ausführte, u. des Generalgouverneurs Lagrauge, der nur 4 einzelnstehende Häuser niederbrennen ließ. H- Berns. Hersilra, Gemahlin des Romulus, die er beim Raub der Sabinerinnen erbeutet hatte, später von Juno mit Unsterblichkeit beschenkt und als Göttin Hora (Aufseherin, Hüterin) verehrt, ursprünglich eine sabinische Ehegöttin u. als Gattin des Quirinus (s. d.) in Verbindung mit Romulus gebracht. Herstal, Marktflecken im Arr. und der belg. Prov. Lüttich, an der Maas, Station der Niederl. 15* 228 Hcrtford - Staatsbahn, meist von Arbeitern bewohnt, fast Vorstadt von Lüttich; zahlreiche metallurgischeWcrke, Waffenschmiede, Steinbrüche; 9326 Ew. — H. ist Geburtsort Pipins von Heristall, dessen Stammschloß Heristall hier stand. Hier 876 Vertrag zwischen Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen über die Theilung von Loihringen. Seit 1444 war H. Eigenthum des Prmzen von Oranien unter brabantischer u. lültichscher Hoheit; war nach Wilhelms von Oranien, Königs von England, Tode zwischen Preußen n. Oranien streitig, kam durch Richterspruch 1714 an Preußen, dann aber unter Friedrich dem Großen gegen Geldentschädigung an Lüttich. H- Berns. Herkford, 1) (HertS) Grafschaft in England; grenzt im N. an Cambridge, im NW. an Bed- ford, im W. an Buckingham, im S. an Middle- sex u. im O. an Essex; 1582,gg Hstrm (28„5HM) mit 192,226 Ew. (ans 1 sljkm 121, in ganz England 163). Die wellenförmige Oberfläche, deren höchste Erhebung der 277 m hohe Kensworth- Hügel im W. ist, ist noch z. Th. gut bewaldet. Flüsse: Colne, Lea, Maran, Stört, Gade. Der Boden ist fruchtbar u. sehr gut angcbaut. Von der Gesammtoberfläche werden etwa 63 °/o als Acker- u. Gartenland u. 22"/« als Weideland benutzt, stark S"/o sind Wald. Die Hauptproducte des Ackerbaues find ausgezeichneter Weizen, Hafer u. Gerste; außerdem wird viel Obst gezogen. Von ziemlicher Bedeutung ist ferner die Vieh-, des. Schafzucht (die Hertsordshire-Rasse ist ihrer feinen Wolle wegen berühmt). Vichstand 1875: 13,625 Pferde, 32,442 StückRindvieh, 188,040 Schafe u. 30,650 Schweine. Die Industrie ist nicht sehr bedeutend, sie beschränkt sich fast ganz auf Seidenspinnerei, Strohsiechterei, Fabrikation von Hüten u. gutem Papier, Eisengießerei, Bierbrauerei, Gerberei, Ziegel- u. Kalkbrennerei. Mehrere Eisenbahnen durchschneiden die Grafschaft. 2 ) (Durocobrivä) Hauptstadt darin, Bo- rough, an dem schiffbaren Lea, Eisenbahnstation; Stadthaus mit Gerichtssaal, 8 Kirchen (in der Michaelskirche Denkmal Bacons von Vcrulam), Latein. Schule, Reste eines alten Schlosses (jetzt als Schule benutzt), großes Krankenhaus (Zweiganstalt des Londoner Christs Hospital), Industrieschule, Handwerker-Institut, Kornbörse, Handel mit Korn u. Malz; 7169 Ew. Außerhalb der Stadt liegt das große Grasschastsgefängniß. H. sendet 2 Mitglieder ins Parlament. H- Berns. Hertford, County im nordamer. Unionsstaate NLarolina, u. 36» n. Br. u. 77° w. L.; 9273 Ew.; Countysitz: Winton. Hertha (deutsche Myth.), so v. w. Ncrthus. Hcrtling, Franz Freiherr von, bayer. General, geb. 1780 zu Ladenburg in Baden; trat 1796 als Funker in ein bayer. Infanterieregiment ein, wurde bald Offizier, machte die nachfolgenden Feldzüge mit, wurde bei Hohenlinden verwundet, 1803 Adjutant des Generals Deroy u. avancirte als solcher in Len Feldzügen 1805, 1806 u. 1807, 1809 u. 1812 bis zum Obcrstlieutenant, wurde bei Polocz, wo sein General blieb, wieder verwundet, führte dann das 1. bayer. Bataillon 1812 u. 1813 dis zum Waffenstillstände, erhielt das Jn- sanlcrieregimenl König, das er gegen die Franzo- Lcu 1814 bei La Rochiere u. Rosnay befehligte, sowie - Hcrtwig. er als Oberst die Schlacht bei Bar sur Aube durch eine Umgehung des feindlichen Flügels mit seiner Brigade entschied; wurde 1814 Generalmajor, 1829 Referent im Kriegsministerium, ging 1832 nach Berlin zur Militärcommission, welche die deutsche Bundesarmee kriegsfertig machte; wurde später Kriegsminister u. st. in München 13. Sept. 1844. Sein Bruder Friedrich V.H., geb. 1782, ebenfalls in bayer. Diensten, machte die Feldzüge 1806—1814 mit, commandirte als Generalmajor die Brigade, die 1832 nach Griechenland ging, 1834 aber nach Bayern zurückkam; er st. als Generallieutenant und Regimentsinhaber 4. Aug. 1850 in München. i--' 's Hertogenbosch (den Bosch, deutsch Herzoge u b u s ch, franz. Bois le Duc), Hauptstadt der nie- derländ. Prov. NBrabant, in einer an Morästen reichen Niederung, am Zusammenfluß der Dommel n. der Aa u. dem SWillems-Kanal, Station der Nieder!. Staatsbahn; von Kanälen durchschnitten und mit 4 Thoren, breiten Straßen u. 5 öffentlichen Plätzen; 10 Kirchen (darunter die große reformirte St. Janskirche, berühmt durch ihre Bauart, ihre Altäre u. einen Tanfstssin von 1492), Synagoge, Rathhaus (mit Gemäldesammlung), Justizpalast, Regierungsgebäude (früher Jesuitenkloster), Gebäude der Schwanenbrüderschaft (1318 erbaut), Gymnasium, Lateinische Schule (ehemals von Erasmus besucht), höhere Bürgerschule, naturhistorisches Museum, Irrenanstalt rc., Arsenal, Kasernen; sehr viele Fabriken, namentlich viele Gold- u. Silberschmieden, Fabriken für Cigarren, Tischlerarbeit, Spiegel, Band, Garn, Cordon, Po- samenlierwaaren, Gold- und Silberstickereien, Li- queure rc., ferner Holz- und Bildschneidcateliers, Schmieden, Buchdruckereicn, Buchbindereien,Schuhmachereien, berühmte Pfefferkuchenbäckcreien; 1869 (Zählung) 24,925, 1875 (Berechnung) 24,298 Ew. H. ist eine starke Festung mit Citadellc, 4 Forts u. künstlichen Überschwemmungsvorrichtungen. — Auf der Stelle, wo jetzt H. steht, erbaute 1172 Herzog Heinrich von Brabant ein Jagdhaus, das Herzog Gottfried erweiterte, der auch dem um dieses Haus entstandenen Orte den Namen u. 1183 Stadtgerechtigkeiten gab. 1559 gründete Papst Paul IV. hier ein Bisthum. 1601 und 1605 i wurde H. vergebens belagert, 1629 aber nach 5- monatlicher berühmter Belagerung von dem Prinzen Friedrich Heinrich von Nassau erobert. Hier 14. Sept. 1794 Sieg der Franzosen unter Piche- gru über die Engländer; erstere nahmen 9. Oct. H. nach kurzer Belagerung und Bombardemeni. H. war von 1806 an Hauptstadt des holl. Dep. Brabant u. von 1810—14 des franz. Dep. Rhein- s Mündungen. Nachdem 14. Jan. 1814 die Stadt > von den Preußen genommen war, zog sich die franz. Besatzung in die Citadelle zurück, wo sie sich bis zum Frieden von Paris hielt. Am 5. Juni 1845 großer Polderdurchbruch u. März 1855 große Überschwemmung. H- Berns. Hcrrimg, KarlHeinr., einer der hervorragendsten thierärztlichcn Gelehrten, geb. 10. Juni 1798 zu Ohlau in Schlesien; studirte Mediciu in Breslau, besuchte dann aus Veranlassung der preuß. Regierung zum Zwecke des Studiums der Thier- heükunds Wien u. München, machte Wissenschaft- > ' 229 Herts — tiche Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich, England und Holland und erhielt 1823 die Stelle eines Repetitors an der Thierarzneischule zu Berlin. 1829 wurde er zum Lehrer u. 1833 zum Professor der Thierheilkunde ernannt. 1845 bis 1846 machte er zum Studium der Rinderpest im Aufträge der Regierung Reisen nach Böhmen u. dem südlichen Rußland. H. ist als Lehrer sehr geschätzt u. hat sich große Verdienste um die Förderung der wissenschaftlichen u. praktischen Thier- heilkuiide erworben. Von seinen zahlreichen Versuchen sind die, welche Räudemilben, Hundswuth, Arsenik, Beschälkrankheit, Pocken und Krankheiten der Vögel betreffen, des. hervorzuheben. H. erfand u. verbesserte zahlreiche thierärztliche Instrumente. Er schr.: Beiträge zur näheren Kenntniß der Wuthkrankheit, Berl. 1829; Handbuch der praktischen Arzneimittellehre für Thierärzte, Lpz. 1833, 4. Ausl. 1863; Chirurgische Anatomie u. Operativnslehre für Thierärzte (mitGurlt), Berl. 1847; Praktisches Handbuch der Chirurgie für Thierärzte, Berl. 1850, 3. Ausl. 1874; Taschenbuch der gesamniteu Pferdekunde, Berl. 1851, 3. Ausl. 1864; Die Krankheiten der Hunde u. deren Heilung, Berl. 1853; Thierärztliche Neceptirkuust u. Pharmakopoe (mit Erdmann), Berl. 1856, 3. Aufl. 1875. Außerdem gab er mit Gurlt von 1835—74 das Magazin für die gesummte Thierheilkunde heraus, Las 1875 von Gerlach zeitgemäß resormirt wurde u. von da ab unter dem Titel Archiv für Wissenschaft!, u. praktische Thierheilkunde erscheint. Schmidt. Herts, Grafschaft, so v. w. Hertford 1). Hertz, 1) Jens Michael, dän. Dichter, geb. 1766 beiWordingborg, gest. 1825 als Bischof von Ribe; er schr. das Epos: Del bolriscks Israel, Kopenh. 1804. 2) Henrik, dän. Dichter, geb. 25. Aug. 1798 in Kopenhagen von jüdischen El- tern, trat aber 1832 zur christlich-protestantischen Kirche über, ist einer der vorzüglichsten neuen dänischen Dichter, bes. im Drama; 1851 setzte ihm der Reichstag einen Jahresgehalt aus Lebenszeit aus; er st. in Kopenhagen 25. Fedr. 1870. H. gehört zunächst zu derselben Abzweigung der romantischen Schule, wie I. L. Heiberg, zeichnet sich, wie dieser, durch die correctc Form aus, und ist ebenfalls, wie Heiberg, vorzüglicher dramatischer Dichter. Als Dichter trat er auf 1827 mit ein paar Lustspielen (Hr. Burckhardt, Ljüili^lisck o§ Dolitis) und lieferte seitdem ununterbrochen eine große Menge Dramen, meist Lustspiele (darunter Vaudeville), auch romantischlyrische Stücke. Die besten Lustspiele dürften sein: Debatten i Dolitisvsnnsn, 1836; Lxareüasssv, 1836; LesöAst i.Ljöbsnbavu, 1860; unter den romantisch-lyrischen ist bes. hervorzuheben: LoiiA Rsnes Dattel, 1845; weniger hoch steht das dänisch-mittelalterliche Stück: Lvenä D^rinZs Duos, 1837. Versuche in der Novellistik sind: Ltemnin- gsr oAlilstaiiäö, 1839; üobannos stobnssn, 1860; auch hat man eine Sammlung Dventzw Dor- tasilnAsr, 1882. RzwLnA, 1849, ist ein lyrischepisches Gedicht, das Sujet aus der altnordischen Sage. OjsnganKerbrsvo, 1830, sind satirischpolemische Episteln über literarische Verhältnisse. Außerdem lyrische Gedichte (verschiedene kleinere Hertzbcrg. Sammlungen, z. B. DiZts Ira korslcjsIIiAö Ds- rioäar, 1851 f.). Vollständig gesammelt sind seine Draiuatisüo Varüsr, Kopenh. 18 Bde., 1854—73. Manches ist ins Deutsche übersetzt; so hat man gesammelte Schriften von Leo u. Benedix, Leipz. 1848 f. <-. Hertz, 1) Martin, elastischer Philolog, geb. 7. April 1818 , studirte in Bonn u. Berlin unter Böckh u. Lachmann, machte 1845—46 eine wissenschaftliche Reise zur Durchmusterung der handschriftlichen Sammlungen europäischer Bibliotheken, namentlich in Leyden u. Paris, widmete sich dann in Berlin wissenschaftlichen Arbeiten und wurde 1856 Professor der klassischen Philologie in Greifswald, von wo er 1862 au die Universität in Breslau übertrat. Seine Studien sind vor- nemlich der röm. Literatur gewidmet; er edirte den Gallius (2. Ausl., Leipz. 1872) u. Priscian (2 Bde., Lpz. 1855—59). u. verfaßte eine Reihe von Abhandlungen zur röm. Literatur der Viv- ckioino 6n!Iianas altorae. Lpz. 1873. Außerdem lieferte er eine Biographie Lachmanns, Berlin 1852. 2) Wilhelm, deutscher Dichter u. Literaturhistoriker, geb. 24. Sept. 1835 in Stuttgart; studirte 1855—58 in Tübingen Philologie, lebte seit 1859 in München, machte 1860 eine Reise nach Großbritannien u. Frankreich u. habilitirte sich 1862 in München für germanische Alterthums- kunde, wo er 1869 Professor der Literaturgeschichte am Polytechnikum wurde. Er schrieb: Gedichte, Hamb. 1859; Lauzelot u. Giuevra (Epos), ebd. 1860 (engl, von CH. Bruce, Land. 1865); Hug- dietrichs Brautfahrt (episches Gedicht), Stuttg. 1862, 2. A. 1863, mit Illustrationen von Cloß 1872, Prachtausgabe, illustrirt von Werner, ebd. 1872; Der Werwolf (Beitrag zur Sageugeschichte), ebd. 1862; Heinrich von Schwaben (Epos), ebd. 1867; Deutsche Sage im Elsaß, ebd. 1872; und übersetzte das RolandSlied aus dem Altsranzösischen, ebd. 1861; Marie de France, nach altbretonischen Sagen, ebd. 1862; Aucassin und Nicolette, alt- sranzösischer Roman, Wien 1865. Schrvot.» Hertzbcrg (ursprünglich Hirschberg oder Hirzberg genannt), ein altes pommerisches Adelsgeschlecht, welches in Frauken, Sachsen, Braun- schweig rc. große Güter und Lehen besaß. Das Stammschloß Herzberg im Harz blieb bis 1318 bei der Familie, worauf es durch Heirath an das Geschlecht von Lisperg kam. Die Familie ist gegenwärtig in Pommern begütert u. wurde 1786 in den preuß. Grafeiistand erhoben. Aus ihr: Graf Ewald Friedrich, preuß. Staatsmann der Fridericianischen Schule, geb. 2. Sept. 1725 zu Lottin in Pommern; studirte in Halle die Rechte, betrat die diplomatische Laufbahn, ward als Lsga- tionssecretär der kurbrandenb. Gesandtschaft zurKai- serwahl beigegeben 1745 u. nachdem Legationsrath im Auswärtigen 1750, erhielt er, nachdem er bereits Friedrich II. zu dessen historischen Schriften mehrfach Materialien aus dem Archiv beschafft, den Auftrag, das geheime Staats- u. Cabinets- archiv zu ordnen, 1752 infolge seiner Schrift: Über die erste Bevölkerung der Mark Brandenburg, das Diplom als Mitglied in der Akademie und zugleich die Ernennung zum Geh. Legationsrath. 1756 arbeitete er innerhalb 8 Tagen nach 230 Hertzbcrg den in dem Archiv zu Dresden gefundenen österr. und sächs. Actenstückcn -c. das bekannte Llemoire raisonus aus, durch welches Friedrichs II. Einfall in Sachsen u. weitere Maßregeln gerechtfertigt werden sollten, — worauf seine Ernennung zum Geh. Rath und Staatssecretär im Auswärtigen folgte. In dieser Stellung bearbeitete er während des Krieges mit Finckenstein die sämmtlichen desfallsigen Manifeste, Staatsschriften rc., entwarf 1762 den Friedensjchluß mit Rußland u. Schweden u. schloß 15. Febr. 1763 den Hubertusburger Frieden, dem 5. April schon H-s Ernennung zum zweiten Staats- u. Cabinetsminister folgte. Bei der ersten Thcilung Polens 1772, wie bei den Verhandlungen über die bayer. Erbfolge, dann dem Teschencr Frieden u. endlich bei Errichtung des Fürstenbundes 1785 spielte H. eine Hauptrolle. Friedrich Wilhelm II. erhob ihn in den Grafenstand, stellte ihn an die Spitze des Auswärtigen u. ernannte ihn noch zum Curator der Akademie. Nachdem H. noch die Unruhen in Holland gestillt, bei dem Bündniß „mit der Türkei u. mit Polen gegen Rußland u. Österreich noch mit dem König im Einklang gearbeitet, mußte er die Convention von Reichenbach auf einer seine Politik geradezu durchkreuzenden Grundlage abgeschlossen sehen, und erließ nun jene, dem Kaiser Leopold die Bedingungen vorschreibende Gegendeclaration an Österreich, unter welchen Preußen und die Seemächte den Friedensschluß Österreichs mit der Pforte zulassen wollten. Indessen erreichte er damit seinen Zweck nicht, u. als noch 2 neue Minister angestellt wurden, verlangte er im Mai 1791 seine Entlassung u. behielt nur die Leitung der Akademie u. die Aufsicht über den Seidenbau. Juli 1794 bot er dem König seine Dienste wieder an, wurde aber abgewiescn u. kränkelte seitdem, bis er 27. Mai 1795 starb. Er schr.: Über das Recht der bayer. Erbfolge, Verl. 1778; seine Llswoirss, gesammelt als: Oeuvres xolib., Par. 1795. Vgl. Posselt, Graf von H., Tüb. 1798; Weddingers Fragmente zu dem Leben des Grafen von H., Brem. 1796; Duhm, Denkwürdigkeiten, Lemgo 1814—19, 5 Bde.; Preuß, Gr. H., Gnmb. 1874—75. Lag«. Hertzberg, Gustav Friedrich, bedeutender Geschichtsforscher, geb. 19.Jan.1826zuHalle a.S.; studirte daselbst u. in Leipzig, war 1850—55 Lehrer auf den Franckeschen Stiftungen, seit 1851 Privat- Locent für Geschichte an der Universität zu Halle, rcdigirte 1858—60 das (Bethmann-Hollwegsche) Preuß. Wochenblatt in Berlin und ist seit April 1860 an der Universität Halle außerordentlicher Professor für Geschichte. Als Hauptwerke sind zu nennen: Alkibiades, der Staatsmann u. Feldherr, Halle 1853; ferner: Das Leben des Königs Age- silaos II. von Sparta, ebd. 1856. Von den im Verlage der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle unter dem Namen einer Jugendbibliothek erscheinenden wissenschaftlichen Schriften ohne gelehrtes Beiwerk sind namentlich zu nennen: Der Feldzug der zehntausend Griechen, nach Lenophons Anabasis dargestcllt, 2. Aust. 1870; Die asiat. Feldzüge Alexanders d. Gr., 2 Bde., 2. Aust. 1875; Rom u. König Pyrrhos, 1870; Die Feldzüge der Römer in Deutschland unter den Kaisern — Hcrve. Augustus u. TiberiuS, 1872, und Die Geschichte der Perserkricge, Halle 1877. Niedergelegt sind von H. mehrere Werke in der Ersch-Gruberschen Allgemeinen Encyklopädie, nämlich in Bd. 80 der ersten Section (1862) Die alte Geschichte Griechenlands von der Urzeit bis zum Beginn des Mittelalters, und in Bd. 87 (1869) Die Geschichte Griechenlands im 19. Jahrh.; außerdem in Bd. 92 und 93 (1871) Die Geschichte des großbritann. Reiches von 1832 bis Mitte 1871. Außerdem hat H. einerseits die 4 ersten Bände der Beckerschen Weltgeschichte in deren 8. Ausg. (Herausgeber Adolf Schmidt in Jena) neu bearbeitet, Berl. 1860—61, u. anderseits den Auszug ans des verewigten Prof. Daniel großem 4- bändigen Werke hergestellt, der unter dem Titel Kleineres Handbuch der Geographie von H. A. Daniel, Lpz., 1872 in 1., 1877 in 3. Aust, erschien. Weitere Hauplwerke H«s sind: Die Geschichte Griechenlands unter der Herrschaft der Römer, Halle, von welcher Thl. I. im I. 1866, Thl. II. im I. 1868 u. Thl. III. im I. 1875 erschien, und Geschichte Griechenlands seit dem Absterben des antiken Lebens bis zur Gegenwart, Gotha, deren 1. Thl., Von Kaiser Arkadius bis zum Lateinischen Kreuzzuge, 1876 erschien; der 2. Thl., Vom Lateinischen Kreuzzuge bis zur Französischen Revolution, befindet sich im Druck. Heruler (auch Eruler), ein germanisches, ursprünglich an der Weichselmündung wohnhaftes Volk, welches von dort theilweise gegen W. nach Jütland u. Schweden, theilweise nach den Steppen am Schwarzen Meere wanderte. Sie zeichneten sich durch besondere Gewandtheit u. Schnelligkeit im Kriegsdienste aus u. waren deshalb als leichte Truppen sehr gesucht; sie erscheinen in einzelnen Schaaren in schr vielen Gegenden und dienten selbst den Römern für Gold. Unter den römischen Kaisern Gallienns u. Claudius erscheinen sie als Bundesgenossen der Gothen, wurden aber im 4. Jahrh. von deren König Hermanrich unterworfen. Später schlossen sie sich Len Hunnen an u. gründeten nach deren Fall ein Reich an der Donau, welches aber 512 von den zinspflichtigen Longo- barden zerstört wurde. Von nun an fingen sie an sich zu zerstreuen; viele gingen zu den Ge- piden, ein großer Theil wurde, in den Dienst der oströmischen Kaiser getreten, in Niederpannonien angesiedelt u. erscheint als Hilfstruppe in deren Kriegen gegen die Perser, Vandalen u. Ostgothen. Nach 530 werden sie in der Geschichte nicht mehr erwähnt. Ihre Tapferkeit, überhaupt ihre kriegerischen Eigenschaften wurden durch Rohheit der Sitten u. Lurch Zügellosigkeit überboten; sie nahmen auch am spätesten von den deutschen Völkern der Völkerwanderung das Christenthum an. Vgl. Geschichte der H. u. Gepiden von Aschbach, Franks. 1835. Herumschweifender Nerv (Anat.), s. Gehirnnerven 10). Herve, Stadt im Arr. Verviers der belgischen Provinz Lüttich, in äußerst fruchtbarer Gegend (H.-laud), Station der Belg. Staatsbahnen: Wollenspinnerei, Fabrikation von Tuch, Strümpfen, Hüten rc., starke Schuhmacherei, Käsebereitung (Limburger Käse), Handel; 4163 Ew. 231 Hcrvä - Hcrvö, Florimond Ronger genannt, franz. Komponist und selbst drainat. Künstler, geb. 1825 bei Arras, war erst Organist an St. Eustache und zugleich Orchcsterdirigent am Palais Royal in Paris, betrat dann die Bühne in der Nationaloper und componirte die Buffo-Oper Don Quixote. Da diese Beifall fand, componirte er ans diesem Gebiete weiter und ließ auf dem von ihm 1853 gegründeten Theater ssdlieo ^ouvsllss die Operetten rc. aufsührcii, besorgte aber seit 1854 nur mehr die Regie dieses Theaters. 1856 zog er sich auch von da zurück und componirt nun seine eigenen Librettos. Hervey, 1) (Hervey Bai) einer der trefflichen Häfen an der Ostküsie des Australischen Kontinents u. 25" südlicher Breite. 3) (Herveygruppe) so v. w. Cooks-Archipel (s. d.). Herwarth von Eittcufeld, Eberhard, preuß. Generalseldmarschall, geb. zu Großwerther 4. Sept. 1796- trat 15. Oct. 1811 in die preußische Armee ein, wurde 1813 Sccondelieutenaut, machte die Feldzüge 1813, 14, 15 mit und nahm hervorragenden Antheil an der Schlacht von Groß- görschen und den Kämpfen vor Paris. 1816 wurde er Premierlicutenaut. 1821 Hauptmann, 1835 Major, 1845 Obcrstlieutenant, 1848 Oberst und Kommandeur des 1. Garde-Regiments und betheiligte sich als solcher an dem Straßenkampse in Berlin (1848). 1850 wurde er Oberbefehlshaberder preußischen Truppen in Frankfurt a. M., 1856 Kommandeur der 7. Division und Generallieutenant, 1860 Kommandeur des VII. Armeekorps, 1863 General der Infanterie. Als 1864 der Krieg gegen Dänemark ausbrach, wurde er Oberbefehlshaber der preußischen Truppen in den Elbherzogthümern und führte nach Ablauf des Waffenstillstandes am 29. Juni 1864 den berühmten Uebergang nach Alsen aus. 1865 erhielt er Las VIII. Armee-Corps. Im Kriege gegen Österreich wurde er Befehlshaber der sogenannten Elbarmee (gebildet aus dem VIII. Armee-Corps und der 14. Division des VII. Armee-Corps) mit dem Aufträge, die Bewegungen des Prinzen Karl zu unterstützen und die linke Flanke der Österreicher fortwährend zu überflügeln. Er besetzte zuvörderst Sachsen, drang in Böhmen ein und kämpfte bei Hünerwasser und Mllnchengrätz. In der Schlacht bei Königgrätz stand er den Sachsen und dem 10 . österr. Armee-Corps gegenüber, eroberte Nachmittags die Dörfer Problus und Prim u. warf den feindlichen linken Flügel zurück. Nach dem Friedensschlüsse wurde er Generalcommandenr des VIII. Armee-Corps. Während des Krieges von 1870 sungirte er als Generalgouverueur in dem Bereich des 7., 8. und 11. Armee-Corps (Westfalen, Rheinprovinz u. Hessen-Nassau). Am 4. April 1871 nahm er als Feldmarschall seinen Abschied u. lebt seitdem in Bonn. Teicher. Herwegh, Georg, deutscher Lyriker, geb. den 31. Mai 1817 in Stuttgart, studirte in Tübingen Theologie, arbeitete dann in Stuttgart an A. Le- walds Zeitschrift Europa, erhielt, als er conscrip- tionspflichtig war, aus Rücksicht auf seine bedeutenden geistigen Anlagen, auf unbestimmte Zeit Urlaub, verwickelte sich in Streit mit einem Offizier und flüchtete deshalb nach der Schweiz, lebte - Herz. in Emmishofen im Kanton Thurgau, arbeitete dort mit an der von Wirth herausgegebenen Volkshalle und verfaßte die politische Liedersammlung Gedichte eines Lebendigen, Zürich u. Winterthur 1841, 9. Ausl., Stuttg. 1872, welche, da sie der Zeitströmung sehr entsprachen, großes Aufsehen erregten und in zwei Jahren 7 Auflagen erlebten. 1842 reiste er nach Preußen und fand allenthalben, zu Berlin auch bei König Friedrich Wilhelm IV., die ausgezeichnetste Aufnahme. Infolge eines von Königsberg aus an den König geschriebenen Briefes, in dem er sich mit Verletzung aller Form in sehr bitteren Ausdrücken über die Maßregeln der dortigen Polizei gegen die von ihm herausgegebene Zeitschrift beschwerte, und der gegen H-s Wissen veröffentlicht erschien, wurde er aus den preußischen Staaten verwiesen und auch in Zürich, wo er sich uiederlassen wollte, nicht ausgenommen; doch erhielt er vom König von Württemberg für seine Flucht vom Militär Verzeihung und die Erlaubniß, in sein Vaterland zu- rückzukehren. Er erwarb nun Las Bürgerrecht im Kanton Baselland und heirathete Emma Sieg- ninnd, die Tochter eines Berliner jüd. Bankiers. Später wählte er Paris zu seinem Wohnsitz, wo der 2. Band der Gedichte eines Lebendigen verfaßt wurde (Zür. u. Winterthur 1844), der aber weit schwächer als der 1. ist. Dort trat er in Verbindung mit der revolutionären Propaganda und erschien im April 1848 mit seiner Frau und A. von Bornstedt an der Spitze der Deutsch-französischen Arbeiterlegion in Baden, wurde jedoch am 27. April bei Dossenbach mit leichter Mühe von den württembergischen Truppen geschlagen, und floh, nur durch dis Beherztheit seiner Frau gerettet, in die Schweiz. Später lebte er lange in Paris, dann in Zürich, zuletzt in Lichtenthal bei Baden-Baden, woselbst er 7. April 1875 starb. H. übersetzte auch Lamartines sämmtliche Werke, Stuttg. 1839—40, 5 Bde. (der 6. v. G. Dietzel). H-s einstige Bedeutung läßt sich nur aus der zu Anfang der 40er Jahre in Deutschland herrschenden politischen Stimmung erklären. Treffend urtheilt über ihn H. Kurz: „Aber wie die Zeit, in der u. für welche er dichtete, in ihren Ansichten u. Wünschen höchst unklar war, so auch ihr Dichter. Freiheit, Haß des Despotismus, Aufruf zum Kampf, das sind die Gedanken, die den Liedern des Lebendigen zu Grunde liegen, aber es fehlt ihnen bestimmte Gestaltung; in den meisten verschwimmt die Idee in nebelhafte Schwärmerei. Daher sind auch die schroffsten Widersprüche in ihnen zu finden." A. Duncker." Herxheim, Dorf (Marktflecken) im Bez.-Amt Landau des bayerischen Regbez. Pfalz (Rheinpfalz), am Klingbache; mechanische Weberei, Leinen- und Zwillichweberei, ausgezeichneter Acker-, Wiesen- u. Tabaksbau; 1875: 3743 Ew. Herz, Oor, ein aus Muskelfasern bestehendes Organ des thierischen Körpers, welches sich aus der Blutgefäßbahn differenzirt hat und die Eigenschaft besitzt, seinen Inhalt nach zwei Richtungen fortbewegen zu können. Bei den untersten Thierformen fehlt, wie das Gefäßsystem, so auch das H. Mit der Ausbildung besonderer die Nährflüssigkeit einschließender Röhren, sog. Gesäße (s. 232 Herz. Blut I. L.), geht die Entwickelung des Herzens Hand in Hand. Einzelne Abschnitte des allgemeinen Gefäßsystems erleiden zunächst eine Dif- ferenzirung dadurch, daß ihre Wandungen mns- kellos und sie selbst dadurch contractil werden. Der Blutlaus erfolgt jetzt in rythmischer Weise, so Laß die bezeichnten Abschnitte die ersten Anfänge der Herzbildung repräsentiren. Wird vor- nemlich ein Theil des allgemeinen Gefäßsystems in angegebener Weise verändert und der so gebildete Herzschlauch mit Klappen an seinen Mündungen (Ostien) versehen, dann wird die Richtung des Blutlaufes eine beständige. Mit dieser Dif- ferenzirung geht eine andere vor sich, die Theiluug des Binuenranmes in sog. Kammern und Vorkammern. Ein geschlossenes Gefäßsystem mit einem difserenzirten H-en als Circnlationscentrum ist nur bei den Wirbelthieren vorhanden. Die vom H-en das Blut abführenden Gesäße werden Arterien, die zileitenden Venen genannt, der Übergang des Blutes zwischen beiden geschieht durch die Capilla rgefäße (s. d.). Bei den verschiedenen Klassen der Wirbelthiere treten nun am H-en selbst Verschiedenheiten auf; s. hierüber die Art. Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Sänge- lhiere; bei den beiden letzten Klassen enthält die linke Hälfte des Herzens nur arterielles, die rechte nur venöses Blut. Die Größe des Herzens entspricht der Lebendigkeit und Bildungsstufe der Thiere; es repräsentirt bei Fischen bis bei Vögeln ^ bis ^ der Körpermasse; beim Menschen etwa Das H. ist während des Lebens in fortwährender selbständiger Bewegung. Seine Entwickelung in den frühesten Lebenszn- ständen ist am bebrüteten Ei zu beobachten. Ehe in diesem noch eine organisch feste Bildung unterscheidbar ist, beim Hühnerei drei Tage nach der Bebrütung, zeigt sich schon eine pulsircnde Be- wegung in der Eiflllssigkeit, welche hier geröthel (werdendes Blut) ist. Dieses erste Rudiment des sich bildenden Herzens wird als hüpfender Punkt (knnotum salisns) bezeichnet. Das H. ist seiner Hauptmasse nach als Muskel gebildet, und zwar als Hohlmuskel, dessen Fasern wie die der willkürlich beweglichen Muskeln quergestreift sind. Durch den Reiz, welcher hier besonders von dem entströmenden Blute ansgeht, zieht es sich in sich selbst zusammen, verengt die in ihm befindlichen Räume und treibt dadurch das Blut in die großen Gefäßstämme (Arterien) über, mit denen es in unmittelbarer Verbindung steht (Systole); zugleich wird es etwas aus seiner Lage gebracht, erhebt sich und bewirkt dadurch das alsHschlag bekannte Phänomen, vgl. Puls. Der Systole des Herzens folgt eine momentane Ruhe, Diastole. H-töne werden wahrgenommen durch das anliegende Ohr, von denen der eine, der Muskelton, von der kräftigen Znsammenziehung der Kammermuskeln, der andere, Klappenton, von der Contraction der halbmondförmigen Klappen herrührt. Da der Blutumlaus des Embyros auch von dem nach der Geburt eintretenden etwas adweicht, so ist auch das H. des Embryos (und des neugeborenen Kindes) von dem im späteren Lebensalter etwas verschieden. Das menschliche H. ist ein hohles, muskulöses, halbkegelförmiges Organ, das in der Brusthöhle dicht hinter dem Brustbein und zwischen den beiden Lungen liegt, dessen Grundfläche (Basis) nach oben, dessen Spitze (Apex s. Lluero ooräis) nach unten gerichtet ist, und dessen vordere (obere) convexe und Hintere (untere) abgeflachte Fläche rechterseits durch einen ziemlich scharfen, linkerseits Lurch einen stumpfen Rand in einander übergehen. Über die Mitte seiner vorderen und Hinteren Fläche verläuft dis etwas rechts von der Spitze sich haltende Längssnrche des Herzens (Lnlens lonKitnäinalis ooräis), welche das H. äußerlich in zwei seitliche Hälften, eine rechte und eine linke, theilt und fettreiches Bindegewebe und die Kranzgefäße (s. unten) enthält; sie wird rechtwinkelig gekreuzt von der tieferen Querfurche (Luleus oironlaris s. abriovsnbri- onlaris), welche das H. an der Grenze des oberen und mittleren Drittels fast vollständig umkreist, an der Hinteren Fläche stärker hervortritt als an der vorderen, wo sie von den Ursprüngen der großen Gefäße (der Aorta und der Lungeuarterie) bedeckt wird, und das H. in eine untere größere und obere kleinere Abtheilung theilt. Nur während des Embryonallebens liegt Las H. eine Zeit lang senkrecht in der Brust, beim Erwachsenen sieht seine Basis nach rechts, oben und hinten, seine Spitze nach links, unten und vorn (seine Längsaxe bildet also mit der(Kör- peraxe einen Winkel von ca. 55°), und außerdem ist es noch so gedreht, daß der rechte Rand nach vorne, der linke nach hinten sieht. Es liegt ferner nicht ganz in der Mittellinie des Körpers, sondern weicht davon soweit nach links ab, daß der größere Theil (etwa ß) in der linken und nur H in der rechten Brusthälfte liegt. Seine Basis liegt hinter bem Körper des Brustbeins und den Knorpeln Ser vierten und fünften rechten Rippe, seine Spitze hinter dem vorderen Ende der sechsten oder siebenten linken Nippe, etwa drei Fingerbreit unter der linken Brustwarze u. daumenbreit davon nach innen. Seine Größe ist sehr wechselnd u. entspricht ungefähr der Größe der geballten Faust, sein Gewicht beträgt im Durchschnitt 30V—330 Gramm; beim weiblichen Geschlechts ist es stets kleiner und leichter als beim männlichen. Seine Höhle wird durch eine der Längssnrche entsprechende muskulöse Scheidewand (Lsptnm) in zwei seitliche, in keiner Verbindung miteinander stehende Hälften, eine rechte (rechtes oder Lungen-H., 6or äoxtrum s. xulmonals) und eine linke (linkes oder Aorten- H., 6or sinistrnm s. aortiouin) getheilt. Jede dieser Hälstenj wird wiederum Lurch eine der Quer- furche entsprechende Scheidewand in zwei Hälften, eine obere, die Vorkammer (Atrium) und eine untere, die H-kammer (Vsntrioülns voräis), getheilt, so daß das H. also vier Hohlräume enthält, die alle einen gleich großen Inhalt haben u. etwa 180 § Blut durchschnittlich fassen. Da der unterhalb der Querfurche gelegene Theil, die Herzkammern, viel dickere fleischigere Wandungen hat als der oberhalb gelegene, mehr häutige, die Vorkammern, so bezeichnte man früher auch wol die Kammern als muskulös es (od.fleischiges) H.(6or mnsonlosum) u. die Vorkammern als häutiges H. (6or momdranaoenm). An jeder Vorkammer findet sich dann noch ein nach innen u. oben ge- 233 Herz- krümmter, zackiger, muskulöser Anhang, das H - ohr (^urioula corckis). Die linke H-kammer hat eine viel stärkere (3—4 Mal so starke) Muskulatur der Wandungen als die rechte, da sie das Blut durch die Aorta und deren Äste bis zu den entlegensten Stellen des Körpers treiben muß, während die rechte Kammer ihr Blut bloß durch die Lungen, in denen der Blutumlauf viel weniger Schwierigkeiten zu überwinden hat, zu treiben braucht. Die Wand des Herzens besteht aus einer Schicht feiner, quergestreifter sich gabelig theilender und mit benachbarten Fasern sich zu einem lang- u. schmal- maschigen Netzwerk verflechtender Muskelfasern, die theils schleisenförmig das H. umkreisen, theils spiral- oder kreisförmig um dasselbe herumlaufen. Die innere Fläche dieser Schicht bekleidet das zarte, glatte, dünne, an elastischen Fasern reiche und mir einschichtigem Pflasterepithel versehene Endocar- dium, das sich allen Hervorragungen und Unebenheiten der inneren Oberfläche der Kammern und Vorkammern eng anpaßt. Nach innen zu springen nämlich die Muskelbündel der H-wand mehr oder weniger hervor und bilden in den H- kammeru die Fleischbalken des Herzens (Ma- bsoulas earnsas ooräls) und in den Vorkammern die mehr parallel angeordneten Kammmuskeln (Äusouli psotinatl). Die äußere glatte Oberfläche der Mnskelschicht wird auch von einer glatten, dünnen, ebenfalls an elastischen Fasern reichen und mit einschichtigem Pflastcrepithcl versehenen Haut überzogen, weiche sich auf die großen, aus dem H-en entspringenden Gefäße fortsetzt u. sich vorne an der Loroerfläche des Bogens der Aorta, hinten an der Theiinngsstelle der Lungenarterie nach unten Umschlag! und die innere Platte des das H. einhüllenden, kegelförmigen H-bentels (ksrioarckluru) bildet, dessen äußere fibröse Platte an der Umbiegungsstelle der inneren ans das H. u. seine Gefäße in die äußere Haut dieser Gefäße übergeht. Der H-beutel ist an seiner breiten unteren Fläche mit dem sehnigen Thcil des Zwerchfells, an den Seitenflächen, soweit er die beiden Lungenfelle berührt, mit diesen innig verwachsen. Da das Herz ihn nicht ganz ausfullt, so enthält er in seinem leeren Raume eine geringe Menge (bis zu 15 §) einer serösen Flüssigkeit, H-bentel- wasser (l-iguor psrlearckli), welche die Bewegung und Verschieblichkeit des Herzens an der Wand des H-beutels erleichtert. Die Vorkammern des Herzens hängen mit den großen Venenstämmen, die rechte mit den beiden Hohlvenen (daher sie auch Hühlvenensack, Linus vemrrum Lavarum, genannt wird), die linke mit den 4 arterielles Blut führenden Lnngenvenen zusammen. Aus jeder Vorkammer führt eine mit einer zipfligen Klappe (rechts dreizipfligen, Valvula trlousxiäalls, links zweizipfligen ober mützenförmigen, Valvula biouspiäalls s. rnlbra- versehene ziemlich große Öffnung (Ostlum vouosum vsutrleuli s. abrio-veubrleulars) in der Scheidewand zwischen Kammern und Vorkammern in die entsprechende H-kammer und aus jeder dieser wieder eine, auch an der nach oben gelegenen Basis der Kammer befindliche u. mit 3 Halbmond - sörmigen Klappen (Valvulas ssmiluuarss) versehene geräumige arteriöse Öffnung (Ostlum artsria- sum vsutrleuli) rechts in die venöles Blut führende Lungenarterie, links in die Aorta. Diese Klappen lassen sich als Falten des Endocardiums betrachten. Den Rand der Öffnungen zwischen Vorkammern und Kammern bildet ein vorspringender, aus Bindegewebe bestehender mehr ober weniger vollständiger Faserring (Luuulus cartilaAlusus), von dem der größte Theil der Muskelfasern des Herzens entspringt, dessen blattförmige, auf beiden Seiten von einer Ausstülpung des Endocardiums überzogene Verlängerungen die Zipfel der zwei- und dreizipfligen Klappe bilden und ihr erst jene Festigkeit verleihen, die sie in den Stand setzt, dem Blutdruck Widerstand zu leisten, was bloße Falten des Endocardiums nie können würden. An den freien Rand und die der Kammer Angewandte Seite dieser Klappenzipfel setzen sich starke, einfache oder gespaltene Sehnenfäden (Oiroräas tsllckiosas) an, die größtentheils von einzeln stehenden und hervorragenden zapfenförmigen derben Muskelbündeln, den Warzenmuskeln (llluseull papillarss), ausgehen und das Umschlagen der Klappen bei der Systole der Kammern nach den Vorkammern hin verhindern. Auch an den Öffnungen der Kammern, welche in die großen Gefäß- führen, finden sich ähnliche, aber schwächere Faserringe, deren Verlängerungen die Grundlage der halbmondförmigen Klappen bilden. In der Mitte ihres freien Randes trägt jede dieser Klappen ein kleines Knötchen (lflockulus.4.rrantll s. LlorAgAnl), und sie sind so gestellt, daß sie das Blut aus dem H-en in die Gefäße strömen lassen, den Rückfluß desselben zumH-enhinaber verhindern. An der Scheidewand der Vorkammern findet sich, mehr nach hinten hin, eine, von einem fleischigen dicken Wulst (l-iindus lvraminis ovalls s. Istirmus Vlsusssnli) umgebene eiförmige Grube (IVramsn ovals), in der das Endocar- dinm beider Vorkammern sich wegen Fehlens der MuskelschiLt der Scheidewand berührt. Diese eiförmige Grube ist der Überrest des beim Foetus hier befindlichen u. durch eine Klappe (Valvula tora- miuls ovalis) verschlossenen eiförmigen Loches (koramou ovals), durch welches das Blut aus der rechten in die linke Vorkammer strömt. Auf der linken Seite der Borkammerscheidewand bemerkt man eine längliche, dünne Falte als Überrest dieser Klappe. Au der Eintrittsstelle der unteren Hohlvene in die rechte Vorkammer liegt die sichelförmige, beim Foetus stark entwickelte, beim Erwachsenen häufig fehlende Eustachische Klappe (Valvula Lustaolüi), die beim Embryo dis Bestimmung zu haben scheint, den Blutstrom aus der unteren Hohlvene nach dem eiförmigen Loch hinzulenken; dicht über dem Eingang in die rechte Kammer liegt die mit einer kleinen Klappe (Val- vula Nüsdssil) versehene Öffnung der großen Kranzvene des Herzens und daneben noch verschiedene Öffnungen der kleineren H-venen (§ora- mlva Plislissil). Das H. erhält das zu seiner Ernährung nöthige Blut durch die beiden aus der Aorta, dicht über den halbmondförmigen Klappen entspringenden Kranzarterien des Herzens (^.rtsrlas ooronariae eorclis), die in der Lsngen- surche der vorderen und Hinteren Fläche des Herzens verlaufen. Die Venen (Vsnas ooronarlas) er- 234 Hcrz — Hcrzberg. gießen ihr Blut in die rechte Vorkammer (s. oben). Die Nerven des Herzens stammen aus dem Vagus (s. Gehirnncrven) und dem Ganglienncrvensystem. Die zahlreichen Lymphgefäße des Herzens laufen zu den Lymphdrtifen der Brusthöhle. Farwick. (Menschl. Anat.) E. Berns. Herz, in manch anderer Hinsicht gebraucht, fo: 1) (bibl. Begriff) von der Empfindung der Störung oder Belebung des Blutumlaufs im Mittelpunkt desselben, dem physischen H-en, durch lebhafte, den Willen in Bewegung setzende Ge- sühlsaffectionen, ist der allgemeine wie der biblische Sprachgebrauch ausgegangen, in welchem das H. der Mittelpunkt der gesummten physischen Gefühls- u. Willensthätigkeit des Menschen ist, entsprechend etwa dem, was man in den Begriffen Äemüth, Charakter zusammenfaßt. Vgl. Beck, Umriß der bibl. Seelenlehre, 3. Ausl., Tüb. 1871; Delitzsch, Bibl. Psychologie, 2. Ausl. 1861. 2) (Seew.) H. einer Jungfer, die Platte an dem Außenraude, wo keine Keep ist; H. eines Mastes oder Zunge, das mittelste Stück bei zusammengesetzten Masten; H. der Pumpe oder Pumpenschuh, ein hohler Cy- linder, mit Ventil versehen, welcher im Pumpcn- stiefel auf- u. niedergleitet; H. eines vierschäftigen Taues, das in der Achse desselben befindliche Deil, um welches die vier Duchten gedreht werden. Herz, 1) Henriette, eine durch Geist u. Schönheit ausgezeichnete Frau, geb. 5. Sept. 1764 zu Berlin als die Tochter des israelit. Arztes Benjamin de Lemos, portugies. Abkunft, vermählt mit dem (1747 geb.) Arzte Markus H. 1. Dez. 1779. Sie war zu ihrer Zeit die schönste Frau in Berlin, welche des. wegenibrervorzüglichenweiblichenTugen- den allgemeine Achtung u. Verehrung von den an Wissenschaft u.Stand hervorragenden Personen Berlins (selbst von Prinzen) genoß. Sie versammelte in ihrem Salon Wes, was durch Geist, künstlerisches Bestreben u. Wissen hervorragte, A. u. W. von Humboldt, A. v. Dohna, beide Schlegel, Schleiermacher, Gentz, Mirabeau. Die Sturm- u. Drangperiode, welche in der Poesie überwunden war, beherrschte noch die Gemüther in den Anschauungen übcrReligion,Sitte, Ehe u.saudindiesemSalonzum großen Theil ihreVertretung. Die Vertauschung der Pflicht mit Gefühl, die Zurückführung der Religion aus Gefühl, die freieren Anschauungen über Ehe n. Liebe, das Schwanken zwischen Pantheismus u. Theismus, wie es literarisch in Schleiermachers Reden über die Religion, in der Lucinde u. den Briefen über die Lucinde sich ausspricht u. vielfach thatsächlich in hervorragenden Kreisen hervortrat, übte auch auf H. ihren Einfluß; es entstand ein Tugendbund zur Emancipatiou von den Anstandsformen im Verkehre beider Geschlechter. Mit W. v. Humboldt u. A. führte sie einen Briefwechsel in hebräischen Lettern, später besuchte Schleiermacher täglich ihr Haus. Die jüdische Religion war damals in den Formen verknöchert, so daß bei dem plötzlichen Eintreten in die gesellschaftliche Bildung, die damals Weichlichkeit des Gefühls für Tugend nahm u. jede Willensanstrengung verabscheute, die Juden selbst in jene Gefühlsscligkeit geriethen u. Massentanfen vorkamen, ebenso wie das sonst bei Juden seltene Durchbrechen der ehelichen Schranken, gerade von Seiten der Gebildeten. So sah denn auch H. in der Religion, wie sie Schleiermacher darstellte, ihr Ideal u. neigte zum Christenthum, nahm die Taufe aber erst aus Pietät nach dem Tode ihrer Mutter, 1817. Bis in ihr höchstes Alter übte sie still u. rastlos Werke der Liebe, durch Unterstützung armer Studenten, durch Unterricht armer Mädchen, die sich zu Erzieherinnen bilden wollten. Zuletzt wurde sie in ihrer Wohlthätigkeit durch eine Pension des Königs unterstützt. Sie st. 22. Oct. 1847. Vergl. Fürst, Henriette H., Berlin 1850; Briefe des jungen Börne an H. H., Berl. 1861. 2) Henri, geb. 6. Jan. 1806 zu Wien, trat schon als 8jähriger Knabe als Pianist in Koblenz auf, ging 1816 auf das Konservatorium nach Paris, machte erfolgreiche Couccrtreisen in Frankreich, Deutschland, England, in den Vereinigten Staaten, Kalifornien, Südamerika u. später in Spanien, gründete in Paris eine große Piauofortefabrik u. wurde Lehrer am Conservatorium. Er componirte zahlreiche beliebte Werke für sein Instrument, von denen aber nur die für pädagogische Zwecke geschriebenen wirklichen Werth besitzen. t) Fürst. 2) Siekeurock. Herzanomalicn, angeborene Abweichungen vom normalen anatomischen Bau des Herzens. Dieselben sind entweder Folge von entzündlichen Vorgängen im Fötalleben oder Entwickel«ngs- hemmuugen. Es gehören hierher: Verengerung oder gänzlicher Verschluß der Lungenschlagader, Offenbleibeu des eirunden Lochs, Verengerung des Aoriencingangs, Umsetzungen der großen Gefäß- stämuie u. s. w., Abnormitäten, die mehr oder weniger das Fortbestehen des Lebens unmöglich machen. Kunze. Hcrzatrophie, zu kleines Herz infolge gehemmter Muskelentwickelung oder Schwund der MnSkelsubstanz des Herzens infolge von Herzkrankheiten; im letzteren Falle ist die Größe des Herzens nicht vermindert. Während im ersteren Falle ein angeborener Instand vvrliegt, dessen Entwickelung in embryonalen Störungen beruht, findet die Abnahme der Muskelsubstanz im extra- uterinalen Leben statt, u. sind Fettentartung des Herzens, Neubildungen in den Herzwänden, Schrumpfungen von Bindegewebswucherungen, des. au den Klappen und Ostieu, die häufigsten Ursachen. Kunze. Herzberg, 1) Kreisstadt im Kreise Schweinitz des preuß. Regbez. Merseburg, an der Schwarzen Elster, Station der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn; schöne Kirche aus dem 13. Jahrh., Fabrikation von Schuhwaaren, Töpferei, Torfstich; 1875: 4009 Ew. — 1506 wurde die Universität Wittenberg wegen der Pest hierher verlegt u. 1578 hier ein Religionsgespräch zwischen sächsischen u. auhaltischen Theologen wegen des Kryptocalvinismns gehalten; 1723 brannte H. ab. 2) (H. am Harz) Flecken mit Stadtrechten im Kreise Osterode der preuß. Landdrostei Hildesheim, an der Stieber und am Fuße des Harzes, Station der Hannöv. Staatsbahn; Gewerbeschule, mehrere Gewehrfabriken, Blankschmieden, Wollenspinuerei, Fabrikation von Feilen, Pappschachteln, Holzwaaren, Leinwand, Wollenwaaren, Cigarren rc.; 1875: 3615 Ew.— Dabei auf einem Berge das ansehnliche Schloß, das 1157 durch Tausch an Heinrich den Löwen kam 235 Herzbeutel — u. nebst Osterode die Residenz der letzten Fürsten von Grubenhagen war. H- Berns. Herzbeutel, s. u. Herz. Herzbcutelkrankheiten, 1) Herzbeutelentzündung (I>ories,räitüs), kommt ziemlich häufig vor als Fortsetzung der Entzündung des Brustfells, ferner bei acutem Gelenkrheumatismus und im Verlaufe gewisser Krankheiten, bes. der Bright- schen Nierencrkrankung, des Typhus, selten als sog. primäre Erkrankung. Bei der acuten Herzbeutelentzündung schwitzt eine wässerig-fibrinöse Flüssigkeit aus der gerötheten u. geschwollenen Innenfläche des Herzbeutels aus u. füllt die Höhle des .Herzbeutels, je nach der ergossenen Quantität, mehr öder weniger an. Fast immer nimmt an der Entzündung die äußerste Schicht des Herzens selbst theil u. ist mürbe rc. Im weiteren Ver- laufe wird entweder die Ausschwitzung wieder aufgesogen, oder es finden Verwachsungen der beiden gegenüberliegenden Herzbeutelflächen mit einander statt; man hat totale Verwachsungen derselben beobachtet. Die durch die Ausschwitzung herbeigeführten Erscheinungen im Leben bestehen in Reibegeräusch bei der Herzbewegung, indem sich die durch die faserstoffigen Auflagerungen rauh gewordenen gegenüberliegenden Herzbeutelblätter aneinander reiben, ferner in Zunahme der Herzdämpfung infolge der Ausdehnung des Herzbeutels durch den Erguß, sehr häufig außerdem noch in Athemnoth, da der vergrößerte Herzbeutel auf die Lungen drückt, in Stichen in der Herzgegend, Herzklopfen u. Fieber. Die Krankheit ist von großer Bedeutung u. führt sehr häufig zum Tode. Bei Übergang in Genesung schwinden die angegebenen Erscheinungen nach 3—4—6 Wochen. Die chronische Herzbeutelentzündung bestchthaupt- sächlich in schleichend sich entwickelnden entzündlichen Verdickungen des Herzbeutels u. macht selten heftige u. charakteristische Erscheinungen. Die Behandlung der acuten H. besteht in Anwendung entzllndungs- widriger Mittel u. körperlicher wie geistiger Ruhe, nöthigeusalls Entleerung der angesammelten Flüssigkeit mit einem Troicart. 2)Herzbeutelver- jauchung (?QStuno-IZ'op>örios,räinm), Ansammlung von jauchigem Eiter u. Luft im Herzbeutel nach Stichen in den Herzbeutel u. anderen Verletzungen desselben. 3) Herzbeutelverwachsung, die nach Herzbeutelentzündungen zurückbleibenden Verlöthungen der gegenüberliegenden Blätter des Herzbeutels; sie ist bisweilen kenntlich an der rhythmischen Einziehung der Brustwand bei der Herzbewegung. 4) Herzbeutelwassersucht (Il^äio- xeriearäium), Ansammlung von wässeriger Flüssigkeit im Herzbeutel bei allgemeiner Wassersucht und bei Circulationsstörungen der Gefäße im Herzbeutel, z. B. bei Verknöcherungen der Kranzarterien des Herzens. Im elfteren Falle entsteht sie meist erst bei hohen Graden der Wassersucht u. kurz vor dem Tode u. erregt heftige Beklemmung in der Herzgegend. Die Behandlung fällt zusammen mit der der Ursachen der Wassersucht überhaupt. Kunze. Herzblume, skurnassia pslnstrio D. Herzdrücken (Oppression), eine allgemein übliche Bezeichnung für ein beklemmendes Gefühl in der Herzgegend, mit Athembeschwerden, großer Ängstlichkeit u. Aufregung verbunden, das häufig bei Herzegowina. vorübergehenden oder länger dauernden Störungen des Blutkreislaufs, bei Herz- oder Lungenkrankheiten, oder infolge starker psychischer Erregung (z. B. nach schreckhaften Träumen) rc. cintritt, meist auch schnell wieder schwindet. Die Behandlung besteht in Aufsuchung u. Aufhebung der Ursache, wonach das H. meist dauernd anshört. E. Berns. Herzegowina (Hersek, Ober-Bosnien, auch Türkisch-Dalmatien), eine Gebirgslandschaft im nordwestlichen Theile der Türkei, liegt zwischen Dalmatien, Montenegro, Serbien u. dem eigentlichen Bosnien und umfaßt etwa 16,500 Hs Irin (300 HW); ca. 290,000 Ew. (180,000 Griechen, 68,000 Mohammedaner, 42,000 Kathol.). Andere Berechnung dermännlichenBevölkerung: 39,472 Mohammedaner u. 42,457 Nichtmohammedaner, zusammen 81,929 Männer (vor dem Aufstande). Sie senkt sich von NO. nach SW. gegen Las sie westlich begrenzende Dalmatische Küstengebirge, durch welches, mehr aber noch durch die östliche, von der Grenze Montenegros an nördlich ziehende Gebirgskette smit Dormitor (2673 m), Welesch (1060 m) u. Porim (1360 in)j die eigentliche Gestaltung der Landschaft bestimmt wird; die zwischen diesen beiden Gebirgsketten streichenden Höhenzllge haben sämmtlich eine geringe Erhebung. Der Boden der H. ist vorwiegend nackter u. dürrer Felsboden; eine Ausnahme bilden nur die Thäler an der Narenta u. ihren Nebenflüssen, die sich einer ziemlich reichen Vegetation erfreuen. Neuerdings soll aus der H. ein Vilajet gebildet worden sein. Hauptort ist Mostar. Blau, Reisen in Bosnien u. der H., Berl. 1877. — Die H. gehörte im Alterthum zur römischen Provinz Jllyrien und war viel dichter bevölkert als gegenwärtig. Als selbständiges Land tritt die H. erst im 9. Jahrh. unter eigenen Fürsten auf, welche zuerst dem Könige von Slowenien, den Herzögen von Rascien u. später den Königen von Ungarn unterthänig waren; dann aber fiel die Provinz wieder an Bosnien. Im I. 1440 erhielt Fürst Stephan von Kaiser Friedrich III. den Herzogstitel, wonach das Land den Namen Herzogsland oder Herzegowina führte. Im I. 1462 hatte Sultan Mohammed II. dem Könige Stephan Thomasewicz von Bosnien das Versprechen gegeben, ihn gegen einen jährlichen Tribut zum Vasallen anzunehmen. Anfänglich wies dieser das Anerbieten ab, konnte aber kein geeignetes Heer zum Widerstande ausbringen und wurde endlich, obwol ihm der Vezier freien Abzug für Übergabe seiner Vesten zugesagt, treulos gefangen genommen u. eingekerkert. Auch die nbriger- Fürsten traf dasselbe Schicksal; die H. wurde 1483 ebensallsunterworfen u.mitBosnien vereinigt. Sultan Mahmud trennte im J. 1832 erst die H. unter dem türkischen Namen Hertschek von Bosnien u. machte ein eigenes Sandschak daraus, um einen seiner treuen Paschas für seine Dienste gegen die aufrührerischen Bosnier zu belohnen. Der Adel Bosniens wie der H. hatte nach der Eroberung durch,, die Türken zum großen Theil die Religion des Überwinders angenommen, weil das sein Vortheil so erheischte u. er nun mit den Türken Bedrücker der christlichen Rajah werden konnte. Der türkischen Regierung war auch das willkom- 236 Herzen - men, weil sie auf diese Weise am leichtesten über bas Land herrschen konnte. So reich das Land von der Natur begabt ist, so fruchtbar es sein könnte, die türkischen Malis haben niemals etwas für dasselbe gethan, nicht einmal Straßen gebaut, auf Lenen die Producte hätten zu Markt gebracht oder auch nur die eigenen Truppen herangeführt werden können. Diese Unterlassungssünde der türkischen Regierung brachte ihr selbst den meisten Schaden. Die fortwährenden Blutsaugereien der Paschas u. des niederen Adels hatten bereits seit Jahren sich immer gesteigert, ohne daß im Innern oder von außen eine Besserung bevorstand. Bitten, Beschwerden, Flucht nutzten nichts, Mord n. Raub bestanden fort. Als im Jahre 1889 der Aufstand der Dalmatiner ausbrach, leisteten ihnen die Herzegowiner möglichste Hilfe. Nun nahm man sich in Dalmatien wol auch der fliehenden Herzegowiner an, aber Österreich hatte für möglichste Grenzabsperrung gesorgt, als der Aufstand in der H. endlich ausbrach; von einer direkten Hilse konnte also nicht die Rede sein. Aber zu vielen Tausenden wurden, als im Juli 1875 die ersten Gefechte zwischen den Insurgenten und türkischen Truppen stattsanden, die Flüchtlinge sammt ihren Heerden in den angrenzenden österreichischen Gebieten und in Montenegro ausgenommen u. verpflegt. Im Aug. waren 4 herzegowinische Corps unter den Waffen; der Aufstand breitete sich aus, ohne daß die Paschas auch nur im Stande waren, ihm einigermaßen beizukommen. Nachdem sich em Theil von Bosnien angeschloffen hatte, war es der Psorte nur noch mit Hilfe der österr. Regierung möglich, den Kamps sortzusetzen, indem jene gestattete, daß der Hasen von Klek zur Land- ung von Truppen u. Munition benutzt u. diese nach der H. geführt wurden. Inzwischen hatten sich aber Serbien u. Montenegro im Juli 1876 veranlaßt gesehen, der Pforte den Krieg zu erklären, wodurch der H. eine mächtige Hilse geleistet wurde. Die Montenegriner besetzten einen Theil derselben, u. wo die türkischen Truppen ihnen entgegentraten, wurden letztere zurllckgeschlagen. Der im November eingetretene Waffenstillstand brachte auch den Insurgenten einige Monate der Ruhe; als aber die Friedensunterhandlungen in die Länge gezogen und namentlich die vom Fürsten Nikita geforderte Amnestie für die geflüchteten Herzegowiner und deren Repatriirnng von der Pforte ver- weigert wurde, da brach im März 1877 wie in NordboSnien auch in der H. der Aufstand wieder aus. Die wiederholten türkischen Gewaltthaten reizten dazu und starke Jnsurgenten-Abtheilungen setzten sich in der Suttorina (SWSpitze gegen das Meer) fest. Montenegro verlangte den Besitz von N.iksitsch u. Gatschko in der H., welche eingeschlossen waren, und werden diese Plätze ihm wol zusallen. (Geogr.) H. Berns. (Gesch.) Schmeidler. Herzen, Alexander, rnff. Publicist, geb. 25. März 1812 in Moskau, Sohn des russischen Fürsten Jakowleff u. einer Deutschen, Luise Haag aus Stuttgart, studirte in Moskau Naturwissenschaften u. Philosophie, wurde aber wegen seiner Hinneigung zum Hegelianismus und wegen freisinniger Äußerungen, sowie des St. Simonismus verdächtigt, 1835 nach Sibirien geschickt, erhielt - Herzfeld. jedoch die Erlaubniß, in Perm zu leben n. bei der Verwaltung u. Justiz Dienste zu nehmen; von Perm kam er nach Wjätka, erhielt 1837 auf Verwenden des damaligen Großfürsten Thronfolgers (jetzigen Kaisers Alexander II.) die Erlaubniß, nach Wladimir überzufiedeln, wurde 1839 amne- stirt, 1840 nach PUersburg gerufen u. im Ministerium des Innern angestellt, aber bereits 1841 als verdächtig dieser Stelle enthoben u. in Nowgorod internirt; er kehrte 1842 nach Moskau zurück, ging 1846 nach Berlin, 1847 nach Paris, bereiste seit 1847 Sllditalien, war dann während der Februarrevolution wieder in Paris u. verkehrte viel mit den französischen u. deutschen Demokraten; 1849 zog er nach der Schweiz, wo er im Kanton Genf Las Bürgerrecht erwarb, und siedelte 1851 nach London über, wo er eine Druckerei anlegte, seit 1853 ein freisinniges russisches Jahrbuch, Der Polarstern, und die Monatsschrift Lolobol (Die Glocke) und Stimmen aus Rußland herausgab; 1865 verließ er London und zog wieder mit der Glocke nach Genf, die er dort bis 1868 herausgab. Seitdem viel auf Reisen, wollte er sich eben in Paris niederlassen, als er 21. Jan. 1870 starb. Er schrieb seit 1842 unter dem Pseudonym Isländer: Der Dilettantismus in der Wissenschaft, u. Briefe über das Studium der Natur; die Romane: Wer ist Schuld? u. Der Doctor Krüpof; Neiseerinnerungen, Perm 1847; Vom anderen Ufer, 1850; Briefe aus Italien u. Frankreich; bis 1848 mehrere Novellen, gesammelt als Unterbrochene Erzählungen, 1854; Du äsvsloxpsmsnt äss iässs rsvolutionairss sn Russis, Lond. 1853: Erinnerungen aus meinem Leben, Hamb. 1854—59, 4 Bde. (englisch als LI)' exils in Liberia, London 1855, 2 Bde.); Der Polarstern (russisch), Lond. u. Gens 1857—68, 8 Bde.; Memoiren der Fürstin Daschkow, Hamb. 1857, 2 Thle.; La Francs on 1'L.nAlstsrrs? Lond. 1858 (deutsch Hamb, 1858); Die russische Verschwörung u. der Aufstand vom 14. Dec. 1825, Hamb. 1858; Llsmoirss cke l'iw- pöratrios Oatlmrins IL, sorits pur slls-msms, Lond. 1859 (deutsch Hannov. 1859); Ls monäs russs st Is. rövolution, msmoirss, Par. 1860—62, 3 Bde.; Memoiren der Verbannten des 14. Dec. 1825 (russisch), Lond. 1862; Miss i vomni, ebd. u. Genf 1861—67, 4 Bde.; Lamivia Rossa, la obemiss rouAö, Oaribaläi ä Lonäres, Brüssel 1865; Ls visux monäs st la Russis, 1864; La nouvsils pbass äs la littsraturs russe, Paris 1864. Seine nachgelassenen Werke erschienen Genf 1870. K-lchner.» Herzfeld, Levi, Landesrabbiner in Braunschweig, berühmt als Kritiker u. Forscher in der jüdischen Geschichte, geb. 27. Dec. 1810 zu Ellrich am Harz, ward früh in das Studium der Bibel u. des Talmud eingeftthrt, besuchte das Gymnasium in Nordhausen, studirte auf der Universität Breslau Philosophie, klassische u. orientalische Philologie, promovirte daselbst, setzte dann seine Talmndstudien bei dem Landesrabbiner S. Egers in Braunschweig fort, ward daraus dessen Adjunct u. 1842 dessen Nachfolger. Er erösfnete die erste Rabbinerversammlung in Vraunschweig. H. war fortwährend wissenschaftlich thätig, schon 1838 erschien seine Übersetzung u. Erklärung des Koheleth, 237 Herzförmig — > 1846 Vorschläge zu einer Reform der jüdischen Ehegcsctze, 1855 eine Bearbeitung des Gebetbuches, 2. Ausl.. 1874; Metrologische Untersuchungen zu einer Geschichte des ibräischeu resp. alt- jüdischen Handels, Lpz. 1863—65; Vorträge über Kunstleistungen der Hebräer, Lpz, 1864. Besonderes Verdienst erwarb sich H. durch seine mit großer Belesenheit in jüdischen u. classischen Werken, mit gründlicher n, besonnener Kritik behandelte Geschichtpartie, welche zu den dunkelsten in der jüdischen Geschichte gehörte, nämlich die Geschichte des Volkes Jisrael von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Einsetzung des Makkabäers Schimon zum hohen Priester und Fürsten; der erste Band erschien in Braunschweig 1847, die zwei folgenden in Nordhausen 1855—57. Ein Auszug dieses Geschichtwerkes mit Weglassung der Noten u. gelehrten Excnrss erschien Leipz. 1870. Von 1861—73 war H. unter den Leitern des von Philippson ins Leben gerufenen Jüdischen Literaturvereins. Fürst. Herzförmig, s. Blatt IH. Hcrzglied, lesbisches Kymation, architektonisches Glied in der antiken Baukunst, mit herzförmigen Blättern geziert. Herzgrube (Lerobieulus oorclis), die Vertiefung unterhalb des Schwertforlsatzes des Brustbeins u. zwischen den Knorpeln der kurzen Rippen; sollte richtiger Magengrube genannt werden, da hier der Magen, nicht das Herz liegt. Herz-Jesu-Andacht, s. Heiliges Herz Jesu. Herzkirschen, mehrere Klassen der Süßkirschen, welche sich von den härteren Knorpelkirschen durch ihr weiches Fleisch u. unter sich durch ihre dunkle, bunte oder gelbe Farbe unterscheiden (vgl. Kirsche). Herzkohl (Wirsing), s. Kohl. Herzkrankheiten, Krankheiten der Herzmus- kulatur u. der inneren Herzauskleidung; zu ihnen gehören: 1) das Herz-Aneurysma, eine umschriebene, sackartige Ausbuchtung der die Herzhöhlen auskleidenden Haut infolge von entzündlichen Processen des Herzflcischcs. 2) Die Herzentzündung. a.) Die Entzündung der Mus- kelsnbstanz des Herzens (NFoearckrbis) gehört zu den seltenen Erkrankungen und kommt vor bei Fortleitung einer Entzündung von der inneren Herzauskleidung oder vom Herzbeutel aus, oder vom Brustfellsack auf die Muskelsubstanz, bisweilen nach einem Stoße auf die Brust, öfters auch durch Einschwemmung kleinster Partikelchen aus Rotzknoten, aus Jaucheherden von Kindbett- fieberkranken oder anderer schwer Erkrankter rc., in die Hcrzmuskelsubstanz. Sie tritt fast stets in einzelnen Herden auf, ihr Lieblingssitz ist die Muskelsubstanz des linken Ventrikels; in einzelnen Fällen sah man die ganze Herzmusculatur entzündet. An den entzündeten Stellen sind die Muskelfasern durch eine eiweißartige Substanz ausgequollen und ihre Qncrstreisung ist verloren gegangen. Allmählich entfärben sich diese Herde immermehr, werden blaß, weißlich-grau, weich u, matsch und bilden schließlich einen weißsarbigen, grauröthlichen Brei, der in den meisten Fällen nach innen in eine Herzhöhle durchbricht u. vom Blutstrome fortgespült theils eine Aushöhlung in der Herzwand (ein Herzgeschwür) zurückläßt, theils Herzkrankheiten. in entfernte Organe eingeschwemmt eine Menge Verstopfungen kleinster Blutgefäße (Embolien, Metastasen) zur Folge hat. In der neuesten Zeit fanden einige Beobachter Entzündungsherde im Herzfleische, die aus lauter Pilzen bestanden (parasitäre Myocarditis), u. die Entzündungsherde entwickelten sich im Verlause deS Rotzes und der hektischen Blutvergiftung. Bedeutendere Störungen als im Herzfleische bewirken Entzündungen in den Herzklappen; sie verhindern den richtigen Schluß der Klappe u. bei ihrem Durchbruch nach innen können Löcher in denselben entstehen, durch welche das Blut ungehindert aus der Herzkammer in den Borhof zurllckfließen kann. Bisweilen kommt es nach Aufsaugung der erweichten Herd- Masse zu einer Heilung u. Narbenbildung. Dis Erscheinungen sind meist so unbestimmt, daß an eine Erkennung und somit auch an eine radicale Behandlung der Krankheit nicht gedacht werden kann; zuweilen mischen sie sich mit denen der Herzbeutelentzündung und der Entzündung der inneren Herzauskleidung u. sind von diesen nicht zu trennen. In ganz reinen Fällen beobachtete man hohe Athemnoth mit ausgebildeten Erstick- ungsansällen, drückenden Schmerz in der Herzgegend, höchste Angst und, was von besonderer Wichtigkeit, ein ungewöhnliches Seltenwerden deS Pulses, so daß derselbe bis auf 20—25 Schläge in der Minute sinken kann. Der Herzstoß ist meist unfllhlbar, die Herztöne bisweilen kaum hörbar. Schließlich pflegt sich Kälte u. bläuliche Färbung der Extremitäten und des Gesichts, fer- ner Hautwassersucht einzustellen, u. der Tod tritt ein durch Stillstand des Herzens. Bisweilen beobachtet man bindegewebige Durchwachsungen des Herzfleisches in diffuser oder umschriebener Form, Veränderungen, die sich in sehr allmählicher Weise entwickeln, des. bei Syphilis beobachtet sind und als chronische Myocarditis bezeichnet werden. Auch sie können die mannigfachsten Störunge» der Herzbewegung herbeiführeu. b) Die Entzündung der inneren Herzauskleidung, Lucio e-rrckrtis, ist eine häufige Krankheit u. kommt in zwei Formen vor: bei der einen bilden sich an einzelnen Stellen der inneren Herzauskleidnng, bes. an Len Klappen »ach Voraufgang von Röthe u. Schwellung des Endo- cardiums kleine Herde, die von vielen Pilzmafsen durchsetzt sind ».schließlich in eine bröckliche Masse zerfallen, welche mit dem Blutstrome weggeschwemmt wird, geschwürige (Endocarditis), bei der anderen bilden sich Bindegewebswucherungen, welche nach u. nach die Form von resistenten blumenkohl- oder hahnenkammartigen Gewächsen oder knolligen, harten Verdickungen annehmcn, den exacten Klappenschluß verhindern u. eine Verengerung des Eingangs in den Ventrikel herbeiführeu (fibröse Endocarditis). Diese Veränderungen bleiben nun das ganze Leben bestehen u. bilden die Unterlage zu den sog. chronischen Herz(klappen)fehlern. Di: elftere Form der Herzentzündung ist die seltener» u. wird des. bei Verjauchungen und pyämischen ^ Processen (z. B. im Wochenbette), bei Rotz beob> ^ achtet, Loch sah man sie auch nach leichten Ver- ^ letzungen an den Fingern u. anderen Körpcrtheilen i entstehen; die zweite Form kommt bes. im Verlaufe 238 Herzkrankheiten. des acuten Gelenkrheumatismus vor u. ist bei diesem die häufigste Complication. Die geschwiirige Endokarditis verläuft stets in sehr acuter Weise unter typhösen fieberhaften Erscheinungen u. führt wol immer zum Tode. Der letztere ist hauptsächlich bedingt Lurch die Einschwemmungen von Pilzpartikelchen aus dem Herde im Herzen in die verschiedensten Organe: Gehirn, Milz, Leber, Lungen u. durch die Folgen dieser Einschwemmungen, die in schlagflußähnlichen Zuständen, Lungenentzündung, Milzanschwellungen rc. bestehen können. Die Erkennung der geschwürigen Endocarditis ist meist sehr schwierig u. erhebt sich oft nicht über eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose. Eine Heilung dürfte in keinem Falle zu erwarten sein. Günstiger in Betreff der Lebenserhaltung und Diagnose ist die fibröse Endocarditis. Die knolligen Verdickungen an den Eingangsstellen in die Herzkammern resp. in die großen arteriellen Gefäßstämme, geben sich sehr bald durch ein Geräusch zu erkennen, da bei der Herzaction der Blutstrom nunmehr über rauh gewordene Flächen und hervorspringende Rauhigkeiten strömt, während die Klappen selbst schlußunfähig werden u. bei der Zusammenziehung des Herzens das Blut wieder in die schon verlassene Herzhöhle zurückfließen lassen, wobei gleichfalls ein Geräusch entsteht. Je nach dem Orte, wo diese Geräusche am deutlichsten gehört werden, läßt sich entscheiden, welche Klappe und welche Stelle am Herzen die durch Endocarditis veränderte ist. Am häufigsten sind die zweizipflige und die Aortenklappen u. die diesen entsprechenden Eingänge in den linken Ventrikel und in die Aorta krankhaft entartet. Ist einmal eine Verdickung der inneren Herzauskleidung entstanden, so bleibt sie das ganze Leben bestehen, in vielen Fällen findet sogar eine Vermehrung der Verdickungen statt, z. B. wenn eine neue Erkrankung an Rheumatismus eintritt. Wir bezeichnen nun Liese stabilen Veränderungen im Herzen im Allgemeinen mit dem Namen chronische Herzfehler u. unterscheiden Herzklappensehler (Klappeninsufficienzen) u. Herz- ostienfehler (Ostienstenosen). Nicht selten sind beide zugleich vorhanden; die Grade beider Veränderungen können so groß sein, daß die Öffnungen nur die Weite einer Federspule haben, während die Klappe bei ihrem Schluffe noch einen Raum übrig läßt, durch welchen man bequem einen kleinen Finger durchstecken kann. Die Folgen solcher hochgradiger Stenosen und Jnsufficienzen liegen sehr nahe. Denken wir uns, um uns die Folgen einer Klappeninsusficienz klar zu machen, die zweizipfliche Klappe als insusficient, so wird bei der Zusammenziehung des Herzens der Blutstrom nicht vorwärts in die Aorta hineiugedrückt, sondern ein großer Theil Blut Kitt durch die unverschlossene Klappe in den linken Vorhof zurück u. hält theils die Zuströmung des Blutes aus den Lungen in den linken Vorhof auf, stauet das Blut in den Lungen an, theils vermischt es sich mit dem aus den Lungen in den linken Vorhof zuströmenden Blute und tritt nun wiederum in die linke Herzkammer behufs Weiterbeförderung bei der nächsten Zusammenziehung des Herzens ein. Das Herz hat also doppelte Arbeit, die sich um so mehr steigert, je stärker die Jnsufficienz ist. Im großen Ganzen sind die Folgen der Stenosen dieselben, wie die der Jnsufficienzen. Alle diese Herzfehler haben überhaupt eine mehr od. minder bedeutende Blutstauung in dem vor dem Klappen- und Ostienfehler liegenden venösen Blutbezirke (in den Lungen, im Kopfe, im Unterleibe und den Extremitäten) zur Folge. Diese Blutanstauungen erreichen oftmals sehr bedenkliche Grade, wenn durch irgend eine Veranlassung (z. B. eine starke Ge- müthsbeweguug, durch Bergssteigen, durch eine Enkräftung infolge von consumirenden Krankheiten rc.) die Herzkraft Herzkranker geschwächt wird — es vermag dann das Herz die vermehrte Arbeit nicht zu leisten (Compensationsstörungen des Herzens). Erscheinungen solcher Compensationsstörungen sind bedeutend häufigere Zusammenziehungen des Herzens, Herzklopfen, Gefühl von Druck in der Brust, nicht selten Bluthusten, ferner Schwindel, Schwere der Glieder. Der Zustand ist um so gefährlicher, je kraftloser der Herz, kranke ist, u. wird aus diesem Grunde die Com- pensationsstörung nicht selten die Todesursache von Herzkranken in dem vorgerückteren Lebensalter. Im gewöhnlichen Leben spricht man in solchen Fällen von Tod durch Herzlähmung, obwol diese Bezeichnung noch eine weitere Bedeutung und noch alle jene zum Stillstand des Herzens führenden Zustände in sich faßt, bei denen ein sog. chronischer Herzfehler nicht besteht, z. B. Herzstillstand infolge der Einwirkung von Giften, von hohem Fiebergrade rc. Die Behandlung ist in allen Fällen Sache des Arztes. 3) Die Herzerweiterung (Dilatation) u. Herzvergrößerung (Hypertrophie) kommen meist zusammen vor; die erstere besteht in einer Vergrößerung einer oder mehrerer Herzhöhlen, die letztere in einer Zunahme der Muskelsubstanz des Herzens n. dadurch herbeigesührten Verdickung der Herzwandungen. Geringere Grade des Leidens sind schwer zu taxiren, bei höheren Graden kann das Herz eines Erwachsenen einen Umfang von 8—12 Zoll erlangen (Ochsenherz, oor taurinnin). Beide Krankheiten treten nie selbständig ein, sondern nur infolge von Strömungshindernissen in der Blutbahn (Verengung des Eingangs in die Aorta, Jnsufficienz der Aortenklappen, aneurysmat- ische Ausdehnungen der Aorta u. Brightsche Nierenentzündung) auf, die eine gesteigerte Thätigkeit der linken Herzkammer erfordern u. bei längerer Dauer wie an jedem anderen Muskel eine Umsangzunahme der Muskelsubstanz, sowie schon vorher durch die erhöhte Spannung der Blutsäule eine Ausdehnung der Herzhöhlen, die Dilatation, herbeiführen. In hohen Schwächezuständen finden wir bisweilen eine acute Herzerweiterung, die gewöhnlich der Herzlähmung vorhergeht. In allen anderen Fällen finden wir als Erscheinungen der Herzerweiterung mit Herzvergrößerung (dilata- tiver Herzhypertrophie) eine Verbreiterung der Herzdämpfung, den Spitzenstoß des Herzens, die Brustwarzenlinie nach links überschreitend, Herzklopfen bei der geringsten körperlichen u. geistigen Erregung (Herzpalpitationsn), vermehrten Herzstoß, nicht selten Brustbeengung rc. Kranke mit diesem Leiden müssen ein sehr ruhiges Leben führen, alle Exceffe in der Liebe u. an der Tafel meiden, leicht verdauliche Kost (besonders Gemüse, 239 Herzmittel Obst) genießen, wenn sie an Blutfülle leiden, nahrhafte, wenn sie mehr zu den Blutleeren ge. hören. Treten vonZeit zu Zeit stärkere Herzactionen ein, so sind dieselben durch kalte Umschläge aufs Herz und event. durch Digitalis zu mäßigen. 4) Das Herzklopfen, vermehrte, mit dem unangenehmen Gefühle der Beängstigung verbundene Herzbewegungen, durch welche der Brustkasten sichtbar erschüttert wird. Es beruht entweder auf organischen Störungen (so bei Herzver» größerung und bei Compensationsstörungen der Klappenfehler); oder es ist rein nervöser Natur. Dieses nervöse Herzklopfen wird bei Bleichsüchtigen, bei Hysterischen und Hypochondristen, bei durch Onanie Geschwächten, bei übermäßigem Genuß von aufregenden Getränken (Kaffe) rc. beobachtet. Die Behandlung richtet sich theils gegen das ursächliche, theils gegen das örtliche Leiden. In letzterer Beziehung passen Kaltwasser- compressen aufs Herz, einige Tropfen Hallersches Sauer auf Zucker, Brausepulver, Fruchteis rc. 5) Herzkrämpfe (Lngina psetoris, Steno- cardie, Neuralgie des Herzplexus), ein nervöses Leiden, welches sich durch Anfälle der allerheftigsten Zusammenschnürungen der Brust in der Gegend des Herzens mit wahrem Todesgesühl äußert und in einem abnormen Erregungszustände der sympathischen Nerven zu bestehen scheint. Die Anfälle kommen meist zur Nachtzeit, die Kranken stürzen ans Fenster, um nach Luft zu schnappen, deren frisches Anwehen ihnen Linderung bringt. Der Herzstoß ist entweder abgeschwächt, od. es ist Herzklopfen vorhanden, Hände u. Füße kühl. Nach Verlauf von 1—2 Stunden endigt der Anfall u. zwar nicht selten unter Entleerung eines copiösen wässerigen Urins. Die Kranken sind meist über 50 Jahre alt, wohlgenährte, nicht selten fettleibige Personen, u. öfters fand man bei denselben Fettherz u. Verknöcherung der Kranzarterien des Herzens. Die Anfälle scheinen keine Lebensgefahr zu bedingen u. viele Personen ertragen die Krankheit jahrelang. Im Anfalle Pflegt man Abreibungen des Körpers mit einer Bürste, Fuß- u. Handbäder mit Senfmehl, die krampsstillenden Mittel: Baldrianstropfen, Moschus, Castoreum rc. anzuwenden. In letzter Zeit hat man öfters raschen Erfolg von Amylni- trit, 3—4 Tropfen auf ein Taschentuch getröpfelt u. eingeathmet, gesehen. Nach dem Anfalle suche man etwaige Störungen im Körper zu beseitigen, lasse bei Fettleibigen eine Kur in Karls- od. Marien- bad gebrauchen, empfehle Bleichsüchtigen Eisen rc. 6) Herzverfettung, Fettherz, Einlagerung von Fett in das zwischen den Muskelfasern und unter dem Herzbeutel liegende Zellgewebe (Fettinfiltration), so daß das Herz nicht selten von Fett förmlich eingekapselt ist, od. Untergang der Muskelfasern durch fettige Entartung (fettige Degeneration). Der Erfolg beider Zustände für das Herz ist annähernd derselbe. Die Fettinfiltration bringt nämlich schließlich gleichfalls, u. zwar durch Druck, die Muskelfasern zum Schwunde. Nur in ihrer Entstehung ist die Fettinfiltration günstiger, insofern sie durch eine fettlose Diät u. settauflösende Mittel aufgehalten resp. redressirt werden kann. Die Ursachen der Fettinfiltration liegen bes. in allgemeiner Fettleibigkeit (Fettsucht), — Herzog. und zu reichlichem Genuß von alkoholischen Getränken, die der fettigen Entartung in anhaltend hohen Fiebergraden, in dyscrasischen Zuständen (Schwindsucht, Scorbut, Krebs), in der Einführung gewisser Gifte, bes. des Phosphors. Die Folgen u. Erscheinungen des Fettherzens resultireu aus der mangelhaften Zusammenziehung des Herzens; dasselbe vermag die Blutsäule nicht genügend vorwärts zu treiben; es entstehen daher Blutstauungen im Herzen, in den Lungen, die sich ourch Kurzathmigkeit, asthmatische Anfälle u, Beklemmung in der Herzgegend zu erkennen geben, ferner Blutstauungen in den Venen, dagegen Blutleere der Arterien des Gehirns, die sich durch schlag- flußähnliche Zustände mit Schwindel und Brechneigung kenntlich machen. Am Herzen selbst ist der Stoß kaum fühlbar, die Herztöne schwach u. schwer zu hören, ohne daß jedoch Geräusche den Herztönen anhaften. Der Tod erfolgt nicht selten unter den Erscheinungen von Hirnschlagfluß. Bei der Behandlung ist vor Blutenziehungen zu warnen, die sofortigen Tod zur Folge haben würden. Es passen nur anregende Mittel, wie Wein, schwarzer Kaffe, Baldrianthee rc., um energischere Zu- sammenziehungen des Herzens zu veranlassen. 7) Herzversteinerung, eine gipsartige lkmkleid- ung des Herzens, dis in seltenen Fällen infolge von Herzbeutelentzündung durch kalkartige Niederschläge in die ausgeschwitzte Masse entsteht. 8) Herz- wunden. Sie können entstehen durch Messerstiche, durch Schußwaffen u. dergl. Sie sind sofort tödt- lich, sobald die Wunde in die Herzhöhlen dringt. 9) Herzzerreißungen kommen zu Stande durch sehr heftige Stöße auf die Herzgegend, durch einen Sturz von bedeutender Höhe u. meist finden sich außer Zerreißungen am Herzen noch solche der Leber, des Magens, der Harnblase. Sie sind unbedingt tödtlich, doch gingen in ein Paar Fällen die betreffenden Personen erst noch eine Strecke und fielen dann erst plötzlich todt nieder. Bisweilen finden sich Herzzerreißungen infolge fettiger Entartung des Herzens, bei Herzentzündung und Absceßbildung im Herzfleische; Aufregungen aller Art geben hierzu meist die Veranlassung; auch die Zerreißungen letzterer Art sind immer tödtlich. Kunze. Herzmittel, Mittel, welche specifisch auf das Herz wirken, theils durch Verlangsamung u. Regulirung seiner Thätigkeit (so bes. Fingerhut), theils dadurch, daß sie die gesunkene Herztätigkeit wieder anregen (wie die Lmalextioa u. Dr- oitantia, s. d.). Herzmuschel, Oaräium L., Gattung der Muscheln; Schale stark gewölbt, längs-gerippt, gleich- klappig, Wirhel hervorspriugend, umgebogen; hat, von vorn betrachtet, das Ansehen eines Herzens; das Schloß hat zwei schiefe mittlere und zwei zusammengedrückte seitliche Zähne; das Thier hat einen langen, sichelförmigen Fuß, mit dein es sich fortschnellen kann. Dahin die eßbare H., Oaräium säuls L., Nordsee u. Mittelmeer; Jgelmuschel, 6. aoulastum T,., ebenda; Bau- ernherz, 0. rustieum Dam. u. v. a. Farwick. Herznerven, s. Herz. Herzog, ursprünglich der für die Dauer des Krieges gewählte Heerführer (lat. Var) bei den 240 Herzog Ernst. Germanen. Nach der Völkerwanderung blieben die Herzoge, wo sich Stämme niedergelassen hatten, deren Oberhäupter, so seit Anfang des 6. Jahrh. Herzoge der Thüringer, Bayern, Burgunder, Alemannen rc. u. wurde ihre Würde in gewissen von Alters her edeln Geschlechtern erblich. Ihr Amt war damals, ihre Provinz im Namen des Königs zu regieren, die königl. Gefälle zu erheben, die Truppen ihres Bezirks im Kriege anzuführcn u. auf die Rcchtssllhrnng der Grasen, deren mehrere sie unter sich hatten, zu achten. Bei der Schwäche der MerowingijchenKönige erstrebten dieseNational- (Volks)-Herzoge ihre vollständige Selbständigkeit u. setzte, dem vorzubengen, Karl der Große an ihre Stelle in den Fränkisch - Deutschen Provinzen die Sendgrasen, welche zeitweilig dieselben zu inspiciren hatten, u. in den Grenzlandschaften Markgrafen ein. Aber unter seinen Nachfolgern wurden bereits wieder aus diesen Markgrafen und Scndgrafen ständige H-e ernannt, die dann auch sofort nach der Stellung von erblichen Landesherren zu streben begannen, so daß zu Beginn des 10. Jahrh. fünf'erbliche H-thümer: Bayern, Schwaben, Franken, Sachsen und Lothringen bestanden und zwar in möglichst loser Verbindung mit dem Reiche n. unter sich, u. nach dem Erlöschen der Karolinger suchten außer Franken u. Sachsen die H-e sich ganz loßznreißen, so daß schon viel gewonnen schien, wenn sie nur noch die Oberhoheit der Könige anerkannten. Otto I. schritt endlich energischer ein und machte meist Glieder seiner Familie u. ihm Ergebene zu H-en u. Heinrich lH. hob das Amt der H-e ganz auf oder ertheilte es nur auf kurze Zeit. Dagegen überließ die Kaiserin Agnes als Regentin für Heinrich IV. den sich wieder erhebenden H-en, um dieselben ihrem Sohn günstig zu erhalten, die H-swürde erblich. Nach dem Aussterben der Hohenstaufen gingen die Häuser der alten deutschen H-e fast sämmlich ein, so in Franken, Schwaben und Nieder-Lothringen, und wurden deren Lande unter mehrere Dynasten zerstückelt; die H-swürde von Sachsen ging nach Heinrich dem Löwen znm Theil auf das Haus Askanien über (Sachsen- Lauenbnrg, nachmals Knrsürst), zum Theil wurde für die welfischen Allodialbesitzungen 1235 das neue H-thum Brannschweig gegründet; Ober- Lothringen wurde endlich französisch; nur in Bayern hat sich das alte H-thum in dem Hause Wittelsbach erhalten. Außerdem erhielten den H-s- titel theils Erben von Stücken früherer H-thümer, theils andere mächtig gewordene Grafenhänjer; so schon 1156 Österreich; 1185 entstanden H-e der Slaven, später die H-e von Pommern, u. ebenso nahmen die Grafen von Istrien nach Beerbung Konrads, H-s von Dalmatien, den Namen H-e von Meran an; 1273 wurde durch Rudolf I. Meinhard von Tirol H. von Kärnten, 1339 Rainald H. von Geldern u. 1349 Johann u. Albrecht H-e von Mecklenburg, 1354 Wenzel H. von Luxemburg und 1356 Markgraf Wilhelm H. von Jülich, 1378 Graf Wilhelm H. von Berg, und 1416 legte Kaiser Sigismund dem Grafen Amadeus von Savoyen u., 1423 nach der Übertragung der Kur Sachsen an das Haus Wettin in Meißen und Thüringen, Len jüngeren Prinzen dieses Hauses, Friedrich III., dem König Christian IV. von Dänemark als Grasen von Holstein, Maximilian I. 1495 dem Grasen Eberhard von Württemberg, Ferdinand III. 1644 dem Fürsten von Arenbcrg den H-stitel bei. Oldenburg wurde 1776 zum H-thnm erhoben (doch war die Linie Holstein, welche es besaß, schon früher herzoglich); das Hans Nassau nahm 1806 u. das Haus Anhalt 1807 als Rheinbnndfllrsten den Titel H. an. Jetzt führen denselben in Deutschland folgende regierende Häuser: Anhalt, Brannschweig und Sachsen Ernestinischer Linie (außer Weimar). Der Titel der souveränen H-e in Deutschland ist seit 1844 Hoheit (früher Durchlaucht), der der medir- tisirten u. Timlar-H-e nur theilwcise Durchlaucht. Außerdem führen von nichtregierenden in Deutschland noch die Seitenlinien der Häuser Bayerns n. Württembergs den H-stitel, elftere nicht von, sondern in Bayern; dann das Haus Holstein, die Prinzen des Hauses Mecklenburg n. Oldenburg. Außerhalb Deutschland existirt kein regierendes Haus mit dem H-stikel, seit Modena u. Parma in Italien einverleibt wurden; dagegen von nicht regierenden die Prinzen der französ. Familien Bourbon u. Orleans, des englischen Königshauses ^ (die Söhne der Königin Victoria u. des Prinzen Albrecht den Titel H-e zu Sachsen). Endlich sind H-e noch einige sonst souveräne Fürsten, wie das Haus Urenberg, Leuchtenberg, Ratibor rc. Einige regierende Häuser haben den Titel H. mit dem Großh. vertauscht. Das Haus Oesterreich führt für seine Prinzen schon lange den Titel Erzh. Ein anderes Verhältnis) fand in den übrigen europäischen Ländern mit dem H-stitel statt. Anfangs waren auch dort die H-e mächtige Vasallen, bald aber erhielten die Könige die Oberhand über sie. Nur in Frankreich machten die H-e von Guienne, Gascogne, der Normandie, der Bretagne u. von Burgund den Königen viel zu schaffen. Seit dem 15. Jahrh. gelang es aber den Königen von Frankreich, diese Provinzen durch Gewalt od. durch Heirath wieder unter ihre Herrschaft zu bringen. Jetzt ist H. in England, Spanien, Italien und Frankreich bloß ein Titel des höheren Adels, welcher unter Napoleon I. u. Napoleon III. mehrfach für Kriegsthaten u. a. Verdienste erblich verliehen worden ist. In Frankreich folgt der Duo im Rang nach dem krinos, indem dieser den Titel Altssss, jener nur den Lxoollsnos hat. — Das Wappen > der H-e war sonst mit einem Fürstenhnt geziert; ^ die souveränen H-e haben aber jetzt größtenthcils Königskronen, als Zeichen der Souveränetät, über ihre Wappen angenommen. Henne-Äm Rhyn.« Herzog Ernst, der ursprüngliche Held dieser Sage war Ludolf, der Sohn des Kaisers Otto I. d. Gr. aus erster Ehe (P 957). Sein Name wurde von dem im Volksgesange des 11. Jahrh. gefeierten Herzogs Ernst II. von Schwaben (P 1030) verdrängt, aber auch in den Namen eines Herzogs von Bayern übersetzt (Ernst I. von Bayern, Markgraf im Nordgau, den Ludwig der Deutsche 861 absetzte und verbannte); die älteste uns be- > kannte Darstellung dieser Sage ist ein zwischen s 1170 u. 1180 nach einer lateinischen Quelle be- .j arbeitetes Gedicht in niederrheinischer Mundart, ll von dem nur Bruchstücke auf uns gekommen sind. 241 Herzog - Dagegen haben sich 2 dichterische Überarbeitungen dieses Werkes, von welchen die eine im Wendepunkte des 12. u. 13. Jahrh., die andere zwischen 1277 u. 1285 entstanden ist, ganz erhalten; ebenso zwei freie lateinische Reprodnctio- nen des niederrheinischen Gedichtes, die eine prosaische, wol noch in das 13. Jahrh. fallende, das Werk eines gelehrten Geistlichen, die andere in Hexametern von einem gewissen Odo vor 1232 verfaßt. Aus der lateinischen Prosadarstellung ist das deutsche Volksbuch des 15. Jahrh. hervorgegangen. Ein in alten Drucken vorhandenes Baiikelsangerlied von Herzog Ernst wurde im Heldenbuche Kaspars von der Röhn (1472) verkürzt, beide Texte weisen auf einen Text des 14. Jahrh. Vgl. K. Bartsch, H. E., Wien 1869; Gewinns, 5. A. I., 289 ff. Zimmermann. Herzog, 1) Johann, schweiz. Staatsmann, geb. 17. Jan. 1773 zu Esfingen bei Brugg im Kanton Aargau, trat in das Baumwollengeschäft seines Vaters, war 1792 Berner Offizier während der Unruhen im Kanton Waadt, 1798 Mitglied des großen Rathes der helvet. Republik, wo er als gewandter Redner gegen die Gewaltthaten der Franzosen auftrat, folgte 1800 als helvetischer Kriegscommissär der Armee Moreans nach Deutschland, wurde nach seiner Rückkehr helvet. Regierungsstatthalter des Kantons Aargau, 1805 Gesandter des letzteren bei der schweiz. Tagsatzung, 1807 Mitglied der Regierung seines Kantons, zog nach der Hauptstadt Aarau, wohin er auch 1810 seine Baumwollenspinnereiverlegte, die ersehrvergrößerts. Im Jahre 1813 trat er fest für die von Bern bestrittene Unabhängigkeit Aargaus ein. 1819 wurde er Regierungspräsident. Durch eine Sendung nach Stuttgart, um für seinen Kanton billiges Salz zu erhalten, gewann er die Freundschaft des Königs Wilhelm von Württemberg. Nach der Umwälzung von 1831 schied er aus der Regierung. Auch im schweiz. Militär leistete er wichtige Dienste, namentlich im Rechnungswesen u. wirkte viel für Bildung u. Wohlstand seiner Heimat. Er st. in Aarau 21. Dec. 1840. 2) Hans, General und Oberbefehlshaber der eidgenössischen Armee, geb. 1819, für den Handelsstand bestimmt, widmete sich daneben militärischen Studien u. trat, nachdem er in Handlungshäusern in Triest, Mailand u. Havre thätig gewesen, 1839 in die schweizerische Artillerie, dann 1846 als Freiwilliger in die württembergische Artillerie u. wurde 1860 zum Jnspector der Schweizer Artillerie ernannt. Bei Ausbruch des Dentsch-französ. Krieges 1870 wurde ihm der Oberbefehl über die an der Grenze ausgestellte Armee übertragen. 1. Febr. 1871 schloß er die Convention mit dem französ. General Cli- chant über die Jnternirung der Bourbakischen Armee u. leitGr deren Überführung in die ihnen angewiesenen Kantone. H. war zu verschiedenen Malen hei Manövern deutscher Truppenkörper im Auftrag seiner Regierung zugegen. 3) Johann Georg, geb. 6. Sept. 1822 zu Schmölz in Franken, erst Organist an der Protest. Kirche in München, wurde dann Professor der Musik in Erlangen; er gab heraus: Praktisches Handbuch für Organisten, Erl. 1858; Das kirchliche Orgelspiel (Sammlung von Orgelstücken), Frks. 1862, 3 Thle.; Album für' PiererL Nniversal-Conversnörns-Leziton. 6. Aust. X. ! — Hesdin. Organisten (Präludien, Choralvorspiele, Fugen rc.), ebd. 1864; Orgelschule, ebd. 1867; Die gebräuchlichsten Choräle der evang. Kirche mit Bor- und Zwischenspielen, ebd. 1869 ff. 3) Ernst, Phi- lolog, geb. 23. Nov. 1834 in Eßlingen, stndirte 1852—57 in Tübingen, war dann bis 1861 aus Reisen n. habilitirte sich 1862 in Tübingen, wo er 1867 außerordentlicher und 1874 ordentlicher Professor der Philologie wurde; er schrieb außer mehreren Abhandlungen: Oallias idsardonsnsis provineias romanas llistoria, llssoriptüo, instiim- torum sxxositio, Lpz. 1864; Untersuchungen über die Bildnngsgeschichte der griech. u. lat. Sprache, ebd. 1871. Hemie-Am Rhyn. Herzogenaurach, Stadt im Bez. Amt Höch- stadt des bayer. Regbz. Oberfranken, an der Au- rach; Schloß, Fabrikation von Wollenwaaren u. Filzschuhen, Hopfen- u. Tabaksbau; 1875 : 2176 Ew. Geburtsort des Staatsmannes Ludw. von Seckendorf. Herzogcnbuchsee, großes, gutgebautes, durch Handel u. Industrie wohlhabendes, in trefflich angebauter Gegend liegendes Pfarrdorf mit 7325 Ew., die bevölkertste Landkirchgemeinde des Kant. Bern (Schweiz), mit großer Seidenbaudwsberei. Knotenpunkt der Linien Bern, Solothurn u. Olten. Herzogenbusch, Stadt, s. v. w.s'Hertogenbosch. Herzpolyp, Faserstoffgerinnsel des Blutes, die sich während des Todeskampfes im Herzen aus dem Blute ausscheiden u. häufig so fest zwischen die Fleischbalken der Herzkammern hineinragen, daß sie sich schwer entfernen lassen,' und man sie früher fälschlich für Neubildungen (Polypen) hielt. Herzschlag, s. Blut I. 6., III. Bd., S. 559. Herzstamm, s. u. Obstbaumzucht. Herztöne, die bei der Auscultation des Herzens hörbaren Töne, deren über jedem Ventrikel zwei zu vernehmen sind; der erste fällt mit dem Herzstoße u. mit der Zusammenziehung der Herzkammern (systolischer Herzton), der zweite mit der Ausdehnung der Herzkammern (diastolischer Herzton) zusammen. Jener ist gedehnter, stärker, Dumpfer, dieser kürzer, Heller, sodaß beide einen Trochäus (— bilden u. von einem Herzstoße zum anderen vernommen werden. Wahrscheinlich wird der systolische Ton durch die Zusammenzieh, ung des Herzmuskels erzeugt, ist also ein Muskelgeräusch, vielleicht auch durch das Erzittern der zipfligen Klappen bei ihrer Öffnung, doch ist mit Sicherheit die Ursache noch nicht ermittelt; der diastolische Ton entsteht durch Schluß der Semilunarklappen. Sind die Klappen nicht mehr schließnngsfähig, so verwandeln sich dieH. in Herz- geräusche. Kunze. Hcrzvcncn, s. Herz. Hesareh, s. Hazara. Hesbon (a. Geogr.), Stadt in Palästina, jenseits des Jordan; sie war erst Stadt der Moabiter, dann Residenz des Amoriterkönigs Schon, wurde von Moses erobert u. als Levitenstadt dem Stanime Rüben od. Gad zugetheilt. In de» ersten Zeiten des Christenthnms war H. der Sitz eines Sufsraganbischofs von Antiochien, jetzt Hesban. Hescham, s. Hischam. Hesdin, Stadt im Arr. Montreuil des franz, >Dep. Pas-de-Calais, an der Canche, Station der Band. ig 242 Heseüel — stanz. Nordbahn; Kirche Notre-Dame aus dem IS. Jahrh., öffentliche Bibliothek, Garnspinnerei, Fabriken für Strümpfe, Fayence, Ol u. Seife, Wachs- u. Leinwand-Bleichen, Gerbereien, Bierbrauereien, Destillerien, Salzrasfinerie, Flachs- u. Hanfbau; 3357 resp. 2905 Ew. Die Wälle der ehemals befestigten Stadt sind 1865 demotirt wor- Len. Vormals lag etwa 7 km von H. entfernt am rechten Ufer der Canche die Festung H.-le-Vieux, um die Karl V. u. Franz I. heftig kämpften; elfterer eroberte n. demolirte sie 1553. 1554 baute aber Prinz Philibert von Savoyen eine neue Festung da, wo H. jetzt steht. 1639 wurde H. von Ludwig XIII. genommen u. kam 1659 im Pyrenä- ischen Frieden an Frankreich. H- Berns. Hesekiel, 1) Prophet, so v. w. Ezechiel. 2) Johann Georg Ludwig, Lieder- u. Romandichter der 1848 entstandenen neupreußischen con- servativen Richtung, geb. 12. Aug. 1819 zu Halle a. d. Saale, wo sein Vater Friedrich Christoph, der als Student unter Fouque die Befreiungskriege mitgemacht hatte u. auch als Dichter und Jngeudschriststeller austrat, Diakonus an derMoritz- kirchs war. H., seit 1832 auf der Fürstenfchule zu Roßleben gebildet, bezog 1837, nachdem sein Vater Generalsuperintendent zu Ältenburg geworden, die Universität Jena, um Theologie zu stu- diren, darauf Halle, wo er sich unter Leos Anleitung der Geschichte und Literatur widmete. Nach dem Tode seines Vaters, der bald nach seinem gegen die damals aussteigende lichlfrenndliche Aufklärung gerichteten Consistorial-Rescript vom 13. Nov. 1838 st., besuchte er Frankreich, Belgien u. Holland und widmete sich dann ausschließlich der Literatur. Sein erster dichterischer Versuch, der Saga-Saal, erschien mit einer Vorrede von Fou- qud; sein erster Roman war: Licht und Schatten aus einem Dichterleben. Nachdem er in Halle als Freiwilliger gedient, siedelte er nach Ältenburg über und übernahm die Redaction des belletristischen Journals Die Rosen. Daneben veröffentlichte er eine Reihe von Romanen: Der Henker und sein Kind, Fräulein Therese, Schwanigeu. 1848 übernahm er in Zeitz die Redactiou des Patriotischen Hausfreundes und leitete dieses Blatt gegenüber der Aufregung der dortigen Bevölkerung in konservativem Sinne. Aus dieser Zeit stammen seine Soldatenlieder u. die Preußenlieder. Für die im Sommer jenes Jahres gegründete Neue Preußische Zeitung ward er Correspondent u. bald daraus trat er in die Redaction, der er bis zu seinem Tode angehörte. In der 1855 gegründeten Berliner Revue begann er die Reihe seiner vaterländischen Romane. Man hat ihn wegen derselben mit Wilibald Alexis u. Ziegler so zusammengestellt, daß er, während Jener die Macht Brandenburg in großem historischen Stil feiert, Letzterer ihren demokratisch - royalistischen Sinn hervorhebt, das Chevalereske ihrer konservativen Treue verherrlicht. Allein nicht nur in dem großen Roman- cyklus, der Vor Jena beginnt, dann Von Jena nach Königsberg, endlich Von Jena nach Hohen- Zieritz führt, sondern auch in den Romanen, die in früheren Jahrhunderten u. in dem revolutionären und Napoleonischen Frankreich spielen, kann sein historisches Colorit nur verfehlt genannt werden, - Hesiodos. da es einseitig nur der nenpreußischen Stimmung der ersten Jahre nach 1848 entlehnt ist. 1863 erhielt er vom Herzog von Anhalt, aus dessen Lande seine Familie stammte, den Hofrathstitel. 1868 stellte er nach den eignen Angaben aus Mittheiluugen u. gelieferten Materialien des damaligen Kanzlers des Norddeutschen Bundes Las Buch vom Grasen Bismarck zusammen. Jedoch nachdem er das Buch vollendet hatte, stiegen in ihm, wie auch die Neue Pr. Ztg. in dem ihm gewidmeten Nekrolog aussührt, Zweifel an der Politik des Grafen auf. Bismarcks Bewunderer ward sein entschiedener Gegner. Den deutsch-französischen Krieg begleitete er zwar noch mit seinen Liedern; aber die Ausrichtung des Deutschen Reichs am 18. Jan. 1871 stimmte ihn wieder trübe. Schon der Norddeutsche Bund gefiel ihm nicht; gegen das Deutsche Reich reagirte vollends sein Prenßenthum; die kirchlichen Fragen der Jahre 1872 und 1873 nagten, wie sich die gedachte Zeitung ausdrückt, an seiner Seele und er sah das Vorgehen gegen die kathol. Kirche als unpreußisch an. Tief verstimmt st. er 26. Febr. 1874. Bauer. Hesiodos, griechischer Epiker. Er lebte nach Einigen vor, ober gleichzeitig mit, wahrscheinlich aber 100 Jahre nach der homerischen Zeit, noch Andere halten den Namen wol mit Unrecht bloß für eine mythische Collectivbezeichnung für die Verfasser der alten didaktischen Dichtung des griechischen Volkes. Was von seinem Leben bekannt ist, ist mit Ausscheidung später Fabeleien, wie seines Wettkampfes mit Homer nur Folgendes: Seine Ellern stammten aus Kyme in Äolis, er lebte zu Askra in Böotien (daher der Askräer) als Ackerbauer unter einer ackerbauenben Bevölkerung; durch mancherlei Unglück (z. B. hatte ihn sein Bruoer Perses des väterlichen Erbes beraubt), war er zu einer ernsten, bisweilen selbst herben, trüben, der mühevollen Thätigkeic zngewendeteu Denk- u. Ausdrucksweise gelaugt, welche ihn von der heiteren Lebensauffassung Homers, des Darstellers des herrschende» Adels, aufs allerschärsste scheidet. Liese, nebst einem auffallenden Mangel an frei gestaltender dichterischer Phantasie, ließen H. im Alterthum zu keiner wirklichen Popularität gelangen, vielmehr wurde er fast nur von Philosophen, wie in der Neuzest von einigen Pädagogen bevorzugt. Doch ist unsicher, wie viel von Len ihm zugeschriebenen Werken von ihm verfaßt ist; die böotische Sängerschule blühte ja lange um die Mnsenberge Parnaß u. Helikon herum, u. von ihr stammten jedenfalls diese Werke alle. Übrig sind unter seinem Namen die zum Theil interpolinen Gedichte: a) (Opera sb ckios, Werke u. Tage), welche in 826 Versen dem Perses zeigen, daß man nur durch Sparsamkeit, Thät« igkeit und gute Haushaltung sich Vermögen verschafft, und für den Laudbau viele guten Regeln aufstelleu, ebenso über Kindererziehnng u. a., u. in der Einleitung die berühmte Schilderung der 5 Weltalter enthalten (von den Böotern für das einzige echte Werk des H. gehalten), b) re vorige Stelle. Die spätere Tradition setzte die H. an das Land der Hyperboräer; griechische Gw- graphen hielten die Gärten der H. für ein fruchtbares Gefilde in Cyrenaika, vom Fluß Lethäos od. Lathon durchflossen, nannten auch dorr ein Volk Hesperrdä u. eine Stadt Hesperts. Die von Strabon erwähnten Inseln der H. sind die jetzigen Inseln des grünen Vorgebirges. Thielemaun. Hesperidin, ein in dem weißen, schwammigen Theil der Pomeranzen- u. Citronenschalen aufgefundener Stoff. Durch Zersetzung des H-s erhielt man den H-zucker. Ussperiämm, die Beerensrucht der Citrus-Arten, s. u. Frucht. »ssperis V. (Nachtviole), Pflanzengattnng auS der Familie der Oruoi1si3.s-8iszfmbrisas ;X.V. 2). Hohe zweijährige oder perennirende Krämer mit eiförmigen oder länglichen, gezähnten oder leierförmig gebuchteten Blättern u. ziemlich großen in Trauben stehenden, oft wohlriechenden Blüthen, Schoten lineal; Narbe mit zwei aufrecht aneinander liegenden Platten; Keimblätter aufeinanderliegend, flach; Arten: 8. matroualis V., mit eiförmigen bis lanzettlichen, gezähnten Blättern, verkehrt eiförmigen, lila bis purpurroth od. weiß gefärbten Blumenblättern u. fast stielrnnden Schoten, häufig gefüllt blühend, wohlriechend, in Gärten cnltioirt, in Süddeutschland heimisch. 8. tristls V, mit schmutzig gelbbraunen dunkeln, am Tage geruchlosen, Abends sehr wohlriechenden Blumen; beliebt; wird jetzt auch mit Vortyeil als Ül- und Futterpflanze angebaut, im Herbst und zeitigem Frühjahr werden die Blätter abgeschnitten u. gefüttert und nach der Sameneruts gewähren dann die Stöcke bis zum Herbst einen ansehnlichen Fulter- ertrag; das Oel ist besser als Rapsöl. Eugler.» Uespselum Promontorium (Hesperisches Vorge- birg, a. Geogr.), das Westhorn Äfrikas, jetzt Cap Verde, schloß den Hssporlus sturm (Hesperischer Meerbusen). Hesperus, der Morgen- u. Abendstern, Sohn oder Bruder des Atlas, Freund der Astronomie; der Sturm warf ihn einst bei seinen Beobachtungen von dem Berg Atlas, u. er verschwand. Der schönste Stern führte zum Andenken seinen Namen. Nach Anderen war dieser H. Sohn des Kephalos u. der Aurora u. erhielt, wegen seiner Schonoeü die Stelle der Mutter am Himmel einnehmend, den Namen Stern der Venus, der vor Sonnenaufgang u. deren Niedergang erscheine und daher Lucifer (Phosphoros) u. H. genannt werde. Nach noch Anderen war er Sohn der Eos u. des Asträos. Heß, Heinrich Hermann Joseph, Frhr. v. , aus einer schon 1584 in den Reichsadel aufgenommenen österr. Familie, österr. Feldmarschall, geb. 17. März 1788 zu Wien, trat 1305 als Fähndrichin das Infanterieregiment Gyulay, wurde, dem Generalquartiermeisterstab aggregirt, 1806 bei der Aufnahme von Wien, 1807 u. 1808 bei Len trigonometrischen Vermessungen Ungarns verwendet u. 1809 als Oberlicutenant in den Generalstab versetzt. Erzherzog Karl, unter dessen Äugen H. sich bei Aspern u. Wagram durch besondere Umsicht und Bravour heroorgethan, nahm ihn 16 * 244 Heß. als Capitänlieutenant in sein Regiment, aus dem er jedoch schon 1813 als Hauptmann in den Generalquartiermeisterstab versetz! wurde. Als solcher dem General Graf Bnbna zugetheilt, machte er die Feldzüge von 1813 u. 1814 mit, war dann im großen Hauptquartier und in besonderer Mission ui Piemont. 1815 Major, wurde er nach dem Frieden Bataillonscommandant in der Linie, aber schon 1821 als Truppencommissär dem Occupa« tionscorps in Turin zugetheilt, 1822 Oberstlieutenant, 1829 Oberst und Commandant eines Infanterieregiments, März 1831 Chef des Generalquartiermeisterstabes des Obercommandanten in Italien, Radetzky, in welcher Stellung er diesem besonders bei den neuem geführten taktischen Übungen behilflich war und seinen Ruf als intelligenter Offizier begründete. 1834 zum Generalmajor befördert, erhielt er 1840 die Leitung der Geschäfte des Generalquartiermeisterstabes u. avancirte 1842 zum Feldmarschalllieutenant. Seit Mai 1848 Eeneralquartiermeister der Armee von Italien hatte er an Radetzkys Siegen 1848 u. 49 wesentlichen Antheil u. wurde 1849 zum wirklichen Geh. Rath, Feldzeugmeister u. Chef des Generalstabes der gejammten Armee ernannt. 20. April 1854 schloß er als außerordentlicher österreichischer Bevollmächtigter in Berlin die Convention mit Preußen ab. Zur Zeit der Orientalischen Wirren 1854 Befehlshaber der mobilen österr. Armee, machte er sich um das Eisenbahnnetz in Galizien u. Siebenbürgen in hohem Grade verdient. Nach dem Italienischen Feldzug von 1859, in welchem er als General- stabsches fuugirte, wurde er Feldmarschall, 1860 von der Stelle eines Generalstabschess entbunden und zum Hauptmann der Trabantenleibgarde ernannt, wurde er 1861 als lebensl. Mitglied ins Herrenhaus berufen und st. 13. April 1870 in Wien. Schroot.» Heß, 1) (Hesse) Johann, Reformator, geb. 1490 in Nürnberg, wurde, nachdem er in Leipzig und Wittenberg studirt, 1513 Secretär des Breslauer Bischofs Johann Turzo, 1519 Subdiakonus in Ferrara, 1520 Diakonus in Rom, 1521 Ca- nonicus des Stifts in Neisse, Brieg u. Breslau, trat aber 1522 zu der Evangelischen Lehre über, wurde 1523 Pfarrer an der St. Sebalduskirche in Nürnberg, in demselben Jahre erster Prediger in Breslau u. st. 5. Jan. 1547; er that viel für die Reformation u. Verbesserung der Schulen u. des Armenwesens (daher der Schlesische Reformator) u. verfaßte 1527 mit Moiban die Schlesische Kirchenordnung; Lebensbeschreibung von Kolde, Bresl. 1846; Köstlin, Zeitschrift des Vereins für Ecsch. und Alterth. Schlesiens, 1864. 2) Joh. Jak., schweizerischer Theolog, geb. 21. Oct. 1741 in Zürich Sohn eines Uhrmachers, studirte in seiner Vaterstadt Theologie, wurde erst Vicar in Neftenbach bei Winterthur, privatisirte seit 1767, wurde 1777 Diakon in Zürich u. 1795 Anlistes u. Pfarrer in Großmünster u. st. 29. Mai 1828; er schr.: Geschichte der drei letzten Lebensjahre Jesu, Zür. 1768—72, 6 Bde., nachher als Leben Jesu, 8. Ausl. 1823 f., dazu als Anhang Lehre, Lhatcn und Schicksale unseres Herrn, 1782, 3. Ausl. 1817; Geschichte und Schriften der Apostel Jesu, cbd. 1775, 2 Bde., 4. Ausl. 1822; Geschichte der Israeliten vor den Zeiten Jesu, ebd. 1776—88, 12 Bde. rc.; Gesammtausg. d. Bibl. Geschich. d. A. u. N. T., 23 Bde., 1826; Theanthropikon, 8 Bde., 1828. Lebensbeschreibung von G. Geß- ner, 1829, u. Esther, 1837. 3 ) Karl Ernst Christoph, bekannter Kupferstecher, geb. 22. Jan. 1755 in Darmstadt, st. in München 25. Juli 1828, zuerst Schwertfeger, dann Graveur, erlernte er von 1776 an die Kupferstecherkuust, ging 1779 nach Düsseldorf, um dort an dem großen Galeriewerk von Krähe mitzuarbeiten, wurde 1782 zum bayerischen Hoskupferstecher ernannt, ging 1783 nach München, 1787 nach Italien, 1789 wieder nach Düsseldorf, 1806 nach München zurück und wurde dort Professor an der Kunstakademie. Hauptwerke: Marktschreier, nach G. Dow; Mariä Himmelfahrt, nach G. Neni; Hl. Familie, nach Rafael; Jüngstes Gericht, nach Rubens. Seinletztes Werk ist das Bildniß Max Josephs, nachStieler. 4 ) Karl AdolfH einrich,vorzüglicherSchlachten-u.Pferdemaler, geb.1769inDresden, st. 3.Julil849 iuWil- helmsdorf bei Wien, Schüler von Klaß, seit 1800 in Wien ansässig, wo er Lehrer an der Kunstakademie wurde. Werke: Das Pferd, 12 Bl. 1807, Pserdeköpfe in natllrl. Größe, Wien 1825. 5 ) Peter, Sohn von H. 3) geb. 29. Juli 1792 in Düsseldorf, st. 4. April 1871 in München; bildete sich unter seinem Vater, bezog 1806 die Münchener Akademie, machte im Generalstabe des Fürsten Wrede die Feldzüge von 1813 — 15 mit und besuchte dann Wien, Italien und die Schweiz. Als Hauptsrucht der dabei gemachten Studien erscheint seine Schlacht von Arcis sur Aube u. jene von Bar sur Aube u. die Tiroler Kämpfe im Festsaalbau der Münchener Residenz. 1833 begleitete er den König Otto nach Griecheulanv, um dort dessen Einzug als König darzustclleu u. kehrte Ende des Jahres nach München zurück. 1839 machte er im Auftrag des russischen Kaisers Nikolaus eine Reise nach Rußland, um die Ereignisse von 1812 in 12 großen Gemälden zu schildern; nach Vollendung dieses Auftrages kehrte er wieder nach München zurück, wo er auch mit Quaglio Len Kunstverein gestiftet hat. Werke: außer vielen kleinen Genre- und Bataillestücken, Schlachten der Bayern in Tirol u. in Frankreich, im Festsaalbau in München; Der Einzug des Königs Otto in Nauplia, in der Neuen Pinakothek zu München; Die Schlachten ans dem französisch-russischen Feldzug, darunter namentl. der Übergang über die Beresina, im Besitz des Kaisers von Rußland; Die Fresken aus der neuesten griech. Geschichte unter dm Arkaden des Münchener Hofgartens. 6) Heinrich Maria v. H., des Vorigen Bruder, Historienmaler, geb. 19. April 1798 in Düsseldorf, st. in München 29. März 1863; lebte seit 1806 in München und ging 1821 nach Rom. Hier führte er im Aufträge ües Königs Max ein großes Ölgemälde, den Parnaß, aus u. kehrte 1827 als Professor der Akademie nach München zurück, wo er die Errichtung einer eigenen Malklasse veranlaßt!:. Umfassende Arbeiten in Fresco wurden ihm vom König Ludwig I. aufgetragen; auch war er Vorstand der für Len Dom von Regensburg und die Au-Kirche in München unternommenen Glasmalereien. Seine eigentliche Sphäre ist die 245 Hesse - christliche religiöse Kunst. Werke: Grablegung, Hl. Familie, Christnacht, Charitas, Glaube, Liebe, Hoffnung (Galerie Leuchtenberg in Petersburg, Bildniß Thorwaldscns (Neue Pinakothek in München), Apoll und Daphne in der Glypthotek das., Decken- u. Wandgemälde der Allerheiligenkirchs in München (1827—37); Wandgemälde der Basilica St. Bonifacins, ebd. (1838—45). 7) Karl, des Vorigen Bruder, namentlich Genremaler, geb. in Düsseldorf 1801, sollte gleich seinem Vater Stecher werden, wandte sich aber bald der Malerei Lu und bildete sich nach seinem Bruder Peter u. Wagenbauer. In der Schilderung des heiteren Gebirgslebens stand er neben den besten Künstlern seiner Zeit n. seine zahlreichen Genre- u. Thierbilder sind voll innerer Wahrheit, Charakterfülle und Poesie. Er kam 1806 mit seinem Vater nach München u. st. in Reichenhall, wo er seit längerer Zeit gelebt, 16.Nov. 1874. 8) Eugen, Genremaler, Sohn von Peter H., geb. zu München 25. Juni 1824, st. das. 21. Nov. 1862; bildete sich unter seinem Vater an der Münchener Akademie u. in Brüssel. Hauptwerke: Überfall der Schweden bei Dachau durch Johann v. Wörth (Neue Pinakothek in München); Franz. Kürassiere beim Brande von Moskau (ebend.) 9) Max, Bruder des Vor., geb. zu München 15. Oct. 1825, st. in Lippspringe Sommer 1868; Schüler seines Vaters, dann in Paris und Düsseldorf, reichbegabt, aber nicht ausdauernd, ungemein thätig beim Arrangement von Künstlerfesten. 10) Georg, deutsch- amerikanischer Bildhauer der Gegenwart; geb. in Pfungstadt an der Bergstraße (Hessen) 28. Sept. 1832, Sohn eines Bürgermeisters. H. kam 1846 zu einem Klempner in Darmstadt in die Lehre, wanderte 1850 nach Nordamerika aus, deckte dort Dächer, machte Brillendosen und schrieb zahlreiche Gedichte. Dann nahm er bei Albert Gambly anS Pirmasens Unterricht im Holzschnitzen und setzte denselben bei Ernst Plaßmann ans Westfalen fort, arbeitete dann in einer Möbelfabrik u. ging 1857 nach München, wo er 4 Jahre unter Widnmann an der Akademie studirte. 1863 kehrte H. nach Nordamerika, wo der Bürgerkrieg gerade am ärgsten tobte, zurück. Er ist durch n. durch Lyriker u. die Form, die er seinem Gefühl verleiht, ebenso modern, als dieses selber. Daneben ist ein leiser Anflug von deutscher Romantik zu spüren. Hauptwerke: Die Statue des jugendlichen Goethe; die des James Suydam in Nenbrannschweig; Echo; Wasserlilie (Büste); Statue der Loreley; Das unterbrochene Gebet (Hochrelief); Der junge Courmacher (Kindergruppe in Relief); Lieschens Liebling (Büste). Auch giebt es viele Portrait-Büsten von H., der ein Festspiel: Die Macht der Palette und eine Sammlung von Gedichten Vom Dornenpfade schrieb. i) 2> Löffler, s)—io) Regnet. Hesse 1) (Eoban) f. u. Eobanus Hessns. 2) Johann, s. Heß 1). 3) Adolf Friedrich, geb. 30. Aug. 1809 zu Breslau, zeigte schon mit 5 Jahren große musikalische Begabung, studirte bei Berner und Ernst Köhler und trat 1827 als Componisi und Klavierspieler in Breslau auf. Er wurde Organist an der Elisabethkirche daselbst, machte Concertreisen, studirte einige Zeit bei Hummel in Weimar, steigerte seinen Ruf durch fernere - Hessen. Reisen nach Paris, England (wo er die Riesenorgel im LondonerKrystallpalastspielte) immer höher, und st. als erster Organist an der Hauptkirche zu St. Bernhardin in Breslau und als Dirigent der Symphonieconzerteö. Ang. 1863. Sehr, vorzügliche Orgelcompositionen, ein Oratorium Tobias n. Werke für Gesang, Klavier u. Orchester. 4) Lud w i g Otto, bedeutender Mathematiker, geb. 22. April 1811 zu Königsberg, wurde einer der bedeutendsten Schüler Jacobis, war außerord. Prof, der Mathematik von 1840—56 anderUniversität zu Königsberg, ging dann als ordentlicher Professor nach Halle, aber schon 1857 nach Heidelberg u. von da 1869 an die polytechnische Schule zu München, wo er 4. Ang. 1874 st. Seine Forschungen erstreckten sich hauptsächlich auf die analytische Geometrie u. haben in diesem Zweige einen bleibenden Fortschritt hervorgcbracht. Eine Würdigung seiner Verdienste um die Math, findet man von Borchardt in Crelles Journal, Bd. 79. Seine durch eins besondere Eleganz ausgezeichneten Arbeiten erschienen meist in der genannten Zeitschrift. Wie persönlich als Lehrer, hat er sich auch großen Einfluß erworben durch seine vorzüglichen Lehrbücher: Vier Vorlesungen aus der analytischen Geometrie, 2. Aufl. Lpz. 1873; desgleichen 7 Vorlesungen, das. 1874; Vorlesungen über die analytische Geometrie, 2. Aufl., das. 1869; Die Dcterminanden, elementar behandelt, das. 1871; Die vier Species, das. 1872. S) Siebenrock, Buchrucker. Hesse, 1) Auguste, franz.Historienmaler, geb. zu Paris 1795, st. das. 14. Juni 1869, erst Schüler von Gros, bei dem er Philemon u. Baucis, Mirabeau in der L-itzung der Stände am 23. Juni 1789 (Museum in Amiens) malte, dann der Richtung von Ingres folgend. Werke: In Notre-Dame de Lorette, BonneNouvelle, St. Severin, St.Elisabeth, St. Eustache, St. Sulpice, im Hotel de Ville (nun zerstört) Maria am Grabe Christi (Luxembourg). 2) Alexander, franz. Historienmaler, Neffe des Vor., geb. zu Paris 1805, begann seine Studien bei Gros, ging dann nach Venedig malte sein berühmtes Leichenbegängnis) Tizians u. folgte dann der Richtung Robert Fleurys. So in seinem Leonardo da Vinci, Tod des Präsidenten Brisson, Triumph Pisanis (Luxembourg) und den beiden Foscaris. Außerdem Scenen aus dem Leben des hl. Franz von Sales in St. Sulpice zu Paris. Regnet. Hesselberg, 714m hoher, isolirt liegender und weithin sichldarer Berg nordwestlich von Wasser- trüdingen im bayer. Regbez. Mittelfranken. Hessen. I. Älteste Geschichte Hessens bis 1263. Den nördlich vom Main gelegenen Theil des jetzigen Hessen (seit 1866 preußischer Regbez. Kassel) bewohnten vormals die Katten, ein deutscher Volksstamm, von denen auch der Name H. herkommt. Ihr Hauptort Mattium am Fuße des Wodansberges (Gudensberg) wurde 15 n. Ehr. von den Römern unter Germanicus zerstört, doch machten die Römer im eigentlichen Hessen- gau keine dauernden Eroberungen. Am Ende des 1. Jahrh.n.Chr.zogensiezumSchutz derart äsonma- bss den Pfahlgraben (s. d.) durch Len südlichen Theil des früheren Kattengebiets, durch Taunus und Wetterau; nördlich von diesem Grenzwalle findet sich keine sichere Spur einer römischen Niederlassung. In der Folge, als die Franken ihre Herrschaft weiter ausbreiteten, in deren Bund das Volk der Kalten eintrat, wurde das Land ein Theil des Ostfränkischen Reichs; in einen Theil (Sächsischer Hessengau) waren Sachsen gezogen. St. Bonifa- cius predigte um 722 in H. das Christenthnm u. gab dem Bisthum ans dem Büraberge bei Fritzlar, den Klöstern Amöneburg u. Fritzlar und der Abtei Fulda ihren Ursprung. Die Abtei Hersfeld wurde 769 durch seinen Schäler Lnllus gegründet. Zur Zeit der Karolinger wurde das Land von Grafen regiert, die unter den Herzogen von Franken standen, u. unter welchen die von Gudensberg am meisten hervortraten. Graf Konrad I. der Ältere, das Haupt des Hauses der Konradiner, fiel gegen Adalbert von Babenberg im Treffen bei Fritzlar (906). Sein Sohn Konrad II., Graf im Hessen- gan, unter dem zuerst der Hof Chassala (Kassel) an der Fulda genannt wird, wurde als Konrad I. deutscher König, fein Bruder Eberhard spielt als Herzog von Franken unter Heinrich dem Vogelsteller und im Anfang der Regierung Otto d. Gr. eine wichtige Rolle. Nach Eberhards Tode in der Schlacht bei Andernach (939) hörte die herzogliche Gewalt in H. auf u. an Stelle einzelner Herzoge erscheinen mehrere Dynastengeschlechter neben einander, so das wernerifche Grafenhans als Grafen zu Gudensberg (1040—1121). Nach Werners VI. Lode tritt der hersfeldische Vogt Graf Giso aus einem lahngauischen, ebenfalls in Hessen begüterten Hause, als Graf von Gudensberg in Niederhessen aus. Mit ihm starb 1122 der Maunsstamm der Grafen von Gudensberg ans u. durch seine Erbtochter Hedwig kam die Grafschaft Gudensberg um 1139 an deren Gemahl, den Landgrafen Ludwig III. von Thüringen, dessen jüngerer Sohn Heinrich sich um 1140 cowss Hussias nannte. Nach mehrmaliger Trennung gelangte H. stets wieder mit Thüringen in Personalunion. Als aber 1247 die Landgrafen von Thüringen mit Heinrich Raspe im Mannsstamme ausstarben, machte seine Nichte Sophie, Tochter des Landgrafen Ludwig IV. u. der St. Elisabeth, Gemahlin des Herzogs Heinrich von Brabant, Ansprüche auf Thüringen und H. u. nannte sich selbst Landgräfin, fand aber in ihrem Verwandten, dem Markgrafen Heinrich dein Erlauchten von Meißen, einen mächtigen Gegner, welcher in der Eigenschaft als Ludwigs IV. und Heinrich Raspes Schwestersohn, ebenfalls die Verlassenschaft in Thüringen beanspruchte u. auf die Landgrasschaft Thüringen und andere Reichslehen vom Kaiser Friedrich II. mit einer Anwartschaft versehen war. In dem hieraus entstandenen Thüringischen Erbfolgekrieg (1256—1264) nahm Sophiens Sohn, Heinrich das Kind, 1263, Theile vonH. vom Erzbisthum Mainz zu Lehen, das schon längst die verwirrten Zustände des Landes benutzt hatte, um sich mit eigenem Besitz auf hessischem Boden fcstzusetzcn. Im Frieden von 1264 entsagten Sophie u. Heinrich allen Ansprüchen auf Thüringen, behielten hingegen die Grafschaft Gudensberg in H. n. wurden mit acht von Braunschweig abgetretenen Orten an der Werra (darunter Eschwege) entschädigt. Heinrich I. nannte sich nun Landgraf u. Herr des Landes Hessen. Als Reichsfürst wurde er 1292 vom König Adolf von Nassau anerkannt u. zugleich mit dem reichsunmittelbaren Schlöffe Boineburg belehnt, während er dem König seine Stadt Eschwege zu Reichslehen auftrug. Erst 1373 wurde ganz H. als Reichslehen zu einer Landgrafschaft erhoben u. die Erbverbrllderung der Häuser H. u. Meißen von Kaiser Karl IV. bestätigt. II. H. als eigene Landgrafschaft bis zur Entstehung der Linien H.-Kassel und H.- Marburg 1292—1458. Heinrich I. das Kind, mit dem die Reihe der Landgrafen von H. anfängt, nahm Kassel zur Residenz, baute daselbst ein Schloß, hatte manche Händel mit dem Adel u. mit den Bischöfen von Paderborn u. Mainz, die er glücklich bestand, u. st. 1309. Sein Enkel Heinrich II., der Eiserne (1328—1376), vermehrte ungeachtet vieler Kriege mit feinen Nachbarn Mainz, Nassau, Braunjchweig u. mit seinen Lehnsleuten das hessische Gebiet u. erlangte von Karl IV. die Anerkennung H-s als Landgrafschaft. Sein Neffe u. Nachfolger Hermann I., der Gelehrte (1376—1413), hatte gegen die Adeligen für die ausblühendeu Städte und gegen die Las Land verheerenden Sterner-, Falkner-, Hörner-, Löwen-, Benglerbünde zu kämpfen, während Adolf von Nassau, Erzbischof von Mainz, mit anderen Benachbarten Partei nahm und ihn angriff, ging aber ans allen Kämpfen schließlich siegreich hervor. Die mit Mühe hergestellte Ruhe wurde unter seinem Sohne Ludwig I., dem Friedsamen (1413—1458), unterbrochen, aber durch dessen Siege über die Mainzer wiederhergestellt. Er erwarb die Grafschaften Ziegenhain u. Nidda durch Erbvertrag u. wurde der von den Grafen von Hohenlohe streitig geinachte Besitz 1495 vom Kaiser Marimilian dem Hanse H. zuerkannt. Ludwig I. hatte schon im Deutschen Reiche solches Ansehen gewonnen, daß er zur Kaiserwahl im Vorschlag kam. Er vermochte auch Brandenburg, der sächsisch-hessischen Erbverbrüder- nng beizutretcn. III. Bis zur neuen Theilung 1458—1567. Mit Ludwigs I. beiden Söhnen, Ludwig II. und Heinrich III., bildeten sich, nach langer Fehde über die Erbschaft, zwei Linien: H.-Kassel u. H.- Marburg. Die jüngere Linie, H.-Marburg, war durch den Bruder Ludwigs II. Heinrich III., denReichen, gegründet; dieser erhielt Oberhessen mit Marburg u. dann noch zur definitiven Ausgleichung Ziegenhain, erwarb durch seine Gemahlin die Grafschaft Katzenelnbogen und hinterließ bei seinem Tode 1483 seine Länder seinem Sohne Wilhelm III., mit dessen Ableben dieselben 1500 wieder au die ältere Linie fielen. Die Ältere Linie, H.-Kassel, Niederhessen mitKassel umfassend, kam nach Ludwigs II. Tode (1471) an seine Söhne Wilhelm I. u. Wilhelm II. Diese, anfangs unter der Vormundschaft ihres Oheims Heinrichs III., u. regierten dann gemeinschaftlich, bis Wilhelm I. wegen eingetretener Geistesschwäche 1493 die Alleinregierung seinem jüngeren Bruder übergab, der auch nach dem unbeerbten Abgang seines Vetters Wilhelm III. (s. o.) den Ansall des marburgischen, durch Katzenelnbogen, Dietz, die Hälfte von Eppstein u. Klingenberg vermehrten Antheils erlebte, so daß Wilhelm II. H. wieder vereinigte und außerdem noch mit verschiedenen, 247 Hessen. dem Kurfürst Philipp von der Pfalz im Lands- Hüter Erbfolgekrieg entrissenen Orten (wie Homburg an der Höhe) vergrößerte u. das ganze ansehnliche Fürstenthum bei seinem Tode 1509 auf seinen damals erst fünfjährigen Sohn, Philipp, den Großmüthigen, (Ua§nainnms), vererbte. Anfangs führte eine Vormnndschaft, aus den Ständen gebildet, später nach mancherlei Streitigkeiten, Philipps Mutter, Anna von Mecklenburg, die Regierung, Philipp wurde jedoch schon 1518, 14 Jahre alt, mündig gesprochen. Er überwand 1523 Franz von Sickingen u. trieb im Bauernkriege 1525, wo er den größten Antheil an dem Siege bei Frankenhausen hakte, die Aufrührer zu Paaren. Dabei war er eifriger Beförderer der Reformation. Schon 1524 hatte er sich für Luthers Lehre erklärt und 1525 die Kirchenverbesserung in seinem Lande begünstigt. Er schloß im Mai 1526 zu Torgan ein Schutz- n. Trntz- bündniß mit den, Kurfürsten Johann von Sachsen gegen gewaltsame Angriffe von Seiten der Katholiken, veranstaltete eine Synode zu Homburg (1526), auf welcher im Beisein des Landgrafen selbst der Übertritt zur Kircheureformation beschlossen wurde, errichtete 1527 die Universität zu Marburg, zog die Klöster ein u. verwendete deren Einkommen zum Besten des Unterrichts oder machte sie zu Spitälern u. milden Stiftungen. Die Packischen Händel bestimmten ihn, einHeer znsammenzuziehen; er betheiligte sich an den Verhandlungen ans den Reichstagen zu Speier (1529) und zu Augsburg (1530) u. suchte, aber vergeblich, durch das Religionsgespräch zu Marburg (1529) Luther und Zwingli zur Verständigung über die Abendmahlslehre zu bewegen. An Errichtung des Schmal- kaldischen Bundes, 1531, hatte er wesentlichen Antheil, half 1534 dcm Her-zog Ulrich von Württemberg gegen die Kaiserlichen und damit zur Wiedereinsetzung in seine Staaten, unterstützte 1535 in dem Münsterschen Kriege den Bischof dieser Stadt gegen die Wiedertäufer, dann gegen den Herzog Heinrich von Brannschweig u. nahm ihn 1545 nach dem Siege bei Northeim bei Kloster Höckelheim gefangen, doch war er und der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen durch Unentschlossenheit Schuld an dein Mißgeschick des Schmalkaldischen Bundes in Süddeutschland. Ohne der Schlacht von Mühlberg beigewohnt zu haben, wurde er nach einer dem Kaiser geleisteten Abbitte zu Halle gefangen genommen u. in Wechsln in Gewahrsam gehalten, bis er im Passauer Vertrage 1552 seine Freiheit u. sein Land wieder erhielt; er st. 1567. Zufolge Testaments theilten seine vier Söhne von seiner rechtmäßigen Gemahlin, Christine von Sachsen, u. erhielten: Wilhelm IV. Niederhessen mit Kassel als Erstgeborener; Ludwig IV. Ober- Hessen mit Marburg, Philipp II. Rhcinsels und Georg (I.) Darmstadt, außerdem vermachte er Len Grafen v. Dich u. Herren zu Lisberg (sieben Söhnen seiner Nebengemahlin, Margaretha von der Saal) mehrere Ämter, welche aber nach deren Aussterben, 1603, mit den beiden Hauptlinien vereinigt wurden. Die (ältere) echte Linie zu Rheinfels schloß schon mit Philipps Tode 1583, u. La auch Ludwig IV. Testator (wegen seines vcrhängnißvollen Testaments) in Marburg unbeerbt starb, so blieben die beiden Häuser H.-Kassel u. H.-Darmstadt allein übrig. Die Geschichte derselben s. n. H.-Kassel u. H. (Großhcrzogthnm). Vgl. I. I. Winkelmann, Gründliche u. wahrhafte Beschreibung der Fürstenthümer Hessen u. Hersfeld, Bremen 1697; I. P. Kuchenbecker, ^.nalseta Lassiaea, Marb. 1728—42, 10 Bd- ; I. F. C. Retter, Hessische Nachrichten, Franks. 1738—39, 2 Bde.; W. Schiffer, genannt Dillich, Hessische Otrronioa, Kass. 1617; I. A. Hartmann, Uisboria. Lassiaes, Marb. 1741—1742, 3 Bde.; G. F. Teuthorn, Ausführliche Geschichte der Hessen, Franks. 1777—1780, 11 Bde.; H. B. Wenck, Hessische Landesgeschichte, Darmst. und Franks. 1783—1803, 3 Thle.; Hoffmeister, Historischgenealogisches Handbuch über alle Linien des Regentenhanses H-s, 3. Aust., Marb. 1874; T. Rommel, Geschichte von H., Marb. 1820—1858, 10 Bde.; K. W. Jnsti, Hessische Denkwürdigkeiten, Marb. 1799—1806, 4 Bde.; Aus neuerer Zeit zahlreiche Aufsätze über H-s mittelalterliche Gsfch. von G. Schenk zu Schweinsberg im Darmstädter Corrsspondenzblatt der deutschen Geschichtsvereine; H. Heppe, Hess. Kirchsngeschichte, 2 Bde., Marburg 1876; W. Arnold, Ansiedelungen und Wanderungen deutscher Sämme zumeist nach Hess. Ortsnamen, Marb. 1875—76. A. DnnSer.* Hessen, Großherzogthum, ein Staat des Deutschen Reiches, besteht aus zwei großen Ge- bietstheilen u. mehreren kleinen Enclaven. Von jenen liegt der südliche Theil, welcher die Provinzen Starkenbnrg n. Rheinhesssn umfaßt, an beiden Ufern des Rheines, u. grenzt im N. an die preuß. Provinz H.-Nassau, im O. an Bayern u. Baden, im S. an Baden u. im W. an die bayer. Rheinpfalz u. die preuß. Rheinprovinz; der von dem südlichen Theile getrennte nördliche Theil, die Provinz Oberhessen, ist ganz von preuß. Gebiete umschlossen. Von den kleineren Parcellen liegen drei, den zur Pro». Starkenburg gehörigen Kreis Wimpfen bildend, südlich im Württembergischen n. Badcnschen, u. eine vierte (das Dorf Steinbach sammt mehreren Waldungen), zur Provinz Oberhessen gehörig, nordwestlich von Frankfurt a. M. in preuß. Gebiete. Innerhalb des Großherzogthums sind seit 1866 keine Enclaven mehr vorhanden. Über Flächeninhalt u. Bevölkerung, so- wol im Ganzen wie auch ihre Vertheilung auf die drei Provinzen, s. die folgende Tabelle: Provinzen ! !kw HÜM Einw. 1875 Bcw. auf 1 ÜHkm Starkenbnrg . Rheinhessen. . Oberhesfen. . 3013,7k 3288,81 1373,77 54.73 59.73 24.9- 3(i9422jl22,ss 25376S 77,is 2591st4!l88.6-i Das ganze Grvßherzogthum 7674,rsll39,4i S8S34gIt1t,i» Die Oberfläche ist theils eben, wie an dem rechten Rhein- u. linken Mainnfer, theils hügelig, wie in Rheinhessen u. der Wetterau, theils gebirgig. Gebirge sind der Odenwald mit dem Malchen- berg (Mslibocns) 520 m, Hardbcrg 590 m und Felsberg 517 in in dem südöstlichen Theile der Provinz Starkenbnrg; der Vogelsberg mit dessen höchsten Spitzen (Taufstein 786 m, Hohenrads- köpf 672 IN rc.), in dem östlichen Theile der Prov. Obcrhessen. Der Hausberg (bei Butzbach) gehört zu dem Taunus. Flüsse: der Rhein, in deni südlichen Theile, welcher rechts den Main n. links die Selz und dis Nahe aufnimmt. Dem Main fließt links die Mümling u. die Gersprenz, rechts die Nidda (mit Wetter u. Nidder) zu. Der Neckar berührt den südlichsten Theil des Landes. Außerdem gehört in Oberhessen die Lahn, der die Ohm, Lumda u. Wicseck zufließt, zu dem Flußgebiet des Rhein; aber die Fulda u. Schwalm zu dem der Weser. Mineralquellen sind in allen drei Provinzen vorhanden: bei Nauheim, Groß-Karbcn, Nierstein, Salzhausen, Wimpfen, Oppenheim rc. Das Klima ist verschieden nach der verschiedenen Höhe des Bodens, angenehm (zum Theil sehr mild) in dem Rhein- u. Mainthal, rauh n. kalt im Vogelsberg. Products: Pferde, Rindvieh, Schweine, Schafe, Ziegen, Geflügel, Edel- u. Damwild, Rehe, wilde Schweine, Hasen, Kaninchen, Füchse, Marder, Fischottern, Birk- u. Anerhühner, Rebhühner, Falken, Fische u. Bienen; Getreide (auch Spelz u. Mais), Hirse, Buchweizen, Hülsenfrllchte, Hanf, Flachs, Kartoffeln, Raps, Mohn, Klee, Tabak, Obst, viel Wein, Laub- u. Nadelholz; Eisen, etwas Kupfer, Braunstein, Graphit, Bau- u. Mühlsteine, Marmor, Töpferthon, Fayenceerde, Salz, Braunkohlen, Torf. Die Bewohner gehören ihrer Abstammung nach dem hessischen Stamme (einem der ober- oder hochdeutschen Stämme) an, bis auf eine geringe Anzahl Nachkommen von französischen Hugenotten u. Waldensern u. die Juden. In Bezug auf die Religionsverhältnisse s. d. Tabelle Bd. VI, S. 280. Für die Volksbildung wird in anerkennenswerther Weise gesorgt. Von den 17,907 in dem Zeiträume von 1869—74 in das Heer eingestellten Recruten waren nur 76 (0,^4"/») ohne Schulbildung. Die Landesuniversität ist Gießen. Die höheren Lehranstalten finden sich Bd. VI, S. 297 angegeben. Außerdem bestehen ein evang. Predigerseminar, ein kath. Priestersemiuar zu Mainz, mehrere höhere Töchterschulen, 2 Taubstummenanstalten, eine Blindenanstalt, landwirthschaftliche, Handels- u. Industrieschulen, Fortbildungsschulen für Handwerker rc. Auch Humanitäts- u. Wohl- thätigkeitsanstalten sind zahlreich vorhanden. Beschäftigung der Bewohner: In blühendem Zustande sind der Ackerbau, bes. in der Wetterau, am Nheiu u. Main; die Waldwirthschast, bes. in den Gebirgsgegenden (86"/g der Waldungen sind Hochwald, davon etwa 57°/„ Laubholz); der Obst- bau, hauptsächlich an der Bergstraße und in der Wetterau; der Weinbau, vorzügl. in Rheinhessen u. an der Bergstraße; die Rindvieh- u. Schweinezucht, bes. am Vogelsberg u. Odenwald; Pferdezucht, bes. in Oberhessen u. L-tarkenburg; die Geflügelzucht; die Bienenzucht, besond. im Odenwald n. Rhein- Hessen; Forellen im Odenwald, Karpfen im Rhein. Von der Gesammtoberfläche sind l„°/g Weinberge; über die weitere Bodenvertheilung s. die Tabelle Bd. VI, S. 290. Der Viehstand betrug 1873: 284,049 Stück Rindvieh, 44,153 Pferde, 130,410 Schafe, 78,670 Ziegen, 133,987 Schweine; vgl. Bd. VI, S. 290. Der Bergbau, nur in Ober- heffen von Bedeutung, liefert hauptsächlich Eisen- u. Manganerze (1873: 3,410,632 Ctr. Eisenerze im Werthe von 1,709,961 LI und 65,409 Cir. Manganerze im Werthe von 196,227 LI), Braunkohlen (865,669 Ctr. im Werthe von 360,018 LI) u. Salz. Ungemein reich ist die Saline Lndwigs- hall (bei Wimpfen); dagegen die Saline Satz- Hausen, sowie Theodors- u. Karlshall (bei Kreuznach) von geringem Ertrage. 1873 lieferten sämmt- liche Salinen 282,888 Ctr. Kochsalz im Werthe von 537,267 LI. Von großer Bedeutung ist ferner die Industrie; über 36°/» der Bevölkerung lebt von derselben. Die wichtigsten Industriezweige sind: die Fabrikation von Leder (lackirtem u. gefärbtem), Tabak, Cigarren, Luxnsmöbeln, Portefeuilles, Chemikalien (Alkaloide, Anilin, Ultramarin, Soda, Wasserglas rc.), Zündhölzchen, Maschinen, Eisenbahuwaggons, Wagen, Wagenachssn, Schnhwaaren, Hüten, Tuch, Leinwand, baumwollenen Zeugen, Posamentier-, Strumpf- und Filzwaaren, Stramin, Wachstuch, Teppichen, Kokosmatten, Handschuhen, Metallknöpfen, Papier, Tapeten, Spielkarten, Holzwaaren, Holz- und Elfenbeinschnitzereien, Kartoffel- und Stärkemehl, Stärkezucksr, moussirendcn Weinen, Chocolade, Kaffesurrogaten, Conserven, Essig rc., ferner Eisengießerei, Branntweinbrennerei, Bierbrauerei, Metzgerei u.Wurstfabrikation,Wollen-, Baumwollen- u. Kunstwollenspuinerei, Buch- u. Notendruckerei rc. Vgl. auch die Übersichten Bd. VI, S. 290. Die ausgezeichnetste Fabrikstadt ist Offenbach; auch Mainz, Darmstadt und Worms haben wichtige Fabriken. Der Handel, durch gute Landstraßen (darunter die Bergstraße, s. d., zusammen über 1800 kw lang), schiffbare Flüsse, bes. Rhein u. Main, und Eisenbahnen (s. die Übersicht Bd. VI, S. 293) gefördert, ist nicht unbedeutend, u. ist in Mainz u. Ofsenbach sogar sehr lebhaft. Aus H. wurden 1873—74 nach NAmerika Maaren im Werthe von 3,124,193 LI exportirt. Die Ausfuhr über Bremen allein betrug 1874: 1,399,095 LI, die Einfuhr 1,987,097 21. Die hauptsächlichsten Ausfuhrartikel waren: Leder (lackirtes u. lohgares), Lederwaaren, Wein, Hopfen, Farbwaaren rc.; die wichtigsten Gegenstände der Einfuhr: Tabaksblätter, Tabaksstengel u. Cigarren (für 1,365,903 LI), ferner Öle, Petroleum, Wolle, Holzwaaren, Honig, Reis, Schellack, Indigo rc. In den 3 Rheinhäfen belief sich 1872 der gesammte Güterverkehr auf 4,101,136 Ctr. Münze, Maße u. Gewichte sind die des Deutschen Reiches, s. Bd. VI, S. 294. Eingetheilt wird H. in die drei Provinzen Starken- burg, Rheinhessen und Oberhessen; Starkenburg zerfällt wieder in 7, Rheinhesseu in 5 u. Oberhessen in 6 Kreise. Hauptstadt ist Darmstadt. Staatsverfassung. Hessen, seit 1806 zu einem souveränen Großherzogthum erhoben, bildet laut Versassnngsurkunde vom 17. Dec. 1820 eine untheilbare constitutionelle Monarchie u. ist durch den Versailler Vertrag vom 15. Nov. 1870 dem Deutschen Bunde, resp. Deutschen Reiche, beigs- treten, nachdem es seit 1866 bereits mit seinem nördlichen Theile in den Norddeutschen Bund ge- treten war. Es führt im Bundesrath des Deutschen Reiches 3 Stimmen u. sendet in den Deutschen Reichstag 9 Abgeordnete. Der Landesherr (Großherzog von H. u. bei Rhein, Königliche Ho- heit) vereinigt in sich alle Zischte der Staatsgewalt gemäß der Verfassung, ist das Oberhaupt der evangelischen Kirche des Landes und bezieht eine auf die als Familieneigcuthum anerkannten zwei Drittel der Domänen radicirte Civilliste von 1,031,714 Mark. Die Regierung ist erblich nach Erstgeburt u. Linealerbfolge u. geht in Ermangelung eines durch Verwandtschaft od. Erbverbrüdcr- ung zur Nachfolge berechtigten Prinzen auf das weiblicheGeschlecht über. Erbverbindungen bestehen, u. zwar seit 1614 erneuert, zwischen den hessischen Häusern, Sachsen u. Brandenburg. Der gegenwärtige Regent, Großherzog Ludwig III., regiert seit 5. März 1848. Die Verfassung sichert jedem Staatsbürger Gleichheit vor dem Gesetze, Ge-! Wissensfreiheit, Freiheit der Person u. des Eigenthums. Die Stände des Großherzogthums bilden 2 Kammern: die Erste Kammer besteht aus den Prinzen (Großherzoglichen Hoheiten) des großherzoglichen Hauses, den Häuptern der standesherrl. Familien, dem Senior der sreiherrl. Familie von Riedesel, dem katholischen Landesbischos od. seinem Stellvertreter, einem vom Großherzog auf Lebenszeit ernannten protestantischen Prälaten, dem Kanzler der Landesuniversität, 2 Vertretern der adeligen Großgrundbesitzer u. aus höchstens 12 vom Großherzog auf Lebenszeit berufenen Staatsbürgern — derzeit34Mitgliedern. Die Zweite Kammer ist aus 5V Abgeordneten der Städte (10) n. anderen Gemeinden (40) gebildet; die Wahl ist iudirect, wählbar zum Abgeordneten ist jeder die Einkommensteuer Entrichtende. Mitglieder der Ministerien u. in ihren Dienstbezirken gewisse Justiz- u. Verwaltungsbeamte können nicht in die zweite Kammer gewählt werden. Das Mandat ist auf sechs Jahre gegeben. Die Stände werden wenigstens alle drei Jahre versammelt. Die Minister sind verantwortlich und können von den Ständen in Anklagezustand versetzt werden. An der Spitze der Verwaltung steht das großh. Gesammtministerium, dessen Präsident zugleich Minister des großherzogl. Hauses u. des Äußeren ist; außerdem bestehen 3 Ministerien: für das Innere, für die Justiz, für die Finanzen, mit dem Sitze in Darmstadt. Dem Ministerium des Innern sind untergeordnet: das evangelische Oberconsistorium, die Obermedicinal- direction, die Centralstellen für die Landesstatistik, die Landwirthschast u. die Gewerbe; dem Finanz Ministerium: die Hauptstaatskasse, die Oberrech - nnngskammer, die Obersteuerdirection, Oberforst- und Domänendirection, Oberbaudirection. Das Großherzogthum zerfällt in die 3 obengenannten Provinzen und diese in 18 Kreise. Als Behörde für die allgemeine Landesverwaltung ist in der Provinz die Provinzialdirection, im Kreise das Kreisamt (mit dem Kreisrath an der Spitze) bestellt; in bestimmten Angelegenheiten, in Administrativ-, Justiz-, n. Gemeinde-Verwaltnngssacheii entscheidet der Provinzial-, bezw. Kreisausschuß, dessen Mitglieder vom Provinzialtage, resp. Kreistage, auf 6 Jahre gewählt werden. Die Berufung in den Administrativ-, Justiz- u. in den Gemeinde- Verwaltungssachen geht an den Verwaltungsgerichtshof. Die Localpolizei u. örtlichen Geschäfte der allgemeinen Staatsverwaltung haben die Bürgermeister zu besorgen. Großh. Polizeibehörden bestehen in 9 Städten (das Polizciamt in Darm- stadt n. 8 Polizeiverwaltungen). Andere linter- behörden sind die Steuer-Commissariate, die Hanpt- stenerämter, Forst-, Rent-, Provinzial- u. Kreis- Bau-Ämter. Jede Provinz u. jeder Kreis bilder einen Verband für die Selbstverwaltung; die Mitglieder des Provinziallandtages werden von den Kreistagen gewählt, die Mitglieder dieser zu H aus den Höchstbestenerten, A aus den Bevollmächtigten der Gemeindevorständc, für beide Tage auf 6 Jahre (Gesetz v. 12. Juni 1874). Die Gemeindevertretung ist in den Städten die Stadtverordneten- Bersammlung, auf dem Lande der Gemeinderath, beide auf 9 Jahre gewählt; der verwaltende Ortsvorstand ist der Bürgermeister mit dem Beigeordneten, der in Städten mit mindestens 10,000 Ew. der collegialische Magistrat (Städte-Ordnnng vom 13. Juni u. Landgemeinde-Ordnung v. 15. Juni 1874). In den Städten werden die Bürgermeister u. besoldeten Magistratsmitglieder auf 12, die Beigeordneten u. dis unbesoldeten Magistratsmitglieder auf 6 Jahre, in den Landgemeinden Bürgermeister u. Beigeordnete auf 9 Jahre gewählt. Die zur Justizpflege berufenen Behörden sind: das Ober- Appellations- u. Cassationsgcricht in Darmstadt; in den unter gemeinem Rechte (modificirt durch Landrechte, Stadtrechte u. einzelne Landesgesetze rc.) stehenden Provinzen Starkenbnrg u. Oberhessen die beiden Hofgerichte (II. Instanz), bei welchen die Schwurgerichtshöse gebildet werden, die vier Bezirks-Strafgerichte (Collegialgerichte), die 39 Stadt- n. Landgerichte; in Rheinhessen, wo das französische Recht geblieben ist, das Obergericht in Mainz, die 2 Bezirks- u. Asstsengerichte, die 12 Friedensgerichte. Das Verhältniß des Staates zur Kirche ist durch die Kirchengesetze v. 23. April 1875 geordnet. Die evangelische Landeskirche umfaßt nach der Kirchenverfassung v. 6. Januar 1874 sämmtliche evangelische Gemeindendes Großherzogthums, unbeschadet des Bekenntnißstandes der einzelnen Gemeinden. Das Kirchenregiment übt der evangelische Landesherr nach Maßgabe der Verfassung durch das Oberconsistorium (die höchste Kirchenbehörde). Die Kirchengemeiiide verwaltet ihre Angelegenheiten durch die Gemeindevertretung u. den Kirchenvorstand; zur Vertretung der Ge- sammtheit der Genieinden eines Dekanats finden jährlich Dekanatssynoden statt (sämmtliche Geistliche des Dekanats und ebenso viel von den Gemeindevertretungen gewählte weltliche Mitglieder); zur Vertretung der Gesammtheit der evangelischen Kirche tritt alle fünf Jahre die Landessynode zusammen (je 1 geistlicher u. 1 weltlicher Abgeordneter jeder Dekanatssynode, das sind je 23 Abgeordnete, der evangelische Prälat, 3 Geistliche u. 4 Weltliche, vom Großherzog dazu ernannt). Die katholische Landeskirche, ein Bestandtheil der oberrheinischen Kirchenprovinz, steht unter dem Landesbischof mit Domcapitel in Mainz und zählt 16 Dekanate u. 150 Pfarreien. Die Israeliten (1871: 25,373 Seelen) üben ihren Cultns, in s Rabbinate eingetheilt. Die Armee des Großher- zogthums steht nach der Convention v. 13. Juni 1871 als geschlossene (Großh. Hess. 25.) Division im Verbände der preußischen Armee (II.Armee- ^ corps) u. aus dem Etat u. in der Verwaltung des 250 Hessen. Neichsheeres; sie behält (außerordentliche militärische und politische Fälle dem kaiserlichen Dislocationsrechte Vorbehalten) im Frieden Garnison innerhalb des Landes. Finanzen sPeriode 1S7S—rss. Domänen u. Forsten . 5602553 LI L recte Steuern 8276186 „ Jnbirecre Steuern 2556386 „ Verschiedenes 1472887 „ Vorhandene Überschüsse 4636108 „ 22544120 Ll AuLqaben: Lüften u. Abqänqe 1553339 LI Staatsschuld . . . 681905 „ Pensionen .... 797243 „ Civilliste rc. ... 1346285 „ Matricularbeiträqe . 1350000 , Ministerien 10066730 „ Eisenbahnzuschüsse 2500000 „ Anschüsse für Bauten . 1999062 „ MnthmaUicher Überschuß . 2249556 „ 225,44120 Ll Schulden 1. eigentliche Staatsschuld 8191550 LI 2. Staatsrentenschuld . 259L894 „ 3. Provinzialstraßenbau . 1715531 „ 4. Eisenbahnen . . 12273330 „ 24780305 LI dagegen Activa . . . . 20687823 „ bleibt wirkliche Schuld . . . 409247S LI Die Landesfarben sind roth u. weiß. Das Staatswappen ist ein mit der Königskrone bedeckter, von den Orden umhangener n. von zwei Löwen gehaltener blauer Schild mit einem gekrönten, von Silber n. Roth zehnmal quergestreiften aufrecht stehenden Löwen, der in der rechten erhobenen Vordcrtatze ein Schwert hält. Orden u. Ehrenzeichen: Der Ludwigsorden, der Verdienstorden Philipps des Gcoßmürhigen; Haus- orden vom Goldenen Löwen; Militärverdienst-, Militärsanitäts-Kreuz; VerdienstmedaillesürWissen- schäften, Kunst, Industrie rc.; Militärdienstalters zeichen. Vgl. Wagner, Statistisch-topogr.-histor. Beschreibung des Grvßherzogthums H., 4 Bde., Darmst. 1829—31; Becker, Geognostischc Skizze des Großherzogthums H., ebd. 1849; Walther, Das Großherzogthum H., ebd. 1854; Hof- und Staatshandbnch des Großherzogthums H, 1858; R. Ludwig, Geologische Skizze des Großherzog- thnms H., ebenda!. 1887; Ludwig, Versuch einer Statistik des Großherzogihnms H. auf Grundlage seiner Bodenbejchafsenheit, ebd. 1888; Beiträge zur Statistik des Großherzogthnms H., heransgeg. von der Centralstelle für die Landesstatistik, 14 Bde., ebd. 1862—75. sGeogr.s H. Berns. sBerf.s Lagai. Hessen (Großherzogth., Gesch.). I. Von der Stiftung der Linie Hessen-Darmstadt bis zur Erhebung zur Großherzogl. Würde, 1567—1806. Georg I., jüngster Sohn Philipps des Großmüthiaen, Stifter der Darmstädtischen Linie 1567, erhielt aus der väterlichen Erbschaft die obere Grafschaft Katzenelnbogen u. 1583, als sein Bruder Philipp von H.-Rheinsels starb, ein Drittel von dessen Berlassenschaft und nahm seine Residenz in Darmstadt. Nach seinem Tode, 1596, theilren seine drei Söhne Ludwig, Philipp und Friedrich; Philipp zu H.-Butzbach st. 1643 ohne Erben; Friedrich stiftete die Nebenlinie der Landgrafen H.-Homburg; der älteste, Ludwig V., der Getreue, setzte die Darmstädtische Linie fort. Er erbte 1604 von seinem väterlichen Oheim (Ludwig IV. von Marburg) das ihm zu seinem An- theil vermachte Fürstenthnm Gießen. Da er mit den Bestimmungen des Testamentes nicht zufrieden war, so entspann sich über diese Erbschaft ein heftiger u. langwieriger Streit, der die Errichtung der lutherischen Universität Gießen 1607 zur Folge hatte, weil der bis dahin gemeinsamen Landes- nniversität Marburg durch Landgraf Moritz den Gelehrten von H.-Kassel ein entschieden reformirter Charakter gegeben worden war. Im 30jährigen Krieg verhielt sich Georg I. neutral u. zeigte sich mehr dem Kaiser geneigt, weil das feindliche H.- Kassel auf der gegnerischen Seite stand. Er führte das Recht der Erstgeburt in der Regiernngsfolge ein u. st. 1626. Sein Sohn, Georg II., hielt sich anfangs ebenfalls neutral; dennoch verwüsteten die durchziehenden Heere sein Land, die Kaiserlichen selbst nach Annahme des Prager Friedens 1635. Der Erbfolgestreit mit H.-Kassel wurde endlich 1648 durch die Vermittelung des Herzogs Ernst von Gotha dahin ausgeglichen, daß H.-Kassel zwar die obere Grafschaft Katzenelnbogen sammt Schmalkalden u. dessen Vogteien, dazu Stadt n. Schloß Marburg gegen eine Geldfnmme eingeräumt, hingegen H.-Darmstadt der übrige Antheil gelassen wurde. Georg II. st. 1661. Unter seinem Sohne Ludwig VI. (st. 19. April 1678) u. Ludwig VII., dem Sohne Ludwigs VI., der nur wenige Monate regierte (st. 31. Ang. 1678), sowie unter seinem zweiten Sohne Ernst Ludwig, welcher anfangs unter Vormundschaft seiner Mutter Elisabeth Do- rothea von Gotha, dann selbst inild u. den Wissenschaften hold regierte, litt H.-Darmstadt sehr durch die verheerenden Kriege, in welche das Deutsche Reich durch die Habsucht des Königs Ludwig XIV. von Frankreich verwickelt wurde, bes. durch den Spanischen Erbfolgekrieg. Ernst Ludwig st. 1739. Ludwig VIII., sein Sohn, erhielt durch seine Gemahlin Christum, die Erbtochter des letzten Grafen von Hanau, Johann Reinhard, 1736 die Grafschaft Hanau-Lichtenberg. Da der größte Theil davon im Elsaß lag, so verlor Ludwig IX., welcher 1768 seinem Vater Ludwig VIII. folgte, durch die Französische Revolution in Ansehung dieser Besitzungen alle lehnsherrlichenRechte u.Domanial- einkünfte: er st. 4. April 1790. Ludwig X., fein Sohn, nahm an dem Revolntionskriegc theil, erhielt nach dem Lüneviller Frieden imReichsdepu- tations-Hauptschlnß 1803 für seine Verluste auf dem linken Nheinnfer u. für Abtretungen an Baden u. Nassau Usingen (zns. 38 HW u. 100,000 Ew.), das Herzogthum Westfalen, 12 Mainzer u. 3 pfälzische Ämter, die Reste vom Hochstift Worms, die Reichsstadt Friedberg u. die Propstei Wimpfen, zusammen 108 »nt 218,000 Ew., dagegen übernahm er auch Geldentschädignngen für Hessen- Homburg u. den Fürsten von Satin-Wittgenstein. II. Seit der Annahme des Titels Großherzogthum bis zur Revolution, 1806 bis 1848. 1806 trat der Landgraf dem Rheinbünde bei, erhielt die Souveränität, den Titel als Großherzog (nun Ludwig I.) und die Hoheit über mehrere Besitzungen des Fürsten von Löwenstein- Wertheini, des Grafen von Erbach, des Fürsten von Leiningen, des Grafen von Stolberg-Gedern, der Häuser Solms, Wittgenstein-Wittgenstein und 251 Hessen. Wittgenstein-Berleburg, die Herrschaft H.-Homburg, die Grafschaft Schlitz u. die Burggrasschaft Friedberg, zusammen 42 HsM mit ft 12,000 Ew. 1810 trar Baden au H. mehrere Ämter ab, u. es erhielt dagegen einen Theil von Hanau u. ein Amt von Fulda, zns. S HZM mit 26,200 Ew. Ende 1813 trat der Großherzog mit den anderen deutschen Fürsten vom Rheinbund ab und schloß sich an die Sache der Murten an; 1815 wurde er Mitglied des Deutschen Bundes, trat zwar infolge des Wiener Congresses das Herzogthum Westfalen und einige Gebiete am unteren Main wieder ab, setzte den Landgraf von H.-Homburg in seine vorigen Rechte ein, bekam aber dagegen eine Enschädig- ung, aus einem Theil des Depart. Donnersberg aus dem linken Nheinuser und ans einem Theile des Fürstenthums Isenburg ans dem rechten be- stehend. Wegen dieser rheinischen Besitzungen nahm er seit 1816 Len Titel Großherzog von Hessen u. bei Rhein an. Bereits 18. März 1820 hatte der Großherzog, seinem früheren Versprechen zufolge, eine ständische Verfassung mit zwei Kammern für seine Staaten proclamiren lassen. Da diese jedoch mancher- lei Unzulänglichkeiten enthielt, so ergänzte der Großherzog dieselbe aus Vorstellung der Kammern 17. Aug. 1820, gestand die Verantwortlichkeit der Minister zu u. setzte fest, daß alle constitutionellen Gesetze nur mit Einwilligung beider Kammern u. durch Billigung von zwei Drittel der anwesenden Mitglieder gegeben u. abgeändert werden könnten. Diese Bestimmungen wurden 17. Dec. 1820 dem Grundgesetz beigesügt und die Verfassung so vollendet. Die von den Ständen 1821 proponirte Einkommensteuer wurde zwar von der Regierung nicht genehmigt, dagegen das Militär gemindert, ein neues Conscriptionsgesetz erlassen, sowie eine neue Gemeindeordnung u. eine Bestimmung über persönliche Verantwortlichkeit. Nach der Schließung des Landtages 1821 wurde das Ministerium neu organisirt; bisher hatte die Ministerialgewalt nur in den Händen des Ministers von Grolmann gelegen, nun aber wurden vier Departements- Ministerien eingesührt. Zugleich wurde ein Staats- rath beschlossen, eine Oberrechnungskammer und eine Slaatshauptkasse errichtet, zu denen 1822 noch ein Oberkriegsgericht kam. Am 14. Febr. 1828 trat Ludwig I. dem Preußischen Zollsystem bei, — erster Schritt zum allgemeinen Deutschen Zollverein. Im März 1829 starb der Minister v. Grolmann, der an den liberalen Reformen des Großherzogs einen wesentlichen Äntheil gehabt hatte, u. ein Jahr später folgte ihm der Großher- zvg, Ludwig I, im Tode (6. April 1830). Unter seinem milden, freisinnigen Regiment war viel für Volksbildung und Besserung der bäuerlichen Verhältnisse, sowie namentlich auch für die Stadt Darmstadt geschehen. Ludwig "il., sein Sohn, folgte ihm. Die Julirevolution fand auch in H.-Darmstadt ihren Widerhall durch Excesse, die namentlich in Oberhessen statthatten u. durch Aussendung von Truppen u. Proclamirung des Belagerungszustandes unterdrückt werden mußten. Mit den Ständen gerieth der Großherzog alsbald in Conflict, da diese die Bezahlung seiner als Erbgroßherzog gemachten Schulden verweigerten, auch sonst allerlei Kürzungen an einer Civilliste Vornahmen. Eine reactionäre Strömung gewann seitdem in H. die Oberhand. Auf Veranlassung des Bundestages wurden Manifeste gegen Volksvereine u. Volksfeste erlassen, die Adressen an denselben verboten, die Presse beschränkt, der Cassationshof von Rheinhessen, ohne die Stände zu fragen, aufgehoben und mit dem Oberappellationsgerichtshofe in Darmstadt vereinigt u. andere durchgreifende Veränderungen in der Verwaltung auf gleiche Weise vorgenommen. Die Ende 1832 einberufeue liberale Kammer gerieth darüber bald in Mißhelligkeiten mit der Regierung ». wurde im Nov. 1833 aufgelöst, mehrere Beamte, die ihr angehört hatten, durch Versetzung od. Pensionirnng gemaßregelt. Zugleich wurden die Maßregeln gegen die Presse verschärft. Das Frankfurter Attentat am Gründonnerstag 1833 veranlaßte in H.-Darmstadt mehrere Verhaftungen. Trotz aller Bemühungen der Regierung wurde bei den Neuwahlen zum Landtage doch die ganze Opposition von 1832 wieder gewählt; u. obgleich die Regierung 14 als liberal bekannten Deputirten, die zugleich Staatsdiener waren, den Urlaub verweigerte, so hatte die Opposition dennoch die Majorität. Die Verhandlungen drehten sich um die Wahlfrage und um die Finanzforderungen von 1830—32, welche die zweite Kammer verwarf, die erste aber billigte. Sonst bewilligte die zweite Kammer Manches für Kunst u. Wissenschaft, öffentlichen Unterricht rc., renitirte aber meist, wo etwas für den Hof geschehen sollte, u. wurde infolge eines durch Heinrich von Gagern veranlaßten Conflicts zwischen demMinisterbevollmächtigten u. dem Präsi- venten der Kammer 24. Oct. 1834 aufgelöst. Bei den neuen Wahlen waren durch die Bemühung der Regierung unter 48 Deputirten nur 10 Mitglieder der Opposition, und die Beschlüsse des 27. April t835 eröffneteu und 20. Juli 1836 geschlossenen Landtages fielen auch fast sämmtlich im Sinne der Regierung aus; alle streitigen Punkte des Budgets wurden genehmigt und die Öffentlichkeit und Mündlichkeit im Strafverfahren verworfen. Die Wahlen zum siebenten Landtag vom 7. Nov. 1838 bis zum Juni 1839 fielen wieder für die Regierung günstig aus. Die Finanzen waren befriedigend, die wichtigeren Finanzfragen erhielten deshalb auch die Beistimmung der Kammern. Der mehrmals zurückgewiesene Zuschuß von 24,000 Gulden, welchen der Großherzog als Erbgroßherzog bis 1830 bezogen hatte, wurde damals von den Kammern auch ferner bewilligt. Am 9. Jan. erfolgte eine Amnestie wegen politischer Vergehen, hauptsächlich zu Gunsten der wegen des Frankfurter Attentats und der daraus folgenden Untersuchung zu Freiheitsstrafe Verurtheilten. Beim achten Landtag vom Dec. 1841 bis Juli 1842 hatte die Regierung wieder die Majorität; die Erhöhung des Militärbudgets, die zn bauenden Eisenbahnen, die Auswanderungsfrage, die von der Negierung vorgelegte erste Äbtheilung des neuen Civilgesetz- buches, nachdem schon der vorhergehende Landtag ein neues Strafgesetzbuch genehmigt hatte, waren die Hauptgegenstänbe der Verhandlung. Im Allgemeinen wurden seit Ansang des fünften Jahrzehnts die Differenzen zwischen Ständen u. 252 Hchui. Negierung immer mehr ausgeglichen. Au der neuen Civilgesetzgcbung wurde eifrig gearbeitet n. der zur Berlage reife Theil des Gesetzes dem deshalb im Ang. 1844 einberufenen ständischen Aus«« schuß vorgelegt. Die Verhandlungen des 14. Jan. 1845 neu begonnenen u. 1. Juli vertagten Landtages verliefen ohne wesentliche Differenzen. Der in diesem Jahre sich rasch verbreitende Dentsch- latholicismns gewann auch im Großherzogthum H.-Darmstadt (bes. in Worms u. Offenbach) einen bedeutenden Anhang; die Regierung ließ anfangs die Dissidenten gewähren, untersagte aber später ihren Predigern jede Ausübung gottesdienstlicher Handlungen, welche Einfluß auf die bürgerliche Ordnung hätten. Die nächste Ständeversammlnng wurde erst 3. Nov. 1846 wieder eröffnet; die wichtigste Vorlage bildete das neue Civilgesetzbnch, das für alle Provinzen gleichmäßig gelten sollte, womit trotz des lebhaftesten Widerspruches der rheinhessischen Deputirten die Aufhebung des noch in Rheinhessen gütigen Code Napoleon, mithin namentlich der Bestimmungen über die Civilehe verbunden war. Infolge der Aufhebung der letzteren mehrte sich die ohnedem schon in Nhcinhessen herrschende Aufregung u.in erst öffentlichen, dann geheim gehaltenen Bürgcrversammlungen wurde über die Art u. Weise, die bisherigen Institutionen zu erhalten, berathen. Gleichwol genehmigte die zweite Kammer den Entwurf über den Familienrath u. beendigte 4. Februar endlich die Berath- uug über den ersten Theil des Civilgesetzbnches. Die erste Kammer schloß sich den Abstimmungen der zweiten Kammer im Wesentlichen meist an, rescrvirtc nur für Nheinhessen die bürgerliche Trauung vor der kirchlichen n. verwarf die Ehen zwischen Christen u. Nichtchristen. Am 28. Juni 1847 wurde der, auch diesmal wieder der Regierung überwiegend günstige Landtag geschlossen. III. Die Revolution 1848 u. 1849. Der neue, 17. Dec. 1847 eröffnete Landtag kam bald unter den Einfluß der damals allgemein in Deutschland herrschenden Mißstimmung, die durch die Februarrevolution neue 'Nahrung erhielt. Am 28. Febr. 1848 stellten mehrere Abgeordnete der zweiten Kammer, an Bassermanns Motion in Baden anknüpsend, den Antrag ans Berufung einer Nationalvertretung u. Ernennung eines interimistischen Oberhauptes für Deutschland. Die Geschichte der Märztage im Großherzogthum ist dieselbe wie in den anderen kleineren deutschen Staaten. Am 4. März sicherte der Großherzog ein Preßgesetz nach badischem Muster, Bürgerwehr u. Schwurgerichte zu u. nahm seinen Sohn, den Erbgroßherzog Ludwig, durch Decret vom 5. März zum Mitregenten an. Der Mitregent kam dem Volke sofort mit der Erfüllung sämmtlicher Märzforder- nngen entgegen, sagte außerdem Zurücknahme des Polizcistrafgcsetzes und Belassung der Rheinhessen bei ihren bisherigen Institutionen bis zur Einführung einer allgemeinen deutschen Gesetzgebung zu, entließ das unpopuläre Ministerium du Thil u. berief Heinrich von Gagern zum Minister des Innern. Am 7. März erfolgte die Vereidigung des Militärs auf die Verfassung u. darauf wurde Kilian zum Justizminister, Jaup zum Präsidenten des Staarsraths ernannt, wie überhaupt die höheren Verwaltungsstellen rasch mit liberalen Männern besetzt wurden. Doch erschienen auch bald genug die Anzeichen, daß mit jenen bereitwilligen Zuge- ! A ständnissen weder die allgemeine Ruhe noch die D völlige Befriedigung Aller erkauft sei. Während 8 14. u. 20. März Amnestien ertheilt, das Polizei- H strafgeictzbnch vom 2. 'Nov. 1847 wieder anfgc- ! 8 hoben, das Ministerium des Innern von dem der ! tz Justiz getrennt wurde u. die Regierung eifrig bei N den übrigen deutschen Cabinetten für Ordnung der D deutschen Angelegenheiten durch angemessene Vor- , 8 schlüge wirkte, brachen an verschiedenen Orten des dH Landes sehr bedenkliche Unruhen ans. Besonders ! A zeigten sich die Bauern des Odenwaldes u. Vogels- E berges zu Gewalithätigkciten geneigt, welche die Z Aufhebung der Grundlasten u. Erpressungen be- 4 zweckten, ».hier, wie anderwärts, erst durch Auf- st bietnng militärischer Macht unterdrückt werden konnten. Zu den revolutionären Ausbrüchen rein socialer Natur in Mainz gesellte sich bald ein f sj politisches Element: es traten republikanische Ve- strebnngen hervor n. in Mainz kam es zu ernsten s Straßenkämpfen zwischen Militär u. einem Theil j der Bevölkerung. Inzwischen war das hessische j Militär in Baden gegen die Heckersche Erhebung verwendet worden, n. hatte infolge des Rücktritts des Ministers von Gagern, der zum Präsidenten ^ t der Nationalversammlung ernannt worden war, ^ z Finanzminister Zimmermann provisorisch den Vor- Z sitz im Gesammtministerium übernommen. ^ Der Großherzog Ludwig II. war 16. Juni ^ ^ gest., u. der bisherige Erbgroßherzog-Mitregent 2 hatte als Ludwig III. die Regierung angetreten. ! K Am 16. Juli wurde Jaup zum Minister des Innern mit dem Vorsitz im Gesammtministerium ernannt. Von jetzt begannen die Agitationen für Kammerauflösung u. Berufung einer constiluiren- den Versammlung, doch schnitt das Ministerium s- alle weiteren Verhandlungen hierüber in der Kam- ^ - mer selbst durch deren Vertagung am 8. Aug. ab. > ? Nun wurden die mit den Kammern vereinbarten ! Gesetze ins Leben geführt, so über Rcligions- u. .? Gewissensfreiheit, Einführung der Civilehe und ? Civilstandesregister diesseits des Rhein, über die Verhältnisse der Standesherren, Erblehen, Ein- Z quartierung; ferner über Einführung des öfsent- Z lichen und mündlichen Gerichtsverfahrens in den ! 8 Provinzen Oberhcssen u. Starkenbnrg (im Novbr.), ^ U über Aufhebung der Jagd- u. Fischereirechte, der ! R Handels- und Gewerbsberechtigungen, über Neu- » organisation der Verwaltungsbehörden. Infolge M des Frankfurter Septemberaufstandes war von « Gießen demokratischer Zuzug ausmarschirt, in iS Worms u. Alzei die rothe Fahne aufgesteckt und fs die Republik von Einzelnen ausgernfen; in Mainz B gab es neue Reibungen mit dem Militär, in Gießen einen blutigen Conflict zwischen Studenten A und Bllrgerwehr. Am 21. November traten die ^ A Kammern wieder zusammen, sogleich von einer D Petition um Selbstauslösung empfangen. I Bezüglich der allgemeinen deutschen Frage be- A kannten sich Ministerium wie Majorität der Kam- ^ D mern zu einer einheitlichen, bundesstaatlichen Po- litik. Schon 11. Jan. 1849 gab der großherzog- '» licheBevollmächtigtebeider Centralgemalt imNamen » des Großherzogs eine Erklärung für ein einziges 253 E ^1 i Hessen. und erbliches Oberhaupt an der Spitze des Deutschen Bundesstaates ab, und 29. Januar sprachen sich die Kammern für das preußische Erbkaiserthum aus. Am 9. Mai wurde die Reichsverfassung amtlich verkündigt, Vereidigung der Truppen auf die Reichsverfassung aber vom Ministerium zurück- gewiesen. Jnzwischenwarans Rheinhessen, namentlich ans Mainz, reicher Zuzug nach Rheinbayern gegangen. Am 17. MaihatteeinhessischesTruppen- corps unter General v. Schaffer bei Heppenheim Stellung genommen; das entblößte Rheinhessen wurde unter den Schutz der Reichsfestung Mainz gestellt. Als 24. Mai bei der Volksversammlung in Oberlaudenbach au der hessisch-badischen Grenze, zu welcher sich an 8000 bewaffnete Männer ein- gefundeu hatten u. die das Signal zum Losschlagen an der Bergstraße geben sollte, der Regierungsdirigent Prinz, welcher dem dahin entsandten Militärcommando als Civilcommissar beigegeben war, erschossen worden war, worauf die Truppen die Versammlung nach einem blutigen Handgemenge zerstreuten, wurde unterm 26. Mai Beschränkung der Volksversammlungen verordnet u. der Kriegszustand in den umliegenden Bezirken (bis 25. Juni) verkündet. Zu gleicher Zeit erfolgte auch die Auflösung des Landtags, nachdem für die Zweite Kammer die allgemeine u. unmittelbare Wahlart durchgesetzt worden war. Die badische Jnsurrecüou berührte H.-Darmstadt vielfach, bes. wurde Worms mehrmals von den Freischaaren besetzt, bis endlich der Versuch, das Großherzogthum von Baven aus zu insurgiren, mit dem für die Freischaaren unglücklichen Gefecht bei Heppenheim endete, am 90. Mai. Das hessische Militär erwies sich in dem ganzen Feldzuge als zuverlässig. IV. Seit Unterdrückung der Revolution bis zur Gegenwart. Nach der Niederwerfung der Revolution wendete sich die Aufmerksamkeit der Regierung sofort den Plänen hinsichtlich der Herstellung eines engeren Bundesstaates zu. Am 5. Juni erklärte der Großherzog seinen Beitritt zum Dreikönigsbündniß; die Ratifications- urkunde wurde jedoch erst 3. Sept. vollzogen. Der nach dem neuen, 1. Sept. publicirten, auf breitester demokratischer Grundlage ruhenden Wahlgesetz gewählte, überwiegend radikal ausgefallene Landtag wurde 8. Dec. 1849 eröffnet. Die vom Ministerium auf sechs Monate verlangte Steuerver- willigung wurde bloß ans drei Monate gegeben; da aber die Entscheidung hinsichtlich der deutschen Frage hinausgezogen wurde, so erfolgte bereits 21. Jan. 1850 die Auflösung des Landtags. Seil Frühjahr 1850 schlug H.-Darmstadt eine andere Politik in der deutschen Frage ein. Namentlich machte sich eine Hinneigung zum engeren Anschluß an Kurhessen bemerkbar. Anfang Juli trat Jaup vom Ministerium zurück; v. Dalwigk übernahm das Ministerium deZ Inneren, u. damit trat ein Systemwechsel nach innen wie nach außen ein. Am 12. Sept. traten die neuen Ständekammern zusammen; als sie aber 26. Sept. die Steuern bis zum Jahresschlüsse verweigerten, erfolgte sofort die Auflösung derselben, u. ein Regierungserlaß vom 30. Sept. ordnete zugleich die Fort- erhcbung der Steuern bis Ende des Jahres an. Im Octbr. wurden Lurch neue Verordnungen alle Vereine aufgelöst u. verboten, die Presse strengen Beschränkungen unterworfen u. eine außerordentliche Ständeversammlung nach dem neuen Wahlgesetz berufen, letztere, um zunächst einen Gesetzvorschlag über Zusammensetzung der Kammern u. ein Wahlgesetz der Abgeordneten zu berathen. Am 18. Jan. 1851 wurde der neue Landtag eröffnet. Die in der Zweiten Kammer sofort erhobenen Competenzzweisel wurden vonbeidenKammern nach Prüfung durch die Ausschüsse für ungerechtfertigt erklärt; aus der Ersten Kammer wurde ein Protest gegen die i. I. 1848 erfolgte eigenmächtige Aufhebung der Rechte der adeligen Gerichtsherren erhoben und geeignete Schritte deßhalb bei dem Bundestage in Aussicht gestellt. Bezüglich des Gesetzentwurfs betr. die Zusammensetzung der bei- den landständischen Kammern u. das Wahlgesetz mit Census wurde das Princip der indirekten Wahlen wie des Passivcensus verworfen, ebenso die vorgeschlagene Zusammensetzung der Ersten Kammer, so Laß zuletzt kaum mehr als die Annahme des Zweikammersystems erreicht worden war. Das Budget wurde ohne Weiteres bewilligt- Jn der am 12. Jan. 1852 wieder zusammen- gstretenen Zweiten Kammer wurde nach heftigen Kämpfen der Gesetzentwurf wegen Abänderung des Assisengesetzcs für Rhsinhessen, durch welchen dem Schwurgerichte namentlich nun auch die Ab- urtheilung politischer Verbrechen, wie schon 1850 der Preßvergeheu, entzogen u. die Wahl der Geschworenen in die Hände von Regierungsbeamten zurückgegebcn werden sollte, angenommen, ebenso eine entsprechende Regierungsvorlage"sür die diesseitigen Provinzen. Auch Vas Gesetz wegen Organisation der Verwaltungsbehörden, wodurch die frühere Eintheilung des Landes in Kreise mit Kreisräthen wiederhergestellt werden sollte, und das Gesetz wegen Wiedereinführung der Todesstrafe wurden angenommen. Besonderes Interesse erregten die durch die Budgetberathungen in der Zweiten Kammer veranlaßten Verhandlungen über die Verhältnisse der katholischen Facultät bei der Universität Gießen, welche, nachdem Bischof v. Kette- ler 1851 ein eigenes katholisches Seminar in Mainz gegründet hatte u. den Studirenden der katholischen Theologie in Gießen bedeutet worden war, daß sie ohne den Besuch der Mainzer Facultät eine Verleihung geistlicher Würden nicht erwarten dürften, mehr u. mehr in Verfall gerieth, ohne daß die Regierung trotz der Bemühungen der Zweiten Kammer ernstliche Schritte dagegen gethan hätte. Eine gleiche Lebhaftigkeit der Verhandlungen der Kammernveranlaßte das Bekanntwerden der Darmstädter Protokolle von 1852 (s. Deutschland, Ge- schichte XIV.), worin man ein Aufgeben des Zollvereins erblickte. Beide Kammern sprachen sich für Ausrechterhaltung des Zollvereins ans. Hinsichtlich des kirchlichen Conflictes erging, im Ganzen übereinstimmend mit den Beschlüssen der Karlsruher Conferenz von Regierungsbevollmächtigten, eine großherzogliche Verordnung, die Ausübung des oberhoheitlichen Schutz- und Aufsichtsrechtes über die katholische Landeskirche betreffend, und am 24. Aug. 1854 Unterzeichnete der Großherzog das zwischen der Regierung u. dem Landesbischof verhandelte Übereinkommen über die Stellung der 254 Hessen. Katholischen Kirche zum Staate. Besondere Auf- merksamkeit erregte die vom 14. bis 22. Juni 1855 stattsindende katholische Bonifaciusfeier in Mainz. Hatte bereits der vom Bischof Ketteler von Mainz unter dem 6. Juni erlassene, darauf bezügliche Hirtenbrief wegen feiner Angriffe gegen die Reformation u. deren Folgen dazu gedient, die Feier schon im Voraus als eine vielfach bedentsamc erscheinen zu lassen, so bot dieselbe selbst durch ihren ungewöhnlichen Pomp u. die Anwesenheit fast aller Bischöfe Deutschlands n. Österreichs Veranlassung zu den verschiedenartigsten Erwägungen. Die Verhältnisse der Presse wurden in Vollziehung des Bundesbeschlusses, die Verhiuderungdes Mißbrauchs der Preßfreiheit betreffend, durch eine landesherrliche Verordnung geordnet, welche vom 1. Mai 1856 an in Kraft trat. Im September trat das auf dem Landtag von 1855 mit den Ständen verabschiedete neue auf dem vormärzlichen Wahlmodus basirte Wahlgesetz in Wirksamkeit, wonach die Zusammensetzung der Standeversammlung, wie sie nach den Bestimmungen der Verfassung von 1820 bestand, fast ganz wiederhergestellt wird. Am 22. Der. wurde die neu gewählte Stände- versammlnng vom Großherzog in Darmstadt eröffnet n. als ihre Hauptaufgabe Vervollkommnung der Gesetzgebung u. die Bildung einer dauerhaften Grundlage für die Finanzen bezeichnet. Dem von den meisten deutschen Regierungen abgeschlossenen Münzvertrage (vom 24. Jan. 1857) war die großherzogliche Regierung bcigetretcn, u. derselbe wurde von den Kammern genehmigt. Die ständischen Verhandlungen der Jahre 1858 u. 1859 boten nichts von allgemeinerem politischen Interesse. Die Versuche der Negierung der Ausbreitung des um jene Zeit gcstistetcn Nationalvcreins durch das Verbot der Mitgliedschaft in ihrem Gebiete entgegenzutreten, erwiesen sich erfolglos u. erweckten im Gegentheil wieder eine größere Betheiligung am politischen Leben. Dies zeigte sich namentlich, als die Convention der Negierung mit dem Bischof v. Ketteler zu Mainz, die schon seit sechs Jahren bestand, im Oktober 1860 zur Kenntniß der Ersten Kammer gebracht wurde. Die Entrüstung über diesen Vertrag, in dem man die wichtigsten Rechte des Staats der Hierarchie preisgegeben sah, machte sich überall gellend. Das Bemühen der Regierung durch ein strengeres Preßgesetz die schonungslose Kritik ihres Verhaltens zu verhindern, war erfolglos u. die Wahlen von 1862 brachten eine starke Oppositionspartei, geführt von dein Nationalvereinsmitglied, Hofgerichtsadvocaten Metz, in die seit Jahren so gefügige Zweite Kammer. Die Adreßdebatte vom Nov. 1862 führte zur Abfassung einer mit großer Majorität genehmigten Adresse an den Großherzog, worin die freiheitlichen Forderungen vom Frühjahre 1848 wiederholt u. die Aufhebung der Mainz - Darm- städter Convention verlangt wurde. Unter fortdauernden parlamentarischen Kämpfen kam es erst 1864 zur Feststellung des Budgets. Eine ans Rietz' Antrag von der Zweiten Kammer gegen Dalwigk erhobene Ministeranklage wegen Ber- sassungsverletzung scheiterte an dem Widerstand der Ersten Kammer. Der Landtag von 1865 erneuerte die Forderungen des vorigen, der Großherzog verweigerte indessen die Annahme derAdresse. So kam das Jahr 1866 heran, das auch für H.- Darmstadt in vielen Dingen entscheidende Veränderungen brachte. Die im März d. I. gemachte Hessen-Homburgische Erbschaft (s. Hessen-Homburg, Gesch.) ging durch den Ausgang des Krieges gegen Preußen, in dem H.-Darmstadt sich auf Seite Österreichs u. des deutschen Bundes stellte, schon nach wenigen Monaten wieder verloren. Die Darmstäbtische Division bildete in diesem Kriege einen Bestandtheil des 8. Buudesarmeecorps, das vom Prinzen Alexander von H., dem Bruder des Großherzogs, befehligt wurde. Sie erlitt besonders schwere Verluste in dem unglücklichen Treffen bei Laufach (13. Juli 1866) u. betheiligte sich außerdem an den Operationen der bayerischen u. Bundesarmee am unteren Main. Dis Residenz ward im Verlauf des Kampfes von den siegreich vordringenden Preußen besetzt, nachdem der Hof die Flucht ergriffen hatte. Die nahen Beziehungen der groß- herzoglichen Familie zum russischen Kaiserhause bewirkten, daß der von Preußen am 6. Septbr. 1866 gewährte Frieden doch ein verhältnißmäßig günstiger war. H.-Darmstadt trat die Landgrasschaft H.-Homburg, die Kreise Biedenkopf n. Vöhl, einen Lheil des Kreises Gießen, den Örtsbezirk Rödelheim und seinen Antheil an Niederursel an Preußen ab und zahlte 3 Mill. Gulden Kriegs- contribution, erhielt aber einige ehemals knrhessische u. nassauische Enklaven in Öber-H., darunter die Ämter Nauheim u. Reichelsheim. Die Provinz Ober-H. mußte dem norddeutschen Bunde bei- treten. Post- u. Telegraphenwesen kamen unter preußische Verwaltung, die Post bereits 1867, die Telegraphenleitnng 15. Jan. 1868. Die Militärconvention vom 7. April 1867 machte die hessische Division zu einem Theil des norddeutschen Bundesheeres und bestimmte deren Organisation nach preußischem Muster. Ein Offensiv- u. De- fensivbündniß mit Preußen regelte Las Verhältniß zu diesem Staate sür den Fall eines Kriegs. Im Inneren betrat der Großherzog jetzt die Bahn der Reformen, jedoch unter Beibehaltung des antipreußisch gesinnten Ministers von Dalwigk. Einer Amnestie für die politischen Vergehen von 1849 folgte im Octbr. 1866 die einstweilige Aufhebung der verhaßten Mainz-Darmstädter Convention. Damit hatte die Opposition ihre triftigsten Beschwerdegründe verloren, was die Neuwahlen zum Landtage bewiesen, in denen die Anhänger der Regierung in der Majorität blieben. Die mancherlei Schwierigkeiten, welche die Stellung eines Landestheils, der Provinz Ober-H., als Glied der norddeutschen Bundes bot, verschwanden trotz der Bemühung von Regierung u. Volksvertretung, den Eintritt des ganzen Großherzogthums in Liese Conföderation zu erlangen, nicht eher, als bis die Ereignisse des Jahres 1870 die Nenbegründung des deutschen Reiches herbeiführten. Die Darmstädtische Division bewährte unter Führung deS Prinzen Ludwig, als 25. Division des deutschen Heeres, in dem Kampfe gegen Frankreich wieder ihren alten Kriegsruhm u. focht tapfer bei Gravelotte und an der Loire. Den Versailler Verträgen trat auch H.-Darmstadt bei, der Minister von Dalwigk trat unter den gänzlich veränderten 255 Hessen-Barchfcld — Hessen-Homburg. Verhältnissen zurück (6. April 1871). Anfangs wechselten mehr die Personen als das System, da der neue Ministerpräsident von Lindelof noch der Dalwigkschen Schule angehörte. Doch trat naturgemäß nun eine immer engere Verbindung mit dem Reiche ein: durch die mit Preußen geschlossene Militärconvention wurden vom 1. Jan. 1872 ab die hessischen Truppen ein Theil des 11. preuß. Armeecorps; im März 1872 wurde die Aufhebung sämmtlicher hessischer Gesandtschaften, mit Ausnahme der zu Berlin, beschlossen. Das Ministerium Lindelof mußte endlich auch weichen u. 13. Sept. wurde der Geheimerath Hofmann, bis dahin Mitglied des Bundesraths für H., mit der Neubildung eines liberalen Cabinets beauftragt, in dem Mini- sterialrath v. Starck das Innere, Hofgerichtsrath Kempff die Justiz übernahm. Damit begann ein vollständiger Bruch mit den alten Traditionen u. eine durchaus reichstreue Politik. Hosmann legte den Kammern ein neues Wahlgesetz vor, das im Octbr. angenommen wurde. Das 1873 vorgelegte neue Schulgesetz kam nach mancherlei parlamentarischen Debatten im Febr. 1874 zu Staude. Eine neue mit der Laudessynode vereinbarte Verfassung der evangelischen Kirche wurde 27. Jan. 1874 publicirt. Die im Sept. desselben Jahres erfolgte Vorlage von Kirchengesetzeu, welche nach Preußens Vorgang die rechtliche Stellung der Religionsgemeinschaften im Staate, die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen, die Besteuerung deS Kirchenvermögens, die Verhältnisse der Orden u. s. w. regelten, riefen einen Conflict zwischen der Zweiten u. Ersten Kammer hervor. Schließlich wurden die Gesetze am 8. April 1875 auch von der Ersten Kammer angenommen, nachdem man dieser die Concession gemacht hatte, daß die weiblichen Orden, die sich dem Unterricht od. der Krankenpflege widmen, von dem Verbot ausgeschlossen sein sollten. Trotz des Widerstandes des Bischofs Ketteler gegen die Kirchenpolitik des Ministeriums schritt dieses auf dem eingeschlagenen Wege fort, auch als sein seitheriger Chef Ministerpräsident Hofmanu 1876 nach Delbrücks Rücktritt als Präsident des Reichskanzleramts nach Berlin berufen wurde u. an dessen Stelle v. Starck das Präsidium übernahm. Auch in der evangelischen Landeskirche machen sich Bewegungen geltend, die eine Unzufriedenheit der liberalen Partei mit der Synodalverfassung von 1874 kundgeben, welche anderseits der streng-orthodoxen Richtung schon viel zu viel Concessiouen an den Liberalismus enthielt. Da der Großherzog kinderlos ist und sein ältester Bruder, der Prinz Karl, am 21. März 1877 starb, so ist dessen ältester Sohn, Prinz Ludwig, vermählt mit der großbritannischen Prinzessin Alice, der präsumtive Thronfolger. Literatur. Über die Quellen bis zur Zeit des Todes PhilippsdesGroßmüthigen, s. H.-Kassel, Gesch. Ein Nachweis aller wichtigen auf H. bezüglichen Schriften u. Manuskripte findet sich in PH. A. F. Walthers Literarischen Handbuch für Geschichte u. Landeskunde von H., Darmst. 1841, mit 3 Supplementen fortgeführt bis 1867;- außerdem Steiner, Geschichte des Großherzogthums H., Darmst. 1833—34, 5 Bde.; Büchner, Das Großherzogthum H. in seiner politischen und socialen Entwickelung, Darmst. 1850; PH. A. F. Walther, Das Großherzog. H., Darmst. 1854; Baur, Urkunden zur hes. Landes-, Orts-u. Familiengeschichte, Darmst. 1846—73, 5 Bde.; Archiv für hessische Geschichte u. Alterthumskunde (seit 1835); PH. A. Walther, Die Alterthümer der heidnischen Vorzeit innerhalb des Großherzogthums H., Darmst. 1869; Ewald, Historische Übersicht der Territorialver- änderungeu der Landgrafschaft H. u. des Groß, herzogthums H., 2. Ausl., Darmst. 1872; di- Werke von Heppe u. Arnold, s. H.-Kassel (Ge- schichte). A. Dmick-r.' Hessen-Barchfeld, s. Hesssn-Philippsthal. Hessen-Binaenheim, s. Hessen-Homburg. Hessen-Butzbach, s. Hessen (Großherzogthum), Geschichte. Hessen-Darmstadt, s. Hessen (Großhzgth.). Hessenfliege, s. Gallmücken. Hessengau (m. Geogr.), deutsche Landschaft, begriff das linke Ufer der Unstrut zwischen Sanger- hausen u.Querfurt. S. anch Hessen (Aelteste Gesch.). Hessen-Homburg (Gesch.). Diese 1596 in der Theilung der drei Söhne Georgs I. durch Friedrich I., den jüngsten, welcher die Herrschaft Homburg erhielt, entstandene Nebenlinie H.-Darmstadts zerfiel durch Friedrichs Söhne Christoph und Friedrich II. wieder in die Linien H.-Homburg- Bingenheim u. H.-Homburg. H.-Bingeuheim starb 1681 aus. Sein Sohn Friedrich III., 1703 bis 1745, schloß mit H.-Darmstadt einen Vergleich, nach welchem Homburg die bisher sehr beschränkte Landeshoheit in H. erhielt. Unter seinem Großneffen Friedrich V., 1751 zur Regierung gelangt, wurde H.-Homburg 1806 zu Gunsten Darm- stadts mediatisirt. Auf Lein Wiener Cougreß erhielt es aber die Souveränetät wieder und noch auf dem linken Rheinufer ein Gebiet (Meisenheim) von 3H ^ZM angewiesen, doch wurde die Souveränetät erst 1817 vom Bundestage anerkannt. Auf Friedrichs V. Sohn, Friedrich VI. (1820 bis 1829), folgte dessen Bruder Ludwig, preuß. General der Infanterie u. Gouverneur der Festung Luxemburg. Auch er hatte in seiner Landgrafschaft mit den Aufregungen der Jahre 1830—35 zu kämpfen. 1835 trat Homburg dem Preuß. Zollverein bei, dem Meisenheim schon seit 1829 angehörte. Ludwig starb 1839, u. sein Bruder Philipp, österreich. Feldzeugmeister u. Gouver- neur von Mainz, folgte ihm. Infolge ergangener Petitionen versprach der Landgraf 4. Febr. 1845 eine Verfassung, starb aber 15. Dec. 1845 kinderlos u. ohne seine Zusage erfüllt zu haben. Sein Bruder und Nachfolger Gustav hatte infolge der Ereignisse von 1848 die damals üblichen Forderungen bewilligt und die Wahlen zu einem verfassunggebenden Landtag am 28. Juli ausgeschrieben; der Zusammentritt des Landtags erfolgte aber erst unter dem Bruder des am 8. Septbr. 1848 gestorbenen Gustav, unter dem Landgrafen Ferdinand, 12. April 1849. Am 29. Mai 1849 erklärte der Landgraf, der sich anfangs für das Zustandekommen der Reichsverfassung interessirt hatte, daß er die von der Nationalversammlung heschlossene Verfassung nebst Wahlgesetz nicht anerkenne, auch der Aufforderung zu dem Anschlüsse an das Dreikönigsbündniß entsprach er nicht, well 256 Hessen-Hoinburg-Buigenhenn — Hessen-Kassel. dasselbe nicht sämmtliche deutsche Regierungen um- sasse. Gegen die vom 1. Mai 1849 ab von der Nationalversammlung krast Reichsgesetzes verfügte Schließung der Spielbank zu Homburg erhob die Regierung, nachdem ihre Forderung auf Entschädigung für Spielpachter u. Staatskasse znrück- gewiesen worden war, am 9. März eine Protesta- iiou gegen das Gesetz überhaupt, worauf ein ReichScommissär mit Executionstruppen ins Land entsendet wurde. Dieselben verließen das Land bereits am 10. Mai wieder, nachdem die Regierung die Bank geschlossen hatte; dieselbe wurde indessen alsbald wieder eröffnet u. dann ohne weitere Unterbrechung fortbehalten. Am 10. Decbr. 1849 hatte der Landtag das Staats- grundgesetz durchberathen u. 3. Jan. 1850 wurde cs verkündigt. Indessen ein Geheimrathsdecret vom 27. April 1851 ordnete, bis aus weitere Verfügung, die Aussetzung der Eröffnung des auf den I. Mai einbernfenen Landtags an, und nachdem der Landgraf bereits im Sept. 1851 die seinem Bruder im März 1848 abgedrungenen Zugeständnisse für unverbindlich erklärt hatte, erfolgte durch Verordnung vom 20. April 1852 die förmliche Aufhebung der Verfassung der Laudgrafschaft vom з. Januar 1850. Da Landgraf Ferdinand am 24. März 1866 kinderlos starb, siel die Landgrasschaft an H.-Darmstadt, kam aber schon 3. Sept. desselben Jahres durch Vertrag an Preußen. Ein Theil (Homburg) gehört gegenwärtig zum Regbez. Wiesbaden der Provinz H.-Nassau, der andere (Meifenheim) zum Regbez. Koblenz der Rhein- proviuz. A- Dwlcker.* Heffen-HomSirrg-Mngenheim, Nebenlinie der Linie Homburg, gestiftet 1638 von Wilhelm Christoph, zweitem Sohne des Landgrafen Friedrich I.; als dieser 1643 zur Regierung kam, verband er Bingenheim wieder mit Homburg. Heffen-Kafscl (Gesch.). I. Die ältere Hes- sen-Kasselsche Linie 1458—1509 s. u. Hessen. 11. Hessen-Kassel seit der dauernd en Theil- ung bis zur Wiederherstellung des Kur- sürstenthums Hessen, 1567—1813. In der Theilung nach dem Tode des Landgrafen Philipp des Großmüthigen, 1567, erhielt sein ältester Sohn Wilhelm IV., der Weise, Niederhessen mit Kassel u. wurde der Stammvater der Kassel- schen Linie; er erbte außer seinem Antheil an Rheinfels die Herrschaft Plesse, ein Stück von Hoya u. Henneberg rc. durch Anfall, begründete den Wohlstand seines Landes, ordnete den Staatshaushalt, verschönerte die Städte durch Bauten и. st. 1592. Sein Sohn Moritz der Gelehrte gerieth über den Marburgischen Erbautheil durch seinen 1605 erfolgten Übertritt von der Lutherischen zur Reformirten Kirche mit den Agnaten der Darmstädtischen Linie in einen Succesfionsstreit, der sich in den 30jährigen Krieg verflocht u. die Überschwemmung des Landes durch das liguistische Heer zur Folge hatte. Moritz legte 27. März 1627 nach einem nachtheiligen Vergleich mit Lilly die Regierung zu Gunsten seines Sohnes erster Ehe, Wilhelm V., nieder, während seine 3 Söhne zweiter Ehe, Hermann, Friedrich und Ernst, die Nebenlinien zu Rothenburg (bis 1658), Eschwege (bis 1655) u. Rheinsels stifteten (s. d.). Wilhelm V., der Beständige, pflanzte die Kasselsche Linie fort, führte die Primogenitur ein u. nahm den thätigsten Antheil am Dreißigjährigen Kriege; aber sein Land mußte für das von ihm geschlossene Bündniß mit Schweden von den Kaiserlichen schwer büßen, u. nachdem Bauer den kaiserlichen General Johann von Götz zurückgedrängt, folgten dem Elend des Krieges Hungsrsnoth u. Pest. Wilhelm V. selbst wurde 19.-Äug. 1636 in die Acht erklärt u. st. 1637 in Ostfriesland, worauf seine Gemahlin Amalia Elisabeth, geb. Gräfin von Hanau, eine seltene Frau, die vormundschaftliche Regierung führte, sie setzte den Krieg nach dem Tods des Herzogs Bernhard gegen den Kaiser u. die Lign- isteu fort, war siegreich bei Kempen, von den Franzosen unterstützt, u. 1645 bei Allersheim, wo nach deren Niederlage die hessischen Truppen das Schlachtfeld behaupteten. Sie führte den Mar- bnrgischen Succesfionsstreit unter Vermittelung des Herzogs Ernst des Frommen von Sachsen-Gotha zur Ausgleichung u. erhielt im Westfälischen Frieden ohne besondere Compeusationsansprüche beträchtliche Entschädigungen an Land (Hersfeld, Gellingen, Schaumburg u. a.) u. baarem Gelbe (6 Tonnen Goldes). Sie übergab die Regierung 1650 ihrem Sohne Wilhelm VI., dem Weisen; dieser machte sich bes. um die höheren Lehranstalten Marburg u. Rinteln verdient u. st. 1663. Sein Sohn Wilhelm VII., während dessen Minderjährigkeit die Hessen die Türken besiegen halfen, starb in Paris 1670, ehe er selbst die Regierung angetreten hatte, u. ihm folgte sein Bruder Karl, anfangs wie der Vorige, unter Vormundschaft seiner geistvollen Mutter, Hedwig Sophie, Tochter des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg, n. 8. Aug. 1677 selbständig; er gründete die französische Neustadt, errichtete das Collegium Carolinum, beide in Kassel, und legte den Karlsberg (Weißenstein, jetzt Wilhelmshöhe) an. An den Reichskriegen gegen Ludwig XIV. und gegen die Türken, welche Wien belagerten, nahm er persönlich Antheil u. im Spanischen Successionskriege stellte er gegen englische u. holländische Subsidien Truppen, wodurch er wol die Finanzlage besserte, aber dem Lande durch Entvölkerung Nachtheil brachte. Karls Nachfolger war 1730 sein Sohn Friedrich I. Schon als Erbprinz durch seine Gemahlin u. durch die Wahl der Reichsversammlung König von Schweden (1720), ließ er H. durch seinen Bruder Wilhelm VIII., den er als Statthalter einsetzte, regieren; und als er selbst 28. März 1751 kinderlos starb, folgte ihm dieser als Landgraf von H.-Kassel, nachdem er 1736 nach dem Tode des letzten Grafen von Hanau, Johann Reinhard III., gegen die Ansprüche des Darmstädtischen Hauses, von Hanau Besitz ergriffen n. den Hanauischeu Succesfionsstreit veranlaßt hatte. Darmstadt erhielt zur Entschädigung u. zur Ausgleichung dieses Streites Hanau-Lichten- berg im Elsässischen. Im 7jährigen Kriege wurde H., da Wilhelm treu zu Friedrich d. Gr. stand, von französischen Truppen 1757 besetzt; der Landgraf hielt sich, um den Unruhen zu entgehen, in Hamburg aus u. st. 1760. Friedrich II-, sein Sohn (der schon als Erbprinz 1749 katholisch geworden war), legte das Nnseum Vrläsrieianum 257 Hessen an, machte seine Residenz zu einer der schönsten Städte Deutschlands, liebte den äußeren Glanz n. hielt zahlreiches Militär, wovon er 12,080 Mann an England zum Kriege gegen NAmerika schmachvoll sür 21,276,778 Thlr. verlauste; 1785 st. Friedrich II.; sein Sohn Wilhelm IX., Las Gegentheil vom Vater, schaffte die Mißbräuche ab, doch artete seine Gerechtigkeitsliebe oft in Härte, seine Sparsamkeit in Geiz aus; er vermehrte seine Truppen, baute viel und prächtig in Nenndorf, Hofgeismar, Kassel, auch 1788—1790 die Wilhelmshöhe rc. Als 1787 Gras Philipp Ernst von Schaumburg-Lippe starb, besetzte der Landgraf das Land, indem er den unmündigen Grafen für regierungsunsähig erklärte, wurde aber vom Kaiser, von Preußen, England n. den Reichsgerichten genöthigt, dasselbe wieder zu räumen und alle Kosten zu traAen. 1790 deckte er in einem Lager bei Bergen mit 8000 Mann die Kaiserkrönung Leopolds II. u. 1792 stießen 8000 Hessen zn den Preußen, welche in Frankreich eindrangen, während in den folgenden Jahren ein anderes hessisches Corps zu den Engländern in Westfalen u. Flandern stieß. Im August 1795 trat Wilhelm IX. dem Baseler Frieden bei u. erhielt 1803 für H ssZM u. 2500 Menschen, welche er auf dem linken Rheinufer abtrat, die Reichsstadt Gelnhausen u. die Enclaven Fritzlar, Naumburg, Neustadt, Holz- Hausen u. Amöneburg, 5 HjM, 14,000 Ew. u. die Kurwürde; er nannte sich nun Wilhelm I. u. folgte der preußischen Politik, 1806 aber hielt er bei aller Feindschaft gegen Napoleon eine bewaffnete Neutralität. Er hatte deshalb seine Armee aus 20,000 Mann vermehrt, u. nun gab ihm Napoleon nach der Schlacht von Jena Schuld, er habe so gerüstet, um im Fall des Sieges der Preußen den sich zurückziehenden Franzosen in Flanke u. Rücken zu fallen. Mortier zog in H. ein; der doppelzüngige Kurfürst floh mit einem Theile seiner Schätze nach Itzehoe u. begab sich Von da nach Prag; am 1. Nov. wurde Kassel von französischen Truppen besetzt. Nach dem Frieden von Tilsit kam Kurhessen 1807 zum Königreich Westfalen, Kassel wurde die Hauptstadt desselben u. Kurhessen theilte nun daS Schicksal dieses Reiches. III. Bon der Rückkehr des Kurfürsten bis zur Ertheilung der Constitution, 1813 bis 1831. Erst 21. Nov. 1813, als Tschernitscheff Kassel u. H. von den Franzosen gesäubert hatte, kehrte Wilhelm I. wieder nach Kassel zurück und stellte Alles aus den alten Fuß, selbst im Militärwesen. Das hessische Gebiet wurde auf dem Wiener Congreß so bestimmt, daß H.-Kassel mehrere Enclaven u. Grenzdistricte (letztere an Weimar) abtrat, dagegen den größten Theil des Fürstenthums Fulda, mehrere Enclaven im kurhessischen Gebiet u. einen Theil des Jsenburgschen (was die Verbindung mit Niederhessen erhält), so wie mehrere 1815 wieder an Preußen abgetretene Gebiets- theile: die niedere Grafschaft Katzenelnbogen , die Herrschaft Pleß und einige diepenholzische Ämter erhielt. Obwol die Anforderungen der Zeit seinen Ansichten von Souveränität nicht entsprachen, verhieß Wilhelm I. doch eine liberale landständische Verfassung, kam aber deshalb mit den 1815 und 1816 in Kassel versammelten Ständen in Conflict, Vierers Univensal-Conversations-Lexikon. k. Aufl. X. -Kassel. so daß diesmal wie später (1821) ein Grundgesetz nicht zu Stande kam: die Trennung des Staatsvermögens vom Hausvermögen bildete das Haupt- hinderniß. Die Käufe westsäl. Domänen erkannte er nicht an n., wer dem König Hieronymus gedient hatte, wurde zurückgesetzt und verfolgt. Dagegen sorgte er eifrig sür strenge Rechtspflege u. das Gedeihen der Schulen u. war streng gegen jeden Be» amtenunfug. Er gab das Haus- u. Staatsgesetz vom 4. März 1817, in welches einige Bestimmungen des beseitigten Constitutionsentwurfs ausgenommen wurden, u. st. 27. Febr. 1821. Sein Sohn u. Nachfolger, Kurfürst Wilhelm II., entwarf eine neue Provinzialeintheilung, änderte die Tivil- u. Militäreinrichtungen, trennte die Justiz von der Verwaltung, organisirte die Polizei neu u. stellte an die Spitze der Verwaltung ein Staatsministe-- rium von 4 Departements, — Einrichtungen, welche bedeutende Kosten machten, ohne dem Lande Garantien für Besserung der Zustände zu bieten, dies um so weniger, als die gesetzliche Landesvertretung überall hintangesetzt wurde. Dies und der immer wachsende Einfluß der Gräfin Reichenbach, der Maitresse des Kurfürsten, derentwegen die Kurfllrstin u. der Kurprinz sogar Kassel verließen, erbitterte im Verein mit den Maßregeln u. Untersuchungen, die wegen Verlautbarungen u. Drohungen eiugeleitet wurden, das Volk derart, daß es im Sepl. 1830 zu drohenden Auftritten kam, welche die Bildung einer provisorischen Bürgergarde veranlaßten. Am 12. Septbr. traf der Kurfürst, der inzwischen mit der Gräfin in Karlsbad gewesen, anstatt mit dieser mit dem Kurprinzen, mit dem er sich ausgesöhnt hatte, in Kassel ein u. gab alsbald unter dem Eindrücke der herrschenden Aufregung bezüglich der erbetenen Einberufung der Landstände nach. Indessen noch vor dem Zusammentritt derselben gab eS im Lande wiederholt Tumulte. Am 16. Oct. trat versprochenermaßen der Landtag nach den drei althessischen Curien zusammen, doch wurden Ab- geordnete der Grafschaft Schaumburg, der Fürsten- thümer Hanau, Fulda u. Isenburg miteinberufen. In den ersten Sitzungen des Landtags erklärte der Kurfürst, daß die Cabinetskasse die Schulden des ganzen Staates übernehme und sonach vom 1. Jan. 1831 die Landesschuldensteuer aufhöre; dann wurde die Auseinandersetzung des Staats- u. kurfürstlichen Hausvermögens bewirkt, wegen der Aufstände eine allgemeine Amnestie erlaffen u. endlich der Berfassungsentwurf von 1816 etwas mehr ausgebildet vorgelegt, von einem Ausschuß von 7 erwählten Ständemitgliedern umgearbeitet, als kurhessische Versaffungsurkunde 2. Jan. 1831 angenommen, 5. Jan. vom Kurfürsten genehmigt, 8. Jan. übergeben u. von Len Ständen, dem Militär, den Staatsdienern u. den Bürgergarden beschworen. Am 9. März wurde der letzte Landtag nach alter Weise geschlossen. IV. Von Ertheilung der Constitution bis zur Revolution, 1831—1848. Inzwischen war die Gräfin Reichenbach am 11. Jan. nach Wilhelmshöhe zurückgekchrt, aber schon am 12. Jan. 1831 entstand deshalb ein Tumult. Infolge davon reiste zwar die Gräfin am 13. Jan. wieder ab, aber der verblendete Kurfürst nahm dies so übel Band. 17 258 Hessen-Kassel. auf, daß er im März Kassel verließ u. erst in Frankfurt a. M. u. dann in Hanau seine Residenz aufschlug. Alle Mittel, ihn zur Rückkehr zu bewegen, waren vergebens, u. nach mehreren Der- Handlungen setzte er durch Proclamation vom 30. Sept. 1831, bis zu seiner Rückkehr nach Kassel, den Kurprinzen Friedrich Wilhelm zum Mitregenten ein, Loch behielt er sich das Einkommen des Hausschatzes u. das Schatullenver- niögeu, sowie die Schlösser in Hanau u. Philippsruhe vor. Am 7. Oct. zog der Kurprinz-Mit- regent in Kassel ein. Der am 11. April 1831 eröffnete Landtag (der erste nach der neuen Verfassung) erledigte eine Reihe wichtiger Gesetze, des. den Zollanschluß an Preußen, wurde aber, als er sich über die nach Hassenpflugs Eintritt ins Cabinet eingeführte Beschränkung der Presse u. Vereine u. die Ausnahmebeschlüsse des Bundestags beschwerte, 26. Juli 1832 aufgelöst. Der 8. Marz 1833 eröffnete neue Landtag wurde, da er sich Mißfällig über Urlanbsverweigerungen u. andere Maßregeln der Regierung ausgesprochen hatte, 17. März ebenfalls aufgelöst, doch ertheilte die Ständeversammlung noch zuvor ihrem Ausschüsse Vollmacht zur Anklage Hassenpstugs, die auch wirklich erfolgte, aber von dem Oberappellationsgericht wegen angeblichen Mangels an Legitimation zurückgewiesen wurde. Zu dem am 3. Juni 1833 eröffnten dritten Landtag wurden fast dieselben Mitglieder wie zu Lein zweiten gewählt; er regulirte das Budget, setzte das Kriegsbudget herab, bewilligte die Emancipation der Juden u. wurde 31. Oct. 1833 geschlossen. Am 11. Nov. trat ein Landtag für die zweite Finanzperiode zusammen, wurde zweimal vertagt und zuletzt am 6. April 1835, indem man sich über die Form des Abschieds nicht einigen konnte, ohne Landlagsabschied entlassen. Auch hierüber erfolgte eine neue Anklage Hassenpstugs, die jedoch wieder angebrachtermaßen vom Oberappellationsgericht abgewiesen wurde. Dieser Landtag hatte ein Budget aufgestellt, das nur 100,000 Lhaler jährliches Deficit auswies, u. eine neue Gsmeindeorduuug discutirt. Indessen hatte der mit dem Tode des Landgrasen Victor Amadeus von H.-Rothenburg (Nov. 1834) erfolgte Heimsall der Grundbesitzungen desselben neue Verwickelungen zwischen Ständen u. Regierung veranlaßt, weil letztere dieselben, die sog. Rothenburger Quart, als Fideicommiß des Kurhauses in Anspruch nahm, u. wegen Entlassung der Stände ohne Verabschiedung wurde 24. Nov. 1835 eine neue Anklage gegen Haffcn- pflug erhoben, die 6. April 1836 wiederum zurückgewiesen wurde. Am 22. Novbr. 1836 wurde der Landtag zur dritten Finanzperiode vom Kurprinzen in Person eröffnet. Dieselben Streitigkeiten erneuten sich, n. zweimalige Vertagung, selbst das Abtreten Hassenpstugs im Juli 1837, änderte wenig. An Hassenpstugs Stelle trat erst von Haustein, dann Koch, von Motz blieb Finanz- minister, von Lepel wurde Minister des Äußern u. v. Loßberg Kriegsminister. Die Rothenburger Quart war wieder der Streitpunkt; vergebens trugen die Stände ans das Bundesschiedsgericht an, u. als sie endlich kurzweg die Einkünfte der Quart mit zum Budget schlugen, wurde die Ständeversammlung am 10. März 1833 aufgelöst. Die neuen Wahlen zu dem am 23. April zu eröffnenden Landtage brachten fast dieselben Mitglieder, u. da eine Einigung über das Budget wieder nicht erzielt werden konnte, wurden die Stände am 12. Juli 1838 ohne Landtagsabschied entlassen. Der neue, 25. Nov. 1839 eröffnete, Landtag zeigte sich wol gefügiger, aber die Finanzstreitigkeiten währten fort. Am 1. Nov. 1842 trat der Landtag zur fünften Finanzperiode zusammen; da die Wahlen für die Regierung günstiger ausgefallen waren, brachte dieselbe ihre Finanzforderungen durch, namentlich Erhöhung des Militaretats, aber die Differenzen wegen der Rothenburger Quart führten wieder zu einer Vertagung, nach deren Ablauf ein völliges Zerwllrfniß drohte, wegen der Eisenbahnsrage; die Regierung gab jedoch nach und machte eine Eisenbahnvorlage (Kassel-Frankfurt). Der Landtag für die sechste Finanzperiode, 1846—48, der am 9. Dec. 1845 eröffnet wurde, wurde sofort nach der Eidesleistung wieder vertagt, und erst am 13. März 1846 traten die Stände wieder zusammen; wegen eines Conflicts mit dem Finanzministerium jedoch erfolgte am 14. Juli eine neue Vertagung und nach der Wiedereröffnung des Landtags am 13. Oct. wegen der Debatten über die Angelegenheit der Deutschkatholiken, welche von Seiten der Regierung eine strenge Vernrtheilung erfuhren, die gänzliche Auflösung 13. Nov., doch wurde die verlangte Ermächtigung zur Steuererhebung bis Juli 1847 gewährt. Im Mai 1847 wurde der neue, Dank den kein Mittel unversucht lassenden Bemühungen der Regierung eine ministerielle Majorität aufweisende, Landtag einberufen, und nachdem er eine Verlängerung der Steuererhebung bis Ende des Jahres bewilligt hatte, alsbald ans 3 Monate vertagt. Am 20. November 1847 starb Kurfürst Wilhelm II. in Frankfurt, ohne Kassel wieder gesehen zu haben, wenn auch in letzter Zeit eine Art Versöhnung zwischen ihm und dem Lande eingetreten war. Ihm folgte der Kurprinz Mitregent, als Kurfürst Friedrich Wilhelm I., mit der ohne Gegenzeichnung eines Ministers gegebenen Erklärung, es müßten Veränderungen in der Verfassung vorgenommen werden. Obwol Landtag und Ministerium sich gegen diese Erklärung und die damit beabsichtigte Umgehung des Versassungs- . eides erklärten, gab erst das Militär den Ausschlag, das den neuen Diensteid, in dem der Verfassung > nicht gedacht war, nicht leisten wollte; damit schei- ! terte der Plan einer einseitigen Abänderung des Staatsgrundgesetzes. Die Ständeversammlung war in der letzten Zeit mit der Regierung gegangen; sie hatte selbst Zurücknahme der den Juden 1833 zugestandenen Begünstigungen beantragt. Das Finauzgesetz von 1846—48 wurde nur wegen der Hosdotation, die nach dem Tode Wilhelms II. t in gleicher Höhe belassen werden sollte, beanstan- ^ det, die Forterhebung der Steuern bis Juni 1848 ^ genehmigt. Am22.Febr., LreiTagevorderFebrnar« ' revolntion, wurde der Landtag wiederum vertagt. V. Die Revolution mit ihren Folgen, 1848—51. Die ersten Nachrichten von der Revolution in Paris riefen in H.-K. die hestigsten 259 Hessen Bewegungen hervor, namentlich in Hanau, wohin von Bundeswegen einiges Militär gesendet worden war. Aus allen Theilen liefen Petitionen mit den damals allgemeinen Volkswünschen ein, denen gegenüber der Kurfürst nach einem Wechsel des Ministeriums am 7. März Aufhebung der Cenfur, Beseitigung der gegen die Deutschkatholiken gerichteten Maßregeln, Oeffentlichkeit und Mündlichkeit bei Geschworenengerichten rc. versprach. Aber damit nicht zufrieden, stellte eine am 8. März zusammentretende bewaffnete Volksversammlung an den Kurfürsten einUltimatum, das am 11. März durch die Hanauer Deputation übergeben wurde. DerKurfürst widerstrebte anfangsjedemZugeständnisse, gab jedoch endlich nach. Am 12. März erschienen die 7. März crtheilten Zusagen als landesherrliche Verkündigungen: Besetzung der Ministerien durch Männer des allgemeinen Vertrauens, Amnestie, volle Re- ligions- und Gewissensfreiheit, Petitions-, Vereins- und Versammlungsrecht, Verwendung für Nationalvertretung bei dem Bundestage, Preßfreiheit mit Preßgesetz. Die erste Zusage ging sofort in Erfüllung; an Stelle der Minister Lotz und v. Trott traten die von den Volksdeputationen verlangten Männer, Eberhard u. Wipper- mann, ins Ministerium und man erwartete nun eine befriedigende Weiterentwickelung der öffentlichen Zustände, wenn auch noch häufig sehr ernste Ruhestörungen vorkamen, namentlich im Hauau- schen, zumal jede harte Maßregel vermieden werden mußte. Am 13. März trat die Ständeversammlung zusammen und mit ihr begann nun das Ministerium die Reform im liberalen Sinne; es kamen zu Stande: ein Amnestiegesetz, ein Preßgesetz, ein Gesetz das Petitions-, Vereins- u. Ver- fammlungsrechl betreffend; das Gesetz über die Bildung des Oberappellationsgerichtes, wodurch die Selbständigkeit des obersten Gerichtshofes gesichert wurde; die Gesetze über Einführung der Schwurgerichte, Umbildung des Strafverfahrens, neue Organisation der Gerichte und der Staatsbehörde bei den Gerichten; über Religionsfreiheit und Einführung der Civilehe; über Bildung neuer Verwaltungsbezirke und Einführung vonBezirks- räthen; ferner über die Polizei-und Zunftgerichts- barkeit. Die Agrargesetzgebung erhielt eine wesentliche Vervollständigung durch das nicht ohne Differenzen zwischen Regierung und Ständen zu Stande gekommene Jagdgesetz vom 1. Juli und das Lehns- und Meiergesetz vom 26. Aug. (unter geringen Entschädigungen wurden fast alle Lehen in freies Eigenthum verwandelt). Um den Finanzen auszuhelfen, wurde die Beitreibung der Staatseinkünfte gesetzlich besser gesichert, Rückzahlung eines bedeutenden Vorschusses an die Hofkasse erwirkt, für 1 Million Thaler Papiergeld geschaffen und namentlich der Ertrag der Rothenburger Quart dem Staate wieder zugewendet unter Verzicht auf Rückerstattung der bisher daraus vom Kurfürsten bezogenen Summen. Eine förmliche Revision der Verfassung verschob die Ständeversammlung bis auf die Vollendung der Reichsverfassung; doch erhielt die Landesverfassung in einzelnen Punkten wenigstens eine weitere Ausbildung. Am 31. Oct. 1848 wurde die Ständeversammlung geschlossen. Das Ministerium leitete -Kassel. Verbesserungen im Volksschulwesen ein, bahnte die Trennung der Kirche vom Staate durch Niedersetzung geistlicher Commissionen an, förderte die Eisenbahnbauten, sowie die Einführung der neuen organischen Einrichtungen, hinsichtlich der auswärtigen Beziehungen ordnete es sich der Centralgewalt unter. Der Heckersche Aufstand fand nur geringen Anklang im Volke; kurhesstsches Militär nahm an seiner Unterdrückung thcil. Die Wahlen zur Nationalversammlung fielen auf freisinnige Männer. Am 6. August wurde unter Theiluahme des Kurfürsten vom Militär dem Reichsverweser gehuldigt. Indessen wich die constitutionelle Partei, einst rühriger und stärker, als irgend wo (in Kassel war der Centralverein für ganz Deutschland), immer hoffnungsloser vor der, feit Juli besonders in den südlichen Provinzen, außerordentlich angewachsenen republikanischen Partei zurück. Während die Vorfälle in Wien und Berlin u. infolge davon die Furcht vor einer Reactiou das Land in steter Bewegung hielten, auch Excesse verschiedener Art noch immer nicht zu den Seltenheiten gehörten, erfolgte am 29. November der Zusammentritt der neugewählten Ständeversammlung. Abgesehen von den Verhandlungen wegen Verminderung der Hofdotation, in welche der Kurfürst nicht willigen wollte, bildete den Haupt» gegenständ der anfänglichen Berathuugen das neue Wahlgesetz, dasselbe wurde endlich 2. Febr. 184S angenommen. Die Grundrechte wurden 3. Jan. gesetzlich in H.-K. verkündet, obschon bekannt war, Laß der Kurfürst erklärt hatte, dieselben niemals gesetzlich sanctiouiren zu wollen. Hinsichtlich der deutschen Frage hielten Ministerium und Stände- versammlung in ihrer Majorität noch zu der Nationalversammlung und am 3V. April wurden die Reichsverfassung und das Reichswahlgesetz in der Gesetzsammlung verkündet. Da aber die Bewegung auch in H.-K. immer höher stieg, die demokratischen wie constitutionellen Vereine mit immer weiter gehenden Forderungen an die Regierung hervortraten, wandte sich diese mehr n. mehr von ihrer bisher eingehaltenen Politik Preußen zu und am 6. August ratificirte der Kurfürst den von der Ständeversammluug gutgeheißenen Anschluß H.-K-s an das Dreikönigsbünduiß. Doch trat bald eine Wendung ein, die sich schon in dem Vorbehalte anklludigte, unter welchem die kurhessische Regierung der am 30. Sept. 1849 zwischen Österreich und Preußen behufs Bildung einer neuen provisorischen Centralgewalt abgeschlossenen Convention beitrat; sie behielt sich weitere freie Entschließung für dcu Fall vor, daß zum 1. Mai 1850 die deutsche Verfassungsangelegenheit noch nicht abgeschlossen sein sollte und verwahrte sich gegen eine etwaige Einmischung der Centralgewalt in die kurhessische Verfassungsangelegeuheit. Neue Zerwürfnisse mit den Ständen in den inneren Angelegenheiten und Differenzen mit dem Ministerium bei Ernennung der Mitglieder zum Staatenhause gaben den Grund zur Entlassung des Märzministeriums 23. Febr. 1850, und damit begann eine neue Aera für Kurhessen, die nicht nur für dieses verhängnißvoll wurde, sondern für ganz Deutschland es zu werden drohte. An der Spitze des neuen Ministeriums stand als Ministerpräß- 17 * 260 Hessen- dent und Minister des Innern und der Justiz der vormalige, allgemein verhaßte Minister Haffeupflug, Lometzsch trat ein für Finanzen, von Baumbach für das Auswärtige, v. Haynau für den Krieg. Bereits 26. Febr. trat Hassenpflug mit seinem jede Ansnahmsmaßregel von der Hand weisenden Programm vor die Ständeverfammlung, und am 7. März erklärte er, daß die Regierung an der Reichsversassung sesthalte, nie aber mit Lein von Preußen projectirten Sonderbund einverstanden sein könne. Dieser Erklärung folgte, da sie durch das Verhalten Kurhcssens beim Berliner Fürsten- congreß sich bewahrheitete, ein neues Mißtrauensvotum der Stände und als sie am 12. März eine von dem Ministerium eingebrachte Creditsorderung, namentlich für außerordentliche Militärbedürfnisse, am 15. abwiesen, wurden sie vertagt. Am 16. Mai trat die Ständeversammlnng wieder zusammen, verwarf wieder Hasseupflngs Finanzvorschläge und wurde am 12. Juni aufgelöst. Der permanente ständische Ausschuß aber gab zur Forterhebung der abgelaufenen Steuern seine Zustimmung mit dem Vorbehalt, daß die eingehenden Beträge bis auf Weiteres aufbewahrt werden sollten. Hassenpflug war während dieser kritischen Zeit meist in Frankfurt als Bevollmächtigter bei der seit 10. Mai von Österreich berufenen Bundesplenarversamm- lnng. Die Wahlen für die neue Ständeversammlung brachten unter den heftigsten Kämpfen zwischen der constitutionellen und der demokratischen Partei von jeder fast eine gleiche Zahl auf. Die Regierung verlangte von der am 26. August eröfsneten Versammlung nur einstweilige Forter- hebung der Steuern ohne alle und jede Finanzvorlage; die Kammer genehmigte Erhebung und Deponirung der indirekten Steuern für 3 Monate, verweigerte aber die direkten Steuern; die Folge war wieder Auflösung der Versammlung 2. Sept. und nach mehrsachen erfolglosen Verhandlungen mit dem ständischen Ausschuß am 4. Sept. eine kurfürstliche Verordnung, wonach die Fort- und Nacherhebung sämmtlicher Steuern und Abgaben für so lange vorgeschrieben war, bis mit den baldigst einzuberusenden Landständen weitere Vereinbarung getrosten sei; zugleich wurde der Beschluß der Ständeverfammlung vom 31. August als Verfastungsbruch und erster Schritt zur Rebellion bezeichnet. Der ständische Ausschuß erklärte noch am 5. Sept. die Steuerverordnung als verfassungswidrig, und dieser Erklärung schlossen sich in erster Reihe sämmtliche Finanzbehördcn, nach und nach die Verwaltungs- und richterlichen Behörden an und fünf Obergerichte und das Oberappellationsgericht beschlossen den Stempel einstweilen nur zu notiren. Daraufhin sprach eine landesherrliche Verordnung vom 7. Sept. den Kriegszustand in allen seinen Consequenzen über das ganze Land aus und übertrug dem General Bauer die unbeschränkte Autorität. Die Behörden und die Truppen resp. Offiziere ließen sich dadurch in ihrer Verfassungstreue nicht einschüchtern, die Bevölkerung gab durch ihre Ruhe nirgends Anlaß zum Einschreiten; als aber der ständische Ausschuß die Anklage wegen Hochverrates gegen das Ministerium stellte, nahm General Bauer seine Entlassung. Dieses, sowie den unzusriedenen ^ -Kassel. Geist der einberusenen Kriegsreservcmannschaften benutzte Hassenpflug, um dem Kurfürsten eine Militärrevolution in Aussicht zu stellen, woraus dieser plötzlich am 13. Sept. von drei Ministern begleitet, nach Frankfurt reiste, um den Bundestag für sich zu gewinnen und die Residenz im Schlosse Philippsrnhe bei Hanau ausschlug, während das Schloß Wilhelmsbad durch Verordnung vom 17. Sept. zum Sitze der Regierung bestimmt wurde. Hauptstadt und Land blieben ruhig, die Behörden führten die Geschäfte fort, soweit dies bei der völligen Geschäftsstockung in den Ministerien möglich war. Der inzwischen wieder in Thätigkeit getretene Bundestag forderte infolge eines an ihn ergangenen Antrags hinsichtlich der landesherrlichen Verhältnisse durch Beschluß vom 21. Sept. die Regierung auf, alle einer Bundesregierung Anstehenden Mittel anzuwenden, um die bedrohte landesherrliche Autorität wieder herzustellen und über die von ihr ergriffenen Maßregeln und über deren Ersolg Mittheilung zu machen. Der ständische Ausschuß bestritt in öffentlicher Erklärung die Giltigkeit dieses Beschlusses einer Corporation , die nach Hassenpflugs eigener Angabe nicht mehr bestehe, Preußen protestirte gegen das eventuelle Einschreiten einer nicht anerkannten Behörde u. schien sogar dem Protest, wie das Land hoffte, noch die That folgen lassen zu wollen, indem es Truppen bei Wetzlar, Paderborn und in Thüringen zusammenzog. Inzwischen war das Ministerium energisch gegen das Land vorgegangen: den Gerichten und Behörden wurde 28. September jede Beurtheilung von Regierungsmaßregeln verwiesen; gegen die Glieder der oberen Behörden wurden Disciplinarstrafen bei Widerstand gegen die Septemberverordnungen ausgesprochen; die Bllrgergarde wurde durch den neu ernannten Oberbefehlshaber, General Haynau, aufgelöst, der Oberbürgermeister der Residenz suSpendirt u. das landesherrlich angeordnete permanente Kriegs-- gericht eingesetzt. Der bleibende ständische Ausschuß erhob, neben einem Protest gegen die Verordnung vom 28. Sept., nun gegen den Ober- befehlshaber wegen gesetzwidrigen Vorschreitens bei dem Generalanditoriat Anklage, 30. Sept., der Folge gegeben wurde, während die beantragte Verhaftung abgewielen wurde. Dagegen wurden von Seiten der Regierung am 8. Oct. die Maßregeln gegen die Presse verschärft und das Ge« neralauditoriat suspcndirt. Am 9. Oct. gab das gesammte Osfiziercorps mit wenigen Ausnahmen seine Entlastung, nachdem alle seine Vorstellungen vergeblich gewesen. So bestand im ganzen Lande kaum noch eine Autorität, die sich nicht gegen das Ministerium erklärt hätte. Dessen ungeachtet blieb dasselbe, und auf dessen Antrag beschloß der Bundestag am 25. Oct., H.-K. militärisch zu besetzen, wobei allerdings mehr die Lösung der deutschen als der kurhessischen Frage in Betracht kam. Am 1. November rückte das bayerisch-österreichische Exccutionscorps (25,000 Mann) unter dem bayerischen General Fürsten Thurn u. Taxis mit dem Grafen Rechberg als Civilcommissär in Kurhessen ein und besetzte Hanau, wogegen Tags darauf auch ein preußisches Corps unter Geuerallieute« nant v. d. Groben die kurhessische Grenze über- 261 Hessen schritt und in Eilmärschen nach Fulda rückte, wahrend ein anderes in Kassel eintraf. Die Negierung legte hiergegen 2. Nov. Verwahrung ein und rief ihren Gesandten von Berlin ab. Die Bundestruppen gingen von Hanau nach Fulda vor, während die" Preußen sich in Fulda festsetzen zu wollen schienen und einige Truppen gegen Hanau vorschoben. Hierbei kam es am 8. Nov. zu einem Vorpostengefecht bei Bronzell. Schon am 9. Nov. räumte v. d. Gräben auf erhaltenen Befehl Fulda und nahm eine feste Stelle bei Hersfeld ein, Fulda wurde 10. Nov. von Bundestruppen besetzt. Infolge der Besetzung des Landes wurden die Einwohner entwaffnet, die politischen Vereine verboten, die Beamten, welche die Septcmbcrverordnnngen nicht anerkannten, mit starker Einquartierung bedacht. Die kurhessischen Truppen waren inzwischen ins Hananische gezogen und dort sofort nach ihrer Ankunft bis auf die Cadres beurlaubt worden; eine Anzahl Offiziere erhielt den verlangten Abschied. In Preußen war Manteuffel an Stelle von Radowitz getreten und ganz in Österreichs Sinne thätig. Nach den Bestimmungen der Olmützer Conferenz, 29. Nov., zwischen Österreich und Preußen, sollte der Action der vom Kurfürsten herbeigerufenen Truppen von Preußen kein weiteres Hinderniß in den Weg gelegt werden, und ein Bataillon derselben mit einem Bataillon Preußen zur Aufrcchthaltung der Ruhe und Ordnung in Kassel bleiben. Als Bun- descommissäre fungirten österreichischer Seits Graf von Leiningen, preußischer Seits General von Peucker, der überall zurücktretenmußte. Am 22. Dec. rückten die ExecutionStrnppen in Kassel rc. ein, am 27. Dec. kehrte der Kurfürst nach Kassel zurück und am 28. folgte die Regierung ebendahin, zugleich wurde der ständische Ausschuß suspendirt und von den sämmtlichenBehörden eine stricte Erklärung hinsichtlich der Befolgung der Septemberverordnungen verlangt. Im Januar 1851 wurden die Steuern durch das Militär eingetrieben und da die Bundesmilitärgerichte sich weigerten, über Vergehen, die vor dem Einrücken der Bnndes- truppen verübt worden waren, zu entscheiden, so wurde ein permanentes Kriegsgericht 30. September 1850 von Neuem eingesetzt, und zu seiner zweiten Instanz das jetzt zuverlässige Generalauditoriat bestimmt; und nun begannen die gerichtlichen Verfolgungen gegen die verfassungstreuen Bürger und Beamten. Da der ständische Ausschuß trotz seiner Suspension gegen den Ministerpräsidenten bei dem Oberappellatwnsgerichte wegen verfassungswidriger Verzögerung der Landtagswahlen Anklage erhoben hatte, wurden seine Mitglieder auf Befehl des Grafen Leiningen 7. März 1851 verhaftet und schließlich zn 10 Thlr. Strafe ver- urtheilt. Nachdem im Januar alle kurhessischen Truppen allmählich in ihre Standquartiere zurück- gekehrt waren u. die Offiziere ihr Abschiedsgesuch größtentheils zurückgenommen hatten, wurden die Anstalten zum Abzug der Executionstruppen getroffen. Durch Verordnungen vom 26. Juni wurde das Militär seines Eides auf die Landesverfassung entbunden und nach einer neuen Formel ohne Bezug auf dieselbe beeidigt, das Gesetz über den obersten Militärchef aufgehoben und endlich -Kassel. eine Amnestie, freilich mit vielen Ausnahmen, verkündigt. Ein Erlaß vom 2. Aug. untersagte dem bleibenden ständischen Ausschuß bis auf Weiteres jedes amtliche Zusammentreten sowie jede amtliche Thätigkeit überhaupt. Anfang August verließen die letzten Executionstruppen und mit denselben auch die Bundescommissare das in der mißlichsten finanziellen Lage befindliche Land. Am 1. November trat die neue Gerichtsorganisation in Kraft, bei welcher die höheren Stellen meist neu besetzt wurden. VI. Geschichte bis zum Ende des Kurfürstenthums 1866. Nachdem von Seiten Preußens u. Österreichs 7. Jan. 1852 dem Bundestage zwei Denkschriften der für Kurhessen bestellten Bnnves- t Commissäre vorgelegt worden waren, beschloß dn^ selbe 27. März: die Verfassungsurkunde vom L. Jan. 1831 nebst den in den Jahren 1848 u. 49 hinzugekommenen Erläuterungen u. Abänderungen sammt dem Wahlgesetz vom 5. April wird außer Wirksamkeit gesetzt; die kurfürstliche Regierung wird aufgesordert, eine dem Resultat der Be- ralhung zwischen derselben u. den Bundescommis- sareu entsprechende revidirte Verfassung nebst Wahlgesetz u. Geschäftsordnung alsbald als Gesetz zu publiciren. Sonach erschien unter dem 13. April die neue octroyirte Verfassung u. sofort nach Erlaß derselben wurden die landständischen Beamten ihres Dienstes enthoben, das ständische Archiv an die Regierung ausgeliefert. Die am 15. April vor- genommenen Wahlen ergaben ein der Regierung günstiges Resultat u. am 16. Juli konnte der Landtag eröffnet werden. Die nächsten, bis zum Schlüsse des Jahres durch öftere Vertagungen unterbrochenen, Ständeverhandlungen bewegten sich vorzugsweise um finanzielle Fragen. Inzwischen währren die Strafmaßregeln der Regierung wegen des im Jahre 1850 gegen sie behaupteten Widerstandes auch in diesem Jahre fort; erst Ende Juli trat die Auflösung der Kriegsgerichte ein. Der Verordnung wegen Wiedervereinigung der in den Märztagen den Gemeinden übertragenen Localpolizei mit der Staatspolizei, der Aufhebung der Livilehe folgte eine Reihe von Maßregeln gegen Vereine rc. Daneben erregten die Versuche des Vorstandes im Cultus-Ministerium, Vilmar, die Reformirte hessische Landeskirche in eine Lutherische umzuwandeln, eine allgemeine Mißbilligung im Lande. Der Landtag erledigte nach seinem im Anfang April erfolgten Wiederzusammentritt das Budget zwar meist ohne Schwierigkeiten, zeigte sich aber dagegen nach seiner ausgeschriebenen Wiedcr- einberufung im Öct. umsoweniger willfährig in Betreff der octroyirten Verfassung, so daß Hassenpflug zum Mittel der Auflösung greifen zu müssen glaubte, 4. Januar 1854. Der erst 9. Februar erschienene Landtagsabschied sprach sich dahin aus, Laß die Kammern von der Regierung nur als be- rathende Körperschaften betrachtet würden u. daß dieselbe betreffs der Verfassung wie anderer Ge- genstände das ihr angemessen Scheinende cintrcten lassen werde. Das 1848 aufgehobene Jagdrecht auf fremdem Grund und Boden wurde wiederhergestellt, das Budget nach der Vorlage der Regierung u. nur unter Andeutung der abweichenden Kammer - beschlüsse veröffentlicht, mehreren Druckereien die Concession entzogen (die ihnen jedoch im Mai 1855 zuriickgegeben wurde) rc. Dagegen endete die gegen die Mitglieder der Ständeversammlung von 1850 wegen Äeuerverweigerung, Hochverraih u. Majestätsbeleidigung von dem Crimiualgericht zu Kassel weitergeflihrte Untersuchung 31. Mai mit einer allgemeinen Entbindung von der Anklage, u. hierbei blieb es trotz aller von der Staatsanwaltschaft dagegen erhobenen Recurse. Durch Verordnung vom 19. Dec. wurde der Kriegszustand aufgehoben. Die 26. Mai neugewählte Stäudever- sammlung trat 19. Sept. zusammen u. fielen, da die früheren Mitglieder wiedergewählt waren, die Präsidentenwahlen wieder auf Oppositionsmitglieder; doch erhielten sie die landesherrliche Bestätigung, wie die Regierung auch diesmal darauf einging, daß jede Beziehung auf die Bersassungs- urkunde aus dem vorgeschriebenen Eide hinwegbliebe. Die Stände nahmen die in der Verfassungsfrage von der Negierung beim Bundestage ein- gereichteu Eröffnungen entgegen u. wurden, da in dieser Frage wiederum nichts erreicht werden konnte, 29. September entlassen, während 16. Oct. das gesammte Ministerium Hassenpflug zurücktrat. Die Kammern blieben inzwischen vertagt, selbst die Ausschüsse wurden 29. Oct. mit Ausnahme deS Verfassungsausschusses, u. 24. Dec. auch dieser noch beurlaubt. Die Bildung des neuen Ministeriums vollendete sich in den ersten Monaten des Jahres 1856 nur sehr allmählich; v. Sternberg, dann aber Schefser erhielt das Portefeuille des Innern, Wiederhold u. dann. v. Hanstein-Knorr das der Finanzen, Rohde das der Justiz, v. Kaltenborn das des Krieges, v. Meyer das des Äußern. Eine der ersten Handlungen der neuen Regierung war, daß sie die absolute Herrschaft der Superintendenten beschränkte und damit den Mittelpunkt der kirchlichen Gewalt in die Consistorien zurückverlegte, wodurch dem re- formirten Bekenurniß wieder eine freiere Bewegung gestattet wurde. Bei den Verhandlungen über die Verfassungsangelegenheit zwischen den Ständen u. der Regierung handelte es sich hauptsächlich um die Regentschaftssxage, um die Zusammensetzung der Kammern, ihre Wirksamkeit bei der Gesetzgebung u. beim Staatshaushalt, die Rechte der Mitglieder der Kammer, die Competenz der Gerichte u. die Gewähr der Verfassung; indessen kam, wenn auch die Regierung Einiges den Ständen zugab, auch diesmal eine vollständige Einigung sowenig zu Stande wie früher und bei anderen Gesetzesvorlagen. Mit 5. Mai 1856 trat eine neue Organisation der Finanzverwaltung ins Leben, die aber eigentlich nur die Wiederherstellung der vor 1850 bestandenen Collegien war, deren Übelstände Lurch die Finanzeinrichtung vom Jahre 1850 hatten beseitigt werden sollen. Die Deficite wiederholten sich auch bei Erhöhung der Grundsteuer. Die politischen Processe gingen fort, endeten aber mehrfach mit Freisprechung, wie z. B. der gegen die Hanauer Turner. Die Stände- versammlung von 1857 wollte in den einzelnen Zweigen der Staatsausgaben Ersparungen machen; allein die Regierung verwahrte sich dagegen, als habe die Ständeversammlung das Recht, jede einzelne Ausgabe zu genehmigen; eine Genehmigung u. Bewilligung seitens der Stände sei überhaupt nur dann erforderlich, wenn zur Deckung der Staatsausgaben eine Erhöhung der bestehen- den oder die Einführung neuer Steuern noth» wendig werde; sonst habe die Regierung freie Hand. In Bezug auf die Verfassungsangelegenheit hatten sich endlich nach einigen Nachgiebigkeiten von Seilen der Regierung die beiden Kammern über die Erklärung verständigt, welche sie nach Maßgabe des Bundesbeschlusses vom 27. März 1852 dem Bundestage vorzulegen hatte. Sie überreichte sie mit der Bitte, die Übersendung derselben an die Bundesversammlung zu bewirken, obgleich die Regierung noch keineswegs dadurch befriedigt war. Im Landtagsabschisd (Dec. 1857) behielt sich die Regierung ausdrücklich das Weitere in Bezug aus die Versassuugsangelegenheit vor u. sandte Abee als Bevollmächtigten (15. Juli 1858) mit sämmtlichem Material zur festzustelleuden Verfassung an den Bundestag. Außerdem bereitete auch die Regelung der Rechtsverhältnisse der Standesherren der Regierung Verlegenheit, da diese sich mit den von derselben ausrecht erhaltenen Zuständen nicht beruhigen wollten, sondern beschwerdeführend an den Bundestag sich wandten. Im Mai 1858 hatten indessen die Minister Schefser, v. Kaltenborn u. Rohde ihre Entlassung eingegeben, nachdem die auch nach der Verfassung von 1852 schon im Nov. 1857 einzuberusenden Stände nicht versammelt worden waren, was nunmehr im Juni 1858 geschah. Die Wahrnehmung, Laß in jedem der 21 Landrathsämter jährlich sich 25—5V Lurch heimliche Auswanderung nach Amerika der Heerdienstpflicht entzogen, veranlagte die Ausarbeitung eines Entwurss über Erwerbung und Verlust der Staatsangehörigkeit, wodurch die Aus- wanderungssreiheit beschränkt werden sollte, der aber nur mir geringer Mehrheit von den Ständen angenommen wurde. Die Stände lehnten die beantragte Gehaltserhöhung der Beamten ab und riechen vielmehr an, durch Vereinfachung der Verwaltung Ersparnisse herbeizuführen. Außerdem beantragten die Stände, daß die von der Regierung ohne Mitwirkung der Stände 1851 erlassenen provisorischen Gesetze ihnen nachträglich zur Berathung und Genehmigung vorgelegt werden möchten. Zu den beim Bundestage schwebenden kurhessischen Fragen kam noch eine Klage der Agnaten gegen den Kurfürsten wegen eines ihnen vom Kurfürsten verweigerten Antheils an den Einkünften der heimgefallenen Rothenburger Herrschaft. Der Kriegslärm des Jahres 1859 sand die Stände zu allen desfalls geforderten Opfern bereit. Am 7. Mai erlangten endlich der Minister des Innern, Schefser, und der des Krieges, von Kaltenborn, ihre Entlassung, der Kurfürst ernannte Staatsrath Rhode zum Finanzminister, den Präsidenten des Oberappellationsgerichts, Abee, zum Justizminister, den Obersten v. Ende zum KriegS- minister u. den Geheimeurath v. Stiernberg zum Minister des Innern. Die Kluft zwischen Fürst u. Volk wurde indessen immer größer, das Ansehen der Monarchie sank u. jede Kammerversammlung protestirte gegen die Verfassung von 1852. Am 12. Nov. 1859 sprach Preußen sich am Bundestage offen für die Verfassung von 1831 aus, aber 26S Hessen-Kassel. anstatt dieser erhielt das Land wider Preußens Stimme auf Veranstalten des Bundestages 30. Mai 1860 eine Verfassung, gegen welche von allen Seiten im Lande protestirt wurde u. neben Preußen auch Baden u. endlich die öffentliche Meinung in Deutschland eintrat. Auch Österreich schloß sich Preußen an u. beantragte mit ihm 8. März 1862 am Bundestage, derselbe solle sich für Wiedereinführung der Verfassung von 1831 mit eventuellen Abänderungen bei dem Kurfürsten verwenden; jedoch dieser blieb unerbittlich. König Wilhelm schrieb an ihn, umsonst,, fast beleidigend war die Aufnahme von Brief u. Überbringer. Berlin antwortete mit einem Ultimatum u. der Mobilifirung von zwei Armeecorps, u. der Bund trat dem Anträge Österreichs u. Preußens vom 8. März bei. Nun schlug der Kursllrst einen milderen Ton an: das Land erhielt 21. Juni 1862 die Verfassung von 1831 vorbehaltlich der auf verfassungsmäßigem Wege zu vereinbarenden, durch die Bundesgesetze gebotenen Abänderungen u. das Wahlgesetz von 1849 wieder und ein Gesetz vom 6. Mai 1863 fügte Bestimmungen wegen der Prinzen, Standesherren und Ritterschaftsdepntirten bei. Aber die Streitigkeiten zwischen Fürst u. Volk endeten auch hiermit nicht, sie währten bis zum Untergange des Staates. Aus dem Congresse in Frankfurt erschien auch der Kurfürst u. trat der Bundesreform-Acte Österreichs bei (1863), am Staatenbunde sest- haltend. So kam das Jahr 1866 heran, indem die Krone alle Beschwerden u. Wünsche der Stände und des Volkes unnachsichtlich zurückwies und die elenden Zustände sorglich conservirte. 5. Febr., bei abermaliger Vertagung der Ständeversammlung, gab der Präsident Nebelthau der Hoffnung Ausdruck, daß die Minister nicht mit dem Landtage spielten, u. da von oben kein Entgegenkommen stattfand, verwahrte sich 14. März die Stände- versammlnng mit 44 gegen 1 Stimme gegen die unausbleiblichen Folgen solcher Mißregierung und beschloß mit 33 gegen 14 Stimmen Anklage wegen Versassungsverletzung gegen den früheren Vorstand des Justizministeriums, Pfeiffer, u. den dem Kurfürsten thenren Justizminister Abee beim Kasseler Oberappellationsgericht zu erheben. Aus Preußens Circulardepesche vom 24. März, betr. die Bundesreform, gab man in Kassel 27. März zwar keine abschlägige, aber eine ausweichende Antwort, u. am Bundestage betonte der kurfürstliche Gesandte v. Hesberg 21 . April, abermals einem Votum über den preußischen Reformantrag ausweichend, den Wunsch nach Entwaffnung. Dem sächsischen gegen Preußen gerichteten Antrag vom 5. Mai stimmte Hesberg 9. Mai entgegen. Angesichts des, sich mehr u. mehr zuspitzenden Streites zwischen Österreich u. Preußen traf der Kurfürst militärische Vorsichtsmaßregeln, wogegen Preußen sofort (12. Mai) remonstrirte, indem es zugleich abso- lute Neutralität forderte. Diese versprach die Regierung, doch unter Vorbehalt etwaiger Bundesbeschlüsse, 15. Mai, aber 16. Mai entließ Friedrich Wilhelm den Kriegsminister v. Ende plötzlich als Preußenfreund u. 22. Mai erschien in außerordentlicher Mission der österreichische Oberst Baron Wimpffen in Kassel. Nachdem man in Kassel 13. Juni die aus Holstein durchkommenden Österreicher demonstrativ gefeiert hatte, schloß sich Hesberg 14. Juni am Bundestage dem Anträge Österreichs an u. noch 14. Juni befahl der Kurfürst die Mobilmachung aller Truppen. 15. Juni beschloß die Ständeversammlung, das Unheil voraussehend, mit 35 gegen 14 Stimmen, die Regierung auszufordern, unverzüglich zur Neutralität znrückzu- kehren und nicht mobil zu machen. Gleichzeitig forderte ein Ultimatum Preußens von dem Kurfürsten, er solle seine Truppen sofort auf den Friedensstand vom 1. März d. I. znrückführen u. der Berufung des deutschen Parlaments, wenn sie durch Preußen erfolge, zustimmen; hierfür garantire man ihm sein Gebiet u. seine Souve- ränetätsrechte nach Maßgabe der Reformvorschläge vom 14. Juni d. I. Der Kurfürst lehnte das Ultimatum ab, der preußische Gesandte, Generalmajor v. Röder, verließ sofort Kassel u. die letzte Stunde des Kurfürstenthuins schlug. Friedrich Wilhelm unterließ es, mit seinen Truppen auszuziehen und blieb in Wilhelmshöhe. Seine Truppen entsandte er, Kassel preisgebend, mit allem Kriegsmaterial nach dem Süden, um sich mit dem 8. Armeecorps zu vereinigen; General Baron Schenk von Schweinsberg wurde Oberbefehlshaber. 16. Juni stimmte Hesberg in Frankfurt dem sächsischen Anträge auf Bnndeshilfe gegen die Vergewaltigung Preußens bei und am gleichen Tage rückten die Preußen unter Generalmajor von Beyer von Wetzlar aus in Kurhessen sin, 18. Juni standen sie in Kassel und Friedrich Wilhelm war auf Wilhelmshöhe preußischer Staatsgefangener. Da der landständische Ausschuß sich weigerte, Beyer Männer für eine Regierung zu bezeichnen, so erklärte Beyer 20. Juni sich als einstweiligen Leiter der Regierung, die volle Wiederherstellung des verfassungsmäßigenRechtszu- standes versprechend. Die Führung der laufenden Geschäfte in der Verwaltung übertrug er 21. Juni Etienne, Mittler u. Ledderhose. 22. Juni machte -liöder nochmals dem Kurfürsten Anträge zu einer Verständigung mit König Wilhelm, seinem nahen Verwandten: schroff u. entschieden lehnte Jener sie ab u. wurde 23. Juni als Kriegsgefangener nach Stettin geführt. 28. Juni wurde General v. Werder Militärgouverneur von Kurhessen und Regierungspräsident von Möller Civilcommissär. Die kurhesfischen Truppen konnten keinerlei Erfolge gegen Preußen aufweisen. 18. Scpt. entließ der Kurfürst, nachdem er sich wegen seines Hausver- mögens mit der Krone Preußen verständigt, seine ilnterthanen des Eides und verließ Stettin; 20. Sept. wurde Kurhessen mit Preußen vereinigt u. 15. Oct. trat v. Möller an die Spitze der Verwaltung. Der Kurfürst starb als letzter Kurfürst Deutschlands im Exils zu Prag, 6. Jan. 1875. v. Rommel, Geschichte von Hessen, 10 Bde., Gotha 1820—58; Wenck, Hessische Landesgeschichte, 3 Bde., Darmst. 1783—1803; Rehm, Handbuch der Geschichte beider Hessen, Marburg n. Leipzig 1842; Wippermann, Kurhessen seit den Freiheitskriegen, Kassel 1850; Ötker, Minister Hassenpflug u. die kurhessische Volksvertretung, 1850; Gräfe, Der Berfassungskampf in Kurhessen. Leipz. 1851; Psaff, Das Trauerspiel in Kurhessen, Brannschw. 1851; Röth, Geschichte von Hessen-Kassel, 1856; 264 Hessen-Marburg (Pernice) Denkschrift Sr. K. H. des Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. von Hessen, betreffend dis Auflösung des Deutschen Bundes u. die Usurpation des Kurfürstenthums durch die Krone Preußen im I. 1866, Prag 1868. Klimschmidt. Hessen-Marburg, s. Hessen, Gesch. Hessen-Nassau (Hierzu 1 Karte), Provinz des Königr. Preußen, gebildet 1867 aus Landestheilen, welche infolge des Krieges von 1866 an Preußen gefallen waren, nämlich aus dem ehemaligen Kurfürstenthum Hessen u. dem ehemaligen Herzogthum Nassau nach Abtrennung kleiner Landstriche, welche mit der großherzogl. hessischen Provinz Oberhessen vereinigt wurden, ferner aus dem größten Theile des Gebietes der ehemaligen freien Stadt Frankfurt, aus einigen Stücken (Kreis Hinterland, Herrschaft Homburg u. a.) des Großherzogthums Hessen u. aus kleinen Gebietstheileu (Gersfeld, Orb) des Königreichs Bayern. Die Provinz besteht aus dem Haupttheile, der im N. an Westfalen, Waldeck u. Hannover, im O. an die Prov. Sachsen, das Großherzogthum Sachsen-Weimar u. das Königreich Bayern, im S. an Bayern und das Großherzogthum Hessen, u. im W. an die preußische Rheinprovinz grenzt, ferner aus dem Kreise Schmalkalden am Thüringer Wald (zwischen Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen u. dem preuß. Kreise Schleusingen), dem Kreise Rinteln an der Weser (zwischen Westfalen, Lippe, Hannover und Lippe- Schaumburg) und einigen kleinen Parzellen in Waldeck. Innerhalb derselben liegt die großherz, hessische Provinz Oberhessen u. der preuß. Kreis Wetzlar. Der Flächeninhalt beträgt 15,895,4s Hjkm (283,g7s ÜM), die Einwohnerzahl 1875: 1,469,902 (auf 1 Hjkm 92,5, in ganz Preußen 74); 1871 hatte die Provinz 1,400,370 Ew., so daß die durchschnittliche jährliche Bevölkerungszunahme seit 1871 1,24 beträgt. Die Oberfläche der Provinz besteht vorherrschend aus Bergland, dem jedoch eigentliche Gebirgszüge fast gänzlich fehlen; Tiefland von nur geringem Umfange findet sich am Main (der nördlichste Theil der Oberrheinischen Tiefe), längs der Werra u. Fulda u. an der Schwalm, auch ein Theil der Wetterau gehört der Provinz an. Das Bergland im SW. gehört zum rheinisch-westfälischen Schiefergebirge; Theile desselben sind: Taunus mit dem 881 m hohen Großen Feldberg u. dem Rheingaugebirge (mit dem Niederwald) und der größere Theil des Westerwaldes mit dem 657 m hohen Fuchskauten; außerdem gehört zu demselben Gebirgssystem das Hainaische Gebirge zwischen Lahn und Eder mit dem 673 m hohen Rücken des Kellerwaldes. Alle übrigen Gebirgslandschaften des Haupttheiles der Provinz gehören dem Rheinischen Systeme an. Im SO. und O. dieses Gebietes liegen geringe Theile des Spessart, fast die Hälfte der Hohen Rhön mit der Großen Wasserkuppe (980 w) und der prachtvollen Milseburg oder Todtenlade (833 m), ferner einige Ausläufer des Vogelsgebirges. Von dieser u. der Hohen Rhön nordwärts breiten sich längs der Fulda eine große Anzahl von kleineren Bergmaffen aus, u. a. Las Knüllgebirge (636 m), der Saulingswald mit dem Nadelöhr (470 w), der Soisberg (627 m), der Meißner (743 m), der Eisberg (583 m), der — Hessen-Nassau. Alheimer (548 m), der Kaufnugcr Wald (mit dem 640 M hohen Bilstein u. dem 546 m hohen Steinberg), der Habichtswald (595 in), der Reinhardswald (mit dem Staufenberg, 469 rn). Der Kreis Schmalkalden wird vom Thüringer Wald (auf der gothaischen Grenze der 916 m hohe Inselsberg) u. der Kreis Rinteln vom nordwestl. Theile des Süntel-Gebirges durchzogen. Der nordöstliche Theil der Provinz gehört zum Stromgebiet der Weser u. der südliche u. südwestliche zu dem des Rheines. Flüsse: Rhein (von Biebrich bis Unterlahnstein Grenzfluß), Main (zum Theil Grenzfluß im S.), Kinzig, Nidda, Ohm, Dill, Werra, Fulda, Haune, Eder, Schwalm, Weser, Diemel rc. Auf der Hohen Rhön kommen große Moore vor. Eisenbahnen: Bergisch - Märkische (I36„z km), Cronberg ( 9,7 km), Frankfurt-Bebra (255,g km), Hannover-Altenbeken (31 km), Heff. Ludwigsbahn (50,g, km), Homburg (18,gs km), Deutz-Gießen (22 km), Main-Weserbahn (140 km), Nassauische (223 km), Oberhessische (25 km), Werrabahn ( 6,75 km). Der Boden ist im Allgemeinen nicht sehr fruchtbar. Das für den Ackerbau geeignete Land ist wenig umfangreich, dagegen nehmen die Wiesenflächeu einen bedeutenden Raum ein u. einen noch bedeutenderen die Waldungen (mehr als 40°/„ der Gesammtoberfläche); sämmt- liche Berggegenden, mit Ausnahme der höchsten Theile des Westerwaldes n. der Hohen Rhön, sind mit Wald bedeckt. Das Klima ist in den Berglandschaften ziemlich rauh, namentlich aber auf dem Westerwalde und der Hohen Rhön, wo der Schnee 5—6 Monate liegen bleibt; angenehm ist es in den tiefer gelegenen Landstrichen u. sehr milde sogar im S. in den Thälern des Rheines u. des Main. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Frankfurt a. M. 7,ss, in Kassel 6 ,gg und in Marburg 6 ,,,° k.; die jährliche Regenmenge in Frankfurt a. M. 66,5, in Kassel 62, 7 und in Marburg 65,, em. Products: Rindvieh, Pferde, Schafe, Schweine, Wildpret, Geflügel, Bienen, Fische; Holz, Getreide, Buchweizen, Kartoffeln, Hülsenfrllchte, Flachs, Hanf, Tabak, Hopfen, Cichorien, Obst, und zwar außer den gewöhnlichen Obstsorten auch Pfirsiche, Aprikosen, Quitten, Mispeln, Feigen, Wein; Eisenerze (in großer Menge), Bleierze mit Silbergehalt, Kupfer- und Manganerze, Stein-u. Braunkohlen, Kobalt, Gips, Kalk, Basalt, Sand- und andere Bausteine, Alabaster, Schiefer, Thon, Porzellanerde, Vitriol, Alaun, Salz rc. Äußerst zahlreich sind die Mineralquellen der verschiedensten Art, weshalb die Provinz auch zahlreiche Badeorte, darunter mehrere von europäischem Rufe, besitzt, wie Ems, Wiesbaden, Homburg, Soden, Langenschwalbach, Schlaugenbad, Weilbad,Nenndorf rc.; das Wasser mehrerer Mineralquellen wird versandt, wie das zu Niederselters, Fachingen, Geilnau rc. Die Bewohner gehören fast sämmtlich dem hessischen Stamme an. Die Einwohnerzahl s. oben. In Bezug auf die Religionsverhältnisse gab es nach der Volkszählung vom 1 . Dec. 1871 in H.-N. 988,041 Evangelische, 371,736 Katholiken, 3892 sonstige Christen, 36,390 Juden u. 311 Personen, von denen die Religion unbekannt war. An höheren Lehranstalten besitzt die Provinz eine Universität (Marburg), 12 GYM- 265 Hessen-Philippsthal. nasien, 3 Realschulen erster u. 2 Realschulen zweiter Ordnung, 16 höhere Bürgerschulen (außerdem mehrere Real- u. höhere Bürgerschulen, die noch nicht vom Staate als solche anerkannt sind), 8 Schullehrerseminare, 12 höhere Töchterschulen, 1 Gewerbeschule, 3 Taubstummenanstalten, 2 Blindenanstalten u. 1 Cadettenhaus. Die Hauptbeschäft- igungen der Bewohner sind: Ackerbau, Viehzucht, Bergbau, Eisenindustrie, dann Obstbau an der unteren Lahn, an: Rhein u. Main, Weinbau, vorzüglich am Rhein im sog. Rheingau, dann auch am Main, an der Lahn und der Werra. Der Ackerbau hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, da der Boden des größten Theiles der Provinz dafür wenig geeignet ist; aber trotzdem kommt noch Getreide zur Ausfuhr. Die fruchtbarsten und ergiebigsten Striche sind die höheren Lagen in der Mainebene, die Ebenen an der unteren Lahn, an der Schwalm und an der Werra bei Eschwegc. Von großer Wichtigkeit ist der Weinbau; die Provinz enthält die berühmtesten Weinorte, wie Hochheim, Eltville, Erbach, Rauenthal, Hattenheim, Winkel, Johannisberg, Geisenheim, Rüdesheim, Aßmannshausen rc. Im Ganzen waren 1875 gegen 4000 kg, mit Reben bepflanzt u. von diesem gesummten Weinbergsareal kamen auf den Regbez. Wiesbaden (oder genauer: auf das Gebiet des vormaligen Herzogthums Nassau) allein 3494,25 kg, von denen 2816 ,gg kg in Ertrag standen, darunter 2658,55 ka für Weißweine. Erzielt wurden 1874 ca. 84,275 KI Weißweine und 2975 KI Rothweine. Nach der Viehzählung vom 10. Jan. 1873 waren in der Provinz vorhanden: 68,316 Pferde (darunter 46,702, welche vorzugsweise zu landwirthschaftlichen Arbeiten, u. 10,924, welche zu gewerblichen u. Verkehrszwecken benutzt wurden), 223 Maulthiere, 751 Esel, 478,633 Stück Rindvieh (darunter 267,980 Kühe), 012,141 Schafe (darunter 29,074 Merinos und 23,537 veredelte Fleischschafe), 231,315 Lochweine, 122,092 Ziegen; ferner an Bienenstöcken 47,440 (darunter mit beweglichen Waben 5230). Seidenzucht: 1872 wurden Cocons im Gewichte von 11,z Pfd. erzeugt. Der Bergbau lieferte 1873: 2,246,984 Ctr. Steinkohlen, 4,320,167Ctr. Braunkohlen, 16,076,562 Ctr. Eisenerze, 576,540 Ctr. Bleierze, 170,429 Ctr. Zinkerze, 85,496 Ctr. Kupfererze, 273,761 Ctr. Manganerze, 1248 Ctr. Kobalterze und 205 Ctr. Nickelerze; die Hüttenwerke: 961,430 Ctr. Roheisen, 87,366 Ctr. Blei u. Glätte, 3804 Ctr. Kupfer, 10,320 Pfd. Silber, 375 Pfd. Gold. Die kleinen Salinen der Provinz ergaben 91,378 Ctr. Salz. Die Industrie ist nur in einigen Gebieten von Bedeutung; es gibt: Eisengießereien, Maschinenfabriken, Fabriken für Gold- und Silberwaaren, Instrumente aller Art, Bijouterien, Eisenbahnwagen, Eisen-, Bronze, u. Marmorwaaren, Leder (namentlich Sohlleder), Tuch, Leinwand, Damast u. andere Stoffe, Tabak, Cigarren, Chemikalien, Papier, Schmelztiegel u. andere Steingut- u. Thonwaaren rc., Spinnereien, Webereien rc. Die Bewohner zahlreicher Orte ernähren sich hauptsächlich vom Fremdenverkehr u. von den Badegästen. Der Handel, in einigen Städten recht lebhaft, wird vorzugsweise durch die ziemlich zahlreichen Eisenbahnen (s. oben), weniger durch die Schifffahrt unterstützt. Die Steuerkraft der Provinz wird durch folgende Angaben veranschaulicht: von je 100 der gesammten Klassensteuer- bevölkcrung waren im Regbez, Kassel für das Jahr 1875 zur Klassensteuer veranschlagt 19,27 (in ganz Preußen 20 , 25 ), davon 10,24 mit einem Einkommen von 140—220 Thlr., 0 „,g von 450 bis 500 Thlr. u. 0 , 2 i von 900—1000 Thlr.; steuerfrei waren 23,77 (in ganz Preußen 27 , 45 ); im Regbez. Wiesbaden waren veranschlagt überhaupt 25 , 55 , davon 11,55 niit einem Einkommen von l40—220 Thlr., 0 ,gg von 450—500 Thlr. u. 0,54 von 900 bis 1000 Thlr,; steuerfrei waren l 8 ,g.,. — Einge- theilt ist die Provinz in die 2 Regierungsbezirke Kassel und Wiesbaden; der Regbez. Kassel besteht außer der einen kreiseximirten Stadt Kassel ans 22 , der Regbez. Wiesbaden außer der einen kreiseximirten Stadt Wiesbaden u. dem Stadtkreise Frankfurt a. M. aus 10 Kreisen. Jeder Regierungsbezirk bildet einen commnnalständischen Verband. In den deutschen Reichstag schickt die Provinz 14 u. in das preußische Abgeordnetenhaus 26 Mitglieder. Sie gehört mit Ausnahme des Kreises Rinteln zum Bezirk des 11 . Armeecorps. Nach der Gerichtsorganisation von 1867 zerfällt sie in die 3 Appellationsgerichtsbezirke Kassel (mit 6 Kreis- u. 78 Amtsgerichten), Wiesbaden (mit 3 Kreis- u. 33 Amtsgerichten) u. Frankfurt a. M. (den gleichnam. Stadtkreis umfassend). — Hauptstadt der Provinz ist Kassel. H.Berns. Heffen-Philippsthal, apanagirte Seitenlinie des Hauses Hessen-Kassel, ohne Landeshoheit, wurde gegründet 1663 von Philipp, drittem Sohn deS Landgrafen Wilhelm VI., u. genannt nach dem Schlosse Philippsthal bei Vacha (noch heute Residenz), welches der Gründer an der Stelle des Klosters Kreuzberg erbaute (daher diese Linie auch H.-Kreuzberg genannt wird); Philipp, der von seiner Mutter die Hälfte von der Erbvoigtei u. dem Schlosse Barchfeld geerbt, st. 1721. Von seinen söhnen wurde der jüngere Wilhelm Stifter der Linie H.-Ph.-Barchfeld, während der ältere Karl, geb. 1682, gest. 1770 die Linie H.-Ph. fortsetzte. Ihm folgte sein Sohn Wilhelm bis 1810, u. diesem, nachdem der Erbprinz Karl bei der Belagerung von Frankfurt a. M. 2 . Jan. 1793 gefallen war, der Landgraf Ludwig, der neapolitan. Feldmarschall, der sich als Gouverneur von Gadta durch Vertheidigung dieser Festung ausgezeichnet hat. Ludwig st. 15. Febr.1816 ohne männl. Nachkommen u.succedirte ihm sein Bruder Ernst C onstantin, der geb. 8 . Aug. 1771, erst in niederländ. Diensten, dann seit 1808 Großkammerherr des König von Westfalen, nach dessen Entthronung wieder in niederländischen Diensten, 25. Dec. 1848 st. Ihm folgte sein älterer Sohn Karl u. diesem 12 .Febr. 1868 sein älterer Sohn Ernst, geb. 20 . Decbr. 1846. In der Linie H.-Ph.-Barchfeld folgte dem Stifter Wilhelm, geb. 1692, gest. 1761, sein Sohn Adolf (geb. 1742, gest. 1803), diesem sein Sohn Karl August Philipp Ludwig, geb. 27. Juni 1734, gest. 17. Juli 1854 u. diesem endlich als Landgraf Alexis Wilhelm Ernst, geb. 13. Sept. 1829, residirte zu Augustenau bei Eisenach. Der jüngere Bruder des Landgrafen Karl, Prinz Wilhelm, geb. 28. Jan. 1789, trat, als 1807 266 Hesseu-Rheinfels — Heßhusius. Hessen-Kassel französisch wurde, in russische Dienste, wurde dort General der. Cavalerie, verlor 1812 durch einen Kanonenschuß ein Bein u. st. 2V. April 1850 in Herleshausen. Lagai. Heffen-Nheinfels, die ältere Linie, souveräne Nebenlinie von Hessen, wurde 1567 vom dritten Sohne Philipps des Großmüthigen, Philipp II., gestiftet und erlosch auch mit ihm 1583. Die jüngere Linie wurde gestiftet vom Landgrasen Ernst, dem jüngsten Sohne des Landgrasen Moritz u. seiner zweiten Gemahlin Juliane von Dillen- burg. Landgraf Moritz hatte für seine Söhne aus dieser Ehe als Besitz bestimmt die sog. Rothenburger Quart, d. i. die niedere Grafschaft Katzenelnbogen mit der Stadt und Festung Nheinfels, dem Amt u. Stadt Rothenburg, Wanfried, Esch- wege, Trefsurt, Ludwigstein, die Herrschaft Plesse, das Amt Gleichen mit allen Einkünften u. einem Biertheil des Landzolls, aber unter Hoheit der ältesten Linie (Hausverträge vom 12. Febr. 1627 u. 1. Sept. 1628). Ernst hatte, als der Vater 1627dieRegierung anWilhelmV. abtrat, Rheinfels erhalten, aber nach dem Tode seinerBrüderHermann zu Rothenburg (gest. 1658) u. Friedrich zu Eschwege die sog. Rothenburger Quart insgesammt. Ernst, der 1623 geb., sich bei Allersheim ausgezeichnet hatte, dann von Lamboi gefangen, nach seiner Befreiung 1652 zur katholischen Kirche übergetrclen war, hinterließ bei seinem Tode zwei Söhne, deren jüngerer n) Karl, die Linie H.-R.-Wanfried gründete, die aber mit dessen viertem Sohne Christian August 1755 wieder ausstarb; der ältere Sohn Ernsts, k>) Wilhelm, folgte in der Hauptlinie, welche nun in Rothenburg den Namen H.-R.-- Rothenburg führte. Das zwischen ihm u. dem Landgrafen Karl von Hessen-Kassel streitige Rheinfels wurde im Utrechter Frieden zwar letzterem zugesprochen, aber nach kaiserlichen Aussprache behielt Wilhelm dasselbe. Ihm folgte 1725 Ernst Leopold, der 1749 st. u. die Laudgrasschaft seinem Sohne Ernst Constantin, geb. 1716 hinterließ; unter ihm st. 1755 die H.-R.-Waufrieder Linie aus, und die Lande derselben fielen an die Linie H.-R.-Rothenburg zurück, die nun den Namen Hessen-Rothenburg führte. Constantin st. 23. Dec. 1778 und hatte seinen Sohn Kar! Emanuel, geb. 1746, zum Nachfolger. Ermußte im Lüneviller Frieden Theile seiner Landgrasschasi auf dem linken Rheinufer, namentlich Rheinfels, abtreten u. erhielt dafür gemäß den Hessen-Kassel überwiesenen Entschädigungen von diesem nach dem Reichsdeputationshauptschluß von 1803 eine jährliche Reute von 22,500 Fl. nannte sich seitdem Hessen-Rothenburg, blieb aber während des franz.-wcstfäl. Regiments im Besitz der durch den Lüneviller Frieden verbliebenen Reste der Rothenburger Quart. 23. März 1812 folgte ihm sein Sohn Victor Amadeus (geb. 2. Sept. 1779) der für die ihm vom Wiener Congreß auferlegten Territorialabtretungen eine volle Entschädigung an grundherrlichen Nutzungen innerhalb des Kurstaates von Kurhessen zugesichert, von Preußen dieselbe gewährleistet u. die ehemalige Abtei Korvey in Westfalen als Mediatsürstenthum erhielt. Da Kurhesseu wegen der Entschädigung Schwierigkeiten machte, so verzichtete unter Vermittelung Preußens Victor 1816 durch Vertrag auf jene Entschädrgung durch Domänen gegen eine von Kurhessen zu zahlende Summe von 1 Will. Thlr., für welche, wie stipulirt, die dem damaligen Kurprinzen gehörige Herrschaft Ratibor in Schlesien als Mod, wie Korvey, mit freier Befugniß für den Landgrasen 1820 angekäuft wurde; außerdem ward von Kur- Hessen für den Landgrafen ein Revenuenertrag von 55,000 Thlr. festgesetzt u. gegen Nachlaß von 91662/g Thlr. allodificirt, ebenso auch die von Preußen geleistete Ablösungssumme von 312,500 Thlr. für die Rente von 22,500. Neben diesem Allodialbesitz ward dem Landgrafen der in Kurhessen gelegene Theil der Nothenburger Quart, welche nach dem Hausvertrag von 1627 bei Erlöschen des Hauses Rothenburg irn Mannsstamme an die äl- tere Linie Hessen-Kassel 1834 zurückfiel. Über deren Verhältniß zu den kurhess. Domänen wurde nach langem Streite zwischen den kurhess.Ständen u. der Regierung 1848 dahin entschieden, daß die Einkünfte der Quart den Staatseinnahmen überwiesen wurden. Als VictorAmadeus 12. Nov. 1834 kinderlos st., vermachte er sein Allodium, dasMediat- herzogthumRatibor inSchlesien,das Mediatfürsten- thum Korvey in Westfalen, dieHerrschaftenKieserstädt u. Zambowitz u. die Herrschaft Treffurt testamentarisch den Prinzen Victor u. Chlodwig von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, den Neffen seiner zweiten, 1830 gestorbenen Gemahlin, Elisabeth, Tochter des Fürsten Karl Ludwig zu Hohen- lohe-Langenburg. Lagai. Heffen-Rothcnbnrg , s. u. Hessen-Rheinsels. Hessen-Rmnpenlieirn, uneigentlicher Name einer Nebenlinie von Hessen-Kassel. Hessenstein, I. ein erloschenes Grafengeschlecht, welches die natürlichen Kinder Friedrichs I., Königs von Schweden u. Landgrafen von Hessen-Kassel, und der Gräfin Hedwig Ulrike v. Taube befaßte. Diese Kinder wurden 1742 von ihrem Vater legi- timirt u. in den schwedischen Grasenstand erhoben. Graf Friedr. Wilhelm, erst schwedischer General, vom Kaiser zum Reichsfürsten u. 1773 zum Ge- ueralfeldmarschall erhoben, u. gest. 1808, gründete das Hessensteinsche Fideicommiß, welches die adeligen Güter Klamp, Hohenfelde, Panker und Schmool in Holstein begreift, in den Besitz der Landgrafen von Hessen (ältere nicht regierende Linie) überging u. laut Cabinetsordre des Königs von Preußen vom 30. Dec. 1868 den Gesammtnamen Herrschaft H. führt. II. Ein im vormaligen Kursürstenthum Hessen angesessenes gräfliches Geschlecht, welches von den Kindern des Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen (geb. 3. Juni 1743, st. 27. Febr. 1821) und der Karoline geb. Reichs- gräfin v. Schlotheim, nachheriger Gräfin v. H. (geb. 6. Juli 1767, st. 7. Jan. 1847) abstammt. Diese Kinder erhielten Namen und Wappen der erloschenen schwedischen Grafen v. H. (s. oben I.). Hessen-Wanfried, s. Hessen-Rheinfels. Hesthusins, Tileman, lutherischer Streittheolog, geb. 3. Nov. 1527 in Wesel, studirte in Wittenberg bei Melanchthon und docirte daselbst von 1550 an; er wurde 1553 Superintendent in Goslar, aber als Zelot im Mai 1556 entlassen, ging er nach Magdeburg u. wurde 1556 Prediger u. Professor in Rostock; 1557 hier abgesetzt, kam er 267 Hessisches Berg- u. Hügelland — Hestiasis. in demselben Jahre als Consistorialpräsident nach Heidelberg, ward aber auch hier im Sept. 1559 wegen seines Streits mit dem Diakonus Kiebitz iiber die Abendmahlslehre entlassen und wurde, einen gleichzeitigen Ruf nach Bremen ablehnend, 1560 Superintendent in Magdeburg; hier wurde er als Zelot gegen die Kryptocalvinisten 21. Oct. 1562 vom Rache anfgefordert, die Stadt zu verlassen, u. da er es nicht freiwillig that, von einem bewaffneten Biirgerhausen vertrieben. Nach kurzem Aufenthalt in Wesel u. Frankfurt wurde er 1565 HofpreLiger bei dem Pfalzgrafen Wolsgang von Zweibrücken in Neuburg u. 1569 Professor in Jena, aber auch 1573 infolge der Kirchenvisitation von der kurfürstlichen Regentschaft mit Wigand abgcsetzt. Darauf Bischof von Samland in Königsberg, mußte er auf Betreiben Wigands auch von hier abgehen, im April 1577 als Ketzer in der Lehre über Christi Natur von einer Synode verurtheilt, wurde endlich Professor in Helmstädt; da er die Concordienformel, welche er früher unterschrieben hatte, nach den Abänderungen der sächsischen, pfälzischen u. brandenburgischen Theologen nicht anerkannte, gerieth er wieder in Streit, während dessen er 25. Sept. 1588 st. Seine Schriften waren meist polemischer Natur. Vgl. v. Helmolt, H. u. seine sieben Exilia, Lpz. 1859. Löffler.' Hessisches Berg- u. Hügelland, ein Theil des deutschen Mittelgebirges und zum Rheinischen Systeme gehörig, bildet ein vorwiegend aus buntem Sandstein zusammengesetztes, flachwelliges Plateau von 160 bis 320 in mittlerer Höhe, das im W. von dem Rheinischen Schiesergebirge, im S. vom Vogelsgebirge und dem hohen Rhön, im O. vom Thüringer Walde und im N. vom Thal der Memel begrenzt wird. Das Plateau ist von tiefen Flußthälern vielfach eingeschnittcu, über welche meist aus basaltischem Gestein u. Muschelkalk gebildete, unregelmäßige Berghaufen u. einzelne Bergkuppen sich erheben. Die einzelnen Kegelberge kommen mehr im S., Berggruppen u. Waldgebirge mehr im N. vor; größere Ebenen sind selten. Die bemerkenswerthesten Theile und Höhen des h-n B-es sind: das Knüllgcbirge (Knüll- Köpfchen 632 na, Eisenberg 636 m), Richelsdorfer Gebirge (bis 500 m), Ringgangcbirge, Meißner- gebirge (Meißner 748 m), Kaufunger Wald (Bilstein 640 m), Habichtswald (Hohe Gras 595 m), Reinhardswald (Staufenberg 469 m). H- Berns. Hessische Lndwigsbahn (1875) Länge 495,^ Irm. Anzahl der Locomotiven 160, der Personenwagen 407, der Güterwagen 2756; Einnahme FI. 13,566,063. Zeit der Gründung 1845, der Inbetriebsetzung 1848. Anlagecapital bei der Gründung Fl. 4,000,000. Heutiges Anlagecapital Ll 149,548,857. Privat-Verwaltung. Directionssitz Mainz. S. Hessische Tiegel, s. u. Schmelztiegel. Hessus, s. Eobanns Hessus. Hessin, 1) der Vesta bei den Römern entsprechend, die jüngste von allen olympischen Gottheiten, bei Homer noch nicht vorkommend, Tochter des Kronos u. der Rhea, wurde von ihrem Vater verschlungen, aber durch die List der Rhea wieder gerettet; weil sie unter ihren Geschwistern zuerst verschlungen u. zuletzt wieder herausgegeben wurde, heißt sie die älteste u. jüngste Tochter des Kronos. H. schließt das Zwölfgöttersystem, sie bedeutet die festgegründete Erde, welche die Alten für das einzig Feste in der Welt hielten, u. das ätherische Feuer des Himmels, welches Prometheus auf die Erde herabgebracht hatte, und war den Griechen ein Symbol der unerschütterlichen Weltordnung, deren Basis die Erde u. deren höheres Leben der reine Himmel mit den Göttern ist. Deßhalb wurde sie auch immer jungfräulich u. rein gedacht. Apollon und Poseidon hatten um sie geworben, allein sie verweigerte die Vermählung u. blieb ewig Jungfrau. Sie war auch Sinnbild der festen Ansiedelung, bürgerlichen Eintracht und des häuslichen, dem Himmel entstammenden Feuers; ihr war in jedem Hause der Herd heilig, auf welchem ein immerwährendes Feuer erhalten wurde, und da der Herd der geheiligte und unentbehrliche Theil des Hauses war, so wurde auch das ganze Haus der H. geheiligt, auch die Städte waren ihrem Schutze anvertraut. Die Joner scheinen den He- stiadienst bes. ausgebildet zu haben; der ganze athenische Staat hatte seinen religiösen Mittelpunkt in der gemeinschaftlichen H. im Prytaueion zu Athen, wo ihr ein ewiges Feuer brannte. Auch in dem übrigen Griechenland gab es solche heilige Feuer der H. in den Prytaneen (daher ihr Beiname Prytanitis), so in Sparta, Tegea, auf Delos, zu Olympia, Delphi. Der Cultus der H. war sehr einfach; der Herd (Familienherd u. Opfcrherd) mit dem brennenden Feuer ihr Symbol; ihn besorgten ini Hause der Hausvater, im Prytaueion der König, später die Prytaneu; in Athen auch Priesterinnen (Hestiades), Wittwen, die weiterem Ehestande entsagt hatten. Geopfert wurden der H. grüne Gräser, junge Saat, Erstlinge der Früchte, Spenden von Wasser, Wein u. Öl, einjährige Kühe. Bei größeren Opfern begann u. schloß mau gewöhnlich mit einer Spende au die H. Alles Wichtige, was für die Familie beschlossen wurde, wurde mit Opfer u. Ge- bet zur H. angesangen u. vollbracht. Ihre Tempel (Hestiäa), deren sie nur wenige hatte, La in jedem Hause ihr geopfert wurde, waren rund gebaut, mit Säulengängeu umgeben u. von einer Kuppel bedeckt; in der Mitte derselben brannte die heilige Flamme. Berühmte Statuen der H. befanden sich zu Athen, Olympia, Paros; sie wurde gewöhnlich sitzend od. ruhig dastehend dargestellt; so hatte sie Skopas abgebildet, sitzend zwischen zwei Spitzsäulen als Symbolen des Wendekreises der Sonne. Die berühmteste der jetzt noch vorhandenen Statuen ist die sog. Gillstiuianische Vesta, eine vollständig bekleidete Figur, mit ernstem Gesicht u. schmucklosem Haar, die eine Hand in die Seite setzend, mit der anderen nach dem Himmel deutend. Höher noch als in Griechenland stand ihr Cultus in Rom, s. Vesta. 2) s. Asteroiden N. 46. Thielemann.* Hestiäötis (a. Geogr.), 1) der nordwestliche Theil Thessaliens; die Bewohner hießen Hestiä- oten vd. Hestioten; von Stävten waren Gom- phoi und Trikka bedeutend; 2) Gebiet der eubö- ischcn Stadt Hestiaia, an der Nordseite von Euböa. Hestiäsis (gr. Ant.), Speisung in Athen, welche an gewissen Festen u. Opfern stattfand und aus öffentlicher Kasse (Theorikon) bestritten wurde; die 268 Hcsychastcn H., welche einer Phyle gegeben wurde, gehörte zu den Liturgien; der Geber hieß Hestiator. Hcsychastcn (v. Gr., eig. ruhig Lebende, Beschauliche), mystische Mönche auf dem Berge Athos im 14. Jahrh., glaubten bei gänzlicher Ruhe n. beständigem Hinblicken auf ihren Nabel, welchen sie für den Sitz der Seelenkräfte hielten, zur sinnlichen Anschauung des unerschaffenen, auf dem Tabor bei Jesu Verklärung erschienenen göttlichen Lichtes zu gelangen. Der Abt Barlaam erhob sich dagegen u. nannte sie H. (Ruhende) od. Ompha- lopsychoi (vmbilioani, Nabelbeschauer); der Erz- bischof von Thessalonich, Gregor Palamas, früher Mönch auf dem Athos, vertheidigte ihre Ansichten gegen ihn u. Akindynos, woraus sich ein Streit über die Identität des mystisch geschauten Lichtes mit Gott selbst (so Barlaam zur Bekämpfung der H.), od. nur mit seiner Wirksamkeit (so Palamas zur Vertheidigung der H.), entwickelte; der Streit wurde mehrere Jahre heftig geführt, endlich führte Palamas durch seinen Einfluß auf den Kaiser An- dronikos Paläologos die Verdammung seiner Gegner aus mehreren Concilien (1341 u. 50) herbei; die H. hielten sich bis ins 15. Jahrh. Vgl. Engelhardt, Vs 8., Erl. 1829; Gaß, Die Mystik des Nicolans Kabasilas, 1847. Löffl-r. Hcsychros, 1) H. aus Alexandria, Grammatiker des 4. oder 6. Jahrh. n. Ehr., über den nichts weiter bekannt ist; unter seinem Namen ist ein Lexikon, eine Sammlung von Glossen und Namenserklärungen der griech. Sprache enthaltend, erhalten, das aber durch Interpolationen u. Abschreiber stark entstellt ist. Ausgaben: die erste bei Aldus von M. Musnrus, Vened. 1514, Fol.; von Alberti u. Ruhnken, Leyden 1746—66, 2 Bde., Fol.: dazu Ergänzungen von Schow, Lpz. 1792; die Olossas saoras (Erläuterungen neutestamen- talischer Wörter), von Ernesti, 1785 f., 2 Bde.; die neueste von M. Schmidt, 4 Bde., Jena 1857—64; vgl. Ranke, Vs Isxloi 8ssz-oii. vsro oriZflns st Asnnina korina, Lpz. 1831. 2) H. ans Milet (8. Illrwtrios), byzantin. Geschichtschreiber, lebte im 6. Jahrh. unter Justinian; von seinem großen Geschichtsbuche, von Belos in Assyrien bis 518 n. Ehr., ist nur der Anfang der letzten Abtheilung übrig, herausgegeben in Labbes voloALs bistori- oorum cks rsb. bz-ranb., Paris 1647, Fol.; von Dousa, Heidelb. 1596, Orelli, Leipzig 1822; er schr. außerdem kurze Biographien der hervorragendsten griech. Schriftsteller, namentlich Philosophen, herausgegeben in H. Stephanus Ausgabe oes Diogenes, Genf 1594, einzeln, Antw. 1572. 3) Ägyptischer Bischof, wahrscheinlich aus Alexandria, Märtyrer 311; von ihm gab es nach Hieronymus eine kritisch bearbeitete Ausgabe der VXX. u. des N. T. 2 ) s) Hetären (gr.), 1) eigentlich Freundinnen, Gesellschafterinnen. 2) Buhleriunen, bei den Griechen, bes. bei den Korinthern u. Athenern, in verschiedenen Abstufungen sehr gewöhnlich; im Theater hatten sie einen besonderen Platz, Hetärikon; mehrere trugen durch einen gewissen Grad von Bildung, Feinheit des Umganges und Kenntnisse viel zur Verschönerung des geselligen Lebens bei, indem sie, da die ehrbaren Frauen streng auf das Haus beschränkt waren, die nach heiterem Umgang — Hctäria. mit Frauen strebenden Männer um sich sammelten; sie begleiteten ihre Freunde zu den Gast, mahlen, welche sie durch die Künste des Tanzes u. der Musik und oft durch geistreiche Gespräche > verschönerten. Die berühmtesten H. waren Thals, Lals, Leontion, Myrrhina, Lamia, Thargelia, Leäna, Theodota, Phryna (welche dem Praxiteles bei den Darstellungen der Aphrodite als Modell diente), Glykera; mit Unrecht ist dagegen Aspasia (s. d.) unter die H. gezählt worden. Das Leben und Treiben der H. ist in Lucians Hetären-Ge- ^ sprächen u. in Alkiphrons Hetären-Briefeu geschildert; vgl. Fr. Jacobs im 4. Bd. seiner Vermischten Schriften. Henne-Am Rhyn. Hetärcsts (gr.), 1) Buhlerei; 2) Knabenliebe. Hetärra (gr.), 1) im alten Griechenland Verbindung Mehrerer zu einem Zwecke, Genossenschaft; als deren Beschützer galt Zeus, daher dessen Beiname Hetärios, das ihm gefeierte Fest in Magnesia H e tärid i a. 2) In Kreta die geschlossenen Tischgesellschaften, bei welchen nur durch einstimmige, freie Wahl neue Mitglieder ausgenommen wurden. 3) In den griechischen Demokratien geheime, unter einem Oberhaupt (Hetäriar- ches, Hetäriarchos) stehende Verbindung der Vornehmen, um sich gegen den übermächtigen Einfluß des Volkes zu schützen, anfangs mehr zur Unterstützung bei Bewerbungen um Ämter, bei Processen rc., dann aber auch, um dem Demos entgegenzuwirken; sie verzweigten sich von Staat zu Staat u. standen im engen Zusammenhänge, so die in Athen im Einverständniß mit Sparta, wodurch das Aufkommen der 30 Tyrannen nach dem Peloponnesischen Kriege in Athen befördert wurde. Die Wirksamkeit der aristokratischen Hetärien ries, um ein Gegengewicht dagegen zu haben, auch solche Verbindungen unter der Gegenpartei hervor, deren gegenseitige Eifersucht und Reibung die äußeren Feinde benutzten und den griechischen Republiken den Untergang brachten. 4) In neuerer Zeit eine geheime Verbindung zu politischen Zwecken, welche wesentlichen Einfluß auf das Schicksal Griechenlands in der neueren Zeit übte, als eine der äußeren Hauptursachen des griechischen Aufstandes von 1821 gilt. Schon gegen Ende des 18. Jahrh. hatte der Thessalier Konst. Rhigas eine Vereinigung gleichgesinnter Patrioten zur Befreiung Griechenlands vom türkischen Joche unter dem Name» erarx>kia begründet, wobei er auf die Mitwirkung Napoleon Bonapartes rechnete, mit dem . er deshalb während dessen italienischen Feldzuges 1797 in nähere Beziehungen getreten war. Der gewaltsame Tod des Rhigas im Mai 1798 verhinderte diese Pläne; aber die von demselben gestiftete H. scheint, wennschon ohne bestimmten Mittelpunkt, auch später noch fortbestanden zu haben. Auf dieser Grundlage bildete sich 1814, 1815 od. 1817 eine neue politische H., welche ihren Hauptsitz in Rußland hatte; ihr Zweck war die politische Unabhängigkeit Griechenlands, für welche die Gesellschaft auf jede mögliche Weise thätig war. Bes. suchte sie die unabhängigen Klephten U. die Armatolen, wie dies schon Rhigas gethan hatte, durch ihre Emissäre ^7ro), Nauplia 1834, U. Tanthos, rsic Pkitkxhc oratyrae (Erinnerungen an die H.), Athen 1845. Neben u. vielleicht in geistigem Zusammenhänge mit der politischen H. des Rhigas u. der späteren H. werden unter den Griechen bereits seit dem Anfänge des 19. Jahrh. auch wissenschaftliche H-n, theils in Rußland, theils in der Walachei u Griechenland (z. B. in Athen) erwähnt. Namentlich entstand eine solche, neu oder wenigstens mit ausgedehnteren Zwecken u. Mitteln, in Wien zur Zeit des Congresses, deren Stiftung dem Grafen Johann Kapodistrias zugeschrieben wurde. Alle diese Gesellschaften bezweckten die Errichtung und Leitung von Schulen in Griechenland, die Gründung von Zeitschriften zur Verbreitung der Bildung u. Aufklärung u. zur Förderung der Moral u. Religion, sowie die Herbeischaffung eines Fonds zur Ausgrabung und Erhaltung der Alterthümer, zur Anlegung einer Bibliothek u. eines Museums (in Athen), zur Herausgabe der griech. Classiker in den Urschriften u. in Übersetzungen u. die Unterstützung einzelner Griechen aus europäischen Universitäten. Die in Wien gestiftete He/lözrooaoL - Heterostylie. Fra-yera (Dra^xr« g-rllo^ovawr-) nahm nach ihren Gesetzen Griechen und Ausländer zu Mitgliedern auf. Indessen gerieth diese H. wol kaum zu einer bes. segensreichen Wirksamkeit u. durch den Ausbruch der Revolution 1821 ins Stocken; aber sie wurde 1824 in Athen, das sich damals in den Händen der Griechen befand, mit den früheren Bestimmungen und mit wesentlich den nämlichen, nur zum Theil erweiterten Zwecken erneuert, bis sie mit der Errichtung des Königreichs Griechenland (1833) wenigstens ihre eigentliche Bestimmung verlor. Vgl. über die politische und wissenschaftliche H.: Th. Kind, Beiträge zur besseren Kenntniß des neuen Griechenland, Neust, a. d. O. 1831. Henne-Am Rhyn.* Hetero... (v.Gr.), anders..., fremd..., entgegengesetzt . . .; Gegensatz von Auto . . ., von Ortho. . . rc. Heterochroisch (gr.), verschiedenartig, bunt. Heteröcie (Bot.) ist das eigenthümliche Verhalten mancher Uredineen (Rostpilze), demzufolge die verschiedenen aufeinanderfolgenden Generationen dieser Pilze verschiedene Nährpflanzeu bewohnen, s. z. B. 6^mvo8porauAiuiu u. kuoeinia. Heterödox (v. Gr.), Gegensatz zu orthodox, von der öffentlich festgestellten Lehrnorm abweichend. Das Wort gehört vorwiegend der protestantischen Theologie an, in welcher bei ihrer prin- cipiell berechtigten Entwickelungsfähigkeit nach Schleiermachers richtiger Bemerkung jetzt hetero- dox sein kann, was später orthodox wird, u. umgekehrt. Löfflcr. Heterogen (v. Gr.), verschiedenartig, im Gegensatz von Homo gen, gleichartig; daherHetero» genität, Ungleichartigkeit; Heterogenes, Substantivs, welche im Plural ein anderes Geschlecht haben, als im Singular, z. B. eosluw, ooeli. Heterogenie, s. Fortpflanzung. Heterokerk, s. Fische, versteinerte. Heterolälie (v. Gr.), fremdartiges, unrichtiges Sprechen. Heteromere Flechten, s. u. Flechten. Heteromorph (v. Gr.), verschiedengestaltig, an- dersgestaltig; daher Heteromorphismus(Min.), das Vorkommen von mineralischen Substanzen in verschiedener Gestalt. Heteromorphit (Federerz, Plumosit), rhombisches Mineral in nadelförmigen od. haarförmigen Krystallen, welche filzartig verwoben sind, auch derb; Härte 1—3, spec. Gew. 5,«»-5,^; dunkel- bleigrau bis stahlgrau, besteht aus Schwefelblei u. Schwefelantimon. Fundorte: Andreasberg u. Klausthal, Neudors in Anhalt, Freiberg, Schem- nitz u. a. Orte. Lehmann. Heteronömie (v. Gr.), in der kritischen Philosophie die Abhängigkeit der menschlichen Vernunft von äußeren wie inneren Einflüssen u. Zuständen; das Gegentheil von Autonomie in absolutem Sinne. Vgl. auch Abhängigkeit n. Freiheit. Heteropoda, Kielfüßer, s. Schnecken. Heterosis (gr.), so v. w. Enallage. Heterosporen, s. u. Gefäßkryptogamen. Heterostömos (gr. Ant.), Anker, welcher nur einen Arm hat. Heterostylie ist Dimorphismus der Griffel, s. u. Dimorphismus. 270 Heterotomisch Heterotomisch (v. Gr.), ungleich geschnitten, gekerbt. Hethiter, kananitischer Stamm um Hebron, wo Abraham von ihnen ein Grundstück kaufte; bei der Rückkehr der Israeliten aus Ägypten wohn- ten sie auf dem Gebirge der Amoriter; sie wurden unterworfen, behielten aber ihren eigenen Häuptling u. gründeten in der Königszeit in der Nähe von Syrien ein kleines selbständiges Reich, welches sich bis nach dem Exil der Juden hielt' Wahrscheinlich sind sie identisch mit den in den assyrischen Inschriften erwähnten Chatti. Hethum, s. Haithon. Hetman (Ataman), Oberhaupt, Heerführer bei den Kosaken und den Polen. Zuerst wurde den Ionischen u. Ukrainischen Kosaken 1576 vom polnischen König Stephan Bathori das Recht gege- ben, sich einen H. ans ihrer Mitte zu wählen, der aber von dem König bestätigt, mit seiner Würde belehnt u. durch Übergabe eines Stabes, der Fahne u. des Siegels eingesetzt wurde; seine Einkünfte bestanden in einem Theil der Krongüter N. Zölle. Nachdem unter russischer Herrschaft die alte Macht des H-s geblieben war, wurde nach Mazeppas Verrath 1708 von Peter d. Gr. die Würde des H-s auf das Amt eines Gouverneurs herabgesetzt; später unter Katharina II. nach Pu- gatschews Aufstand der H. der Ukrainischen Kosaken ganz aufgehoben; die Ionischen Kosaken haben "noch einen H., doch war Platow der letzte, welcher seinen Sitz unter ihnen hatte; jetzt ist die H.-Würde der regulären Kosaken einer Anzahl vom Kaiser ganz abhängigen Generale verliehen; H. der irregulären ist der Großsürst-Thronfolger. In Polen war H. die Bezeichnung für den Feldherrn; Groß-H. (Hstman rvislkl), der Ober- ssldherr des gesummten poln. Heeres, unter ihm stand der Feld-H. (Usbman poln/), dem der Schutz der Grenzen gegen die Tataren anvertrau! war. Im Reichstage von 1792 wurde die H-s- würde aufgehoben, Hetrurien, so v. w. Etrurien. Hetsch, 1) Friedrich Philipp von, Historienmaler, königl. württemb. Galeriedirector, Professor und Hofmaler; geb. 10. Sept. 1758 in Stuttgart, st. das. 31. Der. 1839; studirte in der Karlsschule, wo er Schillers vertrauter Freund ward, ging dann zu Vien und Vernet in Paris, ward 1782 Hofmaler u. lebte 1785—87 in Rom, hielt sich aber an die Grundsätze der Französischen Schule. Viele Bilder von H. in der Residenz zu Stuttgart. In der königl. Galerie das. befinden sich mehrere Arbeiten von ihm, als Tullia, Brutus u. Porcia, Daniel in der Löwengrube, Odin bei der Zauberin rc. H. gehörte zu den hervorragenden Classicisten seiner Zeit u. malte mit Vorliebe heroische, später auch christliche Stoffe, obwol er im Anmuthigeu Besseres leistete. Auch im Portrait u. in der Landschaft war H. tüchtig. 2) Louis, tüchtiger praktischer Musiker und Componist, geb. 26. April 1806 zu Stuttgart; besucht« 1820 das Seminar in Schönthal, 1824 das evang.-theol. Stist in Tübingen, entsagte aber 1828 ohne Wissen seiner Eltern der Theologie, ertheilte 1830 in Stuttgart Musikunterricht u. dirigirte, von Lindpaintner angceisert, einige Vereine. Die Oper Nyno ver- — Hettner. schaffte ihm die Gunst des Königs; 1835 akademischer Musikdirector in Heidelberg, erhielt daselbst die Doktorwürde, 1846 zweiter Kapellmeister des ' Mannheimer Hoftheaters, Dirigent der dortigen Liedertafeln. st. 28.Juni1872. Schr. viele zumeist ungedruckte Compositionen: Symphonien, Oratorien, Klavierstücke, Lieder rc. i) Regnet. 2) Sieben««. Hetlingen, Stadt im Oberamtsbez. Gammer- tingen des preuß. Regbez. Sigmaringen (Hohen- zollernsche Lande), an der Lauchart; sehr alte Kirche; 604 Ew. Hetlinger, Franz, kathol. Theolog, geb. 13. Jan. 1819 in Aschaffenbnrg, besuchte daselbst 1838 bis 1839 die theologisch-philosophische Lehranstalt, bis 1841 die Universität zu Würzburg u. darauf das Collegium Germanicum in Rom; er ward 1843 Priester, 1852 Subregent im Priesterseminar zu Würzburg, 1859 Professor der theologischen Einleitungswissenschast und der Patrologie an der Universität das., u. 1867 Professor der Apologetik u. Homiletik. 1868 war er in Rom, um an den Vorbereitungen für das ökumenische Concil theil- zunehmen. Er schr. außer Predigt- u. Erbauungsbüchern: Die kirchlichen u. socialen Zustände von Pans, Mainz 1852; Die Idee der priesterlichen Übungen nach dem Plane des Jgn. von Loyola, . Regensb. 1853; Die Liturgie der Kirche und die lateinische Sprache, ebd. 1856; Das Recht u. die Freiheit der Kirche, ebd. 1860; Der Organismus der Universitätswiffenschaften u. die Stellung der Theologie in demselben, ebd. 1862; Apologie des Christenthums, Freib. 1863—67, 2 Bde., 4. Aust. 1871; Die Kunst im Christenthum, Würzb. 1867. Hettner, Hermann Jul. Theod., Literarhistoriker u. Kunstschriftsteller, geb. 12. März 1821 in Leysersdorf bei Goldberg in Schlesien; studirte 1838—42 in Berlin, Heidelberg u. Halle Philosophie u. Philologie, ging darauf nach Breslau, wo er besonders ästhetischen u. kunst- u. literatur- geschichtlichen Studien sich zuwcudete, und unternahm deshalb 1844 eine Reise nach Italien. Nach 3jährigem Aufenthalte, dem eingehendsten Studium der alten u. neuen Kunst gewidmet, kehrte er 1847 aus Italien zurück, habilitirte sich in Heidelberg, heirathete die Tochter des Barons von Stockmar, wurde 1851 Professor der Ästhetik, sowie der Kunst- u. Literaturgeschichte in Jena, von wo aus er im Sommer 1852 mit Göttling und L. Preller eine Reise nach Griechenland machte. Seit Ostern 18S5 ist er Direktor der königl. Autikeusammlung und Professor der Kunstgeschichte an der Akademie der bildenden Künste in Dresden, wozu später die Überahme der Direktion des historischen Museums und der ordentlichen Professur für Kunstgeschichte am königl. Polytechnikum kam. Er schr.: Vorschule zur bildenden Kunst der Alten, Oldenb. 1848; Die neapolitan. Malerschulen (in Schweglers Jahrbüchern); Die Romantische Schule in ihrem inneren Zusammenhänge mit Goethe und Schiller, Braunschw. 1850; Das moderne Drama, ebd. 1852; Griechische Reiseskizzen, ebd. 1853; Literaturgeschichte des 18. Jährh. (sein Hauptwerk), ebd. 1856 (vollendet 1870). Sie enthält a) Englische Literaturgeschichte des 18. Jahrh., Braunschw. 1856, 3. Aust. 1872; l>) Franz. Literaturgeschichte des 18. Jahrh., 1859, 3. Aust. 271 Hettstedt — Heu. 1872; o) DentscheLiteraturgeschichtedes 18.Jahrh., z Bde., 1862 — 70, 2. Aufl. 1872. Dieses tief wissenschaftliche, geistvolle, in volksthümlicher Darstellung gehaltene Werk, welches überall den Zusammenhang aller Literatur- u. Kunstschöpsungen mit dem Einfluß der Zeit nachweist, hat H-s Namen unsterblich gemacht. Noch erschienen: Die Bildwerke der königl. Antikensammlung in Dresden, Dresd. 1856, 3. Aufl. 1875; Das königl. Museum der Gipsabgüsse in Dresden, 3. Aufl., ebd. 1872; Der Zwinger in Dresden, Lpz. 1873. H.hat auch die Herausgabe derSchriften des Malers Müller u. Anselm v. Feuerbachs besorgt. B-yer. Hettstedt, Kreisstadt im Gebirgskreise Mansfeld des preuß. Regbez. Merseburg, au der Wipper; Kupfererzgruben,Kupferschmelzhütten,Fabrikation von Maschinen, Pianofortes, künstlichem Dünger rc.; (1875) 5988 Ew. In der Nähe das Schlackenbad Friedrich Wilhelm u. Kupferberg mit der Kupferschmelzhütte Gotteslohnung. — H., das urkundlich bereits 1046 erwähnt wird, erhielt um 1220 eine Burg u. 1380 Stadtrechte, kam infolge der Sequestration der Grafschaft Mansfeld an Sachsen u. von diesem 1815 an Preußen. H- Berns. Hetzen, 1) Wild von Hunden verfolgen, fangen und niederreißen lassen; daher Hetze, Hetzjagd, Hatz (s. u. Parforcejagd u. Schwein). Man verwendet hierzu bes. dressirte Hunde, Hetz- od. Hatzhunde, von verschiedener Stärke; zur Sauhatz insbesondere den Bullen- od. Barenbeißer (auch aus Bären), den Saurüden, den engl. Hatzhund oder Doggen (diese auch auf Hirsche) u. den leichteren u. flüchtigeren Blendling, eine Mischrasse von jenen u. dem Windhund; diesen letzteren auf schwächeres Wild, wie Hasen, Füchse rc. 2) Gefangene Thiere, als Wölfe, Bären, Füchse, in einem dazu eingerichteten Raume (Hetze, Hetzbahn, Hetzplatz, Hetzgarten) mit Hunden verfolgen u. tödten lassen. Hetzer, Ludwig, Anabaptist, geb. zu Ende des 15. Jahrh. zu Bischofszell im Thurgau; er war Eaplan in WLdenschwyl am Züricher See, dann Priester in Zürich und mußte hier, den Zwingli- schen Reformbestrebungen sich znneigend, die Verhandlungen des zweiten Züricher Religionsgesprächs über Bilder u. Messe (26.—28. Oct. 1523) offi« ciell verzeichnen u. herausgeben. 1524 begab er sich nach Augsburg, wo er als Spiritualist, Anhänger der wiedertänferischen radicalen Partei u. Leugner der Trinität, der Gottheit Christi u. des Werths der Versöhnung Christi, bald ein angesehenes Sectenhaupt u. Vorsteher geheimer Gesellschaften wurde u. gegen Zwingli u. die lutherische Abendmahlslehre ankämpfte. 1525 als Unruhestifter aus der Stadt verwiesen, ging er nach Basel zu Öcolampadins, 1526 auch nach Zürich, beugte sich wieder unter Zwingli, schloß sich aber bald wieder an die dortigen Wiedertäufer an u. verließ in demselben Jahre von Neuem die Stadt. Er ging nach Straßburg, von da ausgewiesen in die Rheinpfalz u. wirkte mit seinem Gesinnungsgenossen Joh. Denk in Worms, Bergzabern, Landau rc. unter dem Landvolke, verließ aber nicht lange nachher gezwungen das Land u. begab sich wieder in die Schweiz, wurde dann in Konstanz verhaftet und 4. Febr. 1540 wegen mehrfachen Ehebruchs (nicht wegen seiner wiedertänferischen Ansichten) hingerichtet. Er schrieb u. a.: Urtheil Gottes, wie man sich mit allen Götzen u. Bild- nussen halten soll, aus der heiligen Gschrift entzogen, Zür. 1523 u. ö.; Von den evangelischen Zechen, ebd. 1525; Alle Propheten nach Hebräischer sprach verteutscht (mit Joh. Denk), Worms 1527; vgl. Blarer, Wie L. Hetzer zu Costentz mit dem schwert gerächt uß diesem zyt abgescheydcn ist, Straßb. 1549; Heberle, Sind. u. Krit. 1851, 1855. Löffler.' Hetzhunde, s. u. Hetzen. Heu, 1) getrocknetes Gras od. getrocknete Futterkräuter, so z. B. Kleehen; bes. 2) das Gras des ersten Schnittes der Wiesen zum Unterschied von Grummet (s. d.). Die Qualität des Wiesen- henes richtet sich nach der Beschaffenheit des Bodens u. der Güte der darauf wachsenden Gräser. Auf trockenen Wiesen wachsen süße, ans nassen saure Gräser u. man unterscheidet demnach süßes n. saures H. Für Schafe u. melkende Kühe verwendet man nur süßes, für Pferde, Hammel und Mastvieh auch saures H. Das H. von Bergwic- sen ist das beste. H. ist nächst dem Grünfutter den Pferden und Wiederkäuern das zuträglichste Futter, denn es enthält die nahrhaften Stoffe im angemessensten Verhältnisse u. wird von den Thie- ren auf die Dauer am liebsten gefressen. Auch die Mästung wird durch entsprechende H-gaben gefördert. Nach der Beschaffenheit unterscheidet man verschiedene Qualitäten, deren Zusammensetzung nach Wolfs folgende ist: Wiesenheu Wasser Reinasche Nobprotein Rohfaser Rohsett Aerdaul. Stoffe Eiweiß ZL L »/o o/o o/o o/v o/o o/o o/o o/o o/o wie/: weniger gut 14,3 5,o 7,5 33,5 23,2 1,5 3,4 34,s 0,5 10,8 besser 14,3 5,4 9,2 29,2 39,7 2,o 4,6 36,4 0,6 8,2 mittel 14,3 6,2 9,7 26,3 41,6 2,3 5,4 41,1 0,9 7,9 sehr gut 15,0 7,o 11,7 21,9 42,3 2,2 7,4 42,1 1,0 6,o vorzüglich 16,o 7,7 13,5 19,3 40,s 2,6 9,2 43,1 1,2 5,o Die H°ernte soll beginnen, wenn der größte Theil der Wiesenpflanzen zu blühen anfängt, dann enthält das Gras die größte Menge leicht verdaulicher Stoffe und ist am nahrhaftesten; der ganz reife Grasstengel verliert viel an Nährwerth und die linieren Blätter fallen ab. Besonders machen mehrschürige Wiesen, des schnelleren und besseren Nachwuchses wegen, die Beeilung der ersten Mahd nothwendig. In der Regel fällt dieselbe bei drei- schürigen Wiesen Ende Mai oder Anfang Juni, bei zweischürigen Wiesen Mitte Juni; einschürige, hoch und trocken gelegene Wiesen werden oft erst im August gemäht. Da das Gras nahe am Boden am dichtesten ist, so ist es nöthig, dasselbe dicht am Boden abzumähen, wodurch auch der Nachwuchs befördert wird. Zum Mähen wählt man am liebsten die Morgen- und Abendstunden, weil die Sense bethautes Gras besser schneidet. Der Mäher darf keine Kämme stehen lassen; er kann in einem Tage 0,g—0,^ Im, abmähen. In letzterer Zeit wird das Mähen bes. erleichtert durch die immer mehr zur Anwendung gelangende Gras- mähemaschine, mit welcher man 3,^—4 La pro Tag abmähen kann. Das gemähte Gras wird 3 Tage nach einander gestreut, einige Mal gewendet u. vor Sonnenuntergang zuerst in kleine 272 Heubach (Windhaufen), den dritten Tag in größere Haufen (von 5—8 Ceittnern) gebracht. Nun kann es bei günstigem Wetter denselben Tag eingefahren werden; ist es aber zu spät u. droht Regen, so muß man die Haufen fest u. oben spitz machen, damit sich das Wasser nicht hineinzieht. Von solchen beregneten Haufen zieht man, wenn die Witterung wieder günstig ist, nur die obere Schicht, so tief der Regen eingedrungen ist, ab u. trocknet dieses wieder, während die Haufen, ohne sie wieder auseinander zu streuen, eingesahren werden können. Nicht trocken eingebrachtes H. schimmelt, fault od. entzündet sich u. wirkt nachtheilig auf die Gesundheit Ler Thiere. Um die Arbeit beim H-machen zu erleichtern, hat man Vorrichtungen zum Wenden und Zusammenbringen des H-es erfunden. Zum Wenden des H-es dient dieH-wendemaschine, zum Zusammenbringen der Pferderechen. Man erntet pro brr 50—200 Ctr. H., auf Kunstwiesen (Rieselwiesen) mehr. Die Aufbewahrung des H-es geschieht entweder auf Böden, in H-scheunen oder Feimen. Dem Erhitzen od. Verderben des nicht trocken eingebrachten H-es sucht man vorzubeugen, indem man beim Einbansen Schichten Stroh dazwischen legt, od. für genügende Ventilation sorgt. Bei schlecht geerntetem H. empfiehlt es sich, Salz einzustreuen. Sehr vortheilhaft behufs der Aufbewahrung ist das Pressen des H-es, indem dadurch die kostspieligen geräumigen Borrathsbehälter zum Theil entbehrlich werden u. der Transport u. die Vertheilung der Futterportionen erleichtert wird; vgl. den Artikel H-presse. In England ist das Ausbewahren des H-es in H-feimen fast allgemein. Rhode. Heubach, 1) Stadt im Oberamt Gmünd des Württemberg. Jagstkreises, am Fuße des Aalbuchs, Baumwollen- und Seidenspinnerei, Baumwollenweberei, Fabrikation von Sacktüchern u. Corsetten; 1875: 1416 Ew. — In der Nähe die Burgruine Rosenstein mit schöner Aussicht. H. kam 1360 an Württemberg. 2) (Groß-H.) Markts!, im Bezirksamt Obernburg des daher. Regbez. Un- tersranken u. Aschafsendurg, am Main, guter Wein- u. Obstbau; 1875: 1874 Ew. — Dabei der En- aelsberg mitFranciscanerkloster u. Wallfahrtskirche. 3) (Klein°H.) Markts!, im Bezirksamt Miltenberg desselben Regbez., am Main, Groß-H. gegenüber, Station der Bayer.Staatsbahn; Schloß des Fürsten vonLöwenstein-Wertheim-Rochefort,Fabrikationvon Pianosones und Früchtengelees, Sandsteinbrüche, Obst- u. Weinbau; 1875: 1527 Ew. Im nahen Walde die merkwürdigen Heunsäulen. H- Berns. Heuberg, der südwestlichste Theil der Alp in den Oberämtern Rottweil, Tuttlingen, Spaichin- gen u. Balingen des Württemberg. Schwarzwaldkreises. Dieser höchste und rauheste Bezirk der Alp bildet eine 15 Irin lange und 22 km breite, kahle u. steinichte Hochfläche, welche durch das Plateau der Baar mit dem Schwarzwalde zusammenhängt; er ist unfruchtbar, aber doch stark bevölkert. Der H. gilt in der Volkssage für einen Versammlungsort Ler Hexen. Die höchsten Punkte des H-es sind: Oberhohenberg 1012, Plattenberg 1001, Kirchbichl 970 u. Lochenstein 963 m. H- Berns. Hcubner, 1) Heinrich Leonhard, prakt- icher Theolog, geb. 1780 zu Lauterbach im sächs. — Heuer. , Erzgebirge; studirte in Schulpforta u. Wittenberg . Theologie, habilitirte sich daselbst 1805 u. wurde ! zugleich 1808 Diakonus an der Stadtkirche, 1811 Professor der Theologie, 1817 Mit- und 1832 erster Director des PreLigerseminars in Wittenberg und st. daselbst 12. Febr. 1853; er schrieb: Intsrprsbatio miraeuloru-m IWvi (ksstamouti küstorieo-Mammatioa, Wittenb. 1807; gab heraus: Reinhards Plan Jesu, u. die 6.-9. A. von Büchners Handconcordanz, Halle 1840—1853. Seine Kirchenpostille (Predigten über die Evangelien u. Episteln), herausgeg. von Neuenhaus, ebd. 1854. 2) Otto Leonhard, deutscher Politiker, geb. 17. Jan. 1812 zu Plauen im Voigtlande, studirte 1829—32 in Leipzig Rechtswissenschaft, arbeitete dann bei seinem Vater, einem Anwalt u. Gerichtsdirector in Plauen, u. leitete dort das voigtländische Turnwesen, wurde 1838 Justitiar in Mühltroff u. 1843 Kreisamtmann in Freiberg. 1848 war er Mitglied der Deutschen National- Versammlung in Frankfurt, wo er zur Linken gehörte, trat 1849 in die erste sächsische Kammer und vertheidigte dort nach beiden Seiten hin die Souveränetät der Deutschen Nationalversammlung. Am 4. Mai wurde er hier in die provisorische Regierung gewählt, nahm diese Stellung an, um die Gewalt nicht in die Hände der äußersten re- publikanischen Partei kommen zu lassen, u. wurde nach der Katastrophe in Chemnitz verhaftet. Nach Beendigung des Untersuchung wurde er auf den Königstein abgeführt, wo ihm 2. Mai das Todes- urtheik eröffnet wurde, welches der König Friedrich August im Juni in lebenslängliche Freiheitsstrase ^ umwandelte. Er büßte dieselbe in Waldheim, erhielt jedoch die Erlaubniß zu literarischer Thätig- keit u. wurde 23. Mai 1859 vom König Johann , gänzlich begnadigt. Darauf erhielt er eine Anstellung bei der Dresdener Hypothekenbank u. wurde Juni 1865 deren erster Director, gab diese Stellung jedoch schon 1867 auf, um sich wieder der Rechtsanwaltschaft zuzuwenden. 1869 wurde er in die Zweite Kammer gewählt, 1871 in die LandeS- synoden der Evangel.-Luther. Kirche Sachsens. Er schr.: Selbstvertheidigung, Zwickau 1850; Gedichte, Zwickau 1850; Zweihundert Bildnisse und Lebensbeschreibungen berühmter deutscher Männer, Lpz. 1857; Klänge aus Ler Zelle in die Heimath, Dresd. 1859; Englische Dichter (Übersetzung), Leipz. 1856. 1> Löffler." L) Henne-Am Rhyn. Heuch, so v. w. Huchen. Heuchclberg, ein Bergrücken des schwäbischfränkischen Terrassenlandes auf der westl. Seite des Neckar im Königreiche Württemberg, zieht sich von Sternenfels (Oberamt Maulbronn) an nordostwärts zwischen der Zaber und dem Leinbach hin. Heuchelei, jede Art vor Anderen vorsätzlich anders zu scheinen, als man ist; bes. der äußere Schein der Tugend bei dauernder Unsittlichkeit. Ueuclslotia Ära-., Pflanzeugattung aus der Familie der Lursoraesas, gehört zu LaisLmoäon- ärou Lu-U/r. Art: kl. akriounu Lr'c/r., Lalsa- moäsoclron akrieanuw am Senegal, ist, nach Perrotet, Mutterpflanze des Bdellium. Heuen, so v. w. Heumachen (s. u. Heu). Heuer, im Allgemeinen Pacht oder Miethe; Hcufieber — dann daS Pacht od. Miethgeld; ferner der Pächter, od. Miethsmann. (Seew.) Löhnung der Schiffsmannschaft eines Kauffahrteischiffs, nach einem schriftlich darüber geschlossenen, oder wenigstens unter Mitwirkung der Seemannsämter abgeschlossenen Vertrag, H-vertrag. „ Vergl. Anmusterung. H-n (Börsenausdrnck), das Überlassen eines Werth- papieres gegen einen bestimmten Miethpreis, auf eine gewisse Zeit, z. B. eines Looses über eine Ziehung, unter der Bedingung, im Falle die vorliegende Nummer gezogen wird, eine andere Nummer zurück zu liefern, so daß der Gewinn dem Miether verbleibt. Heufieüer (Latarrffn» aovtivuv, Bostockscher Katarrh, Heu-Asthma), ein zur Zeit der Heuernte bei den dazu Dispvnirten auftretender Katarrh der Nase, der Augen, der Luströhre und deren gröberen Verzweigungen. Die Krankheit wird erzeugt durch Einathmung der Pollen gewisser Pflanzen u. tritt daher zur Blllthezeit der letzteren (im Juni, August) auf. Besonders werden Personen befallen, die sich der Landlnft entwöhnt u. eine reizbare Schleimhaut haben; man beobachtete deßhalb die Krankheit besonders in den höheren Ständen, während die Landbewohner frei blieben. Die meisten Erkrankungen sind in England beobachtet. Rostock hat das H. zuerst beschrieben (1819). Die Erscheinungen bestehen in heftigem Niesen, Schnupfen, Thränen der Augen, trockenem Husten mit Kitzel im Kehlkopf. Durch die Schwellung der Schleimhaut der Luftröhrenverzweigungen kommt es bisweilen zu asthmatischen Anfällen mit Erstickungsgefühl. Die Fiebererscheinungen Pflegen fast immer unbedeutend zu sein. Die Dauer der Krankheit beträgt durchschnittlich 3—4 Wochen. Nicht selten kehrt das H. alljährlich bei den dazu dispvnirten Personen wieder, sobald sie sich in der Nähe von blühenden Wiesen rc. befinden. Eine specifische Behandlung gibt es nicht. Der Aufenthalt in der Stube zur Zeit der Heuernte u. Seereisen sollen Schutz gewähren. Kunze. Heugliii, Theodor v., namhafter Enldeckungs- reisender u. Naturforscher, geb. 20. März 1824 zu Hirschlanden (Württemberg), begab sich nach umfassenden Vorbereitungen zum Zwecke von Reisen in Afrika nach Ägypten, von wo er Ausflüge ins Peträ- ische Arabien u. an die Küsten des Rothen Meeres machte u. unternahm 1852 mit dem österr. Consul Reitz von Chartum aus eine Reise nach Abessinien, von welcher er mit reicher, wissenschaftlicher Ausbeute znrückkehrte. Die Ergebnisse derselben gab er in den Reisen in NOAsrika, Gotha 1857, Braunschweig 1876, 2 Bde., heraus. An die Stelle von Reitz, der 1853 dem Klima erlag, zum Geranten des österr. Consulates ernannt, kehrte er 1854 mit einer reichen zoologischen Ausbeute nach Wien zurück. Von März 1856 bis Ende 1858 untersuchte er die Küstenländer des Rothen Meerc-s u. der Somalis; 1861 übernahm er die Leitung der erfolglos gebliebenen Expedition, welche zur Aufsuchung Vogels von O. hernach Wadai Vordringen sollte, trat jedoch schon bald ' wieder von diesem Posten zurück und reiste über ALoa, Axnm, Gondor u. Gafsat südwärts bis an die Grenze von Schoa u. kam bis in die Galla- - Provinz Djamma, und traf im Juli 1862 wieder ! Pierers «nioersal-Eoiwersatiöns-Lexlko». V. Ausl. X. ! Heumanii. 273 ün Chartum ein. Hier schloß er sich der Expedition der Tinne (s. d.) zur Erforschung des westlichen Zuflusses des Weißen Nil an, gelangte bis znm Kosanga- od. Dembofluß (Juni 1863), kehrte nach dem Tode seines Gefährten Steudncr 1864 nach Chartum u. 1865 nach Europa zurück. Außer der früher erwähnten Schrift hat er über seine Reisen in Petermanns Mittheilungen (1861 bis 1864 u. Ergänznngsband 2 u 3) berichtet; ebenso in Systematische Übersicht der Säugethiere NOAfrikas, Wien 1867; Reise nach Abessinien, den Gallaländern, Ost-Sudan und Chartum 1861—62, Jena 1868; Ornithologie NOAfrikas, der Nilquellen und Küstengebiete des Rothen Meeres u. des Somalilandes, 30 Tfln. Abbildungen, Kassel 1879 re. In den Jahren 1879 n. 1871 betheiligte sich H. an 2 Fahrten in das nördliche Eismeer und veröffentlichte Reisen rc., Braunschw. 1872—74, 3 Bde. 1875 ging er abermals nach OAfrika u. besuchte das Gebiet der Beni Amer, ohne jedoch Erfolge zu erzielen. Nach seiner Rückkehr sollte er in die Dienste des Khedive an Stelle des ermordeten W. Munzinger treten, doch da ihm die Stellung nicht convenirte, kehrte er nach Europa zurück u. starb 5. Nov. 1876 in Stuttgart. Schroot. Heuharpune, dient zum Aufspießen, Heben u. Transportiren des Heues vom Wagen ans den Schober oder in die Scheune. Sie besteht aus einer hohlen, zugcspitzten Stange aus Eisen, welche vor der Spitze 2 seitliche Vorsprünge besitzt, welche sich beim Einstechen u. Herausziehen an die Stange legen, beim Heben des Heues ein Zurückweichen desselben verhindern. Am oberen Ende befindet sich ein Ring zur Aufnahme an einem Rollsystem, welches Lurch ein Pferd in Be- wegung gesetzt wird. Rhode. Heumann, 1) Christoph August, Thcolog, Exeget, in Sonderheit aber Begründer der Lite- ratur- u. Gelehrtengeschichte, geb. 3. Aug. 1681 in Allstädt, ffudirte seit 1699 in Jena Theologie u. Philosophie, habilitirte sich 1793 daselbst, wurde 1799 Jnspector des Theologischen Seminars und Eollaborator am Gymnasium zu Eisenach, 1717 Rector der Gelehrten Schule (dann unter seiner eifrigen Mitwirkung Universität) in Göttingen, 1734 Professor der Literaturgeschichte und 1745 der Theologie. Er resignirte 1758, weil er sich von der Unhaltbarkeit der lutherischen Abendmahlslehre gegenüber der Zwinglischen überzeugt hatte u. st. 1. Mai 1763. Von seinen Werken sind zn erwähnen: Lota pffilosopliorum, Halle 1715 ff., 3 Bde.; Oonspeetuv reipubl. litsrarias. ebeud. 1718—19, 8. Ausg. von Eyring, Hann. 1791 bis 1797, 2 Bde.; Übersetzung des N. T., Hann. 1748, 2. Ausl. 1759, 2 Thle.; Anmerkungen dazu, Gott. 1764; Erweis, daß die re- sormirte Lehre vom Abendmahl die rechte sei, Eisl. 1764 (die mehrere Gegenschriften hervorries) u. a.; dann gab er noch verschiedene ktülo- loAiea heraus. H-s Lebensbeschreibung von G. A. Cassius, Kassel 1768. 2) Johann Hermann (H. von Tentschenbrunn), Historiker, geb. 1711 zu Müggendorf im Bayreuthischen, studirte in Altorf die Rechte u. trieb dabei historische Studien, wurde, Iwchdem er beim Reichshosrath in Wien Band. ig 274 Heuu — Heuschrecken. gearbeitet, dann Professor der Rechte und vom Kaiser geadelt u. st. als brandenburgisch-culm- bachischer Rath 29. Sept. 1760. Er machte sich bes. um die wissenschaftliche Bearbeitung der Urkundenlehre verdient. Vs rs ckiplomabios. imp. st rsAum Asrm., Nürnb. 1745, 2 Thle.; Vs rs ckiplomatioa. impsrabrioum Osrmaniae, ebend. 1749; Geist der Gesetze der Deutschen, ebend. 1779, u. m. a. i> LW-r.* Heu«, Karl Gottlieb Samuel, pseudonym H. Clauren, geb. 20. März 1771 zu Dobri- lugk in der Niederlausitz, studirte die Rechte, wurde Privatsecretär des Ministers von Haugwitz in Berlin und Führer von dessen Neffen; dann Ge- heimsecretär, Assessor der Bergwerks- u. Hüttenadministration; 1801 Hauptaufseher über Güter des Herrn von Treskow zu Owinsk bei Posen, verließ 1803 wegen Zwistigkeiten dieselben und wurde Associe des Buchhändlers Rein in Leipzig, trennte sich aber 1804 von demselben und lebte in Gera; 1806 erhielt er die Stelle zu Owinsk wieder, verlor sie aber 1807 wieder u. arbeitete nun für mehrere Journale, bes. für den Frei- mllthigen. Eine literarische Fehde, bei welcher der Gegner seine Anonymität rügte, bewog ihn, den Pseudonym H. Clauren anzunehmen. 1811 kam er in das Bureau des Staatskanzlers v. Hardenberg u. wurde Hofrath. 1813 u. 14 war er im schreibenden Hauptquartier und redigirte hier die preußische Feldzeitung, war dann mit beim preuß. Gouvernement der Provinz Sachsen zu Merseburg u. dann bei der Ausgleichungscommission zu Dresden als preuß. Commissär; kam 1820 als geheimer Hofrath und expedirender Ministerial- secretär nach Berlin, führte bis Ende 1823 die Redaction der Preußischen Staatszeitung, wurde 1824 beim Generalpostamte angestellt u. st. 2. Aug. 1854 in Berlin. Seine durch Leichtfertigkeit u. Sentimentalität ausgezeichneten Erzählungen in Zeitschriften u. Almanachen unter dem Namen H. Clauren machten bei dem von leichter, sinnlicher Lectüre angezogenem Publicum Glück, .bes. Mimili und Die graue Stube, Lpz. 1816, und ebenso sein Taschenbuch Vergißmeinnicht, ebend. 1818—33, fanden den entschiedensten Beifall des großen Publicums, dessen Liebling er in der Folge wurde. Seine früheren zerstreuten Schriften erschienen gesammelt als Erzählungen, Dresd. 1819 f., 6 Bde., u. seine im Vergißmeinnicht ge- gebenen als Scherz u. Ernst, ebd. 1820—1828, 10 Bdchn.; auch schrieb er mehrere Lustspiele, gesammelt, Dresd. 1817, 2 Bde. Verschlang auch Las große Publicum zum Nachtheil des besseren Geschmackes, den H. durch die gemeinste Sinnlichkeit entschieden corrumpirte, diese Schriften, so brach doch die Kritik bald den Stab über dieselben. Sein literarischer Streit u. Proceß mit W. Hauff, der unter dessen Pseudonym die Persiflage: Der Mann im Monde, geschrieben hatte, öffnete dem Publicum über ihn die Augen. Von d»m Beispiel gereizt, erhoben sich mehrere Clauren (wie Herloßsohn), ja sogar eine Henriette Clauren u. ein Heinrich u. Henriette Clauren, od. eine ganze Familie Clauren erschien, Len wahren Clauren persiflirend. H. ist der Dichter des Liedes: Der König rief u. Alle, Alle kamen, dessen Anfangszeile in den Freiheitskriegen als geflügeltes Wort wirkte. H-s Gesammelte Schriften erschienen in 25 Bdn. (Lpz. 1851). Beyer.» Heupresse, ein von Sterow erfundener Apparat zum Zusammenpressen des Heues, besteht aus einem Preßbalken u. einem Kasten; letzterer wird so fest als möglich mit Heu gefüllt, welches durch starken Druck des Preßbalkeus comprimirt wird. Die zusammengepreßten Ballen müssen meist mittels Draht zusammen gebunden werden. Zum Pressen wendet man die Schraube, Hebel-Transmis- sionen, Zahnräder u. endlose Ketten od. hydraulischen Druck an; zum Betriebe benutzt man ge- wohnlich die Dampfkraft. Mit der H. von Borrosch u. Eichmann in Prag können 2 Arbeiter in 10 Arbeitsstunden 50 bis 60 Ballen von je V/s bis I ?/4 Ctr. (95 om laug, 95 om breit u. 65 om hoch) fertigen. Rhode. Heupferdchen, s. v. w. Heuschrecken. Heureka (Hevrika, gr. Lv(»y--«), d. i. ich habe gefunden I so rief Archimedes, als er die Lösung der nach ihm genannten Archimedischen Ausgabe gefunden hatte, u. daher ist H. das Motto für Entdeckungen u. Erfindungen, bes. für solche, welche man schnell u. unerwartet macht. Heuristik (v. Gr.), Erfindungskunst, die Methode der Erfindung und Auffindung bei wissenschaftlichen Forschungen, ein Theil der angewandten Logik. Oratorische H. ist das Capitel der Rhetorik, welches von der Invsutio, d. h. der Wahl u. Auffindung des Grundgedankens u. des Stoffes für den rednerischen Vortrag handelt. Daher Heuristisch, erfindend; Heuristische Methode, die Lehrart, wo der Schüler angeleitet wird, die Lehrsätze stufenweise selbst aufzufinden. Eberhard. Heuscheuer, Zweig des Sudetischen Gebirgs- systems auf der nordwestlichen Grenze der schles. Grafschaft Glatz gegen Böhmen, bildet zwischen Wünschelberg und Reinerz ein Sandsteinplatean (Leierberg genannt, 726 m hoch) mit hohen, zerklüfteten Kuppen, das nach allen Seiten, besonders aber nach NO., steil abfällt. Die bedeutendsten Berggipfel sind: die viel besuchte Große H., deren höchster Punkt, der Großvaterstuhl, 932 in ü. d. M. liegt, u. die aus wild durcheinander geworfenen Felsmasseu besteht, die von weitem Festungswerken gleichen, u. zu denen die Kunst erst einen Zugang hat schaffen müssen; der Heidelberg mit dem Wilden Loch, einer zerklüfteten, von Wasser unterhöhlten Felsmasse; die Kleine H. (888 m) u. Spiegelberg (925 m). Zu ihr gehören die Adersbacher Felsen in Böhmen. Das Gebirge gehört der jüngsten Sandsteinformation an, ist zerrissen u. zerklüftet u. an romantischen Schönheiten reich. Als Aussichtspunkt ist der Tafelstein berühmt. H- Berns. Heuschrecken, Feldheuschrecken, L.oriäiäLS> Fam. der Geradflügler, Unterordnung der eigentlichen Geradflügler. Körper seitlich zusammengedrückt, Flügeldecken schmal, ohne Stimmorgan; Fühler kurz; Nebenaugen; Füße dreigliederig; , Hinterbeine sehr groß, mit meist verdickten Schenkeln; Weibchen ohne hervorragende Legröhre. Durch Reiben der Hinterschenkel an einer vortretenden Ader der Flügeldecken bringen die Männ- 275 Heuschreckenkrebse. chen einen schwach zirpenden Ton hervor. Gattungen: a) Kaputzenheuschrecke, leörix Latr., deren großes Brustschild eine erweiterte Kappe über dem Kopse bildet und sich nach hinten in einen langen, spitzig zulaufenden Fortsatz verlängert, der zum Theil den Rücken und die Flügel > bedeckt. In Deutschland nur die Zweipunktige Kaputzenheuschrecke P. bixrmotata, 8 mm lang, u.die Pfriemenheuschrecke, L. suduiata, 13 mm lang; b) Schnarrheuschrecke, Grashüpfer, ^.oriäium Lat»-., Brustschild nach hinten abgerundet, den Leib nicht deckend. Die H. er- ! scheinen oft in den heißen Ländern, aber auch zuweilen in den gemäßigten, in so ungeheurer Menge, daß ihre Schwärme die Luft verdunkeln, u. wenn sie sich niederlassen, in kurzer Zeit alles Grüne < auf weite Strecken hin abfressen. Das nördliche Afrika ist bes. ihren Verheerungen ausgesetzt, u. i Hungersnoth ist nicht selten die Folge derselben, durch kalte, feuchte Witterung aber getödtet, verpesten diese Thiere, in Fäulniß übergehend, die Lust. In Vorder-Asien und NAfrika bes. die Tartarische (L. tartarioum) u. die Ägyptische (X. asA^xtiaoum). Dort werden die H. übrigens auch, auf verschiedene Weise zubereitet, gegessen. Die Zug- od. Wanderheuschrecke, Osäipoäa wigratoris, L., in S-, O- und Mitteleuropa zu Hause, ist über 5 cm lang, mit einem Längskiel u. 1—2 Querfurchen, Körper grünlichgelb, Flügeldecken mit schwärzlichen Flecken, innen gelb' grün, sonst hell. Hinterschenkel an der Innenseite 1 schön blau, Hinterschienen gelb. In ganz Europa i mit Ausnahme des Ostens vertreten. Die sehr ! ähnliche östliche Art, 0. sinsraoosns Flab., soll die berüchtigt gewordenen Verheerungen an den Saaten im S. u. O. anrichten. Unterkiefer schwarz. Sie zeigen sich zuweilen in ungeheuren Zügen, wie z. B. in Klausenburg 1747, wo sie 3 Meilen lang u. 1H Meile in der Breite vorbeizogen, und dabei so dicht u. in so großer Menge übereinander, daß man auf 20 Schritte gar nichts mehr erkennen konnte. GraS, reife Feldfrüchte, Laub rc. fressen sie sogleich ab, ja sie fressen auch Kraut, Obst, Körner, Wurzeln, Brod, und selbst im größten Hunger Baumrinde u. Holz. Haben sie ein Feld abgcfressen, so erheben sie sich Morgens od. um Mittag und ziehen nach neuer Nahrung, oft gegen den Wind, wollen sie hingegen in ein anderes Land ziehen, so erheben sie sich hoch und lasten sich vom Winde treiben. Führt sie dieser in eine Richtung, wo sie lange über dem Wasser schweben müssen, so sinken sie oft entkräftet in dieses und kommen so um. Bei der Begattung ziehen sie sich an sehr warme od. sandige Stellen, um, da sie keinen Legestachel haben, die Eier bequem auf die Erde legen zu können. Die Männ- ; chen kämpfen hier oft unter einander; man will auch bemerkt haben, daß die Männchen die Weibchen nach der Begattung wüthend anfallcn und tödten, doch sterben die Männchen nach der Begattung größteutheils. Ein Weibchen begattet sich mit mehreren Männchen hintereinander. Die Eier, welche etwa Weizenkörnern gleichen, legt das Weibchen, etwa 50 auf einmal, in zwei od. drei Abtheilungen u. mit einem rosenrothen Schaum umzogen in die Erde od. auch an die Oberfläche derselben unten an die Pflanzen. Diese werden bes. durch Nässe zerstört, u. es ist daher nur in sehr trockenen Jahren nöthig, diese Eierpäckte (Striegel) aufzusuchen u. zu zerstören. Gegen die H. hat man viele Mittel versucht. Außer daß man die Eier aufsucht u. Schweine, Enten und Hühner, die sie und die Larven gern fressen, dahin treibt, wo die H. gelegt haben, jagt man die ungeflügelten jungen H. bei nassem Wetter mit Besen in glatte und senkrechte Gräben, womit man die Gegend, wo die H. eingefallen sind, umzieht und sie dann durch Feuer oder einfach mit flachen Gerüchen tödtet. Wird die Operation des Hineintreibens in Gräben des Morgens recht früh vorgenommen, so werden auch dadurch die geflügelten Individuen, welche die von Thau durchnäßten Flügel noch nicht zum Fluge entfalten können, mit vernichtet. Ein bewährtes Mittel, die H. zu vernichten, besteht darin, sie Morgens früh, wenn sie sich schaarenweise auf Feldern niedergelassen haben, mittels einer Gartenspritze mit Brause mit ungereinigtem Petroleum zu besprengen, wodurch sie getödtet werden; auf unbestellten Feldern kann man das Petroleum anzünden. Bormals versuchte man selbst Zauber gegen sie, lud sie in Frankreich förmlich vor Gericht und sprach den Bann (H-bann), so noch 1725 Benedict XIII., über sie aus.H. erscheinen schon in den ältesten geschichtlichen Überlieferungen; Ägypten, Numidien, Palästina wurden im Alterthum hauptsächlich als heimgesucht genannt. Besonders große H-züge erschienen 232 in Italien, 693 u. 677 in Griechenland, 852 in ganz Europa, 874 in Frankreich, 1084 im östl. Europa, 1271 u. 1339 in Italien, 1475 in Deutschland, 1535 bis 43 in Polen, 1564 und 1566 in der Lombardei, 1613 in Deutschland u. 1693 in Thüringen, 1730, 1748, 1750, 1752 in ODeutschland. Ein Zug, der 1763 nach Frankreich einfiel, fraß um Arles mehr als 15,000 Morgen Getreide bis an die Wurzeln ab, bis endlich ganze Schaaren von Vögeln, bes. Staarc, sich einfanden und die H. zum großen Theil vertilgten. Seit der Zeit haben sic Europa größten- theils verschont, bis sie sich 1819 in Frankreich u. 1827 in Polen, Preußen und Schlesien, später auch in Ungarn, 1875 im Regbez. Potsdam, bes. im Teltower Kreise, wieder zeigten. In der Bibel ist mehrmals von H. die Rede, von denen sich die Israeliten in der Wüste u. Johannes ebenda ernährten; dies ist jedoch hauptsächlich die Eßbare oder Arabische Heuschrecke (Kammheuschrecke, Größte Heuschrecke, ^.oriäinm eristatum L.), in Asien u. Afrika, zinnoberroth, mit grünen, an den Enden braunen Flügeldecken, blaugrllncn, gefleckten Hinterflllgeln und mit viertheiligcm Bruslkamme, Länge 8 em, welche noch jetzt von den Arabern gegessen werden. Bei den Alten wurden sogar ganze Völker Akridophagen, d. i. H-fresser, genannt. Grab-H., siehe den Artikel Blattheuschrecke (wandelndes Blatt), s. Gespenstheu- schrecken. Farirlck.» Heuschrcckenkrebse, Sguillarss Lat,., Familie der Krebse. Der Kopf ist gesondert, hat 4 Fühler, der Leib ist länglich, mit hornartiger, dünner, zuweilen häutiger Bedeckung; die Kiefer- fllße, sowie die beiden vorderen eigentlichen Fuß- 276 Hciisde — paare stehen neben dem Munde, daher die Familie, auch Maulsüßler heißt, zweites Beinpaar lang u. als Greiforgau dienend, Hinterleib lang, viel- gliedrig, mü blattförmigen Astersüßen, an deren Grunde die büschelförmigen Kiemen frei liegen; am Körpcrende eine fächerförmige Flosse. Sie bewohnen vorzüglich die tropischen Meere u. gehen nicht über die gemäßigte Zone hinaus. Farwick. Hensde, 1) Philip Willem van H., geb. 17. Juni 1778 in Rotterdam; studirte seit 1797 in Amsterdam und Leyden Philosophie u. Jurisprudenz, wurde 1803 Professor der Philosophie u. der alten Literatur in Utrecht und st. 28. Juli 1839 aus einer Schweizer Reise in Bern. Er beschäftigte sich vorzugsweise mit dem Studium des Plato u. später mit dem des Aristoteles und schr. u. a.: luitis, pdilosopdias piatou., Utrecht 1827 — 36, 3 Bde., 2. A. Leyd. 1842; Briese über die Natur u. den Zweck des höheren Unterrichtes, holländisch 1829, 3. A. 1835 (deutsch von Weydmaun, Kref. 1830); Die Sokratische Schule oder Philosophie für das 19. Jahrh., holländisch Utr. 1834—39, 4 Bde., 2. Ausl. 1840 f. (deutsch von Leutbecher, 1838, 2 Bde., 2. A. 1840); Briefe über das Behandeln der Wissenschaften, best in neuester Zeit, Utr. 1841; Odaraeterisiui princi- xum pdilooopirorum vsterum 8oor., vlat. st ^ristot. aä oommonciandam oritioam pdilooo- pdandl ratiouem, Amst. 1839; Vs siwol van voIMus, Amst. 1841. Als Lehrer hat er durch seine literar- und kulturhistorischen Vorträge stets einen bedeutenden Einfluß auf seine Zuhörer ausgeübt; vergl. Rovers Nsmorla vsundii, Leyden 1839 u. Utr. 1841. 2) Jan Adolf Karcl van H., Sohn des Vor., geb. 26. Mai 1812 in Utrecht; wurde 1840 Rector in Amersfort, seit 1847 Professor der alten Literatur in Groningen; lebt jetzt im Haag; er schr.: Ll. ll'ull. 6iesro pdilo- platou, Utr. 1836; Vs V. L.eI1o Ltilons, rllsto- rleorum ad vsrsnninm nt vicistur auetors, Utr. 1839; Ltmdia oritioa in 6. Vuoillum, Utr. 1842: Vs 6. vuoiUo, spiot. ad 6. vr. Vermannuni, Utr. 1844, und eme kritisch-exegetische Ausgabe von Äschylus Agamemnon (Haag 1864). Eichhoff." Heusden, Stadt im Gerichtsbez. Hcrzogenbusch der niederländ. Prov. NBrabant, an einem Zweige der Maas, früher Festung; schönes Natbhaus mir künstlichem Schlag- und Glockenspiel, Lateinische Schule, Bierbrauereien, guter Hafen, Schifffahrt; (1869) 2175 Ew. — H. hatte sonst eigene Herren, welche Vasallen der Grasen von Kleve waren. Im 13. Jahrh. ging die Besitzung an das Haus Brabant über, von diesem 1257 an das Hans Holland u. Hennegau; Prinz Moritz von Oranicn eroberte sie für die Staaten. H- Berns. Heusenstamm, 1) ehern. Patrimonialgericht, das aus drei Dörfern u. zwei Höfen bestehend, zum Ritterkauto» Odenwald gehörte u. im 12. Jahrh. Besitz der Herren von Eppenstein war. Diese gaben es im 1K. Jahrh. an die Herren von H. in Lehn; 1661 kam es an die Freiherren von Schönborn, und diese nunmehr gräfliche Familie besitzr es noch, seit 1816 unter grobherzoglich hessischer Landeshoheit. 2) Dorf im Kreise Offenbach der großherzogl. Hess. Prov. Starkenburg, an der Bieber; 2 grast. Schöubornsche Schlösser; 1260 Ew. Hcusler. > Heufinger, 1)Konrad, Philolog, geb. 1752m ! Wolsenbüttel; wurde Conrector an der Schule seiner ^ Vaterstadt, 1789 Director des Gymnasiums in Braunschweig u. st. daselbst 1820. Mit J.H. A. Schulze veranstaltete er die Eucyklopädie der lateinischen Classiker, Braunschw. 1790. 2) Karl Friedrich v., geb. 28. Febr. 1792; studirte in Jena u. Göttingen Medicin, diente seit 1813 als preuß. Feldarzt in Deutschland, Holland, Frankreich, blieb 3 Jahre in Thionville u. Sedan, besuchte 1818 Paris, ging dann nach Göltingen, wurde 1821 außerordentlicher Professor der Medicin in Jena, 1824 Professor der Anatomie u. Physiologie u. Director der anatomischen Anstalt in Würzburg und kam 1829 als Professor der Medicin nach Marburg, wo er später Geh. Med.- Rath u. Medicinalreserent der Regierung in Ober- Hessen wurde. Er schr.: Über den Bau und die Verrichtung der Milz, Thionville 1817; Über die Entzündung u. Vergrößerung der Milz, Eisenach 1820; Nachträge, ebd. 1823; System der Histologie, ebd. 1822, 2. Hest; Grundriß der physischen und psychologischen Anthropologie, ebd. 1829; Grundriß der vergleichenden Physiologie, Leipzig 1831; Eucyklopädie und Methodologie der Heilkunde, Eisenach 1839; vsedsrcdes äs pabdologis- eompareo, Kaff. 1844—53, 3 Bde.; Die Milzbrandkrankheit, Erl. 1850; Die sogenannte Geo« phagie, Kaff. 1852. Redigirte die Zeitschrift für die organ. Physik, war Mitarbeiter an der Nasseschen ZeitschriftfürAnthropologieu übersetzte: Magendies Lehrbuch der Physiologie, 1834. s; Thamhayn. Heusler, 1) Andreas, schweiz. Rechtsgelehrter u. Geschichtsorscher, geb. 1802 in Basel; habili- tirte sich daselbst als Privatdocent, wurde Professor der Rechte, Mitglied des Großen u. des Kleinen Rathes, zog sich 1847 infolge der Verfaffungsve» änderung von öffentlichen Ämtern zurück, redigirte längere Zeit die conservative Baseler Zlg. lebte später nur noch wissenschaftlichen Arbeiten u. st. 11, April 1868. Er schr.: Die Trennung des Kantons Basel, Zür. 1839—41, 2 Bde.; Bürgermeister Wett- steins eidgenössisches Wirken, Basel 1843 u. a. 2) Andreas, schweiz. Rcchtsgelehrter, geb. 30. Sevt, 1834 in Basel; studirte daselbst, in Göttingen n, Berlin die Rechte, habilitirte sich 1859 in seiner ^ Vaterstadt als Privatdocent, wurde Mitglied des Civilgerichtes, erhielt von der Kantonalregierung den Auftrag, ein Civilgesetzbuch für Basel-Stadt zu entwerfen, das aber nicht zur Aussührung kam wegen rer in Aussicht genommenen einheitlichen Gesetzgebung für die Schweiz. 1863 zum Professor des deutschen Rechtes in Basel berufen, wurde eit 1866 Vicepräsident des Civilgerichtes, Mitglied des Großen Rathes u. wurde mit der Bearbeitung eines Bundesgesetzcs über Schuldbetreibnng u. Coucurs (Entwurf mit Motiven, Bern 1874) beauftragt. Er schr.: Verfassuugsgcschichte der Stadl Basel im s Mittelalter, Basel 1860; Die Beschränkung der Eigenthumsverfolgung bei Fahrhabc u. ihr Motiv im Deutschen Rechte, ebd. 1871; Die Gewere, Weim. 1872; Der Ursprung der deutschen Stadt- versassung, ebd. 1872. Außerdem schrieb er sür die Zeitschrift für schweizerisches Recht u. die Beiträge zur vaterländischen Geschichte der Baseler ge- j schichtforscheuden Gesellschaft, r) Hcnne-Am Rhyn. L> L, fs Heuwcndemaschine — Hexameter. 277 Heulvendcmnschinc, System von Rechen mit gebogenen Zinken, die auf einer schnell rotirenden, horizontalen, Lurch die Fahrräder in Bewegung gesetzten Achse befestigt, das Heu erfassen und in die Luft schleudern, wodurch es der Wärme und dem Lastzüge ansgesetzt wird, bei entgegengesetzter Bewegung aber das Heu einfach wenden. H-n anerkannter Gute liefert dieFirma I. n. F. Howard in Bedfvrd, s. Art. landw. Maschinen, Taf. H Fig. 13, Ashby, Jefsery u. Luke, Reading Jron Works n. a. Rhode. Henwerth, s. F-ntter. Heve, Cap de la, Vorgebirge an der NSeite der Seine-Mündung im Arr. Havre des französ. Dep. Seine-Jnferieure, mit zwei Lenchithürmen. Hevelrus (eigentlich Hewel od. Hewelke), Johann, geb. 28.' Jan. 1611 in Danzig; stndirte in Leyden die Rechte, bereiste 1630—34 England, Frankreich und Deutschland, beschäftigte sich nach seiner Rückkehr in die Heirnath mit Mechanik u. Astronomie, wurde 1641 Schöppe, 1651 Naths- herr u. st. 28. Jan. 1688. Er hatte eine eigene Sternwarte in seinem Hause (gtsllasbniAnm, welche 1679 abbrannte) u. fertigte seine Instrumente selbst. Er schr.: SsIsnoAraxstig., Danzig 1647, Fol.; Naellillii ooslsstis, 1673—79, 2. Bd. (der 2. Bd. ist sehr selten, weil bei dem Brande seines Hauses die Auflage verbrannte); Oomsto- Zrapbin, ebd. 1668, Fol.; IlranoArapiiia, ebd. 1690, Fol.; Ds natüva kaeis Laburni, ebd. 1656, Fol.; kroäromns eomstions, ebd. 1665, Fol.; ^nnno oliwaotsrions, ebd. 1685; vergl. K. B. Lengnich, Anekdoten u. Nachrichten von H-s Leben, Danz. 1780; I. H. Westphal, H>s Leben, Studien u. Schriften, Königsb. 1820. Specht.» Heveller, ein an der Havel u. unteren Spree wohnender slavischer, zu den Milzen gehöriger Bolksstamm; wurde von Heinrich I. besiegt, der auch im Winter von 928 bis 929 ihre Hauptstadt Brennabor (Brandenburg) eroberte. Von Kaiser Otto I. wurden in ihrem Gebiete das Bisthum Havelbcrg errichtet; aber erst in der Bütte des 12. Jahrh. wurden sie von Albrecht dem Bären vollständig unterworfen. Heverle, Dorf im Arr. Löwen der belg. Prov. Brabant, an der Dyle, Station der belg. Eisenbahn Grand Central; Branntweinbrennerei, Schloß des Herzogs von Aremberg; 2260 Ew. Das alte, zur Zeit der Reformation zerstörte Schloß war Stammhaus der Freiherren von H., welche das Erbkämmereramt von Brabant hatten. Heves (H. u. Außer- Zzolnok), 1) Comitat in Ungarn, grenzt im N. an das Comitat Gömör, im O. an Borsod u. Szabolcs, im S. an Bekes u. Czongrad, im W. an Pest u. den District Ja- zygien u. Rumänien u. im NW. an das Comirat Neograd; 6594,^ Hstem (119,„ HjM) mit 332,613 Ew., meist Magyaren (auf 1 40, in ganz Ungarn 51). Das Gebiet von Groß-Rumänien wird von H. umschlossen. Der nördliche Theil des Comitats wird vom Matra-Gebirge durchzogen, der südliche ist eben u. theilweise sumpfig. Flüsse: Theiß, Eger, Zagyva, Tarna. Produkte: Getreide, Mais, Hanf, Flachs, Raps, Wassermelonen, Wein (Erlauer, Visontaer, Apczer), Gartengewächse, namentlich Zwiebeln rc. Nicht unbedeutend ist die Rindvieh-, Schweine-, Schaf- n. Pferdezucht. An Mineralien besitzt das Comitat einige Braunkoh- lenflötze. Unter den Mineralquellen sind die Alaun- u. Schwefelquellen zu Paräd berühmt. Die Industrie ist unbedeutend. Eintheiluug in 11 Stuhlbezirke. Hauptstadt ist Erlau. 2) Marktflecken darin, von welchem das Comitat den Namen hat; Castell, Erzdecanat, Getreide-, Mais-, Wein-, Tabak-, Flachs- u. Hanfbau; 5703 Ew. H.Bcrns. Heviter, kananitisches Volk, Nachkommen des Hevi, des sechsten Sohnes Kanaans; wohnte am Libanon und konnte nicht gleich von den Juden bezwungen werden. Ein Fürst der H., Sichern, schändete Jakobs Tochter Dina. Hex u. (in Zusammensetzungen vor Consonan- ten) Hexa (gr.), sechs. Hexachord (a. Musik), 1) die Sexte; 3) eine Tonleiter von sechs diatonischen Stufen, wovon die 3.—4. einen großen halben Ton ausmachen. Jrrthnmlicher Weise wurde die Einführung dieser sechsstufigen Tonleiter (11. Jahrh.) dem Guido von Arezzo zugeschrieben. Hexadisch, die 6 zur Grundzahl habend, vgl. Zahlensystem. Hexaemeron (gr.), Werk von sechs Tagen, nach der Genesis. Hexagynia, Hcxandrm, s. Pflanzensysteme. Hexameter, ein von den Griechen herrührender daktyliscy-spondeischer Vers, wegen seiner Verwendung im heroischen Epos auch heroischer Vers genannt, bestand ursprünglich wol ans 6 Daktylen, deren ungehemmt von Reihe zu Reihe forthüpfende Bewegung dadurch zur Ruhe gebracht wurde, daß man den letzten Daktylus mit einem Spondeus (oder Trochäus) vertauschte. Um die klappernde Eintönigkeit der übrig bleibenden 5 Daktylen zu vermeiden, hat man die ersten 4 je nach Bedürfniß mit Spondeen vertauscht, hütete sich aber den 5. Daktylus anzutasten, den man als Charakteristikum des H-s stehen ließ Zur weiteren Bekämpfung der Eintönigkeit vermied man, Wort- u. Versfuß zusammenfallen zu lassen u. wandte verständnißvoll zur Belebung den Mittelschnitt (Cäsur) an. Es gibt nunmehr 1. nothwendige, von jedem Dichter zu beachtende CLsnren. Es sind dies a. die gebräuchlichste männliche im 3. Fuße Drau ßen l-gre dich nunH ° li^er Greis, denn es milcht nun oder b. die seltenere weibliche zwischen den beiden Kürzen im 3. Fuße Wieder begann da g- gen n der muthige Renner Achilleus; oder e., die männliche im 2. Fuße verbunden mit der männlichen im 4. Fuß. Sie ist nicht so häufig, als a. u. b. -— li-— a — —--- Jener sprachst da zagte der Greis g und weckte den Herold. Diese Cäsur kann zwischen 1. u. 2., oder 2. u. 3. Fuß verschoben werden. 2. gibt es lediglich der Verschönerung dienende, schmückende Cäsuren. s.. in der 1. Bershälfte, z. B. Schau H o Bruder den Bers H als Beispiel schöner Cäsaren oder: 278 Hexan — Hexe. Schmückender II Dichter sei du, II den Leser erfreu der Gedanke, b. in der 2. Vershälste; ich erwähne nur die in den bukolischen, d. i. ländlich-idyllischen Dichtungen (z. B. Theokrits) häufig angewandte, zierde- volle sog. bukolische Cäsnr am Ende des 4. Versfußes, die wegen des Zusammentreffens des Wortsußes mit dem Versfuß wol auch die bukolische Diärese heißeu könnte. Also sprach der Prophet II der ge sei er te II ehrt sein Gedächtnis. Fehlerhaft ist es, eine Eäsur am Ende des 3. Fußes zu setzen, weil sie einer den Vers in 2 Hälften theilenden Jncision gleichkommt. Schlecht ist ein solcher Hexameter, II wenn auch richtig gemodelt. In der künstlerischen Wahl und Abwechslung der Wortfüße liegt die Schönheit des Verses. Lauter spondeische oder daktylische Wortfüße, z. B. Himmlische Siegerin, göttliche Kriegerin, glorreiche Fürstin sind unschön, weil sie lediglich Diäresen ergeben. Am anmuthigsten ist der anapästijche Gang, weil hier die Wortfüße am häufigsten von den Versfüßen durchschnitten werden, z. B. Strebe znm Licht, II eh die Nacht und der Tod und das Grab dich umschatten. A. W. Schlegel (im Gedicht: Rom) u. Wolf (in Proben einer neuen Übersetzung der Odyssee in H-n) haben den Trochäus ganz ausgeschlossen, sicher mit Unrecht, denn vereinzelt zwischen Daktylen u. Spondeen erhöht der Trochäus den Reiz der Abwechslung. Eine besondere Art jambisch anapäst- ischer H. hat Kleist gebildet. Sie haben jambischen Auftakt, sind reimlos u. verändern die Eäsur wie der heroische H. Ich betrachte sie als Abänderungen des Alexandriners (z. B. „Auf rosensarbnem Gewölk ^ mit jungen Blumen umgürtet" wird, so leicht zum Alexandriner: Auf rosigem Gewölk ss nmgürtet ganz mit Rosen). Zur Literatur und Geschichte des H-s ist zu bemerken, daß er bei den Griechen u. Römern 1) zu epischen Dichtungen verwendet wurde von Homer, Ennius, Apollodor, Vergil, Ovid; 2) zu didaktischen Dichtungen von Theognis, Hesiod, Vergil, Lucrez; 3) zu Hymnen z. B. von Kallimachos; 4) zu Satiren von Horaz, Juvenal, Persius; 5) mit dem Pentameter ver- eint von Tyrtäos, Mimnermos, Ovid, Tibull, Prvperz; 6) mit Jamben von Horaz; 7) mit dem archilochischen VerS von Archilochos. Italienische H. versuchte Annibal Caro, französische Baff, beide iw 16. Jahrh., also etwa hundert Jahre früher, als die Deutschen; englische Stanyhorst, Sidney, Fraunce, der 1670 Heliodors Äthiopica in englische H. übersetzte; schwedische Adlerbeth in seinem Vergil; holländische Meermann; ungarische Barot u. Debrentei; auch spanische finden sich anfangs des 17. Jahrh. — Der H. ging auch in die lateinische Poesie des Mittelalters über; hier mußte der Schluß des Verses mit der Hauptcäsur im 3. Fuße reimen. Dieser Vers, den man den leonin- ischen H. nennt, bequemte sich der altdeutschen Langzeile an. Johannes Klaj bildete den leoninischen Reim im deutschen nach: Ein Vogel hoch schwebet, der nicht als andere lebet. Was den deutschen H. anlangt, so ist zu bemerken, daß nach Fischart (ff 1589), Heräus, K. Geßner und Gottsched (ff 1766) ihn Klopstock (ff 1803) in seinem für Regeneration der deutschen Sprache geradezu epochsbildenden Messias (1748) zur Einführung brachte. Trotz glücklicher Anschmiegung i desselben an deutsche Spracheigenthümlichkeiten kann heutzutage der Klopstocksche Accent den Anforderungen der accentuirendcn Metrik nicht allenthalben genügen. Ähnlich ist es bei Uz, Kleist, Goethe, Schiller, Uhland. Bei H. Voß ist der H. schon mehr auf Tongesetze gegründet, desgleichen bei A. W. Schlegel, Platen, Rücken. Angesichts unserer accentuirenden Metrik kann der H. bei uns nimmermehr die Bedeutung beanspruchen, die er bei den Griechen u. Römern hatte. Daß einzelne Gedichte, wie z. B. Hartmanns Idyll Adam und Eva, Hebbels Mutter u. Kind, Amalie v. Helvigs Die Schwestern von Lesbos, Goethes Hermann u. Dorothea, Heyses Thekla, Gregorovius Eu- phorion im H. gelungen sind, beweist die Technik der Dichter, schließt aber nicht aus, daß diese Gedichte strophisch u. gereimt noch wirkungsvoller sich gestaltet haben würden. Eine Geschichte des deutschen H-s hat W. Wackeruagel geschrieben. B-yer. Hexan, , im Petroleum enthalten. Es sind 4 Isomere bekannt. Das normale H. siedet bei 70—71° 0. Hexapla (Bibelk.), s. u. Origenes. Hexapoda, d. h. Sechssüßer, so v. w. Jnsecten. Hexapölis (a. Geogr.), Bund der sechs Städte an der SWKüste von Karien, s. u. Doris 2). Hexastlchon (gr.), Gedicht von sechs Versen. Hexasttchus (gr., Bot.), sechszeilig. Hexastilon (gr.), ein Bau mit 6 Säulen in ^ der Front. Hexastylus (gr.), sechssäulig. Hexe, ein nicht genügend erklärtes Wort, wahrscheinlich von Hag (Hain) u. speciell von Hage- disse, Hägteffe, altdeutsche Priesterin, Priesterin des heiligen Hags; nach dem Volksaberglauben ein Weib, welches das Vermögen hat, auf Menschen, Thiere oder auch leblose Gegenstände durch übernatürliche Kräfte schädlich einzuwirken, sich in Katzen, Hasen, Hunde, Eulen, Ratten, Schlangen, Kröten rc. (Hexenthiere) zu verwandeln rc. Der Glaube an solch bösartige Wesen findet sich bei allen Völkern vor. Im class. Alterthum erscheint l er als Glauben an Nacht- u. Schicksalsgöttinnen, der in der christlichen Zeit die charakteristische Beimischung der Bündnisse der H-n mit dem Teufel erhielt. Die eigentliche u. intensivste Entwickelung desselben in Mitteleuropa beginnt erst im 15. Jahrh. u. ist es nicht zu bezweifeln, daß es die zu Anfang desselben eingewanderten Zigeuner waren, welche diese Einwirkung ausübten. Die Zigeuner erschienen als Magier von Profession; das Seltsame in ihrer Erscheinung u. ihren Manieren nährte den Glauben an ihre Kunst u. wo sie hinkamen, verband sich der vorhandene Aberglaube leicht mit den sremden Elementen, namentl. erhielt er dadurch in verhängnißvoller Weise Nahrung, daß sie bei ihren Zaubermitteln Gifte, namentlich den Stechapfel (vntmrn strnmoninm), der wahrscheinlich überhaupt erst durch sie nach Mitteleuropa gebracht wurde, verwendeten. Diese Gifte wurden seitdem der sogen. Hexensalbe und dem Hexentrank beige- § mischt. Das Gift des Stechapfels aber übt eine ^ 279 ähnliche narkotische Wirkung wie das Opium u. der Haschisch aus; es betäubt, bringt Labei Las Gefühl des Schwebens hervor u. ruft allerlei bizarre Visionen wach. Daher denn auch die merkwürdige dahin gehende Übereinstimmung in den Anssagen der bei denHexenprocessen derZaubereirc. Übersichten Weiber. Der Inhalt der von den H-n im Verhör erbrachten Aussagen ist im Wesentlichen Folgender: Wenn der Teufel die H-n besuchte, erschien er als stattlicher Jüngling mit Federn geschmückt, oder in irgend einer Verwandlung, aus der er sich dann entpuppte. Bei dem Büudniß mit dem Teufel mußte die H. Gott entsagen, ihm selbst aber Gehorsam geloben, dann wurde sie vor Zeugen getauft, erhielt einen Namen u. am Rückgrat, oft auch an verborgenen Stellen, ein Zeichen (Ltixma) eingedrückt. Bon Zeit zu Zeit hatten die H-n an besonderen Orten, bes. in Wäldern unter Eichen, Linden-c., in Höhlen am Hochgericht u. auf Bergen, mit dem Teufel Zusammenkünfte, so auf dem Blocksberg (Brocken), dem Heuberg in Württemberg, dem Hörsel- und Jnselsberg in Thüringen, dem Stafselstein bei Bamberg, dem Pilatus in der Schweiz rc. rc., u. zwar bes. in der Walpurgisnacht, den 1. Mai. Sie ritten dabei, nachdem sie sich unter den Worten: Schmier ich wol, fahr ich wol, fahr ich nirgends wid', mit der Hexensalbe eingerieben, oder Len Hexentrank genossen, nackten Leibes auf Besen, Rechen, Spinnrocken, Kochlöffeln, Osengabeln, Strohhalmen, auch auf schwarzen Katzen, Ziegenböcken rc. rc., indem sie meist den Schornstein unter Hermurmsln einer Formel („obenaus u. nirgends an") alsAusgangs- punkt nahmen. Oft auch wurden sie von einem Teufel abgeholt. Bei der Versammlung (Hexen- sabbath) erschien jede H. mit ihrem Buhlreufel, die vornehmeren verlarvt u. vermummt; der oberste Teufel saß in Bocksgestalt mit menschlichem Antlitz aus einem hohen Stuhle oder steinernem Tisch in der Mitte des Kreises; die Huldigung wurde ihm durch Knieen, Fuß- od. Steißkuß Largebracht, u. wenn ihm eine der H-n bes. wohl- gefiel, so wurde sie zur Hexenkönigin ernannt. Zuerst wurde ein Gastmahl gehalten, gegessen wurde ohne Salz u. Brod, getrunken Wein aus Kuhklauen u. Pferdeköpsen. Nach dem Mahl begann der Hexentanz, wobei sich die Tanzpaare den Rücken zukehrteu, u. der Spielmann, der statt der Geige einen Pferdskopf, statt der Pfeife einen Knittel oder Katzeuschwanz in den Händen hielt, auf einem Baume saß. Das Fest endigte damit, daß sich der Hauptteusel zu Asche verbrannte, die dann als Mittel zum Schadenanrichten an die H-n vertheilt wurde. Die Rückfahrt geschah wie die Hinfahrt. Alle diese u. a. Angaben beruhen zwar auf erzwungenen, z. Th. durch die Folter erpreßten, aber in den wesentlichsten Theilen so merkwürdig übereinstimmenden Geständnissen, daß man jenen Zeiten durchaus keinen Vorwurf über das starre Festhalten an dem Hexenglauben machen kann u. man sich nicht wundern darf, daß derselbe selbst in der Gegenwart noch eine Verbreitung hat, und eine Intensität, die in manchen Gegenden noch Thät- lichkeiten gegen die der Hexerei Verdächtigen herbeiführt. Diese Übereinstimmung ist, wie gesagt, ganz zweifellos auf den Gebrauch narkotischer Mittel (Gifte) zurückzuführen, der im 15. Jahrh. auskam. Anderseits hat sie aber dadurch einen positiven Grund gehabt, daß solche, Hexensabbath genannte, nächtliche Gelage von heidnischen Priestern und Priestsrinnen (Druiden) im früheren Mittelalter wirklich begangen wurden, also in der Überlieferung fortlebten, während der Hexenglaube später dadurch eine positive Nahrung erhielt, daß viele wegen vorgeblicherHexerei Verurtheilte derZauberei in der Thal mächtig zu sein behaupteten. Endlich ist nicht zu vergessen, daß die Kirche selbst diesem Aberglauben eine Zeit lang Vorschub leistete, so lange sie denselben nämlich als Mittel zur Aufrechthaltung u. Hebung ihres Ansehens zu benutzen suchte. Ganz verdrängen lassen wird der Hexenglaube sich nie, da die Elemente, aus denen er hervorgegangen, in mehr oder weniger starkem Maße überall n. immer sortbestehen werden. Die H-nprocesse beginnen seit 1450 zuerst in Frankreich, in den 80. Jahren auch in Deutschland, nachdem der Papst Jnnocenz VIII. eine besondere Bulle gegen das H-nwesen erlassen u. zwei Inquisitoren, Krämer u. Sprenger eingesetzt, von denen der letztere in seinem Lkallsus maloüearum (H-nhammer) eins zu allgemeiner Giltigkeit gelangende 'Anleitung beim Verfahren in den H-nprocesseu gab. Gegen Len H-naberglauben traten schon seit dem 9. Jahrh. Einzelne auf, aber ohne eine Wirkung hervorzubringen. Mit Erfolg trat zuerst 1563 Johann Weier am Niederrhein auf, dann Cornelius Lösaus in Trier u. Friedrich von Spee, der 1631 seine Oantio oriminaUs schrieb, infolge deren jene unter Kurfürst Johann Philipp von Mainz eingestellt wurden. In Frankreich geschah dies, nachdem Montaigne, Bayle u. A. gegen die Hexen- processe aufgetreten, 1672 unter Colbert, doch hat erst Chr. Thomasius das Verdienst, Hexenprocesse aus den Gerichtshöfen allmählich ganz verdrängt zu haben, nachdem zugleich der Glaube an H-n von dem Niederländer Balthasar Bekker in seinen Grundfesten erschüttert worden war. Doch Lauerten die Hexenprocesse vereinzelt noch bis Ende des 18. Jahrh. fort, ja noch 1823 nahm man zu Beiden in Holland an einer vermeinten H. die Wasserprobe vor u. mordete solche noch später in Polen, Ungarn rc. In Mejico fand sogar 1873 noch eine H-nverbrennung statt. Die Zahl der als H-n Hingerichteten beläuft sich auf viel ungezählte Tausende. Zu einer Verurtheilung wegen Hexerei genügte oft die bloße Anklage, die sich meist aus Ungewöhnliches im Äußeren oder im Verhalten stützte. Ohne Zweifel bildete aber auch sittliche Anrüchigkeit u. sittliche Verkommenheit welch letztere ja meist mit Verdacht erregendem Äußeren u. raffinirter Bosheit zusammeusällt, den Anlaß zu solchen Anklagen. Als Beweis für Hexerei diente u. a. die sogen. Hexenprobe, die Hexenwage rc. (s. u. Gottes- urtheile). Sogenannte überwiesene H-n wurden sogleich verdammt u. verbrannt. Vgl. Horst, Dä- monomagie, Franks. 1818, 2 Bde.; Ders., Zanber- bibliothek, Mainz 1821—26, 6 Bde.; Ders., Deu- tcroskopie (Beitr. zu dem vor.), cbd. 1830, 2 Bde.; Walter Scott, Lotters on äomonolvM anä nüt- eüerakt, Lond. 1830; Haas, Die Hexenprocesse, Tüb. 1865; Roskoff, Gesch. des Teufels, Leipz. 1869, 2 Bde.; Borghon Fort Plion, Ls viul- 280 Hexenbeseu - ckisms sn moxon-ÜKS, Par. 1874; Nr. 46 der Sammlung gemeinverständlich-Wissenschaft!. Vorträge, Berl.; 'Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. Bearb., Berl. 1869; Nippold, Die gegenwärtige Wiederbelebung des H-nglaubens, Berl. 1875 (deutsche Zeit- u. Streitfragen). Schroot. Hcxenbesen, 1) s. ksriäsrmium; 2) s. Astwucherung. Hcxenhammer, s. ». Hexe. Hexenmehl, f. Lxeoxoäium. Hexenmeister, auch gleichbedeutend mit Zauberer, eine Mannsperson, welche, wie eine Hexe (s. d.), infolge eines Bündnisses mit dem Teufel allerhand schädliche Wirkungen auf Menschen und Thiere Hervorbringen können sollte. Zur Zeit der Hexenprocesse (s. Hexe) wurden auch zahlreiche Männer als H. in Untersuchung gezogen und verbrannt. Der berühmteste H. der Volkssage ist vr. Faust (s. d.). Von wirklichen Personen wurde Theophrastus Paracelsus (s. d.) allgemein als H. angesehen. Hcxenpilz (Hexenschwamm), s. Uolstus. Hexenprobe u. Hcxenproccst, s. u. Hexe. Hcxenringe, kreisrunde, kleinere od. größere, bisweilen 7—16 in Durchmesser haltende Stellen auf Wiesen- od. Waldboden, welche von einem 15—20 ru breiten, üppig grün aussehenden Ringe eingeschlossen sind. Die H. werden erzeugt dnrch das allseitig centrifugale Wachsthum des Myce- liums verschiedener Hutpilze (^.Anrions oawxss- tris, L. inultnüäuo, orsuäss u. §i^Lvtous), welches in jedem Jahre weiter wächst, so daß die Ringe klein anfangend, immer größer werden; sind die Wachsthumsbedingungen ungünstig, so bleibt das Mycel mehrere Jahre steril. Nnr vollständige Entfernung des Myceliums od. Tödtung desselben durch Säuren macht der vermeintlichen Hexerei ein Ende. Rhode. Hexenschuß, Plötzlich auftretender Schmerz im Kreuze beim Bücken, so daß die Betroffenen sich nur mit Mühe gerade richten können. Man betrachtet den H. meist als Mnskelrheumatismus, doch scheinen bisweilen Zerreißungen von einzelnen Muskelfasern, bisweilen Zerrungen u. Quetschungen von Empfindungsnerven durch Blutstauung in Len Zwischenwirbelvenen die eigentliche Ursache der plötzlichen Schmerzempfindung abzugeben. Am häufigsten beobachtet man Len H. bei vollblütigen, zu Blutstockungen im Unterleibe geneigten, wohlgenährten Personen des mittleren», höheren Lebensalters. Die Behandlung besteht in Massiren (Streichen) derRückenmuskeln, inAnwendung von Schröpfköpfen ins Kreuz oder Blutegeln an den Aster, von reizenden Einreibungen von Campher u. Senfspiritus, der Elektricität oder in subcutaner Einspritzung von Morphium. Auch der heiße Dampfstrahl ins Kreuz ist mehrfach empfohlen. Kunze. Hexensteigc, Pfade, welche sich die Hasen durch die Getreidefelder machen. Hexham, Stadt in der engl. Grafschaft Nor- thumberland, unterhalb der Vereinigung des North- u. South-Tyne, Eisenbahnstation; eine malerische, alte Stadt, Sitz eines kathol. Bischofs, großer Marktplatz, Lateinische Schule, Handwerker-Institut, Ruinen einer 1296 vonden SchottenzerstörtenAbtei, Leder-, Hut- n. Handschuhfabriken; 5331 Ew. Bei - Hchdcinaiili. H. führt über den Tyne eine Kettenbrücke; in der Umgegend sind Bleibergwerke. H. hieß im Mittel- alter Hagustald u. war seit 674 Sitz eines Bischofs, bis die Dänen die Kathedrale zerstörten, die Heinrich I. wieder aufbauen ließ. Dieselbe liegt jetzt größtentheils in Ruinen; der Chor derselben bildet die jetzige Parochialkirche. Hier schlugen 1464 die Truppen Eduards IV. unter Montague die durch Franzosen n. Schotten verstärkte Anhänger Heinrichs VI. unter Somerset. H- Berns. Hexylalkohol, Caproylalkohol, Wird aus Hexan dargcstellt; Siedepunkt: 157°; bildet bei der Oxydation die normale Caprousäure. Hexylen, s. Heptylen. Hey, Wilhelm, Fabeldichter, geb. 27. (26.) März 1789 zu Leina bei Gotha, studirte 1808—11 in Jena Theologie, wurde Hauslehrer in Holland, 1814 Lehrer an einer Vorbereitungsklasse in Gotha, ^ 1818 Pfarrer in Töttelstädt, dann 1827 Hofprediger in Gotha u. 1832 Superintendent in Ichtershausen , u. st. hier 19. Mai 1854. Seine Fabeln (zwei Samml., 1833 u. 1837) haben ihm einen weit verbreiteten Namen gemacht, sie entstanden auf seinen Gängen nach Gotha, wo er allwöchentlich die Kinder von Will). Perthes unterrichtete. Frau Agnes Perthes sandte die Fabeln an ihren Sohn Andreas in Hamburg, der den ^ Zeichner Otto Speckter zur Illustration vcranlaßtc I u. die Fabeln sodann veröffentlichte (Hamb. 1833). Sie wurden ins Holländische, Dänische, Englische, Französische übersetzt u. in vielen hunderttausend Exemplaren verbreitet. H. verschwieg lange Zeit seine Autorschaft, erst später gab er zu, daß man die Fabeln H.-Specktersche Fabeln nannte. Er schrieb außerdem: Gedichte, Berl. 1816 (darunter gediegene geistliche Lieder, z. B „Wenn Du je wieder zagst," oder: „Wenn auch vor Deiner Thür einmal"); Der Lauf der Zeit (Gedicht), Hamb. 1829; Auswahl von Predigten, Gotha 1832; geringen Werth haben seine Erzählungen aus dem Leben Jesu, ebd. 1838; Das Kind von der Geburt bis zur Einführung in die Schule; Das Leben eines Schlachtrosses? Beyer. Heydekrug (Heidekrug), 1) Kreis im preuß. Regbez. Gumbinnen, durchschnitten vom König- Wilhelmskanal und der Linie Tilsit-Memel der l Preuß. Ostbahn; 1041,27 Hstcm (18,g, süsM) mit ^ (1875) 41,639 Ew. 2) Flecken und Kreisort darin, an der Schiesche, Station der oben genannten Eisenbahn; 360 Ew. Hier 31. Jan. 1679 Gefecht. Heydcmanu, Ludwig Eduard, Rechtslchrer, geb. 18. Mai 1805 in Berlin, studirte in Berlin u. Heidelberg, war lange Jahre in der Gerichtspraxis thätig, widmete sich unter Hegel einem eingehenden philosophischen Studium und wandte sich mit besonderer Vorliebe als Docent dem preuß. Rechte zu. Er wurde 1841 außerordentlicher u. 1845 ordentlicher Professor für preuß. Landrecht, las auch über franz.-rheinisches Recht u. in letzter Zeit über Naturrecht u. Encyklopädie. 1842 bis 1848 war er als Hilfsarbeiter Savignys, namentlich auf dem Gebiete des Strafrechts, thätig, und seit 1846 Vorsitzender des Literarischen, seit 1858 des Musikalischen Sachverständigenvereins, in welchen Stellungen er sich um Wahrung der Autorrechte besonders verdient machte. H. st 11. Sept. 1874; 281 Heyen - er schrieb: Elemente der Joachimischen Constitution, Bcrl. 1841; System des preuß. Civilrechts im Grundrisse, ebd. 1851, 2. Aufl., als Einleitung in das System des preuß. Civilrechtes, Lpz. 1851 bis 1868, sein Hauptwerk, das er leider nicht mehr vollendete; Sammlung der Gutachten des königl. preuß. liter. Sachverständigenvereins, Berl. 1848; mit Dambach, Die preuß. Nachdruckgesetzgebung, Berl. 1864. i.» Heyden, 1) Friedrich August v., deutscher Dichter, geb. 3. Sept. 1789 zu Merfkeu bei Heilsberg in Ostpreußen; studirte in Königsberg, Berlin u. Göttingen die Rechte, nahm an den Feldzügen von 1813—15 als Freiwilliger theil, wurde 1826 Regieruugsrath u. später Oberregierungsrath in Breslau, wo er 5. Nov. 1851 starb. H., eine dichterische Natur, die aber in der Liebe zur Kunst n. deren Pflege ihre eigenen Wege ging, schrieb: Renate (Drama), Berl. 1816; Konradin (Trauerspiel), ebd. 1819; Dramatische Novellen, Königsb. 1819, 2 Thle.; Dichtungen, ebd. 1826 ; Der Kampf der Hohenstaufen (Trauerspiel), Berl. 1828; Die Gallione (modernes Epos), Lpz. 1825; Reginald, Berl. 1831; Die Intriganten, 1840, 2 Bde.; Randzeichnungen (Novellen u. Erzählungen), 1841, 2 Bde.; Das Wort der Frau, 1843, 18. Ausl. 1871; Der Schäfer von Jspahan, 1850; Die Königsbraut, 1851. Für das Theater schrieb er noch: Album n. Wechsel (Schauspiel); Die Modernen (Lustspiel), u. a., gesammelt unter dem Titel: Theater, 1842, 3 Bde. Seine Gedichte nebst einem seine Biographie enthaltenden Vorworte gab Th. Mundt heraus, Leipz. 1852. 2 ) Otto, Historien-, Genre- und Porträtmaler der Gegenwart, geb. zu Dnchervw (Vorpommern) 1820, war bis 1843 Theologe, dann Schüler der Berliner Akademie u. seit 1847 Coignets, bildete sich von 1850—54 in Italien weiter, kehrte darauf nach Berlin zurück, machte den Krieg von 1866 in Böhmen im Hauptquartier des Kronprinzen mit, bereiste dann den Suezkanal u. lebt als Hofmaler u. Professor in Berlin. Hauptwerke: Hiob (Museum in Stettin); Stiftung der Universität Greifs- waldc, wofür ihm diese den Doclorgrad verlieh; Boguslaw X. von Seeräubern überfallen (im Stett. Museum); Schwerin in der Schlacht bei Prag (kgl. Schloß in Berlin); Begegnung des Kronprinzen u. des Prinzen Friedrich Karl in der Schlacht bei Sadowa; Porträts von Bismarck, Moltke, Steinmetz ; Pferde- u. Hammelmarkt in Kairo. 3 ) Au g. von, Historienmaler der Gegenwart, geb. zu Breslau 1827 ; studirte zuerst Bergbau und stand den Bergwerken des Herzogs von Ujest vor, trat aber 1859 zur Kunst über, wurde zunächst Holbeins, dann Steffecks Schüler und bildete sich von 1861 unter Gleyre und Couture weiter. Hauptwerke: Die einem verunglückten Bergmann die Sterbesakramente bringende hl. Barbara (1863); Verlorene Liebesmüh (1864); Luther u. Frundsberg auf dem Reichstage zu Worms (1866); Betende Nürnbergerin (1866); Vor der Schloßkirche zu Wittenberg (1867); lebensgroße Bildnisse Holbeins und Rubms' (ganze Figuren) im Berliner Künstlerlocal (1868); Vorhang des Berliner Opernhauses (1867); Siesta; Der Festmorgeu (Berliner Nationalgalerie); Glückliche Zeit; Der - Heydt. Angler (1872); Walkyren auf dem Schlachtfeld (1873). 2> S> Regnet. Heydenreich , Karl Heinrich, philosophischer Schriftsteller, geb. 19. Febr. 1764 in Stol- pen; studirte in Leipzig Philologie ».Philosophie, habililirtc sich 178S daselbst u. wurde 1789 Professor der Philosophie, mußte jedoch diese Stelle wegen ganz zerrütteter Verhältnisse 1794 Niederlagen u. lebte, literarisch beschäftigt, in Kösen und Hubertusburg; 1797, nachdem er seine Vermögens- umstände wieder einigermaßen geregelt, kehrte er nach Leipzig zurück, mußte aber bald seine Entlassung nehmen u. lebte nun in Burgwerben bei Weißenfels, wo er ein Wollüstling u. dem Trünke, Opium u. Branntwein ergeben, schon 29. April 1801 starb. H. war zunächst Anhänger Spinozas, dann Kants und hat sich in seinen zahlreichen Schriften als klar denkender, scharfsinniger Forscher erwiesen. Seine bedeutendsten Werke sind: Betrachtungen über die Philosophie der natürlichen Religion, Lpz. 1790 f., 2 Bde., n. A. 1804; System der Ästhetik, ebd. 1790—1792, 2 Bde.; Originalideen über die interessantesten Gegenstände der Philosophie, ebd. 1793—95, 3 Bde.; Ästhet- isches Wörterbuch über die bildenden Künste, ebd. 1793—95, 4 Bde.; Propädeutik der Moralphilosophie, Lpz. 1794, 3 Bde.; System des Naturrechts, ebd. 1794 f., 2 Bde., 2. Aufl. 1801; Grundsätze des natürlichen Staatsrechtes, 1795, 2 Bde. (letztere beide sehr schätzenswertste Arbeiten); Briefe über den Atheismus, 1786; Grundsätze der Kritik u. des Lächerlichen rc., ebd. 1797; Psychologische Entwickelung des Aberglaubens, 1795 ; Philosophie über die Leiden der Menschheit, ebd. 1797—99, 2 Bde., 2. Aufl. 1803; Gedichte, ebd. 1792, 2. Bd. 1802, vollst. Sammlung derselben von seinem Bruder besorgt, Lpz. 1803, 2 Bde.; gab heraus: Vesta (kleine Schriften zur Philosophie des Lebens), ebd. 1798—1801, 5 Bdchn.; Philosophisches Taschenbuch für denkende Gottesverehrer, 1795 f., 2 Jahrgänge. Vgl. Schelle, H-s Charakteristik als Mensch und Schriftsteller, Lpz. 1802 ; v. Wohlfahrt, H., Altenb. 1802. i> Heydrich, Heinrich Moritz, dramat. Dichter, geb. 13. März 1825 in Dresden; studirte in Leipzig, lebte dann längere Zeit in Hamburg, Berlin und Leipzig, bis er sich in Loschwitz bei Dresden bleibend niederließ. Er dichtete: die Tragödien Liberias Gracchus, Lpz. 1851, und Leonore von Portugal, 1855; die romantische Posse Prinz Lieschen, Dresden 1853; darauf nach längerer Unterbrechung durch Kränklichkeit Die schöne Magdalena, Zaubermärchen in 5 Acten, ebd. 1861, und den Operntext: Der Pastetenbäcker; Sonnenschein auf ounkelm Pfade, Gedichte, Lpz. 1869, u. gab heraus: Otto Ludwigs Shakespeare-Studien, ebenda 1871, n. dessen Nachlaßschriften mit Einleitungen u. Vorrede, ebd. 1871—73. Lag-». Heydt, August Freiherr von der, preuß. Staatsminister für Handel, Gewerbe u. öffentliche Arbeiten n. Finanzminister, geb. 15. Febr. 1801 zu Elberfeld; erhielt seine Bildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt u. auf Reisen in Frankreich u. England u. trat dann in das väterliche Bankhaus, dessen Geschäfte er gemeinschaftlich mit seinen Brüdern Daniel und Karl führte. Eifrig 282 Hcycr. betheiligte er sich auch an der Verwaltung der Ge- ineitideangelegenheiten, zunächst als Mitglied der städtischen Centralbehörde u. seit 1833 im Stadt- rathe. Seine politische Laufbahn begann er 1839 als Abgeordneter Elberfelds im rheinischen Pro- viuziallaudtage, in welchem er neben Hanscmann, Beckerath u. Camphausen ans die Erfüllung der Verfassungsverheißungen von 1815 u. 1820 drang. 1842 war er Mitglied der nach Berlin berusenen ständischen Ausschüsse. Seit 1840 Präsident des Elberfelder Handelsgerichts, ward er 1846 zu der Berliner Conserenz für Berathung eines allgemeinen Wechselrechts berufen, mußte aber Krank- heits halber ablehnen; 1847 that er sich aus dem vereinigten Landtage als Vertheidiger einer konstitutionellen Verfassung hervor. Nachdem er wieder in Volksversammlungen feiner Vaterstadt in den Tagen vor dem 18. März 1848 als Gegner der alten Regierungsform das Wort geführt hatte, trat er nach den Ereignissen jenes Tages in den Hintergrund und lehnte auch Mandate für die Nationalversammlungen in Frankfurt und Berlin ab. Ebenso weigerte er sich im Sept. 1848, in daS Pfuelsche Ministerium einzutreteu, da er der Haltbarkeit desselben nicht traute. Ms jedoch die Nationalversammlung nach Brandenburg verlegt wurde, übernahm er die Vertretung des Elberfelder Wahlkreises, unterstützte das Ministerium Brandenburg-Manteuffel u. trat in dasselbe 4. Dec. 1848, dem Tage der Auflösung der Nationalversammlung, als Minister für Handel, Gewerbe u. öffentliche Arbeiten. Seiner langen Amtsführung gehören an Reformen im Gewerbewesen; die Gründung der Telegraphenverwaltung u. Erweiterung deS Telegraphennetzes über Preußens Grenzen hinaus, Ermäßigung des Portosatzes, Bauten von Eisenbahnen u. die großen Brückenbauten bei Dirschau u. Köln, Vertrag zwischen dem Zollverein u. dem Steuerverein (Sept. 1851) u. durch den Vertrag zwischen diesen beiden vereinigten Körpern u. dem österreichischen Kaiserstaat; vollständige Umgestaltung der preußischen Bank rc. Nachdem er im Herbst 1858 den Übergang ans dem Ministerium Mantcufsel in das des Fürsten Hohenzollern bewerkstelligt und auch am Couflict mit dem Abgeordnetenhause sich betheiligt hatte, übernahm er am 18. März 1862 in dem neuen Ministerium Hohenlohe-Jngelfingen neben seineni bisherigen Portefeuille auch das des Finanzministeriums. Aber drei Tage darauf schrieb er an den Kriegsminister v. Roon einen, 5. April durch die Vossifche Ztg. veröffentlichten Brief, in welchem er wegen den bevorstehenden Wahlen u. für die Gewinnung einer Majorität die Verminderung des Militäretats um dritthalb Mill. Thaler und die Herabminderung der Steuern als wünschenswerth bezeichnete. Dieser Widerspruch gegen die bisherige Conflictspolitik, sowie das Entgegenkommen gegen die Fortschrittspartei trugen jedoch nicht dazu bei, ihm seine «Stellung in der neuen Kammer günstig zu gestalten u. scheinen ihm seine Position im Ministerium auch erschwert zu haben. Indessen wurde ihm, als er sich bei Len Neuwahlen vom 6. Mai um die Stimmen des Elberfeldschen Wahlkreises bewarb, in der dortigen Presse vorgeworsen, daß er in einer Volksversammlung vom 6. März 1848 sich verletzend über den Charakter und den Verfall des Hauses Hohenzollern ausgesprochen und deshalb konstitutionelle Garantien gefordert habe, u. der gegen die Verbreiter dieser Nachricht eingeleitete Proceß wegen Amtsbeleidigung des Ministers H. führte zu dem gerichtlichen Erkennr- niß, daß der den Beschuldigten auferlegte Beweis der Wahrheit erbracht ».dieselben frei zu sprechen seien. Wenige Tage nach diesem Entscheide, 24. Sept. 1862, übernahm Bismarck-Schönhausen den Vorsitz im Staatsministerium und H. legte sein ^ Ministerium nieder. Als aber sein Nachfolger ' Bodelschwingh vor dem Ausbruch des österreichischen Krieges seine Hilfe versagte, übernahm er von Neuem 5. Juni 1866 das Finanzministerium u. schaffte die Mittel zur Kriegführung. Nach dem Friedensschluß brachte er für diese, außerhalb der Verfassung liegende Hilfsleistung im Landtage das Jndemnitätsgesetz ein u. leitete sodann die Finanzen des Norddeutschen Bundes. Die gesteigerten Bedürfnisse desselben für die Reorganisation der Armee zwangen ihn, 1868 mit einer Mehrforder- > ung auszutreten, für deren Realisirbarkeit er ein Bild von der blühenden Finanzlage Preußens entwarf. Im Herbst desselben Jahres berechnete er aber, um die Erhebung neuer Steuern zu begründen, ein großes Deficit. Im Jahre 18öS verwarf dagegen der Norddeutsche Reichstag die ganze Reihe seiner Steuervorschläge, u. La er das ' Schicksal seiner Vorschläge auch im preuß. Landtag voraussah, nahm er 26. Oktober 1869 seine Entlassung. Er st. 23. Juni 1874. Bei seinem Rücktritt 1862 war er in den erblichen Freiherrnstand erhoben. Bauer. Heyer, 1) Karl, berühmter Forstmann, geb. 9. April 1797 im Bessnnger Forsthaus bei Darmstadt, wo sein Vater Forstmeister war und eine Meisterschule hielt, aus welcher H. nach dem Besuch des Darmstädrer Gymnasiums seine ersten forstwissenschaftlichen Studien machte. 1815 bezog H. die Universität Gießen, wo damals Walther, 1816 die Forstakademie zu Tharand, wo Cotta , lehrte, gründete 1817 in Darmstadt eine Privat- ' forstschule, trat jedoch schon im folgenden Jahre in den praktischen Siaatsvienst n. wurde, nachdem er mehrere Reviere in Len Provinzen Starkenburg u. Oberhessen verwaltet hatte, 1825 zugleich mit Hundeshageu als Oberförster und 2. Lehrer der Forstwissenschaft an das neugegründete Forstinstitut zu Gießen berufen; 1830 zum Forstiuspector da- , selbst ernannt, verließ er jedoch 1831 seine ihm Lurch Streitigkeiten mit Hundeshageu verleidete Stelle u. trat als Forstmeister in die Dienste des Grafen von Erbach-Fürstenau, kehrte dann nach Hundeshagens Tode, dem Rufe der Universität folgend, als Forstmeister u. Professor der Forstwissenschaft nach Gießen zurück, wo er 1848 die Rectorwürde bekleidete und 24. Aug. 1856 starb. H. hat in Wissenschaft und Praxis gleich Ausgezeichnetes geleistet; n. a. verdankt ihm die Stadt Gießen die Aufforstung sehr ausgedehnter ehemaliger Weideflächen, die als Kiefernwald jetzt hohe Erträge abwerfen (vgl. auch den Art. Forstwissenschaft). Von seinen zum Theil epochemachenden Schriften sind bes. hervorzuheben: Die Bortheile u. das Verfahren beim Baumroden, u. Die 283 Heyfclder Waldertragsregelung, 1841, beide in 2. Auflage 1862 von seinem Sohn Gustav H. (s. 2) heraus- gegeben; Die Hauptmethodeu der Waldertragsregelung, 1848; Der Waldbau, 1854, 2. Aufl. von Gustav H., 1864; Beiträge zur Forstwissenschaft, 1842 und 1847; Phanerogamenflora von Oberhessen, nach H-s Tode 1860 von Roßmann herausgegeben. 2) Gustav, Sohn des Vorigen, Direktor der königl. preußischen Forstakademie in Miinden, geb. 11. Marz 1826 in Gießen; studirte daselbst u. wurde noch bei Lebzeiten seines Vaters Obersörster u. 2. Lehrer der Forstwissenschaft au der dortigen Universität, folgte jenem 1856 in der Professur n. wurde 1868 auf seine gegenwärtige Stelle berufen. Als vortrefflicher Lehrer u. geist- reicher Schriftsteller nimmt H. unter seinen Fachgenossen unstreitig eine der ersten Stellen ein. In seinen Schriften (Verhalten der Waldbäume gegen Licht u. Schatten, Erlangen 1852; Lehrbuch der forstlichen Bodenkunde u. Klimatologie, Erl. 1856) anfänglich mehr der naturwissenschaftlichen Richtung folgend, hat er sich später ausschließlich den mathematischen und volkswirthschastlichen Zweigen des Forstfachs (Waldertragsregelnng, Waldwerthrechnung, Forststatik) zugewendet und zu deren Fortbildung wesentlich beigetragen. Schriften: Über die Ermittelung der Masse, des Alters und des Zuwachses der Holzbestände, Dessau 1852; Anleitung zur Waldwerthberechnung, Lpz. 1865, 2. Aufl. 1876; Handbuch der forstlichen Statik, 1. Theil, Leipz. 1871. Seit 1856 gibt H. die von Behlen 1825 begründete, von v. Wedekind 1847 bis 1855 fortgesetzte Allgemeine Forst- u. Jagd- Zeitung, heraus. Wimmenauer I.. Heyfelder, 1) Joh. Ferd. Mart., hervorragender Chirurg, geb. 19. Jan. 1798 in Kllstrin; studirte in Berlin, Jena, Würzburg, Tübingen u/ Breslau Medicin, practicirte in Trier, kam 1833 als Leibarzt nach Sigmaringen, 1841 als Professor der Chirurgie u. Augenheilkunde nach Erlangen, erhielt 1850 die Dlrectorstelle am Universitätskrankenhause daselbst, trat 1855 in russische Dienste, ward Professor u. Collegialrath in Petersburg u. st. 21. Juni (1869) 1870 in Wiesbaden. Er hat unter Len deutschen Chirurgen einen ehrenvollen Rang sich erworben und stets für die freie Entwickelung des ärztlichen Standes zu wirken gesucht. Er schr.: Beobachtungen über die Krankheiten der Neugeborenen, Lpz. 1825; Der Selbstmord, 1828; Die Cholera in Frankreich, Bonn 1832; Über Bäder u. Brunnenkuren, Stuttgart 1834; Anleitung zur Krankenwartung, ebd. 1837; Studien aus dem Gebiete der Heilwissenschaft, ebd. 1838; Resectioncn u. Amputationen, Bonn 1855; übersetzte: Monfalcon, Über die Sümpfe, Leipz. 1825 ; war Mitarbeiter an Ammons Monatsschrift für Medic. Angenheilk. n. Chir. seit 1838 u. an Mildbergs Jahrbuch der Staatsarzneikunde seit 1839; außerdem Verfasser einer Menge gediegener Artikel in verschiedenen Fachzeitungen. 3) Oscar, Sohn des Vor., in russischen Diensten, ebenfalls Chirurg, Herausgeber von Operativnslehre und Statistik der Resektionen, Wien 1861; Lehrbuch der Resektionen, 1863; Das Lager von Krasnoe Sselo im Vergleich mit dem von Chalons, militärärztliche Studie, Berl. 1866; Über Möglichkeit u. — Heyne. Nothwendigkeit eines Medicinalministeriums, offener Brief an den Fürsten Bismarck, Lpz. u. Berl. 1871; Bericht über meine ärztliche Wirksamkeit am Rhein u. in Frankreich 1872, Kriegschirurg. Vademecum, St. Pctersb. u. Lpz. 1874, und eine Masse von Beiträgen für Fachzeitschriften. Thamhayn. Heyn, Peter, s. Heijn. Heyne, 1) Christian Gottlob, geb. 25. Sept. 1729 zu Chemnitz, Sohn eines wegen Religionsbedrückung aus Schlesien ausgewandertcn Leinenwebers, der mit drückender Dürftigkeit kämpfte, wurde durch des Predigers Seydel Vermittelung in die dortige Stadtschule ausgenommen n. bezog 1748 mittellos die Üniversität Leipzig, erhielt dort in Ernesti u. Christ wohlwollende Führer, wurde aber zunächst durch Bach zur Rechtswissenschaft hingezogen n. bestand 1752 das juristische Examen, Durch ein lateinisches Gedicht wurde er auch dem Minister von Brühl bekannt u. nach langem Harren, Darben u. Bitten Copist an der Brühlschen Bibliothek mit 100 Thaler Gehalt. Um seine Schulden zu tilgen, übersetzte er aus dem Französischen u. Griechischen (Chariton) u. gab 1755 den Tibull heraus, sodann LaS Enchiridion des Epiktet (1756). Durch Len 7jährigen Krieg und den Sturz des Ministers Brühl wieder brodlos, wurde er durch Rabener,Hofmeister bei der Frau von Schönberg, fertigte Übersetzungen von Tagesschristen und gab pnbliea (eine Sammlung politischer Schriften über den Einmarsch der Preußen in Sachsen) heraus. Mit seinem Zögling ging er 1759 nach Wittenberg, wurde aber durch den Krieg nach Dresden zurückgetrieben, wo er durch das Bombardement auch seine Sammlungen und Vorarbeiten verlor. Dessenungeachtet heirathete er 1761 u. widmete sich auf dem Gute des Kammerherrn von Lüben der Ökonomie, wurde aber durch Lippert, für den er den lateinischen Text zu dem 3. Tausend der Daktyliothek lieserte, wieder zur Philologie u. Archäologie zurllckgeführt. Auf Ruhn- kens Empfehlung und durch Ernestis Vermittelung erhielt er unerwartet von Münchhausen in Hannover den Ruf als Professor an Geßners Stelle in Göttingen, die er 1764 antrat. In vertraulichem Verhältniß mit Münchhausen und Hofrath Brandes leitete er nun 50 Jahre hindurch das Göttinger Universitätswesen u. schuf die Universitätsbibliothek, las über Homer, Pindar, Horaz, Geschichte der griech. und röm. Literatur, Alter- lhümer und Archäologie, leitete das philologische Seminar, aus dem viele brauchbare Lehrer an Universitäten u. Gymnasien hervorgingen, u. führte selbst die Inspektion über das Gymnasium in Ilfeld. Außerdem redigirte er als Secretär der Societät der Wissenschaften die Abhandlungen derselben u. die Göttingenschen gelehrten Anzeigen. Im Jahre 1809 legte er die Professur der Be- redtsamkeit nieder, widmete aber seine Thätigkeit bis zu seinem Tode, 14. Juli 1812, dem philolog. Seminar n. der Societät der Wissenschaften. Seine Ausgabe des Tibull erlebte 3 Auflagen (1755 bis 1799), die größere n. kleinere des Vergil ebenfalls je 3, die des Pindar 2, 1767—1803; Ho- mers Ilias, eine Fundgrube historischen, antiquarischen n. kritischen Materials, erschien in der größeren Ausg. 1802 (8 Bde.), in der Handausgabe 284 Heyse. 1804, Apollodors Bibliothek 1782 u. 1803. Eine große Reihe von Abhandlungen enthalten seine kleinen Schriften in den Ovmmsutatb. der Societät der Wissenschaften und den Opuseuia aoacksmiea -0 Lde. 1785—1812). Vergl. Heeren, Ehr. G. H. biographisch dargestellt, Gött. 1813; Jacobs Personalien, 1848 ; Käminel in Schmidts Encyklop. 2) Robert Theodor, jurist. Schriftsteller, geb. 13. April 1815 zn Witznitz bei Borna; trat 1837 in den Staatsdienst, kam 1842 als Hilfsarbeiter in das Appellationsgericht zu Dresden, wurde 1843 Beisitzer u. 1847 Rath an demselben, starb aber schon 13. Nov. 1848. Schriften: Über die Cumu- lation des Eidesantrages mit anderen Beweismitteln, Dresd. 1840; Untersuchung prakt. Materien (mit Schwarze), Lpz. 1841; Commentar über das königl. sächs. Grund- u. Hypothekenbücher- u. Las Hypotheken-Gesetz, ebd. 1845—46, 2 Bde.; Erörterungen aus dem Grnndeigenthums- n. Hypothekenrecht, ebd. 1847. 3) Moritz, germanistischer Philolog, geb. 8. Juni 1837 in Weißenfels; studirte 1860—63 in Halle Philologie u. habilitirte sich 1864 hier sür deutsche Philologie; er wurde 1860 außerordentlicher Professor, folgte aber 1870 einem Ruse als Professor der deutschen Sprache u. Literatur nach Basel. Er schr.: Kurze Grammatik der altgermanischen Dialekte, Paderb. 1862, 3. Aust. 1874; Über die Halle Heorot im Beowulf- Liede, ebd. 1864; Altniederdeutsche Eigennamen aus dem 9.—11. Jahr., Halle 1867; gab heraus den Beowulf, Paderb. 1863, 3. A. 1873; den Heliand, ebd. 1866, 2. Aust. 1873; Kleinere altniederdeutsche Denkmäler, ebd. 1867, u. die neue Ausgabe von Stamms Ulfilas, 6. Aust. 1874; übersetzte den Beowulf ins Deutsche, ebd. 1863, u. ist seit 1867 bei der Fortsetzung des deutschen Wörter- buchs von Grimm betheiligt. ii Eichhoff, et Lagai. Heyse, 1) Johann Christian August, durch grammatikalische Arbeiten namhafter Schulmann, geb. 21 April 1764 in Nordhausen, stu- dirte in Göttingen Theologie u. Pädagogik, wurde 1792 Lehrer am Gymnasium in Oldenburg, legte wegen ungenügenden Gehaltes 1806 diese Stelle nieder und wurde 1807 Rector am Gymnasium in Nordhausen und 1819 Director an der höheren Töchterschule in Magdeburg, wo er 27. Juni 1829 starb. Er schr. u. a.: Hilfsbuch zur Erlernung und Beförderung einer deutschen Aussprache und Rechtschreibung rc., Hannov. 1803; Anleitung zum Gebrauch desselben, ebd. 1803; Allgemeines Fremdwörterbuch zur Verdeutschung, Oldenb. 1804, 11. Ausg. (von dem Folgenden bearbeitet), Hannov. 1833, 2 Bde., 12. Ausg. (von Mahn bearbeitet) 1859; Verdeutschungswür- terbuch, Nordh. 1807, 6. Aust. Hann. 1833; Deutsche Grammatik, ebd. 1814, 5. Aust, (von dem Folgenden herausgeg.), 1838—49, 2 Bde.; Auszug aus der Deutschen Schulgrammatik, ebd. 1816, 21. Ausg. 1868; Leitfaden zum Unterricht in der Deutschen Sprache, 23. Aust., edb. 1874; mit dem Folgenden: Handwörterbuch der Deutschen Sprache, Magdeb. 1831—42 (bis Strauß). 2) Karl Wilh. Ludw., germanist. Sprachforscher, Sohn des Vor., geb. 15. Oct. 1797 in Oldenburg, verlebte seine Jugend in Vevey, wurde 1816 Führer eines Sohnes des Staatsministers Wilh. v. Humboldt in Frankfurt a. d. O., ging dann nach Berlin, wo er Philologie stndirte und Hauslehrer bei Staatsrath Mendelssohn-Bartholdv war, habilitirte sich 1827 an der dortigen Universität, wurde 1829 außerordentl. Professor der Philosophie u. starb daselbst den 25. Nov. 1855. Er schr.: Kurzgefaßte Verslehre der Deutschen Sprache, Hannov. 1825: Einleitungen und Anmerkungen zu Felix Mendelssohn-Bartholdyz, seines Schülers, Übersetzung der Andria des Te- ' rentius, Berlin 1826; bearbeitete seit 1820 die neuen Ausgaben der sprachlichen Werke seines Vaters, gab Solgers, Vorlesungen über Ästhetik, Lpz. 1829, heraus und schr. außerdem: Lehrbuch der Deutschen Sprache, Berl. 1838—49, 2 Bde; ^ Handwörterbuch der Deutschen Sprache, Magdeb. ^ 1833—49, 3 Bde. Aus seinem Nachlasse gab I Steinthal das System der Sprachwissenschaft, Berl. 1856, heraus. 3) Theodor Friedrich, Philolog, Bruder des Vor., geb. 3. Oct. 1863 in Oldenburg, studirte in Berlin, ging, nachdem er seit 1827 an einer Erziehungsanstalt in Lenz- ! bürg Lehrer gewesen, 1832 nach Rom, um in der vaticanischen Bibliothek Handschriftenvergleichungen anzustellen, kehrte, nach 4jährigem Aufenthalte ln , München, 1865 nach Italien zurück, um in Florenz ^ die Vulg-atu herauszugeben; vorher waren von ihm erschienen: k?oJbii trisborrurum sxosrptn ^nomioa, Berl. 1846; Catulls Gedichte mit Über- setzung, Berl. 1855. 4) Paul Johann Ludwig, Dichter der Gegenwart, Sohn von H. 2), geb. 15. März 1830 in Berlin, widmete sich dem Studium der Theologie. Schon als Student wurde er in Franz Kuglers Haus eingeführt, dessen , Tochter später seine erste Gattin wurde und der ihn (neben Jak. Burckhardt, Ad. Menzel, Gottfr. Keller) zum Studium der Kunst- und Culturge- schichte, wie zu eigenen Productionen begeisterte. 1849 ging er nach Rom und studirte dort ein Jahr lang die romanischen Sprachen; 1852 ging er zum zweitenmale nach Italien und studirte in ^ Rom, Florenz, Modena und Venedig die Handschriften der dortigen Bibliotheken. Nach seiner Rückkehr nach Berlin, wurde er (1854) vom König ! Maximilian von Bayern unter Gewährung eines Jahresgehaltes nach München berufen, wo er noch lebt, obgleich er 1868 auf seine Pension verzichtet hat. Seine Buchtragödie Francesca da Rimini, Berl. 1851; seine erzählenden Dichtungen Die Brüder und Urica, Hermen, Berl. 1854; u. seine 10 Sammlungen von gediegenen Novellen, die 6. Aust, der 1. Sammlung derselben erschien Berl. 1370, 3 andere Sammlungen erschienen ebd. 1855—62; Meraner Novellen, ebd. 1884, 5. Aust. 1872; Fünf neue Novellen, ebd. 1866, 4. Aust. 1872; Novellen u. Terzinen, ebd. 1867 u. 1868; Moralische Novellen, ebd. 1869; Neues Novellenbuch, ebd., 2. Aust. 1871; Neue Novellen, ^ ebd. 1875; zeigten H. als einen Dichter von feiner psychologischer Beobachtungsgabe, von farbenreicher Schilderung und von hoher dichterischer Leistungsfähigkeit. Namentlich steine Idyllen von Sorrent, die mit einigen Epopöen zur Sammlung Hermen vereinigt wurden (1854), stehen in Werth nicht weit ab von Goethes römischen Elegien, wie einzelne seiner Novellen z. B.: Andrea Delfin 285 Heyst — Im Grafenschlosse, La Rabbiata, Das Mädchen von Treppi, wahrhaft classisch genannt zu werden verdienen. Die epischen Dichtungen: Die Braut von Cypern, Stuttg. 1856; Thekla, ebd. 1858; Syritha, Berlin 1867; erhöhten seinen Ruhm. Auch als Dramendichter war H. nicht unbedeutend. Seine Tragödie: Die Sabiuerinnen, Berl. 1859 bis 1861, erhielt den Preis des Maximilians- Kapitels; seine Tragödie M-leager, Berlin 1854, sowie sein Ludwig der Bayer, 1862, zeigen feines Verständniß siir die Anforderungen an das dramatische Kunstwerk. Seine Schauspiele: Elisabetha Charlotte, 1864; Maria Maroni, 1865; Die Pfälzer in Irland, tragen den Principien der Neuzeit Rechnung. Hans Lange, 1866; Kolberg, 1868; Die Göttin der Vernunft, 1870; Ehre um Ehre, 1875; Die Franzosenbraut sind mit Erfolg gegeben worden. Großen Erfolg errang der Dichter durch seinenRoman: Die Kinder der Welt, 3. Aufl., Berl. 1873, 3 Bde.; man erkannte einstimmig den Werth und die Bedeutung dieses episch-prosaischen Kunstwerks an. Von H-s Übersetzungen sei erwähnt: Spanisches Liederbuch, im Verein mit Geibel, Berlin, 2. Aufl. 1852; Romanische Inedita, auf italienischen Bibliotheken gesammelt, ebd. 1856; Italienisches Liederbuch, ebd. 1860; Die Gedichte des Giuseppe Giusti, ebd. 1875; Die glücklichen Bettler, morgenländisches Märchen nach Gozzi, ebd. 1867. H. lieferte auch einzelne Stücke zur Shakespeare-Ausgabe v. Bodenstedl. 1871—74 erschienen seine Ges. Werke in 12 Bden. Seine letzte uns bekannte Pub ication ist der Roman: Im Paradiese. Als Lyriker steht H. neben Hertz, Grosse und anderen an Geibel sich anlehnenden Münch. Poeten. 1) 2, Eichhoff. 3) i. 4, Beyer. Heyst, H.-op-den-Berg, Marktfl. im Arr. Mecheln der belg. Prov. Antwerpen, Station der Eisenbahn Grand Central; Weberei, Getreidemühlen, Viehhandel; 5676 Ew. Heywood, Fabrikstadt in der engl. Grafschaft Lancaster, am Roch, Eisenbahnstation; Handwerker- Institut, Eisengießerei, Seilerbahnen, Maschinen sabriken,großeBaumwollenmanusacturenrc.;(187i) 21,248 Ew. Hezel, Johann Wilhelm Friedrich, geb. 1754 zu Königsberg in Franken, studirte in Jena, wurde 1786 Professor der orientalisch-biblischen Literatur in Gießen, 1828 Professor der Exegetik und der orientalischen Sprachen in Dorpat, nahm 1820 seinen Abschied und st. 1629. Er schr.: Arabische Grammatik, Jena 1776, 2. Aufl. 1825; Hebräische Grammatik, Halle 1777; Die Bibel A. u. N. T-, Lemgo 1780—91, 10 Thle. und mehrere andere biblisch-orientalistische Bücher. Hiakin, japanisch. Gewicht—100 Kin— 62,41 icx. Hiamcu (Hiamun), so v. w. Amoy (s. d.). Hiarbas, so v. w. Jarbas. Hiatus (lat.), 1) Oefsnung, besonders des Mundes. 3) (gr. Chasmodia), in der Metrik das Zusammentreffen zweier Vocale, von denen der eine am Ende des einen, der andere am Anfang des anderen Wortes steht. Ost ist derselbe bloß scheinbar, z. B. in rröxr' eckw-c^ (für rcö/c«); aber auch wenn der Anfang des zweiten Wortes ein nicht geschriebenes Digamma enthält d) oder ein anderer Consonant (beson- Hiliiseus. ders a) ursprünglich stand. Vermieden wird der H. bei den Griechen in manchen Fällen durch ein antretendes bei Griechen und Römern durch Elision, welche bei den Griechen durch Apostroph gekennzeichnet wird, z. B. rör- ck' (für ÜL) A/ke/Ser' (für y^lLi'Mro) LTroera oder durch Synalöphe resp. Krasis (z. B. ravrö für rö avrö). In verschiedenen Fällen ist der H. zulässig. Auch im Deutschen sucht der Dichter den H. zu vermeiden durch geschickte Wahl und Stellung der Wörter u. durch Elision. Gemildert oder aufgehoben wird der H. durch Pausen (Interpunktionen). 3) (Anat.) Ausgangsmündung verschiedener Kanäle; 8. aortüons, Aortenschlitz, schlitzartige Öffnung im Zwerch- fell, durch welche die Aorta aus der Brust- in die Bauchhöhle gelangt. 1) 2> Eberhard. liibsrna (lat.), die Winterquartiere der Römer, s. u. Lager. Hibernal, winterlich; Hibernation, der Winterschlaf der Thiere. Hibernm (Jerne), so v. w. Irland, tiibiscus, AÄunn., Pflanzengatt, aus der Fam. Llalvaosao-Lbmosas, Kräuter, Sträucher und Bäume niit gelappten oder getheilten Blättern u. meist großen, von schmalen Vorblättern umgebenen Blüthen; Kelch ölheilig oder özähnig; Staubblattsäule an der Spitze abgestutzt; Fruchtknoten öfächerig, mit 5 abstehenden oder seltener verwachsenen, am Ende in eine kopfsörmige oder verbreiterte Narbe verdickten Griffeln. Frucht eine vom Kelche umgebene bfächerige, mehrsamige, öklappige Kapsel. Gegen 200 Arten, von Lenen die meisten in der tropischen Zone beider Hemisphären verbreitet sind, wenige außerhalb derselben Vorkommen. Die Gattung zerfällt in einige Untergattungen: A. Kotmia mit ungetheilten Vorblättern, nicht aufgeblasenem Kelch und nicht wollige« Samen: 8. ssnsgalsusis <7avan., unbewehrter Halbstrauch; Blätter herzförmig, gezähnt, filzig, die unteren eckig, Blüthen einzeln, achselständig, mit aufrechten^ rührig zusammengcrollten Blumenblättern und 10» blätteriger Kelchhülle, die länger als dieser: die Farbe der Blumenblätter ist schmutziggelbroth, am Grunde purpurroth; am Senegal, wo sie als Wurmmittel dient; 8. Rv8a siuoimis (Rosen- malve), fast baumartig, uubewehrt, Blätter eirund, zugespitzt, kahl, nach oben grob gesägt, Blüthen- stiele so lang wie die Blätter, Blüthen groß, 5 bis 10 ow breit, gesättigtroth, auch gescheckt, weiß oder gelb, Kelchhülle 6—7blätterig; in China u. Cochinchina, jedoch im tropischen Asien häufig als Zierstrauch angepflanzt; 8. mutabilis L., straucb- artig, unbehaart, Blätter herzförmig, eckig, 5- lappig, zugespitzt, gezähnt «nd wie die Ästchen etwas filzig, Blüthenstiele fast so lang, wie die Blätter, Blüthen in großen Doldentrauben, bis 15oiu groß, am Morgen weiß, gegen Mittag blaß rosen- oder fleischroth u. Abends beim Verblühen fast purpurroth, in Gewächshäusern bei uns zu dieser Veränderung jedoch 3 bis 4 Tage brauchend; in China, jetzt aber auch im ganzen tropischen Asten, Afrika und Amerika, wegen ihrer Schönheit angepflanzt; 8. Zabäarilka L., Blätter breit eirund, kerbig gezähnt, die oberen 3—5lap- pig, am Grunde keilförmig, Blüthen fast sitzend, flockig-abstehend, 5 om lang, Kelchhülle roth, 10- bis I4spaltig, Kelch gelblich, am Rande und den 286 Hidriäs, — Nerven purpurroth, Blumenblätter röthlichgelb, am Grunde bluttorh; im tropischen Afrika, jetzt auch in Amerika verwildert; enthält außer Schleim auch viel Kleesäure und ist daher auf den Antillen als rother guineascher Sauerampfer (OssiUs äs 6niuss rouZs) bekannt; dient als Gemüse, besonders die Blüthenhüllen, aus denen man auch Confituren, Gelees und ein erfrischendes, weinartiges Getränk bereitet, sowie als Arzneimittel. 8. Rnioaria DO., mit Vorblättern, die an der Spitze 2theilig sind: 8. snoatcksnsis DO., Stengel krautig, durch Stacheln scharf, Blätter handförmig, 3-5- lappig, Nebenblätter halbherzförmig, Blüthen gelb, am Grunde purpurroth; in ganz Ostindien; die schleimigen, angenehm säuerlich schmeckenden Blätter dienen theils als Gemüse, theils als Heilmittel. 0. Irionum MecWns, Kräuter mit aufgeblasenem Kelch: 8. Irionnm D. (Stundenblume), ansrecht, rauh, ästig, Blätter unbehaart, die oberen Zlappig, die Lappen lanzettlich, der mittlere sehr lang; Blumen einzeln, blaß gelb, mit purpurbraunem Grunde; in Kraiu, Österreich, Ungarn, Italien und Afrika; blüht vom Juli bis October. O. Romdxosiia DO., Kräuter u. Halb- sträucher mit kleinen Blüthen u. wolligen Samen: 8. rmilatsralis DO., Blätter eirund, zugespitzt, gezähnt, Blüthenstiele länger als die Blätter, über der Mitte gegliedert, Blumenblätter ausgebreitet, Purpur- oder scharlachroth, Hülle 9blätterig, Staubblätter einseitig; auf Haiti, wo Wurzel u. Blätter dieses Strauches wie die von Lsibdass. oküeinaiis benutzt werden; 8. ssonlsntns ist ^belmosodus ese., 8. ä.bslmo8oüns ist^belm. mosetmtms. Engter.* Nibisilis (lat.), 1) aus ungleicher Verbindung entsprungen, von Ellern verschiedener Nationen, von ungleichen Thieren abstammend, Mischling. 8) (Hzchriäa) 8. vox, aus zwei Sprachen zusammengesetztes Wort, z. B. mon-cxmius, aroüi- änr, Charlottenburg. 3) (Log.), so v. w. Zwit- terschluß. »io tisorsk aqua (lat., d. i., hier hängt das Wasser), Sprichwort für das gemeine Deutsche: hier stehen die Ochsen am Berge (und können nicht weiter). Hickel, Joseph, bekannter Porträtmaler, geb. 1734 (oder 1736) in Böhmisch-Leipa, st. in Wien 1807; kam als Porzellanmaler nach Wien auf die Akademie, ging nach Italien, wurde k. k. Kammermaler, malte den Kaiser Joseph 8. und die Kaiserin Maria Theresia, dann mehrere berühmte Männer, wie Kaunitz, Loudon rc., auch für Joseph II. die besten Schauspieler und Schauspielerinnen in Wien. Die Zahl seiner Porträts soll sich auf mehr als 3000 belaufen. Regnet. Hickmann, 2 Counties in den nordamerikan. Unionsst. 1) Kentucky u. 37° n. Br. u. 89° w. L.; 8553 Ew.; Countysitz: Clinton. 2) in Tennessee unt. 36° n. Br. u. 87° w. L.; 9856 Ew.; C-sitz: Centreville. Hickok, Laurens Perseus, nordamerikan. Meiaphysiker, geb. 29. Der. 1798 zu Danbnry in Connecticut, studirte Theologie, ward 1822 Pastor, als welcher er nach einander in Newton, Kent und Litchfield amtirte, bis er 1836 zum Professor der Theologie an das Western Reserve College iu Ohio berufen wurde; 1844 ward er Hiddcmann. Professor am theologischen Seminar zu Auburn und ging dann 1852 als Professor der Moralwissenschaft und als Vicepräsident an das Union College in Schenectady im Staate New-Iork. Am 1. März 1866 ward er Präsident des gedach- - ten College und am 20. Juli 1868 legte er sein Amt nieder und zog nach Amherst in Massachusetts. Er sehr.: Rational RszwiwIoA/, Auburn I 1848; Noral Loisuos, Schenectady 1853; Lm- xirioal Rs^olioloA^, or tüs üuman minä Zivsn in eonsoionsnsss, ebd. 1854; Rational OosmoloM, ^ New-Dork 1858; Orsator anä orsation, or tds , ünovlockAS in tüs Rsason ok 6oock anä 8is rvorics, Boston 1872; 8nmanitz- iminortal, or ülan trisä, kallsn anä rsässmsä, ebd. 1872; Rational Ro§io, or trns loZio must strilcs root in rsason, ebd. 1876. Bartling. Hickory der nordamerikan. weiße Wallnußbaum änAlans alba D.; die Rinde (8ioüorz'l>orü) ist wie Ouercitron zum Gelbfärben brauchbar, das Holz (Hielcor^vvooä) ist weiß, hart und zähe, wird zu Peitschenstöcken gebraucht; die Nüsse (8icicc>rzmuts) ^ sind zur Mast anwendbar, auch wird daraus ein gutes Öl bereitet u. ihres Wohlgeschmackes wegen werden sie unseren Wallnüssen vorgezogen; sie ^ kommen daher als Handelsartikel auch zu uns. Hickory, County im nordamerikan. Unionsst. Missouri unt. 33° n. Br. u. 93° w. L.; 6452Ew. Countysitz: Hermitage. «io llkoäus, kio ssltus (lat.), hier (ist) Rhodus, hier (sei dein) Sprung (gemacht, auch 8. L., d. salta — springe), einer äsopischen Fabel entnommenes Sprichwort, womit man die, welche sich , rühmen, anderwärts große Dinge gethan zu haben, auffordert, dasselbe auch hier zu thun. Uilinge, s. Hide. Hidaja, s. Arab. Sprache u. Literatur, S. 7. Uiäsigo (span.; Riäaixo portug.), Sohn von Etwas, von lüjo Sohn und ul§o Etwas, Titel des niederen Adels auf den Pyrenäischen Halbinseln. Die 8-s sind entweder geboren (8-s äs natnralWn) oder erst durch königl. Belohnung > oder durch Erkaufung des Adeldiploms geadelte. - Erstere hatten früher den Vorzug in der öffentlichen Achtung, jetzt aber stehen die 8-s, einige Altadelige u. Ördensritter ausgenommen, wenn sie nicht sehr reich sind, den Bürgerlichen gleich. Um aber ja Niemand in seiner etwaigen adeligen Abkunft zu beeinträchtigen, gilt jedes Findelkind als 8. L. Hidalgo, County im nordamerikan. Unionsst. Texas unter 26° n. Br. u. 98° w. L>; 2387 Ew. Countysitz: Edinburg. Hidalgo y Costilla, Don Miguel, katholischer Pfarrer iu Dolores, erregte im Sept. 1810 die Revolution in Mejico gegen die Spanier, erhielt einen ungeheueren Zulauf, wurde im October Generalissimus der Jnsurgentenarmee, aber von Elisondo, einem anderen Jnsurgentensührer, im März 1811 bei Acatita de Bajan angegriffen, I in Chiguagno gefangen und hingerichtet. Val. > Mejico (Gesch.). Hiddemann, Friedrich, Genremaler der ? Gegenwart, geb. zu Düsseldorf 4. Oct. 1829, Sohn eines Musikers, ward 14 Jahre als Lehrling in der lithogr. Anstalt von Arnz u. Comp. 287 Hiddensee - — Hisro-olum. das., bezog 1848 die Akademie und ward Schüler erst von Lheod. Hildebrandt, dann von Schadow, der ihn zum Historienmaler ausbilden wollte, doch zog ihn das Volksleben kräftiger an. So entstanden der Besuch im Kerker und die Kartenlegerin (beide 1855); der Kindtausschmauß (1857); der Parkbcsuch; der Schulbesuch; fast lauter humoristische Stoffe. Weniger Glück hatte H. mit ernsten Bildern, wie der Brandstifter und der Dorf-Arzt. Nach 1860 behandelte H. mit Vorliebe Stoffe aus dem Jngendleben; so: Aus alten Tagen, Die Dorfschule, Am Sommernachmittag, Der Schularrest, Die Gratulanten, Der erste Fang, Im Verhör, Die Strafpredigt, Der Schiffsbau, Die Kaffevisite, Der schwarze Peter, Vor verschlossener Thür, Maikäfer flieg!. Die Hochzeit, Kirmesanfang, Das Quartett, Das WunLerthier; sein Hauptbild aber sind die Preußischen Werber (in der Nationalgalerie zu Berlin). H. bewährte sich auch als geistreichen Illustrator Fritz Reuters zu dessen Ut mine Stromtid er 35 Blätter zeichnete. .. Regnet. Hiddensee (Hiddens-Ö). eine 18 km lange u. nur 0,2s—3 km breite, sagenreiche Insel an der Westseite der Insel Rügen, von dieser durch den Schaproder und Bitter Bodden (beide durch die Meerenge Trog verbunden) getrennt, mit 6 Ortschaften und etwa 750 Ew., meist Fischern, die größtentheils in ärmlichen Hütten wohnen. Durch eine Sturmfluth wurde die Insel 1308 von Rügen und durch die Sturmfluthen vom 22. u. 23. Nov. 1867 ihr südlicher, flacher und sandiger Theil (der Gellen) von ihrem Haupttheile getrennt. Auch 1872 litt die Insel sehr durch Sturmfluthen. Auf der NSpitze der Insel liegt der 70 m hohe Bakenberg (Dornbusch), bei dem 1864 mehrere kleine Seegefechte zwischen Preußen und Dänen startfanden. H- Berns. Müs (engl.), s. v. w. Hufe, in Altcngland 100 engl. Acker —40, 4 g, Hektare; die für ein solches Stück Land entrichtete Abgabe OlcknAs. Hidekel (Hiddekel), Fluß im Paradies, s. d. Hiebler, Jakob,Maler im 16. Jahrh., bekannt durch seinen Todtemanz, s. d. Hiel, 1) der viereckige Fuß eines Mastbaumes, mit dem dessen unteres Ende in die Spur zu stehen kommt und dort verkeilt wird, sowie der viereckige Fuß der Stenge mit dem zur Aufnahme des Schloßholzes (s. d.) dienenden Schloßgat. 2) H. der Spanten, ihr Fuß, mit dem sie aus dem Kiele ruhen. 3) H. des Kieles, das hinterste Ende, auf dem der Fuß des Achterstevens ruht. Ein Schiff hielt, wenn es hinten tiefer liegt als vorne. Hiel, H. von Bethel, welcher die mit Fluch belegte Stadt Jericho wieder aufbaute. Hiel, Emanuel, flämischer Dichter, geb. in Dendermonde 1834, war zuerst Lehrer in Brüssel, später Zollbeamter. Bekannt sind seine Msnrrs Oisckeksns (1861), Gedichten (1863), Psalmen, 2kmZon su oratorios (1869); Os liskäs in bst lsvsu (1870). Neuestens hat H., dessen große Gesänge Lucifer u. Os Lobeiäs von Benoit in Musik gesetzt wurden, sich auch als Kinderliederdichter bewährt in seinen Oisäsrsn vosr kleins sn Zroots Lincksrsn, die Gheluwe für die Schule in Musik gesetzt hat, Brügge 1875. Viele seiner Gedichte sind ins Deutsche übersetzt u. eine Sammlung seiner Gedichte in blecksrlauäsebs Libliotbsk, Lpz. 1874, 1 Bd. Wenzclbm'ger. Hicmal (v. Lat.), winterlich. Hiemanten (v. Lat.), cig. Überwinternde, solche Excommunicirte, die, um in die Kirche wieder ausgenommen zu werden, der Kirchenbuße sich unterwarfen, u. deßhalb im ersten Jahr weinend unter freiemHimmel vor denKirchenthüren stehen mußten. Hiempsal, 1) Enkel des Massiuissa und Sohn des Königs Micipsa von Nnmidien, sollte nach seines Vaters Tode das Reich mit seinen Brüdern Adherbal u. Jugurtha theilen, wurde aber 117 v. Ehr. auf Veranlassung des Letzteren ermordet. 2) H. II., Sohn des Gauda, Neffe des Jugurtha, König von Nnmidien (s. d.). lliems (lat.), s. Winter. Hiendelaencina, Dorf in der span. Provinz Guadalajara, auf einem hohen, kahlen u. kalten Gneißplateau am Fuße des Castilischsn Scheidegebirges, berühmt durch seine reichen Silbcrerz- bergwerke (1844 entdeckt), sowie durch seine Lager von silberhaltigem Bleiglanz, Spateisen u. Kupferkies; 4068 Ew. In dem die weiße Kieselgrnbe genannten Silberbergwerk wurde 1865 durch Auffindung von Werkzeugen, Götzenbildern rc. ein schon von den Karthagern betriebenes Bergwerk entdeckt. Hienfong, Kaiser von China, geb. 1831, reg. von 1850—61. Seine für China nur Unglück bringende Regierung bezeichnten der große innere Aufruhr der Taipings u. der verlustvolle Krieg mit England u. Frankreich, s. China, S. 761 ff. Hienzen, Bewohner des großen Landstrichs in Ungarn, der sich von Preßburg längs der Donau bis zur Stadt Raab u. von hier längs der Raab bis zur steierschen Grenze erstreckt; etwa 300,000 Seelen. Sie gelten für die Nachkommen von deutschen Einwanderern, die um 1250 aus Steiermark gekommen sein sollen u. bis jetzt ihr Deutsch» thnm bewahrt haben. Hier .... (gr.), heilig- Hieracrtcn, Anhänger des Hierax. Meravinm lDun, Pflanzengatt, der Fam. Ooinpositas-Lioborisas, mehrjährige Pflanzen mit grundständigen Mattrosetten, welche häufig Ausläufer bilden, mehr od. weniger beblätterten Stengeln u. einzelnen oder mehreren, oft zahlreichen, verschieden angeordneten Blllthenköpfe», deren Hüllblätter dachziegelartig gestellt sind. Früchtchen (Achänien) lOrippig, fast cylindrisch, nicht ge- schnäbelt, Haarkelch aus steifen, zerbrechlichen, am Grunde nicht dickeren Haaren. Zahlreiche Arten auf der nördl. Hemisphäre, auf den Alpen u. a. europäischen Hochgebirgen. Die Begrenzung der Arten ist in dieser Gattung ungemein erschwert, weil die Bastardbildung eine sehr verbreitete ist u. die fruchtbaren Bastarde wieder mit anderen Formen Bastardirungen cingehen, wie dies auch bei den Weiden der Fall ist. Häufige und verbreitete Arten find folgende: L.) OikossUoicksa: Grundständige Blätter sitzend oder kurz gestielt, meist ganzrandig; Stengelblätter sparsam oder fehlend; Früchte klein, am oberen Rande gekerbt, Haarkrone einreihig. Viele Arten bilden Aus- 288 Hierapolis. läufer. >1. kikaseiia I,. niit unterseiis mehr od. weniger dicht grau sterilfilzigen Blättern, einzelnen, mittelgroßen, endständigen Köpfchen mit kurz cylindrischer Hülle, mit spitzen Hüllblättern und mit untcrscits purpurn gestreiften Blumeukrouen; sehr verbreitet in der Ebene u. im Gebirge. Nahe verwandt ist das in den Alpen verbreitete 8. 8oppeauum 8. ä.nriouia D., ausläufer- trcibend mit lanzettlichen, graugrünen, meist nur am Grunde von schläugeligen Borsten gewimperten Blättern und 2—6 (seltener nur einem) kleinen, lockeren oder dichtdoldeurispigen Blüthenköpfen, deren lineal-lanzettliche Hüllblätter schwärzlich u. mit zerstreuten Drüsenhaareu besetzt sind; sehr verbreitet in der Ebene u. den Gebirgen. Nahestehend ist das alpine 8. anAuatikolium 8oMS. 8. xraealtum mit lanzettlichen, spitzen, am Rande und unterseiis an der Mittelrippe steis- borstigen Grnndbläitern u. stciseni, hohem, unterwärts nur wenige Blätter tragenden Stengel, an welchem die kleinen, mit Stern-, Drüsen- unl Borstenhaaren bekleideten Kopse eine vielköpfige Doldenrispe bilden. Auf trockenen Plätzen häufig. In den südlichen Alpen ist nicht selten das verwandte 8. üorsntinum AW Die letztgenannten Arten besitzen graugrüne Blätter, hingegen sind dieselben grasgrün oder gelblich grün bei folgenden: 8. eoiuoiäes DumWtM»', meist ohne Ausläufer, die länglich lanzettlichen Blätter und der beblätterte Stengel sind mit steifen Borsten, die in einer Vertiefung stehen, dicht besetzt; Blüthen- köpfe ziemlich klein, dicht oder locker doldenrispig; aus sonnigen Hügeln u. Mauern. 8. o^moanm T,., Stengel nur wenig beblättert, Blätter beiderseits sternhaarig, inirere Hüllblätter der ziemlich kleinen doldenrispigen Blüthenköpfe spitz; auf sonnigen Hügeln. 8. prabsnss dem vorigen ähnlich, aber die Blätter ohne oder nur unterseiis mit sparsamen Sternhaaren und mit stumpfen inneren Hüllblättern; häufiger als die beiden vorigen Arten, bes. aus etwas feuchten Wiesen u. in lichten Gebüschen. 8. aurantiaoum D., dem vorigen ähnlich, aber mit nur 2—10 locker stehenden mittelgroßen Blüthenköpfen, unterscheidet sich von allen genannten durch die scharlach-rothbraunen Blüthen, derentwegen es auch als Zierpflanze cultivirt wird; heimisch aus den Alpen u. Sudeten, Karpathen u. anderen Hochgebirgen. L) ^.refiie- raeia, mit unregelmäßig Lachz-iegelig oder spiralig vielreihig gestellten Hüllblättern u. großen Früchtchen, in deren starrer Haarkrone die Haare zwei, reihig stehen u. theils lang, theils kurz sind. 8. alpinum L., mit ein- oder wenig kopfigem 'Stengel, der mit grauen Sternhaaren bedeckt u. außerdem wie die Köpfe dicht wollig ist; sehr verbreitet in den Alpen n. anderen Hochgebirgen. Bildet zahlreiche Mittelformen mit anderen Arten. 8. viUo- snirr mit graugrünen, länglich lanzettlichen Grnndbläitern, halbstengelumfassenden Stengelblättern u. sehr langhaarigen, ziemlich großen Blüthenköpfen; in den Alpen verbreitet. Nahe- stehend das ebenfalls alpine 8. Zlabratum 8oM«. 8. Alanenm A.//., mit kahlen, graugrünen Blättern n. kahlem, un erwärts beblättertem Stengel, welcher zwei oder mehr lang gestielte Kopse trägt, deren Hüllblätter von Sternhaaren grau sind; in den ganzen Alpen n. Voralpen verbreitet. Ver- - wandt ist das mehr in den südlichen Alpen vorkommende 8. xorrikolinm L. u. zahlreiche andere Formten. 8. amplsxieauls L., dicht drüsig behaart, mit dicken, länglich elliptischen, grob gezähnten Grundblättern u. sitzenden od. halbstengelumfassenden, eiförmigen Stengelblättern u. mit z oder mehr Blüthenköpfen; in den Alpen u. Voralpen. Sehr nahe verwandt ist 8. pulmonarioiäsz PW. 8. albicknw PW., von allen durch seine blaßgelben Blüthen verschieden; in den Hochalpen. 8. murorum I/., mit zahlreichen, lang gestielten Roscttenblättern, wenigen Stengelblättern, ober- wärts sternftlzigem u. drüsigein Stengel mit vielköpfiger Doldenrispe und cylindrischen glockigen Hüllen, deren innere Hüllblätter spitz sind; sehr verbreitet in Wäldern, Gebüschen u. auf Mauern, - 8. vui^atum ibVres, meist grasgrün, mit stärker beblättertem Stengel, dicht sternfilzigen, schwarz Lrüscnhaarigen Blllthensticlen, kurz glockenförmigen Hüllen u. stumpfen inneren Hüllblättern; in Wäldern n. Gebüschen verbreitet, sowol in der Ebene als in den Hochgebirgen, bildet mit anderen Arten zahlreiche Mittelsornien. 8. xisnantiwiäes IW., mit dicht beblättertem Stengel, stengelumfassenden, länglich lanzettlichen Blättern u. fast traubig an- ' geordneten Blüthenköpfen auf dicht drüsigen und filzigen Blüthenstielen; in den Alpen u. den Sudeten, auch iin Schwarzwald. 8. borenio Fh-res., mit langem, dicht beblättertem Stengel, eiförmigen bis lanzettlichen, gezähnten u. gewimperten Blät- s lern u. mit mittelgroßen, in Rispen oder Dolden- ! rispen stehenden Blüthenköpfen; blüht erst im Spätsommer, in Wäldern u. Gebüschen nicht selten; nahestehend das seltenere 8. sabauäuiw D. 8. umbeUabum D., mit steifem, dicht beblättertem Stengel, sitzenden, lanzettlichen, am Rande abwärts gerollten Blättern u. mittelgroßen, dicht doldenrispig gestellten Blüthenköpfen, deren äußere Hüllblätter an der Spitze zurückgebogcn sind; nicht selten in Gebüschen u. auf Tristen. 6) Lbsnotbvoa, mit sehr kurzen, äußeren und längeren inneren Hüllblättern; Haarkrone aus einem Kreis von Haaren gebildet. 8. statieikvlium PW., mit linealischen oder lineal lanzettlichen, kahlen Grund- vlättern u. säst blattlosem, 1—3 köpfigem Stengel, dessen Blüthenköpfe mit zahlreichen, grauen, zugc- spitzten Hüllblättern versehen sind. Sehr verbreitet in den Alpen u. mit den Alpenflüfseu weit hinuntersteigend. Engter. Hierapölis (a. Geogr.), 1) reiche Stadt in Phrygieu, aus einem Berge zwischen dem Lykos u. Mäander, mit Tempel der Kybele, großen Krappsärbereien u. Marmorbrüchen; die Gegend enthieck heiße Quellen (die noch jetzt alles ver- i steinern) u. Bäder; eine Höhle (Plutonion) hauchte ! verpestende Dünste aus; H. war die Vaterstadt des Epiktstes; der Apostel Paulus stiftete hier eine christliche Gemeinde, deren erster Lehrer Epaphras war, u. der Apostel Philippus litt hier den Mär- tyrertod; jetzt Pambuk Kalessi; 2) Stadt in der Provinz Kyrrhestike (Syrien), am Saugas, hieß erst Mabog, dann Bambyke u. wurde von Gelenkes Nikator H. genannt, weil hier der berühmte Tempel derDerketo od. Atargatis stand, u. wurde nachmals Hauptstadt der Provinz Euphratenjis; 289 Hierarchie — der Tempel war so reich, daß der Römerseldherr Krassus, der sich H.' bemächtigte, mehrere Tage brauchte, um die Scbätze wiegen zu lassen; H. war außerdem durch Handel, befand, aber wegen ihres Baumwolleubaues bekannt; Ruinen, j. Bam- big od. Mambedsch. Hierarchie (v. Gr., d. i. heilige Herrschaft), derjenige, meist in sich abgestuste Stand, der in irgend einer Religion die Vermittelung zwischen der Gottheit u. den Menschen ausschließlich für sich in Anspruch nimmt, bes. der römisch-katholische Klerus, sofern in ihm die hierarchische Idee am meisten konsequent durchgesührt ist. Die 3 Functionen der Hierarchie sind hier maZistsrlum, das Lehramt, oräovder vainiotsilum, das Priesterthum, zurmäiobio, die Regierung. Der Träger der ganzen Hierarchie ist der Papst als des Petrus Nachfolger, Christi n. Gottes Stellvertreter, n. von ihm aus gliedert sich die H. in die 3 Stufen der Bischöfe (mit besonderen Vollmachten der Jurisdiction, Patriarchen, Exarchen, Primaten, Metropoliten, Erzbischöfe), der Presbyter, der Diaconen (mit den Unterstufen der Subdiaconen, Acoluthen, Exorcisten, Lectoren, Ostiarii). Die Art, wie diese heilige Herrschaft aber vom 1t, bis 13. Jahrh. durch einen Papst Gregor u. a. geübt wurde, ließ dieselbe als Despotismus erscheinen. Löffler. Hieratische Schrift, s. u. Hieroglyphen. Hieratischer Stil, der älteste Stil der hellenischen Plastik; in Hinsicht der Form gleichbedeutend mit archaistischer Stil (s. Archaismus), hinsichtlich des Inhalts der Darstellungen so viel als heiliger oder Tempelstil, weil in diesem Stil, der in seiner Gestaltungsweise mit der starren Regelmäßigkeit u. herben Nüchternheit der Gliederung der ägyptischen u. altassyrischen Tempelplastik viel Verwandtschaft zeigt, die ersten Götter- und Heroenfigureu als Gegenstände des religiösen Cultus behandelt wurden. Zu den berühmtesten u. spätesten Denkmälern dieses Stils gehören die Giebelscnlpturen des TempelszuÄgina(s. ÄginetischeKunst), welche durch ihre naturalistische Behandlung der Körperforme» bereits einen Übergang zu dem sogen, hohen Stil der hellenischen Plastik andeuten. Schasler. Hierax (Hieräkas), aus Leontopolis in Ägypten gegen Ende des 3. Jahrh.; er war ein Gelehrter, Arzt u. Astronom, bes. als Kalligraph im Koptischen u. Griechischen berühmt; seine Theologie scheint von der origenistischen ausgegangen zu sein, wie seine allegorisirende Schriftauslegung u. seine Auffassung der Trinität (Vater u. Sohn wie eine in 2 getheilte brennende Fackel) beweist. Als strenger Asket, der die Ehe gänzlich verwarf, Fleisch u. Wein verbot, sammelte er einen gleich- gesinnten Asketenverein (Hierakitcn) um sich, der bald verschwand. Löffler. Hiero, s. Hieran. Hierodulenfgr., Tempelsklaven,Tempeldiener), allgemein alle, welche in einem Tempel Dienste bei dem Cultus thalen; im engeren Sinne Personen, welche für ihre Person mit ihren Nachkommen einem Tempel zum ewigen Eigenthum geweiht waren u. auf den Tempelgütern arbeiteten u. im Tempel allerhand niedere Dienste thateu; die weiblichen gaben sich auch den Tempelbesuchern Pierers Universal-ConversatümL-Lerilon. 8 Aufl. X. l Hieroglyphen. gegen ein der Gottheit gebrachtes Geschenk Pr--i§, namentlich geschah dies in den vorderasiatischen Städten. In der Kunst werden H. dargestellt mit kurzem, durchsichtigem Gewand bekleidet, einen Kranz auf den aufgebundeuen Haaren, auf den Fußzehen tanzend u. die Arme dazu hoch erhoben; vgl. Hirt, Über die H,, Berl. 1818. In der Griechischen Kirche heißen niedere Kirchendiener H. Hieroglyphen (gr., d. i. eigentlich heiliges Bildwerk, heilige Schrift) heißen die Zeichen der ägyptischen Bilderschrift, wie sie, durch Jahrtausende hindurch angewendet, sich noch in Ägypten u. Nubien auf Pyramiden, Obelisken, Tempelwänden, Gräbern, Gefäßen rc. finden. Im Speciellen bc- deutet Hieroglyphische Schrift (der Etymolo- gie nach) nur die aus den Denkmälern eingegrabene heilige Schrift im Gegensätze zu den verschiedenen Cursivschriften, die in Büchern, sowie im Verkehr des gewöhnlichen Lebens gebraucht wurden. Die H. sollen eine Erfindung des Thaut gewesen sein u. waren die älteste u. ursprünglich wahrscheinlich die einzige Schrift der alten Ägypter; auf den Denkmälern selbst wird sie die Schrift der göttlichen Worte genannt; sie besteht aus mehr oder weniger treuen Abbildungen vou Gegenständen aller Art, welche entweder in die Oberfläche der Denkmäler eingegraben oder im Relief herausgearbeitet, oder (wie namentlich bei den großen Wandscnlpturen) in der Vertiefung erhaben dar- gestellt ist (Rsiiek so oroux). Sehr häufig führte man die Zeichen in Farben aus, sie erscheinen auf glatten Wänden bald bunt, bald einfarbig, bald auch in bloßen Umrissen; in letzter, der einfachsten Form, wurden fast meist auch die H. verwendet, wenn man sich derselben für Papyrusrollen bediente, was aber nur bei heiligen Texten, wie namentlich für das Todtenbuch oder einzelne Abschnitte desselben, stattfand. Aus dieser eigentlich Hieroglyphische» Schrift entwickelte sich die Hieratische oder Priesterschrist, welche im Wesentlichen nur eine tachygraphische Abkürzung der elfteren ist, wodurch die Kenntlichkeit der Bilder zum größten Lyeile verloren ging; das Hieratische war vorzugsweise eine Bücherschrift u. wird nur ausnahmsweise auf Denkmälern gefunden, wie auf den Blöcken der Pyramiden von Gizeh u. den Gräbern der nächsten Umgebung. Ihren Namen erhielt die Hieratische Schrift jedenfalls erst, als die dritte Schriftgattung, dieDemotischeSchrist, aufgekommen war, weil sie seit dieser Zeit vorzugsweise nur von den Priestern für ihre priesterliche Literatur gebraucht wurde, während sie vorher auch für alle weltliche Schriftstücke u. daher nicht nur für den alten heiligen, sondern auch für den weltlichen Dialekt der Ägyptischen Sprache biente. Demot- ische Schrift (Enchorische u. Epistolographische Schrift), ging zunächst aus der Hieratischen hervor und zeigt eine noch weit größere Abkürzung der ursprünglichen BilLerzeicheu; letztere haben meist eine den Ursprung noch kaum verrarhende, ganz conventionelle Bedeutung angenommen; sie scheint sich während der großen Umgestaltungen im ägyp- tischen Leben seit Psammetich, etwa seit dem 7. Jahrhundert v. Chr., ans dem Bedürfnisse, auch die von der alten heiligen abweichende Volkssprache immer mehr schristfähig zu machen, 3 and. 290 Hieroglyphen. entwickelt zu haben; sie wurde daher in Proceß- acten, Verträgen, Briefen u. anderen profanen Schriftstücken angewendet und findet sich deshalb auch fast nur auf Papyrnsrollen, wenn sie auch in einzelnen Fällen auf Steindenkmalen, wie im mittleren Text der Inschrift von Rosette, einge- raben vorkommt. Alle drei Schriftarten blieben is etwa 300 n. Ehr. (der römische Kaiser Decius 251 wird noch erwähnt) in Gebrauch; als jedoch das Christenthnm die Herrschaft u. mit diesem die christliche Literatur Verbreitung erhielt, fing man an, sich des griechischen Alphabets zu bedienen, welchem sechs hieratische Zeichen hinzugesügt wurden; letztere noch gegenwärtig von den Kopten gebrauchte Schrift ist unter dem Namen der Koptischen Schrift bekannt. Die Kenntuiß der H. ging nach dem Untergange der ägyptischen Nationalität u. Gelehrsamkeit verloren; auch die mystische Erklärungsweise der Neu- platoniker u. Gnostiker, welche ihre Träumereien auf H. bauten, hat zu diesem Verluste ihrer Kenntniß beigetragen. Schon ini Alrerthum machte man Versuche, den später sprichwörtlich gewordenen dunkeln Sinn der H. zu enträthseln; der älteste Versuch dieser Art ist wol die Schrift von Horapollon, welcher sie als eine reine Bilderschrift symbolisch erklärt. Porphyrios theilte die H. ein in epistol- ische, welche in Buchstaben bestehen; hierogly- phische, welche Gegenstände Lurch analoge Bilder bezeichnen; u. symbolische, welche sich allegorischer Darstellungen bedienen. Clemens von Alexandrien gibt drei Arten von ägyptischer Schrift an: a) die epistolographische für den gewöhnlichen Gebrauch (bei Herodot u. Diodor demotische, auf dem Stein von Rosette enchorische genannt); b) die hieratische, deren sich die Priester bedienten; und o) die eigentliche Bilderschrift (/^äeellkrra 5ex>o---.vPrx«); letztere beiden Schriftarten werden von Herodot u. Diodor, sowie auf dem Stein von Rosette, unter dem Namen der heiligen Schrift zusammengefaßt. Erklärungen einzelner hieroglyphischer Inschriften ans dem Alterthum finden sich bei Tacitus (L.nn. 2, 60) u. Ammianns Marcellinus (17, 4). Im Mittelalter blieben die H. im Abendlande unbeachtet, während ihrer von arabischen Schriftstellern mehrfach gedacht wird; nach dem Wiederaufleben der klassischen Studien wurde die Aufmerksamkeit der europäischen Gelehrten auch auf das alte Ägypten und seine geheimnißvollen Denkmale gerichtet, ohne daß die Forschungen sich über grundlose Hypothesen erhoben hätten, wie von Pterins Valerius, Michele Mercati, Athanasius Kircher, Marsham, Freret, Warburton, Deguignes dein Älteren, Dorigny, Schumacher, Koch,Tychsen; aus demvorigenJahrh. ist nur Zoega mit Auszeichnung zu nennen, welcher in seinem Werke Os usu obsllseorum bereits 5 Klaffender eigentlichen H. unterschied/aus den Denkmälern 958 Charaktere nach 7 Ordnungen aufzeichnete u. auch verschiedene Epochen der Ausbildung, Veränderung u. der Anwendung der H. erkannte. Die erste gegründete Hoffnung zur Entzifferung der H. gab die Auffindung der Inschrift von Rosette (Reschid) durch die Gelehrten der französischen Expedition nach Ägypten 1798, welche in 3 Sprachen, der hieroglyphischen, demotischen und griechischer Übersetzung abgefaßt ist. Dieser Stein fiel bei dem Transport den Engländern in die Hände, welche ihn im Britischen Mn- seum aufstellten u. 1803 in der Lmtignarian 8ooish- bekannt machten. Dennoch machte die Entzifferung langsame Fortschritte; die Erklärungen der OsserlpÜou äs l'OMpts, wie die von Palm, Spohn u. A. waren unsicher und willkürlich; allein Silv. de Sacy (Osbtrs au oibozesu Oftaptal, Paris 1802) gelang cs in der demotischen Schrift eine Anzahl Gruppen, welche die Namen Pto> lemäus, Alexander, Arsinoe enthielten, richtig ans- zuscheiden, der schwedische Diplomat Äkerblad (Osbtrs au oltoz-ou 8i1v. äs 8asz- sur 1'iusorip- iiou SMptisuus äs Rosstts, Par. 1802) konnte ) schon den phonetischen Werth für die einzelnen Zei- - chen in diesen Namen bestimmen und so ein im Wesentlichen richtiges demotisches Alphabet bestimmen, Quatremere endlich (kselisrollss oritngnss ob läsboriguss sur 1a lauAus ob 1a Ilttsraburs äs l'LD'pbs, Par. 1808) bewies zuerst die Verwandtschaft des Koptischen mit dem Altägyptischen. In . ein neues Stadium trat das Entzifferungswer! ) durch Th. Uonng, welcher in Anknüpfung an Äker- ! blads Untersuchungen zuerst erkannte, daß die einzelnen Zeichen in den Namensschildern des eigentlich hieroglyphischen Textes den demotischenNamens- gruppen entsprachen und somit eine Art kleines hieroglyphisches Alphabet erhielt, welches er, wenn auch noch mit Unsicherheit, auf andere hieroglyph- ische Köuigsschilder anwandte. Aoung hatte seine Resultate auf scharfsinnige Weise vermittelst des hieratischen Textes der Inschrift von Rosette er- . langt; auch dieser Versuch blieb ohne durchgreif- l endes Resultat u. es blieb dem jüngeren Cham- pollion (s. d. 3) Vorbehalten, den Weg zur Aufhellung des Räthsels zu bahnen. Bereits 1821 hatte er in dem Schriftchen Os 1'seriturs ftisra- tigus äss auoisus OZ^ptisus (Grenoble 1821) nachgewiesen, daß die Hieratische Schrift, wenn die H., mit Ausnahme der Namensschilder, nur eine . ideographische Wortschrist sei, ebenfalls rein ideographisch sein müsse. Den entschiedensten Schritt in der Geschichte der Hieroglyphenentzifferiing that er jedoch in seiner berühmten Osttrs a. ^lr. Oaoisr (Par. 1822), worin er mit Hilfe eines Obelisken von Phylä (welchen Bankes 1815 zu Kingstonhall in der englischen Grafschaft Dorset hatte aufstellen lassen), durch Verglei.lung von Eigennamen (zunächst Ptolemäus u. Kleopatra) zu einem kleinen hieroglyphischen Alphabet gelangte; weiter führte er seine Untersuchungen zunächst im Orsois än sxstsrus IrisroAh'pIrigns (Paris 1824), während in den nach seinem Tode erschienenen Werken (Oraiuiuairö sAgPbisuus, 2 Bde., Par. 1836 ff.; Oiotiouuairs SA/ptisu ou serlturs 1risroAl/pIü- gus, Paris 1841 ff.; Llouumsubs äs 1'OAxpts 1835 und Isiotioss dazu 1844). die Resultate seiner wissenschaftlichen Reisen u. Forschungen veröffentlicht wurden. Auf der von Champollion ge- . schaffenen Grundlage erhoben sich die ihn bald > überholenden Forschungen von Rosellini, LeemauS, Birch, de Rouge, Lepsins, welcher letztere die gewonnenen Resultate für die Erkenntnis) der altägyp- tischenGeschichte fruchtbar zu machen aufing, u. stehen die fortwährend Umfang und Inhalt dieser nun I 291 Hieroglyphen. unter dem Namen Ägyptologie bekannten Wissenschaft bereichernden Studien der zahlreicheren jüngeren Gelehrten, von denen aus Deutschland Brugsch, Dümichen, Ebers, Eisenlohr, Lauth, Parthey, Reiuisch, aus anderen Ländern Goodwin, Chabas, Maspero, Mariette genannt sein mögen. Einen heftigen Widerspruch fand die Erklärungsmethode Champollions bei Gulianosch, Williams, Röth, vor Allem bei Seiffarth und dessen eifrigem Anhänger Uhlemann, ohne daß jedoch ! deren Versuche einen sicherern Weg der Erkenntniß ' gezeigt, noch daß sie weiteren Anklang gefunden hätten. Eine Übersicht u. Kritik der verschiedenen Systeme der H-deutung gibt Idelers Hermapion ' (Lpz. 1841, 2 " Tble.). Die hieroglyphische Schrift besteht aus ungefähr i 3000 Zeichen, aus denen das Schriftsystem zu- ! sammengesetzt ist. Diese Zeichen, mehr od. minder deutlich, bestehen einestheils aus lebenden Wesen, so Männern und Frauen in verschiedenen Stellungen, Säugethiereu, sowolHausthieren(Rind, Schaf, Schwein, Pferd, Esel, Hund, Affe), als wilden Thieren (Löwe, Tiger, Fuchs, Elephant, Rhinoceros, Gazelle, Giraffe), Vögeln, Amphibien s (Schildkröte, Eidechse, Schlange), Fischen, Jnsec- ten, Würmern, anderntheils aus Gegenständen aller Art, Bäumen u. Pflanzen, Gebäuden, Schif- x feu, Hausgsräth, Waffen, Schmucksachen, Wcrk- zeugen, Gefäßen, menschlichen u. thierischen Gl:e- ! Lern, endlich aus Götterbildern u. phantastischen ' Figuren. Die Männer und Thiere wenden ge- 1 wöhnlich Leu Kopf nach der rechten Seite; die s Schrift ist von rechts »ach links zu lesen. Die entgegengesetzte Richtung von der Linken zur Rechten j wird nur befolgt, indem der Schreiber den H. I gern das Aussehen von Seitenstllcken gab, namentlich in Beziehung auf Darstellungen. Diese Zeichen I theilen sich in zwei große Klassen, die der lant- 8 lichen u. die der bildlichen Zeichen. Die lautlichen Zeichen werden so ausgesprochen, daß sie f mit Hilfe der entsprechenden Buchstaben in den i Alphabeten anderer Sprachen umschrieben werden können; da die Bocale aber hier wie sehr häufig unterdrückt werden, so muß das fragliche Wort mit Hilfe der nöthigen Vocale umschrieben werden, was in den meisten Fällen sehr schwierig ist. So k ist ein Alphabet von 25 Zeichen festgestellt worden, l welches mit dem semitischen im Ganzen überein- I stimmt; daneben finden sich jedoch zahlreiche Variationen der einzelnen Zeichen, von denen ein Theil als Silben bezeichnend angenommen wird. Neben diesen hat eine wesentliche Bedeutung die zweite Klasse der bildlichen Zeichen. Bei der Vieldeutigkeit, welcher bei der Armuth der grammatischen Formen nothwendig die bloß lautlichen Zeichen unterliegen mußten, gelangte mau dazu, durch an deren Ende gesetzte bildliche Zeichen deren Bedeutung und Begriff auf eine mehr oder minder specielle Weise zu bestimmen. Auf diese Weise wurde durch ein hinter einen gewissen Lautcomplex gesetztes Zeichen, z. B. durch ein hinter die Buchstaben m s I> n (einsa-bn) gesetztes Krokodil dieser darin liegende Begriff zweifellos deutlich gemacht. Unter diesen bildlichen Zeichen sind wieder die speciellen und die generellen bes. zu unterscheiden. Die speciellen, wo das hintergesetzte Bild den Begriff genau präcifirt, sind leicht zu entziffern; schwieriger ist die Auffassung der generellen, welche eine ganze Kategorie von Begriffen, in welche auch der zu Erforschende fällt, bezeichnen. So kann die Hieroglyphe von Wasser zugleich Feuchtigkeit, Fluß, See, Meer, bedeuten, so dient ein Sperling zur näheren Bezeichnung aller Wörter, die schwach, krank, klein rc. bedeuten. Diese Anwendung der generellen Zeichen, die fast überall gefunden werden und die im Laufe der Zeit wahrscheinlich zum Theil rein phonetische Bedeutung erhalten haben, macht die Entzifferung der Texte immer noch sehr streitig u. läßt noch viele Partien derselben dunkel u. unaufgeklärt Namentlich ist in den späteren Zeiten Aegyptens, seit der Zeit der Ptolemäer, eine starke Vermehrung der Zeichen zu bemerken u. dadurch eine Masse noch unaufgeklärter Texte überliefert. Die in den H. überlieferte Sprache der alten Ägypter ist noch zu wenig durchforscht u. in ihre« Einzelheiten sichergestellt, als daß ein genaueres Bild von ihr gegeben werden könnte. Sie gehört zu dem hamitischen (s. Hamiten) Sprachstamm, der in Verwandtschaft mit den semitischen Sprachen (s. d.) gesetzt wird, hat sich noch nicht zu der Unterscheidung der Formen, wie die indogermanischen Sprachen, zu dem Unterschied von Verbum und Nomen, von Casus, von Tempus- u. Modnsfor- men heransgebildet, Ihre Tochtersprache ist daS Koptische (s. d.). Überaus zahlreich ist die Literatur, welche in den verschiedenen Arten der hiero- glyphischen Schrift überliefert ist und welche durch neue Entdeckungen jedes Jahr auschwillt. Auf Tempeln, Obelisken, Gräbern, Steintafeln, Gefäßen in Stein, nicht minder auf Holz und auf Papyrusrollen ist ein ungeheures Material übrig geblieben, das zum kleinsten Theile bis jetzt erst aufgedeckt u. abgeschrieben ist. Von den Tempelinschriften find die bedeutendsten Inschriften die der Tempel von Abydos, Theben, Abu Simbel, Philä, Dendereh, ELfu, Esne, fast alle religiösen Inhalts, wie überhaupt der religiöse Glaube u. die religiöse Form das Durchdringende des altägyptischen Lebens war. Von den Papyrusrollen sind die bedeutendsten das Todtenbuch, einein Verstorbenen in den Sarg beigelegt, in verschiedenen Fassungen; neben diesem sind andere größere Überbleibsel mystisch-religiösen Inhalts (das Buch der Wiederbelebung, 1s, libanie cku solsit), dann historische Denkmäler (der fkapxrus Harris), geographische, ferner medicinische (der ausführlichste der kap/rus Lbsrs), praktische Philosophie u. Moral u. märchenhafte Erzählungen enthaltende Papyrusrolleu bekannt geworden. Die größten Sammlungen ägyptischer Denkmäler mit Inschriften u. Papyrus finden sich in Paris, London, Leyden, Berlin, Turin, Neapel u. Rom. Außer der großen I)s- soriptiou äg l'LZzrpbg u. einigen bereits erwähnten' Werken sind die Hauptwerke für ägyptische Monumente von Rosellini, Pisa 1830—1833, 9 Büe.; Lepsius, Berl. 1849—59, 90 Lieferungen; Brugsch, Uouumsnts ä'L§/pts, Berl. 1857 ff., u. Mariette, Par. 1859 ff. Einzelne Publicationen sind: Lepsius, Das Todtenbuch, Berlin 1842; Dümichen, Kalenderinschriften, Leipz. 1866; Tempelinschriften, 1867; Inschriften altägyptischerDeuk- 19 * 292 Hieroglyphik mäler, 1867 ff.' Brugsch, Geographische Inschriften, Leipz. 1857, der Papyrus Ebers von diesem, Leipzig 1875, und viele andere. Zur grammatischen Erforschung der Sprache dienen neuerdings Brugsch, 6lrammuirs äsmotigus, Leipzig 1855; Hieroglyphische Grammatik, Leipz. 1872; Le Page Renouf, slsmsntar^ Arammar ok tüs unoisub RMptiau Aiamms-r, Lond. 1875; Maspero, Ros kormss äs 1a oonjuAuisou su öA/ptisnantignssbo., Par. 1873; Brugsch, Hieroglyphisches Wörterbuch, Lpz. 1867 ff. Die durch die Erforschung der H. auf andere Basis gestellte historische Forschung stellen dar: Bunsen, Aegyptens Stellung in der Weltgeschichte, Hamb. 1844 ff., 6 Bde. (vgl. dazu v. Gutschmid, Beiträge zur Geschichte des alten Orients, Lpz. 1858); Lepsius, Königsbuch, Berl. 1858; Brugsch, Llisboirs äs 1'R^pbs, 2. Aufl., Lpz. 1875; Maspero, Risboirs uueisrms , äss psuplss äs 1'Oriont, Par. 1875; Deutsche Übersetzung von Pietschmann, Lpz. 1877. Ein Organ für alle diese Forschungen besteht in der seit 1863 erscheinenden Zeitschrift für ägyptische Alterthumskunde. Thielemann. Hieroglyphik (v. Gr.), die Kunst in Hieroglyphen zu schreiben od. sie zu deuten. Hierogramma, Hierogramm (griech., so v. w. heilige Schrift), bei den alten Ägyptern die geheime Priesterschrist. Hierogrammateis (Hierogrammatisten), eine Priestcrklasse in Ägypten, welche die heiligen traditionellen Gebräuche erklärten u. ihre Beobachtung beim Gottesdienst controlirten, die Fortführung der Tempelchroniken u. der heiligen Bücher besorgten u. die Priestersöhne unterrichteten. Aus den Denkmälern erscheinen sie, den Kopf mit Federn geschmückt u. ein Buch, Richtscheit u. Schreibrohr tragend. Hierogräpha (gr.), sinnbildliche Darstellung heiliger Gegenstände; diese Darstellungsart Hier»- graphie. Hierökles, 1) H., lebte um 300 n. Ehr., römischer Statthalter von Bithynien, dann von Alexandrien; er rieth dem Diocletian zur Christenverfolgung 302 u. schr. an die Christen die roöc Xxuurlar-oÜL, durch die Gegenschriften des Lactantius u. Eusebius von Cäsarea bekannt. 2) H., Neuplatoniker, Schüler des Plu- tarch von Athen, in der ersten Halste des 5. Jahrh. u. Chr., Lehrer der Eklektischen Philosophie zu Alexandria n. Vorstand der dasigen Schule; dessen philosophische Schriften (über Vorsehung, Schicksal, freien Willen rc.) im Änszuge bei Photios u. in Fragmenten bei Stobäos übrig sind; erhalten ist der Commentar über die Goldnen Sprüche des Pythagoras, herausgeg. von I. Curterius, Paris 1583; Mullach, Berl. 1853; deursch von Schult- heß, Zur. 1778; u. die ihm untergeschobenen, wol einer späteren Zeit erst angehörenden l-ck-urr« (eine Anekdotensammlung), herausgegeben von Schier, Lpz. 1750; von Coray, Par. 1812; Boissonade, 1848; deutsch von Namler, Berl. 1782; zusammen von Pearson, Lond. 1655 u. 1673, 2 Bde., und Needham, Cambr. 1709. 3) H. Grammatikos, nach Einigen um 530» nach Anderen später; er schr.: Lrir-exrki^ok(BeschreibnngdesByzantischenReichs) im ersten Bande von Banduris Impsr. oriental. — Hieron. und in Wesselings Votsra Rom. itinsraria, ill neuerer Zeit herausgegeb. von Tafel, Tüb. 184S, u. Parthey, Berl. 1866. R Löffler. Hierokratie, im Gegensätze zu Hierarchie, der heiligen kirchlichen Herrschaft, die kirchliche Regier- ungssorm. Hierologie (gr.), Gespräch, Rede von heiligen u. göttlichen Dingen, z. B. eine Predigt, geistlicher Spruch dein: Einsegnen der Confirmandeu rc.; daher überhaupt so v. w. Einsegnung. Hieromantie (v. Gr.), Wahrsagung aus den Opfern, bes. aus der Beschaffenheit der Opferthiere (Empyra), od. aus den äußeren Theilen u. Bewegungen derselben (Thytike), oder aus der die Thiere verzehrenden Flamme (Pyromantie), oder ans dem davon aufsteigenden Rauche (Kapnomau- tie), oder aus den bei den Opfern gebrauchten Kuchen, Mehl, Wein, Wasser rc. (Libanomantie, Önomantie, Krithomantie). Hieromonächoi, in der griech. Kirche zu Prie- stern geweihte Mönche. Hieron (Hiero), 1)H. der Ältere, Sohn des Dinomenes von Gcla, folgte, als sein ältester Bruder Gelon, 484 v. Chr., Herrscher von Syrakus wurde, diesem selbst als Tyrann von Gela u. wurde nach demselben 478 König von Syrakus; doch konnte er sich hier nur durch Energie u. fremde Söldner gegen die wieder austauchenden Parteien des Adels erhalten, an deren Spitze sein jüngerer Bruder Polyzelos, der mit Theron von Agrigent verbündet war, sich stellte. Der deshalb gegen Theron geführte Krieg endete bald durch einen günstige» Frieden, da H. großmüthig dem Gegner das von Himera ihm gemachte Anerbieten des Abfalls meldete. H. unterwarf sich darauf Naxos u. Katana, leistete 474 den Cumäern in Italien gegen die Tyrrhener Beistand, wie schon früher den Lokrern gegen den Tyrannen Anaxilas von Rhegium, u. befreite 470 die Agrigentiner von dem grausame» Thrasydäos. Nachdem er sich so in Italien und Sicilieu Ansehen u. Freundschaften erworben, auch seine Herrschast in Syrakus befestigt hatte, regierte er ruhig u. beschützte bes. Künste u. Wissenschaften; er sah die Dichter Simonides, Bakchylides, Äschylos und Pindaros an seinem Hof, welcher letztere mehrere Hymnen auf ihn, als Sieger i» den griechischen Nationalspielen, dichtete, u. st. 467 v. Chr. in der Stadt Ätna. 2 ) H. der Jüngere, aus dem alten syrakusanischenKönigsgeschlecht, Sohn des Hierökles, hatte sich in dem Heere des Königs Pyrrhos von Epiros, als dieser auf Sici- lien kämpfte, zum Krieger gebildet u. wurde nach dem Abzug der Epiroten 275 v. Chr. zum Feldherrn der Sicilier gegen die Karthager gewählt. Ms 270 in Syrakus wieder ein Aufstand der Demokraten ausbrach, wurde der mit einem Söldnerheer bei Megara gegen die Mamertiner im Felde stehende H. herbeigernfen, kam heimlich mit Hilfe der Aristokraten in die Stadt, dämpfte de» Ausstand, ordnete das Staatswesen mit Umsicht u. Milde, schlug dann die Mamertiner bei Mylä u. wurde von den Syrakusanern aus Dankbarkeit, 268 vor Chr. aus den Thron berusen. Damals mischten sich neben den Karthagern auch die Römer in die sicilischen Angelegenheiten; H. verband sich erst mit den Karthagern gegen die mit den Hieronymianer — Hieronymus. 293 Mamertinern verbündeten Römer, aber von dem Consul App. Claudius geschlagen, schloß er sich den Römern an, zahlte ihnen bis 248 jährlich 100 Talente Silber und unterstützte sie rm ersten und zweiten Pnnischen Kriege durch Schiffe u. Provi- antliefernng. Er st. nach 54jähriger Regierung in hohem Alter 215 v. Chr. Unter seiner milden und meist friedlichen Regierung blühte Syrakns wieder auf, er förderte durch weise Maßregeln Gewerbe und Ackerbau, namentlich ordnete er die Pachte der Staatsgüter, Zehnten von Getreide, Oel rc.; den Wohlstand des Landes benutzte er auch zur Füllung des Schatzes und zu Prachtbauten, und bes. berühmt im ganzen Alterthmn war das Prachtschiff (H-s Schiss), welches ihm der Korinther Archias baute, dessen pompöse Beschreibung aber Einige für eine dichterische Fiction oder wenigstens Ausschmückung halten. H°nne-AmRM.» Hieronymianer, 1) so v. w. Brüder des gemeinsamen Lebens; 2) so v. w. Hieronymiten. Hieronymitcn, Eremiten, die als arme Brüder (Schwestern) um der Liebe Christi willen das Cönobitenleben wählten u. sich unter den Schutz des heil. Hieronymus stellten. Die verschiedenen Zweige des Ordens sind: 1) (Hieronymianer) in Spanien und Portugal, gestiftet um 1370 bei Toledo durch den Portugiesen Vasco vom dritten Orden des St. Franz, mit Hilfe des Kammerherrn Peter Ferdinand Pecha, 1373 von Gregor XI. bestätigt, jetzt aufgehoben; nur in Amerika noch blühend. Die Nonnen (Hieronymitinnen), in Spanien, 1375 gestiftet von Maria Garcias mit dem Kloster San Pablo zu Toledo; jetzt aufge- hoben. 2) H. von der Observanz (H. von der Lombardei), 1424 von Lupus d'Olmedo, dem dritten General der H., als abgesonderte Con- grcgation in Spanien errichtet, 1426 von Martin V. bestätigt; 1429 nach Italien verpflanzt (in Spanien 1595 aufgehoben); haben in Italien noch einige Klöster. 3) Einsiedler des St. Hieronymus von der Congregarion des seligen Peter von Pisa; gestiftet 1381 von Peter Gambacorti von Pisa in einer Einöde bei Montebello, mit einer von ihm bekehrten Räuberbande, für strengen Wandel; jetzt auf wenige Kloster redncirt. Löffler.* Hieronymus. I. Könige: 1) H., Enkel Hierorts, Gelons Sohn, folgte seinem Großvater 215 v. Chr. als König von Syrakus u. schloß sich den Karthagern an; durch Wollust u. Grausamkeit den Syrakufanern verhaßt, wurde er 214 bei einem Aufstande erschlagen; s. Syrakus (Gesch.). 2) König von Westfalen, s. Bonaparte 35). II. Alte Schriftsteller: 3) H. aus Kardia, geb. um 365 v. Chr., hochbegabter Grieche, von niederem Herkommen, zeichnete sich zuerst im Dienste seines Landsmannes, des berühmten Diadochen Eumenes (s. d. 1) aus und wurde von diesem als Unterhändler mit Antigonos gebraucht; er kam bei Eumenes' Tod in des Antigonos Gefangenschaft, gewann dessen Gnade u. Gunst, wurde Oberaufseher über den Asphaltsee in Judäa, dann Statthalter in Syrien; in der Schlacht bei Jpsos kämpfte er an der Seite des Antigonos, diente nachher dem Demotrios Poliorketes, unter dem er Statthalter zu Thespiä in Böotien war, u. dem ^ Antigonos Gonatas, u. st. 104 Jahre alt um 260 w. Chr. H. schrieb eine Geschichte Alexanders d. Großen, ebenso beschrieb er die Schicksale der Diadochen und der Epigonen bis zur Zeit des Antigonos Gonatas. 4) H. aus Rhodos, Peri- patetiker u. Schriftsteller unter Ptolemäos Phila- delphos. III. Heilige u. Geistliche: 5) St. H. Sophronius Eusebius, geb. 331 zn Stridon (in Dalmatien, oder nach Dankos Schrift darüber Mainz 1875) in Ungarn, jetzt Muraköz), wurde in Rom erzogen u. neigte sich dein Christenthum zu; er durchreiste Gallien u. ließ sich 360 in Rom taufen; darauf hielt er sich zu Aquileja auf, ging 373 mit Euagrius u. Jnnocentius nach dem Orient, verweilte in Antiochien u. Jerusalem u. lebte seit 374 als Asket in einer Wüste bei Chalkis in Syrien. Kirchliche Streitigkeiten, besonders die Meletianische Spaltung, führten ihn wieder nach Antiochien (378), wo ihn der Bischof Paulinus zum Presbyter weihte. 379 ging er nach Con- stantinopel n. Alexandrien, um dort den Gregor v. Nazianz, hier den Didymos zu hören. Auf der Synode zu Rom 382 unterstützte er längere Zeit den Papst Damasns in kirchlichen Geschäften u. nach Einigen war er dessen Geheimschreiber. Auf Anrathen dieses Bischofs revidirte er die Jtala, was ihn zur Abfassung der Vulgata, ver- anlaßte. In Rom förderte er das asketische Leben mit allem Eifer und wirkte in dieser Hinsicht auf mehrere vornehme Römerinnen, so die Marcella, Paulla, Asella rc. Wegen dieses Umganges verdächtigt, verließ er Rom wieder u. ging 386 nach Palästina, wohin ihn Paulla begleitete; sie ließen sich in der Gegend von Bethlehem nieder, gründeten hier ein Kloster, n. H. st. hier 419 od. 420. Als Bibelübersetzer, Exeget, durch seine geographischen u. archäologischen Schriften, sein Buch über die kirchlichen Schriftsteller ist H. eine der bedeutendsten Erscheinungen in der Geschichte der Theologie, als fanatischer Asket (Streit mit Vigilan- tius) u. Bekämpfer der Theologie des Origenes (Streit mit Rufinus) von verhängnißvollem Einfluß auf das Herrschen des mönchischen, hierarchischen Geistes in der Kirche. Opera, herausgeg. Basel 1516, Fol., von Martianay, Paris 1693 bis 1706, 5 Bde.; von Vallarsi, Verona 1734 bis 1742, 11 Bde., n. A., Vened. 1770, 15 Bde., Fol.; von Tribbechov, Frkf. 1684. Später wurde H. heilig gesprochen; Tag: 30. Sept. Biograph, von Collombet, deutsch von Lauchert und Knoll, Rottweil 1846; Zöckler, Gotha 1865; Nowack, Die Bedeutung des H. für die alttcstam. Kritik, Gött. 1875. 6) H. von Prag, eigentlich Faulfisch, geb. zu Prag; studirte zu Prag, Köln, Paris, Oxford und Heidelberg und lernte in England Wikleffs Lehren kennen; 1410 richtete er für Wladislaw II. die Universität Krakau ein und predigte später vor König Sigismund in Ungarn, wurde wegen geäußerter Wikleffscher Meinungen in Wien gefangen gesetzt, bald aber auf Anlaß der Prager freigelassen. Heimgekehrt, schloß er sich enger an Hus an u. vertheidigte dessen Grundsätze. Als Hus in Konstanz gefangen gesetzt wurde, eilte er hin, um ihn zu verlheidigen, erbat sich aber von Überlingen aus freies Geleit. Als ihm die- nicht gewahrt wurde, reiste er zurück, 294 Hierophant wurde jedoch, im April 1415, von dem Herzog von Bayern in Hirsau gefangen und dem Concil ausgeliefert. Durch halbjähriges dunkles Gefängnis; geschwächt, widerrief er 23. Sept. 1415, nahm aber, da er die ihm verheißene Freiheit nicht erhielt, 26. Mai 1416 den Widerruf zurück u. wurde 30. Mai 1416 verbrannt. Lebensbeschreibung von Heller, Tüb. 1835, u. von Becker, Nördlingen 1858. 3) 4) Hertzberg. S) 8> Löffler.' Hierophant (gr.), 1) der erste, bejahrte, lebenslängliche unter den Priestern bei den Eleu- sinien; vornehmster Priester von Attika; mußte aus der Familie der Kerykes oder aus jener der Eumolpiden stammen; er hatte bei allen Feierlichkeiten der Demeter den Vorsitz n. weihte sowol in die kleinen als großen Mysterien ein; ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem Mystagogen, dem Bürgen u. Eiusührer des Einzuweihenden, was jeder ehrbare Bürger sein konnte; neben ihm stand die.Hierophaniin, die oberste Priesterin der Demeter in Eleusis; 2) Vorsteher eines griech. Klosters, Prälat; 3) ironisch, einer, der aus geistlichem Stolze sich ein Ansehen gibt. Henne-Am Rhyn. Hierophylax (gr.), in der Griechischen Kirche der Küster, Bewahrer der heiligen Gesäße; daher Hierophylacrum, die Sakristei. Hieros (gr.), heilig. Hierosköpie (v. Gr.), so v. w. Hieromantie. Hierosolyma, so v. w. Jerusalem. Hicse», der bayerische, s. Matthias Klostermaier. Hietzing, Kirchdorf im Bezirk Sechshaus des E.zherzogthums Österreich unter der Enns, an der Wien, das schönste und eleganteste Dorf des Österr. Kaiserstaates, fast nur aus Villen, Landhäusern u. Gasthäusern bestehend; aus dem Haupt- platze seit 1871 ein ehernes Standbild des Kaisers Maximilian von Mejico, Villa des Herzogs Wilhelm von Braunschweig; (1875) 2832 Ew. — Dabei die schöne Parkanlage Maxing, nach dem Kaiser Maximilian von Mejico genannt, u. das großartige Vergnügungslocal Neue Welt. H. ist ein beliebter Sommeransenthaltsort der reichen Wiener; hier wohnte in der Villa Braunschweig von 1866 bis 1871 der entthronte König Georg V. von Hannover. H- B-riis. Hiften, so v. w. Hagebutten, s. n. Losa. Hifthorn (Hiefhorn), kleines gerades aus Büffel- od. Ochsenhorn gefertigtes Jagdhorn, welches von den Jägern (meist nur beini größten Festanzug) an einem breiten Bandelier (Hiefriemen, Hornfeffel) über die linke Schulter getragen wird. Man hat drei Arten: Zinken, klar tönend; Halbrüdenhörner, Mittelhörner; Rüdenhörner, deren Ton grob u. tief ist. High Church, Hochkirche, s. Anglicanische Kirche. Highgatc-Harz, so v. w. Copal 2). Highland (engl.), Hochland, insbesondere Hoch- schotilaud; Highlauder, Hochländer, Bergbewohner, insbes. Vergschotte (Hochschotte). Highland, 1) zwei Counties in den nordamerik. Unionsstaaten, a) in Ohio unter 39° n. Br. und 83° w. L., 29,133 Ew.; C-sitz: Hillsborough; b) in Virginia unter 38» n. Br. u. 79° w. L., 4151 Ew.; C-sitz: Monterey. 2) Städtchen im Madison County des nordamerikan. Unionsstaates — Hiketes. Illinois; Eisenbahnstation; fast nur von Schweizern u. Deutschen bewohnt. 3) Eisenbahncomplex in Schottland, s. Großbritannien (Geogr.) L 2) e). Highlands, 1) Landhöhe im Monmouth County des nordamerikan. Unionsstaates New-Jersey, auch Neversink Hills genannt. Die bedeutendste Er- Hebung trägt zwei Leuchtthürme (Highland Lights). 2) Zum Alleghanysystem gehörende, an Natur- schönheiten reiche Berglandschast in den Counties Orange, Putnam u. Dutcheß im Staate Newyork, l zu beiden Seiten des Hudson River. Die bedcu- ! tendste Erhebung ist der New Beacon (547 m). iligk liks (engl.), hohes Leben, im Sinne von vornehm; so v. w. vornehme Welt. Highmore, Nathanael, berühmter Anatom, geb. 1613 zu Fordingbridge in Hampshire; prak- ticirte in Sherbourue (Dorsetshire) u. st. 1684 seinen Namen führt der H-sche Körper (länglicher, an der dem Nebenhoden zunächst liegenden Seite des Hodens befindlicher häutiger Kanal bei Thieren, irrthümlich auch den Menschen zuge- schrieben), u. die H-sche Höhle (s. Gesichtsknochen), obgleich diese schon vor ihm bekannt war; er war ein eifriger Vertheidiger der Harveyschen Lehre vom Blutlauf. Thamhayn. High Stewart (engl.), eine Titularwürde an der Universität Oxford; der Stellvertreter (Deputy High Stewart) des H. St. präsidirt dem Universitätsgerichtshof. Highwayman (von Lix-brvaz-, die Landstraße), früher in England, namentlich in der Nähe von London, vermummte Straßenräuber zu Pferde; zeichneten sich durch kühnen Muth u. eine gewisse Art von Ritterlichkeit aus; vgl. Räuber. 3. >. 3. (engl.), Abkürzung für Lis (Her) Imperial LiZkmsss, Seine (Ihre) kaiserl. Hoheit. Hijar, Stadt am Rio Martin, in der span. Provinz Teruel, Hanptort des gleichnam. Herzogthums; 3413 Ew. Hijar, spanisches Geschlecht, gestiftet von Peter Fernande; von Arago, einem natürlichen Sohne des Königs Jakob I. von Aragon, dotirt ^ mit dem Gebiete von H. u. in JohannII. 1483 von König Ferdinand dein Katholischen zur Herzogswürde erhoben. Am Hofe des Johann Franz (gest. 1640) läßt Cervantes den Don Quixote sich eine Zeitlaug aushalten und dessen Diener, Sancho Pansa, die Statthalterschaft Ba- rataria erhalten (vgl. Don Quixote). Die neueren Herzöge von H. stammen von Johanna Petronella v. H. u. dem Marquis von Orani, Friedrich von Silva u. Portugal. Ein über 300 Jahre altes Vorrecht der herzoglichen Familie H. ist, daß der Chef des Hauses das Kleid n. den Schleier bekommt, welche die Königin am heiligen Dreikömgs« tage beim Opfer in der Schloßkapelle zu Madrid trägt. Diese Kleider gehören zu dem Familienschatz des Herzogs. HiketeS (gr., sapplex), der wegen eines verübten Mordes Schutz und Sühnung Suchende. Der H. mit einem Ölzweig (Hiketerka) in der j Hand floh au den Altar des Schützers (Hiketadokos) ^ und ließ sich an demselben nieder. So stand er unter dem Schutze des Zeus (der daher die Bei- !uameu Hikesws, Hiketefios, Hiketerros hatte) und ^ war unverletzlich, u. der Herr des Hauses, zu dem 295 St. Hilaire — der H. geflohen, reinigte ihn durch ein besonderes Opfer (Hiketosyna). Hilfeflehende Weiber hießen Hiketldes (Suxxlioss), u. bilden solche das Sujet von Tragödien des Euripides u. Aschylos. 2t. Hilaire (St. H. du Harcouet), Marktfl. im Arr. Mortain des franz. Dep. Manche, zwischen Sölune u. Airon; Friedensgericht, College; Fabrikation von Leder, Wachslichten, Tuch, Leinwand rc., Wollenspinnerei, Handel mit diesen Produkten, sowie mit Vieh, Honig u. Garn, 5 Jahrmärkte; 3786 resp. 3112 Ew. St. Hilaire, Jules Barthölemy, s. Bar- thelemy 4). Hilalk, Badr-eddin, mit dem Beinamen H., aus einer tschagataischen Familie stammend, geb. zu Asterabad, genoß eine gute Erziehung u. hatte neben seinen vielen Kenntnissen auch die Gabe zu dichten, so daß man ihn den kleinen Dschami nannte. Er ging in seinem Jünglingsalter nach Khorasan und ließ sich in Herat, dem damaligen Sitze der Wissenschaften, nieder, wo er manche berühmte Dichter kennen lernte. Später reiste er nach Irak u. Aserbeidschan, verweilte einige Zeit beim Fürsten Abul-nasr Sam Mirza und kehrte dann wieder nach Herat zurück, das inzwischen Abdallah Khan Uzbek erobert hatte. Diesen, zu Ehren dichtete er eine Kassida, die auch günstig ausgenommen wurde. Da ihn aber seine Feinde beim Khan der Ketzerei beschuldigt hatten, so ließ dieser ihn 1532 mit dem Schwert hinrichten. Außer den zwei Mesnewi: Sifat'ulaschikin, die Eigenschaften der Liebenden, und dem romantischmystischen: Schah-u-Guda, der Schah und der Bettler, soll er auch noch ein drittes: Leila-u- Madschnun, verfaßt haben. Sein Divan erschien in Lucknow 1864. °- Hilaria (röm. Ant.), Freudenfest. St. Hilarron, aus Palästina, einer der ersten Schüler des Antonius, brachte 306 n. Ehr. das Mönchsleben aus Ägypten nach Palästina, u. st. 371 od. 372 auf Cypern; sein Tag: 21. Oct. ttilarltas (lat., Heiterkeit, Fröhlichkeit), allegorische Gottheit aus römischen Kaisermünzen, als stehende weibliche Figur, in der Rechten mit Palm- zweig, in der Linken mit Füllhorn; auf manchen auch auf jeder Seite ein Kind. St. Hilarms, 1) St. H. Pictaviensis, Bischof, geb. aus vornehmer Familie zu Pictavium oder Poitiers, wurde um 353 Bischof in seiner Vaterstadt; er war ein heftiger Gegner des Arianismus u. wurde deßhalb unter Constantius 356 nach Phrygien verwiesen; 360 zurückgekehrt, be- kämpste er namentlich den als Arianer verdächtigen Bischof Auxenlius von Mailand, u. st. 13. Jan. 368; sein Tag ist der 14. Jan. Werke herausgegeben von Erasmus, Basel 1533, Fol.; Paris 1693; von Mafsei, Verona 1730, 2 Bde.; von Oberthür, Würzb. 1781—88, 4 Bde. Biographie von Reinkens, Schafsh. 1864. 2) St. H. Are- latensis, geb. um 403, wurde 429 Bischof von Arles und vertheidigte, obwol ohne Erfolg, die Selbständigkeit der Kirche Galliens gegen Leo I.; st. 449. Tag: 5. Mai. Er schr.: Biographie von Honoratus; Llstrum iu Oeneal (Poet. Bearbeitung der Genesis). 3) H., der 47. römische Bischof, 461—466, Nachfolger Leos des Großen. Hildburghausen. Er vertrat die Römische Kirche gegenüber dem Byzantinischen Kaiser Anthemius, den er zum Widerruf seines Edicts wegen Religionsfreiheit brachte u. erlangte den Supremat des römischen Stuhles über die spanischen u. gallischen Bischöfe fast gänzlich, darf daher mit zu den Begründern der Macht des römischen Stuhles gezählt werden. Löffler.» Hilarödos (gr.), Dichter oder Sänger heiterer Lieder; ein solches Hilarodra; insbes. eine Art Posse bei den unterital. Griechen. Nilaro-tragooäls, eine Art travestirte Tragödie (s. d.), welche bes. die Mythen parodirte, von Rhinthon (um 300 v. Ehr.) erfunden, bei den unterital. Griechen in Gebrauch. Hilchenbach, Stadt im Kreise Siegen des preuß. Regbez. Arnsberg, an der Ferndorf; Schullehrerseminar ; bedeutende Sohllederfabrikation, Fournierschneiderei; 1875: 1669 Ew. — In der Nähe ein Stahlhammer, Puddlingswerk und eine Pulvermühle, u. nahe bei u. südsüdöstlich von H. das Dorf Grund, Geburtsort des Schriftstellers Jung Stilling. H- Berns. Hildanns, so v. w. Fabrieius 5). Hildbnrghausen, Kreisstadt in dem 786,^ Ullcm (14,28 HÜM) mit 50,725 Ew. umfassenden, gleichnamigen Kreise des Herzogthums Sachsen- Meiningen, bis 1826 Haupt- u. Residenzstadt des Herzogthums Sachsen-H., an der Werra, Station der Werrabahn; besteht aus Alt- u. Neustadt u. 2 Vorstädten, hat Appellations-, Kreis-, Schwur- und Eiuzelgericht, Kreisamt, Verwaltungsamt, 3 Kirchen, Synagoge, alterthümliches Rathhaus, herzogliches Schloß (1685—95 erbaut, noch unvollendet, jetzt Kaserne) mit Park, dem sog. Irrgarten (in demselben ein Denkmal der Königin Luise von Preußen), Gymnasium, Schullehrerseminar mit Taubstummeninstitut, Landesirrenheilanstalt; Fabriken für Papiermache-, Spiel- u. Messerwaaren, landwirthschaftl. Maschinen, künstlichen Meerschaum, Mineralwässer, condensirte Milch, Lmppentafeln, Fabrikate aus Misselhorn rc., Buchhandlungen, Buchdruckereien, Garnison; Freimaurerloge: Karl zum Rautenkrauz; 1875: 5189 Ew. — H. ist Geburtsort des Bildhauers Döll. Meyers Bibliographisches Institut, das seit 1828 in H. bestanden, ist seit 1874 nach Leipzig verlegt worden. Bei H., unweit Heßberg, fand man zuerst die Abdrücke der Spuren vorweltlicher Thiere. — H. (in alten Urkunden Lilpsrtlmsia, Villa lTllxsrti) soll nach der Sage von Childebert, Chlodwigs Sohn, gegründet worden sein; doch wurde es erst 1323 durch den Grafen Berchtold von Henneberg zur Stadt erhoben, kam als Mitgift der Sophie von Hennebcrg au den Burggrafen Albrecht von Nürnberg und mit dessen Tochter an den Landgrafen Balthasar von Thüringen. In der Theil- ung 1445 erhielt es Herzog Wilhelm, welcher es 1447 käuflich an Apel von Vitzthum überließ. 1683 wurde H. Residenz einer eigenen, von Ernst, dem 6. Sohne Ernst des Frommen von Gotha, gestifteten Linie, die, früher Sachsen-Eisfeld geheißen, sich jetzt Sachsen-H. nannte. Herzog Ernst ließ 1685—95 das Schloß bauen, u. unter Herzog Ernst Friedrich 1. wurde 1710 die Neustadt von ^ französischen Emigranten angelegt. 1725 u. 1779 296 Hilde — Hildebrandslied. große Feuersbrünste. 1826 vertauschte Herzog Friedrich das Fürstenthum H. gegen Altenburg, u. ersteres wurde nun mit Sachsen-Meiningen vereinigt. H- Berns. Hilde, 1) eine Königstochter von Jndia, die von Greifen auf eine einsame Insel entführt ist, wo sie Hagen von Irland findet u., nachdem er mit ihr heimgekehrt ist, dessen Gatte wird (s. Gudrnn). 2) Tochter der Vor., die Hetel, Herr von Friesland, entführen läßt und heirathet (s. Gudrnn). 3) Tochter des Königs Artus von Bertangaland, um die König Thidrek von Bern durch seinen Neffen Herburt werben läßt, da sie diesen aber verschmäht, mit Herburt entflieht und dessen Gattin wird. Raßmann. Hildebald, wurde 785 Erzbischof von Köln u. war seit 794 als Erzkanzler in der steten Begleitung Karls des Großen; er begleitete 799 den Papst Leo III. von Paderborn zurück nach Rom u. st. 819. Hildebert, Bruder des Kaisers Konrad I., Herzog in Ostfrancien, wurde 927 Erzbischof von Mainz u. vom Kaiser Heinrich I. zum Erzkanzler von Deutschland ernannt, u. st. 937 oder 938. Hildebald von Schlvanga» (am linken Ufer des oberen Lech), schwäbischer Ritter, Minnesänger, dichtete in der letzten Zeit des 12. u. in der ersten Zeit des 13. Jahrh., machte eine Kreuzfahrt mit. Dichtungen bei Karl Bartsch, Deutsche Liederdichter, S. 65 ff. Hildebrand, 1) der alte H., Waffenmeister u. Wafsenlehrer Dietrichs von Bern, gehört zu den hervorragendsten Gestalten der deutschen Heldensage; erschlug den Riesen Sigenot, kämpfte im Rosengarten mit Gibich und besiegte diesen, wurde bei Etzel im Hunnenland von Hagen verwundet und hieb Kciemhilden nieder; s. u. Nibelungenlied. 2) H., so v. w. Gregor VII. (s. Gregor 7). Daher Hildebrandismns, das vom Papst Gregor VII. eifrig geförderte hierarchische System, der höchste Grad der päpstl. Macht. Hildebrand, Bror Emil, schweb. Archäo- log, geb. 22. Febr. 1806 zu Flerohopp (Calmar), studirte in Lund u. erhielt 1832 den Auftrag, die Medaillen des Museums zu Stockholm zu ordnen u. zu beschreiben; 1836 wurse er Aufseher der Medaillen der Bank u. des Königs, Conservator der Alterthümer des Königreichs. Die Akademie der schönen Künste zu Stockholm wählte ihn 1837 zum lebenslänglichen Secrctär. Seine wichtigsten Schriften sind: blumismata augio-saxonioa musst rsAii Loaäomias l-uuäsusis, Lund 1829; Upplz'LLiuAar tili LvsrtAss mMtbistoria, ebd. 1831—32; LuAlosaobsiska mz'nt 1 I<>1. Um- Lsum, 1846. Als Secretär der Gesellschaft für Veröffentlichung von Documenten über Skandinavien besorgte er die Herausgabe von Bd. 19 ff. der LauäUllAar rörauäs Lstanäiuavisus bt- storia und II. ff. des viplomatarium suseauum, 1837—1854. Hlldebrand, 1) Bruno, geb. 6. März 1812 in Naumburg a/S., studirte in Leipzig u. Breslau die Rechte u. Staatswissenschaften u. ging nach Berlin, darauf nach Paris; er erhielt 1841 eine ordentliche Professur in Marburg, war 1846 in London und wurde wegen eines Artikels in der deutschen Londoner Zeitung der Majestätsbeleidig- ung angeklagt, jedoch 1848 freigesprochen u. von dem Bezirk Marburg in die deutsche Nationalversammlung u. für 1849—50 von Bockenheim in den kurhessischen Landtag gewählt. 1851 verließ er den kurhessischen Staatsdienst u. ging als Professor nach Zürich, 1856 nach Bern, wo er das erste schweizerische statistische Bureau gründete, sowie ferner ein Berner Eisenbahn-Unternehmen. 1861 nahm er seinen Abschied u. ging als Professor der Staatswissenschaften nach Jena, wo er das statistische Bureau der vereinigten Thüringischen Staaten begründete und dessen Director wurde. Schriften: Nationalökonomie der Gegenwart u. Zukunft, Frkf. a. M. 1848; Statistische Mittheiluugen über die volkswirthschaftlichen Zustände Kurhessens, Berl. 1853; Beiträge zm Statistik des Kantons Bern, Bern 1860; Statistik Thüringens, 1866 ff. Er begründete auch die Jahrbücher für Nationalökonomie u. Statistik, Jena 1863 ff., seit 1873 mit I. Conrad. Von kleineren Schriften haben ihm besonderen Namen gemacht: Über die Staatsökonomie des Aristoteles u. Lenophon, Über die Ackcrvertheilung im alten Rom. 2) Heinrich Rudolf, germanistischer Sprachforscher, geb. 13. März 1824 in Leipzig, studirte daselbst seit 1843 erst Theologie, dann Philologie, bes. die germanische, u. wurde 1848 Lehrer an der Thomasschule u. 1869 Professor der deutschen Sprache u. Literatur an der Universität zu Leipzig; 1856 gab er in Leipzig eine Bearbeitung von Soltaus Deutschen historischen Volksliedern, zweites Hundert heraus; seit 1865 setzte er das Grimmsche deutsche Wörterbuch fort, besorgte die 4. Aust, des Sachenspiegels 1870, schrieb auch das Glossar zu Zarnckes Ausgabe des Nibelungenliedes; dann: Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule, Leipz. 1865; Über Grimms Wörterbuch in seiner wissensch. u. nationalen Bedeutung, Lpz. 1869. Hildebrandslied, dieses in den Sagenkreis von Dietrich gehörende, einfach-große, in seiner Wortkargheit tief ergreifende, stabgereimte Lied ist das älteste, uns in Bruchstücken erhaltene Denkmal deutscher Literatur im engeren Sinne des Wortes. Ursprünglich wurde es in oberdeutscher, vielleicht bayerischer Mundart gedichtet, dann in eine dem Niederdeutschen od. Altsächsischen sehr ähnliche Mundart mit thüringischen Formen um- gewandelt. Wie es uns vorliegt, ist es um 800 aus mündlicher Überlieferung, wol in Fulda niedergeschrieben worden. Innerer Zusammenhang: Vor Otachers Bosheit floh Theotrich mit seinem Liebling u. Bannerträger Hildebrand nach Osten zum Hunnenkönig Etzel. Hildebrands Gattin blieb mit dem kleinen Sohne Hadubrand zurück. Als dieser herangewachsen war, trat er in Ötschers Dienste. Nach 30jähr. Abwesenheit kamen die Landflnchtigen an der Spitze eines Heeres wieder. Als die Feinde sich ihnen entgegenstellten, forderten sich Hildebrand u. Hadubrand zum Einzelkampfe. Bor dem Beginne desselben fragte der Alte den Jungen nach seinem Geschlechts. Dieser nannte seinen zu Etzel entflohenen, im Kampfe gefallenen Vater Hildebrand. Nun gab sich der Vater dem Sohne zu erkennen und bot ihm als Hildebraiidt Liebeszeichen seine goldenen Armbänder, Etzels Geschenk, an. Aber Hadubrand erklärte ihn für einen alten Betrüger, der ihn durch solche Reden täuschen u. hinterlistig umbringen wolle. Er versicherte ihn, aus dem Munde von Seefahrern, die westlich über das Meer gekommen seien, die Nachricht von dem Schlachtentode seines Vaters empfangen zu haben. Hildebrand beklagte, daß nun einer von ihnen der Mörder des anderen werden solle. Da aber der Jüngling, von Kampfwnth verblendet, sich nicht überzeugen ließ, gebot seinem Vater die Ehre, in den schrecklichen Kampf einzutreten. Sie griffen sich zuerst mit Lanzen an, ihr Blut floß, ihre Schilde wurden durchstochen, dann hieben sie mit den Schwertern auf einander ein, bis ihre Schilde zersetzt waren. So weit reichen die erhaltenen Bruchstücke des Liedes. Ausgaben von Eccard in den Oovamsab. äs rsd. vrans. orisnt. 1729, I., 864, 599; den Brüdern Grimm, Die beiden ältesten deutschen Gedichte, Kassel 1812, 4.; I. Grimm, in den altdeutschen Wäldern, Heft 9, 97 ff.; W. Grimm, Vs viläsdrauäo autiguis- simi ourminis tsubouloi IraAmsntuin, Gotting. 1830 Fol.; Lachmann in seiner Abhandlung über das H., Abhandlungen der königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin, 1833 u. 35; Wilbrand, Rostock 1846; Vollmer u. Hoffmann, Lpz. 185»; C. W. Grein, Das H., Gott. 1858; W. Wackernagel (im Altdeutschen Lesebuches; Müllenhoff u. Scherer, Denkmäler deutscher Poesie u. Prosa des 8.—12. Jahrh.; Sievers (in photographischem Facsimile), Halle 1872. Vergleichungen des H-es mit der persischen Dichtung von Rustem u. Zohrab, dem gälischen Gedichte von Conlach n. Cuchullin, der russischen Sage von Jlja Murometz in Pf. Germau, 10, 338 f. u.im Archiv für das Studium der neueren Sprachen, 33, 257—80. Das Volkslied von Hildebrand ist in der vom 15. bis nach der Mitte des 17. Jahrh. gangbaren Fassung erhalten (Abdruck in der Brüder Grimm Ausg. der beiden ältesten deutschen Gedichte, S. 53 ss., u. in Uhlands alten hoch- u. niederdeutschen Volksliedern, I., 330 ff.). Verkürzt ging dieses Lied in Kaspar von der Röhns Heldenbuch über. Zimmermann. Hildedrandt, 1) Ferdinand Theodor, berühmter Historienmaler, geb. 2. Juli 1804 in Stettin, st. 29. Sept. 1874 in Düsseldorf. H. sollte gleich seinem Vater Buchbinder werden, ging aber 1819 nach Berlin, um dort durch Zeichnen von Jnsecten, Schmetterlingen rc. für das Naturhistorische Museum seinen Unterhalt zu verdienen, ward indessen durch des Directors von Schadow Vermittelung besoldeter Eleve der Kunstakademie, dann 1822 Schadows Schüler u. malte schon 1823 seinen Faust in der Felsenhöhle, dann Gleichen im Kerker, folgte Schadow 1826 nach Düsseldorf, nachdem er noch seinen Lear und die todte Cordelia ausgestellt, gewann, von Düsseldorf Belgien und die Niederlande besuchend, neue Ideale im Realismus. Es entstanden: Der Räuber, Romeo u. Julia, Tankced tauft Clorinde, Die Wassernixe u. Holofernes mit Judith. 1830 begleitete H. Schadow nach Italien u. übernahm, 1831 heimgekehrt, eine Lehrerstelle an der Düsseldorfer Akademie. Trotzdem fand er Zeit, den Krieger u. sein Kind, Den kranken Rathsherrn, — Hildegard. 297 Die Chorknaben, Den Weihnachts-Abend, Den König Lear, Othello u. Desdemona, Die Söhne Eduards und Cardinal Wolsey zu malen. Nach Vollendung des letztgenannten Bildes (1848) verfiel H. in Irrsinn, der Jahre andauerte. Auch nach endlicher Genesung war H. für seine Kunst verloren und bald kehrte auch das alte Leiden wieder, um ihn nie mehr zu verlassen. 2) Eduard, berühmter Landschastmaler und Reisender; geb. zu Danzig 9. Sept. 1817, gest. in Berlin 25. Qct. 1868. H. war der Sohn eines armen Stubenmalers und betrat die Künstlerlaufbahn 1838, indem er Aufnahme im Atelier des Marinemalers Krause fand, nachdem ihm Gott. Schadow dieselbe an der Akademie verweigert hatte. Schon 1840 bereiste er Skandinavien und die Britischen Inseln u. ging dann zu Eugene Jsabey nach Paris, wo er sich die glänzende Technik u. coloristische Bravour aneignete, die ihm so zu statten kam. Nachdem er 1843 nach Berlin zu- rllckgekehrt, empfahl ihn Alexander v. Humboldt an König Friedrich Wilhelm IV., der ihn noch im nämlichen Jahr auf Reisen schickte. H. ging zunächst nach Brasilien, dann nach NAmerika u. kehrte erst nach 2 Jahren heim, um manche seiner zahlreichen Aquarellstudien (meist im Berliner Kupferstichcabinet) in Ölbildern zu verwerthen. 1847 bereiste er abermals England u. Schottland und dann die Carrarischen Inseln, Portugal und Spanien, 1851 in königl. Aufträge Aegypten, Palästina, die Türkei und Griechenland, unternahm 1856 eine NPolfahrt u. 1862 seine 2jähr. Reise um die Welt; über Suez u. Aden nach Calcutta, durch Vorder- und Hinter-Jndien, China u. Japan, über den Stillen Ocean nach Californien, Centralamerika und Westindien, welche Reise er im Verein mit E. Koffak schilderte Berlin 1867, 3 Bde., 5. Aufl., ebend. 1876 in 1 Bd.). Seine desfallsigen (300) Aquarellstudien erwarb ein Privatmann. Sein künstlerisches Interesse coucentrirte sich immer mehr auf die Lichtwirkungen u. Farbenspiele auffallender u. außergewöhnlicher Naturerscheinungen und ihnen zu Liebe opferte er alles Detail der Formenwelt auf. So stellt er die entschiedensten Farben keck neben einander und doch herrscht in seinen Bildern die großartigste Harmonie, verbunden mit eminenter Leuchtkraft. Dagegen fehlt jede sonstige künstlerische Durchbildung u. erscheint H. zunächst als Virtuos, der das Poetische durch lleberreizung trübt. Hauptwerke: Benares am Ganges im Frühlicht; Der Pic von Teneriffa; Ein hl. See in Birma; Ein Sonuenblick auf Jersey; Ein Abend auf Ceylon u. Unterm Äquator. Regnet. Hildegard, Sta. H., geb. 1098 zu Böckel- heim in der Graffchafc Sponheim von adeligen Eltern, erzogen im Benedictinerkloster Disiboden- berg (im jetzigen Kanton Obermoschel der bayer. Rheinpfalz); sie war später hier Äbtissin, gründete aber ein neues Kloster auf dem Rupertsberge bei Bingen, wo sie 17. Sept. 1197 starb. Ihre Visionen, die phantastisch gewendete Mystik jener Zeit, machte Bernhard von Clairvaux dem Papst Eugen bekannt, u. dieser erkannte 1147 auf einer Kirchen»ersammlnng in Trier ihren göttlichen Beruf an; sie stand auch in höchster Achtung bei den Päpsten Anastasius IV. u. Hadrian IV., sowie bei 298 Hilden — den Kaisern Konrad III. u. Friedrich I., welche sie sogar in kirchlichen n. weltlichen Angelegenheiten um Rath fragten. Sie ist eine Localheilige, ihr Tag: 17. Sept. Ihre Offenbarungen, Loivias (d. i. nosos vias äowini), gesammelt, Köln 1698, Fol.; Ihr Briefwechsel von Blankwalt, ebd. 1566; über sie: Meiners, Vs L.PkilcksAaräis vita, serixtis st meritis, Gött. 1793; I. E. Dahl, Die heilige H., Mainz 1832; Görres, Mystik, Bd. I. «ösfler. Hilde», Stadt im preuß. Regbez. und Landkreise Düsseldorf/am Jtterbache, Station der Rheinischen Eisenbahn; Unterrichts- und Pensionsanstalt der Diakonissen, bedeutende Fabriken in Seide (vorzügliche Zeuge u. Taschentücher), Sia- moisen, Kunstwolle, Maschinen rc., Kattundruck' ereien; 1875: 6799 Ew. (1816 nur 2056). — H., das schon 1074 erwähnt wird, ist erst Stadt seit 1861. H- Berns. Hildesheim, 1) Landdrostei in der preußischen Prov. Hannover; besteht aus dem Fürstenthum H., den Fürstenthümern Göttingen und Grubenhagen, einem Theil des Eichsfeldes u. der Grafschaft Hohenstein; 5152 Hjüm (93,^ UM) mit (1875) 414,310 Ew.; 1871 betrug die Einwohnerzahl 407,157, so daß sie seitdem um 1,„ "/o gestiegen ist. Die Landdrostei zerfällt in 2 durch das schmale Braunschweigische Gebiet von Gandersheim u. Holzminden von einander getrennte Theile. Der südliche umfaßt den Oberharz und Theile des Unterharzes u. besteht sonst aus einem mäßig hohen, von zahlreichen Thäleru durchschnittenen Berglande; östlich von der Leine breitet sich nämlich der westliche Theil des Eichsseldes mit dem Göttinger Walde aus, u. westlich von diesem Flusse ziehen mehrere mit ansehnlichen Waldungen bedeckte Bergzüge, wie der Kaufunger Wald (zwischen Werra und Fulda), Bramwald, Hohe- hagen u. Sollinger Wald. Der nördliche Theil wird im S. von den nördlichen Vorbergen des Harzes, sowie von einer Reihe von meist niedrigen Bergrücken, die fast sämmtlich von SO. nach RW. sich erstrecken, durchzogen; im N. dagegen ist er eben. Der Boden ist in beiden Theilen im Allgemeinen fruchtbar, zum Theil sogar von ausgezeichneter Fruchtbarkeit. Nach der Viehzählung vom 10. Jan. 1873 besaß die Landdrostei: 30,247 Pferde (darunter 23,349, welche vorzugsweise zu land- wirthschastlichen Arbeiten, u. 3229, welche zu gewerblichen oder Berkehrszwecken benutzt wurden), 95 Maulthiere, 110 Esel, 102,955 Stück Rindvieh (darunter 66,764 Kühe), 429,862 Schafe (darunter 67,819 Merinos u. 32,196 veredelte Fleischschafe) , 95,624 Schweine, .59,964 Ziegen; ferner an Bienenstöcken 12,090 (darunter mir beweglichen Waben 1452). Flüsse: Werra, Fulda, Weser, Oker, Leine, Innerste, Fnse, Jlme, Ruhmerc. Die Landdrostei wird durchschnitten von verschiedenen Linien der Hannoverschen Staatsbahn, der Hannover.Altenbcteuer, der Frankfurt-Bcbraer, der Magdeburg - Halberstädter und der Braunschweigischen Eisenbahnen. Die Bewohner beschäftigen sich hauptsächlich mit Landwirthschast, die hier auf hoher Stufe steht. Ans dem Harze sind Bergbau u. Hüttenindustrie die Hauptbeschäftigungen der Bewohner, sonst ist die Industrie nur in den größeren Städten von Bedeutung. ' Hildeshcim. ! Eintheilung in die 7 Kreise: Göktingen, Einbeck, ^ Osterode, Zellerfeld (im südlichen Theile), Lieben- ' bürg, Marienburg u. Hildesheim (im nördlichen ! Theile). 2) Ehemaliges deutsches Fürstenthum, . jetzt ein Theil der gleichnam. Landdrostei, durchflossen von den Flüssen Leine, Innerste, Fuse u. Oker; 1783 Hstcm (32, 4 IHM). — 3) Kreis in der gleichnam. preuß. Landdrostei, durchschnitten von den Linien Lehrte-Peine, Lehrte-Nordstemmen u. Hannover-Kassel der Hannoverschen Staats- und der Linie Vienenburg-Löhne der Magdeburg-Hal- berstädter Eisenbahn; 499,42 Usirm ( 9,07 HZM) mit (1875) 64,908 Ew. 4) (vilcissia, Lsunopolis) Stadt darin, Hauptstadt der gleichnam. Landdro- stei, in angenehmer Gegend an der Innerste, Station der Hannöverschen Staats- n. der Hannover-Altenbekener Eisenbahn; Sitz eines kathol. Bischofs mit Domcapitel, und eines kathol. Consi- storiums, eines evangel. Generalsuperintendenten, der Landdrostei, zweier Kreisämler (für die Kreise H. u. Marienburg), eines Ober- u. eines Amtsgerichts, der Provincialstände, zweier Ämter, eines Hauptsteueramtes, einer Reichsbank-Nebenstelle u. einer Handelskammer; besteht aus Alt- u. Neustadt u. der sogenannten Freiheit (Residenz des Bischofs), macht mit seinen in Spaziergänge verwandelten Wällen und seinen stattlichen Thllrmen rc. von außen einen freundlichen Eindruck, hat im Innern aber enge u. krumme Straßen, besetzt mit hohen, alterthümlicheu, meist nicht schönen Häusern, die dem Ort ein düsteres Aussehen geben. Unter oen 4 (früher 8) protestantischen Kirchen und 4 katholischen Pfarrkirchen neben mehreren noch im Gebrauch stehenden Kapellen zeichnet sich besonders die Domkirche, eine dreischiffige, romantische Basilika mit vielen Zuthaten aus späterer Zeit, mit niedrigem Thurm, aber großer, vergoldeter Kuppel über dem Chor ans. Sie ist von Ludwig dem Frommen gegründet u. unter Bischof Hezilo 1061 vollendet worden und hat prächtige, eherne Thorflügel (von 1015) mit Reliefs von hohem Kunstwerth aus der Geschichte der ersten Menschen u. Jesu Christi, einen reichen sogen. Domschatz mir werthvollen Kunstwerken und Büchern aus dem 9. bis 13. Jahrh., 2 metallene, große Kronleuchter aus dem 11. Jahrh., 2 romanische Sarkophage des heil. Godehard u. des heil. Epiphanias im Chor, die sog. Jrmensäule (vor dem Aufgange zum Chor) mit einem Marienbilde statt des ehemaligen altsächsischen Götzenbildes, ein kunstvolles, ehernes Taufbecken aus dem 13. Jahrh., einige ausgezeichnete Gemälde berühmter Meister; den berühmten lOOOjähr. Rosenstock, den Karl der Große oder Ludwig der Fromme gepflanzt haben soll, an der Außenseite der Grabkapelle rc. -Auf dem Domhofe steht die 4 m hohe, eherne Cc,nstussänle (von 1022) mit 28 Darstellungen aus dem Leben des Heilandes in Relief. Außer dem Dom verdienen noch erwähnt zu werden: die evang. Michaeliskirche, eine Basilika ans dem 11. Jahrh., mit dem Grabe des Bischofs Bernward u. einem schönen Kreuzgang; die katholische romanische Godehardikirche aus dem 12. Jahrh. (1863 restaurirt) mit drei pyramidenförmigen Thüren; die kathol. Magdalenenkirche, reich an schönen Metallarbeiten des 11. und 14. Jahrh-' 299 '''' Hildesheim. die evangel. Andreaskirche u. a. Andere hervor- ragende Gebäude sind: das ehemalige, S95 durch Bischof Bernward gegründete Michaeliskloster (jetzt als Irrenanstalt benutzt), ein prachtvoller Bau, mit seiner nicht ganz im ursprünglichen Stile erhaltenen Kirche (Kreuzkirche); das Rathhaus (von 1375), das angebliche Templerhaus, das frühere Trinitatishospital, das Leihhaus, das Wedekindsche Hans und das ehemalige fürstbischöfliche Schloß. Unterrichts-, Wohlthätigkeitsanstalten rc.: protestantisches (^närsannm) u. katholisches (lossxiri- nnm) Gymnasium, Realschule erster Ordn., höhere Bürgerschule, Gewerbeschule, Landwirthschafts- schule, Schullehrerseminar, Taubstummenanstalt, 2 höhere Töchterschulen, Georgsstift (für Töchter verdienter Beamten), Handelsschule, Dombibliothek, Bibliothek des Andreanums, städtisches Museum (für Kunst, Geschichte u. Naturwissenschaften) mit Bibliothek (in der Martinskirche), Kloster der Barmherzigen Schwestern, Heil- u. Pflegeanstalt für Gemüthskranke, Entbindungsanstalt, Armenhaus, 2 Waisenhäuser, viele Hospitäler u. Krankenhäuser, 2 Sparkassen rc. Der Gewerbefleiß ist bedeutend: H. hat mechanische Fabriken für Tabak, Cigarren, chirurgische Instrumente, Glas- waaren, Kork, Tuch, Baumwollenwaaren, Bar- chent, Damast, Segeltuch, Wagen, Möbel, Gold- u. Silberwaaren, Siegellack, Ösen, Leder, Leder-- waaren, Parfümerien, Stärke, Spiritus, Choco- lade rc., ferner Bleichen, Flachsbereitungsanstalt, Eisengießereien u. Maschinenfabriken, Bierbrauerei, Acker- u. Gartenbau (Baumschule, Kunstgärtnerei), lebhafter Handel mit Garn, Leinwand, Getreide, Wolle, Leder, Mühlsteinen, Baumaterialien rc., Schafmärkte, Garnison, Freimaurerlogen: Zum stillen Tempel u. Pforte zum Tempel des Lichts. 1875 hatte H. 22,666 Ew. (1825 nur 12,630). In H. ist wahrscheinlich der Bischof u. Geschichtschreiber Dietmar von Merseburg (976—1019) geboren; ist Geburtsort des Geschichtschreibers Wachsmuth, des Theologen Marheinecke, des Arztes Joachim Brandts, des Naturforschers Link u. a. Nahe bei der Stadt die aufgehobenen Stifter St Bartholomäus und St. Moritz; ebenfalls i» der Nähe die Zwergslöcher, Höhlen im Lias' schiefer, in denen sich Glaubersalz bildet: in einiger Entfernung Söder, Schloß des Grafen von Schwichelt, mit Gemäldegalerie, und Otlbergen, ein Wallfahrtsort. — Die Stadt H. verdankt wahrscheinlich ihren Ursprung der Kirche, welche nach der Beilegung des von Karl d. Gr. in Elze gegründeten Bischofssitzes nach H. 818 vom ersten Bischof Gunthar angelegt wurde. Es wurde 996 vom Bischof Bernward zum Theil befestigt. 1196 ließ sich eine.flanderische Colonie zwischen der Stadt u. dem Moritzberge nieder; der von derselben gegründete Dammflecken wurde jedoch 1332 in einer Fehde der Stadt H. gegen ihren Bischof zerstört. Zu Anfang des 12. Jahrh. wurde die Neustadt angelegt. 1241 trat H. der Hansa bei und erhielt 1249 Stadtrechte. Im 14. Jahrh. begannen die Streitigkeiten der Bürgerschaft mit dem Capitel; im 15. Jahrh. wurde H. mit Wall u. Graben umgeben u. schloß 1434 ein Schntz- u. Trutzbündniß mit Hannover, seit welcher Zeit (1440) bis 1803 die Stadt ihre Schutzfürsten aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg erwählte. In der H-er Stiftsfehde kam H. mit seinem Bischof in die Acht, erwarb aber die wichtigsten Privilegien, so daß es seitdem factisch freie Stadt war. 1542 Einführung der Reformation. 1583 Vereinigung der Alt- u. Neustadt. 1632 wurde H. von Pappenheim eingenommen, 1634 von der protestantischen Partei (Braunschweig) wieder erobert. 1802 kam die Stadt an Preußen, 1808 an die Franzosen, 1807 an das Königreich Westfalen, 1813 Stadt u. Fllrstenthum an Hannover u. 1866 wieder an Preußen. Vergl. Geschichte der Diöcese und Stadt H., Hildesh. 1857 ff.; Kratz, Der Dom zu H., Hildesh. 1840; Cappe, Die Münzen der Stadt und des Bisthnms H., Dresd. 1855; Wecker, Die Christus- od. Bern- wardsänle, Hildesh. 1874. H- Berns. Hikdrsheim, sonst rcichsunmittelbares Stift n. Bisthum im niedersächsischen Kreise, grenzte an die Fürstenthümer Lüneburg, Halberstadt, Kalenberg, Wolfenbüttel u. Grubenhagen. Das Stift nahm seinen Anfang 822, wo Bischof Gunthar seinen Sitz von Elze, wo es Karl d. Gr. 796 gestiftet, aus Veranlassung KaiserLudwig desFrommen nach H. verlegte n. die Kirche der Heil. Cäcilia erbaute; Gunthar st. 835; im 9. Jahrh. gelangte das Stift zu großen Reichthümern, besonders aber am Ende des 10. Jahrh. durch Bischof Bernhard od. Bcrnward (993—1023), vorher Lehrer des Kaisers Otto HI.; unter ihm brannte das Münster mit der Bibliothek 1013 ab. Er umgab dann seinen Sitz mit Mauern, baute Schutzbnrgen in seiner Diöcese, schlug die Slaven zurück n. kämpfte mit dem Erzbischof von Mainz über ein Recht an Gandersheim, das sein Nachfolger Godehard (1024—38) 1030 endlich gegen Aribo behauptete. Godehards Bild nahm die Stadt in ihr Wappen aus. Unter Bischof Azelin (1044—54) brannte 1046 der Bischofssitz nebst einem großen Theil der Stadt ab; sein Nachfolger Hezilo (1054 bis 1079) baute den Dom wieder auf u. gab durch mehrere, den Domherren gewährte Freiheiten Anlaß zu dem Sinken der Zucht. Bei dem Raub- znge des Kaisers Heinrich IV. durch Sachsen erkaufte er durch große Geldzahlungen seinem Bis- chnm Unversehrtheit. Zugleich vergrößerte sich das Gebiet des Stiftes bedeutend, während sich letzteres zugleich gegen die Oberhoheit des Hauses Braun- schweig zu wehren hatte. Unter Konrad II., einem ebenso energischen Geistlichen als Fürsten (1221—1245), wurde H. durch Kaiser Friedrich II. reichsunmittelbar u. dem Ranbritterwesen Einhalt gethan. Ein Streit zwischen dem Bisthum und Braunschweig wegen der Grafschaft Peine endigte erst unter dem zweiten Nachfolger Konrads, dem Bischof Johann I. (1257—1261) mit einem Vertrag, indem H. die Hälfte von Peine bekam. Johanns Nachfolger (1261 bis 79), der 14jährige Otto I., Herzog von Braunschweig-Lüneburg, welchen sein großes Vermögen zu dieser Wahl empfohlen hatte, erweiterte die Besitzungen des Stiftes sehr, so daß er darüber mit seinen Brüdern, Johann u. Albrecht, in Krieg gerieth, der noch unter seinem Nachfolger Sigfrid II., Graf von Querfnrr (1279—1310), sortdauerte u. wozu noch ein anderer mit Brandenburg kam. Unter 300 Hildesheimer Silbcrfund. ihm begannen auch die Streitigkeiten zwischen Capitel und Bürgern. Heinrich III., Herzog zu Brannschweig, erhielt Lurch den Papst einen Gegenbischof an Erich von Schanmburg, welchem Letzteren indessen nur die Stadt anhing, bis 1343, wo der Bischof die uneinigen Bürger besiegte; Erich st. 1348 u. Heinrich wurde nun auch vom Papste anerkannt. Als er 1362 gestorben war, setzte der Papst, ungeachtet das Capitel, welches sein Wahlrecht sich bewahrt wissen wollte, dagegen protestirte, zweimal eigenmächtig Bischöfe ein. Der diesen folgende Johann III., Gras von Hoya, gecieth 1421 mit dem Herzog Otto von Grubenhagen über das von dem Stifte erworbene Wit- thum seiner zweiten Gemahlin in eine verderbliche Fehde und mußte zu Gunsten des reichen Bischofs von Kamin, Magnus, Herzogs von Sachsen, resigniren, der 1424 bis 1452 regierte. Bernhard II., Herzog von Brannschweig-Lüne- burg, früher schon Coadjutor, war kein Geistlicher u. nannte sich nicht Bischof, sondern Vorständer, dann Administrator u. endlich bestätigter Herr u. Vorständer des Stiftes H., bekümmerte sich auch wenig um das Stift; 1459 resignirte er zu Gunsten des Grafen von Schaumburg, Ernst I., ber seine Zeit im Kriege u. auf der Jagd zubrachte, in elfterem aber unglücklich war; er st. 1471. Sein Nachfolger Henning mußte erst zwei von der Mehrzahl des Capitels gewählte Gegenbischöfe, Hermann, Landgraf von Hessen, und Balthasar, Herzog von Mecklenburg, bekämpfen und besiegte sie auch. Barthold II. von Landsberg führte bis 1486 mit der von Braunschweig unterstützten Stadt einen blutigen Krieg und st. 1503. Nach ihm wurde 1503 Erich, Herzog zu Sachsen-Lauem bürg, gewählt, überließ aber das Stift 1504 seinem Bruder Johann IV. Dieser fand eine Schuldenmasse von 280,000 Goldgnlden und 24 Amthäuser verpfändet vor, u. La er sparsam war u. streng Ordnung hielt, so war er nicht beliebt. Die Aufkündigung eines Pfandschillings an die Herren von Saldern war der Grund zu der berühmten Hildesheimer Stiftsfehde. Jene verbündeten sich mit den Herzogen Heinrich u. Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel u. Herzog Erich von Kalenberg, fielen in H. ein, wurden aber von den Bischöflichen, welche von dem Coadjutor Franz, Herzog von Sachsen-Lauenburg, und von Len Grafen von Schaumburg u. Lippe, Diepholz u. Hoya unterstützt wurden,1520beiSoltau geschlagen. Da sich nun der Bischof einem kaiserlichen Ausspruche zwischen den Streitenden nicht unterwarf, wurde er 1521 in die Reichsacht erklärt u. deren Vollziehung dem König Christian von Dänemark und den Herzögen von Braunschweig übertragen. Die Herzoge eroberten die ganzen Stiftslands bis aus wenige Städte, was ihnen auch 1523 im Ouedlinburger Vertrage überlassen wurde (das sogen, große Stift). Zugleich wandten sich die Städte, der größte Theil des Adels u. viele Dörfer im Stiftsgebiete der Reformation zu. Zwar glückte es Ferdinand (1612—1650), dem Sohn des Herzogs Wilhelm II. von Bayern, welcher auch zugleich Erzbischof von Köln u. Bischof von Lüttich, Münster und Paderborn war, 1629 den gegen Braunschweig wegen der Rückerstattung des Großen Stiftes angestrengten Proceß zu gewinnen, und die Bevollmächtigten desselben nahmen mit Tillys Hilfe 1629 und 1630 von den einzelnen Theileu Besitz, doch führte Braunschweig den Streit fort, bis es sich endlich 1643 beqnemte, dem Stifte Alles zurückzugeben, außer den Ämtern Kölbingen, Westerhof und Lutter am Barenberge, welche es als Stiftslehn behielt. Am Anfang des 18. Jahrh. hatte das Capirel einen langen Streit mit Herzog Georg Ludwig von Braunschweig, welcher sich der von dem Capitel bedrückten protestantischen Stände annahm, bis 1711 der Reli- gionsreceß zu Stande kam, in welchem das Capitel Beseitigung der Beschwerden versprach. Unter Franz Egon, Freiherr von Fürstenberg, seit 1786 Coadjutor, wurde der Baueruproceß geführt; eine Anzahl Bauern hatte sich nämlich 1793 bei den Reichsgerichten über Regierung u. Landstände wegen Bedrückung u. Ungerechtigkeit beschwert, u. infolge dieser Beschwerden wurde den Übelständen in der Verwaltung abgeholfen, der Staatshaushalt geregelter u. die Abgaben gleichmäßiger vertheilt. 1803 kam das Stift infolge des Lüueviller Friedens und des Neichsdepntationsschlusscs an Preußen, der Bischof legte seine Würde nieder u. erhielt eine Pension von 50,000 Thlr. 1806 nahm es Frankreich in Besitz und 1807 wurde es zum Königreich Westfalen geschlagen, 1813 aber von Hannover in Besitz genommen u. verblieb demselben 1815 nach der Wiener Schlußacte, bis es endlich 1366 wieder an Preußen kam. Vgl. Lüntzel, Gesch. der Diöcese u. Stadt H., H. 1858; Wachs- muth, Gesch. vom Hochstift u. Stadt H., H. 1863; Mithoff, Knnstdenkniale u. Alterthümer rm Hannoverschen, 3. Bd., Fürstenthum Hildesheim rc., Hann. 1875. He,ine-Am RHHN. Hildesheimer Silbrrfnnd, eine Anzahl von Silbergeräthen verschiedener Art, welche am 9. Oct. 1868 von preußischem Militär in der Nähe von Hildesheim bei Ausführung von Erdarbeiten für eine Schießstätte etwa 2 m unter der Bodenfläche gefunden ward u., aus nahezu 60 Gegenständen bestehend, ein vollständiges Tafelservice für 3 Personen bildet. Sämmtliche nach Berlin geschaffte Stücke sind trefflich erhalten, wenn auch die Füße und Henkel einzelner Gefäße von diesen losgetrennt. Der H. S. besteht aus einem Mischkrug mit flachen, aus Wasserpflanzen u. Seegethier, auf das Liebesgötter Jagd machen, gebildeten Ornamenten; aus einer Schale mit fast rund aus dem Boden hervortretender Minerva; aus drei anderen Schalen mit dem Schlangcnwürgenden Heraklesknaben, dem Deus Lnnns u. der Cybele; aus fünf mit Masken u. bakchischem Geräthe de- corirten Trinkbechern, theils un-,-theils doppelt gehenkelt; aus einer Trinkschale mit Pflanzendecorationen; ans Schöpflöffeln zum Füllen der Becher u. Schalen aus dem Mischkrug, die Griffe aus Palmen oder aus Reben gebildet; aus drei Schalen mit Lorbeer- u. Epheuvecorationen; aus vier Cafferolen, deren Henkel theils Wasserpflanzen, theils Epheu, theils Bandschleifen, theils Pal- mettsn zeigen, vielleicht zur Ausnahme von Brühen bestimmt; aus ganz flachen, länglich viereckigen Confect-Tellern mit Blumen u. Enten; ans zwei ^ Schüsseln mit Vertiefungen für je 12 Eier, die f 301 Hildr — Hilfskassen. eine mit, Sie andere ohne Salzbehälter, u. endlich aus einem einzelnen Salzgefäße. Eine nicht zu begründende Hypothese will in Quint. Varus, der im Teutoburger Walde unterlag, den Eigen- thiimcr dieses Tafelservices sehen, dessen Formen mit Sicherheit auf die Zeit der ersten Kaiser Hinweisen, wie sie in der Renaissance nachgebildet wurden. Die Verzierungen sind vorwiegend getriebene, theils auch Niello- u. Emailarbeit, u. einzelne, wie z. B. die Minerva, auch vergoldet. Vgl. Wieseler, Der H. S., Bonn 1868. Regnet. Hildr (Hildur, nord. Myth.), 1) ursprünglich ein Beiname der Freyja (s. d.), der diese als Kriegsgöttin bezeichnet, dann eine der Walkyren, s. d. 2) Högnis Tochter, Todtenerweckerin, s. u. Högni. 3) H-, Beiname der Walkyre Brynhildnr, bis sie von Sigurd aus dem Zanberschlase geweckt wurde. Hildrctlj, Richard, berühmter nordamerikcm. Geschichtschreiber, geb. 28. Juui 1807 zu Deer- field im Staate Massachusetts; studirte zu Cambridge, prakticirte dann einige Zeit alZ Rechtsanwalt in Newburyport, übernahm 1832 die Nedactiou des Boston Atlas, ging 1846 aus Gesundheitsrücksichten nach Demerara (britisch Guayana), wo er bis 1847 das Omans, Oliroviols u. die Loxal Oavotts redigirte, kehrte dann nach den Vereinigten Staaten zurück, trat 1856 in die Nedaction der New-Aork Tribüne ein, wurde 1861 Consul in Triest u. st. 11. Juli 1865 zu Florenz. H. ist entschiedener Abolitionist. Sein Hauptwerk ist Ilistvr/ ok tlis Bmtsck Ltatos ok Amsrioa, Lond. u. New-York 1849—52, 6 Bde., 2. Ausl. 1854—55; ferner schr. er: Mrs slavs, Bost. 1836, umgearbeitet als Istrs ivlnts slavo, Lonv. 1852; (Dnoor)' vt' moral, Bost. 1844; Pbooris ob pvll- tios, New-Jork 1853; Oospotlsw in Amerloa (über die Sklavenhalterei), Bost. 1854; gapan as lt rvas anä as it ls, istew-Vork 1857; u. übersetzte Benthams Vraitös sie löLisIation (Mroorz- ok lsttlslabion), Boston 1840, 2 Bde. Hilfe, 1) Beistand zur Erreichung eines Zweckes. 2) S. Reitkunst. 3) H., gerichtliche, Hilss- vollstreckung, so v. w. Exemtion, die aus Hilfsantrag eingeleitet wird. Hilfsbau, ein zum vortheilhasten Betrieb eines Bergwerkes, sei es innerhalb, sei es außerhalb der Grenzen desselben, angelegter Grubenbau. Hilfsbücher, 1) so v. w. Nebenbücher, s. u. Buchhaltung; 2) Bücher, die beim Unterricht od. bei literarischen Unternehmen zur Aushilfe dienen. Hilfsconstrnction, eine geometrische Con- struction, welche nicht nöthig ist, um einen in Worten ausgesprochenen Satz an einer Figur zu verdeutlichen, aber erforderlich ist, um den Satz zu beweisen; Hilfslinie, eine Linie, die zum Behüte des Beweises gezogen wird. Hilfsfcncr, s. u. Seezeichen. Hilfskaffen. Erst sehr spät ist mau dazu gelangt, für verunglückte Arbeiter anders u. in passenderer Weise zu sorgen, als daß man sie auf Almosen u. Spitäler verwies. Es scheint bei den Bergknappen zuerst vorgekommen zu sein, daß man für die Verunglückten dieses Standes Hilfs-, hier genannt Knappschastskasien, begründete, in welche jeder Bergmann einen regelmäßigen Beitrag zu leisten hat, dafür aber auch ein förmliches Recht auf Unterstützung im Falle des Verun- glückens oder der Arbeitsunfähigkeit infolge des Alters erlangt. Es ist eine Assecuranz der Betheiligten, wobei die Unternehmer des Werkes in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse meistens Beiträge in die Kasse liefern. Eine wirklich allgemeinere Verbreitung erlangte das System der H. erst seit dem Ende des 17. Jahrh.; es hat aber selbst heute bei weitem noch nicht die Ausdehnung gewonnen, die man ihm wünschen muß. Zn einer größeren Ausbildung und Entwickelung gelangten die H. zuerst in Frankreich u. England. Deparcienx tonnte seinen Sterbtichkeitslisten bereits die Ergebnisse französischer sogen. Tontinenanstalten aus den Jahren 1689 bis 1696 zu Grunde legen. Ain meisten verbreitet u. ausgedehnt sind jedoch die derartigen Anstalten in England. Sie scheiden sich nach den verschiedenen Alten der am häufigsten hervortretenden Bedürfnisse, namentlich in Erkranknngs-, Alters- u. Todes-, doch außerdem in vielen anderen Fällen. Bon selbst ergibt sich noch die Scheidung der Anstalten in zwei Kategorien anderer Art, je nachdem der Beitritt den Arbeitern freigestellt bleibt oder sie zu demselben angehalten werden, Kassenfreiheit od. Kassenzwang, nach der neueren Bezeichnung. In England, wo diese H. als Brisncll^ oder auch Bsnotlt Looistiss bezeichnet werden, herrscht, dem Charakter des Volkes entsprechend, das System der freiwilligen Vereinigung vor. Rach einem dem Parlament vorgclegten Berichte belief sich die Zahl der eingetragenen Vereine am Schlüsse des Jahres 1874 auf 21,547 (20,089 in England, 1458 in Wales), zwar 112 Anstalten weniger als im Vorjahre, aber, wie cs scheint, im Ganzen mit größerer Mttgliederzahl u. vermehrtem Vermögen. Genauere Kennmiß besitzt man nur von 11,490 dieser Gesellschaften, welche allein ihren Rechenschaftsbericht eingesendet hatten. Dieselben zählten 2,075,893 Mitglieder (viele Personen sind übrigens als Mitglieder mehrerer Gesellschaften doppelt gezählt) und besaßen ein Vermögen von 9,038,290 Pfd. Sterling (im Jahre 1873 hatten 11,926 Gesellschaften mit 1,787,291 Angehörigen n. 8,630,525 Pfd. ihre Berichte eingescndet). Die Auslösungen von Vereinen erfolgten häufig nicht wegen Zahlungsunfähigkeit, sondern weil die Mitglieder sich in den Besitz des angesammelten Ca- pitals setzen wollten. Im Jahre 1859 hatte die Zahl der Brienckl/ Looistüos in England 28,550 betragen, in Schottland etwa 700, in Irland gegen 400. Die Mitgliederzahl ward damals im Ver. Königreich auf 2 Will., das gesammte Vermögen auf ungefähr 9 Mill. Pfd. Sterl. geschätzt, letzteres meist bei den Sparkassen angelegt. (Andere Zwecke als die Briemll^ 8oo. verfolgen die Cooperativen Vereine; es sind Consum-, aber keine H.- od. Unterstützungsvereine, wol auch Genossenschaften zur gemeinsamen Anschaffung von Handwerksmaterialien im Großen; 1876 besaßen sie zusammen an Vermögen 3,653,532 Pfd. St.; ihr Waarenumsatz während des Jahres hatte 14 Mill. betragen, mit einem Gewinne der Anstalten von etwa 1 Mill. Pfd.) In Frankreich bestanden aus Gegenseitigkeit beruhende H. (8ooistss 802 Hilfskassen. äs ssoonrs mutusls) an Neujahr 1870 6139; die Zahl sank jedoch von diesem Jahre an (wol großen- theils infolge des Krieges) u. betrug 1. Januar 1872 nur noch 5787, 1875 sogar nur 5748; die Mitgliederzahl sank in diesen Perioden von 913,633 auf 791,901 in 1872, hob sich dann aber wieder 1875 auf 846,434. Günstiger gestaltete sich der Betrag des eigenen Vermögens der Anstalten. Zwar verminderte sich dasselbe vom 1. Jan. 1870 bis dahin 1871 von 55,131,551 Francs auf 52,170,985, stieg jedoch schon bis Ende des nämlichen Jahres wieder auf 55,572,244 und ward für Neujahr 1875 auf 65H Will, angegeben. Die Gesellschaften theilteu sich in zwei Klassen: in approbirte, welche unter besonderer Aufsicht der Regierung stehen, u. in bloß autori- sirte mit selbständiger Verwaltung, sonach freie Vereine. Die eingetretenen Verminderungen rührten ausschließlich von den ersten her. Sämmtliche H. zählten 1875 846,434 Mitglieder, wovon aber 115,761 Ehrenmitglieder sind, welche Beiträge liefern, ohne ihrerseits einen Anspruch an die Kassen zu erheben, sonach werkthätige Unterstützer der Anstalten. Von den ordentlichen Mitgliedern waren 620,575 Männer und 110,098 Frauen. Das Vermögen der autorisirten Gesellschaften belief sich auf 47^ Mill., wovon 23H- Mill. im Pensionsfond angelegt, das der freien Vereine auf 17,960,852 Francs. Die Gesammteinnahme stellte sich während desJahres1874 aus 15,586,340, wovon 10 Mill. auf die approbirten, 5 auf die bloß autorisirten Institute kamen, während die Ausgaben der ersten 8,971,054, die der letzteren 4,299,535 betrugen. Die Beiträge der Ehrenmitglieder waren dort 1,059,130 s hier 164,755 Francs, indessen die ordentl. Mitglieder 6,873,458 u. resp. 3,362,702 bezahlten; der durchschnittliche Jahresbeitrag eines ordentlichen Mitgliedes stellte sich sonach auf 3 Fcs. 28 Cent., resp. 15 Fcs. 75 Cent. Die während des Jahres 1874 geleisteten Unterstützungen beliefen sich bei beiden Arten von Gesellschaften je auf 1 ordentl. Mitglied: an Kranke bei den approbirten 5,z, Fcs., Len freien 6,^; für Medicamente 2,^ und 2,g„ Beerdigungskosten 77 u. 85 Cent. Dazu Unterstützungen an Wittwen und Waisen 0,g« resp. I, 1- Fcs.; Alterspensionen 1,si und 3,^; Verwaltungskosten 0^,g und 0,^; Gesammtausgabe auf jedes ordentl. Mitglied 15,sg und 20,o» Fcs. Während des Jahres waren in beiden Gesellschaftskategorien 153,220 Männer und 29,709 Frauen erkrankt; Unterstützungen erhielten dieselben während 3,284,470 u. 454,071 Tagen; von den Männern waren somit 21,^ °/„ erkrankt, von den Frauen nur 15,2g Va- — Unabhängig von Liesen H. gibt es seit 1851 eine eigene Alterspensionskasse (Oaisss äos rsbraites xour In visil- IsWs). An Neujahr 1875 belief sich der Betrag der Einzahlungen nach Abrechnung der erfolgten Rückzahlungen auf 168,799,152 Fcs. Das Vermögen ist in Staatsrenten angelegt. In Belgien ist das H-wesen dem französischen nachge- dildet; die approbirten Kassen heißen hier Oaissss rsoovnnss; es waren deren am 31. Dec. 1873 117 vorhanden. Mitgliederzahl etwa 20,000, Vermögen 612,000, Jahreseinnahme 257,000 Fcs. Über die freien Gesellschaften fehlen statist. Notizen. In Italien existiren desfallsige gesetzliche Normen nicht, doch zählte man anfangs 1874 1447 Kassen mir etwa ^ Mill. Mitgliedern u. nahezu 10 Mill. Lire Vermögen. In Preußen hat sich das H-wesen in folgendem Maße erweitert: Jahr Kassen Mitglieder Vermögen Tlilr. Alte Provinzen . 1854 2576 254420 ? 1864 3308 457035 1863 3724 627667 1786990 1874 3661 714877 3749104 Vergrößerter Staat 1874 4877 775S22 Von der Gesammtzahl der Kassen kommen 2802 auf die der Handwerker u. nur 1854 auf die der Fabrikarbeiter; allein jene umfassen nur 219,964 Individuen, diese dagegen 469,568, u. die ersten sind in Abnahme begriffen. Die Beiträge der Arbeitgeber, 1868 nicht mehr als 5454 Thlr., waren 1874 auf die immerhin noch sehr bescheidene Summe von 28,387 gestiegen. Der durchschnittliche Beitrag jedes ordentl. Mitgliedes belief sich 1874 auf 8 Ll 64 Pf. Gesammtvsr- mögen 12,208,233 N — 15,gg N per Kopf. Die (meistens sehr unvollständigen) Notizen aus den übrigen deutschen Staaten fassen wir in folgendem Tabellchen zusammen: Kassen Mitglieder Jahrcs- ausgabe Bestände Bayern sl873)*1 . Württemberg „ Baden „ Hessen Sachsen sl868) Hamburg s1874) . Üebriges Norddeutschland 365 281 200 160 845 109 1390, 53000 <-9000 2000>! 30000 90000 43000 130000 di 560000 90000 260000 470000 275000 300000 LI 1298000 125000 600000 825000 560000 1500000 Bloß Großindustrie. Hierzu kommen noch die Kassen der Gewerk- ! vereine. In wie weit die Knappschaftskassen allenthalben eingerechnet sind, läßt sich nicht ersehen. Ein unterm 7. April 1876 erlassenes Gesetz über die eingeschriebenen H. ordnete deren rechtliche Stellung im Gebiete des Deutschen Reiches. Unter speciell vorgeschriebeneu Bedingungen erhalten Kassen, welche die gegenseitige Unterstützung ihrer Mitglieder für den Fall der Krankheit bezwecken, die Rechte einer eingeschrievcnen Hilfskasse u. damit Corporationsrechte. Von den Einzelnverfügungen seien hier folgende erwähnt: für alle Verbindlichkeiten haftet den Gläubigern nur das Vermögen der Kasse. Der Ausschluß der Unterstützung in Fällen bestimmter Krankheiten ist unzulässig. Die Einrichtung von Mitgliederkassen mit verschiedenen Beitrags- u. Unterstützungssätzen ist zulässig, doch müssen beide nach gleichen Grundsätzen abgemessen sein. Der Anspruch auf Unterstützung kann weder verpfändet, noch beschlagnahmt werden. Die Unterstützungen müssen bei fortdauernder Krankheit mindestens 13 Wochen lang gewährt werden und haben täglich für Männer mindestens die Hälfte, für Frauen wenigstens V- des gewöhnlichen Löhnbetrages zu erreichen; dagegen dürfen sie das Fünffache des gesetzlichen MindestbetrageZ nicht überschreiten. Den Hinter- 303 Hilfsschraube — Hill. Lliebenen verstorbener Mitglieder kann eine Beihilfe gewährt werden, jedoch höchstens bis zum Zehnfachen der früheren wöchentlichen Unterstützung. Arbeitgeber, welche Zuschüsse zu der Kasse leisten, haben Anspruch auf eine angemessene Vertretung im Vorstände. In der Generalversammlung steht jedem anwesenden Mitgliede eine Stimme zu, sofern es großjährig ist, sich im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befindet und mit seinem Geldbeiträge nicht im Rückstände verblieb. Beiträge gewährende Arbeitgeber haben Anspruch auf verhältnißmäßige Stimmberechtigung, jedoch darf ihre Stimmzahl die der Hälfte der Mitglieder nicht übersteigen. In jedem fünften Jahre ist durch Sachverständige die Höhe der Verpflichtungen gegenüber jener der Einnahmen abzuschätzen u. (wie die übrigen Abrechnungen rc.) der Aufsichtsbehörde vorzulegen; eventuell muß für die Solidität gesorgt werden. Die Kassen unterliegen der Beaufsichtigung durch die bestimmten Landesbehörden. Bezüglich der Knappschastsvereins verbleibt es bei den besonderen Bestimmungen für dieselben. Im Anschluß an dieses steht ein zweites Gesetz vom 8. April 1876, betr. die Abän- derung des Tit. VIII der Gewerbeordnung. Darnach kann die Bildung von Hilfsgesellschasten für Gesellen, Gehilfen u. Fabrikarbeiter durch Ortsstatut angeordnet werden, wobei die Gemeindebehörde nach Vernehmen der Betheiligten die Einrichtung zu regeln besugt ist. Sie kann jenen Personen, sofern dieselben vas 16. Jahr zurückgelegt und nicht Mitglieder einer anderen eingeschriebenen Hilfskasse sind, die Theilnahme zur Pflicht machen. Fabrikinhaber können zu Beiträgen bis auf die Höhe der Hälfte der Arbeiterbeiträge angehalten werden. Auch aus Bergwerke finden diese Bestimmungen Anwendung. Kolb. Hilfsschraube. Ein Schiff führt H-n (dann auch wol Hilssschirauber genannt), wenn die ver- hältnißmäßig schwache Schraubenmaschine die Schraube nur in den Fällen der Noth (Windstille, Sturm, Verlust von Masten rc.) in Bewegung setzt, in der Hauptsache aber das Schiff auf Se geln angewiesen ist. H-n erhalten namentlich Schiffe, welche jahrelang sich in Gewässern bewegen, die reich an Gefahren, aber arm an Zu fluchts- oder Reparaturhäsen sind. England besitzt bereits eine zahlreiche Flotte dieser neuen, fast nur große Schiffe enthaltenden Schifssklasse. Fest. Hilfsschreiben (Requisition, lütsrus rsguim- borlalos, Usguisitionss), Schreiben einer obrigkeitlichen (requirirenden) Behörde an eine andere, ihr nicht Vorgesetzte od. untergeordnete (requirirte), worin um Vornahme eines gerichtlichen Actes, Stellung der unter dem requirirten Gerichte wohnenden Kläger, Zeugen rc., um Auslieferung eines Jnculpaten, Vernehmung von Zeugen u. dergl. gebeten wird. Staatsconventionen, die gegenseitigen Verhältnisse der Gerichte u. die Competenz des requirirenden Gerichtes bedingen die Art der Fassung eines H-s, worauf die erforderliche Nachricht ercheilt wird. Hilfsstimme, 1) so v. w. Fllllstimme; 2) in der Orgel die Register, wo mehrere Töne zusammen klingen, z. B. Mixtur, Quinte rc. Hilfstöne (Nebentöne), diejenigen Töne, welche keine wesentlichen Bestandtheile einer Melodie od. eines Accordes ausmachen; demnach sind auch alle Manieren (Vorschläge, Triller rc.) einfache od. gehäufte H. Sie werden gewöhnlich in kleinerer Schrift notirt. Hilfstruppen, Truppen, die einem kriegführenden Staate von einem anderen für die Dauer eines Krieges gestellt und auch förmlich unterstellt werden u. für deren Unterhalt ersterer Staat zu sorgen hat; oft war der die H. stellende Staat sonst am Kriege nicht betheiligt; auch die für einen Krieg aus Freiwilligen anderer Nationalitäten gebildeten Corps werden oft als H. bezeichnet. z. Hilfsvollstreckung, so v. w. Execution. Hilfszeitwörter, Zeitwörter zur Ergänzung der mangelnden Formen bei Bildung der si?sm- porg. u. Llocki des Verbum, so: haben, sein, werden. Hilgenseld, Adolf Beruh. Christoph Christian, Theolog, geb. 2. Juni 1823 in Stappen- beck bei Salzwedel; studirte 1841—45 in Berlin u. Halle Theologie u. Philologie, wurde 1847 Pri- vatdocent der Theologie an der Universität Jena, 1850 außerordentlicher Professor u. 1854 zugleich zweiter Bibliothekar der Universitätsbibliothek; 1856 von der Gemeinde in Osterburg zum Oberpfarrer gewählt, erhielt er wegen seiner freieren dogmatischen Richtung die oberbehördliche Bestätigung nicht; wurde dann 1869 ordentlicher Honorar- Prosessor, und 1873 großherzoglich sächsischer Kirchenrath in Jena. Er schrieb: Die clementin- ischen Recognilionen und Homilien, Jena 1848; Das Evangelium u. die Briefe Johannis, nach ihrem Lehrbegriff, Halle 1849; Kritische Untersuchungen über die Evangelien Justins, der cle- mentinischen Homilien u. Marcions, ebd. 1850; Die Glossolalie in der alten Kirche, Leipz. 1850; Das Marcusevangelium, nach seiner Compositiou, seiner Stellung in der Evangclienliteratur, seinem Ursprung u. Charakter, ebd. 1850: Der Galaterbrief, übersetzt u. erklärt, ebd. 1852; Die Apostolischen Väter, Halle 1853; Die Evangelien nach ihrer Entstehung u. geschichtlichen Bedeutung, Lpz. 1854; Das Urchristeuthum in den Hauptivende- punkten seines Entwickelungsganges, Jena 1855; Die jüdische Apokalyptik, ebd. 1857; Rückblick auf das letzte kirchliche Jahrzehnt Deutschlands, ebd. 1859; Der Paschastreit der alten Kirche, Halle1860; Der Kanon u. die Kritik des Neuen Testaments, Halle 1863; Bordesanes, Leipz. 1864; H. L. sxtrs. oanousm roesptwm, Leipz. 1866 f.; Historisch-kritische Einleitung in das R. T., Lpz. 1875. Er arbeitete auch seit 1848 an den Tübinger Theologischen Jahrbüchern u. gibt seit 1858 die Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie in Jena heraus. Löffler. Hilkias, Hoherpriester unter König Josia; unter ihm wurde das Gesetzbuch wieder ausgesuudeu. Hill, County im nordamerikan. Uniousst. Texas, unter 32° n. Br. u. 97° w. L., 7458 Ew.; Countysitz: Hillsborough. Hill, 1) Sir Rowland, Barouet von Almarez u. Hawkstone, brit. General, geb. 11. Aug. 1772 , trat als Fähndrich in das 33. Regiment, wohnte als Capitän der Belagerung von Toulon bei, wurde Adjutant, focht als Oberst- 304 Hillah - lieutenant in Ägypten, zeichnete sich 1808 in Spanien als Generalmajor bei Vimeira u. Tala- vera aus u. wurde später Generallieutenant. Er unterstützte Wellington in dem ferneren Verlauf des Krieges, bes. bei Ciudad Rodrigo, vor der Schlacht von Salamanca rc. Hierfür zum Baron H. v. Almarez ernannt, erhielt er 1815 das Com- maudo über das 2. brit. Armeecorps in Belgien, zeichnete sich bei Waterloo aus, u. wurde nun zum Viscount von Hawkstone u. Peer ernannt. 1825 General, erhielt er 1834 den Oberbefehl über die brit. Armee, wurde Feldzeugmeister, gab den Oberbefehl anfangs 1842 Krankheitshalber ab u. st. 10. Dec. 1842 auf seinem Landsitze Hardwicke- Grange bei Shrewsbury; Lebensbeschrewung von SiLney, Loud. 1845. 2 ) Rowland, der Reformator des Postwesens in England, geb. 3. Dec. 1795 zu Kiddermiuster, war erst Gehilfe eines Dorfschnlmeisters, dann Schreiber in London und trat hierauf als Expedient in die Dienste einer Lebensversicherungsanstalt. In einer von ihm 1837 heransgeg. Flugschrift legte er die Schädlichkeit des hohen Briefportos (9 Pence für den einfachen Brief) in England dar, u. H. schlug die Einführung einer Penny-Briefpost vor. Von Seiten der höheren Postbehörde zurückgewiesen, wandte H. sich 1839 an das Parlament; die hierüber eingesetzte Commission erstattete günstigen Bericht, u. 1841 wurde die Einführung der Penny-Briefpost in Angriff genommen. Sehr bald zeigten sich die Vortheile dieses neuen Systems. Das Detail seiner Untersuchungen über das Postwesen erschien in dem parlamentarischen Deport on Dostams vom 4. Aug. 1843 , 1844 u. 1845 wurde zu Gunsten H-s eine Nationalsubscription veranstaltet, welche 15,000 Pf. St. eintrng. Ende 1846 wurde er zum Secretär des Generalpostmeisters in London ernannt: 1847 Postkassendirector (Lupgrlntsnäsiit ob äs stlono^ Otlioe), 1854 Generalsecretär des Generalpostmeisters, 1856 erster permanenter Secretär des gesammten Postwesens u. trat 1864 mit einer Pension von 2000 Pf. St. und einem Geschenk von 20,000 Pf. St. vom Amte zurück; Denkmal in seiner Vaterstadt. Er schr.: Ltate anä xrosxsets vk xennx xostsAS, Lond. 1844. 3 ) Ambrose Powell, einer der tapfersten Generale der Consöderirten im Nordamerika,!. Bürgerkriege, geb. 1824, fiel 2. April 1865 bei Petersburg, wo sein Corps gegen eine dreifache Übermacht stand. Bei Anfang des Krieges Oberst, wurde er schon nach der ersten Schlacht am Ball- Run 21. Juli 1861 Brigaüegeneral, nach der Schlacht bei Williamsburg 5. Mai 1862 Generalmajor, nach der Schlacht bei Chancellorsville 2.-4. Mai 1864 Generallieutenant. Obwol er von da ab überall aufs Tapferste u. oft auch mit Erfolg kämpfte, so wurde er Loch mit in das allgemeine Schicksal der Conföderirtcn hineingezogen, vor dessen definitiver Entscheidung er den Tod auf dem Schlachtfeld starb. Schroot. Hillah (Hille), wichtige Stadt am Euphrat im türkischen Vilajct Bagdad; hat etwa 10,000 Ew., treibt Handel; Labei die Ruinen von Babylon (s. d.). Hillebrand, 1) Joseph, Philosoph u. Literarhistoriker, geb. 1788 in Großdüngen bei Hildesheim, stndirte im Klerikalseminar in Hildesheim - Hillel. u. in Göttingen Theologie u. Philologie, wurde Lehrer am Josephinum in Hildesheim, trat zum Protestantismus über, wurde 1817 Professor der Philosophie in Heidelberg, 1822 in Gießen, 1823 zugleich Pädagogiarch am dortigen akademischen Gymnasium u. 1834 Mitglied des Oberstndien- rathes, war Mitglied der Zweiten hessischen Kammer, wo er zur Opposition gehörte, u. eine Zeitlang Präsident war. 1849 als Oberstudienrath u. 1850 als Professor in Ruhestand versetzt, lebte !! er erst in Rödelheim, dann in Soden, wo er 25. l Jan. 1871 starb. Als Philosoph war H. früher > Eklektiker, seit den Dreißiger-Jahren neigte er sich > Hegel zu, nahm aber eine vermittelnde Stellung zwischen diesem u. Herbart ein. Er schr.: Über Deutschlands Nationalbildung, Frkf. 1818; Grundriß der Logik, ebd. 1820; Anthropologie, Mainz s 1822, 3 Thle.; Lehrbuch der theoretischen Philo- I sophie, ebd. 1826; Lehrbuch der Literarästhetik, ebd. 1827, 2 Bde.; t^ssürsbioa libsraria antigua, i ebd. 1828; Universalphilosophische Prolegomena, Mainz 1830; Die Philosophie des Geistes, Heidelb. 1835 f., 2 Thle.; Der Organismus der philosophischen Idee, Dresd. 1842 rc.; Die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfang des 18. Jahrh., Hamb. u. Gotha 1845—46, 2 Bde., 2. Ausl. 1850, 3 Bde. 2 ) Karl, Schriftsteller, geb. 17. Sept. 1829 zu Gießen, stndirte in Heidelberg u. Gießen Jurisprudenz, betheiligte sich am badischen Aufstande (1849), entwich nach dreimonatlichem Gefängniß aus den Rastatter Kasematten, lebte als Flüchtling in Paris, Straßburg, Bordeaux den Studien ergeben. Er promovirte in Paris an der Sorbonne, wurde 1863 Lehrer der deutschen Sprache an der Militärschule von St. Cyr u. kurz darauf Professor der fremden Literaturen an der philosophischen Facultät zu Douai. Im Juli ! 1870 erbat er seine Entlassung, betheiligte sich als ^ Torrespondent der Times an der italienischen Ex- § pedition nach Rom u. ließ sich sodann als Privatgelehrter in Florenz nieder, wo er das Sammelwerk: Jtalia (2 Bde., Leipz. 1874—75 erscheinen läßt u. eine Geschichte Frankreichs von 1830—70 für die Heeren-Ückertsche (Giesebrechtsche) Staaten- ; geschichte bearbeitet. Er schr. viel in französischer ! Sprache u. A.: Vinci OompaZni, Par. 1862; die gekrönte Preisschrift: Vs 1a bonns eomsäls, Par. 1863; Va Drusss oonbsmporains, das. 1867; bitnäss itallsnuos, das. 1867; Vs 1a rskorms äs s I'snssiAnsinsnb supsrlsur, das. 1868. Seine deutschen Abhandlungen erschienen in 3 Bänden unter dem Titel: Zeilen, Völker und Menschen, 1. Bd.: Frankreich u. die Franzosen, 2. Ansl.,Berl. 1874; 2. Bd.: Wälsches u. Deutsches, das. 1875; 3. Bd.: Aus u. über England, 1876.i>S. 2>Beyer Hillel, 1) H. der Babylonier, leitete sein Geschlecht von Davidak, geb. um 75 v. Chr., gest. um 5 n. Chr., kam ans Babylonien, ward eifriger Schüler Schemajas u. Abtaltons, lebte dabei in f drückender Armnth; er folgte den Söhnen Be- I ihyras im Vorsitz des Synedriums (30 v. Chr.), ! ausgezeichnet durch Sanftmuth, Geduld n. Wohlwollen. „Sei von den Jüngern Arons, der den Frieden liebte u. ihm nachjagte, der die Menschen s liebte u. sie zur Religion führte," warsein Wahl« sprach. Was dir nicht lieb ist, das thne auch 305 Hiller — Hiller deinem Nächsten nicht, sage er zu einem Heiden, das ist die ganze jüdische Religion; alles Andere ist die Ausführung desselben. Der Vorsitz im Synedrium blieb bei seinen Nachkommen. 2) H. II., Abkömmling des Vor. und Haupt des Synedriums, Sohn u. Nachfolger Judas III., als Synedrialvorsteher 330—365 n. Chr. Um von gewaltsamen Befreiungsversnchen von dem schweren römischen Drucke abzuhalten, erklärte er, daß die messianischen Verheißungen der Propheten sich nur auf König Hiskia bezögen, und durch ihn erfüllt worden seien. Die bisher geheim gehaltenen Regeln der Kalenderberechnung wurden durch ihn veröffentlicht. Fürst. Hiller, 1) Philipp Friedrich, Kirchenliederdichter, geb. 6. Jan. 1699 in Mühlhausen in Württemberg, 1732 Pfarrer in Neckargröningen, 1736 in seinem Geburtsort und 1748 in Stein- Heim bei Heidenhcim, wo er 26. April 1769 st. Er ist der in Württemberg populärste unter den Liederdichtern des älteren Pietismus. Am meisten verbreitet ist sein Geistliches Liederkästlein, Stuttg. 1762 u. 1767, 2 Thle. (732 Lieder über ausge wählte Bibelsprüche). Vollständige Sammlung aller seiner Lieder (1079) in einem Bde. von C. C. E. Ehmann, Reutl. 1844. 2 ) Johann Adam, Compositeur, geb. 25. Dec. 1728 zu Wendischoßig in der Oberlausitz; besuchte das Gymnasium in Görlitz u. die Kreuzschnle zu Dresden, war nebenbei immer in Musik thätig, u. bezog, nachdem er schwer mit Armuth gekämpft, zum Studium der Rechte die Universität Leipzig. Hier wirkte er seines Unterhalts wegen in vielen Con- certen mit, wurde Hofmeister des jungen Grafen Brühl, gab eine musikalische Wochenschrift heraus, u. übernahm 1763 die Leitung des Leipziger großen Concertes, das ihm seine Einrichtung verdankt. 1782 wurde er Kapellmeister des Herzogs von Kurland, 1789—1800 Cantor an der Thomasschule in Leipzig u. st., der Hypochondrie verfallen, 16. Juni 1804. Ihm wurde 1832 in Leipzig ein Denkmal gesetzt. Für das Leipziger Theater schrieb er deutsche Operetten, die in ganz Deutschland Epoche machten, z. B. Jagd, Die Liebe auf dem Lande, Die Jubelhochzeit, Der Erntekranz rc. Sodann Anweisung zum Singen, Sammlung von Motetten (6 Bde.), Choralbnch u. eine Reihe von kritischen, theoretischen Mitthciluugen u. s. w. — I. H., eine Würdigung treuer Verdienste, von A. K Neumann, Leipz. 1804. I) Ferdinand, Pianist, Componist u. Mnsikschriftsteller, geb. 24. Octbr. 1811 in Frankfurt a. SN., Israelit, galt schon im 12. Jahre als ein fertiger Klavierspieler, bildete sich in Weimar unter Hummel weiter aus, ging dann nach Wien, wo er Beethoven kennen lernte, u. 1828 nach Paris, daselbst vertrauten Umgang mit Cherubim,Meyerbeer,Rossini, Chopin, Heinrich Heine rc. pflegend, verweilte 1840 in Leipzig, wo er an dem Oratorium: Die Zerstör ung Jerusalems arbeitete. Er wurde 1847 städtischer Kapellmeister in Düsseldorf, dann in Köln, wo er auch (1850) die Direktion des dortigen Konservatoriums übernahm, in welchen Stellungen er heute noch eine unermüdliche Thätigkeit entfaltet. Im Winter 1851—52 dirigirte er die italienische Oper in Paris u. hat durch viele Con- Pierers Univcrsal-Converlations-Lexikon. 6. Aust. X. von Gürtringen. certreisen seinen Ruf weithin verbreitet. Seit 1876 ist G. Mitglied der belgischen Akademie der Schönen Wissenschaften u. Künste. Unter mehreren Opern, die er schrieb, ist: Der Traum in der Christnacht (dem Sujet von Naupachs Müller u. sein Kind entlehnt) am bekanntesten geworden; schrieb ferner das Oratorium: Die Zerstörung Jerusalems, Kirchenmusik, Symphonien, Ouvertüren, Violinconcerte rc. n. vorzügliche Pianofortewerke. Auch ist H. als hervorragender Mnsikschriftsteller bekannt. Es erschienen: Die Musik u. das Publicum, Köln 1864; Ans dem Tonleben unserer Zeit, Leipz. 1867 u. 1871; Musikalisches u. Persönliches , ebd. 1876; Briese von Moritz Hauptmann an Ludwig Spohr u. a., ebd. 1876. !.) Löffler. 2) 3) Siebenrock. Hiller von Gürtringen, ein altes, aus Rhä- tien stammendes, nach Zerstörung seiner Stammburg Frinau in Granbünden im 14. Jahrh. nach Frankreich ausgewandertes und von da im 16. Jahrh. nach Psalz-Neubnrg n. später nach Württemberg übergcsiedeltes Geschlecht, welches in Württemberg zur Reichsritterschaft gehörte u. 1703 in den Freiherrenstand erhoben wurde. Es hatinWürttem- berg und Preußen (in den Provinzen Posen und Westpreußen) Besitzungen n. theilt sich darnach in zwei Linien: I. Würltembergische Linie: 1) Freiherr Johann, österrcich.General, geb. 10. Juni 1754 in Wienerisch-Nenstadt; trat 1770 als Gemeiner in die österreich. Artillerie u. avancirte nach u. nach zum General. 1805 befehligte er unter Erzherzog Johann eine Division in Tirol n. 1809 das 6. Corps bei Landshut, Ebelsberg u. Aspern, trat jedoch vor Wagram zurück. 1813 und 1814 führte er das Obercommando der österreichischen Armee in Italien und trieb den Vicekönig bis Verona zurück. 1814 wurde er commandirender General in Galizien und starb 5. Juni 1819 in Lemberg als Generalfeldzeng- meister. II. Preußische Linie: 2 ) Freiherr Johann August Friedr., preuß. General, Neffe von H. 1), geb. 1772 in Magdeburg; trat früh in die preuß. Armee, machte die Feldzüge in Holland und am Rhein mit, war 1812 als Major u. Adjutant des Generals von Grawert bei dem Feldzug in Kurland, wurde Commandant in Spandau, 1813 Adjutant von Jork, zeichnete sich bei Königswartha aus, wurde dann Brigade- commandenr, führte die Avantgarde des Dorischen Corps u. trug mit derselben viel zur Entscheidung des Gefechtes bei Möckern bei. 1814 führte er als Oberst die Infanterie der Avantgarde des 2. Corps, 1815 interimistisch die 10. Brigade, nahm in der Schlacht bei Belle-Alliance das Dorf Planche- nois, wurde Generalmajor und Commandant in Stettin, 1817 Commandeur der 10. Division in Posen, 1826 derll.inBreslauu.Generallieutenant, trat 1836 nnterBeförderungznmGeneralderJnfan- cerie aus dem aüiven Dienste u. starb in Berlin 17. Jan. 1856. 3 ) Wilhelm, preuß. General, Lwhn des Vor., geb. 28. Aug. 1809zuPasewalk, wo sein Vater derzeit Etappencommandant war, trat 1826 in das erste Garderegiment zu Fuß ein, ward 1828 Secondelieutenant, nahm 1842 bis 1844 an den Feldzügen der Russen gegen die Tscherkessen theil, 1846 zum Hanptmann, 1848 Band. 2g 306 Hilleru — zum Major er,mimt, machte er 1849 den Feldzug iu Baden mit, wurde 1856 Commandant des 1. Garderegimeuts zu Fuß, 1861 Generalmajor, 1864 Gcnerallieuteuant u. Commaudeur der 15. Division, und machte als Commaudeur der ersten Garde- iufanterie-Division den Feldzug iu Böhmen mit, betrat am 3. Juli 1866 zuerst von der zweiten Armee das Schlachtfeld von Königgrätz, stürmte an der Spitze eines Theils seiner Division auf Chlum u. fiel an diesem Tage, von einem Granatstück getroffen. 1> 2> Schroot.* S) B-m-r. Hillern, Wilhelmine von, s. Birch-Pfciffer 2). Hilliers, Baraguay d'H., s. Baraguay. Hillsborough, 1) zwei Couuties iu den Nord- amerikan. Uniousstaaten: a) in Florida, unter 27° n. Br. n. 82° w. L., 3216 Ew.; Countysitz: Tampa; b) iu New-Hampshire, unter 43° n. Br. u. 71° w. L., 64,212 Ew.; C-sitz: Amherst. 2) Stadt. Bezirk im Sommerset County, New-Iersey, 5500 Ew. Hillsdale, County im Nordamerika!,. Unionsstaat Michigan, unter 42° n. Br. u. 84° w. L., 31,684 Ew.; Countysitz: H. mit 3518 Ew.; Eisenbahnstation. Hills-River (Hayes-River), Fluß in Canada, entspringt östlich vom Winipeg-See aus mehreren kleinen Seen u. mündet bei Jork in die Hudsonbai. Hilmend(HindmenL, Hirmend, Helmnnd), Fluß in Afghanistan, entspringt an dem Kohi- Baba, dem westl. Ausläuser des Hindukusch, fließt anfangs in südwestlicher, dann in westl. Richtung, biegt dann nach NW. um u. mündet in mehreren Arnieu in den Hainun-See. Seine Länge beträgt ungefähr 440 lcm, wovon die Hälfte in der Ebene zurückgelegt wird. Odwol an den meisten Orten zu passiven, ist er doch ein wasserreicher Strom, wichtig für die Bewässerung, mit fruchtbaren Ufern, theilweise für kleine Barken schiffbar. Nebenflüsse sind links der Siah-rud u. Arghandab mit Ternek u. Arghesan. Der H. ist der Erymanthos oder Etymandros der klassischen Geogr. Thielemann. Hilpoltstein, Stadt im Bez.»Amt Neumarkt des bayer. Regbez. Oberpfalz und Regensburg; Pfarrkirche (mit dem Grabe Seyfried Schwepper- manns), Schloß (jetzt Sitz der Behörden) mit schönen Gartenanlagen, Schloßruine, Sandsteinbrüche, Getreide-u. Hopfenbau; 1875: 1522 Ew. H. war früher Residenz von Fürsten aus dem Hause Neuburg-Sulzach. H- Berns. Hilscher, Jos. Emanuel, Dichter, geb. 22. Jan. 1806 zu Leitmeritz in Böhmen. Da sein Vater Profos war , wurde er ins Negiments- Erziehungshaus in Kosmanos ausgenommen. Die Lectüre des Heldengedichts Bliomberis von Alxinzer nährte seine Neigung zur Poesie und er lernte englisch, um Byron lesen u. übersetzen zu können, wie er auch italienisch für Übersetzung Ugo Fos- colos u. französisch fleißig studirte. 1822 trat H. als Gemeiner ins Regiment ein, wo er durch seine heitere Laune die Soldaten für sich begeisterte, die ihn als Genie anstaunten. Er besuchte 1823 den Präparandencnrsus u. wurde Lehrerim Erziehungshause bis 1832. Das Studium Shakespeares veranlaßte ihn zu dramatischen Versuchen. So entstand sein Erstlingsdrama: Kaiser Albrechts Hund, das in der Kaserne mit großein Beifall Himalaja. aufgeführt wurde; ferner: Friedrich der Schöne (aufgesührt iu Laibach im städt. Theater). In Anerkennung seines Talents wurde er zum Ca- detten ernannt. Zum Offizier brachte er es nicht. 1832 ging er mit seinem Regiment nach Italien u. wurde als Fourier angestellt. Am 2. Novbr. 1837 starb er zu Mailand an der Schwindsucht. Seine Dichtungen erschienen (mit einer biographischen Skizze) gesammelt von L. A. Frankl (Pest 1840). Seine Vaterstadt Leitmeritz errichtete ihm 1863 ein Denkmal, bei welcher Gelegenheit seine Dichtungen in 2. Ausl, erschienen. Sic sind lebenswahr u. von einer an Byron erinnernden idealen Frische wohlthuend durchhaucht. Beyer. Hilsconglomerat u.Hilsthon, conglomerat- artige u. thonige Schichten, in Len untersten Regionen des Kreidegebirges in Norddeutschland. Hilsenhcim, Kirchdorf im Kreise Schlettstadt des Regbez. Unter-Elsaß im deutschen Reichslande Elsaß-Lothringen; Waisenhaus, Weberei, Tabaks- u. Hanfbau;'1875: 2035 Ew. Hiltensperger, Johann Georg, Historienmaler u. Professor an der Akademie zu München, geb. zu Haldenwang im Allgäu 1806, bildete sich seit 1822 in München u. bei Cornelius in Düsseldorf u. kam mit diesem nach München zurück, wo er im Köuigsbau Compositionen von Schnorr n. Schwanthaler und im Festsaalbau Darstellungen aus der Odyssee nach Letzterem rc. ausführte. Rcznet. Hilton, William, engl. Historie»-u. Porträtmaler; geb. 3. Juni 1786 zu Lincoln, st. zu London 30. Decbr. 1839; studirte bei dem Stecher Smith u. au der k. Akademie zu London, malte zuerst religiöse, dann seit seiner Romfahrt (1818) mythologische u. historische Stoffe, wobei ihm das Änmuthige besser gelang als das Erhabene. Hauptwerke: Der Kiudermord zu Bethlehem; Der Leichnam König Haralds, von Mönchen gefunden; Jakob u. seine Söhne; Una u. Satire; Der Raub der Proserpina. Seit 1829 war H. in der Vorstandschaft der Akademie. R-gmt. liilum (Bot., Nabel, vioatrix), eine deutlich abgegrenzte, oft vertiefte oder erhabene Stelle an Len Samen, wo dieselben am Samenträger oder Nabelstrange angeheftet waren, oder an cin- samigen nackten Früchten, wo diese dem Frucht- bodeu ansaßen. llllus (Anat.), die Eintrittsstelle der Gesäße und Nerven bei verschiedenen Organen z. B. Lunge, Leber, Liiere, Milz rc. u. den Lymphdrüsen. Hilversum, großes Dorf im Gerichtsbez. Amsterdam der niederländ. Prov. NorLholland, in schöner Lage im Gooilande, Station der holl. Eisenbahn-Gesellschaft; 3 Kirchen, darunter eine der Jansenisten, Synagoge, Fabrikation von grobe» Teppichen und Boy; (1869) 6586 Ew. In der Umgegend mehrere altgermanische Grabstätten. Hilzingen, Marktflecken im bad. AmtSbez. u. Kreise Konstanz, in einem Thale zwischen de» Kegelbergen Hohentwiel, Heilsperg, Hohenstofsel» u. Hohenkrähen, sämmtlich mit Ruinen u. herrlicher Aussicht; 1330 Ew. Himalaja (Himalaya, sanskrit., d. h. Aufenthalt des Schnees), die größte und mächtigste Erhebung der Erde, das Gebirg, welches Vorderindien von Tibet u. Centralasien scheidet u. mit Himalaja. 307 einer Länge von über 3000 lein durch 22 Längengrade anfangs von NW. nach SO., dann m rein östlicher Richtung sich erstreckt. Es besteht, im Ganzen betrachtet, aus einer Reihe paralleler Ketten, welche unter sich durch bis zu den größten Erhebungen steigende Seitenketten verbunden find u. denen wieder Reihen niedrigerer Vorberge im S. vor der Ebene vorliegen; zahl- reiche enge und wilde Hvchgebirgsthäler zwischen den vielfachen Bergziigen geben den vom Gebirge kommenden Wassermassen Bett u. Raum zu ihrem Lauf in die Ebene. Zur besseren Übersicht sind für das in seinen Einzelheiten noch vielfach unerforschte Gebirg verschiedene Eintheilnngen vorgeschlagen worden, unter denen die in drei Theile (nach Ritter od. nach Prichard), die am meisten angenommene ist: 1) der West-H., vom westl. Anfangspunkt an, wo der Indus nach seiner südl. Richtung durchbricht, bis zu den Quellen des Ganges u. Dschumna, 2) der Mittel-H., von da bis zum Tistaflusse, und 3) der Ost-H., bis zum Ende im O. Assams, wo der H., von den durch Hinterindien u. SCHina bis zum Chinesischen Meer laufenden Gebirgszügen ausgenommen wird, ebenso wie im W. Hindukusch (s. d.) ».andere Berge bis nach Persien die Scheidung des mittleren u. südlichen Asiens weiter führen. Der H. birgt die höchsten Erhebungen der Erde in einer Massen- Hastigkeit, daß die bei noch ungenügender Durchmusterung noch nicht annähernd sestgestellte Anzahl der die Höhe des Montblanc übersteigenden Gipsel an 500 beträgt; in der mittleren Kette liegen der Gaurisankar (8837) u.Kandschindschinga(8579), der Höhe nach der eine der erste, der andere der dritte der Gipfel der Erde; ferner der Dhawalagiri (3154 m), Narajani, Tschandragiri, Morschiadi, Jtajabang, Jbi Gamin (zwischen 7—8000 m), Dschamnötri; in der Ost-Kette der Tschumalari u. Donkiah (über 7000 m); in der westlichen der Gya - Pic, der Latschalang , der Diarmer (über -8000 m), östl. des Indus, neben der großen Anzahl sich über 5000 in erhebender Gipfel in Kaschmir (Vgl. die Artikel über die einzelnen Berge). Meist lagern Wolken u. Dünste vor den Gebirgs- massen, so Laß ein klarer Blick nur nach Aufhören der Regenzeit möglich ist. Er erscheint dann, aus größerer Entfernung gesehen, als eine Reihe paralleler, hinter einander aufsteigender Ketten, deren Hintergrund die glänzende Reihe der Schneegipfel bildet. Bei näherer Betrachtung werden diese durch die vorliegenden Berge dem Auge verdeckt u. erscheinen nur noch graue u. mächtige Massen. Durch seine ungeheueren Schneemassen nährt der H. eine sehr große Zahl mächtiger u. wasserreicher Ströme, die zum größten Theil nach S. gehen u. für Indien die Lebensexistenz bedingen; von diesen seien nur erwähnt die im N. von ihm entspringenden Indus, Setledsch u. Brahmaputra, welche die Ketten des Gebirges durchbrechen müssen; die zwischen der nördl. und südl. Kette entstehenden Ganges, Dschumna, Kuruaili, Gandak in dem Mittel-H., Tschinab u. Dschilam im W -H., Kost u. Tista im Ost-H., endlich aus der großen Anzahl der den südl. Borbergen entspringenden Gumti u. Gogra. Arm dagegen ist das Gebirg an Seen, welcher Mangel durch das reißende Gefälle der Flußwasser sich erklärt; unter ihnen sind der Wular- See in Kaschmir, die noch wenig bekannten Phalgu u. Tschomdodrog in Tibet. Schon mehr außerhalb seines Gebietes liegen der Mansarovar (Manasa im N. von Kamaon), der Jamdok im S. von Lhassa in Tibet. Häufiger find Gletscher-Seen wie der Deschtal in Garwhal u. A. in bedeutender Höhe. Der H. fällt steiler nach S. ab, als nach N., wo er ein kaltes, weites Hochland aufnimmt; in seinem Durchschnitt von S. nach N. betrachtet, zeigt er von dem Durchbruch der Setledsch an bis nach Assam ungefähr folgendes Aussehen: Von der Ebene ans liegt vor den Bergketten das Terrai (Tarajani, d. h. Durchgangsland), ein Boden aus Sand, Kies und Gerolle, die aus dem Gebirge stammen, reich mit Wasser getränkt u. mir sumpfigen Wäldern erfüllt. Im West-H. lagern an dessen Stelle Salzgebirge den Hauptketten vor. Auf dieses folgt ein mit dichtem tropischem Wald besetztes Hügelland (Bhavar od. Bhaber), das bis ungefähr 1000 in aufsteigr und von den Dhuns od. Duars (s. d.), üppigen, ungefähr 700 in hohen Thälern, ausgenommen wird. Dicht hinter Liesen erhebt sich jäh ansteigend das Hauptgebirge in seiner südl. Kette, welche durch ein welliges, vielfach von Seitenkämmen durchzogenes Hochland (Maidan) von der nördl. getrennt ist. Dabei ist jedoch festzuhälten, daß diese Gliederung des Gebirges in solcher Regelmäßigkeit nicht durchgängig besteht, sondern viele Ausnahmen erleidet; der Parallelismus der Ketten ist kein strenger; die Zwischenthäler haben verschiedene Breite; es lausen Kette» zusammen u. verlieren sich oft ineinander, namentlich die vorderen Bergzüge haben mancherlei Unterbrechungen. In geologischer Hinsicht bilden von der Ebene aus tertiäre Gesteine bis zu 1000 m die unteren Schichten; darauf folgen Gneis, Glimmerschiefer n. Hornblende. Die Schneegrenze wird bei 5484 m (nach Anderen bei 3956) im Mittel berechnet, dieselbe, steigt jedoch auf dem nördl. Abhänge tiefer herab als ans dem südlichen; auf Höhen unter 1200 in fällt überhaupt kein Schnee mehr. Die Existenz von Gletschern wurde früher bezweifelt; es sind jedoch, im Mittel-H. meist zwischen den beiden Hauptketten, u. auch sonst eine ganze Anzahl entdeckt worden, von denen einige bis zu 3000 m herabgehen. In Betreff der Flora werden folgende drei Zonen unterschieden: 1) bis 1200 m dichte, dunkelgrüne Waldungen aus mächtigen Palmen, Feigen-, Gummi-, Baumwolle- u. Salbäumen, vermischt mit starkem Unterholz u. riesigen Gräsern. Die Anpflanzung des Teakbaumes ist versucht; der Anbau vou Reis, Baumwolle, Zucker, Mais, Hirse ist mit Erfolg belohnt; 2) bis 3000 m die Bäume u. Sträucher der gemäßigten Zone Europas, starke Laubwälder von Eichen, Magnolien, Kastanien, Lorbeer, Wallnuß und Ledern. Ebenso lohnt die Cultur der Obstbäume, der Pfirsiche u. der Weinrebe u. der neu eingeführten Cinchonapflanze noch in einzelnen Partien dieser Zone; nicht weniger der Anbau vou Reis, Hirse, Mais, Sorghum und (seit den letzten Jahrzehnten eingeführt) von Thee, ungefähr bis 2000 w. Diese Cultur ermöglicht sich ausschließlich auf der SSeite; die kältere NSeite Tibets ist in dieser Region schon auf spärlichen 20 * 308 Limantopiis - Getreidebau und Viehzucht beschränkt. 3) Bis 6000 w Nadelhölzer u. Weiden, in den unteren Partien nach stark mit Sträuchern durchsetzt. Hier finde» sich noch ausgedehnte Wiesen, auf denen Viehbeerden bis zu bedeutender Höhe ihre Nahrung finden. Von 6000 m an erlischt jede Vegetation. Die Thicrwelt ist durch Tiger, Rhinoce- rosse u. Stephanien (vereinzelt bis zu 3000 in), Leoparden, Bären, Moschusthiere, Schakale, tibetische Hasen, einige Affenarten (noch bis zu 4000 in) vertreten; Hirsche, Rehe u. Gemsen fehlen. Von Hausthieren sind im H. vertreten Pferde (von kleiner Statur), Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, in Tibet der Jak-Ochse. Die Hcerden weiden im Winter in ungefähr 2000 rn Höhe; im Sommer finden sie bis zu 5000 in ihre Nahrung; auf Höhen von 1500 —1800 m ist die Viehzucht durch verschiedene Umstände, namentlich die vielen Blutegel, nicht möglich. An edlen Metallen ist der H. sehr arm; er fuhrt Gold in geringem Maße in Kaschmir, reicher sind die Eisen- u. Kupferlager in Nepal und Kaschmir. Heiße Quellen sind zahlreich und der Gegenstand abgöttischer Verehrung der Hindu. Das Klima des H. ist im Ganzen ein continentales: mit mildem Winter und erträglich heißem Sommer; in der Höhe von 2100 w, wo die von den Engländern stark besuchten Gesundheitsstalionen liegen, schwankt es zwischen 12—17° 6. Die Abnahme der Lnfttemperatnr mit der Höhe berechnet H. von Schlagintweit bei 100 w aus 6. Die Regenmenge ist groß im O. und nimmt in nordwestl. Richtung ab; die Trockenheit nimmt im Mittel--H. zu mit der Annäherung an Tibet u. herrscht in dem Hochgebirgsthal zwischen Len beiden Hauptketten. Selbstverständlich können die angegebenen Verhältnisse der Flora u. Fauna nur als mittlere betrachtet werden, die in den einzelnen Theilcn des Gebirges mannigfachen Modifikationen unterliegen. Das Gebiet des H.-Gebirges zerfällt, politisch betrachtet, in 1) unmittelbar den Engländern un- rerthänige Bezirke, wie Peschawar, Garwhal, Ka- nlaon, Dardschiling, die Duars; 2) engl. Vasallenstaaten, darunter eine ganze Anzahl im West-H., der Präsidentschaft Pendschab zugetheilt, ferner Garwhal u. a.; 3) unabhängige Staaten, wie Kaschmir, Bhutan, Nepal u. das slidl. Tibet. Die annähernd auf 7 Mill. geschätzte Einwohnerzahl ist durchaus nicht einheitlich; theils sind es den Tibetern verwandte Stämme, theils Mischvölker aus Tibetern u. Hindu; ebenso mannigfaltig sind die Sprachen, theils einsilbige, einige dem Tibetischen verwandte, andere nicht näher zu classificir- ende, theils Dialekte der indischen Sprachfamilie. Zn den ersteren gehören die Lepscha im Stromgebiete des Tista, die Kiranti und Limbn in Nepal, zu den letzteren die Kholi, Garwhali im nördl. Garwhal, Khatir, Avan, Dom in Kamaon (s. d.) u. a. Theilweise bekennen sie den Buddhismus, theilweise huldigen sie noch den abergläubischen Anschauungen Hochasiens, stehen überhaupt mei- stentheils ans einer sehr niedrigen Cultnrstuse u. beschäftigen sich hauptsächlich mit Viehzucht. Der H. führte bei den alten Indern verschiedene Namen, wie er von ihnen überhaupt als einheitliches Gebirge nicht betrachtet wurde: Himakala, — Himbeeren. Himadri, Himavant, die sä'mmtlich auf seine mit Schnee bedeckten Gipfel Hinweisen; bei den clas- sischcn Geographen, denen er nur ungenau bekannt war, wurde er Kaukasos, Jmaos, Hemodus genannt, womit aber auch andere centralasiatische Gebirgsketten verstanden werden. Wie er für Indien durch die Wassermassen, die das Land mit Bewässerung versorgen, durch die dem Meere entsteigenden Regenwolken, die von ihm abgehalten sich über die indischen Gefilde ergießen müssen, durch die Abwehr der kalten NWinde von höchster Bedeutung und bedingendem Einfluß für die ni- türliche Gestaltung ist, so hat er auch schon in früherer Zeit eine wesentliche Nolle in den Gebilden ihrer Mythologie und Dichtung gespielt. Er bildete die Grenze ihrer Weltanschauung, er war mit seinen in weite Fernen leuchtenden Schneekuppen ein Object ihrer Verehrung, die Wohnung der seligen Götter, u. einzelne seiner Theile trugen u. tragen noch bis in die jetzige Zeit Las Gepräge der Heiligkeit. In historischer Zeit war er eine sichere Absperrung Indiens gegen die vorwärtSstrebeuden Stämme Central-Asiens, die erst spät u. auf dem Umwege über Afghanistan den Weg dahin fanden, n. hat dadurch wesentlich es bedingt, daß die arische Cultur sich in ihrer eigenthümlichen Weise in Indien. entwickeln konnte. Die an seiner SSeite gelegenen Landschaften, eine Art Alpenlandschasten, haben manche Eigenthümlichkeiten entwickelt, waren jedoch zu schwach, um auf die Gesammtheit der indischen Entwickelung einen großen Einfluß zu üben; der bestimmende Factor für weitere Ent- > Wickelung dieser Gegenden ist überall die indoge» ^ manische Einwanderung, soweit sie vordrang, ge- i blieben. In dem Verlause des 19. Jahrh. hat die Herrschaft der Engländer sich auch in diese Gegenden ausgedehnt u. ist unausgesetzt bestrebt, durch wissenschaftliche Erforschung die Kcnntniß des H. zu erweitern, seine Vorberge u. Abhänge der Cultur nutzbar zu machen, in seinen zahlreichen Pässen Wege für Len centralasiatisch-indischen Handelsverkehr zu schaffen; nutzbar hat sie sich schon Lurch Anlage zahlreicher Gcsundheitsstationen für die durch das heiße Klima erschlafften europäischen Beamten gemacht (über dieses und die Literatur s. u. Indien). TlMemaim. Mmantopus L-'e'ss., Stelzenläufer, Strandreiter, Gattung der Familie der schnepsen- artigen Sumpfvögel. Schnabel und Beine sehr lang, Füße ohne Hinterzehe. In der Färbung treten weiß und schwarz als Hauptfarben aus. Leben in Sümpfen u. Mooren. Die 5 bekannten Arten bewohnen vorzugsweise die Tropen und Australien. 8. ruüpso, 36 om, Flügel schwarz, Schwanz grau, weiß gesäumt, sonst weiß, im Alter Rücken u. Scheitel schwarz, jung braun; Sllddeutschland. Farwick. Himavant (Schneeberg), ein Sanskrit-Name für Himalaja (s. d.). Himbeeren (Rnbns iäasns L.) s. knbns; die Früchte haben sich durch die Cultur mehrfach in der Form, Größe u. Farbe u. durch die Zeit ihrer Reife verändert; von den zahlreichen jetzt vorkommenden, zum Theil bis -in den Herbst hinein tragenden Sorten sind die großen rothen u. weißen holländischen, die gelben Antwerpener, die Himcra — rochen reichtragenden Fastolf-, die schönen von Fontenay, Merveille, Wunder der 4 Jahreszeiten u. m. a. am meisten verbreitet; auch wird zuweilen die nordische H. (Rnbus arotiens L.) ihrer wohlschmeckenden dunkelrothen Früchte wegen bei uns angezogen, sie gedeiht aber weniger gut u. nur auf Heiüeboden. Die Cultur der H. ist auf gutem kräftigem, mehr leichtem als schwerem Gartenboden nicht schwierig, sie gedeihen auch au etwas beschatteten Stellen gut. In jedem Frühjahr werden die alten abgestorbenen Stengel weg- geschnitten u. die Wurzelschößlinge ansgestochen, die kräftigen jungen Stengel aber etwas eingekürzt u. angebunden; auch lassen sich einige der frühen Sorten gut treiben. Die H. werden theils roh genossen, theils mit Zucker eingekocht als H.-G e l ee, H.-Saft oder H.-Essig, zu verschiedenen Gebacken u. , mit Wasser vermischt, als kühlendes Getränt n. als Zusatz zu Arzneien benntzt. Der H.-Wein ist wenig haltbar, kann aber durch Zusätze von Fruchtcssenzenn. Gewürzen verbessertwerden. Wolde Himcra (a. Geogr.), Stadt an der Nordküste Siciliens, gegründet am WUfer des Himeras 649 v. Ehr. von Chalkidensern ans Zankle. Hier 480 v. Chr. Niederlage der durch den Tyrann Terillos herbeigerufenen Karthager unter Hamilkar durch die Syrakusaner unter Gelon; hierauf kam die Stadt unter die Herrschaft der Tyrannen von Agrigent, wurde nach deren Sturz 470 noch einmal unabhängig, aber 409 von den Karthagern vollständig zerstört. An ihre Stelle trat Thermä, später berühmt durch seine Mineralquellen u. unter Angustus römische Colonie; jetzt Termini. H. war Vaterstadt des Dichters Stesichoros. Thielemann. Himerlos, berühmter griechischer Sophist und Professor der Beredtsamkeit, als Sohn des reiche» u. vornehmen Rhetors Ameinias, geb. 315 n. Chr. zu Prnsias in Bithyuien, er studirte in Athen bei dem großen Proäresios u. trat hier, nachdem er zu seiner Weiterbildung mehrere Reisen gemacht hatte, seit 345 als akademischer Docent auf; er wurde athenischer Bürger, im Jahre 347 Areopagit, im Jahre 348 Prosessor an der attischen Universität. Als eifriger Pfleger des Heidenihums ist er seü Mitte des Jahres 362, wie es heißt als Geheim- schreibet, in der Umgebung des Kaisers Julian gewesen, u. nachher erst, 368, nach Athen zurückgekehrt; er st. daselbst als blinder Greis um 386 n. Chr. Von seinen Reden, welche meist Gelegen- heits- u. Prnnkredcn sind, waren noch im byzan tinischen Mittelalter 71 bekannt; bei Photios haben sich Auszüge von 36 derselben erhalten, auf unsere Zeit aber sind 24 vollständige, u. Fragmente von 11 anderen gekommen; herausgeg. von Wernsdorf, Gott. 1790; von Dllbner Par. 1849. Hertzberg. Himeros (gr.), Sehnsucht, Verlangen, Personi- fication der liebenden Sehnsucht, Begleiter des Eros u. im Gefolge der Aphrodite. Himilco, karthagischer Name mehrerer Feldherren, so des Befehlshabers von Lilybäon, 249 v. Chr., des Führers in Sicilien, 212 v. Chr., eines Karthagers im dritten punischen Kriege, der, nachdem er glücklich gegen die Römer gefochten, 148 zu ihnen überging, u. a. Himjariten, arabischer Volksstamm, wohnten zwischen den Maphoriten (Maafiritsu) und der - Hiimiicl. 309 Mündung des arabischen Meerbusens; ihre Hauptstadt war Tzofar (Saphar), s. Arabien, Gesch. — Daher Himjaritischer Dialekt u. Himjarit- ische Schrift, s. n. Arabische Sprache. Himly, 1) Karl Gustav, Augenarzt, geb. 30. April 1772 in Brauuschweig, besuchte seit 1790 das anat.-chirurg. Collegium daselbst, ging 1792 nach Göttingen, wurde 1794 Obergehilfe am akadem. Hospitale, diente als Freiwilliger in den Lazarethen der polnischen Armee am Rhein, wurde 1795 Professor der medic.-chirurg. Klinik zu Braunschweig, außerordentlicher Beisitzer des Obersanitätscollegiums, 1801 ordentlicher Professor der Medicin, Mitdirector der Klinik n. Hofrath in Jena, 1802 außerordentl. Assessor der Promotions- facultät, 1803 Professor der Heilkunst u. Directvr des akadem. Hospitals in Göttingen und ertrank auf einem Spaziergange am 22. März 1837 in der Leine. Durch die Einführung von Mitteln, welche die Pupille erweitern, hat er der Augenheilkunde wesentlich genützt. Er schr. außer einer großen Anzahl Artikel in den Fachzeitungen Abhandlungen über die Wirkung der Krankheitsreize auf den menschl. Körper, Braunschw. 1795; Über den Brand der weichen u. harten Theile, 1800; Ophthalmologische Beobachtungen, Brem. 1801; Einleitung in die Augenheilkunde, Jena 1806, з. Aufl., Gött. 1830; Lehrbuch der praktischen Heilkunde, ebd. 1806, 3. Aufl. 1816; gab heraus: Roose Taschenb., f. Gerichtsärzte, 1811, mit I. A. Schmidt: Ophthalmolog. Bibliothek u. a. m. 2) Ernst August Wilhelm, Mediciner, Sohn des Bor., geb. 14. Dec. 1800 in Brauuschweig, studirte in Göttingen, wurde 1825 Privatdocent и. 1832 Professor der Medicin in Güttingen u. lebt jetzt in Kiel. Er schr.: Beiträge zur Anatomie u. Physiologie, Hann. 1829—32, 2 Liefer.; Einleitung in die Physiologie des Menschen, Gött. 1836; gab heraus: K. Himly, Die Krankheiten und Mißbildungen des menschl. Auges u. deren Heilung, Nordh. 1842 f., 2 Bde. Thamhayn. Himmel (Oaolum od. Ooelum), 1) der Raum über der in den Gesichtskreis fallenden Erdoberfläche, welchen das Auge in Form einer Wölbung erblickt, die sich über alle innerhalb des Horizonts befindlichen Erdgegeustände wegzuziehen scheint. Dieser Täuschung sich hingebcnd, betrachteten die Alten den H. als einen festen Körper (Himmelsfeste, Firmament). Er ist die eingebildete Fläche, aus welche wir alle in einer großen, für das Augenmaß nicht mehr abschätzbaren Entfernung über der Erde sichtbaren Gegenstände projiciren; er erscheint uns nicht als eine Halbkugel, sondern wir halten den verticalen Radius für kürzer als den horizontalen. Über die blaue Farbe des wolkenlosen H-s s. Atmosphäre 2). 2) I» biblischer Vorstellungsweise die Welt über dem sichtbaren Himmelsgewölbe, der Wohnort Gottes u. der Engel, Jesu Christi als Gottes Throngenossen, der voPendeten Gerechten, eine Localisirung der Majestät Gottes u. Materiali- sirung der Idealwelt, die dann doch wieder öfters von den Propheten des A. T., im N. T. nament- i lieh in dem 4. Ev., durch eine geistigere Anschauungsweise durchbrochen wird; vgl. Jenseits. 2 ) Löffler, s Himmel, Friedrich Heinrich, Componist, geb. 20. Nov. 1765 zu Treuenbrietzen im Branden- 310 Himmelfahrt - burgischen; studirte in Halle Theologie, widmete sich aber, vom König Friedrich Wilhelm II. als geschickter Klavierspieler nnterstützt, in Dresden unter Naumann, dann später in Italien der Musik; wurde königlich preußischer Kapellmeister, machte Urlanbsreisen nach Schweden, Rußland u. England, hielt sich längere Zeit am Hose in Gotha auf, kehrte aber nach Berlin zurück u. st. 8. Juni 1814. Er setzte die Opern Semiramide, Sylphen (1807), Fanchon. H-s Talent bestand vorzüglich in der Liedercomposition. Zu dieser Art zählen als eine der vorzüglichsten unter den nahezu 80 Compositionen die Gesänge zur Urania von Tiedge und Mahlmanns Vater unser. Himmelfahrt, 1) H. Christi, vgl. Jesus Christus. Das Fest der H. Christi (§sstum asoensiünis Domiul, Himmelfahrtsfest, gr. /l^rch, welches immer 40 Tage nach Ostern fällt, wurde seit dem 4. Jahrh. allgemeiner als hervorragender Festtag in dem Kreis der 50 Tage nach Ostern gefeiert. 2) H. Mariä, s. n. Marienfeste. Himmelfahrtsinscl, so v. w. Ascension 1). Himmelkron, Kirchdorf im Bez.-Amt Berneck des bayer. Kreises Oberfrankeu, am Weißen Main; königliches Schloß mit Denkmälern bayreuthischer Fürsten; (1871) 955 Ew. — Im 18. Jahrh. war das Schloß (ein ehem. Cistercienser-Nonuenkloster) vielfach Residenz der Markgrafen von Bayreuth, u. es hat eine Fürstengruft, in der sich nach der Sage auch die Gruft der Weißen Frau, der Gräfin Kunigunde von Orlamünde (gest. um 1300), befinden soll. H- Berns. Himmelreich, s. Reich Gottes. Himmelsachse (Weltachse), in der sphärischen Astronomie die den Nord- u. Südpol der Himmels- kugel verbindende, zugleich Lurch den gemeinschaftlichen Mittelpunkt derselben u. der Erdkugel hindurchgehende, gerade Linie. Sie ist ein Durchmesser u. zugleich die Rotationsachse der Himmelskugel, mithin die Rotationsachse der Erdkugel ein Theil derselben. Ihre Neigung gegen den Horizont eines bestimmten Beobachtnugsortes gibt dessen Polhöhe oder geographische Breite. Himmelsbedeckung, s. Wolken. Himmclsberg, s. u. Dänemark, S. 687. Himmelsgebirge, s. Thianschan. Himmelsgegenden(Weltgegendeu),dieHaupt- richtungen von einem gefaßten Standpunkte aus nach dem Horizont zu u. die Eintheilung des letzteren in Bezug aus diese Richtungen. Man nimmt als ll.) Haupt- oder Cardinalgegenden vier an, wodurch also der Horizont in vier Viertelkreise getheilt wird. Sie sind Nord, Süd, Ost, West. Über die Richtung nach a) Süden orientirt man sich ani leichtesten, weil es die ist, in welcher der vom Scheitelpunkt zum Horizont gezogene Vertikalkreis ausläust, welchen die Sonne täglich zu Mittag durchschueidet, u. auf welchem alle Himmelskörper, die auf- und niedergehen, ihren höchsten Stand erreichen (vgl. Culmination); b) Nord ist die direct entgegengesetzte Richtung, die auf der nördlichen Hemisphäre durch den Nordpol geht. Man findet sie des Nachts ziemlich genau durch Beobachtung des Polarsterns; der Compaß zeigt sie nur approximativ au, genau aber, wenn man die Abweichung der Magnetnadel für eine gewisse — Hinckeldey. Zeit u. einen gewissen Ort kennt; o) Ost ist der Punkt des Horizonts, wo die Sonne zur Zeit der Rachtgleichen aufgeht; ä) West, wo die Sonne dann untergeht; auch Sterne, die keine Abweichung vom Äquator haben, deuten Lurch ibren Auf- u. Niedergang jene Punkte an. Für andere Zeiten des Jahres muß man die Morgen- u. Abendweite der Sonne, oder hinsichtlich des Auf- u. Niedergangs anderer Sterne, um darnach Osten und Westen zu bestimmen, deren Abweichung kennen. L) Nebengegenden find die zwischen zwei Hauptgegenden genau in der Mitte gelegenen. Sie werden nach den Hauptgegsnden als Nordost, Südost, Südwest n. Nordwest bezeichnet, abgekürzt als NO-, SO., SW. NW. Die Mitten zwischen jeder Hauptgegend u. der ersten Nebeu- gegend geben 6) zweite Nebengegenden; diese werden mit dem Namen der Hauptgegend (voran) u. dem der ersten Nebengegend bezeichnet, also: NNO-, ONO., OSO., SSO., SSW., WSW., WNW, NNW. Für die Schifffahrt werden nochmals Zwischeugegcnden, folglich v) dritte Nebengegenden, in deren Mitte zwischen jenen, also noch 16 unterschieden u. dadurch angedeutet, daß vor der letzten Benennung die Silbe gen einge- fllgt wird, so: NgO., d.i.: Nord gen Ost, NOgN., Nordost gen Nord, dann fort: NOgO., OgN., OgS., SOgO., SOgS., SgO., SgW., SWgS., SWgW-, WgS., WgN., NWgW., NWgN., NgW. Nach diesen 32 Gegenden, wovon jede 11H Grad des Horizonts befaßt, wird die Windrose (s. d.) abgetheilt. Specht.» Himmclsherz, der Punkt (Grad) der Ekliptik, welcher eben culminirt (in dem Meridian steht). Himmelskreise, die zur Orientirung an dem Himmelsgewölbe u. an dem Himmelsglobus gezogenen Kreise, als Breiten- u. Längenkreise.- Himmelsleiter, Pflanze, ikolsmomuM eosru- Isum T. Himmelsröschen ist I-yelmis eosli rosa T. Himmelsschlüssel, ikrimula. okkioinalis ^aez. u. slatior Himmlischer Gruß, so v. w. ^vs Llaria. HimmlischePropheten,Secte,s.WiedertLufer. Himmlisches Reich, sov.w. Chinesisches Reich. llino Mae lacrMss (lat.), daher (kommen) jene Thränen; sprichwörtlich für: das ist die Ursache der Trauer, des Ärgers rc. Hinckeldey, Karl Ludwig Friedrich v., geb. 1803 auf dem Schlosse Simmershausen bei Meiningen; trat nach vollendeten Nechtsstudien in preuß. Dienste u. wurde nach u. nach Regierungsassessor in Köln, Regiernngsrath in Arnsberg u. Liegnitz, Oberregierungsrath in Merseburg u. 1848 Polizeipräsident in Berlin, in welcher Stellung er viele Verbesserungen schuf u. durch sein energisches Eingreifen auch Lurchführte, so namentlich die neue Feuerwehr, mehrere sanitätspolizeiliche Bauzesetze, die Herstellung von Bade- u. Waschanstalten, die Einrichtung von Speiseanstalten, die Gesindeherbergen für dienstlose weibliche Dienstboten; er gründete auch 1852 in Berlin die H-stiftung sür hilfsbedürftige Bürger. 1853 ward er General- poüzeidirector u. 1855 als Geheimer Oberregierungsrath Dirigent der Abtheilung für Polizei im Ministerium des Innern. Seine für das moderne Hincklcy — Berlin neue Art der Verwaltung war die des intelligenten Despotismus, welchem Gewalt u. eine prompte Diktatur als Mittel für eine streng abgemessene Ordnung dienten. Jedoch begnügte er sich nicht damit, das städtische u. bürgerliche Leben in diese Ordnung einzuschließen, sondern verlangte auch, daß die Ministerien und Gerichte sich seiner Auffassung der allgemeinen Wohlfahrt beugten n. der Adel ihm gegenüber auf seine alte exemte Stellung Verzicht leiste, und ließ auch die politischen Neigungen des Hofes seine Obergewalt fühlen. Er war dagegen, wenn Minister v. West- phalen auf eigene Hand Zeitungen confisciren ließ, u. wenn dieser sich oben darüber beschwerte, daß er der Presse zu viel Freiheit gebe, rechtfertigte er sich, daß ungerechte Confiscationen dem Ansehen der Behörden schaden. Er allein wollte über das Rechte u. Zweckmäßige entscheiden und kehrte sich nicht an die Klagen der Hofpartei, wenn er die Kreuzzeitung confiscirte. Bei seiner Beschlagnahme von Zeitungen wollte er zugleich das Urtheil der Staatsanwaltschaft bestimmen u. erwirkte das Circularschreiben des Justizministers an die Staatsanwaltschaften vom 25. Nov. 1851, daß, „wenn die Polizei als eine bei der Beschlagnahme mitwirkcnde Behörde der Ansicht sei, daß die Schrift strafbaren Inhalts sei, doch immer Einiges für die Strafbarkeit sprechen müsse". Sein Ideal war nicht nur die Gewalt eines französischen Präfecteu, sondern auch die Diplomatie der polit- schen Polizeiminister Frankreichs im vorigen Jahrhundert. Er brachte cs aber nur zu einer schwachen Erfindnugskrast u. gebrechlichen Maschinerie. Er sowol wie Manteuffel verfolgten mit Argwohn u. Mißbilligung die geheime Diplomatie des Hofes während des Krimkrieges zu Gunsten Rußlands und verschafften sich Abschriften der geheimen Depeschen, in deren Besitz die französische Gesandtschaft gelangt war. Er fiel zuletzt mitten in seinem Dienste. Als er, durch königlichen Befehl beauftragt, einen adeligen Spielclubb schloß, sahen die Mitglieder desselben in seinem Einschreiten einen Eingriff in ihre Privatrechte, und er mußte, da nichts das Duell hindern zu können schien, seine Amtssührung und Pflichterfüllung mit der Pistole in der Hand vertreten. Er fiel in dem zwischen ihm u. Herrn von Rochow-Plessow stattfindenden Pistolenducll 31. März 1856 in der Jungfernheidc bei Charlottenburg. Hier und in Rummelsburg wurden ihm 1857 Denkmale errichtet. Bauer. Hinrkley, Stadt in der englischen Grafschaft Leicester, am Ashby de la Zonch-Kanal, Eisenbahnstation ; Wollen- u. Baumwollenfabrikeu, Strumpfwirkerei, Bierbrauerei; 6802 Ew. Hind, ist die neupersische Form des zeud- und altpersischen Hindu, Indien, das aus dem sanskritischen sindhn (d. i. Fluß überhaupt, dann der Fluß Indus u. das am Indus belegene Land u. dessen Bewohner) entstanden ist, indem die Sibilans nach den dortigen Dialekten in eine Spirans (Hindu) übergeht, welche von den ionischen Griechen in vernachlässig! wurde. Abgeleitet von Hind ist Hindu n. Hindi (s. L.). s. Hind, John Russell, engl. Astronom, geb. 12. Mai 1823 zu Nottingham; wurde 1840 Assistent an der Sternwarte zu Greenwich, 1844 Hiiidcrsin. 311 Astronom an der Privatsternwarte BiShops im Regenlspark zu London, entdeckte mehrere Asteroiden (s. d.), veränderliche Sterne u. Kometen und entwarf umfassende Karten des Himmels. Außer in verschiedenen astronomischen Zeitschriften erschienenen Arbeiten schrieb er: Mia solar sxskom, London 1846; Ou blis sxpsetaci roturn ok tirs Areat oomet ok 1264 ami 1656, ebend. 1848; A.stromieal voeabular^, ebend. 1852; lutro- äuotion to askronomz-, ebd., 3.Ä. 1871. Specht. Hindenburg,K arlFriedrich, Mathematiker, geb. 13. Juli 1741 in Dresden; stndirte seit 1757 iu Leipzig Philosophie, Mathematik und Schöne Wissenschaften, wurde 1781 Professor der Philosophie u. 1786 der Physik u. st. 17. März 1808. Er ist der Erfinder der combinatorischen Analysis u. schr.: Combinatorisch-analytische Abhandlungen, ebd. 1800; Magazin für Mathematik, ebd. 1786 bis 1789 ; Archiv der Mathematik, ebd. 1794—99. Hindernisse, 1) Dinge, welche Etwas nicht zur Wirklichkeit oder Ausführung kommen lassen oder mindestens die Ausführung erschweren. 2) Dinge, welche die Bewegung einer Sache hemmen; besonders Gegenstände, welche dem Feind den Zugang zu einer Befestigung erschweren, um ihn zu zwingen, sich im nahen Feuer derselben aufzuhalten. Man unterscheidet natürliche H., welche schon früher, ehe man die Befestigung baut, vorhanden sind, und die man bei Anlage derselben benutzt, um schwache Punkte zu schützen, wie Wasser od. sumpfiges Terrain, steile'Abhänge; u. künstliche H., welche erst angelegt werben, um den Zugang zu der Befestigung zu erschweren oder- schwache Stellen derselben zu decken. Das hauptsächlichste passive Hinderniß einer Befestigung ist der Graben. Dasselbe wird verstärkt durch Anbringung von Pallisadirungen, Drahtgeflechten, Verpsähl- ungen auf der Grabensohlc u. durch Anlage eines stehenden Astverhaues an der Coutrescarpe. Bor dem Graben legt man im wirksamen Gewehrfeuer der Befestigung niedrige, sogenannte liegende Astverhaue, Wolfsgruben mit Verpfählungen in den Zwischenräumen, Drahtnetze u. s. w. an. Auch Eggen, Bohlen mit Nägeln u. Fußangeln, bes. in überschwemmtem Terrain bei seichtem Wasser verwandt, um das Passiven desselben zu erschweren, werden zu Len H-n gerechnet. l. Hindcrsin, Gustav Eduard v., preußischer General der Artillerie, geb. 18. Juli 1804 in Wernigerode, wo sein Vater Pfarrer war; trat 1820 in die preußische Artillerie u. avancirte, seit 1841 als Premierlieutenant und seit 1843 als Hauptmann in den Generalstab versetzt, bis 1846 zum Major, als welcher er zum Dirigenten der Topographischen Abtheilung im Großen Generalstabe ernannt wurde. Zu Anfang des Feldzugs gegen die Badenschen Insurgenten, 1849, dem er im Generalstab beiwohnte, gerieth er in Gefangenschaft, wurde nach Rastatt gebracht, kam aber im Juli vor der Übergabe dieses Platzes wieder frei. 1850 wurdeH. Ch-f des Generalstabs des 6. Armeecorps, 1854 Commaudeur der 2. Artillerie-Brigade, 1858 Jnspcctenr der 3., u. 1864 der 2. Ar- tillerie-Jnspectiou in Berlin. Im dänischen KAege leitete er den Artillerie-Angriff auf die Düppeler Schanzen, wurde nach dessen Beendigung in den 312 Hindi — Hiiidustamsche Sprache u. Literatur. Adelstand erhoben und im Dec. desselben Jahres General-Jnspecreur der Artillerie der Armee. Im Kriege gegen Österreich 1866 befand er sich im Hauptquartier des Königs u. wurde 1867 General der Infanterie, 1868 Mitglied der Landesverthei- digungscommission, 1869 Chef des pommerschen Feldartillerieregiments. Am Kriege gegen Frankreich 1870 f. nahm er als Commandeur der gesummten Artillerie im Hauptquartier des Königs mit Auszeichnung (namentlich vor Paris) theil u. st. 25. Jan. 1872 in Berlin. Er hat große Verdienste um die Entwickelung der preuß. Artillerie seit Einführung der gezogenen Geschütze, u. a. legte er die Artillerieschießschule bei Berlin an. Schroot." Hindi (Hindisprache), s. Hindustanische Sprache u. Literatur. Hindletj, Fabrikstadt in der engl. Grafschaft Lancaster; Baumwollenfabriken,Steinkohlengrnben: 10,627 Ew. Hinds, County im nordamerik. UniouZstaate Mississippi u. 32" n. Br. u. 90" w. L.; 30,488 Ew. Countysitz: Raymond. Hindschrift, so v. w. Himjaritische Schrift, s. u. Arabische Sprache. Hindu (auch Gentoo geschrieben, persisch), ein Begriff von schwankendem Gebrauche, in Europa oft für die Gesammtheit der Bewohner Indiens angewandt, im Lande selbst jedoch specieller nur die der Brahmanischen Religion Folgenden bezeichnend, also mit Ausschluß der zahlreichen Mohammedaner, der wenigen Buddhisten n. des Nestes der alten Urbewohner. Ungefähr würde diese Bezeichnung mir der anderen, unter H. die Nachkommen der indogermanischen, unter Einfluß des Brahmanismus zum indischen Volk gewordenen Einwanderung zusammenfasscn; schwierig und streitig bleibt aber dabei die Stellung der zahlreichen Mischkasten von Ariern und Urbewohnern, deren religiöse Ansicht ein mit brahmanischen Ideen versetzter alter Volksglaube u. deren ethnographische Abstammung ein Gemisch zweier Rassen ist. Über den Namen s. Hind. Thielemann. Hindui, s. Hindustanische Sprache u. Literatur. Hindukusch (d. h. Hindutödter, im Persischen Hindukoh, Hindiknh, Indisches Gebirge, bei den griechischen Geographen sehr unbestimmt beschrieben u. Indischer Kaukasus, auch Paropamisus ss. L.j genannt), ein noch in nur ungeuligeudem Maßstabe bekanntes Gebirgssystem des mittleren Asiens, die ununterbrochene Wasserscheide zwischen den Flüssen des westl. Centralasiens u. denen Afghanistans n. des westlichen Indiens. Es bildet die westliche Fortsetzung des Karakorumgebirges u. zieht, unter 74° beginnend, bis ungefähr 67" ö. L. in südwestlicher Richtung in zahlreichen Ketten, nach W. zu allmählich sich zu einem Terrain niedriger Höhen, voll von Schluchten, senkend; Liese in rein westlicher Richtung bis nach Herat streifenden Gebirgszüge werden jetzt mit dem Namen Kohibaba und im N. von Herat Siahkuh bezeichnet. Das Gebirge fällt mcistentheils, namentlich im N., steil ab u. erhebt sich zu bedeutenden Höhen (der Khond, der Hindukoh, der Kohibaba zwischen 5—6000 in); durch die verschiedenen Ketten hindurch bis zu dem Hauptgebirge erstrecken sich in der Richtung von N. nach S. auf beiden Seiten Querthäler, durch welche der Zugang zu diesen und der Übergang vermittelt wird. In diesen ist auch der obere Lauf der zahlreichen Flüsse, welche auf dem H. entspringen, darunter die nach stk fließenden De- has, Kundnz, Chulm, die nach S. fließenden Ka- ! bul, Hilmend, Farrah u. Harnd u. der nach W. > strömende Hcrirnd. Der H. scheidet streng die i südlich von ihm gelegenen Staaten Tschitral, Ka- firistan, Kabulistan, Afghanistan von den im N. gelegenen Badakhschan, Balkh, Maimene sowol in natürlicher als politischer Hinsicht; auf der nördlichen Seite wohnen Usbeken, Turkmenen u. andere türkische und mongolische Stämme, auf der südlichen Afghanen n. indische Völker. Klima u. Vegetation sind den Höheverhältnissen entsprechend; in den tiefen Thälern des Südabhauges gedeihen Reis, Mais, Zuckerrohr, in den höheren Thälern u. auf den Vorbergen Wein, Obstarten u. Maulbeeren, darüber liegt die Waldregion mit großen Wäldern, noch höher hinauf Alpenwiesen, von zahlreichen Heerden beweidet. Der Nordabhang ist viel rauher. Die über dieses Gebirge führen- > den Paßwege, durch die Flnßthäler zum Kamm anschreitend, sind durchgängig schwierig u. gehen zu bedeutenden Höhen ; die bekanntesten u. benutztesten sind der Bamian- (s. d.), Khawak-, Kuschan-, Hadschigak-, Nukschan-Paß. Der H. ist eine starke Vormauer Indiens gegen ans Centralasien vor- dringende Eroberer ; den Siegeslauf Dschingiskhans und Timurs hat er allerdings einst nicht aufgehalten. Thicleman». Hindustan (Hindostan, neupersisch, d. i. Land der Hindus), jetzt in Indien gebräuchliche Bezeichnung entweder der ganzen vorderindischen Halbinsel oder auch nur des nördl. Theiles derselben, im Gegensatz znm Dckhan, also des Landes, welches nördlich vom Himalaja, südlich von den Viudhjaketten begrenzt wird, im Westen etwa bis zum Indus, im Osten bis zum Bengalischen Meerbusen reicht u. somit in der Hauptsache das Stromgebiet des Ganges umfaßt. Der Name ist nur geographisch u. hat keine politische u. administrative Bedeutung (vgl. Indien). Davon abgeleitet die Bezeichnung der jetzt verbreitetsten Indischen Verkehrssprache, Hindustani (s. d. folg. Art.). Thielemann. Hindustanische Sprache «.Literatur. Unter den neueren Indischen Sprachen, welche sich noch vor Ablauf des 10. Jahrh. n. Ehr., nach dem Ab» sterben des Sanskrit ans den vom Volke gesprochenen verschiedenen Prakritmnndartcn, im nördl. Indien gebildet haben müssen, ist diejenige, welche sich im Hauptsitze der arabischen Inder und des Sanskrit, dem eigentlichen Hindustan, entwickelte, die wichtigste geworden, weil sich vorzugsweise in derselben die Indische Literatur fortgesetzt hat. Unter Hindustani, d. i. hindustanischer Sprache, versteht man im Allgemeinen die Sprache von Hindustan und speciell die Sprache der nordöstl. Provinzen u. des Pendschab, zum Unterschied vom Hindi oder Hindui, auch Bhakha, d. i. gewöhnliche Sprache, genannt, das sich zwar grammatisch nicht vom Hindustani unterscheidet, dessen Sprachschatz aber fast ganz ans lheils reinen, theils veränderten Sanskritwörtern besteht; auch ist dessen Schrift die im Sanskrit übliche Devanagarischrift, auch schlechthin Nagari genannt, während aus 313 Hmdustanische Sprache u. Literatur. das Hiudustaiii das arabische Alphabet zunächst in seiner persischen Modifikation übertragen wurde. Das Hindi wurde iu verschiedenen Dialekten gesprochen, unter denen sich schon früh derBradsch- dhakha, d. i. die Sprache der Landschaft Bradsch in der Spitze des Duab (zwischen Ganges und Dschumna), vorzugsweise der literarischen Cultur zu erfreuen hatte. Man unterscheidet bei dein Hindi das Khari-boli, d. i. die reine, mit arab. und persischen Wörtern noch nicht vermischte Sprache, wie es in den gebildeten Hindnkreisen von Delhi und Agra gesprochen wird, auch Fanth genannt, von dem Des-Bhakha, welches die in sehr verschiedene Dialekte zerfallende Sprache der brahmanischen Hindus in Len verschiedenen Land- schaftenHindustans bezeichnet (s. Indische Sprachen). Jnjolge der Eroberungszüge der Mohammedaner, als namentlich der Ghaznavide Mahmud ( 1000 ) glänzende Siege über die Indier errungen hatte, erlitt auch das Hindi bedeutende Veränderungen in den Städten, und als dann 400 Jahre später Tamerlan sich Delhis bemächtigt und den Grund zu einem mächtigen Reiche in Indien gelegt hatte, das sich unter seinen Nachfolgern Baker u. Akbar zur größten Blüthe entfaltete, da sank auch das Hindi vollends zu einer Mischsprache herab, indem nun auch zu den unzähligen arab. Wörtern, die durch mohammedanische Einwirkung u. durch den Islam in das Hindi eingedrungen waren, ei» großer Thell des pers. Sprachschatzes in dasselbe ausgenommen wurde. Das so entstandene indo- muselmännische Idiom, Hindustani genannt, theilte sich in ein nördliches, die Sprache des Heerlagers Zabani urdu oder auch einsach Urdu genannt, u. in ein südliches im Dekhan, das man Dakhni nannte. Beide Sprachformen sind aber nur lexikalisch verschieden, insofern das Dakhni genöthigt war, für gewisse Hindiwörter die entsprechenden aus den dravidischen Sprachen des Dekhan zu substituiren. Diese Tennnng von Hindi u. Urdu erhielt auch ihre Weihe durch die Religion, denn das Hindi ist die Sprache der brahmanisch gebliebenen Hindu und das Urdn die der moslemischen Indier und es zeigt sich auch in den im Urdu-Dialekt geschriebenen Werken der Hindu, daß sie sich nicht allein den mohammedanischen Stil sngeeignet haben, sondern daß sie auch von mohammedanischen Anschauungen u. Ideen ganz durchdrungen sind, so daß man aus ihren Gedichten kaum ermitteln kann, ob sie Hindu oder Mohammedaner sind. Das Hindustani oder Urdu wird vielleicht von einer größeren Anzahl Indier gesprochen, als jede andere der indischen Volkssprachen; allein cs ist gewissermaßen nur schleier- förmig über Indien ausgebreitet. Centren für dasselbe waren bisher nur die Residenzen der bedeutenderen mohammcdanischenFürsten, wie Delhi, Lucknow, Haidarabad. In den Landschaften, welche nicht zum eigentlichen Hindustan gehören, wie in Bengalen, wird es von den Moslems meist sehr verderbt gesprochen. Die eingeborenen Beamten, namentlich im Verkehr mit ihren europäischen Vorgesetzten, bedienen sich meist des Hindustani; auch wird es vom größten Theil der Handelswelr verstanden. Anch die Sipahis (das Militär) der Gangesprovinzen sind des Hindustani mächtig; die ackerbautreibende Bevölkerung ist jedoch nur wenig oder nicht vollständig mit dieser Sprache vertraut. Im Dekhan bleibt letztere dem gewöhnlichen Volke völlig unbekannt, und wird auch von den höheren Klassen nur sehr wenig angewandt. Die Civilbeamten in Bengalen müssen das Hindustani erlernen, wenn sie angestellt sein wollen. Wenn auch in der Präsidentschaft Bengalen das Bengali die eigentliche Volkssprache ist, so herrscht doch das Hindustani, abgesehen vom Gebrauche desselben in Calcutta und den oberen Gerichtshöfen oder Sadr Courts, vor (in größerer oder geringerer Annäherung au das Hindi) in den ZilaS oder Distrikten von Behar, Pürnea, Tirhut, Saran, Bhagalpnr und Shahabad. Die Zahl der Indier, welche das Hindustani verstehen, wird auf 60 Millionen geschätzt. Wegen der großen Verbreitung, die es bereits genießt, wurde es von den Engländern vorzugsweise unterstützt, u. hat in neuerer Zeit das Persische als Sprache der Administration und Diplomatie fast ganz verdrängt. Unter den zahlreichen Hilfsmitteln für das Hindustani sind hcrvorzuheben die Grammatiken von Garcin de Tassy, Par. 1829; Anhang, 1833; Ballantyne, Edinb. 1838; Shakespear, 6. Aust., Land. 1855; Forbes. ebd. 1846; East- wick, 2. Aust., von Small, ebd. 1858, und Williams, ebd. 1858; die Wörterbücher von Shake- spear, 5. Aust., Land. 1845; Forbes, ebd. 1862, u. Dates, Calc. 1847. Weniger bearbeitet wurde das Hindi; Grammatiken lieferten Ballantyne, Lond. 1839, u. Adam, Calc. 1845; Wörterbücher, Adam, ebd. 1829, 1839, u. Thompson, ebendas. 1846; das Lraäsll-LIiLIclnr insbesondere bearbeitete Shree Lulloo Lal Kuvi, Calc. 1811 . Eine sehr brauchbare Arbeit über das Hindui hat Garcin de Tassy, Par. 1848, geliefert. Hindnstanische Literatur. Eine eigentliche Literatur unter festen sprachlichen Formen entwickelte sich seit Begründung des Reiches der Großmogul, besonders seit der Thronbesteigung Jehan- girs, sowol im eigentlichen Hindustan, als auch an den mohammedanischen Herrschersitzen im Dekhan. Wie in Hindustan zwei Sprachformen (Hindustani u. Hindi) neben einander, bestehen, so haben sich auch zwei Literaturen gebildet, nämlich eine Literatur der Hindus in Hindui oder Hindi und eine der mohammedanischen Indier in Hindustani. Während die brahmanischen Hindu sich fast nur an einheimische Stoffe halten, verarbeiten die Moslems nicht nur einheimische Stoffe, sondern anch persische, arabische u. andere Gegenstände, welche überhaupt allerwärts in den Literaturen der verschiedenen mohammedanischen Völker austreten. .4. Die Hindiliteratur ist reich an poetischen, theologisch-philosophische» u. historischen Werken. Fast alle Stoffe der Sanskrit-Dichtungen, welche volksthümlich geworden waren, wurden auch wiederholt in Hindui oder Hindi bearbeitet. Gegenwärtig häufiger gelesen als die gleichnamigen altindischeu Dichtungen werden das LämLzuna (gedruckt zu Kizarpore 1811, 1822, 1828; Calc. 1832) von Tulprdäs (gest. 1624) u. das Äastüdliarata von Gokulnath ans Benares (gedruckt in Calc. 1829, 4 Bde.). Letzterer bearbeitete auch das Karivansa; die Geschichte des 314 Hindustonische Sprache u. Literatur. Rama wurde unter Anderen auch von K^avadas und von Rac-Singh behandelt. Nawaz Kabish- war dichtete eine Laünntala, Surdas die Erzählung von Hat u. Damnjanti, Jaichr die Geschichte von der Laämavatn. Sehr populär sind die Laital Laosiis! u. die AuAüavan Lattiyi, zwei Märchen- sannnlnngen, von denen die letztere in dem sanskritischen Lindasana ävatrinsati, die erstere im Vstala paneavinyabi ihr Original findet. Die Laitml-Laelüm wurden von Sürat - Kabrshwar (um 1631) in Bradsch-Bhakha gedichtet, öfter gedruckt (z. B. Calc. 1809; Agra 1843; Jndore 1849; mit englischer Übersetzung von Eastwick n. Barker, Hertford 1855) und von Wila und von Lallü ins Hindustani übertragen. Die LinAÜasan- Lattixi rühren von demselben Sürat her (gedruckt Agra 1843; Jndore 1849) und wurden von Mirza Kazim Ali Jmvan ins Hindustani übertragen. Auch von anderen altindischen Märchen- sarmnlungen, wie dem Lots, kaliLvi oder Papageienbuch, der llitopaäsya, Lugnlti rc. gibt es Bearbeitungen in Hindi und Hindustani. Großer Beliebtheit erfreut sich auch Lrsm La^ar (d. ist Ocean der Liebe) von SrrLallü Ir LalKabi, welches die Liebesabenteuer Krishnas nach dem LlrnAavata Lnrana erzählt und bereits öfter gedruckt wurde (Calc. 1805, 1810, 1825, 1831, 1842; herausgegeben von Eastwick, Hertf. 1851; übersetzt von demselben, Herts. 1851) und in den Lras-vilLs des Brajbasidüs, sowie in Dichtungen von Lalach (französisch von Pavie, Paris 1852), Lrisirnacläs, Lünxati, Lrixaääb rc. weniger bekannte Sciten- stücke erhalten hat. Andere gefeierte Dichtungen sind: die Laxta Latilca, eine Bearbeitung der Laxtayati des Govardhana von SrrLallü Ir Lal Kabi, die LabüL vilüs oder Vilaya (heransgeg. von Price, Calc. 1828) von demselben Dichter; Lanäkückü^Li von Nandas, eine Nachahmung der Oibagovilläa; die LLt-sal des Biharr Lal (crsch. in Calc. 1809); das Llmlet» mala, eine Samin- lung von Legenden indischer Heiliger, von Nabhaji, lebte zu Ende der Regierungszeit Akbars. Unter Len romanartigen Dichtungen sind hervorzuheben: NLcllicmal von Motiram, von Wila u. Lallu Ir Lal ins Hindustani übersetzt, und Lnmlar Linxar von Sundardas (um 1632) verfaßt. Nicht ohne historischen Werth, wenn auch mit Kritik zu gebrauchen, sind eine große Anzahl erzählender Dichtungen, welche ihre Stoffe aus der Geschichte des neueren Indien wählen. Dahin gehört vor Allem die Lriblrvr-räja-oaritra (Geschichte des Prithvr-raja, letzten hinduischen Königs von Delhi) von Land (Tschaud), der zu Ende des 12. Jahrh. lebte; ferner die (lliatra praüarlr (Geschichte Chatras, des Raja von Bandelkand) von Lal Kavi; Oopaoala-Icatlra, eineGeschichtevon Gwalior, von Vargaraya; Latin Lloüammack Lüadi (Geschichte des Mohammed Schah) von Harinath; Risliahira earitra (Geschichte des Rijhabha, eines der vorzüglichsten Heiligen der Dschainas); Vansa- <;nli von Baknta; Lalpaäruma von Jai-Singhrc. Wie sich schon in früherer Zeit die Buddhisten vielfach der Volksidiome bedienen, so auch die späteren Reformatoren u. Sectenstister unter den Hindus. Viele Schriften der Jainas sind in Hindui abgefaßt, wie Lrlpala-eariira (Geschichte des Sripala, Königs zu Malva) von Paramalla und das gleichnamige Werk von Vinayavijaya- gani; Rriz'ä Icatlra lcaustnblr (Handbuch der " Jainas) von Krishna-Singh (um 1728); Lrtb ! Vlpälc; das LrvLmi Lsrtitcvz'änn-prsicssia (über ! die Lehre der Jainas) von Jaya-candra; Luuiyär (Lehren der Sunyabadi, einer Secte der Jainas) i von Bakhtawar rc. Hierzu kommen die Sck)riften, ! worunter sehr schöne religiöse Dichtungen, der ^ Beishnawas, unter denen viele Reformatoren des Brahmanischen Cultus auftauchten. Der bedeutendste unter letzteren ist Kabrr (blühte unter Sikander-Shah Lodr, 1488—1516), dessen Lehre unter dem Einfluß der Vedanta und des moslemischen Sufismus sich entwickelte. Seine zahlreichen Schriften sind in einer besonderen Sammlung vereinigt, die man Lkäv lxrantüa, oder das Buch nennt und in dem Monument Kabir chaura in Benares aufbewahrt; unter seinen Anhängern (Kabrrpanthis) sind Dharmadas als Verfasser des sehr geschätzten LmarwLI u. Bhagodas als Verfasser des Lisaü zu nennen. Aus den Kabrrpanthis gingen mehrere andere Secten, wie die Sikhs, die Sadhs, die Satnamr hervor. Stif- 1er der Sikhs ist Nanak, doch ist ihre Heilige Schrift, das (strantü oder rlciiMantlr (d. i. das erste Buch), nicht von Nanak selbst, sondern zu Ende des 16. Jahrh. von Arjunmal aus den Schriften des Stifters und seiner unmittelbare» Nachfolger zusammengestellt (das Krantü ist nicht in Pendschabi oder der eigenthümlichen Sprache der Pendschab, sondern in dem Bhattidialekte des j Hindui verfaßt). Die Sadhs wurden von Birb- ^ Han gestiftet, welcher seine Lehren im ^.cki-npaäsL ^ (d. i. die ersten Vorschriften) um 1658 niederlegte. Dem Stifter der Satnamr, dem Jagst- vandas, werden das Lratüama Arantüa (das erste Buch), das Inzckn xralcaa (die Bekanntmachung der Wissenschaft), um 1761, und die Ickasiü prala^a (die große Vernichtung) beigelegt. Von anderen Secten wurden gestiftet die Vallab- hacharrs von Vallabha, welcher zu Anfang des 16. Jahrh. Leu Vmünnpacka schrieb; ferner die Ramsanehis, deren Stifter Ram-Charan (geb. 1719), welcher, wie seine Schüler Ramjan, Dul- haram und Catradas, eine große Anzahl von Hymnen dichtete; die Dadüpanlhr, gestiftet von Dadüjr od. Dadü (um 1600), welcher das 6rantü Latüa oder das Läckn-paiMi-Arantli (das Buch der Dadu-Schüler) verfaßte. Der Sectenstister ^ Siva Narayan, zur Zeit Mohammed-Shahs, wird als Verfasser von elf Schriften genannt. Auch die L>ivaiten haben verschiedene religiöse Schriften in Hindui oder Hindi aufzuwcisen. Andere religiöse Schriftsteller, die nicht als, Sectenstister ! anftraten, sind noch: Bhartrihari, Bhupati, Braj- ! bacidas, Nabhaji, Chaturbuj, Dulha-Nam rc. Von philosophischen Schriften in Hindi sind die rimrita cküära, eine Exposition des Vedanta-Systems, von Bhavanandadäs, die VisnzäuvilLs, eine Abhandlung über die philosophischen Lehren der Hindus, von Gangapati um 1719 rc. zu nennen. Astronomischen Inhalts ist LIiü^ola Lara Inükz'ato von Sri Ankara Bhat, einem Astronomen von Malwa; die Larsiprakao von Vedangaraya ist ein Kalenderwerk, die Lija-6anita ein »rühmet- 315 Hiiidustcmische Sprache u. Literatur. isches Werk. Die Rhetorik bearbeiteten u. A. in der Mitte des 16. Jahrh. Gangadas, später Kö- cavadLs (um 1602) in der Lavipriza. Die Metrik ist behandelt in dem 8ä8im ?ivAa1a. Ein Hindiwörterbuch verfaßte Abd-nlwa^ aus Hansaw. L. Die Literatur des Hindustani oder der Mohammedaner in Indien ist zwar sehr reich (die einheimischen biographischen Werke zählen allein mehr als 2000 Dichter aus), besitzt aber nur sehr wenig originale Werke. Wie fast durchaus in der Form, so zum großen Lheil auch in Bezug auf den Inhalt, ist sie eine Tochter der persischen. Von letzterer unterscheidet sie sich unter Anderem dadurch, daß sie auch indische Stoffe in ihren Gesichtskreis zieht, wobei sie aber kaum auf die altindischen Originale, sondern meist nur auf moderne Bearbeitungen im Hindi zuriickgeht. Diejenigen Stoffe, welche auch sonst in allen Moslemischen Literaturen beliebt sind, erleiden in der Regel eine Modificirung, indem sie mit indischen Verhältnissen in Einklang gebracht werden. Fast alle bedeutenderen Werke der schönen Literatur der Perser sind auch dem Inder durch mehr oder minder freie Übertragungen oder Bearbeitungen zugänglich gemacht worden. Die Blllthezcit der Hindnstaniliteratnr (s. oben)fälltindas 18.Jahrh.; Mittelpunkt für dieselbe bildete erst Delhi, später Lncknow. Unter den Dichtern, welche sich im 16. Jahrh. des Urdu bedienten, sind zu nennen: Abulfazl, der Minister Akbars, und Bayazid An- sari, das Haupt der Secte der Roschanis oder Dschalalis; im Dakhni dichteten Afzal (Mohammed) und Mohammed Culi Cutb Shah, König von Golkonda (1582—1611). Im 17. Jahrh. dichteten im nördlichen Indien Hatim, Azad(Fakir- ullah) und Mohammed Jiwan; im Dekan Wall (Oouvros, herausgeg. von Garcin de Tassy, Par. 1837—39, 2 Bde.), der bedeutendste Dichter im Dakhni; ferner Schah Gutschein; Ahmed von Guzerat, Tana-Schah, Schahi von Bagnagar u. Mirza Abulka;im; Awari Jbn Nischati, Gauwas, Muhakkik, Rasmi, Ajiz (Mohammed) u. A. Unter der großen Anzahl von Dichtern des 18. Jahrh. find für das Urdu Sauda, Mir und Ha^an als die drei bedeutendsten des eigentlichen Hinduslau hervorzuheben; außer diesen sind noch Juraat, Arzu, Dard, Dakin, Figan, Amjad von Delhi, Amin-uddin von Benares, Aschik von Gazipur zu neunen; im Dakhni dichteten um dieselbe Zeit Ha'idar-Shah mit dem Beinamen Mar(iya-gv, ferner Abjadi, Siradsch von Auraugabad (gest. 1754) und Uzlat von Surat, einer der berühmtesten Dichter des Dekhan (gest. 1751—52). Im gegenwärtigen Jahrhundert werden mit Auszeichnung genannt: für das Urdu Mumm aus Delhi (gest. 1852), Na(ir (gest. 1842 od. 1843), Atasch (gest., 1847); ferner Mul-Chand, der eine abgekürzte Übertragung des Lbabnams verfaßte, und Mamnun, der bedeutendste hindustanische Dichter der Gegenwart. Im Dekhan sind Kamal von Haidarabad u. Abd-ulhak ans Madras am meisten gefeiert. Auch mehrere Dichterinnen sind aufgetreten, wie Amat«ul Fatima Begam, gewöhnlich Ji Sahib genannt, ferner Champa (eine Gattin des Nabob Huxam uddaula), Farh Bakhsch, eine Bajadere, wie auch Jan aus Farrukhabad. Letztere wohnte vor dem letzten indischen Aufstande in Lncknow, wo sie 1846 ihren Diwan veröffentlichte. Andere Dichterinnen nennt Garcin de Tassy in ibss kemiuos postss äs 1'Iuäo (kovus äs I'Orisnt, 1854). Biele Dichter in Urdu und Dakhni haben ihre Poesien unter dem Titel Diwan vereinigt, oder unter dem Titel Lullixat (vollständige Werke), wenn es mehrere Diwane sind, oder ein Diwan verbunden mit einer großen Zahl anderer Poesien desselben Verfassers. Rur wenige Diwane führen noch besondere Bezeichnungen, wie z. B. der des Sultans Wajid Ali (welcher unter dem Dichternamen Akhtar dichtete) von Oude. den Titel kai? bunz-an, d. i. Grundlage der Anmnth (Lncknow 1848) trägt; der Diwan des Josch oder Ahmad HaxanKhan heißt Ouläasta-i-sulclurn, d. i. Blumenstrauß der Rede, die beiden Diwane des Raschk sind Plarm mubarakc und Airaui, d. i. gesegnetes, ausgezeichnetes Gedicht, der LuUl^at: des Tapisch (iulrari Llaramiu, d. i. Garten der Bedeutungen, betitelt. Der berühmteste unter allen Diwans ist der des Mali, neben welchem die des Sanda, Mir, Dard, Jurat, Daquin, sowie aus neuester Zeit die des Atasch, Zank, Nawed, Nazir am meisten geschätzt werden. Die Diwane bestehen nur aus kleineren Gedichten od. LÜmrisls. Sinnlich - erotische Poesien enthalten die Lost soirastar; in dieser Gattung haben sich Ali Hawaii aus dem Dekhan, Schihab«uddin u. Motiram (in Hindi) am meisten ausgezeichnet. Umfänglichere Gedichte sind die Llssusrvis, welche irgend einen. Gegenstand, eine Begebenheit, oft eine ganze Erzählung behandeln. Hat ein Dichter mehrere derselben verfaßt, so heißt eine Sammlung derselben, wenn sie fünf Stück umfaßt, ein Lstamse, und wenn sie sieben enthält, eme Hakta. Die beliebtesten Stoffe für diese Dichtgattung sind auch im Hindustan: a) die Abenteuer berühmter Liebespaare, wie äussuk u. Lalilclrn, (von Amin, Tapisch, Fidwi aus Lahore, von Mujib, der noch 1856 lebte, von Aschik oder Mahdi-Ali bearbeitet), wozu noch ein sechstes Gedicht, das Isostg-namoli, d. i. Liebesbuch (Bomb. 1847), kommt; ferner Lksjnuu n. Iw'ila, von Tajalli, Azim, Hamas oder Nazi, von Wila rc.; weiter die Geschichte von Farhad n. Schirm, von Wamiq u. Azra u. dgl. Hierzu kommeu d) die Geschichten sagenhaft gewordener Helden, wie Isksnäer (Alexander der Große), dessen Lhaten aus Grund des Vilcanäsr-nams des Nizami im Urdu von Azam aus Agra und Nakhat aus Delhi besungen wurden; ferner die Geschichte Rustems, des Helden des persischen Leiialumms, von Amir Hamza, dem Oheim Mohammeds (be- arbeitet von Nschk und von Galib aus Lucknow), von Hatim-Tai (nach dem Persischen bearbeitet von Haidari, Siraj n. Govinduath), von Bahram- Gor, nach dem persischen Original Unkt krülcar (die sieben Schönen) des Nizami bearbeitet von Haidari (Haidar Baktsch), von Tabi aus Golkonda und von Hakikat ans Barcilly. Hieran schließen sich die romantischen Dichtungen Lelmir o Osr- n-ioott, d. i. der König u. der Bettler, von Jahan, die über Ben-Hauifa, den Sohn des Ali, von Azad, Sewak u. Wahidi rc. Außer Liesen aller- wärks im moslemischen Orient beliebten Stoffen 316 Hinfährte - wurden von den hindnstanischen Dichtern auch einheimische indische Stoffe behandelt. Dahin gehört u. a. das sanskr. Drama Lalcuntsän, bearbeitet von Nawaz, von Jawan unter dem Titel 8n- icuntnln nnbalc (herausgeg. von Gilchrist in lat. Schrift, Calc. 1801) u. von Gulam Ahmad unter dem Titel Lsrnmusoli Hä, d. i. Vergessenheit n. Erinnerung (Calc. 1849, analysirt von Bertrand im äonrn. ^siat. vom I. 1850) n. A.; serner die Legende von der berühmten indischen Königin Padmavati, in Gedichten verherrlicht von Jschrat u. Jbrat, sowie von Krischna, von Nal n. Dama- janti (bearbeitet von Niir Ali aus Bengalen und Ahmed Ali ans Lucknow) rc. Hierzu kommen noch eine Anzahl eigenthümlicher Märchcnstoffe, wie die Abenteuer des Kamrup, welche unter mehreren anderen von Talmin - nddin bearbeitet wurden (Text mit französ. Übersetzung von Garcin de Tassy); serner die onmuthige Erzählung von der Lloje von Bakawali (behandelt von Älaxim in Agra, von Rihan u. A. (vgl. ilonrn. llsiat. v. I. 1836). Verwandter Natur sind die romantischen Dichtungen in Prosa oder Versen, oder in beiden zugleich, von Lir u. Lansünn. von 8aei u. Lnnnu, von Lüniban (berühmte Bearbeitung von Awari), von 6nl c> Lauanbar (Rose u. Pinie), welche sehr beliebt ist; ferner existiren im Hiudn- stani auch Bearbeitungen der Geschichte von den vier Derwischen (unter dem Titel LaA-o-Liünr, d. i. Garten und Frühling, von den Abenteuern des üurn Laramnrtan n. anderen oben erwähnten indischen Fabel- und Märchensanimlungen. Außer diesen populären Sagen- u. Märchenstoffen wurden von den neueren indischen Dichtern auch ininder bekannte gewählt. Am bekanntesten darunter sind die Geschichten des Lulanä - LKRbar von Mir Khan, des Lirivan Loliab. des Lilaram und Lilrnba, des Lari Lnütr o Llaü Lima rc. Dahin gehört auch die sehr beliebte Ls-yana-i- -rjnid (d. i. die wunderbare Geschichte) des Snrnr aus Cawnpore. Bon didaktischen Dichtungen (eingerahmte Fabeln mit moralischem n. religiösem Zwischcnwerk) hat die persische Dichtung Ilcürvun ussakn durch die elegante Bearbeitung Jkram- Alis viel Verbreitung gefunden (französisch von Garcin de Tassy unter dem Titel Los nnimnux), sowie das Lasolik-niasrar von Mukaddeci (her- ausgegeben von Garcin de Tassy unter dem Titel Los oisoanx ob los üsnrs, u. das Nnntilc-utbnir, d. i. Sprache der Vögel, von Farid-uddin Altar. Auch haben sich in neuester Zeit mehrere indische Moslems im Drama, doch ohne Erfolg, versucht. In der eigenthümlichen Dichtgattung des Insoün (d. i. Epistel) haben sich in HinLustan ausgezeichnet: Falz, Khalix, Nizam-nddin, Chironji-Lal, 'Juffnf Dakhni u. Ä. Von geschichtlichen Werken hat die H. L. nichts Besonderes anfznweisen. Dahin gehören die Städtcgeschichten von Delhi, Agra u. Calcutta; ferner die Geschichte des Ali Adil Schah von Nusrati, die Annalen von Gurkha, einer Provinz von Nepal, deren Fürsten ihre Herrschaft über ganz Nepal verbreitet haben; ferner eine Geschichte der englischen Herrschaft in Bengalen von Nur Mohammed, die Geschichte der Scindiahdynastie von Dharam Narayan rc. Hieran schließen sich einzelne Reiseberichte, wie der des - Hingoiiau. Unssuf Khan ans Lucknow über Frankreich und England (Delhi 1853). Einen Hanptbestandtheil der Hindustaniliteratur bilden die llebersetzungen sowol ans den übrigen Sprachen des Orients als auch, bes. in neuerer Zeit, die aus dem Englischen u. Französischen. Dahin gehören die Übersetzungen des Koran von Abd-ul-Kadir u. Rafi-'nddin, die der Geschichte des Abulfeda von Karim und Irsch, des Jbn-Challikan von Subhan-Bakhsch, der berühmten arabischen juristischen Werke Mikatci, scharif u. Adab-nlkazi. Mehrfach übertragen (auch in Hindi) wurden Tausend u. eine Nacht. Andere Übersetzungen aus dem Arabischen hat die Vorna- onlar branslation Zoeietz- angekllndigt. Am zahlreichsten sind die Übersetzungen aus dem Persischen (s. oben). So existiren, meist in mehreren Bearbeitungen, der Onkistan u. Losban des Saadi, das Schahname, das Pendnameh des Altar und Saadi, Las Mesncwi schcrif des Dschelal - eddin Rnmi u. v. a. Umgekehrt wurden auch mehrere der beliebtesten neueren indischen Literatnrwcrke in das Persische übertragen. Die Übersetzungen von Werken der schönen Literatur (Rasselas, Robinson Crusoe, Vicar of Wakesield, die Reisen des Bu- uyau rc.), sowie guter populärer wissenschaftlicher Arbeiten aus dem Englischen, znm Theil auch aus dem Französischen, ist in steter Zunahme begriffen. Auch die Missionäre der verschiedenen Kirchen haben zahlreiche religiöse Schriften und Schulbücher in Hindi u. Hindustani veröffentlicht. Die Vermehrung der Bücher durch den Druck, bes. aber durch die Lithographie, wird immer gewöhnlicher. 1837 wurde die erste lithographische Presse für diese Zwecke in Delhi ausgestellt; 1852 waren in Len nordwestlichen Provinzen bereits 34 thätig. Mit dem Bttcherdruck wurde auch die bis dahin unbekannte Zeitüngsliteratnr in Ostindien eingebürgert. Viele brauchbare Materialien zur Geschichte der neueren indischen Literatur haben die Indier selbst in ihren biographisch-anthologischcn Sammelwerken (Hkirnll) zusammeugestellt, wie in dem von Schefta (Delhi 1837), von Mir, Käyim, Kasim, Lutf, Imam bhaksh (Delhi 1844), Karim-eddin (Delhi 1848) u. A. Daraus schöpfte Garcin de Tassy in seiner Listoirs äs kn libbsraturo üinäoni st kinäonstani (Paris 1839—47, Bd. 1 u. 2), die selbst wieder in das Hindustani (Agra 1853) übertragen wurde. Vgl. noch Garcin de Tassy, Les nubsurs Iiinäonstanis (Par. 1855); Sprenger, L. OatnIoAns ok blis librarx ok tüo IcinA ok Ouäe (Lucknow 1854, Bd. 1); Libliotlioos, orisn- talis LprsnZsriann (Gießen 1857). In Europa finden sich reiche Sammlungen von Handschriften n. Drucken in Hindi u. Hindnstani in Paris (in der Nationalen Bibliothek u. im Besitz Garcin de Tassys), in London (Librnrz' ob tbs Last Inäis, Ltouse) u. Berlin (die Sprengersche Sammlung in der königl. Bibliothek). Hinfährte, die Richtung, in der das Wild gezogen ist; daher: Auf der H. suchen, dem Wilde folge»; entgegengesetzt die Rücksährte. Hingenan, Freihr. Otto, Montanist, geb. 19. Dec. 1818 (aus einer schon 1512 in Len Reichsadel erhobenen Familie) zu Triest; studirte bis 1840 in Wien die Rechte und bis 1843 in Chemnitz die Bergwissenschaften; er wurde 1849 317 Hinghmn — Hintergrund. Berghauptmann für Schlesien n. Mähren, 1850 § Professor des Bergrechts an der Universität ink Wien, und starb als Ministerialrat!) im Finanzministerium 23. Mai 1872 in Wien. Er schr.: Beiträge zur staatswissenschaftl. Behandlung der Montan-Industrie,-Brünn 1849: Übersicht der geologischen Verhältnisse von Mähren n. Österr.- Schlesien, Wien 1852; Handbuch der Bergrechtskunde, ebd. 1855; begründete 1853 die Österr. Zeitschrift, für Berg- u. Hüttenwesen, u. gab 1861 fs. den Österr. Berg- u. Hüttenkalender heraus. Mit seinem Tode erlosch das sreiherrliche Geschlecht H. im Mannsstanimc. Hingham, Postort im Plymouth County des nordamerikau. Unionsstaates Massachusetts, an der Massachusettsbai u. der Süd-Küsteu-Eisenbahu; Handel, Fabriken; besuchter Sommeraufenthaltsort; 4500 Ew. Hinken, ein fehlerhafter Gang, bei dem bei jedem Schritt der Körper nach der leidenden Seite mehr oder weniger stark herüberfällt; beruht auf einer Verkürzung oder Schwäche oder Störung dev normalen Beweglichkeit des leidenden Beines u. findet sich daher bei allen Erkrankungen der Gelenke des Beines (Hüft-, Knie- oder Fußgelenk), so bei Anchylosen u. Coutracturen derselben, bei schlecht oder schief geheilten Knochenbrüchen rc. Das sog. freiwillige H. ist meistens das erste Zeichen einer beginnenden Entzündung des Hüftgelenks (s. Hüftgelenkskrankheiten). E. Berns. Hinkender Jambe (Metr.), so v. w. Chol- iainbus. Hinkmar, H., Kirchenfürst und Staatsmann, geb, 806, Cauouicus zu St. Denis, 845 Erzbischof von Reims; er vollendete die Kathedrale in Reims u. st. 882 in Epernay, wohin er, vor Len Normännern flüchtend, seinen Sitz verlegt hatte. Er ist bekannt als heftiger Gegner Gottschalks in der Prädestinationslehre, aber auch als muthiger Vertheidiger der Fürsteurechte gegen den Papst u. dessen Benutzung der pseudo-isidorischen Decretalen. H. setzte die ^irnulss Uortiniuni, 861—882, fort. Pertz Monuments., Bd. I, 419—585. Seine Werke, heransgeg. von Sirmond, Par. 1645, 2 Bde., Fol.; sein Leben von Geh, Gotting. 1806; vgl. v. Noorden, H., 1862. WM-r. Hinnom, Thal bei Jerusalem (s. d.). Hinojosa (H. del Dugue), Stadt in der span. Provinz Cordova; 8637 Ew. Hinrichs, Hermann Friedrich Wilhelm, Philosoph der Hegelschen Schule, geb. 22. April 1794 zu Karlseck im Großherzogth. Oldenburg, studirte seit 1812 in Straßburg Theologie u. seit 1813 in Heidelberg Rechtswissenschaft u. Philosophie, wurde 1819 Privatdocent in Heidelberg, 1822 außerordentlicher Professor der Philosophie in Breslau u. 1824 in Halle, u. st. 17. Sept. 1861 zu Friedrichsroda in Thüringen. Schriften: Die Religion im inneren Verhältniß zur Wissenschaft, Heidelb. 1822; Vorlesungen über Goethes Faust, Halle 1825; Das Wesen der antiken Tragödie, ebd. 1827; Grundlinien der Philosophie u. Logik, ebd. 1826; Die Genesis des Wissens, Heidelberg 1835; Schillers Dichtungen nach ihren historischen Beziehungen u. nach ihrem inneren Zusammenhänge, Leipz. 1837—39, 2 Thle.; Geschichte der Rechts- u. Staatsprincipien seit der Reformation bis auf die Gegenwart, Lvz. 1848—52, 3 Bde.; Die Könige (Eutwickeluugsgeschichte des König- thums von Len ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart), ebd. 1852, 2. Allst. 1853 rc. Schroot." Hinrichtung, die Vollziehung einer Todesstrafe, bes. der Enthauptung. Hinric von Alkmaar, s. u. Heinrich 76). Hinschins, Franz Karl Paul, Kirchenrechts- lehrer, geb. zu Berlin 25. Dec. 1835, Sohn des Justizraths H., studirte in Berlin n. Heidelberg, machte dann die praktische Laufbahn durch, habili- tirte sich 1859 für Kirchenrecht u. Civilproceß an der Berliner Universität, unternahm in den Jahren 1860 u. 1861 größere Reisen nach Frankreich, Italien, England, Holland n. Belgien zur Vorbereitung einer kritischen Ausgabe der pseudo- isidorischen Decretalen, wurde 1863 außerordentlicher Professor in Halle, 1865 in Berlin u. 1868 ordentlicher in Kiel, ging aber 1872 nach Berlin zurück. Seine Vorlesungen erstrecken sich auf Kirchen-, deutsches, Handels-, preußisches Recht u. Civilproceß. 1871—72 vertrat er die Universität Kiel im Herreuhause, war 1871 auch in die evangelische Provinzialsynode in Rendsburg gewählt, 1872 Mitglied des Reichstags u. außerdem vom Cultusministerium den Couferenzen zur Vorbereitung der Kircheugesetze zugezogen, überall Vertreter resp. Führer der liberalen Partei. Er schr.: Das landesherrliche Patronat gegenüber der katholischen Kirche, Berl. 1856; Beiträge zur Lehre von der Eidesdelation mit bes. Rücksicht auf kanonisches Recht, ebd. 1860; Die evangel. Landeskirche in Preußen u. die Einverleibung der neuen Provinzen, ebd. 1867; Das Kirchenrecht der Katholiken u. Protestanten in Deutschland, ebd. 1869 ff., sein Hauptwerk, auf 6—7 Bde. berechnet, von denen 2 Bde. erschienen sind; Die Stellung der deutschen Staatsregieruugen gegenüber den Beschlüssen des vaticanischen Concils, ebd. 1871p Die preußischen Kircheugesetze des Jahres 1873, mit Commentar, ebd. 1873; Die des Jahres 1874 u. 1875, mit Commentar, ebd. 1875; Die Orden u. Congregationen der kathol. Kirche in Preußen, ebd. 1874; Das preuß. Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes, mit Commentar, ebd. 1874; Das Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstandes, mit Commentar, 2. Aust., ebd. 1876. Auch gab er die üseretslss psauäo-iaiäorisnss et espiiuls AnAilrsinni, Lpz. 1863, 1. BL., u. von 1862—66 mit seinem Vater F. H. die Preuß. Anwaltzeitnng, später Zeitschrift für Gesetzgebung u. Rechtspflege in Preußen heraus, u. lieferte eine Reihe von Artikeln für Holtzendorffs Eucyklopädie der Rechtswissenschaft u. dessen Rechtslexikon, so wie für verschiedene Fachzeitschriften. Lagai. Hintercastell, auch Castell, s. u. Schanze. Hintergrund, 1) (Allgemein) der Raum hinter einem Gegenstand, von welchen: sich letzterer als ein freies Äuschauuugsobject abhebt; 2) daher auf dem Theater der die Scene hiuteu abschließende Lheil der Bühuendecoration. 3) (Malerei) Im Gegensatz zu Mittel- u. Vordergrund die scheinbar entfernteste Partie des Bildes, welche durch Le» Horizont oder, bei Jnneuräumeu, Lurch Quer- 318 Hinterhalt — wände u. dergl. abgeschlossen ist. Die Unterschiede u. Übergänge des Vorder-, Mittel- n. Hintergrundes werden in der Malerei theils mittels der Linearperspective, durch verhältnißmäßige Abnahme der Größenverhältnisse, theils mittels der Luftperspective, durch die gradweise Abtönung der Localsarben, zurAnschanung gebracht. Schasler. Hinterhalt, eine versteckte Aufstellung von Truppen, mit dem Zweck, den Feind zu überfallen, meist verbunden mit Scheimnanövers, um den Gegner dahin zu locken, wo der H. gelegt ist; findet meist nur im kleinen Krieg Anwendung. Hinterhaupt (Oooipnt), der Hintere, hauptsächlich von der Schuppe des H-beines (s. Schädelknochen) gebildete Tbeil des Hirnschädels, der die Hinterlappen des großen Gehirns u. das ganze kleine Gehirn entschließt. Hinterhanptmuskel, s. u. Kopfmuskeln. Hinterindien (Hinterindische, Indochinesische, Transgangetische Halbinsel), Name für die östliche der beiden großen indischen Halbinseln, welche im SO. Asiens, begrenzt im W. ungefähr von den den unteren Lauf des Brahmaputra begleitenden Bergen u. dem Meerbusen von Bengalen, im N. durch eine Reihe in das Chinesische Meer verlaufender Ketten, im O. von dem Chinesischen Meere, im S. von Buchten des Indischen Oceans, zwischen 90 u. 109° ö. L. v. Greenw. u. 1—24" n. Br. sich erstreckt. Der Umfang beträgt etwas über 2,300,000 Usicm (über 42,000 UM), u. die Volkszahl wird ans 36—40 Mill. geschätzt, wovon über 20 Millionen auf Annam, 6A auf Birma (2,750,000 auf das brit. Birma), 5A auf Siam und über 1H Million auf das französische Co- chinchina kommen. Die Richtung des Landes geht von NW. nach SO.; die Küstenentwickelung ist durch große Meereseinschnitle (Busen von Tongking, von Siam, Golf von Martaban) und langgestreckte Formation eine vielgestaltigere als bei Vorderindien; auf der westlichen Seite läust weit nach S. vorgestreckt die schmale Halbinsel von Malakka (Malaiische Halbinsel) fast bis zum Äquator hin. Die im N. die Grenze gegen Assam u. China bildenden Gebirgsketten sind noch fast ganz unbekannt; aus dem Flachland im O. der Brahmaputra-Mündungen sind es im S. dieses Flusses Assam von Manipur scheidend das Bura- Ail-Gebirg, an welches sich in nordöstl. Richtung das Patkoi- u. an dieses das Langtam-Gebirge anschließen. Von diesem ziehen mächtige bis zur Schneegrenze reichende Gebirgszüge in südöstlicher Richtung dem Chinesischen Meere zu, sowol die südlichen Provinzen Chinas (Jünnan) erfüllend (der Miaoling u. Nanling), als die Grenze gegen H. bildend, so der Jüling, welcher Lao u. Tongking abtrennt. Von diesem nördlichen Kern zieht in der Meridianrichtung von N. nach S. eine Reihe scharf abgegrenzter u. selten durch Qnerketten verbundener Gebirge, welche von parallelen, kleineren Ketten u. gleichlaufenden Flüssen begleitet sind; diese von N. nach S. sich senkenden Flußthäler (im Ganzen 6) sind es, welche die natürliche Ein- theilung H-s ebenso wie die politische gegeben u. bedingt haben. Von W. nach O. betrachtet, sind diese Thäler folgende: 1) Arracan (s. d.), das Flußgebiet des Koladaing, durch die steile mit Hinterindiell. Kap Negrais im Meer endende Kette von Jnma- dong (s. L.) od. Diomading geschieden 2) von dem Flußgebiet des Jrawaddi, den Ländern Birma u. Britisch Birma (s. d.). Dessen Ostseite begleitet das sich von der Fortsetzung des Langtam im N. ab- treunende u. im Kap Martaban endigende Birmanische Scheidegebirge (Gulang Siong) u. scheidet sic 3) von dem Flußgebiet des Saluen, dem brit Tennasserim (s. d.), welches wiederum das West- siamesische Gebirge von 4) dem Gebiet des Menam dem Lande Siam (s. d.), trennt. Dieses nicht zu hohe Gebirge zweigt sich von dem Gebirge Jünuans ab u. verläuft in südlicher Richtung durch die größeren Flüssen nicht Raum gebende Halbinsel Malakka, die ein selbständiges Glied H-s bildet, bis zum Meer bei Kap Romania. Das 5) Flußthal ist das des Mekhong, das Land Lao im oberen, Kambodscha (s. d.) im unteren genannt, von dem des Menam durch das nicht bis an das Meer reichende Ostsiamesische Gebirge getrennt: durch das cochinchinesische im Kap St. Jacques endigende Gebirge endlich geschieden von 6) dem Gebiet von Tongking, mit dem Songka-Flusse u. dem Reiche Annam (s. d.). Das Klima H-s ist ein vollständig tropisches, mit Monsunen u. regelmäßigen Regenzeiten, die Erzeugnisse des Bodens sind die der Tropen in reichster Fülle, namentlich Reis, Baumwolle, Zuckerrohr, Tabak, Fruchte; die zahlreichen Wälder bieten treffliche Holzarten; die Berge Gold, Silber, Edelsteine, Eisen, Kupfer, Zinn (auf Malakka) u. andere Metalle; ebenso finden sich reiche Steinkohlen- u. Petroleumlager, Das Thierreich ist Las indische; namentlich sind Stephanien (darunter die berühmte weiße Abart) stark vertreten. Die ethnographischen u. sprachlichen Verhältnisse sind noch wenig aufgeklärt; die Hauptmasse der Bewohner Pflegt man unter dem Namen Jndochinese» (s. d.) zusammenzufassen mit buddhistischer Religion; auf Malakka u. an den Küsten ist der dem Islam folgende malaiische Stamm vertreten. Politisch zerfällt H. in die Reiche Birma, Siam n. Annam (Cochinchina), die britischen Besitzungen (Arracan, Brit. Birma, Tennasserim) n. die französischen (Franz. Cochiil. china u. der Vasallenstaat Kambodscha) und die Halbinsel Malakka (streifenweise britisch, sonst in kleine Fürstenthümer zerfallend). Das Nähere s. die einzelnen Artikel. H. hat sich nie zu der Bedeutung Vorderindiens emporgeschwungen. Im Alterthum wurde es von China u. Vorderindien aus colonisirt; den classischen Geographen war es durch griechische Kaufleute, die in den ersten Jahrhunderten n. Chr. einen eifrigen Handel dorthin trieben, bekannt geworden, wenn sie gleich über seine Gestaltung irrten. Ptolemäos kannte die Gebiete Argyra Chora, Chalkitis u. Chryse Chersonnesos hier. Im 16. Jahrh. setzten sich die Portugiesen eine Zeitlaug auf Malakka fest. Erst in diesem Jahrh. ist es den Engländern bei Birma (s. d.) u. auf der Halbinsel Malakka (s. d. u. Strait Settlements) u. den Franzosen bei Annam (s. d. u. Kambodscha) gelungen, festen Fuß zu fassen n. beide Staaten sind bemüht, sich hier Handelswege zu Lande in das südliche China zu schaffen; mehrfache Expeditionen am Mekhong auswärts, am Jrawaddi, nach Jünnan haben stattgefunden Hinterlader - u. Eisenbahnen (durch Birma nach Jiinnan) sind projectirt, ohne daß vorläufig ein festes Resultat sich herausgestellt hat. Vgl. Annam, Birma u. Jünnau. Tbiel-m-im. Hinterlader, allg. Bezeichnung fllr alle von rückwärts zu ladenden Feuerwaffen; s. Geschütz u. Handfeuerwaffen. Hinterlage, so v. w. Depositum. Hinterland, Kreis, s. Biedenkopf. Hinterlassenschaft (Nachlassenschaft, Nachlaß), f. u. Erbrecht; daher die Hinterlasfenen (Re- licten), so v. >v. Erben eines Verstorbenen. Hinterlast, hinterlastig, s. u. Last. Hinterleik, s. u. Leik. Hinterpommcrn, s. Pommern. Hinterrhein, s. Rhein. Hintersassen, früher vom Grundherrn abhängige Bauern, von diesem bei Gerichte vertreten und ihm auch wol zins- und dienstpflichtig, jetzt ansässige Landleute, deren Besitz nur in einem Haus, Garten, oder einzelnen Feldern besteht, Häusler, Gärtner, Kuhbauern. Hinterschiff(Achterschifs), der Theil des Schiffes vom Groß- od. Besanmast bis zum Heck; Hin- tsrsegel, die Segel hinter dem Wirkungsschwerpunkt der Segel, gewöhnlich die Segel des großen u. bei Dreimastern auch des Besanmastes. Hintersteven (Achtersteven), s. u. Schiffbau. Hinz, so v. w. Heinz. Hiob (Job, der Dulder, der vom Schicksal Verfolgte), in der Bibel Heerdenbesitzer im Lande Uz, nach Einigen historische Person, dessen Geschichte das nach ihm benannte Lehrgedicht enthält, nach Neueren eine bloß erdichtete Person; die Unterschrift der Peschito, welche H. für den König Jobab von Edom erklärt, ist eine bloße Coujectnr. Das Buch H., ein zu den Hagiographen der Bibel zählendes Lehrgedicht über das Problem, warum rechtschaffene Menschen so schwer von Leiden heimgesucht sind, besteht aus fünf Lheilen: a) der Prolog (Cap. 1 u. 2) erzählt H-s Frömmigkeit, eine Versammlung der Engel u. des Satans vor Gott u. dessen Absicht, H. durch Unglück zu prüfen; h) der zweite Theil (Capitel 3—31) enthält den Redestreir H-s mit seinen drei Freunden; er beginnt nnt einer Wehklage H-s über sein Schicksal; in den drei Wechselreden machen die Freunde die gewöhnliche Vergeltungslehre vom bloß richterlichen Standpunkte u. ohne Rücksicht auf Gottes Gnade geltend u. beschuldigen H. immer deutlicher, daß er verdient leide, wogegen dieser jene Lehre bestreitet u. seine Unschuld behauptet; o) im dritten Theil (Cap. 32—37) geben die Reden Elihus zu, daß die Leiden nicht immer eine Strafe Gottes, sondern ein Mittel der Prüsung in Gottes Hand seien; ä) der vierte Theil (Cap. 38—42), enthält die Reden Gottes selbst, welche durch Schilderung der Weisheit und Macht Gottes den H. zum Stillschweigen u. zur Ergebung bringen; s) im Epilog gibt Gott dem H. Recht, den Freunden Unrecht, u. H. erhält alles Verlorene doppelt wieder. Unter den einzelnen Abschnitten hielten Viele theils den Prolog, theils die Reden des Elihu für unecht, die letzteren außer aus sprachlichen Gründen des. deshalb, weil sie oft unklar, weitschweifig u. hart sind (obschon auch sehr beach- — Hiongiiu. 319 tenswerthe Gedanken über den Zweck der Leiden darin Vorkommen), und weil auf die Reden des Elihu keine Antwort erfolgt. Auch Cap. 27, 7 bis 28, 8 wird für unecht gehalten. Das Buch H. muß hebräischen Ursprungs sein. Man rechnete es früher zu den ältesten Büchern des Kanons, wahrscheinlich gehört es aber in die Zeit des Babylonischen Exils od. kurz vor demselben, bes. auch wegen der ausgebildeten Engellehre. Die Talmudisten sehen in dem Buch eine Parabel, von Anderen wurde es als eine Art Theodicee bezeichnet, wiewol die Frage, warum Gott den Guten leiden läßt, nicht positiv beantwortet wird. Wahrscheinlich hat der Verfasser die gangbare Volksmeinung den Gegnern des H. in den Mund gelegt, während seine eigene Ansicht in den Reden Gottes ansgedrückt wird. Inwieweit das persönliche Schicksal des Verfassers od. die Bedrängniß des Volkes Antheil an dem Buche hatte, läßt sich nicht bestimmen. Als poetisches Kunstwerk steht diese Schrift trotz mancher Weitschweifigkeiten sehr hoch, doch ist sie wegen der bilderreichen Sprache schwer zu erklären u. zu verstehen. Vgl. Übersetzungen u. Erklärungen von Älteren, bes. die von Schultens, 1737, 2 Bde.; von Neueren von Umbreit, 1824, 2. Aust., Heidelb. 1832; Köster (Übersetzung), Schlesw. 1831; Ewald, Gött. 1836, 2. Aust. 1854; L. Hirzel, Lpz. 1839, 2. Aust, von Olshausen, 1852, 3. Aust, von Dillmann, 1869; Stickel, Leipz. 1842; Schlottmann, Berlin 1851; F. Delitzsch, Lpz. 1864; F.Hitzig, Heidelb. 1874. Hiobspost, traurige Kunde (s. Hiob). Hiogo (Fiogo), Stadt auf der japan. Insel Nipon, Hauptstadt des Bezirks Setzu, an der Bai von Osaka, mit einem guten Hasen, mit der unweit an derselben Bucht liegenden große» Stadt Osaka durch eine Eisenbahn verbunden, die bis zu der etwas landeinwärts liegenden Hauptstadt Kioto fortgeführt wird. H. gehört zu den seit 1869 den Europäern geöffneten Häsen „. ist Sitz mehrerer europäischer Kaufleute, die in der Vorstadt Kobe wohnen, und eines englischen, amerikanischen und deutschen Cousuls; ungefähr 40,060 Ew. 1874 betrug der Werth der Einfuhr 6,080,000, der der Ausfuhr 4,957,000 Doll. u. verkehrten 196 fremde Schiffe daselbst. Thiel-m-mn. Hiongnu (Hiungnu, richtiger Chionguu), ein barbarisches Volk, wahrscheinlich türkischer Abstammung, welches, seit Anfang der historischen Zeit in Len Steppen an der NGrenze Chinas wohnhaft, dieses Reich mit seinen Einfällen bedrohte. Gegen Ende des 8. Jahrh. v. Chr. gründete» sie unter einem flüchtigen chinesischen Prinzen mit dem Titel Tschen-yn u. dessen Sohne Maotun ein mächtiges Reich, das sich von den Grenzen Chinas bis zum Kaspischen Meere erstreckte. Im 1. Jahrh. v. Chr. unterlagen sie der erstarkten Macht Chinas; ein Theil, die sogenannte» nördlichen, kam unter dessen Oberherrschaft, erhielt Wohnsitze am oberen Hoangho u. entwickelte in der Zeit der Verwirrung des chinesischen Reiches (4. Jahrh.) wieder eine bis zur Stiftung kleinerer Fürstenthümer steigende Macht, bis er allmählich verschwindet; der größere, die südlichen, wurden nach dem westlichen Tnrke- stan gedrängt, von wo sie die ansässigen Völker Jnertchi n. A. vertrieben. Hier erhielten sie sich 320 Hiorvadr - noch bis in die ersten Jahrh. n. Chr.; ihr späteres Schicksal ist streitig-, nach einer Ansicht vcr-1 schwanden sie durch Vermischung mit anderen tun- gusischcn n. finnischen Völkern, nach anderer sind sic mit den späteren Hunnen identisch (vergl. den Artikel Hunnen). TM-m-mn. Hiorvadr (Schwertwächter), König von Norwegen, that ein feierliches Gelübde, die schönste Frau zu heirathen; so hatte er schon drei Frauen, als er hörte, daß Sirgnlin die allerschönste sei; sein Jarl Atli führte sie ihm zu, n. er zeugte mit ihr Helgi. Hipp . . . (v. Gr.), Pferde... Hipparchm, aus Maronea, Gemahlin des Philosophen Krates, um 330 v. Chr.; sie soll selbst Einiges geschrieben haben u. wird mit unter die Cyniker gerechnet. Vgl. Petits Gedicht OzmoMmin 8.cts 6ratsti8 eklkipparoiriasamoribns, Par. 1677. Uippsrclna Hb., Latzwna Dak--., Grasfalter, Gattung der Familie der Tagfalter. Körper behaart. Fühler an der Spitze deutlich kenlig. Taster angedrückt. Flügel breit, gerundet, oben düster- gezeichnet, zumeist tiefbraun mit rostfarbenen od. gelben Fleckenbinden u. Augenpunkten; unten mit höchstens einer Reihe gekernter Augen, sonst sein, wolkig u. zackig gezeichnet. Die grünen, aber auch braunen helllängsgestreiften Raupen sind nackt od. sampietartig behaart, ihr Hinterleib endet in zwei Spitzen, letztes Fußpaar fehlt; nähren sich von Gras. Meist mittelgroße Schmetterlinge mit flatterndem u. tänzelndem niedrigem Fluge, ruhen an Bäumen u. Gestein od. am Boden, deren Farbe dann mit der eigenen übereinslimmt. Sie genießen dadurch eines natürlichen Schutzes. Meist europäisch, viele Arten leben nur im Hochgebirge od. im hohen Norden. Die kleinsten Arten haben vorwiegend ockergelbe Färbung: 2. pampknlna, 2. areania, H.äavrm; die größten sind obenschwarzbraun mit breiter röthlicher Fleckenbinde, Spitze der Vordcrflügel mit weißgekerntem Auge, darunter oft noch ein zweites. Unterseite der Hinterflügel fels- od. baumrindenfarbig. Hierher 2.2or- inions, 2.Leinöls,2. krooerpina. Mittelgroße Arten sind: 2. Llrrsra, llsnira, kÜAorin, Lnckora u. a. M., die allgemein verbreitet sind. Ausgezeichnet Lurch schwarzbraune weißgetbgefensterte Färbnng sind 2. Onlatllea, Imeirsms, Okotlro, die nach der Färbung auch Dambrett genannt werden. Die mittelgroßen Bewohner der Hochgebirge sind kaffcbraun mit rostfarbener Binde von weißgekernten Augen. Auch die Spitze der Vorderflügel besitzt zwei Augen. 2. Llsäoa, InAea u. Hpiplu-on bewohnen hügeliges Terrain, 2. Llelampcw, Manko, l?roi>os u. a. die Alpen, Loipio die Pyrenäen^, die einzige Art in der Ebene ist Nackusa. Die Schuppen der 2. llanira u. anderer werden als Probeobjecte für das Mikroskop verwandt. Farwick. Hipparchos (gr.), in Griechenland Anführer einer Hipparchie, d. i. einer Schaar von 500 Reitern u. 500 Pferden. In manchen griechischen Staaten gehörte der H. zu den obersten Staatsstellen, so in Böotien, im Ätolischen u. Achäischen Bunde. Hipparchos, 1) Sohn des Pisistratos, folgte demselben i. I. 528 v. Chr. mit seinem Bruder HippiaS in der Herrschaft über Athen; ein hoch- — Hippöl. gebildeter, wohlmeinender u. verständiger Mann 1 suchte er auch in Athen den Sinn für höhere Bildung, für Kunst, namentlich Poesie, u. Wissenschaft zu verbreiten. H. wurde durch Aristogiton und Harmodios aus Motiven der Privatrache 514 v. Chr. ermordet, s. u. Athen (Geschichte). 2) H., aus Nikäa in Bithynien, der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Astronomie, hielt sich meist zu Alexandria auf u. st. um 125 v. Chr. Seine Beobachtungen betrafen die Bestimmungen des Sonnenjahres (er fand es 5 Minuten kleiner als das eingeführte), die Excentricität der Sonnenbahn, die Theorie des Mondes, die Größe der Himmelskörper und des Weltgebäudes. Auch die Theorie der übrigen Planeten berichtigte er und berechnete Sonnen- u. Mondtafeln. Er entdeckte auch die periodische Bewegung des ganzen Sternenhimmels um die Pole der Ekliptik und lehrte die geographischen Längen und Breiten zur Bestimmung von Örtern auf der Erdoberfläche anwenden , wodurch er die mathematische Geographie begründete. Nach ihm benannt ist die Hipparchische Periode (s. u. Periode) u. das Hipparchische Diagramms, vermittelst dessen er die Entfernung der Sonne von der Erde zu 1200, die des Mondes zu 59 Erdhalbdnrchmessern bestimmt. Er schr. u. a.:"LxSLorr ckarkpra/rL-- (Verzeichniß von Fixsternen nach ihrer Länge und Breite), bisanfeinBruchstllckverloren; erhalten sind: Nxxrrov rcar herausgegeben von Victorius, Flor. 1567, Fol., u. in des Petavins IlranolvAia, Paris 1630, Fol.; vgl. Marcoy, I-'gLtronowls solairs ck'Hipxargno, Par. 1828. I) H-rtzb-rg. L) Specht.' Hipparete, Tochter des Hipponikos, Frau des Alkibiades. Durch seine Ausschweifungen gekränkt, verließ sie ihn u. ging zu ihrem Bruder; als sie aber vor dem Archon erschien, um die Scheidungsklage vorznbringen, nahm sie Alkibiades auf seinen Arm n. trug sie wieder nach Haus. Hippel, 1) Theodor Gottlieb von H., humoristischer Schriftsteller, geb. 31. Jan. 1741 zu Gerdauen in Ostpreußen, wo sein Vater Schnl- rector war; studirte in Königsberg erst Theologie, daneben alte Sprachen, Mathematik u. Philosophie. Der Justizrath Woyt, ein Freund seines Vaters, gewährte ihm freie Station, um seine Studien zu fördern. Hier lernte er den russischen Lieutenant v. Kayser kennen, der ihn in Petersburg in die große Welt einführte, worauf er Hauslehrer in einer adeligen Familie in Königsberg wurde. Uni die Tochter aus einer reichen u. vornehmen Familie heirathen zu können u. rascher zu Reichthum u. Ehrenstellen zu gelangen, wählte er 1762 das Studium der Jurisprudenz. Nach vielen Entbehrungen bestand er 1765 ein glänzendes Examen. -Nun entsagte er der Geliebten, um ehelos weiter zu streben, wurde 1765 Advocat in Königsberg, 1780 erster Bürgermeister u. Polizeidirector, 1786 Geh. Kriegsrath u. Stadtpräsident, ließ sich von dem Kaiser seinen Adel 1791 erneuern, organisirte nach Besitzergreifung des Danziger Gebiets durch Preußen mit bewunderungswürdiger Thatkraft die Behörden, zog sich den Verlust eines Auges u. die Brustwassersucht zu u. st. 23. April 1796 in Königsberg. ' Er war voll Widersprüche in seinem Cha- Hippiaden — rakter u. Leben; als Schriftsteller ist er als Humorist bekannt; cr schr.: Über die Ehe, Königsb. 1774, 7. Aust.. Berl. 1841; Lebenslause in aussteigender Linie, ebd. 1778—81,3 Thle.; Zimmermann I. u. Friedrich II., 1790; Handzeichnungen nach der Natur (Gedichte), Berl. 1790; Kreuz- u. Qnerzüge des Ritters A bis Z, ebd. 1793—94, S Bde.; Der Mann nach der Uhr (Lustspiel), 2. Aust., ebd. 1771; Über das Königsberger Stapelrecht, ebd. 1791; Über die bürgerlichen Verbesserungen der Weiber, ebend. 1792, n. Ausl. 1842; Nachlaß über weibliche Bildung, ebend. 1801; Gedanken über die Unzufriedenheit, 1761; Rhapsodie, 1763; Die ungewöhnlichen Nebenbuhler (Lustspiel in 3 Acten), 1768; Freimaurerreden, 1768; Pflichten eines Maurers rc., 1777; Handzeichnungen nach der Natur, 1790; Über Gesetzgebung u. Staatenwohl, 1804; Sämmtliche Werke, ebd. 1828 bis 1831, 14 Bde. (im 12. H-s Biographie). 2) Gottlieb Theodor von H., Regierungspräsident in Bromberg, starb pensionirt 1843. Er war Verfasser des beim Anfang des Befreiungskrieges unterm 17. März 1813 von Friedrich Wilhelm 111. erlassenen Ausrufs an mein Volk! Er schr. auch: Beiträge zur Charakteristik Friedrich Wilhelms III., Bromb. 1841. Seine Biographie von Bach erschien Bresl. 1863. B-y-r. Hippiaden (v. Gr.), Statuen, welche kriegerische Weiber zu Pferde darstellen. Hippms, 1) der älteste Sohn des Tyrannen Pisistratos von Athen, folgte 528 v. Ehr. mit seinem Bruder Hipparchos (s. d.) seinem Vater in der Herrschaft; während Hipparchos mehr für die Förderung der geistigen Interessen sorgte, führte er die eigentliche Negierung, u. zwar im Ganzen mit Milde und Weisheit. Als aber sein Bruder 514 ermordet worden war, wurde er mißtrauisch u. hart; Steuerdruck, Entwaffnung der Bürger, Hinrichtungen blieben nicht aus; dazu suchte H. sich durch Verbindungen mit fremden Herrschern zu stärken. Dagegen benutzten nun die vor Pisistratos aus Athen ausgewanderten Alkmäoniden die sich gegen H. verbitternde Stimmung der Athener, u. mit Hilfe der Spartaner gelang es ihnen endlich, Len H. 510 aus Athen zu vertreiben. Er ging erst nach Sigeum, wo sein Bruder Hegesi- stratos unter persischer Hoheit eine Tyrannis führte; als ein Versuch, mit Hilfe der Spartaner wieder nach Athen zu gelangen, gescheitert war, warf sich H. (nach dem Jahre 504) dem Bruder des Königs Darms, dem Vicekönig ArtapherneS in Sardes, in die Arme; er nahm selbst theil an dem Zuge d. I. 490, führte die Perser nach Marathon u. soll nach Einigen hier in der Schlacht gefallen, nach Anderen aber milder persischen Flotte zurückgekehrt und in Lemnos gestorben sein. 2) Sophist ans Elis, Zeitgenosse des Sokrates und Protagoras, Schüler des Hegesidamos; Las höchste Gut setzte er in die Selbstgenügsamkeit (Autarkie); bei sehr umfassender Bildung galt er als eitel, anmaßend u. prahlerisch. Hertzberg. Hippiatrik, Hippiatrie (v. Gr.), Pferdeheil- kunde, Ilippiabrica, Titel des ersten aus der byzantiu- ischenZeit stammenden Wertes über Pferdeheilkunde. Hippros (griech.), Beiname des Poseidon, als Schöpfer des Pferdes. Pierers Umverlal-Coiwerjations-Lekilo!!. 6 . Aufl. X. - Hippodrom. där Hippo (a. Geogr.), 1) H. Reg ins, Stadt in Numidien, am Meerbusen von H, eine phönik- ische Colonie, seit Masinissa bisweilen Residenz der Könige von Numidien (daher ihr Beiname), in dem 1. Jahrh. v. Ehr. römisch u. seitdem eine blühende Stadt, wurde 430 n. Ehr. von den Vandalen zerstört; St. Augustinus war hier Bischof; die Ruinen von H. liegen in der Nähe von Bona (s. d.); 2) H. Zarytos oder Diarrhytos, ebenfalls in NAfrika (Zeugitana), an einer tiefen Meeresbucht in der Nähe von Utika, jetzt Biserta. 3) s. Vibo. Hippo ... (v. Gr.), Pferde..., Roß ... Uippooampi psäss (Hippocampusfüße, Anat.), s. Gehirn I. S. 782. Hlppocampus, 1) Fisch, so v. w. Seepferdchen. 2) fabelhaftes Seethier mit roßähnlichem Kopse und gebogenem Fischschwanze, aus welchem die Künstler die Seegötter fahrend darstelllen; bald tritt er mit zwei Roßhufen das Meer, bald schwimmt er mit breiten, gespaltenen, froschähnlicheu Floßfüßen (daher Hippocampusfüße), bald ist der ganze Leib beschuppt; bisweiten auch geflügelt. ttippooastanZae, Unterfamilie der diaxiuäaosas. Uippooropis L., Pflanzsngattnng aus der Fam. der IwAuminosas s?aMiouaosas - LocJvarsao (XVII. 4). Niederliegeude Kräuter oder Halb- sträucher mit unpaarig gefiederten Blättern u. gelben Blüthen in langgestielten, achselständigen Dolden, Kelch glockig fast zweilippig; Schiffchen geschnä- belt; Hülse zusammengedrückt, mit gekrümmten einsamigeu Gliedern. Von den etwa 12 Arten der Gattung ist in Deutschland ziemlich verbreitet A. oomosa T. Hippodamia, Tochter des Önomaos u. Gemahlin des Pelops. Hippodamos (gr.), 1) Rossebändiger, besoud. Kastor u. Pollux. 2) aus Milet, berühmter griech. Baumeister nach den Perserkriegen, zu der Zeit, wo der Luxus in Leu Privatbauten überhandnahm u. ganze Städte angelegt wurden. Hippodrom (griech.), wörtlich soviel wie Corso im Sinne von Pjerdewettrennen, sodann aber gewöhnlich nur für das hierzu eingerichtete Local gebräuchlich. Der antike H. bildete neben dem Stadium und dem Theater einen wichtigen Theil des öffentlichen Lebens der Griechen; die darin ab- gehalteneu Schauspiele, Kämpfe u. Rennen hatten die Bedeutung von Nationalsesten, selbst mit religiöser Färbung. Bei den Römern sanken sie freilich zu bloßen Volksbelustigungen herab. Am ausführlichsten ist die Beschreibung des H-s von Olympia erhalten. Dieser bildete ein von amphitheatralisch aufsteigendeu Sitzen umgebenes Oblongum, an Lessen einem rechtwinklig abgeschlossenem Ende eine Vorhalle (von dem Architekten Agnaptos errichtet) sich befand, woran sich nach dem Innern zu die Schuppen (oilcomaba) für den Ablauf der Rennpferde und Gespanne anschlossen, mährend Las andere Ende der Bahn durch einen Halbkreis abgeschlossen wurde. Im Centrum dieses Kreises stand der Taraxippos, ein runder Altar, der das Ziel für das Ümlenten der Pferde und Wagen bildete. Ein zweites Ziel stand in der Form einer Bildsäule der Hippodamia in der Mitte des ganzen Oblongums u. war wahrscheinlich mir dem Taraxippos Lurch eine den Langseiten parallel Band. 21 322 Hippogryph — Hippolyte. gezogene Schranke verbunden, um das Durchbrechen der Pforte zu verhindern. Dis Größe der antiken H-e war zwischen 600—1000 Fuß Länge bei 60—900 Fuß Breite. Berühmt war auch der H. zu Laodicea; bei den Römern trat an deren Stelle bald der Circus (s. d.), in welchem neben dem Wagen« und Pferderennen auch Gladiatoren- u. Thierkämpfe in großartigstem Maßstabe abgehalten wurden. SchaSler. Hippogryph, mythisches Thier, einem geflügelten Rosse ähnlich, mit Greifenkopf, von neueren Dichtern Bojardo u. Ariosi (Ippo§riko), u. darnach Wieland (im Oberon), als Musenroß gleich dem Pegasus angenommen. Hippokampos, s. Hippocampus. Hippokentanren (gr. Myth.), Wnndergestal- ten, halb Mensch, halb Pferd, von Jxiou mit einer Wolke gezeugt. Hippokrates (gr. Name, d. i. Rossebändiger), 1) H., Sohn des Pantares, Bruder des Tyrannen Kleander von Gela in Sicilien, folgte diesem 498 v. Chr. in der Regierung, eroberte verschiedene sikelische Bezirke, dazu dauernd die griechischen Städte Naxos, Leontini, Kamarina, momentan auch Zankle u. fand bei einem Angriff auf Hybla im Jahre 491 seinen Tod. 8) H., athenischer Feldherr, fiel 424 v. Chr. in der Schlacht bei Deliou. 3) H. I., Sohn des Gnosidikos, 500 v. Chr.; von ihm rühren wahrscheinlich einige der dem Folgenden beigelegten Schriften ihrem ersten Ursprünge nach her. 4) H. II. (bei den Arabern Bokrath), Enkel des Vor., Sohn des Heraklides u. derPhänarete,geb. 459od. 460 v.Chr. auf derJnsel Kos, der berühmteste Arzt des Alterthums. Sein Vater scheint seine medicin. Studien zuerst geleitet zu haben. Dann ging er nach Athen zum Gymnasien Herodikos, empfing auch Unterricht vom Philosophen Gorgias von Leontini, dessen Frau er behandelt hatte, kehrte dann nach Kos zurück u. prakticirte hier viele Jahre. Erst nach dem Tode seines Vaters machte er größere Reisen durch Griechenland, Makedonien, Thessalien, Thrakien, die Länder am schwarzen Meere, Kleinasien, Larissa auf Lhasas rc., zeichnete sich — nach einem älteren Berichte — während der Pest von Athen aus u. st. wahrscheinlich 377 (nach And. 360) v. Chr. in Larissa. Sein Grabmal wurde noch im 2. Jahrh. u. Chr. gezeigt; einer anmuthigen Sage nach hatte sich auf seinem Grabsteine ein Bienenschwarm eingenistet, dessen Honig als heilbringend für die Schwämmchen der Kinder galt. Der Rnhm des H. war schon zu seinen Lebzeiten begründet. Die Sammlung seiner zahlreichen Schriften begann erst längere Zeit nach seinem Tode im Zeitalter der Ptolemäer; ihre jetzige Form ist wesentlich die derAlexandrinischenRedacteure; die angeblich echten zeichnen sich durch einfachen edlen Stil aus, die unechten stammen von Mitgliedern der Koischen, auch der kindischen Schule vor u. nach H. her. Jedenfalls ist auch der Urtext der sogen, echten von H, selbst nicht für die Nachwelt bestimmt gewesen, sondern von seinen ebenfalls berühmten Söhnen Drako u. Thessalos u. seinem Schwiegersöhne Polybos gewissermaßen überarbeitet u. mit Zusätzen versehen worden, so daß es mühsam ist, das Eigenthümliche des H. klar zu stellen. Als solche echte gelten: Os asrs, aguis sb loeis; Ors.su otüouss; Os vivtus rabions in aoutiz; Opiäsmiorum UP. I. u. II.; ^piiorismi, für alle Zeiten eine reiche Quelle tiefer medicin. Weisheit in neuerer Zeit freilich auch von Leutsch u. T als echt angezweifelt. H. hat in allen Zweige» der Medicin cultivirend und richtigstcllend eiuge- grifsen, sein Hanptverdienst besteht darin, daß er so beobachten lehrte, uni Erfahrungen gewinnenz» können. Ausgaben seiner Werke erschienen lateinisch von Calvus, Rom 1525; griechisch, Vened. 1528, Basel 1538; mit lateinischer Übersetzung von Mer- curialis, Venedig 1588, Fol.; von Kühn, Leipzig 1825—27, 3 Bde.; Littre, Par. 1839—61, vor- zügliche Arbeit; Fr. Zach, Ermerius 1859—85; C. H. Th. Reinhold, 1864—67; lateinische Übersetzungen: Rom 1525 u. ö.; deutsch von Grimm, ebd. 1781—92, 4 Bde. (unvollendet); n. A. von Lilienhain, Glogau 1837, 2 Bde.; Upmann, Berl. 1847; Commeutare besonders von Foes, Oseono- irüs. IIippoors.bis, Basel 1561 u. ö. O Th-nnhah». Hippokratiker, im engeren Sinne Verwandte u. Nachfolger des Hippokrates aus Kos, im weiteren jeder Arzt, der nach Wissenschaft!. Grundsätze» die Erfahrung als leitendes Priucip hinstellt. Jene fingen sehr bald an, mit der Medicin herrschende philosophische Lehrsätze zu verbinden u. so einen schwankenden, widerspruchsvollen Dogmatismus zn gründen. Zu ihnen gehörte vor Allen, als der älteste u. berühmteste Nachfolger des Hippokrates, Thessalus, dann Polybus, Diaxippus, Endes der Knidier, Diokles v. Karystus, Praxagoras v. Kos u. a. m. Wirklich vorzüglich war ihre Therapie. Thamhay». Hippokratisch, nach Hippokrates 4) genannt oder von ihm erfunden: so Hippokratische schule, s. u. Arzneikunde. Hippokratisches Gesicht (Oaaiss Oippooratiea), Veränderung des Gesichts bei Sterbenden: spitzige Nase, eingesunkene Augen, eingefallene Schläfe, kalte u. zusammen- gezogene, unterwärts eingebogene Ohren, harte gespannte, trockene Stirnhaut, bleiches, zuweilen auch schwärzliches od. bleifarbiges Gesicht. Hippo- ^ kratische Ambe (tlmds Oippaoratis), Maschine zur Einrichtung des verrenkten Oberarms. Hippokratische Bank (Loamnura Hippoaratis, Latinim O.), Bank oder Bett zur Einrichtung von Verrenkungen od. Brüchen des Oberschenkels. Hippokratische Mütze (Ultra Oippooratis), eine jetzt wenig gebrauchte lange Kopfbiude. E. Berns.» Hippokrene (gr.), Roßquelle, Quelle auf der südlichen Kuppe des Helikonberges, sollte durch ! einen Husschlag des Pegasos geöffnet worden sein i u. war im Alterthuine den Musen geheiligt. Sie heißt jetzt Try/äck (kalte Quelle), liegt nur 100 Fuß unter dem Gipfel, gegen Aftra u. den Musenhain hin u. ist mit antikem, polygonalem Gemäuer ausgesetzt. Hippolapathnm, so v. w. Mönchsrhabarber. Hippölog (v. Gr.), Pferdekenuer, der sich mit der Kenntniß der Pferde wissenschaftlich beschäftigt; daher Hippolögie, Kenntniß der Pferde. Hippolyt, so v. w. Hippolytos. Hippolyte, Tochter des Ares u. der Otrera, i Königin der Amazonen; ihre Erlegung durch ' Herakles wegen ihres Wehrgehenkes, s. u. Hera- 323 St. Hippolyte kles. Auch soll sie eiueu Zug nach Attika gemacht baden, um Autiope zu befreie». St. Hippolyte (St. H.-du-Fort), Stadt im Arr. Le-Vigan des franz. Dep. Gard, am Bidourle u. der Argeutesse; Protestant. Blinden- u. Taub- stummen-Jnstimt, Civil-n.Militärhospital, Seiden- spinnereien, Fabrikation von Handschuhen, seidenen Strümpfen,Strumpfwirlerwaaren, Hüten, Leim re., Gerbereien, zahlreiche Mühlen, vier Jahrmärkte; 4238 Ew. Im 11. Jahrh. war St. H. noch ein kleines Dorf, im 15. ließ Ludwig XI. den , Ort mit Mauern umgeben, von denen noch einige Überreste vorhanden sind. Hippolytos (gr.), Sohn des Theseus u. der Autiope oder der Hippolyte, welcher, da er die Liebe seiner Stiefmutter Phädra znrückwies, von dieser bei ihrem Vater, als ob er ihr unkeusche Zumuthungen gestellt, verleumdet, von Theseus verflucht u. der Rache des Poseidon anheimgegeben wurde. Auf der Fahrt von Trözen nach Athen wurden durch ein plötzlich aussteigendes Meernnge- heuer die Pferde scheu u. er selbst an einem Felsen zerschmettert, auf welche Kunde sich Phädra selbst entleibte; nach einer anderen Fassung wurde H. von Äsculap wieder ins Leben gerufen und von Artemis in ihren Hain nach Aricia in Latium entführt. Er ist der Gegenstand vieler poetischer (darunter die seinen Namen führende Tragödie des Euripides) und bildlicher Darstellungen. Thielemann. Hippolytns, 1) St. H., christlicher Kirchenlehrer des 2. u. 3. Jahrh., geb. in der 2. Hälfte des 2. Jahrh., Schüler des Jrenäus, im Anfang des 3. Jahrh. Presbyter in Rom, später wahrscheinlich Bischof. In dem Passastreit, soweit er zu seiner Zeit noch sortdanerte, stand er auf Seiten des von Victor behaupteten Gebrauchs; in dem Streit über die Praxis gegen die in den Christen- verfolgungcn Abgesallcnen u. gegen den Cölibat der Geistlichen neigte er sich auf die Seite der Novatianer u. behauptete strenge Grundsätze gegen die milderen Callists; in dem Trinitätsstreite war er ein Gegner der No'etianer, zu deren Partei auch die Päpste gehörten, n. vertheidigte die Ansicht der Subordiuatianer. Er soll unter Kaiser Maximin I. mit dem Bischof Poutian nach Sardinien verbannt worden, nach Prndentius (400) in Por- tus bei Nom (wahrscheinlich 252 oder 258) den Märtyrertod gestorben u. zwar mit Pferden zerrissen worden sein; sein Tag ist der 13. August. Er ist der Schutzheilige von Mejico. Um 1551 grub man bei Rom seine, noch in der Vatican- ijchen Bibliothek ansbewahrte marmorne Bildsäule aus, welche ihn auf einem Stuhle sitzend darstellte u. auf beiden Seiten einen Ostercyklus (OMnv xasebalw), auch ein Verzeichniß seiner Bücher enthielt, u. auch philosophische, polemische, dogmatische, historische (XpoEä,-), exegetische und andere Schriften, von denen nur Fragmente übrig sind; herausgegeben v. I. A. Fabricius, Hamb. 1716 bis 1718, 2 Bde., Fol. Dazu ist in neuester Zeit noch eine andere, für die älteste Kirchengeschichte, des. die Kenntniß der Gnosis u. der Entwickelung des christologischen Dogmas sehr wichtige, gekommen, nämlich die 1842 in dem Kloster auf dem Berge Athos von dem Griechen Minoides — Hipponax. Minas aufgefundene, von Hiller nach Paris gebrachte und von Em. Miller als Philosophumena des Origines oder Widerlegung aller Ketzereien, 10 Bücher, Oxf. 1851 herausgegebene; wegen der Abweichung in Gedanken, Stil und Methode von der des Origeues ist von keinem Kritiker Millers Meinung wegen der Autorschaft des Origines angenommen worden, dagegen halte» Einige, so Baur, den Presbyter Casus, die Mehrzahl aber, wie Bunsen, Gieseler, Len H. für den Verfasser. Über des H. Leben, Wirken u. Schriften vgl. Bunsen, H. anck Iris aZo, Lond. 1852, 4 Bde., 2. Ausl. 1855 (deutsch, 1852, 2 Bde.); Döllinger, H. u. Callistus, Regensb. 1853; G. Volkmar, H. u. die römischen Zeitgenossen, Zürich 1855; Lipsius, Zur Quellenkritik des Epiphanias, Wien 1865; Ders., Quellen der ältesten Kirchengesch., Leipzig 1875. 2) H. a Lapide, pseudonym für Chemnitz 3). Löffler.» Hippolytusbriiderschaft (Brüder od. Hospitalmönche der christlichen Liebe von St. Hippolyt), ein 1585 von Bernhard Alvarez in Mejico gestifteter Verein mit klösterlichem Leben u. Hospital für Armen- und Krankenpflege; trotz mehrfacher Resormationsversuche gesunken, noch in einigen Klöstern bestehend. Hippomachie (v. Gr.), Kampf zu Pferde. Hippomane (v. Gr.), leidenschaftlicher Pferdeliebhaber. Mppomsns L., Pflanzeugattung aus der Fam. sisupliorbiaosas-llippomansas; Art: 8. manoi- nslls. L. (Manschinellbaum), westindischer Baum, dem Apfel- oder Birnbaum im Ansehen gleichend, mit eirunden, spitzen, feingesägten, unbewehrten, kahlen Blättern, rundlichen Knäueln von männlichen Blüthen u. einzelnen weiblichen Blüthen; die männlichen mit zweispaltigem Kelche, zwei verwachsenen Staubblättern; die weiblichen Blüthen mit dreitheiligem Kelche u. kurzem Griffel mit sieben- oder sechsstrahliger Narbe; Früchte giftig, kleinen Äpfeln gleichend, grünlichgelb, ins Nöth- liche, glatt, innen schwammig, weiß, mit drei- bis siebensächerigem Kernhause, mit dreiseitig rundlichen silberweißen Samen; enthält scharfen, Blasen ziehenden, die Leinwand zerfressenden Milchsaft, womit die Indianer ihre Pfeile vergiften, liefert schönes, festes, aber seiner giftigen Eigenschaft wegen erst völlig ausgetrockuet mit Vorsicht zu benutzendes Holz. Als Gegengift dient die LiAno- nia, Isnooxzckon. II. diAlanckulosa ist 8apium Rippomans MeNS». Engter.* Hippomantie (v. Gr.), Weissagung aus dem Wiehern der Pferde. Hippomedon, Sohn des Aristomachos oder Talaos, Herrscher von Mykeuä; einer der Sieben gegen Theben, wo er fiel. Hippöliax, griechischer Jambograph, d. h. Verfasser von Spottgedichten, aus Ephesos, um 540 v. Chr. Er floh vor dem Tyrannen seiner Vaterstadt nach Klazomenä; hier machten die Künstler Bupalos und Athenis Caricatureu auf den kleinen u. häßlichen H.; dieser aber schrieb so beißende Gedichte auf sie, daß sie sich vor Scham erhängt haben sollen. Im Versbau unterscheidet er sich dadurch von Archilochos u. anderen Jambographeu, daß er den Trimeter statt mit 21 * 324 Hippopathologie einem Jambus vielmehr mit einem Spondeus od. Trochäus endigen läßt: solche gebrochene Berse nennt man Hipponakteen oder Lholiamben (s. d.). Seine Freimüthigkeit wurde sprichwörtlich u. 2ippona.etsum praoeonium so v. w. beißendes Gedicht. Er wandte auch vielleicht zuerst Len homerischen Stil zu Parodien an. Fragmente herausgegeben von Welker, Gott. 1817, u. von Bergt in koötas l/rioi Orasvi, 3. Ausl., Lpz. 1836. Riese. Hippopathologre, Lehre von den Krankheiten der Pjerde. lllppopbaö 2., Sanddorn, Pflanzengatt, aus der Fam. der LkirsaAnaosa.« (XX.II. 4.), Blüthen zweihäusig; männliche Blllthen mit zweitheiliger Blüthenhülle und vier Staubblättern; weibliche Blüthe mit rühriger, am Ende zweispaltiger Blüthenhülle ohne kegelsörmigenRing am L-chlnnde; Frucht eine von der fleischig gewordenen beerenartigen Blüthenhülle umgebene Nuß. Art 2. rttain- noickos 2., hoher dorniger Strauch, mit linealischen, unten weißschülferigen Blättern, an den europäischen Küsten u. Alpenflüssen; auch in Anlagen cuttivirt; die Beeren werden in nordischen Ländern gegessen; Zweige u. Blätter geben eine schwarzblaue Farbe, u. mit dem sauren Saft der Beeren kann man gelb färben. Engter. Hippophagen (gr., Pferdeesser, a. Geogr.) 1) zwei Bölker im Norden Asiens, die Sarmat- ischeu H., in der Gegend des jetzigen H., u. die Skythijchen H., an der Ostleite des Jmaos (s. d.); 2)üoerhaupt Leute, welche Pferdefleisch essen. llippopotsmus, so v. w. Flußpferd. Hippolhermm (8. Lan^.), fossiles Sängethier zur Familie der Einhufer, dem Pserde sehr ähnlich u. nur durch die Backzähne u. die Zehen- bildnng des Fußes von diesem unterschieden; 2. Arueiis L«r«x>. (Lguus mnlua piimiAsnius v. M-r/er), nicht größer als das Maulthier, im tertiären Sande. Hippotömie (v. Gr.), Pferdezergliederung. Hippotoxötes (gr.), Bogenschütze zu Pserde. Hippotroph (v. Gr.), Pserdezüchler; daher Hippötrophie, besonders in Athen, wo reiche Privaten Pserde entweder zu Len Wettrennen oder gegen Bezahlung für die Reiterei im Kriege zogen. ttippuris 2., Pflanzengattung aus der Familie der 2a1vrrbLAtäavoas-2ippuricksLo, mehrjährige Pflanze mit kriechender Scheinachse u. aufrechten, dicht quirlig beblätterten Stengel», mitlinealischen, ganzrandigen Blättern u. sitzenden, achselständigen Zwitterblüthen mit sehr kleinem, schwach zwei- lappigem Kelchsaume, einem kurzen Staubblatt uuv einem einfächrigen, eineiigen Fruchtknoten; Frucht eine Steinfrucht, mit Licker knorpeliger Schale. Art: 2. vulgaris 2. (Tannenwedel, Roßschweif), in Wassergräben, meist gesellig, vom Vieh gern gefressen. Engler. Hippurrte» (Hixxurites Sotck/i, Latotttes Oornu eopias, Füllhornschnecken, Petref.), fossile Muschelgattung aus der Ordnung der Lu- ümbs.s. Sie haben eine außen gestreiste Schale von spitzzulaufender Kegelsorm mit gebogenem Ende, so Laß sie oft wie Büfselhörner erscheinen; ! — Hirculation. die Deckel, womit die Schalen versehen waren finden sich nur noch selten. Steinkerne von H- schalen, welche als zwei mit der Basis aneinander, gewachsene und gegeneinander geneigte Kegel erscheinen, sind von Lamarck als Lirostrlbos beschriebenworden. Arten: 2ippurltos eorun vaoei- nnm, 2. Tormasiana., 2. orAavioans sbo. Sie finden sich in der Kreideformation u. erfüllen oft ganze Kalkmassen, welche man daher Hippnriten- tälk nennt. Besonders der Süden ist reich an H., während der Norden nur seltene u. zum Theil krüppelhaste Formen aufweist, so daß bereits in der Kreidezeit eine Differenzirnng von Klimazonen auf der Erde begonnen haben mag. Fundorte: Pyrenäen, Stritten, Neapel, an den Mündungen der Rhone u. Gironde, Rennes (Ille et Villaine), Marseille, Lissabon, am Untersberg bei Salzburg, wo man sie versteinerte Kuhhörner nennt, Bilin in Böhmen, Plauen bei Dresden, am Petersberg bei Mastricht. Lehmann. Hippursänre, Benzoylglykokoll, 6g2g20„ kommt, wie die Harnsäure, im Harn des Menschen nur in geringer Menge vor, reichlich hingegen bei ausschließlicher Pflanzenkost und nach Genuß von Benzoesäure, Chinasäure, Zimmtsänre. In großer Menge findet sie sich im Harne pflanzenfressender Säugethiere, so der Pferde, der Rinder, und in den Excrementen der Schildkröten u. Schmetterlinge. Sie krystallisirt in glänzenden rhombischen Prismen, die sich in 600 Theilen kalten Wassers lösen; in heißem Wasser u. Alkalien ist sie leicht löslich. Beim Erhitzen schmilzt sie u. zersetzt sich in Benzoesäure, Benzonitril u. Blausäure. Mit Mineralsäuren u. Alkalien gekocht, spaltet sie sich unter Wasseraufnahme in Benzoesäure u. Ainido- essigsäure. Fermente bewirken in alkalischer Flüssigkeit, z. B. im faulenden Harn, dieselbe Spaltung, nur daß hier noch ein weiteres Zerfallen in Ammoniak u. andere Producte stattfindet. Die H. ist eine einbasische Säure u. bildet mit Basen die Hippursäuresalze. Das Silbersalz, Og2z4M0-, krystallisirt aus Wasser in seideglänzenden Nadeln, das Kalksalz, (OgÜglMg^La., in Säulen oder Blättchen. Auch ein Aethyläther ist dargestellt. Künstlich entsteht die H. durch Erhitzen von Benzamid mit Monochloressigsäure u. durch Einwirkung von Benzoylchlorid ans Glykokollsilber. Broglie. Hiram (Hirom), 1) Nachfolger Abibaals als König von Tyros, ein Zeitgenosse Davids n. Salomos, mit welchen er in freundschaftlichen Verhältnissen stand und welchen er zum Palast- und Tempelbau Arbeiter und Baumaterialien lieferte. Ein zweiter König dieses Namens findet sich im 8. Jahrh. 2) H., auch Chiram, Haram Abis, berühmter Architekt und Erzarbeiter ans Tyros, lebte um 1030 v. Chr., baute den Tempel Salomos in Jerusalem u. fertigte die goldenen Cherubim und Leuchter, so wie die Gefäße für den Tempel, auch das berühmte eherne Meer, ein Becken, das von 12 ehernen Stieren getragen ward u. zu den Rcinignngswaschungen diente. 2 ) Regnet. Hircarr"h, in Ostindien Brahminen, welche, vertraut .nt den Nachbarländern, als Boten und Spione im Kriege dienen. iiicoi (lat.), Achselhaare. Hirculation (v. Lat.), Übergeilheit des Wein- 325 Hirka i Sche stockes; kann dnrch Ringeln u. zweckmäßiges Beschneiden, Verringerung der Bodenqualität, Abschneiden der oberen Wurzeln u. a. Mittel geheilt l werden. > Hirka i Scherif, türkischer Name der Fahne - des Propheten und dessen Rock, die in 40, aus reichen Stoffen bereiteten Tüchern (Bokhtschas) i eingewickelt ist u. in einer viereckigen Kapelle in ' Constantinopel, wo immer zwei goldene u. vier ) silberne Leuchter brennen, aufbewahrt wird. Be- i wahrer des heiligen Mantels (H. i Scherif Scheikh) - ist stets der älteste Sohn aus der seit 200 Jahren ' in Constantinopel wohnenden Familie Uweis ul i Aremi, Nachkommenschaft Kaabs. . Hirn re., s. Gehirn re. ' Hirnhäute, so v. w. Gehirnhäute, s. u. Gehirn. Hirnholz heißt die Endfläche eines Balkens; in H. arbeiten, vom Ende aus in der Richtung i der Fasern in das Holz hineinarbeiten, eine sehr ungünstige Arbeit; vor Hirn anschlagen, mit Hammer oder Stempel Zeichen in die Endfläche deS Balkens schlagen. Hirnsand, s. ^oervulus. Hirnschädcl (Oiauium), s. Schädel. Hirnwurm, so v. w. Quese. Hirprni (a. Geogr.), Zweig der Samniten, ; zwischen den Frentanern, Samnitern, Lucanien u. Apulien, in der jetzigen Italien. Provinz Avellino. In ihrem Gebiete lagen Äculanum, Compsa, Aqui- lonia, Equus Tuticus. Hirsau (Hirschau), Kirchd orf an der Nagold, im Overamte Kalw des Württemberg, Schwarz- waldkreises, Station der Württemberg. Staatseisenbahnen (Naaoldbahn); prachtvolle u. malerische Ruine des ehemaligen BeneLictmerklosters zu St. Anrelius, von dem nur noch die idllü erbaute Kapelle (jetzt Pfarrkirche) mit dem Bibliotheksaale wohl erhalten ist; Saffian-, Löffel-, Papier- u. Preßspänfabrik, Wollcnspinnerei sammt Walke, Bleiche; 1875: 721 Ew. Das Kloster, seiner Zeit eines der berühmtesten und einflußreichsten, WUrdt 880 boM GtüM'Gl'l-lft'ieö vo ll Kalw gestiftet und von Fulda mit Mönchen be- beietr t. Lte bald dabei angelegte Kiosterschiue er - hielt im Io. Jahrh. ansgebreiteten Nuym, bes. unterAvtMelymar u. dem Schominker Meginhard; aber 1002 vertrieb der Graf von Kalw, welcher' die Schutzvogtei der Klöster hatte, die Mönche, u. erst 1059—65 wurde das Kloster von dem Grafen Adalbert wiederhergestellt und mit Mönchen aus Einsiedeln besetzt. Cs kam zu besonderer Blüthe unter dem Abt Wilhelm, welcher 1077 die Clunia- censer-Regel, welche nun H-er Regel genannt wurde, einführte, Hirsauer Gebräuche, zwei Bücher Vorschriften über Klosterleben rc. schrieb u. 1091 starb. Später sank das Kloster wieder, trat 1457 der Congregation von Bursfeld bei, wurde in der Reformation säculurisirt und 1558 in eine Schule verwandelt) jedoch infolge des Restitutionsedictes 1Ü2Ü wiederbergestellt . 1692 wurde es nebst dem Daneben erbauten Herzogs. Schloß von den )sranzo- st! CI medergebrannt u. liegt seitdem in Ruinen. Vgl, ^hnstmann, Geschichte des Klosters H., DÜbingen 1783; Trithem, Ötirouioou klirsauAisuso (838 bis 1559), oft herausgegeben; Oockox ZarsauAisnsis, Stuttg. 1844; Kerker, Wilhelm der Selige, Abt 'if — Hirsch. von H., Tübingen 1863: Wolfs, Joh. Trithemius und die älteste Geschichte des Klosters H. (im Württemberg. Jahrbuch, 1863). H- Berns.» Hirsch, 1) Theodor, Historiker, geb. 17.Dec. 1806, in Altschottland bei Danzig, studirte in Berlin Theologie, Geschichte u. Geographie, lehrte dann am Friedrich - Wilhelms - Gymnasium und 1833—65 an dem Dauziger Gymnasium Geschichte. 1865 erhielt er einen Ruf als ordentlicher Professor der Geschichte an die Universität Greifswald, deren Bibliothek zugleich unter seine Leitung gestellt wurde. Er hat sich besonders verdient gemacht um die Neuordnung und Verwaltung des Stadtarchivs in Danzig und um die Geschichte seiner Vaterstadt; sein bedeutendstes Werk ist die von der Jablonowskischeu Gesellschaft zur Concurrenz ausgeschriebene u. dann prämiirte Schrift: Danzigs Handels- und Gewerbegeschichte unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, Lpz. 1858. Mit Strehlke u. Töppen gibt er die 8orip- torss rorum krussioarum, Lpz. 1868—74, Bd. 1—5 heraus. 2 ) Rudolf, österr. Dichter, geb. 1. Febr. 1816 in Mähren, studirte in Brünn und Wien die Rechte, fand beim Magistrate in Brünn eine Anstellung, gab jedoch später die juristische Car- riöre auf und ging nach Leipzig, um sich schöngeistigen Arbeiten zu widmen. 1841 bis Febr. 1843 übernahm er die Redaction des Komet, trat daun in österreichische Staatsdienste bei der Regierung in Triest u. wurde 1850 als Commissar und 1852 als Bibliothekar des Polizei-Ministeriums nach Wien berufen. Er st. am 10. März 1872. Er ist Componist und Sänger und gab auch gegen 100 Piecen heraus; er sehr. u. A.: Rafaele (dramatisches Gedicht), Wien 1836; Galerie lebender Tondichter, Güns 1836; Frllh- lingsalbum (Lieder), Lpz. 1837; Balladen, ebd. 1841; Buch der Sonette, ebd. 1841; Romanzen und Balladen (neue Folge), Wien 1843, 2. Aufl. 1853; Irrgarten der Liebe, 1846, 7. Aufl. 1857; Reiser und Reisig, 1350; Lieder ohne Weltschmerz, Lpz. 1853, 2. Aufl. 1867; Eulenspiegels Tagebuch, 1856. Durch ihn wurde das Album für Gesang begründet, Lpz. 1841—45; dann Wien, an dem sich die bedeutendsten Componisten betheiligten; ferner gab er heraus: Soldatenspiegel (die Heldenthaten der österreichischen Krieger in Italien schildernd), Wien 1846, 6. Anfl. 1857; Gesammelte Schriften, Wien 1851, 2 Bde. 3 ) Siegfried, Historiker, geb. 5. Nov. 1816 in Berlin, studirte daselbst die Rechte und in Sonderheit, dnrch L. v. Ranke augeregt, Geschichte u. löste schon 1834 eine Preisaufgabe über das Leben und die Thaten König Heinrichs 1., 1837 eine zweite, von Göttingen ausgeschriebene über die Echtheit der Chronik von Korvey (in Verbindung mit Waitz). 1842 habilitirte er sich au der Berliner Universität, wurde 1844 anßerord. Professor daselbst für Geschichte und Staatsrecht, st. aber schon 11. Sept. 1860, ohne sein Hauptwerk, die Geschichte Heinrichs II-, vollendet zu haben, welche Usinger, Pabst u. Breßlau ergänzten, erschienen in den Jahrbüchern des Deutschen Reiches, Bert. u. Lpz. 1862—75, 3 Bde. Außerdem schrieb er noch Os vits, st scriptis ZiAibsrti, Berl. 1841. 4 ) August, geb. 4. Oct. 1817 in 326 Hirsch - Danzig, studirte seit 1839 in Berlin u. Leipzig Meinem, ließ sich 1844 in Elbing, dann in Danzig als Arzt nieder, machte sich durch seine histor. u. geograph.-patholog. Arbeiten bekannt (Geograph. Verbreitung der Malariafieber u. Luugenschwind- sucht; Gesch. der typhösen Krankheiten, Handbuch der histor.-geograph. Pathologie, 1. Thl. 1860, 2. Thl. 1862—64; Ueber indische Beulenpest, Ruhr, Schweißfriesel), wurde 1863 Prof, der Geschichte der Medicin in Berlin, beobachtete im Aufträge der Regierung die 1865 in Westpreußen auftre- teude Genickstarre, 1873 die im Weichselgebiete herrschende Cholera, war Mitglied der von ihm und Pettenkoser angeregten Choleracommission für das Deutsche Reich u. veröffentlichte darüber einen 1874—75 erschienenen Bericht. Während des franz. Krieges war er dirigirender Arzt eines Ministerial- Sanitätszuges. Außer seinem bedeutendsten Werke, dem vorher angeführten Handbuche der hist.-geogr. Pathologie und den anderen genannten Arbeiten, hat er noch veröffentlicht: Die Anatomie der alten griech. Ärzte, 1864; Die msniuAitis oorsbrospi- nalis epiäomioa. 1866; Verhütung und Bekämpfung der Volkskrankheiten, 1875; gab heraus Heckers Volkskrankheiten des Mittelalters, 1865, und ist seit 1866 Mitredacteur des Virchowschen Jahresberichtes über die Fortschritte und Leistungen der Medicin. 5) Max, Nationalökonom, geb. 30. Dec. 1832 in Halberstadt, machte, nachdem er 1850—55 in Tübingen, Heidelberg und Berlin Jurisprudenz und Staatswissenschaften studirt hatte, eine Reise durch Frankreich und Nordafrika und privatisirte nach seiner Rückkehr in Göttingen und Breslau; 1859 wurde er Buchhändler in Berlin, wo er 1861 das Wochenblatt Der Fortschritt herausgab; 1862 ging er nach Magdeburg, wo er ein Spiritus- und Getreidegeschäfr leitete, kehrte aber 1867 nach Berlin zurück, beschäftigte sich hier besonders mit der Arbeiterangelegenheit und gründete 1868 den Deutschen Gewerkverein, dessenAuwalt er seitMai 1869 ist, dann freie nationale Kranken-, Begräbniß- u. Jnvalideukassen, Schieds- u. Einigungsämter behufs Verhütung von Strikes. Seit 1869 Mitglied des Norddeutschen, resp. Deutschen Reichstages, zählte er zur Fortschrittspartei. Er schr.: Skizze der volkswirthschastlichen Zustände von Algerien (mit Rücksicht auf die deutsche Auswanderung), Gött. 1857; Reise in das Innere von Algerien durch die Kabylie und Sahara, Berk. 1862; Normal-Statuten für Einigungsämter, ebd. 1872; Gutachten über den Arbeitsvertragsbruch, Lpz. 1874; Die gegenseitigen Hilsskassen und die Gesetzgebung, Berl. 1875. Seit 1869 gibt er auch das Hauptorgan der nicht- socialistischen Arbeiterbewegung, Der Gewerkvereiu, heraus. 1) V Lagai. L) Beyer. 4>Thamhayn. S)Contzeil. Hirsch (Thier), s. Hirsche. Hirschau, 1) Stadt im Bez.-Amt Amberg des bayer. Regbez. Oberpsalz und Regensburg, an einem Weiher; 3 Kirchen, Schloß, '.berühmte Porzellan- und Steingutsabrik, Bleistiftfabrikation, Kalk- und Ziegelbrennerei; 1875: 1829 Ew. In der Nähe Granitbrüche und wichtige Sandlager. Hier wurde Hieronymus von Prag am 24. April 1415 festgenommen. 2) Dorf n. Abtei, so v. w. Hirsau. - Hirsche. Hirschbaum, so v. w iküus eorlaria L. Hirschberg, 1) (Dokzy) Stadt im böhni. Bezirk Dauba (Oesterreich), Station der Böhm. Nordbahu; Schloß mit Park, Rathhaus, Bürgerspital, Kattunfabrik, Bierbrauerei, starker Hopsen- bau; 2413 Ew. 2t Kreis im preuß. Regbez. Liegnitz, durchschnitten von der Schlesischen Gebirgsbahn- 598,ss Uslcm (10,87 UM) mit 1875: 66,374 Ew! 3) Kreisstadt darin, in anmuthiger Lage am Einfluß des Zacken in den Bober, Station der Schlesischen Gebirgsbahn; 3 katholische und 1 evangelische Kirche (seit 1709 eine der 6 Guaden- kirchen, welche Kaiser Joseph I. den Protestanten in Schlesien zu bauen erlaubte) mit vortrefflicher Orgel, Synagoge, Gymnasium, höhere Töchterschule, Waisenhaus, Hospitäler, Porzellan- und Papierfabriken, Kammgarnspinnerei, Fabriken sür Kattun, Leinwand, Schleier, Brabanter Spitzen, künstliche Blumen, Maschinen, Feuerspritzen, Eisen- gußwaaren, Dachpappe, Cement, Holzpapiermasse, Chemikalien, Siegellack, Stiefelwichse, Champagner, Apfelwein, Fruchtsäste rc., chemische und andere Bleichen, Flachsbereitungsanstalt, lebhafter Handel mit Getreide, Wein, Leinwand, Butter rc.; Garnison, Freimaurerloge: Zur heißen Quelle; 187S: 12,970 Ew. H. ist Geburtsort des Dichters Contessa u. des Juristen Hälschner. Schöne Punkte in der Umgebung H-s sind: drr Cavalierberg mit hübschen Anlagen u. herrlicher Aussicht, der Kreuzberg mit reizenden Parkanlagen, der sagenreiche Hausberg, der Helikon, die Schlucht des Sattler am Bober. H., schon im 11. Jahrh. vorhanden, wurde 1108 von Herzog Boleslaw III. von Polen mit Mauern umgeben und zur Stadt erhoben. Zum Schutze der Stadt wurde auch von demselben 1111 auf dem jetzigen Hausberge eine Burg, das Hirschberger Haus, erbaut. Der Ort wurde 1241 vom Herzog Boleslaw von Liegnitz vergrößert, 1348 zur Weichbildstadt erhoben, vergebens im Sept. 1427 von den Husiten u. 1640 von den Kaiserlichen gestürmt. In den Schlesischen (bes. dem zweiten) und dem Siebenjährigen Kriege litt H. sehr, war im 18. Jahrh. ein Hauptsitz der Fabrikation von Schleiern u. stand bis zu Anfang des 19. Jahrh. in hoher Blüthe. 1303, 1549, 1643 große Brände. 4) Stadt im Fürstenthum Reuß j. L., an der ^ Saale und an der bayer. Grenze; Justizamt, Bergschloß (Stammhaus derer von H.); Strümps- , Wirkerei, Wollen- und Baumwollenweberei, Färberei, Gerberei, Brauerei; 1875: 1761 Ew. Am 13. November 1835 Feuersbruust. H- Berns. Hirschberger Thal, eine sehr anmuthige und fruchtbare Landschaft in der preuß. Prov. Schlesien, bildet eine tiefe Einsenkung von 310 — 380 m Meereshöhe zwischen dem Riesen- und Katzbach- gebirge, wird in seinen nördlichen Theilen vom Bober durchströmt und gliedert sich in 2 kleinere, durch die Berggruppe von Stohnsdorf (Stangenberg mit der Heiurichsburg 524 m, Prudelsberg 480 m, Scholzenberg 433 m) getrennte Thäler, von denen das westliche vom Zacken und das öst- i liehe von der Lomnitz durchflossen wird. H- Berns, s Hirschbrunst, 1) Wapbomzwsg Arannlatuz i n. a. Arten. 2) kiiaüus Impuckious. 3) ?oh-poru8 (Loletus) osrvinus. i Hirsche, Loiviua, Familie aus der Ordnung 327 Hirsche. der Paarzeher, Unterordnung Wiederkäuer. Die H. haben aufrechte, ästige Geweihe, welche jedoch mit Ausnahme des Rennthieres dem Weibchen fehlen, Thränengruben, die auch am Schädel bemerkbar sind, keine Eckzähne, oder nur bei den Männchen, und dann nur im Oberkiefer, unten 8, oben keine Schneidezähne, und oben und unten jederseits 6 Backenzähne. Die Füße haben außer den eigentlichen Husen noch 2 Asterhufe. Rehe, Renn- und Elenthicre haben auch Klanendritsen, einige Arten haben eine sog. Haarbürste an der Außenseite der Hinterfüße. Das Haar ist meist derb, oft brüchig, die Färbung braun, unten hell bis weiß, weiße Tropsenflecken zeigen fast alle Jungen, erwachsene dagegen seltener. Als flüchtige und scheue Thiere bewohnen sie rudelweise den Wald niit anstoßenden grasreichen Ebenen, ihren Weideplätzen; in allen Zonen vertreten, fehlen sie doch in Südafrika und Australien. Jagd- und vereinzelt auch Hausthiere. Fast bei allen Arten dieser Familie finden wir dieselbe Schönheit der Formen, dasselbe Ebenmaß der Verhältnisse; ihr schlanker, doch kräftiger Hals trägt in anmnthigcr Haltung den schön geformten Kopf, gleichsam stolz auf das Geweih, welches, jährlich verjüngt, oft zu bedeutender Höhe seiner Stirn entsproßt; die schlanken, doch kräftigen Glieder verrathen die hohe Leichtigkeit ihrer Bewegungen. Doch findet sich so in ihrem Ideale nur die Familie in den ergiebigen Waldungen und Weiden der gemäßigten und heißen Zone. Im höheren Norden ist dagegen die Anmuth der Gestalt einem höheren Zwecke geopfert, indem die Natur das hochbeinige Elk oder Elenthier für die buschigen Brüche der Wälder, das niedrige Elenthier für die mit Flechten und kümmerlichem Baumwnchse besetzten Tristen der Polarzone bestimmt. Man hat die Familie der H. in mehrere Gattungen getheilt und unterscheidet so die Gattungen: tifies», ikau^i- kor, Oawa, Osrvus u. a. m. Wir stellen hier alle unter die Gattung Osrvus mit den Kennzeichen der Familie. Arten: 6. Hess D., Elch oder Elen; Kamelgröße, Geweih sehr stark entwickelt, Stange kurz, rund, Schaufel breit, zweitheilig u. vielfach gezackt. Kops plump mit vorstehenden Lippen, Schnauze breit und behaart. Frißt Baumrinde und ist daher dem Walde sehr schädlich. NEuropa, NAmerika (Moosthier), auch im nördl. Asien. In Deutschland findet es sich nur mehr in Ostpreußen. Eine ähnliche Art gehört dem Diluvium Ober-Italiens an. 0. taranckus D., Renthier. Weibchen mit Geweih. Die dreh- runde, dünne und lange Stange ist bogig nach hinten und oben gerichtet und trägt wie die Augen- sprossen eins kleine längliche Schaufel. Hintertheil des Körpers gegen den vorderen schmächtig. Kehle mit Mähne. Hoher Norden der alten und neuen Welt, wird dort, wo Rind und Pferd nicht mehr gedeihen können, als Hausthier gehalten, ersetzt diese auch vollständig. Die wilden Renthiere leben geschaart, suchen des Winters südlichere Gegenden auf. Nahrung außer Bodenkräutern vornemlich die nach ihnen benannten Nennthierflechten 6Iaäonia rWAiksrina und ranZikormm, Fossil im Diluvium weit verbreitet. 6. eiaxfirw Edelhirsch, Rothhirsch, Rothwild, Edelwild, das Männchen, H., H-bock, H-boll, oft über 2 m lang und 1 m hoch, Gewicht bis 2S0 Kilo, Kopf klein, Ohren eirund zugespitzt, unter den Augen eine Thränenhöhle, in ihr eine weiche, schmierige, mitHaarenvermischteMasse (H-thränen), zuletzt hart, hornig (H-bezoar, ehedem officinell), die der H. dann ablegt; Gebiß 34 Zähne, im Oberkiefer jederseits einen Eckzahn, der sog. Haken. Hals lang, zottig, Beine hoch, oben stark, unten sehr dünn, Farbe vom April bis October gelb oder braunroth, alsdann graubraun, Unterleib weißlich; über das Geweih s. Gehörn; das Weibchen (H-kuh, Thier, Wild) ist kleiner, geht gebeugter, hat kein oder nur sehr selten und alt ein Geweih. Das junge Thier während des ersten halben Jahres heißt Wildkalb, der junge H. aber und im weiteren Sinne auch das Weibchen H-kalb und das Wildkalb vom ersten halben Jahre bis zu seiner Begattung im zweiten oder dritten Jahre Schmalthier, ausgewachsen heißt es Altthier. Es gibt von dem H. noch mehrere Varietäten, dergleichen sind: der Berg Hirsch, gedrungener, schwerer und dunkler, mit niedrigerem Geweih, in Bergwaldungen; Land Hirsch (Au- hirsch, Sandhirsch), gestreckter, leichter u. gelber, in sandigen Wäldern u. sumpfigen Auen; Brandhirsch, dunkler, am Halse zottig, fast schwarz, besonders in Böhmen; der Weiße H. (Albino oder KakerlakderH.), mehr in Thiergärten,derGefleckte H. (Bleßwild),SilberfarbeneH., Schwarze H. Mit H Jahre setzt das Hirschkalb gewöhnlich auf und heißt Spießer (Spießhirsch); im zweiten Jahre wechselt es wieder (von März bis Juni), hat (an jeder Stange) 2 Enden u. heißt Gabelhirsch; nach dem dritten Jahre erhält er an jeder Stange 3—4 Enden (Sechsender, Achtender); nach dem vierten Jahre hat er eben so viel, nach dem fünften Jahre 5, nach dem sechsten 6, nach dem siebenten 7, nach dem achten 8 Enden (Zehn-, Zwölf-, Vierzehn-, Sechzehnender). Von da an nimmt die Anzahl Enden nicht zu, oder sie erscheinen nur an der Krone. Außerdem erkennt der Jäger das Alter des H-s an der Stärke, Unebenheit des Gehörns, Größe des Noseustocks rc. Verbreitet ist der Edelhirsch über ganz Europa u. den südlichen Theil von Sibirien. Die dem nördl. Berbreitungsbezirkeangehörenden sind stets kleiner, als die des mittleren und südlichen. Mit dem Fortschritt der Cultur ist eine Abnahme des Bestandes erfolgt, oder sogar selbst die Ausrottung. Dem Edelhirsch sehr nahe stehen 0. oaus-äensis Lmss, der Wapiti ans Nordamerika; 6. ^xis MaL, der Axishirsch aus Ostindien u. v. a.; 0. äama, s. Damhirsch; 6. oaxrsolns, s. Reh; 0. (Osrvnlus) Nnntzac Javanischer H., klein, besitzt große Eckzähne, keine Haarbüschel an den Hinterfüßen, Thränengruben sehr groß, Schwanz mit Endquast, Borneo, Java u. Sumatra. Fossile Hirscharten treten erst im Miocen auf. Ais- Aaeeroi, lriborniouo, der Riesenhirsch, wird Mr den Schelch in den Nibelungen gehalten und soll im 12. Jahrh. noch in Irland gelebt haben. Das Edelwild lebt meist gesellig; wenn es morgens zu Holze zieht, od. abends aus dem Wawe tritt, um sich auf Feldern, Wiesen u. dgl. zu äsen, so führt ein Altthier (Kopsthier) das 328 Hirscheber Rudel au; auf jenes folgen die anderen Altthiere mit ihren Kälbern, zuletzt die Spießer, Gabler u. Sechsender; nur in der Brunstzeit u. zuweilen im strengen Winter sind im Ruoel auch stärkere H., die sonst besondere Hirschrudel bilden oder auch einzeln in kleineren Feldhölzern stehen. Die Nahrung (Geäs) besteht, je nach der Jahreszeit, aus Gras, verschiedenen Getreide- und Gemüsearten, Schwämmen, Blättern, Früchten, Knospen, Rinden, Heide, Moos u. a. Das Rothwild trinkt wenig, leckt dagegen gern Salz und liebt es, zu heißer Jahreszeit sich im Wasser, selbst in schlammigen Pfützen zu baden (suhlen).. Die Brunstzeit dauert von Anfang September bis Mitte October; die starken H. kommen auf die Brunftplätze, treiben die geringen H. ab, kämpfen sich auch gegenseitig ab u. bleiben dann beim Rudel (Platzhirsch). Das Beschlagen findet in der Nacht u. Morgendämmerung statt. Ansangs lassen die H. beim Treiben der Thiere nur das sog. Trenzen hören, später (nach Mitte September) schreien sie laut. Morgens zieht der Brunfthirsch mit seinem Rudel zu Holze, thnt sich da aber abgesondert von den Thieren nieder; Mitte October verläßt er das Nudel u. die geringen H. kehren zurück. Ende Mai oder Anfang Juni setzt das Thier, von dem Nudel entfernt, in einem Dickicht in der Regel ein Kalb, selten deren zwei. Thiere, welche bei der Brunft nicht ausgenommen haben, heißen Geltthiere (Gellthiere). Hirsche von 10 Enden (s. o.) werden jagdbare, noch stärkere Kapital-H. genannt. Feinde des Edelwildes sind der Wolf, Luchs, Hund, im jugendlichen Alter auch die wilde Katze, Sau und verschiedene Raubvögel; ferner die Ochsenbremse, deren Maden die Haut durchlöchert:, die Nasenbremse, die Hirschlaus, endlich verschiedene Krankheiten. Sein Nutzen besteht im Wildpret, der Haut, dem Geweih, Talg u. den Haaren. Schaden verübt es vielfach in Feld u. Wald durch Verbeißen junger Pflanzen, Abnagen u. Schälen der Rinde, Fegen u. Schlagen mir dem Geweih. Zur Anzucht eines Edelwildstandes im Freien sind nur große ruhige Wälder geeignet; vorzüglich Laubholz, mit vielen Dickichten, guten Wiesen, kleinen Feldstücken, Brüchen u. Bächen in gebirgiger Gegend. Ist noch gar kein Wild vorhanden, so umzäunt man einen ca. 10 Ua großen Platz inmitten des Waldes, bringt in denselben bald nach der Brunft 6—10 alte Thiere n. 2—3 geringe Hirsche, füttert sie daselbst den Winter über u. öffnet den Zaun im Frühjahr nach dem Setzen, um den Wechsel zu gestatten. Dann, oder auch, wenn man einem schon vorhandenen schwachen Wildstande aufhelfen will, ist dem Wilde möglichst viel Ruhe zu schaffen; es darf kein weibliches Wild geschossen, die Jagd muß geräuschlos ausgeübt, das Wild im Winter mit Heu, Laub, Eicheln, Kastanien, Kartoffeln u. dgl. gefüttert werden. Aus je 1000 da Wald kann man alsdann, je nach der Größe der zusammenhängenden Waldkomplexe u. sonstigen Umständen, 2—12 Stück Edelwild neben einer mäßigen Anzahl von Rehen halten. In Thiergarten, die außer Wald, Wiesen, Feld, Bächen re. noch einige Suhlung en, Salzlecken (Sulzen) und Fütterungsschuppen enthalten — Hirschcr. müssen, rechnet mau ans je ein Stück Edelwild ca. 3 lla Wald nebst etwas Wiese. Die Hirschjagd wird aus verschiedene Weise ausgeübt. Beim Anstand stellt sich der Jäger au dem Platze, wo das Wild abends aus dem Dickicht austritt od. morgens hineinzieht, oder in der Nähe der Salzlecken od. Suhlen, wenigstens eine halbe Stunde vor der Zeit, in der das Wild zu kommen Pflegt, mit dem Schweißhund am Riemen auf und erwartet dessen Ankunft. Man wählt den Anstand so, daß man möglichst verborgen steht, jedoch noch Licht genug hat und dem Wilde womöglich einen Breitschuß beibringeu kann. Zur Brunstzeit kann man die H. auch mit dem Hirschrnf anlockeu. Beim Abseuern horcht man, ob mau die Kugel schlagen hört. Stürzt das Wild im Feuer, so eilt man hinzu u. gibt ihm, wenn es noch nicht völlig verendet ist, einen Ge- uickfang oder einen Fang hinter das Blatt, oder einen Kälberfang in die Brust oder haut ihm die Heesen durch od. gibt noch einen Schuß. Ist das Wild aber verwundet (krank) und zieht dennoch weg, so geht man mit dem Schweißhund auf den Anschuß, Verb richt denselben, wenn man Schweiß findet, bis zur nächsten Dickung u. sucht nach einigen Stunden mit dem Hunde. Nur wenn Regen zu befürchten, der den Schweiß verwaschen würde, oder wenn dem Wilde ein Lauf entzwei geschossen ist, hetzt man deu Hund sogleich auf den Schuß. Beim Bürschgang oder Weidwerken (s. Bürschen) hat man bes. auf guten Wind zu achten. Nach dem Schüsse verfährt man wie beim Anstand. Wegenderübrigen Jagdmethoden s. d.Art. Parforcejagd u. Treibjagd. Farwick. Wimm-nauer i,. Hirscheber kororw Gattung ver Farn. Luina, Schweine; obere Eckzähne des Ebers nach oben u. hinten gebogen; Beine kurz und dünn; einzige Art: ?. dadz-russa ikÄAl., Hirscheber. Gegen 1 na lang u. hoch, lebt heerdenweise auf den Molukken, Java, Celebes, Sumatra, Madagaskar rc., schwimmt gut, nährt sich von Gräsern, Kräutern u. Baumblättern. Zuweilen treten sie Wanderungen in Heerden von gegen 1000 Stück an, wobei sie durch Flüsse schwimmen u. von den Malaien gejagt werden. Das Fleisch wird gegessen u. gilt auf den Molukkischen Inseln für eine Leckerei. Farwick. Hirscher, Joh. Baptist von, kath. Theolog, geb. 20. Juni 1788 zu Mtergarten (Württemberg), empfing 1810 die Priesterweihe, wurde 1817 Professor der Moral zu Tübingen, 1837 Professor der Theologie zu Freiburg, großherzogl. badischer Geheimerath u. Domdecan; st. zu Freiburg 4. Sept. 1865. Er gehörte zu den Katholiken, welche in dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts, entgegen dem Jesuitismus u. Ultramontanismus, das Wesen des Christenthums in dem die Welt überwindenden Glauben fanden u. der äußerlichen Kirchlichkeit nur insofern einen Werth beilegten, als dieselbe in diesem Glauben wurzelt, dazu der Wissenschaft freie Bewegung gestattet wissen wollten und für die Schäden der Kirche ein offenes Auge u. eine eindringliche Sprache hatten. Seine beiden Hauptwerke sind : Katechetik, Tüb., I.Aufl. 1831, 4. Ausl. 1840; Die christliche Moral, Tüb. 1835—36, 5. Ausl. 1850—51. Außerdem: über 329 Hirschsährte — das Verhältniß des Evangeliums zu der theologischen Scholastik der neueren Zeit, Tüb. 1823; Die Lehre vom Ablaß, 6. Ausl., Tübingen 1855; Beiträge zur Homiletik und Karechetik, Tübingen 1852 ec. Mler. Hirschfährtc, der Fußabdruck des Edelwildes, an dessen Größe und besonderen Kennzeichen der Jager Geschlecht, Alter u. Stärke des Wildes erkennt. Je älter der Hirsch, desto größer (stärker) die Fährte; diejenigen des alten Thieres und des Spieß-, resp. Gabelhirsches stimmen in der Größe ziemlich überein; Hirsche von 6 Enden haben meist schon stärkere Fährten als die ältesten Thiere. Außerdem zeichnet sich die Fährte eines älteren, jagdbaren Hirsches durch folgende Merkmale aus: die Ballen (der innere Hintere Theil des Fußes) sind stärker, tiefer eingedrückt u. mehr herzförmig gestaltet; die Spitzen der Klanen (Schalen) werden mit zunehmendem Alter abgenutzt u. immer stumpfer ; die Erhöhung in der Fährte, welche von der concaven Form der Schalen herrührt (der Burgstall), ist stärker ausgeprägt; der Schritt ist weiter u. mehr geschränkt, d. h. die Fährten des rechten u. linken Laufes stehen nicht hinter einander, sondern bilden 2 parallele Linien, die um so weiter von einander abweichen, je feister der Hirsch ist; hochbeschlagene Thiere schränken zwar auch, aber selten 3 bis 4 Schritte hintereinander; der jagdbare Hirsch setzt die Spitzen der Schalen mehr nach auswärts und zieht mit denselben die Erde zurück (Zwängen, Zwang); häufig tritt er bei ruhigem (vertrautem) Gehen (Ziehen) mit dem Hinterlauf neben die Fährte des Vorderlauses (Beitritt) od. auch hinter dieselbe (Zurückbleiben), das Thier dagegen meist in jene hinein, junge Hirsche zuweilen auch davor (Übereilen); endlich sind die Afterklauen (Oberrücken), sowie ihre Abdrücke größer und stumpfer, je älter der Hirsch. Außer den angeführten gibt es jedoch noch eine große Menge besonderer, für den Jäger wichtiger Kennzeichen und Eigenthümlichkeiten der H. So z. B. der Blendetritt, eine Erweiterung der Fährte des Vorderlaufes durch den Hinterlauf, infolge deren das Wild stärker erscheint als es ist; das genaue Zusammentreffen beider Läufe in einer Fährte, beim Thier häufiger als beim Hirsch, heißt Schluß; decken sich beide Fährten zur Hälfte, Kreuztritt od. Kreuzfährte. Erd-od.Schneeklumpen, welche dem Wild an den Klauen hängen geblieben, später abgefallen sind u. einen Abdruck derselben enthalten, werden Jnsiegel genannt u. s. w. Näheres hierüber enthalten die jagd- wissenschaftlichen Schriften von Hartig, Winkel, Kobell n. a. Wimmenauer L. Hirschfänger Seitengewehr, mit kurzer breiter, gerader, nach der Spitze zu zweischneidiger Klinge, welches die Jäger als Waffe tragen, um dem angeschossenen und gefangenen Wilde den Fang zu geben. DerH. wird am H-koppel um denLeib getragen. Auch die mit Büchsen bewaffneten Jäger beim Militär haben gewöhnlich H., die sich meist zugleich als Bayonnet brauchen lassen. Hirschfeld (Hirschfelde), Kirchdorf in der Amtshauptmannschaft Zittau der königlich sächsischen Kreishauptmannschaft Bautzen (Oberlausitz), an der Neiße; Station der Berlin-Görlitzer Eisenbahn; Hirschhornsalz. Flachsspinnerei mit Bleiche, Leinen- und Banm- wolleuweberei, Färbereien; Burgruine Rohnau; 1875: 2128 Ew. H. gehört seit 1494 dem Zitt- aner Stadtrath, welcher 1570 auch dis hiesige Johanniterordenscommcnde an sich brachte. Hirschfcld, 1) Samuel Greifenson v., s. Grimmelshausen. 2) Karl Friedrich v., preuß. General, geb. 16. Juli 1746 zu Strehlen in Schlesien; trat in den letzten Jahren des Siebenjährigen Krieges in das preuß. Heer, wurde 1767 Lieutenant, machte später alle preuß. Feldzüge mit u. war im Bayerischen Erbfolgekricg Adjutant des Herzogs von Braunschweig. Im Jahre 1806 trat er außer Activität, bis er 1813 Las Com- mando einer Landwehrbrigade erhielt u. Geueral- lientenant wurde. Bei Hagclsberg schlug er in demselben Jahre die Franzosen unter Girard, leitete dann die Einschließung von Magdeburg n. wurde nach der llebergabe Commandant dieser Festung. Er nahm 1815 als General der Infanterie seinen Abschied u. starb zu Brandenburg 11. Oct. 1818. 3) Eugen v., preuß. General, sohn des Vor., geb. um 1790; trat früh schon in die preuß. Armee, focht 1806 u. 1807 gegen die Franzosen, ging dann nach England, wo er in ein Cavalerieregiment der engl.-deutschen Legion trat, u. känipfte in diesem unter Wellington auf der Pyrenäischen Halbinsel. 1812 u. die weiteren Jahre focht er wieder im preußischen Heer. Im Badenschen Feldzuge commandirte er ein Corps unter dem Prinzen von Preußen, wurde dann Commandeur des 8. Armeecorps in Koblenz, 1854 General der Cavalerie, u. st. 13. Oct. 1859 in Koblenz. Vgl. Heinr. v. Hollebeu, Erinnerungen an Eugen u. Moritz v. H. aus Deutschland und Spanien, Berl. 1863. Seine Brüder Moritz u. Adolf waren auch preußische Generale und focht ersterer auch mit in Spanien. Teichcr. Hirschfelde, s. Hirschfeld. Hirschgerechter Jäger, s. u. Jäger. Hirschhorn, Stadt im Kreise Heppenheim der großherzogl. hessischen Prov. Starkenburg, an der Mündung des Finken- und Ulfenbaches in den Neckar; stattliche Burg; Holz- u. Fournierschnei- derei, Schifffahrt, Holz- u. Viehhandel; 1875: 1836 Ew. Am jenseitigen (linken) Neckarufer die Erschheimer Kirche, eine alte, gothische Kapelle. Die Herren von H., welche Burg u. Stadt vom Erzstist Mainz zu Lehn hatten, starben 1632 aus, worauf beide an Mainz zurllckficlen; 1802 wurde H. hessisch. Hier 15. Juni 1849 Gefecht zwischen den badischen Insurgenten u. den hessischen, bayerischen u. mecklenburgischen Truppen. H- Berns.» Hirschhorngeist (Lxiritus oaruu esrvi, lüguor ammoull s. pzwo-olsosus), die bei trockener Destillation aller Knochen übergehende wässerige, Ammoniak u. brenzliches Öl (Hirschhornöl) enthaltende Flüssigkeit; dient als reizendes, krampfstillendes, schweißtreibendes Mittel. Hirschhornöl (Oleum oornu esrvi kostickum), das brenzliche Öl des Hirschhorngeistes; durch Destillation gereinigt, heißt es ätherisches Thieröl (Oleum animale asblisrsum). Hirschhornsalz ist kohlensaures Ammon. Es wird z. B. zum Treiben des Teiges feinerer Back- waareu benutzt, in dem cs sich beim Backen ver- 330 Hirschkäfer flüchtigt u. die entstandenen Gase den Teig auf- blähen. Hirschkäfer, Schröter, lineanns esrvns L., Männchen bis 8 vm lang, Weibchen kleiner, bekannteste Art der gleichnam. Gatt, der Fam. der Blatthörner und zugleich größter deutscher Käfer. Der gestreckte Körper ist abgeflacht, der breite Kopf trägt beim Männchen die geweihartigen, braunrotsten Oberkiefer. Fühler langgeschastet mit kammförmigem Endglieds. Schwarz, Flügeldecken kastanienbraun. Lebt vornemlich in Eichwäldern, wo er häufig am ausfließenden Saft der Eichen gefunden wird. Larve im Mulm alter Eichen, gebraucht mehrere Jahre zu ihrer Entwickelung. Aus verkümmerten Larven entwickeln sich die kleineren Formen der Männchen, Rehkäfer benannt. Farwick. Hirschkrankheit (franz. Nak äs osrk), f. Starrkrampf der Pferde. Hirschling, der ächte Reizker, s. Blätterschwamm. Hirschschraube, s. u. Dampfschiff v. 2) 0 ). Hirschsec, See, so v. w. Deer Lake. Hirschschwamm, ist 1) Liavarta oorakloiäss D., 2) ÜimIIrm impnäions D. Hirschznnge, 1) Looloxsuärinln oküeinarnm Kir. 2) Kleine H., Lsrba ^.sxksuii, so v. w. (fstsraob (Moina-rnm kkst Hirse (Fcnnich, Fench), die Gräsergaltungen knnloum u. Lstaiia, bes. die angebanten Arten k. mikiaosum L., gemeine H., u. 8. Italien, LscrE, Kolben-H., Mohär. Die gemeine H. stammt aus Asien, wird gegen 1 m hoch, die Blätter sind breit u. haarig, die Rispe überhängend. Nach der Farbe der Schalfrllchte unterscheidet man gelbe, rothe, violette u. schwarze H., Varietäten, welche gleichen Nutzwerth besitzen. Sie verlangt einen reichen, warmen, humosen Sandboden u. gedeiht vorzüglich aus warmem Niedernngsaueboden. Ihrer kurzen Vegetationsdauer wegen ist sie besonders zu empfehlen für solche Ländereien, die der Überschwemmung ausgesetzt sind. Die Saatzeit ist Ende Mai, weil Nachtfröste sie tödten; das Saatquantum beträgt 0,2 bis 0,^ k>I per km. Der Samen wird entweder flach eingeeggt u. gewalzt, oder gedrillt. Wenn die H. im Aufgehen begriffen ist, ist ihr das Überstreuen mit Erde, später das Aufeggen, Jäten n. Behacken mit der Handhacke sehr nützlich. Im Juli blüht die H. u. im August beginnt ihre Reife; da diese allmählich erfolgt, so schneidet man die H. (meist mit der Sichel), wenn nur die obersten Körner reif sind u. läßt sie in der Scheuer Nachreifen. Die Rispen-H. bedarf nur kurze Zeit zu ihrer Ausbildung,verlangt aber viel Handarbeit u. liefert einen Ertrag von 12,^ bis 30,« kri Körner u. 980 bis 1950 Stroh per Im. 1 bk Samen wiegt durchschnittlich 64 Die Kolben-H. unterscheidet sich von den wildwachsenden 8otaria-Arten durch die Größe des gegen 1 m langen Halmes u. die breiten Blätter. Die Spindel der Ährentranben ist behaart. Nach der Größe der Ährentrauben gibt es großkolbige u. kleinkolbige Kolben-H. Der Anbau erfordert dieselben Maßnahmen wie der der gemeinen H. Ein Vorzug besteht darin, daß sie das Unkraut leichter bewältigt, dann bringt sie auch mehr Körner. Als Handelsprodnct hat sie kaum nennenswerthe Bedeutung. In den sandigen Di- stricten Ungarns wird sie als Futterpflanze, theils — Hirth. zur Körnergewinnung, theils als Futtergras an- gebaut. Die H. wird durch Pferde oder Ochsen ausgetreten od. gedroschen. Da die H-körner mit einer spröden Schale umgeben sind, die abgesondert werden muß, ehe man sie zu Speisen verbrauchen kann, so stampft od. knaut man sie in H-mühlen (H-stampfen), Stampfmühlen, die bei gewöhnlichen Mahlmühlen mit angebracht sind; sie unterscheiden sich von den Ölmühlen dadurch, daß in jedes Loch des Grubenstockes nur eine Stampfe fällt. Man hat zu gleichem Behufe auch Hand-H-mühlen, wo die Stampfen einem Hammer gleichen, der sich um einen eisernen Bolzen dreht und am Hinteren Ende des Stieles mit dem Fuße getreten wird. Die beim Stampfen entstandene Kleie wird mit dem H-siebe, einem Drahtstebe, abgesondert. 6 iü unenthülste H. geben 4 kU enthülste. Die H. ist ein kräftiges, etwas schwer verdauliches Nahrungsmittel; H-brei mit Milch ist eine bei Landleuten beliebte Kost. Die Körner u. das Stroh dienen als Futter; außerdem ist die H. eine gute Grünfutterpflanze. Rwde. Hirsebrand, ist Hstila§o ässtrusns 1)6. Hirsegras, ist Nikiam oiknsnm L. Hirsowa, Stadt imtürk.Bilajet-i-Tuna(Donan- Prov,), in der Dobrudscha, an der Donau: ein wichtiger Uebergangspunkt, Castell, Fischfang; 2000 Ew. Hirt, Aloys, Archäologe, geb. 1759 zu Bella in der Landschaft Baar in Baden; studirte in Nancy und Wien, bereiste 1782 Italien, kehrte 1796 mit der Gräfin Lichtenan zurück, wurde Jn- structor des Prinzen Heinrich von Preußen, dann Professor der Archäologie in Berlin u. Mitglied der Akademien der Wissenschaften und Künste; machte 1816—17 eine Reise durch Italien, Belgien u. Holland; er hatte wesentlichen Antheil an der Errichtung des Berliner Museums u. st. daselbst 29. Juni 1836; er schr.: Alterthum und Kunst, Bilderbuch für Mythologie, Berlin 1805 bis 1816, 2Bde.; Die Baukunst nach den Grundsätzen der Alten, ebd. 1809; Ueber den Tempel der Diana zu Ephesos, ebd. 1809; Über den Tempel Salomonis, ebd. 1809; Von den ägyptischen Pyramiden, ebd. 1815; Die Hierodulen, ebd. 1818; Die Geschichte der Baukunst bei den Alten, ebd. 1820—1827, 3 Bde.; Die Geschichte der bildenden Künste bei den Alten, ebd. 1833; Kunstbemerknngen auf einer Reise über Wittenberg und Meißen nach Dresden und Prag, ebend. 1830. L-Mdt.» Hirtenbrief (Pastoralschreiben), Circularschreiben eines katholischen Bischofs oder eines obersten evangelischen Geistlichen an die ihm untergebene Geistlichkeit über kirchliche oder weltliche Gegenstände. Hirtengedichte, so v. w. Schäfergedicht, s. u. Bukolisch. Hirtcnpfennige, Heller der Stadt Buchhorn, mit dem Wappen derselben, einer Buche u. einem Hirtenhorn, welches letztere Veranlassung zu der Sage von einem Hirten gab, der sie geprägt haben soll. Diese Sage wurde zwischen v. Ludwig in Halle u. Moser (1733) discutirt. Hirtentäschchen, ist 6apssIIa bursa paotorin Moemc/?,. Hirth, Georg, Statistiker u. volkswirthschaft- 331 Hirtius - licher Schriftsteller, geb. 13. Juli 1841 in Gräfen- tonna (Herzogth. Gotha), wurde in Justus Perthes geographischer Anstalt ausgebildet, wandte sich aber frühzeitig publicistischcn und volkswirthschaftlichen Studien zu, 1863 — 1866 in Leipzig (Roscher, Treitschke rc.), 1866—70 in Berlin; dann ein Jahr in der Redaction der Allgemeinen Zeitung, seit 1871 in München. Er gab 1863—65 zweimal das Statistische Jahrbuch der Turnvereine und andere Schriften über Turnwesen heraus, seit 1867 in jährlicher Wiederholung den deutschen Parlaments- Almanach, seit 1868 die Annalen des NDeutschen Bundes resp. des Deutschen Reichs (Staatswis- senschaftliche Zeitschrift u. Materialiensammlung). Seine hauptsächlichsten Studien u. Ideen finden sich in den Annalen niedergelegt, sowie (mit Ausnahme der Studien über Handelsstatistik u. dgl.) in der Schrift: Freisinnige Ansichten der Volks- wirthschaft, Lpz. 1876. Mit I. von Gosen gab er 1870—74 das große Tagebuch des Deutsch- französischen Krieges heraus. Hirtius, Aulus, Römer aus plebejischem Geschlecht, Cäsars Anhänger u. 58 v. Ehr. Legat desselben im Gallischen Kriege; er begleitete später Cäsar nach Rom, Aegypten u. 47 nach Antiochien; 46 wurde er Prätor u. brachte das Gesetz betr. Ausschließung aller Pompejauer von öffentlichen Ämtern (Hirtin lex) ein; 45 ging er mit Cäsar nach Spanien, wo er in dem Kriege gegen S. Pompejus Dienste im Lager u. bei den Verhandlungen leistete; nach Cäsars Ermordung zog er sich, obwol er auf die Seite des Antonius neigte, zurück u. lebte, im vertrauten Umgang mit Cicero, auf seinem Landgute bei Tusculum; 43 wurde er mit Pansa Consul, erließ scharfe Verordnungen gegen Antonius, und schlug Liesen 14. April bei Bononia n. 27. April 43 bei Mntina, fiel aber in der Schlacht selbst. Man legt ihm das 8. Buch von Cäsars Gallischem Krieg und auch (wiewol ohne Grund) die sonst dem Cäsar zugeschriebeuen Bücher vom Alexandrinischen, Spanischen u. Afrikanischen Kriege bei. H-»n°-Am Rhyn.' Uirtus, kurzsteifhaarig. liirunäo, die Schwalbe. Hirzcl, eine im Schweizerkanton Zürich zahlreich verbreitete angesehene Familie; bekannt sind: 1) Hans Kaspar, geb. 21. März 1725 in Zürich; war Arzt u. Mitglied des Großen Raths in Zürich, Vorsitzender der Physikalischen Gesellschaft und starb daselbst IS. Februar 1803. Seinem Eifer u. seiner Regsamkeit verdankt seine Heimath verschiedene treffliche Einrichtungen auf dem Gebiete der medicinischen Polizei u. der öffentlichen Erziehung. Er hielt Vorlesungen für Hebammen, ferner über theoretische u. praktische Medi- cin u. war einer der Hauptstifter der Helvetischen Gesellschaft (1762). Nachdem er Tissots Werke übersetzt hatte (Anleitung für das Landvolk in Absicht auf die Gesundheit, Zürich 1760, 3. Ausl. 1785), gab er ein in fast alle europäischen Sprachen übersetztes Buch heraus: Die Wissenschaft eines sokranschen Bauers, ebd. 1761, 1774 u. ö.; außerdem schrieb er des.: Das Bild eines wahren Patrioten, ebend. 1767, 2. Ausl. 1775; An Gleim über Sulzer, Winterth. 1780, 2 Bde.; Auserlesene Schriften zur Beförderung der Land- - Hirzcl. wirthschaft, Zürich 1792, 2 Bde. u. m. a. 2) Salomon, Bruder des Vor., geb. 1727 in Zürich, legte durch seine jährlichen Zusammenkünfte (seit 1760) mit Jselin in Schinznach den Grund zur Helvetischen Gesellschaft, wurde 1768 Rathsherr, 1773 Mitglied des Geheimen Rathes und 1785 Standessäckelmeister; durch die Revolution 1798 seines Dienstes entsetzt, lebte er den Wissenschaften bis 1803, wo er wieder in den Großen Rath gewählt wurde, aber er legte diese Stelle bald nieder u. st. 1818. Er schrieb: Junius Brutus (Drama), 1761; Denkmal Jos. Jselins, Bas. 1782; Andenken meines Bruders rc., Zür. 1804; Edle Züge aus der Schweizergeschichte, Bas. 1806 ff.; Zürcherische Jahrbücher, 1814 bis 1816, 4 Bde., der 5. erschien 1819 nach seinem Tode. 3) Heinrich Kaspar, Sohn von H. 1), geb. 3. Sept. 1751 in Zürich; war Arzt u. 1799 Begründer der jetzt noch bestehenden Zürichschen Hilfsgesellschast u. st. 10. Juli 1817 als Archiater in St. Gallen. Er sehr. Verschiedenes über Viehseuchen rc. Seine Lebensbeschreibungen von Wirtz, Zürich 1818. 4) Heinrich, schweiz. Schriftsteller, geb. 17. Aug. 1766 in Weiningen bei Zürich; studirte Theologie daselbst, wurde 1789 Professor der Kirchengcschichte, dann der Logik u. Mathematik, 1809 Professor der Philosophie und Canonicus daselbst u. st. 7. Febr. 1833; er sehr.: Eugeniens Briefe an ihre Mutter, Zürich 1807, 2 Bde., 3. Ausl. 1820, 3 Bde.; Ansichten von Italien, Lpz. 1823—25, 3 Bde., u. gab Goethes Briefe an Lavatcr 1774—83, ebd. 1833, heraus. 5) Kaspar, Bruder des Vor., geb. 11. Aug. 1785 u. st. 25. Jan. 1823; er ist der Verfasser der Französischen Grammatik, Aarau 1820, 17. Ausl. 1853, u. der Lstronornis äs l'nmnbsur, Gens 1820. 6) Konrad Melchior, geb. 31. Aug. 1793 in Zürich, studirte 1811—13 in Heidelberg die Rechte, machte daun die Feldzüge 1813—15 nnter den Schweizertruppen mit, wurde Advocat, 1818 Secretär der Justiz- u. Polizeicommission in Zürich, 1823 Oberamtmaun in Knouau und kam 1824 in den Großen Rath, worin er auch nach der Veränderung der Verfassung 1831 blieb; 1832 wurde er Bürgermeister des Kantons, 1834 Präsident des Vororts und der Tagsatzung; als solcher suchte er die politischen Verhältnisse zum Ausland, besonders wegen des Savoyerzuges, möglichst auszuglei-chen; schon seit 1831 war er Präsident des Erziehuugsrathes; aber infolge seines Autheils an der Berufung von Strauß nach Zürich u. der dadurch veran- laßten Volkserhebung unterlag seine Partei, er dankte ab u. st. 8. Juli 1843 in Zürich. Er nahm sich auch der Sache der Griechen sehr thätig an u. sehr.: Der heil. Propheten Äufruf zur Befreiung Griechenlands; Beiträge zur Verbesserung der Verfassung des Kantons Zürich von 1814, Zürich 1831, u. a. 7) Ludwig, Sohn von H. 4), geb. 1801 in Zürich, war Professor der Theologie daselbst u. st. 1841; er schr.: Commen- tar zu Hiob, Lpz. 1839, 2. Aust. 1852. 8) Salomon, Bruder des Vor., geb. zu Zürich 13. Febr. 1804, wurde 1830 Mitbesitzer der Weidmannscheu Buchhandlung in Leipzig, 1853 aber einer eigenen Verlagshandlung, in welcher u. A« 332 His — Hispanien. Grimms Wörterbuch, Gustav Freytags Romaue u. Culturbilder erschienen, beschäftigte sich viel mit Studien über Goethe u. gab ein Verzeichniß der Goethe-Literatur heraus, Lpz. 1862, infolge dessen er 1865 von der Universität Leipzig zum Doctor der Philosophie ernannt wurde. Er st. 8.-9. Febr. 1877 u. vermachte seine umfangreiche Auto- graphensammlung von Goethes Hand, sowie seine Goethe-Bibliothek der Leipziger Universität, die Zwinglischen Schriften der Straßburger Bibliothek. 9) Bernhard, Orientalist, geb. 1807 in Zürich, wurde, nachdem er 2 Jahre über orientalische Sprachen an der Universität in Zürich gelesen, 1837 Pfarrer in Pfäffikon, bethciligte sich 1839 an den kirchlichen Bewegungen, u. unter seiner Anführung zog 6. Sept. das Landvolk nach Zürich. Er wurde darauf Mitglied des Kirchen- u. Erziehungsrathes, zog sich jedoch 1841 von da zurück, nahm 1845 wieder seine Privatdocenten» stelle in Zürich an, mußte aber wegen Geldgeschäften flüchten u. st. im Juni 1847 in Paris durch Selbstvergiftung. Er schr.: Mein Antheil an den Ereignissen des 6. Septbr., Zür. 1839; Das hohe Lied, ebd. 1840; Das hebräische Gedicht: Gesicht des Todesboten über dem Erdkreis, 1844; u. übersetzte Kalidasas Sakuntala, 1833, und dessen Urwasi, Frauenf. 1838. 1> Sj Thamhayn. S) 4—S) Henne-Am Rhyn.' Ms, der durch ein Kreuz erhöhte Ton Ii; man nimmt dafür den Ton o. Als Grund einer Tonart braucht man das bis, wegen zu vieler nöthig werdender Kreuze, nicht. His, Wilhelm, Anatom, geb. 9. Juli 1831 in Basel, studirte Medicin, wurde dort 1857 Pro- sessor der Anatomie u. Physiologie u. ging 1872 nach Leipzig für die Professur der Anatomie. Er ist ein sehr vielseitig gebildeter u. außerordentlich fleißiger Arbeiter auf verschiedenen Gebieten, namentlich der Anatomie, Physiologie u. Entwickelungsgeschichte. Dahin gehören seine Schriften über Hornhaut, Lymphdrüseu und Lymphgefäße, über Entwickelung des Hühnchens, des Wirbelthierleibes u. der Knochenfische, über Blut, Blutgefäße und Bindesubstanz, über die Theorie der Zeugung (Archiv für Antropologie), Entdeckung des Lymphsystems (Zeitschrift für Anatomie und Entwickelungsgeschichte); mit Rütiineyer gab er heraus: Crauia Ilolvstioa, Bas. 1864. Thamhayn. Hischam (Hescham, Hixam), Name mehrer OmajjadischenKhalifen: 1) H. I., der jüngste Sohu des Khalifcn Abd Amalik, folgte 724 seinem Bruder Jezid II., ein ebenso habgieriger als geiziger Herrscher, unter dessen bis 743 währender Regierung die Abbassiden schon auf den Untergang seines Geschlechts hinarbeiteten u. Abd-nr-Rahman, sein Statthalterin Spanien, 732 mit seinem Heere gegen Karl Martcll zu Grunde ging. 8) H. I., Urenkel des Bor., Khalif von Cordova (788 bis 796), wurde von seinem Vater Abd-ur-Rahman seinen beiden älteren Brüdern vorgezogen, die er erst nach einem förmlichen Kriege zur Übersiedelung nach Afrika vermochte. Er wird als menschlich, mild und gerecht geschildert und wandte seine Hauptsorge der hohen Schule zu Cordova zu. 3) H. II., Sohn Hakems II., Khalif von Cordova 976—1013, nur dem Namen nach, bis ihn Mohammed II. 1009 in das Gefäugniß warf ihn als todt ausgebend. Indessen schon 1010 ward H. wieder befreit u. Khalif, jedoch hei einem lOiz ausgebrochenen neuen Ausstand auf Solimans Befehl ermordet. 4) H. III., Khalif von Cordova 1026—1031, nachdem er sich lange geweigert, die nur zu einem Namen gewordene u. so gefährliche Würde anzunehmen; er mußte auch einer Empörung weichen u. st. in stiller Zurückgezogenheit nur den Studien lebend 1037. Hisingen, Insel im Kattegat, an der WKiiste von Schweden zwischen den Mündungsarmen des Götaelf. Auf H. legte Karl IX. 1607 die Stadt Göteborg an; nachdem dieselbe jedoch 1611 von den Dänen niedergebrannt worden war, ließ Gustav II. Adolf sie 1618 an der jetzigen Stelle wieder aufbauen. Hiskias (Ezechia), Sohn des Königs Ahas, folgte 25 Jahre alt, 725 (728) v. Chr., diesem auf dem Throne des Reiches Juda; suchte den durch den Götzendienst u. die Unterwerfung unter die Assyrer tief gesunkenen Staat wieder zu heben, ließ den Jehovahdienst erneuern, nach Abhaltung einer großen allgemeinen Passahfeier alle Götzenaltäre in Stadt u. Land zerstören n. gab Verordnungen, wodurch der Unterhalt der Priester u. Leviten gesichert wurde. Um sein Land von dem Joche Assyriens zu befreien, schloß er ein Bündniß mit den Königen von Ägypten; König Sanherib von Assyrien zog gegen ihn u. verzieh gegen Zahlung von 300 Pfund Silber und 30 Pfund Gold, belagerte aber, nachdem er das Geld empfangen hatte, Jerusalem, bis ihn eine in seinem Heere ausgebrochene Seuche zum Abzug zwang. Um diese Zeit fiel auch H. in eine tödt- liche Krankheit, von der er durch den Propheten Jesaias geheilt wurde. Er besiegte später noch die Philister u. schaffte seinem Lande Ruhe vor den benachbarten Völkern; befestigte die Städte, sammelte wieder einen großen Schatz, zeigte reges Interesse für die alte heilige Nationalliteratur u. sorgte für den Gebrauch der Psalnien beim Gottesdienst. Er st. 696 (699) v. Chr. u. gilt für einen der besten Könige in Juda. Durch die keilschriftlichen Urkunden der Assyrer erhalten die biblischen Angaben über Hiskia in vielen Punkten eine ungeahnte Bestätigung u. Ergänzung. Hispalis (a. Geogr.), Handelsstadt der Tu» dulcr im Bätischen Spanien am Bätis, welcher vom Meer bis hierher mit großen Schiffen befahren wurde; war seit Cäsar römische Colonie als chulis, Koinula (I. Lornulsusis) und Sitz eines Obergerichts; unter der Herrschaft der Gothen u. Vandalen Hauptstadt des südl. Spanien; jetzt nur noch wenige Ruinen. Hispanien (lat. Hispauia, abgeleitet von dem baskischen s^pana, Rand, Uferland, nach Anderen von dem punischen span, Kaninchen, wegen der auffallend großen Menge dieses Tchieres), war bei den Römern der übliche Name für die die heutigen Reiche Spanien und Portugal umfassende pyrenäische Halbinsel, welche durch die Pyrenäen (Lzrsnasi inontss) von Gallien geschieden wird. Das Land erhielt erst nach der römischen Besitzergreifung diesen gemeinschaftlichen Namen; sonst hießen die WKüste Tartessis, die OKüste Jberia Hispamen. 333 u. das Binnenland Celtice (H Le/lrrxy), welche beiden letzteren Namen von den Griechen auf das ganze Land übertragen wurden; den Namen He- speria führte es bei den Dichtern. Die Grenzen waren außer den Pyrenäen der Ovoanus mit dem Mrs Oantabrieum (Bai von Biscaya) im N. u. W., im O. u. S. das Aars iiwornurn mit dem N. Laisarioum u. Ibsrieum, im S. das Lrstum Liaäi- tannm (Straße von Gibraltar); die Größe wurde verschieden angegeben; die Gestaltung erschien einigen alten Geographen als ein Viereck, anderen als ein Dreieck; Strabo verglich sie mit einer ausgebreiteten Stierhaut. Von Gebirgen schlossen sich an das nördl. Grenzgebirge (die Pyrenäen) nach Westen gehend der Lultus Vasoonum (die Gebirge im heutigen Baskerlande) u. der Norm Viuäius od. Vinuius (ungefähr das Canlabrische Gebirge); davon zweigte sich in südöstl. Richtung längs des rechten Jberusnfers hiulausend ab der Icludeäs. (Sierra de Oca, de Lorenza u. deMon- cayo); daran schloß sich der Orospscka (S. del Mundo bis zur S. de Alcarez mit dem Norm ^rgsnkarius u. dem Lolorius (S. Nevada) im S.; an diesen der Illipula, (die jetzigen las tllxu- jarras). Zwischen Bätis n. Anas lag der Norm Naiianus (S. Morena) mit dem Laktms 6astu- lonsnsis (S. de Cazorla), zwischen Durius und Tajus der Norm Lermiuius (S. da Estrella im heutigen Portugal); einzelne Berge waren: N. Länkius (die Gebirge Cataloniens), N. NoäuUus (S. de Mameda) u. A. Die bedeutendsten Vorgebirge waren: LromoutoriumVousris(Cabo Creuz), lousdrium (C. Tortosa), Lianium (C. St. Martin), L. Laburni (C. de Palos), Oakps (Gibraltar), lluuouis (C. Trafalgar), tkuusus (C. St. Maria), Laorum (C. St. Vincent), idlsrium od. Lektion» (C. Finisterre) Lornu od. Irileuoum (C. Ortegal). H. hatte viele und zum Theil große Flüsse, die aber schon damals während der Sommerhitze au Wassermangel litten; die 6 Hanptströme waren: der Idorus (Ebro), Laetis (Guadalquivir), ^uas (Guadiana), laZus (Tajo), Durius (Duero) und Nluius od. Lasurs (Minho); von den zahlreichen anderen, den Alten bekannten, mögen der Rubri- oatus (Llobregat), ikurias (Guadalaviar), Luoro (Jucar), ll'aäor (Segura), Nsuoda (Velez), Lar- bosula (Guadiaro), OaÜrpus (Sadao), Nuucka (Mondego), Vaeua (Vouga), Nslsus (Marcea), genannnt seien. Meerbusen des Mittelmeeres waren der Linus Luoroueusrs (Busen von Valencia), liliortauus (B. von Alicante), Lrertauus (B. von Almena). Bedeutende Seen gab es in Spanien nicht, dagegen merkwürdige und heilkräftige Quellen, z. B. bei Bilbilis (s. d.), welche schon von den Römern benutzt wurden. Das Klima war auch vor Zeiten der natürlichen Beschaffenheit des Landes nach durchschnittlich gemäßigt, namentlich schön im S., während es im N. rauh u. kalt war u. streuge Winter herrschten. Schon im Alterthum war das Land wegen seines Reichthums an Producten, namentlich in seinem südl. Theile, bekannt und hatte die Aufmerksamkeit und Eroberungslust umliegender Handelsvölker bald aus sich gezogen, ebenso wie es schon früh Sitz eines emsig betriebenen Handels wurde. Die größte Ausbeute bot das Mineralreich; Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, Marmor, Salz fand sich in großer Menge und auch die edlen Metalle, Gold u. Silber, mangelten in alter Zeit nicht u. wurden von Karthagern u. Römern stark ansgebeutet; das Pflanzenreich gab Getreide, Wein, Oliven, Früchte u. werthvolle Bauhölzer; das Thierreich feinwollige Schafe, Pferde, Esel, Maulesel; das Meer unzählige Fische, die den Römern zur Speise dienten. Ueberhaupt stand zur Zeit der römischen Invasion im südl. Theile (bei Sevilla) Ackerbau u. Viehzucht in hoher Blüthe, während der N. u. W. noch von durchweg rohen Völkerschaften bewohnt war. Die Bevölkerung des alten H-s bestand zur Zeit des Bekanntwerdens der Halbinsel von Seiten der Römer einmal aus dem eingeborenen Volk, den Iberern, dann aus eingewanderteu Kelten, endlich aus den Keltiberern, welche aus der Vermischung dieser beiden Völkerstämme entstanden waren. Im Lause der Zeit hatten sich an den Küsten Phöniker und Karthager, sowie Griechen aus Rhodos, Samos, Zakynthos angesiedelt, wozu dann noch nach der römischen Occupation dies Volk über das ganze Land sich verbreitend kam. Bei dieser aus so verschiedenen Elementen bestehenden Einwohnerschaftwaren natürlich Charakter, Sitte» u. Bildung sehr verschieden; während als die rohesten die Cantabrer u. überhaupt die Bergvölker des N. und des Centrums galten, waren die Turdetaner im S. selbst in den Wissenschaften bewandert, besaßen Lieder aus uralter Zeit, ein metrisches Gesetzbuch u. geschichtliche Auszeichnungen. Die Iberer hatten ursprünglich den größte» Theil des Landes inne u. saßen hauptsächlich an den Pyrenäen (wo sie sich in Len Basken bis heute erhalten haben) und im S., zu ihnen gehörten die Völkerschaften der Turdetaner (um Sevilla), der Turduler (in Portugal); die Kelten waren Bewohner der NKüste und theilweise des inneren Hochlandes, zu ihnen gehörten die Cantabrer, Artabrer, Galläcier, Vaccäer, Arevaker u. die Celtici; die Keltiberer hatten ungefähr das Terrain der jetzigen beiden Castilien inne (Näh. s. u. Iberer u. Keltiberer). Eingetheilt war H. von den Römern, nachdem sie die Karthager daraus vertrieben hatten, in Üispania eitsrior und Lispania, uktsiäor, das Land nördl. des Jberus u. das südl. von diesem Flusse; später aber war L. eitsrior die kleinere nordöstliche, uktsrior die größere südwestliche Halste des Landes. Augusius theilte es in 3 Provinzen: 1) Imsitania,, der westliche Theil zwischen dem Duero, dem Atlantischen Meee, dem Guadiana u. Tarraconensis, also das jetzige Portugal (ohne den N. u. SO.), Estremadura u. Salamanca. 2) Lastioa, der südliche, begrenzt im W. u. N. vom Guadiana, im S. vom Meer, im O. von Tarraconensis, also das jetzige SPortugal, Andalusien u. ein Theil von Estremadura, die reichste u. bevölkertste Provinz. 3) kll. itarravoususis, das ganze übrige Spanien umfassend, von größerem Umfang, als die beiden anderen zusammen. Außerdem war das Land nach den Gerichtsbezirken in 14 oonvoutus juri- äioi eingetheilt. Bei der neuen Eintheilnng der Römischen Reichs unter Constantin d. Gr. zerfiel H. in 7 Provinzen: Lastioa, Imsitania, (wie die- 834 Hispauwla — Historienmalern. früheren), (stallasoia, (nördl. des Duero), Larra- Lonsnsis (der NO. u. die Mitte), OartLa§iuisn- 8i8 (das jetzige Murcia, ein Theil von Nen-Ca- stilien u. SValencia), Ls-Ieariea (die Balearischen u. a. Inseln) und Nauretania. lingdtana (in Afrika). Unter den Städten des früher stärker als jetzt bewohnten Landes waren die bedeutendsten: (stades (Cadiz), Llalava (Malaga), Ii1itur§is, Hispalis, Oorduds, (Cordoba), Laroino (Barcelona), Laisa (Tavira), Lsrda (Lerida), LnAnsta Lmsrita (Merida), Laimantiea (Salamanca), OartiiaAv nova (Carthagena), Lsssuutum, istnman- tia, Ldora (Evora), Lala^urris, Lilbliis u. A. H- Zog schon im frühen Alterthum die Anfmersamkeit phönikischer u. griechischer Seefahrer auf sich, welche an den Küsten sich ansiedelten u. Handel mit den Eingeborenen trieben; im 3. Jahrh. v. Ehr. war es das Ziel der Karthager unter Hamilkar, Has- drubal n. Hannibal, die jedoch schon im 2. Pun- ischcn Kriege von den Römern verdrängt wurden. Es bedurfte zweier Jahrhunderte, ehe deren Herrschaft sich über das ganze Land ausgedehnt hatte, das Land blieb dann durch 4 Jahrh. eine blühende römische Provinz, bis es Anfang des 5. Jahrh. n. Ehr. unter die Botmäßigkeit germanischer Stämme fiel. Diese verdrängte wieder im 8. Jahrh. die neu erwachte Kraft der Araber (das Nähere s. Spanien, Geschichte). Thi-lem-mn. Hispaniola, Insel, so v. w. Domingo. Hispanische (Spanische) Kriege, die von den Römern in Spanien geführten Kriege, so gegen Biriathus, Sertorius, besonders der von Cäsar 45 v. Ehr. gegen die Pompejaner geführte, der durch die Schlacht von Munda beendigt wurde (s. Spanien, Gesch.). Eine specielle Beschreibung von ihm ist erhalten (Os bekio Liispauioo), gewöhnlich Cäsars Werken beigefügt, fälschlich der Verfasserschaft des Hirtius zugeschrieben. Hissar (Hisar), 1) Begschaft (Statthalterschaft) Bokhara (Asien), ein kleines gut bewässertes Land, welches viel Reis erzeugt u. seit 1869 seinen Beg von Bokhara erhält, von welchem es abhängig ist. 2) H. (Hisares), 14,133 Eiw., an einem Nebenfluß des Amu. 3) Division der indobrilischen Präsidentschaft Pendschab, eine heiße Ebene, deren Pro- Luctivität (an Weizen, Hirse, Reis) wesentlich von dem Eintreten des Regens und der Bewässerung abhängig ist. Die Bewässerung geschieht durch Len Ghaggar (s. d.) und meist verfallene Kanäle. Die Division ist in 3 Bezirke, H., Rohtuk u. Sirsa, eingetheilt u. umfaßt 21,960 s^jüm mit 1,232,435 Ew., zum größten Theil Hindu. Die Division H. ist erst in letzter Zeit gebildet und besteht aus dem früheren Bezirk Hurriaua u. anderen ehemaligen Theilcn der Division Delhi. 4) Stadt in der Division, an einem alten zur Dschumna führenden Kanal (1871) 14,133 Ew. In den Dschungeln in der Nähe zahlreiche Tiger. Hissarlyk, Berg am Rande der Ebene des Mcndere (Mamander) im Liwa Tschanak-Kalcssi (Kale-Sultanie) des Vilajet Dschesairi-bahri-sefid (Vilajet der Inseln des Weißen Meeres) im nordwestlichen Kleinasien, eine alte Ruinenstätte, bekannt geworden durch die erfolgreichen Ausgrabungen H. Schliemanns (1873), der glaubt, hier die Stätte des alten Troja gesunden zu haben. Hissen (Heißen, Aufhissen), eine Last an einem Taue (Hissetau) in die Höhe ziehen, z. B. die Segel, Raaen, Flaggen, Boote rc., auch Güter aus dem Schiffsraum auf das Verdeck; inan ge- braucht dazu verschiedene Winden, od. man schlingt das Tau über den Hisseblock, eine Blockrohe od. ein Flaschenzug. Mstsrus, s. Stutzkäfer. Histiäos , zur Zeit des Königs Daraus I. Tyrann von Milet, unter persischer Oberhoheit; als bei dem Mythischen Feldzüge des Darms im I. 513 v. Ehr. Miltiades gerathen hatte, hinter den Persern, die durch die ionischen Griechen be. wachte Donaubrücke abznbrechen und durch solche Preisgebung des königl. Heeres die Griechen in Kleinasicn zu befreien, widersetzte sich H., rettete so das Heer des Darms u. erhielt dafür das edon- ische Myrkinos am Strymon in Thrakien zur Belohnung, wo er eine Colonie anlegte. Da aber Megabyzos den Darms belehrte, wie leicht H. hier sich unabhängig machen könnte, wurde H. nach sardes berufen (511) n. mußte dem Könige als vertranter Rathgeber nach Susa folgen. Allmählich dieser Lage überdrüssig, bestärkte H. im Spätsommer d. I. 500 seinen Schwiegersohn Aristagoras in seinen empörerischen Plänen, brachte aber zugleich den Darms dahin, ihn zur Dämpfung des ionischen Aufruhrs nach Kleinasien zu schicken. Aber in Sardes (497) von dem Satrapen Artaphernes mit Mißtrauen betrachtet u. nirgends aufgenommen, ging er nach Byzanz, trieb dort Seeraub, gewann auch Mytilene, wurde aber 494 bei einem Streifzuge in Äolis durch den Perser Harpagos besiegt u. gefangen u. zu Artaphernes geführt, welcher ihn kreuzigen ließ. H-rtzberg. Histiodromie (v.Gr.) Schifsfahrtknnde, Nautik. Histologie, die Lehre von den pflanzlichen u. thierischen Geweben. Mstoirs (sranz.), Geschichte; 8. soandaisuss, Lästergeschichte, Schandgeschichte. llistorm (Historie, v. Gr.), Geschichte. 8. an- Austa, Geschichte der röm. Kaiser, bes. der späteren, welche Spartianus Capitolinns, Gallicanus rc. (Loriptorss bistorias auAustas) geschrieben haben. Historienbibel, Bearbeitung der geschichtlichen Abschnitte der Bibel für das Volk in Schule und Haus, theils mit den Worten der Bibel wiedergegeben, oder auch umgestaltet u. mit erbaulichen Anwendungen versehen. Sie kommen schon unter den Deutschen im frühen Mittelalter vor, auch in Versen, wie Otsrieds Krist, der Heliand rc.; vgl. Neuß, Die deutsche H. vor Erfindung des Bücherdrucks, Jena 1855. Historienmalerei, 1) (im weiteren Sinne) jede Art malerischer Figurendarstellung im Gegensatz zur Genre- u. Porträtmalerei. In diesem Sinne umfaßt sie H. verschiedene Arten, namentlich die religiöse Malerei, die mythologische Malerei, die allegorische Malerei und die sogenannte symbolischhistorische Malerei, welche letztere erst neueren Datums ist. 2) (im engeren u. eigentlichen Sinne) so viel wie Geschichtmalerei, d. h. malerische Dar» stellung wichtiger geschichtlicher Thatsachen oder solcher Persönlichkeiten. In diesem Sinne gehört die H. der modernen Kunstgeschichte an, da man weder in der antiken noch in der Mittelalter- Historienmalerei. 335 sichen, ja selbst nicht in der neueren Kunst bis herab zum gegenwärtigen Jahrhundert eine Ge- schichtmalerei im specifischen Sinne des Worts, d. h. ohne Beimischung allegorischer oder religiös-kirchlicher Beziehungen, kannte. L. (Ästhetik) Die H. hat es mit den großen, in den Gang der kulturgeschichtlichen Entwickelung bestimmend eingreifenden Momenten zu thun n. muß daher alles, was darin der bloßen Zufälligkeit des partikularen Lebens angehört, entweder ganz fortlassen od., falls es zur charakteristischen Ausprägung des Motivs wesentlich ist, wenigstens unterordnen. Im Zusammenhänge damit steht die künstlerische Behandlung, sowol was die streng gegliederte Composition, den ans dramatische Pathos erinnernden Stil der Auffassung, als was, in technischer Beziehung, die Gediegenheit des Co- lorits, die Vermeidung jeder ans Genrehafte streifenden Detaillirung des Stofflichen, endlich auch was die imposante Größe der räumlichen Ausdehnung und der dieser entsprechenden Dimension der Figuren betrifft. Es ist daher im Wesen der H. begründet, daß sie mehr als alle anderen Gattungen der Malerei nach der Seite des Idealismus gravitiren muß. Dieses Graviliren nach der ideellen Seite hin macht das, was man historischen Stil nennt, aus, n. die verschiedenen Richtungen, welche sich, namentlich in der neueren Zeit, in dieser Beziehung zwischen den verschiedenen Schulen bemerkbar machen, lassen sich alle hierauf zurllckführen. Im Allgemeinen behandeln die Französischen n. Belgischen Schulen neueren Datums die Geschichte realistischer, die Deutschen dagegen mehr idealistisch. Das Extrem dieser idealistischen Richtung bildet die von Kaulbach eingeführte sogenannte symbolisch-historische Malerei (s. unten L. VII. 1). L. Die Geschichte der H. umfaßt vom Alterthum herab bis auf die moderne Zeit unterschiedslos alle mythologischen, religiösen, allegorischen n. geschichtlichen Darstellungen. Hiernach läßt sich dieH., entsprechend dem allgemeinen Entwickelungsgange der bildenden Künste, in folgende Perioden ein- theilen: 1) die vorchristliche H. als Vorstufe; 2) die H. des christlichen Alterthums; 3) die H. des Mittelalters; 4) die Blüthezeit(15. u. 16. Jahrh.); 5) die Nachblüthe (17. Jahrh.); 6) der Verfall (18. Jahrh.); 7) die moderne H. (IS. Jahrh.), welche Abschnitte zum Theil sich wieder in verschiedene Stilrichtungen gliedern. I. In der vorchristlichen Kunst, welche die architektonische (orientalische) u. plastische (griechisch- etruskisch-römische) Kunstentwickelung umfaßt (s. Bildende Künste), ist die Malerei überhaupt wesentlich ornamentaler Natur u. daher von einer H. in dem später gebräuchlichen Wortsinne eigentlich nicht die Rede. Beide Kunstrichtungen sind hinsichtlich der Malerei überhaupt nur als Vorstufen zu betrachten. s>) Im Orient kommen nur die Inder und Ägypter in Betracht, deren Wand- u. Säulengemälde, meist nur in 3—4 Farbentönen (Schwarz, Weiß, Braungelb, Blaugrün), ohne Kenntniß der Perspective u. ohne Schattirung, figürliche Darstellungen von, symbolisch-religiöser Bedeutung enthalten- In Ägypten datirt diese Art Malerei bis aus sehr frühe Zeiten, 2—3000 Jahre v. Ehr. zurück. Man bemalte nicht nur die Wände der Felsengräber u. Tempel, zum Theil in kolossalen Dimensionen, sondern auch Mumiensärgc u. zwar in Verbindung mit der Skulptur, indem die Umrisse basreliefartig eingeschnitten und dann die Flächen mit Farben in typischer Weise ausgefllllt wurden. So sind z. B. die Gesichter der Götter meist grün, die der Herrscher helbgelb, die der besiegten Völker braun oder schwarz gefärbt, b) In der antiken Kunst dienen theils die Malereien der etruskischen u. griechischen Vasen, theils die bei den Ausgrabungen von Pompeji und Hercnlanum entdeckten Wandgemälde als Beläge für nähere Kenntniß ihrer H. In beiden sind die Darstellungen meist der antiken Mythologie entnommen, aber in einer unfreien, vom plastischen Scho'nheitsgesetz abhängigen Anffassungsweise behandelt, d. h. die Figuren stehen, ohne einander zu decken, nebeneinander gereiht ohne räumliche Tiefe u. ohne koloristische Naturwahrheit. Als frühester Belag für die griechische H. gilt die von alten Schriftstellern erwähnte Schlacht mit den Magnesiern, ein Gemälde, das einem Maler Bu- larchos aus dem Anfang des 8. Jahrh. v. Ehr. zugeschrieben wurde. Erwägt man aber, daß selbst die Gemälde des berühmten Polygnotos, der unter Perikles lebte, nur in colorirten Umrißzeichuungen bestanden, und daß erst von Apollodoros (gegen 400 v. Ehr.) gerühmt wurde, daß er die Unterschiede von Licht u. Schatten markirt habe, so wird man nur eine geringe Meinung von der antiken H. hegen dürfen. Im Übrigen ist die antike Malerei überhaupt, abgesehen von dem Inhalt ihrer Darstellungen, nur unter dem Gesichtspunkt der technischen Ausbildung vonJntercsse (s. Malerei). II. Das Christenthum stellte sich anfangs, aus religiöser Opposition gegen den heiteren Götter- cultus der antiken Welt, welcher aufs Innigste mit der ganzen antiken Kunstanschauung verbunden war, überhaupt feindlich gegen alle künstlerische Thätig- keit, so daß die Darstellung heiliger Motive geradezu verpönt war. Später, als das Bedürfnis) dafür erwachte, knüpften dis ersten Versuche solcher Darstellungen zunächst an die handwerksmäßige Typik der antiken Wandmalerei an. Die Gegenstände der H., meist rohe Wandmalereien in den Katakomben, waren theils der christlichen Tradition entnommen, theils stellten sie in konventioneller Symbolik die Figuren des Lammes, des Delphins, der Taube, des guten Hirten u. s. f., sowie auch Heiligengestalten dar. Erst nach dem 4. Jahrh., mit Anerkennung des Christenthums als Staatsreligion, beginnt die H. eine selbständige Entwickelung zu zeigen, namentlich in der Ausschmückung der großen Basiliken, theils durch Fresken- malereien oder in enkaustischer Manier, theils durch Mosaiken. Es zeigte sich sogar schon im Stil der später mehr hervortreteude Gegensatz zwischen der abendländischen (römischen) u. der byzantinischen H. Beispiele der elfteren aus dem 5. Jahrh. finden sich in dem Baptisterium zu Ravenna^ sowie in den ältesten Kirchen zu Rom, z. B. in sta. Maria Maggiore. III. In der mit t e la ltsrl ich e n H. trittder Unter- schied zwischen vem Byzantinismus u. Romanismus, sowol iin Inhalt als in der Form der Darstellungen, in schärferer Weise als Gegensatz bestimm - 336 Historienmalerei. ter Stilrichtnngen hervor. a.) Die byzantinische H., deren reichste Entfaltung in die Zeit von 600—1200 fällt, hält den ursprünglichen Typus der antik-christlichen Darstellungen am hartnäckig- sten fest. In der Darstellungsweise kennzeichnet sich dieselbe, gegenüber dem romanischen Stil, besonders durch die langgestreckten n. überhaupt starr- gegliederten Figuren; auch trat bald das Streben nach äußerlicher Pracht hervor. Namentlich zeigt sich diese Tendenz unter Justinian II., der übrigens viel zur Förderung der Kunst beitrug. Als im Jahr 726 der Bllderstreit ausbrach, flüchteten die zahlreich am Hose von Byzanz angesiedelten Künstler nach Italien, bis aus dem Concil zu Nicäa (787) n. ans der Synode zu Byzanz (842) der Streit zu Gunsten der bildlichen Darstellung heiliger Gegenstände ausgesprochen, dagegen die plastische Darstellung derselben verdammt wurde. Leit jener Zeit hat der Byzantinismus keinen Fortschritt gezeigt. Bei großer technischer Gewandtheit hat er — wie seine bis heute noch in Armenien u. Rußland sortlebende Ausübung beweist — denselben traditionellen Schematismus, dieselbe Verbindung barocker Trockenheit der Formen mit dekorativer Prächtigkeit bewahrt wie im Anfänge des Mittelalters. In anderen Ländern hat er weniger Verbreitung gefunden; in Italien zeigen sich nur auf Sicilien und in Genna vereinzelte Spuren, da die bald zu hoher Blüthe u. künstlerischer Freiheit sich entwickelnde italienische H. seiner Verbreitung hinderlich war. b) In Deutschland, wo Karl d. Gr. zu Aachen eine Malerschule gründete, in der Schweiz u. in Oberitalien ging der Byzantinismus eine Verbindung mit fränkischen Elementen ein, woraus sich, besonders durch die Einwirkung Alcuins, der sogenannte fränkische Stil in der H. bildete, der sich, im Gegensatz zu dem Romanismus in Italien, hauptsächlich in England, Frankreich u. Deutschland ansbreitete n. besonders in der Glasmalerei für Kirchenfenster, Mosaikmalerei u, Tcppichwirkerei zu ausgiebigster Anwendung gebracht wurde, o) Vom Ende des 12. Jahrh. ab beginnt die italienische H. sich allmählich die Herrschaft zu erobern. Anfangs zwar zeigt sie noch, unter dem Einfluß der zahlreich hierher infolge der byzantinischen Bilderstürmerei übergesiedelten oströmischen Künstler, eine große Verwandtschaft mit dem Byzantinismus, wovon besonders die Mosaiken in der Schloßkapelle zu Palermo u. in der Kirche San Marco zu Venedig Zeugniß geben; bald aber befreit sie sich von dem schematischen Zwange desselben, um sich zu einer größeren Freiheit der Bewegung u. zu einer Verlebendigung des Ausdrucks in den Figuren durchzuarbeiten; Beläge dafür geben die schon aus dem Anfang des 13. Jahrh. stammenden Wand- und Deckenmalereien der Baptisterien in Parma und Florenz, sowie die Mosaiken im Dom zu Torcello, Hier tritt uns auch zuerst eine Reihe berühmter Historienmaler entgegen, vor allen Cimabne in Florenz (1240—1303)n. Buoninsegna in Siena (1260—1330), jener durch die Großartigkeit, dieser durch die Anmulh seines Stils von hervorragender Bedeutung (s. Florentinische Malerei), beide indessen noch nicht ganz frei von der Herrschaft der typischen Tradition. Giotto (1276—1336) dagegen streifte mit ursprünglicher Kraft die Fessel,, des konventionellen Byzantinismus ab ».schwang sich auch durch Förderung der Technik zum eigentlichen Begründer der italienischen H. empor. Seine i Schüler, besonders Orcagna (1329-1388), näherten sich mehr u. mehr der germanischen Stil- richtnng, bis mit Fra Angclico da Fiesole (1387—1455) die eigentliche Glanzperiode der italienischen H. begann. Neben der florcutinischen Malerschule entwickelten sich (im 14. Jahrh.) in verschiedenen Städten Italiens noch andereSchnlen, namentlich in Siena, Verona, Bologna. Mailand, Venedig, Neapel, die jedoch erst in der folgender Periode zu selbständigen und in Stil und Eolorit differenten Richtungen sich ausbildeten (s. Italienische Malerei). Es entstanden jetzt ! zunflsmäßig constitnirte Kllustlerschasten unter dem ! Patronat des heiligen Lucas, aus denen später die ^ Akademien hervorgingen. Was die Gegenstände aller dieser Kunstrichtungen betrifft, so stimmen sie ! sämmtlich darin überein, daß sie wesentlich religiöser ! Natur waren; es gab eben überhaupt keine andere ! Malerei als religiöse oder vielmehr kirchlich - dog- s malische H. Unzählige Christus- und Madonnenbilder wurden geschaffen, daneben Darstellungen ans der biblischen Geschichte und Heiligenlegende, ! religiöse Allegorien u. s. f., n. zwar stets, hin- ! sichtlich der äußerlichen Sceuirung, im Gepräge ! des Zeitgeschmacks, wie er sich in Kostüm, Architektur u. s. f. der unmittelbaren Umgebung darbot. Diesen im Grunde unhistorischen Charakter bewahrte die H. bis in die neuere Zeit hinein, i d. h. bis zu dem Zeitpunkte, da sie als Darstellung - geschichtlicher Thatsachen, im Unterschiede der re- ! ligiösen, mythologischen, allegorischen u. s. f. Malerei ! ihre specifische Bedeutung erhielt, ä) Fast gleich- I zeitig mit der Gründung der italienischen Akademien i entstanden inDeutschlanddie Malerzünfte, welche besonders in technischer Beziehung der rasche» Enk- - Wickelung der H. großen Vorschub leisteten. Aus der erstell Zeit derselben sind indessen nur wenig Überbleibsel erhalten, wie die merkwürdigen Wand- i Malereien auf dem Schlosse Karlsberg in Böhmen, die Fresken im Münster zu Ulm inSchwaben u, s. w. Von hervorragender Bedeutung gestaltete sich die Kölner Malerschule, in welcher Meister Wilhelm (um 1380) sich durch ernste Feierlichkeit des Srils und im Streben nach Jdealisirung ! der Formen auszeichnet; Vorzüge, denen der ihm ! solgende Meister Stephan (um 1410) noch den ! eines klaren u. tiefgesätligten Colorits hiuzufügte, wie das von ihm herrllhrende berühmte Dombild beweist. Neben Köln, aber unter dessen Einfluß, entwickelten sich bald andere Schulen, namentlich die Westfälische, deren Haupt der sog. lies- borner Meister war, ferner in den Niederlande» die Schulen von Antwerpen, Brügge und Gent, wo in der ersten Hälfte des 15. Jahrh. die Gebrüder van Eyck der H. einen Aufschwung verliehen, welcher als der Anfang der Blllthezeit der deutsch-niederländischen Malerei überhaupt betrachtet werden darf. IV. Die Renaissanceperiode, welche dis zweite Hälfte des 15. und das 16. Jahrh. umfaßt, ist die eigentliche Blüthezeit der älteren H., wie der Malerei überhaupt. Es kommen in ihr Historienmalerei. 337 zunächst Italien mit seinen verschiedenen, sich in Stil u. Technik jetzt bestimmt von einander un-' terscheidenden Schulen, und im Anschluß daran Frankreich und Spanien, sodann die Niederlande' u. Deutschland mit der Schweiz in Betracht. Auch in den letzteren beiden Richtungen der H. sind bestimmte Schulen zu unteAcheiden. 1) In Italien bildet Fiesole am Ausgange der vorigen Periode den Umschwung in der Auffassnngs- u. Behandlungsweise der religiösen Motive, indem er die bis dahin noch immer vorwaltende conventio- nelle Starrheit in der Composition u. figürlichen Gestaltung durch seine tiefe n. begeisterungsvolle Empfindung für den idealen Inhalt der christlichen Tradition erweichte n. die äußerliche Strenge des Stils durch die Anmuth seiner Gestaltung u. durch die Innigkeit seines Ausdrucks milderte u. beseelte. Hierzu trat, Lurch das Wiederaufleben der Kenntniß des Alterthums hervorgerufen, eine den künstlerischen Geschmack überhaupt wesentlich reinigende Tendenz auf antike Formenschönheit hinzu, daher diese Periode, namentlich in dem ersten Viertel des 16. Jahrh., geradezu als die Wiedergeburt (Renaissance) der Antike bezeichnet worden ist. n) In erster Reihe steht auch in dieser Zeit wieder die Florentinische Schule; namentlich waren es, neben Fiesole und Masaccio di San Giovanni (1402 — 43), die noch am Ausgange der vorigen Periode stehen, Gozzoli u. Ghirlan- dajo (1451 — 95), in denen sich bereits das Bestreben zeigt, die religiösen Motive aus dem Bereichs abstracter Dogmatik in das Anschauungsgebiet menschlicher Empfindung und natürlicher Realität herabzuziehen. Mit diesem Bestreben nach Popularisirung der religiösen H. verbindet sich nun schon auch das Bednrfniß einer strengeren wissenschaftlichen Begründung der formalen Gestaltungsgesetze, namentlich hinsichtlich der Perspective (durch Paolo Ucello) und der Anatomie des menschlichen Körpers (Lurch Bsrocchio, 1432—88); Bestrebungen, welche durch Botticelli, Filippo Lippi, Luca Signorelli u. A. gefördert u. in zwei Hauptmeistern, Michel Angelo Buonarotti und Leonardo da Vinci, ihren Culminationspunkt erreichten. Hiermit ging die Abweisung der Fesseln des dogmatischen Schematismus Hand in Hand: es ist jetzt mehr die poetische Wahrheit der christlichen Tradition, auf deren künstlerisch vollendete Gestaltung sich der begeisternngsvolle Drang jener unerreichten Heroen der Kunst richtete; eine wahrhafte Befreiung und Verselbständigung der Kunst: sie diente nicht mehr der Kirche, sondern die Kirche u. ihr Dogma mußten Lurch Darleihung religiöser Motive zur Verherrlichung der Kunst dienen. Das außerordentliche Interesse, welches die ganze vornehme Welt, einschließlich der Päpste u. Fürsten, den Leistungen der Kunst widmete u. das sich in Praktischer Förderung derselben in ausgedehntestem Maße bethätigte, trug natürlich viel zu dem gewaltigen Aufschwung aller Künste, namentlich aber der H. bei. In Florenz zeigt sich auch zum ersten Male ein Anfang zur profanen H. Die (nicht mehr vorhandenen) Cartons zur Geschichte des Pisaner Krieges gaben den ersten Anstoß zu einer größeren Vertiefung in den ideellen Inhalt der H. u. blieben lange Zeit der nachstrebenden Künst- Pierers Aniversal-Coiiversatwns-Lexiton. 8. Ausl. X. lerwelt unerreichbare Vorbilder großartigster Composition. Unter den Schülern Michel Angelos, in dessen Werken vorzugsweise das Element großartigster Formengestaltung und erhabenen Jdeen- reichthums-zur Geltung kam, zeichneten sich im Gebiete der H. aus: Daniele da Volterra, MarcelloVenusti, Sebastiane delPiombo u. A., unter denen Leonardos: Lnini, Cesare da Sesto, Gandenzio Vinci, deren Werke hauptsächlich in der Galerie der Brera in Mailand vertreten sind. Neben ihnen u. den beiden Hanptmeistern waren in Florenz noch thätig: Andrea del Sarto, Bartolommeo della Porta, Lorenzo di Credi u. A., welche selbständige Wege gingen, während die späteren Nachfolger Michel Angelos, wie Vasari (1512—74), Salv iati (1510 — 63) n. A., theils nur die äußerliche Manier des Meisters nachahmten, theils in geistlose Übertreibung verfielen. i>) In der Schule von Padua zeigt sich die Hinneigung zur Antike noch mehr als in der florcntinischen H. Begrün det durch Francesco Squarcione (1394 bis 1474), gipfelte ihre Hauptthätigkeit in Andrea Maniegna (1431 — 1508), der sich später in Mantua niederließ, während seine Schiller zu Ferrara eine neue Schule gründeten, deren Hauptzug eine gewisse barocke Stilrichtung war, wie sie sich in den Werken Lorenzo Costas, Dosso Dossis und Garofalos kundgibt, o) In Venedig hatte sich bis zur Mitte des 15. Jahrh. der Byzantinismus, gemischt mit germanischen Elementen, am längsten erhalten, bis durch die beiden Paduaner Bellini, später durch dis Ma- lerfamilisn der Vivarini u. Mnrano, namentlich aber durch Lima da Conegliano (um 1500), di« Tendenz auf heitere Lsbensfülle der Gestalten und glänzende Pracht des Colorits, anfangs nur in Anwendung ans religiöse Motive, dann aber auch auf profane Sujets übertragen, in den Vordergrund trat u. den specifischen Charakter der Venetianischen Schule für alle Zeit bestimmte. In ihr vollzieht sich zuerst u. vorzugsweise eine Abwendung von der religiösen Malerei u. eine Hinwendung zu Motiven, die dem realen Leben entnommen sind, verbunden mit Schönheit u. Frische des Colorits u. plastischem Formenreichthum. Der Cultus des schönen Fleisches, überhaupt des Stofflichen, begünstigt durch den auf Sinnenreiz und Lebensfreude gerichteten Geschmack der venetian- ischen Nobili, wurde vom Anfang des 16. Jahrh. an der Hauptcharakter der venetianischen Malerei, und wenn selbstverständlich auch noch immer religiöse Sujets einen Hauptbestandtheil der venetianischen H. bildeten, so wurden doch auch diese fast ganz im Geschmack der damaligen Modetendenz behandelt. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Richtung gehört Giorgione (1477—1511), nebst seinen Schülern Giovanni da Udins und Torbido, gen. ilMoro; der Hauptmeister aber ist Tiziano Vecellio (1487 — 1576), in dessen Werken sich die venctianische H. zur höchsten Schönheit des Colorits entwickelte. Ihm schließen sich, mehr u. mehr dem Realismus verfallend, an: Palma 'Vecchio, Lorenzo Lotto, Pordenone, Borgens, bes. aber Paolo Veronese (1528 — 88) ! und Tintorert (Jacopo Robusti, 1512 — 94), Band. 22 1 338 Historienmalerei. endlich Schiavone (1522—82), der sich, wie die späteren Nachfolger, fast nur auf eine äußerliche Nachahmung der koloristischen Manier Tizians beschränkte. ä) Die vierte Hauptrichtung der italienischen H. wird durch die Umbrische Schule, deren Mittelpunkt Perugia war, repräsentirt. Von dieser Stadt erhielt ihr erster bedeutenderer Meister den Namen Pietro Perugino (1466 — 1526). Im entschiedenen und bewußten Gegensätze gegen den hauptsächlich auf glänzendes Colorit n. sinnlich-reizende Naturwahrheit tendirenden Realismus der Venetianer strebte sie vor Allem nach Innigkeit der religiösen Empfindung, verbunden mit keuscher Strenge in Farben- u. Formengebung u. höchstem Liebreiz des Ausdrucks. Zur vollendet künstlerischen Gestaltung gelangte diese Tendenz in dem großen Schüler Peruginos, Rafael San- zio von Urbino (1483 —1520), der insofern als der Großmeister der Blllthezeit der italienischen Malerei und somit dieser Kunstgattung überhaupt betrachtet werden darf, als er in seinen unsterblichen Werken die Vorzüge aller Schulen in sich vereinigte u. ebensowol Strenge u. edle Correctheit der Zeichnung init Schönheit des Colorits u. höchster Anmuth des Ausdrucks verband. Noch größer aber als durch diese äußerlichen Vorzüge erscheint er durch die inhaltsvolle Begeisterung u. den poetischen zugleich u. gedankenreichen Schwung seiner Compositionen. Wenn seine nächsten Schüler ihm auch in elfterer Beziehung nahe kamen, so ging ihnen doch in letzterer Beziehung Vieles, ja Alles ab, so daß sie bald nur in bloß äußerliche Nachahmung seiner Ausfassungs- u. Darstellnngsweise verfielen. Neben Rafael arbeitete sein großer Nebenbuhler Michel Angela, welcher wie Rafael durch Papst Julius II. nach Rom berufen wurde, wo sie im Vatican, St. Peter u. anderen Orten ihre umfangreichsten u. bedeutendsten Werke schufen. Der Manierismus, in den die Schüler Rafaels verfielen, gibt sich schon in seinem nächsten und talentvollsten Schüler, Giulio Romano (1492 bis 1546), kund, der bei meisterhaftem Colorit u. großer Formengewandtheit theils in nüchterne Nachahmung verfiel, theils sich auf Darstellung von sinnlich-lüsternen Motiven, bes. aus der antiken Mythologie, verlegte. Außerdem sind noch zu nennen: Primaticcio, Sabattini, Timoteo della Vite, Giovanni da Udine. Schon nach der Mitte des 16. Jahrh. kommt die Schule ziemlich in Verfall, e) Als Fortsetzung der Florentin- ischen Schule Leonardos kann die sog. Lombardische Schule betrachtet werden, welche, theils in Mailand, theils in Parma sich concentrirend, ebenfalls einen Gegensatz gegen die Venetianische Schule bildete, indem sie, unter Vernachlässigung der Zeichnung, das Colorit auf eine besondere Weise behandelte. Namentlich war es, außer Luini, Boltrasfio u. il Sodoma, vorzüglich der berühmte Meister des Helldunkels, Antonio Al- legri, genannt Correggio (1494—1534), der in seinen Werken die malerische Schönheit durch die tiefe Harmonie der Tonstimmung zu einer zauberhaften Wirkung erhob. Seine Schüler verfielen jedoch bald, wie Parmeggianino, Ron- dano und Gatti, ins Süßliche, oder, wie Ba- rocci, ins Barocke (daher der Name), oder endlich ins Eklektische, wie später Schidone u. Pro. caccini, die schon dem Ausgange der Periode angehören. k) Endlich ist noch die Schule von ^ Bologna zu erwähnen, welche, von Francesco Francia begründet (1450 — 1517), eine gewisse Verwandtschaft mit der Umbrischen Schule zeigt. Zu ihren hervorragenden Meistern gehört der Schüler Francias, Timoteo della Vite, und Jnnocenzio da Jmola, die sich später indessen an die Umbrische Schule u. namentlich an Rafael anschlossen. 2) Im Anschluß an die italienische H. - ist zunächst die französische, sodann die span. ische H. zu erwähnen, a) Der erste nennens- ! werthe Historienmaler Frankreichs, Roux de Roux, hatte sich bereits nach Michel Angelo gebildet. Er gehörte, der sog. Schule von Fontainebleau an, die durch den von Franz I. an den ^ französischen Hof berufenen Leonardo da Vinci begründet worden war. An Roux schlossen sich an Primaticcio (1504 — 70) und dessen Schüler. Einen etwas höheren und selbständigeren Aufschwung nahm die Schule unter Heinrich II., der ' besonders Jean Cousin (1500 — 89) u. Jean Goujou (st. 1571) mit Ausmalung der königl. Schlösser beschäftigte. Zu einer besonderen Blüthe gelangte jedoch die französische H. in dieser Periode nicht, b) Spanien nimmt gegen die Mitte des 15. Jahrh. unter niederländischem Einfluß einen Anlauf auf Classicität, der jedoch durch den im 16. Jahrh. sich bemerkbar machenden Einfluß der italienischen Malerei u. namentlich der Veue- tianischen Schule bald in eine vorwaltend coloriji- ische Tendenz sich verwandelte. Schon früh zeigt sich hier, bei großer Neigung für ein tiefes und kraftvolles Colorit, ein Vorwalten weißlicher und schwärzlicher Grundtönung, das sich bis aus Ende dieser Periode erhält. Die Motive sind durchaus typisch-religiöser, oft ans Fanatische streifender Art. ^ Als hervorragende Meister sind zu nennen: Louis ; de Morales, Louis de Vargas (1505 — 68), Coello (1515 — 90), Fernande; Navarrete (1526 — 79) u. A. Die eigentliche Hauptblüthe der spanischen H. fällt erst in die folgende Periode. 3) In den Niederlanden hatten am Schluffe der vorigen Periode die Gebrüder Hubert und Jan van Eyck den Grund zu einer höheren Kuustblüthe der H. gelegt. Sie nehmen in dieser Beziehung eine ähnliche Stellung ein, wie Fiesole in der italienischen Malerei. Ihre hauptsächlichsten Schüler, Rogier von Brügge u. Martin Schongauer zu Kolmar (um die Mitte des 15. Jahrh.), später Hans Memling in Brügge (uni 1480) u. Rogier van derWeyden (um 1530), blieben derselben Richtung treu, die religiösen Motive in einer delicaten Manier zu behandeln, welche große Innigkeit der Empfindung mit einem liebenswürdigen u. naiven Naturalismus verband. In der ersten Hälfte des 16. Jahrh. gewann die Reformation einen wesentlichen und nachhaltige» I Einfluß auf die niederländische H., namentlich hm- . sichtlich der Wahl u. Auffassnngsweise der Motive; an die Stelle des Madonnencultus u. der Heili- genlegende traten theils biblisch-historische, theils mythologisch-allegorische Sujets, welche in einer mehr und mehr naturalistischen Weise behandelt wurden, die zuletzt völlig genrehast wurde u. da- Historienmalerei. 339 durch der H. überhaupt ein Ende machte. An der Stelle derselben begann jetzt das Genre, das Portrait, die Landschaft und das Stillleben emporzn- blühen. Ein besonderer Zweig der Niederländischen Schule, die Brab antische, trat in der erstenHälfte des 16. Jahrh. in den Vordergrund; als Hauptmeister gilt Quintin Messys, dem sich Leonhard Orley u. A. anschlossen. Neben ihnen sind als bedeutende holländische Meister zu nennen: Lucas von Leyden, Mabuse, Scho- reel, Heemskerk u. JanMostaert. Auch die mederrheinischen Meister sind hierher zu rechnen, namentlich Jan van Kalkar. Unter italienischem Einflüsse, der sich gegen das Ende der Periode mehr und mehr verstärkte, standen Martin de Vos u. dessen Schüler, Heinrich van Balen u. Cornelius Cornelis. Es zeigte sich jener Einfluß theils, hinsichtlich des Inhalts, in einer Tendenz ans allegorische-mythologische Motive, theils, hinsichtlich der Technik, in dem Bestreben nach einer der Venerianischen Schule verwandten sinnlich-realistischen Coloristik. Eine gewisse Selbständigkeit bewahrten nur Franz Floris (1510 bis 1570), Peter de Witte, Heinrich Goltzius, Benins u. einige Andere. 4) In Deutschland bildet um die Mitte des 15. Jahrh. der obenerwähnte Martin Schön (Schöngauer) das Verbindungsglied mit der niederländischen H. Ihm schließt sich zunächst aus der Schwäbischen Schule Hans Holbein d. Ä. in Augsburg an, während in der Fränkischen Schule, die durch Michael Wohlgemuth in Nürnberg (1434 bis 1519) u. noch mehr durch seinen großen Schüler, Albrecht Dürer (1471 — 1528), zu hoher Entwickelung gebracht wird, eine weniger penible, vielmehr derbe und freie Behandlungsweise, verbunden indessen mit einem liebevollen Eingehen in die Natur, vorwaltet. Der Einfluß der Reformation machte sich auch hier, namentlich in der Wahl der Motive geltend; man wandte sich theils der biblischen Historie, theils der mythologischen Allegorie zu, n. zwar in einer bei aller Realistik doch sehr bemerkbaren Phantastik der compositio- nellen Gestaltung. Unter dem unmittelbaren Einflüsse Dürers, der nicht nur durch die tiefe In- nigkeit seiner Empfindung und die Größe seines Stils, sondern auch durch vielfache, selbst wissenschaftliche Förderung der Technik (Anatomie und Proportionslehre) sich große Verdienste um die deutsche Kunst erworben hat, standenHans Burg- mair in Augsburg (1473 —1517) und Barth. Zeitblom in Ulm (1468 —1514). Vor Allem aber wurde der Schwäbischen Schule durch den genialen Hans Holbein d. I. zu Basel (1498 bis 1554), dem Meister der berühmten Todten- tänze, ein außerordentlicher Ansschwung verliehen, während die Fränkische Schule in den bedeutenderen Schülern Dürers, namentlich Hans von Kulmbach, Aldegrever, Schänsfelin, die beiden Beham, Glockendon, Altdorfer u. s. s. sortlebte. Diesen Schulen gegenüber bildete nun eine dritte, die Obersächsische, einen gewissen Gegensatz, namentlich in dem Verwalten magerer und in die Länge gezogener Formen; sie hat indessen nur einen bedeutenden Namen aufzuweisen, den durch Vater und Sohn repräsentirten Namen Lucas Cranach, von denen der jüngere bis in das letzte Viertel des 16. Jahrh. hinabreicht. Mit dem Ende dieses Jahrhunderts verliert sich die H. u die Malerei überhaupt in Deutschland, bis sie erst nach länger als 100 Jahren, theils in eklektischer Weise, theils in Opposition gegen den Ungeschmack der Zopfzeit, wieder zu einer gewissen Bedeutung gelangt. V. An der Nachblüthe der H., welche, gegen das Ende des 16. Jahrh. beginnend, bis zum Schluffe des 17. reicht, nehmen zunächst die Italiener n., im Anschlüsse an sie, die Franzosen, sodann die Spanier u. die Holländer theil. 1 ) In Italien zeigt sich die Ernüchterung, welche mit jedem Verfall der Kunst verbunden ist, bes. in der Wahl n. Behandlungsweise der Motive, da der innere Schöpfungstrieb mit der erkaltenden Begeisterung für die religiösen Ideen, welche in den alten Meistern zur Hervorbringung jener bewundernswürdigen erhabenen Werke geleitet hatte, abnahm, um einer mehr verständigen, handwerksmäßigen und, was den Inhalt betrifft, doc- trinären Behandlungsweise Platz zu machen. So entwickelte sich gegen das Ende des 16. Jahrh. jene, bes. durch die Carracci vertretene Richtung, welche man die akademische genannt hat. Als Schule concentrirte sich diese Richtung in Bologna, wo (um 1600) die drei Carracci: Lu- dovico mit seinen beiden Neffen Agostino und Annibale, als eigentliches Ziel aller historischen Composition die Stilreinheit auf der Basis des Studiums der Antike proklamirten. Der Inhalt war damit völlig freigegeben; es handelte sich nur noch um eine Verwerthung der hervorragendsten Eigenschaften der Meister aller Schulen; ein Streben, das zu einer Verwischung der sonstigen Schuldifferenzen u. schließlich zu einem mehr od. weniger geistlosen Eklekticismus, anderseits, wo die Natur zum maßgebenden Vorbilde genommen wurde, zu einem nicht minder geistlosen Naturalismus führte. In ersterer Richtung sind namentlich Guido Reni (1575 —1642) mit seinen zahlreichen Schülern: Francesco Albani, Domeni- chino, Guercino da Cento, Lanfranco, Sassoferrato u. A., zu erwähnen; eine besondere süßliche Richtung schlug Carlo Dolce mit seiner Tochter Agnese ein. Die zweite, naturalistische Richtung entwickelte sich zunächst aus einer Opposition gegen die mit jedem Eklekticismus nothwendig verbundene Charakterlosigkeit, die sich auf eine bloß äußerliche Auswahl u. Combination technischer Vorzüge, beschränkte n. dabei die innere Nothwendigkeit der natürlichen Gestaltung aus den Angen verlor. Indem aber der Naturalismus gerade auf den letzten Punkt sein Hauptaugenmerk richtete, verfiel er seinerseits in Gewaltsamkeit u. Geschmacklosigkeit, die ihrerseits mit jeder einseitigen Natnrnachahmung verbunden ist. Haupt dieser gleichzeitig mit Leu Carraccis entstehenden Richtung ist Caravaggio (Michel Angelo Ame- righi); ihm folgten Simon Vouet ans Paris, Carlo Saraceno, besond. aber Ribera, gen. Spagnoletto, aus Valencia, welcher in Neapel eine zahlreiche Schule bildete, Jacques Courtois, Salvator Rosa, Fiamingo, Rusconi u. A., welche sämmtlich der Mitte des 17. Jahrh. ange- 22 * 340 Historienmalerei. hören. Hinsichtlich der äußerlichen Behandlung der H. ist zu bemerken, daß jetzt die dekorative Ausmalung großer Räume mit meist allegorisch- mythologischen Darstellungen zur Verherrlichung der fürstliche» Besitzer überhandnahm, wobei indessen mehr auf die handwerksmäßige Gewandtheit u. auf Entfaltung äußerlicher Pracht, als auf künstlerische Durchbildung Werth gelegt wurde. Namentlich zeichneten sich darin aus Lanfranco aus Parma, da Cortona, Ferri u. A. 2) In Frankreich bildete sich, nach dem Verschwinden der Schule von Fontainebleau, nach dem unter italienischem Einfluß gebildeten Simon Vouet, ein gemäßigter Naturalismus aus, jedoch innerhalb der Grenzen einer ziemlich nüchternen Correctheit u. schulmäßigen Stilstrenge. Hauptvertreter dieser Richtung waren Nicolas Poussin (1594—1665) u. sein Schüler PH. Champaigne (1602—74), bis durch die großartigen Malereien, welche im I. 1620 der große Meister Rubens im Palais Luxembourg ausgesührt hatte, die französische H. einen bedeutenden Anstoß erhielt, welcher bereits in den Werken des jüngeren Poussin (Kaspar Dughet) aus Rom, Charles Lebrun, der sich zum Haupt der sog. Versailler Schule unter Ludwig XIV. aufschwang, Mignard u. A. einen großen Einfluß offenbarte. Jchnen schlossen sich noch eine Reihe anderer Historienmaler an, in denen sich eine gewisse heroische Manier knudgab, die freilich nur allzubald in inhaltslose Gespreiztheit und hohles Pathos ausartete, gegen welche nur durch den isolirt stehenden Jacques Callot ver mittelst einer mehr od. weniger geistvollen Satire reagirt wurde. Hiermit war der Verfall der Frauzö fischen Schule besiegelt. 3) Die H. Spaniens dagegen, welche in der vorigen Periode nur erst verhältnißmäßig schwache Anläufe zu einer großartigeren u. stilvolleren Ausfassung der durch das kirchliche Dogma gegebenen biblischen u. legendarischen Motive gezeigt hatte, begann sich jetzt zu ihrer höchsten Blüthe zu entfalten. Zwar die gebräuchliche Unterscheidung in Schulen (zu Madrid, Valencia, Sevilla) hat hier, da wesentlich charakteristische Eigenthümlichkeiten sie nicht trennen, nur mehr locale Bedeutung; gemeinsam ist ihnen rieben dem liefen u. kraftvollen Colorit, das sich von der H. der anderen Nationen durch seine düstere, schwärzlich-graue Tönung, in welche alle Localtinten ausklingen, unterscheidet, eine große Kühnheit in der Komposition u. bei allem Naturalismus durchaus edle Anffassungsweise. Die bedeutendsten Meister entstammen der Schule von Sevilla, namentlich Juan des las Roelas, die beiden Herrera, Zurbaran, Alonso Cano, des. aber Diego Velasquez de Silva und Esteban Murillo, die beiden Hanptmeister der spanischen Malerei überhaupt. Aus den anderen Schulen sind als bedeutend zu nennen: Pereda (Madrid) u. Ribalta (Valencia), dessen Schüler der nach Neapel übergesiedelte Ribera war. Die Gegenstände der spanischen H. waren fast nur kirchlich-religiöser Art, die überdies zum größten Theil in einer bis zum Fanatismus potenzirten Feierlichkeit u. Jnbrünstigkeit behandelt wurden, womit das düstere Colorit und die mit großem Schmelz der Farbe verbundene Beherrschung eines wirkungsvollen Helldunkels harmonirle. Neben der H. wurde jedoch auch das Porträt u. das Genre (Velasquez) in meisterhafter Weise cultivirt. Als ^ im Laufe des 17. Jahrh. der schwächliche Fapresto- ! Maler Luca Giordano aus Italien nach Madrid ! berufen wurde, verlor die spanische H. ihren eigen- i thümlichen Charakter u. damit überhaupt ihre Bedeutung, so daß sie bereits gegen Las Ende des l Jahrhunderts ziemlich in Verfall gerieth. 4) Auch ! in den Niederlanden erhebt sich jetzt erst die H. > zu ihrer wahren Höhe, jedoch nur in einer der ! beiden nunmehr sich streng von einander trennenden Schulen; denn während die eigentliche Holländische Schule sich fast ausschließlich aus das niedere Genre, das Porträt, das Stillleben u. die Landschaft verlegte, nahm die Brabanter Schule durch Rubens einen energischen Anlauf zur Regeneration des großen historischen Stils in seinen verschiedenen Richtungen, der kirchlich-religiösen, antik-miithologischen u. allegorischen Malerei, nur daß dieser Stil, statt einer idealen Tendenz, durchaus dem Naturalismus huldigte, ja sich mit einer ! gewissen Vorliebe in einem oft mehr als derben Materialismus gefiel. Peter Paul Rubens (1577—1640), das Haupt dieser Schule, war nicht nur einer der fruchtbarsten Maler, sondern auch einer der gewaltigsten Herrscher im Reiche der Compositiou; sein Einfluß auf die Malerei nicht nur seiner eigenen Nation, sondern auch — infolge seiner mannigfachen diplomatischen Beschäftigung an den Höfen Spaniens, Frankreichs u. s. s. — auf die gesammte europäische Kunst, und auch nicht nur seiner Zeit, sondern auch der späteren Jahrhunderte bis auf die Gegenwart herab, ist ganz außerordentlich. Sein Colorit ist von überkräftiger Lebendigkeit und Tiefe, seine Zeichnung von überraschender Kühnheit und rücksichtslosester Naturwahrheit. Milder, aber auch edler u. feiner, erscheint unter seinen Schülern der geistvolle Ant. < van Dyck (1569—1650), während Jordaens, van Diepenbeck u. A. der derberen, färben- glühenden Weise des Meisters nacheiferten, Segh- ers, de Crayer u. I. van Mol dagegen sich mehr den Italienern anschlossen. Was Rubens für die Brabanter Schule, war Rembrandt für die Holländische. Meister in der effectvollsten Behandlung des Helldunkels, namentlich in glänzenden Lichtcontrasten, bleibt der Inhalt seiner Motive doch innerhalb einer untergeordneten Sphäre; ! unter der großen Menge seiner Nachfolger gehö- ! ren hierher nur eine Anzahl von Schlachten-, La- s ger- u. Wachtstubenscenen, die schon den Übergang von der Historie zum niederen Genre bilden, wie Stevens (Palamedesz), leDücq, Franz van Meulen, Huchtenburg, endlich auch PH. Wou- wermans, dessen Schlacht- und Jagdstllcke noch heute sehr gesucht sind, u. A. Den Italienern, u. zwar der Richtung Caravaggios, folgen Gerh. Honthorst und sein Bruder Wilhelm, denen sich I auch Maler anderer Nationen anschloffen, wie , Joach. von Sandrart aus Frankfurt, Skreta aus Prag n. Joh. Kupetzky aus Ungarn. Gegen das Ende der Periode (1700) verliert sich die H., selbst in ihren niederen Zweigen, fast ganz, um der Landschaft, dem Portrait u. befand, dem Stillleben Platz zu machen, bis auch diese Gatt« Historienmalerei. 341 ungen durch die überhandnehmende Entartung des Kunstgeschmackes überhaupt zu einem bloß mechanischen Leben herabsinken. VI. Die Periode des Verfalls der Kunst umfaßt ebenso wie die vorige ein Jahrhundert (1700 bis 1800). Die große Malerei, d. h. die H. in großem Stil, verschwindet allmählich gänzlich, nur seichte Allegorien zur Verherrlichung eines eitlen Despotismus, für welche bes. die antike Mythologie herhalten mußte, blieben an der Tagesordnung. 1) In Deutschland zeigt sich jedoch schon in der Mitte des Jahrhunderts eine vereinzelte Opposition gegen die von Frankreich ausgehende Geschmacksverderbnng durch eklektische Anlehnung an die Muster früherer Epochen; zu den Meistern dieser Art können gerechnet werden: Dietrich (1712—74), Weitsch, Kobell und der treffliche Charakterzcichner Dan. Chodowiecki (1726 bis 1801). Lebhafter n. entschiedener gestaltet sich die Reaction gegen den frivolen Zopfgeschmack durch den Einfluß, den die Anstrengungen Winckel- manns u., im Anschlüsse an ihn, Lessings zur Wiederbelebung des Verständnisses der Antike auf eine Regeneration der Kunst ausnbten. Auch hier war es wieder vorzugsweise Deutschland, welches dieser antikifirenden Reaction in der Kunst Geltung verschaffte. In erster Linie ist hier Rafael Mengs (1728—79) zu nennen, der sich neben der Antike auch Rafael zum Vorbilde nahm; ihm schlossen sich später an Tischbein, B. Rhode, Graff u. Angelica Kauffmann. Dennoch fehlt diesem immerhin achtungswerthen Epigoncnthnm eine echt originale Tendenz. Mit solcher tritt, und zwar in specifisch antikem Geiste, Asmus Carstens (1754—98) auf, ein Künstler von hohem Schönheitsgesühl u. echter, aufs Ideale gerichteter Begeisterung. Ihm schlossen sich an, z. Th. schon in das jetzige Jahrh. hineinrcichend, Wächter, Füßli, A. I. Koch, Tischbein d. I., Weitsch d. I., v. Kügelgen, Franz Catel u. G. Schick. 2) In Frankreich war es die große Revolution, welche auch in der Kunst einen völligen Umschwung des Geschmackes zuwege brachte. Wie im äußeren politischen Leben, gab auch hier der altrömische Repnblikanismus die Formen für die ästhetische Umwälzung her: so entstand die sog. Classische Schule, als deren Begründer I. Louis David (1749—1825) austrat. Aber schon in seinen nächsten Schülern, JeauGros, L.Girardet, Gue- rin, Blondel u.A., zeigte sich die Impotenz u. Nüchternheit dieser Richtung, die im Grunde nur ein pathetisch-verständiges Spiel mit antiken F-or- men war, dem jedes innere Leben fehlte: theatralische Gespreiztheit galt als antike Strenge, rhetorisches Pathos für dramatische Classicität. Dennoch liegt, im Vergleich mit der bisherigen Schwächlichkeit und frivolen Trivialität des Perrllckenstils, in dieser Rhetorik immerhin eine gewisse Großartigkeit, schon hinsichtlich der Wahl der Motive, die meist dem römisch-republikanischen Alterthum entnommen wurden. 3) Auch in anderen Ländern fand diese Richtung Nachahmer: in den Niederlanden Paliuck, in Italien Appiani und Ca- muccini u. s. f. Es war nothwendig, daß, wie diese antikisirende Tendenz aus einer Reaction gegen den frivolen Zopfstil hervorgcgangen war, so gegen jene Einseitigkeit abermals in Opposition getreten werden mußte, um das Gleichgewicht herzustellen. Diese Reaction bezeichnet in der Romantischen Schule den Beginn der neuesten Periode der H. VII. Die neueste Periode der H. oder die moderne H. im engeren Sinne kennzeichnet sich, im Unterschiede von der gesammten früheren Entwickelung, bes. dadurch, daß eine bewußte Trennung zwischen den verschiedenen Zweigen der Ge- sammtgattnng eintritt u. daß namentlich die H. in dem engeren Sinne einer Darstellung geschichtlicher Thatsachen gegenüber einerseits der mythologischen Allegorie, anderseits der religiösen Malerei gefaßt wird. Schon in dem durch die sranz. Revolution ins Leben gerufenen Tlassicismus Davids werden mit Vorliebe rein geschichtliche Themata, deren Motive allerdings fast ausschließlich dem republikanischen Alterthum entnommen waren, zur Darstellung gewählt; aber sie waren immerhin mit einer Tendenz, nämlich mir der eingestandenen Beziehung auf den politischen Geist der damaligen Zeit, behaftet, also im künstlerischen Sinne ebensowenig frei wie die mittelalterlich- religiöse H. von der Schranke des kirchlichen Cultus. Erst in der letzten Periode gelangt man zu dieser Freiheit; aber nicht unmittelbar, sondern im Wege eines abermaligen Znrückgreifens auf eine frühere Kunstepoche, jedoch nicht, wie im Davidschen Llassi- cismus, bis auf die Antike, sondern bis zum Mittelalter. 1) In der Entwickelung der deutschen H. dieser Periode lassen sich daher mehrere bestimmt von einander geschiedene Phasen unter- scheiden, nämlich die religiös-romantische des Nazarenerthums, die profan-romantische der alt- vüsseldorfer Schule u. die neueste Phase, welche Lurch ihre Spaltung in die verschiedenartigsten Richtungen ein wesentlich eklektisches Gepräge zeigt, a) Die erste Phase wird durch die Cornelius- O v erb e cksch e Schule repräsentirt. Peter von Cornelius ist einer der erhabensten Künstlergeister der Neuzeit; er bildet den Übergang von der vorigen Epoche zu der gegenwärtigen, denn während er in seinen ebenso geistvollen wie großartigen Com- Positionen zum Trojanischen Kriege noch ganz in der Antike stand, wandte er sich, im Verein mit Overbeck u. anderen Gesinnungsgenossen, bald ausschließlich der großen monumentalen Behandlung religiöser Motive zu, deren großartigste Darstellungen in dem Cyklus von Compositionen für das Berliner Camposauto enthalten sind. Ihm schlossen sich die beiden Niepenhausen, PH. Veit, Wilhelm Schadow u. eine Reihe späterer Schüler an, die jedoch weit hinter der Größe des Meisters zurückblieben. Wenn nun auch das in der Cornelius-Overbeckschen Richtung liegende Mißverständniß, als ob Lurch ein Zurllckgreifen ans einen früheren Standpunkt eine lebenskräftige Regeneration der Kunst möglich sei, für die Zukunst ohne nachhaltige Wirkung bleiben mußte, so war doch durch die in derselben liegende Tiefe der Empfindung ein Anstoß gegeben zur Entwickelung einer neuen Richtung, der profan-romantischen näin- lich, welche sich gegenüber dem Nazarenerthum der Overbeckianer dem geschichrl. Inhalt der Vergangenheit zuwandte. Vereinzelte Triebs der ersteren 342 Hlstoriciimalcrei. Richtung haben sich indessen bis in die neueste Zeit fortgcpflanzt, wie die beiden Müller und Deger in Düsseldorf, Führich in Wien, Pfann- schmidt in Berlin u. s. s., in denen jedoch die frühere Größe n. Innigkeit der Empfindung meist in kleinliche Empfindelei u. sentimentale Schwächlichkeit ausgeartet ist. i>) Der Romanticiswus, äußerlich gefördert durch das Studium der bes. seitens der Gebrüder Boisseree angelegten Sammlungen, sowie durch rege Theilnahme des Königs Ludwig I. von Bayern, bes. aber angeregt durch die in der Literatur u. namentlich in der Poesie zu Tage tretende Stimmung für mittelalterliche Sage u. Geschichte, entfaltete sich zu einer raschen Blllthe u. fand im Publicum überall einen freudigen Anklang. Er concentrirte sich besonders in Düsseldorf, da in München der Einfluß von Cornelius so lange überwog, bis Kaulbach der Münchener Schule eine ganz neue Richtung gab, in Berlin aber unter der Direktion G. von Schadows sich eine strengere akademische Richtung erhielt. Der Begründer der Düsseldorfer romant ischen Schule ist Karl Friedrich Lessing, der zuerst die profane Geschichtmalerei in seinen großen Historiengemälden aus der Reformationsgeschichte als spccifische Gattung ausbildete. Ihm schlossen sich an Th. Hildebrandt, Karl L>ohn, Ed. Bendemann, Julius Hübner, der später nach Dresden übersiedelte, wo schon Schnorr v. Carolsfeld in gleicher Richtung arbeitete, ferner E m. Leutze, sowie einige untergeordnete Talente, wie Stilke, Schräder, der später in Berlin einc eigene Schule gründete, Steinbrück u. A. Allmählich war der in der Romantik überhaupt liegende lyrisch - sentimentale Zug zu einer schön- seeligen Schwächlichkeit herabgcstimmt, die sich in elegischen Tranergemälden wohlgefiel, so daß im Schoße der Schute selbst zuletzt ein Rückschlag ins Komische erfolgte. Den Trauernden Juden, Trauernden Königspaarcn und anderen Traner- scenen wurde durch die Trauernden Lohgerber Ad. Schrödters ein plötzliches Ende bereitet u. damit dem Romaniicismus selbst, wenn er auch noch in einzelnen Vertretern sortvegetirte, der Boden seiner Existenz entzogen. Seitdem hat sich in Düsseldorf, nach längerer Pause, eine jüngere, dem Realismus zugcneigte Schule gebildet, welche einige tüchtige Talente, wie Ad. Schmitz, Baur, Jenssen u. A., aufweist, ohne daß indessen die H. einen höheren und bedeutenderen Aufschwung genommen hätte. Die materialistische Richtung der Zeit hat das Interesse von den großen monumentalen Aufgaben der Kunst ab- u. den ansprechenderen der niederen Gattungen, namentlich dem Genre u. der Landschaft, zugelenkt. — Eine eigcnlhllmliche Richtung gab, nachdem K. Naht, ebenso tüchtig als Colorist wie als Componist, nach Wien übergesiedelt war, der Münchener Historienmalerei Will), von Kaulbach durch die Ein- führnng der sog. symbolisch-historischen Cultur- gejchichtmalerei, in welcher ohne Rücksicht auf Orts- u. Zeiteinheit rein ideelle Beziehungen u. philosophische Combinationen durch persönliche Repräsentanten in ganz realistischer Behandlung versinnbildlicht werden. Die umfangreichsten Schöpfungen dieser Art sind die großen Culturgemälde im Treppenhanse des Neuen Museums in Berlin. Nach Kaulbachs Tode hat sich dieser abstrakten u. in sich unmalerischen Richtung gegenüber die ^ schon früher in München durch Karl v. Piloth , gegründete realistische Schule zu einer größeren Bedeutung erhoben. — Inzwischen bildeten sich (in den 50er u. 60er Jahren dieses Jahrh.) neben > den bisherigen Hauptcentren der Malerei in ! München, Düsseldorf, Berlin, Dresden, Wien durch ! Bildung von Akademien neue Sammelpunkte der ' Kunst: in Königsberg, Weimar, Karlsruhe u. s. s,, ' ohne daß jedoch dadurch der H. ein wesentlicher Vorschub geleistet wurde. Ans neuerer u. neuester ^ Zeit sind als originale Talente noch zu erwähnen: ! Ad. Menzel, Gust. Richter, A. v. Werner, ! R. Henneberg u. A. in Berlin, Hans Mackart, s Anselm Feuerbach u.A.inWien, Wislicenus in Weimar, W. Lindenschmit in München u. s. s,; im Großen u. Ganzen trägt indessen die heutige H. ein wesentlich eklektisches Gepräge, welches darauf hindeutet, daß sie sich in einem Übergangsstadium befindet, dessen Ziel gegenwärtig noch nicht ! zu bestimmen ist. — 2) In Frankreich erhob sich, parallel mit dem Romanticismus, ebenfalls eine entschiedene Opposition gegen den immer nüchterner sich gestaltenden Davidschen Classicismns durch den allerdings von der deutschen Romantik sehr abweichenden Nomanticismus des großen Ingres, welcher große Tiefe des Gefühls mit strenger Stilisirung verband. Ihm schloß sich hauptsächlich Flandrin an. Das idealistische Element in dieser Richtung rief als Gegensatz eine realistische Richtung hervor, die bes. in dem als Schlachtenmaler des ersten Kaiserreichs berühmten Horace Vernet ihren Hauptvertreter fand, während das romantische Element zu einer besonderen Richtung sich entwickelte, welche viel Ähnlichkeit, namentlich hinsichtlich der Wahl der Motive, mit der deutsch-romantischen Schule zeigte. Robert - Fleury aus Lyon, Eugene Delacroix, Ary Scheffer u. A. arbeiteten in dieser Richtung, namentlich aber, wiewol schon mit etwas realistischerer Wendung, Paul Delaroche, einer der bedeutendsten Historienmaler Frankreichs, welcher glänzende Technik mit einer bei Franzosen seltenen Freiheit von Effecthascherei u. großer Objektivität in der dramatischen Scenirung seiner Motive verband. Ihm folgten, aber mehr u. mehr in einseitigen Manierismus verfallend, Decainps, Hebert u. A. In neuester Zeit hat sich die französische H. nur noch in wenigen bedeutenden . Talenten erhalten, während das Streben nach i pikanten Effecten, sowol was die Motive als was ! die coloristische Behandlung betrifft, mehr u. mehr ! Überhand genommen, und so auch hier wie in > Deutschland zu einer eklektischen Zersplitterung geführt hat, welcher bis jetzt ein bestimmtes Ziel fehlt. — 3) Eine große Verwandtschaft mit der französischen H. zeigt die neuere belgische Maler- schule. Während in den Niederlanden die Traditio» der altholländischen Meister bis heute sich erhalten hat, weshalb sie für die H. im höheren Sinne des Wortes von geringer Bedeutung ist, tritt in Belgien gegen die Mitte dieses Jahrh,, ans der Grundlage des Studiums von Rubens u. van Dyck, eine ebenso koloristisch wie compo- 343 Historik — Historische Vereine. fltionell bedeutende H. in den Wettkampf mit der französischen ein. Durch G. Wappers aus Antwerpen, Ed. de Biefve ans Brüssel, Nic. de Keyser, bes. aber durch L. Gallait ans Tournay u. Leys aus Brüssel, sowie, in einer mehr ideal- istischeren Richtung, durch Gnffens und van Swerts erhielt sowol die realistische wie die monumentale H. einen Aufschwung, der sie den bedeutendsten Schulen der anderen Nationen, namentlich Frankreichs, durchaus ebenbürtig erscheinen läßt. Die jüngeren Kräfte scheinen jedoch sich theils von der großen H. zurückziehen, theils auf eine Anlehnung an die älteren Meister beschränken zu wollen, so daß denn auch hier in der letzten Zeit, wie in den übrigen Schulen, eine gewisse Stagnation eintritt, welche noch nicht ihr Ende erreicht hat. — 4) Was Italien und Spanien betrifft, so stehen am Anfänge der gegenwärtigen Periode, »ach völliger Erschlaffung der künstlerischen Productionskrast in der vorigen, beide Länder nnter dem Einflüsse des französischen Classicismus Davids, daß von einem höheren Aufschwung der H. die Rede nicht sein kann. In neuerer Zeit hat sich dieser nüchternen Richtung gegenüber ein mehr dem Realismus zugewandtes Streben gezeigt, welches in Italien durch Saba- telli, Belosio, Azeglio, Liparini, Minardi u. einige Andere, in Spanien durch Valentin Carrera, San Roman, Ortega n. A. vertreten wird. Bon einer tieferen Auffassung u. einer großartigen Behandlung der historischen Motive ist jedoch in beiden Ländern nichts zu bemerken. — 5) England ist überhaupt erst spät in die Kunstgeschichte eingetreten, weshalb es hier ohne periodische Eintheilung im Zusammenhänge zu betrachten ist. In früherer Zeit wurden, aus Mangel an eigenen Kräften, vielfach fremde Künstler an den Hof von London berufen, so Holbein, Rubens, van Dyck im 16. und 17. Jahrh., später Kneller aus Lübeck (um 1700), an Len sich Nichardson, der erste wirkliche Historienmaler Englands, anschloß. Als originaler englischer Maler erscheint Hogarth (1697—1764),der jedoch kaum unter die Vertreter der H. gerechnet werden kann, da er sich meist auf satirische Caricatur- Darstellungen mit moralischer Tendenzpointirung beschränkte. Als Gründer der original-englischen historischen Schule ist vielmehr Josua Reynolds (1723—92) zu betrachten, der auch hinsichtlich des Colorits einen bedeutenden Fortschritt kennzeichnet. Neben ihm sind zu nennen: James Barry, Northcote, Nothardt u. A., die schon in die letzte Periode hincinreichen. Eine eigentliche Fortentwickelung, ausgenommen in der Technik, zeigt indessen die englische H. bis in die neueste Zeit hinein nicht, obwol bedeutende Talente als ihre Vertreter auftreten; so Thomas Lawrence (1769—1830), Eastlake, Landseer, Mulready u. A. — 6) Endlich sind noch in Dänemark u. Schweden, die beide erst in neuerer Zeit in dis Kunstgeschichte eintreten, einige Namen zu nennen, wie Marstrand, Simonsen, Jerichau-Bau- mann aus Kopenhagen, Wertmüller, Breda, Per Hörberg, Holmbergson, Södermark in Stockholm. — Auch in Ungarn und Polen zeigt sich in neuester Zeit eine regere Betheiligung an der Kunst, obschon hier die H. nur durch vereinzelte Namen, wie Muiikaksy, Siemiradzki n. A., vertreten ist. — (Über die besondere Entwickelung der einzelnen Schulen der H. siehe die Specialartikel: Florentinische, Französische, Niederländische u. s. f. Malerei, sowie die Biographien der einzelnen Hauptmeister.) Literatur: Die Geschichte der H. ist in bes. vollständigen Werken nicht behandelt, sondern entweder in allgemeinen kunstgeschichtlichen enthalten, oder in Specialwerken über einzelne Schulen vertheilt. Die hauptsächlichsten Arbeiten beider Gattungen sind: Fiorillo, Geschichte der zeichnenden Künste rc., Gött. 1798—1808, 5 Bde.; Knglcr, Handbuch der Geschichte der Malerei, Berl. 1837, 2 Bde., 2. u. 3. Ausl, von Burkhardt, 1847 u. 06 . Detailwerke über einzelne Schulen u. Künstler: a) über antike H.: Jnnins, Vs piotnra vstsrnm, Rotterd. 1694; Durand, Vwboirs äs 1a psiutnrs aneisnns, London 1725; Turnbnll, Vrsabiss on auoisnd piebnrs, ebd. 1740; Requeno, 8nMi snl ristabilmsnto äsli' anriea arts äs' Orsei s äsi Komaul Mtori, Parma 1787, 2 Bde.; b) Von deutscher und niederländischer Malerei handeln: Förster, Geschichte der deutschen Kunst, Lpz. 1851 bis 1855, 3 Bde.; Hotho, Gesch. der deutschen n. nieder!. Malerei, Berl. 1842—43; Graf Raczynski, Gesch. der neueren deutschen Kunst, ebd. 1836—41; Springer, Geschichte der bildenden Künste im 19. Jahrh., Lpz. 1858; Schnaase, Gesch. der bildenden Künste, 2. Allst. 1866 ff., 6 Bde. unvollendet; Hagen, Die deutsche Kunst in unserem Jahrh., Berl. 1857, 2 Bde.; o) Passavant, Die christliche Knust in Spanien, Leipz. 1853; Rossini, Ltoria äslla xitbnra italiaua, 2. Ausl., Pisa 1848—52, 7 Bde. (Siehe auch die Literatur nnter Malerei, Bildende Künste, sowie bei den einzelnen Künstler- biographien.) SchaA-r. Historik (Historiographie), Geschichtschreibung; Historiker (Historiograph), Geschichtschreiber. Historikotheolögie (v. Gr.), die Art, den Beweis für das Dasein Gottes aus der Geschichte zu führen; s. u. Theologie. Historisch, geschichtlich. Historische Erkenntnis;, empirische Erkennt- niß, sofern solche bes. auf dem glaubwürdigen Zeugniß Anderer beruht. Historische Vereitle, alle jene Gesellschaften u. Institute, deren Bestrebungen ausschließlich auf die historischen Wissenschaften und die mit diesen in Verbindung stehenden Wissenszweige gerichtet sind. Ihre Entstehung u. größere Ausbreitung in Deutschland fällt in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts, und gab der damalige preußische Minister Freihr. vom Stein durch die Gründung der Gesellschaft für Deutschlands ältere Gcschicht- knnde zu Frankfurt a. M. (1819) lebhafte Anregung zur Errichtung solcher Institute, die denn auch bald in allen Theilen Deutschlands aufs Kräftigste emporblühten. 'Nicht bloß durch persönliche Zusammenkünfte, öffentliche Sitzungen und Forschungsarbeiten der Vereinsmitglieder, die zunächst auf Erörterung fachwissenschastlicher Fragen, Ausgrabungen ans historisch-denkwürdigen Gefilden, Ankäufe werthvoller alterthümlicher Objecte und Sammlungen, Errichtung von Museen, Wahr- 344 Historische Vereine. nehmung histor. Interessen, Erhaltnng knnsthistor. BauLentmale rc. gerichtet sind, sondern namentlich auch dnrch Herausgabe periodischer Fachzeitschriften (Abhandlungen, Jahrbücher, Archive, Wochen- und Monatsschriften u. s. f.), die theils dnrch VereinSmittel, zuweilen auch dnrch Subvention einzelner Geschichtsreunde unterhalten u. in denen die Ergebnisse der gemeinsamen Forschungen und Arbeiten nicdergelegt werden, suchen die H-n V. der sich gestellten Aufgabe mit Eifer u. Erfolg sich zu entledigen. Bei dem in Deutschland allenthalben steigenden Interesse fiir historische Forschungen u. der damit verbundenen weiteren Ausbreitung der H-u B. erschien ein gemeinsames Organ zur geistigen Verbindung derselben uothwendig u. es entstand auch ein solches im 1.1831 in Paul Wigands Jahrbüchern der Vereine für Geschichte u. Alter- thumSknnde (12 Hefie, Lemgo 1831—32), denen bald Walthers Shstemat. Repertorium über die Schriften sämmtl. H-n V. Deutschlands (Darmstadt 1845) folgte. Im 1.1852 fand dann, angeregt durch dieGermanistcnversammlnngenzu Frankfurt a. M., Lübeck (1846 ff.) u. Dresden (1852), auf der zu Mainz zusammenberufenen Generalversammlung Deutscher Geschichtforscher die Gründung des Gesammtvereins Deutscher Geschicht- u. Altcrthumsvereine statt, der noch heute alljährlich anwcchselndeu Orten eineVersammlung veranstaltet u. als Centralorgau das Correspondenzblatt des Gesammtvereins rc. herausgibt. Unter Zugrundelegung von Stöhrs Allgem. deutschem Vereinshand- buch (Frankfurt a. M. 1873), nach welchem die Zahl der H-n V. in Deutschland 111 beträgt, lassen sich diese, ihren verschiedenen historischen Disciplinen entsprechend, in folgender Weise zusammen- fasseu: 1) H. oder Alterthnmsforschende V. (im weitesten Sinne), die im Allgemeinen der Erforschung der Geschichte eines Landes, einer Provinz, eines Kreises, der vaterländischen Ge- schichtquellen, der Erhaltung u. Sammlung von Denkmälern n. Alterthümern überhaupt, der Errichtung von Landesniuseen u. der Veröffentlichung von älteren Schriftwerken (Jncnnabeln, Dokumenten, Urkunden, Chroniken, Tagebüchern, Briefwechseln), sowie ihrem Wirkungskreis entsprechend auch der Aufzeichnung historischer Ergebnisse (auch aus neuerer Zeit) obliegen. (Vgl. den Art. Alterthumsvereine, sowie weiter unten einen die dort verzcichneten Vereine ergänzenden Nachtrag.) 2) H. Local-V. oder auch historisch-topographische Vereine zur Erforschung der Geschichte von enger begrenzten Gebieten u. einzelnen Städten, Orten und deren Umgebung. Hierher gehören die Vereine für die Geschichte Berlins (1865), für die Geschichte und Topographie Dresdens (1869), für Frankfurts Geschichte u. Kunst, für die Geschichte des Bodensees zu Friedrichshasen (1868), für dis Geschichte Leipzigs (1857) u. f. w. 3) Historisch-statistische (auch topographisch- statistische) Vereine, in deren Wirkungskreis nicht bloß historische Disciplinen, sondern auch vorzugsweise die Statistik der einschlägigen Gebietstheile zu rechnen sind, wie der Historisch-statistische Verein zu Frankfurt a. O. (1831). 4) Historischtheologische u. Kirchlich-Historische Vereine, die sich theiis mit speciell theologisch - historischen Disciplinen (Kirchengcschichte) befassen, theils aus die kirchliche Alterthnmsforschung, kirchliche Kunst, Gebräuche u. Sitten rc. sich erstrecken; wir nennen den Kirchlich-Historischen Verein zu Freiburg i. B. (1862), die Historisch-theologische Gesellschaft zu Leipzig, den Historischen Verein für Ermelaud in Franenburg (1856). 5) Philologisch--H. V., gewöhnlich mit Universitäten verbunden u. ausschließlich philologisch - historische Disciplinen verfolgend. Hierher gehören auch die Historischphilologischen Sectionen (Klassen) der Akademien und Gesellschaften der Wissenschaften (s. L.). 6; Numismatisch-sphragistische u. Heraldischgenealogische Vereine u. Institute, die in der Regel (als verwandte Vereine) Hand in Hand gehen; erstere zur Pflege der Münzen- u. Siegelkunde, letztere zur Förderung der Wappen- und . Stammbaumkunde: Numismatische Vereine zu Berlin und Hannover (1868), Der Verein silr Heraldik u. Numismatik zu Dresden, Das Heraldische Institut zu Breslau (1872), Der He- » raldische Verein Adler in Wien. 7) Archäolog- * ische Vereine zum Zwecke von Untersuchungen über die Geschichte, Gebräuche u. Überbleibsel von Urvölkern oder älteren Landesbewohnern (prähistorische Cultnrstudien, anthropologische Archäologie), , z. B. die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie u. Urgeschichte mit Zweigvereinen zu Berlin, München, Wien rc. Außer ihr bestehen noch archäologische Vereine zu Bonn, Rottweil, Trier, die jedoch auch die anderen historischen Disciplinen in ihren Wirkungskreis gezogen haben. 8) Kunst- u. Culturgeschichtliche Vereine, vorzugsweise zur Erforschung mittelalterlicher Kunst- u. Culturgeschichte ü. deren Förderung in der Gegenwart. Zu solchen Vereinen können ge- ; zählt werden: Der Verein für Kunst- u. Culturgeschichte in München, Der Verein für Kunst u. Alterrhum in Ulm, Die historische Gesellschaft des Künstlervereins in Bremen (1861), Die Gesellschaft für bildende Kunst u. vaterländische Alterthümer zu Emden (1820). 9) Mnseumsvereine (s. auch unter Museen), deren Endzweck speciell die Errichtung, Unterhaltung und Verbreitung von Museen und Sammlungen, auch öffentliche Vorlesungen, nicht bloß auf historischem, sondern auch ans anderen wissenschaftlichen Gebieten, ins Äuge faßt. Dahin gehören namentlich die zahlreichen sog. Mnseumsgesellschaften in Österreich (s. unten), n. in Deutschland: Der Verein für das Museum schlesischer Alterthümer in Breslau (1858), Das Conservatorium der Knnstdenkmale u. Alterthümer in Karlsruhe (1844). Außer den bereits vorstehend angeführten u. in dem Art. Alterthums- vereine enthaltenen deutschen H-n V-n, auf die hiermit gleichzeitig verwiesen wird, wollen wir als Ergänzung nachträglich noch folgende der bemer- kenswerthesten anführen. Arnsberg: Historischer Verein für das Herzogthum Westfalen (1839); Berlin: Gesellschaft für ältere deutsche Geschicht- forschung; Elberfeld: Belgischer Geschichtverein; Freiburg i. Br.: Gesellschaft für Geschichtkunde (1826); Greifswald u. Stralsund: Gesellschaft für pommersche Geschichte u. Alterthumskunde (1826); Halle-Leipzig: Deutsche morgenländische Gesellsch. (1844); Kreuznach: Hist. Ver. für Nahe u. Huns- 345 Historische Vereine. rücken (1856); Königsberg: Alterthumsgesellschaft Prussia (1844); Lüneburg: Alterthums- u. Ge- schichtverein (1850); Mannheimer Alterthums- verein (1859); Meiningen: Hennebergischer Alter- thumsverein (1832); Münchener Alterthumsverein (1864); Osnabrück: Verein für Geschichte u. Landeskunde (1847); Die Vereine für Geschichte u. Alterthumskunde in Erfurt (1863), in Magdeburg (1866), in Quedlinburg (1868), in Schwerin (1835), in Sigmaringen (1867); Straßburg: Elsäsfische Gesellschaft zur Erhaltung geschichtlicher Alterthümer; Stuttgart: Württemb. Alterthumsverein; Thorn: Copernikusverein für Kunst und Wissenschaft (1853); Weinsberg: Histor. Verein für württemb. Franken (1847). Den Museums- vereinen reihen sich schließlich die historischen Museen selbst an, von denen bes. Hervorznheben sind: Das Germanische Museum in Nürnberg, das Königl. bayer. Nationalmnsenm in München, , das Deutsche Centralmusenm für Völkerkunde in ß Leipzig, das Römisch-germanische Centralmusenm zu Mainz, die Museen in Berlin, Dresden, Hannover, Weimar, Kobnrg, Darmstadt, Konstanz rc. Die H-n V. der Österreichisch-ungarischen Monarchie traten zum Theil als Proviuzial- museen ins Leben. Die Provinzialvereine in Steiermark, Kärnten u. Krain bildeten bis znni Jahre 1849 eine einzige Vereinigung unter der gemeinschaftlichen Benennung Von Jnncrösterreich und standen damals unter dem Protektorat des Erzherzogs Johann u. unter der Leitung eines Centralaüsschusses. Mit Beginn der 50er Jahre constituirten sie sich als selbständige Gesellschaften. Den im Art. Alterthumsvereine angeführten tragen wir nach: Das Llussuru Harüonuls äsllrirsZno eivä vulinurüa, Oroariu o 8lavouiu (1861) und den Verein für südslavische Geschichte u. Archäologie (1850) zu Agram, den Vorarlbergischen Landes- museumsverein zu Bregenz (1856), das Franzens- museum zu Brünn (1816), den Siebenbllrgischeu ! Museumsverein zu Klausenburg (1859), denVer. ! für Geschichte der Deutschen in Böhmen (1861) zu Prag, die Gesellsch. für Landeskunde zu Salzburg (1860), den Verein für Landeskunde in Niederösterreich (1864) u. den Heraldischen Verein Adler in Wien (1870). In Ungarn haben historische Privatvereine noch nicht Eingang gefunden; die Pflege der Alterthumsforschung ist der nicht unbedeutenden Akademie der Wissenschaften u. der Universität zu Budapest fast ausschließlich anheimgegeben. Die Schweiz ist fast in jedem Kanton durch einen historischen Kantonalverein vertreten, welche ähnlich wie in Deutschland einen Vereinigungspunkt für sich in der seit 1812 bestehenden u. 1841 reorgan- isirten Allgemeinen schweizerischen historischen Gesellschaft mit dem Vororte Bern ins Leben gerufen haben. In Frankreich nahmen die H-n V. erst I mit Beginn der 30er Jahre größeren Aufschwung. Ihre Bezeichnungen sind ebenso verschiedenartig als in Deutschland, je nach den von ihnen zunächst angestrebten Forschungszweigen u. der Ausdehnung ihres Wirkungskreises. Mit Geschichtforschung im weitesten Umfang befassen sich die unter dem Namen 8oeistös lristoriguss, arelrooloZiguss (st soisutiüguss) bekannten H-u B. zu Angoulbme (1844), Auxerre (1847), Beauvais (1847), Cha lons-sur-Saone (1834), Chambery (savoisieuns, 1855), Draguignan (1856), Langres (1836), Limoges (1845), Soissons (1847). Vereinigungen unter der Bezeichnung Oommissiou arvlisoloAigus st liistorigus bestehen zu Angers, Arles (1832), Bourges (1860), Dijon (1831), Narbonne (1833) u. Vesoul (1854). Ferner 8oviötss Instoriguos (äWstoirs) zu Algier (1856) n. Lille (1839), zu Paris die 8ooists ä'iristoirs äs I?ra,uos (1833), die 8ooists ä'iristoirs äs xrotsstarrtisms krau- yais u. das Institut Iristorigus (1833). Archäologische Vereine (8ovistss ä'arolrsoloAls) von größererBedeutung finden sich zu Besanxon (1348), Läen (1830), Chartres (1856), Constantine (ä'Lk- Zsrls, 1853) Montpellier (1833), Nancy (1848), Orleans (1848), Qnimper (1845), Rennes (1844), Toulouse (1830), Tours; sodann 8oaistss äss airtiguuirss zu Amiens (1836), Cadn (1824), St. Omer (1831), Paris (—äs krarres, 1805) u. Poitiers (1834); die Oommissions äs irrorrumsrits st äooumonts Iristoriguss zu Anrillac (1835) u. Bordeaux (1839). In Paris befinden sich außer den dort bereits genannten noch eine 8ovisto ä'lAlruoAraplris, 8ovists Orientale äs Francs u. ein Oowitö äss travaur Iristor. st äss 8ooistss sa- vairtos. Im Königreich Belgien verzeichnen wir als die hervorragendsten H-n V.: in Brüssel die Oominission roz-als ä'urt st ä'arvIisoloAis, die 8o- oists ä'iristoirs äs UslAigus, die Looists ä'Iris- toirs st ä'arolisolo§is äs Lruxsllss, die 8ooists äs In Dlunrisrnatigus bslgfs, alsdann die ^.vuäs- nais ä'urotreolo§is zu Antwerpen (1842) u. das Institut urolisolo^rgus lisZsois zu Lüttich (1850), die 8ovists lristorigus, urolrsoloAigus st litts- rairs äs In vills ä^prss st äs I'anoisnns Ousst-Iäanärs (1861), das Oonrits ventral äs publioation äss insvriptions lunsrairss st nronu- rnsntulss äs la ViLnärs-orisntals zu Gent (1855). An dieser Stelle sei auch die Archäologische Gesellschaft zu Luxemburg erwähnt. Von holländischen H-n B-n nennen wir die 8ooistös tristorlguss st arolröoloAiguss zu Amsterdam, Mastricht u. Utrecht, dann die Looists krisonns ä'lrist., ä'arolr. st äs linZuistigus zu Leeuwarden, die 8oo. äs jurisxruäsnes st ä'iristoirs zu Ober- yssel und das Institut ro^al xlriloloAigus st stkrno1o§igus äss Inäos. Nicht geringer als in Deutschland u. Frankreich ist das historische Vereinswesen in Großbritannien entwickelt. Die wichtigsten H-n V. sind: in London: 8ooist/ ok ^.rrtiguariss (1572 durch Parker gestiftet, 1751 von Georg II. als öffentliche Gesellschaft anerkannt), LrolrsoloAieal Institut ok Orsat Lritain anä Irlanä (1843), Lritislr ^rolrsoloAieal ä.s- sooiution (1843), iltirnoloZival 8ovistx (1843), Umnisinatio 8ooistx (1856), ^.runäsl 8ovist^ u. Ouinäsn 8oeistz- (1838); ferner bestehen H. B. von Bedeutung in Edinburg (1780), Cambridge (1840 u. 1846), in Newcastle upon Tyne, Dublin, Oxford (1828), Shrewsbury (1835), Manchester (1843). In Dänemark u. Skandinavien bestehen 2 derartige Vereine seit 1745 und 1825 zu Kopenhagen, einer in Stockholm 1815, zwei in Christiania. In Rußland existiren noch wenig wissenschaftliche bezw. H. Privat-V. Die in 346 Historische Zo Petersburg, Moskau, Odessa, Kiew, Wilua rc. bestehenden Gesellschaften, welche großenteils zum kaiserl. Ministerium für Volksansklärung ressortiren, erfreuen sich aber dagegen eines ziemlich bedeutenden Rufes in ihren Leistungen; sodann sind zu erwähnen: die Gesellschaft für Geschichte u. Altertumskunde der Ostseeprovinzen u. die Gelehrte Ehstnische Gesellschaft in Dorpat. Italien mit seinen zahlreichen Akademien, die die Geschichts- u. Altertumskunde ebenso wie die Naturwissenschaften u. andere Disciplinen gleichzeitig in das Bereich ihrer Wirksamkeit gezogen haben, entbehrt bisher, vielleicht aus eben diesem Grunde, H-er V. nach deutschem Muster. Außer den genannten Akadennen sind vom Staat besondere Commissionen zur Pflege der Geschichts- und Alter- thumskunde eingesetzt worden, deren sich unter dem Titel Rsals Ospuba^ions äi storin patria in den meisten größeren italienischen Städten finden u. deren Gründung gegen die zweite Hälfte unseres Jahrh. fällt. Spanien u. Portugal ist am bedeutendsten durch die Roal Xcaäsmia äs In Historik zu Madrid (1738) u. die Xeaäo- min äs In Historik et XreüooloAia zn Santarem vertreten. Aehnlich wie in der Schweiz sind auch die einzelnen Staaten und Territorien der Vereinigten Staaten von NAmerika durch H. V. vertreten, welche gleichlautend Historien! 80 - eist^ genannt sind, unter Beifügung des geogr. Gebietes, auf das sie ihre Thätigkeil ausdehnen. Die Entstehung einzelner H-r V. fällt schon gegen Ende des vorigen Jahrh., die Mehrzahl Latirt aus den Jahren 1820—1850. Im übrigen Amerika bestehen H. V. für Nieder-Canada in Montreal, für Argentina in Rio la Plata (1856), für Brasilien in Rio de Janeiro (1838). In Asien u. Afrika erwähnen wir die betreffenden Looistiss in Alessandria (1842), zu Kairo (1836), in Delhi, Bombay (1833), Colombo (1844), Cal- cutta (1784), Madras (1833), Hongkong (1847) und Shanghai, sowie die im Jahre 1873 durch den Reisenden Schweinfnrth ins Leben gerufene Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde OAsiens zn Jokuhama. Stöhr. Historische Zeichen, s. u. Chronologie. Historifiren, die Geschichte eines gegebenen Wappens darstellen. Histria (a. Geogr.), so v. w. Istrien. Histrionen (röm. Ant.), Tänzer, aus Etrurien nach Rom geholt, nachmals Schauspieler. Hit, Stadt im Vilajet Bagdad (Asiatische Türkei), am Euphrat, welcher hier von den aus Arabien kommenden Karawanen überschritten wird. Gewinnung von Naphcha, Salz u. ErLpech, Handel mit Kamelen und Datteln; hier das Grab Abdallah Mohareks; 5000 Ew. Hitchin, alte Stadt in der engl. Grafschaft Hertford, Eisenbahnstation; alte Kirche mit zahlreichen Monumenten u. einem Altargemälde von Rubens, Stadthaus, Freischule, Handwerker-Institut, Seidenspinnerei, Strohflechterei,Bierbrauerei, Hopfen- u. Getreidehandel; 7630 Ew. Hitdorf, Stadt am Rhein im Kreise Solingen des preuß. Regbez. Düsseldorf; Streichfenerzeug- u. Tabaksabriken, Schifffahrt, Handel mit Wein, Getreide, Holz u. Steinkohlen; 1875 1790 Ew. ichen — Hitze. Hitopadesa, ein indisches Fabelbuch, s. unt. Sanskrit-Literatur. Hltteren, die größte Insel einer Gruppe an der WKüste Norwegens; zum Amte Söndre- Throndhjem gehörig; die Inseln zusammen umfassen 523 (Hüm (9j HjM) mit etwa 5500 Ew., welche von Viehzucht u. dem Fange von Lachsen, Dorschen u. Strömlingen leben. Hittorf, Jakob Ignaz, Baumeister, geb. 2g. Aug. 1792 zu Köln, gest. in Paris 25. März 1867; galt in Frankreich als einer der ersten Meister seines Faches, der in Paris zahlreicheWerke hinterließ. Der Sohn eines Handwerkers, ward er Lehrling eines Steinmetzen u. Maurermeisters, bis sich Prof. Wall- raf seiner aunahm, ging 1810 nach Paris, studirte dort unter Bellanger und C. Percier, Len ersten Architekten des Kaiserreiches, ward zur Restauration der Königsgräber in St. Denis u. der Grabeshalle Napoleons I. herangezogen u. trat nach dessen Sturz in den Staatsdienst. Dann ward H. mit dem Architekten Lecointe officieller Dekorateur bei Hosfesten u. zeigte sein Talent bei der Taufe des Herzogs von Bordeaux u. der Krönung Karls X. in Reims, erhielt schon von Ludwig XVIII. den Titel üreditsots äu roi, bereiste England, Deutschland u. Italien, baute mit Lepdre die Kirche von Saint Vincent de Paul (Säulenbasilika) , dann allein die Anlagen der klnes äs In Ooncoräs u. der klnos äs 1'Ltoils, den Oirgns Xnxolson u. den Nordbahnhof in Paris, sowie das Panorama rc. Hl schrieb mit Zahn ein bedeutendes Werk über die alte u. neue Architektur Siciliens u. trat für die Polychromie ein in seiner I/Xrolätsetnrs xol/eüroins. Regnet. Hitzacker, Stadt im Kreise Dannenberg der preuß. Landdrostei Lüneburg, an der Mündung der Jeetze in die Elbe, Station der Berlin-Hamburger Eisenbahn; Hauptsteueramt, altes Schloß, Ackerbau, Handel mit Getreide, Vieh u. Garn; Schifffahrt; 1875 1106 Ew. — H., anfangs Lianzi, kam in der lüneburgischen Theilung zu der Grafschaft Dannenberg. Die hier von Herzog August (1602—34) gegründete Schloßbibliothek wurde 1645 nach Wolfenbüttel verlegt u. bildete den Kern der großen Wolfenbütteler Bibliothek. Nach H. war auch ein niedersächsisches Adelsgeschlecht benannt, deren Glieder Erbkämmerer des Michaelsstiftes in Lüneburg waren. H- Berus. Hitzblättcrchen, volksthümliche Bezeichnung für einen aus kleinen Bläschen bestehenden u. in fieberhaften Zuständen ausbrechenden Hautausschlag. Man kann hierher den Ilsryss Inbinlis, kleine Bläschen auf den Lippen bei Verdauungsstörungen, die Lnäumina, wasserhelle, mohnkorngroße, auf dem Körper zerstreute Bläschen bei stärkerem Schweißausbruche, den Friesel u. noch mehrere andere Hautausschläge rechnen. Kunze. Hitze, 1)(Fieberhitze) der Theildes Fiebers(s.d.), welcher in einer über 36 — 37° 0. gesteigerten Eigenwärme des Körpers besteht. Mit der Fieberhitze hat die fliegende Hitze, eine locale Temperatursteigerung mit od. ohne Hautröthung, auf abnormer Nervenerregung beruhend, nichts zu thun. 2) Bei dem Eisen unterscheidet man Glüh-, Schweiß- u. Schmelzhitze, im engeren Sinne wird die Glühhitze Wärme u. die Schweißhitze 347 Hitzlg — Hmeii-thsang. H. genannt. 3) Bei Metallen jede neue Glühung; bei Stabeisen auch wol jede neue Schweißung. Daher Stabeisen von 3 Hitzen, 3mal geschweißtes Stabeisen. i, Kunze. Hitzig, 1) Julius Eduard, crimiualistischer Schriftsteller, geb. 26. März 1780 in Berlin; studirte in Halle u. Erlangen, wurde 180t Referendar bei der Negierung in Warschau, beschäftigte sich seit 1806 literarisch, begründete 1808 ein Verlagsgeschäft in Berlin, welches er 1814 an den Buchhändler Dümmler verkaufte; wurde 1815 Criminalrath beim Kammergericht in Berlin, 1827 Direktor des Kammergerichts-Jnquisi- toriats, nahm 1835 infolge eines Augenübels seine Entlassung n. st. 26. Nov. 1849 in Berlin. Er lieferte die Biographien von seinen alten Freunden Werner (Berlin 1823), Hoffmann (ebd. 1823, 2 Bde.) u. Adalbert von Chamisso (Leben u. Briefe von Adalbert von Chamisso, Lpz. 1839 bis 1842, 2 Bde.); schr.: Das königl. preußische Gesetz vom 11. Juni 1837 zum Schutze des Ei- genthums in Werken der Wissenschaft und Kunst gegen Nachdruck u. Nachbildung, ebd. 1838; gab mit W. Häring Der neue Pitaval, eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten rc., Lpz. 1842, seit 1825 die Zeitschrift für die prenß. Criminalrechtspflege, seit 1826 Gelehrtes Berlin (fortgesetzt von Büchner), seit 1828 die Annalen für deutsche und ausländische Criminalrechtspflege (seit 1838 fortgesetzt von Demme u. Klunge) u. seit 1842 die Preßzeitung heraus. 2) Ferdinand, protestantischer Theolog, Exeget des alten Testaments u. Orientalist, geb. 23. Mai 1807 in Hauingen bei Lörrach in Baden; studirte iu Heidelberg, Halle u. Göttingen, habilitirte sich 1829 als Privatdocent der Theologie in Heidelberg, wurde 1833 ordentl. Professor an der ueugegründe- ten Universität Zürich, 1861 in Heidelberg, Mitglied der ev. Generalsynode, Kirchenrath; st. 22. Jan. 1875 zu Heidelberg. Neben Gesenius, Ewald ist er wol der bedeutendste unter den neueren alt- testamentlichen Theologen u. Kennern des Semit- ischen. Schr.: Os Oaäzcki urbs Osroäotea, Gött. 1829; Begriff der Kritik, am A. T. erörtert, Heidelb. 1831; Histor. und krit. Commentar zu den Psalmen, Heidelb. 1836; Die Psalmen übersetzt u. ausgelegt, Lpz. u. Heidelb. 1863, 1865; Des Propheten Jonas Orakel über Moab, Heidelb. 1831; Commentar zum Propheten Jesaia, Heidelb. 1833; Ostern und Pfingsten, Heidelberg 1837 und 1838; Die Erfindung des Alphabets, Zür. 1840; Commentar zu den 12 kleinen Propheten, Leipz. 1838, 2. Aufl. 1852, 3. A. 1863; Der Prophet Jeremia, ebd. 1841, 2. A. 1866; Ezechiel, ebd. 1847; Das Buch Daniel, ebd. 1850; Prediger, ebd. 1847; Das Hohelied, ebd. 1855; Sprüche, Zür. 1858; Hiob, Lpz. u. Heidelb. 1874; Urgeschichte u. Mythologie der Philistäer, Lpz. 1845; Johannes Marcus u. feine Schriften, Zür. 1843; Geschichte des Volkes Israel, Lpz. 1870; Sprache u. Sprachen Assyriens, Lpz. 1871, u. noch mehr kleinere Abhandlungen, sämmtlich von bleibendem Werthe. 3) Friedrich, Architekt, Sohn von H. 1), geb. 1811 zu Berlin; besuchte daselbst die Bauakademie u. machte 1837 das kgl. Baumeister- Examen, stndirte iu Paris n. auf größeren Reisen in Italien u. im Orient. Seine Hauptthätigkeit war als Privatarchitekt, bes. in Berlin, wo u. A. eine größere Anzahl Häuser in der Victoriastraße u. Hindersinstraße von ihm entworfen ist. Bon größeren Ausführungen außerhalb ist der Palast Revoltclla in Triest u. von Kronenberg in Warschau zu nennen, von größeren öffentlichen Gebäuden in Berlin die Börse und die Reichsbank. H. hat auf den Berliner Privatbau einen sehr großen Einfluß ausgeübt. Er versteht es besonders, mit den Formen der antikisirendeu Berliner Schule behagliche u. elegante Räume herzustellen, aber auch durch die Formen der Renaissance malerische Wirkungen hervorzubringen. Charakteristisch ist für ihn die Lösung der Aufgabe, iu den Vorstädten eine Gattung von Wohnhäusern zu schaffen, welche zwischen dem städtischen Hause u. der Villa die Mitte hält. Aber auch die Neigung, durch Gips, Zink rc. edlere Materialien nachzu- ahmen, hat durch sein Beispiel viel Verbreitung gefunden. Dagegen hat H. auch durch die ganz ui Sandstein ausgeführten Faxaden der Börse zur Wiederaufnahme echter Materialien beigetragen, in der Reichsbank die Combination von Sandstein n. Backstein zu hoher Vollendung gebracht. Viele seiner ausgeführten Bauwerke sind in Berlin (bei Ernst u. Korn) herausgegeben: Eine Sammlung von 68 Tafeln (1867); Die Victoriastraße (20 Tafeln, 1864); Die Börse in Berlin (1867); Wohnhaus Revoltella (10 Tafeln, 1864); Palais Kronenberg (14 Tafeln, 1875). H. ist Geh. Re- zierungsrath, Präsident der kgl. Akademie derKünste in Berlin u. ihres Senats, Mitglied der kgl. techn. Baudeputation, der Akademien zu Wien, München, Madrid u. Amsterdam. A Löffler. s> L-hs-ldt. Hitzige Krankheiten, so v. w. acute Krankheiten, s. acut. Hinga (Fiuga), Bezirk der früheren japanes. Prov. Saikaido, auf der Insel Kinsiu, mit der Hauptstadt Miasaki, ein Hauptschauplatz der japanischen Geschichte, die Wiege des seit Sinmu regierenden Kaiserhauses. Hiungnu, s. Hiongnu. Hiuen-thsang, chinesischer Geograph, mit seinem Familiennamen Tjchinschi, geb. 602 n. Chr. zu Jng-tschuen in Houan; frühzeitig dem Studium des Buddhismus zugeführt, war er zuerst in dem Convent von Loyang, dann in dem Kloster Knng-Hoer-Sse zu Tsching-tu, wo er 622 die Weihe erhielt. Schon in seiner Jugend durch Kenntnisse, Wissensdurst, Entschlossenheit u. brennenden Eifer für den Buddhismus ausgezeichnet, machte er von 629 au eine Reise nach den Ländern des W., um die dortigen Lehrer zu hören, sich von ihnen über Differenzen der Lehre aufklären zu lassen, die heiligen Schriften zu sammeln u. sich iu der Heimath Buddhas für dessen Lehre zu begeistern. Er reiste durch das Land der Ui- gnreu, die Dsungarei, Trausoxiana, über Balkh, Bamiau, Kabul, überschritt den Indus bei Attok u. kam über Takschasila nach Kaschmir, wo er 2 Jahre verweilte. Von dort pilgerte er von W. nach O. durch Indien, überall mit pietätvoller Liebe die heiligen Stätten des Buddhismus besuchend, durch Mathura, Ajodhja (Audh), Kapi- lavastu, Baranasi (Benares), Magadha, bis zu 348 Hjadningakampf — Hlubek. den Mündungen des Ganges, ging von da nach S. nach Kalinga und Kosala bis ungefähr zum jetzigen Madras, durchzog dann Dekhan u. kehrte über Malwa nach Sindh zurück. Er betheiligte sich noch an einem großen Concil zu Kanodsch u. kehrte dannüberdenHiliduknsch,Badakhschan, Pamir, Kaschgar, Jarkand, Khotan 645 in seine Heimath zurück, wo er sich in einem Kloster mit Uebersetz- ung der mitgebrachten indischen Bücher beschäftigte u. 864 hochgeehrt starb. H. hat wesentlich dazu beigetragen, den Buddhismus im chinesischen Reiche ansznbreiten u. zu befestigen. Für die Geschichte des Buddhismus sowie für die Kenutuiß Hoch- Asiens u. Indiens von höchster Wichtigkeit ist die 648 verfaßte Beschreibung seiner Reise: Si-yu-ki (d. i. Geschichte der westlichen Länder), welche von St. Julien ins Französische übertragen wurde (Nemoiros snr Iss oontrtzss ooeiäentales, Par. 1858, 2 Bde.). Eine Übersicht des Lebens u. der Reise H-s findet sich ebenfalls aus dem Chinesischen übersetzt von St. Julien: Listolra äs la vis äs Liousn-MisanA, Par. 1853. Thieknmim. Hjndningakampf, die älteste von Snorri in seiner Edda (Skatdskaparm. c. 50) uns erhaltene Sage von Hilde (s. d.), die vermnthlich ans Nord- dentschland stammt. Dieselbe lautet im Wesentlichen also: Hilde, die Tochter des Königs Högni (der deutsche Hagen), ward während ihres Vaters Abwesenheit von Hedin (der deutsche Hetel), Hjar- randis Sohn, geraubt. Als Högni dies erfuhr, setzte er dem Räuber nach und traf ihn bei der Orkney-Insel Hast). Hilde ging dem Vater entgegen u. bot ihm in Hedins Namen einen Halsschmuck zur Sühne. Dieser wies aber denselben mit harten Worten zurück, n. beide rüsteten nun zum Kampfe. Da bol Hedin seinem Schwäher nochmals Sühne an, die aber derselbe ebenfalls zurückwies, da er schon sein Schwert Dainsleis gezogen habe, das eines Mannes Mörder werden müsse, sobald es entblößt sei. Nun erhüben sie ihren Kampf, der vom Morgen bis zmn Abend währte. Des Nachts aber ging Hilde ans die Walstatt, weckte durch Zauberkraft die Gefallenen wieder u. die Könige kehrten des anderen Tages von ihren Schiffen auf die Walstatt zurück u. begannen den Kampf von Neuem. Und so ging es fort, einen Tag u. eine Nacht wie die andere, n. wird sortgehen bis zur Götterdämmerung. In nahverwandter Fassung berichtet dieselbe Sage auch Saxo Grammaticus als eine dänische, und als Ballade lebte sie noch bis vor. Jahrh. ans einer der Shetlandsinseln fort. Rchman». Hjao-king, d. i. Buch vom kindlichen Gehorsam, ein elastisches Buch der Chinesen, s. unter Chinesische Literatur S. 770. Hjelmar (Hjelmaren-See), See in Schweden, zwischen dem Oerebro- und dem Södermanlands- od. Nyköpingslän, etwa 50 stin von W. nach O. lang, 4—14 lein breit u. 484 Uslem (8,s (IM) umfassend, fischreich, von flachen, fruchtbaren Ufern umgeben. Sein Abfluß zum Mälar-See ist die Eskilstuna- od. ThorShälla-, oder auch Hyndevads- A; außerdem steht er auch noch mit diesen» See durch den 11 Irin langen u. 2 in tiefen Arboga- Kanal (mit 9 Schleusen) in Verbindung. Hjerta (oder Hierta), Lars Joh., geb. 23. Januar 1801 in Upsala, eine Zeitlang Notar in Stockholm, seit 1828 politischer Schriftsteller, auch Besitzer einer Verlagshaudlung u. Stearinlichtsa- brik. Er gab heraus die Reichstagszeitung (mit Crnsenstolpe) 1828—30, dann 1830—51 Aston, bladet, zuletzt den Argus. Als Nedacteur, wie als Reichstagsmitglied war er unter dem König Karl Johann XIV. stets oppositionell, gest. 20. Nov. 1872 in Stockholm. Hjertiufl, Dorf im dän. Amt Ribe, auf Jütland, an der Küste der Nordsee, ein lebhafter Lade- platz, der als Hafen der Stadt Varde dient, mit dem es durch eine 15 lein lange Chaussee verbunden ist; 480 Ew. H. hat Dampfschiffsverbindung mit England. Hjörring, Stadt und Hauptort im gleichnam. dän. Amt, dem alten Bendsyssel, im nördlichsten Theile Jütlands; 3 alte Kirchen, einige Industrie, Ackerbau, lebhafter Handel mittels des Ladeplatzes Lökkcn, des einzigen an der WKüste; 3250 Ew. Hjort, Peder, dänisch. Schriftsteller, geb. lg. Juli 1793 auf Amager bei Kopenhagen, studirte in Kopenhagen Theologie u. Jurisprudenz, inachte dann Reisen in Italien, Deutschland, Belgien u. Frankreich, hielt sich längere Zeit in München ans, wurde 1822 Professor der Deutschen Sprache u. Literatur an der Akademie in Soröe u. privatisirte seit 1849 in Kopenhagen; gest. in Kopenhagen 11. Nov. 1871. Er gehörte als Kritiker der Romantischen Schule an und schrieb: vi§tsrsi> IiiASmaiiii vA Iiavs Värster, 1815; ll'olv ?ara- Araxlier om llsns LnAAsssn, 1816; Joh. ScotnS Erigcna, 1823; I-ärs om Villisiis fidfiksä, 1825; ferner: lk/äslc 6rammatilc, 7. Aufl. 1858; Hänsle krammatik, 4. Ausl. 1848; gab auch heraus: Deutsches Lesebuch, 5. Ausl. 1866; Den ckansiiö llörnöven, 7. Ausl. 1860; 6amls 0 A n^s I?snl- msr, 3. Ausl. 1843; 1848—50 schr. er mehrere politische Schriften in Bezug auf die Holsteinschen n. Schlcswigschen Angelegenheiten, n. vertrat hier die Gesainmtstaatspartei, gegen die sog. Nationalen (Eiderpartei), weshalb ihn auch die Kopenha- gener Presse (Mckrolanäst) aufs rücksichtsloseste verfolgte; Lritüske biära^ til n^srs ckanslc llÄn- üsinanckss OA vaunslsss Ülstorlo, 1852 ff. rc. °- Hlasiwetz, Heinrich, namhafter Chemiker, geb. zu Reichenberg 7. April 1826, bildete sich alsPharmaceut aus, studirte Chemie in Jena, Wien n. Prag, wurde 1851 Prof, der Chemie in Jnns- brnck, 1867 der chem. Technologie an der techn. Hochschule zu Wien und 1869 Prof, der Chemie daselbst, wo er auch 8. Oct. 1875 st. Seine Abhandlungen über Untersuchungen aus dem Gebiet der organ. Chemie sind sehr zahlreich und finden sich meist in Liebigs Ann. r. Hlassa, s. L'Hassa. Hlinsko, Stadt im böhmisch. Bezirk Chrudim (Österreich), an der Chrudimka, Station der Österreichischen Nordwestbahn; Bezirksgericht, Rathhaus, Töpferei, Leinenweberei, Leinwandhandel; 3141 Ew. Hlubek, Franz Xaver Wilhelm, Agronom, geb. 11. Septbr. 1802 in Chatitschau im Österreichischen Schlesien, studirte 1822—24 in Brünn und Wien Philosophie, Mathematik, Chemie und Landwirthschaft, wurde 1830 Professor der Land- 8. La. — wirthschast in Wien, 1832 in Lemberg, 1833 in Laibach, 1840 Professor der Forst- u. Landwirth- schaft in Grätz, Administrator des Versuchshoss u. Mnsterweingartens daselbst und trat 1867 in den Ruhestand; er war 1848 Mitglied der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt. Schriften: Die Ernährung der Pflanzen und die Stalik des Landbaues, Prag 1841 (Preisschrift); Versuch einer neuen Charakteristik n. Classification der Rebsorten, ebend. 1841; Beantwortung der wichtigsten Fragen des Ackerbaues, Wien 1842; Die Land- wirthschaftslehre, Wien 1846, 2 Bde., 2. Ausl. 1851 f.; Populäre Anleitung zum Betriebe des Seidenbaues, Grätz 1850; Die Betriebslehre der Landwirthschaft, Wien 1853; Der Weinbau in Österreich, Gratz 1864; Die wichtigsten Lehren der Landwirthschaft, ebd. 1867 u. redigirte 1846—50 die in Prag erscheinenden Ökonomischen Neuigkeiten u. Verhandlungen. r-* ll. m., Abkürzung für Imsns insnsio, dieses Monats, od. Iroo msuss, in diesem Monat. li-motl, weiche Tonart, wo Ir als Grundton genommen wird. Um der Einrichtung des Moll zu entsprechen, müssen die Töne o und k durch zwei Kreuze erhöht werden. Hnjevkovsky, Sebastian, czech. Dichter, geb. 19. März 1770 in Zobrak, war Bürgermeister in Politschka u. st. 7. Juni 1847. Er gilt als Wie- dererwecker der czechischen Poesie, indem er theils schon früh Puchmayer, Rantenkranz u. die Brüder Nejedley anregte, daß sie sich der vaterländischen Literatur widmeten, theils selbst dichtete. Zuerst kam heraus 2psvz- 2 oaroäesns üsimzt im Jahre 1794, wo kleine Gedichte von H., Puchmayer und W. Nejedley, enthalten waren, dann erschien: Der Böhmische Mädchenkrieg (komisches Epos), 1805, als ernstes Epos umgearbeitet 1829; Bruchstücke der Dichtkunst, 1820; Kleine Gedichts, 1820; Jaromir (Trauerspiel), 1836; Heirathsanträge zu Kolodej (Lustspiel), 1839; Nene Gedichte, 1841; Doctor Faust (Gedicht), 1844 u. a. m. Nehring.* Hnoß (Nossa, nord. Myth.), Freyas u. Odurs schöne Tochter, daher Göttin der Schönheit. Hoang-Hai, chinesischer Name des Gelben Meeres, Theil des chinesischen Meeres (s. d.). Hoangho (Hwang-Ho, Huanhe, Chuanhe, Gelber Fluß od. Karamoran, d. h. Schwarzer Fluß), der zweite Hauptstrom Chinas, entspringt aus dem Hochgebirge im S. des Sees Kukunor, windet sich hier häufig zwischen mächtigen Gebirgen hindurch, anfangs in östlicher, dann in nördlicher Richtung u. tritt bei der Stadt Tsche-tschen in das eigentliche China ein. Hier nach kurzem Lauf bei Lau- tscheu nach N. umbiegend, hält er diese Richtung durch 5 Breitegrade ein, wird dann gegen 400 in breit u. sehr tief durch das Jnschan-Gebirge nach O. abgelenkt, schwenkt aber nach einem Lauf von 3751cm Plötzlich nach S. um u. fließt häufig seinem früheren Bette parallel, so das Gebiet von Ordos umspannend. Er bildet ungefähr die Grenze zwischen den Provinzen Schaust u. Scheust, biegt bei Phu-tscheu wieder nach Ö. n. durchströmt, diese Richtung im Ganzen beibehaltend, bei Khaifung mehr nach NO. umlenkend das Flachland der Prov. Houan u. Schantung, um sich in den Golf von Petschili zu ergießen. In seinem oberen Lause Hobbema. 349 ist er zum Theil von öden Steppen umgeben, zum Theil bildet er ein fruchtbares, dichtbevölkertes Thal, in seinem unteren überragt das Flußbett das von ihm angeschwemmte fruchtbare Flachland, das auch durch die großartigen u. kostspieligen Dammbanten von Seiten der chinesischen Regierung nicht vor verheerenden Überschwemmungen geschützt werden kann. Zeigt schon der obere Lauf in vertrockneten Flußarmen u. mehrfachen Verzweigungen um Ordos Veränderlichkeit des Stromlauss, so noch mehr der untere; seit 602 v. Chr. hat der Fluß 9mal seine Mündung geändert, das letztem«! 1855, wo die große Wassermasse nach N. durchbrach, während sie vordem in das Gelbe Meer in der Prov. Kiangsu mündete. In der alten Mündung ergießen sich nun die Gewässer des Hoeiho. Das Wasser desH.ist schlammig,seineStrömung reißend, daher die Schifffahrt gering; seine Länge wird auf 4000 icm geschätzt. Er hat zahlreiche, noch ganz od. theilweise unbekannte Nebenflüsse, jo den Weiho, Fuenho u. A. Thielemami. Hoang-pou (Whampoa), s Kanton. Hoa»g-ti (chines., d. i. erhabener Gebieter), Name des Kaisers von China; chinesischer Kaiser der mythischen Zeit. Hoan-Ho, Fluß, so v. w. Hoangho. Hobart, August Charles, brit.Seemann in türkischen Diensten, besser gekannt als Hobart- Pascha, geb. 1823 als Sohn des Grafen von Buckinghamshire, trat frühzeitig in die Marine, zeichnete sich schon als Seekadet durch seine Umsicht u. Tapferkeit bei der Unterdrückung des Sklavenhandels in den brasilianischen Gewässern aus. Im Kriege gegen Rußland commandirte er im baltischen Meere das Kanonenboot Driver u. that sich bei der Einnahme von Bomarsnnd und beim Angriff auf Äbo hervor. 1862 zum Postcapitän aufgestiegen, trat er 1868 als Contreadmiral in den türkischen Dienst. Im nächsten Jahre befehligte er die gegen Kreta gesendete türkische Flotte u. erhielt für seine auf der Höhe von Syra geführte Unterhandlung wegen der griechischen Kreuzer hohe Auszeichnungen von Oesterreich, Frankreich u. der Türkei u. ward zunr Pascha und Admiral sowie zum Generalinspector der türkischen Flotte erhoben. Als solcher war er während der jüngsten Wirren in der Türkei eine der Hauptstützen der jedesmaligen Regierung und unterm 14. April 1877 wurde er zum Oberbefehlshaber des ans 15 Panzerschiffen bestehenden Geschwaders des Schwarzen Meeres ernannt. Er wird jedoch noch in den englischen Listen als disponibler Offizier aufgeführt. Bartling. Hoüarton, 1) District auf der engl. Colonie Tasmania od. Insel Vandiemensland (Australien); 2) (Hobarttown) Stadt darin am Derwent Fluß, unweit von dessen Mündung in die Sturmbai (Slld- ostküste), Hauptstadt der ganzen Colonie, Sitz des Gouverneurs, regelmäßig u. elegant gebaut; LoM Looistz- ok Leisnoss (gibt seit 1848 ll'ranoaotions heraus), rasch emporblühend, mehre Banken, Brauereien, Seife-, Lichte-, Stärkefabriken, Gerbereien, lebhafter Handel; (1872) 19,092 Ew. Arendts.' Hobbema, Meindert, nieder!. Laudschaft- maler, geb. zu Amsterdam 1633, st. 12. Decbr. 1709 ebenda; Schüler von I. Ruysdael, dem er 350 Hobbes — Hobel. fast gleichgeschätzt wird, hatte seine Blüthezeit um 1663. Seine Hauptstärke liegt im brillanten Co- lorit, mittels dessen er die volle Sonnenbeleuchtung wiederzugeben versteht. In Deutschland sind seine Bilder selten (in München, im städt. Museum in Frankfurt, im Berliner Museum, im Wiener Belvedere), zahlreicher in England, Eine Muhle (Hauptwerk) im Museum zu Amsterdam. Regnet. Hobbes, Thomas, namhafter engl. Philosoph u. Publicist, geb. 5. April 1588 in Malmesbury, wo sein Baker Prediger war; studirte in Oxford; war erst Erzieher des Grafen von Devonshire, mit dem er 1610 Frankreich u. Italien bereiste, 1629 und 1634 wiederholte er seine Reise nach Frankreich; da nach seiner Rückkehr nach England, 1637, seine Bemühungen, seine Landsleute von der Revolution abzuziehen, vergebens waren, so ging er 1641 wieder nach Frankreich, wo er den nachmaligen König Karl II. unterrichtete. 1652 kehrte er abermals nach England zurück, lebte bei dem Grasen von Devonshire, erhielt seit 1660 eine königl. Pension, zog sich 1674 auf das Land zurück u. st. 4. Dec. 1679 inHardwicke. Er war Bertheidiger der Lehre von der uneingeschränktesten monarchischen Regierungsform u. lehrte, daß man sich auch der entschiedensten Tyrannei ohne Widerstreben unterwerfen müsse; daher Hobb esianis- mus, so v. w. politischer Absolutismus. Seine Philosophie ging von Bacos Empirismus aus u. endete in ihrer strengen Ausbildung in reinem Materialismus, in dessen Folge er auf sehr anstößige Meinungen verfiel, welche ihn in den Verdacht des Atheismus brachten. Gleichwol bezog sich H.u. seine Anhänger (Hobbesianer) sehr fleißig auf die Autorität der Bibel. Religion war ihm Sache der positiven Gesetzgebung und keineswegs Gegenstand der Philosophie, in der Moral waren Selbstliebe u. Nützlichkeit die obersten Motive. In neuerer Zeit sind namentlich Mendelssohn in seinem Jerusalem u. Feuerbach in seinem Antihobbes (Erfurt 1793) gegen ihn ausgetreten. Seine beiden bedeutendsten Werke sind: Vsviatkmn, Lond. 1651, Fol., lateinisch AmsterL. 1670 (Lond. 1676), deutsch Halle 1794, 2 Bde., das 1666 öffentlich vom Parlament verdammt wurde, und Vs oivs, Par. 1642, Amsterd. 1647, französisch von Sor- biere, ebd. 1648. Er übersetzte auch den Thn- kydides ins Englische, Lond. 1628, u. schr. ferner: Human naturs, Lond. 1650; llllsmontn pliilos. äo oivs, Amsterd. 1642 u. ö.; Vs corpore politioo, Lond. 1650; Hug,sstions8 äs Udsrtabs, nsoossi- tats ob onsu, ebd. 1656; Vs iromins, ebd. 1658; seine kleinen Schriften, gesammelt als Opsra plli- losopstioa gnas latins sorlpsit omnia, Amsterd. 1668, 4 Bde.; vollständiger: Aloral anä politios.1 vvorüs, London 1750, Fol., deutsch Halle 1793; Oomplsts rvorüo wiiib liks, Vaiin anä VnZUsIi, Lond. 1839—45, 11 Bde.; VnAÜsii rvorics, Lond. 1842—45, 11 Bde., u. Opera, latina, ebd. 1844 bis 1845, 5 Bde.; Lebensbeschreibung von I. Aubrey, lat. von R. Blackburn, 1681. Bartling.» Hobel, 1) Werkzeug, womit die Oberfläche des Holzes geebnet u. geformt wird. Es besteht aus einem viereckigen länglichen Stück harten Holzes (H-gehäuse, H-kasten), dessen beide lange Seiten die Backen, die untere die Bahn od. Sohle heißen; auf die Sohle ist mitunter eine Eisen- od. Messing, platte aufgeschraubt; in dem H-kasten ist ein keilförmiges Loch (Maul), in welchem das H-eisen mittels eines Keils befestigt wird, das hinten her- vorragende Stück Holz, auf welchem der Ballen der rechten Hand ruht, heißt der Ballen. Große H. erhalten hinter dem Eisen einen ringartigen Griff. Das H-gehäuse hat vorn oben einen gebogener Griff (Nase) für die linke Hand; derselbe fällt fort beim Zug-H., welcher vor u. hinter dem H-eisen je einen horizontal durchgesteckten Griff hat, so daß zwei Personen damit arbeiten können. Das H-eisen ist nuten schräg abgeschliffen, dadurch scharf u. au der Schneide gut verstählt. Bei den zum Ebenen (Schlichten) bestimmten H-n hat das Gehäuse und das Eisen eine gerade Bahn; auch wendet man häufig dabei doppelte H-eisen an, d. h. über dem eigentlichen H-eisen liegt eine durch eine Schraube verstellbare Deckplatte, welche den H°span sofort nach der Bildung fast rechtwinklig gegen das Brett umknickt; solche doppelte H. eisen sind beim Schlichten unregelmäßig gewach- ^ sener, ästiger Holzarten, namentlich bei Eichenholz, unentbehrlich. Beim Anshobeln krummer od. gegliederter Flächen sind Bahn u. Eisen gekrümmt ^ und verschiedenartig gestaltet. Das zu hobelnde ! Holzstllck wird, wenn es nicht durch seine eigene ! Schwere oder das Gewicht der Arbeiter festgehal- l teu wird, auf die H-bank eingespannt; beim Bear- > beiten von Flächen, welche unter bestimmten Win- ^ kein gegen andere Flächen stehen müssen, bedient man sich der Stoßlade. Die H. führen nach , ihrer Bestimmung verschiedene Namen, als: a) der Bank-(Faust-)H., ein langer H. der Tisch- l ler, zum Fügen der Bretter; der Bauk-H. der Böttcher, womit die Seiten der Dauben glatt ! gehobelt werden, ist groß; die Öffnung, in wel- ; cher das H-eisen steckt, heißt Licht; d) der ' Scharf- (Schürf-,Schrob-,Schrupp- od. Schluss.) H., bis 30 cm lang, dient dazu, einen Gegen- > stand aus dem Gröbsten zu behobeln, das Eisen ! hat eine etwas convexe Schneide, von ca. 3 om Breite u. nimmt dicke Späne weg; o)derSchlicht> H., ca. 30 om lang, hat ein Eisen mit gerader Schneide und dient zum Glatthobeln (daher auch Glatt- oder Glätt-H.); die größten Arten heißen Rauhbank, ca. 80 om laug, u. Fügebank od. Fugbank, 1 w lang, zum Geradehobeln von Brettern auf den Kanten, wobei die Sohle mittels vorspringender Leisten auf geraden Flächen geführt wird; beim Böttcher heißen sie Stoßbank u. Blöchel; auch der Hart-H., dessen Eisensehr steil steht, dient zum Glätten; ä) der Vergalt- H. hat ein schmales Maul, die Face des Eisens über sich gekehrt, dient Leisten, Verkröpfungen u. Gehrungen (daher Gehrungs-H.) zu hobeln; o) Zahu-H. hat ein Eisen mit gerader, gezahnter Schneide, er ebnet das Holz, macht es aber zugleich rauh, so daß derLeim besser hält; k) Kehl- u. Leisten-H., die H., mit welchen Vertiefungen od. Verzierungen gemacht werden, z. B.derNuth- od. Falz-H., mit welchem Falzen in eine ebene Fläche gestoßen werden, der Gr ath-H., der Gruud-H.; der Hohl-, Kehl- od. Hohlkehl- H., mit zirkelförmiger Elsenschneide u. Bahn; mit dein Kranz-H. hobelt der Böttcher die kreisförm- 351 Hobelbank - igeil Kehlungen in die Böden; die Seitenflächen des Kranz-H-s sind concentrische Cylinderflächeu; b) der Rohr-H. der Büchsenmacher, mit welchem die Rinne für den Lauf geglättet wird, den vorigen ähnlich; ii) der Karnies-H. ist wie ein 8 geformt; i) beim Rahmen-H. bildet die Schneide des Eisens eine Vermischung der Hohlkehle, des Stabes u. Karnieses; L) noch zusammengesetzter ist die Eisenschneide des Ke hl stoß es; 1) der Ort- od. Sims-H-, 25—30 cm lang, 1 , 2 —4 em breit, u. der schmälere Wangen-H. dienen dazu, eine Fläche, an welche eine andere unter einem rechten od. stumpfen Winkel stößt, bis in den Winkel hinein zu bearbeiten; m) beim Spalzen-H. sitzt das Eisen am vorderen Ende des Kastens; v) endlich hat man auch Rund-H., um der Länge nach gebogene Flächen zu bearbeiten; die Bahn des Gehäuses ist der Länge nach bogenförmig, u der H. bekommt dadurch eine schiffähnliche Gestalt (Schiff-H.); o) der Naht-H. schmal mit einem dreieckig zugespitzten, mit der Spitze nach unten gerichteten Eisen, zum Aushobeln sehr dicht gefug. ter Nahten vor dem Dichten, damit bei dem Einschlagen des Wergs die scharfen Kanten nicht unregelmäßig abgesplittert werden. 2) Werkzeug zur Bearbeitung größerer, ebener Metalloberflächen; der H. läuft mit seiner möglichst harten Sohle auf dem zu bearbeitenden Stück; das H-eisen wird in dem schweren, hölzernen oder eisernen H-kasten durch einen Keil oder eine Druckschraube festgehalten, steht fast senkrecht darin und ist entweder ein Zahneisen für die Bearbeitung aus dem Groben, oder ein Schlichteisen für die feinere Bearbeitung; das Eisen ist selten über 25 mm breit. Wird der H. mit der Hand geführt, so hat der H.kasten vorn eine Nase für die linke u. hinten einen Griff für die rechte Hand. S. a. H-ma- schine. 3) Werkzeug, womit der Kern gespaltener Ruthen oder gespaltenen zu Rohrstühlen bestimmten Rohres ausgeschnitten wird. Gieseler.* Hobelbank, 1) ein 2—3 m langer Vs—1 m breiter Tisch, mit ca. 10 am dickem Tischblatt, zum Festhalten des Holzes, während es bearbeitet wird. Rechts vorn am Ende der Bank hat das Blatt einen länglichen Ausschnitt, in dem sich ein passend geführtes Balkenstück durch eine Holzschraube hin u. her verschieben läßt. In demselben ist wenigstens ein viereckiges Loch angebracht, in das ein viereckiges Eisen, das durch eine Feber gehalten wird (Bankhaken, Bankeisen), gesteckt werden kann. Entsprechende Löcher finden sich längs der Bank in Abständen von 10—12 om. Steckt man ein zweites Bankeisen in eines derselben, so läßt sich ein Holzstück (z. B. ein Brett) durch Anziehen der Schraube zwischen den Bankhaken festklemmen. Außer dieser Hinterzauge genannten Einrichtung findet sich links vorn an der Bank die sog. Vorderzange, eine vor dem Tische getragene Holzschraube, durch die man namentlich Bretter gegen die Vorderwaud der H. pressen kann. Zwi- scheu Schraube u. Arbeitsstück liegt dabei ein Verschiebares sog.Zangenbrett. Hinten anderBank sitzt ein Werkzeugkasten (Beilade). Hat man Bretter zu hobeln, welche länger sind als die H., so spannt man das eine Ende des Brettes in eine Zange u. egt das andere auf einen Stehknecht, d. i. ein - Hobhouse. Vs—Im hoher Stock mit Kreuzfuß. 2) (Zimmcrm.) ein Stück ca. 15 em starkes Bauholz von ca. 3 in Länge, mits vier Füßen und an beiden Enden mit zwei fast neben einander stehenden aufrechten Stützen, zwischen welche ein zu fügendes Brett gekeilt wird. Gieseler. Hobelmaschine, 1) für Metall, um in mechanischen Werkstätten namentlich ebene Metallflächen zu bearbeiten. Bei der H. wird das schneidende Werkzeug in parallelen, sehr nahe zusammenliegenden geraden Linien gegen das Arbeitsstück geführt und dadurch diesem die gewünschte Form ertheilt. Gewöhnlich wird das Arbeitsstück mit eisernen Klammern aus einer wagerechten gußeisernen Platte, dem Tische, festgeschraubt. Der Tisch ruht mittels einer Schlittensührnug auf dem sogen. Bett u. wird durch Kurbelstange, Schraube od. Zahnrad mit Zahnstange hin u. her bewegt. Über dem Tische befindet sich der am Support befestigte Schneidstahl (Meißel), der nach jedem Hin- u. Hergange des Arbeitsstückes etwas senkrecht zur Bewegungsrichtung desselben verschoben wird u. so nach u. nach die ganze Fläche bestreicht. Die Bewegungen erfolgen meist selbstthätig durch die Maschine. Statt das Arbeitsstück zu bewegen, läßt man auch den Meißel allein die erforderlichen Bewegungen ausführen (Stoßmaschinen od. Feilmaschinen), od. versetzt das Arbeitsstück in eine drehende Bewegung (Nundhobeln). 2) Bei der H. für Holz wird der ruhende Stahl gewöhnlich durch eine um senkrechte oder wagerechte Achsen sich drehende Scheibe mit Schneidklingen ersetzt. Besondere H-n benutzt man bei der Fabrikation der Zündhölzer u. der Dachschindeln, u. zum Zerkleinern der Farbhölzer (Farbholzmühlen). 3) Die H. bei der Appretur der Leiuenstoffe besteht aus zwei der Quere nach gekerbten Hölzern; das untere liegt fest, das obere wird durch Menschenoder Maschinenkraft hin u. her bewegt u. die Leinwand dabei zwischen beiden einqeseift n. gewaschen. Gieseler. Hobelspäne, 1) seine Bänder von Holz durch Abhobeln erzeugt. Sie werden als Abfall meistens zum Anmachen des Feuers, zum Putzen u. Schleifen des Holzes, als Packmaterial rc. benutzt. In der Technik finden jedoch gewisse Arten H. eine bedeutende Verwendung. So in der Schnellessigfabrikation Buchen-H. (s. Essig). Faden ähnliche H. von spanischem Rohr u. elastischen Holzarten dienen zum Polstern ordinärer Möbel, Matratzen rc. Sehr dünne H. werden bes. in England braun gefärbt zur Einlage in geringere Cr- garrensorten mit Kartoffel-, Lindeublättern und Tabaksabfällen gemischt als beliebtes Verfälschungsmittel angewendet. H. dienen ferner zur Füllung von Coudensatoren, bes. der Theercondensatoren der Holzgasfabriken rc. 2) H. von Metallen, bes. Eisen, Kupfer, Blei rc. beim Hobeln derselben mit Maschinen erzeugt, sind Abfall, der meist wieder mit eingeschmolzen wird. Eisen-H. werden zu Rostkitt, Kupfer-H.in chem. Laboratorien bei organischen Analysen wie die Dreh- u. Bohrspäue dieser Metalle verwandt. Jmigck. Hobhouse, Sir John Cam, Lord Brouzhton, brit. Staatsmann, geb. 1786 in London, Sohn Sir Benjamin H-s, eines reichen Brauers daselbst 352 Hobos — welcher 1812 Baronet wurde; studirte in Cam- bridge mit Byron zugleich, bereiste mil demselben 1809 den Orient n. war wahrend der Hundert Tage in Frankreich; nach England zurllckgekehrt, schriftstellerte er im (Leiste der Radikalen, wurde aber 1819 ans einen Befehl des Unterhauses, welches sich durch eine Stelle seiner Schristen in seinen Privilegien verletzt fand, gefangen gesetzt, jedoch mit Schluß der Parlamentssaison frei. 1820 ward er von Westminster zum Parlamentsmitglied gewählt, wo er anfangs zu den Radikalen gehörte u. einer der Gründer des IVsstminstsr Rvvisiv wurde (1824); später näherte er sich aber der Regierung u. trat 1831 unter Grey als Kriegs secretär in das Whigministerium. Hier zerfiel er mit seiner früheren Partei, namentlich weil er die früher eifrig von ihm bekämpste Prügelstrafe in der Armee nicht abschafste. 1833 wurde er Staatssekretär sür Irland; legte jedoch bald daraus, da er Die einst von ihm verworfene Feustersteuer jetzt für nöthig erklärte, seine Stelle als Minister und Parlamentsmitglied nieder. 1834 wurde er unter Melbourne Obercommissär der Domänen u. trat für Nottingham aufs Neue ins Unterhaus, reichte mit dem Ministerium 1839 seine Entlassung ein, trat aber, als Melbourne nach wenigen Tagen wieder in der Majorität war, als Präsident des Controlbureans sür Ostindien ein und blieb dies, bis im August 1841 das Ministerium abdankte. Von da au gehörte er zur Opposition gegen das Ministerium Peel im Unterhaus; war 1846—52 im Whigministerium abermals Präsident des Ostindischcn Amtes, erhielt 1847 den Sitz für Harwich im Unterhaus, wurde 1851 Peer (als Baron Broughton de Gyffard), trat iin Januar 1852 mit dem Whigministerium zurück ins Privatleben u. st. 3. Juni 1869. Er schr.: llournsz into ^.Ibania null otüsr proviueos ok birs llsirr- lcisir smpirs, London 1812, u. Retters rvrittsu bx an Lvglisümann äurinA tüs last; rsiAn ot lstaxolson, ebd. 1815, was ihm, da er für Napoleon Partei nahm, viele Feinde znzog. Bartling.» Hobo'c, s. Oboe. Hoboisten, s. Hautboisten. Hoboken, Dorf an der Schelde im Arr. und der belg. Provinz Antwerpen; Wachsleinwand- farrikalion; 2633 Ew. Hoboken, Stadt im Hudson County des nordam. Unionsst. New-Jersey, New-Iork gegenüber, mit dem es durch Dampffähren verbunden ist; Ausgangspunkt verschiedener wichtiger Eisenbahnlinien, Landungsplatz mehrerer Transatlant. Dampfer, bedeutende Handels- u. Gewerbsthätigkcit; Polytechnische Schule mit Vorschule, Akademie; (1871) 20,297 Ew., von denen die beiWeitem größereHälfte Deutsche sind, so daß die Stadt ganz das Gepräge einer deutschen Stadt trägt. Gegründet wurde H. im Anfänge des 17. Jahrh. von den Holländern. Wegen seiner angenehmen u. gesunden Lage ist es ein beliebter Sommerauscnthalt reicher Rew- Jorker. schroot. llov anno (lat.), in diesem Jahre. lloo est (lat., abbrev. ü. e.), so v. w. das ist. Hochachtung, höheres Gefühl von Achtung, bes. da, wo Anstrengung, Aufopferung n. Besiegung von Schwierigkeiten vorhergegangen ist. Hochblatt. Hochalpctt, franz. Dep., s. Hautes-Alpes. Hochaltar, in katholischen Kirchen der Hauptaltar, welcher stets im Chor der Kirche steht. Hochamt, hohe Messe, Hochmesse, in katholischen Kirchen die feierliche Messe, welche am Hock- altar bei dein Hauptgottesdieuste an Sonn- uiid Festtagen und bei außerordentlichen Festlichkeiten begangen wird. Hochastcn, von mehreren Forschern, so von Hermann von Schlagintweit angewandte Bezeich. nung sür das große Gebirgsplateau im N. Vorderindiens, welches von den 3 mächtigen GrbirgZ, ketten des Himalaja, Karakorum und Kuenluen gebildet wird rvgl. Asien S. 202). In ihm liegen ! die höchsten Gipfel der Erde, der Gaurisankar, Kandschindschinga (Kinchiuchinga) u. der Dapsang. Politisch begreift es im W. Kaschmir, in der ! Mitte Nepal und Theile des britischen Indiens > (Garwhal, Sikkim), im O. Tibet. (Das Weitere s unter diesen.) i Hochäyknnst, s. Hochdruck. Hochbau, der Ban von Häusern (Hochgebänden) auf dem platten Lande, zum Unterschied von Wasser« u. Straßenbau. Höchberg, Linie des Hauses Baden, genannt ! nach dem alten Stammschlosse bei dem Dorfe ' Sexau des Bez.-Amts Emmcndingcn im badisch, s Kreise Freiburg, das schon zur Zeit Karls L. Gr. > erbaut worden sein soll, 1689 von den Franzosen ! eingenommen u. zerstört wurde u. seitdem Ruine ist. Die Linie H. wurde von Heinrich I., dem jüngeren Sohne des Markgrafen Hermann III. von Baden, 1190 gestiftet, während sein älterer Bruder, Hermann IV., die markgräfl. Linie fortsetzte. 1300 mit Heinrichs III. Tode thcilte sich die Linie n. Heinrich IV. stiftete die Linie H.-H., welche indessen durch fortwährende Laudestheilmigen geschwächt, mit Otto III. 1418 erlosch und laut Vertrag ihre Besitzungen an den Markgrafen von Baden überlassen mußte; Rudolf III. stiftete die Linie H.-Sausenberg, die zu Ansehen gelangte, 1503 mit dem Markgrafen Philipp mi Mauns- stamin erlosch u. außer der Ärasschaft Neuschaicl ihre Besitzungen an das markgräfl. Hans Baden vererbte. Nachmals wurde der Name erneuert, als der Markgraf, später Großherzog Karl Friedrich von Baden die ihm in zweiter Ehe morganatisch angetrante Hofdame seiner ersten Gemahlin, die Luise Karoline Geyer von Geyersberg (geb. 1768, gest. 1820), zur Gräfin von H. vom Kaiser erheben ließ. Die mit ihr erzeugten Söhne ; erklärte der Großherzog 1817 als Markgrafen von Baden u. großherzogl. Prinzen, u. eröfsnete ihr , erster Sohn Leopold 1830 die Reihe der Groß« Herzoge aus dieser neuen Linie H. Lagai. Höchberg, evangelische, in Preußisch-Schlesien (Neuschloß, Fürstein, Pleß) begüterte Familie, welche 1650 in den Freiherrn-, 1666 in den Grasen-, 1684 in den Reichsgrasenstand erhoben wurde u. deren Haupt laut Diplom vom 15. Oct. 1850 den Titel eines Fürsten von Pleß, erst mit dem Prädikat fürstliche Gnaden, seit 1861 (Ca- * binetsschr. vom 22. Oct.) Durchlaucht führte. l Hochüeschlagcn, von dem Roth-, Dam- oder Rehwild, trächtig. Hochblatt, s. u. Blatt; daher Hochblatt- Hochbootsmann - regio», die Region am Stengel (Hochblattstengel), wo die Hochblätter sitzen. HochbootSmann, veraltet, jetzt Oberboots- mann, s. n. Deckoffizier. Hochbord (Hochbordiges Schiff) hießen anfangs die ersten Segelschiffe ohne Rndervorrichtungen, im Gegensatz zn den Rudcrschiffen; dann, als diese ganz verdrängt, Schiffe, welche mehr als eine Reihe Geschütze führten, also Fregatten- und Linienschiffe. Neuerdings sind mit den Panzerschifss- Constrnctioucn wieder wirklich flachbordige (niedrig-bordige) Schiffe eingeführt worden, die aber nur für stationäre, Fluß- u. Küstcnfahrten, als Monitors rc. beibehalten sind. Der Versuch, ein flachbordiges Schiff als Seeschiff unter Segeln gehen zu lassen, führte zu der traurigen Katastrophe des Captain (vgl. u. Panzerschiff, Geschichtl.). Fest- Hcchbnrstnnd, so v. w. Franche Comte. Hochealifornien (Neucalifornien), so v. w. Calisornicn. Hochdruck 1) ist im Allgemeinen jedes reproduc- tiv-graphische Verfahren, wobei eine Platte mit erhabener Zeichnung oder Schrift zur Anwendung kommt; er findet also sowol beim Holzschnitt, wie beim Kupferstich als auch bei der Lithographie statt und erhält dann verschiedene Namen, wie Ektypographie, Chalkotypie rc. (Vgl. Graphische Künste 3, 7, 8). In specifischcr Bedeutung nennt man auch H. erhaben geprägte Schriftplatten für Blinde oder auch Reliesdrncke zur Verzierung von Flächen (vgl. Gr. Künste 38). 2) (Bnchdr.l die durch die Presse erhaben hergestellten Zeilen u. Verzierungen, der Druck für Blinde znm Betasten; vgl. Freisanff v. Reudegg, Beschreibung der Eklypographie für Blinde, Wien 1837. 3) (Hochdrnckdamps) der Dampfdruck, von mehr als 3—4 Atm. (ä. 1 per 9 ein.), früher von mehr als 1 Atm. U SchaLler. Hoche, Lazare, einer der hervorragendsten sranz. Generale der Revolutionszeit, geb. 25. Juni 1768 zu Montrcuil bei Versailles, aus niedrige»! Stande, war anfänglich Stalljnnge bei dem Grafen von Artois, daun Soldat der Garde. Was er an Geld anfbringen konnte (u. a. durch Wachestehen für Kameraden rc.) verwendete er znm Ankauf von Büchern behufs seiner Ausbildung; als Nichtadeliger vermochte er jedoch nicht über die Sergeantenstclle hinausznkommen. Nach dem Ausbruch der Revolution ward er Lieutenant der Pariser Siadtgarde, als welcher er mit Eifer dis Lücken seiner Bildung weiter ergänzte u. namentlich mit höherer Kriegswissenschaft sich beschäftigte. Er nahm hieraus an dem Feldzug nach Belgien theil, zuletzt als Adjutant des Generals Leveneur; wurde jedoch April 1793 nach Dumouriez'Übergang des Einverständnisses mit diesem beschuldigt n. gefangen gesetzt. In Folge eines von ihm aus dem Gefängniß eingereichten Operationsplanes wurde er von dem Wohlfahrtsausschüsse bald wieder freigclassen und zuin Commandanten von Dünkirchen ernannt, wo er alle Angriffe der Engländer abschlug u. deshalb Brigade, u. bald darauf Divisionsgeneral wurde; Ende 1793 erhielt er das Commaudo der Moselarmee, unterlag zwar am 30. Nov. bei Kaiserslautern gegen die Preußen, erreichte aber dennoch durch stete Märsche u. Gefechte den Rückzug der PiercrZ Universal-LonrersationL-Lexiton. ö. Ausl. x.: - Höchenschwand. 353 Feinde über den Rhein noch in Vemsclben Jahre. Seine Selbständigkeit den C onventsdcp nlirten gegenüber brachte ihn von Neuem ins Gefängniß, aus dem ihn der Sturz der Schreckensherrschaft (Juli 1794) befreite. 1795 gegen die empörten Küstenprovinzen gesandt, schlug er im Juni die gelandete Armee von emigrirten Edellenten u. nahm sie bei Quiberon gefangen (ihre Niedermetzelnng verweigerte er u. gab, da er sie nicht hindern konnte, das Commaudo ab), u. brachte dann Anjou, die Bretagne und Normandie zur Ruhe zurück nicht allein durch geschickte militärische Maßregeln als auch durch maßvolle Milde. Am 16. Dec. 1796 versuchte er von Brest aus eine Landung in Irland, welche durch einen Sturm, der die Flotte auseinanderwarf, scheiterte. Er erhielt darauf das Commaudo der Maas- u. Sambrearmee, eröffnete 1797 den Feldzug mit dem Rheinübergange bei Neuwied (18. April) im Angesicht der Österreicher, legte in 4 Tagen 35 Stunden Weges zurück, lieferte 3 Schlachten und 5 Treffen und drang bis Wetzlar vor, wo er infolge der Friedenspräliminarien von Leoben halten mußte. Das ihm nach dem 18. Fructidor angebotene Kriegsministerium schlug er ans, übernahm jedoch den Oberbefehl über die französische Armee an der deutschen Rheingrenze, starb aber schon 18. Sept. 1797 in Wetzlar (nach gewöhnlichem Glauben an Gift). H. war nicht allein hervorragend als Feldherr, sondern auch als Politiker; er besaß znm Theil die hervorragendsten u. edelsten, daneben aber auch gemeine Eigenschaften. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sein Ehrgeiz u. seine Talente ihn bei längerem Leben zu einem gefährlichen Nebenbuhler Bonapartes gemacht hätten, (vgl. Desprez: II. ä'ax- rö8 8U oorrsspornlanos, Par. 1868). Bei Weißen- ihnrm unweit Neuwied wurde ihm ein Denkmal (Marmorobclisk) und in Versailles eine eherne Statue errichtet. Lhielemaun. Hochebene, s. u. Ebene. Hochegger, Franz, Schulmann, geb. 4. Oct. 1815 zn Innsbruck, fiudirte daselbst u. habilitirte sich 1851 als Privatdocent an der Universität zn Wien, wurde dann Professor an dem Theresianum daselbst, kam hierauf als Professor der Philologie an die Universität zn Pavia u. 1859 nach Prag. Hier eröffnete er durch die Broschüre: Österreichs Gymnasien u. die Jesuiten, den Kampf gegen die klerikalen Lehranstalten. Von Prag zur Leitung oes akademischen Gymnasiums nach Wien berufen, suchte er die höheren Schulen zn vermehren und die Lage der Lehrer zu verbessern und gab mit Bonitz die Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien heraus, in welcher er die Aufnahme der Naturwissenschaften in dieselben befürwortete. Anä> an der Herausgabe des Werkes: Die Fortschritte des Unterrichtsweseus in den Cnltnrstaaten Europas nahm H. theil. Später wurde er geisteskrank n. in die Irrenanstalt zn Hall in Tirol gebracht, wo er 26. Sept. 1875 st. Eichhoff. Höchenschwand, Dorf im Amtsbez. St. Blasien des baü. Kreises Waldshut, das höchste Dorf in Baden ans dem Schwarzwald; Strohflechterei; 360 Ew. Vom Belveddre umfassende Aussicht ans die Alpen vom Algän bis zum Montblanc, deßhalb in neuerer Zeit stark besucht. Sand. 2 z 354 Hochcrhaben - Hocherhaben, so v. w. Hautrelief. Hochfeld, s. Duisburg. Hochfelden, Fleckeu (früher Stadt) im Landkreise Straßburg des Regbez. Unter-Elsaß im deutschen Neichslaude Elsaß-Lothringen, an der Zorn und dem Rhein-Marnekanale, Station der Elfaß-Lothriug. Eisenbahnen; Friedensgericht, gute Backwaareu; 187b: 2469 Ew. Hochgarn, s. u. Jagdnetz. Hochgericht, so v. w. Hochnotpeinliches Halsgericht; auch Richtstätte, Galgen. Hochgucker, ^lurbiopo -4rk., Gattung der Schlundblasenstsche; die Augen, durch ein Querband getheilt u. durch das hervorstehende Stirnbein gedeckt, stehen sehr heraus; Leib walzig, kleinschuppig, schleimig; Rückenflosse sehr klein, weit hinten. Bei dem Männchen sind die sechs vorderen Strahlen der Afterflosse beschuppt und zu einer Röhre verbunden, zur Abführung des Harns u. des Samens. Das Weibchen bringt große lebendige Junge. Art: Vierauge, L. tstiopbtbalmus Li., mit sechs braunen Längsstreifen an der Seite; in Surinam; eßbar. Hochhcim, Stadt u. Amtssitz im Landkreise Wiesbaden od. dem Mainkreise des prenß. Regbez. Wiesbaden, am Main, unweit seines Einflusses in den Rhein, Station der Nassauischen Eisenbahn; evang. n. kathol. Kirche, Schaumwein- u. Malzfabrik, vorzüglicher Weinbau; 187S: 2621 Ew. Bei H. wächst eine der vorzüglichsten Sorten des Rheinweins, der Hochheimer. H. wird schon im 7. Jahrh. erwähnt, indem Sta. Bilehild, Gemahlin des thüringischen Herzogs Hedan, von H. gebürtig war. Die erste Nachricht von dem Wein- van in H. ist vom Jahre 820. H. gehörte früh schon dem Domcapitel in Mainz, kam 1801 an Nassau u. 1866 an Preußen. Hier am 9. Nov. 1813 Niederlage der Franzosen unter Gertraud durch die Österreicher. H- Berns. Hochkirch, Kirchdorf in der Amtshauptmannschaft Löbau der königl. sächs. Kreishauptmann- schast Bautzen (Oberlansitz), dem Barchener Dom- stist gehörig; 501 Ew, Hier im 7jährigen Kriege am 14. Oct. 1758 Überfall der Preußen unter Friedrich II. durch die Österreicher unter Daun n. London, worin erstere gänzlich geschlagen wurden. Das Denkmal Keiths, der beim Überfall 1758 blieb, früher auf dem Kirchhofe, steht in der Kirche zu H. Hochkirche (HIZii duirolr), so v. w. Angli- canische Kirche. Hochländer, 1) Länder, Gebirge oder auch Hochebenen; der Gegensatz von Tiefländer. 3) Insel, so v. w. Hoglaud. Hochleite, holziger Bergabhang. Hochlithographie, s. Hochdruck. Hochmeister, Ordensmeister des Deutschen Ordens. HochmögendeHerren, Titel d. Generalstaaten. Hochnotpeinliches Halsgericht, s. u. Hals- gericht. Hochofen, so v. w. Hohofen. Hochplateau, so v. w. Hochebene. Hochrelief, so v. w. Hautrelief. Hochschüftigc Tapeten, so v. w. Hautelissc- iapeten. — Hochstettcr. Hochschottland, s. u. Schottland. Hochschule, so v. w. Universität. Hochspeyer, Kirchdorf im Bez.-Amt Kaisers, lautern des daher. Regbez. Pfalz (Rheinpsalz), am Hochspeyerbach, Station der Pfälzischen Ludwigs- u. Alsenzbahn; Dampfsägemühlen; 187S> 1799 Ew. Höchst, Stadt im Landkreise Wiesbaden (Mai,,, kreise) des prenß. Regbez. Wiesbaden, am Einfluß der Nidda in den Main, Station der Nassauischeu Eisenbahn; kathol. Pfarrkirche von 1090, Realschule, höhere Töchterschule, Fabrikation von Cigarren, Farben, Anilin, Mizarin, Soda, Hüten, Wachstuch, Schaumwein, Corsetten n. Gasapparaten, Hohofen, Eisen- u. Messinggießerei, Gips- n. Marinorbrennerei, Schleifmühle, Schifffahrt, Handel; 1875: 4057 Ew. H., früher ein Dorf, wurde 1400 von dem Erzbischof Johann von Mainz, dessen Vorgänger es vom Kaiser Karl IV. erhalten hatte, zur Stadt erhoben u. 1410 befestigt. Hier am 20. Juni 1622 Sieg Tillys über den Herzog Christian von Braunschweig. 1635 wurde das schloß (1404 vom Erzbischof Johann erbaut) von den Schweden niedergebrannt. Am 11. Octbr. . 1795 hier Sieg der Österreicher unter Clersaht ! über die Franzosen unter Jonrdan. H- Berns. ! Hochstadt (Vysoke), Stadt im böhmischen Bez. Starkenbach (Österreich), am Fuße des Riesen- gebirges; Rathhaus, Burgruine, Flachsspinnerei, Garnhandcl; 1492 Ew. Höchstadt (H. an der Aisch), Stadt u. Hanpt- , ort in dem 490,^ fUstcm (8,g IHM) mit 27,1S1 ^ Ew. n. die beiden Landgerichte H. n. Herzogenaurach umfassenden gleichnam. Bez.-Amt des daher, Regbez. Oberfranken, an der Aisch; Landgericht, großes Schloß, Bierbrauerei, starker Hopfenbau; 1875: 1831 Ew. Hochstädt (Höchstädt), Stadt im Bez.-Amt Dillingen des bayer. Regbez. Schwaben und Neuburg, an der Donau, Station der Bayer. Staatsbahn; schönes Schloß mit Wall n. Thürmen, Hopfenban; (1875) 2459 Ew. H., wahrscheinlich römischen Ursprungs, wird zuerst 1081 erwähnt, gehörte zur Grafschaft Dillingen, kam 1191 au die Hohenstaufen, 1266 an Bayern und 1505 an das Fürstenthum Nenburg. 1546 wurde H. von Karl V. eingeuommen, den 1. Februar 1633 von Bernhard von Weimar erstürmt und 1634 von den Kroaten verwüstet. Hier im Spanischen Erbfolgekrieg am 20. Sept. 1703 Sieg der Bayern , über die Kaiserlichen unter dem Grafen Styrum > und am 13. Aug. 1704 Sieg der Engländer n. Österreicher über die Franzosen und Bayern (s. Blindheim); im Französischen Revolutionskrieg am 19. Juni 1800 Sieg der Franzosen über die Österreicher. H. Berns? Hochstamm, s. Obstbaumzncht. Hochstapler, Schwindler, Betrüger, der seine Prellereien bes. unter dem Anschein vornehmer Herkunft u. Stellung auszuführen sucht. Hochstettcr, Ferdinand v., bedeutender Geolog, geb. zu Eßlingen 30. April 1829, stu> dirte Theologie, widmete sich aber dabei eifrig den Naturwissenschaften, ging nach beendigtem theolog. Examen, vom Staate unterstützt, auf Reisen, arbeitete au der geolog. Reichsanstalt in 355 Hvchstift — Wien, nahm verschiedene Theile Böhmens und Umgegend geologisch ans, wurde 1856 Privat- doccm in Wien, begleitete das Jahr darauf die Expedition der Novara nach Neu-Seeland, wurde 1860 Prof, der Mineralogie und Geologie am polytcchn. Institut in Wien und unternahm 1869 eine Reise in die Türkei. Auch außer seinen werthvolleu geologischen Abhandlungen in Fachzeitschriften sind seine Arbeiten sehr zahlreich und schätzenswerth. Besonders hervorzuheben sind seine Schriften: Über Karlsbad, das. 1856; Die Karlsbader Thermen, Wien 1856; Madeira, ebd. 1861; Neu-Seeland, Stuttg. 1863, engl, mit Zusätzen von H., ebd. 1867; Ausgestorbene Riesenvögel von Isen-Seeland, Wien 1862; Topogr. und geolog. Atlas von N.-S., Gotha 1863; Geologie von N.-S., Wien 1864; Paläontologie von N.-S., ebd. 1864; Geol. Beobachtungen auf der Novarareisc, ebd. 1866; Geol. des östl. TheilS der europ. Türkei, ebd. 1870;Derklral,Berl. 1873; Asien, seine Zukunstsbahnen u. seine Kohlenschätze, Wien 1875. In glücklicher Weise popularisirte er die Wissenschaft in seinen beiden Schriften: Geolog. Bilder der Vorwelt n. der Jetztwelt, Eßl. 1873; Die Erde nach ihrer Zusammensetzung rc., Prag 1875. r. Hochstlft, so v. w. Erzstift. Hochstraten, so v. w. Hoogstraaten. Hochverrat!) (Orimon peräuellionis, I°or- äusllio, bei den Römern auch Orimon inajostatüs), das Verbrechen, welches dadurch begangen wird, daß Jemand gegen den Staat Etwas in der Absicht unternimmt, um denselben auf eine unerlaubte Weise in seiner verfassungsmäßig bestehenden Gestalt zu verändern, ihn ganz oder theil- weise politisch zu vernichten. Gegenstand des Verbrechens ist daher hier immer der Staat selbst in seiner jetzigen versassnngsmäßigen Wesenheit; die Tendenz des Verbrechens muß daher eine solche sein, daß der Verbrecher darauf ansgeht, die verfassungsmäßige Existenz des Staates selbst anzugreifen und eine Änderung der bisherigen verfassungsmäßigen Organisation oder die gänzliche Vernichtung desselben herbeizuftthren. Die Lehre vom H. wurzelt gemeinrechtlich ans den vielfach während der politischen Umgestaltungen des Staates veränderten und ein wirklich abschreckendes Beispiel gesetzgeberischer Verirrung bietenden römischenNechtsbestim m unge n, wie sie in Justinians Gesetzsammlungen übergegangen sind. Im G e r m a n i s ch e n R e ch t e wurde anfänglich zur Bezeichnung der einschlagenden Straffälle mehr der Gesichtspunkt des Verrathes und des lehenrechtlichen Treubruches hervorgchobcn; allein bei dem späteren Eindringen des Römischen Rechtes kam derselbe zu keiner festeren Entwickelung. In den Reichsgesetzen, z. B. der Goldenen Bulle und später in der Carolina, schwebten unverkennbar nur die römischen Vorschriften über das Orimon majosbabiL vor und dieselben verbreiteten sich hierauf unter den Praktikern des Gemeinen Rechtes, ohne daß es denselben aber gelungen wäre, zu klareren Vorstellungen zu gelangen. Später sing man an zwischen eigentlichem H. u. Majestätsverbrcchen zu unterscheiden und unter letzteren Begriff diejenigen Verbrechen, welche lediglich sich als Verletzungen der der Person des Hochverrats Regenten gebührenden besonderen Hochachtung u. Heiligkeit darstellen, zu fassen. Eine präcisere Gestaltung der Grundsätze über Bestrafung des H-s und Begründung auf festen Principien haben erst die Strafgesetzbücher der Neuzeit gebracht. Sie ließen zunächst die Beschränkung, daß der H. nur von dem eigenen bleibenden Ünterthan des Staates begangen werden könne, fast allgemein fallen, bedrohten aber meist den von dein Unler- than eines fremden Staates verübten H. weniger hart, als den vom Ünterthan des eigenen Staates ausgegangenen. Hinsichtlich des Objectes schied man drei Richtungen: s, gegen die Person des Regenten, durch einen Angriff gegen das Leben, die Gesundheit oder persönliche Freiheit desselben, oder Beraubung des freien Gebrauchs seiner Negiernngsrcchte, wie z. B. durch Stellung unter Vormundschaft, unter die Aufsicht eines Ministerraths, einer revolutionären Negierung u. dgl.; b. gegen die Integrität des Staatsgebietes, wenn bezweckt wird, den Staat einem fremden Staats entweder ganz oder theilweise zu unterwerfen oder einzuverleiben; endlich o. gegen die Staatsversassung (Staatsverrath) durch Umsturz entweder der ganzen Verfassung oder doch wenigstens wesentlicher Theile derselben. An Stelle der zu Neichszeiten bestandenen Unterscheidung zwischen Reichs- und Landes-H. kam in die neueren deutschen Strafgesetzbücher durch Bnn- desbeschlnß vom 18. Ang. 1836 die als Norm anerkannte Bestimmung, daß ein Attentat gegen die Verfassung des Deutschen Blindes einem Attentat gegen Len einzelnen Staat gleichznstcllen sei. Die Strafe des H-s war nach Römischem Rechte, ohne Unterscheidung zwischen Vollendung und Versuch, der Tod mittels Schwertes verbunden mit Con- fiscation des ganzen Vermögens und Verfluchung des Gedächtnisses an den Namen des Verbrechers (Oamnatio msmoriao); die Söhne wurden ehrlos, die Kinder succejsionsnnfähig erklärt. Durch Art. 124 der Carolina wurde als Strafe bei Männern das Viertheilen, bei Weibern Ertränken, neben der Constscation und vamnabio momoriao eingeführt. Die neueren Strafgesetzgebungen haben meist die beiden letzteren Strafen aufgehoben, drohten aber im Übrigen regelmäßig mit Todesstrafe, das Bayerische und Hannöverische Strafgesetzbuch selbst noch qualificirte Todesstrafe an. Der bloße Versuch des H-s wird allgemein gelinder, immer aber mit mehrjährigem Zuchthaus gestraft. Dagegen hatten dieselben den H. unter diejenigen Verbrechen ausgenommen, hinsichilich deren eine allgemeine Denunciationspflicht besteht, so daß also die Nichtanzcige strafbar war. Im Anschluß hieran ist auch vielfach denjenigen Mitschuldigen, die sofort aus Pflichtgefühl eine hoch- verrätherische Verbindung zur Anzeige bringen, bald volle Straflosigkeit, bald eine bedeutende Minderung der Strass zngesichert. Nach dem Deutschen Reichsstrafgesctzbuch ist zunächst ausgeschieden das Verbrechen des LandcSverraths (88 87 ff.), sowie das der Beleidigung des Kaisers und der Landesherrn (Majestätsbeleidignng), endlich Beleidigung der Bundesfürsten (Abschnitt II und III Z 94 ff., 8 S8ff.). Als Hochverrath wird sodann bestimmt: 1. Mord und Versuch des 356 Hochvogcl - Mords am Kaiser, am eigenen Landesherr», am Landcsherrn des Bundesstaats, in welchem sich der Thäter aufhält, Strafe Tod: 2. wenn Jemand cs unternimmt: 1) einen Bundesfürsten zu tobten, gefangen zu nehmen, in Feindes Gewalt zu liefern oder zur Regierung unfähig zu machen; 2) die Verfassung des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates (in ihrer Ganzheit oder wenigstens in ihrer Wesenheit) oder die in demselben bestehende Thronfolge gewaltsam zu ändern; 3) das Bundesgebiet ganz oder theilweise einem fremden Staate gewaltsam einzuvcrleiben oder einen Theil desselben vom Ganzen losznreißen, oder 4) das Gebiet eines Bundesstaats ganz odertheilweise einem anderen Bundesstaate gewaltsam einznverleiben oder einen Theil desselben vom Ganzen loszureißen: Strafe lebenslängliches Zuchthaus oder Festungshaft. Sowol in 1. als in 2. (unternimmt) wird also der Versuch wie die Vollendung gestraft, freilich begriffsgemäß nur dann, wenn durch die Handlung das Vorhaben unmittelbar zur Ausführung gebracht werden soll; mit anderen Worten, wenn ein weiteres Hinderuiß nun vom Thäter seinerseits nicht mehr zu beseitigen war. War die Versnchshandlimg noch eine entferntere, so kommen die allgemeinen Grundsätze über Ver- such zur Anwendung (ZZ 80 bis 82). In den ZZ 83, 84 u. 85 werden aber auch schon gewisse bestimmte Vorbereitnngsh andlungen mit Strafe bedroht, nämlich schon die, nicht einmal in das Stadium des nächsten Versuchs getretene hochverrätherischeVerabrcdnnglhochverr.Complott), die Einlassung mit fremden Regierungen, Miß brauch der anvertrauten Macht, Mannschaftenau- werbung behufs Hochverraths, endlich die öffentliche Aufforderung zum H.; Strafen: Zuchthaus resp. Festungshaft von 5 bis 15 Jahren in den ersten beiden Fällen, bei der öffentlichen Aufforderung rc. Zuchthaus resp. Festungshaft von 1 bis 3 Jahren. Sodann aber bestimmt eine General klausel, nämlich Z 86 noch ganz allgemein: Jede andere, ein hochverrätherisches Unternehmen vorbereitende Handlung wird mit Zuchthaus resp. Festungshaft von 1 bis 3 Jahren bestraft. Bei Anwendung dieser sämmtlichen Strafbestimmungen über Vorbereitungshandlungen, besonders die zuletzt genannten generellen, ist seitens der Gerichte die größte Unbefangenheit und Gewissenhaftigkeit zu fordern und hauptsächlich die für vom Staate angestellte Richter diesbezüglich naturgemäß bestehende Schwierigkeit war und ist ein Grund, warum hier vor Allem das Schwurgericht als die einzige sichere Garantie einer entsprechenden Gesetzesanwendung erachtet wird. Vgl. Fenerbach, Philosophisch-juridische Untersuchungen über das Verbrechen des H-s, Erf. 1798; Dicck, visguis. üis'lor. äs arimius nässest, apuck Romanos, Halle 1821; Sinteuis, Von den Majestätsverbrechen, Zerbst 1825; I. Weiske, H. und Majestätsverbrechen, u. Orimon inaj. der Römer, Lpz. 1836; Hepp, Die politischen Staatsverbrechen, Tübingen 1846; Walther, Das hochverr. Complott, München 1849; Holtzeudorff in seinem Handbuch, Bd. I, S. 37; John, ebd., Bd. III, S. 3 ff. Bezold.* Hochvogel, einer der höchsten Gipfel der Al- - Hochzeit. gäuer Alpen beim Flecken Oberstdorf im bayer. Bezirksamt Sonthofen, 2863 m hoch. Hochwald, s. u. Forstwirthschaft. Hochwald, 1) ein 744 m hoher Berg des Lausitzer Gebirgs bei Zittau in Sachsen. 2) Gebirgsrücken im preuß. Regbez. Trier, ein Theil des Hnnsrücken, s. d. 3) Gebirgsgruppe im Nie- derschlesischeu Steinkohlengebirge, preuß. Regbez. Breslau, 840 m hoch. Hochwasser, 1) höchster Stand der Fluch. Zz s. v. w. Überschwemmung. Hochwild, s. u. Jagd. Hochwürdigstcs Gut (Vouaradils), die ge- weiheten Abendmahlselemente, auch bloß die ge< weihete und ausgestellte oder umhergetrageiie Hostie, denen in der Katholischen Kirche die Anbetung erwiesen wird. Hochzeit, d. h. hohe Zeit, im älteren Deutsch jede festliche Lustbarkeit, in jetziger Sprache aber das Fest, welches bei Schließung der Ehe begangen wird. Feierlichkeiten und Gebräuche dabei kommen schon bei den verschiedenen Naturvölkern in höchst mannigfacher Weise vor. Ans dem Alterthum der morgeuländischen Völker ist davon wenig bekannt, von H-sgebräuchen bei den Ägyptern n. Ässyrern ist nichts überliefert worden, während wir dagegen über diejenigen der Hebräer aus der Bibel sehr genau unterrichtet sind. Dort geschah die Verlobung bei den Versammlungen zu Spiel und Tanz an hohen Festtagen durch den Ring und gewöhnlich ein Jahr nach der Verlobung folgte die H. Am H-tage begab sich der Bränn- gam, geschmückt und gesalbt, von seinen Freunden begleitet, in das Hans der Braut und führte diese verschleiert und von ihren Gespielinnen gefolgt, unter Gesang, Musik u. Tanz, in sein väterliches Haus, wo, ans seine Kosten, ein sieben- (bei einer Wittwe ein drei-) tägiges H-mahl gehalten wurde, wobei die Geschlechter jedoch getrennt blieben. Statt der Copnlation wurde ein Segenswunsch über die Brautleute ausgesprochen. Durch die Zerstreuung der Juden nach der Zerstörung Jerusalems modificirten sich ihre Hochzeitsbräuche nach ihren neuen Wohnorten, wobei indessen immer noch Manches an das hebräische Alterthum erinnert. Bei den Persern zur Zeit der Herrschaft des zorvastrischen Religionssystems, wie noch jetzt bei den Parsen, wnrüen die künftigen Eheleute oft schon in frühem Alter durch einen Priester verlobt, was nicht mehr gebrochen werden konnte. Der H. gingen Reinigungen voran; der Priester bestreute im Hause der Braut die sich die Hände reichenden Brautleute mit Früchten und sagte Scgeusformeln her. Bei den Griechen ist siir Sparta charakteristisch, daß die jungen Männer ihre Anserwählten entführen mußten, bei welcher Gelegenheit letzteren die Haare abgeschnitten wurden; jedenfalls ein Nest des alten Weiberranbes (s. Ehe) und die Brautleute durften sich längere Zeit nur heimlich und bei Nacht sehen. In Athen feierte man die H-en meist iin Monat Gamelion, oder auch am vierten Tage jedes Monats. Vor der H. wurden den Schutzgöttern der Ehe Opfer gebracht und Braut und Bräutigam mußten sich baden, wozu Wasser aus der Quelle Kallirrhoe von einem Kinde oder einer Jungfrau geholt 357 ü - Hochzeit. l wurde. Die Wohnungen beider Brautleute waren ,! mit Laubgewinden bekränzt. Am H-tage wurde t vom Brautvater ein Festmahl gegeben, nach dessen - Beendigung ein festlicher Zug mit Fackeln, die " am heimischen Herd angezttndet waren, die Braut st! zu Wagen, zwischen dem Bräutigam und dem - Brautführer sitzend, nach der künftigen Wohnung führte, wobei Jünglinge ein Brautlied (Hymenaios) sangen und dazu tanzten, wofür sie von der Braut 1 Festkleider erhielten. Freundinnen u. Verwandte i trugen in Körben die Mitgift. Die Begeg- f »enden warfen Früchte und Blumen in den Wagen und riefen dem Paare Glückwünsche zu. Bor der Thüre des Thalamos, in welchen sich die New § vermählten zurückzogen, wurden die Epithalamien - (H.-Gesänge) angestimmt und mit solchen das Paar st am Morgen geweckt. Am H-s- und am folgen- s den Tage erhielt daS Paar Geschenke von Ver- ; wandten und Freunden. Die Braut war während ! der ganzen Feier verschleiert, bis sie mit dem i Gatten im Thalamos allein war. Vom nächsten j Tage an zeigte sie sich unverschleiert Bei den ! Römern fand nur bei der feierlichen Eheschließung ! ^ durch Louksrrestüo ein Hochzeitfest Statt. Schon ' bei der Verlobung wurde der H-tag festgesetzt, mit besonderer Vorliebe für die zweite Hälfte des i JuniuS. Am Tag vor der H. weihte die Braut, ! nachdem sie der ünvo znxs geopfert hatte und r ihr mit einer Lanze (Musts, eoolibsris) das Haar st in sechs Locken getheilt und geordnet worden war, ^ i wie das der Matronen, die abgelegte jungfräu- ! liche ll'uj-s prsstoxts der k?oituus virZiuslis, ihre , Spielsachen dem Tar bamillsris oder der Venns. I Am H-tage, nach Anlegung der H-Gewänder und > > nach den Ehegüttern gebrachten Opfern, setzte sich i das Brautpaar auf das Fell des Opferthieres. ! Abends geschah die Heimsührnng (Deänotio cko- , f mnm) der Braut durch den Bräutigam bei ! Fackelschein und Flöteuspiel. Der Bräutigam warf I während desselben Nüsse unter das Volk aus. ! Über die Thürschwelle des verlassenen und des zu betretenden Hauses, welches mit Kränzen, Blumen, Fruchtschnüren behängen war, wurde die Braut gehoben, indem die Versammelten ihr ll'slss- i sio! znriefen. Verwandte u.Freuude begleiteten den - Zug; Scherzrcden wurden dabei eingestrent. An st der neuen Heimath angelangt erhielt die Braut st die Schlüssel des Hauses, welche sie einem Sklaven I einhändigte, und berührte, wie der Bräutigam, !, zum Zeichen der zu beobachtenden Keuschheit und zärtlichen Verbindung, Feuer und Wasser; mit l letzterem wurden die Füße gewaschen. Zu den ! Zeiten der Republik trug die Frau auch drei As ! bei sich; das erste, das sie in der Hand trug, s gab sie dein Bräutigam, denselben sich gleichsam erkaufend; das zweite legte sie auf den Herd ihrer , neuen Heimath; das dritte auf einen Kreuzweg. ! ^ Nachdem die vorgetrageueu Fackeln sorgfältig anfge- st hoben oder verbrannt waren, erfolgte das von j ^ Flöten und Epithalamien begleitete H-mahl. Dann st wurde die Braut von Matronen Mronubse) in i den Thalamos geführt und anss Lager Modus Ü ^onialis) gebracht. Jungfrauen sangen die Epi- i thalamien auf das Lob der Vermählten, Knaben dagegen stimmten leichtfertige Gesänge an. Gegenden ; zu großen Aufwand wurden bei H-eu einschränkende Gesetze gegeben. Von den H-gebränchen der germanischen Völker ist nichts Näheres bekannt, als daß ein Festmahl und Heimsührnng der Braut in die Wohnung des Bräutigams stattfand. Auch war es früh Sitte, daß die zum H-schmaus geladenen Gäste Geschenke mitbrachten, welche für die neugegrüudete Wirthschaft paßten. In der alten Christlichen Kirche war die Verlobung durch den Ring gebräuchlich, auch wurden von den heidnischen Gebräuchen der Brautführer beibehalten, gewöhnlich ein naher Anverwandter oder der Taufpathe der Braut, welcher bei der Verlobung zugegen war, bis zur H. den Keuschheits- wächter machte, nebst den Eltern die Braut zur Trauung und dann in das Hans des Bräutigams führte; ferner das Bekränzen der Brautleute, das Verschleiern der Braut, die Anlegung der Hoch- zeitgcbinde, nach der Einsegnung zum Zeichen der nunmehrigen unlöslichen Verbindung Beider. In feierlichem Zuge wurde die Braut in des Bräutigams Haus geführt, wo Schmausereien, Musik und Tanz folgten; auch der Armen wurde gedacht, dieselben erhielten die Reste der Speisen u. außerdem wurden kleine, eigens dazu gebackene Brode vertheilt. Bei den Völkern, welche zu den eigentlich civilisirtcn gerechnet werden, hat sich nur wenig von den complicirten und symbolischen Bräuchen bezüglich der H. erhalten. Das Ganze beschränkt sich auf Verlobung, Polterabend, Trauung (s. d.) und Festjchmaus. Ring und Braut- tranz sind fast die einzigen Symbole, die Vorkommen. Brautgeschenke zur H. sind überall gang und gebe; in begüterten Kreisen meist auch sie Brautreise. Die Silberne, Goldene u. Diamantene H. nach 25-, 50- u. löjähriger Dauer der Ehe ist ebenfalls allgemein gebräuchlich. Besondere Cereinonien finden indessen noch in Deutschland vielfach auf dem Lande, in Holland, Schweden, Irland rc. bei den mittleren und unteren Volksklassen immer noch statt. Fast überall aber insbes. in den vorgenannten Kreisen sind die H- gebränche von abergläubischen Meinungen beeinflußt, vgl. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. Bearb., Berlin 1869. Bei den Nenglischen wird die Braut am Vorabend der H. gebadet u. ihre Ausstattung (in Morea) ans Wagen durch die Stadt gefahren, während Knaben ihre Kleider in Körben auf dem Kopse Nachträgen; an anderen Orten wird die Ausstattung in dem festlich geschmückten Brauthause ausgestellt, während die jungen Leute tanzen. Am H-tage werden die Brautleute feierlich zur Kirche geführt; wenn sie aus dem Hause treten, streut man Baumwollensamen od. Getreidekörner, Reiche mit Goldstücken untermischt, über das Paar. An der Kirchlhür versprechen sie dem Popen, sich zu heirathen, werden mit Myrthen- und Weinlaubkränzen geschmückt u. erhalten Wachsfackeln; dann beginnt die Trauung. Stach deren Beendigung setzt der Pope den Neuvermählten Kränze (Aparchä) auf, wie überhaupt die Blumen bei griechischen H-en eine große Nolle spielen. Nach der Trauung bewegt sich der Zug wieder nach dem H-Hause, wo der Schmaus beginnt, wozu die Gäste Speisen geschickt haben und der mehrere Tage dauert. Abends wird die Braut nach dem Hause des Bräuti- n- 358 Hvck. gams, der ihr zur Hälfte entgegenkommt, geführt, od. (wie in Arkadien) auf einem mit Ochsen bespannten Wagen gefahren; an der Thür bleiben sie, der Bräutigam zur Linken der Braut, stehen, Nüsse, Backwerk, Blumen rc. werden über sie gewürfen u. die Braut über die Schwelle gehoben. Von slavischen Völkern war es früher bei den Rnthenern od. Rußniaken Sitte, daß die Mädchen schon im fünften od. sechsten Lebensjahre verlobt und dann mit dem Bräutigam bei Lessen Mutter bis zur Mannbarkeit erzogen wurden. Wer nicht so verhcirathet war, ging nach Krazui- brod, wo des Jahres dreimal Mädchenmarkt war und welche ihm da von den Versammelten gefiel, aus die sprang er los u. mit den Worten: Wenn Du einen Mann brauchst, so komme zum Popen! sllhrte er sie ins nahe Bafiliterkloster n. ließ sich von den Mönchen trauen. Doch ist diese Sitte seit Anfang des 18. Jahrh. abgekommen. Jetzt wird ordentlich um ein Mädchen geworben u. die Mit- gist schriftlich aufgesetzt. Das eigentliche Fest geht erst den Tag nach der Trauung an und dauert gewöhnlich eine ganze Woche, u. jeden Tag werden andere Gäste geladen, die immer reichliche Beiträge zum Schmause schicken. Bei den Wenden in der Oberlausitz laden Bräutigam u. Hochzeitbitter od. derEhestifter, in schwarzer Kleidung u. auf schwarzen Pferden reitend, die Verwandten zur H. ein; die Eingeladenen schicken nun Hühner, Gänse, Eier, Butler rc. zum H-schmaus. Den Abend vor der H. kommen die Mädchen zu der Braut u. singen ihr Lieder über die vergangenen Jugendsreuden; amH-tag selbst kommen dieMänner reitend, dis Weiber fahrend zu dem Bräutigam u. begleiten diesen in das H-Haus. Darauf erfolgt die Trauung, wobei die Braut von ihren Freundinnen begleitet, gesondert von dem, ebenfalls von seinen Freunden gefolgten Bräutigam geht. Nach der Trauung geht es unter Jnbelrnf und Musik in das Hans der Braut, dann beginnt das Gastmahl, nach dessen Ende der Tanz. Große H-en dauerten sonst 3 Tage, am dritten fand die Heimführung der Braut statt, wobei sie der Kammer- waaen mit der Ausstattung und den Geschenken begleitete. Unter den Mohammedanern wird die H. bei Len Türken bloß durch die Eltern u. Verwandten des Brautpaares verabredet und höchstens der geschlossene Contract vor dem Kadi bestätigt. Der Mann muß die Frau gewöhnlich kaufen, die Braut schickt dem Bräutigam ein Tuch (Nischan Maker- masi) u. das Brautpaar sieht sich vor der H. gar nicht. Am H-tage wird die Braut auf einem Pferde verschleiert in das Hans des Bräutigams geführt. Dieser beantwortet ihre Frage: wieviel Ochsen, Weinberge rc. er geben wolle, trägt sie in ein inneres Gemach, wohin ihr dann die Frauen Geschenks u. Flitterstaat bringen. Im Hause der Eltern ist Wehklage, im Hause des Bräutigams Jubel. Jedes Geschlecht vergnügt sich hierbei allein. Eine eigentliche Trauung findet nicht statt. Der Araber sucht das Mädchen, die ihm von Gestalt gefällt, vorher von Angesicht verstohlener Weise zu sehen. Findet er seine Voraussetzung bestätigt, so läßt er die Werbung gewöhnlich durch seinen Vater besorgen. Der Preis, aus Ochsen, Pferden, Schafen bestehend, wird festgesetzt, der Contract von dem Scheikh unterschrieben, dann als Frendenbezeugung ans Flinten gefeuert, die Brautleute gebadet und verschiedene andere, auf Aberglauben beruhende Gebräuche beobachtet. Inder Berberei wird der Vertrag über die Frau mit dem Vater u. einem anderen nahen Anverwandten geschlossen, ein Preis für die Frau u. eine Summe für ihren Unterhalt, für den Fall der Scheidung bestimmt. Am Abend vor der H. dringt der Bräutigam zu Pferd mit zahlreichen Begleitern in das Haus der Braut. Am anderen Tag wird der Ehe- vertrag geschlossen. Die Braut wird hieraus aus einem Maulthier, od., ist sie vornehm, ans einem Kamel, auf welchem eine Art Zelt gebaut ist, nach dem Hause des Bräutigams gebracht. Erst nach Vollzug der Ehe bekommt der Mann die Frau zu sehen. In P ersten kommt man zunächst im Beisein des Kadi über den Brantschatz, der entweder dem Schwiegervater als Geschenk verbleibt od. der Braut im Fall einer Scheidung verschrieben wird, überein, dann wird die Braut mit einem rothseidenen Tuche über dem Kopfe in das Haus des Bräutigams gebracht. Er kehrt dann zu den Gästen zurück, während die Braut im Zimmer bleibt. Der Bräutigam schmaust mit seinen Gästen, u. hierbei wird stark getrunken. In Indien werden bei den Angehörigen der Nationalreligion (Brahmanismus) acht Heiraths- ceremonien unterschieden, welche sich nach dem Beweggründe zur Ehe: Vaterwillen, Kauf, Liebe, Entführung u. s. w. richten u. auf gewisse Kasten beschränkt sind. Die Ehe durch Kauf vom Vater wurde indessen schon vor der Entstehung von Manns Gesetzbuch abgeschafft u. der Kaufpreis in ein Geschenk an die Braut selbst verwandelt. Je nach der Kaste der Brautleute sind bei verschiedener Kaste die Gegenstände verschieden, welche die Braut bei der H. in der Hand halten muß; bei gleicher Kaste reichen sich die Verlobten bloß die Hände. Der Braut werden dann zwei Locken abgenommen u. durch Wollstränge ersetzt, ein Zeichen des Aus- Hörens ihrer Freiheit. Bei den Buddhisten der verschiedenen Länder finden mannigfache Gebräuche statt. Die H-seier ist meist auf das Haus beschränkt; amtliche Giltigkeit hat nur die bürgerliche Schließung der Ehe. In China bedarf es zur Verlobung verschiedener Förmlichkeiten : das Senden eines Vermittlers znr Auswahl der Braut, das Fragen nach dem Familiennamen (wenn dieser gleich ist, darf die H. nicht stattfinden), das Looswerfen zur Erlangung glücklicher Vorzeichen, das Anmelden der Geschenke zum Brautkauf u. das Erbitten eines glücklichen Tages für die H. Diese Acte finden im Ahnentempel unter mancherlei Ceremouien mit strenger Etikette statt. Zur H. bereitet man sich durch Fasten vor; dieselbe dauert drei Tage u. ist mit festlicher Bewirihung verbunden. Vgl. Feier der Liebe, od. Beschreibung der Verlobungs- u.Hoch- zeitscercmonien, 2. Aufl., Berlin 1824, 2 Bde.; Heirathen und H-en aller Völker der Erde, Lpz. 1862 ; Düringsfeld-Reittsberg, Brauch u. Glaube der H. bei den christl. Völkern Europas, Lpz. 1871. Henne-Am Rhyn. Hoc! (Secw.), Stall aus Latten- oder Gitter« 359 Hock — Hvdcngcschwulst. werk für lebendes Vieh (Rindvieh, Schafe, Schweine, Ziegen, Hühner) an Bord eines Schiffes n. nach den verschiedenen Thieren Schaf-H., Hühner-H. u. s. w. benannt. Die H-s müssen an gut zu lüftenden Orten (unter der Back oder dem Deckhaus, im Batteriedeck) nntergebracht werden. S ch af- H. heißt auch in manchen Gegenden auf großen Schiffen der Platz des Oberdecks vor dem Bratspill od. dem Fockmast, weil dort in älteren Zeiten gewöhnlich die Schasställe waren. Masten-H., ein von Pfählen begrenzter Raum im Wasser, in welchem Mastenhölzer zur Conservirung unter Wasser aufbewahrt werden. Mt- Hock, Karl Frhr. v., östcrr. Staatsmann u. Nalionalökonom, geb. 18. März 1808 in Prag; studirte erst Theologie und Philosophie, dann die Rechts- u. Staatswissenschaftcn in Wien, woraus er als Zollbeamter zu Salzburg in den Staatsdienst trat; später wurde er Zollamtsdirecwr in Triest, übernahm aber bald die Redaction des Triester Lloyd; 1844 nach Wien berufen, wurde er an die Spitze des Hauptzollamtes gestellt und 1847 Generaldirector der Eisenbahnen, in welcher Stellung er bes. die Semmeringbahn förderte. 1848 übernahm er unter Pillersdorf die Leitung der halbamtlichen Donauzeitung; 1849 berief ihn Bruck in Las Handelsministerium, später an die Spitze der Gesällscommisjion u. 1857 ins Finanzministerium, wo er wesentlich an den Finanzorganisationen betheiligt war. Bereits 1852 in den Nitterstand erhoben, erhielt er 1859 den Freiherrnstand u. wurde zum Staatsrath, zum Mitglied des Herrenhauses desReichsrathes auf Lebenszeit u. zum Präsidenten des gemeinsamen Obersten Rechnungshofes ernannt. Zn den Berhandlnngen Österreichs mit dem Zollverein (resp. Preußen) war er als Bevollmächtigter depntirt und machte sich hier nur die österreichischen Handelsinteressen in hohem Grade verdient. H. st. 2. Jan. 1869. Er sehr.: Cartesius u. seine Gegner, Wien 1835; Gerbert oder Papst Sysvester ll. und fein Jahrhundert, Wien 1887 ; Über die franz. Finanzver- waltnng, Stuttg. 1857; Die öffentlichen Abgaben u. Schulden, ebd. 1863 ; Die Finanzen u. die Finanzgeschichte der Vereinigten Staaten von NAmerika, ebd. 1867; Der öst-err. Staatsrath (1. Lieferung: Der Staatsrath unter Maria Theresia), Wien 1868, Auch gab er 1835 Novellen u. Erzählungen heraus. Lagai.' Hockerlheim, Kirchdorf im Bez.-Amt Schwetzingen des bad. Kreises Mannheim, am Kraichbach, Station der Badischen Rheinthalbahn; Tabaksbau, Torfstich; 3746 Ew. Hockerland (Oberland), Landschaft in der Prov. Preußen, ein Theil der ostpreußischen Seeplatte zwischen dem Geserich-See n. der Passarge. Hockiug, County im nordam. Unionsst. Ohio u. 39"n. Br. u. 82"w. L.; 17,925 Ew. Connty- sitz: Logan. kioo looo (lat.), an diesem Orte. kloo voio, 8w juboo (lat.), das will ich, so befehle ich es. lloons poous, 1) Wörter, welche Taschenspieler bei ihren Kunststücken, als Zanberwirkung habend, ausfprechen. Sie sind im Bolksmnnde corrumpirt aus lloe est eorpus aus dem Missale, weil bei der katholischen Consecration des Abendmahls bei Liesen Worten die Wandlung der Hostie in den Leib Christi vor sich geht, also gewissermaßen eine Wunderwirkung hervorgebracht wird; daher 2) so v. w. Zauberformel. i-- Hodegetik (v. Gr.), 1) Wegweisung. 2) Anleitung, Zeit u. Collegisn auf Akademien recht zu benutzen; vergl. Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums, 3. Ausl., Tüb. 1832; Scheidler, Grundriß der H., 3. Aust., Jena 1847. Hodeida (Hodeda), Hafen in der arabischen Landschaft Jemen seit dem Aufblühen Adens ohne Bedeutung. Hoden (Anat.), s. Geschlechtsorgane Hodenentzündung, Entzündung des Nebenhodens sbipräräz-mibis) oder des eigentlichen Hodens (Orotzibm), seltener beider zugleich. Am häufigsten ist a) die Entzündung ves Nebenhodens. Dieselbe entsteht meist durch Fortleitnng einer Tripperentzllndnng der Harnröhre auf den Samenstrang u. von da ans einen Nebenhoden n. findet sich, da dieser Weg eine ziemliche Länge besitzt, immer erst gegen Ausgang des Trippers ein. Die Krankheit beginnt mit schmerzhaftem Ziehen in dem betreffenden Hodensacke, dann gesellt sich Anschwellung des Nebenhodens hinzu; die Schmerzen steigern sich schnell und ist der Kranke kaum im Stande, zu gehen u. das Herabhängen des Hodens zu ertragen. Nach Anwendung von 6—10 Blutegeln an den Hvdensack, ruhiger Körperlage mit höher gelagertem Hodensack, warmen Kamillentheeumschlägen verschwindet meist schnell die sehr schmerzhafte Entzündung, doch bleibt es immer gerathen, noch lange Zeit ein Suspensorium zu tragen. Wird die Entzündung nicht sofort beseitigt, so ist das allein zur Heilung führende Mittel die knnstgemäße Einwickelnng des Hodens mit Heftpflasterstreifen (Frickes Verband). Gegen zurück- bleibende Verhärtungen, die stets eine gewisse Hartnäckigkeit darbieten, sind Einreibungen von Jodkalisalbe u. innerlich Jodkali die euipfehlenswer- thestcnMittel, b) Die Entzündung des Hodens selbst (Orollltis) wird beobachtet nach Erkältungen, nach Verletzungen und Quetschungen des Hodens n. als Fortsetzung der Entzündung vom Nebenhoden auf den Hoden. Sind Hoden u. Nebenhoden gleichzeitig entzündet, so bildet die Geschwulst eine harte Masse, aus der sich der Nebenhoden nicht Heraussühlen läßt. Da der Hoden durch eine derbe fibröse Kapsel eingeschlossen ist, die sich schwer u. wenig dehnt, so ist die Entzündung desselben außerordentlich schmerzhaft n. zieht sich der Schmerz in Las Becken hinein, in die Schenkel u. s. w. Nicht selten besteht Übelkeit n. Erbrechen, sowie Fieber u. allgemeines Krankheitsgefühl. Die Örchitis geht häufiger wie jede andere Entzündung des Hodens in Eiterung und selbst in Brand über. Die Behandlung ist etwa die gleiche wie die der Neben- H., doch ist noch dringender wie bei dieser zu schleuniger Anwendung der oben empfohlenen Mittel zu schreiten. Kunze. Hodengeschwnlst, Sandkloth, schmerzlose Vergrößerung des Hodens od. Nebenhodens infolge von früher übcrstandenek acuter Entzündung, von Tubercnlose, Krebs, Wassersucht der Scheidehant 360 Hvdcnsack des Hodens, von GefäßanSdehnungen im Hodenjacke (Hodensackvariccn, Krampsaderbrnch) u. s. w. Hodensnü (Lerotum), s. Geschlechtsorgane H-bruch (lloinia sorotalis), s. Bruch (Med.) 2,1. H-wassersncht, s. Wasserbruch. Hodenschwamm, Markschwamm des Hodens, eine krebsige, vom eigentlichen Hoden ausgehende, mit überraschender Schnelligkeit sich vergrößernde Wucherung im Hodensack, die gewöhnlich ohne eigentliche Schmerzen verläuft, das Gewicht von 6—10 Pfund erreichen kann, schließlich aufbricht u. unter schneller Entwickelung der Krebs-Kachexie zum Tode führt. Hodenschwund (labss tostionlorum), eine Umsangsverminderung eines od. beider Hoden im höheren Lebensalter oder nach Krankheiten des Hodens, die den Verlust der Zengungskraft bisweilen zur Folge hat. Kunze. Hodgcs, William, englischer Landschaft- u. Decorationsmaler, geb. zu London um 1744, st. daselbst 6. März 1797; begleitete Cook 1772 ans seiner zweiten Reise n. zeichnete sür dessen bezügliches Werk die Illustrationen, ging dann nach Indien, 1790 nach Rußland und verlor sein in Indien erworbenes großes Vermögen durch Gründung einer Bank. Weitere Werke: Ansichten aus Indien in Aquatinta-Manier (Lond. 1786), Reisen in Indien (1792). Regnet. Hodhcilidcn, 1) arab. Volksstamm in Hedschaz, Gegner des Mohammed; ans ihnen gingen mehrere Dichter hervor, deren Gedichte als Diwan der H. bekannt ist. 3) Islamitische Ketzersecte, behauptete unter Anderem, daß die Seligen im Paradies in unbeweglicher Ruhe leben. Näheres über die abweichenden Lehren dieser Secte s. inScharist- anis Neligionspartcicn u. Philosophenschulen, übersetzt von Haarbrücker, BL. 1, S. 48—53. lloclls mibi, cras tibi (lat.), Sprichwort, heute mir, morgen dir. Hodimont, Dorf an der Vesdre, Vorstadt von Verviers in der belg. Provinz Lüttich; Tuch- u. Wolleuzeugfabriken, Baumwollen- und Wollenspinnereien; 3262 Ew. Hodltz u. Wolframih, ein altes ritterbürtiges, aus Polen ans dem Hause Rogalla stammendes, jetzt in Böhmen, Mähren, Schlesien und Ungarn angesessenes Geschlecht, welches 1603 in den Freiherrn-, 1641 in den Grafenstand erhoben wurde u. 1647 das Jndigenat von Ungarn erhielt. Die Familie theilte sich früher in zwei Linien: I. Die Linie zu Hoditz-Roßwalde; der Letzte derselben war: 1) Albert Joseph Graf von H., geb. 16. Mai 1706 in Mähren, lebte einige Zeit in Italien, war dann Kämmerer des Kaisers Karl VI., heirathete 1734 die 50jährige Witlwe des Markgrafen Georg Wilhelm von Bayreuth, Sophie, geb. Herzogin von Sachsen-Weißcnscls, welche Ehe jedoch bald wieder getrennt wurde, lebte dann, nachdem er 1742—43 ein Husarenregiment comman- dirt, auf seinem Gute Roßwalde in Mähren, wo er einen damals berühmten Garten anlegte und seine Gntsunterthanen in arkadische Schäfer, Tänzer, Sänger und in Schauspieler umwandelte. Friedrich der Große hatte ihn und seinen Garten im Laufe des Siebenjährigen Krieges vonJägern- dorf od. Troppau einmal besucht. Der König lud — Hocven. ihn 1771 zu einem Besuch in Potsdam ein und ^gab ihm, als seine Vermögensnmstände verfallen waren, ebendaselbst 1776 eine Zufluchtsstätte, wo er 18. März 1778 starb. Ein Theil der dortigen Jägerstraße, wo er gewohnt hatte, erhielt denNamen Hoditzstraße. Seine Korrespondenz mit Friedrich if. in dessen Ovuvrss, herausgeg. von Prenß. Vgl. Lewalds Erzählung : Noßwalde, n. Heinrichs Briefe ans und über Schlesien in Wolnys Tagebuch für die Geschichte Mährens «.Schlesiens, Brünn 1827. II. Linie von Hoditz-Wolframitz blüht noch, in Österreich u. Ungarn begütert. Bauer. Hödmezö-Bäsärhely, Freistadt im ungarischen ComitatCsongräd, Station derAlföldbahn; Lycem», Tabak-, Wein- u. Gartenbau, bedeutende Vieh, zucht, berühmte Viehmärkte; 49,153 Ew. Höbe (L. i. Kampf, Kämpfer, nord. Myth.), ein Sohn Odins u. ein Gott des Krieges. Derselbe war von gewaltiger Stärke u. wird als blind dargestcllt, weil er das Kriegsglllck blindlings ver- theitt. Auf Logis Anstiften tödtete er wider seinen Willen mit einem Mistelzweig seinen Bruder Balder (s. d.), fiel aber darauf durch die Bruderrache seines nur eine Nacht alten Bruders Mali, und wird mit Baldrr in der neuen Welt herrschen. Im Gegensatz zu Balder faßt man ihn auch als Gott der Finsterniß u. des Winters. Raxiuaim. Ho'e (Höe) von Hoenegg, Matthias, sächs. Oberhofprediger, geb. 1580 in Wien, aus einem alten österreichischen Geschlecht; stndirte seit 1597 in Wittenberg, las dann Collegia daselbst, wurde 1602 kurfürstlicher Hofpredigcr, 1603 Superintendent in Plauen u. 1613 Oberhofprediger in Dresden. H. hat als heftiger Feind des Calvinismns und durch seine Hinneigung zu Österreich, sowie infolge dessen zum Katholicismus, wahrscheinlich auch, weil er der Bestechung zugänglich war, als Nathgeber des sächsischen Kurfürsten der protestantischen L-ache viel geschadet, wie er namentlich den Kurfürsten zu dem den Protestanten nachtheiligen Frieden zu Prag 1635 bewog. Er st. 1645 in Dresden u. schr.: Lommsntarii in loaunis Lxo- eah-psln, Lpz. 1610—40, 2 Bde. Löffler.« Hoefnagel (Hufnagel), Joris, berühmter niederländischer Miniaturmaler, geb. zu Antwerpen 1545 als der Sohn eines Diamantenhändlers, bereiste Deutschland, Italien, Spanien, ward dann Schüler Jan Bols, trieb nebenbei den Juwelenhandel, kam bei Einnahme von Antwerpen durch die Spanier um sein ganzes Vermögen n. arbeitete dann in Augsburg, Rom, Innsbruck u. Prag u. st. 1618 in Wien. Hauptwerke: Natnrhistorie mit 1300 Abbildungen für Kaiser Rudolf II.; Llissals Romannm für Erzherzog Ferdinand; Ansicht von Madrid (Bibl. Brüssel). Regu-t. Hoeiho, Strom in China, entspringt in dem den S. der Provinz Honan erfüllenden Gebirge, durchzieht die Provinz Nganghoei, fließt durch Len großen See Hung-tse u. ergießt sich in der Prov. Kiangsn in das Meer. Vor der Veränderung des Strombetts des Hoangho (s. d.) war er besten Nebenfluß. Hoeks u. Kabeljaus, s. Holland, Gesch. Hoeven, Jan van der, bedeutender Holland. Zoolog, geb. 9. Febr. 1801 zu Rotterdam, studirte von 1819 an zu Leyden u. Paris, war kurzeZeit 361 Arzt in Rotterdam, von 1826 an aber Professor der Zoologie in Leyden u. später auch auf kurze Zeit Direktor des berühmten zool. Museums daselbst. 1827—33 erschien sein Handb. derThier- kmrde, das 2 Ausl, erlebte u. von Moleschott u. Zchlegel, der 2. Bd. von Lenckart ins Deutsche, von Äarke ins Englische übersetzt wurde. 1834 bis 1845 gab er mit de Briefe die lijciseür. voor natnnrlijüe Osoolnoäsnis heraus, schrieb mehrere zoologische Monographien, Studien zur Raturgeschichte der Negerrasse (1342) n. eine Reihe von Reden und Abhandlungen (1846, deutsch 1848). Sein letztes Werk war die küilosoplri» rwoloAioa. Er st. zu Leyden 10. März 1868. r. Hof, ein freier, irgendwie eingefriedeter Platz, in Sonderheit der zu einem Gebäude gehörige, neben od. um dasselbe gelegene eingeschlossene Platz u. in dieser Zusammenfassung dann nicht nur, wie im älteren deutschen Rechte, die im echten Eigen- thum eines Freien, eines Adeligen, Königs oder der Kirche befindliche bedeutendere Länderet, oder das nach Hofrecht einem Freien od. Unfreien überlassene kleinere Stück bebaute» od. zu bebauenden Landes, sondern überhaupt ein ländliches Gut mit Wohnung, den dazu gehörigen laudwirthschaftlichen Gebäuden, Grundstücken, Ackern, Wiesen, Waldungen rc. u. gibt es in dieser Hinsicht Bauern-, Herren-, Meier-, Frei-, Zins-,Dienst-rc.-Höfe. Lagm. Hof (Meteorol.), ein Heller od. gefärbter Ring, der in geringerem od. größerem Abstande die Sonne od. den Mond, zuweilen auch die größeren Planeten u. Fixsterne umgibt, u. durch Beugung od. Brechung des Lichtes dieser Himmelskörper in Nebel- kngelchen oder Eiskrystallcn hervorgebracht wird, a) Lichtkränze (kleine Höfe), gefärbte Ringe von 1—4" Durchmesser, welche um die Sonne (durch eine geschwärzte Glastafel zu beobachten) od. den Mond sich bilden, wenn dünne, durchscheinende Wolken vor ihnen vorbeiziehen (s. Beugung des Lichtes), b) Die eigentlichen oder großen Höse stellen in ihrer einfachsten Erscheinung größere Kreise dar, welche die Sonne oder den Mond in einem Radius von 22" bis 23" umgeben u. nach innen einen rothen, in der Regel schärferen, nach außen einen blauen mehr verwaschenen Rand haben. In keinem Fall sind sie mit Regenbogen zu verwechseln, deren Mittelpunkt immer der der Sonne geraüc gegenüberlicgende Punkt ist. Die Höfe um dcn Mond zeigen sich häufig, wenn die Sterne mit mehr oder weniger Glanz erscheinen; bei Tage hat der Himmel ein mattes, blasses Ansehen. Sie bilden sich nur in Federwolken u. entstehen durch Brechung des Lichtes in den kleine», in der Atmosphäre schwebenden prismatischen Eiskrystalle», deren brechender Winkel 60" ist. Wenn nun auf diese die Lichtstrahlen fallen, so gehen sie gebrochen nach einer anderen Richtung fort, u. La die Eis- krystalle nach allen möglichen Richtungen liegen, so wird auch das Licht im Allgemeinen nach allen Richtungen zerstreut. Nun gibt es aber für jedes Prisma ein sogenanntes Minimum der Ablenkung, L. h. eine Lage seiner Kante gegen den Lichtstrahl, bei welcher dieser die geringste Ablenkung erfährt u. in der Nähe dieses Minimums der Ablenkung bleibt sich innerhalb gewisser Grenzen auch für verschiedene Lagen des Prisma die Ab- Hos. lenknng beinahe gleich. Diese Ablenkung beträgt bei Eisprismen mit brechender Kante von 60° zwischen 22" u. 23". Solche Strahlen also, welche gerade diese oder doch fast diese Ablenkung erfahren, vereinigen sich bei der mannigfaltigen Lage der Eiskrystalle weit mehr und daher rührt der Helle Ring in der Umgebung der Sonne und von diesem der Halbmesser. Für die rothen Strahlen ist das Minimum der Ablenkung geringer, als für die blauen, daher ist die rothe Seite des Ringes der Sonne zugewendet, die anderen Lichtstreifen rühren von den anderen brechenden Kanten der Eiskrystalle her. Der innere, zwischen Ring und Sonne befindliche Raum zeichnet sich durch eine unbestimmte Dunkelheit ans, welche oft ein graues Ansehen hat, n. um so auffallender hervortritt, je schöner der H. ansgebildet ist. Zuweilen liegt hinter diesem Ring noch ein zweiter, blässerer, der 46" Halbmesser besitzt u. durch Brechung an den von den Seitenflächen n. Endflächen der Eisprismen gebildeten rechtwinkligen Kanten entsteht. Indem die Eisprismen sinken, stellen sich ihre Längsachsen vertical; durch die Reflexion an den ver- ticalen Seitenflächen dieser vertikalen Eisprismen erklärt man den horizontalen Streifen, der sich zuweilen von der niedrigstehenden Sonne ans durch den H. n. über denselben hinaus um den ganzen Himmel hernmzieht, an den Schnittpunkten mit dem H. die Nebensonnen u. ihr gegenüber die Gegensonne bildend, u. welcher Nebensonnenkreisgenannt wird; durch Reflexion an den horizontalen Endflächen der Prismen erklärt sich der zuweilen über und unrer,der Sonne stehende vertikale Streifen rc. (Ähnliches gilt von den analogen Erscheinungen am Monde, Nebenmonde rc.). Auch am äußeren H. können Nebensonnen anftreten. Zuweilen, namentlich in kalten Gegenden im Winter, sind dergleichen Sounen- od. Mondhöfe noch mehr complicirt, aus mehreren in verschiedenen Richtungen liegenden, einander schneidenden, mehr oder weniger vollständigen Kreisbögen zusammengesetzt. Hevel hat im Jahr 1661 sechs solcher Nebensonnen auf einmal beobachtet. Hnyghens, Ventnri, Fraunhofer, Brandes u. Kämtz haben bis jetzt am besten die Höfe beobachtet n. erklärt. — In der Medicin bezeichnet H. die entzündliche Röthe, welche häufig sich auf der Haut bildende Blasen umgibt (s. Blase 1). Specht. Hof (lat. ^nls-, Üurtio, Onra, fr. 6onr), von dem mittelalterlichen Branche den von den Gebäuden eines Landgutes eingeschlossensn Platz, auf welchem sich das Gefolge eines Herrn versammelte, mit H. zu bezeichnen, kam man dahin einmal den Inbegriff Lerer, welche unmittelbar mit dem Dienst- und Gefolgsherrn in Verbindung stehen, dann den Sitz eines Fürsten mit seiner Familie u. seinen obersten Beamten H. zu nennen. Der H. im früheren Mittelalter umfaßte in seiner Einfachheit nur außer der Familie des H-Haltenden die Getreuen, welche entweder freiwillig od. gegen ein Beneficimn diesem ihrem Herren sich zur Dienstleistung stellten, in Verwaltnngs- u. Rechtssachen seinen Rath bildeten u. sein Haus- u. Hofwesen versahen. Mit der weiteren Ausbildung des Dynastenwesens, seit dem näheren Bckanntwerden mit Len Gebräuchen des byzantinischen H-es entwickelte 362 Hof. sich auch das H-wesen: der Landesherr umgab sich mit größerem Glanze u. Gesolge, aus den Getreuen wurden die Begünstigteren und Vertrauteren zum besonderen Dienst bei dem Herrn herangezogen zu eigentlichein H-Lienste. Hieraus entstanden die 4 großen Krön- oder H-ämter: des inneren Hauswesens (Llagor äomuo, Lainsrarins) Kämmerer; der Küche (Oapikor; Seneschall) Truchseß; des Kellers (OsUarins, Lntloularius, Lntisr) Schenk; des Marstalls ( Lomes staknali, Lonnstadls ) Marschall, die schon unter der fränkischen Monarchie bestanden. Durch das Lehnswesen wurde diese Einrichtung erblich u. vervielfältigt, es entstanden im Deutschen Reiche die Kurfürsten, als Inhaber der großen Erzämter, die ersten H-beamten des Kaisers, was indessen bald, wie auch bei Erb- ämtern, eine bloße Titulatur war. Dagegen ergab sich eben aus jenem speciellen H-dienste und seinem Zusammenhänge mit dem Lehnswesen einerseits, anderseits aber aus der fortschreitenden Entwickelung der Fürstengewalt n. der damit wachsenden Last u. Schwierigkeit der Negierungsgeschäfte von selbst die Trennung derselben von dem H- dienste u. ihre Übertragung auf besondere Beamte, ohne daß jedoch schon zwischen Staat u. H. damit geschieden worden wäre; dieoberstenVerwaltnngs- sachen führte die H-kammer u. H-kanzlei, die oberste Gerichtsstelle war das H-gericht, u. die Beamten waren H-räthe, H-richter rc. Mit dem Steigen des Monarch. Ansehens stieg dann auch das Bestreben in der äußeren Erscheinung demselben Ausdruck zu geben, u. galt hier in erster Reihe der alte spanische H. unter Karl I. u. Philipp I. als Muster, dann der H. Ludwigs XlV. u. überhaupt die französische Sitte, welche letztere besonders an den kleineren deutschen Höfen bis ins Lächerlichenachgeahmtwurde; am spätesten vertauschte der kaiserl. H. in Wien die von Karl V. (I.) an demselben aufgebrachte spanische Grandezza mit dem französischen H-leben, wie auch am H-e des deutschen Kaisers sich am längsten die spanische Sprache als H-sprache er halten hat n. erst im 18. Jahrh. das nach dem Spanischen beliebte Italienische der französischen H-sprache wich. Mit nationellen Modifikationen hat sich das französische H-wesen noch bis heute erhalten, u. wenn auch im Einzelnen, in der Zu- theilung der F-nnciioneri verschieden, ist der H- staat im Ganzen doch so ziemlich an den Höfen der Gegenwart in gleicher Weise zusammengesetzt. Der H-staat besieht insgemein ans den a) Obersten H-Chargen (zu denen die Kron-Erbämter des Reiches, wie sie in einzelnen Staaten noch bestehen, nicht gezählt werden), d. i. Oberst-H-meister, Oberst-Kämmeiier, Oberst-Marschall, oder Oberst- H.-Marschall, Oberst-Schenk, Oberst-Truchseß, Oberst-Jägermeister, Oberst-Stallmeister rc.; k>) Ober-H.-Chargen: Ober - Schloß-Hanpt- maiin,Ober-Ccremonienmeister, Ober-H.- n. Hans- Marschall, Ober-Gewandkämmerer, Intendant der Schauspiele, der H.-Kapelle rc.; o) H.-Chargen, ebenfalls Ceremonienmeister, Jägermeister, überhaupt entsprechend den Ämtern unter k>), die Kammerherren, Kammerjunker, sodann zählen zum H- staat die Leibärzte, die H-beichtväter, H-prediaer, H.°Capella»e, Almoseniers rc., die Beamten "des Privat Cabinets, die Vorleser rc. In gleicher Weise haben auch die Gemahlinnen der Fürsten, dis Prinzen n. Prinzessinnen ihren resp. eigenen H-staat die Damen männlichen (Kammerherren) u. weiblichen (Palastdamen, H-damen). Amtlich ressortirt der H-staat zum Ministerium des fürstlichen Hauses. Hier n. da besteht auch ein militärischer H-staat, die General- u. Flttgeladjutanten, wie z. B. selbst der Präsident der französischen Republik einen solchen hat, u. dann die Commandanten der besonderen nicht zum Kriegsministerinm ressortirenden, nicht zur activen Armee selbst zählenden Garden, wie die verschiedenen Garden des Österrcich.-Ungar. H-es rc. Am Britischen H-e besteht die Eigen- thümlichkeit, daß die Inhaber der Obersten H.. Chargen, Ober-H.-Chargen u. H.-Chargen, das sind die Mitglieder der Departements des Ober. H-meisters, des Oberkammerherrn, des Oberstall. Meisters, mit den Ministerien wechseln. Eine neuere Eigenthümlichkeit bietet der H-staat des Papstes, insofern er sich in geistliche u. weltliche H.-Chargen theilt. Die geistlichen Oberst- n. Ober-H.-Chargen sind der Prodatar, die Secretäre der Breven und Bittschriften, der Staatssekretär und Präfect der Apostolischen Paläste, der Oberst-H-meister, Oberst, kämmerer, der Auditor u. Großmeister des apostolischen Palastes, der Geh. Almosenier, die Geheimen Kämmerer, Seiretäre der Breven aä prinoipW, der Chiffre, der lat. Briefe, der Sacrist — sämint> liche Cardinäle, resp. Bischöfe und Prälaten; die weltlichen H.-Chargen sind: der Großmeister des heil. Hospizes, der Oberst-H.-Marjchall, Oberslallmeister, Generalpostmeister — sämmtliche pästliche krivoips, resp. Marquis. — Die H°bedienstete» insgesammt anlangend, zerfallen diese in H-beamie n. H-Liener, letztere zu den niederen Dienstverricht- iingen, erstere in den höheren Chargen nur Inhaber von Ehrenämtern, zu deren Erlangung der Adel nur gelangt (wie in gleicher Weise auch wo Pa- gen-Jnstitute bestehen, die von Pagen, sonst von den den Cadettenhäusern entnommenen adeligen Zog- lingen versehenen H.-Dienste Ehrendienste sind), in den weiteren, aber mit dem Charakter von wirklichen, den Staatsdienern gleichstehenden Beamten. Als H-ämter, H-stäbe bestehen gemeiniglich das Oberkämmerer-, resp. Marschallamt, Oberstallmeister , Stab-, H. -, Jagd - Departement rc. H-fähig (Courfähig), d. i. im Besitze der Befug- niß bei H-e zu erscheinen, waren früher nur die ?arss eurias u. die Ministerialen die nächste Ge- scllschaft des Fürsten; aus ihnen ging der Abel hervor u. dieser behauptete daher das Recht, die alleinige Gesellschaft des Fürsten zu bilden. Außer ihm war die hohe Geistlichkeit zutrittssähig und auch andere ausgezeichnete Personen, so Gelehrte, besonders wenn sie graduirt waren (was damals dem persönlichen Adel gleichstellte), wurden m früherer Zeit unbedingt an den H. gezogen. Erst als sich die französische H-sitte über die meisten europäischen Höfe verbreitete, wurde der Zutritt nur den adelig Geborenen, den Bürgerlichen aber mir ausnahmsweise gestattet. Dies blieb, bis die Französische Revolution mit ihren Folgen hierin eine Milderung eintreten ließ; seitdem sind an de» meisten Höfen die Präsidenten der Landescollegien, an manchen auch die wirklichen Räche, überhaupt die höheren Staatsbeamten, ohne Unterschied ob 363 ' Hof - bürgerlich oder von Adel, n. auch nichtadelige Of- , fiziere für ihre Person hoffähig; ebenso sonst ausgezeichnete Männer, in Sonderheit auch die Mit- ^ Ander der Reichs- und Landtage. In einigen Staaten, z. B. in Rußland, gibt nur der Stand, nicht die Geburt, ein Recht, am H-e zu erscheinen, es ist dort aber mindestens der auch ans Civil- behörden übertragene Rang eines Obersten dazu erforderlich. Über die bei H-sesten, Couren rc. von den Erscheinenden zu beobachtende Rangordnung entscheidet das H-ceremoniell. Für Erscheinende, die vermöge ihres Standes eine Uniform zu tragen nicht berechtigt sind, ist ein eigenes H-kleid vorgeschrieben, Loch ist in neuester Zeit auch der einfache schwarze Anzug mit Frack, ohne Degen , und Klapphut, gestattet. Vgl. v. Malortie, Der H-marschall, Hannov., 3. Anfl. 1866. Lagai. Hof, 1) (Dvorce) Stadt im mähr. Bez. Sternberg (Österreich), in einem Seitenthale des Mora- thales; Bezirksgericht, 2 Kirchen, bedeutende Leinenweberei und Leinwandhandel; 3150 Ew. — H. wurde schon 980 von deutschen Kaufleuten gegründet. 2) Markts!, jm Bez. Groß-Enzersdors des Erzherzogthums Österreich unter der Enns, an der March u. der Ungar. Grenze, kaiserliches Schloß mit Park, namhafte Pferdezucht; 420 Ew. 3) (Stadt zum H., Regnitzhof, 6uria, 6. Vuris- ooruin, 0. LsAnitiaua) unmittelbare Stadt im daher. Regbez. Oberfranken, an der sächs. Saale, Station der Bayer, u. der Sächs. Staatsbahn; Bezirksamt, Bezirks-, Stadt-, Land- u. Handelsgericht, Hanptzvllamt; Studienanstalt «.Gymnasium und Lateinische Schule) L.ibsrto-Als.ximilinnoum (1546 aus dem früheren Franciscanerkloster errichtet), höhere Töchterschule, Landwirthschafts- u. Gewerbeschule, Webeschule, Rathhaus in gothischem Stile, Hospital, Armenhaus, Waisenhaus, mehrere wohl- thätige Stiftungen rc.; Streichgarn-, Baumwollen-, Jute- u. Wergspinnereien, Werg- u. Juteweberei, Fabriken für Baumwollen- u. Halbwollenwaare» (mit überseeischem Export), für Tuch u. Buckskin (H. ist der Mittelpunkt der obersräukischen Wollen- u. Baumwollenindustrie), große Stückfärbereien u. Appreturanstalten, Fabriken für Maschinen, Eisen- u. Kupferwaaren, Öl, Chemikalien, Knochenmehl, Zuckerwaaren rc., Branntweinbrennereien, Bierbrauereien, Gerbereien, Dampfmahl- und Sägemühlen, großes Eisenhüttenwerk, Handel mir Getreide, besuchte Märkte, Wasserleitung, Freimaurerloge zum Morgenstern, 1875: 18,267 Ew. — » H. ist Geburtsort des Malers Chr. Neinhart u. II des Schriftstellers Wirth. In der Nähe Eisen- o bergwerke u. Kalksteinbrüche. — Die alte Stadt verdankt ihre Entstehung einem Schlosse, in dessen Nähe sie 1080 gebaut wurde, und war mit ihrer Umgebung eine Zeit lang Reichsgebiet und kam alsdann an die Herzöge von Meran. Die neue, 1230 von den Herzogen von Meran gegründete Stadt, wurde von den Grafen von Orlamünde erweitert, 1260 von den Vögten von Weida ummauert u. kam 1323 durch Kauf an den Burggrafen Friedrich V. von Nürnberg. 1430 wurde H- von den Hujsiten erobert, 1547 von Heinrich von Reuß belagert, 1623 von Holk genommen und litt schwer im Dreißigjährigen Kriege. Die Reformation war schon 1529 dauernd Lnrchgcführt Hofer. worden. Jm 15. Jahrh. blühten in H. die Tuch- mauufactur n. Schönfärberei, im 16. wurde die Fabrikation von Schleiern und im 18. die der bunten Kattune und Zitze eingeführt. Durch die Burggrafen von Nürnberg brandenburgisch geworden, kam H. an den bayreuther Theil dieses Hauses u. mit ihm an Bayern. Es litt wiederholt durch große Fenersbrllnste; zuletzt 4. Sept. 1823 brannte rast die ganze Stadt ab. Vgl. Widmanu, Chronik der Stadt H., von Wirth herauSgeg., H. 1844; Ernst, Geschichte u. Beschreibung des Bezirkes n. der Stadt H., ebd. 1866. H- Berns. Hofadvocat, Advocat, welchem bei Obergerichte», Laudesjnstizcollegien, Consistorien n. dgl. zu prakticiren erlaubt ist. Hofbauer, Bauer, welcher einem Herrenhose zu Frondiensten verpflichtet war, oder der unter ein Patrimonialgericht gehörte. Hofbaner, Clemens Maria, Redemptorist, geb. 1751 in Mähren, folgerte zweimal nach Rom ll. trat, nachdem er längere Zeit in einer Eremitage bei Tivoli gelebt hatte, hier 1784 in den Redemptoristenorüen; er wurde später Vorgesetzter der Missionen in Rußland und wirkte namentlich in Warschau erfolgreich, die Redemptoristencollegien in Polen, Deutschland u. Schweiz gingen fast alle von ihm aus. 1808 aus Warschau vertrieben, wendete er sich nach Wien, wo er Generalvicar des Ordens wurde n. 1820 st.; er wurde 1867 von Pius IX. beatificirt und canonisirt. i-- Hofbiber (Biberstein), Kirchdorf im Kreise Fulda des preuß. Regbez. Kassel, 12 km ostuord- östlich von der Stadt Fulda; 500 Ew. — Südlich davon aus der Weihershöfer Küppel des Schlosses Biberstein mit Thiergarten. Hofcommissionen, 1) in der vormaligen deutschen Reichsverfassung Commissionen, welche der Reichshofrath ernannt hatte, u. welche auch an dem Sitz desselben gehalten wurden; 2) Untersuchuugs- commissionen, durch welche der Kaiser od. derReichs- hofrath irgend Einem den Auftrag ertheilte, über eine streitige od. in Untersuchung begriffene Sache Erkundigung einzuziehen u. zu berichten. Hofdame (Kretin auliea), Schmetterling, Art der Gattung Bärenvogel. Hofdienste, so v. w. Frondienste. Höfel, 1) Johann, Musikschriftstellcr, geb. 1600 zu Uffenheim in Franken, studirte in Straßburg, Gießen u. Jena die Rechte, wurde 1631 Raths- u. Stadtcousulent in Schweinfurt u. starb 1683; er schr.: Lluniea etirlotiann, 1634; Historisches Gesangbuch, Schleusingen 1681. 2) Blasius, Maler, Stecher und Holzschneider, geb. zu Wien 1792, starb zu Salzburg 17. Sept. 1863; bildete sich an der Wiener Akademie u. bei Quirin Mark, ward 1820 Professor an der Militärakademie zu Wiener Neustadt u. später Mitglied der Akademie zu Wien. H. malte die Kaiserin Maria Theresia u. viele Mitglieder der kaiserl. Familie, u. führte im Holzschnitt manche Verbesserung ein, u. half ihn so ans seine jetzige Stufe der Vervollkommnung erheben. 2)R-gnet. Hofer, 1) Andreas, Anführer der Tiroler, geb. 22. Nov. 1767 im Wirthshause zu St. Leonhard in Passeyr, Sand genannt (Leßhalb der Sandwirth); trieb Handel mit Wein u. Pferden 364 Höfer. nach Italien, führte 1796 eine tiroler Schützen- compagnie gegen die Franzosen am Gardasee, zeigte sich 1803 bei Errichtung der Landmiliz thätig, bereitete 1808 unter Hormayrs Leitung den Aufstand gegen Bayern zum Zwecke der Rück- kehr unter österreichische Herrschaft vor, war 1809 an der Spitze der Insurgenten, welche 11.—13. April 1809 Lurch die siegreichen Treffen bei Innsbruck, Hall u. Sterzing, wo H. selbst commandirte, das nördliche u. mittlere Tirol von den Franzosen u. Bayern befreiten; durch den Sieg am Jsel 25. u. 29. Mai, wo seine Adjutanten Eisenstccken u. Speckbacher ihn unterstützten, vertrieb er dir inzwischen wieder in Tirol eingefallenen Bayern von Neuem. Nach dem Waffenstillstände von Znaim, Mitte Juli, zwischen Franzosen u. Österreichern, verließen Letztere Tirol, u. die Häupter des Ansstandes verbargen sich vor dem im Lande cinrnckeuden General Lefebvre, H. in einer Höhle des Passeyrthalcs. Im August begann der Auf- stand der Tiroler von Neuem, und nach ihrem Siege 13. Aug. am Jsel u. Leskbvres Abzug aus dem Lande benahm sich H., wegen seines langen Bartes gewöhnlich General Barbon genannt, völlig als Regent von Tirol, stellte sich im Namen des Kaisers an die Spitze der Militär- u. Civil- Verwaltung, entschied Processe, ließ Münzen schlagen rc. Als nach dem Wiener Frieden, 14. Oct. 1809, der Kaiser selbst dis Tiroler zur Unterwerfung unter Bayern aufforderte u. das Land wieder von den Franzosen n. Bayern besetzt wurde, unterwarf sich H. denselben; von falschen Nachrichten über das Einrücken von Österreichern getäuscht, erhob er zwar noch einmal die Fahne des Aufstandes, mußte aber endtich der Üvermacht unterliegen. Als er die Unmöglichkeit sah, den Krieg jortzusetzen u. Napoleon einen Preis auf seinen Kops setzte, entließ er seine Leute u. flüchtete sich in die SennenhülteKellerhahr aus demPasseyr, obgleich er noch sehr gut nach Österreich entkommen könnte. Zwei Monate laug hielt er sich dort verborgen, bis der Priester Douay, sein ehemaliger Anhänger, Len Franzosen den Namen desjenigen verriech, welcher ihm Nahrungsmittel in sein Versteck brachte; dieser, Joseph Rafft, ein armer, in üblem Ruse stehender Manu in Passeyr, wurde durch Androhung des Todes gezwungen, ihnen H-s Schlupfwinkel zu verrathen. H. wurde mit seinem Schreiber u. seiner Familie 20. Jan. 1810 verhaftet, nach Mantua gebracht, vor ein Kriegsgericht gestellt, u. obgleich die Mehrheit der Richter nicht für sseineu Tod war, dennoch infolge besonderen Befehls von Mailand aus 20. Februar 1810 erschossen, sein Vermögen aber confiscirt. H. war ein ehrlicher Mann, über AlleH der kath. Kirche u. dem östcrr. Kaiserhanse ergeben, aber ohne Bildung und ohne Kriegskenntnisse. Kaiser Franz I. entschädigte 1819 H-s Familie für den Verlust ihres Vermögens, nachdem er ihr 1818 als H. Edle von Passeyr den Adel verliehen. H-n wurde an der Stelle der Sennenhütte, in welcher er verhaftet ward, ein Denkmal gesetzt und sein Geburtshaus in ein Hospital für 16 alte Tiroler verwandelt u. von dem Kaiser ausgestattet, seine Gebeine aber 1823 von Mantua nach der Franciscanerkirche in Innsbruck gebracht, daselbst neben dem Monumente des Kaisers Maximilian bcigesetzt u. über seiner Gruft 1834 ein Denkmal errichtet. Vgl. H. Döring, Geschichte des Aufstandes in Tirol unter A. H., Hamb. 1842; Rapp Tirol im Jahre 1809, Jnnsbr. 1852; Wcidinger' Andr. H., 2. A., Lpz. 1853; Heigel, Andr. H.^ Münch. 1874. Dramatisch bearbeitet von Immer- manu u. Auerbach. 2) H., Ludwig, Bildhauer der Gegenwart, geb. zu Lndwigsburg 1801, bildete sich zunächst daselbst u. in Stuttgart aus, ging I8lg nach München, wo er für die ornamentale Ausschmückung der Glyptothek arbeitete, u. verweilte von 1822—38 in Rom, um dort 5 Jahre unter Thorwaldsen thätig zu sein. Sein erstes selbstständiges 1838 vollendetes Werk, eine Psyche, er- warb der König Wilhelm von Württemberg. Fist Liesen führte er Zwei Roßbändiger u. Den Raub des Hylas (alle drei im Schloßgarteu zu Stuttgart) u. zahlreiche Copieu antiker und moderner Statuen aus, die ebenda u. in der königl. Villa Roseusteiu aufgestellt sind. Weitere Werke: Ein zorniger Amor (im Rosenstein), die in Erz ge- gossene Concordia aus der Jubiläumssäule in Stuttgart, Die Reitcrstatue des Herzogs Eberhard im Bart (im Hofraum des alten Schlosses zu Stuttgart) u. Das Modell einer Reitcrstatue des Königs Wilhelm. Besonders geschätzt sind seine Pferde u. die technische Behandlung des Marmors. H. ist königl. Württemberg. Hosbildhaner. 1) Heime-Am Rhyn.* L) Regnet. Höfer, 1) Jean Chretieu Ferdinand,sranz. ^ Gelehrter und Schriftsteller, geb. zu Döschnitz in Thüringen, 21. April 1811; um seine Gesundheit herznstellen, reiste er, humanistisch vorgebildet, zu Fuß in Holland u. Belgien u. kam 1830 nach Lille, wo er, aller Mittel beraubt, Soldat wurde u. nach Morea ging. 1831 nach Frankreich zu- rückgekehrt, widmete er sich dem Lehrfach, war - 1832—36 Victor Cousins Secretär, schrieb wissen- » schaftliche u. kritische Artikel u. studirte Medicin. s 1840 wurde er Dr. moä., praciicirte mehrere ; Jahre in Paris und führte das Platina in der ; Lherapeutik ein. 1848 erhielt er den Auftrag, den medicinischen u. 1846 den landwirthschastlichen Unterricht in Deutschland zu studiren. Seine Ugpports wurden im Liouiteur und im lourml ! äo ilustruetion publique gedruckt; 1851—1866 veröffentlichte er die istouveils LioZiapins Asnörnls (weniger ausführlich als die Lio^r. universelle). Ferner schr. er: Lstoirs äe I» sbimis, 2 Bde., 1842—43; ldtorusnsiaturs st oiassitioatioll elü- miquss, 1845; OistionnLirs cks vbimis et äe pbMqus, 1846, 3. Ausg. 1857; vlot. äs ms- ckeoino pravtiqus, 1847; viet. äs botauMS, 1850; Llswoiro sur iss ruines äs iNuivs, 1851 (gegen Saulcys Ansicht); Iw monäs äs bois, 1867. Er übersetzte (zum ersten Male ins Franz.) den Oikouomikös des Aristoteles, 1843; denDio- doros Sikeliotes, 1846, 4 Bde. und I'abisaun äe Is, naturs, von Alex. v. Humboldt, 1850, 2 Bde. 2 ) Edmund, deutscher Novellist, geb. IS. Oct. 1819 zu Greifswald; studirte daselbst, in Heidelberg u. Berlin Philologie u. Geschichte, siedelte 1854 nach Stuttgart über, wo er mit Hackländer die Hansblätter gründete. Er schrieb Jahre lang jür Zeitschriften, bis er eine Sammlung Erzähl- 365 Hoff - ungen: A»S dem Volk, Stuttg. 1852, herausgab, u. hieraus: Erzählungen eines alten Tambours, ebd. 1855, besonders erscheinen ließ, die den Einfluß des früheren Soldatenlebens auf das Volk glücklich charakterisiren. Die üblichen Gedichte folgten Berl. 1853, 2. Auch, Leipz. 1856, ohne daß er damit in dieser Zunft heimisch geworden wäre, desto glücklicher u. beliebter wurde H. als überaus productiver Erzähler, u. a. mit: Aus alter und neuer Zeit, Stuttg. 1854; Landbaueschichten, ebd. 1855; Schwanwieck, ein Skizzen- uch aus Norddeutschland, ebd. 1856; Bewegtes Leben, ebd. 1856; Eine Sprichwörtersammlnng: Wie das Volk spricht, ebd. 1856, erreichte 1870 die 6. Aust.; Norien, Erinnerungen einer alte» Frau, ebd. 1858, Roman in 2 Bdn.; Vergangene Tage, Prag 1859; Deutsche Herzen, ebd. 1860; Auf deutscher Erde, ebd. 1860; Die Honoratioren- tochter, ebd. 1861; Eine Geschichte von damals, ebd. 1861; Die Alten von Rnhneck, ebd. 1862; In Sünden, Wien 1863; Unter der Fremdherrschaft, Stuttg. 1863, 3 Bdc.; Altermann Ryke, Berl. 1865, 4 Bde.; Gesammelte: Erzählende Schriften, Stuttg. 1865, 12 Bde.; Neue Geschichten, Bresl. 1867, 2 Bde.; Die gute alte Zeit, ebd. 1867, 3 Bde.; Ein Findling, Schwerin 1868, 4 Bde.; Zwei Familien, Bresl. 1869, 2 Bde.; Der verlorene Sohn, Stuttg. 1869, 2. A. 1871; In der Welt verloren, Lpz. 1869, 4 Bde.; Land u. See, Bresl. 1871, 2 Bde.; Unter fliegenden Fahne», Bresl. 1872, 2 Bde.; Zur linken Hand, Lpz. 1872; Der Demagoge, Jena 1372, 3 Bde.; Kleines Leben, ebd. 1873, 3 Bde.; Treue siegt, Stuttg. 1874; Erzählungen aus der Heimaty, Jena 1874, 2 Bde.; Stille Geschichten, ebd. 1874: Die Bettelpriuzeß, Brem. 1876; Allerhand Geister, Stuttg. 1876. Auch eine Literaturgeschichte für Frauen u. Jungfrauen, Stuttg. 1876, schrieb H., in welcher der Titel wol manche individuelle Auf fassuugen u. das Fehlen so manchen Schriftstellers von Ruf, bedingen soll. 3) Albert, Sprachforscher, geb. 2. October 1812 zu Greifswald, stndirte hier, in Göttiugen u. Berlin, wo er sich 1838 habilitirte, u. ging 1840 als außerordeull. Professor an die Universität seiner Vaterstadt, zugleich als Vertreter der deutschen Philologie, der er sich bis in die neueste Zeit mit Vorliebe gewidmet. Nachdem er dann drei u. ein halbes Jahr in London, Oxford, Paris und wieder in Berlin sich aufgehalten, kehrte er nach Greifswald zurück, wo er 1847 ordentlicher Professor wurde. Von seinen zahlreichen größeren u. kleineren Schriften seien hier nur genannt seine Beiträge zur Etymologie und vergleichenden Grammatik der Hauptsprachen des iudogerman. Stammes, Berl. 1839; Indische Gedichte in deutschen Nachbildungen, Leipz. 1844, 2 Bde.; Sanskrit-Lesebuch, Berl. 1849; Die Zeitschrift für die Wissenschaft der Sprache, Berl. 1845—50, Bd. 1 u. 2, Greifst». 1851—54, Bd. 3 u. 4; Denkmäler niederdeutscher Sprache u. Literatur, Greifsw. 1850—51, 2 Bde.; E. Di. Arndt u. die Universität Greifswald, Berl. 1863; Über Mvile im Sachsenspiegel, Halle 1870. Endlich ist H. seit Jahren mit einem allgemeinen niederdeutschen Wörterbuch beschäftigt, von dem reichliche Proben in der Germania von Bartsch ^ Hoffman. Zeuguiß ablegen. Zn bemerken ist noch, daß er 1842 hervorragenden Antheil an der Erwerbung der Sir Rob. Chambersschen Sanskrit-Handschrij- ten hatte, für deren Ankauf der damals iu London anwesende König Friedrich Wilhelm IV. v. Preußen gleichzeitig durch A. v. Humboldt u. Bunsen lebhaft intcressirt worden war. r) Volchert, 2> Stelt-r. 3> Lagai. Hoff, 1) Karl Ernst Adolf von, geologischer Schriftsteller, geb. 1. Nov. 1771 in Gotha; stu- dirte 1788—91 in Jena u. Göttiugen die Nechts- n. Naturwissenschaften, trat 1791 in den höheren Staatsdienst und st. 24. Mai 1837 als Director des Oberconsistoriums. Er schrieb: Gemälde der physischen Beschaffenheit, bes. der Gebirgsssrma- tionen von Thüringen, Erfurt 1812; Geognvstische Bemerkungen über Karlsbad, Gotha 1825; Geschichte der natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche, ebd. 1822—41, 5 Thle.; Höhenmefs- nngen in u. um Thüringen, ebd. 1833; Deutschland nach seiner natürlichen Beschaffenheit und seinen politischen Verhältnissen, ebd. 1838 rc. u. gab heraus den Gothaischen Hofkalender 1801 bis 1816; Magazin für die gesammte Mineralogie, Lpz. 1800; mit C. W. Jacobs: Der Thüringer- Wald, Gotha 1807 u. 1812. 2)Konrad, Architekturmaler der Gegenwart, geb. zu Schwerin 19. November 1816, ward Stuben-, dann Theatermaler, besuchte die Dresdener Akademie n. ging über Breslau, Krakau u. Warschau nach Wien u. München. Er malt mit Vorliebe Nenaissance- u. Nococo-Banten, wobei er die Perspektive mit Sicherheit übt u. sich als tüchtiger Colorist kennzeichnet. Viele seiner Bilder sind Italien entnommen. H. ist seit Jahren Vorstand der Münchener Knnstgenossenschaft. 3) Karl, Genremaler der Gegenwart, geb. zu Mannheim 1838, bildete sich in Karlsruhe bei I. W. Schirmer u. Des Cou- vres, dann bis 1861 in Düsseldorf bei Vautier. Zeine Bilder bekunden eine glückliche Erfinduugs- gäbe, elegante u. flotte Behandlung und frisches Eolorit. Hauptwerke: Zigeuner vor dem OrlS- richter; Der Winkeladvocat; Hoblosav odli§s; Der kranke Gutsherr; 8ub ro^a; Rast auf der Flucht; Die Heimkehr (in der Galerie zu Philadelphia); Tartufse u. Elmire (gestochen); Der liebe Onkel; Die Taufe nach dem Tode des Vaters (in der Nationalgalcrie zu Berlin). i) r. s) Regnet. Hoffähig, s. n. Hof. Hässlich, auch höflich geschrieben, hoffnungsvoll, nutzbare Mineralien versprechend. Hoffman, Charles Fenno, amerikanischer Dichter und Novellist, geb. 1806 zu New-Dork; stndirte die Rechte, ließ sich als Advocat in seiner Vaterstadt nieder, wurde aber 1849 geisteskrank u. sah sich damit seiner Praxis n. schriftstellerischen Thätigkeit entzogen. Während seiner Advocatur hatte er sich schon vielfach literarisch beschäftigt, schließlich sogar beinahe ausnahmsweise, war am Hsv-Vorlc L.moriog.n, gab selbst verschiedene Zeitschriften heraus u. war auch Mitbegründer n. Redacteur der 1-itsiaiz? V7orlck in Ncw-Aork. Als Erzähler und Novellist zeichnete er sich bes. dnrch seine getreue Darstellung des amerikanischen Waldlebens aus, das er aus eigener Anschauung bei einem längeren dnrch seine Gesundheitsverhältnisse gebotenen Aufenthalte in den Prairien genau 366 Hofjmaim. kennen lernte u. in ll rvintsr in Vssb, New-Uork 1835, u. in V1IL sosnss ln büs korest anä tüs prairio, Stew-Dork 1837, 2 Bde. (deutsch von Gerstäcker, 2. Aufl., Lpz. 1880), u. in Oroz-slasr, New-Uork 1839, deutsch Stnttg. 1841, schilderte. Ein Bild amerikanischen Lebens gab er in den Lüsteüss ol soviel^, die in der Vibsrarz- IVorlä erschienen. Seine Poesien: Lire vi§il ok kuitlr, New-Aork 1842, vosms, ebd. 1845, neue Ansg. 1874, Nüs vsiro, ebd. 1845, zeugen von großem Patriotismus u. Jdeenschwung. Bartling. Hoffminm, 1) Johann, Bischof, geb. zu Schweidnitz, mar Professor der Theologie in Prag, führte mit O. von Münsterberg 1409 bei dem Auszüge der Studenten aus Prag viele derselben nach Leipzig und wurde so die Veranlassung zur Stiftung der Universität daselbst. Er war anfangs Professor der Theologie daselbst, wurde daun 1414 Bischof in Meißen, n. starb daselbst 1451. 2) Melchior, ein Schwärmer, geb. zu Hall in Schwaben; ursprünglich ein Kürschner, lernte in Livland die Reformation kennen u. wirkte für sie in Wolmar, dann in Dorpat. Wegen seines stürmischen Auftretens vertrieben, suchte er 1525 in Wittenberg Luther u. Mclauchthon auf u. trat, ans diese Reformatoren sich berufend, in Dorpat, dann als Kraukendiener in Reval, nachher als Prediger in Stockholm u. Kiel auf. Seine apokalyptischen Extravaganzen n. die Abweichung von der lutherischen Abendmahlslehre veranlaßten 1529 seine Verweisung aus Kiel. Zuerst in Straßburg, dann in Emden schloß er sich den Wiedertäufern an. Dazu kamen nach seiner Rückkehr 1530 nach Straßbnrg Schwenkseldsche Ansichten über Christi Fleisch u. Angriffe auf die Geistlichen. Seit 1533 im Gefängniß, starb er nach 1542 im Bewußtsein, der Prophet Elias zu sein u. in der Erwartung des nahen jüngsten Tages. Vgl. H. Herrmann, 8nr In vis st iss sorits äs U. V., Strßb. 1852. 3) Daniel, luth. Theolog, geb. 1540 zu Halle, studirte um 1558 in Jena, war zuerst Professor der Ethik in Jena, seit 1576 der Ethik u. Dialeknk u. 1578 der Theologie in Helmstädt, 1580 auch Cvnsistorialrath. Sein Streit mit seinen philosophischen College» Caselius, Martini, Günther u. Liddel über den Werth der Vernunft u. Philosophie ist das erste Vorspiel der späteren Gegensätze zwischen orthodoxer u. freier Theologie, Glauben u. Wissen. Durch seine Gegner verklagt, mußte er 1601 widerrufen u. wurde seines Amtes entsetzt; 1603 kehrte er zwar nach Helmstädt zurück, indessen da er seine alten Meinungen zu verfechten sort- suhr, wurde er 1604 emeritirt und ging nach Wolfcnbüttel, wo er 1611 starb. Vgl. G. Tho- inasius, Vs eontroversm Vokmanniauu, Erlangen 1844. Er schr. viele Streitschriften. 4) Friedrich, Mediciner, geb. 19. Febr. 1660 zu Halle, studirte in Jena Medicin u. in Erfurt Chemie, wurde 1685 in Minden Garnisonarzt, 1686 Physikus u. kurfürstlicher Leibarzt, 1688 Physikus in Halberstadt, 1693 Professor der Medicin in Halle und 1708 zugleich Leibarzt des Königs Friedrich I. in Berlin; 1712 verließ er Berlin wieder u. widmete sich seinem akademischen Berufe bis zu seinem 12. Nov. 1742 erfolgten Tode in Halle, welche Universität er neben seinem Rivalen Stahl zu einer ungeahnten Höhe brachte. H. war ein bedeutender Beobachter n. Sammler, welcher, der iatro, ! mathematischen Schule im Allgemeinen beizuzählen unendlich viel für den Fortschritt that, als Beobachter die Nothwendigkeit fühlte, das Erkannte zn systematifireu. Auf Baglivius fußend, baute er seine Lleäioina msobmnivL auf. Seine sehr zahlreichen Schriften erschienen gesammelt (Opera oirmia pbMeo-insäioa) in 6 Bänden 1749 z„ Genf, 2. Aufl. 1748, u. 5 Suppl.-Bde., daselbst 1749,1753, 1760. Theilsammlungen davon sind; Observabiovam plrzm.-olismiearum nelsetnrM Vib. III, Halle 1736. Sein Viguor anoäMU (Halle 1700) heißt noch heute H-s Tropsen. Außerdem rühren von ihm her: valsamus vitas, ^ Vlirir visooralo, Vsssntia bslsamieu, rc. 5) ' Christoph Ludwig, Mediciner, geb. 1721 zu Rheda in Westfalen; studirte bis 1746 in Jena Medicin, wurde dann Professor der Medicin und Philologie in Burgsteinfurt, später Leibarzt des Bischofs in Münster u. Director des Medicinischen Collegiums daselbst, 1787 in gleicher Eigenschast j in Mainz, ging mit dem Kurfürsten nach Aschaffen- > bürg, zog sich dann im späteren Alter nach Eltville zurück, wo er sich nur historischen u. philosophischen «Studien hingab, u. st.28.Jnli1807. Sein medicin- ^ isches System, das sich eines großen Ansehens in ! Deutschland erfreute, unterschied sich wesentlich von ! dem eines Boerhaave, Stahl u. Fr. Hoffmann, ! n. bildet eine Vereinigung der Humoral- u. der ! Solidarpathologie. Er schr. u. a.: Von der Ein- ! pfindlichkeit u. Reizbarkeit der Theile, 1779, 2. ! A. 1792; Über den Scharbock, die Lustsenche und ^! die Ruhr, 1782; Opnsenln lab. msä. argumouti, ! herausgeg. von Chavet, 1789; Vermischte medi- Z cinische Schriften, 1790—95,4 Bde. 6) Johann « Gottfried, preußischer Staatsrath, berühmter Staatswirthschaftslehrer, geb. 19. Juli 1765 zn " Breslau, wurde nach Beendigung seiner juristischen Studien 1788 Hauslehrer in Memel, 1792 Ad- l ministrator einer Fabrik bei Wehlau. 1803 wurde I; er durch die Bemühungen des Präsidenten von j Auerswald Assessor bei der Ostprenß. Kriegs- u. ? Domanenkammer, erhielt 1807 die Professur sür l Cameralwisseuschaften in Königsberg, ward aber st schon 1808 als Staatsrath ins Ministerium des Innern berufen für die Abtheilung Handel, Fa- Z briken n. Gewerbe. Hier rief er das Statistische Bureau ins Leben u. nahm an allen damals ini ^ Gang befindlichen legislatorischen Arbeiten theil. r 1813 war er mit Hardenberg im Hauptquartier Z u. dann auch beim Wiener Congreß, kam 1817 j ins Ministerium des Auswärtigen, kehrte jedoch Z 1821 zum akademischen Lehrstuhl zurück, den er 1838 verließ. Er st. 12. Nov. 1847. Bon seinen ^ zahlreichen Schriften seien erwähnt: Übersicht der ^ Bodenfläche der Bevölkerung des prcnß. Staates, ) Berl. 1818, 2. Aufl. 1819; Beiträge zu der Sta- j tistik des preußischen Staates, ebd. 1821; Neueste Übersicht der Bodenflächen rc. der einzelnen Kreise des preuß. Staates, 1833; Die Wirkungen der Cholera im preuß. Staate während des Jahres 1831, Berl. 1833; Die Lehre vom Gelde, ebd. 1838; Bon den Steuern, ebd. 1840; Bevöl- kerungs-, Geburts-, Ehe- und Sterblichkeitsvcr- l hältnisse im preußischen Staat« von 1820—34, Hostmaiin. 367 Perl. 1848; Sammlung kleiner Schriften staats- wirthschaftlichen Inhalts, ebd. 1848. Nachlaß kleinererSchrlstenstaatswissensch.Jnhalts, ebd. Vgl. Roscher, Gesch. der Nationalökonomik, Münch. 1874. 7) Ernst Theodor Wilhelm, als Schriftsteller E. T. A. H., deutscher Romantiker, geb. 24. Jan. 1776 in Königsberg, Sohn eines Richters; bewies frühzeitig außerordentliche Talente für musikalische Composition n. Caricaturenzeichnnng, studirte in Königsberg Jurisprudenz, wurde 1795 bei der dortigen Regierung angestellt, begab sich 1796 nach Glogan, wo er bei der Oberamtsregiernng arbeitete, bestand 1798 sein zweites Examen, bereiste Schlesien, Böhmen, Sachsen, erhielt noch in demselben Jahre die Berufung zum Reserendar beim Kammergericht in Berlin und wurde 1800 nach vorzüglicher Ablegung des großen Examens als Negiernngsassessor nach Posen versetzt. Die hier verbreitete Sittenlosigkcit riß auch ihn mit sich fort. Seinen verwegenen Caricaturzeichnungen dankte er 1802 die Verbannung nach Plozk. Sein Trost war die Polin Thekla Michaeline Rorer, die er in Posen gcheirathet hatte. Anfang 1804 kam er als Rath nach Warschau, wo er bei treuester Pflichterfüllung Zeit genug für die eifrigste Leitung von Concerten übrig behielt. Hier schloß er mit seinem College» Hitzig ein Verhält- niß dauernder Freundschaft. Nach der französ. Occupation 1806 verlor er sein Amt. 1807 ging er, sich nach einer musikalischen Anstellung umzusehen, nach Berlin mit Len von ihm geschriebenen Partituren einer komischen Oper: Der Canonicns von Mailand, einer romantischen Oper nach Cal- derons Drama: Die Schärpe u. die Blume, der Musik zu Werners Trauerspiel: Das Kreuz an der Ostsee, und der Composition zu Brentanos Lustigen Musikanten. Auf Einladung des Grafe» Soden, dessen Oper: Der Trank der Unsterblich- keit er noch in 5 Wochen componirte, ging er 1808 als Musikdirektor an das Stadttheater zu Bamberg, das aber bald sich auslöste. H. gab nun Musikunterricht, componirte, schrieb eins Novelle: Johannes Kreisler, u. einen Aufsatz über Beethovens Instrumentalmusik und eröffnete sich hiermit die schriftstellerische Laufbahn. Nachdem Holbein 1810 die Leitung des Bamberger Theaters übernommen, widmete H. diesem wieder seine Kräfte. Nach dem Rücktritte Holbeins 1812 kam H. in eine sehr drückende Lage. Am 21. April 1818 verließ er Bamberg, um die Mnsikdirection bei der Schanspielergcsellschast Joseph Secoudas in Dresden zu übernehmen. In größter Roth begann er 1. Juli die Composition der Oper Undine; unter den schrecklichen Kriegseindrücken des August vollendete er sie n. schrieb einen Theil der Phantasie- stiicke in Callots Manier, die er 1814 u. 1815 in 4 Bdn. zu Berlin veröffentlichte. 1814 begann er die Elixire des Teufels, die 1815 u. 1816 2- bändig in Berlin hcranskamen. Im Febr. 1814 kündigte ihm Seconda; aber noch in demselben Jahre wurde er ans Hippels Betrieb als Kammergerichtsrath in Berlin angestellt. Durch Hitzig, der auch hier sein College wurde, kam er mit Fouquö, Chamisso rc. in Beziehung. Aber bald erkor er das Weinhaus von Luther und Wegner zum Terrain, auf dem er seine glänzenden Talente als Gesellschafter entwickelte u. allmählich zu Grunde ging. Im Amte blieb er tüchtig u. gewissenhaft. Morgens fand man ihn bei der Arbeit, Nachmittags im Schlafe, Abends n. Nachts im Weinhause, bes. mit Ludwig Devrient. In Berlin veröffentlichte er 1817 die Nachtstücke in 2 Theilen, 1819 die Erzählung: Meister Martin der Küfer u. seine Gesellen (im Taschenbnche zum geselligen Vergnügen), 1819—21 die Serapions- brllder in 4 Bdn., 1820—22 die Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Macnlatnrblättern u s. w. H. st. in Berlin 25. Juni 1822 an der Rückenmarksdarre. Seine Dichtungen wurden von der deutschen und französischen Romantik weit überschätzt. Man wird ihm zwar eine reiche und glänzende Phantasie, eine spannende u. berauschende, auch in die Tiefen der Seelcnkunde gehende Darstellungsgabe, eine ungewöhnliche Virtuosität im Erzählen, ein bedeutendes Talent, kleine Züge der Menschen zu erfassen und aus ihnen rasch aus das Ganze der Persönlichkeiten zu schließen, und eine unerschöpfliche Fülle des Witzes nicht abstreiten können. Aber ihm fehlt es zum wahren Dichter an dem sittlichen Halte der Persönlichkeit, an dem reinen, freien u. großen Blicke der Weltanschauung; seine Kunst entartet zum fratzenhaften, gespenstischen, gräßlichen, wahnsinnigen Spiele mit der Wirklichkeit u. mit den Idealen der Menschheit, die eine pessimistische und nihilistische Denkart, bei allem Enthusiasmus für die Meisterwerke der Musik u. Malerei, zersetzt hat. Dies gilt namentlich von den Elixiren des Teufels, die nach Gottschalls Urtheil das non plus nitra, des romantischen Wahnsinnes darstellen und alle Prodnctionen der i?orto-8aint-LIa.rtin u. der neufranzösischen Romantik durch ihre Ungeheuerlichkeit tief beschämen. Ansgewählte Schriften, Berlin 1827, 10 Büe.; 12 Erzählende Schriften in einer Auswahl, Hrsg, von Michaeline Hoffmann, geb. Rorer, Stuttgart 1827—31, 18 BLe.; 16 Ausgewählte Schriften, Bd. 11—15 (auch unter dem Titel: Erzählungen ans H-s letzten Lebensjahren, sein Leben u. Nachlaß), Hrsg, von derselben, Stnttg. 1839, 12 Gesammelte Schriften, Berlin 1844—45, 12 Bde., 16, resp. das. 1856 — 1857 16. 8) Andreas Gottlieb, Theolog u. Orientalist, geb. 13. April 1796 in Welbsleben in der Grafschaft Mansfeld; nahm an den Freiheitskriegen als Freiwilliger theil, studirte in Halle neben Theologie unter Gesenius orientalische Sprachen, wurde 1822 als außerordentlicher Professor der Theologie nach Jena berufen, wo er 1826 zum Ordinarius vorrückte, n. st. hier 16. März 1864. Unter seinen literarischen Producten nimmt den ersten Rang seine nach den Grundsätzen feines Lehrers Gesenius gearbeitete 6rammativa 8/rlnoa. (Halle 1827) ein. Außerdem schr. er: Die Apokalyptiker der älteren Zeit unter Inden n. Christen, Bd. I, 1. 2., Jena 1833—38, n. war ein Hauptmitarbeiter u. auch Mitherausgeber der Ersch-Grnberschen Allgemeinen Encyklopädie. 9) Karl Friedrich Vollrath, geographischer Schriftsteller, geb. 15. Juni 1796 zu Stargard; studirte seit 1812 in Berlin, war kurze Zeit Lehrer, dann Vorsteher 368 Hossmann. eines von Cotta in Stuttgart gegründeten gcogr. Instituts, 1829 habililirte er sich als Privaldoccnt in München, mußte aber diese Stelle wegen seiner antikatholischen Haltung bald aufgeben, kehrte nach Stuttgart zurück, wo 'er 20. Ang. 1842 in dürftigen Verhältnissen starb. Hauptwerke: Die Erde u. ihre Bewohner, Stuttg. 1833, 6. A. bearbeitet von Berghaus u. Voller 1861—65; Deutschland und seine Bewohner, ebd. 1834—36, 4 Bde.; Europa u. seine Bewohner, ebd. 1835—40, 8Bde.;- Die Völker der Erde, ihr Leben, ihre Sitten rc., Stuttg. 1840, 2 Thle.; gab u. A. heraus mit Berghaus die Zeitschrist Hertha, Stuttg. 1825 ff., 8 Bde. rc. 10) August Heinrich, deutscher Dichter u. Germanist, geb. 2. April 1798 zu Fallersleben im Lllneburgischeu (daher gewöhnlich H. von Fallersleben genannt); erhielt seine Vorbildung in Hclmstädt u. Braunschweig, widmete sich 1816—19 in Göttingen u. Bonn hauptsächlich kuust- und literaturgeschichtlichen, nachdem er in Kassel 1818 die Brüder Grimm kennen gelernt, ausschließlich germanistischen Studien, reiste 1821 nach Holland, um sich in die altniederländischen Literaturquellen zu vertiefen, siedelte nach Berlin über, wurde 1823 Custos an der Universitätsbibliothek in Breslau, 1830 außerordentlicher, 1835 ordentlicher Professor der deutschen Sprache u. Literatur au der dortigen Universität, zog sich 1838 von den bibliothekarischen Geschäften zurück. Die politischen Eindrücke, die er ein Jahr später aus einer längeren Reise durch Oesterreich, Süd- Deutschland, die Schweiz, Frankreich empfing, spiegelten sich in seinen Unpolitischen Liedern, die Hamburg 1840—41 in 2 Bdn. erschienen n. seine Amtsentfetzuug 20. Dccbr. 1842 herbeiführten. Nun reiste er längere Zeit in Deutschland, der Schweiz, Italien umher. 1848 erfolgte seine Rehabilitirung mit dem gesetzlichen Wartegelde als Pension. In den nächsten Jahren wohnte er am Rhein, meist in Neuwied. 1849 verheirathete er sich. 1854 siedelte er, vom Hofe eingeladen, nach Weimar über. 1860 gewährte ihm der Herzog von Ratibor durch Ernennung zum Bibliothekar in Corvey eine Sinecure. Hier st. H. 8. Januar 1874. Er war Meister des naiv-innigen u. des politisch-satirischen Volksliedes. Unpolitische Lieder, s. oben; Lieder u. Romanzen, Köln 1821; Allemaunische Lieder, Brcsl. 1826, 5. A. das. 1843; Gedichte, das. 1826, n. A. Lpz. 1834, 2 Bdchu.; neue Sammlung, das. 1837; Jägerlieder, Brest. 1828; Immergrün, Las. 1828; Deutsche Lieder aus der Schweiz, 1843; Deutsche Gassenlieder, 1843; Kinderlieber, 1843,45, 47; Hofsmannsche Tropfen, 1844; Liebeslieder, 1850; Hennathklänge 1850; vollständige Sammlung der lyrischen Gedichte, Lpz. 1853; Lieder ans Weimar, 1855. H-s germanistische Schriften beginnen 1821 mit den Bonner Bruchstücken des Otfried u. mit einer Reihe von Artikeln über die altniederländische Literatur in dem Leydener Kunst- en Letterbode. Seine in dieses Gebiet fallenden Arbeiten con- centrirten sich in den 12 Theilen der Horns Lsl- kioas, 1830—52, die nach dem eigenen Zugeständnisse der Niederländer auf die Studien ihrer Literatur höchst förderlich eingewirkt haben. Um die ältere hochdeutsche Literatur erwarb er sich an- erkennenswerthe Verdienste durch seine Fundgruben für Geschichte der deutschen Sprache u. Literatur, 2 Bde., 1830—37, und seine Nnonsusia, 1837, die auch in die altfranzösische Literatur eingriffen. Mit Haupt gab er die erste sirengwissenschastliche germanistische Zeitschrift unter dem Namen: Altdeutsche Blätter 1835—40 heraus, an die sich unmittelbar Haupts Zeitschrift für deutsches Alterthum anschloß. 1836 veröffentlichte er: Die deutsche Philologie im Grundriß, eine verdienstliche Schrijt, bis jetzt der einzige Versuch dieser Art. Den ersten Rang unter H-s wissenschaftlichen Arbeiten möchte die Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luther, 1832, 2. A. 1854, neue Titelausgabe 1861, einnehmen. Treffliche Arbeite» zur Literatur des weltlichen Volksliedes gab er i» den niederländischen Volksliedern, 2. Theil der llorae LslZiaas, 1833, 2. A. 1856, in der Sa»»»- lnng schlesischer Volkslieder mit Melodien, 1843, in: Unsere volksthümlichen Lieder, 1859, 3. A. INS, und in den Deutschen Gesellschaftsliedern des IS. u. 17. Jahrh-, 1860. Noch verdienen seine Spenden zur deutschen Literaturgeschichte, 1845, des. genannt zu werden. Bergl. Karl Bartsch in der Germania 1874, S. 235 ff. 11) Karl Alex, ander, poln. Schriftsteller, geb. 1798 im polnischen Palatinat Masovien; studirts in Warschau die Rechte, wurde wegen Theilnahms an politischen Verbindungen für unfähig zum Staatsdienste erklärt, erhielt jedoch 1828 die Stelle eines Rathes bei der Polnischen Bank, nahm beim Ansbruch der polnischen Revolution 1830 lebhaften Antheil an der Organisation der Nationalgarde und der Behörden von Warschau, wurde Bankdirector, 1831 mit einer diplomatischen Sendung nach Deutschland beauftragt u. blieb bis zu Ende des Krieges in Frankfurt a. M., ging dann nach Dresden n. 1832 ausgewicsen von da nach Frankreich, 1843 kam er wieder nach Dresden und ging später nach Galizien; er schr.: Die große Woche von Polen 1830; 6oux ck'osil sur 1'etsi politigno cis koloAQS sous 1a ckominndion russs, Par. 1832; Im nationales xolonaiss ästruito, ebd. 1833; Ortorx porvstania, ebd. 1837, und Vacksmsonm polsÜs, ebd. 1839; Historz-a ie- loriL rkolses, 1867, u. a. Auch gründete er 1825 eine juridische Zeitschrift unter dein Titel: Polnische Themis, u. gab eine polnische Übersetz, nng der Werke Benjamin Franklins 1827 heraus. 12) Clementine, geb. Tanska, Gattin des Vor., geb. 23. Nov. 1798 in Warschau; eine der bedeutendsten populären polnischen Schriftstellerinnen der Gegenwart, wurde 1827 Lehrerin der Moral an dem neu errichteten Gonvernanlemnsti- Mt in Warschau u. erhielt die Oberaufsicht über alle Pensionsanstalten dieser Stadt, verheirathete sich 1829 mit dem Vorigen u. ging nach Unterdrückung des polnischen Aufstandes mit demselben nach Dresden u. Paris, wo sie sich der polnische» Emigranten thätig annahm; nach mehrfachen Reisen in der Schweiz, Deutschland u. Italien kehrte sie 1845 nach Paris zurück u. st. 25. Sept. 1845. Sie schr. polnisch: Andenken an die gute Mutter, 1817, 1872 ist die 9. Ausl, erschienen, im An- schlnß daran: Amalie als Mutter, und seit 1821 die Unterhaltungen für Kinder in monatl. Heften Hoffmaimsegg. 369 bis 1828. Im Auslande schrieb sie: Neue Unterhaltungen, Erzählungen, wie: Larolina, 1839, 1841, welche aber der vortrefflichen Erzählung über VranoissÄ Lrasivska in der ersten Serie der Unterhaltung nachstehen, u. lau Loetm- noivsici, Lpz. 1842, 2 Bde. Ihre nachgelassenen z Schriften (kiomu pssmiertus) herausg. Berl. 1849, 9 Thle. Ausg.: Bresl. 1833,10 Bde., Berl.1849,n.Warfch.l870.13) Franz, Philosoph. Lehrer u. Schriftsteller, geb. 19. Jan. 1804 in i Aschaffenburg; hörte die Philosophie in München ! bei Baader n. wurde 1835, nachdem er ein Jahr am Lycenm in Amberg gelehrt, ordentlicher Professor der Philosophie in Würzbnrg. Er war der treueste Schüler u. Anhänger Baaders, gab nicht nur im Verein mit Anderen dessen Sämmtliche Werke, Lpz. 1856—66, 16 Bde., heraus, sondern schrieb auch Vieles über Baadersche Philosophie u. zu deren Berständniß, so: Vorhalle zur Lehre Fr. v. Baaders, Aschaffenb. 1836; Die Societäts- philosophie Baaders, Würzb. 1837; Die Weltalter, Lichtstrahlen aus Fr. v. Baaders Werken, Erl. 1868; außerdem von ihm: Grundriß der reinen Logik, 2. A., Würzb. 1855; Die Gottesidee des Anaxagoras, Sokrates u. Platon, ebd. 1860; lieber Theismus und Pantheismus, ebd. 1861; Philosophische Schriften, Erlang. 1868, 2 Bde. rc. 14) Ludwig Friedrich Wilhelm, Kanzelredner n. preußischer Oberkirchenrath, geb. 30. Oct. 1806 zu Leonberg (Württemberg), Dia- conus u. Hausgeistlicher an der Irrenanstalt zu Winnenden 1832, Jnspector der Missionsanstalt zu Basel 1839, Liccntiat u. außerordentlicher Professor der Theologie daselbst 1843, Ephorus des theologischen Stiftes zu Tübingen 1850, Hof- u. Domprediger und Schloßpfarrer in Berlin 1852, Generalsuperintendent der Kurmark Brandenburg, Direktor des Provinzialconsistoriums, Mitglied des Oberkirchenrathes, Ephorus des Domcandidaten- stistes in Berlin 1853, Oberhofprediger 1871, st. 28. Aug. 1873 zu Berlin. Ein Mann nach dem Sinne König Friedrich Wilhelm IV., durch pathetische, formvollendete Kanzetberedtsamkeit hervorragend, dem Hengstenbergischen Coufessionalis- mus abgeneigt, suchte er das preußische Kirchenwesen durch seinen mächtigen Einfluß nach den Ideen des wllrttembergischen Pietismus umzu- modeln. Schr.: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet von D. I. Strauß. Geprüft für Theologen u. Nichttheologen, Stuttg. 1836; Eilf Jahrs in der Mission, Stuttg. 1853; Ruf zum Herrn, Predigtsammlung in 8 Bdn., Berl. 1854 — 1858; Deutschland einst und jetzt im "Lichte des Reiches Gottes, Berlin 1868. Außerdem viele einzelne Predigten u. Vorträge, namentlich über Mission. 15) Heinrich, Dichter u. psychiatrischer Schriftsteller, geb. 21. Juni 1809 zu Frankfurt a. M.; studirte Medicin, ließ sich dann als praktischer Arzt in seiner Vaterstadt nieder u. steht jetzt als Arzt der dortigen Irrenanstalt vor. Der Jugendwelt ist er durch seinen Struwwelpeter, der 1876 die 100. (Jubel-) Auflage erlebte, ein lieber Freund, den Freunden des Humors ein reicher Spender durch seine Liebes- u. Trinklieder und Humoristischen Studien, Franks. 1847, in denen bes. auch seine aristophaneisch gehaltenen Komödien: Die Vierers Universal-Conversations-Lerikon. 6. Ausl. x. Mondzügler, bereits 1843 erschienen, u. Die Kartoffelkomödie, ein gar arg Trauerstück in 3 Acten, enthalten sind: gelungene Balladen; auch lieferte er: Gedichte, Franks. 1842. Als Irrenarzt und Schriftsteller in dem Fache hat er sich durch: Beobachtungen n. Erfahrungen über Seelenstörungen in der Irrenanstalt zu Frankfurt a. M., Franks. 1859, einen Namen gemacht. 16) August, tüchtiger deutscher Kupferstecher, geb. 1810 zu Elberfeld, gest. 15. Oct. 1872 in Berlin. Nachdem sich H. bis 1826 in Düsseldorf gebildet, setzte er seine Studien zunächst in München, dann in Berlin u. Paris fort. H. stach nach Rafael: Die Madonna mit dem Hl. Hieronymus u. Franciscus im Berliner Museum, ferner nach Giulio Romano, Cornelius, Lessing u. Schadow und nach Kaulbach dessen Shakespeare-Galerie. 17) Alexander Friedrich Franz, Jugendschriftsteller, geb. 21. Febr. 1814 in Bernburg; lernte als Buchhändler, entsagte aber 1839 dem Geschäftsleben u. lebte in Halle, dann in Dessau rc. u> seit 1855 in Dresden als Schriftsteller. Seit 1840 schrieb er zahlreiche Volks- u. Jugendschriften, in die verschiedensten Sprachen übersetzt, bearbeitete auch Tausend u. eine Nacht für die Jugend und gab den Deutschen Jugendfreund 1846 ff. (31 Jahrgänge bis 1876) heraus. 18) Heinrich Karl Hermann, Botaniker, geb. 22. April 1819 zu Rödelheim bei Frankfurt a. M.; studirte Medicin, machte ausgedehnte Reisen in außerdeutschen Ländern, habilitirte sich 1842 zu Gießen für Botanik und wurde 1853 Professor. Von Anfang an wandte er sich der Pilzkunde mit Vorliebe zu u. namentlich der Erforschung des Einflusses, den Pilze auf die Gährung haben. Seine Abhandlungen in Fachzeitschriften sind sehr zahlreich, außerdem erschienen: loonos unslxü. lunZor., Gießen 1861 bis 1865, 4 Hefte mit 24 Taf.; Index kunAorum, Lpz. 1863; Mykolog. Berichte, Gießen 1870—71. Seine experimentellen Untersuchungen über Bildung von Varietäten und Entstehung verwandter Arten aus einander, sowie die über den Einfluß der Temperatur auf die einzelnen Stadien der Entwickelung einer bestimmten Pflanze sind durch scharfe u. unermüdliche Beobachtungen jüngst dem Abschlüsse näher gekommen. Auch darüber sind in der Botanischen Zeitung u. anderen Zeitschriften zahlreiche Abhandlungen erschienen, so über thermische Vegetations-Coustanten in Abhandlungen Senckenberg. Gesellschaft, Frankfurt a. M., VIII, 1872. Außerdem sind bes. zu erwähnen: Über Pflanzenschlaf, Gießen 1851. In Pflanzenvcr- breitung u. Pflanzenwanderung, Darmst. 1852, wird durch topographisch-hypsometr. Untersuchungen nachgewiesen, daß die eigenthümliche Flora des rheinischen Löß durch die Configuration des Landes in der Eiszeit zu erklären sei. Grundz. der Pflanzeuklimatologie, Lpz. 1854; Untersuchungen zur Bestimmung des Werthes von Species und Varietät, Gieß. 1869; Deutsche Pflanzenfamilien, Gieß. 1849, 2. A., Mainz 1851; Lehrbuch der Botanik, Darmst. 1857. l)s> 3) 14) Löffler. 4) 5) Thamhayn. 6) 13) IS) Lagai. 7) 10 ) Zimmermami. S> Schroot. II) 12 ) Nehring. 13) Regnet. 18 ) r. Hoffmannsegg, eine in Sachsen begüterte Familie, welche aus der dortigen AdelZsamilie Band. 24 370 Hoffmarms Tropfm — Hofgeismar. Hoffmann entstammt und seit ihrer Erhebung in den Grafenstand 1778 das Prädicat H. führt. Graf Johann Centurius, Entomolog und Botaniker, geb. 23. Aug. 1766 in Dresden, war 1783—86 Offizier bei der sächsischen Garde, stu- Lirte in Leipzig u. Göttingen Naturwissenschaften, bereiste 1793 u. 1794 Ungarn u. mit H. F. Link u. Tilesius 1798—1801 Portugal in naturhistorischem Interesse, lebte dann bis 1804 wissenschaftlich beschäftigt in Braunschweig — wo er mit Hellwig u. Jlliger seine Sammlungen ordnete — u. Berlin u. seit 1816 in Dresden, wo er 13. Dec. 1849 st. Er ist Gründer des Zoologischen Museums in Berlin durch die Überlassung seiner ausgezeichneten Sammlung. Schrieb: Reise des Grafen H. in einige Gegenden Ungarns, Görl. 1800, u. gab mit Link heraus: §Iors porbnAg-ma Berl. 1809—33, 22 Hefte, Royal-Fol., ein Pracht, werk, dessen erste 18 Hefte er sich selbst 50,000 Thlr. kosten ließ, die übrigen übernahm die preuß. Regierung; von seinen ungarischen Briefen gab I. Jähne einen Auszug, Görl. 1800. Thamb-qu." Hoffmimns Tropfen (Ingnor nnoäzmns minsraUa üloKmnnni. spiritna astüsrsna), Mischung eines Theils Äther mit 3 Thln. Alkohol; nervenstärkendes, belebendes Mittel, bei Ohnmächten, Krämpfen, Nervenschwäche rc. angewendet, meist auf Zucker tropfenweise genommen. Hoffmännsviolette oder Dahlinfarben sind durch Aethylirung von Rosanilin gebildete Anilinfarben in verschiedenen violetten Nuancen von großem Glanz. Hoffmarmslvaldau, s. Hofmannswaldau. Hoffmeister, 1) Franz Anton, Componist, geb. 1754 zu Rothenburg am Neckar, studirte in Wien die Rechte, wandte sich aber der Musik zu, wurde Kapellmeister an einer Wiener Kirche und gründete eine Buch- und Musikalienhandlung, machte sich später frei, um sich aus Reisen zu begeben. In Leipzig ließ er sich nieder u. gründete mit Kühnel das jetzt noch bestehende Lnronn äs mnsigns (Peters), zog sich aber 1805 wieder nach Wien zurück, wo er 9. Febr. 1812 st. Schr. zahlreiche Compositionen aller Gattungen, darunter Las Vater unser und die Oper Pslsmaoii. 8) Karl, Philolog, geb. 15. Aug. 1796 zu Billigheim bei Landau, studirte zu Straßbnrg, Heidelberg und Jena, wohin er seinem Lehrer Fries folgte, Theologie und Philosophie, wurde 1821 Rector des Progymnasiums zu Mörs, 1832 Oberlehrer am Friedrich-Wilhelmsgymnasium zu Köln u. 1835 Director des Gymnasiums in Kreuznach, aber 1842 nach Köln als Director des Friedrich- Wilhelmsgymnasiums zurückberufen, wo er 14. Juli 1844 st. Er schr.: Erörterung der Grundsätze der Sprachlehre, Essen 1830; Die Weltanschauung des Tacitus, ebd. 1831; Sittlich-religiöse Lebensansicht des Herodotos, ebd. 1832; Romeo, oder Erziehung u. Gemeingeist, ebd. 1831—34, 3 Bde., erwarb sich aber besonders Ruf u. Verdienst durch das Werk: Schillers Leben, Geistesentwickelung u. Werke im Zusammenhang, Stuttg. 1838—1842, 5 Bde., und die darauf folgenden Supplemente zu Schillers Werken: Aus seinem Nachlaß im Einverständniß u der Familie Schillers herausgegeben, bis 1841, 4 Bde. Aus -dem ersteren Werke lieferte Viehoff einen Auszug unter dem Titel: Schillers Leben für den weiteren Kreis seiner Leser Stuttg. 1846, 3 Bdchn.; in neuer Bearbeitung 1876. 1) SiebenroL S> Eichhoff. Hoffnung, das mit dem Glauben an Erlang, ung gepaarte Sehnen nach einem Gegenstand nach einem Erfolg rc. Ist die Möglichkeit der Erlangung von vorn herein ausgeschlossen, so wird die H. zu einer eitlen, selbst chimärischen. Ist Bibel bezeichnet im dogmatischen Sinne mit dem Worte H. die Erwartung der göttlichen Gnade n. die Seligkeit der Gläubigen nach dem Tode. Als Gottheit wurde die H. in Griechenland (Kipn) öffentlich weniger, in Rom (8pss) sehr früh verehrt und dargestellt als schlankes, leicht auf dea Zehen schreitendes Mädchen, mit der Rechten eine Granatapfclblüthe vorhaltend, mit der Linken !ms Gewand leicht hebend. Mit dem Bilde des Leims svsnbus auf der Rechten ist sie die erfüllte H. Als in dem ehernen Zeitalter alle Götter die Erde verlassen hatten, blieb sie allein bei den Menschen zurück. In neuerer Zeit wird die H. als allegorische Person, meist mit dem Glauben u. der Liebe verbunden, als weibliche Figur, ans einem Anker ruhend, dargestellt. Schrott. HoffmmgskkNlf, Lrntio spsi, Kauf vonSachen, von denen cs noch ungewiß ist, ob sie überhaupt zur Existenz gelangen, dann Lmbio rsi sxsratas, Kauf von Sachen, bei welchen es nur ungewiß ist, in welchem Maße und Umfange die Sachen existiren werden. Im ersten Falle muß der Käufer den Preis auch entrichten, wenn gleich von dem Gehofften gar nichts zum Dasein kommt; bei der iZmtio rsi spsratns dagegen verliert das Geschäft seine Giltigkeit, wenn wider die beiderseitige Voraussetzung gar Nichts zur Existenz kommt u. so der Käufer leer ausgehen würde. Hoffnungs- Verträge (Gewagte Verträge), Verträge, bei welchen die aus ihnen entstehenden Rechte und Verbindlichkeiten durch den Willen der Contraheu- ten von einem zwar bestimmten, aber an sich noch ungewissen Erfolg abhängig gemacht werden. Dahin gehören der Spielvertrag, die Wette, Versicherungsverträge, Bodmerei, Lotterien rc. Als einen allgemeinen für dergleichen Verträge gütigen Satz hat man zu betrachten, daß hierbei wegen der Wagniß, welcher sich die Contrahenten hingebcn, die Rechtsmittel für eine Wiederauflösung derselben wegen Verletzung über die Hälfte nicht stattfindeu. Im Übrigen bestimmt sich der Umfang der gegenseitigen Rechte u. Verbindlichkeiten nach der besonderen Natur eines jeden Vertrages verschieden. —t- Hoffiltterung, so v. w. Stallfütterung. Hof-Gastein, s. Gastein 3). Hofgeismar, 1) Kreis im preuß. Regbez. Kassel, an der Weser, Diemel und Esse, durchschnitten von den Linien Warburg-Kassel-Gerstun- gen (Hessische Nordbahn) u. Hümme-Karlshafeu der Bergisch-Märkischen Eisenbahn; 620,og fistmi (11,27 ÜM) mit (1875) 36,614 Ew. 3) Kreisstadt darin, an der Esse, Station der Bergisch- Märkischen Eisenbahn (Hess. Nordbahn); höhere Leinenweberei, chemische ebd. 1840! Fabrik, Gerberei, Malzfabrik, besuchte Märkte, unter Mitwirkung Bürgerschule, Garnison, geben, ebd. 1840! Fabrik. Gerberei. Ma 271 Hofgerichte Bad, Ackerbau; 1875: 3903 Ew. — Dabei das Lustschloß Schönburg. H. ward zu Anfang des 13. Jahrh. durch Mainz zur Stadt erhoben. Der Kurort H. liegt etwa 2 Icm von der Stadt entfernt. Es befinden sich hier mehrere erdig-salin- ische Eisenquellen, ferner Schlammbäder, ein Fichtennadelbad und eine Ziegenmolkenanstalt. Das Mineralwasser wird namentlich gegen Blutarmnth angewandt. Die Quellen wurden 1631 entdeckt u. werden seit 1639 zum Trinken u. Baden benutzt. Vgl. Schnackenburg, Bad H., 2. Ausl., Gotting. 1859. H- Berns. Hofgerichte, im Mittelalter die höheren, theils kaiserlichen, theils landesherrlichen Gerichte in Deutschland, welche an die Stelle der Grafengerichte traten. Den kaiserlichen H-n unterstanden die Reichsdienstmannen und die nach Scheidung der Standesverhältnisse zu den höheren Ständen nicht zählenden Reichsfreien; dagegen stand den landesherrlichen H°n außer der Kompetenz in Lehnssachen der landesherrlichen Vasallen die Gerichtsbarkeit über die Hofbeamten und Hofdiencr zu; manchmal hatten sie auch den Charakter eines Obergerichts gegenüber den kleinen Local- und städtischen Gerichten, insbesondere in Civilsachen. Ein besonderes kaiserliches Hofgericht errichtete Maximilian I. 1501 für seine Erblande, das er dann zugleich auch als Reichsgericht benutzte, woher denn auch die Bezeichnung Reichshofrath für dasselbe, gegenüber dem Reichskammergericht, an welchem die Reichsstände mit dem Kaiser das Besetzungsrecht theilten. In neuerer Zeit in manchen Staaten (z. B. Baden) Bezeichnung für die mittleren n. höheren (dann auch Ober-H.) landesherrlichen Gerichtsbehörden. Lag«. Hofhaimer, Paul, Musiker, geb. 1459 zu Radstadt in Österreich, brachte es ohne Lehrer durch eigenen Fleiß zu einem der größten Orgelvirtnosen u. zum gelehrtesten Componisten seiner Zeit; wurde 1493 Hofmufikns Friedrichs III. in Wien, dessen Nachfolger Maximilian I. ihn in den Adelsstand erhob, wozu König Ladislaus von Ungarn den Orden vom goldenen Sporen n. den Ritterschlag fügte. H-s Name drang weit ins Ausland und Viele kamen nach Wien, um den großartigen Meister zu hören, od. seine Schüler zu werden; st. im Jahre 1537 in Salzburg. Siebenrock. Hofheim, Stadt im Landkreise Wiesbaden (Mainkrcise) des preuß. Regbez. Wiesbaden, an der Schwarze, Station der Hess. Ludwigsbahn; Weinbau, Kaltwasserheilanstalt, Ziegelbrennerei, 1875: 2099 Ew.; in der Nähe Wallfahrtskapelle. Höfische Poesie, s. unter Deutsche National- Literatur. Hofkriegsrath, früher das Kriegscollcgium in Wien, dem als höchster Instanz alle Miiitär- angelegenheiten des Reiches übertragen waren. Derselbe 1556 von Ferdinand I. errichtet, nach dem 7jährigen Kriege durch den Grafen Lach reorganiflrt, von Erzherzog Karl, während er dessen Präsident war (1801—1805), zn einer vollständigen Behörde umgestaltet, wurde 31. Mai 1848 aufgelöst. Hoflagcr , Aufenthaltsort eines regierenden Herrn n. seiner Umgebung. Hoflehen, ein Lehen, welches zu Hofämtern — Höfling. verpflichtet, wie z. Beisp. Erbhofämter mancher Familien. Höfler, Karl Adolf Constantia, Ritter von, deutscher Geschichtforscher, geb. 26. März 1811 in Memmingen, studirte 1828—1831 in München erst die Rechte, dann Geschichte u. lebte hierauf bis 1836 in Göttingen, Rom u. Florenz mit historischen Studien beschäftigt; 1836 übernahm er in München die Redaction der officiellen Münchener Zeitung, wurde 1838 Privatdocent u. 1840 Professor der Geschichte in München und 1842 Mitglied der Akademie. 1847 ward er wegen seiner historischen Denkschrift: Concordat und Constitutionseid der Katholiken in Bayern, München 1847, plötzlich seiner Professur enthoben u. nach Bamberg als Archivar versetzt, von wo er 1851 einen Ruf als Professor der Geschichte nach Prag erhielt. Hier gründete er das hi torische Seminar u. üetheiligte sich eifrig an de. Reform der Universität. In dem Kampf zwischen Dentschthnm und Czechenthum in Böhmen vertrat er das erstere, bes. seit seiner Erwählung in den Böhmischen Landtag 1865, u. wurde 1872 als lebenslängliches Mitglied in das Herrenhaus des Österreichischen Reichsrathes berufen. H. hak sich eifrigst um Quellenforschung bemüht u. sah Liese Bemühungen durch reiche archivalische Funde belohnt. Er schr.: Geschichte der englischen Civil- liste, Stnttg. 1834; Die deutschen Päpste, Regensburg 1839, 2 Bde.; Kaiser Friedrich II., Münch. 1844; Albert von Beham und Regesten Papst Jnnocenz' IV., Stuttgart 1847; Quellensammlung für Fränkische Geschichte, Bayr. 1849 bis 1852, 4 Bde.; Fränkische Studien, Wien 1852 f., 6 Thle.; Franken, Schwaben n. Bayern, Bamberg 1850; Bayern, sein Mcht u. seine Geschichte, Regensburg 1850; Böhmische Studien, Wien 1854; Ruprecht von der Pfalz, Freiburg 1866; Kaiserthum und Papstthum, Prag 1862; Johann Huß und der Auszug aus Prag, ebd. 1864; Barbara, Markgrästn zu Brandenburg, ebd. 1867, 2 Thle.; Die Zeit der luxemburgischen Kaiser, Karl IV. bis Siegmund, Wien 1867; Die Zeit der Luxemburgischen Kaiser, 5 Bände der Österreichischen Geschichte für das Volk, Wien 1867; Fragmente zur Geschichte Kaiser Karls VI., ebd. 1869; Die avignonesischen Päpste, ebd. 1871; Lehrbuch der allgemeinen Geschichte, 3 Bde., Re- gensb. 1850—56; n. gab heraus: t-oneitia, pra- xsnsis. (1353—1413), Franks. 1862, u. die Geschichtschreiber der Hussitischen Bewegung in Böhmen, Wien 1856—66, 3 Bde., in den Kontos rsrnm nnstriaoarnm. Außerdem lieferte er höchst werthvolle Beiträge für die Denkschriften der k. k. Akademie der Wissenschaften u. die Publikationen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen. Lagai. Höfling, Johann Wilhelm Friedrich, Theolog, geb. 1802 in Droßenfeld bei Bayreuth, 1827 Pfarrer in Nürnberg, 1833 Professor der Theologie u. Ephorus des theologischen Studiums in Erlangen und 1852 Oberconsistorialrath in München, wo er 5. April 1853 st. Er schrieb u. a.: Von der Composition der christlichen Ge- meindegottesdienstc, 1837; Das .Sacrament der Taufe, 1846—48, 2 Bde.; Grundsätze evangelisch- 24 * 372 Hofmann. lutherischer Kirchenverfassung, ebend. 1850, 3. A. 1852; Liturgisches Urkundenbuch, herausgeg. von Thomasius und Harnack, 1854; Die Programme über die Lehre vom Opfer (1839—43) gesammelt 1851. Er war auch Mitbegründer der Erlanger Protestant. Zeitschrift. Vgl. Nägelsbach u. Tho- masins, Zum Gedächtniß H-s, 1853. Löffler.» Hofmann, 1) Joh. Christ. Konr ad, Theolog u. Historiker, geb. 21. Dec. 1810 in Nürnberg, 1833 Lehrer am Gymnasium in Erlangen, 1834 zugleich Repetent u. 1835 Privatdocent an der Universität; 1840 gab er seine Lehrerstelle aus u. wurde 1841 Professor; 1842—45 war er Professor der Theologie in Rostock, worauf er wieder nach Erlangen zurückkehrte. 1857 wurde er geadelt. H. politisch Mitglied der bayer. Fortschrittspartei u. 1863—68 Mitglied der bayer.Abgeordne- tenkammer, steht als Theolog auf dem Standtpunkte des exclusiven Lutherthums, so exclusiv, daß er selbst der Heterodoxie beschuldigt wird. Er schr.: Die 70 Jahre des Jeremias und die 70 Jahrwochen des Daniel, Nürnb. 1836; Geschichte des Ausruhrs in den Cevennen, ebd. 1837; Lehrbuch der Weltgeschichte, ebd. 1839, 2Bde., 2. A. 1843; Weissagung u. Erfüllung, ebd. 1841— 44, 2 Bde.; DerSchriftbeweis, Nördlingen 1852—56, 2. Aust. 1857 ff.; Schutzschriftcn für eine neue Weise, alte Wahrheit zu lehren, ebd. 1856 ff.; Die hl. Schrift N. T. zusammenhängend untersucht, 7 Bde., Nördl. 1862—74. Er ist seit 1846 auch Mitredacteur der Zeitschrift für Protestantismus und Kirche. 2) Friedrich, Dichter, ständiger Mitarbeiter der Gartenlaube, geb. 18. April 1813 in Koburg, bezog 1834 die Universität Jena. Nachdem er dieselbe 1840 verlassen u. in Eisenberg und Zerbst privatisirt, war er von 1841—54 in Hildburghausen Mitredacteur von Jos. Meyers großem Conversationslexikon (52 Bände), verweilte 1855 und 1856 als Studienleiter in Oberitalien und Steiermark, setzte 1857 u. 1858 wieder in Hildburghausen I. Meyers Universum fort, übernahm dann in Leipzig die Redaction von Paynes Panorama des Wissens u. der Gewerbe, ist seit 1861 in seiner jetzigen Stellung an der Gartenlaube u. redigirte von 1864—1866 den Jllustrirten Dorfbarbier. Gab von 1842—66 den Weihnachtsbaum heraus, eine Art Musenalmanach, vom Bibliogr. Institut gratis gedruckt, für dessen Erlös in den 25 Jahren für 100,000 arme Kinder Christbe- scheerungen bereitet wurden. Eine solche Christ- beschecrung führte H. mit Hilfe der Gartenlaube 1870 sllr Elsaß-Lothringen ans. H. veranlaßt? 1862 die Gründung des Centralcomite für W. Bauers deutsches Taucherwerk, den er seit 1859 in der Presse vertrat. Im Januar 1871 fuhr H. mit einem Sanitätszug bis Orleans u. ging von da am 7. Febr. nach Paris, in das sich vor ihm noch kein Deutscher schutzlos und am Hellen Tage gewagt hatte. Außer vielen Beiträgen für die genannten Werke u. Zeitschriften, sowie für Front- manns Deutsche Mundarten, Die Glocke, H. Meyers Neues Universum rc., erschienen von ihm mehrer- größere heimathliche Dichtungen (1838, 1840 u. 1854), das Koburger Quäckbrünnle, 500 Schna- derhüpsel, mit einer Abhandlung über die Volks- Poesie der Schnaderhüpsel, Hildburgh. 1857; Gedichtsammlungen 1842, 1848, 1855 (zu Meyers Groschenbibliothek), u. 1872 (Die Harfe im Sturm); weit verbreitet sind die Kinderfeste, Declamation u. Gesang für Schulkinder, componirt von Julius Otto: 1) Das Schulfest, Schleusingen 1857, 23. Al. 1875; 2) Das Weihnachtsfest, das. 1858,8. Aust; 3) Das Pfingstfest, das. 1872; 4) DaS Vaterlandsfest, das. 1875, Separatabdruck Lpz. 1876, 2. A. Ebenso die beiden Märchenansgabeu von Der Kinder Wundergarten, ebd. 1875, 5. Aust.; Die bei- den Brüder, Erzählung, Elberf. 1872; Die Esels- jagd, fröhl. Heldengedicht mit Illustrationen von G. Lmndblad, Leipz. 1875, 2. Aust.; Geisterspn! ^ auf der Veste Koburg, fröhl. Helden-Gedicht in 15 ^ Gesängen, mit Illustrationen von Gf. M. u. Sund- blad, das. 1877. Oft aufgeführte Festspiele: Die drei Kämpfer, ebd. 1873, u. Dichterweihe, ebend. 1873. 3) August Wilhelm, berühmter Chemiker, geb. zu Gießen 8. April 1818, studirte unter Liebig daselbst Chemie, wurde Assistent am chem. Laboratorium, dann 1845 außerordentlicher Professor der Chemie zu Bonn und 1848 am Ro/. LollsAs ok Lllemistrze zu London. Seine Thätigkeit an dieser Anstalt war so fruchtbringend, daß die Regierung die Ro^. Selwol ok Uine; 1853 mit dem 6oU. ok Ollomi^tr^ verband. 18K erhielt H. von der preußischen Regierung den Ans- trag, das chem. Laboratorium in Bonn nach den neuen Anforderungen der Wissenschaften umzugestalten, aber schon 1863 erhielt er einen weitere» Ruf an Mitscherlichs Stelle nach Berlin, wo er nun ebenfalls ein neues, in jeder Beziehung inusier- giltiges Laboratorium mit Hörsaal rc. erbaute. 1868 gründete er die deutsche chem. Gesellschaft in Berlin. Seine Wissenschaft!. Bedeutung gewann H. nicht durch seine chem. Untersuchungen allein; fast mehr noch wirkte er anregend und fördernd durch seine Schriften n. durch das Wort als Lehrer u. Berather. Seine chem. Untersuchungen gehören nahezu ganz dem großen Gebiet der organ. Chemie an u. sind hier bes. hervorzuheben die über die Theerproducte, das Ammoniak u. seine Abkömmlinge, am meisten aber das Anilin und die Anilinfarben, mit welchen Untersuchungen er schon 1843 begann u. die wichtigsten Ergebnisse erzielte. Bei Untersuchungen über das Fuchsin entdeckte er das Rosanilin u. eine Reihe von prachtvollen, davon abslammenden Farben. So ist H. als einer der bedeutendsten Förderer der Anilinindnstrie anzn- sehcn. Hierher gehört auch der vorzügliche Bericht, den er mit Le Laire u. Girard über die Theer- farbenstoffe aus der Industrieausstellung 1867 veröffentlichte. Auch über die chemischen Theile der Ausstellungen 1851 u. 1862 gab er Berichte heraus u. zu dem officiellen Bericht über die Wiener Ausstellung trug er eine vorzügliche sehr ausführliche Arbeit über die Entwickelung der chem. Industrie während des letzien Jahrzehnts bei. Seine segenbringende Wirksamkeit beschränkte sich nicht auf den Hörsaal der Hochschulen; in England be- thätigte er sich namentlich auch bei Vorlesungen für Arbeiter (V7orüin§ msu Isotursa) u. in Berlin ist er seit Grüudung der deutschen chem. Gesellschaft eines ihrer thätigsten u. einflußreichsten Mitglieder. Vielfach hat er nach dem Muster seines großen Vorbildes Liebig neue vorzügliche Appa- Hofmannswaldau. L73 raie, belehrende u. schlagende Versuche erdacht u. burch sein treffliches Buch lntroäuoblou to rnoäsrn Obomistrz-, Land. 1865, deutsch Braunschw. 1866, der neuen Richtung in der Chemie und theoretischen Anschauung der chem. Vorgänge zahlreiche Anhänger gewonnen. 4) Heinrich Albert, Buchhändler, Verleger des weltbekannten humoristisch-satirischen Wochenblattes Kladderadatsch, geb. 8- März 1819 zu Berlin, gründete das genannte Blatt mit D. Kalisch im Mai 1843, brachte es im Verein mit der Redaction, der 1849 auch Dohm beitrat, rasch zu hoher Bliithe u. führte es siegreich durch mancherlei Wiederwärtigkeiten; dasselbe hat jetzt (1877) eine Auflage von 45,000 Exemplaren. Ein anderer bedeutender Verlagsartikel H-s ist eine Sammlung von Classikern des In- u. Auslandes, sowie verschiedene illustrirte Prachtwerke. Er ist auch Vorstand des auf seine Anregung 1873 gegründeten Allg. Vereins für deutsche Literatur. 5) Konrad, romanischer Alterthumssorscher, geb. 14. Nov. 1819 zu Banz in Obersranken, habili- tirte sich nach absolvirten Gymnasial- u. Universitätsstudien in München u. wurde an der dortigen Universität 1853 außerordentlicher u. 1856 ordentlicher Professor für das Fach der germanischen u. romanischen Sprachen. Zugleich ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Die Resultate seiner Forschungen sind meist in einer Reihe von Abhandlungen in der Münchener Akademie niedergelegt; außerdemsgab er den provengal. Roman des Gerard de Roussillon heraus. 6) Leopold Friedrich Frhr. v., bedeutender österr. Staatsmann, geb. 4. Mai 1822 in Wien, studirte hier Staats- u. Rechtswissenschaften, ergriff nach mehrjährigem Verbleiben im Staatsdienst die diplomat. Carriere u. ging als Attache der österr. Gesandtschaft nach der Schweiz. Ende 1850 begleitete er den Fürsten Schwarzenberg zu den Dresdener Conserenzen, fun- girte 1861 als Schriftführer desHerrenhauses, ward 1865 dem Statthalter v. Gablenz alsCivil-Commis- sar in Holstein beigegeben, kehrte nach einem Protest gegen die Besetzung Holsteins durch Preußen nach Wien zurück. Als Sectionschef im Ministerium Beust, war er berufen, eine für die Geschicke Österreichs bedeutungsvolle Rolle zu spielen, da er sozusagen der intellectuelle Leiter der inneren und äußeren Politik war u. sein Rath in den meisten Angelegenheiten den Ausschlag gab, so bei der Bildung des Bürgerministeriums, bei der Ein- lenkung des Staatsschiffes in constitutionelle Bahnen, bei der ,Abschaffung des Concordats u. bei der Haltung Österreichs im deutsch-franz. Krieg rc. Nach Beusrs Sturz blieb er nicht ohne Widerstreben im Amte. Am 10. Jan. 1872 wurde H. in den Freiherrnstand erhoben u. 14. Aug. 1876 folgte er dem 12. Juni 1876 verstorbenen Frhrn. v. Holzgethan als Reichsfinanzminister. H. verbindet mit einer eminenten Tüchtigkeit u. Regsamkeit als Verwaltungsbeamter eine hohe wissenschaftliche Bildung, die er wiederholt (so in den 50er Jahren als Docent an der Wiener Universität) im öffentlichen Interesse verwerthete. Eine besondere Vorliebe legt er für die geographischen Wissenschaften an Leu Tag. 7)Joh. Mich. Heiin., Historienmaler der Gegenwart, geb. zu Darmstadt 19. März 1824, bUdete sich in Düsseldorf unter Schadow und Hildebrand, in Antwerpen, Paris, Dresden, u. 1854—58 in Italien unter Cornelius. Seitdem lebt H. in Dresden, wo er 1870 Professor an der Akademie ward. Hauptwerke: Grablegung Christi; König Enzio im Kerker; Gefangeu- nehmung Christi (Stich von Felsing); ChristiPre- digt am See; Venus u. Amor; Ölhello u. Des- demona; Romeo und Julie; Blätter für Pechts Shakespeare - Galerie. 8) Karl, Staatsmiuister und Präsident des deutschen Reichskanzleramies, geb. 4. Nov. 1827 in Darmstadt, studirte in Gießen u. Heidelberg die Rechte, u. trat, nachdem er einige Jahre bei einem Rechtsanwalt gearbeitet, 1857 in den hessischen Staatsdienst als Hilfsarbeiter im Ministerium des Innern. 1864 begleitete er den Grafen Beust als Secretär nach der Londoner Conferenz über die schleswig-holsteinische Angelegenheit u. stand 1866 dem Frhrn. v. Dalwigk bei den Friedensverhandlungen in Berlin zur Seite. In demselben Jahr wurde H. Hess. Gesandter in Berlin u. nahm an den Berathungen u. Verhandlungen zur Bildung der Verfassung des Norddeutschen Bundes lebhaften Antheil. Im Herbst 1870 begab er sich mit dem Frhrn. von Dalwigk nach Versailles, um den Verhandlungen zur Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches beizuwohnen. Im Sept. 1872 wurde H. nach Hessen zurückbernfen, um ein neues Ministerium zu bilden u. an dessen Spitze zu treten. 1876 wurde ihm das durch den Rücktritt Delbrücks im Mai erledigte Präsidium des Reichskanzleramtes übertragen. 9) Josef, Historienmaler der Wiener Schule, geb. in Wien 22. Juli 1831, Sohn eines Kunstschlossers, übte einige Zeit dessen Gewerbe aus, lernte dann bei Lorenz Schoen zeichnen, ward dann Lithograph und trat 1849 seine erste Reise nach Serbien an um sich Mittel zu seiner Ausbildung zu verschaffen. Nach seiner Rückkehr ward er von Rahl als Schüler ausgenommen, malte dazwischen eine Kirche in Syrmien und blieb bis 1852 in Rahls Schule. 1853 u. 1854 bereiste er Oberösterreich u. Steiermark, dann Tirol u. Venetien, 1857 mit Millers, einem Freunde Rahls, Rom n. Griechenland. In Rom verblieb H. dann 6 Jahre u. kehrte 1864 nach Wien zurück u. vollendete das Alte Athen für Baron Sina und die Skizzen der dazu gehörigen Bilder: Das Stadion; Der Jlissos; Der Areopag, und Der Hügel des Museion; dann das Grab Anakreons für Len Staat, sowie die Cartons zu den 4 Lebensfreuden; ferner bis Decorationen zur Zauberflöte, zum Freischütz, zu Romeo u. Julie u. die Costüme u. Jnscenir- ung der Zauberflöte u. die Jnscenirüng des Freischütz. Als man ihn 1869 zum technischen Director der Öper ernennen wollte, lehnte er ab u. zog sich ganz vom Theater zurück. Neuerlich folgten die Wand, gcinälde im Schloß Hörenstcin für den Erzherzog Leopold, 8 Zonenbilder für das Palais Epstein u. die Skizzen für die Decorationen u. Costüme zum Nibelungenring für das Wagnertheater inBayremh. 1) Lössler." S) r. 4) 0) 8) Schroot. 7) S> Regnu. Hofmannstvaldau, Christian Hofmann v. H., deutscher Dichter, Oberhaupt der zweiten schlesischen Schule, geb. 25. Dec. 1618 in Breslau, stammte aus einer alten schlesischen Familie, besuchte das Gymnasium in Danzig, wo er viel mit 374 Hofmark - Opitz verkehrte, studirte in Leyden, bereiste als Gesellschafter des Fürsten von Tremonville die Niederlande, England, Frankreich, Italien, wurde 1646 Rathsherr in Breslau, stand hier in großer Achtung, wurde kaiserlicher Rath, Vorsitzender des Rachscollegium seiner Vaterstadt, wo er 8. April 1679 st. Über seine nationalliterarische Stellung n. Bedeutung s. d. Art. Deutsche Nationalliteratur, S. 184—186. C. H. v. H., Deutsche Übersetzungen u. Gedichte, Brcsl. 1679, oft auch mit veränderten! Titel wieder aufgelegt. Darin: die Übersetzungen des sterbenden Sokrates von Theophile in Prosa mit eingelegten Versen u. des getreuen Schäfers von Guarini, zu welchen der Prolog von Lohenstein verdeutscht war; 28 Heldenbriefe, die von 14 Liebespaaren, zum Theil unter erdichteten Namen gewechselt werden, mit prosaischen Anmerkungen, geistliche Oden, vermischte Gedichte, poetische Grabschriften, poetische Geschicht- redcn, Hochzeits« und Begräbnißgedichte. Diese Sammlung übergab H. selbst kurz vor seinem Tode der Öffentlichkeit. Seine meisten erotischen Gedichte, Lieder, Sonette, Briefe, Beschreibungen rc. hielt er „mit Fleiß zurück, um nicht mit diesen poetischen Kleinigkeiten zu ungleichem Urtheil Anlaß zu geben." Viele sind abgedruckt in: Herrn v. Hofmann u. anderer Deutschen auserlesene u. bisher uugedruckte Gedichte, Lpz. 1695—1727, 7 Thle., neue Aufl. Frkf. u. Lpz. 1734. Zimm-rmann. Hofmark, der zu einem Rittergute gehörige Bezirk, bes. in Ansehung der über ihn zustehenden niederen Gerichtsbarkeit (H-gericht, Curtis); der Besitzer einer H. H-Herr. Hofmarschallamt, das Amt,welchem dieSorge für das jämmtliche Hauswesen eines färstl. Hofes obliegt. Hofmeister, 1) (Ober-H.) Aufseher über einen fürstlichen Hof; 2) so v. w. Hauslehrer, bes. als Erzieher in adeligen Familien; 3) (Maier, Voigt) ein Aufseher aus einem Landgute. Hofmeister, 1) Sebastian, eigentlich Wagner, genannt Doctor Baschion, reformator- ischcr Theolog, geb. 1476 in Schafshausen, wurde Franciscaner, studirte in Paris u. wurde Lesemei- ster seines Ordens in Zürich, Constanz u. Luzern; mit Zwingli in Zürich bekannt geworden, arbeitete er nach seiner Rückkehr nach Schafshauseu der Reformation daselbst vor und nahm 1523 theil an den Religionsgesprächen in Zürich; nachdem er vor seinen Gegnern Schafshausen hatte verlassen müssen, ging er nach Zürich, wurde Prediger in Zofingen u. starb hier 1533. Er wirkte auch in Appenzell u. St. Gallen für die Einführung der Reformation. Lebensbeschreibung von Kirchhofer, Zllr. 1808. 2) Wilhelm, verdienstvoller Botaniker, geb. zu Leipzig 18. Mai 1824, erst Kaufmann, widmete sich von 1844 an botan. Studien u. wurde 1851 von der Universität Rostock zum Or. xüU. Irvu. oausn ernannt, wurde 1863 Professor der Botanik und Director des botanischen Gartens in Heidelberg, 1872 siedelte er als Hugo Mohls Nachfolger berufen nach Tübingen über. Erst. 12. Jan. >877 in Lindenau bei Leipzig u. schr: Die Entsteh, ung der Embryo der Phanerogame:-:, Leipzig 1849. Vergleichende Untersuchung der Keimung, Entwickelung n. Fruchtbildung der höheren Kryptoga« — Hofrccht men u. der Coniseren, das. 1851; Lehre von der Pflauzenzelle, ebend. 1867. Sein Handbuch der physiologischen Botanik, ebend. 1867 ff., ist nicht vollendet. Zahlreiche Abhandlungen embryologi- scheu u. physiologischen Inhalts finden sich in den Schriften der köuigl. sächs. Ges. d. Wissenschaften u. anderen Fachzeitschriften. U Löffler.* s> r. Hofnarr, ehemals Person an einem fürstlichen Hof, hauptsächlich zur Ünterhaltung durch witzige Einfälle. Die Sitte, bei Gastmählern Lustiginacher zu haben, ist alt. Schon in Tenophons Symposion kommt ein Lustigmacher (Gelotopöos) vor, n. in Nom waren in der späteren Zeit die Lourius an den Tafeln der Großen ganz gewöhnlich. Ali- gemein wurde diese Sitte im Mittelalter. Ist H-en trugen eine eigene Kleidung; namentlich ans geschorenem Kopf die Narrenkappe (Gugel, Kugel), d. i. eine runde Mütze, mit drei Eselsohren u. einen Hahnenkamm u., wie das WammS, die Schuhe u. andere Kleidungsstücke mit Schellen besetzt; dann einen großen mit Schellen besetzten Halskragen u. das Narrenscepter oder der Narrenkolben (Marotte), in einen geschnitzten Kopf mit der Narrenkappe ausgehend. Unter den H°en waren Brusquet (unter Franz I.) u. Angch in Frankreich, Kunz von Rosen (bei Kaiser Maxi.), John Heywood (bei Heinrich VIII. von England), zugleich gewandte Hofleute, Klaus Narr, H. der sächsischen Fürsten, obwol oft derb u. plump in seinen Äußerungen, wurde von diesen hochgeschätzt u. bei einer Vermögenstheilung zu 80,000 Thlr. angerechnet. Das Wesen mit den H-en artete bald aus, fast jeder Edelmann hatte einen od. mehrere solche, und Abenteurer durchzogen mit dem Titel eines Narren das Land u. verübten manchen Unfug. Die Reichstage von 1497—1575 erließen mehrere Beschlüsse gegen dieses Unwesen, doch erst ün 18. Jahrh. kamen die Narren allmählich ab, namentlich blieben sie noch lange in Rußland; Peter d. Gr. hatte oft zwölf H-en, die Kaiserin Anna hatte noch sechs. Auch Friedrich Wilhelm I. von Preußen hielt sich noch H-eu u. in der Kurpfalz gab es noch H-en unter Karl Theodor, 2. Hälfte des 18. Jahrh. Nick, Die Hof« u. VoW- narren, Stllttg. 1861, 2 Thle. SchrM.* Hofrath, ursprünglich ein von dem Fürsten berufener Rechtsgelehrter, welcher ihn in Regier- nngsgeschäften beraihet; dann Beisitzer höherer Verwaltnngscollegien n. die Behörde selbst, endlich in einer Anzahl deutscher Staaten Ehrenütel für Beamte u. Gelehrte. Hofrecht, das bei einem Hofgericht gütige Recht; sodann im Mittelalter der Inbegriff derjenigen Rechtsnormen, welche über die rechtlichen Beziehungen eines Herrn zu seinen Dienstpflichtigen u. umgekehrt, sowie der Letzteren unter einander, insoweit sich solche auf Dienst- u. Gutsverhältnisse erstreckten, in Gebrauch waren. Es existirtcn darnach: Ritterliche H-e, zu welchen neben dem eigentlichen Lehnrecht bes. die Dienstmannenrechte, als die H-e ritterlicher Dienstleute (Miuisterialien), u. Bäuerliche H«e, von denen sich in den sogen. Ding- u. Hofrodeln eine große Anzahl von Aufzeichnungen erhalten hat, welche in neuerer Zeit znm Theil von Grimm, Weisthümer, Gott. 1840 ff., 6 Thle., gesammelt worden sind. 375 Hofspeise Hofspeise (Mußtheil), ein Theil des Speise- vorrathes, welchen die Ehefrau bei dem Tode des Mannes nach dem ehelichen Güterrechte mancher Gegenden im Voraus neben ihrem sonstigen Erbrecht erhält. Hofstelle, in Marschländern so v. w. Bauernhof. Hoswyl (ehem. Wylhof), Besitzung im Schweizer Kant. Bern, 8 icm nördl. von der Stadt Bern, bekannt durch die ehemaligen Fellenbergschen Lehranstalten (s. Fellenberg). Hogan, John, irrscher Bildhauer, geb. 1800 zu Tallow iu der Grafschaft Waterford, erhielt seine Schulbildung in Cork, ging 1824 durch mehrere Kunstfreunde (namentlich Lord Tackley) unterstützt nach Rom und bildete sich dort zum Bildhauer, kehrte 1851 nach Irland zurück n. st. Ende März 1858 in Dublin. H. ist der größte Bildhauer Irlands. Hauptwerke: Ein todter Christus (in einem Karmeliterkloster in Dublin), eine Hibernia und die O'Connell - Bildsäule in der Börse zu Dublin. Regnet.» Högarth, William, berühmter engl. Zeichner, Kupferstecher u. Maler, geb. 27. März 1697 in London; lernte bei einem Silberschmied Kupferstechen, stach Kupfer für Buchhändler, legte sich dann mit wenig Glück auf Porträtmalen, war glücklicher mit den Entwürfen kleiner Familien- u. Gesellschaftsstllcke u. wurde 1723 zunächst durch seine Blätter zu Butlers Huäibras bekannt. Hierdurch wurde er gewöhnt, das Auffallende im Leben aufzufaffen und auf dem Nagel mit Bleistift zu entwerfen, was er dann später zu größeren, meist satirischen Compositionen benutzte. Sein erstes Werk dieser Art war der Weg einer Buhlerin, in sechs Blättern; dann folgte Das Leben eines Liederlichen, in acht Blattern, Die Pnnscbgesell- schaft, Die vier Tageszeiten, Der unglückliche Dichter, Schauspielerinnen in einer Scheune, Der wüthende Musikant (1741), Die Wahl eines Parlamentsmitgliedes (1755), in vier Blättern,, Die Heirath nach der Mode (letztere in sechs Ölgemälden in der Nationalgalerie in London), Die Zeitläufe (1762) u. a. m. Seine Werke erregten Aufsehen, sie wurden studirt, erklärt, nachgestochen u. a. von Riepenhausen), von Trnsler, Jreland Lond. 1791—98, 3 Bde.), Cook (Lond. 1802, 2. Aufl. 1808, 3 Bde.), Nichols u. Steedens erläutert u. endlich von Lichtenberg, Gött. 1794 bis 1831, 13 Bde., meisterhaft commentirt. Sein letztes Werk war Das Ende aller Dinge, worin er alles Zerfallende untergehend darstellte; vier Wochen darauf st. er, 26. Oct. 1764 in Leicester- fields; er schrieb: Zergliederung der Schönheit, Lond. 1763; eine neue Ausgabe von H-s Werken in 130 Blättern wurde 1820—1822 unter Nichols Leitung in London veranstaltet; andere in Leipzig (3. Aust. 1841) u. Stuttg. (1839 f.). H. verstand es mit bitterster Ironie u. einschneidender Satire die Schattenseiten des socialen Lebens, die Lüge u. Falschheit, die Thorheiten u. Laster der verschiedenen Klassen der Gesellschaft zu geißeln und erweist sich so als ein Geistesverwandter seines Zeitgenossen Fielding. Der Beifall, den H-s Blätter in Deutschland fanden, kommt zum Theil aus Rechnung der früheren Vorliebe für die englische Literatur des 18. Jahrh. u. zum nicht minderen — Hogg. auf Rechnung Lichtenbergs, dessen Witz aus die grobkörnigen Erfindungen des englischen Malers einen ihnen eigentlich fremden Schimmer von Geist warfen. Regnet.» Hogarth-Snnd (früher Cumberland-Straße), Meerbusen des Atlantischen Oceans an der SOKüste von Baffins-Land(NAmerika),zwischen Cap Enderby u. C. Albert (C. Mercy). Hogendorp, Gysbert Karl, Graf von H., niederländ. Staatsmann, geb. 27. Oct. 1762 in Rotterdam; machte 1778 in preußischen Diensten den Bayer. Erbfolgekrieg mit u. kehrte dann in sein Vaterland zurück. Nachdem er NAmerika besucht (1783), studirte er in Leyden, unter Beibehaltung seiner 1782 erhaltenen Offizierstelle iu der Garde, gab dieselbe aber 1785 ans, als die Patriotenpartei immer mehr sich in den Vordergrund drängte. Als die Preußen in Holland ein- rückten, stellte er sich wieder zur Verfügung und war für Wiederherstellung des Erbstatthalters thätig, wurde Großpensionär von Rotterdam 1789, legte aber diese Stelle nieder, als die Franzosen 1795 Holland eroberten. Seine Anhänglichkeit an das Haus Oranten u. seine Bemühungen, eine Colonie für die Anhänger derselben auf dem Cap zu gründen, kostete ihn den größten Theil seines Vermögens. Dennoch schoß er 1813, als die Alli- irten vordrangen, 50,000 Gulden aus seinen Mitteln vor u. trug ans alle Weise zur Wiedereinsetzung des Hauses Oranten bei, deren glückliches Gelingen auch hauptsächlich sein Verdienst ist; auch ist ihm das Zustandekommen des niederländ. Staatsgrundgesetzes zu danken. Nachdem er kurze Zeit das Ministerium des Auswärtigen verwaltet, wurde er 1815 Bicepräsident des Staatsraths u. in den Grafenstand erhoben, dankte aber 1816 wegen Kränklichkeit ab, behielt aber das ihm übertragene Mandat für die 2. Kammer der Generalstaaten, wo er für die Bolksrechte gegen das Ministerium eintrat. Er ft. 5. August 1834 im Haag. Er schr.: Über den Handel nach Indien, Amsterd. 1801; Über den Handel nach Java, ebd. 1804; Über die politische Ökonomie des Königreichs der Niederlande, ebd. 1818 ff., 10 Bde.; I,a separat!cm cis 1a HoUancis st cis la Lslgi- gus, 1830. In Rotterdam wurde ihm neben dem Boymausmuseum ein Denkmal errichtet. WenMurger. Hogg, James, schottischer Dichter, genannt der Ettrikschäfer, geb. 25. Januar 1772 in dem District der Grasschaft Selkirk, welcher EttrikwalL genannt wird. Sohn eines armen Schäfers, genoß er bis zu seinem achten Jahre nur geringen Schulunterricht u. mußte in den Bergen Kühe u. Schafe hüten. Die in Schottland im Volksmunde lebenden Sagen u. Lieder nährten seine rege Phantasie; ohne lesen u. schreiben zu können, dichtete er, u. als er jenes mühsam gelernt, fing er an, seine Gedichte aufzuzeichnen. Sein erstes Lied erschien 1801 anonym, u. da er um diese Zeit nach Edinburg zum Verkauf der Schafe seines Herrn geschickt wurde, benutzte er die Gelegenheit, 1000 Exemplare seiner Dichtung abzusctzen. Im Sommer d. I. besuchte Walter Scott den Ettrikwald zur Sammlung von Materialien für seine Vorder Minstrelsy, wobei H. seine Bekanntschaft machte u. ihm eine Anzahl Balladen übergab, welche er 376 Hogland — Hohes Lied Salomonis. als Volksweisen jenes Districts gesammelt hatte; diese erschienen 1803 im 3. Bde. der Minstrelsy. In demselben Jahre veröffentlichte H. seine Ballade Lira mountuiu barä, die ihm mit Preisen für zwei Essais 300 Pfd. Sterl. einbrachte. Mit diesem Gelds pachtete er eine Farm, welche ihn schnell wieder an den Bettelstab brachte. Nun ging er 1810 nach Edinburg, wo er sich ganz und gar der Schriftstellerei zuwandte, u. 1813 erschien sein Gedicht Mw qussns rvaics. 1814 verheiratete er sich, u. obgleich er später auf einer ihm vom Herzog von Buccleugh geschenkten Farm lebte, so bekümmerte er sich doch mehr um Bücher u. Buchhändler. Der Ertrag seiner Feder war ein nicht geringer, wenigstens ein größerer als der seiner Farm. Er st. zu Altrive 21. Nov. 1835. Seine Werke sind zahlreich u. umfassen außer den schon genannten: Naäoo ob tirs moor; Mrs pilArims ok tirs 8uu; Mrs llaoodits relles ok Leotlauä; Husen Hz-uäs; Mrs borrisr Aarlauä und einige Lieder von großer Schönheit. Seine Prosaschriften sind: Mrs drorvuis ol Loäsbsoir; Sinter svsniuA talss; Mrs tirrss psrils ok man; Mrs tirrss psrrls ok rvowan; ll'Irs ^Itrrvs talss; 1 Band ssrmons und eine kurze Biographie Walter Scotts. Nach Burns ist H. unfraglich der größte Bauerndichter Schottlands. Sein bestes Werk, sowol in der Conception wie in der Vollendung, ist Mrs gussns rvuics. Seine Prosaschriften sind sehr ungleich, doch hin u. wieder findet man in ihnen großen Humor u. fast immer graphische Beschreibung. Seine gesammelten Poe- sicn mit einer Biographie von I. Wilson erschienen 1850—52 in London in 5 Bdn. Bartling. Hogland, größte Insel im Finnischen Meer- busen, zum finnischen Gonv. Wiborg (Rußland) gehörig, ein 11 icm langer, 3—4 üm breiter u. etwa 160 m hoher, nur theilweise mit Wald bedeckter, größtentheils aber kahler Granitfelsen, mit Kirche, 2 Leuchtthürmen u. 1 Glockenthurm für die Schiffe; gegen 800 Ew., deren Hauptbeschäftigung der Fischfang ist. Hier 17. Juli 1788 unentschiedene Seeschlacht zwischen den Russen u. Schweden. Högni, nord. König u. Besitzer des Schwertes Dainsleif, das, einmal gezogen, tödten mußte; s. Hjadningakampf. Hogolen (San Estevan), umfangreiche Insel des Carolinen-Archipels (s. Carolinen) im Großen Ocean, bedeckt mit Cocos- und Sago-Palmen, Mango-, Sandelholz- u. a. Bäumen, überhaupt mit reicher Vegetation. Im Innern ein großer Binnensee mit ergiebigen Perlmuschelbänken; 15—20,000 Ew., ausschließlich Eingeborene. Thi-lemann. HogS Hcad, engl. Oxhoft; für Wein — 63 Gallons, 286,^1, für Bier — 54 Gall., 245,^ I. Hogue, s. Hongue. Hoguct, Charles, deutscher Marine-, Landschaft- u. Stillleben-Maler französ. Abkunft, geb. zu Berlin 22. Nov. 1821, st. das. 4. Aug. 1870; Schüler des Marinemalers W. Krause, arbeitete schon mit iS Jahren selbständig u. siedelte nach Paris über, wo er in Jsabeys Atelier eintrat, um erst 1848 nach Berlin zurückzukehren. Seine meisten Studienreisen machte H. in Frankreich. H. war außerordentlich productiv: er malte in den letzten 20 Jahren 429 Ölbilder u. Hunderte von Aquarellen rc. Sein Trachten war zunächst nach prägnanter Form gerichtet, ohne die Farbe zu vernachlässigen. In seinen Landschaften tritt als charakteristisches Merkmal das Episodenhafte her- vor, das natürlich in seinen Marinen nicht so zur Geltung kommen kann und, in Nebensachen sich geltend machend, der Gesammtwirkung Eintrag thut. Regnet. Högyesz,Marktflecken im Ungar. Comitat Tolna; Schloß, Armenversorgungsanstalt, Bierbrauerei, starker Tabaksbau; 3139 Ew. Hochburg, Kirchdorf in der Amtshauptmannschaft Grimma der königl. sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig, an der Lossa, in schön« Gegend, Rittergut; 353 Ew. Nördlich davon in einem Walde die 243 m hohen Porphyrkuppen der sog. H-er oder Wurzener Schweiz. Das Rittergut schenkte Kurfürst Johann Georg I. den Erben Luthers für dessen Siegelring. Höhe (Math.) 1) einer Figur od. eines Körpers ist die Entfernung der Grundlinie od. Grundfläche derselben von der gegenüberliegenden Spitze, Ecke, Linie od. Fläche; sie wird gemessen durch ein von diesen auf jene od. deren Verlängerungen gefälltes Perpendikel, welches auch kurz H. genannt wird. 2) (Astr.) der verticale Bogen von einem Stern oder sonst einem Punkte am Himmel bis zum Horizont. Unter Mittagshöhe versteht man die H. eines Sternes in dem Moment, wo er durch den Meridian geht. Sie wird mittels des Quadranten bestimmt. Von der wahren ist die scheinbare H. zu unterscheiden, welche von der atmosphärischen Strahlenbrechung (s. Atmosphäre Bd.H., S. 299) abhängt. CorrespondirendeHöhensind die gleichen H-n eines Gestirns von unveränderlicher Declination, welche dasselbe in gleichem Abstande zu beiden Seiten des Meridians einnimmt; aus ihrer Beobachtung bestimmt mau die Zeit ihrer Culmination. 3 ) (Geodäsie), s. Höhenmessung. 4 ) (Mus.) die Region der Töne, bei jeder Stimme od. bei einem Instrumente, wo die Noten der zu bezeichnenden Töne über die 5 Linien hinausgehen u. Hilfslinien verlangen. Höhe, die, so v. w. Taunus. Hohe Acht, s. u. Eifel. Hohe Eule, der höchste Berg des Eulengebirges (999 irr hoch), in Len Sudeten. Hohe Feste, s. Feste, große. Hoher Göll (Göhl), ein 2526 m hoher Berg in den Salzburger Alpen, südöstlich von Berchtesgaden, erhebt sich als schön gewölbte Kuppel, von der 4 Schneiden, weißgraue, kahle Felsgrate, die erst tiefer unten eine Pflanzendecke aufweiseu, symmetrisch ausstrahlen. An der O Seite entsteht der L>chwarzbach, der den Gollinger Fall bildet. Hohe Kante, bei Balken, Brettern, Ziegelsteinen rc. die schmale Seite; daher H. K. legen, auf die H. K. mauern, die Ziegelsteine auf die schmale Seite legen. Hohes Kreuz (Her.), Kreuz, dessen Querbalken nicht auf der Mitte des Pfahls, sondern höher steht; stets schwebend u. schmal. Hohes Lied Salomonis (Lied der Lieder, Oautroum Luntiooruiu), poetisches Buch des A. T., welches gemeiniglich dem Salomo zugeschrisbeu wird. Über die Bedeutung u. Form dieses Buches, Hohe Mense - sind die Erklärer sehr verschiedener Ansicht: Einige, Gerhard u. Krnmmacher, in ihren Predigten über das H. L. u. neuestens Hengstenberg u. Hahn erklären das H. L. als eine Allegorie von der Vermählung Christi (Salomo) u. der christlichen Kirche (Sulamith); Andere erklären es ethisch, es werde darin der Preis der Unschuld, die allen Lockungen widersteht, dargestellt; so Ewald: od. man meint, daß darin die Idee der Ehe dargestellt werde, so Delitzsch (zuletzt, nachdem er es früher allegorisch erklärt hatte); Andere wieder erklären es prophetisch, als eine Weissagung von den letzten Zeiten der Kirche Christi, wie Goltz; noch Andere politisch: Das Königthum ist ewig eins mit dem wahren Volksthum; oder sinnlich-erotisch, z. B. die neueren Ästhetiker; Viele halten das H. L. mit Herder für eine Sammlung von Liedern, deren Gegenstand Liebe sei. Grätz in seiner 1871 erschienenen Übersetzung erklärt es für ein episch-lyrisches Gedicht aus der Zeit der Tobiaden mit der Tendenz, die reine gewissenhafte Liebe u. deren Kraft gegenüber der sinnlichen Leidenschaft darzustellen. Ständlein hat das H. L. für ein Drama gehalten, eine Ansicht, welche in neuester Zeit wieder von Böttcher, E. F. Friedrich, Ewald u. a. vertheidigt worden ist. Neuere Übersetzungen u. Erklärungen vonHerder 1777, Ewald 1826, 2. A. 1867; Umbreit 1828, Fr. Delitzsch, Lpz. 1851; H.A. Hahn, Berl. 1852; Hengstenberg, ebd. 1853; I. Böttcher, Die ältesten Bühnendichtungen, Leipz. 1850; E. Meier, Tllb. 1854; F. Hitzig, 1855; Grätz, Wien 1871; vom Standpunkte der Kunst, vgl. die Schriften von Böttcher, 1850; Loßner, 1851 u. a.; Lessing hat es in lateinische Hexameter übersetzt. Hohe Mense, ein 1083 m hoher Berggipfel im Mense- od. Reinerzgebirge des Glatzer Gebirgs- systems; ein majestätischer Berg n. hübscher Aussichtspunkt. Hohes Neujahr, so v. w. Epiphania 2) s. d. Hoher Peißenberg, s. Peißenberg. Hohe Pforte (türk. Lab LU), ist in der heutigen Türkei sowol die Gesammtheit der höchsten Würdenträger im ottomanischen Reiche, als auch der Ort, wo diese zu ihren Berathungen Zusammenkommen. Die Pforte (in der Volkssprache LaoeUa Laplsi) umfaßt heutzutage folgende Ämter: 1) den Sitz des Großveziers u. seines Bureaus; 2) das Ministerium des Äußeren mit seinem Sekretariate n. dem Übersetzungsbureau; 3) das Llo- äsoUUsi 'lVala, den allerhöchsten Staatsrath, an dem sich die Chefs der verschiedenen Ministerien betheiligen; 4) das LlscksobUsi astüiami acUls, den Rath des obersten Gerichtshofs, Ministerium des Innern n. der Justiz, zugleich mit der Be- fugniß, die Gouverneure u. die subalternen Offiziere zu ernennen u. abzusetzen; 5) das Lmsäi äivani Uumajum, ein mit der Privatkanzlei des Sultans und der Psorte in direkter Verbindung stehendes Bureau. Die übrigen Dikasterien der Verwaltung (Polizei-, Finanz-, Handels-, Kriegs-, Marine-, Unterrichts-, Wakufs- rc. Ministerien) sind in besonderen Gebäuden nntergebracht u. erscheinen ihre Chefs in der H-n P. nur, wenn sic zum Llsävoblisi iVala zu einer wichtigen Berath- ung gerufen werden. Lagai. Hohes Rad, ein 1506 in hoher Berg des - Hoheitsrechte. 377 Riesengebirges in der prenß. Provinz Schlesien mit herrlicher Aussicht. Hoher Rath (jüd. Ant.), so v. w. Sanhedrin. Hohe Salve, ein 1827 m hoher Berg der Salzburger Alpen in Tirol, südlich vom Kufstein, mit prachtvoller Aussicht ans die Tiroler u. Salzburger Alpen. Hohe See, haben oder halten, so weit vom Lande entfernt sein, daß man es nicht sehen kann oder keine Gefahr mehr davon hat. Auf der Höhe eines Ortes sein, auf derselbe» geograph. Breite sein. Die Höhe von einem Vorgebirge, einer Landzunge rc. haben, heißt sich soweit luvewärts von derselben befinden, daß man sie umsegeln kann. Hohe Staufen, ein 1775 m hoher Bergzug in den Salzburger Alpen auf der Grenze zwischen Salzburg u. Bayern. Hohe Benn (fr. üautss La^nos), ein rauhes, waldloses, ca. 600—650 in hohes Plateau im prenß. Regbez. Aachen u. der belg. Prov. Lüttich; breitet sich zwischen der Warche, Onrthe, Roer n. dem Tieflande aus, ist entweder mit Heidekraut überzogen, od. mit mächtigen Torfmooren bedeckt, ein unwegsames Gebiet voll Nebel u. im Winter unter dem tiefsten Schnee begraben. Der höchste Gipfel, die Botranche, erhebt sich zu 695 in über dem Meere, ein anderer Gipfel ist die 656 in hohe Steinlei bei Montjoie. H- Berns. Hoheit, Prädikat erlauchter Personen: Kaiserliche H. für die Prinzen und Prinzessinnen aus kaiserlichen Häusern, welche von Kaisern direct abstammen; Königliche H. für die von Königen direct abstammenden Prinzen u. die Töchter von diesen, ferner die Großherzoge u. Erbgroßherzoge, mit Ausnahme Hessens, welche das Prädicat Großherzogliche H. führen; H. ohne weiteren Zusatz fuhren die übrigen Mitglieder der großherzoglichen Häuser, die regierenden Herzoge in Deutschland nebst den Prinzen und Prinzessinnen ihrer Häuser mit Ausschluß der Seitenverwandten. In einem weniger engen Sinne ist H. die höchste Staatsgewalt. Hoheitsrechte (Majestätsrechte, Regalien, Aura maj sstakiea, Lo^alia), diejenigen Befugnisse, deren Ausübung in einem Staate dem Inhaber der Staatsgewalt hinsichtlich der Regierung und Verwaltung des Staates entweder verfassungsmäßig, od. kraft besonderer Rechtstitel zusteht. In ihrer Gesammtheit aufgefaßt, sind daher die H. mit der Staatsgewalt identisch; sie erscheinen gegenüber derselben nur als einzelne Äußerungen des seinem Begriffe nach eigentlich nntheilbaren Herrscherrechts, welche nur theils nach den verschiedenen Formen, in welchen, theils nach den verschiedenen Objecten, in Beziehung auf welche die Staatsgewalt dabei thätig hervortritt, als einzelne scheinbar getrennte Rechte hervortreten und von einander wissenschaftlich unterschieden werden können. Man unterscheidet höhere u. niedere H.: L) Höhere od. wesentliche H. (LsAakiassssnbiakia, K. im- MLnsntsta, L. majora), in dem Begriffe der obersten Staatsgewalt liegende u. daher dem Staatsherrscher in seiner Eigenschaft als Inhaber dieser Staatsgewalt von selbst zukommende. Zu denselben werden gewöhnlich die gesetzgebende, richterliche u.'v ollziehende Gewalt (die Nrias 378 Hoheitsrochto. xoUtioa des Aristoteles) gerechnet, welchen man neuerdings nach dem Vorgänge franz. Schriftsteller meist noch als eine vierte Gewalt die eigentlich königliche (konvoir ro^ai, msäsraisur) u. zuweilen als eine fünfte noch die Re Präsentatio - gewalt (konvoir rsprssenlLbik) hinzugesetzt hat. In Beziehung auf das Snbject und die Objecte der Staatsgewalt unterscheidet man: s.) Eigent- licheMajestätsrechte (ünrawsgsskatisa), welche dem Staatsherrscher als persönliche Prädicate wegen seiner ausgezeichneten Stellung an der Spitze des Staates zukommen (Unverantwortlichkeit bei allen Negierungshandlungen, Heiligkeit der Person, die höchste äußere Würde, verbunden mit besonderen Ehrenrechten, Ehrenbenennnngen rc.); i>) Materielle H.; die H. in gegenständlicher Beziehung scheiden sich in zwei große Klassen: an) Innere H. (stura sublirnia interna), insofern sie Gegenstände des inneren Staatslebens, die Rechtsverhältnisse zwischen dem Staatsoberhaupte und den Unterthanen betreffen; dazu gehören die Gebiets-, Territorial- od. Landeshoheit, der Inbegriff der Befugnisse der Staatsgewalt über das Staatsgebiet, oft fälschlich als ein Obereigenthum des Staates an dem Staatsterritorium aufgefaßt; die Justizhoheit od. Gerichtsbarkeit (lluilsäietno, richterliche Gewalt), als der Inbegriff der H. des Staatsoberhauptes hinsichtlich der Gründung, Erhaltung u. Handhabung eines gemeinen Rechtszustandes durch eine geordnete Rechtspflege; die Polizeihoheit (stns politiae), das Recht des Staates, alle diejenigen Anstalten zu treffen, durch welche die allgemeine Wohlfahrt befördert u. überwacht und Nachtheiliges verhütet wird; diePrivilegienhoheit, als die Befugniß, für gewisse Personen u. Sachen od. ganze Klassen derselben durch Ertheilung von Privilegien, Gna- denerwcisungen rc. besondere Rechtszustände (llurn sinAularig.) zu schaffen; die Finanz- od. Fis- calhoheit, als das Recht der Staatsgewalt, zur Befriedigung der Staatsbedllrfniffe ein öffentliches Vermögen zu erwerben, zu besitzen und zu verwalten, u. nötigenfalls bei Unzulänglichkeit des- selben Ergänzung dafür durch Erhebung von Beiträgen aus dem Nationaleinkommen zu beschaffen; die Landesdiensthoheit, als die Befugniß der Staatsgewalt, auch die persönlichen Dienste der Unterthanen zu der Erreichung der Staatszwecke in Anspruch zu nehmen, zerfallend in die Militärhoheit, Ämterhoheit und das Recht der gemeinen Landfolge; die Lehenshohcit, als das Recht der Aussicht und gesetzlichen Regelung des Lehensverhältnisses; die Kirchenhoheit, als das Auf- sichts-, Schutz-, und Schirmrecht über die in dem Lande bestehenden religiösen Verbindungen u. die Übung der Gottesverehrung rc.; bb) äußere H. (sturu oubliinig, externa), welche sich auf die Rechtsverhältnisse des äußeren Staatslebens, den Verkehr mit den auswärtigen Staaten beziehen, mithin : das Gesandtschastsrecht (ürw IsAatioLum), das Kriegsrecht (llus armornm st belli), das Recht der Bündnisse u. Staatsverträge (üus kosäorum). Die Form, in welcher die Staatsgewalt in diesen einzelnen Grundverhältniffen thätig einwirkt, ist aus eine zweifache, die der Gesetzgebung und der Verwaltung, zurückzuführen, indem sewol die richterliche Gewalt, als die übrigen neugebildeten Ge- walten unter diese beiden Gesichtspunkte gebracht werden können. L) Niedere od. außerwesentliche H. (Ke- Aalia minora, U. aooiäentalia, Regalien im eng. eren Sinne, Nutzbare H.), jene gewöhnlich nutz, bringenden Rechte, welche dem Staate (Fiscus) in dem gesammlen Staatsgebiete od. doch in einem gewissen Landestheile in der Weise ausschließlich zustehen, daß kein Recht derselben Gattung einem Privatmann zustehen od. von ihm ausgeübt werden kann. In diesem Sinne sind sie ihrem Wesen nach Rechte, welche, wenn sich der Staat nicht dieselben in der Gattung ausschließlich beigelegt hätte, Privatrechte sein würden. Unter diesen nutz- baren Regalien lassen sich drei Hauptarten unter, scheiden: 1) wirkliche ausschließliche Eigenthums- rechte des Staates an ganzen Klassen von Gegenständen, z. B. Landstraßen, öffentlichen Wasserstraßen (Flüssen), sowie Forsten u. Bergwerke, wo sie nach der Verfassung Regal sind. 2) Regalien, welche in dem Rechte bestehen, gewisse Gewerbe u. Geschäfte ausschließlich zu betreiben, z. B. dar Salz-, das Tabaks-Regal in gewissen Staate», Post-, Lotterie-, Spielkarten-Regal rc. 3) Regalien, nach welchen sich der Staat, der Fiscus, gewisse Landesproducie u. Erträgnisse (provoeatns) der Grundstücke oder andere, diesen gleichgcachtete Gegenstände ausschließlich zueignen darf, z. B. Jagd-, Fischerei-rc. Regal, das Regal an herrenlosen Sachen, Schätzen rc. Ihre historische Entstehung verdankt diese Art der Regalien für Deutsch- land meist der eigenthümlichcn Entwickelung, nach welcher hier die Staatsgewalt aus der früheren Landeshoheit und diese wieder aus dem mit allmählich erblich gewordenen Ämtern verbundenen großen Grundbesitz entstanden ist. Infolge der durch das Patrimonialprincip herbeigesührtenJdcn- tificirung der Gebietshoheit mit einem Eigenthum am Staatsterritorium nahm der Inhaber der obersten Gewalt gewisse privatrechtliche Befugnisse - ausschließlich an sich, u. als die wachsenden Staats- bedllrfniffe die Eröffnung neuer Einnahmequelle» sür den Staat nothwendig machten, wurde dies sogar zum Theil von den Unterthanen begünstigt, indem seit dem 16. Jahrh. mehrfach auf den Landtagen Regalitätsrechte förmlich zugestanden wurden. Die neuere Zeit indessen, welche überhaupt in den Monopolen mehr Hemmungen als Beförderungen eines volkswirthschaftlichen Fortschrittes erkennt, hat die Regalien, welche im Allgemeinen als Staatsmonopole aufgefaßt werden können, insoweit nicht ihre zweckmäßige Nutzung durch die Kräfte der Einzelnen überstiegen wird, ganz aufgegeben u. den Privatpersonen, wenn auch mit Vorbehalt der erforderlichen polizeilichen Beschränkungen u. unter angemessener Besteuerung, wie sie nach den wesentlichen u. unveräußerlichen H-n dem Staate znsteht, überlassen. Viele Regalien haben hiernach heutzutage ihren früheren Charakter verloren u. werden nur noch als Steuerrechte behandelt; bei anderen bereitet sich wenigstens diese Auffassung mehr n. mehr vor. Vgl. Hüllmann, Geschichte des Ursprunges der H. in Deutschland, Franks. 1806 ; Gräbe, Über die Ein- theilnng u. Grundsätze der Regalien, Lpz. 1808 ; 379 Hohen Aspcrg - A. Gemeiner, Beitrag zur Lehre von den Rega- lien, München 1842. L-g->i.» Hohen Aspcrg (Hohen Asberg), ein 356 nr hoher, allein stehender Bergkegel im Öberamt Ludwigsburg deS Württemberg. Neckarkreises, dicht bei dem Marktflecken Asp erg (1650 Ew.). Daraus das gleichnamige feste Schloß, welches als Staats- gesängniß u. Strafanstalt gebraucht wird, und in dem u. A. der Dichter Chr. Schnbart 10 Jahre lang gefangen saß; in neuerer Zeit saßen hier Fickler, im Mai 1849, u. Rößler von Öls, welcher 22. Febr. 1850 entsprang. H., früher den Grafen von H. A. gehörig, kam 1308 durch Kauf an Württemberg. 1535 wurde die Bergfestung von Herzog Ulrich erweitert, im Dreißigjährigen Kriege 1635 von den Kaiserlichen erobert, 1688 von den Franzosen zerstört, u. 1734, nachdem die Festungswerke erneuert worden, ihrer jetzigen Bestimmung übergeben. Vgl. Bifjart, Geschichte der Veste H. A. rc., Stuttg. 1858. H- Berns.' Hohenberg, 1) ehemals Grafschaft im wllrttem- bergischen Schwarzwaldkreise, benannt nach der im Dreißigjährigen Kriege zerstörten Burg H. (lag auf dem höchsten Theile des Heubergs, in der Nähe von Deilingen), deren Besitzer mächtige Grafen „waren. Sie kam durch Kauf 1381 an das Haus Österreich, theilte sich in die Ober- und Untergrasschaft, hatte 1804 etwa 48,000 Ew. u. wurde 1805 im Preßburger Frieden an Württemberg abgetreten. Hauptstadt war Rottenburg. 2) Marktflecken im Bez.-Amt Rehau des bayer. Regbez. Öbersranken, an der Eger, unweit der böhm. Grenze; schönes Schloß, 1819 entdeckte Mineralquelle, ein kohlenhaltiger Säuerling, Porzellanfabrik, Baumwollenspinnerei und -Weberei, Eisengruben; 1875 : 1081 Ew. H> Berns. Hohenbruck, Stadt im böhm. Bezirk König- grätz (Österreich), am Diedmabache, Station der Osterr. Nordbahn; Nathhaus, Spital, Mühlen; 3030 Ew. Hohenburg, 1) Marktflecken an der Lauterach im Bez.-Amt Velburg des bayer. Regbez. Oberpfalz u. Regensburg; 800 Ew. Das nahe, uralte Bergschloß war Sitz der Grasen von H., Markgrafen vom Nordgau, deren Geschichte 829 mit Ernst I. beginnt u. 1256 mit Barthold, Vormund Konradins von Schwaben, endigt. Vergl. Ried, Geschichte der Grafen von H., Regensburg 1812 f. 2) Dorf bei Langensalza im preußischen Regbez. Erfurt; hier 9. Juni 1075 Sieg Heinrichs IV. über die Sachsen. Hohenelbe, 1) (böhmisch Vrchlabi) Stadt im gleichnam. böhm. Bez. (Österreich), an beiden Ufern der Elbe, die mehrfach durch Brücken mit einander verbunden sind, Station der Österreich. Nordwestbahn; Schloß, Dechanteikirche, Bürgerschule, Webeschule, Augustinerklofler; Flachs- u. Baumwollenspinnerei, Leinwand- und Baumwollenwebereieu, Baumwollendruckerei, Bleichen, Färbereien,Papierfabriken, Bierbrauerei; 3733 Ew. (sammt dem zn H. gehörigen Dorfe Nieder-H. 5316). 2) (Ober-H.) Dorf, im N. an die Stadt H. anstoßend; Flachs- garnspinnerei, Bleichen; 2208 Ew. H- Berns. Hohenems (Hohenemps), Marktflecken im Bez. Feldkirch der gesürsteten Grafschaft Tirol u. Vorarlberg, in malerischer Lage am Fuße steiler Berge, - Hohenhausen. unweit des Rheins, Station der Vorarlberger Eisenbahn; Pfarrkirche mit schönen Bildhauer- arbeiten, Synagoge (in H. besteht die einzige Jndengcmeinde Tirols), schloßartiger Palast der Grafen von Waldburg-Zeil (1564 erbaut); Leinen- spinnereien, Baumwollenweberei, Hand- u. Maschinenstickereien, Bandfabrike», Bau von hölzernen Häusern, Druckerei, Färberei, Gerberei, Fabrikation von Sodawasser, Cichorien, Stärke rc., Branntweinbrennerei , Bierbrauerei, Dampfsägewerk, Dampfziegelei rc., lebhafter Handel, namentlich mit Holz; Schwefelbad; 4191 Ew. H., Hanptort der ehemaligen gleichnamigen Grafschaft, fiel 1765 an Österreich. Über dem Orte das noch bewohnbare Schloß Neu-H. u. die Ruinen der Burg Alt-H., des Stammhauses der Ritter, nachher Freiherren und endlich seit dem 16. Jahrh. Grasen von H. Nach dem Erlöschen des Mannesstammes a. L. 1759 nahm Österreich die Grafschaft in Besitz, gab sie aber 1790 dem Grafen Harrach, dem Gemahl der Gräfin Maria Rebekka, der Tochter des letzten Grafen von H., zurück. Der andere Zweig erlosch mit Don Marco d'Altadms (Hohenems), Herzog von Gallese, welcher im August 1849 in Rom starb. H- Berus. Hohen-Ems, Rudolf von, s. u. Rudolf. Hohenfelde, Vorort von Hamburg, an der Außenalster, unmittelbar nördl. von der Vorstadt St. Georg, mit dem großartigen Oberaltenstift (einem Hospital, von 1835); 1875: 7819 Ew. Hohenfriedberg (Hohenfriedeberg), Stadt im Kreise Bolkenhain des preuß. Regbez. Liegnitz, am Striegauer Wasser; Leineuweberei; 750 Ew. H. erhielt Stadtrechte 1409. Hier im 2. Schlesischen Kriege 4. Juni 1745 Sieg der Preußen unter Friedrich II. über die Österreicher unter Karl von Lothringen. Hohenfurt (böhm. Brod Vyssi), Stadt im böhm. Bezirk Kaplitz (Österreich), rechts an der Moldau ; altes Rathyaus, Bierbrauerei, Hammerschmieden, Mühlen, Holzhandel; 1353 Ew. Oberhalb H. die sog. Teufelsmauer, eine enge Schlucht mit etwa 100 in hohen Wänden, durch welche die Moldau strömt. Dabei liegt links an der Moldau die gleichnamige Cistercieuserabtei am Fuße des Gaisberges, gestiftet 1259 von Peter Wock von Rosenberg, mit Bibliothek, Naturalien-, Gcmälde- u. Münzensammlung, Alterthümern u. Physikalischem Cabinet; in der Kirche die Gruft der Familie Rosenberg. Die Prälaten der Abtei erhielten 1591 Sitz und Stimme bei den Landtagen in Prag. Vergl. Mikowec, Das Cistcrcienserstift H., Wien 1859; Pangerl, Urkundenbuch des Cistercienserstifts zu H., ebd. 1865. H- Berns. Hohenhausen, Philippine Amalie Elise, vielseitige Schriftstellerin, geb. 4. Nov. 1789 in Waldau bei Kassel, Tochter des westfälischen, dann hessischen Generals von Ochs, seit 1806 mit dem preuß. Regierungsrath, Freiherrn Leopold v. H. vermählt, lebte 1822—1824 in Berlin, dann in Minden, verwittwete 1848, ging später nach Frankfurt a. O., st. hier 2. Dec. 1857. Außer Übersetzungen aus Byron u. Walter Scott gab sie ihre lyrischen Dichtungen unter dem Titel: Frühlingsblumen, Münster 1817; Reiseerinnerungen, als: Natur, Kunst u. Leben, Altona 1820; Novellen, 380 Hohenheim - Braunschw. 1828, 3Bde.; Bilder aus dem Leben, Rint. 1833; Karl v. H., Untergang eines Jünglings von 18 Jahren (Biographie u. Tagebücher ihres einzigen Sohnes, der sich in Bonn als Student erschoß), Brannschweig 1837; Rousseau, Goethe und Byron, ein krit.-literar. Umriß aus ethisch-christlichem Standpunkt, Kassel 1847; Die Jungfrau u. ihre Zukunft, Weimar 1854; und mehrere Jugendschriften heraus. Hohenheim (Groß-H.), Schloß im Oberamte Stuttgart des Württemberg. Neckarkreises, zur Gemeinde Plieningen gehörig; erbaut von Herzog Karl Eugen von Württemberg um 1768, einst berühmt wegen seines Parkes, jetzt wegen seiner land- u. sorstwirthschaftlichen Akademie, welche 1817 vom Könige Wilhelm gegründet wurde n. 1875 24 Lehrer u. 79Studirende zählte. Mit ihr verbunden ist eine Acker», Garten- n. Obstbanmschule, eine landwirthschaftliche Versuchsstation für Fütter- ungs-, Vegetations- u. Feldversuche (1866 eröffnet), ein botanischer Garten, eine Muster-Rindvieh- u. Schafzucht, eine Flachsbereitnngsanstalt, vorzügliche Modellsammlung, Wollesammlung, Seide- zuchtanstalr u. Seidehaspelanstalt rc. Ferner bestehen hier eine chemisch-technische Fabrik, eine Fabrik für Ackergeräthe, die vorzugsweise nach OEuropa großen Absatz hat, eine Zuckerfabrik u. eine große Mahlmühle. Die Bombaste von H., deren Abkömmling der berühmte Theophrastus Paracelsus ab H. war, hatten einst an dieser Stelle eine Burg mit Gut, welches nach mehrfachen Wechseln des Besitzstandes an einen Herrn von Garb gelangte u. endlich dem Herzog Karl Eugen als Lehen anheimfiel. Vgl. Frölich, Das Schloß u. die Akademie H., Stuttg. 1870. H- Berns. Hohenheim, Francisca, Reichsgräfin von, Herzogin zu Württemberg u. Teck, geb. 10. Jan. 1748 in Adelmannsfelden, Tochter des Freiherrn von Bernardin, war in Adelmannsfelden, an dem ihr Vater Antheil hatte, erzogen, heirathetc den alten bayrenther Kammerherrn, Freiherr v. Len- trum, wurde aber später mit dem Herzog Karl Eugen von Württemberg bekannt, welcher die heftigste Leidenschasr für sie faßte, sie entführte und, als seine Gemahlin gestorben war, sie, zur Reichsgräfin von H. erhoben, 1786 in morganatischer Ehe heirathete. Sie wirkte auf das Günstigste auf ihren Gemahl ein, stimmte ihn zum Land- u. häuslichen Leben um und wirkte segensreich für Land u. Leute. Als ihr Gemahl 1793 starb, zog sie auf ihren Wittwensitz Kirchheim unter dem Teck n. st. daselbst 1811. Vgl. Vely, Herzog Karl von Württemberg u. F. v. H., 2. Aust., Stuttg. 1876. Höhenkreis, 1) jeder Lurch das Zenith gehende, auf dem Horizont senkrecht stehende Kreis am Himmel; 2) astronomisches Instrument, womit man die scheinbare Höhe eines Gestirns genau nach Graden, Minuten u. Secunden bestimmen kann. Zu Beobachtungen der Höhe in der Ebene des Meridians dient der Meridiankreis, welcher seiner festen Aufstellung wegen gewöhnlich in großen Dimensionen ansgesührt ist u. bei sehr sorgfältigem Bau größtentheils den Werth einer Sternwarle bestimmt. Zn Höhenbeobachtungen außerhalb des Meridians dienen kleinere Instrumente, welche man schlechtweg H-e nennt. Eine verticale — Hohenlohe. Säule ist innerhalb eines verticalen Hohlcylinders drehbar und trägt an ihrem unteren Ende einen horizontalen Kreis, auf welchem man mittels eines mit der äußeren Säule fest verbundenen Verniers die Größe der Drehung bestimmen kann. Das obere Ende der inneren Säule trägt die horizontale Achse eines drehbaren verticalenKreises; außerdem ist aber ein gleich großer concentrischer Kreis fest mit ihr verbunden, so daß man an einer auf einem der beiden Kreise ausgeführten Theilung mittels des am anderen befindlichen Verniers auch die Größe dieser Drehung messen kann. Die Achse des beweglichen Verticalkreises trägt ein Fernrohr, welches sich mit dem Kreise zugleich dreht u. das man so einstellt, daß das zu beobachtende Gestirn in der Mitte des Fadenkreuzes erscheint. Hieraus liest man an den Verniers die Höhe u. das Azi- muth ab. Früher waren die Quadranten, bes. die Mauerquadranten, die wichtigsten Höhenmeßwerkzeuge des praktischen Astronomen. Specht.' Hohenleuben (Markt-H.), Marktflecken im Landrathsamt Gera oder dem Unterländischen Bez. des Fürstenthums Reuß j. L., an der Leuba, Schloß, Rettungshaus, Strumpfwaarenfabrikation, Wollen-, Leinen- u. Baumwollenweberei, besuchte Märkte; 2456 Ew. In der Nähe das fürstliche schloß Reichenfels. Hohenlimburg, so v. w. Limburg. Hohenlinden, Kirchdorf im Bez.-Amt Ebersberg des bayer. Regbez. Oberbayern, Flachsbau; 900 Ew. Hier im Französischen Nevolutionskrieg am 20. Oct. 1800 Waffenstillstand zwischen Österreich und Frankreich und 3. Dec. 1800 Sieg der Franzosen unter Moreau über die Österreicher u. Bayern unter Erzherzog Johann. Hohenlohe, sonst Grafschaft, später Fürsteu- thum im Fränkischen Kreise; 1802: 935HjIcw (17 IIW) mit 60,000 Ew.; 1805: 1761 Uslrw (32 (UM) mit 108,000 Ew.; wurde durch die Rheinbundsacte mediatisirt und ist jetzt größten- cheils zu Württemberg (wo das Haus H. das Erbmarschallsamt erhalten hat), kleineren Theils zu Bayern geschlagen. Hohenlohe, altes Geschlecht, welches seinen Ursprung von Eberhard, Herzog von Franken, Bruder des deutschen Königs Konrad I. ableitet; es besaß in grauer Vorzeit das Stammschloß H. und Güter in dem fränkischen Kocher«, Jagst-, Tauber- n. Gollachgau. Durch die Söhne des Grafen Gottfried von H., des Vertrauten Kaiser Heinrichs VI., theilte sich das Haus in zwei Linien: H.-Brauneck u. H.-Hohenlohe, erstere erlosch 1390, und auch von der 1340 wieder getheilten zweiten Linie erlosch der Zweig H.-H. 1412, und es blieb nur der Zweig H.-Sp eck selb, dessen Haupt Georg 1510 ein Familienstatut zur Erhaltung des Familienbesitzes errichtete und dessen Söhne Ludwig Kasimir und Eberhard die beiden noch blühenden Linien H.-Ne uenstein u. H.-Waldenburg stifteten. Die Neuen- steinische Hauptlinie ist lutherisch, Li« Regierenden, nebst dem Erbprinzen, wurden 1631 zu Grafen von Gleichen und 1764 zu Reichsfürsten erhoben und die Linie theilt sich jetzt, nachdem die ältere Linie H.-Ne uenstein in, den Zweigen H.-Weikersheim 1756 und H.-Öhr- Hohenlohe. 381 ingen 1805 ausgestorben ist: in a. H.-Langen- burg, wozu ein Theil des Fürstenthums H. n. die obere Grafschaft Gleichen im Sachsen-Koburg- Gothaschen in ungetheilter Gemeinschaft mit H>- Kirchberg kam; Residenz: Langenburg; jetziger Chef ist: 1) Fürst Hermann, Sohn des am 12. April 1860 verstorbenen Fürsten Ernst, geb. 31. Aug. 1832, prenß. Generallieutenant, Mitglied des Reichstages, folgte unter Verzichtleistung seines älteren Bruders Karl, 1860 seinem Vater als Chef der Linie; vermählt feit 1862 mit Leopoldine geb. Markgräfin von Baden; Erbprinz Ernst ist 13. Sept. 1863 geboren, b. H.-Öhringen (sonst H.-Jngelfingen), besitzt einen großen Theil des Fürstenthnms H., die Majoratsgüter Slawentzitz, Birava, Lassowitz, Lascowitz, Saussenberg, Byt- kow, Ujest, Bitschin und Wienskowitz in Oberschlesien, und Oppurg, Kolba und Positz in Sachsen; Residenz Ohringen und Slawentzitz; jetziger Thef ist: 2) Fürst Hugo, Sohn des 1853 verstorbenen Fürsten August, geb. zu Stuttgart 27. Mai 1816; seit 1861 Herzog von Ujest, und seit 1854 erbl. Mitglied des prenß. Herrenhauses: 1842 trat ihm sein älterer Bruder Friedrich das Recht der Erstgeburt und 1. Januar 1849 sein Vater den Besitz ab; er ist württemb. Generalmajor, prenß. General der Infanterie und erbl. Mitglied des prenß. Herrenhauses und seit 1847 vermählt mit Pauline, Tochter des Fürsten Karl Egon von Fürstenberg; Erbprinz Christian Kraft ist geb. 21. März 1848. 3) Prinz Adolf zu H.-Jngelsingen, Oheim des Vorigen, geb. 29. Jan. 1797; er war Mitglied des prenß. Staat^aths u. Marschall des schlesischen Provinziallandtages, auch 1850 Mitglied des Volkshauses beim Erfurter Parlament, seit 1854 des prenß. Herrenhauses, Präsident desselben und 18. März bis 23. L>ept. 1862 Ministerpräsident, st. zu Koschentin 24. April 1873. Diese beiden Linien besitzen auch gemeinschaftlich die Herrschaft Ohrdrufs im Gothaschen; o. H.-Kirchberg, dazu die Ämter Kirchberg, Döttingen und Künzelsau nebst der Hälfte der Grafschaft Gleichen; Residenz: Kirchberg; letzter Chef war Fürst Karl, Sohn des 1791 verstorbenen Prinzen Friedrich Karl Ludwig, geb. 2. Nov. 1780, folgte seinem Vetter Ludwig 1836 u. st. 16. Dec. 1861, ohne Kinder zu hinterlasscn. L. die Linie H.-Waldenburg ist katholisch und wurde 1744 in den Reichssürstenstaud erhoben; sie theilt sich in: a. H.-Bartenstein, besitzt die Ämter Bartenstein, Pfedelbach, Meinhardt und Eindringen, Residenz: Bartenstein; erloschen im Mannsstamm mit Fürst Karl August, geb. 1788, st. 1844; worauf die Besitzungen an Fürst Ludwig von H.-Bartenstein-Jagstberg fielen. Nach dessen Tode 1850 theilte sich die Linie durch seine zwei Söhne in an) H.-Bartenstein; jetziger Chef ist Fürst Karl, geb. 2. Juli 1837; bb. H.-Jagst- berg; diese Linie besitzt seit 1803 statt des Amtes Oberbronn, die vormaligen wllrzburgischen Oberämter Jagstberg, Haltenbergstetten, Laudenbach, Braunsbach und den Würzburger Antheil an Neukirchen und Vorbachznnmern, zusammen 3 HW; Residenz: Haltenbcrgstetten; jetziger Chef ist: Fürst Albert, jüngerer Sohn von Fürst Ludwig, geb. 22.Nov. 1842. k>. H.-Waldenburg-Schillings- fürst, dazu gehören die württembergischen Ämter Waldenburg, Kupferzell, Adolzfurt, Orthal u. die bayerische Herrschaft Schillingsfürst; 4 UM., 15,150 Ew.; Residenz: Knpferzell bei dem alten Stammschloß Waldenburg; jetziger Chef ist: 4) Fürst Friedrich Karl, Sohn des am 15. Juni 1843 als Senior des Hohenloheschen Fürstenhauses verstorbenen Fürsten Karl Albrecht, dem er bereits 1839 infolge väterlicher Cession succedirt war; er ist geb. zu Stuttgart 5 Mai 1814, russischer General und Flügeladjutant des Kaisers; vermählt seit 1840 mit Therese, Tochter des Fürsten Philipp Ernst, von H.-Schillingsfürst; sein ältester Sohn ist Erbprinz Nikolaus, geb. 8. Sept. 1841. Sein Oheim war Prinz Alexander (s. u. 8). In der Herrschaft H. - Waldenburg- Schillingsfürstin Bayern, welche Fürst Franz Joseph durch Abtretung seines Bruders Karl Albrecht erhielt, folgte nach dessen Tode 1841, sein dritter Sohn Philipp Ernst, geb. 24. Mai 1820, nachdem seine älteren Brüder Victor und Chlodwig refignirt hatten, s. u. Ratibor. Nach Philipp Ernsts Tode (3. Mai 1845) folgte ihm, vermöge Vertrags vom 15. October 1845, im Februar 1846 sein jüngster Bruder 5) Fürst Chlodwig, geb. 31. März 1819; seit 1847 vermählt mit Marie, Tochter des Fürsten Ludwig von Sayn-Wittgenstein - Berleburg (geb. 1829). Er und sein älterer Bruder Victor erbten von dem letzten Landgrafen Victor Amadeus von Hessen- Rheinsels-Rothenbnrg 1834 das Herzogthum Ratibor, das Fürstenthum Korvey. Victor wurde 1840 vom König von Preußen zum Herzog von Ratibor, Choldwig zum Prinzen von Ratibor u. Korvey ernannt. Als bayer. Reichsrath wirkte er seit 1849 für Reform der deutschen Bundesverfassung, verlangte nach dem Kriege von 1866 Anlehnung an Preußen und befürwortete bei dem König ein Verfassnngsbündniß mit Preußen. Da sich dies als unausführbar erwies, hielt er in seinem Programm vom Dec. wenigstens an einer Allianz der süddeutschen Staaten mit Preußen unter dessen Kriegsführung fest und wurde ans Grund desselben 31. Dec. 1866 zum Minister deS königl. Hauses und des Auswärtigen ernannt. Auf der Stuttgarter Conferenz im October 1867 wirkte er für Einführung der allg. Wehrpflicht in den süddeutschen Staaten und zu gleicher Zeit auch für die Zolleinigung mit NorLdeutschland. Er wurde 1868 erster Vicepräsident des Zollparlaments. Infolge des Wahlsieges der klerikalpatriotischen Partei 1869 gab er 26. Nov. seine Entlassung als Minister, zog sie aber auf Wunsch des Königs zurück. Seine Stellung wurde jedoch so schwierig, daß er nach dem Mißtrauensvotum der Kammer vom 12. Febr. 1870 wirklich zurllck- trat. Im Deutschen Reichstag war er von 1871 bis 1874 erster Vicepräsident; 23. Mai 1874 wurde er als Botschafter des Deutschen Reiches in Frankreich accreditirt. Sein älterer Sohn ist Philipp Ernst, geb. 5. Juni 1853. Bis 1803 hatten die Fürsten H. sechs Stimmen im Fränkischen Grafencollegium und kamen in diesem Jahre aus die Fürstenbank. Zwar bot Napoleon dem Fürsten von H.-Bartenstein an, wenn er dem Rheinbund beiträte, sein Land als Souverain zu behalten. 382 Hohenmauth — dieser schlug es aber aus u. die H. wurden 1806 mediatisirt. Von diesen Grafen und Fürsten sind noch besonders merkwürdig: 6) Friedrich Ludwig, Fürst von H.-Jngelfingen, geb. 3. Jan. 1746 in Jngelfingen, machte im Alter von 15 Jahren feinenersten Feldzug mit der Reichs' armee gegen Friedrich II., trat 1766 in preuß. Dienste, zeichnete sich, seit 1775 Oberstlieuteuaut, im Bayer. Erbfolgekriege am 8. Sept. 1778 bei Leopold aus, so daß er Oberst wurde. Im Feldzuge gegen die Franzosen führte er als General- lieutenant eine preußische Division, mit der er sich 1793 bei Oppenheim, Pirmasens, bei Wegnahme der Weißenburger Linien und bei Kaiserslautern auszeichnete, und 1796 den Neutralitätscordon an der Ems. In diesem Jahre folgte er seinem Vater in Jngelfingen. 1800 wurde er General der Infanterie, 1804 preußischer Gouverneur der fränkischen Fürstenthümer und Generalinspector der Breslauer Jnspection, befehligte 1805 und 1806 die schlesischen und südpreußischen Truppen, mit den Sachsen zu einem Corps vereint, aber mit denselben und dem Rüchelschen Corps bei Jena geschlagen, führte er, an Stelle des bei Auerstädt gefallenen Herzogs von Braunschweig mit dem Oberbefehl betraut, sein Corps und die in Magdeburg gesammelten Reste der Hauptarmee nach der Oder zurück und capitulirte bei Prenzlau 28. Oct. mit 17,000 Mann an Murat. H. legte, da ihm seine Rechtfertigung nicht gelang, nun seine Stelle nieder und lebte, da er schon im August 1806 die Regierung seines 1806 mediati- firten FürstenthumZ seinem Sohne abgetreten hatte, aus seinem Gute Slawentzitz bei Kosel in Schlesien. Die Franzosen nöthigten ihn, seinen Aufenthalt in Frankreich zu nehmen, jedoch kehrte er von da 1808 nach Schlesien zurück, erhielt im Kriege 1813—15 keine Anstellung u. st. 15. Febr. 1818 zuSlawentzitz. 7)LudwigÄloy s Joachim, Fürst von H.-Bartenstein, geb. 18. Aug. 1765, trat 1792 als Oberst in die sranz. Emigrantenarmee u. warb für dieselbe ein Regiment, focht mit demselben im Revolutionskriege, besonders beim Sturm aus die Weißenburger Linien; daun in Holländische Dienste getreten, machte H. mit seinem Regiment, 1794 fast umzüngelt, einen meisterhaften Rückzug von der Insel Bommel hinter die Waal, trat nun 1795 in österreichische Dienste u. machte die Feldzüge 1796—1798 als Oberst, 1799 als Generalmajor unter dem Erzherzog Karl mit. 1806 wurde er Feldmarschalllieutenant und 1807 Gouverneur in Galizien. 1814 befehligte er eine österreichische Heeresabtheilung bei Troyes, wo er zuerst die weiße Fahne aufstecken ließ. 1815 trat er wieder in französische Dienste, Ludwig XVIII. ertheilte ihm die alte Anciennetät wieder u. gab ihm das Schloß Luneville zum Aufenthalt. Später wurde er naturalisirt u. Marschall u. Pair von Frankreich; er errichtete ein Fremdenregiment für Frankreich, befehligte im Kriege mit Spanien 1823 das dritte Corps u. st. 31. Mai 1829 in Luneville. 8) Leopold Alexander, Prinz von H. - W ald e nb nr g -S ch i l l in g s f ür st, genannt den Wnuderthäter, geb. 17. Aug. 1794 in Kupferzell, das 18. Kind aus der Ehe des ge- müthskranken Erbprinzen Karl Albrecht. Durch Höhcmnessung. den Jesuiten Riehl erzogen, kam er nach Wien, wählte, ungeachtet seine Linie in Gefahr stand, aus- znsterben, den geistlichen Stand, studirte in den Seminaren zu Wien u. Tyrnau u. auf der Universität Ellwaugen, wurde Canonicus im Stifte zu Olmütz u. 1815 in Bayern Subdiaconus und Priester, ging 1816 nach Rom n. ward von den Jesuiten auf dem Llonts Oavallo aufgenommen, lebte mit ihnen in geistlichen Übungen u. erhielt die päpstliche (seitdem dreimal erneuerte) Vollmacht, Rosenkränze, Crucifixe rc. zu weihen. 1817 kehrte er nach München zurück, von da nach Bamberg, wo er seit 1816 Rath beim Domcapitel war. Von den Freisinnigen als Obscurant gehaßt, wurde er dagegen vom Volke wegen seiner außerordentlichen Predigtgabe und seiner Sanftmuth sehr gepriesen. In Bekehrungsversuche verwickelt, versuchte er sich durch eine eigene Schrift zu rechtfertigen. 182g trat er mit Martin Michel, einem Bauer zu Un< terwittighausen im Badischen, später allein, bes. in Franken, mit Wundercurversuchen auf, wurde aber von Rom ans an den Beschluß des Trideutiner Concils erinnert, daß Wunder ohne Prüfung des Bischofs nicht zugelassen werden sollten. Darauf hin erklärte H. seine Wunderkraft für erschöpft u. reiste nach Wien und Ungarn, wo er Großprobst und Domherr in Großwardein und Abt von St. Michael von Gaborjan, auch Bischof von Sardica in part., Assessor der Comitate Bihar, Borsod und Arad wurde, fortwährend zu einer bestimmten Stunde für die Hilfe suchenden Kranken betete und sie auffordsrte, ihr Gebet mit dem feurigen zu vereinen. Er st. 14. Nov. 1849 in Vöslan bei Wien. Über die Wundercureu des Fürsten H. erschienen eine Menge Schriften. Er selbst schrieb verschiedene Predigt- u. Erbauungsbllcher. U) Prinz Gustav Adolf, Bruder von H. 5), geb. 26. Febr. 1823 in Schillingsfürst und seit i.866 Cardinal. Nachdem 1870 der Kirchenstaat mit der Besetzung Roms durch die königlichen Truppen vollends an das Königreich Italien an- nectirt worden war, verließ H., mit päpstlicher Genehmigung, Rom und lebte seitdem in Deutschland. Im April 1872 hatte ihn der deutsche Kaiser zu seinem Botschafter am päpstlichen Hofe ausersehen, aber der Papst nahm ihn nicht an. Der Cardinal, seit 1876 wieder in Rom, zählt zu den Gegnern der an der Curie herrschenden Partei und halte während des vaticanischen Concils, dem er übrigens nicht opponirte, den nachmaligen altkatholischen Priester, Prof. Friedrich aus München, als theologischen Beirath bei sich. Henne-Am Rhyn.' Hohenmauth (Myto Vysoke), Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. böhm. Bez. (Oesterreich), an der Lautschna, Station der Österreich. Staatsbahn, mit 3 Vorstädten; schöne alterthümliche Dechanteikirche; Tuchmacherei, Gerberei, Zucker« fabrik, Bierbrauerei, Getreide- u. Sägemühlen rc., Landwirthschaft; 6018 Ew. Höhenmessung (Hypsometrie), beschäftigt sich mit der Bestimmung Ler gegenseitigen Höhenlage von Punkten an der Erdoberfläche. Unter der absoluten Höhe eines Punktes versteht man seine Entfernung von der idealen Meeresfläche, welche man sich auch unter den Continenten fortgesetzt denkt. Man hat drei verschiedene Methoden der 383 ^ Hohenmölsen - ' H.i g.) Die genaueste Methode, das Nivellement, ist im Princip sehr einfach: Man bestimmt den Höhenunterschied zweier nahe gelegener Punkte, mdem man auf beiden einen getheilten Maßstab ! (Nivellirlatte) vertical aufstellt und von einem i dritten Punkte auS mit einem Fernrohr, dessen ' Absehlinie durch eine Libelle horizontal eingestellt wird (Nivellirinstrunient), nach den Latten visirt. Die Differenz der erhaltenen Lattenablesungen stellt sofort den Höhenunterschied beider Punkte dar. Durch Wiederholung der ganzen Operation kann man den Höhenunterschied zweier beliebig entlegener Punkte bestimmen. Der mittlere zn fürchtende Gesammtfehler eines solchen Nivellementszuges wächst nicht in einfachem Verhältniß mit der Länge des Zuges, sondern nur im Ber- hältniß der Quadratwurzel. Man kann z. B. ein Nivellement von 1 1cm Länge etwa auf 1 mm genau ausführen, folglich ein Nivellement von 1001cm Länge entsprechend diesem Ouadratwurzelgesetz auf 10 mm genau. Die Nivellemsntsresultate liefern natürlich zunächst nur relative Höhen, u. nur wenn man den Meeresspiegel selbst mit in das Nivellement aufnimmt, oder an einem Punkte von bekannter absoluter Höhe anschließt, kann man durch ein Nivellement absolute Höhen gewinnen. Aus verschiedenen Gründen kann man im Innern der Continente u. selbst Europas heutzutage die absoluten Höhen kaum auf 1 m sicher verbürgen, obgleich einzelne Nivellements viel genauer unter sich übereinstimmen, b) Bei der zweiten Methode, der trigonometrischen H., bestimmt man den Höhenunterschied zweier entlegener Punkte auf einmal. Nachdem man die horizontale Entfernung beider Punkte anderweitig, etwa durch Triangulirung, ermittelt hat, mißt man noch in dem einen derselben den Höhenwinkel aus den zweiten, d. h. den Winkel, welchen der Sehstrahl nach dem entfernten Punkte mit ber Horizontebene des Standpunktes bildet. Bei der Berechnung darf man die Erdkrümmung nicht vernachlässigen; dieselbe beträgt auf 1 Icm Entfernung bereits 7,g am u. wächst nahezu mit dem Quadrat der Entfernung. Außerdem hat man bei der trigonometrischen H. zn beachten, daß das Licht in der ungleich dichten Atmosphäre sich nicht geradlinig fortpflanzt, sondern hier die Erscheinung der Strahlenbrechung (Refraktion) zeigt; für kürzere Entfernungen kann man annehmcn, daß die Lichtbahn ein nach unten concaver Kreisbogen ist, dessen Halbmesser etwa 8mal so groß ist als der Erdhalbmesser. Beide Ursachen wirken einander entgegen; infolge der Erdkrümmnng erscheint ein entfernter Punkt zu tief, infolge der Refraction erscheint er zu hoch. Die Refraction hängt von dem Zustande der Atmosphäre ab. Obgleich die theoretische Beziehung zwischen Refraction, Temperatur n. Barometerstand bekannt ist, hat man doch den trigonometrischen H-en bis jetzt noch nicht die Sicherheit der trigonometrischen Horizontalmessungen (wobei die Refraction außer Betracht bleibt) zu geben vermocht, weil der Zustand der Atmosphäre beständigen Schwankungen unterworfen ist. Durch die trigonometrische Methode kann man die Höhen unzugänglicher Punkte messen, was bei keiner anderen Methode der Fall ist. o) Die baro- - Höhenrauch. metrische H. ist zwar die am wenigsten genaue, allein sie ist in der Anwendung sehr einfach und bietet das einzige Mittel, um über die absolute Höhe eines vom Meere entfernten Punktes unabhängig von anderen Operationen einen Aufschluß zn erhalten (S. hierüber den Art. Barometer). Diese Methode wird sehr allgemein angewendet; so ist z. B. Alles, was wir über die Höhenver- hältnisse des Innern von Afrika oder Australien wissen, so gewonnen worden. Wenn man längere Zeit, womöglich ein ganzes Jahr lang, an einem Punkte beobachtet, dabei die regelmäßigen periodischen Schwankungen verfolgt, allgemeine meteorologische Erfahrungen zn Hilfe zieht, so kann man die absolute Höhe eines Punktes in unbekanntem Land vielleicht auf 10—20 in sicher bestimmen. Viel genauer lassen sichrelative Höhenbarometrisch messen; beobachtet man gleichzeitig am Fuße eines Berges u. auf dessen Gipfel, so läßt sich darnach die Höhe auf wenige Meter sicher berechnen. — Eine besondere Art von H., welche ihrer Natur nach zu der barometrischen gehört, ist die thsrmo- metrische. Man weiß, daß die Temperatur des siedenden Wassers von dem Druck der umgebenden Lust abhängt. Unter einem Luftdruck von 760 mm siedet das Wasser bei einer Temperatur von 100 " 0 . (wodurch der Siedepunkt 100" 0 . definirt ist). Wenn der Luftdruck auf 750 mm sinkt, siedet das Wasser bei 99,sg°, will man also aus der Temperatur des siedenden Wassers einen Schluß auf den Luftdruch,machen u. dabei noch Sicherheit von 1 mm haben, so muß man ein Thermometer (Hypsothermometer) haben, welches noch 0,«^ oder Lr" sicher abzulesen gestattet. Schreiber, Handbuch der barometr. Höhenmessungen, Wenn. 1877. Jordan. Hohenmölsen, Stadt im Kreise Weißenfels des preuß. Regbez. Merseburg, unweit der Rippach; besuchte Märkte (Vieh, Butter, Käse u. Böttcher« waaren), Braunkohlengruben; 1875: 2556 Ew. — In der Nähe 15. Oct. 1080 Schlacht zwischen Heinrich IV. u. dem Gegenkaiser Rudolf v. Schwaben, in der Letzterer tödtlich verwundet wurde. Die Schlacht wird auch Schlacht an der Elster oder bei Merseburg genannt. Höhenordnung, das Verhältniß der einzelnen Theile einerSäule nebst Gebälk zum unteren Durchmesser. Hohenpriesterliches Amt Christi, s. u. Jesus Christus. Hohenpriesterliches Gebet, das Gebet Jesu vor dem Beginn seiner Leiden, Joh. 17. Höhenrauch (Haar-, Heide-, Hehr-, Heer-, Land-, Moor-, Sonnenranch), ist ein nebeliges Meteor ohne feuchten Niederschlag, daher auch trockener Nebel genannt. Der Himmel verliert bei dem H. seine reine blaue Farbe u. über dem Horizont erscheint er bis zn einer Höhe von mehreren Graden schmutzig mit einem Stich ins Röthliche. Der Nebel ist oft so dicht, daß inan Gegenstände schon in der Entfernung von Meile verschleiert n. undeutlich sieht u. daß die Sonne beim Untergehen blutroth erscheint, ja sogar ganz verschwindet, ehe sie noch wirklich unter den Horizont hinabgesunken ist. Der H. ist gewöhnlich mit Nordwestwind u. einer sehr großen Trockenheit verbunden. Durch seine große Verbreitung n. die ihn begleitenden Umstände ausgezeichnet ist der H. von 384 Hohenschwangau 1783. Zuerst erschien er 29. Mai in Kopenhagen, von hier verbreitete er sich über ganz Europa bis nach Syrien u. die Nordküste Afrikas. Nachdem er von Mitte bis Ende Juni an allen genannten Orten gleichzeitig, beobachtet worden war, zog er sich wieder zurück u. verschwand 26. Septbr. in Kopenhagen. Wo er einmal vorhanden war, konnte weder Sturm noch Regen ihn vertreiben, n. er war so dicht, daß man durch ihn die Sonne selbst am Mittag kaum sehen konnte. Da gleich' zeitig das große Erdbeben in Calabrien und die heftigsten vulcamschen Eruptionen ans Island stattfanden, so brachten einige Naturforscher, namentlich van Swindcn und Toaldo, diese Erscheinungen mit dem H. von 1783 in Zusammenhang, nicht als ob derselbe in einer weiten Verbreitung von Stoffen, die aus dem Krater stammen, seinen Grund habe, sondern wahrscheinlich waren jene großartigen vulcanischcn Ausbrüche eine theilweise Ursache des H-s wenigstens mittelbar, indem die glühenden Lavaströme eine ungeheure Menge von Vegetabilien verbrannten, wovon der aufsteigende Rauch durch den gerade herrschenden Nordwest in ferne Gegenden verbreitet werden konnte. Eine merkwürdige Erscheinung wurde während des H-cs von 1783 beobachtet. In der Nacht des-20. Juli begann nämlich zu Bramley in Kent der Nebel nach einem heftigen Gewitter so stark zu leuchten, daß man dabei lesen konnte. Eine gleiche Er- scheinung, die 9 aufeinanderfolgende Nächte, vom 18.—26. Nov. 1859 dauerte, berichtete Wartman in Gens. Die Entstehung des H-s erklärt sich folgendermaßen: In Holland u. Nordwestdeutschland Pflegt man im Mai, wenn man anders von trockenem Wetter u. trockenem Boden begünstigt ist, das Moorland anzubrennen, um es zum Ackerbau tauglich zu machen. Der sich hierbei entwickelnde Rauch, der sich in der trockenen Atmosphäre lange schwebend erhält u., falls der Wind aus Nord oder Nordwest weht, in die südlicher u. westlicher gelegenen Gegenden verbreitet, ist der H. Das Herrschen der Nordwinde u. die Trockenheit sind daher nicht Wirkungen des H-s, sondern Bedingungen für denselben; er vermehrt die schon existirende Trockenheit dadurch, daß die in der Atmosphäre schwebenden Kohlentyeilchen einen Theil der Feuchtigkeit der Lust absorbiren. Specht.» Hohenschwangau, königl. Lustschloß im Bez.- Amt Füssen des bayer. Regbez. L-chwaben und Neuburg, zur Gemeinde Schwangau gehörig, 3 üm südöstlich von Füssen, Lieblingsaufenthalt des Königs Ludwig II. Das Schloß hieß ursprünglich Schwanstein u. kam 1832 in Besitz des damaligen Kronprinzen Maximilian, welcher es durch Dom. Quaglio in mittelalterlichem Stile wiederherstellen ließ u. es oft bewohnte. Es liegt ans einem Marmorfelsen in prächtiger Wald- u. Gebirgsgegend und enthält in seinem Innern viel- prachtvolle Säle (Schwanritter-, Helden-, Hohcn- stausensaal rc.), welche mit herrlichen Fresken u. enkaustischen Wandgemälden der hervorragendsten Künstler geschmückt sind. Das Geschlecht der Schwangauer, welches urkundlich im 12. Jahrh. vorkommt und dem die damals schon vorhandene Burg gehörte, starb im 16. Jahrh. aus. Die Herrschaft kam 1534 an die Familie von Paum- — Hohenstaufen. garten, welche 1538—47 an der Stelle der alten Burg ein neues Schloß errichten ließ, es mit der Herrschaft aber 1561 verpfändete. 1567 kaufte der Herzog von Bayern dieselbe, und meist hatte ein apanagirter Prinz die Nutznießung. V,p 1715 an diente das Schloß als Sitz eines Pflegamtes, welches 1804 dem Landgericht Schongaii einverleibt wurde. 1820 sollte das Schloß abgebrochen werden u. war bereits an eine» Bauer verkauft, von dem es erst der Fürst v. Öttingen. Wallerstein und dann der Ingenieur Sommer kaufte, welcher es später dem damaligen Kronprinzen und nachherigem König Maximilian II. von Bayern verkaufte. Auf dem Schlöffe H. sagte Konradin beim Antritt seines Zuges nach Italien seiner Mutter Lebewohl; hier soll Luther nach seiner Unterredung mit Cajetan in Augsburg 1518 eine Zufluchtsstätte gefunden haben; im Schmalkal- dischen Kriege setzte sich Schärtlin von BurtenbaH u. später Moritz von Sachsen auf H. fest. In der Nähe der Alp- u. Schwansee, der Wasserfall der Pöllat u. die Marienbrücke. Vgl. Hormayr, Die goldene Chronik von H., Münch. 1842. H.Beriij. Hohenstadt (mähr. Habrzeh), Stadt.u. Haupt- ort im gleichnam. mährischen Bezirk (Österreich), au der Sazawa; Station der Mähr. Grenz- n. der Österr. Staatsbahn (nördl. Linie); slirjil. Liechtensteinsches Schloß, Armenhaus; Fabrikation von Leinen- u. Baumwollenwaaren, Türkischroth- färberei; 2570 Ew., davon 1586 im Orte. Hohenstaufen, Kirchdorf im Oberamte Göppingen des Württemberg. Donaukreises; Viehzucht, Käfebereitung, bedeutende Viehmärkte; 1250 Elv. — Auf dem nahen, 683 m hohen, gleichnamigen Bergkegel (Hoher Staufsen) lag einst die Stammburg des Kaiserhauses H., welche im 11. Jahrh. von Friedrich von Büren, dem urkundlichen Stammvater des Hohenstaufenschen Hauses, an Stelle einer älteren Burg erbaut wurde. Die Burg kam nach dem Fall des Hauses H. an Österreich, wurde vom Herzog Albrecht 1370 an die Herren von Ricchheim verpfändet u. 1371 von diesen an die Grafen von Württemberg verkanst. Die Burg wurde 1525 im Bauernkriege zerstört, und es sind kaum noch wenige Mauerreste übrig. Am Fuß des Schloßberges liegr die kleine Kirche des Dorfes H., durch deren niedrige, dem Schlosse zugewendete Seitenpforte Kaiser Friedrich I. täglich zur Messe schritt. Noch trägt die (jetzt zugemauerte) Thür die Worte: Um tranaidat 6aesar (Larbaronna), amor bonorum, bsrror maloruw, nebst einigen auf den Kirchenbesuch des Kaisers Bezug habenden Reimen. Vgl. die auf die Burg H. bezüglichen Schriften von Keller, Göppingen 1860; Pleibel, Tübingen 1861; Kaiser, Gmünd 1875. H- Berns. Hohenstaufen, urkundlich richtiger: dieStaufer, deutsches Kaisergeschlecht, welches aus Schwaben stammte; als Stammvater wird Friedrich um 988 genannt; Heinrich soll unter Kaiser Heinrich III. schon eine eigene Kanzlei in Waldhausen besessen haben; dessen Sohn Friedrich von Büren (einem Dorfe bei der Burg Staufen) ist der erste völlig erwiesene, er lebte um 1056, zog sich auf den Staufen u. zeugte mit Hildegard außer anderen Söhnen Friedrich (s. d. 52) von Staufen, der 385 Hohenstein - ! wegen seiner Tapferkeit vom Kaiser Heinrich IV., weichem er treu gegen Rudolf von Schwaben beigestanden u. für welchen er in mehreren Schlachten tapfer gefochten hatte, dessen Tochter Agnes zur Gemahlin u. das Herzogthum Schwaben erhielt; sein älterer Sohn, Friedrich (s. d. 53) der Einäugige, folgte ihm (1105) in Schwaben, während der jüngere, Konrad, 1112 vom Kaiser Heinrich V. das Herzogthum Franken erhielt. Nach dem Tode Heinrichs V. hatten Beide Hoffnung, die Kaiserkrone zu erhalten, aber der Erz- ! bischof Adalbert von Mainz u. der Legat Gerhard ! leiteten die Wahl auf Lothar, Herzog von Sachsen, u. ein Krieg entspann sich nun mit diesem n. den Staufern, welchen erst der Friede zu Mühlhausen 1135 endigte. Konrad entsagte dem Titel als König von Italien, welchen er seit 1128 geführt hatte, u. erhielt wie sein Bruder sein Hcrzogthnm zurück. Nach Lothars Tode 1137 wurde Konrad als Konrad III. zum deutschen König gewählt; aus dieser Wahl aber entwickelte sich die Feindschaft zwischen den Ghibellinen, den Anhänger» der Staufer, und den Welfen, den Anhängern Heinrichs des Stolzen, welcher ebenfalls Kaiser werden wollte. Der Sohn des Kaisers Konrad III., Friedrich von Rothenburg, erhielt nach dessen Tode (1151), da er erst 7 Jahrs alt war, die Kaiserkrone nicht, vielmehr wurde sie Konrads Bruder, Friedrich I. (s. d. 1) dem Rothbart, zu Theil, welcher dagegen seinem Neffen Las Herzogthum Schwaben gab; seine Nachfolger als deutsche Kaiser waren seine Söhne Heinrich VI. (s. d.), welcher zugleich das Reich der Normannen in Unteritalien erbte u. in Besitz nahm, u. Philipp, u. nach dessen Ermordung durch Otto v. Wittelsbach der Sohn Heinrichs VI., Friedrich II., welcher den welfischen Gegenkaiser Otto IV. von Braunschweig bezwang; dessen Sohn Konrad IV., welcher die Kaiserkrone mit Übergehung seines Bruders, des bereits erwählten römischen Königs Heinrich (welcher, da er sich gegen den Vater empört hatte, im Gefängniß starb), erhalten hatte, st. 1254 in Italien. Friedrichs II. unehelicher Sohn Manfred bemächtigte sich nach Konrads IV. Tode der Krone von Sicilien, wurde jedoch durch Karl von Anjou, welchem der Papst dieses Reich 1266 geschenkt hatte, daraus vertrieben und fiel 26. Febr. 1266 bei Benevent. Karls ungerechte Regierung erregte den allgenreinen Haß, man ries Konradin, den einzigen Sohn Konrads IV., herbei. Dieser schlug zwar Karl von Anjou, wurde aber 1268 gesaugeu u. 29. Oct. in Neapel hingerichtet. So erlosch der echte Mannsstamm der Staufer; Manfreds Söhne, Friedrich, Heinrich u. Anselm, starben im Kerker, ebenso Enzio, Manfreds Bruder, zu Bologna. Die Tochter Friedrichs II., Margarethe, war die Gemahlin des Landgrasen Albrecht des Unartigen von Thüringen, wodurch der Haß der Welfen auch auf das Haus Thüringen überging; Manfreds Tochter, Constanze, heirathete den König Peter von Aragon. Die Allodialbefitzungen der Staufer kamen nach Erlöschen des Hauses theils an Bayern, theils an Baden n. Württemberg, die Herzogthllmer Franken u. Schwaben gingen ein. Vgl. Deutschland (Gesch.), Schwaben (Gesch.), Sicilien (Gesch.); Piereis Lmverlal-CoiiverlatioiiL-rcriloii. 6. Ausl. X. - Hohenthal. Raumer, Gesch. derH. u. ihrerZeit, Lpz. 1823—25, 6 Bde., 4. A. 1871. Henne-Am Rhyn.» Hohenstein, 1) Stadt im Kreise Osterode des preuß. Regbez. Königsberg, am Amelang u. Mispel- See; 1312 erbautes Schloß, Gymnasium, freund- licheAnlagen,Wollenweberei; (1875) 2644Ew. Die Stadt ist 1333 (1337) angelegt. 2) Fabrikstadt in der gräflich Schönburgischeu Receßherrschaft der königl. sächs. Kreishauptmanuschaft Zwickau, auf dem Abhänge des Pfaffenberges (weite Aussicht), Station (H.-Ernstthal) der Sächs. Staatsbahnen, mit Ernstthal (s. d.) zusammengebant; starke Baumwollenweberei u.-Spinnerei, Fabrikation von Wachstuch, von Wollen-, Seiden- und Strumpf- waaren, Kattundruckerei, Bleichen; (1875) 5726 Ew. H. ist Geburtsort des Naturforschers G.H. von Schüben u. des Erfinders des Pianofortes, Schröder. In der Nähe das seit 1766 bekannte und seit 1830 mit Badehans, Trinkhalle rc. versehene sehr besuchte H-er Bad, ein eisenhaltiges Mineralbad, mit welchem auch Moor-, Dampf- u. Douchebäder nebst einer Molken- und Kaltwasserheilanstalt verbunden sind. Vgl. Beckert, Das Bad H., Lpz. 1843. S- Berns. Hohenstein, ein gräfliches Geschlecht, welches die aus der, 1835 geschlossenen morganatischen Ehe des Herzogs Alexander von Wllrtemberg (geb. 9. Sept. 1804) mit Claudine Gräfin von H., geb. Gräfin Rhedey von Kiß-Rhede (st. 1841), entsprossenen Kinder umfaßt, nämlich Claudine (geb. 1836), Franz (geb. 27. Aug. 1837, seit 1863 zum FürstenvonTeck erhoben) u. Amalie (geb. 1838). Hohenshbnrg, s. u. Syburg. Hohenthal, Adelsfamilie in Sachsen, welche ursprünglich aus Tirol stammt, aber wegen ihres Übertritts zur Protestantischen Kirche von dort zur Zeit der Reformation fliehen mußte, nachmals ihre Besitzungen verlor, dem Adel entsagte u. unbekannt längere Zeit in Sachsen lebte. Erst gegen Ende des 17. Jahrh. ließ der Stammvater des jetzigen gräflichen Hauses v. H., Peter Hohmann, der, geb. 26. Juli 1663 zu Könnern im Saalkreise, als Leipziger Kauf- u. Handelsherr in hohem Ansehen stand u. sich ein bedeutendes Vermögen, sowie Grundbesitz erworben hatte, sich das Adelsdiplom vom Kaiser Karl VI. erneuern u. erhielt als Edler Panner von Hohenthal, Herr auf Hohenprießnitz, Crostewitz, Groß- u. Klein-Städ- teln, Delitzsch, Göhren, Cröbern, Wallendors, Groß- u. Propst-Deuben u. Möckern 2. März 1717 vom selben Kaiser wegen seiner vielen Verdienste die Reichsritterwürde. Er st. 2. Jan. 1732 in Leipzig, wo er Hohmanns Hof n. Hohenthals Haus gründete. Seine 3 jüngeren Söhne wurden 2. Nov. 1733 in des heil. röm. Reichs Pauier-Frei- herrnstand, die 3 älteren 22. Sept. 1736 zu Neichs- Panier-Freiherren u. 7. Aug. 1790 wurden 5 Freiherren von H. im kursächs. Neichsvicariat in den Reichsgrafenstand erhoben. Gras Karl Adolf, Herr auf Knauthain, Knautnaundorf und Lauer, wirkl. Geh. Rath des Königreichs wachsen, Mitglied der Ersten Kammer und Vorsitzender Stand des Leipziger Kreises, geb. 27. Nov. 1811, erhielt für seine Desceudenten aus der Ehe mit der Gräfin von Bergen, Wittwe des Knrsürsten Wilhelm II. von Hessen (s. a. Berlepsch 4) das Recht, ä. ü. W-md. 25 386 Hohentwiel — Hohenzollern. 15. Dec. 1854, den Namen Grafen u. Gräfinnen v. H. u. Bergen anzunehmen u. das Bergensche Wappen mit dem Hohenthalschen zu vereinen. Das Geschlecht zählte mehrere hohe Staatsmänner unter seinen Gliedern u. erwarb bedeutende Besitzungen inPrenßen (Prov. Sachsen), Großherzogth. Sachsen-Weimar u. Königreich Sachsen. Lagai. Hohentwiel, Domäne ans einem allein stehenden, 692 rn hohen Kegelberge des Randen, zum Oberamte Tuttlingen, Württemberg. Schwarzwaldkreis, gehörig, eine Enclave in Baden, mit Überresten einer ehemals wichtigen Bergsestung u. mit herrlicher Aussicht ans die Alpen u. den Bodensee. Die Veste soll schon vom Kaiser Maximin im 3. Jahrh. gegründet sein. Hier lebte um 980 die gelehrte Herzogin Hadwig von Alemannien (vgl. Victor Schessels Ekkehard) und hier saß im Exil Herzog Ulrich von Württemberg, der im Jahre 1521 Liese Veste von einer Wittwe von Klingenberg kaufte. Im Dreißigjährigen Kriege wurde sie vom Oberst Wiederhold ruhmvoll vertheidigt n. 1800 von den Franzosen geschleift. Sie diente auch längere Zeit als Staatsgesängniß; u. A. saß hier I. I. Moser 5 Jahre lang gefangen. Vgl. von Martens, Gesch. von H., Stnttg. 1857. H-Berns. Hohenwart zu Gerlachstein, Rabensperg u. Raunach, ein uraltes, ursprünglich aus Bayern stammendes Geschlecht, welches zu Anfang des 13. Jahrh. in die Herzogthümer Kärnthen u. Krain übersiedelte, seit dem 14. Jahrh. das Erblandtruchsessenamt in Krain u. der Wendischen Mark besitzt und 1767 in den Grafenstand erhoben wurde. 1) Graf Sigismund Anton, Fürst zu Gerlachsstein, geb. 1730 in Gerlachsstein; wurde Jesuit, studirte in Gräz und ward Lehrer der Universalgeschichte am Theresianum in Wien u. Religionsund Geschichtslehrer der 4 ältesten Prinzen des Großherzogs Leopold von Toscana in Florenz. Als dieser Kaiser wurde, kehrte H. nach Wien zurück, wurde 1803 Erzbischof von Wien und Fürst von Gerlachsstein, erhielt später den Vorsitz bei der Hoscommission in deutschen Schulsachen u. st. 1820. 2) Graf Karl Sigmund, zweiter Sohn des jetzigen Chefs des Hauses, des Grafen Andreas, geb. 12. Febr. 1824, Besitzer der Herrschaft Raunach, Erblandtruchseß in Krain u. der Windischen Mark; studirte die Rechte, trat in den Staatsdienst u. war nach einander Comitatsvorstand in Fiume, Landeschef in Kärnthen, Statthalter in Oberösterreich und 4. Febr. 1871 Präsident des Minister- rathes, dem Habietinek, Schasste, Jirecek, v. Holz- gethan u. Scholl angehörten u. als dessen Seele Schasste galt. Indessen schon 26. Oct. gab H., da seine Ausgleichsplane mit Böhmen zu den für Österreich unannehmbaren Fundamentalartikeln der Böhmen sühnen, seine Entlassung, die ihm 30. Oct. wurde. H. ist seitdem im österr. Reichs- rathe Führer der Rechtspartei. Lagal. Hohenzierih, Dorf im Großherzogth. Mecklenburg-Strelitz; großherzogl. Lustschloß und Park; 370 Ew. Hier starb 19. Juli 1810 die Königin Luise von Preußen. Hohenzollern, altes, festes Bergschloß im ehemaligen Fürstenth. Hohenzollern-Hechingen, 2 üm südl. von der Stadt Hechingen, ans dem 855 m hohen H., die Stammburg des hohenzollernschen Fürstenhauses. Es ist im 8. od. 9. Jahrh. ge- baut, wurde 8. Mai 1423 von 17 vereinigten schwäbischen Reichsstädten erobert u. zerstört, 1451 wieder aufgebaut, 1634 von den Württembergern nach einjähriger Blokade erobert, 1635 von den Bayern genommen u. 1650 von den Kaiserlichen besetzt. Hier wurde 23. Ang. 1851 dem König Friedr. Wilh. IV. von Preußen, als dem neuen Landesherrn, gehuldigt. Das Schloß war bis 1850 Ruine und wurde von da bis 1855 vom König Friedr. Wilh. IV. von Preußen nach dem alten Grundriß wieder aufgebaut. Ein mit Basteien u. Eckthürmchen versehenes Siebeneck krönt mit 15—19 m hohen Mauern den steil abfallenden Felskegel, welcher äußeren Befestigungslinie ^ die Umzüge der Auffahrtsanlagen als Vorwerke ! dienen; innerhalb des Siebenecks erhebt sich das j eigentliche Schloß mit 5 Thürmen, dessen Seitenflügel auf der einen Seite mit der hergestellten katholischen Kapelle, auf der anderen mit einer neuen evangelischen Kirche enden. Von den ö Stockwerken des Schlosses sind die beiden unteren gewölbt u. dienen ausschließlich den Zwecken der Vertheidigung. Im Burggarten eine Erzstatue Friedr. Wilh. IV. 1856 wurde es armirt und erhielt eine preußische Besatzung. Vgl. Graf Still- fried-Alcantara, H., Beschreibung u. Geschichte der Burg H., Nürnb. 1872. H- Berns.' Hohenzollern (Gesch.). Das Haus H. ist eines der ältesten Häuser Deutschlands; sein Ursprung iß urkundlich bis zum 11. Jahrh. nachzuweisen, wo seine Stammväter, reiche Güterbesitzer in Schwaben, Grafen des Gaues waren und die Bnrg H, innehatten; alle früheren Glieder sind ungewiß. Die ersten unter dem Familiennamen anftreten- > den Grafen von Zollern sind Burchard u. Wezel, j die in einem der Parteikämpfe in Heinrichs IV. ^ Jugend 1061 fielen. Graf Adalbert vergällte Güter an das neue Kloster Alpirsbach und wurde dort selbst Mönch ca. 1098. Sein Verwandter Friedrich (gen. Waute) war der erste Klostervogt zu > Alpirsbach u. st. vor 1125. Von seinen Söhnen folgte ihm der älteste, Friedrich, der ebenfalls Klostervogt in Alpirsbach wurde u. ca. 1142 starb. Graf Berthold erwarb sich durch die Dienste, welche er in der Entscheidungsschlacht bei Tübingen zwischen den Gneisen und dem Pfalzgrafen Hugo 1164 Letzterem geleistet hatte, einen Namen, kämpfte 1175 mit Berthold von Zähringen u. st. nach 1188. Ohne einiger Nebenlinien zu gedenken, halten wir uns an den Hauptstamm. Friedrich I., Graf von Zollern, wurde ca. 1192 Burggraf von Nürnberg, dessen Erbin er gehei- rathet, begründete das zollerisch-nürnbergische HauS u. st. ca. 1197. Dessen beiden Söhne Friedrich II. u. Konrad gründeten nach der gewöhnlichen, jedoch nicht unbestrittenen Meinung die beiden Hauptlinien des Hauses H., die Schwäbische, welche im Besitz der Stammgüter blieb, und die Fränkische, aus der später das HauS Brandenburg-Preußen hervorging. > I. Die jüngere Fränkische oder Burggräs- ! lich-Nllrnbergische Linie wurde nach der gewöhnlichen Angabe 1200 von Konrad, zweitem Sohne Friedrichs I., gegründet. 1218 wurde er Burggraf in Nürnberg und st. ca. 1230. Kon- Hoheiizollcrn. 387 md II., Burggraf, Feldoberster u. Großhofmeister Kaiser Friedrichs II., st. 1260. Allgemein werden aber Kourad III. und Friedrich III. als Konrads II. Söhne angeführt; Konrad III. st. 1314; Friedrich III. heirathete 1246 Elisabeth, Herzogin von Meran, erbte aus der Hinterlassenschaft des letzten Grafen von Andechs die Burg- grafschaften Bayreuth, Kadolzburg rc. und erhielt vom Kaiser Konrad IV. mehrere Lehen. Zur Wahl des Kaisers Rudolf von Habsburg trug er als treuer Freund viel bei, focht mit ihm gegen Ottokar von Böhmen und erhielt dafür mehrere fränkische Lehen, andere, wie Schwabach u. Cammerstein, kaufte er 12S2 von König Adolf. Er legte den Grund zur Macht der jüngeren Linie H. und st. 1297. Sein zweiter Sohn, Friedrich IV., folgte ihm 1300, da der ältere, Johann I., jung starb. Er that Kaiser Heinrich VII., befand, im Kriege gegen Böhmen, wesentliche Dienste, stand auf Seiten Ludwigs des Bayern gegen Friedrich von Österreich, focht bei Mühldorf, wo sich Friedrich von Österreich einem Lchnsmanne des Burggrafen gefangen gab, erwarb Hof, Wunsiedel, Ansbach rc. und st. 1332. Nun folgten in directer Linie Johann II., st. als Augustinermönch 1357, u.FriedrichV. Letzterer stand bei Kaiser KarlIV. in großer Gunst, welcher ihm mehrere Lehen und dem Sohne Johann seine Tochter Margaretha in die Ehe gab. 16. März 1362 wurde er Neichssürst, 1368 Reichsfeldhanptmann und kaiserl. Vicarius; 1397 dankte er zu Gunsten seiner beiden Söhne ab u. st. 1398 auf der Plassenbnrg, die er sich Vorbehalten hatte. Sein Sohn Friedrich VI. erhielt für seine Tapferkeit und Treue von Kaiser Sigismund, außer seinen fränkischen Besitzungen, das Kurfürstenthum Brandenburg erst pfandweise, dann als wirklicher und erblicher Kurfürst, als solcher Friedrich I.; er st. 1440. Sein älterer Sohn, Johann der Alchymist, erhielt die fränkischen Besitzthümer, sein jüngerer, Friedrich II. mit den eisernen Zähnen, aber die Marken u. die Kur. Nachdem der Elftere 1464 gestorben war, fielen die fränkischen Besitzungen an die Kurlinie. Friedrich II. folgte sein Bruder Albrecht Achilles (st. 1486), ihm succedirte H) in der Kur sein Sohn Johann Cicero; dieser Zweig nahm 1701 die Königswürde von Preußen an, s. u. Brandenburg und Preußen; L) in der Markgrafschaft Ansbach der zweite Sohn, Friedrich der Ältere, dessen Zweig 1791 die seit 1769 vereinigten Länder Ansbach u. Bayreuth an Preußen ab- trat, s. u. Ansbach; 6) in der Markgrafschaft Bayreuth (Knlmbach) folgte der dritte Sohn, Sigismund, welcher 1495 unvermählt st., worauf fein Land dem Bruder Friedrich d. Ä. zufiel. II. Die ältere Schwäbische Linie wurde von Friedrich II. (st. 1218) gegründet. Sein Sohn, Graf Friedrich mit dem Löwen, st. ca. 1251; ihm folgte sein Sohn, Graf Friedrich der Erlauchte, der 1259 das Kloster Stetten gründete, wohin er das Erbbegräbniß verlegte; er spielte eine große Rolle u. erhob sein Haus zu Ansehen; 1288 re- signireud, starb er Mai 1289. Von ihm stammte direct ab Friedrich der Öttinger, der 1402 die Erbtheilnng mit seinem Bruder Eitel Friedrich I. dornahm u. von da an mit ihm in steter Fehde lag. Unter ihm zerrütteten die Finanzen des Hanfes, 1416 kam er in die Acht, wurde 1422 belagert u. sein Schloß H. von den Reichsstädten 8. Mai 1423 zerstört; lange war er in Mömpel- gard gefangen; er st. nach ruhelosem Leben 1443 auf einer Reise nach dem Gelobten Lande; Jo- docus Nikolas, seines 1439 verstorbenen edlen Bruders Eitel Friedrich großer Sohn, baute die zerstörte Burg H. seit 1454 wieder auf, stand als Rath in württemb. Diensten, löste aber sein Land von der neuerlichen Abhängigkeit von Württemberg, schuf die Hohenzollernsche Landesordnung und st. 1488; Eitel Friedrich II., sein erhabener Sohn, war beim Kaiser Maximilian I. Geh. Rath, Oberhofmeister u. Kammerrichter (1495), brachte 1504 das Reichserbkämmereramt an sein Haus, vertauschte die schweizerische Herrschaft RLzüns, welche einst durch Heirath an sein Haus gekommen war, gegen Haigerloch und st. 1512 in Trier. Eitel Friedrich, Jugendfreund Karls V., st. 1525 in Pavia. Dessen Sohn, Karl I., welchen Kaiser Karl V. in Spanien erziehen ließ, erhielt nach Erlöschen der Grafen von Werdenberg 1529 die Grafschaften Sigmaringen u. Beringen und war Präsident des Reichshosraths. 1558 vereinigte er alle hohenzollernschen Lande unter sich, 1575 erließ er die Erbeinigung, verordnete, daß seine Söhne von Anna von Baden theilen sollten, n. st. 1576. ^.) H.-Hechingen. Stifter dieser Linie war Eitel Friedrich III., älterer Sohn Karls I.; er bekam die eigentliche Grafschaft Zollern, baute das Schloß zu Hechingen, wonach er seine Linie nannte, n. st. 1605. Sein Sohn Johann Georg leistete dem Kaiser als Kammerrichter u. ReichshosrathS- präsident gute Dienste, wurde deshalb 28. März 1623 zum Reichssürsten erhoben, jedoch mit der Bestimmung, daß seine nachgeborenen Söhne den Grafentitel fortführen sollten, u. st. 1623. Sein Sohn, Fürst Eitel Friedrich IV., k. k. Oberst, wurde 1653 in das Reichsfürstencollegium zu Regensburg eingeführt; unter ihni, einem ganz untauglichen Regenten, wurde während des Dreißigjährigen Krieges das Land und bes. die Stammburg H. von den Schweden und Württembergern verwüstet, da er Katholik u. kaiserl. General war, u. die Burg H. von den Württembergern, dann von den Kaiserlichen genommen. Da sie damals ein wichtiger strategischer Punkt war, so erhielt Österreich, um diesen festzuhalten, gegen 5000 Fl. oas Besatzungsrecht auf H., welches es erst 1798 anfgab. Eitel Friedrich IV. st. 1661 ohne männliche Erben, sein Bruder Philipp Friedrich, bisher Domherr zu Köln und Straßburg, folgte ihm u. st. 1671. Sein ältester Sohn, Friedrich Wilhelm, geb. 1663, ein Despot, kaiserl. Feldmarschalllieutenant u. Coinmandant von Freiburg, erhielt 1692 vom Kaiser den Fürstentitel für alle seine Nachkommen, schloß 1692 einen Erbvertrag mit Brandenburg und st. 1735. Unter ihm gab es ernstliche Unruhen wegen der Fronen u. Abgaben. Ihm, der aus dem Lande eine große Jagd gemacht, folgte sein Sohn Friedrich Ludwig, geb. 1688, österr. Feldmarschalllieutenant, der auch in stetem Streite mit den Unterthanen lebte u. 1750 starb. Sein Vetter u. Nachfolger Joseph Wilhelm, geb. 1717, änderte durch 25 * 388 Hohenzollcrn. Laudvergleich, durch die Einwirkungen der franz. Revolution geänzstigt, 1794 die alte hergebrachte ständische Verfassung ab u. st. 1798. Ihm suc- cedirte sein Nesse Hermann Friedrich Otto; er verlor 1801 durch den Frieden von Lüueville die von seiner Mutter geerbten niederländischen Mediatbesitzungen, erhielt jedoch zur Entschädigung im Reichsveputationshauptschluß von 1803 Hirschlatt u. das Kloster Mariä-Gnadenthal im Dorfe Stetten, trat l806 zum Rheinbund u. wurde souverän; er st. 1810. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich Hermann, geb. 1776, franz.Oberst, trat 1813 zu den Alliirten, dann 1815 dem Deutschen Bunde bei und st. 1838. Sein Sohn von der geistvollen Luise Pauline, Prinzessin von Kurland u.Sagan, Friedrich Wilhelm, geb. 1801, wurde bei der Kränklichkeit des Vaters 1834 Mitregent n. folgte ihm 1838. Auf den Landtagen 1835—37 und 1839 kamen zweckmäßige Gesetze zur Sprache; das Verhältuiß zwischen dem Fürsten und dem Volke war rein patriarchalischer Natur. Auch in den Theuerungsjahren erwies sich die siirstl. Familie als Wohltäterin für das Land. Durch die Bewegung des Jahres 1848 wurde das Verhältuiß zwischen Fürst u. Volk jedoch auch in H. ein anderes. Es kam zu ernsten Unruhen, infolge deren der Fürst flüchtete. Am 5. Juni trat die neue Verfassung in Kraft, doch erreichte die Bewegung erst ein Ende, als im Ang. 1849 Preußen das Land besetzten. Der Fürst, der Regierung müde, dazu kinderlos, trat Lurch Vertrag vom 7. Dec. 1849 mit der Krone Preußen an diese gegen jährlich 10,000 Thlr. das Land ab. Eine Bekanntmachung des Fürsten vom 27. Febr. 1850 gab dem Lande hiervon Kunde u. entband die Unterthanen ihres ihm geleisteten Eides. Durch Patent vom 12. März ergrifs der König von Preußen Besitz von den hohenzollernschen Landen und verlieh dem Fürsten den Titel Hoheit 27. März. Die feierlichen Übergabe des Fürstenthums H. an die Krone Preußen erfolgte 8. April. Am 3. Febr. hatte der Fürst das Hechinger Haus-Fideicommiß- vermögen dem Sigmaringer Fürsten gegen 40,000 Gulden jährlich überlassen. Fürst Friedrich Wilhelm starb als letzter Sprosse der Linie Hechingen 3. Sept. 1869 zu Polnisch-Mettkow in Schlesien. L) H.-Sigmaringen. Stifter dieser Linie war 1576 Karl II., jüngerer Sohn Karls I., seit 1576 Herr der Grafschast Sigmaringen und Beringen, ein fanatischer Papist der 1606 starb. Ihm succedirte sein Sohn Johann; er wurde 28. März 1623 zum Reichsfürsten erhoben, ohne daß er oder seine Nachkommen Sitz u. Stimme ans dem Reichstage erlangen konnten; erhielt vom Kurfürsten von Bayern, dessen Geheimerathspräsident er war, die Herrschaft Schwabeck u. st. 1638. Sein Enkel Maximilian I. (1681—89) erhielt durch seine Gemahlin Maria Klara von Bergh bedeutende Güter in den Rheinlanden. Sein Bruder Franz Anton stiftete die 1767 erloschene gräfl. Nebenlinie H.-Haigerloch, über die ausdrücklich, als auch die jüngeren Söhne der H. 1692 in den Fürstenstand erhoben wurden, bestimmt war, daß ihre Glieder Grafen bleiben sollten. Aus Maximilian!, folgte sein Sohn Meinrad II., seit 1702 auch in Haigerloch regierend; er st. 1715 und ihm folgte sein Sohn Joseph Friedrich. Dessen Bruder Franz Wilhelm erbte die niederländischen Besitzungen seiner Großmutter, der Gräfin von Bergh, u. gründete so die Nebenlinie der Grafen von H.-Bergh, welche mit seinem Sohne Johann Baptist Oswald 1781 wieder ausstarb. Auf Joseph Friedrich folgte 1763 bis 1785 sein Sohn Karl Friedrich, der durch seine Gemahlin Johanna Josephs Sophia von H.- Bergh die Besitzungen dieser Nebenlinie erbte. Anton Aloys, sein Sohn (1785—1831), verlor durch die Französische Revolution die Feudalrechte u. Lehen über die Herrschaften in den Niederlanden, bekam aber durch den ReichsdepntationS- Receß die Herrschaft Glatt u. die Klöster Jnzig. kosen, Klosterbeuern und Holaschein dafür; 1866 trat er dem Rheinbunde als Souverän bei, erhielt zugleich die bisher dem Deutschen Orden gehörenden Herrschaften Achberg u. Hohenfels, die Klöster Klosterwald u. Hecksthal u. die Souverä- netät über die in seinem Gebiete gelegenen reichs- ritterschaftlicheu, sürstenbergischen u. thurn- u. taxis- scheu Besitzungen. 1813 trat Aloys zu den Alliirten, wurde 1814 durch den Wiener Congreß als souveränes Mitglied des Deutschen Bundes bestätigt und erhielt auch die niederländischen Herrschasten, jedoch unter modificirten Verhältnissen, ohne Lehn zurück. Ihm folgte 1831 sein SohnKarl, geb. 1785. Dieser gab dem Lande das nach Vereinbarung mit den Ständen 14. Juli 1833 verkündete Grundgesetz, gemäß dessen alle 3 Jahre von einer aus 2 Standesherren, 1 Geistlichen n. 14 Gemeindeabgeordneten bestehenden Versammlung das Budget berathen werden sollte. Gleich- wol wuchsen die Steuern in ungeheurem Maße u. führte daher das Jahr 1848 zu um so ernsteren Unruhen. Der Fürst gewährte einen große» Theil der Forderungen, dankte aber bei der immer steigenden Verwirrung iin Lande 27. Ang. 1848 zu Gunsten des Erbprinzen Karl Anton ab, der auch den Unruhen nicht steuern konnte und 27. Sept. selbst mit der Regierung u. vielen Bewohnern vor dem von Würth gebildeten Sicher- heitsausschusse das Land verließ. Am 10. Oct. erst kehrte er zurück und zugleich besetzten 2066 Bayern das Land. Indessen im nächsten Sommer schon brachen neue Unruhen aus; am 1. Ang. wurde das Land von 2000 Mann Preußen besetzt; der Fürst verließ das Land; der Präsident der Regierung legte sein Amt nieder und durch Vertrag vom 7. Dec. 1349 erfolgte die Abtretung des Landes an die Krone Preußen und zwar in der Art, daß das Fürstenthum gemäß der preuß. Successionsrechte von 1695 u. 1707 dem Preuß. Staate als integrirendsr Bestandtheil für immer einverleibt werden sollte. Dem regierenden Fürsten wurde eine Jahresrente von 25,000 Thlrn. zugesichert. Aus dieser Rente ans der preußischen Staatskasse wie aus dem in dem Fürstenthum belegenen Stammvermögen sollte für die siirstl. Familie bis zu ihrem Aussterben ein neues Fidei- commiß gebildet werden. Ein Successionsrecht aus den preuß. Thron entstand für die beiden Fürsten nicht. Durch Patent vom 12. März ergrifs der König von Preußen Besitz von dem Lande, worauf am 6. April die Übernahme durch Len preuß. Hohenzollcruscher Hausorden — Hoherpricster. 389 Bevollmächtigten, Regierungspräsidenten Freiherrn von Spiegel, erfolgte u. 23. Ang. 1851 die feierliche Huldigung dem ncncn Herrscher auf der Burg Hohenzollern Largebracht wurde. Der Fürst er- hielt 20. März 1850 den Titel Hoheit, 18. Oct. 1881 Königliche Hoheit, wurde Connnandenr der 1t. Division in Düsseldorf, stand 6. Nov. 1858 bis März 1862 an der Spitze des prenß. Staatsministe- riums, war dann bis Mai 1871 Militargouverneur der Nheinprovinz u. Westfalens n. lebt, erblindet, in Sigmaringen. Von feinen Söhnen wurde Karl 1866 Fürst von Rumänien, während der Erbprinz Leopold 1870 wegen der spanischen ThroncanLida- tur znm Kriegsvorwaude dienen mußte u. Anton 1866 im Kriege gegen Österreich, bei Königgrätz tödtlich verwundet, fiel. Vgl. R. Freiherr von Stillfried und T. Märcker, Llonumenba Lollsrana, Urkundenbuch zur Geschichte des Hauses H., Berl. 1843 ff.; Dgl. Hohenzoll. Forschungen, Berl. 1847; Die Stammsagen der H. u. Welfen, Düsseld. 1857; C. A. H. Bnrkhardt, Quellensammluug zur Geschichte des Hauses H., Jena 1857 ff.; Cramer, Die Grafschaft H., Stuttg. 1873. Kleinschmidt. Hohenzollcrnscher Hausordcn, gestiftet am 5. Dec. 1841 von den Hohenzoll. Fürsten Friedrich Wilhelm von Hechingen u. Karl Anton Friedrich von Sigmaringen für Civil- und Militärverdienst, mit der Devise: Vom Fels znm Meer; ist nach der Übernahme der Hohenzollernschen Lande von der Krone Prenßen, 1850, zu einem königl. prenß. Hausorden mit besonderen Statuten vom 23. Ang. erhoben und durch König Wilhelm 18. Octbr. 1861 erweitert worden. Der Orden zerfällt in 2 Abtheilungen, das Kreuz sür Militär- u. der Adler für Civilverdienst. Das Kreuz ist von Gold u. schwarz und weiß emaillirt; in der Mitte ein rundes Schild, darin auf weißem Felde der gekrönte königl. Adler mit dem hohenzollernschen Wappen auf der Brust, um den Adler ein azurblauer Reif mit der Devise; auf der Rückseite steht in der Mitte des Schildes auf weißem Felde der königl. Namenszug und in dem blauen Reife das Datum der Stiftung. Zwischen den Kreuzarmen zeigt sich ein gelber, grün emaillirter Kranz, links von Lorbeer-, rechts von Eichenblättern; über dem Krenz die königl. Krone. Das Kreuz wird von den Großcomthuren an einer silbernen, aus den Hohenzollernschen u. Nürnbergschen Wappenschildern und dem Scepter des KurerzkLmmerers zusammengesetzten Kette, von den Comthuren u. Rittern an einem weißen, dreimal schwarzgestreiften Bande getragen. Der Adler, wie im Wappenschild des Kreuzes, ist von Gold oder Silber u. schwarz emaillirt; um Leu Kops und Hals ein blauer Reif mit der Devise; er wird ebenfalls in 3 Klassen vertheilt. Daneben wird der fürstliche Hansorüen noch von dem Fürsten von Hohenzollern mit Genehmigung des Königs von Preußen verliehen. Dem Kreuze war eine Denkmünze von Stückgut zur Belohnung der Kriegertreue in den Gefechten 1848 und 1849 beigefügt. Vgl. Schneider, Der kgl. Hausorden von Hohenzollern, Berl. 1869. Hohenzollernsche Lande, s. u. Sigmaringen, Regierungsbezirk. Höhere Gewalt (vis major, torao magsuro), ein durch das moderne, bes. das französische Recht eingeführter Rechtsbegriff, unter welchem man jene Art des Zufalls versteht, welcher zu widerstehen oder selbst nur vorzubeugen außerhalb der Macht des Einzelnen steht, also elementare Ereignisse, Krankheit, Feindesgewalt re., auch Diebstahl, Raub, Brandstiftung rc. Das Allgcm. Deutsche Handelsgesetzbuch (Frachtgeschäft) u. das Reichsgesetz über die Haftpflicht haben diesen Nechtsbegriff ausgenommen, jedoch ist erfahrungsmäßig in jedem einzelnen Falle erst zu untersuchen, ob der dabei thätig gewesene Zufall auch wirklich unter den Begriff sällt, d. h. ob das Ereigniß nach der allgemeinen Anschauung vermieden, seinem Eintreten vorgebeugt werden konnte oder nicht. Diese Ent- cheidung ist bes. wichtig, wo Unfall- oder Transportversicherungs-Gesellschaften durch den Fall berührt werden. Vgl. v. Hahn, Commentar zum Allgem. Deutschen Handelsgesetzbuch, Braunschw. 1872; Entscheidungen des Reichs-Oberhandelsgerichts, 8. Bd., Erl. 1873. -u Hoherpricster, der oberste der israelitischen Priester, der Mittler zwischen Gott u. dem Volke, durch welchen diesem der Zugang zu Gott erschlossen wurde. Bei der Wahl mußte er wenigstens 20 Jahre alt sein, durfte nicht der Abgötterei, des Mordes, Jncestes u. anderer grober Verbrechen bezichtigt seien, keinen Leibesfehler haben, wurde ans Lebenszeit gewählt und durch bes. Feierlichkeiten zu seinem Amte geweiht. Die Würde LeS Hohenpriesters war lebenslänglich und erblich im Mannesstamm, erst im Geschlechte Aaron bis auf Eli, der aus dem Geschlechte Jtha- mars, des jüngeren Sohnes Aarons, stammte. Nachdem Abjathar von Salomo abgesetzt worden war, kam mit Zadok, welcher die zweite Reihe der H. beginnt, die hohepriesterliche Würde wieder in das Geschlecht Eleasars. Der letzte vor dem Babylonischen Exil war Jozadak, und mit Lessen Sohn Josna beginnt nach dem Exil die oritte Reihe der H. Als Judäa unter Syrien kam, hörte die regelmäßige Succession auf, und 160—153 v. Ehr. war das Hohepriesterthum ganz unterbrochen; mit 153 beginnt mit Jonathan die Reihe der hasmonäischen H., welche ihr Geschlecht aus Eleasar zurücksührteu. Seit Hero- des trat in der Wahl derH. vollkommene Willkür ein. Die Einweihungsfeierlichkeiten, welche 7 Tage dauerten, waren: a) Waschung vor dem Thore des Orakelzeltes, als Symbol der Reinigung; l>) Anlegung der heiligen Kleider; diese waren: außer den kurzen Beinkleidern und dem weißen Unterkleid mit engen Ärmeln, eine hohe turbanartige Mütze (Miznephet) aus feiner weißer Leinwand, mit einer purpurblauen Binde umschlungen, daran war ein goldenes Stirnband mit der Inschrift: Heilig dem Herrn! ein himmelblaues Oberkleid ohne Ärmel, am Saume rings mit (72) Granatäpfeln u. ebenso vielen goldenen Schellen verziert; der Leibrock (Ephod), ein kurzes, aus zwei auf den Schultern verbundenen Stücken bestehendes Kleid ans Gold, bunter Wolle und Leinwand, welches über das Oberkleid geworfen n. mit einem prächtigen Gürtel befestigt, von den Schultern bis über den halben Körper herabhing; das Brustschild (Choschen), von demselben Stoff 390 Hohldoublette - wie das Ephod, aber viereckig, u. doppelt übereinander gelegt, und mit 12 Edelsteinen mit den Namen der 12 Stämme Israels besetzt; an diesem Choschen waren die Urim u. Thummim; o) Salbung mit dem nach ,der Tradition von Moses selbst dazu bereiteten Öl, wobei ihm das Öl ans den Kopf gegossen wurde; ä) Einweih- ungs- und Sühnopfer. Seinen Amtsornat trug der H., wenn er zum Dienste in den Tempel ging, mußte ihn aber ablegen, wenn er am Ver- söhuungstage, wo er ein schmuckloses Kleid von Leinwand trug, ins Orakelzelt sich begab. Er durfte heirathen, aber nur eine reine Jungfrau. Seine Amtsverrichtungen waren: Befragung Gottes in außerordentlichen Fällen durch die Urim und Thummim, Wahl des neuen Königs über Israel bei streitiger Succession, Salbung überhaupt, das tägliche Opfern und Räuchern, das Opfer n. der Sühnnngsact am großen Versöhnungstage, die Oberaufsicht über den Gottesdienst und Tempelschatz. Das Amt des H-S war die höchste geistliche Würde bei den Hebräern und befestigte sich auf dieser Höhe, wo er als zweite Person nach dem Könige galt, in demselben Maße, als sich die Theokratie behauptete. Er war zugleich Vorsteher des höchsten Gerichts in Jerusalem, später Vorsitzender des Sanhedrin, stand bei dem Volke in großem Ansehen u. behauptete so in der Blüthczeit der Hebräer weitgreisenden Einfluß auch auf die Staatsangelegenheiten. Dies Ansehen verminderte sich sehr in der nachexilischen Zeit, da weltliche Herrscher, ja zuletzt selbst das Volk das Recht sich anmaßten, den H. in ihrem Interesse, oft gegen Erlegung einer Geldsumme, zu wählen n. abzusetzen. Daher kommt es, daß bisweilen mehrere zu gleicher Zeit lebende erwähnt werden, die zum Aergerniß des Volkes wol gegen einander intrignirten n. sich bekämpften. Im Talmud werden öfter Stellvertreter des H-s genannt u. ohne Grund behauptet, daß jeder H. dies vorher gewesen sein müsse. Im N. T. wird Christus H. genannt, weil sein Geschäft aus Erden und im Himmel dem des H-s ähnlich ist. Dieser Vergleich wird im Brief an die Hebräer ausgesührt. Vgl. die Werke über hebr. Archäologie. Hohldoublette (Juwel.), s. u. Doubliren 2). Höhle, Hohlraum unter der Erdoberfläche, völlig verschlossen oder durch schmale Öffnungen zugänglich, oft durch Kunst erweitert. Die natürlichen H-n finden sich meist im Kalk-, Dolomit- u. GiPS-Gebirge, lausen theils horizontal, theils lothrecht, theils schräg, so daß sich in der Tiefe Wasser ansammelt, von welchem auch wol Bäche nach außen gehen. Die Tiefe beträgt bei manchen oft über 300 m; andere sind ihrer Tiefe nach noch gar nicht ergründet; ihre Länge Lehnt sich bei mehreren bis zu einigen Stunden ans; häufig findet man in ihnen Tropfstein (Tropfstein-H-n) od. Krystalle, namentlich von Gips (Gipsschlotten), in dem archäischen Gebirge auch von -Quarz (Kry- stallkeller). Ihr Boden wird häufig von einer Geröll-, Thon- vd. Lehmablagerung bedeckt, in welcher nicht selten die Knochen der H-nthiere u. rohe menschliche Werkzeuge gefunden werden sKnochen-H-n). Die Lust in ihnen ist oft von der Temperatur tiefer Keller und Gruben ver- — Hohlgewebe. schieden, wechselnd steigend u. fallend, auch wok der äußeren Temperatur entgegengesetzt, so daß sich im Sommer in ihnen (Eis-H-n) Eis bildet, welches im Winter schmilzt. In anderen (Wiud- H-n) findet sich stets ein starker Zug durch kleine Oefsnungeu. Ihre Entstehung verdanken die meisten H-n der stetig vor sich gehenden Auslaugung der Gesteine; durch die einsickernden Tagewasser u. namentlich im Kalkgebirge ist aus dem Kalkgchalt der hervortretenden Quellen ersichtlich, daß ganz enorme Mengen des Gesteins Jahr für Jahr hinweg geführt werden. Durch den Zusammensturz von Höhlen haben höhlenreiche Gegenden von häufigen Bodenerschütterungen und Erdfällen zu leiden. Merkwürdige H-n in Deutschland: die Baumanns- u. Biels-H. im Harz, die Mnggcndorfer-Gailenreuther, die Adelsberger u. a, in Krain, die Liebensteiner H., die Klütert-, Balverund Dechen-H. in Westfalen; in England die Castletowns-H.; in Schottland die H. bei Slams, die Fi»gals-H. ans Stafsa; in Frankreich die Grotte le la Balmc; in der Schweiz die Baume de Chtvres; in Italien die Hundsgrotte, die H. in Monte Aolo u. die H. bei Sora; in Griechenland auf Antiparos, Naxos, Tinos, das Pente- likon, zu Polyandros, Thermia, die des Tro- phonios; ans Kreta das Labyrinth; in Ungarn die H. bei Scelicze; in der Walachei die Veter- anische; auf Island die Snrt-H. Lehmann. Hohle See, die hohen schweren Wellen, die nach einem Sturme bei eingetretener Windstille noch sortdauern. Sie ist der Schifffahrt sehr lästig u. dauert oft Wochen nach einem schweren Wetter, bes. im Stillen Öcean. Auch überhaupt schwere See. Höhlenbär (Ilrons spslasns Llremsnb.), vorweltlicher Bär, welcher etwas schlanker u. größer als die jetzt lebenden Arten war; seine Knochen zeigen nicht selten eine von Menschenhänden aus- gesührte Bearbeitung; Überreste findet man häufig in den Knochenhöhlen mehrerer Gegenden von Deutschland, Frankreich n. England, seltener im tertiären Kalk. Höhlenfuchs (Hühlenhund, Ounio oxeluous minor VaAE'), vorweltliches, dem lebendem Fuchs (Canls vnlpss) verwandtes Säugethier, von welchem sich Reste in mehreren Knochenhöhleu finde». Höhlcnhyänc (Uz-Lens, opstasa), oft massenhaft in den Knochenhöhlen zusammen mit eingeschleppten Knochen anderer Thiere. Ihre zuweilen noch wohlerhaltencn Excremente beweisen, daß sie in den Höhlen gelebt haben. Höhlenlöwe (listig sxslasa Ko/ck/t), fossiles Säugethier, dem lebenden Löwen sehr ähnlich, doch größer; in vielen Knochenhöhlen Deutschlands, Englands u. Frankreichs. Höhlenwolf (Oanis opelasns > I 5 Fig- 1- so bloter. P. U..C.-?. e. Ausl. Zum Art.: „Hohofen. 2o111LN ^ 10 ^ LV ^ 80 35 KO ^ SO ^iLSSVieilLZ. 391 Hohlhandvogen — Hohvfen. rechts unter Len 1., 5., 9. Kettfaden rc. fort; 2) von rechts nach links über den 2., 6., IS. Kettfaden; 3) von links nach rechts unter den 3., 7 ., 11.; und 4) von rechts nach links über den 4., 8., 12. Kettfaden. Dann trennt sich die Kette in 2 Ketten, welche nur an den Webeecken verbunden sind und nach der Abnahme vom Stuhl bildet das Ganze einen Schlauch. Über compli- cirtere H. siehe Lehrbuch der Weberei vonBeyssell u. Feldges. B-yss-ll. Hohlhandvogen der Arterien, sov. w. Hand - bogen, s. Armarterien 4). Hohlkehle, 1) überhaupt jede nach einem Zirkelstück ausgehöhlts Rinne, bes. wenn sie znr Verzierung dient; 2) (Hohlleiste) kleines nach dem eingebogenen Zirkelstück gebildetes Glied an den Theilen der Säulenordnung. Hohlmaße, Gefäße von bestimmten körperlichem Inhalt zum Messen von Flüssigkeiten, sowie von Mehl, Getreide, Obst, Kartoffeln, Kohlen rc. Die Grundlage der H. ist in den Ländern, in welchen das Metermaß eingeführt ist, das Liter. Hohlmünzen, s. Bracteaten. Hohltraverscn, bombensicher eingewölbte od. mit Eisen eingedeckte gemauerte Hohlräume, welche auf den langen Linien der Festungswerke angelegt werden, um dieselben gegen Seitenfener zu sichern. Sie sind, bei durchschnittlich 2,g m Breite und 6,o m Länge im Lichten zur Ausnahme der Wallwachen u. der aus dem Kampf zurückgezogenen Geschütze bestimmt, um die letzteren für Len Moment des Sturmes intakt zu erhalten. Auf den Facen der Werke, wo die H. von beiden Seiten her Feuer erhallen können, sind sie außer auf der Vorderseite auch rechts und links mit Erde ummantelt, auf den Flanken, wo sie hauptsächlich nur aus der Richtung der Facen feindliches Feuer erwarten können, sind sie außer aus der Vorderseite nur links und nach der Hofseite zu ummantelt, während kehlwärts, wo auch der Eingang liegt, das Mauerwerk ohne Erdbeschüttung bleibt, I- Hohlvene, s. u. Venen. Hohlvenensack, so v. w. rechte Vorkammer des Herzens, s. Herz. Hohlivnrz, ist 1) Lorz-äsliis eava; 2) Lristo- loobis, rotnucia T,. Hohlziegel, s. u. Ziegel. Hohlzirkel, ein Zirkel mit auswärts gebogenen Schenkeln, hohle Sachen damit anszumessen. Höhn, Georg, Landschafter der Gegenwart, geb. in Neustrelitz 1811, studirte an der Berliner Akademie u. dann bei Blechen. H. lebt in Dessau, vielfach für den Hof beschäftigt u. malt meist Eichen- landschasten mit Wildstaffage. In der Nationalgalerie in Berlin von ihm ein Klosterhof. Regnet. Hohnstein, 1) (H. bei Stolpen) Stadt in der AmtShauptmannschast Pirna der königl. sächsischen Kreishauptmannschast Dresden, an der Polenz, die hier den wildromantischen Tiefen Grund durchfließt; altes, rheilweise zerfallenes Bergschloß (mit Strafanstalt), Weberei, Hopfenbau, älteste Merinoschäferei Sachsens (seit 1765); 1875: 1429 Ew. — H. war ursprünglich böhmisch u. gehörte den mächtigen Birken von der Duba, seit 1444 aber zu Sachsen, dessen Kurfürsten die Burg H. als Jagdschloß u. später, vom 16.—18. Jahrh., als Staatsgesängniß benutzten. Am Fuße des Schloßberges der Bärengarten, in welchem von 1609 bis 1766 Bären gehegt wurden und Hetzjagden stattfanden, und in der Nähe der Hockstein und Brand, Felsenpartien der Sächsischen Schweiz. Vgl. Götzinger, Beschreibung des Amtes H. mit Lohmen, Freib. 1786; 2) Schloßruine auf einem Harzberge bei Neustadt unterm H. im Amte H. der preuß. Landdrostei Hildesheim. Das Amt H. bildet einen Theil der ehemaligen sehr bedeutenden Grafschaft, welche das Gebiet auf der SSeite des Harzes zwischen Leine, Unstrut u. Helme umfaßte. Die Grafen von H. stammten von einem Großneffen des thüringischen Landgrafen Ludwig des Springers, Konrad von Sangershausen, ab, der im 12. Jahrh. das (1627 zerstörte) Schloß H. erbaute. Sein Sohn Jlger I. gründete das Schloß Jlburg, sein Enkel Jlger II. 1190 das Prämon- stratenserkloster Ilfeld n. nannte sich zuerst Graf von H. Des Letzteren Nachkommen erwarben durch Kauf, Tausch rc. die Herrschaft Lora, die Grafschaft Klettenberg, die Stadt Ellrich, das Amt L-charzfels rc. und theilten sich 1350 unter Dietrich V. n. Ulrich III. in 2 Hanptlinicn: die H.- Heldrungensche (später H.-Vierradtische) und die H.-Lora-Klettenbergische Linie. Die letztere Linie starb schon 1593 mit dem Grafen Ernst aus, die erstere 1609 mit dem Grafen Wilhelm II., und nun zogen die Herzöge von Braunschweig-Wolfen- büttel als Landesherren die eigentliche Grafschaft H., die von Braunschweig-Grubenhagen das Amt scharzfels, der Bischof von Halberstadt die Herrschaften Lora u. Klettenberg u. der Kurfürst von Sachsen Bedungen ein. Es entstanden indessen über die Erbschaft heftige Streitigkeiten, die erst im Westfälischen Frieden geschlichtet wurden. Gegenwärtig ist die Grafschaft mit Ausnahme des Stiftes Walkenried, das zu Braunschweig gehört, im Besitze Preußens u. bildet Theile des Regbez. Erfurt und der Landdrostei Hildesheim. Vergl. K. Meyer, Chronik der Grafschaft H. rc., Nordhausen 1875. H- Berns. Hohofen (hierbei eine Tafel), ein großer, feuerfest gebauter Schachtofen für die Zwecke der Verhüttung der Erze, speciell zur Herstellung des Roheisens. Je nach der Höhe desselben, welche zwischen 8 n. 35 m schwankt, führt er den Namen Krummofen, Halb-H. od. H. Ein H. besteht zunächst aus dem aus feuerfestem Material hergestellten, fast immer kreisförmigen Kernschacht. Er hat gewöhnlich die Gestalt zweier mit den Grundflächen an einander gesetzter abgestumpfter Kegel, deren oberer der Schacht, deren unterer die Rast heißt. Der unterste Theil der Rast, welcher sehr oft eine größere Wanüneigung als der obere (die Rast im engeren Sinne des Wortes) hat, führt den Namen Gestell. In dem Gestell, in dem der Schmelzproceß vor sich geht, befinden sich in bestimmter Anordnung in einer Ebene (Formebene) 6H 3—7 Öffnungen (0) mit eingesetzten konischen Röhren (Formen), in welche die Mundstücke (Düsen, Deusen) der Windleilungsröhren, welche dem Ofen Lust zusiihren, eintreien, etwas tiefer eine Öffnung znm Abfluß der Schlacke (Schlackenfluß) u. endlich ganz am Boden eine zum Abfluß für das Eisen (Stichloch), welche aber 392 Hohofengase — für gewöhnlich verstopft ist. Die obere Öffnung des Kernschachtes wird Gicht genannt, der Theil, wo die beiden Kegel mit einander zusammenstoßen, u. der sich nicht selten zu einem Cylinder ausdehnt, Kohlensack (äü). Der Kernschacht war früher gewöhnlich offen, jetzt aber, wo man die abziehenden H-gase auffängt, ist er mit Gasfängen bedeckt. Den Schluß des Kernschachtes nach unten bildet der Boden- oder Sohlstein. Den Kernschacht umschließt der Rauh schacht (auch wol Nauhgemäuer). Er hat theils den Zweck, dem ganzen Ofen den nöthigen Halt zu geben, theils die Wärmeausstrahlung zu vermindern u. ist verschiedentlich construirt. Der untere Theil des Rauhschachtes heißt Sockel, der obere Ofenkegel oder Ofenpyramide. Im Falle der Sockel aus Mauerwerk besteht, befinden sich in demselben zu den Formen, znm Schlackenabfluß und Eisenabstich 4 gewölbte Zugänge, wobei 4 Pfeiler stehen bleiben. Bei alten H. schlossen die Pfeiler eng an das Gestell an (H. mit eingebautem Gestell), bei neuen trennt man sie hiervon (H. mit freistehendem Gestell). Rauh- und Kernschacht sind, um der verschiedenen Ausdehnung Rechnung zu tragen, durch einen mit Sand, Ziegelbrocken oder Luft gefüllten engen Zwischenraum, die Füllung, getrennt. Die an die Füllung stoßende Steinschicht des Rauhschachtes wird aus feuerfesten Ziegeln (falsches Hemd) hergestelll. Der Rauhschacht wird gehörig verankert.— Nach der Art des Schlackenabflusses, wie man sagt, nach der Zustellung des H-, hat man Blauöfen (Blaseöfen) oder Öfen mit geschlossener Brust, bei welchen der Kernschacht gleichförmig niedergeführt und nur mit Öffnungen zum Abfluß der Schlacke und des Eisens versehen ist, n. Sumpföfen oder Öfen mit offener Brust, bei denen der unterste Theil der Vorderwand nach auswärts gerückt ist. Der unterste Theil des Kernschachtes vor der Brust (m), da, wo die Schlacke abfließt, heißt bei Snmpföfen Tümpel, u. ein Stein, der unmittelbar vor demselben nach außen zu liegt u. über den die Schlacke abfließt, der Damm- od. W all st ein. — Unmittelbar zum H. gehören: Gebläsemaschinen, Windleit- ungsröhren, Minder hitzungsapparate(kst), Gichtgasfänge (etz), Gichtaufzüge mit der Gichtbrücke, ein Gießhaus, Möller- oder Mischhäuser, gewöhnlich auch Coaksöfeu, sowie Erz-, Zuschläge-, Kohlenplätze und Schlackenhalden. Ueber die Schmelzung des Eisens im H. s. Eisen. Ein großer H. erzeugt täglich 20—60,000 Roheisen. Hohofengase sind die bei Gewinnung von Metallen speciell des Eisens im Hohofen sich entwickelnden Gase. Sie sind im Wesentlichen ein Gemenge von Kohlenoxyd, Kohlenwasserstoff (bes. 6ll«), Wasserstoff, Kohlensäure und Stickstoff. Nebenbei treten geringe Mengen von Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Schwefel-, Arsen-, Zink- und Bleidämpfe, Cyankalien u. flüchtige kohlensaure Salze der Alkalien auf. Den nicht zur Reduktion nöthigen Theil der H., welcher durch die Gicht des Hohofens als Gichtgas abzieht, läßt man entweder an der Gicht als Gichtflamme verbrennen, od. fängt ihn durch Gichtgasfänge auf, leitet ihn durch Hokkohühner. Röhren (ii) (s. Tafel Hüttenkunde II, Fig. i) weiter, reinigt ihn gewöhnlich durch Leiten über Wasser- u. längeren Nöhrenleitungen, in denen der Flugstaub sich absetzt, u. benützt ihn dann zur Erhitzung von Dampfkesseln, Winderhitzungsapparaten, znm Rösten von Eisensteinen rc. Glatzel. Hohofcnschlacken, Schlacken von der Eisenerz. Verhüttung, bestehen aus Kieselsäure, Thonerde u. Kalk, mit einem wechselnden Gehalt an Mag. nesia, Mangan u. Eisen. Sie sind grün, gelb- braun, grau, schwarz oder blau gefärbt. Schwefel, sowie sehr kalkreiche H. zerfallen sehr leicht au feuchter Luft. Wasser auf heiße H. gegossen macht dieselben bimsteinartig. Man verwendet sie als Pflaster- u. Baumaterial, in grannlirtem Zustande zur Mörtelbereitung, als Zusatz für Flaschenglas, u. nach I. Lürmann zur Darstellung von Alaun, indem man sie zu dem Zwecke zunächst mit Salz- säure zersetzt, aus der Lösung die Thonerde neben der Kieselsäure mit kohlensaurem Kalk fällt, die Thonerde in Schwefelsäure löst, wobei die Kieselsäure zurückbleibt n. dann wie überhaupt bei der Alannbereitung weiter verfährt. Glatzel. Höhscheid (Höheschcid), Stadtgemeinde im Kreise Solingen des preuß. Regbez. Düsseldorf, besteht aus 106 einzelnen, befand. benannten Ortschaften, Eisengießereien, Hammerwerke, Fabrikation von Messern, Scheeren, Waffen rc., viele Schleiskothen u. Schmieden, welche zum Theil für die Solinger Fabriken arbeiten; 1875: 9958 Ew. Hohwald, Kirchdorf im Kreise Schlettstadt des Regbez. Unter-Elsaß (Elsaß-Lothringen), in reizender Lage an der Andlan u. dem Feuerfeld; beliebter Sommeraufenthaltsort, viele Villen, Badeanstalt; 1875: 649 Ew. In der Nähe der 1049 m hohe Rathsamhäuserstein, der Neuner- stein, einige Wasserfälle u. prächtige Waldungen. Hokkohühner, Oraoiäao i^rA., Familie der Hühnervögel, Schnabel mäßig lang, dick, gewölbt, an der Spitze übergebogen, Schwanz flach abgerundet, bei einigen zum Radschlagen eingerichtet, keine Sporen; leben gesellig in Wäldern Amerikas, Eier weiß mit rauher Oberfläche; Fraß: Knospen u. Früchte. Gattungen:6rax, Höckerhuhn, eigentliche H., kenntlich an der gefärbten Wachshaut über der Schnabelwurzel und der kammförmigen Haube aus dem Kopfe; von der Größe des Tritt- Huhns; Hausthiere in Südamerika. Arten: Brasil i a nis ch e s H o k k o h u h n, 0. alsotor^., schwarz, unten weiß, Wachshaut gelb; gezähmt auch in England, schreit Hocko; im Alter entwickelt sich auf der Schnabelwurzel ein Fleischhöcker; l7rax <7r«r>., Helm- Huhn; Scheitel, Gesicht u. Kehle sind befiedert, an der Schnabelwurzel ein Höcker; Art: Gehelmter Pauxi, 17. ^alsatus, ikauxi Anlsata lkisimn., die Erhabenheit am Kopfe ist fast von der Größe des Kopfes, hellblau, steinhart; Schnabel roth, Rücken schwarz, Bauch weiß; Südamerika; i?ons- lops siker»-., Jaku; Schnabel dünner, Kopf befiedert, Kehle u. Augenkreis nackt, an der Kehle ein Fleischlappen; variirt sehr in der Farbe; Arten: Guan, ?. ermtata, L?m., mit Federbusch, grün- röthlich, metallisch glänzend; LIsloaAris 77., Puter; Schnabel kurz u. stark, oben gewölbt. Der nackte Kopf warzig, am Grunde des Oberschnabels ein Fleischkegel, Kehlhant mit Fleischlappen, Schwanz 393 Hokukaido - wifrichtbar, radförmig ausbreitbar, I8federig. Spornhöcker vorhanden. Ll AuUoxavo L., Nordamerika; N. insxioana, tAoulck, aus Mejico, wird siir die Stammform des gezähmten Truthuhns gehalten, s. Truthuhn. Farwick. Hokukaido, d. h. Nördliche Meeresstraße, Prov. von Japan, eingetheilt in 1l Bezirke (10 auf der Insel Jesso u. die Kurilen), unter einer besonderen Verwaltung, deren Haupt in Hakodade residirt. Hokurokudo, d. h. Nord-Land-Straße, eine Provinz von Japan nach der alten Eintheilung, im nördl. Centrum der Hanptinsel (s. Japan). Holar (Holum), Ort im Hjaltedal des Nord- u. Ostamls auf der dänischen Insel Island, von 1106—1797 Bischofssitz (nach Reykjavik verlegt), hatte 1530 eine Buchdruckerei u. gelehrte Schule, besteht jetzt nur noch aus einigen Häusern um die Domkirche. Holbach, Paul Heinrich Dietrich, Freiherr von H., franz. Schriftsteller von deutscher Abkunft, geb. 1723 zu Heidenheim in der Pfalz, lebte seit seiner Jugend in Paris und auf seinem Gute Grandval u. st. 21. Fcbr. 1789. H. war Chemiker, dann Philosoph; er war ein sehr wohlthätiger u. geselliger Mann u. versammelte die geistreichsten u. frivolsten Männer um sich. Er war einer der geistvollsten u. auf die Entwickelung seiner Zeit einflußreichsten Schriftsteller, der die Ausbreitung des Naturalismus u. die Bekämpfung jeder positiven Religion sich zur Aufgabe machte. Er übersetzte (theilweise unter dem Pseudonym Boulanger) viel aus dem Deutschen u. Englischen, bes. Schriften der engl. Freidenker, auch Lomonossows russ. Geschichte ins Deutsche, und bearbeitete politische, philosophische u. chemische Artikel für die Diderotsche Encyklopädie. Sein Hauptwerk ist das unter dem Namen Mirabaud geschriebene (sonst auch Lagrange od. Grimm zugetheilte) materialistische Buch: Lastern« cke In natura, Lond. 1770, 2 Bde., welches nach seinem Erscheinen von Voltaire u. Friedrich d. Gr. zurückgewiescn wurde und zahlreiche Streitschriften hervorrief, aber 1817—24 noch achtmal aufgelegt wurde, auch noch deutsch Lpz. 1843 übersetzt herauskam. Zur Unterstützung desselben verfaßte er noch eine Anzahl metaphysischer u. ethischer Schriften, welche aber, da er immer unter falschem Namen schrieb, nicht mit Sicherheit erkannt werden können. Kaiserin Katharina H. von Rußland holte bei der Gesetzgebung H-s Rath ein. H-nne-Am Rhyn. Hokbcin, berühmte oberdeutsche Malcrfamilie, 1) Hans, der Großvater, um 1450 in Augsburg; Bilder von ihm in der dortigen Galerie; 2 ) HansH. der Altere, geb.um1460inAugsburg, st. 1523 in Basel; arbeitete in Augsburg bis um 1504, wo er nach Basel zog. Zwar manierirt in Bewegungen und übertrieben im Ausdruck, aber kräftig u. harmonisch in der Farbe u. von großer technischer Geschicklichkeit. Seine Darstellungen sind meist aus der Passionsgeschichte Christi und der Apostel; bes. in Schleißheim, Augsburg (Galerie), Frankfurt a. M. (im Städelschen Institut). Er neigte zur flandrischen Kunstrichtung; 3 ) Hans H. der Jüngere, Historien- und Bildnißmaler, Haupt der Oberdeutschen Schule, jüngerer Sohn des Vor., geb. 1497 (nicht 1495, wie früher — Holbcui. angegeben) in Augsburg, nach anderer, seither läufiger Annahme in Grünstadt. Er zog um 1516 mit seinem älteren Bruder Ambrosius, welcher 1488 geboren war, nach Luzern, dann 2 Jahre später nach Basel, wurde 1520 in die dortige Malerzunft ausgenommen n. erhielt wegen seiner Verdienste das Ehrenbürgerrecht; 1526 ging er nach England, wo er bei Thomas Morus gute Aufnahme fand u. 1528 vom König Heinrich VIII. in Dienste genommen wurde; er lebte von da an, einen Aufenthalt von 1529—32 u. 1538 in Bafel abgerechnet, in London u. st. daselbst nach neueren Forschungen 1543, nicht wie früher behauptet 1554. H. war vorzugsweise Bildnißmaler n. als solcher ausgezeichnet durch seine charakteristische Auffassung sowie durch strenge, correcte Zeichnung u. höchst einfache, aber tiefe Färbung. In seinen Werken läßt sich der Einfluß der ital. Kunst nicht verkennen, wie er denn auch zu den wenigen Künstlern jener Zeit gehörte, die, sich von ihrer kleinlichen Umgebung freimacheud, die ganze Schönheit der menschlichen Gestalt zur Darstellung brachten, so daß man mol annehmen darf, daß er in seiner Jugend Italien besuchte. Seine religiösen Compositionen, so namentlich die Passion Christi, sind weniger von kirchlichem als von historischem, das rein Menschliche betonendem Geiste getragen. In seinen historischen Bildern zeigt er weniger Poesie, als ruhigen Ernst der Darstellung. Den größten Schatz von seinen Werken, Handzeichnungen, Holzschnitten u. Gemälden besitzt die Bibliothek in Basel; viele seiner in England gemalten Bildnisse sind zu Grunde gegangen und nur noch in Carton, Skizzen oder Copien vorhanden; die reichste Sammlung seiner Studien nach dem Leben befindet sich in Windsor (früher Kensington); außerdem ist nicht leicht eine Galerie von Bedeutung ohne Gemälde von ihm. In Basel ist die Passion Christi in 18 Bildern, 1520—25, in Dresden die Familie des Baseler Bürgermeisters I. Meier vor der Madonna, nach 1529. Ebendieselbe in der Galerie zu Darmstadt; Der Streit, welche von beiden das erste Original, ist noch kaum erloschen, nachdem er 1868 mit außerordentlicher Hefrigkeit entbrannt. Sein bekanntestes Werk: Der Triumph des Todes (Todten- tanz), s. u. Todtentanz. Vgl. Der Maler Hans H., Bas. 1857; Gandertz, Hans H. der Jüngere u. seine Jungfrau des Bürgermeisters Meier rc., Lüb. 1872; Woltmann, H. u. seine Zeit, 2. Ausl., Lpz. 1874. Regnet. Holbein, Edler von Holbeinsberg, Franz Ignaz, Dramatiker, Schauspieler und Theater- dircctor, geb. 1779 zu Zizzersdorf, erhielt im Kloster Lilienfeld seine Ausbildung u. darauf, von einer Reise nach Italien zurückgekehrt, eine Stelle beim Lottoamte, ging dann unter dem Namen Fontano als Guitarrespieler nach Petersburg, von da zur Döbbelinscheu Schauspielgesellschaft, die er 1798 wieder verließ, um in Berlin bei der kgl. Bühne Engagement zu nehmen. Seine Vermählung mit der Geliebten des verstorbenen Königs Friedr. Wilhelm II. verschaffte ihm den Adel n. machte ihn völlig unabhängig, so daß er nach Breslau ziehen u. sich gänzlich der Composition, Poesie, dem Guitarrespiel, wie auch dem Bau eines neuen Instruments widmen konnte. Von 394 Holbcrg — Holous. seiner Gattin wieder getrennt, gab er in Negens- burg u. München Concerte, wurde in Wien Theaterdichter, hierauf in Regensburg Schauspieler. Nachdem er die Schauspielerin Maria Renner zeche- licht hatte, machte er in Gemeinschaft mit dieser Kunstreisen, übernahm später die Direktion des Bamberger Stadttheaters, von 1816—1819 die Regie des Hoftheaters zu Hannover, leitete nach dieser Zeit das ständische Theater in Prag und kehrte 1825 als Hostheaterdirector nach Hannover zurück, wo er bis 1841 erfolgreich wirkte. Mehr ökonomische als künstlerische Talente brachte er als Direktor des Hofbnrgtheaters in Wien (1841—49) zur Geltung. Nachdem er noch 4 Jahre lang die Ökonomiegeschäfte des Burgtheaters u. Hofopernhauses als Vorstand besorgt hatte, quittirte er den Dienst u. st. 5,Sept. 1855 zu Wien. Als Bühnendichter hat H. keine höhere Bedeutung, seine Stücke sind mit Geschick für ein großes Publicum zurecht gemacht und wollen in erster Linie nur unterhalten. Sie erschienen gesammelt als: Theater, Rudolst. 1811, 2 Bde.; Neuestes Theater, Pest 1822 f., 5Bde.; u. Dilettantenbühne, Wien 1826. Die bekanntesten seiner Schau- n. Lustspiele sind: Fridolin (nach Schillers Gang nach dem Eisenhammer), Das Turnier zu Kronstein, und Der Wunderschrank. Unverzeihlich ist seine Bearbeitung von Kleists Käthchen von Heilbronn, dagegen von Wichtigkeit sein biographisch-dramaturgisches Werk: Deutsches Bühnenwesen, Wien 1853, von dem leider nur ein Th eil erschienen ist. H-s dritte Frau, Julie, geb. Göhring, verw. Arthur, zeichnete sich in jugendlich munteren u. tragischen Liebhaberinnen-, später in Anstandsdamen- u. Charakterrollen aus. Kürschner. Holberg, Ludwig Freiherr v., geb. 3. Dec. 1684 zu Bergen in Norwegen, Sohn eines Obersten; studirte in Kopenhagen, machte trotz seiner Dürftigkeit wiederholentlich größere Reisen nach England, Holland, Deutschland, Frankreich, Italien, lebte eine Zeit lang in Kopenhagen von Sprachunterricht, wurde 1717 Professor der Metaphysik in Kopenhagen, 1720 Consistorialassessor u. Professor der (latein.) Beredtsamkeit, 1730 der Geschichte, 1737—51 Quästor der Universität; erwarb ein bedeutendes Vermögen, wofür er Landgüter einkaufte, die er der Akademie zu Soröe testamentirte, u. die 1747 zur Baronie erhoben wurden; gest. den 28. Jan. 1754 in Kopenhagen, begraben in Soröe; vgl. Dänische Literatur. Seine ersten literarischen Versuche, aus der Zeit von 1711 bis 1714, Inbroäuotion bik äs suroxälsüs Libero klivtoris; Inbroäuotion bii Plabur- oz §o1üsrobtsn, find nicht sehr bedeutend. 1719—20 erschien das kölnische Epos koäsr kaars (Parodie auf die Äueis), u. bald darnach einige andere Satirein Seine vornehmsten Schriften sind die Komödien, die seit 1722 erschienen, unter welchen wol besonders hervorzuheben: von xolltislcs Lanäevt- öbsr; äsan äs Uranos; llspps paa Lj sr^st; Larsslvtuon; laookr von Illxbos; Henriolr oZ iksrnllls; Iliz-sssv von Itllaoia. In lateinischer Prosa erschien in Leipz. 1741: Moolaii Lümii itor subtsrrsnsum (zunächst mit Gullivers Reisen zu vergleichen, die auch als Vorbild gedient). H. hat auch andere opuvvula labina, 1737 f., z. B. Epigramme u. Mittheilungen über sein Leben ge. schrieben. Von seinen geschichtlichen u. geographischen Werken nennen wir: vanmarks Lstorig 1732 s.; HminäskiA Lirüsllisboris, 1738; Öon jöäislco Historis, 1742; Vanmarks o§ Norgso ! Lssllrivslss, 1729. Seine Lloralslrs Paulier s 1744, u. Lpisblsr, 1748 f., sind Sammlungen allerlei kleiner Aufsätze (Art von Canserien, zu vergleichen z. B. den Montaigneschen). Von den vielen Ausgaben der Komödien ist bes. zu nennen ! die von Liebenberg besorgte, 8 Bde., Kopenhagen ! 1848—54; auch billige Ausgaben in einem Bande ! den Liebenbergschen Text enthaltend; die neueste Ausgabe von Peder Paars, besorgt von Liebenberg, erschien ebd. 1863, u. Hioolaii Llimü Itsr, besorgt von Elberling, ebd. 1866. Auch von den wichtigsten historischen n. moralisireuden Schriften sind noch neuerdings Ausgaben erschienen. Eine Gesammtausgabe der Werke existirt nicht; Kopenh. ! ' 1804—14 erschienen ausgewählte Werke, besorgt ^ von Rahbek. Eine deutsche Ausgabe der Komödien erschien 1746 ff., Kopenhagen, besorgt von Laub, u. eine andere Kopenh. u. Lpz. 1759—78, 5 Bde. Peder Paars erschien Deutsch 1750 und wieder 1764, besorgt von Scheibe, u. NicolanS Klim oft, so 1743, 1828 (letztere Übersetzung ist Bd. 15 von Brockhaus Bibliothek class. Romane u. Novellen des Auslandes); Weiteres zur Bibliographie s. Prutz, namentlich S. 126 ff. Von den vielen Werken über H. nennen wir: Rob. Prutz, L. H. nebst Auswahl seiner Komödien, Stnttg. u. Äugsb. 1857 (überschätzt H-s Bedeutung); A. Legrelle, ü.oonsiäsrs oomms imitabsur äs Kollers, Par. 1864; O. Skavlan, kl. vom Loinsäiskorkattsr, Christiania 1872. Die beste Biographie ist L. W. Smiths K-v I-svnst, Kopenhagen 1858; andere Schriften über H. s. N. M. Petersens Dän. Lit. Geschichte, Bo. 4 S. 492 ff. In Kopenhagen wurde ihm 31. Qct. 1875 ein Denkmal (sitzende Statue) errichtet. Holburn-Head (Howburnhead), Vorgebirge am Pentland-Kanal an der Nordküste der schottischen Grafschaft Caithneß. Holcke, Heinrich, General im 30jähr. Kriege, geb. auf der Insel Alsen, diente unter König Christian IV. von Dänemark, 1627—1629 als Oberst gegen Wallenstein, wurde bei Neurode geschlagen, war dann Anführer eines Freicorps Jäger zu Pferde unter Wallenstein, wohnte der Einnahme von Prag als Generalwachtmeister bei, eroberte Eger, wurde Feldmarschall u. Graf, sochl bei Leipzig u. Lützen u. st. 30. August 1633 in Ädorf. Schroot. lloleus L., Pflanzengatt, aus der Familie der 6ramillsas-?oöiäsaö-^vsllöLs (III. 1.), nahe verwandt mit ^.vsna;, aber von anderer Tracht, mit meist 2blüthigen Ährchen, deren untere Bliith: zwitterig, wehrlos, deren obere männlich, begrannt ist mit rückenständiger, gerader, zuletzt zurllckge- bogener Granne; Griffel sehr kurz; Narbe federig, an der Blüthenbasis heraustretend: Arten: 5- mollis D. (Darrgras, Pserdegras) mit kriechender Grundachse u. Ausläufern, kahlem, nur an den Knoten etwas behaartem Stengel u. mit über die Hüllblätter hervortretender Granne der männlichen Blüthe: in mäßig feuchten Wäldern u. schattigen 395 Holda u. Holde Gebüschen; 14. lavatus (Honiggras), dicht rasig mit dicht behaartem Stengel u. Blattscheiden u. mit einwärts gekrümmter Granne der männlichen Blüthe; ans trockenen Wiesen häufig. Beide sind Fultergcäser. Eogler. Hoüm u. Holde (deutsche Myth.), s. Holle. Holder, Julius, Advocat und Führer der ^ nationalen Partei in Württemberg, geb. 24. März 1819 in Stuttgart, studirte 1837—41 Cameralia b u. Jura in Tübingen, trat 1842 in den Staats- ^ k dienst u. wurde als Regierungsrath ins Ministerium 1 s des Innern berufen. 1849 in den Landtag gewählt, - stimmte er mit der demokratischen Partei. 1853 s schied er wegen politischer Mißliebigkeit aus dem ! Staatsdienste u. ließ sich als Advocat in Stuttgart nieder. 1856 wieder in den württembergischen ! ! Landtag gewählt, gehörte er demselben 12 Jahre an u. bildete aus den freisinnigen Elementen die I Fortschrittspartei, welche in steter Opposition gegen Las Ministerium Linden stand. Er war 1862 Mitbegründer des deutschen Abgeordnetentages u. 1866 Gründer der deutschen Partei in Württemberg, auch nachher Leiter des Landescomitös, welches l; jür den Anschluß an Norddeutschland agitirtc. ü 1871 und 1875 in den Deutschen Reichstag ge- ! wählt, hielt er sich zu den Nationalliberalen. Seit ! s Frühjahr 1875 ist er Präsident der Württemberg. ! s Abgeordnetenkammer. Hölderlin, Jo Hann Christian Friedrich, deutscher Dichter, geb. 29. März 1770 zu Lauffen j am Neckar, unweit Heilbronns, Sohn eines Klosterverwaltungsbeamten. Im 2. Jahre verlor er den Vater; die vortreffliche Mutter folgte einem zweiten Gatten in das Landstädtchen Nürtingen am Neckar, verwittwete 1779 zum zweiten Male und erzog mit schweren Opfern, von ihrer Mutter unterstützt, - ihre 4 unmündigen Kinder. H. besuchte die la- ^ leinische Schule zu Nürtingen. Dem Wunsche der j i Mutter folgend, entschied er sich, 14 Jahre alt, ^ für das Studium der Theologie und trat tu Las A nahe gelegene niedere Seminar zu Denkendorf ein; Herbst 1786 kam er in Las niedere Seminar A zu Maulbronn, wo er, aus einmal weit von den ! Seinigen entfernt, sich einer strengen klösterlichen ^ Aufsicht unterwerfen mußte und in seinem Um- U gange sehr beschränkt wurde. Die erste Liebe u. die Hingebung an Ossian, Schubart, Schiller, Klopstock entwickelten sein Dichtertalent; daneben kamen seine ausgezeichneten musikalischen Anlagen mehr und mehr zur Geltung, und zugleich erwarb er sich ungewöhnliche Kenntnisse im Griechischen. Herbst 1788 trat er in das theologische Seminar Tübingens. Die hier der freien Entwickelung ge- ^ > zogenen Schranken erweckten im Dichter den Oppositionsgeist ; Rousseau, die französische Revolu- ^ tion, die voranstrebende Zeitliteratur, besonders Kant und Schiller, wirkten mächtig zündend auf sein Herz, und die Menschheitsideale, denen er sich mit schwärmerischer Begeisterung hingab, empfingen durch die verklärende Neproduction des elastischen Alterthums ihr ästhetisches Gepräge. Außer Kant und Schiller nährten Platon und Spinoza und der Umgang mit Hegel und Schelliug seine tiefe Neigung zum Philosophiren, und frühzeitig reifte seine pantheistische Weltanschauung. Nur die Liebe zu seiner Mutter hielt ihn noch bei der Theologie. — Hölderlin. Als die Hauptaufgabe seines Lebens betrachtete er die Poesie; das hohe Vorbild, dem er in ihr nacheifcrte, war Schiller. Im Verkehr mit den Menschen war H. schüchtern, wo er aus sich heraustrat, liebenswürdig, von bezaubernder «Schönheit; die Freunde verzogen ihn. Herbst 1793 verließ er Tübingen, wo er im letzten Jahre bereits den Hyperion angefangcn hatte. Er wurde Erzieher in der Familie des Freiherrn von Kalb in Waltershausen in Thüringen, verweilte mit seinem Schüler einige Zeit in Jena, ging Ende 1794 mit Frau von Kalb nach Weimar, nahm aber bald seine Entlassung und siedelte nach Jena über, wo Fichte sein bewunderter Lehrer, Schiller sein väterlicher Freund war. 1795 kehrte H. nach Hause zurück. Januar 1796 trat er als Hofmeister in die Familie des Frankfurter Bankiers Gontard ein. Hier ergriff ihn die leidenschaftlichste Liebe zur Frau des Hauses, die er unter dem Namen Diotima verherrlichte. Um Ostern 1798 erschien der 1. Band seines Hyperion. Im September verließ H. seine Stelle und Frankfurt ohne Abschied genommen zu haben und ging nach Homburg, wo sein treuer Freund Sinclair wohnte. Um Ostern 1799 erschien der 2. Band des Hyperion. Im Sommer beschäftigte sich H. anhaltend mit dem Tod des Empedokles, der sicher nie vollendet wurde. Im folgenden Sommer kehrte er, schattenähnlich, in die Heimath zurück; dann gab er Len Kindern eines Stuttgarter Freundes Unterricht; sein Gesundheitszustand erschien gefährlich. Im December ging er in eine Hofmeisterstelle zu Hauptwil, nicht weit von Konstanz. Im April 1801 kehrte er in seine Heimath zurück. Er nahm hierauf eine ihm unter vortheilhaften Bedingungen angebotene Hauslehrerstelle beim Hamburg. Consul in Bordeaux an, überschritt im eiskalten December die beschneiten, damals höchst unsicheren Gipfel der Auvergne. Im Juni 1802 entfernte er sich unerwartet von Bordeaux, wanderte in den heißesten Dommertagen durch Frankreich, Paris mit inbegriffen, von einer Grenze zur anderen n. traf zu Anfang des Juli im Zustande verzweifeltsten Irrsinns plötzlich bei seiner Mutter zu Nürtingen ein. Nicht unwahrscheinlich hatte er noch in Bordeaux die Nachricht von Diotimas Krankheit und auf der Reise, wenn nicht früher, die Nachricht von ihrem Tode, 22. Juni, erhalten. Er blieb vorerst in der mütterlichen Obhut. In dieser Zeit schrieb er an seiner zwischen Tiefsinn und geistiger Auflösung schwankenden Uebersetznng des Königs Oedipus und der Antigone (erschien Frankfurt 1804). Im Sommer 1804 holte ihn Sinclair nach Homburg ab, wo ihn der Landgraf mit kleinem Gehalte als Bibliothekar anstellte. Der Zustand des Unglücklichen verschlimmerte sich. Im Herbst 1806 brachte man ihn zum letzten Heilversuche in das Klinikum zu Tübingen; aber die Kur steigerte das Übel. Man gab Len Dichter bei dem Tischlermeister Zimmer und dessen Familie in Kost und Obhut, und er konnte nicht besser aufgehoben sein. Während sein Körper allmählich -wieder anflebte, verkam sein Geist. 1826 erschien die Ausgabe seiner Gedichte von Uhlaud und Kerner. H. starb in Tübingen 7. Juni 1843. H. wendet sich, bei schwärmerischer 396 Hold-Mezö-Vasarhely — Hollabrunn. Vaterlandsliebe, mit Widerwillen von den gegenwärtigen politischen und socialen Zuständen ab, statt sich hineinzuleben und nach seiner Überzeugung darin zu wirken, versenkt sich in den Hellenismus, der ihm als Urbild reinen, freien Menschenthums erscheint, und folgt zugleich dem Strome der mit dem allgemeinen deutschen Nationalgeiste nicht in lebendigem Zusammenhänge stehenden Zeitphilosophie. Er stürmt selbstmörderisch in sich hinein, lehnt sich macht- und thatlos gegen die Gesetze der Weltgeschichte auf und hat doch vortreffliche Gedanken über die Nothwendigkeit sittlicher Begrenzung. Schönheit ist ihm das Höchste, die Natur wesentlich schön, die Religion Liebe des Schönen; aber die Prosa des Menschenlebens macht ihn krank u. elend. Er flüchtet sich aus der Härte desselben in Len Frieden der Natur, vorzüglich der bewußtlosen, und in die Anschauung der Kinderseelen. Bon der Rückkehr zu den Naturgebotcn erwartet er die sittliche Wiederherstellung. Er sagt: Die Natur ist schön, heilig; die Geister sind zum harmonischen Bunde mit ihr und im gegenseitigen Verhältnisse bestimmt; Gott ist die Liebe, Wahrheit, Macht in allem. Dieß reicht aber nicht hin, die in seinen Dichtungen sich aufthuenden Abgründe des Pessimismus u. Nihilismus zu schließen. Auf der anderen Seite freilich drückt er schön und erhebend die Weihe aus, die uns der Kampf mit dem Schicksal und das Leiden des Herzens gibt. Zarte, tiefe Menschenliebe, ideeller Seelenadel, reinste Keuschheit spiegeln sich in Allem, was er geschrieben hat. Der entkeimende Wahnsinn vergißt oder birgt sich in der milden Ruhe des Gesanges. Der Schmerz wird hier zum Lächeln, das Leid zur verklärenden Erinnerung. Bedeutend ist H-s griechisch-mystische (neuplatonische) Gedankentiefe, doch mehr im Hyperion und im Tod des Empedokles, als in den lyrischen Gedichten. Die Ausgangspunkte seiner meisten Productionen sind persönliche Stimmungen, die bei der Vereinsamung und dem gefährlichen Jnsichselbstversinken des Dichtergemüthes leicht monoton werden und im Ganzen der biographischen Entwickelung und Bestimmtheit, wie auch der vollen Anschauung des Menschenlebens entbehren, sich in einem beschränkten Kreise von Naturbildern bewegen und auch diese nicht selten verschwimmen lassen. Doch gelingt unserem Dichter an einzelnen Stellen, vorzüglich des Hyperion, eine ausgezeichnete, mehr- zarte als gewaltige Plastik, und Empedokles zeigt, bei großartigen Ideen, bedeutsame Anläufe znr dramatischen Gestaltung. Hyperion ist in der melodienreichsten, edelsten und blühendsten Prosa (nicht ohne Ähnlichkeit mit Werther) geschrieben. Die lyrischen Gedichte sind mit strengstem, oft übertriebenem Kunstfleiße durchgearbeitet. Zn früh entsagte H. dem Reime und zog die antiken Metra vor: die horazischen bildete er im Ganzen ohne rhythmische Energie und vielfach incorrect; dagegen schwebt eine leichte, schwungvolle Grazie über seinen Distichen, n. auch die Hexameter sind, ohne strenge Negelrichtigkeit, mit seinem Ohr gebildet; anmuthig, dem Gedanken zart und leicht sich anschmiegend, sind die fünffüßigen Jamben; mit Glück bewegen sich die Hymnen im fessellosen Rythmus. Auch in den Zeiten der Geistesnacht gab es lichte Stunden, worin die Muse dem unglücklichen Dichter sich nicht abhold zeigte. H,z sämmtliche Werke, herausgegeben von Ehr. Tb, Schwab, Stuttg. n. Tüb. 1846, 2 Bde.; vgh A. Jung, F. H. und seine Werke, mit besonder» Beziehung auf die Gegenwart, Stuttg. und Tüb, 1848. Zimm-rmniin.' Hold Mezö-Vasarhely, s. Hödnegö. Holeschan (Holleschau, mähr. Holesov), Stadt und Hauptort im gleichnam. mähr. Bez. (Öfter, reich), an der Rnssawa; Schloß in italien. Stil mit großem Garten, 2 Kirchen, darunter eine schöne Dekanatskirche, Synagoge, Tuch- u. Leinen- weberei, Handel mit Wachs, Honig, Häuten, Wolle rc.; 5 Jahrmärkte; 5282 Ew. Holies (Holitsch), Marktflecken im ungar. Co- mitat Neutra, an der March; k. k. Lustschloß mit chinesischen Sälen u. Kapelle, Spanische Schäferei, Porzellanfabrik; 4939 Ew. Bei H. wurden an> 17. Juni 1758 die Preußen unter Meyer von den Oesterreichern unter Daun überfallen und ans das Hauptcorps zurückgeworfen. Hier am 30. Dec, 1805 Bestätigung des Preßburger Friedens von österreichischer Seite. Holk, s. u. Hulk. Holkar, Familienname der Mahrattenfurskn, welche seit 1724 in dem ostindischen Reiche Jndor, seit diesem Jahrh. unter Anerkennung der englischen Souveränetät, herrschen. Der Stifter war Mnlhar-Rao-H., ein Landmann, dann Soldat,1728 mit Jndor belehnt. Weiteres s. Jndor. Thielemann. Holkham, Dorf in der engl. Grafschaft Norfolk, etwa 3 Icm von Wells und unweit der Nord- seeküste; prachtvolles Schloß der Grasen von Lei- cester mit Gemälde- und Sculpturen-Sammlung und Bibliothek; etwa 700 Ew. Im Park eine 37 m hohe korinthische Säule zum Andenken an den Agronomen Coke, Grafen von Leicester. Holklampe, s. u. Klampe. Holl, 1) (die Hohle, Höhlung) die innere Tiefe des leeren Schiffes, wie sie zur Berechnung deS Lonnengehalts oder des Laderaumes gemessen wird; vgl. Schiffsvermessung. 2) (engl, stolä) der ganze Laderaum. 3) (engl, stull) der Schiffskörper. Holl, Frank, engl. Genrcmaler der Gegenwart, geb. zu London 1845, ward am University- College das. erzogen und 1860 Schüler der I. Akademie. Er zählt zu den beliebtesten Künstlern Englands und zeichnet sich durch eine gewisse Innigkeit der Empfindung aus. Seine bekanntesten Werke sind: Die Mutter und ihr krankes Kind; Abraham opfert Isaak (1863); Heimkehr von der Kirche (1864); Eine Farrenkraut-Samm- lerin (1866); Das Gottesgericht; Der Genesende (1867); Neuigkeiten von der See (1871); Die Jahreszeiten(l872); Das Milchmädchen; DerÜber- lebende (1873); Verlassen (1874); Ein Deserteur (1874); Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, sein Name sei gepriesen ( 1869 ). Regnet. Hollabrunn(Ober-H.), Marktflecken im gleichn. Bez. des Erzherzogthums Österreich unter der Enns, am Göllersbach, Station der Österreich. Nordwestbahn; Real- und Obergymnasium, viele Gewerbe, guter Acker-, Obst- und Weinbau; 2365 Ew. Hier 16. Nov. 1805 Sieg der Franzosen unter Murat über die Russen unter Bagra- 397 Holland. tion u. 10. Juli 1809 Arriöregardengefecht zwischen den Franzosen unter Massena u. den Österreichern. Holland, 1) im weiteren Sinne allgemein gebräuchlicher Name für das Königreich der Niederlande (s. d.). 3) H. im engeren Sinne, der nordwestliche Theil dieses Landes, der im W. und N. an die Nordsee, im O. an die Znidersee und die Provinzen Utrecht und Geldern und iin S. an Brabant und Zeeland grenzt und ehemals die Grafschaft H. bildete, welche auch noch später unter bnrgundischer, österreichischer und spanischer Herrschaft und auch noch als Abtheilnng der sieben vereinigten Provinzen diesen Namen beibehielt. Aus dem Gebiete der ehemaligen Grafschaft, mit Ausnahme der Bezirke südlich von der Maas, des Biesbosch und des Hollandsdiep, die zu Nordbrabant geschlagen worden sind, sind die jetzigen 2 niederländischen Provinzen Nord- u. Südholland gebildet worden. 3) Nordholland, in seinem größten Theile eine Halbinsel, die durch eine schmale, zwischen Beverwyck n. Velzen kaum 4kw breite Landenge mit dem Festlanve zusammen hangt, grenzt im N. u. W. an die Nordsee, im O. an die Znidersee und die Prov. Utrecht und im S. an Südhollanv; 2730s^jkm (59,^sHM) mit 577,436 Ew. (nach der Zählung vom 31. Dec. 1869, nach Berechnungen auf Grund der Bewegung der Bevölkerung 1874: 620,890 Ew., mithin ans 1 Hstrm 212, im ganzen Königreiche 109). Die Halbinsel umfaßt das Norderqnartier oder das alte Westfriesland, das Wasserland und einen großen Theil des Kenneinerlandes; der östl. höhere und theilweise hügelige, an Utrecht grenz ende Theil der Provinz ist das Gooiland. Der Boden der Provinz, die zu den niedrigsten Thei len des Landes gehört und gegen das Meer durch hohe Dünen, stellenweise auch durch Dämme ge- schützt ist, ist theils moorig, größtentheils aber sehr fruchtbar. Das Klima ist feucht, nebelig u. veränderlich. Flüsse: Vecht, Drecht, Amstel, Estin, Gaasp, Spaarn und Zaan. Kanäle: Der große, jedoch wenig Bedeutung habende Nordhol- ländische Kanal, der neue, für die größten Schiffe passirbare große Nordseekanal (s. d.) und eine Menge anderer Fahrten. Eisenbahnen: Holländische Eisenbahn niit 154 km u. Niederländische Rhein-Eisenbahn mit 9 km. Hauptpro Luc te: Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Bnchweizen, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Kohlsamen, Senfsamen, Krapp, Flachs; Pferde, Rindvieh,Schafe, Schweine, Ziegen, Esel, zahmes Geflügel, Hasen, Fasanen, Rebhühner, Holzschnepfen, wilde Enten u. Gänse, Fische. An Holz ist NH. arm; Eichenwaldungen finden sich im Gooilande und an der Dünenseite, anderwärts Waldungen von Erlen und Ulmen. Wichtiger sind die Schilfrohrländer. Ungefähr die Halste der Oberfläche der Provinz ist Wiesenland. Bon größter Bedeutung ist die Viehzucht und die Käsebereitung (jährlich etwa 120,000 Etr.), von geringer nur die Obstzucht, wohingegen aber wie der die Blumenzucht von Wichtigkeit ist. Die Bienenzucht wird hauptsächlich im Gooiland betrieben. Die Fischerei ist nicht mehr so bedeutend als früher. Die meiste Fabrikindnstrie findet sich in der Gegend an der Zaan, im Gooil-ande, in Amsterdam und Haarlem; es gibt Papier-, Öl- und Holzsägemühlen, Segeltnchfabriken, Webereien, Teppichfabriken, große Bleichen, Graupen- n. Getreidemühlen rc. Außerdem bilden das Einsalzen, Trocknen und Räuchern von Fischen, Schiffbau, Seefischerei, Schifffahrt, sehr lebhafter Handel, namentlich auch mit Getreide n. Wolle (für letztere Hauptmärkte auf Texel, Wieringen rc.) Hanpter- werbszweige der Bewohner. Zur Provinz gehören die Inseln Wieringen, Texel und Vlieland. Eingetheilt wird sie in die 4 Gerichtsbezirke: Amsterdam, Haarlem, Alkmaar und Hoorn. Hauptstadt ist Amsterdam. 4) Südholland, die bevölkertste und mit Nordholland die wohlhabendste Provinz der Niederlande, grenzt im N. an Nordholland, im O. an Geldern und Utrecht, im S. an Nordbrabant und Zeeland und im W. an die Nordsee; 2991,2z HHKm (54,22t ÜÜM) mit 688,204 Ew. (nach der Zählung vom 31. Dec. 1869, nach Berechnungen 1874: 735,315 Ew., mithin ans 1 djkm 231, im ganzen Königreiche 109). Die Provinz umfaßt das Gebiet der Rhein- u. Maas- mündnngen, besteht deshalb auch fast zur Hälfte aus großen, zwischen diesen Fluß- resp. Mündnngs- armen liegenden Inseln und besitzt dazu zahlreiche Seen. Der nördliche Theil der Provinz am Alten Rhein wird Rheinland und der südwestlich davon gelegene Delfland genannt; die Insel südlich von Rotterdam heißt Melmonde, die kleinere westliche Rozsnbnrg, die zwischen der Oude Maas, dem Hollandsdiep und dem Haringvliet im östlichen Theile Land Stryen, im mittleren Beyerland und im westlichen Voorne, die südwestlichste zwischen dem Haringvliet und dem Krammer Over-Flakkee und in ihrem nordwestlichen Theile Goeree. Die Oberfläche dieser Provinz bietet dasselbe Bild wie die Nordhollands; sie bildet eine tiefliegende, an einzelnen Stellen unter dem Meeresnivean liegende Ebene, gegen das Eindringen der Meeresflnthen Lurch Dünen und künstliche Dämme geschützt, stellenweise mit nassem, moorigem Boden, der Lurch Kanäle und Abzugsgräben vielfach trocken - gelegt und in Wiesenflächen umgewandelt worden ist. Der Boden ist größtentheils sehr fruchtbar, das Klima feucht und veränderlich. Die wichtigsten Flüsse sind: Alter Rhein, Leck, Assel, Mer- vede, Maas, Hollandsdiep, Haringvliet, Krammer, Gouwe, Linge, Rotte und Schie. Eisenbahnen: Niederländische Rhein-Eisenbahn mit 71 km und Holländische Eisenbahn mit 60km. Hauptpro- ducte: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Spelz, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Kohlsamen, Hanfsamen, Zwiebeln, Krapp, Flachs, Hanf; Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine, Ziegen, Esel, Federvieh. Ungefähr die Hälfte der Gesammt- oberfläsche wird als Wiesenland benutzt. Die Viehzucht ist auch hier wie in Nordholland von großer Bedeutung, ebenso die Käsebereitung. Im sogen. Westlande werden ausgezeichnete Küchengewächse und Trauben gezogen, die vielfach nach England versandt werden. Von Bedeutung ist auch hier die Blumenzucht, sowie die Baum- und Strauchgärtnerei, deren Erzeugnisse massenhaft exportirt werden. Die Fabrikindustrie ist sehr ausgedehnt. An den Ufern des Alten Rhein und der holländ. Dssil ist die Steinbäckerei ein wichtiger Erwerbszweig derBswohner; derIsselstein namem- 398 Holland. lich ist sehr hart und wird hauptsächlich zu wasserdichten Bauten verwandt. Die Provinz ist ein Hauptsitz der Genever- oder Kornbranntweinfabri- kation (vorzugsweise in der Umgebung von Schie- dam). Der Genever wird meist nach England, Amerika und selbst nach Ostindien und Australien ausgeführt. Das zu seiner Fabrikation nöthige Getreide wirv größtentheils ans Rußland und Preußen bezogen. Andere wichtige Erwerbszweigc sind: Reepschlägerei, Ziegel- und Topfbrennerei, Thonpfeifenfabrikation, Schifffahrt, Schiffbau, Seefischerei, ein äußerst lebhafter Handel, sowol nach dem Binnen- als nach dem Anslande. Ein- tcheilung in die Gerichtsbezirke 'sGravenhags, Leyden, Rotterdam, Dordrecht, Gorkum u. Brielle. Hauptstadt ist Haag. H> B-rns. Holland (Gesch.). Zur Zeit der Römer wurde Süd-H. von den Batavern, Nord-H. von den Friesen bewohnt. Elftere wurden schon im 5., letztere im 8. Jahrhundert von den Franken unterworfen und unter Karl dem Großen christia- nisirt. Unter den Grafen, welche das Land regier ten, zeichneten sich feit 1V. Jahrh. aus: Dietrich I., Sohn Gerolfs, eines friesischen Grafen, welcher das Land von Karl dem Einfältigen 322 als Lehen erhalten haben soll; ihm folgte wahrscheinlich um 963 sein Sohn Dietrich II., der mit den Friesen siegreich kämpfte u. 988 st.; sein Sohn Arnold der Gentner, welcher den Krieg gegen die Friesen fortsetzte; Dietrich III. der Jerusalemmer, sein Sohn, besiegte die Friesen, baute Dordrecht, zog in das Gelobte Land u. st. 1039, unter ihm kommt der Name H. zuin ersten Mal urkundlich vor; sein Sohn Dietrich IV. kriegte mit dem Grasen von Flandern, dem Bischof von Utrecht u. dem Kaiser Heinrich III. u. kam 1049 in Dordrecht um; Florens I., sein Bruder, setzte die Fehde fort u. wurde 1061 ebenfalls getödtet; Dietrich V., sein Sohn, folgte ihm unter der Vormundschaft seiner Mutter Gertruds; deren 2. Gemahl, Graf Robert von Flandern, vertheidigte des Stiefsohnes Recht gegen den Bischof von Utrecht, welcher die Belehnung mit H. vom Kaiser Heinrich IV. sich erschlichen, wurde aber bei Leyden von den kaiserlichen Hilfsvölkern besiegt u. verjagt; nun nahm Graf Gottfried von Lothringen den Titel Graf von H. an, wurde aber 1076 ermordet, u. Dietrich V. kam wieder in den Besitz von H.u. st. 1091. Sein Sohn Florens II. der Fette schloß 1106 ein Bündniß mit Kaiser Heinrich V. gegen Flandern (das erste Mal, wo sich die Grafen, die vormals immer mit den Sachsen gegangen waren, an einen König fränkischen Stammes anschlossen); Florens st. 1122. Sein ältester Sohn Dietrich VI. wurde von seinem Oheim, dem Kaiser Lothar von Sachsen, mit dem Osterund Westergau belehnt; seine Mutter Petronella, welche die Vormundschaft führte, suchte für ihn Vergebens Flandern zu erobern, mußte 1127 u. 1132 mit den empörten Friesen kämpfen, gerieth mit dem Bischof von Utrecht in Streitigkeiten; er selbst zog 1139 nach Palästina u. st. nach seiner Rückkehr 1157. Sein Sohn Florens III. führte mit Flandern einen unglücklichen Krieg, wurde 1168 gefangen und mußte alles Land westwärts von der Schelde von Flandern zu Lehen nehmen, auch Walchercn u. mehrere Scheldeinseln an Fla», dern abtreten. Auch mit den Westfriesen wuch er durch seinen Bruder, den Bischof von Utrecht in unglückliche Kriege verwickelt; endlich schloß er sich 1188 dem Krenzzng an u. st. 1190 in Antiochien. Sein Sohn Dietrich VII. wurde in einer Fehde gegen den Bischof von Utrecht von dessen Verbündeten, dem Herzog von Lothringen, gefangen u. st. 1203. Auf Verlangen der Stände folgte ihm 'ein Bruder Wilhelm I., obgleich testamentarisch festgesetzt war, daß ihm seine Tochter Ada, Gemahlin ? des Grafen von Loon, folgen sollte; Wilhelm hielt > sich im Besitz der Grafschaft; focht hierauf für England gegen Frankreich, als er aber 1211 j„ der Schlacht bei Bovines gefangen wurde, mit Frankreich gegen England, weshalb ihn der Papst, Englands Bundesgenosse, in den Bann that. Ei machte dann einen Kreuzzug, nahm Damiette in Ägypten u. st. 1223. Sein Sohn F lorens IV. bekriegte den Bischof Otto von Utrecht bis issz, focht dann gegen Groningen u. wurde nach einen, Turnier verrätherisch 1234 getödtet. Ihm folgte sein »jähriger Sohn Wilhelm II., welcher (ISI?) vom Papst zum deutschen König ernannt wurde. , Er führte gegen Margaretha von Flandern glück- l lich Krieg und kam 1256 auf einem Zuge gegen die rebellischen Friesen, indem er mit seinem Pferde in einen Sumpf versank, um (erst 1282 wurde fei» Leichnam ansgefunden). Für seinen zweijährige» Sohn Florens V. führte der Oheim Florens ». i dann der Graf Otto von Geldern die Vormund- ^ schaft. Seit einiger Zeit gehörte Seeland mit zum Besitzthum der Grafen von H. Hierdurch ,nächtiger geworden, bekriegte Florens, mündig geworden, die Westfriesen u. schlug sie 1282 u. ISS?; führte Krieg gegen Utrecht u., mit dem Herzoge von Kleve u. von Brabant verbunden, gegen de» Grafen von Geldern. Mit einem Thcile des Adels uneinig, wurde er in Utrecht durch List 1297 aufgehoben und später ermordet. Sein unmündiger Sohn Johann I., st. schon 1299 in Haarlem, und mit ihm erlosch der Mannesstamm der alle» Grafen von H. DerSohnAdelheids, der Schwester Wilhelms U., Johann von Avesnes, Graf von Hennegau, folgte nun als rechtmäßiger Erbe als Johann II., u. durch ihn wurde H. mit Hennegau vereinigt. Er führte unglücklich Krieg mit Flandern und verlor ^ fast sein ganzes Land, jedoch erhielt er dasselbe durch die Treue seiner Unterthanen u. die Tapferkeit eines natürlichen Sohnes Florens III., Witte van Haamstede genannt, wieder; auch mit de» , aufrührerischen Seeländern kriegte er, diese vo» ' den Flamändern unterstützt, wurdendnrchdieTapfer- keit seines Sohnes Wilhelm mit französischer Hilfe ^ wieder unterworfen; er starb 1304. Sein Soh» Wilhelm III. endigte den Streit mit Flandern ! 1323 mit einem leidlichen Frieden; besiegte 1313 WestfrieSland u. vereinigte es mit seinen Besitzungen. Er gab den Abgeordneten der Städte das ! Recht der Mitwirkung an der Regierung. Als er . 1337 starb, folgte ihm sein Sohn Wilhelm IV, > der 1343 gegen die heidnischen Lithauer zog, nach > seiner Rückkehr Utrecht vergeblich belagerte u. 134b ^ bei Stavoren gegen die aufrührerischen Friesen blieb- Mit ihm st. der hennegauische Mannstamm aus. 399 Holland. H. fiel nun mit Hennegau u. Seeland an Mar- 1 garetha, die zweite Tochter Wilhelms III., Ge- l mahlin des Kaisers Ludwig des Bayern, welche dieser damit belehnte. Nach Lein Tode ihres Gemahls kehrte sie 1349 nach H., das indessen ihr Sohn Wilhelm V. verwaltet hatte, zurück. Diesem, dem ersten Grafen von H. aus dem Hause Bayern, gab sie H. und Seeland gegen Zahlung einer Apanage und Überlassung von Hennegau. Da Wilhelm diese Versprechungen nicht hielt, wollte Margarethe ihm die Regierung wieder entreißen ^ u. hier entstanden die Parteien der Hoeks (lls-mati, d. i. die mit Angelhaken versehenen, so genannt, weil sie spottweise ihre Feinde wie Kabeljaus an ^ Angeln zu sangen versprachen, auch Rothe Mützen), Anhänger der Gräfin Margaretha u. des Adels, u. der Kabeljaus (Lssliatü, weil sie ihre Gegner, wie der Kabeljau die bleiernen Lockfische, verschlingen wollten, auch Graue Mützen genannt), Anhänger Wilhelms, auf dessen Seite fast ganz H. war, die Vertreter der Rechte der Städte. Margarethens Partei siegte zwar in einem Seetreffen bei Beeren 1351, wurde aber bei der unvorsichtigen Verfolgung bei Brielle geschlagen u. gezwungen, nach England zu fliehen. Dort kam eine Aussöhnung zu Stande, worin bestimmt wurde, daß Margaretha Hennegau, Wilhelm aber die übrigen Provinzen behalten, Letzterer auch der Mutter die bedungene Apanage zahlen solle. Nach dem Tode Margarethens 1355 wurde Wilhelm V. 1357 wahnsinnig (st. in Quesnoi 1389) u. nun brach der alte Zwist wieder aus, indem die Kabeljaus Wilhelms V. Gemahlin, Margarethe von Lancaster, als Regentin bestätigt, die Hoeks dagegen Wil- i Helms Bruder, den Bayernherzog Albrecht, zum Ruward (Regenten) haben wollten; Letztere drangen durch, Albrecht wurde Regent und nach Wilhelms Tode Graf von H., Seeland u. Hennegau. Anfangs blieb er in den Streitigkeiten zwischen Hoeks und Kabeljaus neutral, später A aber begünstigte er die Letzteren durch Einfluß seiner Geliebten, Adelheid von Polgeest, welche die Hoeks aus Rache dafür ermordeten. Nachdem Albrecht die Friesen noch besiegt hatte, st. er 1404. Sein Sohn Wilhelm VI. setzte den Krieg gc- i gen die Friesen, die von Geldern und Brabant unterstützt wurden, fort u. st. 1417, nachdem er seine Tochter Jacobäa (Jacqueline), die 1415 ! mit Johann, Dauphin von Frankreich, verheirathet u. seit 1417 Wittwe war, als Erbin von H. eingesetzt hatte. Die Hoeks leisteten dieser Bestimmung Folge, dagegen unterstützten die Kabeljaus den Vatersbruder der Jacobäa, Herzog Johann von Bayern, früher Bischof von Lüttich, dann aus dem I geistlichen Stande geschieden n. setzten denselben in den Besitz von H. Jacobäa heirathete nun den Herzog Johann IV. von Brabant, u. als sie sich von diesem wieder getrennt hatte, den Englischen Herzog Humphrey von Gloucester u. bekriegte mit diesem ihren Oheim und ihren vorigen Gemahl, der ihr Hennegau vorenthielt; sie wurde aber 1423 gefangen u. ihrem Vetter Philipp von Burgund ausgeliefert; zwar entkam sie der Haft, und auch Herzog Johann von Bayern st. 1424 in Haag; i allein der Herzog Philipp von Burgund wurde ! zum Ruward und nächsten Erben der Grafschaft H. u. Seeland erklärt. Noch eine Zeitlang ver- theidigte sich Jacobäa; doch als ihre Heirath mit Gloucester für illegitim erklärt wurde und sie sich heimlich mit einem seeländischen Edelmann vermählt hatte, mußte sie zu Gunsten Philipps von Burgund auf ihre Grafschaft verzichten (1428) u. die Geschichte H-s verschmilzt nun mit der Burgunds. Mit diesem Herzogthnm kam H. durch Maria, Erbtochter von Burgund, an Maximilian von Österreich, dann durch Karl V. u. Philipp II. an Spanien, riß sich mit den anderen nördlichen Provinzen im 16. Jahrh. von Spanien los und hildete eine der sieben vereinigten Provinzen. 1795—1896 bildete die Provinz einen Theil der Batavischen Republik, 1806—1810 des Königreichs H.; über dieses Königreich, welches Napoleon seinem Bruder Ludwig gab, u. welches nach deffen Abdankung 1810 ein Theil von Frankreich wurde, bis es 1813 wieder an das Haus Oranien kam, s. u. Niederlande (Gesch.). Wenzelburger.» Holland, 1) Henry Richard Bassall, Lord H., geb. 23. Nov. 1773, eine der ausgezeichnetsten Persönlichkeiten der neuzeitlichen engl. Aristokratie, einziger Sohn von Stephen Fox, zweitem Lord H. u. Neffe des berühmten Staatsmanns u. Redners, Charles James Fox, in Eton und Oxford erzogen, bereiste dann Europa, lernte in Italien die Gattin Sir Godfroy Websters kennen und mußte nach einem skandalösen Ehescheidungs- proceß dem beleidigten Gatten nach Ansspruch der Geschworenen 6000 Pfund St. zahlen. Später heirathete er sie und nahm ihren Familiennamen Vassall so lange an, bis er 1797 als Lord H. seinen Sitz im Oberhause einnahm, wo er eines der bedeutendsten Mitglieder der Opposition wurde; er sprach gegen den Krieg mit Frankreich, gegen die 'Nationalschuld, gegen die Suspension der Habeas- corpnsacte, drang ans eine Reform der Parla- mentswahl rc. 1802 ging er nach Spanien, um seine Gesundheit herzustellen; 1804 zurllckgckehrt, trat er wieder ins Parlament u. gegen die Tories auf, trug auch daraus an, den Minister Melville in Anklagestand zu versetzen. Unter dem Ministerium Fox wurde H. Siegelbewahrer. 1808 rieth er Spanien gegen Napoleon zu unterstützen, verwendete sich 1814 ernstlich für die Sache der Neger und verlangte, daß man die Negersklaven mehr als bisher geschehen, im Christenthume unterrichten solle. Zur Zeit des Congresses in Wien gegenwärtig, erhielt er wegen sarkastischer Notizen von der österreichischen Polizei die Weisung, die Stadt zu verlassen. 1830 unter dem Ministerium Grey, kam er als Kanzler des Herzogthums Lancaster in das Cabinet, welche Stellung er auch 1835 im Ministerium Melbourne einnahm. Bei der Orientalischen Frage vertrat er mit Clarendon n. Lansdowne die französische Partei u. st. 22. Oct. 1840 in London. Während seiner Lebenszeit war sein Wohnsitz Holland Honse, wo seine ihn fünf Jahre überlebende geistreiche Gattin als leitender Geist glänzte, der berühmteste Tempel des Witzes u. der Gastfreundschaft, dessen sich England rühmen konnte (vgl. Princeß Lichlenstein: Lollanck llonss, Lond. 1873). Er schr. politische Aussätze und Gedichte, übersetzte einige Lustspiele aus dem Spanischen, eine Nachricht von dem Leben u. den 400 Holland - Schriften des Lope de Bega, Land. 1806; Lebensbeschreibung seines Oheims Fox, 1808; gab die, Lloinoirs ok I-orä ValäsZravs, London 1822 heraus; seine §orsiNi rsminisoorwos, London 1850, u. Llom. ob ttzs IViAll ikart^ änrlnA mg- tims, London 1854, 2 Bde., herausgegeben von seinem Sohn Henry Edward Fox Lord H. (geb. 7. März 1802, gest. >8. Dec. 1859); vgl. Moylon, Opinions ob llorä L., as roüoräsä in tiw sonr- nnls ob tlrs Ironss ob I-oräs brom 1797 to 1840, Lond. 1841. 2) Josiah Gilbert, amerikanischer Schriftsteller, geb. 24. Juli 1819 zu Belcher- town im Staate Massachusetts, studirte zuerst Arz neiwissenschaft und ward, nachdem er theils einer öffentlichen Schule vorgestanden, theils an verschiedenen literarischen Unternehmungen sich betheiligt hatte, 1870 Redactenr der bekannten Zeitschrift Leribnsrs Nonbill/ zu Nem-Iork. Schon manche Jahrs vorher hatte er öffentliche Vorlesungen über sociale u. literarische Themen gehalten, zahlreiche Bücher geschrieben und diejenigen didaktischen Charakters unter den: Pseudonym Timothy Titcomb veröffentlicht. Diese Serien enthalten unter anderen: Iwttrss to tlrs xonnA, New-Iork 1858; Oolä boil, ebend. 1859; I-ss- sons in llbs, ebend. 1861, und I-sttsrs to tlrs äonsssss, ebd. 1866. Seine anderen Schriften sind: Histor^ ob Wsstsrn Llassaotmsstts, Spring- field 1855, 2 Bde.; Mrs duz- pntll, eine Novelle, New-Iork 1857; Littsr-srvsst, ein Gedicht in dramatischer Form, ebend. 1858; Mss Wbsrts earoor, eine amerikan. Erzählung, ebend. 1860; iklain tallrs on baiviliar srrbjsots, ebd. 1865; Inbo ob ^.braüam I-inooln, Springfield 1865; Xattra- rina, ein Gedicht, New-Uork 1868; Mrs marbls propirvo^ und andere Gedichte, ebend. 1872, und L.rtllur Bonoioustis, eine Novelle, ebend. 1873. Eine vollständige Sammlung seiner Gedichte veröffentlichte H. unter dem Titel 6aruoreä sbsavss, New-Aork 1873. Bartling. Holland, 1) Benedict von, Pädagog, geb. 16. Dec. 1775 zu Obermedlingen bei Gundel- fiugen, studirte in der Schule der damaligen Reichs- abtei Neresheim, wo er 1792Noviz, 1799 Priester и. 1800 Prof, der Theologie wurde. Nach 'Aufhebung der Neichsabtei 1802 als Professor der Logik u. Physik an die Universität Salzburg berufen, gründete er 1803 das Lyceum Carolinum zu Neresheim, trat 1806 als Professor der Philosophie u. Direktor des Seminars zu Neubnrg an der Donau in bayer. Dienste, reörganisirte 1811 das heute noch im Volksmund nach ihm benannte к. Erziehungsinstitut zu München, welchem derselbe als Direktor (auch als Erzieher des Herzogs Maximilian in Bayern) bis 1824 Vorstand; dann Oberstndienrath, 1826 in den Ruhestand, st. 18. Juni 1853. Ein seiner Zeit berühmter Pädagog n. Humanist, ausgezeichnet durch sein organisatorisches Talent. Auch Musiker n. Dichter. Von seinen zahlreichen gedruckten Reden verdient hervorgehoben zu werden die 1804 Epoche machende Schrift: Was fordert der Geist der Zeit von den höheren Lehranstalten? Sein umfangreicher Nachlaß von Dichtungen, Memoiren rc. noch nngcdrnckt. Vgl. Beda Srnbenvoll, Äesch. des k. Erziehungs-Jn- stilutesfürStudirende(H-schesJnstitut)inMUnchen, — Hollar. 1874, S. 329—385. 8) Wilhelm Ludwig, Germanist und Romanist, geb. in Stuttgart ii.' Aug. 1822, studirte in Tübingen u. Berlin, arbei-' tete noch ein Jahr in Paris, habilitirte sich 1847 als Privatdocent in Tübingen u. erhielt hier später eine Professur. Schriften: Bruchstücke aus der Chronik des Alfonso de Palencia, Tübing. 185g; Meister Altswert (mit Keller), Stuttg. 1850; Cre- stien von Troies, eine literaturgeschichtliche Untersuchung, Tübing. 1854; Schauspiele des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig, Stuttg. 18S5; 1>a, estorla cks los sists inkantss äs Imra, Tüb. 1860; Buch der Beispiele der alten Weise», Stuttgart 1860; Chretiens (Lsvalisr än Lgw», Hannover 1862; Ausg. von Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung u. Sage (mit Keller u. Pfeiffer), Stuttg. 1865—73; Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans, das. 1885 bis 1875, 3 Bde.; Kritische Ausgaben von Uhlands poetischen Werken, zuletzt 1876. 2) Zimm-rm-nn. Holländer (Holländisches Geschirr, Cylinder),in Papierfabriken Maschine zur Zerkleinerung LerLum- pen u. deren Überführung in Halbzeug (Halbzeug- oder Halb-H.) n. in Ganzzeug (Ganzzeng-, Fein- zeug- oder Ganz-H.). Der H. besteht aus einem länglichen Kasten aus Stein oder Eisen, der an den Enden abgerundet ist u. eine Längenwand enthält, welche die Seitenwände aber nicht erreicht. Zwi- scheu der Mittel- u. einer Seitenwand dreht sich eine mit Messern besetzte Walze ca. 150 mal in der Minute über feststehenden Messern (Grundwert). Füllt man den Kasten mit Wasser und Lumpen, so geräth die Masse in eine circulirende Bewegung und es werden die Lumpen bei ihrem Durchgänge zwischen Walze und Grundwert zerkleinert. Der H. faßt bis 75 Lumpen u. verarbeitet per St. bis 15 ir§ zu Halbzeug. Sollen die Lumpen gleichzeitig gewaschen werden, läßt man fortwährend frisches Wasser zufließen, während an einer anderen Stelle das Schmutzwasser durch eine Siebeinrichtung (meist rotirendes Cylindersieb) abfließt. In neuerer Zeit verwendet man auch Ceu- trifugal-H. aus verstähltem Eisen, die ähnlich wirken wie Mühlsteine. Meseler. Holländerholz (Holländerbalken), die schweren Eichen- und Nadelholzstämme, welche aus dem Spessart, Schwarzwald rc. in Flößen auf dem Rhein nach Holland tranSportirt u. dort bes. zum Schiffbau verwendet werden. Holländerin, Wasserschöpfmaschine, besteht aus Hebeschauseln, welche von einer Windmühle in Be- ! wegung gesetzt werden. k Holländische Literatnr, s. Niederländische Literatur. ^ Holländische Malerei, ein Zweig der Niederländischen Malerei, welcher hauptsächlich das niedere Genre, die Landschaft u. das Stillleben cultivirte; s. Niederländische Malerei. Holländische Sprache, so v. w. Niederländ. Sprache. Hollandsdiep, Mündungsarm der Maas, s. d. Hollar, WenzelH. vonPrachna, berühmter böhm. Kupferstecher und Radirer, geb. 1607 zu Prag, gest. 1677 in London. H. bildete sich unter Merian in Frankfurt a. M., begleitete 1635 von Köln ans den Grafen Arnndel über Prag und 401 Holle — Höllenmaschine. Men nach England u. wurde 1640 Zeichenlehrer ! des Prinzen von Wales, entzog sich den politischen i Unruhen, indem er sich 1645 mit dem Grafen Arnndel nach Antwerpen begab, kehrte 1652 nach England zurück u. ward nach langer Noth Zeichner- Karls II., ging in dessen Auftrag nach Tanger in Afrika, um die Festung aufzunehmen, u. 1673 nach NEngland, um dort mehrere Städte anfzu- nehmen. Seine Blätter sind meist radirt; er arbeitete nach Holbein, P. Veronese, Tizian, Correggio, Mantegna, Giulio Romano rc., aber die ! Hälfte seiner Blätter nach der Natur oder nach eigenen Zeichnungen. Bon 3000 Blättern stach er 24 nach Deutschen, 49 nach Niederländern, 21 nach Italienern, 4 nach Franzosen, 28 nach Engländern u. 3 nach Unbekannten, was in 52 Jahren für jedes Jahr 60 Stiche oder mehr als 1 in der Woche ergibt. Er bediente sich vorwiegend der Radirnadel. Am trefflichsten von seinen Radirungen gelangen ihm die Landschaften. Regnet. Holle (Holde, Holda, Hulda), ursprünglich ein in Hessen und Thüringen üblicher Beiname der mütterlichen Erdgöttin, welcher dieselbe als die holde, gnädige Göttin u. Frau bezeichnet u-, da sie mit Frigga zusammeufällt, auch Friggaholda heißt. Sie wird dargestellt als eine Frau von wunderbarer Schönheit, und von ihrem L-cheitel wallt ein Schleier über den Rücken. Ihre Wohnung hat dieselbe in unbeschreiblicher Pracht und Herrlichkeit in den Tiefen der Brunnen u. Seen od. der Berge. Zur Mittagszeit konnte man sie in stillen Seen badend, auf den Gipfeln der Berge Flachsknollen trocknend oder spinnend sehen. Aus mannigfache Weise spendet sie den Menschen als mütterliche Göttin Huld n. Gnade. In den Zwölften jeden Monats zieht sie auf ihrem Wagen im Lande umher u. segnet die Felder, der ihr heilige Storch verkündet den kommenden Frühling, die Zahl der Punkte des ihr heiligen Marienkäfers zeigen den Ausfall der Kornernte an, sie spendet befruchten- den Regen, und erscheinen nach demselben lichte Lämmerwolken am Himmel, so sagte man, Frau H. treibe ihre Lämmer ans; im Winter schützt sie die Saat mit einer Schneedecke, daher man beim Fallen des Schnees sagte, Frau H. klopfe ihre Betten aus. Bes. läßt sie sich Len Flachsbau angelegen sein, und die fleißigen Spinnerinnen er- ! hielten bei ihrem Umzüge von ihr Geschenke, die ! jaulen aber schwere Strafen. Auch sie war eine ! Göttin der Liebe; als solche mar ihr die Linde - heilig; sie empfing im 15. Jahrh. den gelehrten Namen Venus. Von ihr ging auch der Ehesege» ' aus, die nngeboreuen Kinder weilten in ihrem Brunnen, von wannen sie durch den Storch sie l der Mutter sandte. Unfruchtbare Frauen badeten ^ sich in ihrem Brunnen, der auch verjüngende i Kraft hatte. Wie die Kinder von ihr gekommen waren, so kehrten die gestorbenen auch wieder zu ihr zurück. Auch lebende Helden (wie Tannhänser), ! sowie verstorbene fanden in ihrem Bcrgpalast > Freude und Wonne. In dieser Eigenschaft als Todesgöttin erscheint sie mit den bei ihr weilenden Todten auch an der Spitze des wllthenden Heeres, I dem aber Ler getreue Eckhardt warnend voranschreitet. Die christliche Zeit übertrug ihr holdes, gnädiges Walten auf die Jungfrau Maria, stellte PiererL Umverfal-Coiwersations-Lexikon. L. Luft. X. ! aber die unauslöschlich im Volksglauben fortlebende Göttin selbst als alt u. häßlich dar, mit langer Nase, großen Zähnen n. struppigem Haar. Vgl. Berchta u. Deutsche Myth. 'Raßmami. Hölle (im Alt- und Mittelhochdeutschen bslla, boilv) ist nach alttestamentlicher, mit der griechischen ziemlich identischer Vorstellung (wcßhalb das hehräische Scheol von den OXX richtig mit Hades wiedergegeben wurde) der unterirdische Aufenthaltsort für die abgeschiedenen Seelen, die daselbst ein unkräftiges, unwirkliches Traum- u. Schattenleben führen n. die nie aus diesem Zustande her- auskommen, ohne daß ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Loose der Guten n. Bösen besteht. In den alttestamentlichen Apokryphen u. im N. T. herrscht die Vorstellung, daß die H. nur vorläufiger Aufbewahrungsort der Abgeschiedenen ist, n. zwar mit Trennung der Guten und Bösen. Letztere gehen mit der Todtenerweckung und dem jüngsten Gerichte in die eigentliche H., Geenna (vom Thal Hinuom bei Jerusalem, das als Ort der Kinderopfer zu Ehren Molochs Gegenstand des höchsten Abscheues war) über zu nie endender Pein. Letzte Vorstellung hat die christliche Dogmatik aller Confessionen festgehalteu, die katholische Kirche, indem sie durch ihre Lehre vom Fegfcner, verschiedene Parteien in der evangelischen Kirche, indem sie durch Annahme einer endlichen Wieder- bringung aller Verlorenen den Gedanken ewiger H-nstrafen milderten. Vergl. Öhler, Vst. tsot. sontentia cks rsbus post inortsm knturis illustrativ., Stuttg. 1846; Böttcher, Os inksris ro- busgns post inortsm iuturis sx Osbrasorum et Oraseorum opinionidus, Dresden 1846. Löffler. Holledau (Hallertau), Landschaft im Bez.-Aml Freising des bayer. Regbez. Oberbayern, zwischen Amper, Ilm, Donau, Abens u. den Moosburg- Landshnter Jsarhöhen, hat einen hügeligen Boden, der ein Gemisch aus Sand u. Lehm enthält und ans dem der Hopfen ausgezeichnet gedeiht (25,000 Ctr. jährlich). Außerdem wird viel Roggen u. Hafer gebaut. Höllcn-Breughel, so v. w. Brueghel 2 ). Höllenfahrt Christi, s. u. Jesus Christus. Höllengebirge, Gebirgsgruppe des Salzkam- mergutcS im Erzherzogth. Österreich ob der Enns, zwischen den slldl. Enden des Atter- u. Trannsees, mit dem Großen Höllkogl (1753 m) n. dem Kra- nabitsattel (höchste Spitze desselben der 1622 m hohe Feuerkogl); auf letzterem eine der herrlichsten Aussichten über das Salzkammergut u. die Steierischen Alpen. Höllenmaschine, mit Sprengstoffen geladene und behufs der Explosion mit Lunten od. einem auf einen bestimmten Zeitpunkt gestellten Uhrenschlagwerk versehene Vorrichtung, theils zur Zerstörung von Brücken, Festungswerken, Schiffen, theils zur Tödtung von Menschen rc.; für erstcren Zweck hatte man früher eine Art schwimmender Minen, den Brandern ähnlich. Eine solche wurde von dem Kriegsbaumeister Giambelli 1585 bei der Belagerung von Antwerpen gegen die Schelde- sperruug in Anwendung gebracht; dieselbe richtete bei der Explosion eine große Verheerung au u. brachte über 500 Menschen zu Tode (vergl. die Belagerung von Antwerpen in Schillers Gefch. Sand. Zg 402 Höllenstein — Holmes. des Abfalles der Niederlande). In neuerer Zeit ist von Gaunern wiederholt der Versuch gemacht worden, Schiffe, auf denen sie werthlofe Maaren zu hohen Prämien versichert hatten, durch H-n in den Grund zu bohren. Ein solcher Versuch wurde vor etwa 5 Jahren in Bordeaux vereitelt. Eine mit Dynamit geladene und mit einem Uhrschlagwerk versehene H., welche der Amerikamer Keith, gen. Thomas, im Dec. 1875 in Bremerhafen zu gleichem Zwecke ans einem Dampfer einzuschmuggeln suchte, explodirte am 11. dess. Mts. beim Einladen durch unbekannte Ursache, wahrscheinlich Lurch einen Stoß, u. tödtete über 100 Menschen. Eine andere Art von H-n sind die sogen. Kohlen- bomben, messingene, von außen kohlenähnlich geschwärzte Kapseln, die unter die Feuerungskohlen von Dampfern gesteckt werden, um beim Stochen unter die Kessel zu gelangen u. diese und so das ganze Schiff zur Explosion zu bringen. Von Vorrichtungen gegen Menschenleben sind bes. bekannt in Frankreich die H., womit Bonaparte 24. Dec. 1800 Abends auf dem Wege von den Tuilerien in die Oper in die Luft gesprengt werden sollte; u. die Maschine, durch welche Fieschi den König Louis Philipp 28. Juli 1835 auf dem Loulsvarä üu lkompls tödten wollte. Zu den H-n gehören auch die Torpedos (s. d. A.). Schrsot. Höllenstein (I-apin inksrnalin, ^rxeutuiu rütrionin kunum, Ätzsilber), geschmolzenes, salpetersaures Silberoxyd; die noch flüssige Masse wird in eine mit Talkpulver ausgestäubte Form (H-form) zu dünnen Stängelcheu gegossen. Der H. ist ätzend u. färbt die Haut u. alle organischen Stofse schwarz, dient in Auslösung zum Zeichnen der Wasche, zu welchem Behufe die zu zeichnende Stelle vorher mit kohlensaurer Natronauslüsnng u. Gummi bestrichen u. geglättet sein muß. Der H. wird als Ätzmittel zu Einspritzungen, sowie als innerliches Arzneimittel angewandt; bei lange fortgesetztem Gebrauche färbt sich die Haut violett. Höllenthal (Höllenpaß), Gebirgsthal des Schwarzwaldes im bad. Kreise Freiburg, eine tiefe u. schaurigschöne Einsenkung, welche sich längs dem Rothbache Lurch das prächtig bewaldete Gebirge zieht und deren schönster u. wildester Theil an dem wie eine Nadel aufragenden Felsen Hirschsprung ist. Oberhalb u. fast auf der Scheide liegt das Posthaus (626 in hoch), die Kirche St. Oswald und das Sternenwirthshaus (727 w), der gewöhnliche Ausgangspunkt der nach dem Feldberg Reisenden. Die Straße (Höllenpaß) ward 1770 von Österreich gebaut, als Maria Antoinette zum verhängnißvollen Ehebunde nach Frankreich zog, u. auf derselben vollzog Moreau 1796 seinen berühmten Rückzug. Der westliche Ausgang heißt das Himmelreich. H- Berns. Höllenthor, so v. w. Hell Gate, s. u. New-Uork. Höllenzwang, ein angeblich von Faust (s. d.) herrührendes Zauberbuch. Holleschau, Stadt, so v. w. Holeschau. Hollfeld, Stadt im Bez.-Amt Ebermannstadt des bayer. Regbez. Oberfranken, an der Wiesent; Bierbrauerei, besuchte Märkte; 1041 Ew. H. wird schon 1017 erwähnt. Hollidahsburg, Sitz des Blair County im Nordamerika!!. Unionsstaate Pennsylvanien, am Juniata River; Pennsylvania-Kanal u. Eisenbahn- ; station; Fabriken, Handel; fruchtbare Umgegend ! mit Steinkohlen- n. Eisenlagern; 3000 Ew. ' Hollunder, 1) gemeiner (Aalshornbaum), ist Faiubuous nigra; 2) rother, ist 8. racoinosa; 3) ^ Attich- od. Zwerg-H. ist 8. Lbnlus; 4) (Flieder), ! s. unter 8^ringa. ^ Holly Springs, Sitz des Marshall County im Nordamerika!!. Unionsstaate Mississippi, an der Mississippi-Centralbahn; verschiedene höhere Lehranstalten; 2406 Ew. Holm, eine in den germanischen Ländern HLu- fig vorkommende Bezeichnung für Werder, Insel u. Fclseneiland. ! Holm, Verbandstllck zur oberen horizontalen ! Verbindung eingerammter Psahlreihen, auch bei ! Jochen hölzerner Brücken. i Holmes, Counties in den nordamerik. Union-- ^ staaten: 1) in Florida, unt. 31° n. Br. u. 88« w. L.; 1572 Ew.; Conntysitz: Cerro Gordo; 3) in Mississippi, u. 33° n. Br. u. 90° w. L.; 19,370 Ew.; C-sitz: Lexington; 3) in Ohio, u. 40° n. Br. u. 82" w. L., 18,177 Ew.; C-sitz: Millersburgh. Holmes, Öliver Wendel!, namhafter nord- amerikanischer Schriftsteller, geb. 29. Aug. 1803 zu Cambridge in Massachusetts; studirte zuerst die Rechte, dann Mcdicin und nahm 1832 zu seiner ^ ärztlichen Ausbildung einen längeren Aufenthalt in Europa, namentlich in Paris. Nachdem er , 1836 den Doctorgrad erhalten, ward er 1838 ! zum Professor der Anatomie und Physiologie im Oarmoutli OollsZs berufen, und 1847 erhielt er denselben Lehrstuhl im mediciuischen Collegium der Harvard Universität. Schon als Student hatte er durch Vorlesen seiner Gedichte die Aufmerksamkeit als Dichter auf sich gezogen, die seit ihrem ersten Erscheinen in gesammelter Form manche Auflage erlebten, zuletzt unter dem Titel: 8ungs ok mauz- SSU 80 N 8 , 1862—74, Boston 1875. Auch für die periodische Literatur seines Landes lieferte er zahlreiche Beiträge, u. 1857 begann er in den in Boston erscheinenden ^-tlantio Llontlil^ eine ! Reihe von Artikeln unter dem Titel: Mio ants- , orat ok bös drsalckant tadls, die ein Jahr lang ! fortgesetzt wurde u. eins der glänzendsten Ereig- ^ nisse in der zeitgenössischen Nordamerika!!. Literatur ^ war. Ihr folgten: iklis proksnnor nt tlw droaic- > kant tadls, 1870, u. Mas post nt tds breatkast ! tadle, 1872. Als humoristischer u. ernster Lyriker > und Liederdichter gehört H. zu den besten seines § Landes, u. von seinen patriotischen Gedichten wer- ^ den die feurigen Verse seiner OIck ironniäss gewiß lange leben, u. sein an Humor und PathoS reiches Last lenk wird nicht leicht in Vergessenheit gerathen. Auch als Lehrer war er erfolgreich ^ u. zeichnete sich durch seine Forschungen auf dem ! Felde der Auscultation u. Mikroskopie aus. 1838 i veröffentlichte er drei Lolxston xriro äisssrtations, ' 1842 Leeturss on domoooxatd^ anä its Lin- ! ckrscl cislusionn, 1848 einen Lsport on moäieal i iitoratnro in den Mannaotions ok tds National i Nsclioal 8ooiotx; ein Pamphlet über Puerperal- ! fiber u. im Verein mit Dr. Jacob Bigelow eine Edition von Halls lklisor/ auck praotlos ok ms- ckioins. Seine jüngsten Werke sind: Ourrsnts anä oouutsrourronts in moäloal soisnos, 1861; LIsis Holmsland - VEsr, s, romanoe ok ässkin/, 1861,2 Bde. u. ö.; 8o°Zs in man/ Ls^8, 1864; 8ounäinZ8 Irom tds ^.tlanbio. 1864; Mis Anuräi-rn anZsl, ein Roman, 1868 u. ö., u. ülsoimnism in tdouAlrb -mä morals. 1870. Bartling. Holmsland, dänische Insel im Rinkjöbingfjord der Nordsee, an der WKllste Jütlands, mit fruchtbarem Boden u. 1920 Ew. Holoedrisch (gr.), so v.w. vollflächig, s.Krystall. Holofernes, Holophernes, Feldherr Nebuka- dnezars, wurde bei der Belagerung Bethulias von Judith ermordet; s. u. Judith. Holographisch (v. Gr.), ganz eigenhändig geschrieben; HoloArapIium tesbamontnin, ein durch- I weg eigenhändig geschriebenes Testament, s. d. 1 Holostericbarometer, s. u. Barometer. ! Holothnrien, Seewalzen, Holotdnroiäsn, ) Klasse der Stachelhäuter. Körper meist walzen- ! förmig, Haut lederartig runzelig od. glashell und mit Kallkörperchen in Form von Schüppchen, Stacheln u. Ankern durchsetzt. Die oft verküm- i merken Saugsüßchen in 5 Längsreihen oder auch zerstreut; Mund und Aster liegen an den Enden i des Körpers sich gegenüber. Der Tentakelkranz um den Mund wird von zerschlitzten, blattartigen Fühlern gebildet. Ein aus 10—15 Kalkplatten '! gebildeter Schlnndring dient den Längsmnskeln ! zum Ansatz u. als Stütze für das Wassergefäß. ! system. Farbe dunkelbraun und röthlich. Größe variirt von 1 mm bis 60 om. Träge, meist in seichten, ruhigen Meerestheilen sich aushaltende , Thiere, welche theils durch die Saugsüßchen, theils vermittelst des Mnndsiihlerkranzes, theils auch durch wurmförmige Bewegungen des Körpers sich sortbewegen. Die Nahrung besteht in niederen Seethiereu. Vorzüglich zahlreich sind sie in der Slldsee vertreten. Die 270 bekannten Arten ver- theilcn sich auf verschiedene Familien u. Gattungen. Die Arten der Gattung Hoiobimria, besitzen kurze Saugsüßchen, welche aus Hautspalten hervortreten. ! 8. eciulis, Trepang, wird in den ostasiatischen Gewässern in Masse gefischt und nach China als stärkendes Reiz- u. Nahrungsmittel in den Handel gebracht. 8. euoumuriu, Seegurke, findet sich an der engl. Küste. Die Haft- ob. Wurm- I walzen, Lzmapta,, besitzen keine Saugsüßchen, i ihre Körperhaut ist rauh durch eingelagerte Kalk- t anker; sie leben in Schlamm u. Sand. Farwick. » Uolsatis, lateinischer Name für Holstein, t Holst, Hans Peter, dänischer Dichter, geb. ? 22. Oct. 1811 in Kopenhagen; war erst Lehrer 8 an der Land- u. See-Akademie, darauf eine Zeit > lang Nedactenr der Berlingischen Zeitung, dann 8 später Jnstructor am königl. Theater u. gibt seit ü 1868 die Zeitschrift Ror Romantik üss Nwtoris z heraus. Von seinen Arbeiten nennen wir Oäo- u aoedino, Drama, Kopenh. 1844; 8clo o§ Hssmme, u Reiseerinnernngen, cbd. 1843; Don Ms 8orn- st dläser, patriotisches Gedicht, ebd. 1849; viele ü lyrische Gedichte (nicht gesammelt). «- » Holste, Lukas, s. Holstenius. i Holstein, ehemaliges, bis 1864 zu Dänemark ? gehöriges Herzogthum in RDcntschland, bildet seit ö 1866 den südl. Thcil der preuß. Prov. Schles- 1 wig-Holstein (s. d.), umsaßl die 4 alten Land- schajten Stormarn, Holstein, Wagrien und Dith- — Holstein. 403 Marschen, sowie die Herrschaft Pinneberg und die Grafschaft Ranzau. Es wird begrenzt von der Eider, Ostsee, dem oldenburg. Fürstenthum Lübeck, dem Lübeckschen Gebiet, dem Herzogthnm Lauen- bnrg, dem Hambnrgischen Gebiet, der Elbe und der Nordsee, schließt kleine Theile des Hamburg- ischen Gebietes ein und enthält 8820,5, Uficm (160„g sü'M) mit (1875) 620,384 Cinw. Seit 1866 ist H. in 11 Kreise eingetheilt. H- Berns. Holstein (Gesch.). In H. wohnten anfangs Harnder, deren Name vielleicht gleichbedeutend mit Holsten oder Holtinger (d. i. Waldbewohner) ist; das Land hieß daher Holtseduland (Holzsassenland); im Mittelalter hieß H. Nordalbingia od. Laxonia tranbalbiana. Karl der Große besiegte die hier wohnenden Sachsen und 811 im Frieden trat ihm Hemming, König der Dänen, H. bis an die Eider ab. Karl verpflanzte 10,000 der nnruhigsten Familien von H. nach Brabant, Flandern, Holland und dem Innern von Deutschland, ersetzte sie durch deutsche Colonisten u. bildete aus den Eroberungen die Nordalbingische Mark, welche er mit dem Herzogthum Sachsen verband. Wagrien überließ er der slavischen Völkerschaft der Abodriten, die sich noch lange unabhängig erhielten. Bei der Schwäche der Nachfolger Karls war die Mark aber häufige» Einfällen der Dänen und Wenden ansgesetzt, bis endlich der sächsische Kaiser Heinrich I. die verfallene Mark zwischen Eider n. Schlei wiederherstellte 934. Aber 1027 überließ Kaiser Konrad II. dieselbe an den dänischen König Kanut d. Gr. und bildeten nun die Eider und die Leveniau die Nordgrenze H-s. Wagrien war schon durch Otto d. Gr. unterworfen u. dort 947 das Bisthum Oldenburg errichtet worden, jedoch bei dem Widerstand des Volkes verlieh Kaiser Lothar dasselbe als deutsches Lehn an den Herzog Knut La- ward von Schleswig, König der Abodriten, mit dessen Tod 1131 das Heidenthum dort Mieder sich erhob. Die drei anderen Bestandtheile des Her- zogthnms Sachsen bildenden Gaue, Stormarn, H. ».Dithmarschen betr., so gehörte letzteres zur Grafschaft Stade, mit der es an das Erzbisthnm Hamburg-Bremen kam, während die beiden anderen durch Vsiegrafe» im Namen des Herzogs von Sachsen verwaltet wurden. Als solcher Bicegraf erscheint der 1106 vom Herzog, später KaiserLothar, ernannte Adolf III. von Schauenburg. I. Der «Lchauenbnrgische Stamm in H. Adolf I. (III.) beherrschte H. bis 1133. Unter Adolf II., seinem Sohne, kommt der Name 8ol- satüs, (H.) 1141 in einer Urkunde des Erzbischofs Adatbert von Hainburg zuerst vor. Adolf II. wurde, als sein Lehnsherr, Heinrich der Stolze, in die Acht erklärt worden war, von Albrecht von Brandenburg 1138 H-s u. Swrmarns beraubt, erhielt es aber, um Wagrien vermehrt, 1139 wieder. Gegen Heinrich Len Löwen unglücklich, diente er ihm dann gegen die Wenden und baute die zer- störte Stadt Lübeck wieder 1143 aus, welche er nachher an Heinrich den Löwen abtrat. Er st. 1164. Sein Sohn Adolf III. entzog sich beim Sturz Heinrichs des Löwen der sächsischen Lehn- barkeit ganz, wurde aber 1201 in einem seiner Kriege mit König Kanut VI. von Dänemark, be> Itzehoe besiegt, gefangen u. durch seinen Stiefbru 26 * 404 Holstein. der. Albert von Orlamünde, ersetzt; dieser eroberte 1216 Hamburg, erhielt von Waldemar II. die Stadt für 700 Mark Silber, verkaufte ihre Freiheit und Gerichtsbarkeit um 1500 Mark, die er anivendete, um den König Waldemar II. aus der Gefangenschaft zu befreien, wurde aber selbst vom Grafen von Schwerin gefangen und verlor 1225 H. Adolf IV., Adolfs III. Sohn, erhielt H. mit allem Jugchör außer Lübeck, Lanenburg u. Rendsburg wieder; er schlug König Waldemar II. 22. Juli 1227 bei Bornhüvede, worauf er sich von Dänemark befreite und nun im Besitze von H., Stör- maru und Wagrieu blieb, während Dithmarschen ebenso wie die Haseldorser Marsch an der Elbe unter Bremischer Oberhoheit stand. Er bekriegte 1235 im Bunde mit Dänemark Lübeck, entsagte aber 1238 für 5000 Mark Silber allen Ansprüchen auf Lübeck, überließ 1239 seinen Söhnen Johann I. u. Gerhard I. die Regierung, wurde Francis- caner u. st. 1261 im Kloster. L.) Linie Holstein-Kiel. Johanni. (1239 bis 1263), melcher Wagrien u. Kiel gewählt hatte, erhielt 1252 Rendsburg wieder, nahm 1261 in der Schlacht ans der Loheide den König Erich V. von Dänemark gefangen n. starb 1263. Sein älterer Sohn, Johann II. der Einäugige, wurde 1301 von seinen Söhnen Adolf u. Nikolaus gefangen n. blieb in Hast bis zu seinem Tode 1316. Sein Sohn Adolf VI. (Adolf V., Johanns II. Bruder, war schon 1308 gest.), erhielt Scgeberg zu seinem Theil, wurde aber von Hartwiq von Reventlow, dessen Verwandte er zur Geliebten hatte, 1315 ermordet. JohannIII. der Freigebige, sein Stiefbruder, Herr aus Lolland, Falster u. Feniern, st. 1359, u. mit seinem einzigen Sohne, Adolf VII., erlosch 1390 die Kieler od. Wagrische Linie. L) Linie Holstein-Rendsburg. Gerhardl., jüngerer Sohn Adolfs IV., erhielt 1263 das eigentliche H., nahm seine Residenz in Rendsburg, st. 1281, u. seine Söhne Heinrich u. Gerhard theiltcn; die jüngere Linie Gerhards II., Schauenburg- Pinuenberg, st. 15. Nov. 1640 mit Otto VI. aus; die ältere stiftete Heinrich I., st. 1310; Ger- hard (Gert) V. der Große, sein Sohn, kriegte glücklich mit den Dithmarschen, mit Dänemark n. mit seinem Vetter Johann III. von Kiel. Er wollte die Unterwerfung der Dithmarschen nicht annehmen, doch in der Kirche zu Oldenwerder, welche Gerhard anzündete, eingeschlossen, machten sie einen Ausfall, schlugen Gerhard und blieben frei. 1317 erwarb er die Besitzungen der Wagrischen Linie, besiegte 1329, als Bundesgenosse Waldemars von Schleswig, den Dänenkönig Christoph II., und seinen Sohn Erich, wurde Regent, machte Waldemar III. zuni König von Dänemark und erhielt von diesem dafür Schleswig als Herzog von Jütland als rechtes Erblehen unter der Bedingung der Oouskitutüo VValäsiuarlans, von 1320, daß Schleswig u. Dänemark nie Einen Herrscher haben sollten. Nach einem nochmaligen Sieg über Christoph u. dessen Gefangennahme erhielt er Nord- Jütland u. Fünen; auch gegen Christophs Sohn, Otto, kämpfte er 1334 bei Wiborg siegreich, wurde aber bei einem neuen Krieg mit ihm 1340 in Jütland von Niels Ebbeson ermordet. Seine Söhne Heinrich II. der Eiserne u. Klaus regierten gemeinschaftlich u. blieben, glücklich gegen Dänemark u. Schweden, im Besitze vieler Plätze in Jütland u. Seeland, sowie Kalmars. Heinrich schlug 1362 die angetragene schwedische Krone aus, zog 1379, vom Papst zu seinem Feldherrn j» Apulien bestellt, nach Italien u. starb dort 1381. Klans regierte nun allein, beerbte 1390 die Kieler s Linie, fand die Erbansprüche der Grasen von Schauenburg mit den Ämtern Pinncnberg, Hartborg u. Barmstädt ab, n. st. 1397. Heinrichs II. Kinder, Gerhard VI., seit 1386 von Dänemark mit Schleswig belehnt, Albrechtu. H einrich lli. folgten. Während des Streites um die Erbschaft fielen Albrecht 1403 u. Gerhard VI. 1404 gegen die Dithmarschen, und Heinrich III. 1402—4 Bischof von Osnabrück, übernahm die Vormundschaft über Gerhards Söhne Heinrich IV. (III.), Adolf VIII. u. Gerhard VII. und vertheidigle diese gegen Margaretha von Dänemark u. deren Nachfolger Erich, welche den Unmündigen des Vaters Lehen, Schleswig, wieder nehmen wollten. 1418 mündig geworden, übernahm Heinrich IV. Schleswig u. vertheidigte sein Besitzthum mit Hilfe der Hansestädte, blieb aber 1427 vor Flensburg durch MörLerhand. Ihm folgte sein Bruder Adolf VIII., unter welchem 1435 die Streitigkeiten mit Dänemark beigelegt wurden. Auch schlug er 1440 die dänische Krone aus, u. mit ihm erlosch > 4. Dec. 1459 das Geschlecht der Schanenburger im Mannesstamm in H. u. Schleswig. Übrig war aus dem Geschlecht noch Hedwig, Tochter Gerhards VI., GemahliudesGrasenDietrichFortunatus von Oldenburg u. deren Sohn, Christian von Dänemark, wählten nun die Stände. II. Der Oldenburger Stamm in Holstein. Christian, schon seit 1448 König von Dänemark, kaufte den successionsberechtigteu Grafen von Schauenburg 1460 mit 41,500 rhein. Gulden ihre Ansprüche ab, u. seine Nachkommen erhielten, als die Grasen von Schauenburg 1640 ausstarben, nebst den Herzogen von H. deren Erbe. Christian I. versprach, daß Schleswig u. H. ewig zusammen n. ungetheilt bleiben sollten, u. sicherte dem Lande seine Freiheiten und Rechte, erwarb für H. vom Kaiser Friedrich III. 1474 die Herzogswürde und bestimmte, oa Schleswig u. H. niemals mit Däne- ^ mark vereinigt werden dursten, seinen jüngsten Sohn ! Friedrich zum Herzog von H. u. Schleswig, was jedoch nach seinem Tode 1481 sein Nachfolger in Dänemark, Johanni., nicht zugab; Johann ^ zwang Friedrich 1490 zum Goltorpschen Vergleich, ! worin bestimmt wurde, daß Friedrich nur Gottorp j u. einen Theil von H. erhalten, dagegen Prälaten, Ritterschaft, Schulden, Rechtsansprüche an Hamburg rc. gemeinschaftlich bleiben sollten. Johanni., ein halb toller Fürst, st. 1513; als sein Sohn Christian II. von den Ständen 1523 der Krone Dänemarks für verlustig erklärt worden war, wurde sein Oheim, Herzog Friedrich von H., als Friedrich I. zum König erwählt, und somit bestieg die Linie Gottorp den dänischen Thron. Friedrich I. ; st. 1533. Drei Söhne (der vierte war mit einem ! geistlichen Stift Schleswig, dann Hildesheim, abgefunden worden) theilten 9. Aug. 1544 die Herzog- thümer, der König Christian III. erhielt den Sonderburger Antheil; der zweite Sohn, Johann (die Holstein. 405 Haderslebener Linie), Rendsburg u. Tendern rc.; der dritte, Adolf, Gottorp. Die Regierung blieb gemeinschaftlich. Als Johann 1580 starb, theilte Adolf mit seinem Neffen König Friedrich II. den iS. Sept. 1581 zu Flensburg, n. die beiden Linien, H.-Dänemark und H.'Gottorp, schieden sich nun dauernd. X) Die ältere Holstein-Dänische od. königliche Linie, auch Glückstädtische Linie, erhielt in Schleswig: Hadersleben, die Inseln Alfen u. Aröe, Sundewitt u. Glücksburg; in H.: Rendsburg, Segeberg, Wilster und Kleinster, Marsch, Itzehoe, Plön, Heiligenhafen, Steinberg, die Klöster Neinseld u. Ahrensboek, sowie die südliche Hälfte von Dithmarschen; sic zerfiel schon unter Friedrich II. in zwei Äste, indem dieser König mit seinem jiin- j geren Bruder Johann 1564 Flensburg theilte; ! hierdurch entstand die königliche Haupt- und die (apanagirte) H.-Sonderburgische Nebenlinie. ! a) Die königliche H auptlinie wurde gestiftet ! von Friedrich II. (starb 1588), und erlosch im ! Mannesstamm mit Friedrich VII. 15. Nov. 1863, ! s. Dänemark (Gesch.). b) Die herzogliche Nebenlinie H.-Son- > derburg, gestiftet 1564 durch Friedrichs II. Bru- ' derJohann, hatteSonderbnrg,Norburg,Glücksburg u. Plön, nebst dem Kloster Ahrensboek znm Antheil erhalten, gab dagegen alle Ansprüche auf die weitere Erbschaft auf; sie wurde von der königlichen Linie bloß als apauagirt betrachtet, präten- l dirte aber zuweilen die Souveränetät. Nach dem ^ Tode des Herzogs Johann von Hadersleben 1580 (s. oben II.), erhielt sie noch die Klöster Reinfeld, Ruhkloster nebst Snndewitt u. die Söhne Johanns von Sonderburg, Alexander, Friedrich, Philipp u. Joachim Ernst stifteten 1622 die vier Linien Sonderburg, Norburg, Glllcksbnrg u.Plön: na) Die Linie H.-Sonderburg, gestistetvonAlexander, dem ältesten Sohne Johanns, geb. 1573, besaß die Hälfte der Insel Alsen u., nach seinem Tode 1627, stifteten dessen fünf Söhne wieder fünf Linien: 1) die Franzhagenfche Linie, erloschen in Ludwig Karl 1708; 2) die Schlesische od. katholische Linie, erloschen in Alexander Rudolf 1727; 3) die H.- Sonderburg-Augustenburgsche Linie, gestiftet von Ernst Günther, dritten, Sohne Alexanders, benannt nach der von ihm gegründeten Augustenburg. Diese jetzt noch blüh- ende Linie wurde bei der neuen Thronfolgeordnung 1853 von der Succession in Dänemark ausgeschlossen, erhob in dem damaligen Prinzen, nunmehr seitll. März1869 Herzoge Friedrich VIII., nach dem Tode des Königs Friedrich VII. von Dänemark 1863 Ansprüche auf Schleswig n. H., die jedoch unberücksichtigt blieben. 4) Die Linie H.-Sond erburg-B eck, benanntnach einem Gute Beck in Westfalen, seit 1825 H.-Sonderburg- Glücksbnrg, gestiftet von August Philipp, dem fünften Sohn Alexanders. Ans ihr stammt die jetzt den Thron von Dänemark n. den Thron von Griechenland innehabende jüngere Linie H.-S.-G. 5) Die Linie Wiesenburg, nach einem Gute in Meißen benannt, erlosch in Herzog Leopold 1744. I>b) Die Linie H.-Norburg, starb mit Ernst Leopold, dem Enkel des Stifters, 1722 aus. ee) Die Linie H. -Glücksburg, ging 1779 in Friedrich Heinrich Wilhelm aus. ää) Aus der Linie H.- Plön gingen hervor: 1)H.-Plön, gestiftet 1671, erlosch schon 1706 in Leopold August. 2) Die Linie H.-Norburg, ausgestorben in Friedrich Karl 1761, und 3) H.-Plön-Nethwisch, 1729 erloschen in Johann Ernst Ferdinand. L) Die jüngere Linie H.-Gottorp erhielt in Schleswig: Gottorp, Husum, Stapelholin, Eiderstadt, Hütten, Wittensee, Mohrkirch, Apenrade, Tondcrn, Löhnkloster, Nordstrand und die Insel Femarn; in H. Kiel, Neumünster u. die Klöster Cismar, Reinbeck u. Bordisholm, sowie die nördliche Hälfte der Dithmarschen; die Regierung über Prälaten u. Ritterschaft, sowie das Schnldenwssen blieben gemeinschaftlich; die königliche Linie wollte aber diese gemeinschaftliche Regierung auch auf andere Gegenstände ausdehnen, was dann, sowie die Souveränetät über den gottorpischen Antheil von Schleswig, der Gegenstand immerwährenden Zwistes wurde. Diese Linie wurde gestiftet von Adols, Bruder des Königs Christian III. von Dänemark, seit 1563 Bischof in Schleswig, der 1586 st.; ihm folgten seine drei Söhne: Herzog Friedrich II., auch zugleich Coadjutor von Schleswig, st. 1587; Philipp, st. 1590, u. Johann Adolf, st. 1616. Diesem folgte sein Sohn Friedrich III. (der Große). Er begünstigte die Evangelische Lehre u. die Wissenschaften, führte ungeachtet des Widerspruchs der Stände mit Beistimm- ungDänemarks u. des Kaisers die Primogenitur bei seiner Linie ein, gründete 1621 Friedrichsstadt durch Remoustranten, schloß 1623 die erweiterte Union zu Rendsburg (ein gegenseitiges Schutzbündniß mit Dänemark), schützte die ans Holland vertriebenen Arminianer, war im Dreißigjährigen Krieg init Dänemark verbündet, wurde aber 1627 von Tilly zur Neutralität gezwungen, schickte 1635 infolge eines geheimen Bündnisses mit Dänemark u. Spanien eine Gesandtschaft nach Persien, um den Leidenhandel über Friedrichsstadt zu leiten, erhielt durch Anssterben der Grafen von Schauenburg (s. oben II.) 1640 das Amt Bornstcdt u. 160,000 Rthlr., hielt sich in Lein Krieg 1644 zwischen Schweden u. Dänemark, ebenso bei Torsteusons Einsall in H. neutral. Infolge der Vermählung seiner Tochter Hedwig Eleonore mit dem König von Schweden, Karl X. Gustav, erhielt er 1658 im Röskilder Frieden die Souveränetät über seinen Lheil von Schleswig u. das Bisthum Schleswig, sowie Rendsburg, kam aber mit Dänemark in Feindschaft, die erst unter seinem Nachfolger, Christian Albrecht (1659—1694), durch den Frieden von 1660 beendet wurde. Christian Albrecht stiftete 1652—65 die Universität Kiel. 1667, nach Aussterben der Grafen von Oldenburg, mußte er laut Ansspruch des Kaisers die ihm theilweise ge- bührende Erbschaft Dänemark überlassen. Das neue Bündniß mit Schweden 1674 erneuerte die Mißhelligkeiten mit Dänemark; Christian Albrecht, Schwiegersohn des Königs Friedrich III., wurde durch den Vorwand, einen Vergleich zu schließen, nach Rendsburg gelockt, dort zur Verzichtleistung auf die Souveränetät in Schleswig genöthigt, u. als er, hcimgekehrt, hiergegen 4. Jan. 1677 pro- testirte, besetzten die Dänen sein Land, er mußte nach Hamburg fliehen u. blieb dort 4 Jahre lang. 406 Holstein — Holtet. Frankreichs Vermittelung bewirkte 2. Sept. 1679 in Fontainebleau die Aufhebung des Rcndsburger Vertrags gegen eine Zahlung von 300,000 Thaler an Dänemark. 1684 besetzten die Dänen das Herzogthum wieder n. erst 1689 kam, bes. durch Vermittelung Brandenburgs, der Vertrag in Altona zu Staude, durch welchen er sein Land wieder erhielt. Sein Sohn Friedrich IV. fand im Streite mit Dänemark bei König Karl XII. von Schweden, dessen ältere Schwester Hedwig Sophie er zur Gemahlin hatte, Schutz im Travendalschen Frieden 17. Ang. 1700 u. erhielt eine Entschädigungssumme von 260,000 Thalern von Dänemark. Ihm folgte 1702, wo er bei Klissow geblieben war, sein unmündiger Sohn Karl Friedrich, unter Vormundschaft seines Oheims, des Coadjutors Christian August von Lübeck, welcher 1711 zum letzten Male die Stände des Herzogthums, jedoch mit Ausschluß der Städte, berief. 1713, im Nordischen Krieg, öffnete Christian August, oft durch Dänemark gereizt, durch geheimen Vertrag den Schweden Tönning, und die Dänen besetzten nun H., ließen Tönning schleifen und behandelten H. als feindliches Land. Endlich mußte der Herzog, mündig geworden, 1720 im Frieden zu Friedrichsburg seinen Antheil von Schleswig abtreten, durfte aber nach H. zurückkehren, während er bisher außer Landes lebte. Seine Anwartschaft auf Schwedens Thron als Sohn der ältesten Schwester Karls XII. ward nicht anerkannt und Schleswig 1732 durch Rußland und Österreich ausdrücklich Dänemark garantirt. Karl Friedrich starb 1739. Sein einziger Sohn Karl Peter Ulrich, erst 11 Jahre alt u. unter Vormundschaft seines Vet- ters Adolf Friedrich, Bischof von Lübeck, 14. Nov. 1742 zum Throne in Schweden bestimmt, wurde als Neffe der Kaiserin Elisabeth von Rußland 18. Nov. 1742 als Thronfolger in Rußland berufen und bestieg nach deren Tode Jan. 1762 als Peter III. den russischen Thron, den das Haus Gottorp heute noch inne hat, und durch russischen Einfluß erhielt das Haus H.-Gottorp auch noch den Thron von Schweden, s. Schweden, Gesch., daun Adolf 2) u. Gustav 3) u. 4). H.-Gottorp war im Besitz der russischen Kaiser geblieben, aber laut Vertrag von 1773 zwischen Katharina II. und Dänemark, vertauschte letzteres das bisher in seinem Besitz befindliche Oldenburg und Delmenhorst gegen das Herzogthum Gottorp u. trat der Großfürst Paul (nachmals Zaar Paul I.) ersteres an die jüngere Linie seines Hauses ab. Diese jüngere Linie H. nahm nun den Namen H.-Oldenburg an u. ist heute noch im Besitze des Thrones von Oldenburg, s. Oldenburg (Gesch.). Die andere, königliche Hälfte von H. mit Schleswig, theilte von 1580—1773 das Schicksal Däne- marks, dessen König es als ein unmittelbares Rcichslehen (bis 1806) besaß; 1773 wurde das holstein-gottorpsche Gebiet völlig mit dem königlichen vereint, in der Verfassung aber wenig ge- ändert, doch wurde 1804 die Leibeigenschaft aufgehoben. 1806 vereinigte Dänemark H., nach Aufhebung des Deurschen Reiches, mit seinen Staaten u. hob die ständische Verfassung auf: H. wurde von nun an, wie früher Schleswig, als dänische Provinz behandelt, die dänische Sprache zur officiellen erklärt. 1813, wo Dänemark, mit Frankreich allürt, den Verbündeten widerstand wurde H. von russischen, preußischen u. schwedischen Truppen besetzt, bis der Kieler Friede, 14. Jan. 1814, den Krieg endigte. 1815 trat Dänemark für H. u. Lauenburg dem Deutschen Bunde bei u. 17. Ang. 1816 verhieß Friedrich VI. dem Her- ! zogthum seine landständische Verfassung, aber erst ^ durch Gesetz vom 28. Mai 183 l erhielt H. wie Schleswig berathende Provinzialstäude nach Art der preußischen. Die weitere Geschichte s. u. Schles- > wig-Holstein u. dort auch die Literatur. Klelmchmidi. Holstein, Franz Friedrich v., Componist, geb. 16. Febr. 1826 zu Brauuschweig, wandte sich der militärischen Laufbahn zu, betrieb aber nebenbei mit großer Liebe Musikstudien. Eine nach dem Schleswig-Holsteinischen Krieg vollendete Oper (Waverley) fand so sehr den Beifall Hauptmanns, daß H. den Abschied nahm u. sich ganz der Musik hingab. Hervorragend ist die Oper Der Haideschacht (1869); H. schrieb außerdem die komische Oper: Der Erbe vonMorley, sowie viele Gesänge, Orchester-u. Kammermusikwerke. Sl-beimxi. Holsteinborg (Holstenborg), Ansiedelung und Missionsplatz auf der WKüste der dänischen Insel Grönland, Jnspectorat Süd-Grönland, 1759 angelegt, mit einer 1773 erbauten Kirche u. einem sicheren, von Walsischfahrern benutzten Hasen; 200 Ew. Holsten, Karl Christian Johann, Protest. Theolog, geb. 31. März 1825 zu Güstrow (Mecklenburg-Schwerin), studirte 1843 u. in den folgenden Jahren in Leipzig, Berlin u. Rostock Philologie u. Theologie. Da er unter dem Mecklenburgischen Kirchenregiment als Schüler BaurS keine Aussicht auf Anstellung im Kirchendicnsie hatte u. auch die theologische Facultät in Rostock seine Habilitirung als Privatdocent der Theologie verhinderte, so lebte H. nach seinem theologischen Examen 1849 zuerst als Privatlehrer, von 1852 an als Gymnasiallehrer in Rostock. 1870 wurde er als Lehrer der alten Sprachen am oberen Gymnasium u. als außerordentlicher Professor der Theologie nach Bern berufen, 1871 zum ordentlichen Professor der Theologie erwählt; seit 1876 ist H. Professor der Theologie in Heidelberg. Er erwarb sich einen bedeutenden Ruf durch die exegetischen u. kritischen Schriften, die er in dem Buch Zum Evangelium des Paulus u. Petrus, ^ Rost. 1868, gesammelt herausgab. Neuesteus hat s seine Abhandlung über den Philipperbries in den l Jenaer Protest. Jahrbüchern, 1876, diesem Buch ! sich würdig angereiht. Löffler. ' Holsto» River, der größte Quellenfluß des 1 Tennessee River. ! Holt, Countie im nordamerikan. Unionsstaate Missouri unter 40° n. Br. u. 95" w. L.; 11,652 Ew. C-sitz: Oregon. Holtei, 1) Karl von, Patriarch der deutschen Schriftsteller, geb. 24. Jan. 1798 (nicht 1797) zu Breslau alsSohn eines österreichischen Rittmeisters, wurde nach dem Tode seiner Mutter, einer geb. v. Kessel, von einer verwandten Dame er- oder — wie er selbst mittheilt — verzogen. Seine nnbezwingliche Neigung fürs Theater veranlaßte ihn, alle Ersparnisse für Thealerbillets zu ver« 407 Holten — Holtzendorf. werden. Er besuchte die Schulen in Breslau u. kam dann zu seinem Onkel nach Obernigk in Schlesien, um sich der Landwirthschast zu widmen; er trat 1813 als Freiwilliger in das preußische Heer, studirle nach Friedensschluß in Breslau die Rechte, wurde dort 1819 Schauspieler. Bald gab er diese Stellung wieder auf, um als Deklamator in Begleitung eines Freundes, der eine hübsche Stimme besaß u. Lieder zur Guitarre sang, sein Glück auf Kunstreisen zu versuchen. In Dresden fand er durch Tieck für kurze Zeit Beschäftigung an der dortigen Hosbühuc. Sein Wanderleben sortsetzend, kam er wieder nach Obernigk u. ver- heirathete sich 1821 mit der Schauspielerin Luise Rogce (geb. um 1800). Seine Frau war eine Zierde des Breslauer Theaters, au dein er nun eine Stelle als Secretär u. Theaterdichter annahm. Er gab zugleich die Wochenschrift Der Obernigker Bote (1822) heraus, sowie das Jahrbuch deub scher Nachspiele (Bresl. 1822—24), Las später als Jahrbuch deutscher Lühuenspiele fortgesetzt wurde (Berl. 1825—32, worauf Gubitz die Herausgabe besorgte). Ferner gab er niit Schall u. Fr. Barth Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst u. Theater heraus (Breslau 1823). Die ehrenvolle Wirksamkeit des jungen Paares wurde dadurch nnterbrocheu, daß H. den Theater- Mitgliedern die Mitwirkung bei den Vorstellungen eines Luftspriugers auf dem Theater zumuthete u. diese sich widersetzten, worauf H. sammt seiner Frau den Abschied nahmen. Er unternahm nun eine Kunstreise nach Wien, Hamburg u. Berlin, wo er 1824 als Theaterdichter am Köuigstädter Theater, seine Frau aber am Hoftheater engagirl wurde; seine Frau starb schon 1825 u. er ging nun zum Königlichen Theater über u. schuf durch seine Wiener iu Berlin und Berliner in Wien eine neue Gattung des komischen Liederspiels, die seinen Namen populär machte. 1828 legte er seine Stellung am Kgl. Theater nieder u. trat nun als Vorleser Shakespearescher Dramen auf, wodurch er schöne Einnahmen erzielte. 1830 hci- rathcte er Julie geb. Holzbecher, eine Schauspielerin, u. lebte 1831 in Darmstadt, kehrte aber in diesem Jahre nach Berlin zurück und betrat Lortselbst mit Beifall die Bühne; 1837 begann er in Berlin seine Memoiren Vierzig Jahre zu schreiben; 1837—39 übernahm er die Direktion des Nigaer Theaters, lebte dann nach dem Tode seiner zweiten Frau (st. 20. Dec. 1838) einige Zeit in Berlin u. in Breslau, wo er zeitweilig die Direktion der Bühne übernommen halte, und trat 1839—51 in verschiedenen deutschen Städten als Vorleser dramatischer Dichtungen auf. In Gratz ließ er sich 1847 nieder, weil er dort eine Tochter verheirathet hatte. Seit 1870 lebt er in Breslau, wo er Ende 1876 sein liebgewordenes Asyl im Hotel Zu Len drei Bergen verließ, um im Kloster der barmherzigen Brüder Aufnahme u. Pflege zu erbitten. Bon der Schillerstistung erhielt er mehrfach Geldzuschüsse. — H. wurde rasch bekannt um 1828 durch seine dramatisirle Bürgersche Ballade, Lenore, das Liederspiel Der alte Feldherr, die Dramen: Die Majoratsherren, Doctor Faust, Robert der Teufel, Staberl als Robinson, Lorbeerbaum und Bettelstab, Shakespeare in der Heimath, Das Winzerfest u. a. m.; feine Theaterstücke gesammelt als Theater, Berlin 1845; Schlesische Gedichte, ebd. 1830, 9. Ausl. 1865; Erzählungen, Braunschweig 1833; Briese aus und nach Grasenort, Altona 1841; Deutsche Lieder, Schleus. 1834, 2. Auflage 1836; Vierzig Jahre (Selbstbiographie), Berlin 1843—50, 8 Bände; Gedichte, ebenda 1844; Stimmen des Waldes, 1848, 2. Auflage, Bresl. 1854; die Romane: Die Vagabondeu, ebd. 1852, 4 Bde.; Christian Lammfell, ebd. 1853, 5 Bde.; Ein Schneider, ebd. 1854; Ein Mord in Riga, Prag 1855; Schwarzwaldau, ebd. 1856; Drei Geschichten von Menschen u. Thicren, Lpz. 1856, 2 Bde.; Istoblesss obli^o, Prag 1857 — 61, 3 Bde.; Bilder aus dem häuslichen Leben, Berl. 1858, 2 Bde.; Die Töchter des Freischützen, Prag 1858; Geistiges und Gemüthliches aus Jean Pauls Werke» in Reime gebracht, Bresl. 1858; Die Eselssresser, Bresl. 1860—62, 3Bde.; Erzählende Schriften, Bresl. 1861—66, 34 Bde.; Der letzte Komödiant, Bresl. 1863—66, 3 Bde.; Roch ein Jahr in Schlesien (Anhang zu den Vierzig Jahren), ebd. 1864, 2 Bde.; Charpie, 1866; Haus Treu- bein, ebd. 1866, 3 Bde.; Theater, Ausgabe letzter Hand, ebd. 1867, 6 Bde.; Preußische Kriegs- u. Siegeslieder (mit A. Gad), ebd. 1861; Erlebnisse eines Livrcedieners, ebd. 1868, 3 Bde.; Eine alte Jungfer, ebd. 1869; Kriegslieder, alt und neu, Berl. 1870; Nachlese, Erzählungen u. Plaudereien, Bresl. 1870—71, 3 Bde.; Dreihundert Briefe aus zwei Jahrhunderten, Hamb. 1872; Simmel- sammelsurium aus Briefen, gedruckten Büchern, aus dem Leben u. aus ihm selbst, Bresl. 1872, 2 Bde. 2 ) Julie v. H., geb. Holzbecher, geb. 1809 zu Berlin, Tochter eines dortigen Schauspielers, betrat 1823 die Bühne, kam 1824 zum Königstädter Theater u. excellirte bes. iu feinen u. naiven Lustspielrollen, heirathcte 1830 den Vor., gastirte seit 1834 auf Deutschlands bedeutenden Theatern, folgte ihrem Gatten 1837 nach Riga, u. st. dort 20. Dec. 1838. Beyer. Holten, Stadt im Kreise Mülheim a. d. Ruhr des preuß. Regbez. Düsseldorf; Schloß; 1900 Ew. Hölty, Ludwig Heinrich Christoph, deutscher Dichter, geb. 21. Dec. 1748 zu Mariensee im Hannöverschen, Sohn eines Predigers, besuchte die Schule in Celle, seit Ostern 1769 als Studiosus der Theologie die Universität Göttiugeu, war Mitstifter des Hainbundes (s. d.), ging im Herbste 1773 nach Leipzig, Frühling 1775, um seine geschwächte Gesundheit zu stärken, nach Ma- tiensee, Herbst nach Hannover; st. hier 1. Sept. 1776. Die Ausgabe seiner Gedichte von F. E. Grasen zu Stolberg u. I. H. Voß, Hamb. 1783, 2. A. 1795—98, von Voß allein 1804 rc., mit willkürlichen Veränderungen; Kritische u. authentische Ausgabe nebst den Briefen des Dichters von Karl Halm, Leipzig 1869. Über H-s poetischen Charakter s. d. Art. Deutsche Nationalliteratur, S. 219. Zimmermami. Holtzendorf, 1) Karl Friedrich v., ausgezeichneter preußischer Artilleriegeneral, Sohn des um die preuß. Artillerie hochverdienten Generalmajors Georg Ernst v. H. (gest. 10. Dec. 1785), geb. 17. Auq. 1764; trat 1778 iu die Artillerie, 408 Holtzmcnin. wurde 1781 Offizier, machte 1794 den Feldzug in Polen mit, wurde 1798 StabscapitLn, com- mandirte bei der Belagerung von Danzig 1807 die Artillerie auf dem Hagelsberg, wurde bald darauf Major u. Adjutant des Prinzen v. Preußen, 1809 Commandeur der Gardeartillerie, dann Brigadier der gesammteu reitenden Artillerie, 1813 Commandeur der Artillerie beim Blllowschen Corps, trug als solcher viel zur Entscheidung der Gefechte bei Möckern, Halle, Luckau, nach der er Obristlieutenant, Großbeeren, Lennewitz u. Leipzig, wo er Generallieutenant wurde, bei. 1815 befehligte er die gefammte Artillerie der Bllicherfchen Armee, deckte den Rückzug von Ligny u. half die Schlacht bei Belle-Alliance entscheiden; 1816 erhielt er die Inspektion über die Gardeartillerie u. die 1. u. 2. Artilleriebrigade, wurde 1825 Generaliuspecteur aller Militärbildungsanstalteu, u. st. 29. Sept. 1828 zu Berlin. 3) Franz Joachim Wilhelm Philipp v. H., Rechtslehrer, geb. 14. Oct. 1829 zu Victmannsdorf in der Ukermark, besuchte Schnl- psorta u. von Ostern 1848 an die Universitäten Berlin, Heidelberg u. Bonn, arbeitete seit 1852 am Gericht vier Jahre hindurch u. wurde 1857 Docent, 1861 außerordentlicher u. 1873 ordentl. Professor in Berlin, folgte aber im Herbst d. I. einem Ruse nach München. Seine Vorlesungen betreffen Strafrecht, Slrasproceß, Staatsrecht, Völkerrecht u. Kircheurecht; daneben behandelte er in öffentlichen Vorträgen vor zahlreichem Auditorium die verschiedenen Strafvollzugsarten, die Strafcolonisation, das Duell, Abschaffung der Todesstrafe, Berhältniß der Kirche zum Staate, Geschichte des Völkerrechts u. a. m., und machte vielfache Reifen nach Frankreich, England, Italien, Belgien, Holland, Dänemark, Schweden und der Schweiz, auf Lenen er sich namentlich einen Einblick in die Gesängnißeinrichtungen der einzelnen Staaten verschaffte. Seine wissenschaftlichen Verdienste liegen in der von ihm zuerst unternommenen kritischen Darstellung und Hervorhebung des progressiven irischen Strafvollzugs u. der bedingten Entlassung in Len Schriften: Das irische Ge- sängnißwesen, insbesondere die Zwischenaustalten vor der Entlassung der Sträflinge, Leipz. 1859; Die Kürznngsfähigkeit der Freiheitsstrafen u. die bedingte Entlassung, ebd. 1861 ; Kritische Untersuchungen über die Grundsätze u. Ergebnisse des irischen Strafvollzugs, Berl. 1865; — sowie in Anbahnung vielfacher Reformen auf dem Gebiete des Strafrechts u. Strafprocesses in der von ihm gegründeten Allgemeinen deutschen Strasrechtszeit- ung, Lpz. 1861 ff., und den Schriften: Die Deportation als Strafmittel in alter u. neuer Zeit, Leipz. 1859; Gesetz oder Verwaltungsmaxime? Rechtliche Bedenken gegen die prcuß. Denkschrift betr. die Einzelhaft, Berl. 1861; Die Brüderschaft des Rauhen Hanfes, ebd. 1861 ; Der Brüderorden des Rauhe» Hanfes u. sein Wirken in den Strafanstalten, ebd. 1862; Die Reform der Staatsanwaltschaft in Deutschland, ebd. 1864; Die Umgestaltung der Staatsanwaltschaft vom Standpunkt unabhängiger Strafjustiz, ebd. 1865; Französische Rechtszustände, insbesondere die Resultate der Strafgerichtspflege in Frankreich n. die Zwangs- colonijation von Cayenne, Leipz. 1859; er gab van der Brugghens öbnäss snr lg sMsmg pg. aibsutiairs irlsnänis, Berl. 1865, von Neuen heraus. Auch auf dem Gebiete des Staatsrechtz hat er sich bekannt gemacht durch die Werke: Das staatsrechtliche Abhängigkeitsverhältniß zwjl schen England u. seinen Colonien, Leipz. 1859 ; Die Principien der Politik, Berl. 1869 (worin er als Zwecke deS Staates den Macht-, Rechts, u. Cnlturzweck nachiveist), sowie durch Heransgabi der Englischen Berfassungszustäude von Walte: Bagehot, ebd. 1868. Zugleich wirkte er für die Verbesserung der Lage des weiblichen Geschlechts, Gründung des Letlevercins, Errichtung des Berliner Lyceums, Fortbildung der Handwerker und Arbeiter; ferner ist er Begründer des Deutschen Juristentages (3. März 1860) u. entwarf dessen erstes Statut. Ferner beschäftigt er sich mit Vorliebe mit religiösen Fragen (John Miltons Abh. über Lehre u. Wesen der Ehescheidung, Berl. 1855) und vertritt die Ansichten des Protestantenvereins gegenüber der katholischenKirche wiedenProvinzial- synoden, vgl. Provinzialsynoden u. Kirchcnregiment in Preußen, Berl. 1870; De: Kirchenstaat, ebd. 1871; Das Deutsche Reich u. die Constituiruiiz der Religionsparteien, ebd. 1871; in Gemeinschaft mit Schmidt: Die Protestantenbibel Neuen Testaments; mit Virchow gibt er die Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge heraus, Berl. 1866 ff. (bis 1872 160 Hefte), die auf der Amsterdamer Ausstellung 1869 preisgekrönt wurden; ferner Jahrbuch der Gesetzgebung, Verwaltung u. Rechtspflege des Deutschen Reichs, Leipz. 1871 fs.; Deutsche Zeit- u. Streitfragen, Berl. 1872 ff.; Handbuch des deutschen Strafrechts in Einzelbeiträgen, 1871; Encyklopädie der Rechtswissenschaft, systematisch, 1870—71, 2. Ausl., Lpz. 1873—75, 2 Thle. in 3 BLn.; Rechtslexikou, Lpz. 1875. 1i Schrool. 9) Lagai.» Holtzmann, 1) Karl Julius, Theolog, bad. Prälat, geb. 6. Mai 1804 zu Karlsruhe; war seit 1847 Stadtpfarrer u. Lehrer am evangelischen Predigerseminar zu Heidelberg, 1861 Prälat und Oberkirchenrath zu Karlsruhe, nachdem das bad. Kirchenregimcnt in liberalem Sinne umgestaltet worden war. Er st. 23. Febr. 1877 zu Karlsruhe. Zu der gegenwärtigen badischen Kirchenverfassung wirkte er als Mitglied der General- synode 1861 wesentlich mit. 2) Adolf Karl Wilhelm, deutscher Sprach- u. Alterthumsforscher, geb. 2. Mai 1810 zu Karlsruhe, Sohn eines dortigen Lycealprofessors, schon im 10. Jahre vaterlos; studirte seit Herbst 1828 in Halle, von Ostern 1829 bis Ostern 1831 in Berlin Theologie, bestand im Jnli 1831 das theologische Examen in Karlsruhe, wurde sodann Vicar in Kandern. Im Sommer 1832 begab er sich mit einer Staatsunterstützung nach München, um Sprachwissenschaft zu studiren; er hörte Vorlesungen über Sanskrit, Armenisch, Chinesisch, arbeitete unter Schmellers Leitung auf der Bibliothek. Im Sommer 1833 kehrte er in die Vaterstadt zurück. März 1834 ging er nach Paris, wo er Eugbue Burnouss Vorlesungen im 6oIIs§s äs Pr-ruos besuchte, in der Königlichen Bibliothek u. in den Sammlungen der Asiatischen Gesellschaft arbeitete. Im Winter befand er sich wieder in Karlsruhe, 409 Holyhead ^ vom Sommer 1835 bis zum Sommer 1836 als Hofmeister in der Nahe von Grenoble; 1836 erschien seine treffliche Ausgabe und Erklärung der fränkischen Übersetzung von Isiäorus äs uatüvitabs stowini, Karlsr. 1836; Herbst 1836 begab er sich wieder nach Paris. Novbr. 1837 wurde er zum großherzogl. Prinzenerzieher berufen. In Karlsruhe erschienen von ihm die Ausgabe des Indra- nitschaja, einer Episode des Mahabharata, 1841, die Übersetzung von Bruchstücken aus Walmikis Ramajana, 1841, n. A. 1843, und von Sagen aus dem Mahabharata, 1845—47, 3 Thle. (2. A., Stuttg. 1855), u. Abhandlungen von bleibendem Berthe über den griechischen Ursprung des indischen Thierkreises, 1841, Über den Umlaut, 1843, Ueber den Ablaut, 1844; Beiträge zur Erklärung der persischen Keiliuschristen, 1. Heft 1845, rc. Im Frühling 1852 wurde er zum ordentlichen Professor der deutschen u. indischen Philologie an der Universität Heidelberg ernannt. Beim Antritt dieser Stelle gab er eine Abhandlung über das Verhältniß der Malberger Glosse zum Texte der Dor Laiiea heraus. Einen lebhaften, zuin Theil höchst erbitterten Streit rief er durch seine von Selbständigkeit und Kühnheit getragenen Untersuchungen über das Nibelungenlied, Stuttg. 1854, hervor (Kampf um das Nibelungenhort, ebd. 1855). Wissenschaftlich-revolutionär trat er auch in seiner Schrift: Kelten u. Germanen, ebd. 1855, auf. Es folgten: Ausgaben des Nibelungenliedes, ebd. 1857—58 (3. A. 1874), Der Klage, ebd. 1859, Des großen Wolfdictrich, Heidelberg 1865; ; Zahlreiche Aufsätze u. Recensionen in den Heidelberger Jahrbüchern u. der Germania, 1856 ff.; Die i l. u. 2. Abtheilnng seiner altdeutschen Grammatik, ^ Lpz. 1870—75; letztes Werk, die Frucht langjähriger tiefer Arbeit u. der glänzendste Beweis für die hohe grammatische Begabung seines Geistes. H. starb 3. Juli 1870 zu Heidelberg. Nach H-s Tode publicirte Holder von ihm: Ger- ^ manische Mtcrthümer mit Text, Übersetzung und ! Erklärung von Tacitus' Germania, Leipzig 1873; ! Vorlesungen über deutsche Mythologie, ebd. 1874; ! n. Die ältere Edda, übersetzt u. erklärt, ebd. 1875. Vgl. Ernst Martin in Hopfners u. Zachers Zeit- schrist für deutsche Philologie, 3. Bd., S. 201 ff., Karl Bartsch in der Germania, neue Reihe, 4. Jahrg., S. 242 ff. 3) Heinrich Julius, Theolog, geb. 17. Mai 1832 zu Karlsruhe; 1858 Privatdocent, 1865 ordentl. Professor der Theo- ' logie in Heidelberg, 1874 in Straßburg. Er ist einer der bedeutendsten Vertreter der neueren historisch-kritischen Theologie. Schr.: Kanon und Tradition, Ludwigsburg 1859; Die synoptischen Evangelien, ihr Ursprung u. geschichtlicher Charakter, Leipz. 1863; Kritik der Epheser- u. Kolosser- Briefe, ebd. 1872; Geschichte des Volkes Israel, 2. Thl., 1867. Er ist Mitarbeiter am Bnnsen- schen Bibelwerk, sowie an den Jenaer Protestant. Jahrbüchern. 1> Löffler. 2) Zimmermann. Holyhead, 1) (Holy Island) Insel im St. Georgs Kanal an der Westküste der Insel Anglesea (engl. Fürstenthnm Wales), von der sie durch eine seichte Meerenge getrennt ist, u. zu dieser gehörig. Der nordwestliche Theil ist sehr hoch (bis 225 m), n. von dem dort gelegenen gleichnam. Vorgebirge — Holz. führt eine Brücke von 25 m Länge u. 22 in Höhe nach der gegenüberliegenden Felseninsel South Stack, auf welcher ein Leuchtthurm steht. Die Insel verdankt ihren Namen (heiliges Vorgebirge) einem hier im 6. Jahrh. gestifteten Kloster. 2) Stadt auf der Nordküsle der gleichnam. Insel, durch Brücke u. Eisenbahn mit Anglesea verbunden; Dampsbootfahrtverbindung mit Dublin, wohin auch ein unterseeischer Telegraph von hier ausgeht; Schiffbau, Hafen, lebhafter Handel, namentlich Küstenhandel; 5916 Ew. Über H. geht die regelmäßige Verbindung zwischen London u. Dublin. — Seit 1849 ist hier ein großer Sicherheitshafen angelegt worden, der von 1524 u. 610 in langen Wellenbrechern gebildet wird. In der Umgegend römische Alterthümer u. Spuren von Befestigungen. H- Berns. Holy Island, Insel in der Nordsee an der Ostküste der engl. Grafschaft Northnmberland, unweit der Mündung des Tweed; Ruinen des 635 vom König Oswald gegründeten Benedictiner- klosters Lindisfarne, des ursprünglichen Sitzes des Bisthums Durham; etwa 300 Ew. Hängt mit dem Festlande durch eine zur Ebbezeit trockene Sandbank zusammen. Holyokc, Postort im Hampden County des norvamerikan. Unionsstaates Massachusetts, am Connecticut River; Eisenbahnstation, zahlreiche Fabriken, namentlich in Seide und Baumwolle. 10,800 Ew. Holyrood Palace, s. Edinburg 2). Holytvell, Stadt in der engl. Graftschaft Flint, auf einer Anhöhe am Dee, Eisenbahnstation; eine Her blühendsten Städte in NWales; 7 Kirchen, Krankenhaus; Fabriken, namentlich in Baumwolle n. Flanell, Kupferhütte, Kupferhammer, Blei- u. ginkwerke, Papiermühlen, Cemeutfabrikeu rc.; 3540 Ew. Dabei im Thale Greenfield die sehr kalte Ouelle der Sta. Winsrida (St. Winifreds Well), von der die Stadt den Namen erhalten hat, u. zu der vormals häufig gewallfahrtet wurde. In der Nähe auch die Aberdo-Kalksteinbrüche. H- Berns. Holz, im weitesten Sinne so v. w. Wald; gewöhnlich das Material der Bäume unter der Rinde und dem Bast, ans dem verholzten (verhärteten) cylemtheil der Fibrovasalstränge u. den ebenfalls verholzten Markstrahlen bestehend (s. Gewebe, Bot.). Die Erziehung von H. in größtmöglicher Menge n. Güte bildet eine Hauptaufgabe der Forstwirth- schaft (s. d. Art.). Auf die Verwendung desselben, die bekanntlich eine äußerst verschiedenartige ist, sind von bestimmenden Einfluß: 1) die Holzart. Während einige Waldbäume, wie z. B. die Buche, zum allergrößten Theil nur Brennholz liefern, werden von anderen nicht allein alle gesunden Schaftstücke (Eiche, Fichte rc.), sondern auch Zweige (Birke, Weide) u. mitunter sogar Stöcke u. Wurzeln zu gewerbl. Zwecken verarbeitet. Indessen machen die localen Bedürfnisse, Handel u. Industrie der verschiedenen Gegenden auch hierbei ihren Einfluß geltend; so zwar, daß eine u. dieselbe Holzart hier nur als Brennholz, dort zugleich oder ausschließlich als Bau-, Werk- u. Nutzholz Verwendung findet. 2) Der Wachsthumsgang und die hierdurch bedingte äußere Form des Baumes, insbesondere das Verhältniß zwischen 410 Holz. Schaft-, Ast- u. Wurzelholzmassc. Der Schaft enthält meist das werlhvollste H.; auf seine mög- lichst vollkommene Ausbildung muß daher ein Hauptaugenmerk gerichtet werden; hierzu gehören: zweckentsprechende Länge, gerader Verlauf der Stammachse u. der Holzfasern (im Gegensatz zur Drehwüchsigkeit), Astreinheit ».Vollholzigkeit, d. h. möglichste Annäherung au die Cylinderform. Ein Stamm, durch dessen Achse 2 sich schneidende Ebenen gelegt werden können, wird zweischnürig genannt; einschnürig dagegen, wenn jene nur in eine Ebene fällt, auf dieser also eine krumme Linie darstellt. Wie die unten folgende Tabelle zeigt, sind die Nadelhölzer, nächst ihnen Birke, Erle u. Aspe vor den übrigen Holzarten durch vorwiegende Ausbildung des Schaftes ausgezeichnet; außerdem ist in dieser Beziehung selbstverständlich das Alter des Baumes, sowie die Standortsgüte u. ganz bes. der Umstand maßgebend, ob der Baum im geschlossenen Bestände od. mehr od. weniger freistehend erwachsen ist. Ersteres begünstigt die Entwickelung des Schaftes, letzteres die der Krone u. der Wurzeln, auf Kosten der Schaftbildung. 3. Die physikalischen (technischen) Eigenschaften des Holzes. Hierher gehören: das specifische Gewicht des H-es, das indessen bes. deshalb von Wichtigkeit ist, weil andere Eigenschaften mit ihm in der Regel gleichen Schritt halten; nämlich: die Härte des H-es, seine Spaltbarkeit, Elasticität ».Zähigkeit; seine Festigkeit, von deren verschiedenen Arten hier zunächst die relative (Tragkraft, namentlich bei Bau-, Gerüst- u.Wagnerhölzern), dann die rückwirkende (bei Säulen, Pfosten, Radspeichen), in Betracht kommt; die Dauer des H-es, d. h. seine Widerstandskraft gegen Fänlniß, die indessen nicht allein von der Beschaffenheit des H-es selbst, sondern auch von derjenigen seiner Umgebung wesentlich abhängt — bekanntlich halten sich fast alle Hölzer in vollständig trockenen Räumen, sowie ganz unter (reinem, nicht fauligem) Wasser sehr lang, während sie bei fortwährendem Wechsel zwischen Feuchtigkeit u. Trockenheit, ungehindertem Luftzutritt u. unter gleichzeitiger Einwirkung hin- länglicher Wärme am schnellsten der Verwesung anheimfallen (Wasserbauten, Eisenbahnschwellen, Grubenhölzer) —; die Fähigkeit des H-es, durch Ausnahme u. Abgabe von Wasser sein Volumen zu verändern (Schwinden u. Quellen); endlich seine Heizkraft. Alle diese Eigenschaften zeigen sich nicht nur bei den verschiedenen H-arten, son- dern auch bei einer u. derselben je nach Alter, Standort, Wachsthum u. s. w. sehr verschieden; vorzugsweise kommen hierbei in Betracht: a) Der anatomische Bau des H-es. Lange, gerade verlaufende Zellen (Holzfasern) verleihen dem H. größere Spaltbarkeit u. Tragkraft, als kurze u. gewundene; engere dickwandige Zellen, wie sie sich namentlich im Sommer u. Herbst bilden u. vor- züglich den (härteren) Laubhölzern eigen sind, erhöhen die Schwere, Härte, Festigkeit, Dauer u. Brennkrast; die weilen dünnwandigen Zellen des sogen. Frühjahrsholzes schwächen, wo sie im H-körper vorherrschen, jene werthvollen Eigenschaften. Ähnlich verhält es sich mit Anzahl, Vertheilung u. Weite der Gefäße (Holzporen) bei den Laubhölzern, resp. der Harzgänge bei einigen Nadelhölzern. Auch Form u. Ausdehnung der Markstrahlen sind, namentlich aus die Spaltbarkeit des H-cs, von Einfluß. Am deutlichsten lassen sich diese Verschiedenheiten in der Regel auf dem Querschnitt des H-es, in der Beschaffenheit der Jahrringe erkennen. Bei den Nadelhölzern sind diese durch die dichteren Lunk- leren Herbstholzschichten (Ringwände) meist sehr deutlich erkennbar; während aber hier bei zunehmender Breite der Jahrringe die lockere Früh- jahrsschichte überwiegt, behält die letztere bei de» sogen, ringporigen Laubhölzern (Eiche, Esche, Ulme Akazie, Kastanie u. a.), durch zahlreiche Poren in Heller gefärbte weite Zellen ausgezeichnet, stets nahezu die gleiche Breite n. nimmt das festere Herbst-H. den größeren Theil des Jahrrings -in. Langsames Wachsthum schwächt also hier, erhöht dagegen dort die Schwere u. die sonstigen von ihr abhängigen Eigenschaften des H-es. Von geringerem Einfluß ist die Breite der Jahrringe bei den sogen, zerstrentporigen Laubhölzern (Hainbuche, Birke, Ahorn u. a.), wo gleichmäßigere Bildung der Zellen u. Vertheilung der Gefäße einen mehr homogenen H-körper erzeugt. Indessen erleiden die soeben geschilderten Verhältnisse infolge der Verschiedenheiten im Standort oft noch erhebliche Modificationen. b) Das Alter des H-es. Im Allgemeinen ist H. von mittlerem Alter hinsichtlich seiner Dauer u. Brennkrast dem ganz junge», sowie sehr altem vorzuziehen. Bei vielen H-arten, wie Eiche, Esche, Akazie, Kiefer, Lärche, unterscheiden sich jedoch die inneren, älteren Jahrringe (Kern-H.) durch dunklere Farbe u. Trockenheit, Schwere, Härte u. Dauer, von den äußeren (Splint). Beide sind scharf von einander getrennt; der Splint nimmt hier nur eine gewisse, ziemlich gleich bleibende Anzahl Jahrringe ein, während er bei anderen, wie z. B. Hainbuche, Birle, Ahorn, Erle, den ganzen H-körper bildet. Nord- linger unterscheidet außerdem noch sogen. Reis- H., d. i. Kern-H. ohne dunklere Färbung, das bei Buche, Fichte, Tanne, Linde u. a. neben dem Splint, bei Ulme, Pulver-H. u. a. zwischen Splint u. Kern vorkommt, e) Die Fällungszeit. Dieselbe fällt in Len meisten Gegenden in Len Winter; nur im Hochgebirge, wo die großen Schneemassen dies nicht gestatten, in den Sommer. Am günstigsten scheinen die ersten Wintermonate zu sein, ck) Der Wassergehalt. Derselbe schwankt nicht allein bei den verschiedenen H-arten, sondern auch bei einer u. derselben je nach Alter u. Jahreszeit in den weitesten Grenzen. Die größte Saftsülle findet sich, u. zwar vorzugsweise in den jüngeren H-schichten, den Zweigen u. Wurzeln, zur Zeit des Blattausbruchs im Frühjahr, die geringste im Herbst, wenn die Blätter sich färben. Jene beträgt durchschnittlich 30 bis 40 pCt. des Grüngewichts bei harten, 40 bis 55 pCt. bei weichen Laubhölzern, 45 bis 60 pCt. bei den Nadelhölzern; die letztere nur etwa die Hälfte hiervon. Im Freien, an luftigen Orten, gelagert, geht das grüne H. allmählich in den waldtrockenen, unter Dach in den lust tro ckenen Zustand (dürres H.) über, enthält aber auch fo stets noch 15 bis 20 pCt. Wasser. Größerer Feuchtigkeitsgehalt Holz. 4N «höht selbstverständlich das specifische Gewicht, ebenso auch die Zähigkeit u. Spaltbarkeit des H,es; dagegen wächst seine Härte, Elasticität u. Hcizkraft mit dem Grade der Austrocknung. Das Schwinden u. Quellen (s. oben) ist am stärksten in der Richtung des Jahrringeverlaufs, geringer in der der Markstrahlen, verschwindend klein in der Längsrichtung der Fasern. Abhängig hiervon ist das häufig vorkommende Krummwerden bei Brettern u. dgl. „Das H. verzieht oder wirft sich", o) Der Harzgehalt der Nadelhölzer vergrößert gleichfalls deren specifisches Gewicht, sowie die Härte, Haltbarkeit u. Heizkraft des H-es, vermindert dagegen seine Elasticität u. Spaltbar' keil; großer Harzreichthum macht es brüchig, be- schränkt also auch die Tragkraft. Daß endlich k) Fehler u. Krankheiten — wie Risse, Maser- u. Drehwuchs, Krebs, Kerufäule u. a. — den Gcbrauchswerth des H-es beeinträchtigen, ist selbstverständlich. I» der nachfolgenden Tabelle sind die Hauptcigenschaften der wichtigsten bei uns vorkommenden Holzarten zusammeugestellt: die Schaftholzmasse in Procenten der Gesamintholzmasse des Baumes in höherem Alter, bei günstigem Standort in geschlossenem Bestände; die Mittelzahlen des specifischen Gewichts im lufttrockenen Zustand; Härte, Tragkraft u. Dauer, letztere unter der Voraussetzung wechselnder Einwirkungen von Feuchtigkeit u. Trockenheit; der Betrag des Schwindens in der Richtung der Sehne nach Procenten; die Heizkraft (nach G. L. Hartig) im Verhältniß zu derjenigen des Buchenholzes. Vgl. Nördlinger, Die technischen Eigenschaften der Hölzer, u. Gay er, Forstbenutzung. Über die künstliche Erhöhung der Dauer des H-es durch Jmprägniren (s. Holzconservirung.) Holzart u. Beschaffenheit des Holzes Schaftholzmasse o/o Specif. Gewicht Härte Tragkraft Dauer Schwinden o/„ Heizkraft Stieleiche .... 00 0,«i mirrclm. groß grov 00—96 ^0,»r Traubeneiche .... 60 0,74 dgr. dgl. dgr. 97—89 Buche. 60-65 0,7« dgl. genug T'° 93—89 1,00 Hainbuche .... 60 0,72 groß 93—69 1,c» Birke. 75—80 0,6« genug dgl. 94—91 0,86 Esche. 60 0,75 mittelm. groß dgl. 97—89 1,0l Bergahoru .... 60—65 0,06 groß — dgl. 96—93 1,l« Feldulme .... 65 — 70 0.69 mittelm. 96—92 0,87 Kirschbaum .... — 0.6-. groß — — 93—88 — Schwarzerle .... Linde . 75 05 — 70 0,b3 o.«b ^enng genug genug dgl. 97—90 92—90 0.54 0,64 Aspe. 75-80 0,4S dgl. mittelm. dgl. 94- 92 0,S7 Weißtanne . . . 80—8'. 0,48 dgl. genug mittelm. 97—95 0,70 Fichte. 80—85 0,«7 dgl. grob dgl. 97—9) 0,79 Kiefer. 72—75 0,52 dgl. mittelm. 97—93 „ Iharzreich u. -ngrmgigf . — — — groß — .. lmaaer u. breitrinaial . gering Lärche. 76—73 0/.2 genug mittelm. 98—93 0,84 . sliarzreich u. eugrinqigf . — — — — groß — — „ smager u. breitriugig) . — — — — mittelm. — — Die Aufarbeitung des H-es im Walde zu den verschiedenen Gebrauchszwecken erfolgte früher, den einzelnen Landesmaßen entsprechend, in den abweichendsten Formen (Klafter, Stecken, Malter, Haufen rc.). Seit der Einführung des metrischen Systems ist hierin größere Einheit erzielt worden. Die von Bevollmächtigten verschiedener Reichs- regiernngen 23.Aug. 1875 vereinbarten Bestimmungen über Einführung gleicher Holzsortimente u. einer gemeinschaftlichen Rechnungseinheit für Holz im Deutschen Reiche enthalten im Wesentlichen folgendes: es wird unterschieden: 1) Ban- u. Nutzholz, n. zwar a) Langnutzholz, d. h. Stammabschnitte (Stämme, Blöcke, Klötze, Stangen, Gerten), welche nach Länge u. mittlerem Durchmesser gemessen n. kubisch (in cdm u. Hun- derttheilen derselben) berechnet werden; b) Schichtnutzholz (Nntzschcit-,-Prügel-, -reis-H.), wie das Brcnn-H. in Schichtmaßen u. e) Nutzrinde, nach Gewicht oder Raummaß aufgearbeitet. 2) Brennholz, u. zwar a) Scheiter (Scheit-H.), d. h. Rundstücke über 14 cm Durchmesser, meist gespalten; t>) Prügel od. Knüppel, dgl. von 7 bis 14 ora Durchmesser, nicht gespalten; o) Reisig, bis 7 ein Durchmesser; ä) Breunrinde n. o) Stöcke (Stock- u. Wurzel-H.). Nutz- u. Brennreisig, sowie Nutzrinde werden in Gebunden (Wellen) od. in Raummetern, alle übrigen unter 1, b o u. 2, a—o genannten Sorti- mente ausschließlich in Raummetern (Schichten von 1 oder mehreren obm Inhalt einschließlich der Zwischenräume) aufgearbeitet und verrechnet. Die Rcchnungseinheit bildet das Festmeter (1 obm fester Holzmasse), worauf die in Schichten n. Wellen anfgcarbeiteten Sortimente mittels erfahrungsmäßiger Reductionsfactoren umgerech- net werden. Schließlich wird noch zwischen Derb- H., d. h. der oberirdischen H-masse von 7 u. mehr om Durchmesser, u. Nicht-Derb-H., d. i. alles Reis- u. Wurzel-H. nebst dem bei der Fällung an der Wurzel bleibenden Thsile des Schaftes (dem Stock), unterschieden. Die Ausnahme der Rinden — die früher vielfach nicht zum H., sondern zu den Nebennutzungen gerechnet wurde — entspricht dem forstwirthschastlichen Sprachgebrauch, der unter H. nicht bloß den eigentlichen H-körper der Waldbäume, sondern häufig den ganzen Banm u. sogar, namentlich in zusammengesetzten Wörtern wie Baum-, Busch-, Stangen-, Gerten-H., den ganzen Waldbestand begreift. Die Ver- werthnng desH-es erfolgt entweder auf dem Stock (Blockverwerthung), wobei dem Käufer die Aufarbeitung überlassen bleibt — bes. in Frankreich u. Österreich üblich, aber wegen der Unsicherheit der Abschätzung, sowie wegen der dabei häufig vorkommendeu Verstöße gegen die nöthigen waldpfleglichen Rücksichten durchaus verwerflich; od. die Aufarbeitung ist Sache des Waldeigen- 412 Holz — , thümers. Dabei werden in der Regel die fertigen, wol auch die noch zu fertigenden Verkaufsmaße einzeln od. im Ganzen im Wege öffentlicher Be» steigernng, durch Submission od. Handabgabc nach Taxen od. vereinbarten Preisen verkauft, n. zwar entweder im Wald oder auf H-Höfen. Zum H-transport dienen sowol Wasserstraßen (s. Flöße), als Landwege und Eisenbahnen. Für den H-Handel liefern unter den europäischen Ländern Schweden u. Norwegen, Rußland, Österreich-Ungarn u. Deutschland das meiste Material. Vgl. den Art. Forst, wo das Verhältnis; der Waldsläche zur Gesammtfläche der Länder angegeben ist. Bedeutende H-massen, namentlich Ban- n. Werk-H., werden von den süd- u. mitteldeutschen Gebirgen, ans einzelnen Theilen der norddeutschen Ebene, sowie aus Rußland u. Galizien, meist in Flößen nach den deutschen Häfen an der Nord- u. Ostsee gebracht u. von da nach England, Frankreich, Belgien, Holland u. Dänemark ausgeführt. Außerdem bezieht Holland auf dem Rheine direct einen großen Theil seines Schiffbau- H-es aus Deutschland. In den Ostseehäfen über wiegt im Ganzen die H-ausfuhr, in den Nordseehäfen die Einfuhr überseeischer Hölzer (Cedern-, Mahagoni-, Nußbaum-. Jacaranda-, Kork-, Blau-, Roth-H., Fouruiere, verschiedene Bauhölzer, Stuhlrohr u. a.). Beispielsweise betrug der Werth der H-ausfuhr i. I. 1873 in Danzig mehr als 20, in Memel 19, in Hamburg I6V«, in Königsberg I'/-,, 1874 in Bremen 4 Mill. LI; der Werth der H-einfuhr dagegen 1873 in Hamburg 26^, in Memel !4'/2, in Königsberg 3'/j>, 1874 in Bremen lOMill. LI Der Werth des europäischen H-Handels beläuft sich in der Einsuhr auf 900 bis 1000 Mill. LI, in der Ausfuhr auf 450 bis 500 Mill. Ll jährlich. Der stärkste Consument ist England (etwa des Ganzen), dann folgt Deutschland. Bei der Ausfuhr steht Schweden obenan, 'es folgt Rußland u. in dritter Linie Deutschland. Als Material zu Schifsbauzwecken wird hauptsächlich gebraucht: Eichen-H. zu Spanten, Steven, Kielschweinen, Kielen, Balkwegern, Wassergängen, Außenhautplanken, Deasbalken, Unterzügen, Jnnenhautplanken, Decksplanken, so zwar, daß iu der Handelsmarine diese Schifss- theile um so öfter aus anderem H., namentlich Fichten-H., hcrgestellt werden, je weiter sie ihren Platz in der angegebenen Reihenfolge einnehmen; Fichten-H. (Mus oilvsstris), hauptsächlich zu Decksplanken, Wegerungsplanken n. den inneren Einrichtungen, sodann vor Allem zu Masten u. Rundhölzern. In manchen Gegenden tritt an seine Stelle mehr od. weniger das minder werthvolle Tannen-H. Mahagoni zu Schotten, Geländern, polirten Kaminereinrichtungen (Möbel), jedoch der auf dem Schiffe herrschenden Feuchtigkeit wegen stets massiv, nie als Fouruier, sowie zu Eselshäuptern, Mastenknechten u. dergl., wo das leichte Ausreißen des Eichen-H-cs gefährlich werden könnte. Teakholz, äußerst werth- voll dadurch, daß eiserne Bolzen in ihm nicht rosten, wie im Eichen-H., hat in riesigen Mengen Verwendung gefunden als Hinterlage hinter den Panzerplatten der Panzerschiffe zu Deckplanken auf eisenbeplatteten Decks, zu Schotten (statt Ma- Holzappcl. hagoni), sowie zur Verkleidung eiserner Schotten Außenhautplatten re.; doch wird es auch in der Handelsmarine häufig zu Außenhautplanken, Kantspanten u. anderen der Fäulniß sehr ausgesekten Theilen angewendet. Eschen-H. seiner Zähigkeit wegen zu Bootsriemcn, Spaken, Hammerstielen ic. das metallisch harte Pockholz zu Lagerausfiittei> nngen für im Wasser gehende Wellen (Schran- benwellen), sowie zu Blockscheiben; Buchen-H. theilweise noch zu Kielen, allgemein aber zn Hobeln, Hobelbänken, Keilen, Hammerstielen rc. Wenn man bedenkt, Laß die Herstellung der kleinsten deutschen Glattdeckscorvette ca. 50,000, einer mittleren gedeckten Corvette ca. 100,000 Kubikfuß H. erfordert, daß auch bei den früheren Segel, flotten zn einem Linienschiff von über 1VÜ Kanonen ca. 140,000, zu einem solchen von 70 ca. 86,000 Kubiksnß verbraucht wurden, so kann man sich ungefähr vorstellen, welche ungeheuren Mengen H. der Holzschiffbau verschlungen hat u. noch verschlingt. Im Seewesen ist H. Sammelname für Schiffstheile, pl. Hölzer, wie Jnhölzer (Span, ten), Rundhölzer (Masten, Stengen, Raaen, Gaffeln, Bäume n. a. in der Takelage vorkommende Hölzer), Berghölzer (die stärksten Außenhautplan, kengänge oberhalb des Wassers), Heckhölzer (die zum Verbände des Hecks gehörigen Jnhölzer) ic. Wimme,lauer I,. Fest. Holz, bituminöses, fossiles, s. Braunkohle. Holzanstrich, der Überzug von Farben oder von einem gegen Feuer od. Nässe schützenden Material, welchen das Holz bes. bei Bauwerken „erhält. Als Farbeanstrich dient Leim« od. Ölfarbe, letztere bes. zum Schutz gegen Nässe, wohin auch der Anstrich mit heißem Theer, Stein- kohlentheer od. Gastheer aus Gasanstalten, gehört (vgl. Anstrich). Zn Leimfarben verwendet man Erd- u. Mineralfarben; vor dem Anstrich füllt man Nisse u. Spalten im Holze mit einem Kitt aus, grundirt mit in Leimwasser angerührter Kreide u. streicht die Farbe in der Faserrichtung mit dem Pinsel auf; Glanz ertheilt man dem Leimsarbenanstriche durch Federweiß od. Wasserglas. Als Ölfarben nimmt man ebenfalls Erd- od. Mineralfarben u. reibt sie mit Ölfirniß an; man trägt, nach einer Grundirung mit Ölfirniß, den Farbenanstrich auf. Gute Anstriche sind: Leinölfirniß mit 3 Theilen an der Lust zerfallenem ^ Kalk, 2 Theilen gesiebter Holzasche u. 1 Theil ! seinem Sande; oder 3 lcA Colophonium, 1 lcz ! Schwefel und 96 IcA Thran znsammengeschmolzen u. mit einer in Leinölfirniß angericbenen Farbe versetzt. Als feuersichernder H. dient ein An- l strich mit Kalkmilch, eine Auflösung von Pottasche ^ in Wasser, mit Lehm u. gekochtem Mehlkleister zur Dicke gewöhnlicher Leimfarbe angerührt; auch ein Gemenge ans Hammerschlag u. Ziegelmehl mit Alaun u. Leimwasser gemischt u. 2 Linien dick aufgetragen. Besser noch ist der Anstrich mit Wasserglas; das Holz erhält eineu glasartigen Überzug, wenn die Masse 5—6 Mal aufgetragcn wird, u. widersteht dem Eindringen des Wassers u. dem Feuer. Feinere Holzgegenstäude werdet' gefirnißt od. lackirt. Löhne, Holzappel, Stadt im Kreise Unterlahn dis preuß. Regbez. Wiesbaden; Schloß, Eisenerzgrn- Holzappel — Holzconservirung. 4l3 i ben; 1875: 1043 Ew. H. ist Hauptort der ! gleichnam. Grafschaft, die vom Grafen v. Holz- ! apsel erworben, 1643 zur Reichsgrasschaft erhoben wurde; sic kam 1886 unter nassauischc Souvcrä- netät.n. gehörte bis 1867 dem Erzherzog Stephan ^ von Österreich. Holzappel, Peter, Graf v. (Melander), General im Dreißigjährigen Kriege, Sohn eines Landsknechtes aus Niederhadamar (Nassau) nahm den Namen seines Oheims, des nassau-oranischcn Rathes Eppelmann (Melander) an, der ihn erzog, geb. 1585, ergriff zeitig die Waffen, u. wurde in baselschen Diensten Oberster, warb 1625, als Basel seine Truppen meist abdankte, daraus ein Regiment für Venedig, focht im Mantnanischen Krieg, wurde 1633 Generallieutenant bei dem Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel u. focht bis 1640 in Westfalen im Ganzen mit Glück, spielte aber nachher eine sehr zweideutige Rolle, indem er bald den Protestanten, bald den Katholiken sich znwandtc, je nach den Zeitnmständen. 1641 trat er in kaiserl. Dienste u. wurde, zum Grafen v. H. ernannt, commandirender General in Westfalen, rückte nach Böhmen, suchte Eger zu entsetzen, welches Wrangel belagerte, ging durch Thüringen nach Hessen u. belagerte Marburg. Er rückte Anfang 1648 nach der Donau n. st. an den in der Schlacht von Zusmarshansen 17. März gegen die Schweden erhaltenen Wunden zu Augsburg. Standbild auf der Schanmburg a. d. Lahn. Schroot. Holzhauer, Ignaz, sehr fruchtbarer Com- ponist von Opern, Oratorien, Messen, Motetten, Symphonien re., geb. 1711 in Wien; hatte es § seiner eisernen Energie zu verdanken, daß er sich j gründliche Kenntnisse sammelte; war 1745 Musik- ^ Lirector am Hoftheater in Wien, 1750 Kapellmeister in Stuttgart, 1753 (durch die Oper: II ü§iio äslls aslvs) in Mannheim, wo er 7. April 1783 st. Schr. n. a.: Hlossanclro usll luäis u. eine einzige deutsche Oper: Günther von Schwarzburg. Siebenrock. Holzbeizen, Holz so färben, daß die Farbe sich in dasselbe einzieyt u. nicht bloß auf der Oberfläche sitzen bleibt. Durch das Beizen gibt man dem Holze entweder bloß eine beliebige Farbe, welche es von Natur nicht hat, oder man ertheilt gewöhnlichem Holze ein geflammtes n. geadertes Ansehen, od. mau ahmt mit wohlfeilen inländischen Holzarten thenere, des. außereuropäische, nach. Das Holz wird vor dem Beizen mit dem Hobel und der Ziehklinge abgezogen und so geglättet. Das Beizen selbst geschieht durch Aufträgen der Beizen mit dem Pinsel, Einreiben mit wollenen Lappen, besser durch Eintauchen des ganzen Holzstückcs in die am besten heiße Lösung der Beizen; zuweilen werden auch Wechselzersetzungen ähnlich wie bei der Färberei (s. Färbeknnst) ans dem Holze selbst vorgenommen. Dem Eintauchen steht leider das Sichwerfen, Ziehen u. Springen des Holzes oft im Wege. Nach dem Beizen wird das Holz mit Bimsstein u. Schachtelhalm abgeschlisfen, u. wenn dabei die Farbe zu sehr wieder abgegangen ist, abermals gebeizt; zuletzt wird, theils der Haltbarkeit der Farbe, theils der Politur wegen Firniß od. Politur aufgetragen. Die Holzarten, auf welche man Las H. gewöhnlich anwendet, sind: Ahorn, Birnbaum, Linde, Birke, Erle, Esche, Fichte, Nuß - bäum, Pappel, Platane, Roßkastanie, Roth- und Weißbuche, Tanne u. Ulme. Die hauptsächlichsten Farben, welche angewendet werden, sind: Indigo, Lackmus od. Grünjpahn in Kalilösnng für Blau; Nußschalen, Krappabkochung u. Scheivewasser für Braun; Safran, Gclbholz, Martinsgelb rc.für Gelb; Campccheholz für Purpur; Fernambnk, Drachenblut für Roth; Campecheholz, Galläpfel u. Eisenvitriol, nacheinander angewendct, od. salpetersaures Kupfer mit Blattholz für Schwarz u. s. w. Jungck. Holzbiene, X^Ioeopa Datr., Gatt, der Fam. Honigbienen; Taster ungleich, Kiefertaster scchs- gliederig, Lippentaster borstenförmig, erstes Glied lang. Männchen mit schmalem, Weibchen mit dickem u. breitem Kopf. Leben einzeln meist in heißeren Ländern, nagen Zellen im Holz. X. vio- laeo.a, SEuropa; X. oalkra, Cap. Farwick. Holzblau, eine blaue Farbe, die vor Indigo den Vorzug hat, daß damit gefärbte Stoffe weder durch Gebrauch, noch durch Reibung weiß werden. Sie wird aus Campecheholz.und Knpfersalzen in der Art hergestellt, daß man ersteres für sich mit Wasser längere Zeit erhitzt, hierauf schwefelsaures Kupferoxyd, Weinstein u. Alaun hinzufllgt u. in dieser Brühe den wollenen Stoff anfkocht. Man färbt dann aus u. schönt das Zeug durch Kochen mit Campecheholz, Alaun, Weinstein und Ziun- chlorür. Die Stelle des Campecheholzcs vertritt bei halbechten Stoffen Orseille u. Pcrsio. Glatzcl. Holzbock, 1) Lorambxr, s. Bockkäfer 2); 2) so v. w. Zecke. Holzbohrer, Xzlotroxlrg., Fam. der Groß- schmctterlinge, benannt nach der Lebensweise der Raupen, welche im Holze leben u. sich von demselben ernähren. Vor ihren Bohrgängen findet sich ein sägemehlartiger Auswurf, welcher ihre Anwesenheit verräth. Znm Zerkleinern des Holzes besitzen sie kräftig gebaute Kiefer, welche dem flachgedrückten harten Kopfe eingefügt sind. Der Leib der weißlichen od. röthlichen Raupen ist meist flachgedrückt. Die Puppen finden sich nahe unter der Oberfläche der von ihnen bewohnten Bäume u. Sträucher. Ihr keilförmig zugespitzter Kopf ». die bezahnten Hinterleibsringcl erlauben ihnen eine schraubenförmige Fortbewegung und Durchbrechung der Rinde beim Ausschlüpfen. Die verschiedenartig gestalteten Schmetterlinge gleichen bald Tagfaltern, bald Schwärmern u. Spinnern. Hierher Oosous liAnixorüa FÄb., Weide »bohlt er, Hspialus Immuli D., Wurzelbohrer, Lewa, apikormis D., Glasschwärmer rc. Farwick. Holz-Cement, eine Mischung von möglichst wasserfreiem und wenig ammoniakhaltigem Steinkohlentheer, Trinidad-Asphalt u. Schwefel. Die Darstellung geschieht wie folgt: 60 Gewichts- theile Theer werden gekocht u. 15 Gewichtstheile Asphalt in demselben aufgelöst, das Ganze wird tüchtig durchrührt. In einem besonderen Kessel werden 25 Gewichtstheile Stangen-Schwefel geschmolzen u. der obigen Masse zugeschüttet unter beständigem Rühren. Gleuwip. Holzconservirung (Holzconservation), der In- begriff aller zum Schutze des Holzes gegen zerstörende Einflüsse angewendeten Mittel. Die in den Zellen u. Gefäßen des Holzes eingeschlossenen 414 Holzdiebstahi — Holzfresscr. u. im Zellsaft gelösten Substanzen erleiden unter dem Einflüsse der Feuchtigkeit u. Luft eine Zersetzung, durch welche das Holz bald zerstört wird, u. namentlich ist es die Entwickelung gewisser dabei anflretender Pilze (Holzschwamm, Feuchtschwamm, Boletus ässtruotor n. Llerulius vastator), welche die Verderbniß des Holzes außerordentlich befördern. Die zur Conservirung des Holzes angewendeten Mittel beruhen: L) Auf der möglichsten Austrocknung vor seiner Verwendung. Vollkommen ausgetrocknetes Holz widersteht au einem trockenen Orte lange Zeit der Verderbniß; soll es an feuchten Orten verwendet werden, so muß es, wenn dies die noch erforderliche (s. L) Festigkeit erlaubt, bis zum anfangenden Braunwerden erhitzt od. wenigstens vollkommen getrocknet und dann mit einem Anstriche (Firniß, Holz- u. Steiukohlentheer) versehen werden. Vielfach angewandt in neuester Zeit ist die Carbouisation od. das Ankohlen. Ein dies vermittelst einer Steinkohlen- od. Steinkohlengasflamme bewirkender Apparat von Lapparent wird seit 1866 ans den Marinewerften zu Cherbourg u. in neuester Zeit auch auf denen zu Pola u. Danzig gebraucht. Auch durch Bestreichen mit Schwefelsäure gelingt das Ankohlen gut. L) Auf Entfernung der Saftbestaud- theile aus dem Holze durch Auslaugen mit Wasser. Viel zweckmäßiger und in neuester Zeit im Großen angewendet ist die Auslaugung mit Wasserdampf; man legt das Holz in dicht verschließbare Kästen u. leitet mehrere Stunden lang Wasserdampf von 60 — 70" Wärme, da 100" die Festigkeit des Holzes schon sehr beeinträchtigt, durch. Das Holz verliert dabei 5 —10 "/« an Gewicht, wird hellklingend und dunkler von Farbe; auf 40 Cubikfuß Holz rechnet man 1 Quadratfuß Heizfläche am Dampfkessel. 6) Auf Einleitung einer Luftcirculation um das Holz. Bes. bei Fußböden und Wand- gctäsel sind passend angebrachte Lnstkanäle unter denselben eines der sichersten Mittel gegen Hausschwamm (und gegen Mauersraß). D) Aus der chemischen Veränderung der Saftbestandtheile, indem man diese in einen Zustand überführt, in welchem sie nicht oder we- Niger leicht faulen. Hierher gehören die meisten der in der neueren Zeit zur H. angewendeten Methoden. Man bedient sich dazu verschiedener Metalllösungen, mit welchen die Hölzer imprägnirt werden und deren Wirkung darauf zu beruhen scheint, daß sie im Innern das Holz durch Ausscheidung von Oxyden u. durch Verbindung mit Farbstoffen, Gerbsäure rc. unlösliche, die Faser einhüllende u. die FLnlniß dieser Materien hindernde Verbindungen bilden. Das Jmpräg- nireu geschieht nach sehr verschiedenen Methoden, z. B. nach der Methode von Boncherie vermittelst des natürlichen Anfsangungsvermögens des Baumes am Wurzelende, am besten aber durch Auslaugen der Säfte u. Einpressen der Jmpräg- nirungsflüssigkeit unter Druck; hierbei werden die in einem luftdicht verschlossenen eisernen Kessel liegenden Hölzer mit zugeleitetem Dampfe von hoher Spannung ausgelaugt; nach einiger Zeit wird durch eine Luftpumpe der Kessel luftleer gemacht, wodurch sich die im Holze befindliche Ms. sigkeit in Dampf verwandelt und aus den Poren entfernt wird, so daß auch das Holz luftleer wird worauf man die Jmprägnirungsflllssigkeit in den Kessel treten läßt. Der auf dieser Flüssigkeit lastende Luftdruck bewirkt nun ein Eindringen derselben in die Poren des Holzes, und damit dieser letztere Zweck noch vollständiger erreicht werde wird mittels einer Druckpumpe schließlich ein Druck von 8—10 Atmosphären hervorgebracht u. 4—s Stunden unterhalten, zuweilen auch vorher durch zugeleiteten Wasserdampf die Flüssigkeit zum Sieden gebracht. Als Jmprägnir'ungsflüssig. testen hat man folgende angewendet: s.) Eisenvitriol, bes. zum Jmprägnireu von Telegraphen- stanzen; d) Zinkchlorid, zur Conservirung der Bahnschwellen u. bei Brückenhölzern nach BomnetS Methode (1 k§ auf 90 1 Wasser) benutzt. Auch zur Jmprägnirung des Schiffsholzes erweist sich das Zinkchlorid sehr praktisch, da sich an so con- servirte Verblankungen die Seemuscheln n. Polypen nicht ansetzen u. es auch vor dem Anbohren durch Würmer geschützt ist. ck) Sublimat (Quecksilberchlorid) wurde von einem Engländer, M'Kyan, vorgeschlagen, daher die Methode, welche in England ziemlich verbreitet ist, Kyanisirung (s. d.) genannt wird, o) Kreosot, d. h. eine unter dem Namen Galotin in den Handel gebrachte Mischung von Theer, Lheeröl u. Carbolsäure; wird ange- wendet theils wie vorhin beschrieben unter starkem Druck, theils unter Anwendung trockener Hitze, wobei man zunächst den Ranch des trockenen Feuers, welcher u. A. Kreosot enthält, auf das Holz wirken läßt, dieses dann in heißes Kreosot taucht und es wol noch mit Paraffin überzieht, 's Das Kreosotiren hat sich für Bahnschwellen als eine der besten Methoden auf vielen Bahnen bewährt, für Grubenhölzer ist es in Preußen seiner hohen Feuergefährlichkeit wegen untersagt. Außer den angeführten Substanzen bringt man noch Kupfervitriol, Zinkvitriol, Kochsalz, Chlorcalcinm, Chlormagnesinm, Paraffin, in flüssigen Kohlenwasserstoffen gelöst, obwol seltener, zum Jmpräg- niren in Anwendung. B) Eine vierte Methode der H. ist die klinst- ' liche Versteinerung unter Anwendung von Ätzkalk, Schwefeleisen, Chlorbarium, Wasserglas rc., doch bietet sie wenig Vortheile und scheint überhaupt aufgegeben. Jungck. Holzdiebstahl, s. u. Diebstahl. Holzemmc, Fluß im prenß. Regbez. Magdeburg; entsteht an der OSeite des Brocken am ^ Nenneckenberge, fließt in ihrem Oberlaufe, klei- ^ nere u. stärkere Fälle bildend, über eine schräge Felsenplatte, die sogenannte Steinerne Renne, verläßt bei Wernigerode das Gebirge u. mündet nach einem 45 km langen Laufe unterhalb Gröningen in die Bode. Holzessig, s. Essig. Holzfällung, s. u. Holz. Holzfaser, s. Cellulose. Holzfäule, s. d. Art. Baumkrankheiten, L, b u. Kernfäule. Holzflöte, ein hölzernes Flötenwerk in der Orgel von 8 Fuß Ton u. dumpfem Klang. Holzfresser, XzckopsiaZa, Käferfamilie aus der 415 Holzfrevel — Holzmassenaufnahme. Gruppe kontamora. Kleine Käfer, Körper gestreckt, walzlich, Kopf unter das Halsschild zurück- ziehbar, Fühler fadenförmig. Mit den kräftigen i Kiefern durchbohren sie u. ihre Larven trockenes j Holz (Bilderrahmen, Möbel rc.), so daß dasselbe oft ganz in Staub zerfällt. Auch lebende Pflanzen, tobte n. vornemlich ausgestopfte Thiere werden von ihnen befallen. Die Fraßgänge dienen den Käfern selbst zum Aufenthalt bei Tage, während i sie des Nachts umherfliegen. Die Cocons der ! Larven finden sich daselbst u. bestehen ans Nagespänen. Hierher gehören ?tinn8 kur T,., der ! Kräuterdieb, in Natnraliensammlungen schädlich. ! Lnodium psrtinnL Todtenuhr, bekannt durch das tickende Geräusch, hervorgebracht durch Hämmern mit dem Kopfe gegen die feste Unterlage, vorzüglich in Möbeln, Fensterrahmen. I-z- msrz-Ion navals, Matrose, wird dem Nutzholze schädlich. Farwick. Holzfretiel, so v. w. Forstfrevel. Holzgas, s. Gasbeleuchtung L. Holzgeist, Methylalkohol, 6A4O, farblose, bewegliche Flüssigkeit von geistigem Geruch; siedet bei 66° 6.; spec. Gewicht 0,^ bei 4° 0. Mischt sich mit Alkohol und Äther. Die Mischungen mit Wasser haben ein nahezu gleiches spec. Gewicht, wie die Gemenge von Äthylalkohol mit Wasser von gleichem Gehalt. Der Methylalkohol ist ein Product der trockenen Destillation des Holzes und wird aus dem durch diese Operation gewonnenen Holzessig dargestellt. Auch aus verschiedenen Naturprodukten kann derselbe abgeschieden werden; l so aus dem Gaultheriaöl durch Kochen mit Kalilauge. Um aus dem Holzessig, welcher Essigsäure, Aceton, brenzliche Öle, Essigsäure-Methyläther enthält, den in sehr geringen Mengen vorhandenen Methylalkohol zu gewinnen, wird derselbe mit Kalk nentralisirt, destillirt und das Destillat (käuflicher Holzgeist) über geschmolzenem Chlorcalcium nochmals destillirt, wobei der H. an Chlorcalcium gebunden znrllckbleibt. Aus dem getrockneten Rückstand wird dann der reine H. Lurch Destillation mit Wasser erhalten. Ganz reinen H. erhält man durch Destillation von Oxalsäure-Methyläther mit Kalihydrat. Der H. dient zum Brennen und zur Bereitung von Firnissen, indem er viele Harze zu lösen vermag. Innerlich genommen wirkt er ähnlich dem Aethylalkohol. Mit Kalium und Natrium löst er sich zu Alkoho- laten. Durch Oxydationsmittel wird er zu Formaldehyd und Ameisensäure oxydirl. Synthetisch erhält man Methylalkohol durch längeres Erhitzen von Chlormethyl u. Kalilauge ans 100"0. Broglie. Holzgethau, Ludwig, Freih. v., k. k. Lsterr. Geheimrath, Neichsfinanzmiuister, geb. 1. Oct. 1810, trat nach vollendeten Studien 1831 in den höheren Finanzdienst, wurde 1850 Finanzrath in Verona, 1852 venetian. Finanzpräsident u. übernahm, inzwischen 1855 in den Ritter-, 1865 in den Freiherrnstand erhoben, 1870 unter Potockis Präsidentschaft das österr. Finanzministerium, behielt dasselbe unter Hohenwart, führte nach dessen Rücktritt seit 30. Oct. 1871 die Geschäfte provisorisch fort, und dann im Cabinet Auersperg wieder das Finanzministerium, bis er 15. Jan. 1872 für die Finanzen in das österr.-ungarische Neichs- ministerium berufen wurde. Er starb 12. Juni 1876. Lagai. Holzhäuser, s. Bartholomäer. Holzkiesel, kieselartig versteinertes Holz; dahin Holzopal (durch Opal versteinert), Holzstein (Hornsteinmasse) rc. Holzkohle, durch Hitze unter Luftabschluß in Kohle verwandeltes Holz. Die Verkohlung geschieht in Meilern, Haufen oder eigens hierzu con- struirten Öfen. Die besten Kohlen sind die im Meiler gebrannten. Harte Holzarten geben harte und mehr Kohlen als weiche. So gibt Buchenholz ein Ausbringen von etwa 28, Eichen- und Birkenholz 26 »/„, während Linden, Tannen und Fichten, die weiche Kohlen ergeben, nur ein solches von ca. 22 °/„ liefern. Je nach der Stärke ver Erhitzung erhält man entweder Roth- oder Röstkohleu, die, weil schwächer gebrannt, zwar ein größeres Ausbringen als obige Zahlen ergeben, aber leicht zerreiblich und eher selbstent- züttdlich sind als die scharfgebrannte Schwarzkohle. Gute Nothkohle hat frisch gebrannt etwa 74 °/„ Kohlenstoff, 24 "/s chem. gebundenes Wasser und 1,z °/o Asche; die Schwarzkohle bis 96 °/» Kohlenstoff und 3 °/„ Asche, beide ziehen an der Luft sofort 10—16°/„ Wasser an. Die H. bilden für hüttenmännische Zwecke ein ausgezeichnetes, weil sehr reines Brennmaterial, dessen Verwendung ihr hoher Preis jedoch vielfach im Wege steht; außerdem werden sie zum Poliren, zur Reinigung schlechten Wassers, dessen faule Bestaud- theile sie aufsaugen rc. benutzt. Bei Brandwunden ist frisch gepulverte Holzkohle, des. bei Verbrühungen, so lange die Haut nicht verletzt wurde, ein ausgezeichnetes Mittel. Vgl. Brennmaterialien. Jungck. Holzläuse, ?8oeina, Familie der nagenden Geradflügler, Flügel fehlend oder häutig, Hinter- flngel kleiner; Kopf groß; Oberlippe groß, Unterkiefer mit Tastern und zwei Paar Laden, Unterlippe 2theilig; ohne Taster. Dahin die Holzlaus, il?soou8 liuoatus Datv., 6 mm lang, lebt an dürren Zweigen, Bretterwänden rc. von Flechten; die Bücherlaus, llftootoa pulaatoriua. 2mm laug, flügellos; in Jnsectensammlnngen. Farwick. Holzmalerci ahmt man durch Aufträgen von Leim-, Öl-, Honig- oder Aquarellfarben nach bestimmten Zeichnungen Intarsien von theneren Holzarten, Elfenbein, Schildpat, Bronze rc. nach oder tritt als wirkliche Holzbemalung auf. Die H. mit Wasserfarben ist zur Zeit sehr beliebt. Diese Farben werden auf glattem Ahornholze (Birn- banmholz ist weniger gut), welches zuweilen grau gebeizt ist, nach vorheriger Aufzeichnung der Muster mit Bleistift, einfach aufgetuscht in beliebiger Stärke u. Manier. Durch Lackiren mit farblosem Lack u. Poliren schützt man dieselben. Kähne. Holzmassenaufnahme, Ermittelung der in einem Stücke Wald befindlichen Holzmasse; sie erfolgt entweder durch bloße Einschätzung (Ocular- taxation), die viel Übung erfordert und trotzdem stets unsicher ist, oder sicherer durch Messung. Man mißt in der Regel die Durchmesser sämmt- licher Baumstämme in Brusthöhe, berechnet die zugehörigen Kreisflächen, zieht die Summe derselben und entnimmt die auf die Flächeneinheit enlsallende Holzmasse (womit jene Summe zu 416 Hvlzminden — multipliciren ist)cntweder vorhandenen Erfahrnngs- tafeln (Holzmassentafeln) oder ermittelt dieselbe direct durch Fällung einer Anzahl von Stämmen (Probestämmen) oder man mißt außer den Durchmessern auch die Baumhöhen u. schätzt die Formzahl (s. d.) ein. Bei regelmäßigen Beständen genügt auch oft die Aufnahme eines bestimmten Theiles (Probefläche) und entsprechende Vervielfachung der hicrgcsnndenenHolzmasse. Wimme,lauer L. Holzminden, Kreisstadt in dem 595,7S Hjkm (t. 0 > 4 s s^M) mit4I,585 Ew. umfassenden, gleichn. Kreise des Herzogthums Brannschweig, an der Weser, Station der Berg.-Märk., Brannschweiger und Westsälischcn Eisenbahn; Generalsnperinten- dentur, Gymnasium, berühmte Bangewerkschnle (seit 1832, seit 1869 mit einem Denkmal des Gründers Haarmann), Eisenhammer, Fabriken in Tabak--, Stahl- und Eisenwaaren und andere Fabriken; Schwerspathmllhle, Schiffbau, Schifffahrt, Handel mit Leinwand, Eisen rc.; 1875: 6887 Ew. In der Nähe bedeutende Sandstein- brllchc (Sollinger Sandsteine) und viele Schleifmühlen. H., das 1245 vom Grafen Otto von Eberstein Stadtrechte erhielt, kam 1410 an Braunschweig. H- Berns. Holzopal, s. Holzkiesel. Holzpnpier, s. Papier. Holzroth, ein rother Farbstoff, Len man ans Fernambnkholz, Sapanholz, Lima- oder Nicaraguaholz und Brasiletholz in der Weise bereitet, daß man diese Hölzer mit Wasser abkocht, die erhaltene Abkochung mit Zinnchlorid versetzt, den hierdurch erzeugten Niederschlag abfiltrirt, mit Ammoniak in Lösung bringt und zu dieser Lösung Gummi arabicum, Zucker und eine so große Menge von Weizenmehl setzt, daß sich der so erhaltene steife Brei in Stängel formen läßt. Diese Stängel trocknet man bei gelinder Wärme und bringt sie in den Handel. Matzet. Holzrutsche (Holzriese), s. Riese. Holzschleiferci, 1) Methode der Darstellung von mechanischem Holzstoff, s. Holzstoff. 2) Fabrik, in welcher dies Gewerbe betrieben wird. Sie bedarf viel reines Wasser, einer bedeutenden Kraft, billigen Holzes und wird daher meist in gebirgigen Gegenden, an Flüssen oder Bächen, die eine größere Wasserkraft und Gelegenheit zum Herbeiflößen des Holzes bieten, angelegt. Jun.zS. Holzschneidekunst, die Kunst, Zeichnungen erhaben so in Holzplatten auszuschneiden, daß sie auf der Buchdruckerpresse gedruckt werden können (Über die Technik der H. s. unter Graphische Künste L. 1.). I. (Ästhet.). Der Holzschnitt ist seiner Natur nach Reproduction einer Federzeichnung und wird in der älteren H. auch nur in solcher Weise behandelt. Er besitzt im Unterschiede von anderen Neprodnctionsmethoden einen markigen, selbst derben Charakter, und alle namentlich in neuerer Zeit angestellten Versuche, ihm das weichere Gepräge des Kupferstichs oder gar der Lithographie zu verleihen, sind nur bis zu einem gewissen Grade von Erfolg, da sie ans ihm ein Surrogat machen, statt ihn als selbständige und charaktervolle Technik zu behandeln. In der nationalen Entwickelung des Holzschnitts neuerer Zeit, namentlich des deutschen» englischen und Holzschneidekunst. französischen, zeigt sich daher der Unterschied ge- rade in der verschiedenen Stellung, welche er ge- genüber der Reproduction der Federzeichnung ein- nimmt. Im deutschen Holzschnitt hat sich der ursprüngliche Charakter noch am treuesten bewahrt z. B. in den Schnitten nach den Zeichnungen von Ludwig Richter, Ad. Menzel und a. Zeichnern während derenglischejog. Tonschnitt sich am weitesten davon entfernt. Der französische hält etwa die Mitte von beiden, indem er Kraft der Zeichnung mit großer Leichtigkeit der Behandlung verbindet. In neuester Zeit beginnen jedoch diese nationalen Unterschiede lich allmählich zu vermischen. II. Die Geschichte des Holzschnitts zerfällt in zwei von einander sehr wesentlich verschiedene Entwickelungs- epochen: 1) die ältere H. vom 14. Jahrh. bis ins 17. Jahrh. Allerdings gab es schon im Alterthum Holzschnitte, die als Lrockenstcmpel benutzt wurden und die Chinesen kennen schon im Iv. Jahrh. vermittelst Holztafeln gedruckte Bücher, wie denn bekanntlich die Erfindung der Buch- drnckerkunst durch Gutenberg auf der Herstellung solcher Tafeln beruht, die dann zu beweglichen Lettern zerschnitten wurden. Aber als graphisch- Knnst scheint der Holzschnitt erst seit dem 14. Jahrh. benutzt worden zu sein, da das erste bekannte Denkmal der H. Der heilige Christoph ans dem Jahre 1423 und das erste illustrirte Buch: Das Bonersche Fabelbuch, gedruckt von Pfister, aus den, Jahre 1461 ist. Bald vermehrten sich die illu- strikten Bücher, meist geistlichen oder populärpoetischen Inhalts; aus dem 15. Jahrh. haben sich mehr als 50 solche illustrirte Volksschriften erhalten, wie die L.rs mgmorauäi, die ^.rs mori- sncki (1473), die Liblla panpornm, Der Todten- tanz, Die acht Schalkheiten u. dergl. m. Durch die Erfindung des Letterndruckes wurde der mehr künstlerischen Behandlung des Holzschnittes großer Vorschub geleistet, so daß er sich (im 16. Jahrh.) zu einer wirklichen Kunst, auch hinsichtlich der Composition, entwickelte. Zu den ältesten Holzschneidern dieser Art gehören: G. Glockendon, Joh. Schnitzer, Wolfgang Hamer, besonders aber Mich. Wohlgemuth, der Lehrer Le-S großen Albrecht Dürer, durch dessen thätige Theilnahme für den Holzschnitt, da er eine große Menge Zeichnungen für denselben fertigte, die Formschneidekuust, wie sie damals hieß, zu hoher Blllthe gebracht wurde. Die Umrisse verloren ihre Rohheit, man begann Schattenstriche, ja Kreuzschnittlagen behufs einer größeren malerischen Wirkung anzuwenden. In diese Zeit fällt auch die sog. geschrotene Manier, welche den Übergang zu der dem Hugo da Carpi zugeschriebcnen Olnar- osonro - Manier bildete (vergl. Graphische Künste 2. u. 10.). Man kann in der Blllthezeit des älteren Holzschnitts, d. h. in der erste» Hälfte des 16. Jahrh., drei Hauptschulen unterscheiden, die Nürnberger, die Sächsische u. die Schweizer Schule. Hauptmeister der elfteren ist der schon erwähnte Albrecht Dürer, dessen Holzschnitt- compositionen (ob er selber in Holz geschnitten, ist eine noch unerledigte Frage) sich durch Reich- thum der Erfindung, charaktervolle Wahrheit der Darstellung und geschmackvolle Leichtigkeit der Ausführung auszeichnetcn. Seine Hauptwerke dieser Holzschneidekunst. 417 ! l ! I > ji Art s. u. Dürer. An vielen umfangreichen Werken, wie Der Theuerdank, Der Weißknnig, Der Tri- umphzug Maximilians, Der Triumphwagen, welcher ein Bild von 7 Fuß 4 Zoll Länge u. 1H F. Höhe darstellt und auf 8 besonderen Holztafeln ausgeführt war (1522), sowie dem Triumphbogen, der, aus 92 Stöcken bestehend, eine Bildtafel von 10H- Fuß Höhe und 9^ Fuß Breite bildete, arbeiteten außer Dürer noch andere Meister, wie H. Burgkmair, Schäuffelin u. andere. Wie diese Schule den großen Holzschnitt cultivirte, so führte Hans Holbein, der Hauptmeister der Schweizer Schule, den kleinen Holzschnitt zu einer hohen, wahrhaft künstlerischen Ausbildung. Feine und edle Naturwahrheit mit geistvoller, oft humoristisch-satirischer Behandlung der Composition machen Liese kleinen Meisterarbeiten, namentlich der von Lützelburger (1538) geschnittene Tod- tentanz, sowie Das Todtemanzalphabet und Die Illustrationen zum Alten Testament (Lyon 1538) zu wahren Kunstwerken. Die Sächsische Schule ist durch Lucas Crausch repräsentirt. Bei steigender Nachfrage nach solchen illustrirten Werken hatten sich bald große Holzschnillateliers gebildet, zum Theil unter der unmittelbaren Leitung der genannten Meister u. so entstanden neben Len drei Hauptschulen noch andere, die mehr bloß technische Bedeutung hatten, wiedieA ugsburger (Hans Burgkmair, Hieronymus Resch), die Regensburger (Altdorfer), die Alemannische (Hans Baldung Grün, Urs Grass) u. s. f. Außer den religiösen Werken waren es besonders Städteansichten (Prospekte), Genealogien, Wappensammlungen, Turnierbücher, Landkartensammlungen, Reisebeschreibungen, Chroniken, Naturwissenschaftliche u. a. Werke, welche in außerordentlicher Menge mit zahlreichen Holzschnitten illustrirt wurden. Die Centralpunktc dieser reichen xylogra- phischen Thätigkeit waren auch zugleich die der Huchdruckerei, besonders die freien Reichs- und Universitätsstädte, wie Augsburg, Mainz, Nürnberg, Straßburg, Köln, Ulm, Frankfurt, Basel, Lübeck rc. Neben Deutschland wurde besonders in Len Niederlanden der Holzschnitt cultivirt, und zeichnete sich hier Lucas von Leyden, der Zeitgenosse Dürers, aus. In Italien wurde dieH. ausschließlich in Venedig, in Frankreich in Lyon und Paris, allerdings in mehr handwerksmäßiger Weise, geübt. Indessen schon gegen Mitte des 16. Jahrh. zeigt sich in der H. eine Abnahme an künstlerischer Kraft. Zwar gab es noch einzelne tüchtige Holzschneider, wie die Deutschen Jost Amman, Virgil Solis zu Nürnberg, Tobias Stimmer, Wolfgang Stürmer re.; die Niederländer Goltzius, Jegher u. A.; die Italiener DaForli, Garfagna, Calcar; derFran- zose: der kleine Vernarbec.; allein die Vorliebe wandte sich mehr und mehr dem Kupferstich zu, bis mit dem Ausbruch des 30jährigen Krieges der gänzliche Verfall über die H. hereinbrach. 2 ) Die neuere Periode der H., d. h. Las Wiederaufleben derselben nach mehr als hundertjähriger Pause, kann von der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. an Latirt werden, wenn auch die eigentliche Blüthe- zeit des modernen Holzschnitts erst in dem jetzigen Jahrh. staltfindet. Es treten zuerst Frankreich und England in den Vordergrund: in Frankreich besonders die Papillons und die Lesu- eurs, in England Edw. Kirkall u. I. Bapt. Jacson, besonders aber am Ende des 18. Jahrh. der Vater des modernen englischen Holzschnitts, Thomas Bewick, der durch seine zahlreichen Schüler, Johnson, Nesbit, H. Hole, Rob. Branston, Clennel, Wilh. Hughes eine große Pflanzschule des Holzschnitts bildete, die dieser Kunst einen neuen und im Charakter von der älteren H. gänzlich verschiedenen Aufschwung verlieh. Denn indem Bewick zuerst statt des früheren Langholzes (Birnbaum) Hirnholz in Bnchs- baum und statt des älteren Schneidemessers Len Grabstichel anwandte, erhielt nicht nur die Technik sondern infolge dessen auch die graphische Wirkung des Holzschnitts einen mehr dem Kupferstich verwandten Charakter, wodurch alles Stoffliche, wie Felle der Thiere, Federn rc. sine weichere und mehr naturwirkliche Wirkung erhielt, während allerdings die energischere und männlichere Haltung, die der frühere Holzschnitt zeigte, viel einbüßle. Für die raschere Verbreitung des Holzschnittes wirkten die im ersten Viertel des 19. Jahrh. gegründeten Illustrirten Zeitungen außerordentlich vortheilhaft; bald kam die Illustration so in Aufnahme, daß aus allen Zweigen des menschlichen Wissens, besonders aber aus dem Gebiet der Belletristik, Werke hervorgingen, die mit großem Aufwand an technischer Fertigkeit und illustrativer Pracht ansgestattet wurden. Zu den ersten und vorzüglichsten Leistungen dieser Art gehören: Visv^ rvrittsn in a sountr/ oirniLir zurä, Land. 1834, mit Zeichnungen von I. Stothardt; Landseer, geschnitten von Byfield, Jackson, Thompson u.A.; ferner Mrs booic ok bribisir tzaUaäs mit 400 der vorzüglichsten Holzschnitte, vosms anä xioturos, eines der geschmackvollsten u. elegantesten Druckwerke neuerer Zeit. Diesen schlossen sich die illustrirten Kunstzeitungen an, wie vietnral tiinss, Vaä/s Hsrvspapsr, 4rt journaä u. A. m. In Frankreich hatten die Papillons und Lesueurs zwar zahlreiche Schüler hinterlassen, unter denen sich Fleuret, Corne, Duplat u. A. auszeichneten; allein die gegen Ende des 18. Jahrh. ausbrechende Revolution machte diesen wie anderen künstlerischen Bestrebungen ein Ende. Erst als der ausgezeichnete Schüler Bewicks, Charles Thompson, in den zwanziger Jahren dieses Jahrh. nach Paris übersiedelte, entwickelte-sich die französische H. wieder rasch zu einer großen und reichen Blüthe; namentlich da sich später mehrere der bedeutendsten und geistvollsten Zeichner Frankreichs, wie Horace Bernet, Tony Johannot, Grand- ville, Gavarni u. A. thätig dafür interessirten. Zu den bekanntesten französischen Holzschneidern gehören Best, Leloir, Dalziel, Breviere, Graf von Laborde, Dujardin, Fauchery, Breval, Chaucheforn u. A. Unter Len namhaftesten Werken jener Blüthezeit sind zu nennen: vadlss cke I-akontains, illustr. von David und Grandville; ?auk st Vir§inis, ill. von T. Johannot u. Jsabcy; die Werke Berangers, Molieres Tausend und eine Nacht; Valisriss iüstoriguss cks Versaiiiss; von tzmoiaots mit 800 Illustrationen von T. Johannot; üwtoirs äs Llanon vur-rd Unwarj-U-LouverlationZ-Lexiton. L. Aust. L. Band. 27 418 Holzschnitt — Holzschrauben. Dssoant; äaräm äss Dlaubss; Dos xstitss M- ssrss äs la vis bnmains und Dss üonrs ani- msss von Grandville; Osnvrss oboisiss äs 6a- vLini rc.; denen sich eine lange Reihe von Prachtausgaben illustrirter Romane u. wissenschaftlicher Werke jeden Genres anschließen. Aus der neuesten Zeit haben die Illustrationen Dores, welche nach Tausenden zählen, Epoche gemacht, namentlich seine Illustrationen zum Dante und zur Bibel. In Deutschland hatten sich zwar ebenfalls schon in der Mitte des 18. Jahrh. einige Holzschneider etablirt, wie Milchram, Prestel, Holtzmann, Seltsam, Ruprecht, deren Technik aber sich nicht über das Nieveau des Handwerksmäßigen erhob. Den Grund zu einer künstlerischen Entwickelung im Anfang des 19. Jahrh. legten gleichzeitig Gubitz in Berlin und Bl. Höfel in Wien; namentlich aber war es Unzelmann in Berlin und seine Schüler, Ed. Kretzschmar in Leipzig und Alb. n. O. Vogel in Berlin, welche, das Messer mit dem Stichel und das Langholz mit dem Hirnholz vertauschend, dem Holzschnitt eine ebenbürtige Stellung mit dem englischen u. französischen zu verschaffen wußten. Bald entstanden auch, als erst die Herausgabe künstlerisch gediegener Illustration dem Holzschnitt wieder zu einer größeren Popularität verhelfen hatte, in anderen Städten tüchtige Holzschneideateliers wie von Braun u. Schneider in München, H. Bürk- ner in Dresden, Lödel in Göttingen, Flegel in Leipzig, Gaber in Dresden, Metzger in Braunschweig rc., aus denen eine Reihe von xylo- graphischen Meisterwerken hervorgingen, wie die Geschichte des Deutschen Volks von Duller mit Illustrationen von Richter und Kirchhofs; Das Nibelungenlied von Marbach, illustrirt von Ben- demann und Hübner, geschnitten von Unzelmann, Kretzschmar, Vogel rc.; namentlich aber Die Geschichte Friedrichs des Großen von Kugler und Die Werke Friedrichs des Großen mit Meister- illustrationen von Ad. Menzel, geschnitten von Unzelmann, Kretzschmar u. A.; Musäns Volksmärchen, illustrirt von R. Jordan, Richter, S chrödter u. A. In neuester Zeit hat sich die deutsche Holzschneidekunst fast über alle größeren Städte verbreitet und alle Werke, selbst wissenschaftliche, die eine Illustration zulassen, als namentlich Geschichte der verschiedenen Künste, Naturge- schichte, Anatomische, Mechanische, von Albums u. belletristischen Sammlungen nicht zu reden, werden mit zahlreichen Illustrationen von nicht zu unterschätzendem instructivem Werth ausgestattet. Unter der großen Zahl von tüchtigen Ateliers sei nur des von Adolph Clo ß in Stuttgart gedacht, aus welchem eine große Zahl meisterhafter Holzschnitte zu den großen Prachtwerken, welche Italien und die Schweiz illustriren, hervorgegangen sind. Hier ist eine Stufe erreicht, über welche der Holzschnitt nicht' hinauskann, ohne seine Selbständigkeit den anderen graphischen Techniken gegenüber zu verlieren. Was die übrigen Nationen betrifft, so schließen sich dieselben meist an eine der drei oben erwähnten Nationen an. Es gibt heutzutage überall Holzschneider, illustrirte Zeitungen rc. in Spanien wie in Italien, in Dänemark und Schweden wie in Rußland u. Ungarn, aber Eigenthümliches besitzen sie nicht, auch haben sie keine hervorragende künstlerische Bedeutung. Literatur. Allgemein historische Werke über die H. sind nicht zahlreich. Zu den besseren früheren gehören: Fournier le Jeune, Dissertation sni UsriZins äsi'arb äs xravor sn bols, Paris 17S8; Papillon, Irsits bistorigns st xratigns äo In Aravnrs sn bois, ebd. 1766; gründlicher ist Hei- neken, Dissertation sni 1'oriZins äs la gra- vnrs st snr Iss prsmisrs iivrss ä'imags, Leipzig 1771; William Uoung Ottley, Ln sngnirz- into tirs orixins anä sarize bistorze ok sngre- vin§ npon ooppsr anä on vooä sto., London 1816; kritisch von Wichtigkeit Heller, Geschichte der H., Bamberg 1823; Hauptwerk Chattos (von Jackson nenbearbeitete Ausgabe), Msatiog ok rvooä snAiavivA bistorioai anä xraotioai, 183g, 2. Aust. 1861; als knrzgefaßtes Handbuch, auch hinsichtlich der Holzschuittzeichnung: Max SHasler, Katechismus der H., Geschichte, Technik u. Ästhetik der H. mit Illustrationen, Lpz. 1866. SchoÄer. Holzschnitt, s. Holzschneidekunst. Holzschnitzerei (nicht zu verwechseln mit Holzschneidekunst), die Kunst, figürliche oder ornamentale Darstellungen Plastisch in Holz auszuschneiden. Solche Darstellungen sind entweder Rundfiguren oder Reliefs. Letztere wurden schon im Mittel- alter, namentlich aber in der Renaissancezeit, zur künstlerischen Ausstattung von Zimmern als Wandgetäfel, Friese rc. oder auch zur Ausschmückung von Möbeln, namentlich Schränken, auch bei Treppengeländern rc. angewandt. In neuerer Zeit ist die ornamentale H. wieder sehr in Ausnahme gekommen, so daß in den meisten größeren Städten besondere Ateliers dafür existiren. Material ist meist Eichenholz. S. auch Bildschnitzerei. Schaskr. Holzschrauben, aus Eisen oder Messing hergestellte Schrauben, die sich zum Einschrauben in Holz eignen und daher sehr dünne, weit auseinanderstehende Gänge haben, die sich in das Holz eindrehen lassen, wenn nur ein rundes Loch vorgebohrt ist. Die kleineren Sorten von H. haben meist konische oder halbrunde Köpfe mit Einschnitten für den zum Einschrauden benutzten Schraubenzieher. Sie werden aus Draht fabrikmäßig hergestellt durch: a) Zerschneiden des Drahts durch Scheeren in Stücke von passender Länge; b) Bildung des Kopfes durch Pressen in Gesenke (kalt oder glühend); o) Abdrehen des Kopfes; ck) Abdrehen der Spitzen; s) Schneiden des Gewindes auf einer kleinen Drehbank; k) Einschneiden des Kopfes mit einer hin- und herschwingenden Säge oder einer Fraise (Kreissäge). Bei diesen Operationen sucht man die Mitwirkung der Menschenhand möglichst zu beschränken und leisten in dieser Beziehung Maschinen, welche in NAmerika erfunden sind, das höchste, da ihnen die unfertigen Schrauben haufenweise in eine trichterartige Vorrichtung zugeschüttet werden, während sie Maschine die weiteren Operationen selbstthätig verrichtet. — Ringschrauben sind H. mit ringförmigen Köpfen. Größere H. erhalten viereckige od. sechseckige Köpfe als Angriffstheile für Schraubenschlüssel n. werden deren Gewinde häufig durch Pressen in Gesenke hergestellt, selten durch Gießen des Metalls in Formen. «LM-r. 419 Holzschreier — Holzvcrbindungen. Holzschreier, so v. w. Eichelheher, s. Heher. Holzschuh, Dietrich od. Tile Kolup. H., «in Bauer aus der Gegend von Köln, trat lange nach dem Tode Kaiser Friedrichs II. am Rheine unter dessen Namen aus, fand — von den Juden u. dem Erzbischof von Mainz gestützt od. beschützt — großen Anhang, hielt zu Neuß Hof, wagte es, König Rudolph vor seinen Stuhl zu laden u. dem Grafen von Holland von der Bekriegung der freien Friesen abzurathen. Die Bürger in den oberrheinischen Städten schlossen sich dem Betrüger gerne an, aufgebracht über die Einforderung des dreißigsten Pfennigs durch Rudolph, Bürger und Bauern hofften auf ihn als Erlöser vom Pfaffenthum, viele Ritter — bes. aus der niederen Ritterschaft — machten mit ihm gemeine Sache. Ms Rudolph gegen die widerspenstigen rheinischen Städte zu Felde zog, ging H. nach Wetzlar; dies belagerte Rudolph sofort, H-s Auslieferung vom Rache verlangend. Der Rath gab endlich nach, H. wurde ausgeliefert, der Neichsmarschall bannte den Zauber von ihm, dann machte man ihm den Proceß als Zauberer u. Ketzer, er gestand seinen Betrug und wurde verbrannt Juli 1285; der Erzbischof Siegfried von Mainz aber, welcher ihn einst mit Absicht gewähren ließ, zündete eigenhändig seinen Scheiterhaufen an. Vgl. Valentin Meyer, Tile Kolup, Wetzlar 1868. Kleinschmidt. Holzschuher von Harrlach, ein altes ritte» u. stiftsmäßiges, vormals reichsadeliges Geschlecht, dessen Ursprung unbekannt ist; da es aber schon in den frühesten Zeiten in Nürnberg vorkommt, fo gilt es für eins der ältesten rathsfähigen Geschlechter dieser Stadt. Von den 4 Linien: Blaue, Rothe, Braune und Grüne Linie, blüht nur noch die letzte; von deren verschiedenen Speciallinien wurde die eine in Bayern mit den Gütern Harrlach, Thalheim u. Allmannshoff angesessene 1815 in die Adclsmatrikel des Königreichs Bayern bei der Klasse der Edlen u. 1819 bei der Freiherrn- klasfe einverleibt. Aus ihr stammt: Rudolf Christian Karl Siegmund, Freih. v., als Jurist hochgeachtet, geb. 22. Jan. 1777 in Nürnberg, studirte in Altdorf und Jena, ließ sich in Nürnberg als Advocat nieder, wurde 1802 Syn- dicus, 1805 deren Rechtsconsulent, und bewirkte, als Nürnberg an Bayern kam, die Übernahme der Nürnberger Staatsschuld auf das Bayerische Landesschuldbuch. 1825 wurde er in den Bayer. Landtag gewählt, dem er wiederholt angehörte, n. sprach hier eifrig für Einführung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit in der Civilrechtspflege. Er st. 20. Juli 1861. Schriften: Versuch vergleichender Gesetzeskrilik des französ. mündlichen u. gemeinen deutschen schriftlichen Civilprocesses, Nürnb. 1831; Theorie u. Casuistik des gemeinen Civilrechts, Lpz. 1843—54, 3 Bde.; 3. Aust, besorgt von Joh. Em. Kuntze, 1863—64. Lagai. Holzschwamm, s. Usruliug. Holzschwarz, ist eine aus Blauholz mit Eisenbeize od. mit zweifach chromsaurem Kali erzeugte, in der Seidenfärberei gebrauchte schwarze Farbe. Holzstoff, ist auf mechanischem od. chemischem Wege sein zertheiltes Holz. In den letzten Jahren hat der H. als Lumpensurrogat bei der Pa- Piersabrikation große Wichtigkeit erlangt, a) Die mechanische Zerkleinerung geschieht an schnell rotirenden, vertikalen Mühlsteinen, welche die mittels einer Vorrichtung gleichmäßig nachgeschobenen Holzstämme an der Hirnseite ausfasernd ab- schleisen. Die Masse wird dann gewöhnlich nochmals gemahlen, worauf sie nach ihrer Feinheit durch Siebe sortirt u. getrocknet wird. Die feinsten Fasern dienen als Zusatz zu Schreib- und feinem Druckpapier, die gröberen der Reihe nach zu grobem Druck- n. Packpapier u. Pappdeckeln. Sie werden denselben bis zu 50, zu letzteren sogar bis 70 der Gesammtmasse zugesetzt. Vorzüglich eignen sich Linde, Aspe, Fichte u. Tanne zur Fabrikation von H. Erstere beiden geben eine sehr weiße, letztere eine zähere Masse, doch werden auch Buchen und Birken viel verwandt, b) Die chenlische Zerkleinerung geschieht durch Auflösung der die Holzfaser incrustirenden Substanzen entweder mit Salzsäure, wobei dieselben in Dextrin verwandelt und auf Alkohol u. Essig verarbeitet werden oder —, wie das früher fast allein geschah —, durch Kochen mit Aetznatron- lauge unter starkem Druck. Der auf diese Weise erhaltene H., Cellulose genannt, wird ganz wie die Lumpen im Holländer gemahlen, gebleicht u. getrocknet. Auch Kupferoxydammon ist in neuester Zeit zu Cellulosefabrikation verwandt worden. Die Cellulose eignet sich ihrer längeren und weicheren Fasern wegen weit besser als Papierzusatz, ist aber theurer als der mechanische H. Vgl. Cellulose, S. 595, Band IV. Juugck. Holzstein, s. u. Holzkiesel. Holzthee (Oseoetum UZnorum), Absud von Guajakholz, Kletten-, Hauhechel-, Süßholzwurzel und Sassafrasholz (Zxgviss aä Uso. ÜKn.) mit Wasser, schweiß- u. harntreibend. Holztheer, s. u. Theer. Holzungsgorechtigkeit, das den Unterthanen Anstehende Recht, ihren Bedarf an Brennholz aus den herrschaftlichen Hölzern zu holen. Der Umfang der Berechtigung richtet sich nach den bei der Begründung derselben festgesetzten Bestimmungen. Holzverband (Bauw.), durch Zusammensetzung mehrerer Hölzer zu einem Ganzen entsteht ein H. Für die Unverschieblichkeit eines H-es besteht die Grundbedingung, daß stets eine Dreiecksverbindung (ein sog. festes Dreieck) darin enthalten sei. Die Festigkeit dieser Dreiecksverbindungen wird erreicht durch genügende Stärke der Hölzer, welche zusammengefügt werden, sowie durch die der Beanspruchung eines jeden Holzes entsprechenden Verknüpfungen der Hölzer. Die Minimalstärke, welche den einzelnen Hölzern zu geben ist, wird in Fällen, wo Werth darauf gelegt wird, durch statische Berechnung ermittelt. Vgl. Holzverbindungen. Wh»-. Holzverbindungen haben eine Verlängerung, Verstärkung oder Verknüpfung von Hölzern zum Zweck. 1) Die Verlängerung von Hölzern wird erreicht durch: a) den Stoß. Derselbe kann sein gerade, schräg, mit eingesetztem Stück, mit eingesetztem Haken, mit eingesetztem Haken u. Keil, oder geschient mit eisernen Flachbändern, b) Das Blatt. Dasselbe kann sein gerade, schräg, ein schwalbenschwanzförmiges mit Brüstung oder ein Hakenblatt, welches am Besten schräg einge» 420 Holzwespen schnitten ist mit Keil, o) Der Pfropf, der am besten stumpf ist, mit eisernem Dorn und Ring. 2) Die Verstärkung der Hölzer muß eine derartige seiu, daß die sich verstärkenden Holzstücke als ein Ganzes betrachtet werden können. Durch ineinander passende Einschnitte, die man denselben gibt u. durch gleichzeitige Anwendung von Schran- benbolzen stellt man: s.) die V erdickungen her. Träger werden in ihrer Höhe verstärkt durch die Verzahnung oder Verdübelung. Zu ersterer find 3 resp. 5 oder 7 Hölzer nöthig, deren einzelne Zähne, von der Form eines dreiseitigen Prismas, eine Länge haben, die ca. gleich der ganzen Trägerhöhe ist, u. mit Hirnholz aufeinander Stehen. Bei der Verdübelung greifen in jedes der zu verbindenden "Hölzer Dübel gleichweit ein, die so einzukeilen sind, daß sie sich mit Hirnholz gegen Hirnholz stemmen. Hängesänlen, sowie Streben u. Stützen werden verstärkt durch die Verschränkung, welche parallelepipedisch geformte Zähne hat, die ca. 2mal so lang und Vgwal so stark sind, als die beiden ineinandergefügten Hölzer zusammen. Auch hier sind Schraubenbolzen nöthig. b) Die Verbreiterung von Hölzern wird bewirkt durch Feder und Ruth, womit die zu verbindenden Hölzer ineinander gespundet werden. 3) Die Verknüpfung der Hölzer ist eine andere, je nachdem die Hölzer in einer Ebene oder in verschiedenen Ebenen liegen. Befinden sich dieselben in einer Ebene, dann verbindet man sie durch: a) die Überschneidung, wobei beide Hölzer übereinander hinausgehen und gleichzeitig theilweije ineinander eingelassen find, b) Die Blattung, welche entweder als Ueberblattung eme einfache, hakenförmige od. schwalbenschwanzförmige ist, od. als Ecküberblattung mit geradem Schnitt, mit schrägem Schnitt und übergelegtem eisernen Band, oder hakenförmig oder als Anblattung mit schwalbenschwanzförmigem Schnitt con- struirt wird, o) Der Zapfen, eine der häufigsten H., kommt vor als gerader, einfacher, schwal- benschwanzsörmiger, schräger Zapfen, als Achselzapfen, Scheerzapsen, Brustzapfen, Kreuzzapsen, Scitenzapsen, Blattzapsen, Doppelzapsen, doppelter Blattzapfen, Grundzapfen, doppelter Grundzapfen, Jagdzapfen, ä) Die Versatzung ist einfach od. doppelt und kommt meist bei Hölzern, die einen Druck zu übertragen haben, zur Anwendung. — Liegen die Hölzer in verschiedenen Ebenen, dann findet eine Verknüpfung stall: a) durch den Kamm, einen Thcil des Holzes, der erhaben stehen bleibt hei dem theilweisen Einlassen der Hölzer in einander. Je nach seiner Form heißt er gerade, schräg, schwalbenschwanzsörmig, Kreuzkamm oder Eckverkämmung, b) Durch die Klaue, die einfach oder abgepaßt, zuweilen auch mit einem Steg versehen ist. e) Durch die Verzinkung. Keilförmige Zähne od. Zinken eines Holzes passen genau in entsprechende Öffnungen eines anderen. Diese letztgenannte Verbindungsart kommt häufig bei Tischlerarbeiten, Möbeln vor. Vielfach ist es bei H. nöthig, Eisen zu Hilfe zu nehmen. So bedient man sich der Schraubeubolzen, Schlageisen, Hängeeisen mit Krampen zur Befestigung von Holz an Holz, Mit Mauerwerk wird Holz durch eiserne Anker mit Splinten verbunden, auch mit — Homann. Bankeisen, z. B. Fenster. Bei vielen neueren Holzverbänden wird Gußeisen in Form von Schuhen u. Auflagerplatten zu Hilfe genommen. Literatur: Proinnitz, Der Holzbau u. Breymann, Baucon- strnctionen, Th. II. Kühne. Holzwespen, Uroosiiäas Tsac/i., Familie der pflanzenfressenden Hautflügler, Legestachel weit vorstehend, sägeförmig, Fühler faden- od. borstenförmig, Kopf rund, Körper walzlich; das Weibchen legt die Eier in alte Bäume, vorzüglich Nadelholz, in welchem die holzfressende, große, farblose Larve lebt; dieselbe hat 3 Beinpaare u. einen hornigen Afterdorn. Wenige Gattungen u. Arten, bes. in Europa und NAmerika. Die Gattung Lirsr D. (Uroosrns l?so/fj-.) enthält große Arten mit blasig aufgetricbenem Kopf u. langen, sadigen Fühlern. Legebohrer des Weibchens vor der Bauchmitte entspringend, Enddorn der Vorderschienen keilförmig. Die nur mit Brustbeinen versehenen Larven leben im Nadelholz, können mit ihren starken Kiefern selbst Blei- n. Zinkplatten durchbohren. 8. gigas L., Riesen-H., 3 em, schwarz u. gelb. Größter inländischer Hautflügler. 8. znvenons, 13—28 mm, sehr häufig. Opium pze§ms.sns D., Halmwespe, 6,5 mm, schwarz und gelb. Larve in Getreidehalmen, besonders des Weizens, welche sie aussaugt u. so bedeutenden Schaden dem Landwirch zusügt. Farwick. Holzwickede, Ortschaft im Kreise Dortmund des prenß. Regbez. Arnsberg, Station der Berg.- Märk. Eisenbahn, Steinkohlenbergbau; 1500 Ew. Holzwürmer, unrichtige Bezeichnung verschiedener Insekten, bes. Käferlarven (s. Holzfresser u. Klopfkäfer), welche im Holze bes. von Balken, Möbeln u. hölzernen Hausgerälhen leben, in dasselbe Gänge bohren u. es in Mehl verwandeln; auch in Baumstämmen lebende Larven zahlloser Käfer, Schmetterlinge, Hautflügler rc. Holzzinnerz, s. u.. Zinnerz. ltomugwin, 1) die Huldigung betreffend; Lj (Homagialeid) so v. w. Lehnseid. L. rsals, so v. w. Assecurationseid. Daher Homagial, die Huldigung, die Lehn betreffend. Als mit den Grundlagen des öffentlichen Rechts der Gegenwart unvereinbar ist der hergebrachte Homagialeid abgeschasst, siehe z. B. Prenß. Ges. v. 28. Mai 1874. ttomalonotus. LünrA, Gattung der Trilobiten, mit glattem Rand des Küpsschildes und ungegliedertem Schwanzschild; Arten: 2. äslxbioo- espirsliw 6>ssn u. II. armatus Lrrrm., aus der Grauwacke der Eifel und anderen Gegenden; U. UsisairsUi Müre/r., aus filmischer Grauwacke. Homann, 1) Johann Baptist, verdienstvoller Geograph, geb. 20. März 1663 in Kamlach (Schwaben), wurde 1687 Notar in Nürnberg u. stach in seinen Mußestunden Landkarten, eröfsnete 1702 eine Landkarteiihandlnng, lieferte nach und nach an 200 Karten (darunter einen großen Alias über die ganze Welt in 126 Blättern, 1718), ferner einen Handatlas in 19 Blättern und verfertigte dabei kleine Armillarsphären, Taschen- globen, künstliche Uhren rc. Er st. 1. Juli 1724 als kaiserl. Geograph rc. 2) Johann Christoph, des Vor. Sohn, geb. 1703 in Nürnberg, erbte die Handlung seines Vaters, starb aber schon 1738 und setzte seine Universitätsfreunde Joh. Mich. 421 Homberg — Hombirrg. Franz (geb. 1700, gest. 1761) u. Johann Jakob Ebersberger zu Erben ein. 1813 kam das Ge- zhäft an Franz Fembo, mit bestem Tode (1848) ,s einging. Schroot. Homberg, 1) Kreis im prenß. Regbez. Kassel, ton der Schwalm und Efze durchflossen und der Main-Weserbahn durchschnitten; 322,,z ssZkm lS,gs LUM) mit (1875) 22,094 Ew. — 2) Kreisstadt darin, auf einer Anhöhe unweit der Efze; Schullehrerseminar mit Taubstummenanstalt, Lateinische Schule, Papierfabrikation, Weberei, Viehmärkte; über der Stadt auf einem Basaltkegel eine Schloßruine; 1875: 3206 Ew. — Dnrch die hier 1526 durch den Landgrafen Philipp den Äroß- müthigen abgehaltene erste Landes-Synode in Deutschland wurde die Reformation in Hessen allgemein eingeführt. 1640 wurde H. durch die Kaiserlichen niedergebrannt. — 3) Stadt im Kreise Alsfeld der großherzogl. Hess. Prov. Oberhessen, an der Ohm; Landgericht, Oberförsterei, Bergschloß; 1875: 1498 Ew. — 4) Kirchdorf im Kreise Mors des prenß. Regbez. Düsseldorf, am Rhein, Nuhrort gegenüber, Station der Berg.- Märk. Eisenbahn; Traject, Dampfmühle, Kalkbrennerei, große Kohlenzeche (Rheinpreußen), lebhafter Handel, namentlich mit Steinkohlen; 1875: 3407 Ew. H- Berns. Homberg, Wilhelm, Naturforscher, geb. 8. Januar 1652 in Batavia, wo sein Vater, aus Quedlinburg gebürtig, eine Anstellung im Arsenal hatte; mit seiner Familie nach Amsterdam zurück- gekehrt, studirte er die Rechte zu Jena u. Leipzig, wurde 1674 Advocat in Magdeburg, studirte dann, angeregt durch O. v. Gnerike, Naturwissenschaften und Medicin, beschäftigte sich bes. mit Chemie und ließ sich nach mehrjährigen Reisen dnrch Europa in Paris nieder, wo er 1705 Leibarzt des Herzogs von Orleans wurde und von demselben ein chemisches Laboratorium eingerichtet erhielt; er st. 1715 in Paris. Von ihm als Erfinder führen Len Namen: H-s L-edativsalz (Boraxsäure), H-s Phosphor (s. d.). Seine zahlreichen Abhandlungen finden sich in den ^n- eisn. Llsra. ?ar. I. II. bis 1714. r. Hombergs Phosphor, ein Gemenge von Chlorcalcium mit Kalk, welches geglüht und in einer verschlossenen Röhre dem Sonnenlichte ausgesetzt war, wodurch es die Eigenschaft erlangte, im Dunkeln weiter zu leuchten. Glatzel. Hombre (fr.), s. L'hombre. Homburg, 1) H. vor der Höhe, Kreisstadt und Badeort im Kreise Obertaunus des prenß. Regbez. Wiesbaden, in reizender Lage am Fuße des Taunus u. am Eschbach, Station der H-er Eisenbahn, 18 km von Frankfurt, ehemals Haupt- u. Residenzstadt der Landgrafschast Hessen-H., ein freundlicher Ort, bestehend aus Alt- u. Neustadt (letztere vom Landgrafen Friedrich II. angelegt); schönes ehemaliges Residenzschloß (1680 erbaut u. später wiederholt erweitert u. verschönert) auf einem Berge mit prächtiger Aussicht, von schönen Parkanlagen umgeben u. mit Bibliothek u. mehreren Sammlungen, Weißer Thurm (gehörte zu einer alten Burg der Herren von Epstein), Realschule 2. Ordn. u. Progymnasinm, Bürgerschule (Mittel- u. Elementarschule), höhere Töchterschule, mehrere Wohlthätigkeitsanstalten, Wollen- u. Leinenweberei, Fabriken für Nudeln, Essig, Hüte, Saffian rc., Gießereien, Holzschneidereien, besuchte Jahrmärkte, Garnison; 1875: 8294 Ew. Seit 1834 ist H. in die Reihe der Taunusbäder getreten; anfangs zumeist des hier errichteten Hazardspieles wegen besucht, hat es seit dessen Aufhebung durch die Wirksamkeit seines Wassers und die Schönheit seiner Lage nur gewonnen; die im NO. von H. in einem parkähnlich angelegten Wiesenthale befindlichen 6 Heilquellen, der Elisabeth-, Ludwigs-, Stahl-, Kaiser- u. Luisenbrunnen und der Soolsprudel, gehören zu den eisenhaltigen, salin- ischen Säuerlingen mit bedeutendem Gehalt an Kohlensäure. Das Wasser wird gegen mancherlei Krankheiten angewandt, namentlich bei chronischen Catarrhen der Brust- und Unterleibsorgane mit ihren Complicationen der Blutstauung, Leberfülle, Drllsenaffectionen, Menstrualstörungen, Gicht rc. Die Zahl der Kurgäste beträgt jährlich gegen 9000; jährlich werden etwa 400,000 Krüge Mineralwasser versandt. Die Kureinrichtnngen sind höchst elegant, namentlich prächtig ist das große Kurhaus mit Theater, Unterhaltungslocalen rc. In H. befindet sich auch eine Trinkhalle für auswärtige Mineralwässer, ein Mincralwasser- badehaus, eine Anstalt zu Fichtennadelbädern, eine Appenzeller Ziegenmolkenanstalt u. auch eine Kaltwasserheilanstalt. Die Saison dauert vom 1. Mai bis 1. Nov. Vgl. Hoffmann, Die H-er Heilquellen, H. 1856; Schäfer, Bad H. u. seine Umgebung, Darmst. 1364; Klenke, Taschenbuch für Badereisende n. Kurgäste, Leipz. 1875; Schudt, H. und seine Umgebungen, 11. A., H. 1876. 2) Schloß beim Dorse Nümbrecht im Kreise Gummersbach des preuß. Regbez. Köln, an der Bröhl u. in der gleichnamigen Standesherrschaft des Fürsten von Sayn-Wittgenstein-Berleburg; die ehemaligen standesherrlichen Rechte sind an Preußen abgetreten. 3) Marktflecken am Main im Bezirks-Amt Markt- heidenfeld des bayer. Regbez. Unterfranken und Aschaffenbnrg; Schloß, Weinbau (der Kallmuther), Obst-, Wallnußbau, Mllhlsteinbruch; 1875 711 Ew. 4) Stadt u. Hauptort in dem 549,^ dstcm (9„g s^M) mit 1875 49,532 Ew. in den 3 Kantonen H., Landstuhl u. Waldmohr umfassenden, gleich- nam. Bezirksamte des bayer. Regbez. Pfalz (Rheinpfalz), Station der Pfälz. Ludwigsbahn; Bezirksamt, Landgericht, Bezirksgremium (Handelskammer), Waisenhaus, Wollen- u. Baumwollenweberei, Fabrikation von Thonwaaren, Pferdezucht; 1875 3620 Ew. Nordöstl. davon die Trümmer des vom Herzog Karl II. von Zweibrllcken mit Pracht u. Verschwendung erbauten u. 1794 dnrch die Franzosen zerstörten Schlosses Karls berg u. die Ruinen der Burg H. Letztere (Hohenburg) ist wahrscheinlich schon vor 1172 erbaut worden, da es in diesem Jahre schon Grafen von H. SaarwenLen gab, welche Familie 1397 ausstarb. Die ehemals stark befestigte Burg kam im 30jähr. Krieg an Lothringen; 1679 ward sie von den Franzosen erobert, welche darauf die Stadt anlegten und befestigten, das Ganze aber nach dem Ryswicker Frieden an Lothringen zurückgeben mußten, sich jedoch 1704 wieder hier festsetzten; 1714 wurden die Werke geschleift, u. von nun bis zur sranzös. 422 Revolution war der Ort Zweibrückisch. 8) (Ober- H.) Kirchdorf im Kreise Forbach des Regbez. Lothringen (Elsaß-Lothringen), an der Rossel, Station der Elsaß-Lothringischen Eisenbahnen; Eisenwerk, Steinbriiche; 1871 1920 Ew. Zn H. gehört auch Nieder-H. H. war ehemals eine starke Festung ; die Werke find jetzt jedoch beinahe ganz verschwunden. H- Berns. Home, Henry, Lord Kames, hervorragender schottischer Jurist und philosophischer Schriftsteller, geb. 1696 zu Kames in Berwickshire, wurde 1724 Advocat in Edinburg, 1752 Assisenrichter, 1763 als Lord Kames einer der Oberrichter von Schottland, führte als solcher 1767 die Untersuchung gegen Douglas u. st. 27. Dec. 1782. Seine Ästhetik, Moments ok eritioisw, Edinb. 1762—65, 2 Bde. (deutsch von I. N. Meinhard, ebd. 1765, з. Aust, von Schatz, Lpz. 1790, 3 Bde.), galt in Deutschland lange als Richtschnur; er schr. außerdem: Vssa^s on tfts prinoixlss ok moialitx avä natural roli§ion, Edinb. 1751 (deutsch von Rautenberg, Braunschw. 1768, 2 Thle.); Historien! larr, Edinburg 1759; Mrs prinoixlss ok sguitz?, ebend. 1762; Lüetobes on täs lustor^ ok man, ebend. 1774, 2 Bde., 1807 3 Bde. (deutsch von Klausing, Leipz. 1783); Mrs Asntlsmsn larnrsr, 1777; Lebensbeschreibung von Lord Woodhonse, 1807—10, 2 Bde. Bartling.» Homel, Stadt in Rußland, so v. w. Gomel. Homer, s. Homeros. Homerrden (d. i. Abkömmlinge des Homeros), Sänger-Innungen, welche die Gedichte des Homeros, ihres Heros eponymos, sangen u. sich das Verdienst ihrer Verbreitung u. Erhaltung erwarben. Die berühmteste dieser Genossenschaften war die, welche auf Chios, wahrscheinlich von Smyrna aus, wo Homer lebte, von den Äoliern vertrieben, sich niederließ. Später so v. w. Rhapsoden. Homerisches Gelächter, schallendes, anhaltendes, wie Homer vom Lachen der Götter sagt, unauslöschliches Gelächter., Homeros nennt die Überlieferung den Verfasser der Ilias u. Odyssee, den ältesten griechischen Epiker. Was man von seinem Leben erzählt, ist spätere Sage; er soll darnach der Sohn des Mäon (daher der Mäonide genannt), gewesen u. von Phe- mios zu Smyrna erzogen worden sein, darauf mit dem Schisser Mentes große Reisen gemacht haben und auf der Rückkehr in Jthaka erblindet, dann nach Kyme gegangen und von den Kymäern mit seinem Vorschlag, ihnen seine Lieder gegen Ernährung aus öffentliche Kosten zu singen, abgewiesen worden sein, daun aus Chios eine Sängerschule errichtet, von Samos, wo er nachher gewohnt, eine Reise nach Athen unternommen haben und unterwegs aus der Insel Jos erkrankt, gestorben и. begraben worden sein. Selbst als blinder Bettler wird er bezeichnet. Die Zeit seiner Existenz wird schon von den Alten sehr verschieden angegeben; nach Herodot fällt seine Blüthe um 850 v. Ehr., nach demselben lebte er zur Zeit des Hesio- dos, mit dem er auch einen Wettstreit auf Chalkis bestanden haben soll. Über die Ehre, Vaterstadt des H. zu sein, stritten sich im Alterthume die sieben Städte Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis auf Cypern, Jos, Argos und Athen, od. statt Rhodos u. Salamis auch Kyme u. Pylos. Auf jeden Fall ist das Vaterland der homerischen Poesie die Küste von Kleinasien, u. mehrere jener Angaben seiner Vaterstadt suchte man so zu vereinigen: er war aus Smyrna, welche Stadt von Kyme, einer athenischen Colonie, aus gegründet und später von Kolophonieru, welche Pylos als ihre Mutterstadt ansahen, besetzt, wurde. Da so in Smyrna die Stämme der Äoler, Joner und Achäer zusammenkamen u. durch sie eine Menge alter Sagen, namentlich vom Trojanischen Kriege zusammengebracht wurden, so wurde jene Stadt ein fruchtbarer Boden für die Epische Poesie, wie sie bei Homer erscheint. Seit dem Erscheinen von Fr. Aug. Wolfs krolsAomsua aci Vomsrum 1795 haben viele die persönliche Existenz des H. ganz bezweifelt u. halten ihn für den Collectivnamen einer ionischen Sängerschule, in welcher die ep. Poesie fortgepflanzt worden sei (vgl. Homeriden); andere erklären ihn für den Zusammenfllger schon vorher vorhandener einzelner Gesänge, od. überhaupt für Len Repräsentanten jener Sängerschule. Roch immer ist die homerische Frage nicht vollständig gelöst (s, unten), welche für die Erkenntniß der tiefsten Fragen der Volkspoesie sehr wichtig ist. Von den Darstellungen H-s ist bes. die Apotheose H. berühmt, s. u. Apotheose. Lebensbeschreibungen des H. aus dem Alterthum sind dem Hero- dotos u. Plutarchos untergeschoben, außerdem von Proklos (alle in Westermanns vioArnxäi, Braunschweig 1845); dann vgl. Leo Allatius, Vs xatrir Vomsri st Vomsri natalibus, Leyd. 1640; Nihsch Vs üistaria Vomsri, Hannov. 1830 bis 1837, 2 Abtheilungen. Jedenfalls sind die H-schen Gedichte die ersten griechischen Epen, welche nicht einzelne Partien in kürzerer Form, sondern größere zusammenhängende Bilder eines Sagenkreises, nämlich aus dem des Trojanischen Krieges, im Ganzen in poetischer Einheit darstellen. Die beiden großen Gedichte sind die Ilias u. die Odysseia; in der ersteren werden Scenen aus einem Zeitraum von 51 Tagen des letzten der zehn Kriegsjahre vor Troja, vom Zorne des Achilleus u. den daraus hervorgehenden Ereignissen bis zu dem Tode des Hektar besungen, darunter im 3.—22. Buche die am 23.-27. Tage geschehenen Kämpfe der Griechen u. Trojaner (s. u. Trojanischer Krieg); in der letzteren werden die zehnjährigen Irrfahrten des Odysseus nach Beendigung des Krieges u. seine endliche Rückkehr nach Jthaka geschildert (s. u. Odysseus). Man hat sie in den Gesang vom abwesenden Odysseus (1.-4. Buch), vom heimkehrenden (5.—12. Buch), vom Rache sinnenden (13.—19. Buch) u. vom Rache übenden Odysseus einzutheilen gesucht; den Schluß hielt man schon im Alterthum für unecht. Jedes dieser Gedichte theilten die Alten in 24 Bücher (Rhapsodien). Da bei aller Übereinstimmung in Ton, Sprache u. Metrik im Allgemeinen, sich doch auch im Einzelnen viele Verschiedenheiten in de: Darstellung u. im Versbau, bes. aber im Geiste beider Gedichte finden, überhaupt aber das in der Odyssee geschilderte sociale u. häusliche, religiöse u. sittliche Leben augenscheinlich einer fortgeschritteneren Zeit angehört, so hat es schon in der kritischen Zeit des Alterthums Gelehrte gegeben, welche ! Homeros. 423 beide Gedichte zwei verschiedenen Verfassern zuschrieben. Solche Kritiker heißen Chorizonten (d. i. Trennende), es waren bes. Zenon n. Hella- nikos. Weiter ging in neuerer Zeit, nachdem schon früher auf einige Einzelheiten hingewiesen worden war, F. A. Wolf, welcher nicht allein die Ansicht der alten Chorizonten wegen der verschiedenen Zeit der Abfassung von Neuem geltend machte, sondern auch die Behauptung aufstellte, daß, da in jener ältesten Zeit die Schreibkunst noch nicht üblich gewesen sei, auch die Ilias u. die Odyssee nicht geschrieben, sondern mehrere Menschenalter hindurch bloß durch Didaskalie (s. d.) mündlich sortgepflanzt worden sei; ferner, daß keines von beiden auch nur selbst von einem Verfasser herrühre, sondern aus einzelnen Rhapsodien erst später zusammengesetzt worden sei; endlich daß, wenn auch einzelne jener Rhapsodien von H., doch die anderen von Rhapsoden herrührten, welche zuletzt unter Pei- sistratos zu einem kunstreichen Ganzen componirt worden seien. Diese Ansicht, geistreich dargestellt, fand bei Vielen Beifall, aber auch an Ruhnkeu, I. H. Boß, Villoison u. A. entschiedene Gegner, welche wegen der poetischen Einheit dieser Gedichte auch an der Einheit des Verfassers hielten. In späterer Zeit wurde vielfach ein vermittelnder Standpunkt angenommen, auf welchem man die ursprüngliche Einheit jedes von beiden Gedichten u. also auch die Existenz eines Verfassers annimmt, aber das Einschalten einzelner Verse und ganzer Abschnitte zugibt, deren Ausscheidung jetzt also die Aufgabe der Wissenschaft bilde. Vergl. die bahnbrechende Schrift von F. A. Wolf, krolsZomsua all Oomsrnra, Halle 1795; Spohn, Os extrsiua Oä^sssas Parts asvo rsesntiors orta gnam bo- msriso, Lpz. 1816; Düntzer, H. und der epische Cyklus, Köln 1839; Lauer, Geschichte der Homerischen Poesie, Berl. 1851; Gladstone, Ltnäiss on II. null tbs Oomsrio azs, Oxf. 1858, 3 Bde. Ein neues Ziel steckte sich, indem er die ursprünglichen kleineren Lieder zu erforschen suchte, aus welchen späterhin die Ilias bearbeitet worden sei, Karl Lachmann, Betrachtungen über H-s Ilias, Berlin (1838) 1847, was weiterhin H. Köchly (Ilittäls earinins. XVI., Lpz. 1861) dnrchsührte. Gute Übersicht dieser Frage u. Literatur gibt H. Bonitz, Über den Ürsprung der H.-Gedichte, Wien 1860 n. ö. Die Homerischen Gesäuge sollen von Kleinasien, wo sie des. zum Citherspiel gesungen u. bewundert wurden, zuerst im 9. Jahrh. v. Ehr. unter Ly- kürgos von declamirenden Rhapsoden nach Sparta, unbekannt in welcher Gestalt, gebracht worden sein. In Athen, wohin sie schon vor Solon gekommen waren, verordnete dieser, um der Willkür der Rhapsoden zu steuern, daß diese bei festlichen Gelegenheiten schriftliche Exemplare zu Grunde legen sollten. Aber die größten Verdienste erwarben sich in Athen Peiststratos u. seine Söhne im 6. Jahrh. um die SammluU, Anordnung u. Berichtigung derselben, bes. durch den Orphiker Onomakritos. Nun mußten die Rhapsoden die Jliade od. Odyssee an den Panathenäen vollständig und genau vortragen, u. zwar so, daß sie sich bei den einzelnen Rhapsodien ablösten. Die Gelehrten, swelche seit Peifistratos sich der schristl. Bearbeitung unterzogen, hießen Diaskeuasten (Bearbeiter). Bald wurden diese Sammlungen u. berichtigten Ausgaben (Dior- thoseis) sehr zahlreich, u. in der Alexandrinischen Zeit kannte man deren schon acht, zwei nach Männern, die sie besorgt, benannt, die des Antimachos u. des Aristoteles, sechs nach Orten, wo sie gemacht waren, von denen die Massalio t- ische und Sinopische die berühmtesten waren, dann noch dieChiische, Argivische, Zyprische u. Kretische. Da aber durch diese verschiedenen Sammlungen viel cingeflossen war, was nicht als echt gelten konnte, so unterzogen sich die alexandrinischen Grammatiker von Neuem der Reinigung u. kritischen Feststellung des Textes, unter ihnen bes. Zenodotos, Aristophanes aus Byzanz, Krates aus Pergamos, u. als der Bedeutendste Aristarchos (s. d.); der Text, wie wir ihn jetzt haben, stammt vielleicht erst aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Während H. durch ganz Griechenland bewundert wurde u. als Muster des Epos galt u. noch jetzt gilt, fehlte es auch nicht an kleinlichen Geistern, die in ihrer Kritik darauf ausgingeil, Fehler aufzufinden u. den Ruhm des H. zu kürzen, ein solcher wurde Homeromastix genannt; unter ihnen ist Zoilos bekannt, (sprichw. so v. w. kleinlicher Nörgler). Im Alterthum galten die Homerischen Gedichte in ihrer einfachen Würdigkeit, ihrem Reichthum an Handlung, ihrer Anschaulichkeit u. ihrer herrlichen Sprache geradezu als das vollendete Muster aller Poesie. Die Wissenschaft der Poetik bildete sich an ihnen; die Jugend lernte sie in den Schulen auswendig; die anderenDichter befruchtetenihreThätig- keit am Studium H'., u. eine Menge von Vorstellungen aller Art drang aus diesen Epen als Gemeingut in das gefammte Leben wie in die Religion des Alterthums ein. In später, besond. christl. Zeit, wurde er jedoch auch wegen Verbreitung unwürdiger Vorstellungen von den Göttern bekämpft. In neuer Zeit nahm er, indem man besond. seinen Werth gegen den des Vergil (welcher die Zeit der Renaissance beherrschte) als des Kunstdichters abwog, in der Schule wie in den Studien wieder die hervorragendste Stellung ein. — Aus der höchst nnfänglichen Literatur sei nur das Allerwichtigste hervorgehoben. Früh schon erklärte man den H. u. schrieb über ihn Scholien, bes. die Alexandriner, dann Didy- mos, u. im 12. Jahrh. Eustathios; andere Scholien zur Ilias hat Villoison, Ven. 1788, und W. Dindors 1875, zur Odyssee W. Dindorf 1855 herausgegeben; auch Wörterbücher, bes. Apollonias Sophista; neuere von Damm, Osxioon bomorieo-pinäarionm, Berl. 1765—78, 2 Bde.; H. Ebeling, Osx. iiomsricnm, Lpz. 1874 ff.; vgl. Bnttmann, Lexilogus, Berl. 1818, 2. Anfl., ebd. 1825, 2 Thle. Ausgaben der Ilias: von Villoison (mit den treffl. alten Scholien), Venedig 1788, Fol.; Heyne, Lpz. 1802—22, 9 Bde. (Jn- dices dazu von Gräfenhan); Gesammtausga- ben der Ilias u. Odysse, zuerst von Deme- trios Chalkondylas, Florenz 1488, 2 Bde., Ven. bei Aldus 1504, 2 Bde., u. ö., von Wolf, Halle 1783—85, 2 Bde., dann 1794; 4. Anfl., Leipzig 1804—7 (5.A. der Ilias, 1817, 2 Bde.); Bekker, Berl. 1843 Bonn 1858; Fäsi, Lpz. 1850 f.; W. 424 Horus-i'ulsi's Dindorf, Lpz. 1855 f.; vollständ. krit. Ausgabe von I. La Roche, Lpz. 1867 f., 1873 f. Von Erklärungswerken außer den älteren, bes. von Eustathios (s. o.), sind die neueren und neuesten über die Ilias: Wolfs Vorlesungen zu den vier ersten Gesängen der Ilias, herausgegeben von Usteri, Bern 1830, 2 Bde.; Nägelsbach, Anmerkungen zur Ilias, Nürnb. 1834, 3. A. 1864.; über die Odyssee von G. W. Nitzsch, ebenda 1836—40, 3 Bde. (unvollendet); u. erklärende Ausgaben des Ganzen von F. Ameis, 6. Auflage, Leipzig 1874 ff. und I. U. Fäsi, 6. Ausl., Berlin 1873 f. Vergl. Friedreich, Die Realien in Jliade u. Odyssee, Erl. 1851; Auten- rieth, Wörterbuch zu Homer, Lpz. 1873; Nitzsch, Heldensage der Griechen 1842; Nägelsbach, Die Homerische Theologie, Nürnb. 1840; Völker, Homerische Geographie, Hannover 1830; Deutsche Übersetzungen von I. H. Voß (die 1. Ausl, der Odyssee, Hamb. 1781, ist die beste), Altona 1793, 4 Bde., 5. Ausl., Tüb. 1833, 2 Bde.; in der neuesten Zeit metrisch von E. Wiedasch, Stuttg. 1830 ff.; die Ilias von Friedrich Leopold Graf von Stolberg, Flensburg 1778, n. Ausl., Hamb. 1823, 2 Bde., die Odyssee von Wilh. Jordan, Franks, a. M. 1875. Illustrationen zu H.: H. nach Antiken gezeichnet von W. Tischbein, mit Erklärungen von Heyne u. Schorn, Gött. u. Stuttg. 1801—23, 11 Heste; Genelli, Umrisse zu H., mit Erläuterungen von E. Förster, L-tuttg. 1844; Flaxmanns Umrisse, gestochen von Riepenhausen, Berlin; Fr. Preller, Landschaftsbilder zur Odyssee (nach den Originalen im Museum zu Weimar), München 1875 ff. Erzeugnisse der Homeridenschule sind noch: a) die Hymnen, Gesänge an Götter in epischer Form, 34, darunter fünf größere (zwei auf Apollo, u. je einer aus Hermes, Aphrodite, Demeter), unter den anderen mehrere Einleitnngs- oder Vorgesänge (Prooimia) zu den größeren Hymnen; herausgegeben u. a. von N. Baumeister, Lpz. 1860; einzeln der Hymnus aus Demeter, von Ruhnkeu, Leyd. 1780 u. ö.; Voß, Heidelb. 1821k, Fr. Bü- cheler, Leipz. 1869; b) Batrachomyiomachia, der Frosch- u. Mäusekrieg, eine Parodie der Ilias; Andere schreiben sie dem Karier Pigres zu, sie ist aber aus späterer Zeit; v) Epigrammata, 17 kleinere Gedichte, darunter die Eiresione (ein Bettlerlied); in den Ausgaben der Hymnen a. des H.; ä) von dem Margites, einem komischen Epos od. vielleicht einer griechischen Eulenspiegel- iade, dessen Verfasser im Alterthume sehr ungewiß war, sind nur noch Fragmente übrig. Uome-rulers, eine von irischen Abgeordneten im britischen Parlament 1872 gebildete Partei zu dem Zwecke, eine heimatliche Regierung (üoms inls), ein selbständiges Parlament für Irland zu erlangen. Homeyer, Karl Gustav, Germanist, geb. 13. Aug. 1795 zu Wolgast in Pommern. Mit seinem Vater, einem Kaufmann u. Schiffsrheder, 1806 wegen der französischen Invasion nach Schweden gezogen, kehrte er nach 1810 nach Deutschland zurück und studirte 1813—1817 in Berlin» Göttingen n. Heidelberg die Rechte. Infolge der Einverleibung seines HeimathlandeS in Preußen mußte H. 1818 seiner Militärpflicht ge- — Homiletik. nügcn, habilitirte sich dann als Privatdocent bei der juristischen Facultät in Berlin und eröffnete seine Vorlesungen (über Wechselrecht) im Januar 1822, wurde 1824 außerordentlicher und 1827 ordentlicher Professor u. las hauptsächlich deutsche Rechtsgeschichte und deutsches Privatrecht. Am 23. Mai 1845 trat er unter Beibehaltung seiner Professur als außerordentliches Mitglied in das Obertribunal, wurde 1850 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1854 Mitglied des königl. Staatsraths u. zugleich als Kronsyndicus zum Mitglied des Herrenhauses berufen. Im Jahre 1866 nahm H. seinen Abschied vom Obertribunal u. st. 20. Oct. 1874. Er schr.: Lista- rias zuris kameranilli oapita gnasckam, Berlin 1821; Übersetzung von Kolderup-Rosenvinges Grundriß der dänischen Rechtsgeschichte, ebd. 1825; Des Sachsenspiegels Erster Theil od. Das Sächsische Landrecht, ebd. 1827, 3. Ausg. 1861; Des Sachsenspiegels 2. Theil nebst verwandten Rechts- quellen (Bü. 1 Sächsisches Lehnrecht u. Richtsteig Lehnrechts, Bd. 2 Vetos aoetor äs bsnstioüo, Görlitzer Rechtsbuch, System des Lehnrechts), ebd. 1842—1844; Verzeichniß deutscher Rechtsbücher, 1836; Die Heimath nach altdeutschem Recht, insbesondere das Hantgemal, 1852; Die Stellung des Sachsenspiegels zum Schwabenspiegel, 185g; Über die germanischen Loose, 1854; Der Prolog zur Glosse des Sächsischen Landrechts, 1854; Die deutschen Rechtsbiicher des Mittelalters und ihre Handschriften, 1856; Die unechte Reformation König Friedrichs III., 1856; Irrkorwatio o sps- enlo Laronum, 1857; Richtsteig Landrechts nebst Cautela u. Premis, 1857; Spiegel deutscher Leute, 1857; Genealogie der Handschriften des Sachsenspiegels, 1859; Stadtbücher des Mittelalters, 1860; Die Extravaganten des Sachsenspiegels, 1861; Der Dreißigste, 1864; Das Friedegut in den Fehden des Mittelalters, 1867; Über die Formel der Minne u. des Rechts eines Anderen mächtig sein, 1867; Die Loosstäbchen, 1868; Die Haus« u. Hofmarken, 1871. Homiletik (vom gr. özrrür'a, s. Homilie), die Wissenschaft vom Wesen u. der Form der christlichen Predigt u. die darauf sich gründende Anleitung zur Auslegung u. rednerischen Darstellung des Wortes Gottes in der Gemeinde. Die richtige Theorie des Cultns, Hermeneutik und Rhetorik bilden die Grundlagen der H., letztere natürlich modißcirt durch die Eigenthümlichkeit des Gegenstandes. Während die ältere H. theils das Hermeneutische, theils das Rhetorische an der Predigt vorzugsweise behandelte u. mehr nur Kunstlehre war, geht die neuere auf die religionsphilosophische Erfassung des christlichen Cultns u. der Stellung der Predigt in ihm zurück, um von da aus die H. streng wissenschaftlich zu gestalten. Homiletische Seminarien sind Anstalten an Universitäten, um die jungen Theologen praktisch zu Predigern heranzubilden. Vgl. Palmer, Evangelische H., Stuttgart 1842, 5. Ausl. 1867; Schweizer, H. der protestantischen Kirche, Leipzig 1848; Nitzsch, Praktische Theologie, 3 Bde., 2. Ausl. Bonn 1859; Vinet, H. u. Theorie der Predigt, Basel 1854; G. Baur, Grundzüge der H., Gießen 1848; Hagenbach Grundlinien der Liturgik u. H.» Lpz. 425 Homiliurius — Homöopathie. 1883 ; Ammons Geschichte der H., Gott. 1804; Leich, Geschichte der H., 1839; Paniel, Geschichte der christlichen Beredtsamkeit, 1839—41; Magazin für ev.-luth. H., Dresd. 1877 f. Löffler. yomilisiflus (3omi1iarium), Sammlung von Homilien der Kirchenväter, welche als Erklärungen der sonn« u. festtäglichen Evangelien u. Episteln gelesen zu werden pflegten. Erste Sammlung 797 auf Karls des Großen Befehl von Paulus Diakonus. Homilie (v. Gr.), nach älterem Sprachgebrauch überhaupt jede Predigt, jetzt gewöhnlich eine Predigt ohne Thema, die im Texte ihre Einheit hat, ihn verfolgt u. auslegt u. zugleich mehr der Umgangssprache sich nähert. Löffler. Homilrus, Gottfried August, Orgelspieler u. Kirchencomponist. geb. 2. Febr. 1714 in Rosenthal an der böhmischen Grenze, Cantor der Kreuzschule in Dresden, trefflicher Orgelspieler u. Kirchencomponist; starb 1. Juni 1785. Seine Motetten gelten als Muster dieser Gattung. Si-b-nr°ck. ttommags (fr.), Unterwerfung, Unterwürfigkeit, Ehrfurcht, Ehrerbietung. Damit zusammenhängend das mittelalterl. 3omwaZium. Nommo (sr.), Meüsch, dann insöes. Mann im Gegensatz zur Frau; 3. ä'akkairss, Geschäftsverwalter, Hausverwalter, Haushofmeister; 3. äs Isttres, Gelehrter; 3. äs gualids, Mann vom Stande; 3. ä'ssprit, Mann von Geist; 3. äs §usrrs Kriegsmann; 3. ä'Lpse, Soldat; 3. äs msr, Seemann; 3. äs robs, Rechtsgelehrter rc. Hommel, Karl Ferdinand, Rechtsgelehrter, geb. 6. Jan. 1722 in Leipzig; studirte erst Medi. cin, dann Jurisprudenz, wurde 1750 Professor der Jurisprudenz, 1763 Wirkl. Hof- u.Jnstizrath, erster Beisitzer des Oberhofgerichts u. Ordinarius der Juristenfacultät u. st. 16. Mai 1781. Er schr. u. a.: Oblsotamsuda jrrris bsuä., Leipz. 1755; änrlsprnäöutia numismadibus ilinsbrata, Leipz. 1763; Deutscher Flavius, Bayr. 1763, 2 Bde., 4. Aufl. von Klein, 1800; Rbapsoäias «guasstio- nnm in koro guotiäis obvsnisntüum, IsAibus äsoisarum, Leipz. 1765 f., 7 Bde., 4. Aufl. 1783—87; Pertinenz- u. Erbsonderungsregister, ebd. 1767, 6. Aufl. 1805; VallnAsnssia iibrorum jirrig vsdsrnm, ebd. 1767 f., 3 Bde.; 6orpus zur. oiv. oum nolis variorurn, ebend. 1768; ?romx- tunrinm juris Lsrtoolliani, Lpz. 1777 f., 4 Bde., vollendet von Günther; Register über Len Codex Augusteus, ebd. 1778; Opusoräa juris univsrsi, herausgeg. von Rössig, Bayr. 1785; übersetzte: Beccaria, Von Verbrechen und Strafen, Bresl. 1788, 2 Bde. Uomo (lat.), Mensch, wol auch speciell Mann; 3. srrpisns, der von Linne ausgestellte natnrge- schichtliche Name der Menschen; 3. sui juris, Einer, welcher nicht unter eines Anderen Gewalt steht; 3. aiisui juris, welcher unter eines Anderen Gewalt steht, wie Familiensöhne, Sklaven, nach strengem Recht selbst Ehefrauen; 3. xroprlus, Leibeigner od. Höriger. Homo . . . (v. Gr.), zusammen, gleich. Homo . . . (v. Gr.), ähnlich . . . Uomo äiluvii tsstis, s. Riesensalamander. Homogen (v. Gr., gleichartig) (Math.) heißt eine Function, welche durch Multiplikation aller veränderlichen Größen mit ein u. derselben neuen Größe nur die Änderung erleidet, daß sie eine Potenz der neuen Größe als Faktor erhält. In der Physik ein Körper, dessen kleinste Thcile sämmtlich gleiche Beschaffenheit haben. Homokcrkeu, s. Fische, versteinerte. Homologie (v. Gr.), 1) Bei-, Zu-, Übereinstimmung; 2) bei den Stoikern Übereinstimmung mit der Natur; 3) in der griechisch-katholischen Kirche so v. w. Oouksssio, Symbol od. kirchliche Bekenntnißschrift; das Hauptsymbol ist die von Petrus Mogilas 1640 ausgegangene u. 1643 von der ganzen Orientalischen Kirche mit kirchlicher Sanction versehene ä^o/lo/ea rhc 7r arecok ryc xaS-oürxhr' -rar aTrooroüixyr rxxüyoraL ry? ar-aroütxy?, gedruckt Amsterd. 1662 , herausg. von Normann, Lpz. 1695, von Hosmann, Bresl. 1751, deutsch von L. Frisch, Frkf. 1727. Homologie. Viele organische Verbindungen van verschiedener Molecularzusammensetzung zeigen in ihrem chemischen und physikalischen Verhalten einebemerkenSwertheÜbereinstimmung. Beinäherer Vergleichung der Formeln nun zeigt es sich, daß die zusammengehörigen Körper sich durch einen Mehr- oder Mindergehalt von 63. oder einem Vielfachen dieser Gruppe von einander unterscheiden. Körper, welche unter sich in einem solchen Verhältnisse stehen — Analogie der Constitution vorausgesetzt— hat man homolog u. eine derartige Körpergruppe eine homologe Reihe genannt. Eine homologe Reihe bilden z. B. die normalen einbasischen Fettsäuren. Die Glieder homologer Reihen liefern auch analoge Zersetzungsproducte. So entstehen aus der homologen Reihe ver ein- werthigen Alkohole die homologe Reihe der Aldehyde u. aus dieser die der Säuren. Verbindungen wie Alkohol, Alvehyd, Säure, welche unter sich nicht homolog sind, aber durch chemische Metamorphose aus einander gebildet werden, hat man Heterologe oder genetische Reihen genannt; so Äthylalkohol, Aldehyd, Essigsäure; ebenso Propylalkohol, Propylaldehyd, Propionsäure. Homologumena (gr.), s. Bibelkanon. ttomo novus (röm. Ant.), ein Römer von plebejischer Geburt u. aus einer Familie, aus welcher noch kein Glied hohe Staatsämter bekleidet hatte, der zuerst ein solches bekleidete u. dadurch in die Klasse der Nobiles kam u. diesen Vorzug an seine Nachkommen vererbte. Homonym (v. Gr., gleichnamig), 1) zweideutig; 2) Wort, daß bei gleichem Laut verschiedene Begriffe anzeigt (also Las Gegentheil von synonym), z. B. Bauer: Käfig u. Landmann, s. u. Räthsel. Homöogräphie (v. Gr., Ähnlichschreibung), ein von dem Chemiker Bayer in Nimes 1803 erfundenes, der Lithographie ähnliches Verfahren, Drucke, Zeichnungen, Schriften, so alt sie auch sein mögen, schnell u. genau auf Stein überzu- traqen u. genau u. sicher zu vervielfältigen. Homöopathie (v. Gr., Heilung durchÄhnliches), ein auf die Spitze getriebener Dynamismus, ist die von Hahnemann mit großer sophistischer Schärfe begründete Heilmethode, welche heutzutage , der Vergessenheit so ziemlich entgegengehend, die alten, seit Hippokrates herrschenden, medicinischen Grundsätze umstößt und 426 Homöopathie. gerade die entgegengesetzten aufstellt. An Statt der Krankheiten setzt Hahnemann nur die Erscheinungen derselben, Störungen „der Lebenskraft", welchedurch Mittel beseitigt werden, die im Gesunden möglichst ähnliche oder gleiche Symptome wachrufen (oimilia oimilibus). Anatomie und Physiologie kommen wenig dabei in Betracht; örtliche Krankheiten gibt es nicht; die Sectiousbefunde sind nur die Resultate der allöopathischen Behandlung, die homöopathische hinterläßt solche Rückstände nicht, wobei allerdings nicht übersehen werden darf, daß Hahnemann nie Sektionen machte. AlsUrsachender acuten Zustände gelten in der H.: Diätfehler, äußere Schädlichkeiten, Miasmen u. Contagien; für die chronischen gibt es drei Miasmen: das psorische (krätzige), syphilitische n. feigwarzige; dazu kommen die vererbten Arzneisünden der Allöopathen; eine Hauptrolle spielt die zurückgetretene Krätze. Eine specielle Pathologie kann es demzufolge kaum geben; die bisherige Benennung der Krankheiten fällt als unnütz weg; das Erkennen der krankhaften Zustände beschränkt sich auf den Vergleich der Erscheinungen derselben mit denen der Arzneimittel. Die H. heilt alle Krankheiten, — eine Naturheilung wird nicht anerkannt — weil sie für jede ein bestimmtes Mittel hat, das nicht durch ein anderes ersetzt werden kann. Alle diese Mittel werden in der Wirkung unendlich gesteigert durch Verdünnung, verbunden mit kräftigem Reiben u. Schütteln, so daß schon das Riechen an einem Decillionstel Gran Kieselerde genügt zur Heilung von Kahlköpfigkeit, Grind, grauem Sraare, Amaurose, nächtlichem Bettpissen, übermäßigem Geschlechtstriebe, stinkendem Fußschweiße u. Unfähigkeit zum Denken. Charakteristisch ist ferner, daß man zur Prüfung der Arzeiwirkungen am Gefunden dieselben ohne alles Examiniren aufschreibt oder noch besser aufzeichnen läßt, um ein möglichst reines Bild zu erhalten; so wird man finden, daß homöopathisch gereichter Bärlappsaamen die aller- wundersamsten Sachen zu Wege bringt: Ausfallen der Haare, Verwirrung der Gedanken, Ausschläge u. noch viel tolleres Zeug. Bezüglich der Verdünnung schwankt übrigens Hahnemann, denn er hat später selbst wieder zu geringeren Mischungen gegriffen, ja auch die reinen Tinkturen in Anwendung gebracht. Allöopathische Mittel u. Gaben ließ er nur zu bei Vergiftungen, Erstickungen, Ohnmächten rc. Wesentlich unterstützt wurden diese Kuren durch die eiuzuhaltende Diät. Ein scheußlicher Auswuchs der H. war die sog. Jsopathik, die sogar Gleiches mit ganz Gleichem heilen wollte u. sich dazu bes. der Contagien u. Krankheitsstoffe selbst bediente, bei Pocken des Pockeneiters, bei Diarrhoe des Stuhlabgangs rc.; zu den Jsopathen gehörten vor allen Lux u. G. Fr. Müller. Die neue Lehre erregte großes Aufsehen und machte sich namentlich beim Laienpublicum recht bald beliebt, das in medicinischen Dingen ja so gern richtet u. die Einfachheit anstaunte, die doch im Grunde nichts anderes war als eine fratzenhafte Verzerrung der bereits seit Paracelsus an- gestreblen Mäßigung betreffs der Zusammensetzung der Arzueiformen. Bon den Ärzten war es bes. Hufeland, der jene unter seinen Schutz nahm, dann die folgenden, von Hahnemann eigentlich nie als Vollbluthomöopathen anerkannt: Moritz Müller (Leipzig), Wilh. Groß (Iüterbogk), Eduard Stapf ^ (Naumburg), die 1818 das Archiv für Homöopath. Heilkunst gründeten. Müller war auch Director der ersten Homöopath. Klinik in Leipzig (1822) wich aber sehr bald wesentlich von den Grunds lehren ab, ebenso wie Schrön (Hof), Rau (Erlangen), Wolfs (Dresden), Grieffelich, Noak, Kopp u. a. Für die Chirurgie brachte I. A. Schubert die H. in Anwendung, für die Thierheilkunde Günther, Lux, Starke, Schäfer. Auf Grund der immer mehr u. mehr erfolgenden Abweichungen u. Abänderungen bildete sich j allmählich eine neue, wissenschaftliche H. aus, als deren Vertreter bes. Altschul, Grauvogl und B. Hirsche! zu nennen sind. Sie fordert wie die Allöopathen eine anatom.-physiolog. Unterlage u. die Benutzung der neueren Hilfsmittel, erkennt die Naturheilung an, sowie die Wohlthätigkeit der Krisen u. fordert die Diagnose der Krankheit, die Erforschung ihres Charakters u. der Erscheinungsgruppe; sie verwirft alles Generalisiren und verlangt das individuellste Specialisiren; nicht die Dosis, sondern die Wahl des Mittels ist das wesentliche; bleibt demnach das similia siiuiliinis als Priucip bestehen, so ist es doch so zu erläutern, daß man dabei nicht an eine bloße äußere Ähnlichkeit der Symptome denkt, sondern an eine Übereinstimmung zwischen Krankheit und Mittel, basirt auf Sitz, Charakter, Verlauf, wie denn in der That die bloße Ähnlichkeit des Physiologischen ohne Hinzuziehung der patholog. Charaktere nicht ausreicht (Hirsche!, Grundriß der Homöopathie nach ihrem neuesten Standpunkte, 2. Aufl. 1854). Somit gestalten sich diese neuen Homöopathen selbst zu Gegnern HahnemannS, zu denen übrigens von vornherein gehörten: Stieglitz, K. Sprengel, L. W. Sachs, B. C. Krüger-Hausen, I. C. A. Heinroth, F. G. v. Gmelin, Wedekind, Fr. Alex. Simon, Marx, J.A. Bischof u. vor allen K.E. Bock. Trotz der Rührigkeit der Gegner machte die H. Fortschritte. Förderlich für sie war es, daß die Regierungen anfingen, das früher bestandene Verbot des Selbstdispensirens der homöopathischen Ärzte aufznheben, z. B. in Preußen durch Cabi- netsordre vom 11. Juli 1843. Da es aber oft un- thunlich war, die Arzneien jedesmal selbst zu bereiten, so wurden thcils besondere H omöopathijche Apotheken errichtet, theils fingen einzelne Ärzte oder auch bloße Liebhaber der H. an, die homöopathischen Arzneimittel in condensirteren Formen darzustellen und auszubieten. Da hierdurch auch dem uichtärztlichen Publicum der Besitz Homöopath. Arzneimittel möglich wurde, so erschienen bald auch populäre homöopathische Schriften, so z. B. F. A. Günthers Homöopathischer Hausfreund, Sondersh. 1847—50. Ferner wurde der Anfang gemacht, die H. in öffentlichen Spitälern einzuführen. Das älteste derartige Institut ist die homöopathische Heil- u. Lehranstalt in Leipzig, welche 1833 eröffnet, durch ungünstige Verhältnisse aber in ihrer Entwickelung gehindert wurde. Besseren Erfolg hatten bes. die Spitäler derBarmherzigenSchwestern in Wien unter Fleischmann, in Linz unter Reiß, in Kremsier unter Schweitzer u. die Armenkrankenanstalt zu Nechanitz in Böhmen unter Feltler, 427 Homöosis - Hahnemanns Hospital in London, in welchem, so> wie in dem Spital zu Wien, auch klinische Vortrage gehalten werden. Auch in Amerika bestehen mehrere derartige Spitäler u. selbst Lehranstalten, wie die Homöopathische Akademie zu Allen- town in Nordamerika, u. in Madrid wurde 1850 ein Lehrstuhl der H. gegründet. Unzweifelhaft hat die Homöopathie, indem sie mit allen hergebrachten Ueberlieferungen brach, der älteren Medicin insofern Nutzen gebracht, daß sie zu eingehenderen Untersuchungen der gebräuchlichen Mittel den Anstoß gab, den Wahn einer Steigerung der Heilkraft derselben durch Vielheit verscheuchte, überhaupt eine größere Einfachheit anbahnte, die freilich schon von jedem denkenden Arzte der früheren Zeilen betont war u. mit die Veranlassung wurde, in die Kenntniß u. verständige Benutzung der allgemeinen Verhältnisse, unter denen der Kranke steht, die besondere Aufgabe des Arztes zu setzen. Aber ebenso unzweifelhaft hat sie auch wesentlich zur Profanirung der ärztlichen Kunst beigetragen u. die Stellung des Arztes erschüttert. So können wir uns nicht wundern, wenn 1851 die medicin- ische Facultät der Universität St. Andrews in ELinburg, sowie das Londoner Uoznl vollsZs ok kllMelano beschloß, keinemStudirendeu dieDoctor- würde zu verleihen, welcher nicht durch ein feierliches Versprechen auf die Anwendung der homöopathischen Heilmethode verzichtet, und wenn der Medicinische Verein zu Brighton sich für ein Manifest entschied, welches die H. als dem gesunden Menschenverstand durchaus zuwiderlaufend verdammt. Vgl. Rummel, Die H. in ihrer Licht- u. Schattenseite, Lpz. 1827; Jörg, Kritische Hefte für Ärzte, Lpz. 1822—24, 1.—3. Heft; Heinroth, Antiorganon, Lpz. 1828; Simon, kssuäomsssias Hahnemann, Hamb. 1830—3.4, 3 Thle.; Lesser, Die H., Berl. 1834; Stieglitz, ÜberH ,Hann. 1835; Simon, Antihomöopathisches Archiv, Hamb. 1834; Baas, Grundriß der Gesch. der Med., Lpz. 1876. Außerdem die Schriften Hahnemanns, s. d.; ferner Libliotlloon llomosopatlliea, Leipz. 1842, 2. Aust.; Hartlaub u. Drinks, Reine Arzneimittellehre, Lpz. 1828—31, 3 Bde.; Hufeland, Die H., Berl. 1831; Hartmann, Therapie acuter Krank- heitssormen nach homöopathischen Grundsätzen, Leipz. 1834, 2 Bde., 2. Ausl.; I. R. Büchner, Homöopathische Arzneibereitungslehre, München 1840; Noack u. Drinks, Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre, Leipz. 1841—48; Georg Schmid, Homöopathische Arzneibereitung u. Gabengröße, Wien 1848; Griesselich, Handbuch zur Kenntniß der homöopathischen od. specifischen Heilkunst, Karlsruhe 1848; Hartmann, Specielle Therapie acuter und chronischer Krankheiten, Leipz. 1848; Jahr, Ausführlicher Symptomencodex der homöopathischen Arzneimittellehre, Lpz. 1847—49,4 Bde; A. Haas, Die H., lichtvoll in der Theorie u. heilvoll in der Praxis, Wien 1851; Hirschel, Die H., eine Anleitung zum Verständniß derselben, Dessau 1851; Der homöopathische Arzneischatz am Krankenbette, 11. Aust. 1876; Derselbe, Die H. u. ihre Bekenner, ebd. 1851; Possart, Charakteristik der homöopathischen Arzneien, Sondersh. 1851; Jahr, Die Lehren u. Grundsätze der gesammten theoretischen und praktischen homöopathischen Heilkunst, - Hompesch. Stuttg. 1857; Lutze, Lehrbuch der H., Sondersh. 1857, 7. Anfl. 1871; Goullon, Darstellung der H., Lpz. 1859; Notar Müller, Homöopathischer Haus- u. Familienarzt, 9. Ausl. 1874; F. A. Günther, Der homöopathische Thierarzt, Sondersh. 1849, 5. Ausl., 3 Thle. Zeitschriften: Stapf, Archiv für die homöopathische Heilkunst, Lpz. 1828—35, 1.—15. Bd., nebst 2 Snpplementbdn., mit Gross u. a. 16. u. folg. Bde., 1837—1843, u. dann Neues Archiv rc., 1844 ff.; Hygea von Griesselich, Karlsr. 1834 ff., 1.—12. Bd.; Allgemeine homöopathische Zeitung von Gross, Hartmann und Rummel, Lpz. 1832 ff.; Österreichische Zeitschrift für H., herausgeg. von Fleischmann, Clem. Hampe, PH. Ant. Watzke u. Fr. Wurm, Wien 1844—50; Allgemeine Zeitung für H., vom Verein in- und ausländischer Ärzte, herausgeg. von I. Nusser u. I. B. Büchner, Augsb. 1848 f.; Homöopathische Bierteljahrschrift, Centralorgan für die gssammte H. mit besonderer Berücksichtigung aller medicin- ischen Hilfswissenschaften, herausgeg. von Clotar Müller u. Veit Weber, Lpz. 1850; Homöopathische Klinik, Dessau seit 1851; Günther, Magazin für die neuesten Beobachtungen und Erfahrungen im Gebiete der homöopathischen Thierheilkunde, Sondersh. 1845; Hirschels Zeitschrift für homöopathische Klinik, Lpz. 1875; Homöopathische Biertel- jahrsschrift, Lpz. 1850—1864. Thamhayn. Homöösts (gr.), so viel wie Gleichniß, Vergleichung. Homöoteleuton (griech.), 1) (Rhet.) ähnlich endende Redeglieder, die bei gleicher od. ungleicher Länge ein wohllautendes, ziemlich gleichlautenbes Schlußwort verlangen, z. B.: Hui cktliAsbLub sxisbimabant; 2) s. Silbenreim. Homöotonisch (v. Gr.), von ähnlichem Laute. Homophon (v. Gr.), gleichlautend; Homophonie, Singen im Einklang od. der Octave. Homoptera (Gleichflügler), so v. w. Cikaden. ltomo sum, bumani nibil s ms allsnum puto (lat.), ich bin ein Mensch und halte nichts Menschliches mir fremd, Ausspruch des alten Chremes bei Terenz (Heaut. 1, 1, 25), den auch die Philosophen des Alterthums zu dem ihrigen machte». llomo trium litorZrum (lat.), ein Mensch von 3 Buchstaben, d. i. ein Dieb (lat. §ur). llomotröpus (Bot.), gleichläufig. Homousios (gr.), gleich im Wesen, u. Homöu- sios, ähnlich im Wesen; daher Homousie und Homöusie, Gleichheit u. Ähnlichkeit im Wesen; Homousiasten, die Anhänger der Lehre von der Gleichheit des Wesens Christi mit dem Wesen Gottes; Homöusiasten, der von der Ähnlichkeit desselben; s. u. Arms. Hompesch, ein aus Burgund u. vom Niederrhein stammendes altes berühmtes Geschlecht, welches seit 1655 in 2 Linien getheilt, I. H.-Boll- heim (1822 in den preuß.Grafenstand erhoben), II. H.«Rurich (1745 in den Reichsgrafenstand erhoben) noch in diesen u. einer III., von II. ab- Hezweigten Linie, H.-Wallburg, blüht und in Österreich, Preußen (Rheinprovinz) u. den Nieder- landen begütert ist. Aus demselben stammte der letzte Großmeister des Johanniter-Ordens, Ferdinand, Freiherr von H., geb. 9. Nov. 1744 in Düsseldorf; wurde in seinem 12. Jahre Page des 428 Homs — Großmeisters von Malta, dann Ritter, war 25 Jahre lang Gesandter des Malteserordens in Wien und wurde 1797 Großmeister, der erste Deutsche, welcher diese Würde erlangte. Als 1798 Bonaparte auf der Fahrt nach Ägypten vor Malta erschien, verweigerte ihm H. die Einfahrt in den Hafen unter Ausbietung seiner Truppen. Indessen brachte Bonaparte durch den Verrath einiger Ritter eine Capitnlation zu Stande, in welcher gegen Übergabe der Festung dem Orden Eigenthum, Religion u. Privilegien garantirt wurden. Jedoch kaum im Besitz der Insel, zwangen die Franzosen den Großmeister gegen das Versprechen einer jährlichen Pension, mit den Rittern abzuziehen. H. ging nun nach Triest, von wo aus er gegen die Capitnlation Maltas protestirte u. seine Würde in die Hände des Kaisers Paul von Rußland niederlegte, der ihm eine Pension aussetzte. Als diese nach Pauls Tode aufhörte, ging H., um wenigstens einen Theil der ihm 1798 versprochenen, bis jetzt vorenthaltenen Pension zu erhalten, nach Montpellier, wo er im Anfang des Jahres 1803 starb. Lag«. Homs (das alte Emesa), Stadt in Syrien (asiat. Türkei), nahe dem Orontes, einst berühmt Lurch einen prachtvollen L-onnentempel, dessen Hohepriester eine mächtige Aristokratie bildeten. H. hat eine verfallende Festung; die Bevölkerung wird auf 20,000, von And. auf 25—30,000 geschätzt; die Stadt ist aus schwarzen Steinen gebaut; Geburtsort der Kaiser Heliogabal u. Alexander Severus, sowie des Philosophen Longin. 636 wurde es durch die Sarazenen, 1099 durch die Kreuzfahrer genommen; 7. Juli 1831 siegte hier Ibrahim Pascha über den Statthalter von Haleb. Arendts. Uomuncio (HoiunuoiUus, lat., Diminutiv von Homo), kleiner, kleinlicher Mensch. Homunciottiten, die Anhänger des Photinus. lioimmoiilus (lat., d. i. Menschlein), 1) der Mensch in seiner Schwachheit, Hinfälligkeit, Sterblichkeit, gegenüber dem göttlichen Wesen; 2) nach Paracelsus der durch chemischen Proceß erzeugte Mensch, im Gegensatz zu dem auf natürlichem Wege erzeugten Menschen; in Goethes Faust destillirt Wagner diesen H., nach der Vorschrift des Paracelsus, in der Phiole. Honan, 1) Prov. im inneren, mittleren China, im N. von dem Hoangho durchzogen, im W. von Zuflüssen des Hankiang, im O. von dem oberen Lauf des Hoeiho u. dessen Zuflüssen bewässert, in ihrem mittleren Theile von einer Reihe paralleler Bergketten mit dem Namen Funiuschan durchzogen; 173,350 mit ungef. 29 Mill. Ew., deren Gut- müthigkeit gerühmt wird. Die Provinz gilt wegen ihres milden Klimas u. fruchtbaren Bodens jür eine der begünstigsteu des Landes; Weizen, Mohn, Baumwolle, Obst werden in reichstem Maß cultivirt u. gewonnen. Im S. sind reiche Eisen- iager. Hauptstadt: Khaisung, unweit des Hoangho. 2) Stadt in dieser Prov., voll von Ruinen alter Baudenkmäler, einst Hauptstadt des Reiches, früher Lojang. 3) Insel bei Kanton. Thi-l-mann. Honawar (Honore, Onore), Hauptstadt des Distr. Kanara (Division Kokan) der indobritischen Präsidentschaft Bombay, am Arabischen Meer, an der Mündung der Schiravati; Rhede, geringer Honduras. Handel; 1871 5191 Ew. Früher war die Stadt ein Hauptsitz des Psefserhandels. H., im Mittel- alter eine blühende Stadt, wurde 1569 von den Portugiesen erobert und besetzt, fiel dann an die Fürsten von Bednur, von diesen an Haider Ali von Maisnr, der hier Kriegswerfte errichtete. Seit I 7 sz ist es britisch. Tbielemann. Honda, 1) Stadt in der colombischen Provinz Cundinamarca (SAmerika), am Magdalenenstrom, dessen Schiffbarkeit hier durch Stromschnellen (El Salto di H.) unterbrochen wird; unter den Spaniern ein blühender Handelsort, jetzt verfallen; ungefähr 1000 Ew. 2) (Bahia H.) Hafen an der Westseite der Halbinsel Guajira (Colombien). Hondekoeter, berühmte holländ. Malerfamilie. 1) Aegidius, geb. 1583 in Utrecht, war Landschaftmaler, in der Art Rol. Saverys und Da». Vinkebooms; starb in Amsterdam, wo er längere Zeit gelebt hatte. 2) Gisbert, Sohn des Vor., ebensalls Maler, geb. 1613, st. 1653 in Utrecht, wohin er sich aus Schmerz begab, da seine Geliebte seinen Vater heirathete. 3) Melchior, Sohn des Vor., Maler u. das berühmteste Mitglied der Familie, geb. 1636 in Utrecht, st. 3. April 1695 in,Antwerpen, Schüler seines Vaters Gisbert d. Alt. u. seines Oheims Weenix, malte beinahe ausschließlich Hausgeflügel, welches er sich für diesen Zweck in schönsten Exemplaren hielt u. das er in reichen u. poetisch empfundenen Com- Positionen darstellte. Rezmt. Honda, Fluß im mejicanischen Staate Jucatan, mündet in das Caraibische Meer und bildet die Grenze gegen britisch Honduras. Hondschoote, Städtchen im Arr.Dunkerque des franz. Dep. Nord; Friedensgericht, Hospiz, Flachsspinnerei, Bleicherei, Gerberei, Korn- u. Ölmühlen, 4 Jahrmärkte; 3472 Ew. (nur 1777 im Orte.). Hier 6.—8. Sept. 1793 Sieg der Franzosen unter Houchard über die Briten unter dem Herzog von Iork. Honduras, 1) Republik in Ceutral-Amerika, zwischen der Hondurasbai des Caraibischen Meeres u. den Staaten Nicaragua, Guatemala und San Salvador; 121,963 (2215 UM). 3" H. gehören auch die Baiiseln im Caraibischen Meere. Gebirge: Fortsetzung der Cordilleras; mit Savannen, zur Regenzeit überschwemmt, gefährliche Klippen an den Ufern; Vorgebirge: H., Tres PuntaS, Gracias ä Dios, Honduras, False u. a. Flüsse: Ulna, Aguan oder Roman, Chamelicon, Wanks oder Segovia, Cholnteca, Tinto u. a. Seen: Laguna de Dojoa oder de Taulabe, der Bergsce de Mascales. Busen: H. (zwischen Me- jico, Mittelamerika u. Cuba), mit mehreren Inseln. Klima: tropisch, an den Küsten heiß und ungesund, auf dem Gebirge gemäßigt u. gesund. Boden fast durchgängig fruchtbar. Produkte: wie in Guatemala, bes. Mahagoni n. Sassaparilla, edle Metalle (namentlich im Bezirke Olancho reichhaltige Goldminen), viel Wald. Die Bevölkerung wird von Behm zu 351,700, von Lowe (Berichterstatter desbrit.Parlamentscomites zur Ermittelung der Betrügereien beim Honduras-Anlehen) nur zu 250,000 angegeben. Eine Zählung hat nicht stattgefunden, man wird höchstens 300,000 Menschen annehmsn dürfen; zum geringsten Theile Weiße (Creolen), bei weitem überwiegend Indianer u. Mischlinge (La- 429 Honduras-Bai — Honfleur. dinos genannt n. sich zur römisch-katholischen Kirche bekennend). Verfassung (vomJahre 1865): die- Execution ruht in den Händen eines Präsidenten od. Vicepräsidenten (seit 1875 provisorischer Präsident P. Lewa), welcher von beiden Kammern aus 4 Jahre gewählt wird; ihm steht ein aus den zwei Ministern (Inneres u.Auswärtige Angelegenheiten, Krieg u. Finanzen) u. 7 anderen Mitgliedern bestehender Staatsrath zur Seite; die gesetzgebende Gewalt hat eine Deputaten- u. eine Senatorenkammer, jene von 11, diese von 7 Mitgliedern; der oberste Gerichtshof zu Comayagua besteht aus 3 Oberrichtern. Staatsreligion: die römisch- kathol. (unter einem Bischof zu Comayagua), alle übrigen Culten sind jedoch geduldet. Das stehende Heer beträgt 600 Mann, das Corps der Milizen 6000 Manu. Staatseinkünfte: 388,000 Doll. Innere Schuld nicht bekannt; die äußere, infolge von ausländischen Anleihen zum Zweck der inter- oceanischenEisenbahn, beträgt 7,220,272Psd.Sterl., Verzinsung u. Tilgung wird aber nicht geleistet, der Staat ist bankerott; bei den Anlehensaufnahmen fanden die enormsten Täuschungen und Betrügereien statt. Handel: Einfuhr 1,000,000 Doll., Ausfuhr 1,805,000 Doll., nämlich Gold u. Silber 600,000 Doll., Indigo 200,000, Vieh 150,000, Hölzer 180,000, Leder 100,000 Doll. Eintheilung in 7 Departamientos: Comayagua, Chvluteca, Gracias, I)oro, Tegucigalpa, Olancho, Santa Barbara. Eisenbahn: von der interoceanischen Eisenbahn, welche 372,, km — 232 engl. Meilen lang von Porto Caballos nach Amapala an der Fonsecabai gehen soll, ist seit 1871 auf der atlantischen Seite die Strecke bis S. Jago im Betrieb, die 2. Section von S. Jago bis Comayagua ist angesaugen, die 3. bis zur Fonsecabai vorbereitet. Hauptstadt: Comayagua. Münzfuß wie in. Guatemala ; Maße u. Gewichte die spanisch-castilischen. — H. wurde 1502 von Colombo entdeckt u. hat den Namen von seinen Untiefen (spanisch 8cm- äura); Christoval von Olid nahm es 1523 für die Krone Castilien in Besitz und es wurde nach u. nach unter manchen Anfällen der Inäios bar- baros colonisirt u. 1790 in eine spanische Provinz Comayagua verwandelt; die weitere Geschichte bis 1845 s. u. Central-Amerika (Gesch.). Nachdem 1845 der Unionsvertrag der Centralamerikanischen Republiken gelöst worden war, constituirte sich H. als selbständige Republik; 1850 kam es zwischen H. u. Salvador einer- u. Guatemala andererseits wegen Grenzstreitigkeiten zum Kampf, der durch die Niederlage der Verbündeten bei La Arada (Chiquimula) 2 Febr. 1851 beendigt wurde. 1853 schloß H. mit Guatemala einen Grenzrcgulirungs- u. Handelsvertrag, u. 28. Nov. 1859 mit Großbritannien, wonach England die Bai-Inseln als zu H. gehörig anerkannte u. das Protsctorat über die Mosquito-Jndianer ausgab. Aber Cabanas, der Präsident von H., ries durch seine föderalistische Politik einen neuen Kamps mit Guatemala hervor, bis er 1855 von Carrera besiegt u. gestürzt wurde. Der neue Präsident von H., Guar- diola, schloß 13. Febr. 1856 mit Guatemala einen Friedens- u. Allianztractat. Als Haupt der anti- föderalistischen Partei erwarb sich Guardiola durch die blutige Strenge, mit welcher er jede Empörung z in H. unterdrückte, den Namen der Tiger von Central-Amerika. Aber 11. Jan. 1862 fiel er bei einem Ausstande der Soldaten. Ihm folgte Mon- tes, der aber infolge eines neuen Krieges zwischen H. u. Guatemala von Cerna, dem Unterfeldherr» Carrcras, geschlagen, 1863 flüchten mußte. Jetzt wurde der General Medina zum Präsidenten von H. erhoben, der trotz starker Opposition 1865 eine neue Verfassung durchzusetzen wußte u. 1866 u. 1869 wiederholt zum Präsidenten erwählt wurde. Aber 1872 im März verbanden sich Guatemala u. San Salvador gegen H.; im Mai bemächtigten sich die Alliirten der Hauptstadt, Comayagua und zwangen Medina zur Flucht. Über die neuesten Ereignisse vgl. Guatemala. 2) Der Küstenstrich von der Mündung des Hondo bis zum Cap Gracias, od. auch nur bis zum Cap H. 3) (Britisch- H.) H-Holzdistrict (Holzdistrict aus der H-küstc), so v. w. Balize. Koipe. Honduras-Bai, ein Theil des Caraibischen Meeres zwischen der Halbinsel Ducatan, Honduras u. Guatemala. Mit dem Golf vou Mesico steht sie durch die Straße von Uucatan in Verbindung. Honeda, früh. Name des Markts!. Balga (s. d.). Honegger, I ohann I ako b, bedeutender Literaturhistoriker, geb. 23. Juli 1825 zu Dürnten im Kanton Zürich; bildete sich im Seminar zu Küß- nacht zum Lehrer aus, studirte später an der philosophischen FacultätderHochschule, wurde Seminarlehrer, 1861 Professor an der Kantonsschule in St. Gallen, 1865 Docent u. 1873 Professor an der Universität Zürich. Er schrieb: Victor Hugo, Lamartine u. die sranz. Lyrik im l9. Jahrh., Zür. 1856; Literatur u. Cultur des 19. Jahrh., Lpz. 1865; Grundsteine einer allg. Culturgeschichte der neuesten Zeit, 5 Bde., Lpz. 1868—74; Krit. Gesch. der sranz. Cultureinflüsse in den letzten Jahrhunderten, Berl. 1875. Er ragt bes. durch treffende Charakteristik der verschiedenen Schriftsteller und ihrer Werke hervor. Henne-Am Rhyn. Honesdale, Sitz des Wayne County im nordamerikanischen Unionsstaat Pennsylvanien, an der Delaware Hudson Eisenbahn u. der Vereinigung der Dyberry u. Lackwaxen Creeks; lebhafter Handel u. Gewerbthätigkeit, in der Ümgegend reiche Steinkohlenlager; 7000 Ew., davon A Deutsche. Honest (v. Lat.), achtbar, anständig, ehrlich; daher Hoiwstwsunus, Hochachtbarer (als Titel). Honsatas publica,, der gute Ruf. Honfleur, Seestadt im Arr. Pont l'Evtzque des sranz. Dep. Calvados, an der Mündung der Seine, der Stadt Havre gegenüber, amphitheatralikcb gebaut am Fuße reizender Hügel, Station der sranz. Westbahn; Friedens- u. Handelsgericht, Commuual- College, Schifsfahrts- u. Hydrographische Schule, mehrere Kirchen, darunter die merkwürdige hölzerne Kirche Sainte-Catherine im Flamboyautstile und die Kirche St. Leonard aus dem 17. Jahrh., Hospiz, Gemäldesammlung, Handelskammer, Börse, Schiffbau, Seilerei, Gerberei, Eisen- u. Kupfergießerei, Zuckerrasfinerie, Fabrikation von Zwieback, Ol rc., lebhafter Handel, namentlich nach England und Norwegen, bedeutende Ausfuhr von Geflügel, Eiern, Früchten und Gemüsen nach England, Seebäder, Hafen für 80 Seeschiffe, dessen Einfahrt durch zwei j lange Steindämme geschützt ist, mit zwei Leucht -430 Höngen — Honigsauger. thürmen; 9061 resp. 8420 Ew. Im Hafen werden viele Schiffe zum Walfisch-, Seehund- u. Häringsfang ausgerüstet. 1873 betrug der Schiffsverkehr 214,145 Tonnen, davon Einfuhr 112,185 Tonnen (32,747 Tonnen engl. Kohlen) u. Ausfuhr 101,960 Tonnen. H. wurde 1440 von König Karl VII. den Engländern entrissen, 1562 von den Hugenotten, bald darauf vom Herzog von Aumale eingenommen. H- Berns. Höngen, Landgemeinde im Landkreise u. dem preuß. Regbez. Aachen, Station der Aachener Industrie- u. der Rheinischen Eisenbahn; Ölmühle, Steinkohlengrube; 1875: 3771 Ew. Hongkiang, so v. w. Songka. Hongkong, Insel im südchinesischen Meere, östl. von der Mündung des Kantonflusses, gebirgig, mit Gipfeln von über 500 in Höhe, wasserreich, von heißem u. auf der Nordseite für Europäer wenig zuträglichem Klima, hestigen Regengüssen u. zuweilen verheerenden Taifunen ausgesetzt; mit der gleichsalls an England abgetretenen gegenüberliegenden Halbinsel Kow Loon 82 dslcm ( 1,5 HW) U. 1870 120,124 Ew. (86,476 männl., 33,648 weibl.), worunter 2979 Europäer u. Amerikaner, sonst meist Chinesen; 23,709 Menschen (oben eingerechnet) leben auf Schiffen. Auf der NKüste die theilweise europäisch gebaute Hauptstadt Victoria mit einem ausgezeichneten Hafen. Die Insel, von den Portugiesen im 16. Jahrh. entdeckt, ist seit 1841 im Besitz der Engländer; Freihafen u. der bedeutendste Verkehrsplatz für das südliche China. Sie hat einen starken Verkehr nach Kanton u. ist Station der nach Indien, China u. Japan fahrenden Dampfschiffe der engl. Peninsular-Compagnie n. der französischen NsssaZoriss maritimes. 1874 verkehrten 3034 Schiffe hier. In Victoria ist der Sitz des engl. Gouverneurs und 4 auswärtiger Consnln. Thiekmann. Honig (Llel), der süße Saft, welchen die Bienen in den Blüthen auslecken, in ihrem Vormagen (H- magen) sammeln u. durch Ausbrechen in den Zellen ablagern; er dient in Verbindung mit dem Blumenstaub zur Ernährung der Bienen, welche ihn in günstigen Sommern in so großer Menge einsammeln, daß sie nicht allein ihren ganzen Bedarf für den Winter vorräthig bekommen, sondern daß auch noch ein beträchtlicher Überfluß von den Menschen entnommen werden kann (vgl. Biene u. Bienenzucht). Der H. ist nach der Art der Blüthen, aus welchen er gesammelt ist, sowie nach seiner Gewinnung, Aufbewahrung u. Benutzung sehr verschieden u. mehr od. minder werthvoll ».bekommt darnach auch verschiedene Benennungen; der klare, Helle Lin den blüthen-H. gilt meist für die feinste Sorte; auch der dnnkelere Buchweizen-H., der Kornblumen-H., der Klee-H., der grünliche Raps-H. u. a. Sorten sind geschätzt, wogegen der dickflüssige Heide«H. als Speise-H. geringer, dagegen als Futter-H. zur Winternahrung der Menen der beste ist. Unausgepreßter, noch in den Waben befindlicher H. heißt Scheiben-H., im Gegensätze zu dem ausgelassenen Seim°H., wo- don der von selbst ohne Anwendung von größerer Wärme ausgeflossene Jnngsern-H. der reinste u. feinste ist, wogegen die größte Menge des Seim- H-s über dem Feuer vom Wachse geschieden und der unreinere Leb-H. durch leinene Tücher ge. preßt wird; der mit Anwendung der Kreisschleuder erhaltene Schleuder-H. ist ebenfalls völlig rein und meist noch werthvoller als der Jungfern-H. Zum Füttern der Bienen wird der H. in den Heidegegenden häufig mit dem Wachse in Fässer eingestampft, wobei er dann ganz zähe u. dunkel wird (Tonnen- od. Rauch-H.). Der in dem Handel vorkommende amerikanische H. ist oft in Gährung übergegangen u. als Speise- u. Futter- H. nicht zu gebrauchen. Viele Sorten H. krystalli- firen bei längerer Aufbewahrung, wodurch sie ojt ganz fest werden (verzuckerter oder kandirter H.), aber durch stärkere Erwärmung sich für längere Zeit wieder flüssig machen lassen. Der H. wird in der Haushaliung als Nahrungsmittel auf Brod, zum Versüßen der Speisen, zum Einmachen, des. aber zu Lebkuchen u. in den Bienengegenden auch zur Bereitung des Meths (H-bieres) benutzt; aus den geringen Sorten u. den Rückständen läßt sich noch H-branntwein u. H-essig bereiten, auch dient er arzneilich bei Heiserkeit, Katarrhen, Verstopfungen und äußerlich bei Geschwüren; in den Apotheken wird er durch Aufkochen mit wenig Wasser ».Abschäumen als gereinigter H. (Lloi cksspumatmm) zur Versüßung von Arzeneien und als Zusatz zu Latwergen, Salben, Pillen rc. angewendet. Der H. durste bei den Hebräern nicht zu Speiseopfern verwandt werden; Loch Erstlinge vom Honig wurden dargebracht, gehörten aber den Priestern. Den H. von Hybla in Sicstien u. den H. von Attika schätzte man wegen der dort wachsenden Kräuter hoch. Auch schon die Alten schrieben dem H. Heilkräfte, bes. bei Augenkrankheiten, zu. Sonstbedienteu sie sichauchseiner statt des Zuckers an Speisen, bereiteten aus ihm Wein, brauchten ihn zu Opfern (vgi. Melisponda) u. zum Einbalsamireu. 2) (Bot.) s. Nektar (Bot.). Wolde. Honigbehälter (Ueotarimn) heißen diejenigen Theile der Blüthe, welche Honig aussondern, zumal wenn sie hohl sind, so daß sich in ihrer Höhlung der ausgesonderte Honig ansammeln kann. Morphologisch sind diese Organe sehr ungleich- werthig; sie können ebenso Excrescenzen derBlii- thenachse als Theile der Blumenblätter (Vritillaria) u. Kelchblätter (LlalpiAlliaosg-s), wie auch meta- morphosirte Blumenblätter (Raonnoulaosas-IIöllö- borsas) und Staubblätter sein. Hierher gehören auch die sog. Honiginaale, Saftmaale (Ksotaro- sbiAms,), durch andere Farbe, Striche oder Flecke bezeichnete Stellen an Blumenblättern. Engter. Honigbiene, s. Biene. Honiggras, Pflanze, so v. w. Halens. Honigknkuk, Inäieator, Vogel, Gattung der Familie Kukuke, Ordnung der Klettervögel, afrikanische Vögel von gedrungenem Körperbau; der an der Spitze gekrümmte Schnabel erreicht kaum die Länge des Kopses, Schwingen lang, spitz, Schwanz kurz, ausgerandet. Bekannteste Art: I. Lparmanni KeM. (Onoulns inäioator D.), Gefieder oben bräunlich, unten weiß: Süd- Afrika. Farwick. Honigsauger, Honigvögel, Ksotariniläasdad., Fam. der sperlingartigen Vögel, sehr kleine Vögel, mit dünnem, gebogenem Schnabel, meist prachtvoll gefärbt. Beschränkt auf die Tropen der alten Honigstein - Welt, bilden sie gleichsam das Gegenstück der Kolibris Amerikas. Besonders schön: Aectarinia tamosa Ttt., Honigsauger, Leä^äixns mstaUica <)ab., Abu-Risch,' beide in Afrika; wilss <7ab., in Ostindien. Farwick. Honigstein (Mellit), Mineral, in einzeln auf- gewachsenen oder zu Drusen vereinigten tetrago- nalen Krystallen, auch in körnigen Aggregaten; Bruch muschelig, Härte 2—3, spec, Gew. l,s—1,^; Honig- bis wachsgelb, auch weiß oder röthlich, settglänzend, halbdurchsichtig bis durchscheinend. Besteht aus honigsteinsaurer Thonerde u. Wasser. In Braunkohlenlagern, in Klüften von bituminösem Holz; Artern in Thüringen, Bilin, Walchow in Mähren. Honigsteinsiiure, Mellitsäure, findet sich an Thonerde gebunden im Honigstein. Sie entsteht auch bei der Oxydation reiner Holzkohle durch übermangansaures Kali in alkalischer Flüssigkeit. Seidenglänzende, in Wasser u. Alkohol lösliche Nadeln, die, für sich erhitzt, erst schmelzen, dann in Wasser, Kohlensäure u. Pyromellitsäure- snhydrid zerfallen; mit Kalk erhitzt gibt sie Kohlensäure u. Benzol. Broglie. Honigthan, s. Olavicsxs. Hönir (d. i. der Lockende, nord. Myth.), Asen- sprößling, wurde von den Äsen den Wanen als Geisel gegeben; nachher begleitete er Odin u. Loki auf ihren irdischen Reisen; begabte bei der Schöpfung die Menschen mit dem Geist u. wird als ein großer u. schöner Mann u. gewandter Bogenschütze dargestellt; nach dem Weltbrande wohnt er in Gimill. Honisten (Hongkaufleute, eigentl. Jang-Hing), eine ursprünglich aus 12 Firmen bestehende monopolistische Gesellschaft chinesischer Kaufleute in Kanton, welche früher ausschließlich das Recht hatte, mit dem Auslande (d. h. nur mit eigens privi- legirten Compagnien) Handel zu treiben. Seit der Eröffnung mehrerer Häfen für den allgemeinen Handel ist dies Monopol, welches viele Erpressungen zur Folge hatte, gefallen. Hormon, Stadt in der engl. Grafschaft Devon; Eisenbahnstation; Lateinische Schule; bekannt wegen seiner mit der Hand auf Kiffeu gearbeiteter Litzen (Pillow lace), welche jedoch in neuerer Zeit durch geklöppelte Spitzen verdrängt werden; 3464 Ew. Honnef, Stadt im Siegkreise des preuß. Reg.« Bez. Köln, am Rhein u. am Fuße des Siebengebirges, Rolandseck gegenüber; Station der Rhein. Eisenbahn; klimatischer Kurort, Winteraufenthaltsort für Lungenkranke; Weinbau, Bergbau aus Eisen, Blei u. Kupfer, Eier- u. Kirschenmarkt; 1875: 4037 Ew. — Zu H. gehören die Löwenburg u. die Rheininsel Grafenwerth. H- Berns. Honnet (fr.), rechtlich, anständig; daher Hon- netität, Rechtlichkeit, Anständigkeit. Honneurs (sr.), s. u. Ehrenbezeugung. Hönningen, Kirchdorf im Kreise Neuwied des preuß. Regbez. Koblenz, am Rhein, Station der Rhein. Eisenbahn; vorzüglicher Weinbau; 1000 Ew. Dabei das Schloß Ahrenfels (s. d.). llonn^ soit qui mal V ponso (fr.), d. i. ein Schurke sei, wer Schlimmes dabei denkt; die Devise des Hosenbandordens. Honolulu, Stadt auf der Westseite der Sand- wichinsel Oahu (NOPolynefien), Hauptstadt des - Honorireu. 431 Staates Hawaii oder der Sandwichinseln, Residenz des Königs und der obersten Behörden, zugleich Sitz der auswärtigen Ministerresidenten u. Lon- suln (im Ganzen 14), eines katholischen u. anglikanischen Bischofs, welche mehr u. mehr amerikanischen Anstrich gewinnt. Hervorragende Gebäude: das 1875 vollendete Regierungsgebäude (Alliiolani), das königl. Palais (Jolani), die kath. Kathedrale; außerdem Theater, Museum, Honolulu- Institut mit Bibliothek. Hinter der Stadt der Krater Puowaina. Versehen mit dem einzigen Hafen des Archipels, ist H. dessen Haupthanüels- platz, der 1874 von 163 Schiffen besucht wurde. Die Einwohnerzahl betrug (1872) 14,852, worunter 11,000 Eingeborene, 550 Amerikaner, 500 Europäer, 600 Chinesen. Thi-iem-mn. lionor (lat. u. ital.), Ehre (s. d.); 8. äi littLra, die Ehre des Wechselbriefes, d. h. dessen Annahme zum Auszahlen; Honorant, der, welcher einen Wechsel für Rechnung eines Anderen annimmt. Llorwris causa, der Ehre halber; Honürss mutaut morss, Würden verändern die Sitten (Betragen, Benehmen); daher Honorabel, ehrenwerth, schätzbar. Honorar (v. lat. 8onorarrum), ursprünglich Ehrengabe, den römischen Beamten gemacht, dann Gehalt für Lehrer der Beredtsamkeit u. Philosophie, die Bezahlung, welche Rechtsgelehrte für ihre Bemühungen nach einer Taxe annehmen durften, oder welche in den Provinzialstädten die von den dasigen Tensoren in den Senat Erwählten dafür leisteten; in neuerer Zeit die pecuniäre Vergütung für Handlungen, Werke oder Dienstleistungen, deren Werth nicht nach Geld geschätzt werden kann, da hierbei nicht bloß das äußere Product oder die Arbeit, sondern auch das Talent und die geistige Fähigkeit in Betracht kommt, z. B. für Vorträge akademischer und anderer Lehrer, Arbeiten der Schriftsteller, ärztliche Behandlung, Sachwalter rc. Uonorsrium jus (lat.), die in den Edicten der römischen Prätoren enthaltenen Rechtssätze, s. Lcklcbum. Houoration (v. Lat.), 1) Beehrung; 3) bei einem Wechsel Annahme u. Auszahlung desselben. Honoratioren (v. Lat., Geehrtere), Personen, welche ein öffentliches Amt bekleiden, od. doch ein vom Staate gegebenes Prädikat haben, angesehene Kauflente, Fabrikanten, Künstler von Belang; Alle, die in ihrem Wohnorte ein gewisses Ansehen genießen. Nonoratum ksmium (lat.), so v. w. Ehrenlehn. Honorra, Justa Grata, Tochter des römischen Kaisers Constantius u. der Placidia, geb. 417 zu Ravenna, lebte in vertrautem Umgang mit ihrem Kämmerer Eugenius u. wurde deßhalb von ihrer Mutter nach Constantinopel verbannt, wo sie 12—14 Jahre gefangen gehalten wurden als sie dann dem Attila durch einen Eunuche; einen Ring sendete u. demselben ihre Hand anbot, wurde sie nach Italien geschickt, einem Unbekannten angetraut, und starb in einem Kloster nach dem Jahre 453. Hemie-Am Rhtzn. Houoriren (v. Lat.), 1) beehren; 2) Jemand Ehrenbezeugungen durch Anstellung von Gast- mählern u. dgl. er weisen; 3) Honorar zahlen; 4) einen Wechsel h., ihn annehmen u. auszahlen. 432 Honorius - Honorms (röm. Name, d. h. der Geehrte), I. Römischer Kaiser: 1) Flavins H., Sohn des Kaisers Theodosius I., geb. 384 n. Chr., wurde 3S3 zum Augustus ernannt u. erhielt 395 nach seines Vaters Tode, unter Vormundschaft des Stilicho, das Abendländische (sein Bruder Arcadius das Morgenländische) Reich; ein für die Regierung des Reichs vollständig unfähiger Regent, dessen erste Regierungsjahre nur durch die Energie seines Ministers Stilicho glücklich war, dessen Reich aber nach dessen Ermordung, 408 durch die Einfälle Germanischer Völker, vor Allem der Westgothen 410, auf das Heftigste erschüttert wurde. Er st. 26. Aug. 423 an der Wassersucht. In nomineller Ehe war er vermählt mit Maria, der Tochter Stilichos. II. Päpste: 2) H. I., geboren in Campagna di Roma, (71.) Papst 625—638; er stiftete das Fest der Kreuzeserhöhung, und unter ihm brachen die Monotheletischen Streitigkeiten aus; da er die Meinung der Monotheleten gebilligt hatte, so wurde er selbst lange nach seinem Tode auf dem Concil zu Constantiuopel 680 als Ketzer erklärt. Vgl. Hefele, Die Irrlehre des H. u. Las vatikanische Dekret von der Unsehlbarkeit, Tüb. 1871. 3) H. (II.), vorher Peter Cado« laus, war erst Bischof von Parma und wurde 1061 von der kaiserlichen Partei als Gcgenpapst Alexanders II. erwählt, aber von der Synode zu Mantua 1064 entsetzt; er st. 1072. 4) H. II., vorher Lambert von Fagnano, aus Bologna, von niederer Herkunft, war erst Bischof von Velletri u. Cardinal von Ostia u. 1124—30 Papst (der 169.); unter ihm wurden die Prämonstrateuser u. Tempelherren päpstlich bestätigt. 5) H. III., hieß Cencio Savelli, war in Rom geb. u. vorher Cardinal von St. Johann u. St. Paul, er wurde 1216 (der 183.) Papst u. st. 1227; er stand mit dem Kaiser Friedrich H. ans gutem Fuße, bestätigte die Dominicaner u. Franciscaner u. ertheilte zuerst bei der Canonisation Ablaß; er schr. (angeblich): Ilongurationes aiiv. prinoipsm tensdrarnm, Rom 1629. 6) H. IV., vorher Jacopo Savelli, war erst Cardinal u. 1285—87 Papst (der 196.). III. Gelehrte: 7) Julius, lebte wahrscheinlich im 5. Jahrh. nach Chr. u. schrieb ein geographisches Werk, welches Äthicus Jster excerpirt hat. Eine Ausgabe dieses Auszugs von A. Gronovius llulii Ilouorii sxssrpta, gnae aä (losvao§raplüam pertinent, Leyden 1722 (mit Pomp. Mela zusammen). 8 ) (H. von Autun, L. ^.uAnstoännen- sis), ein scholastischer Theolog und Philosoph des 12 . Jahrh., wahrscheinlich aus Autun in Burgund, st. um 1140. Seine philosophischen u. theologischen Schriften sind gesammelt von I. Schottus und stehen größtentheils im 20 . Bd. der Libliotllsea inax. patr. lionos (lat.), so v. w. Ronor; besonders in dem Sprichwort: II. Imbet onus, Ehre hat Last, Würde hat Bürde. Honte (Westerschelde), Fluß in der niederländ. Prov. Zeeland, der südlichste Flußarm im ganzen Rheindelta, jetzt noch der einzige Mündungsarm der Schelde (s. d.). Honter, Johann, der Evangelist Siebenbürgens u. einer der bedeutendsten Humanisten seiner Zeit, geb. 1498 zu Kronstadt in Siebenbürgen, - Hontheim studirte in Wittenberg unter Luther, in Basel un. ter Reuchlin, kehrte dann in sein Vaterland zurück und brachte es durch unausgesetzte Bemühungen dahin, daß 1542 das ganze Burzenland öffentlich die Augsbnrgische Confession annahm. Seit 1544 Stadtpfarrer in Kronstadt, starb er daselbst 23 Jan. 1549. llontoux (fr.), schändlich, schimpflich. Honth (Hont), 1) Comitat in Ungarn, grenzt im O. an das Comitat Neograd, im 91. an Sohl, im W. an Bars u. Komorn u. im S. an Gran und Pest-Pilis; 2552,IS HZKin (46,^ HW) mit 112,195 Ew. (auf 1 2km 44, in ganz Ungarn 51). Der nördliche Theil ist von dem Ostrowsky. gebirge, einem Theile des ungar. Erzgebirges, der südliche von dem Neograder Gebirge durch! zogen. Die Gebirge sind reich an Mineralien, namentlich an Gold, Silber, Kupfer, Blei, Zink, Arsenikkies, Schwefel, Bergkrystall rc. Flüsse: Donau (Grenzfluß im S.), Eipel, Krupina und Schemnitz. Der Boden ist fruchtbar, u. der nicht unbedeutende Ackerbau erzeugt Weizen, Roggen, Hafer, Kartoffeln, Wein u. Tabak. Die Viehzucht, bes. die Schaf- und Schweinezucht, ist gleichsalls nicht unbedeutend. Von Mineralwassern ist das Szalatnyaer berühmt. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner (über H römisch-katholische, etwa H Protestanten u. wenige Inden) bilden Landwirth- schaft u. Bergbau. Die Comitatsbehörde hat ihre» Sitz zu Jpolysag. 2) Dorf darin, an der Eipel; Wein- u. Tabaksbau; Ruinen des festen Schlosses H. , von welchem das Comitat den Namen führt; 740 Ew. H- Berns. Hontheim, Johann Nikolaus von, kath Kirchenrechtslehrer, geb. 27. Jan. 1701 in Trier, aus einer Patriziersamilie; studirte in Löwen u. Leyden Rechtswissenschaft, machte dann Reisen u. hielt sich längere Zeit in Rom auf, kehrte 1723 nach Trier zurück u. wurde geistlicher Rath des Confistorinms daselbst, 1732 Professor der Pan- decten u. des Codex, 1738 Osficial am erzbischöflichen Hofe in Koblenz n. 1741 Geheimer Rath des Erzbischofs Franz Georg u. 1748 Weihbischoj daselbst. Unter dem Namen In st inus Febronius schrieb er: Os statu eoelssins st Isgitima xo- testats rom. pontiüois, Frkf. 1763, worin er dem herrschenden Cnrialsystem das Episkopalsystem entgegensetzte; dieseSchrift wurde zwar in Rom verworfen u. verboten, allein in Wien gebilligt, in mehrere Sprachen übersetzt (deutsch 1764, französisch 1767, italienisch 1767), durch ganz Europa verbreitet n. gegen die Einwürfe u. Widerlegungen, namentlich von Zaccaria u. Ballerini, erschienen bis 1774 zur Vertheidigung mehrere Theile u. von Neller, I. I'sdronü prineipia jurin seolsslastid eatd.. Ven. 1767. Er selbst gab I'sbronius abdrsvia- tus et emsnckatus, Wien 1777, heraus. Als H endlich als Verfasser entdeckt war, wurde er, Lew man durch Gewalt nichts anhaben konnte, privatiw so unermüdlich gedrängt, daß er sich 1778 zum Widerruf entschloß, ohne daß er jedoch mit seinem Oomwsntarius zum Widerruf, Wien 1781, Roms Beifall erlangen konnte. Er st. 2 . Sept. 1790 zu Montqnintin. Er schr. auch: Mstoria Irsvi- rsnsis, Wien 1750, 3 Bde., Fol.; Proäronms Instorlas Irsv., ebd. 1757, 2 Bde., Fol. Vgl- Honthorst — Briefwechsel zwischen dem Kurfürsten Clemens Wenceslaus von Trier und dem Weihbischof von K. über das Buch lustivil Oobrouii, Frankfurt 1813. «Mer-' Honthorst, 1) Gerhard, bei den Italienern Koraräo lleiis Hotti, niederländ. Historienmaler, geb. 4. Nov. 1590 zu Utrecht, st. 27. April 1656 im Haag; malte in Prag, Rom und England, war Hofmaler des Prinzen von Oranien; er behandelte das Helldunkel, bes. bei nächtlicher Beleuchtung, glücklich, u. nahm sich in Bezug auf das Colorit Caravaggio zum Muster. Sehr gesucht sind seine Bildnisse wegen ihrer einfachen Auffassung. 3) Wilhelm, Bruder des Vor., ebenfalls Historien- und Porträtmaler, arbeitete 1650—64 am Berliner Hose in ähnlicher Manier wie H. 1). Regnet. > Honved, ungarischer Landesvertheidiger, in ! früherer Zeit Benennung des ungarischen Fußvolks, kam 1848 wieder auf und wurde für die gesammte ungarische Nationalarmee gebräuchlich; ! seit 1869 für die ungarische Landwehr angenommen. S- Hooch, Pieter de, holländ. Genremaler, geb. 1630 wahrscheinlich zu Amsterdam, starb 1680, u. ist ausgezeichnet in sinniger u. fein empfundener Darstellung des häuslichen Lebens u. Meister in der des Sonnenlichts. Seine Bilder sind sehr selten, die bedeutendsten in der Galerie van der Hopp in Amsterdam. Regnet. Hood, 1) Samuel Viscount, engl. Admiral, geb, 12. Oct. 1724 zu Thornecombe in Devon- shire; nahm Seedienst und zeichnete sich bes. im Nordamerikanischen Kriege aus, wurde 1780 Admiral, 1783 irländischer Peer als Baron von Catherington, und gehörte im Unterhause zur Opposition, bis er 1786 Lord der Admiralität wurde. 1793 nahm er im Namen Ludwigs XVII. Toulon in Besitz, konnte es jedoch nicht behaupten, auch Corsica, Las er 1794 genommen, mußte er räumen. Bei der Seeschlacht von Ouessant 1. Juni 1794 u. bei der Landung von Quiberon 1795 war er gegenwärtig, zog sich aber, da ihm die französ. Flotte bei Brest entkam u. die Regierung damit unzufrieden war, zurück, wurde Viscount H. von Whitley, später Gouverneur von Greenwich, und st. 27. Jan. 1816 in Bath. 2) Thomas, engl. Dichter, Humorist und Schriftsteller, Sohn eines Buchhändlers, geb. 23. Mai 1798 zu London; war ursprünglich für den Handel bestimmt, widmete sich dann einige Zeit der Kupferstecherei, solgte aber seit 1821 seinem Hau^e zur Literatur, u. starb 3. Mai 1845 in der londoner Vorstadt Kensal Green, auf deren berübmrem Kirchhof ihm 1854 ein Denkmal errichtet wurde. Er war einer der beliebtesten u. fruchtbarsten Schriftsteller Englands im komischen u. humoristischen Fäche und schr. u. a.: Olles null allllrsssss; Vbllms null oääitiss; Hationai taiss, 1827; Dbs xlea ok tim millsunuuei kairiss; Dies oomio aunual; Dz-Iusz- s ball (Roman, deutsch von Grant, Bautzen 1842, > L Bde.); Op tirs RilMö (Satire auf die engl, s Touristen), 1842; Lumens Traras ärsam, 1829 > (deutsch, Bromb. 1841); 8ou§ ok tbo usv 8birt ! u. a. Er gab auch die Zeitschrift Roolls Na§a- i rius heraus. Von seinen kosms erschien 1851 ; Pkrers Universal-Conversations-Lexiton. 6. Ausl. X. Hvogstraalen. 433 eine 4. Ausl. u. Sellen übersetzte in seinen Auserwählten Erzählungen, Lpz. 1828, mehrere seiner Daiss. H. mar zugleich guter Zeichner, der die Umrisse zu seinen humoristischen Schriften meistens selbst entwarf. Seine Tochter gab 1860 in London in 2 Bdn. Llsmoriais ok 'IN. O. oolisoteä aull arrunZsll heraus u. 1865 erschien eine von Dorb illustrirte Osiisstion ok tirs kavorits oill talss, toiä in vorss bze Dom. O.; vollständigste Sammlung seiner Poesien ist die von E. Sargent, Boston 1856, 4 Bde. Bartling." Hooft, Pieter Corneliszoon, berühmter niederländ. Geschichtschreiber, geb. 16. März 1581 zu Amsterdam, Sohn des Bürgermeisters Cornelius H., der sich 1587 Leicesters Tyrannei widersetzte; studirte in Leyden, machte eine Reise nach Italien, welche für seine Bildung entscheidend wurde, lebte nach seiner Rückkehr 1601—1609 in Amsterdam, war 1609—1647 Drost zu Muiden, vertrauter Freund von Hugo Grotius: er starb 21. Mai 1647. Schrieb: Lot levsu van LoninA llsii- llrilc IV., ebend. 1626, Fol., 1638, 1652; Os isisllsrianllsoiis Historien, ebend. 1642—1654, 2 Bde.; Geschichte des Hauses Medici, ebend. 1649, und Belgiens, ebend. 1642 und 1654; Niederländische Geschichte (von 1556—87), ebd. 1642—54, neueste Ausg. 1820—23; die Trauerspiele: Gerhard de Velsen, Baets u. das Urtheil des Paris, mit anderen Gedichten gesammelt, Amst. 1636. H. gilt mit Recht für den Schöpfer der reineren holländischen Mundart, sowol in Poesie als in Prosa. Eine Gesammtausgabs seiner Werke, mit Ausnahme seiner istsllsrlauäsoiis Historien, wurde 1671, 1684 u. 1703 (4 Bde., Fol.) bewerkstelligt. Seine Briefe gab Huyde- cooper, 1738, seine Übersetzung des Tacitus Brand, 1684, heraus. Wenz-lburg-r. Hooftaue, s. u. Wanten. Hooge, eine der Halligen (s. d.). Hoogeveen, Gemeinde in der nieder!. Prov. Drenthe, Station der Niederländ. Staatsbahn; Kantonalgericht, 2 reformirte u. eine Separatistenkirche, Synagoge, Schifsswerfte; bedeutende Torfgräberei u. Torshaudel; 9530 Ew. Hoogeveen, Heinrich, holl. Philolog, geb. 30. Jan. 1712 zu Leyden; studirte daselbst Theologie, wurde 1732 Conrector in Gorinchem, 1733 Rector in Woerden, 1738 in Culenburg, 1745 in Breda, 1764 in Delst, u. st. 1791 Las. Er gab den Vixsras, äs praseipuis Orasvas lioZuas iäiotismis heraus, Leyd. 1742, neu herausgeg. von Zeune, Lpz. 1777, u. von Gottfr. Hermann, 1802, u. schr.: voetriua partioularum iinAuas grasoas, Amstd. 1769, 2 Bde., im Auszug her- ausqeg. von C. G. Schütz, Dessau 1782, 3. Aust., Lpz. 1806. Eichhoff. Hooglede, Marktflecken im Arr. Wern der belg. Prov. Westflandern; Spitzen- u. Ölfabrika- tion, Leiuenweberei; 4180 Ew. Hier 13. Juni 1794 Niederlage der Österreicher unter Clerfayt durch die Franzosen unter Moreau. Hoogly, s. Hugli. Hoogstraaten (Hoogstraeten), Marktflecken im Arr. Turnhout der belg. Prov. Antwerpen; Armenarbeitshaus, Bierbrauerei; 2448 Ew. H. war früher Sitz einer Baronie u. wurde 1532 Band. Zg j, « 434 Hoogstraten zur Grafschaft und später zum Herzogthum erhoben. Hoogstraten, 1) (Hvchstraten) Jacob van H., der berüchtigte Ketzerrichter, geb. um 1454 in Hoogstraaten, studirte in Löwen, wo er 1485 Magister der freien Künste wurde, wurde Dominicaner u. Prior des Ordensconventes in Köln, wo er sich der Theologie zuwendete und 1507 Ketzermeister u. Professor der Theologie wurde. Er zeichnete sich bes. durch seinen Eifer gegen das von Reuchlin eingeführte Studium des jüdischen Schriftthums aus n. hatte bereits 1513 dessen Verdammung bewirkt, als Reuchlin an den Papst appellirte u. H., da er vor dem vom Papste gesetzten Schiedsrichter in Speier nicht erschien, 1514 zum Stillschweigen verurtheilt wurde. Dennoch unterließ er sein Wüthen gegen Reuchlin nicht, u. selbst der Papst, der ihn 1514 nach Rom ci- tirte, konnte bei dem großen Einfluß, welchen sich H. dort durch Silv. Prierias erworben hatte, ihn nicht davon abbringen. Inzwischen hatte sich H. auch gegen Luther u. die Rejormation erhoben u. rieth kürzesten Wegs Luthern zu verbrennen, damit die Ruhe der Kirche nicht gestört werde, wogegen Luther ihm sehr derb antwortete. H. st. 21. Jan. 1527 in Köln. In den Lpistolas vi- rorum obscurorum wird er hart gegeißelt. Seine Schriften, darunter Lostructio cabalao, Köln 1519, erschienen Köln 1526. Vgl. Cremans, Do llac. Lociwtrati vita ob soripbio, Bonn 1869. 2 ) Dijrk van H., erst Kupferstecher, dann Historienmaler, geb. 1595 in Antwerpen, st. 1640 in Dortrecht. 3 ) Samuel, gen. der Batavier, Sohn des Vor., Geschicht-, Blumen- u. Stilllebenmaler, geb. im Haag um 1627, st. in Dord- recht 19. Oct. 1678: lernte bei seinem Vater u. bei Rembrandt, arbeitete in Wien, Rom u. London; schr. Über die Malerei, u. leistete auch als Dichter Lobenswerthes. Seine Bilder sind selten. 1> Löffler. L> S> Regnet. Hook, 1) James, engl. Geistlicher u. Schriftsteller, geb. 1771 u. gest. als Dechant von Wor- cester u. Archidiakon von Huntington 1828; er schr. die politischen Romane Lsn Ovon, Edinb. 1822; Lsrc^ NaUorzl, ebd. 1823. 2 ) Theodor Edward, Bruder des Vor., engl. Schriftsteller u. Journalist, geb. 22. Sept. 1788 zu London, studirte in Oxford, schr. anfangs Mehreres für die Bühne, wurde dann 1812—1819 General- einnehmer u. Schatzmeister auf Mauritius. Seine Sorglosigkeit rücksichtlich der Kassenuntersuchung brachte ihn in große Verantwortung, u. er saß noch nach seiner Rückkehr nach England im Schuldthurm; hier begründete er das Journal John Bull, u. nachdem er dasselbe verkauft hatte, widmete er sich der Novellistik u. begründete das Genre der Highlife-Novelle. Er war zuletzt Herausgeber von Colburns lstorv montlrl/ magaxins u. st. 24. Aug. 1841 zu Fulham bei London, nachdem er wegen seines ungeordneten Lebens in sterer Geldverlegenheit gewesen war. Er schr. für die Bühne u. a.: Mw Loläisrs reburn; Liege ok 8t. (juinbin; Ulliug, no murckor; TNs IVilä anck bbo V-rckorv rc.; die Novellen: Oilbsrt 6nr- nsx; 6nrnsz- marrisck: Lazüngs anck Döings, 1824 rc.; gesammelt, 9 Bde. Sein letzter Roman — Hookcr. s Lorsgrine Limes erschien erst nach seinem Tode > (Lond. 1842, 3 Bde.); seine Romane u. Erzähl- ! ungen, deutsch von Monarch u. Seybt, Lpz. 1842 > bis l844, 20 Bd., u. von Kaiser u. Fink, Lpz ' 1842—44, 26 Bde. Er gab auch Llsmoirs ok 8ir Dav. Lairck u. Diks ok Teil/ heraus. Vgl. Barham, Diks anä rsmains ok Dir. D., London 1849, 2 Bde. 3) James Clarke, engl. Genre- u. Landschaftmaler der Gegenwart, geb. 1819 zu London. Nachdem sich H. an der Wiener Akademie zuvörderst der historischen Kunst gewidmet u. während seines Aufenthalts in Italien, wohin er 1846 gegangen, vorwiegend italienische Sagen- ! u. Novellenstoffe behandelt hatte, betonte er seit ! seiner Rückkehr nach England in seinen Bildern vorzugsweise das landschaftliche Element. Seine Compositionen sind übersichtlich u. gut gezeichnet U. cvlorirt. 1) 2) Bartling.» S) Regnet. Hooke, Robert, Naturforscher, geb. 18. Juli 1635 in Freshwater auf der Insel Wight; mar Professor der Geometrie am Grasham-College in London, wo er 3. März 1703 starb; er machte . sich durch seine Llicrograpllia (Lond. 1665), worin zuerst die Farben dünner Blättchen genauer untersucht werden, bekannt, construirte das Radbarometer, das Kreispendel, die Spiralfeder der Taschenuhr rc.; 1660 veröffentlichte er seine Untersuchungen über die Capillaranziehung. Seine nachgelassenen Werke veröffentlichte Derham (Loud. 1705). r. Hooker, 5234 m hoher Berg in den Rockh- Mountains. Hooker, 1) Sir Will. Jackson, berühmter Botaniker, geb. 6. Juli 1785 in Exeter, trat 1809 eine botanische Reise nach Island an u. wurde daraus Professor der Botanik in Glasgow, 1836 mit der Ritterwürde geehrt u. 1839 zum Director des königl. Botanischen Gartens in Kew ernannt, wo er 12. Aug. 1865 starb. Er schr.: ^ tour in leolnnck, Jarmouth 1811, 2. Aust. Lond. 1813, 2 Bde.; die Fortsetzung des von Curtis gegründeten Lotnnical Llagaxine, das Lotauioal Ilis- esllan^ u. Donäon llouinni ok Lot-mz seit 1834; Lritiskr ärmgoriuanvias, Lond. 1816; Llnsoolo- gia Lritannioa, ebd. 1818, 2. Aust. 1833; LInsoi oxotici, ebd. 1818, 2 Bde.; DIora sootioa. ebd. 1821; Lxotic Liora, Edinb. 1823—27, 3 Bde.; Llora LorsaU-Lmsricana, Lond. 1833—40, 2 Bde.; Nirs Lritislr Llora, ebd. 1830—36, 2 Bde., > 8. Aust, des 1. Bandes, 1864; Iconss xlautarnm, ebd. 1837; Lpoeiss Llieuw, ebd. 1846—53, Bd. 1—2; cvnturz- ok Orciüäsous xlants, ebd. 1846 s.; Lerr gaicksvs, ebd. 1847; Victoria regia, ebd. 1851. 2 ) Joseph Dalton, ebenfalls Botaniker, Sohn des Vor., geb. 30. Juni 1816 in Halesworth in Suffolk (England), studirte seit 1835 ; in Glasgow Medicin und Naturwissenschaften, begleitete als Unterwundarzt der engl. Marine den > Capitän James Roß auf seiner Antarktischen Ex- > pedition (1839 — 43), machte drei Fahrten nach ! dem Südpole mit, drang bis 78' 10" südl. Br. vor, war Mitentdecker von Victoria-Land u. des Feuerberges Erebus u. besuchte viele Länder u. Inseln des Südmeeres. 1845 besuchte er Frankreich, Holland u. Belgien; wurde 1846 der Gesellschaft zur geologischen Vermessung der Vor- 435 Hooksiel - einigten Königreiche beigegeben, was ihn auf das Studium der fossilen Pflanzen leitete; im Nov. 1847 trat er eine Reise nach Ostindien an, durchforschte dort die mittleren Theile des Himalaja u. einen Theil Tibets, wo er eine große Anzahl neuer Pflanzen, u. a. 37 bisher unbekannte Spe- cies Rhododendron entdeckte, ging dann mit Thomas Thomson nach dem östl. Bengalen u. an die Grenzen Assams n. kehrte 1851 nach England zurück, mit 6000 Pflanzenarten, vielen Sämereien, 300 verschiedenen Hölzern rc. Im 1.1852 reiste er nach Frankreich, Deutschland u. der Schweiz und wurde nach dem Tode seines Vaters dessen Nachfolger in Kew. Er schr.: Istora nntaretiea, Lond. 1845—48, 2 Bde.; (Dllv rftuckocksnckrons «ktüs K illici m Himalaja, Lond. 1849—51, 3Thle.; Isis bllora ob 2saianä, Lond. 1852; llima- la^au journal, Lond. 1854. In einer Rede auf der Lritisü Association zu Belfast 1874 veröffentlichte er seine Forschungen über fleischfressenden Pflanzen. 3 ) Joseph, nordamerikanischer General, geb. 13. November 1819 zu Hadley in Massachusetts, besuchte 1833—37 die Militärakademie zu Westpoint, machte den Mejicanischen Krieg mit Auszeichnung mit, u. lebte seit 1853 als Landwirth in Calisornien. Im Mai 1861 wurde er hier zum Brigadegeneral eines Freiwilligencorps ernannt, ging zur Armee, kämpfte bei Williamsburg (5. Mai 1862), bei Malvern- Hill (1. Juli), Bristol» Station (27.Aug.), in der zweiten Schlacht am Bull Run u. am Antietam mit Auszeichnung u. Glück, erhielt im Nov. den Befehl über das Centrum der Potomacarmee unter Burnside, dessen Nachfolger er nach der mißlungenen Afsaire bei Fredericksbnrg (13. Dec.) wurde, mußte aber nach der unglücklichen Schlacht bei Chancellorsville (2.—4.Mai)28.Junidas Com- mando an General Meade abgeben. Er wurde dann zur Westarmee versetzt, schlug 29. Oct. den General Longstreet u. hatte hervorragenden Anthcil an dem Sieg bei Chattanooga (23—25. Nov.) u. nahm dann mit Auszeichnung an dem Feldzug in Georgia theil. Er wurde darauf Militärgouverneur erst in Cincinnati, dann in New-Aork u. ward 1868 als Generalmajor der regulären Armee zur Disposition gestellt, i) 2i r.» s; Schroot. Hooksiel, Ortschaft im Amt Jever des olden- burg. Obergerichtsbez. Varel, zur Gem. Pakens gehörig, an der Mündung des von Jever kommenden Siels, Hafen für Jever, Schifsswerfte, bedeutende Pserde- u. Krammärkte; 1875: 559 Ew. Hoorn (Horn) 1) Stadt u. Hauptort im gleichnam. Gerichtsbez. der niederländ. Prov. Nordholland, am Hoorner Hop (einem Busen der Zuidersee), mit breiten u. reinlichen Straßen; 7 Kirchen, Synagoge, schönes Rathhans mit Portraits- u. Gemäldesammlung, lateinische, klinische u. Zeichenschule, Correctionshaus (srüher Magazin der Admiralität), zahlreiche Gold- und SilberschmieLen, Segeltuchsabnken, Sägemllhlen, Schifsswerfte, Fischerei, lebhafter Handel mit Landesproducten,Vieh, Butter u. Käse, Biehmärkte (gehören zu den bedeutendsten der Niederlande), Hafen (mit Alkmaar durch einen Kanal verbunden); 9529 resp. 8906 Ew. — H. ist Geburtsort mehrerer Seefahrer u.! Seehelden, darunter der bekannteste Willem C.I — Hope. Schonten. H. war ehedem die berühmteste Handelsstadt Westfrieslands u. eine Festung; die Festungswerke sind jetzt in Promenaden verwandelt. 1416 wurde hier das erste Häringsnetz gestrickt. 1557 litt die Stadt schwer durch eine große Überschwemmung, 1799 wurde sie von den Engländern eingenommen. 2 ) (Cap H.) Vorgebirge auf der südlichsten Gruppe der Eremiteninseln im Feuerlande, die südlichste Spitze von Amerika, ein steil abfallender, schwarzer Felsen, ungefähr 150 m hoch; wurde 1616 von den Niederländern Le Maire u. Schonten entdeckt u. zu Ehren der Stadt H. so benannt; nordwestlich davon an der SSpitze der Hardny-Halbinsel ist das falsche Cap H. H- Berns. Hoorn (Horne), Philipp II. von Mont- mo rency-Nivelle, Graf v. H., geb. 1522, Sohn Josephs von Montmorency-Nivelle u. der Anna von Egmont, Stiefsohn des Grafen H., welcher ihn nebst seinem Bruder Floris als Erbe einsetzte, unter der Bedingung, daß sie seinen Namen führten. Er besaß die Herrschaften Hoorn, Moers u. Veert, diente unter Karl V., wurde Kammerherr, Capitän der flamändischen Garde, Staatsrath in den Niederlanden, Admiral von Flandern, Gouverneur von Geldern u. Zütphen, u. zeichnete sich besonders 1557 bei St. Quentin u. 1558 bei Gravelingen aus. Obwol er wie Egmont Leni König und der katholischen Kirche treu anhing, bei allen Aufforderungen Oraniens zum Abfall wurde er doch dem Herzog von Alba wegen seines Umgangs mit Oranien und seines Verhältnisses zu seinem Verwandten, Egmont, verdächtig u. als er einer Einladung Albas nach Brüssel sorglos folgte, 9. Sept. 1567 verhaftet u. mit Egmont als Ausrührer u. Majestätsverbrecher vom Blutrath ver- urtheilt u. 5. Juni 1568 in Brüssel enthauptet. Sein Bruder Floris folgte ihm 2 Jahre später ans das Blutgerüst u. mit ihm erlosch das Hans Montmorency in den Niederlanden. Lagai. Hoosick, 1) Städt. Bez. im Rensselaer County des nordamerik. Unionsst. New-Aork; 4800 Ew. 2 ) Nebenfl. des Hudson, entspringt im Berkshire County, Massachusetts u. mündet im Washington County, New-Aork. Hope, 1) Thomas Charles, engl.Chemiker, geb. 21. Juli 1766 zu Edinburg, wurde daselbst Professor der Chemie u. st. als solcher 13. Juni 1844. Er war u. a. Grahams Lehrer u. wurde bes. berühmt durch die Entdeckung des Strontians 1792; On strontian eartlr, Edinb. 1793, u. 4.e- oonnb ok a mineral krom Ltrontian rc. (in (Dräns, iückinb. 8oc. 1796). Nach ihm ist auch ein Mineral Hopeit genannt. 2 ) Thomas, engl. Schriftsteller u. Kunstmäcen, geb. 1774 in London; ererbte früh ein großes Vermögen, bereiste Europa, Asien u. Afrika, brachte zahlreiche Kunstschätze, bes. eine reiche Sammlung von Zeichnungen mit, unterstützte viele Künstler und war der erste, der Thorwaldsens Genie erkannte u. schätzte; für ihn meißelte der große Bildhauer seinen Jason; H. st. 3. Febr. 1831 in London; er schr.: Üonse- ftoick-kourniturs anck internal ckecorations, Lond. 1805; (Dirs costumss ok tüs anoisnts, ebd. 1809, 2 Bde.; DesiZns ok mockern eostumss, ebd. 1812; Anastasius or tim Llsmoirs ob a mockern tlresst ! (Roman), ebd. 1816, 3 Bde. (deutsch von Lindau, 28 * 436 Hopewell — Hopfen. Dresd. 1821—25, 5 Bde., S. Aufl. 1828); On tk« orixm anä prospoets ok man, Lond. 1831. I> r. S) Bartling. Hopewell, Name vieler Orte in den nordam. Unionsst., dar. städt. Bez. im Mercer County, Illinois, 6500 Ew. Hopf, Karl, Geschichtsforscher, geb. Id. Febr. 1832 zu Hamm in Westfalen, stndirte in Bonn bis 1852 Philologie u. des. Geschichte, habilitirte sich hier für Geschichte, wurde 1858 außerordentlicher Proffessor zu Greifswald, 1865 Professor der Geschichte und Oberbibliothekar in Königsberg. Er starb 23. August 1873 zu Wiesbaden, wo er zur Erholung verweilte. H-s Hauptstu- dium war die mittelalterliche Geschichte Griechenlands, über welche er nach gründlichen Forschungen in Bibliotheken u. Archiven schätzenswerthe Monographien schrieb, z. B. über die Zigeuner, Gotha 1873, theilweise abgedruckt in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie; ein weiteres Ergeb- uiß seiner Forschungen war die Herausgabe der (lkroniguos Oröeo-Romanos msäitss ou pou ecm- nus8, Berl. 1873. Außerdem hat er einen umfassenden u. dabei übersichtlichen Histor.-genealog- ischen Atlas, Gotha 1858, herausgegeben. Lagai. Hopfen, Llumulus D., Pflanzeugatt. aus der Fam. Oanadmeas: Blllthen zweihausig; Blüthen- hülle der männlichen Blüthe fünstheilig, fllnfStaub- blätter; weibliche Blüthe mit schnppenföriniger Blüthenhülle, die offen u. zwischen den Schuppen eines zapfenförmigen Kätzchens steht. H. Impuius !>., Gemeiner Hopsen, ausdauernde Schlingpflanze mit rechtswindendem Stengel, gegenständigen drei- bis sllnflappigen Blättern, achselstän- Ligen u. zapfenähnlichen, weiblichen Scheinähren an kurzen Zweigen; in feuchten Gebüschen, des. an Ufern nicht selten, in mehreren Gegenden Deutschlands, bes. in Bayern gebaut. Die Früchte u. die die Blüthen stützenden Blättchen sind mit goldgelben Körnchen, dem Lupulin (H-mehl) bestreut, welche den im Bier wirksamen Bitterstoff enthalten. Lupulin (Oianckulas Impull), sowie die weiblichen Blüthenstände (Ltrokili Impuli) sind osficinell. Der gebaute wird zum Bierbrauen verwendet. Den besten H. liefern Saatz in Böhmen, Spalt in Bayern u. neuerdings Neutomischel in Posen, dann Sachsen, Braunschweig rc. Die wirksamen Bestandtheile der Hopfenzapsen sind ein flüchtiges, narkotisches Öl, ein bitterer Extractiv- stoff, ein bitteres Harz u. Gerbstoff. Nach Wimmer sind in 100 Gewichtstheilen enthalten (H- doldenblätter 79,H-mehl 20,o.): in den Hopfendeckblättern im Lupulin KlilchtiqeS Hopfenöl — V,I2 Gerbstoff ..... 1,Sl 0,65 Bitterstoff. 4,68 3,cii Gummi. 1,2« Harz. Pflanzenfaser .... 2,w 2,91 03,8) 8,SS Darin im Wasser lösliches Eptract 12,l2 4,92 Für H-anlagen wird entweder eine Ebene (als H-garten) od. ein Berg (als H-berg) benutzt. Der H, verlangt ein mäßig feuchtes, warmes Klima. Der H. wird nur durch Wurzeltriebe (Stecklinge, Fechser, die letztjährigen Triebe älterer weiblicher H-stöcke, fortgepflanzt, welche, in 1,« m entfernten Reihen, zu je 3 in tiefe Löcher gelegt, gedüngt u. mit Erde bedeckt werden. Haben die Fechser Ranken getrieben, so gibt man ihnen 1—2 m lange Pfähle u. Heftel sie an diese mit Stroh od. Bin- scn an. Den einjährigen Pflanzen gibt man 6 bis 7 m lange ungeschälte Fichtenstangen. Auch wendet man anstatt der Stangen besondere Draht- anlagen an. An regelmäßig vertheilten Stellen des Ackers werden starke Gerüststangen aufgench. tet n. oben mit Drähten verbunden, von welchen man wieder Drähte, Schnüre oder alte H-ranke» zu den H-stöcken hcrabführt, wo sie durch Pflöcke am Boden befestigt werden. Die Stöcke werden jährlich im März mit der herzförmigen H-Hacke aufgedeckt, alle Fechser bis auf 3 od. 4 abgeschnitten, der Stock von überflüssigen Wurzeln, Trieben u. Keimen (H-keimchen, welche wie Spargel als Gemüse dienen) gereinigt, gedüngt n. wieder bedeckt. Auf das Beschneiden folgt das Stangensetzen, und etwa 14 Tage später das erste Behacken und das Ausbünden der H-ranken. Im Juli findet ein zweites Behacken statt, wobei die Wurzelausläufer entfernt werden. Krankheiten, denen der H. wahrend seiner Vegetation unterliegt, sind: 1) Honig n. Mehlthau; 2) Schimmel, Lrz-mpks Kumuli, welcher Ranken, Blätter und Dolden befällt u. sich sehr schnell verbreitet. Mittel dagegen sind: Bestreuen der H-pflanzcn mit feiner Holzasche, wenn sie bethant sind, oder Bespritzen mit Holzaschenlauge; 3) der Krebs, eine Fäulniß der Wurzeln in nassen Jahren; 4) der Brand (Schwärze), wobei die Blätter in trockenen Jahren schwarz werden: 5) der Fuchs, bekundet sich durch kleine röthliche Flecke in den Winkeln der Blattrippen, bestehend aus unzählbaren rothen Milben. Thierische Feinde sind: 1) der Engerling; 2) die Raupe des Hopfenspinners, Hspialas Kumuli L.; 3) die Erdflöhe u. 4) die Hopfenblattlaus, Spills Kumuli /§e/r. Die Ernte des H-s fällt bei Frllh-H. in den August u. die erste Hälfte des Septembers bei trockenem Wetter. Man schneidet die Ranken 1 m hoch über der Erde ab, schürzt sie in Knoten, um ein Verbluten des Stockes zu verhindern n. hebt die Stange mit der daran- sttzenden Ranke mittels des Stangenhebers aus. Die abgepflückten od. abgeschnittenen u. sortirten Dolden werden auf einem Boden, auf Trocken« gerllsten oder auf Malzdarren getrocknet u. dann in Säcke fest verpackt. 3 Kilo grüner H. geben 1 Kilo trocknen. Der Ertrag ist sehr verschieden u. nimmt man in 12 Jahren 2 gute L 32—40 Ctr., 6 mittelgute L 16—20 Ctr. und 4 schlechte Ernten ä 4—5 Ctr. per ka an. (Siehe auch umstehende nach Homann aufgestellte Tabelle.) Das Schweseln des H-s, welches in vielen Ländern als eine H-verfälschung verboten ist, erklärt Liebig als ganz unschädlich, sowol für den H. als für die menschliche Gesundheit. Die schweseligc Säure besitzt nämlich die Eigenschaft, mit dem H-mehl eine Verbindung einzugehen, wodurch dasselbe die Fähigkeit verliert, in Gährung überzugehen, während die aromatischen Theile des H-S keine Veränderung erleiden. Nur dann, wenn das Schwefeln dazu dienen soll, altem, vorjährigem H. das Aussehen frischen H-s zu geben, ist es als eine Verfälschung anzusehen. Merkmale guten 437 Hopfen — Hopfcnsurroaate. angebaul lia producirt Ctr. consumirt Ctr. inTeMschiand Z7910 477111 321300 25606 384090 600000 s NÄmerila 16223 200000 200000 l Oesterreich 7711 9253 100000 , Belqien . 6500 97500 15000 , Frankreich 4000 tsooo 48000 , Rußland 260 3000 6000 „ Dänemark 166 1992 8000 I Lolland . 142 2130 2000 H Zcandinavien 70 840 4300 „ Schweiz . 40 480 3000 Davon kommen rn den deutschen Staaten auf Bayern 17713 212556 80000 Asaü-Lothringea 7500 90000 15000 preufien 4950 69400 130000 Württemberg 4913 73695 28000 Laden. 1754 26310 10000 Kurs übrige Deutschland 1030 15150 58500 i , h.z sind: die H-zapfen müssen ganz u. unzertrennt, die Deckblätter weißlichgrün oder gelblich, nicht bräunlich sein, die H-zapfen müssen den dem H. . eigeuthllmlichen Geruch haben n. mit dem Vergrößerungsglas (das H-mehl (Lupulin) in Menge ! u. dicht aufgestreut erkennen lassen, die Körnchen ; desselben müssen voll, nicht platt sein u. nicht zu- - sammenhängen, u. das Mehl muß eine Helle, ci- s tronengelbe, nicht bräunliche Farbe haben. Ge- : schwefelter H. zischt, auf glühende Kohlen gebracht, . u. verliert seine hellgelbe Farbe, wenn man ihn i in warmes Wasser bringt, ausdrückt u. trocknet. Den Chemikern Schröder u. Reuter ist es gelungen, aus H. die bei der Brauerei wirksamen Be- - staudtheile, theils in Form von Extract, theils als ll H-öl auszuscheiden, welche sich leicht versenden m lange ausbewahren lassen. Aus den Stengeln der H-pflanzeu bereitet man Garn zu grober Leinwand, Säcken, Pferdedecken und Stricken. Die L Alten scheinen den H. gar nicht gekannt zu haben; g wahrscheinlich kam er erst zur Zeit der Völker- , Wanderung nach Europa. Dem Isidor zufolge k wurde der Gebrauch des H-s zuerst in Italien fl versucht. In Deutschland kommt er zur Zeit der H karolingischen Kaiser in Urkunden vor. England ? lernte den H. zu Anfang des 16. Jahrhundert A kennen. Damals und auch noch später wurde I der Zusatz des H-s zum Bier als eine Verfäksch- si ung angesehen. Unter Heinrich VIII. wurde bei ; schwerer Strafe verboten, sich des H-s zum Biere zu bedienen; erst unter Eduard VI. um 1552 i werden H-felder in gesetzlichen Verordnungen erwähnt. Auch in Schweden war der H. vor Gustav I. noch nicht im Gebrauch. Statt des H. bedienten ! sich die Eimbrer der Tamariske u. die Schweden der NMoa §als zum Bier. Literatur: I. E. von Neider, Das Ganze des H-baucs, Augsb. 1840; s Stamm, Das Buch vom H., Prag 1854; Schlegel, Anbau des H-s, Stuttg. 1867; Fries, Anleitung zum H-bau an Drahtgerüsten, Stuttgart 1870; Periu, Der H-bau, Mittel, den Ertrag zu vermehren, Straßburg 1874; Wirth, Der H-bau, > Stuttg. 1875; Carl und Homauu, H-baukarte, I Nllrnb. 1875. Engler. Rhode, k Hopfen, Hans, deutscher Schriftsteller, geb. H 3. Jan. 1835 zu München; studirte daselbst und r wurde zuerst durch das von Geibel herausgegebene ) Münchener Dichterbuch (1862) als talentvoller Dichter bekannt. Er war Mitglied der Münchener literarischen Gesellschaft Krokodil. Mit einem Roman: Peregretta, Berl. 1864, führte er sich in seinem Hauptsache gleich vortheilhaft ein, indem er Stil u. Sprache äußerst gewählt und correct handhabte. Seitdem gehört H. zu den beliebtesten Unterhaltungsschriftstellern und ließ folgen: Der Pinsel Miugs, eine chinesische Geschichte, 1868; Verdorben zu Paris, 1868; Arge Sitte», 1869; Der graue Freund, 1874; Juschn, Tagebuch eines Schauspielers, 1875; Verfehlte Liebe, I876,sämmt- lich in Stuttgart erschienen, Romane, welche auch durch originelle Empfindung u. frischen Humor die Leserwelt fesseln. Zwei Schauspiele: Aschenbrödel u.: In der Mark, fanden von der Bühne herab beifällige Aufnahme. H. war 1865 als Secretär der Deutschen Schillerstiftung nach Wien u., als diese Stellung aufgehört hatte, nach Berlin übergesiedelt, wo er seitdem bleibenden Wohnsitz hat. Steuer. Hopfenbitter, Hopfengerbsäurc, Hopsenharz, s. u. Hopsenöl. Hopfenextract, der mit Wasser in einem Kessel gekochte Hopfen, vgl. Bier. Da der Hopfen leicht verdirbt und von Mäusen zerstört wird, so sind viele Versuche gemacht, einen alle wirksamen Bestandtheile des Hopfens enthaltenden haltbaren H. herzustellcn, indem man den Hopfen in gelinder Wärme mit Wasser — neuerdings auch mit Glycerin — auszieht und in erstsrem Falle ebenfalls bei gelinder Wärme stark eindampft. Doch wird frischer Hopfen auch den neuerdings in Handel gebrachten, theilweise sehr sorgfältig bereiteten H-en vorgezogeu. Jungck. Hopfcnklee (DriloUum NAruiIuM), s. unter Lrikolmm. Hopfenöl, ein bei der Destillation der weiblichen Blüthen der Hopsenpflanze (Ilumulus lu- pulus) mit Wasser übergehendes, gelbliches, brennend und schwach bitter schmeckendes Öl. Zur Lösung bedarf es mehr als das OOOfache Gewicht Wasser. Es scheint aus einem Kohlenwasserstoffe 6gIIz und einer sauerstoffhaltigen Verbindung OioklisO zu bestehen. Letztere liefert mit Salpetersäure Baldriansäure und ein gelbes Harz. Ein anderer Bestandtheil des Hopfens, um dessen Eigenschaft willen man vorzugsweise den Hopfen verwendet, ist das sog. Hopfenharz, ein Gemenge von wirklichen Harzen u. bitter schmeckenden Verbindungen, dem sogen. Hopfenbitter. Beim Behandeln mit Äther löst sich das Harz auf, während der Hopfenbitter ungelöst zurllckbleibt. Die Hopfengerbsäure, bis zu 5 "/» im Hopfen enthalten, färbt Eisenoxydsalze grün. Broglie. Hopfensurrogate, allerlei Pflanzen u. Stoffe, welche man statt des Hopfens od. mit diesem gemischt zum Bierbrauen anwendet. Schon in den frühesten Zeiten nahm man Tamarisken, dann Bitterklee, Roßkastanie, dreiblätterigen Cederbaum, Quassia, Cardobenedicteu, Wallnuß- u. Colchium- blätter, Tausendgüldenkraut, Alodextract, Rain- farren, Wermuth, Wachholder rc. Diese Zusätze, von denen viele der Gesundheit entschieden schädlich sind, vermögen zwar dem Bier einen bitteren Geschmack zu geben, sind aber durchaus nicht geeignet, den Hopfen wirklich zu ersetzen, u. werden — Wachholder etwa ausgenommen, dessen Zusatz dem Bier einen eigenen Geschmack ertheilt u. in 438 Höpfner — Schottland z. B. sehr üblich ist — fast nur von gewissenlosen Brauern der Ersparnis; halber zugesetzt. Jungs. Höpfner, Johann Georg Christian, geb. 1764 in Leipzig; studirte seit 1782 daselbst, wurde 1786 Magister, 1787 Nachmittagsprediger ander Universitätskirche n. erwarb sich durch die Dissertation Oominsntaril in OMopsin Rurixistis 8po- olinsn das Recht, Vorlesungen zu halten, wurde 1790 Conrector in Eisleben, erhielt aber 1800 wegen völliger Taubheit seine erbetene Entlassung und st. 1827 in Leipzig. Er redigirte hier seit 1800 die gelehrte Fama der neuesten Literatur, welche seit 1801 mit dem Titel: Jahrbuch der neuesten Literatur erschien, hielt bis 1823 theologische u. pädagogische Vorlesungen u. schr.: 6nras oritioao et sxsAstioas ln I-XX vsrsionsin va- tioiniornm ücmas, Lpz. 1787 f.; Über den Eros der ältesten griechischen Dichter, ebd. 1792; Das Leben Sam. Fr. Nach. Morus, ebd. 1793, u. a. m.; gab heraus: Ruripiäis 6Mops, ebd. 1789; 8o- plioells Maollinias, ebd. 1791; Ruripiäiv Ipdi- §snis, in Xukicks, ebd. 1795; Xriatopdania Ranne, Halle 1797; ferner mehrere lateinische n. deutsche Gelegenheitsschristen, und setzte fort: Nitschs Beschreibung des häuslichen rc. Zustandes der Griechen (1795 —1800), dessen Handbuch der griech. Mythologie (1795) u. Wörterbuch der alten Geographie (1792). Eichhoff. Höpfner, Ludwig Julius Friedrich, deutscher Rechtsgelehrter, geb. 3. Novbr. 1743 in Gießen, wurde 1767 am Carolinum zu Kassel, 1771 an der Universität Gießen als Professor der Rechte angestellt, machte im August 1772 durch Merck u. I. G. Schlosser die Bekanntschaft Goethes u. betheiligte sich neben diesen Männern, neben Herder, Wenck rc. an den Frankfurter Gelehrten Anzeigen, folgte 1781 dem Rufe als Oberappellationsgerichtsrath nach Darmstadt, wo er 2. April 1797 starb. Hauptschrift: Theoretisch-practischer Kommentar über die Heineccischen Institutionen, Franks, a. M. 1783, 8. Ausl. 1818. Ueber H. vgl. die Biographien von H. B. Wenck, Franks, a. M. 1797, u. G. Zimmermann, Deutsche Vierteljahrsschrift 1868, 4. Heft, S. 1 ff. u. das juristische Urtheil Savignys in der Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft, Bd. IX, 421 ff. Hophra, so v. w. der ägypt. König Apries (s. d.). Hopkins, 2 Counties in den Nordamerika«. Unionsstaaten: 1) in Kentucky, u. 37" n. Br. u. 87" w. L.; 13,827 Ew.; Countysitz: Madisonville; 2) in Texas, u. 33° n. Br. u. 95° w. L.; 12,651 Ew.; C-sitz: Tarrant. Hopkinsville, Sitz des Christian County des nordamerikan. Unionsstaates Kentucky, am Little River u. der Henderson-Nashville-Eisenbahn; Botanischer Garten, Irrenanstalt; 3600 Ew. Hopliten (gr. Ant.), Schwerbewaffnete, die Fußkämpfer in schwerer Rüstung die in ältester Zeit, nur Nebenleute der edlen Wagenkämpfer waren. Später wurden die H. der Kern des Heeres, neben welchen die Reiter u. Söldner wenig galten. Sie waren bewehrt mit einem bis zu 3 m langem Speer zum Stoß, dem großen Rundschild (Aspis), Schwert, Panzer, Helm u. Beinschienen. Jeder Hoplit hatte einen Knecht (Hyperetes, Skeuophoros) - Horatius. bei sich, welcher ihm Gepäck, Proviant u. Schild auf dem Marsche trug. Hör, 1329 m hoher Berg im Peträischen Arabien, auf welchem Aaron gestorben sein soll. Höra, s. Horjah. »ors (lat.), Stunde; Horas, s. Chordienst. ttoras (Myth.), s. Horen. Horaken, ein zu Len Tschechen gehörender Volksstamm im westlichen Mähren, zählt etwa 280,000 Köpfe. Horapollon, ein aus der Zeit der Verschmilz, ung der ägyptischen und hellenischen Nationalität stammender Name, wird von Suidas zwei Schriftstellern beigelegt, deren einer aus Phenebcthys in Aegypten unter Theodosius lebte u. erst in Alexandria, dann in Constantinopel Grammatik lehrte, auch Scholien zu Sophokles, Alkäos und Homer u. endlich ein Werk Heilige Orte geschrieben hat. Der andere H. wird als Ägypter unter Kaiser Zeno lebend bezeichnet u. dieser ist vielleicht identisch mit dem H., der, aus Nikopolis stammend, ein Werk über Hieroglyphen schrieb, das ein gewisser Philippos im, 4. Jahrh. n. Chr. ins Griechische übersetzte; herausg. v. Lemans 1835. Lag»!- Horatius. Die §sn8 Horatia war ein uraltes Patriziergeschlccht Roms von latinischem Ursprünge, das frühe ausstarb; nach ihm hieß eine Tribus Horatia. 1) Die drei Horatier. Als die Römer unter Tullus Hostilius, die Albaner unter Mettus Fufsetius bei der Fossa Cluilia, 5 Meilen von Rom, einander gegenüberstandeil, 669 v. Chr., kamen beide Theile überein, den begonnenen Krieg und die Herrschaft des einen Volkes über das andere durch einen stellvertretenden Kampf entscheiden zu lassen, den 3 Horatier, Drillinge des Römers Publius Horatius u. der Zwillingstochter des Albaners Sequinns, gegen 3 mit ihnen an demselben Tage geborene Cn- riatier, Drillinge des Albaners Curiatius und der anderen Zwilliugstochter des Albaners Se- quinus, führen sollten. Publius Horatius, der allein von diesen Streitern am Leben blieb, wollte mit den erbeuteten Waffen u. Gewändern in Rom einziehen, als ihm an dem Capenischen Thore seine Schwester Horatia, die mit einem der gefallenen Curiatier verlobt war, entgegenkam u. bei dem Anblicke des blutgetränkten Was« fenrockes, den sie ihrem Bräutigam gewirkt hatte, ihr Haar löste u. dem Mörder fluchte. Im Zorne durchbohrte er sie mit den Worten: „So möge jede Römerin sterben, die einen gefallenen Feind betrauert". Die Vuuvaviri eapitatev vernrtheilten ihn zum Galgen; aber das Volk, an das er Berufung einlegte, milderte auf Bitten des Vaters, der den Mord für gerechtfertigt erklärte, diese Strafe, indem es dem Schuldigen befahl, zur Buße mit verhülltem Haupte unter einem Joche wegzugehen. Dieses guAum od. tiZiklum nororinm wurde auf Staatskosten erhalten u. findet noch im 4. Jahrh. n. Chr. Erwähnung. Aber auch die Rita Horatia, die den Eckpfeiler der einen zum Forum gehörenden Seitenhalle bildete n. an der die erbeuteten Rüstungen der Curiatier ansgehängt waren, erhielt man bis in späte Zeiten. In dieser Sage findet A. Schwegler symbolische Beziehungen: „In den Zwillingsschwestern ist Horatrus. 439 offenbar das Verwandtschaftsverhältniß der beiden als verschwistert gedachten Nationen, in den Drillingsbrüdern ihr Bestehen aus drei Stämmen symbolisch dargestellt". (Vgl. A. Schwegler, Römische Geschichte I, 570 ff. 586 f.). 2) Publius H., genannt Cocles (der Einäugige). Als der König von Clusium in Etrurien, Lars Porsena, 507 v. Ehr. mit einem großen Heere die Stadt Rom belagerte, um den vertriebenen König Tar- quinins Superbus auf den Thron zurückzusühren, u. als die Besatzung des Janiculus vor ihm floh, blieben H. Cocles, Sp. Larcius u. T. Herminius zur Abwehr des Feindes auf der in die Stadt führenden Pfahlbrücke stehen, die während des Kampfes hinter ihnen abgebrochen wurden. Cocles bewog endlich die beiden anderen Helden, sich zurückzuziehen, u. kämpfte so lange allein fort, bis die Brücke völlig eingestürzt war. Dann sprang er, den Tibergott anrufend, in voller Rüstung hinab u. schwamm, von den ihm nachgesandten Pfeilen wenig od. gar nicht verwundet, zu den Seinigen hinüber. Der Staat errichtete ihm auf dem Comitium ein Standbild (das später auf die benachbarte ^rsa Vuloani versetzt wurde) u. gab ihm so viel Ackerland, als er in einem Tage umpflügen konnte; auch beschenkten ihn alle Bürger. (Vergleiche Schwegler, I, S. 52 f.) 3) Quintus H. Flaccns, einer der gelesensten und eigenartigsten klassischen Autoren, nicht dem Geschlechts der Vorigen angehörend, war der Sohn eines Freigelassenen, 8. Dec. 65 v. Chr. zu Be- nnsia in Apulien geboren; er wurde in Rom, wohin sein Vater nach dem Verluste seiner Besitzung in Vennsia übergesiedelt war, sorgfältig erzogen u. ging in seinem 20. Jahre nach Athen, wo er die Lehrvorträge der Philosophen hörte, ohne daß er sich ausschließend für die eine oder die andere dieser philosophischen Schulen entschied, sondern er wählte mit Freiheit aus jeder, was ihm recht dünkte. Hier traf ihn im Jahre 44 die Nachricht von der 15. März geschehenen Ermordung Cäsars, u. als Brutus im Spätsommer nach Griechenland kam, folgte H. aus Liebe zu ihm und der republikanischen Verfassung als Kriegstribun seinem Ruse; nach der Niederlage bei Philipp! aber, wo er selbst mit die Flucht ergriff, gab er wol bald seine Hoffnung aus Wiederherstellung der Republik auf, kehrte, der Amnestie theilhaf- tig, nach Italien zurück und befreundete sich allmählich mit dem Gedanken an die Monarchie ohne sich jedoch dem Octavian selbst zu nähern. Durch den Verlust seines Vermögens in den Bürgerkriegen verarmt, widmete er sich nun der Dichtkunst; durch Vergilins u. L. Varius dem Mäcenas empfohlen, wurde er (wahrscheinlich 39 v. Chr.) einer von dessen literarischen Freunden u. erhielt das Amt eines soribn gnassborius (Finanzsecre- tär), zugleich erscheint er bald nachher im Besitze seines Sabinum, eines Landhauses im Gebirge bei Libur, welches ihm Mäcenas geschenkt hatte. Er lebte nun abwechselnd hier und in Rom im vertrautesten Umgänge mit seinem Gönner und Freunde Mäcenas, starb kurz nach demselben 27. Nov. 8 v. Chr. und wurde neben ihm auf dem Esquilinus bestattet. Verheirathet war H. nie; gegen mehrere salsche Anschuldigungen seines Charakters hat ihn namentlich Lessing in seinen Rettungen des H. zuerst energisch vertheidigt. Horaz gehört zu den größten und anregendsten Autoren durch die hohe Klarheit, Ruhe u. Schärfe seines Geistes, seine Selbstkenntniß u. Lebenserfahrung, sein maßvolles, umsichtiges Urtheil. „Seine Weltanschauung ist die des reiferen Alters, welches die Leidenschaften hinter sich hat u. vor sich den Tod." Er strebt nach maßhaltender Ruhe und empfiehlt weisen Lebensgenuß. Reiner Geschmack, verbunden mit einem Anflug von Humor, ist ihm mehr eigen, als hoher poetischer Schwung oder originelle Phantasie; was ihm aber allezeit zahlreiche Bewunderer schaffte, war seine feine Lebens- kenntniß. H. dichtete zuerst Satiren nach dem Vorbilde des Lucilius, welche sociale und literarische Schäden mit fast übermäßiger Lebhaftigkeit bekämpfen und lächerlich zu machen suchen; gleichzeitig mit diesen Dichtungen in Hexametern, einer originell römischen Gattung, ahmte er in den Ep öden den Archilochos (s. d.) in scharfer Verspottung einzelner Persönlichkeiten nach. Etwa von 31 v. Chr. an schrieb er, den alten lesbischen Lyrikern Alkäos u. Sappho zuerst in Rom nach- folgend, die durch Wohllaut der Sprache u. stets zunehmende künstlerische Besonnenheit ausgezeichneten, wenn nicht immer von hohem Schwung getragenen , wol aber durch Gedankenreichthum erfreuenden lyrischen Gedichte (oarmina). Diesen folgten die Briese, eine Weiterbildung der Satiren in der geklärten Ruhe des reifen Manues- alters, ohne deren Schärfe, aber mit noch weit reicherem Gedankeninhalt. Am berühmtesten ist der längste von ihnen, äs arte xostiea, eine Abhandlung über die Dichtkunst an die Pisonen. H-s Philosophie ist ganz eklektisch, ihr Ziel ist das Glück wahrer Ruhe; ihr Mittel ein maßvoller, heiterer Gleichmuth. In den Ausgaben ist die Reihenfolge der Gedichte: a) Oarmina (früher auch Oäas), Lyrische Gedichte, 4 Bücher, dazu das 6armsn oaseuäars, ein Hymnus auf Apollo und Diana, den er auf Verlangen des Augustus zur Säcularfeier Roms (17 v. Chr.) dichtete, u. ein Buch Epoden. Von Wichtigkeit ist die Ausgabe Hofmann Peerlkamps, Hartem 1834, 2. Ausl. Amsterdam 1862, welcher Alles, was ihm in den Oden nicht ganz vollkommen erschien, sür inter- polirt erklärte; er fand zahlreiche Nachahmer und zahlreiche Gegner; noch ist der Streit nicht beendigt, der jedenfalls den großen Nutzen einer richtigeren Würdigung von H-s poetischem Verdienst brachte. Schulausg. v. C. W. Nauck, 8. Ausl. Lpz. 1874. b) Lsrmonss (eig. so v. w. Causerien), Satiren, 2 Bücher, herausgeg. u. erläutert von Heindorf, Bresl. 1815, n. A. von Döderlein, Lpz. 1859; von Kirchner, Leipz. 1854 — 57, 2 Bde.; übersetzt von Wieland, Leipz. 1786, 4. A. 1819, 2 Bde.; von Döderlein, Lpz. 1860. o) Lpistolas, poetische Briese (worin er in sokratischer Manier den reichhaltigen Schatz seiner durch Erfahrung geläuterten Lebensweisheit vorträgt), erklärt von Schmid, Halberst. 1828—30, 2 Bde. u. a. übers, von Wieland, Dessau 1782 u. ö. Schulausg. der 8srm. u. Lp. von Krüger, Lpz. 7. A. 1872; Zu den Episteln kommt noch die (s. oben) ausführlichere Lpiotcäs, aä kiscmss od. äs arts xostioa. 440 Horazdiowitz — Hördt. (eine Unterhaltung über die Aufgabe der Dramatik, verbunden mit einer ernst-humoristischen Züchtigung der damaligen Dichterlinge in Rom), oft übersetzt, auch von Wieland bei den Briefen. H. wurde schon im Alterthum in den Schulen gelesen. Die Scholiasten (alten Erklärer) des H., welche noch erhalten sind, sind Porphyrion um 300, dann der fälschlich sogenannte Acro im 5. Jahrh. u. die Scholien in der Ausgabe des Cru- quius. Die Literatur zu H. ist außerordentlich umfangreich. Gesammtausgaben: Lüitio priu- ooxo, o. O. u. I. (Mailand 1470?); erklärend von Lambinus, Leyd. 1561 u. ö.; von Cruquius (s. ob.), Antw. 1578; die bahnbrechende kritische Ausgabe von Bentley (Cambr. 1711, Amst. 1728, Leipz. 1764, 2 Bde., zuletzt von Zangemeister, Berl. 1869 f., 2 Bde.); die geschmackvoll erklärende Ausgabe von I. K. Orelli, Zürich 1837 f., 2 Bde., з. Aust. von J. G. Baiter, 1850—52; Fr. Ritter, Lpz. 1856 f., 2 Bde.; O. Keller u. A. Holder, Lpz. 1864—70, 2 Bde.; für den Schnlgebrauch die von Meineke, Düntzer, Dillenburger (Bonn 1844, 6. Aust. 1875) u. a. Ausg. der Scholien von Hauthal, Lpz. 1864—66, 2 Bde. Deutsche Übersetzung u. a. (metrisch) von I. H. Voß, Heidelb. 1816 , 1820, 2 Bde.; von Strodtmann, Leipz. 1852 u. ö., u. viele andere; einzelne Oden von Stadclmann, E. Geibel u. a., die Satiren und Briefe s. oben. Lebensbeschreibungen und Charakteristiken des H.: kurz bei Suetonius; Lessings Rettungen im 5. Bd. der Werke; Masson, Vita lloratil (bes. für Chronologisches wichtig), Leyd. 1708; Teuffel, Charakteristik des H., Lpz. 1842 (worin auch sein Einfluß auf die deutsche Literatur besprochen wird); Weber, H. als Mensch и. Dichter, Jena 1844. i) 2> Zimmermann. Zi Riese. Horazdiowitz.(Horasdiowice), Stadt im böhm. Bez. Strakonitz (Österreich), an derWotawa, Station der Kaiser Franz Josephs-Eisenbahn; Bezirksgericht, Schloß, sehenswerthe Decanatskirche aus dem 13. Jahrh., Begräbnißkirche zum heil. Johannes dem Täufer, Michaelikirche beim ehemaligen Minoritenkloster, Congregation der Schulschwestern, 2 Spitäler, Spiritus-, Zucker- u. Sy- rupfabriken, Bierbrauerei, Perlenfischerei in der Wotawa, 6 Jahrmärkte; 2679 Ew. In der Nähe Kalksteinbrüche u. die Ruinen der Burg Prachyn u. der von Ziska zerstörten Burg Raby. H- Berns. Horb, Stadt u. Hauptort in dem 187,^ Hjlcm (3,4 HjM) mit (1875) 19,609 Ew. umfassenden, gleichnam. Oberamte des württemb. Schwarzwaldkreises, am Neckar, Station der Württembergischen Staatsbahnen; 3 ehemalige Klöster u. ein säculari- sirtes Chorherrenstift, Schloß, Bildhauerwerkstätte, Säge- und Gipsmühlen, Obst- und Hopfenbau; (1875) 2043 Ew. Auf einer Anhöhe die Wallfahrtskapelle Ottilia. H. ist Geburtsort des Abtes Gerbert von St. Blasien. Es gehörte früher den Pfalzgrafen von Tübingen, wurde Bestandtheil der Grafschaft Nieder-Hohenberg und kam 1805 an Württemberg. H- Berns. Hörberg, Per, schwedischer Historienmaler u. Stecher, geb. 31. Jan. 1746 auf dem Hofe Oefra Oe in Smäland, st. als Hofmaler des Kronprinzen Joh. Karl 24. Jan. 1816 zu Oelstorp (Ost- gotlaud). Erst Hirt, dann Bauer, bildete er sich ohne Lehrer zum Künstler, besuchte, 37 Jahr- alt, die Akademie zu Stockholm u. malte über 80 Altarbilder u. über 600 Bilder profanen Inhalts. Im Schlosse Finspaeng: Titanenkämpfe in Freses Außerdem stach er trefflich in Kupfer u. compo^ nirte originell und gemüthvoll namentlich für die Violine. Regnet. Horburg, Marktflecken im Kreise Kolmar des Regbez. Ober-Elsaß (Elsaß-Lothringen), an der Jll, die hier die Thur aufnimmt, u. am Kanal von Kolmar, ehemals Hauptort der gleichnam. Grafschaft; 2 Kirchen; 1230 Ew. — H. ist eine alte römische Niederlassung. Horchheim, Kirchdorf im Kreise u. dem prenß. Regbez. Koblenz, am Rhein, 3 Icm südl. von Ehrenbreitstein, Station der Rhein. Eisenbahn; Seisen- fabrikation, Schaumweinfabrik, Weinbau (Blei- chert); 1300 Ew. Unterhalb H. wird in der pro- jectirten Eisenbahnlinie Oberlahnstein - Koblenz- Trier über den dort durch die Insel Oberwerth in 2 Arme getheilten Rhein eine feste Brücke gebaut. Horde, 1) Haufe oder Stamm irgend eines Nomadenvolkes, der sich bei Wanderungen und Rasten zusammcnhält; bes. unter den Mongolen, wo man die Blaue u. Goldene (große) H. unterschied, s. u. Mongolen. 2) Bei Schmetterlingen so v. w. Familie oder Zunft. Horde, länglich viereckiges Gestell zum Trocknen, aus Latten, mit Draht, Weidenruthen (H-n< gerten) od. Bindfaden durchflochten, od. zum Einpferchen der Schafheerdcn, ganz von Holz oder Gußeisen gitterartig eingerichtet. Hörde, Stadt im Landkreise Dortmund des preuß. Regbez. Arnsberg, an der Emscher, Station der Berg.-Märk. u. der Rhein. Eisenbahn, mit Anschluß zahlreicher Kohlenbahnen von den nahegelegenen Steinkohlengruben; 3 Kirchen, sehr bedeutendes Eisenwerk (Hermannshütte, mit Hoh- öfen, Puddel- u. Walzwerken, Eisengießereien rc. u. über 3000 Arbeitern) des Hörder Bergwerks- u. Hüttenvereins, große Steinkohlenbergwerke u. Eisensteingruben, Fabriken für Eisen- und Blech- waaren rc.; (1875) 12,852 Ew. (1816 nur 1116). H. ist Stadt seit 1340. Dabei das 1340 gestiftete adelige Jungfrauenstift Clarenberg. H. Berns. Hordenschlag (Hordendünger, Pferch), die unmittelbare Düngung des Bodens durch eine in einem Lattengehege eingeschlossene Schafheerdc, deren Dünger man am besten von 8 zu 8 Tagen flach unterpflügt. Häufig wird über den H. Gips gestreut. Die Anzahl des Schafviehs für eine bestimmte zu bepferchende Fläche richtet sich nach der Länge der Nächte u. der Stärke des Pferchs. Rh°de. llorckoölum (lat.), so v. w. Gerstenkorn. tlorckeum Lckoerrek., Pflanzeugatt. aus der Fam. Org.millsg.s-I'estuoa.llsus; s. Gerste. 8. ch^sgi- eeras, (Oriblw ^.SA. A. Mer/sr), aus dem Himalaja wird in botanischen Gärten cultivirt. Hordicidien (röm. Rel.), so v. w. Fordicidia. Hördt, 1) Gem. im rheinpsälz. Bez.-Amt Germersheim, am Rhein u. in der Nähe der Pfalz. Eisenbahn; 1533 Ew.; wahrscheinlich eine altger- mauische, dann jedenfalls römische Niederlassung (Hertha-Hert), Fundgrube römischer Alterthümer, Neste einer Römerstraße, im Mittelalter mit einem hervorragenden Augustiner-Mönchskloster, nur mit 441 Horeb — ritterbürtigen Chorherren u. einer Schule für den jungen Adel, dann einem Nonnenkloster; 1560 zog Kurpfalz die bedeutenden Gefälle der Propstei ein; (H. i. Elsaß), Ort im Landkreise Straßburg des Rcabez. Unter-Elsaß (Elsaß-Lothringen), Eisenbahn- stanon; Landarmenhans, Bezirks - Irrenanstalt; 1871 1868 Ew. Horeb, Choreb (a. Geogr.), eine der Spitzen des Dschebel Mussa im Sinai (vgl. d.). Horen (Loras), Göttinnen der Ordnung in der Natur, der gleichmäßig wechselnden Jahreszeiten; bei Homer Dienerinnen des Zeus u. als Witterungsgöttinnen Hüterinnen der Pforten des Himmels, welche dieselben früh dem Helios öffneten und Abends schlossen; er nennt weder ihre Zahl noch die Namen der einzelnen. In Athen hatten sie in ältester Zeit auch noch die Bedeutung als Witterungs- u. Zeitgöttinnen u. wurden Thallo (die Wachsthum Gebende) als Frühlings- und Karpo (die Früchte Reifende) als Sommerhore, genannt, die man nebst Helios verehrte, sie besonders gegen verderblichen Brand u. sengende Hitze anrief und zugleich von ihnen Ernährung der auf- blühenden Jugend und glückliche Vollendung des Thuns der Menschen hoffte. Bei Hesiod erscheinen sie in sittlicher Bedeutung als Göttinnen der Ordnung u. Gesetzmäßigkeit; er nennt sie Töchter des Zeus u. der Themis u. ihre Namen Eunomia (Ordnung), Dike (Gerechtigkeit), Eirene (Friede), ein anmuthiges Weib mit Reichthümern auf dem Schoß. Bei Hygin erscheinen auch Tagesstunden, je nach den Annehmlichkeiten, welche jede gewährt, als H., u. er nennt einmal 10, bald daraus 11 H. Verehrt wurden sie und hatten Heiligthümer rn Athen, Korinth, Argos, Kreta u. anderen Orten, wo ihre Feste (Horäa) eifrig gefeiert wurden. In ältester Zeit stellte man sie jugendlich schön, geschmückt mit den Erzeugnissen der verschiedenen Jahreszeiten, entweder als 2, später 3 Figuren dar, bald einzeln, bald gruppirt, entweder für sich oder mit den Grazien. Horgen, stadtähnlicher Züricher Bezirksört (Schweiz) mit (1870) 5199 Ew., Dampfschiff- u. Eisenbahnstation, am Züricher See; bedeulender Weinbau, Seiden-u. Baumwollenweberei u. schöne Kirche. In der 'Nähe die Braunkohlengruben Käpf- nach u. oben am Berge der ehemalige Kurort Bocken. Hörige, im alten Deutschland Leute, welche nicht ganz Unfreie, aber auch nicht Freie waren u. gegen die Herren eine erbliche Verpflichtung zu Acker- u. Hausdienst hatten; ihr Verhältniß: Hörigkeit. Von der Gewalt durch den Kaiser exi- mirte H. hießen Denarialos. Horismogräphie (v. Gr.), Grenzenkunde eines Landes. Horismos (gr.), Begrenzung eines Begriffs, Definition. Horiy (Horice), Stadt im böhm. Bez. König- grätz (Österreich); Bezirksgericht, Schloß, Synagoge, Armenspital, Leinen- und Baumwollenweberei, Bierbrauerei, Dampfmahl- und Dampf- schneidemühle, Obst- u. Flachsbau; 5659 Ew. — Hier nach der Schlacht bei Königgrätz, 3. Juli 1866, Hauptquartier des Königs Wilhelm von Preußen. Horizont (v. Gr., der Begrenzer), 1) Gesichtskreis. 2 ) Die durch unser Auge gehend gedachte Horizont. wagerechte Ebene; dann auch die Durchschnittslinie der letzteren mit dem scheinbaren Himmelsgewölbe. Von dem gedachten scheinbaren (terrestrischen) H. unterscheidet man für astronomische Bestimmungen den wahren (astronomischen) H., den man sich als mit dem scheinbaren parallel laufend durch den Mittelpunkt der Erde gelegt denkt. Der H. theilt das scheinbare Himmelsgewölbe in 2 Hemisphären, wovon die eine also immer unter, die andere über dem H. ist. Den Unterschied zwischen dem scheinbaren und wahren H. nennt man die Horizontalparallaxe; sie kommt bei näheren Himmelskörpern in Betracht, indem sie beim Aufgang etwas später (Sonne u. Planeten um einige Secunden, der Mond um etwa 1 Grad) in den scheinbaren H. treten, als in den wahren, beim Untergang aber auch um so viel früher aus demselben gelangen. Dagegen verschwinden bei Len Fixsternen, wegen deren Entfernung, jene Unterschiede ganz. Der H. ist, wegen der Kugelsorm der Erde, für jeden Standpunkt ein anderer; der Winkel zwischen den Horizontebenen zweier um 1 Meile entfernten Standorte beträgt etwa 4 Minuten. 3 ) H., künstlicher, eine vollkommen wagerecht liegende spiegelnde Fläche, welche dazu dient, Bilder der Gestirne zu reflcctircn. Das Nähere s. u. Spiegelsextant. 4 ) (Malerei) Für die bildliche Darstellung der äußeren Natur gilt diejenige wagerechte Linie als H., welche Las ganze Sehfeld in der Höhe des Auges bei aufrechter Stellung quer durchschneidet. In der Wirklichkeit findet sich diese Linie sichtbar selten, z. B. als Grenzlinie zwischen Himmel u. Erde in vollkommen ebenem Terrain, oder zwischen Lust und Wasser aus dem Meere, Aber auch wo sie nur theilweise oder gar nicht sichtbar ist, muß sie als feste Linie angenommen werden, weil auf der Bildfläche über dem Horizont liegende Linien fallend, alle unter derselben liegenden steigend erscheinen (vergl. Perspective). Hieraus scheint für die Landschaft- u. Architekturmalerei das Gesetz zu folgen, daß der für die Darstellung angenommene H. die Bildfläche stets in 2 gleiche Theile theilen müsse. Dies ist aber fast nie der Fall. Einmal ist es unmöglich, das Terrain, auf dem der Beschauer stehend gedacht ist, bis zu seinen Füßen hin darzustellen, während oben die Luft für Len Blick unbegrenzt erscheint. Daher wird auf Gemälden, wenn nicht andere Gründe dawider sind, der H. gewöhnlich etwas herabgerückt, d. h. die untere Hälfte etwa um ^ geschmälert. Sodann kommt es auf den höheren oder niederen Standpunkt an, auf dem der Beschauer gedacht ist. Unmittelbar am Ufer des Meeres scheint der H. allerdings den Gesichtskreis zu halbiren; je höher aber das etwa felsig gedachte Ufer hinaufsteigt, desto mehr vergrößert sich für den Blick sowol die Meeresfläche, wie das vor derselben liegende Terrain, während die Luftfläche dieselbe bleibt: der Horizont wird also selber steigen. Will der Maler also in dem Beschauer die Vorstellung Hervorrusen, daß er sich aus einem hohen Standpunkte befindet, so muß er dem entsprechend die H-linie in die Höhe rücken, d. h. der Blick ist dann mehr abwärts als geradeaus oder gerade in die Höhe gerichtet. Selbstverständlich darf in einem Bilde nur eine u. dieselbe H-linie 442 Horjah — angenommen werden, da alle anderen Linien von derselben bestimmt werden (s. auch Gesichtspunkt). 1) 3) Specht.* 4) Schasler. Horjah. Unter diesem Namen war ein gewisser Nikolaus Urß bekannt, welcher, zu Nagy- Aranyos in Siebenbürgen geboren, für den Flecken Brand im Zaratter Kreis Marktrechte von Kaiser Joseph II. erhielt, aber durch diese Gunst über- müthig wurde und sich mit Klotska im I. 1784 verband, um einen großen Aufstand in Siebenbürgen zu erregen. Kaiser Joseph II. hatte durch seine zahlreichen Reformen dem Bolke in Siebenbürgen eine freiere Stellung verschafft, welche jedoch den Glauben hervorgerufen, daß nun den Grundherreu aller Gehorsam aufgekündigt werden könnte. Dieses u. noch andere Mißverständnisse benutzte der schlaue und verschmitzte H., um die Unzufriedenen noch mehr aufzureizen u. zu einem offenen Aufruhr zu bewegen. In den ersten Tagen des November des I. 1784 wurden mehr denn 120 Edelleute ermordet u. eine Menge von Schlössern niedergebrannt. Der Aufstand wurde immer heftiger u. umfangreicher, denn schon zählten die Empörer über 16,000 Mann; dadurch wurde der sonst so milde Kaiser Joseph II. zu den strengsten Maßregeln gezwungen, indem er seinen Generalen unumschränkte Vollmacht gab u. einen Preis von 300 Ducaten auf H-s Kopf setzte. Dieser nannte sich sogar Oux Lörösisnois od. Lsx vaoias. Die durch ihn verursachten Unruhen dauerten bis Ende des I. 1784 u. wurden dabei 264 Schlösser der Adeligen niedergebrannt u. ausgeplündert. H. wurde gefangen u. mit seinem Begleiter Klotska, 3. Jan. 1785 gerädert. Vergl. H. und Klotska, Karlsb. und Hermannst. 1785; Kurze Geschichte der Rebellion in Siebenbürgen rc., Straßb. 1785 rc. Küchuer. Hormayr zu Hortenburg, ein schon im 44. Jahrh. in Tirol angesehenes Geschlecht, welches 1518 u. 1665 die Bestätigung seines Adels, 1682 den erbländischen Ritterstand mit dem Prädicat zu Hortenburg u. 1777 den erbländisch österreichischen Freiherrnstand erhielt. Es ist seit 1848 im Mannesstamm erloschen mit Freiherrn Joseph, dem österreichischen Historiographen, Enkel Josephs von H., Kanzlers in Tirol, gcb. 20. Jan. 1781 in Innsbruck; studirte daselbst seit 1794 Jura u. trat 1797 in österreichische Civildienste, 1799 —1800 diente er in der Tiroler Landwehr u. stieg, dem General Chasteler bekannt geworden, zum Major; 1801 kam er nach Wien u. erhielt dort, im Departement des Auswärtigen angestelli u. 1803 zum wirklichen Hossecretär befördert, das Direcrorium des Staats-, Hos- u. Hausarchivs, welches er ordnete u. vermehrte. Immer war H. einer der eifrigsten Gegner Napoleons u. bemühte sich, die Anhänglichkeit der Tiroler an Österreich zu erhalten. 1809 erhielt,er den Austrag, dem Geiste derselben eine für Österreich zweckdienliche Richtung zu geben, indem er, der Armee von Inner-Österreich unter Erzherzog Johann beige- gcbeu, Tirol u. Vorarlberg insurgiren u. an die Spitze der außerordentlichen Landesbewaffnung u. Landesverwaltung treten sollte. Hier leistete er mit geringen Mitteln Bedeutendes, bis der Waffenstillstand von Znaym (1809) ihn zwang, Tirol Hormisdas. seinem Schicksale zu überlassen. Er wurde nun in demselben Jahre wirklicher Hofrath im öfter, reichischen geheimen Centralarchive in Wien, isiz wollte er mit Schneider u. Anderen Tirol wieder insurgiren, doch die damaligen Verhältnisse u. der erwartete Beitritt Bayerns zu den Alliirten bewogen Österreich, ihn im März 1813 zu verhaf- ten u. 13 Monate lang in MunkLcs gefangen zu halten. Freigelassen, wurde er 1815 k. k. Hist,, riograph. 1828 folgte er einem Rufe nach München, .wurde dort Ministerialrath im Departement des Äußeren, zugleich mit dem Referat sämmt- licher Archive und Conservatorien, sowie der ans Kunst und Alterthum bezüglichen Gegenstände be> traut, u. königlicher Kämmerer, 1832 bayerischer Ministerresident in Hannover, 1839 bei den Hansestädten, 1846 nach München zurückberufen, Direktor des Reichsarchivs u. st. daselbst 5. Nov. 1848. Er sehr.: Beiträge zur Geschichte Tirols im Mittel- alter, Wien 1805; Geschichte Tirols, Tüb. 1806 bis 1808; Österreichischer Plutarch, 1807—26, 20Bde.; Archiv für Geographie, Historie, Staats- u. Kriegskunst, ebd. 1610—28; Taschenbuch für vaterländische Geschichte,,ebd. 1811—48, 37 Bde.; Das Heer von Inner-Österreich im Kriege von 1809, Altenb. 1817, 2. Aust. Lpz. 1848; Mge- meine Geschichte der neuesten Zeit bis zum zweiten Pariser Frieden, Wien 1817—19, 3 Bde., 2. Aust. 1831; Kleine historische Schriften, Münch. 1832; Werke, Stuttg. 1820—22, 3 Bde.; Wims Geschichte u. Denkwürdigkeiten, 1823—25, 9 Bde.; Lebensbilder aus dem Befreiungskriege, Jena 1841 bis 1844, 3 Thle.; Die goldene Chronik von Hohenschwangau, Münch. 1842; Tirol u. der Tirolerkrieg 1809, Lpz. 1845, 2 Bde.; Anemonen aus dem Taschenbuche eines alten Pilgermannes, Jena 1845—47, 4 Bde. (Anonym) Kaiser Franz und Metternich (eine der beachtenswerthesten Schriften Hormayrs). Gab mit I. v. Mednyensky heraus: Taschenbuch für vaterländische Geschichte, Wien 1811—48. Lagoi.» Hormlä (a. Geogr.), so v. w. Formiä. Hormisdas (Hornuz), Könige von Persien aus der Dynastie der Sassanidcn. 1) H. I., Sohn Sapors, sandte diesem, des Aufruhrs beschuldigt, als Beweis seiner Unschuld die selbst abgehauene Hand; 269—271. 2) H. II., Sohn des Narses, 300—308. 3) H. III-, 457—458, wo ihn sein Bruder Firuz od. Pherosis mit Hilfe der Hunnen stürzte u. ermordete. 4) H. IV., Sohn Khosrn- Anuschirwans u. der Tochter eines türkischen Fürsten, weshalb ihn die Anhänger der Lichtreligion mit Mißtrauen ansahen; zugleich war er von außen her von allen Seiten bedrängt; durch öffentlichen Hohn beleidigte er seinen Feldherrn Bahrain, so daß derselbe zur Empörung griff u. H. 591 nach 12jähriger Regierung abgesetzt, geblendet u. kurz darauf getödtet wurde. Hormisdas, 53. Papst, geb. in Frostnone, Bischof von Avellino; wurde 514 nach Symmachns zum Papst gewählt u. vereitelte die von den byzantinischen Kaisern Anastasius und Justinus seit 515 wiederholt gestellten Anträge zur Vereinigung der Morgenländischen und Abendländischen Kirche durch die Schroffheit seiner Forderungen gegenüber den Eutychianern; milder war er in dem 443 Hormt - bLO entstandenen Streite über Faustus von Rhe- gimn; er st. 6. Ang. 523. »iMr. Hormt (Hormske), eine cylindrische, vielfach ausgeputzte Kopfbedeckung der Altenburger Baner- mädchen bei feierlichen Gelegenheiten, besond. am Hochzeitstage. Hormus (Ormus), öde Insel im Persischen Meerbusen, reich an Steinsalz u. Schwefel. Sie war im Mittelalter Zufluchtsort der vertriebenen Parsen. 1511—1622 war sie im Besitz der Portugiesen und ein großartiger Hanpthandelsplatz. Die einst blühende gleichnamige Stadt liegt in Trümmern. Nach ihr heißt die Einfahrt in den Persischen Meerbusen Straße von H. Hormusan, persischer Satrap in der Landschaft Chuzistan, die er tapfer gegen die Araber verthei- digte, bis ihn endlich 641 n. Ehr. Saad überwand u. gefangen nach Medina zu Omar sandte. Als dieser ihm, mit der Versicherung, ihn vor dem Genuß nicht zu tödtcn, einen Trunk überreichte, schüttete H. den Becher aus, ohne den Trunk zu berühren; trotzdem hielt Omar sein Versprechen. H. trat zum Islam über, wurde aber 644, der Ermordung Omars verdächtigt, von dessen Sohn Abdallah getödtet. Vgl. auch Platens Gedicht H. Hormuz, so v. w.'Hormisdas. Horn, Eap, so v. w. Hoorn. Horn, 6ornn (Thierhorn), Kopfschmuck einer Fam. der Wiederkäuer, der H-thiere. Aus einem Wärzchen auf jedem der beiden Stirnbeine entwickelt sich eine kegelförmige Knochenverlängerung (Stirnzapfen). Diese überziehen sich mit einer haarlosen, hornigen Haut, unter welcher sich jährlich immer wieder eine neue Schicht bildet, wodurch die alte etwas gehoben wird, so daß das H. emporwächst. Manche Wiederkäuer bekommen auch mehr als 2 Hörner; mehrere Antilopen haben z. Ä. normal 4 Hörner, manche Schafe bekommen 3 bis sogar 12 Hörner auf der Stirn. Die Hörner der Weibchen sind immer kleiner als die der Männchen und fehlen oft ganz. Das H. des Rhinoceros (Nashorns) steht nicht auf der Stirn, sondern auf der Schnauze über der Nase u. ist ein bloßes Hautgebilde. In histologischer und chemischer Beziehung stimmt die Zusammensetzung der Hornmasse mit der der Epidermis überein; sie besteht aus nebeneinander gelagerten kernhaltigen Zellen, welche, ohne sich weiter aus- zubildcn, vertrocknen und hart werden. Ferner treten Bildungen bei Fischen (wie beim Narwall) u. Jnsecten von hornähnlicher Substanz auf, so beim Hornfisch u. a. Vgl. Gehörn. Die H-späne, Abfälle bei H-arbeiten, enthalten 13 °/o Stickstoff u. sind ein sehr gutes Düngemittel. — Die Hörner der Thiere dienten Len ältesten Völkern vor- nemlich als Trinkgefäße, auch zur Aufbewahrung von Hl, Wein rc. (wie noch jetzt im Orient). Da Las H. ein Zeichen der Kraft, Macht und Würde war, so wurden Götter, Heroen u. Personificatio- nen der Flüsse mit Hörnern dargestellt; so auf alten Münzen die Köpfe des Serapis, des Ammon, Bakchos, der Isis, auf persischen Münzen die Alexanders d. Gr. und seiner Nachfolger. Auch setzte Astarte die Kopfhaut eines Stieres aus ihr Haupt. Über Mosis gehörntes Haupt s. u. Moses, n. das H. des Überflusses (Oornn eopiae) s. — Horn. u. Amalthea u. Acheloos. In der Heraldik kommen Hörner seltener im Schilde, öfter auf dem Helm vor, u. zwar Büffelshorn u. Hirschgeweihe, wo sie bald allein, bald als Träger mehrerer Figuren erscheinen; sie gehören zu dem ältesten Helmschmuck. Horn (ital. oorno), Blasinstrument, gefertigt aus Horn, Holz, Metall rc., wurde im Alterthum nur gebraucht, um Rufe auszustoßeu, Befehle zu ertheilen; als Urform gilt das Thierhoru. Die ersten Verfertiger im Abendlande scheinen die Phön- iker oder Etrusker gewesen zu sein. In oft sehr kostbarer Form war es im 8.—11. Jahrh. bei den reichen Ständen gebräuchlich, gelangte aber erst nach dem 11. Jahrh. zu größerer Ausbildung. Eigentliches Hauptinstrument war das im Walde bei Jagden (Jagdmusiken) angewandte oorno cki oaooia (Jagd- u. Waldhorn), welches im Anfang des 18. Jahrh. in die Opern- u. Kammermusik ausgenommen wurde. Nach verschiedenen Verbesserungen (Jnventionshoru erfand Heinr. Stölzel (1814) das Ventil, wodurch das H. eine chromatische Tonleiter durch mehrere Octaven erhielt u. der vorzüglichsten Kunstleistungen fähig wurde. Siebenrock. Horn, 1) Stadt u. Hauptort im gleichnamigen Bezirk des Erzherzogthums Österreich unter der Enns, am Taffa- u. Mödringbach, Station (Sieg- mundshcrbcrg-H.) der Österreichischen Nordwest- u. der Kaiser Franz Josephs-Eisenbahn; Real- u. Obergymnasium (an der Stelle des früheren Piaristencollegiums), Schloß des Grafen Hoyos- Sprinzenstein mit Archiv u. Park, viele Gewerbe, starke Tuch- u. Leinenweberei, Holzhandel, Obst- u. Hopfenbau; 2136 Ew. Im 17. Jahrh. war H. ein Hauptversammlungsort der österr. Protestanten; hier Unterzeichneten auch 180 Adelige die Protestation an Kaiser Mathias. 2) Dorf im Gebiete Hamburg, in den Geestlanden; Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder, das Rauhe HauS (s. d.) genannt, von Wichern 1833 gegründet; 1875: 2310 Ew. 3) Stadt im Fürstenthum Lippe, an der Wiembeke; Weberei, Sensenschmieden, in der Nähe die Externsteine (s. d.); 1793 Ew. 4) (H-Head) Vorgebirge an der NKüste Irlands, Graf- schaft Donegal. 5) (C. Horn) s. Hoorn. H> Berns. Horn, I) s. Hoorn. 2) Graf Gustav, schwed. Feldmarschall, geb. 23. Oct. 1592 in Oberbyhus (Upland); studirte in Deutschland, trat 1612 in die schwed. Armee, u. focht zuerst gegen die Russen, ging 1614 nach den Niederlanden u. machte zwei Feldzüge unter Moritz v. Oranien mit, unterhandelte 1619 die Heirath Gustav Adolfs mit Marie Eleonore von Brandenburg, focht in Polen, Livland n. gegen die Dänen, wurde zum Ritter ernannt, Reichsrath u. commandirenden General in Finnland. 1625 zeichnete er sich vor Dorpat aus u. wurde Feldmarschall; er focht dann mit wechselndem Glück gegen die Polen und die Dänen. Im 30jährigen Kriege bei Gustav Adolfs Vordringen gegen Frankfurt a. d. O. 1631 führte er die eine Hälfte des Heeres, commandirte bei Breitenfeld (Leipzig) den linken Flügel, nahm dann in Franken viele Städte, erhielt nach Gustav Adolfs Abmarsch an den Oberrhein den Öberbefehl in Franken, zog dann nach Schwaben, vereinigte sich wieder mit Gustav Adolf u. hatte am Siege am 444 Horn — Hornblende. Lech 15. April 1632 Antheil. Darauf vertrieb er die Generale Montecuculi und Ossa aus dem Trierschen, zog im August 1632 nach dem Elsaß und nahm hier Schlettstadt, Kolmar und Hagenau. Bei Nürnberg stieß er daraus wieder zu Gustav Adolf und hatte bei Lützen 16. November 1632 den linken Flügel des geschlagenen Feindes zu verfolgen, ward hierauf gegen Aldrin- ger nach Schwaben und Bayern beordert, vereinigte sich bei Donanwörth mit Bernhard von Weimar, trennte sich aber Juni 1633 wieder von ihm. 1634 vereinigte er sich wieder mit Bernhard von Weimar, wurde aber am 7. Sept. in der unglücklichen Schlacht vor Nördlingen, die gegen seinen Rath geschah, gefangen genommen. Erst 1642 ausgewechselt u. nach Schweden zurllckgekehrt, befehligte er 1644 die Expedition gegen Dänemark und nölhigte die Dänen zum Frieden. Nachher erhielt er Livland u. Schonen als Gouvernement, wurde 1652 Reichsenarschall, befehligte dort 1652 gegen die Russen u. st. 10. Mai 1657.H°nne-Am Rhyn.' Horn, 1) Franz Christoph,deutscher Literarhistoriker u. Dichter, geb. 30. Juli 1781 zu Braunschweig, wurde 1803 Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, 1805 Lehrer am Lyceum zu Bremen, privatisirte seit 1809 in Berlin, wo er 19. Juli 1837 starb. Literarhistorische Werke: Geschichte der deutschen Poesie und Beredsamkeit, Berlin 1806; Die schöne Literatur Deutschlands während des 18. Jahrh., das. 1812—13, 2 BLe.; Umrisse zur Geschichte u. Kritik der schönen Literatur Deutschlands von 1790—1818, das. 1819, 2. A. 1821; Geschichte u. Kritik der Poesie u. Beredt- samkeit der Deutschen von Luther bis zur Gegenwart, cbend. 1822—29, 3 Bde.; Shakespeares Schauspiele erläutert, ebend. 1823—31, 5 Bde. H-s dichterische Werke sind längst vergessen. 3) Heinrich Moritz, deutscher Dichter, geb. 14. Nov. 1814 in Chemnitz, wurde hier später in Zittau (Lausitz) Gerichtsassessor, st. daselbst 23. Aug. 1874. Epische Gedichte: Die Pilgerfahrt der Nose. Leipzig 1851; 3. A., 1863; Die Lilie vom See, das. 1854; Magdala, ebd. 1855, 2. Aust. 1870, 3 ) Usso Daniel, deutscher Dichter, geb. 18. Mai 1817 zu Trautenan (Böhmen), studirte seit 1832 in Prag und Wien Jurisprudenz, machte dann größere Reisen, war 1842—43 bei der Blindenanstalt in Prag beschästigt u. dann in seiner Vaterstadt angestellt, lebte seit 1846 als Schriftsteller in Dresden, wirkte nach dem Ausbruche der tschechischen Bewegung in Prag als Redner für die deutsche constitutionelle Partei, machte 1850 unter den schleswig-holsteinischen Jägern den Feldzug mit, zog dann wieder nach Trautenan, wo er sich literarisch beschäftigte u. 23. Mai 1860 st. Gedichte, Lpz. 1847, rc. 4) Eduard (eigentlich Ignaz Eduard Einhorn), geb. zu Vägnjhely im Neu- traer Comitate Ungarns 25. Sept. 1825 von jüdischen Eltern, besuchte in Neutra, Prag u. Preß- burg die jüdisch-theologische u. lateinische Schule. In seine Heimath zurllckgekehrt, widmete er sich der Journalistik, ward Bibliothekar des magyarischen Vereins, begründete 1848 die deutsche Wochenschrift: Der ungarische Jsrealit u. wurde Rabbiner. Da er sich 1848—49 an der Bewegung durch Predigten und Schriften betheiligt hatte, so mußte er, als die Österreicher in Pest einrücktcn, fliehen u. begab sich nach Komorn, wo er jüdische, Feldpater ward. Von dort ging er über Prag u. 1850 nach Leipzig; hier veröffentlichte er: Arthur Görgey, Leipz. 1850; Die ungarisch-österr. Cen- tralisationsfrage, ebend. 1850; Spinozas Staatslehre, Dess. 1851, 2.Aust., Dresd. 1863; Ungar« im Vormärz 1851; Ludwig Kossuth, der Agitator n. der Minister, 1851. Da er wegen dieser Schriften seine Freiheit gefährdet sah, begab er sich nach Brüssel und ließ hier u. a.: Bevölkernngswissen- schastliche Studien ans Belgien, Lpz. 1854; Franz Nakoczy II., Lpz. 1854 rc. erscheinen. Von dort wendete er sich 1855 nach Paris, wo er beim äourual äos vsbats angestellt wurde; hier schrieb er: Das Creditwesen in Frankreich, 2. A. 18S7, John Law, eine finanzwisseuschastliche Studie, Lpz. 1858; Bankfreiheit, Stuttgart 1867; Frankreichs Finanzlage, Wien 1868; Die Finanzlage der Stadt Paris, ebd. 1869, u. lieserte bedeutende Beiträge zum äonrnak ckss Locmomisbss, in dem Blockschen Oiotioimairs Zönsraks äs ka Üakitigus. Endlich nach Ungarn 1869 zurllckgekehrt, wurde er im April 1875 zum Staatssekretär im Ministerium für Handel u. Gewerbe ernannt, starb aber, nach dem er auch zum Vertreter im Reichstage gewählt war, 28. Oct. 1875. 5) H., W. O. von, sieht Örtel, W. I)—3) Zimmermann. 4) Contzüi. Horn-Afvan, See im schweb. WesterbottenS- Län; hat mehrere Inseln, ersteckt sich von NW. gegen SO. u. fließt durch den Skelleftea-Els ab in den Bottnischen Meerbusen. Hornbasi, Orgelregister von zwei Fußton, ahmt den Hornton nach. Hornbaum, so v. w. Hainbuche. Hornbcrg, Stadt im Bez. Amt Triberg des bad. Kreises Villingen, an der Gutach, Station der badischen Staatsbahnen; höhere Bürgerschule, Fabrikation von Porzellan- und Steingutwaaren, Papier, Holzstoff, Kehlleistcn, Leder, Kwschwasser, Essig rc., mechanische Weberei, mechanische Werkstätten, Uhrmacherei; 1875: 1947 Ew. In der wildromantischen Umgegend die Ruinen der Burg H., die 1703 von den Franzosen genommen, bald darauf aber von den Bauern wieder erobert wurde. Oberhalb H. im Gutachthale großartige Bauten der Schwarzwaldbahn, u. a. 38 Tunnels bis St. Georgen. H- Berns. Hornblei, so v. w. Bleihornerz. Hornblende (Amphibol, v. griech. zweideutig), Mineral, in theils eingewachsenen,theils ausgewachsenen u. zu Drusen vereinigten monoklinen Säulen; hänsig sind Zwillingskrystalle; meist in derben stänglichen oder fasrigen, auch körnigen Massen; vollkommen spaltbar nach den Flächen des Prisma u. durch den Winkel der Spaltungsflächen (124° 30'), leicht von dem (in einem Winkel von 86° 6' spaltenden) Augite zu unterscheiden; Bruch unvollkommen muschlig, Härte 5—6, spec. Gew. 2,g—3,i; farblos, weiß, gewöhnlich grün, grau, gelb, braun od. schwarz, durchsichtig bis undurchsichtig, glas- bis perlmutterglänzend. Die chem. Zusammensetzung ist sehr verschieden. Nach Ram- melsberg haben die thonerdesreien H-n die allgemeine Formel R8iOg (wie Augit); die thonerdehaltigen rr(R8iOz) -s- (Rz)O,; L ist dabei wesent- 44L Horublciiüefcls — Horne. lich Magnesium u. Calcium, oft auch zugleich Eisen (Okydul) u. eine kleine Quantität Sauerstoff wird in vielen Varietäten durch Fluor vertreten. Namentlich die grünen u. schwarzen Varietäten enthalten aber auch bis 18 pCt. Aluminium und mehr od. weniger Eisen (Oxyd). Man unterscheidet folgende Arten: a) Tremolit (Grammatik), ist graulich-, grünlich-, gelblichgrau, spargelgrün bis licht violett, eingewachsen, in langsäulenförmi- gen Krystallen, perlmutterglänzend bis seiden- glänzend, halbdurchsichtig bis durchscheinend; findet sich des. im körnigen Kalk und Dolomit am St. Gotthard, Pfitsch u. Klausen in Tyrol, Gnllsjö in Wermland und Aker in Schweden, Lengefeld im Sächsischen Erzgebirge, im Fichtelgebirge, Banat u. mehreren Orten Schottlands. Hierher gehört auch der sog. Calamit von Bradsorsgrube in Wermland. b) Aktinolith (Strahlstein), berg-, oliven-, gras- bis schwärzlichgrlln, durchscheinend, in säulenförmigen eingewachsenen Krystallen oder radialstänglichen Massen, findet sich auf Eisenerzlagern zu Ehren Friedersdorf, Breitenbrunn in Sachsen, Arendal in Norwegen, in Schweden, im Talkschieser in Tirol u. am St. Gotthard, o) H.: na) Gemeine H.,duukellauchgrün, schwärzlich grün bis schwarz, undurchsichtig bis kantendnrchscheinend, meist derb u. eingcsprengt, in körnigen u. radialstänglichen Aggregaten, wesentlicher Gemcngtheil vieler Gesteine; bt>) Basaltische H., bräunlich- bis pechschwarz, undurchsichtig, Krystalle eingewachsen oü. lose; in vielen basaltischen u. trachytijchen Gesteinen, bes. des Böhmischen Mittelgebirges, der Röhn, des Habichtswaldes rc. Der sogen. Karithin steht zwischen der Gemeinen und Basaltischen H.; ci) Uralit, hat die Krhstallform des Augits, im Übrigen wie Gemeine H., findet sich in den Grünsleinporphyren des Ural, in Tirol, Ostindien, Norwegen». s) Asbest, Amianth u. Byssolith, sehr feinfaserige Abänderungen der H. Wegen ihrer Leichtflüssigkeit dient die H., wo sie in großen Massen als H-gestein oder H-schieser (s. d.) verkommt, als Zuschlag beim Eisenschmelzen u. in der Glasfabrikation, bes. zur Herstellung des Bou- teillenglases, auch allein geschmolzen, als ein dunkles Steinglas, zu Glasknöpsen,Perlen rc. Lehmann.' Hornblcndefcls (körniges Hornblendegestein, körniger Amphibolit), massiges, grob od. feinkörniges Gestein, vorzugsweise aus Hornblende bestehend, oft Oligoklas enthaltend (Übergang in Diorit). Accessorisch tritt häufig rother od. brauner Eisenthongranat auf. Bildet Einlagerungen in den archäischen Gneiß- u. Glimmerschiefersor- mationen, z. B. bei Hof im Fichtelgebirge, in Kupserberg im böhmischen Erzgebirge. Lehmann. Hornblendegranit, so v. w. Syenit. Hornblendeschiefer (schiefriges Hornblende- gestein, Amphibolitschiefer), unvollkommen dickschief- riges Gestein, meist nur aus kurzstängeliger und faseriger Hornblende bestehend, doch gesellt sich auch Feldspath bei (Übergänge in Dioritschiefer), oder Feldspath, Glimmer u. Quarz (Übergang in Syenit- gneiß). Lehmann. Hornbostel, Theodor Friedrich v., bedeutender österr. Industrieller, geb. 25. Oct. 1815 in Wien, Sohn des Mitbegründers des österr. Gewerbevereins u. der k. k. österr. Nationalbank, eines der bedeutendsten Großindustriellen Oster- reichs, übernahm, nachdem er Mechanik studirt, 1841 mit seinem Bruder Otto die väterliche Seidenfabrik, die sich unter beider Leitung noch weiter hob. 1848 in den permanenten Bllrgerans- schuß gewählt, sollte er auch ins Parlament nach Franksurt, lehnte jedoch ab, nahm dagegen im Juli das vom Minister Doblhos ihm angebotene Handelsportefeuille an, hatte es aber nur bis 10. Oct. inne. 1849 sandte ihn die Stadt Neichenberg in den constituirenden österr. Reichstag, nach dessen Auflösung H., der bereits Vorstand des Neuen Österr. Gewerbevereins war, Mitglied u. Präsident der neu begründeten Wiener Handelskammer wurde. Die Centralcomites Österreichs für die Weltausstellungen in London 1851 n. Paris 1855 konnten seiner Mithilfe nicht entbehren u. in Paris ward er noch in die Jury gewählt. 1856 gründete er im Verein mit anderen Finanzgrößcu die Creditansialt in Wien, deren erster Director er seit 1861 ist. 1860 erhob ihn der Kaiser in den Ritterstand. L. Hornburg, Stadt im Kreise Halberstadt des preuß. Regbez. Magdeburg, an der Ilse u. unweit des Bruchgrabens; 1875: 2458 Ew. H. kam im 12. Jahrhund, an Halberstadt. Hier 1. Februar 1758 Überfall der Franzosen durch den preuß. General Tauenzien. Hornc, Richard Henry, englischer Schriftsteller, geb. 1803 in London. Nach Vollendung seiner Ausbildung in der Militärschule zu Sand- hurst trat er als Seekadet in die mejicanische Marine u. diente in derselben bis zur Beendigung des Unabhängigkeitskrieges. In seine Heimath zurückgekehrt, widmete er sich der Literatur u. schr.: Oosmo äs Lioäiois; Urs ävatlr ob Llarlovvs und Mis äsatb. bstoli, drei auf elisabethanische Vorbilder gegründete Trauerspiele; hierauf folgten 4Rs aävsntnrss ob a I-onäon äoll; Mio Aooä-naturoä bsar und pm sxposition ob tlis balss msäium, auä barriors sxoluäinA msn ob Asnius brom tlis piibtie (1838). Sein nächstes Werk war ein Trauerspiel OreKorx tlis ssvont( 1840) mit einem demselben voraufgeschicktem Essai über tragischen Einfluß; ein Inks ob Napoleon, London 1841, 2 Bde., u. Orion, ein episches Gedicht (1843), dessen Preis aus dem Titelblatte zu einem Heller (§ar- tliinx) angegeben war. Dieser Sarkasmus auf die öffentliche Schätzung moderner Epik erregte Aufmerksamkeit, so daß in kurzer Zeit 3 Auflagen des Gedichts verkauft wurden. Bei der 4. Auslage stieg der Preis auf 1 Schilling u. bei der 5. auf 2^2 Schilling. Diesem Gedichte folgte ^.nsiv spirit ob tfts a§s, ein Band Kritiken lebender englischer Autoren, Lond. 1844; Spirit ob kssrs anä ksople, 1846; Lullaäs nnäRowaneos, 1846; äuäas Isoariot, ein Fastenspiel, 1848; Mio paar artist, or ssvon sz-ssiAbts s-nä ons objoet, 1850, u. Mio äroainsr anä tbs ivorlcor, 1851. H. war auch thätiger Mitarbeiter an der periodischen Literatur seines Landes. 1852 ging er als Goldgräber nach Australien, wurde dort zuerst Polizeidirector, dann Goldcommissar u. endlich Territorial-Magi- strat u. veröffentlichte 1859 Lnstralian baots avä prospsots. Seit 1870 lebt H. wieder in England. Bartling.' 446 Horneck - Horneck, Ottokar von, wird gewöhnlich ein österreichischer Dichter genannt, dessen Familienname jedoch nicht sicher ist; er nennt sich selbst nur Ottacker, war aus Steiermark, im Gefolge Rudolfs von Habsburg, ritterlicher Dienstmann des Grafen Otto von Lichtenstein u. st. um 1320. Er verfaßte zwischen 1300 u. 1317 eine Österreichische Chronik in Versen, welche die Begebenheiten der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. erzählt, herausgegeben im 3. Bde. von Pez, Loriptorss rs- ruin austriLcurum. Schon vorher hatte H., wie es scheint, ein jetzt verloren gegangenes Buch der Kaiser, eine Art von Weltchronik, verfaßt, welche bis zum Tode Friedrichs II. herabgefiihrt war. Vergl. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, Berl. 1870, S. 252—260. K-lchner.» Hornelksvillc, Stadt in Steuben County des nordamerikan. Uniousst. New-Iork, am Canister River u. der Eriebahn; 4552 Ew. Hörnen Sigfrid, altdeutsches Epos aus dem Fräukisch-burgunLischeu Sagenkreise. Inhalt: Sigfrid, der Sohn König Sigmunds von Niederland, den seine Ellern, um ihn wegen seiner Unbändig- keil los zu werden, in die Welt hatten laufen lassen, kam zu einem Schmied. Da auch dieser ihn nichr bändigen konnte, schickte er ihn in Len Wald zu einem Köhler, damit er von einem dort befindlichen Lindwurm umgebracht würde; er erschlug ihn aber sammt anderen Drachen, verbrannle sie u. badete sich in der geschmolzenen Hornhaut derselben, wodurch er hörnen u. unverwundbar wurde. Ein Drache hatte Kriemhild, die Tochter des Königs Gibich zu Worms, geraubt u. hielt dieselbe auf einer Felsenburg gefangen; nach fünf Jahren wollte der Drache Mensch werden, Kriemhild hei- rathen od. sie dann zur Hölle fahren lassen. Die Eltern wußten nicht wo sie war. Sigfrid hatte sich auf der Jagd verirrt; ihn traf der Zwerg Euglein (Eugel), Nibelungs Sohn, der ihn vor dem Drachen warnte u. ihm die Geschichte Kriem- hildes erzählte. Sigsried ließ sich von dem Zwerge dahin führen, u. nachdem er den den Felsen bewachenden Riesen Kuperan besiegt u. zu seiner Hilfe verflichtst hatte, wollte er den Felsen besteigen, da aber schlug ihn der treulose Kuperan zu Boden u. nur durch Eugleins Tarnkappe ward Sigfrid gerettet. Nach einem neuen Siege über Kuperan zwingt Sigfrid diesen, ihm die Burg aufzuschließen. Acht Klaftern unter der Erde war die Thür; dann gab Kuperan ihm das Schwert, womit der Drache nur verwundbar war, aber als Sigfrid in die Nähe der Kriemhilde gekommen war, verwundet ihn Kuperan wieder. Aber dieser ergreift den Hinterlistigen u. wirft ihn vom Drachensteine herab. Dann beginnt der Kampf mit dem Drachen u. seinen 60 kleineren Gehilfen, letz- rcre fliehen, elfterer wird von Sigfrid getödtet u. ebenfalls vom Stein herabgestürzt; daun nimmt er Kriemhild u. reitet mit ihr heim. Den Nibelungenhort, den er zufällig findet, nimmt er mit, versenkt ihn aber, da ihm Eugel ein kurzes Leben geweissagt hatte, in den Rhein. Zuletzt feiert Sigfrid in Worms mit Kriemhild feine Hochzeit, wird aber von Hagen, weil er seinen Schwägern zu mächtig geworden ist, auf dem Odenwald erschlagen. Übrig ist das Gedicht, das in der Nibelungen- - Hornisse. strophe abgefaßt ist u. in seiner jetzigen Gestalt, wenn es auch Züge des höchsten Alterthums enthält, in das 15. Jahrh. fällt, u. dessen 2. Theil verloren ist, nur noch in der Bearbeitung durch einen Meistersänger aus dem 16. Jahrh. vorhanden, gedruckt in Nürnberg durch G. Wächter um 1560 u. o.0.1585, n.U. in Hägens u. Primissers Heldenbuch, Berl. 1825- sein Inhalt ist auch in das Volksbuch von dem Gehörnten Sigfrid aufgenommen. R-chmam,.- Hörnergcsellschnft (Hörnerbund), 1379 nach der Zerstreuung des Sternerbundes in Oberhessen an der oberen Lahn u. der Diemel gestiftete Rittergesellschaft, war bes. wider den Landgrafen Her- mann von Hessen unter Anführung Konrad Spiegels von Desenberg u. der Herren von Löwenstein u. Hatzfeld gerichtet. Sie bedrohte selbst Marburg, unterlag jedoch schon 1383 dem Landgrafen. Ihre Mitglieder, an Zahl etwa 200, trugen als Abzeichen Hörner auf Helm und Schild, daher der Name. Kl-mschmidt. Hornerz(Min.),s. v. w. Hornsilber, s. Chlorsilber. Horne Toocke, s. Tooke. Hornfels, sehr feinkörnige, harte und zähe Masse mit splitterigem oder auch undeutlich muscheligem Bruch und von grauer oder gelblicher, bläulich grauer Farbe. Der H. scheint durch Verkieselung von schieferiger oder feinkörniger Grauwacke hervorgegangen zu sein; findet sich ausgezeichnet am Harz in den Umgebungen des Brockens und Rambergs. Lehmann. Hornfisch, Luklstss Orrv., Gattung der Knochenfische, Unterordnung Haflkieser, Fam. Harthäuter. Leib zusammengedrückt, mit harten, hornartigen, beweglichen Schuppen oder rauhen Erhabenheiten bedeckt, nach oben und unten scharfschneidend, Maul klein, Öberkiefer mit doppelterZahnreihe, erste Dorsalflosse mit drei Stacheln, Bauchflosse verknöchert; meist schön gezeichnet, gesellig lebend in südlichen Meeren, einzelne im Mittelmeer. L.maou- Iutm8 D. und stsllatus Das. tropisch; L. ouxrmous L. Sm. im Mittelmeer und stillen Ocean; verwandte Gatt. NonaountiiuZ, Einhornfisch, mit einem Stachel in der Dorsalflosse. Farwick. Hornhaut, s. Auge, Bd. II. S. 347. Hornhautentzündung, s. Augenentzündung und Augenpflege. Hornhautficcke, s. u. Augenpflege. Hornhecht, Lslons vulgaris, Art der Schnabelhechte, wird bis Im laug, ist grün, unten weiß und hat blaugrüne Gräte, lebt in der Nord- und Ostsee. Hornisgrinde, höchster Berg im nördlichen Schwarzwald, östlich von Achern im bad. Kreise Baden, nahe an der Württemberg. Grenze. Der höchste, kahle Gipfel (1164 m hoch) gewährt eine weite Umschau auf den Schwarzwald, die Rauhe Alp, die Oberrheinische Tiefebene und das Wasgaugebirge. Ein anderer Gipfel der H. auf der Grenze von Baden u. Württemberg ist der Katzenkops oder Dreimarkstein; auf ihm stießen ehemals die Grenzen von Baden, Württemberg und dem Fürstbisthum Straßburg zusammen. Am südl. Fuße der H. liegt der saqenreiche Mumuielsee (s. d. Artikel). H- Berns. Hornifirter Kautschuk, s. v. w. Hartgummi. Hornisse (Vssxa erubro T,.), s. Wespen. 447 Hörnli — Hörnli, Höhenzug an der Grenz- der Schwei- zerkalitone St. Gallen, Zürich und Thurgau, die höchsten Gipfel das Schnebelhorn 1295 in u. das eigentliche Hörnli 1135 in. Hornqnecksilbcr (Quecksilberhornerz, Chlor- mercur, Calomel), Mineral, krystallisirt in kleinen tetragonalen Säulen mit pyramidaler Endigung, die zu Drusenhäuten vereinigt sind, auch derb u. körnig; Bruch muschelig und uneben, mild; Härte 1—2, spec. Gew. 6,«—6,»; diamantglanzeud, aschgrau, gelblichgrau und graulichweiß, durchscheinend bis kantendurchscheinend. Besteht aus Quecksilberchlorür (8x0); sehr selten, auf Lagerstätten des Zinnobers, zuweilen auch ans Eisen- erzlagen, zu Moschellandsberg in Rheinbayern, Jdria in Kram und Almaden in Spanien. Hornschneckcn (Ooriüüaoes, LkLe.), Familie der Weichthierklasse Schnecken, Ordnung Vor- kiemer, Unterordn. Kammkiemer. Schale gethürmt zngespitzt, Mündung eiförmig, Spindel zugespitzt mit Kalkschwiele, Kanal kurz nach links oder hinten gekrümmt. Meere u. Brackwasser der Tropen. 136 lebende, 460 fossile Arten. Gatt. (lsritstium Lrr«A., Gehäuse meist höckerig. 6. vulxatum, Mittelmeer. Gatt. lütkiopa Lang., Gehäuse mit flachen Windungen, hornig, Fuß lang u. schmal; sondert eine klebrige Flüssigkeit ab, welche zu Spinnfäden, womit sie sich an Seepflanzcn sest- heften, verarbeitet wird. L. mslavostoma Li/ck. et Aou!., atlantisch. Farwick. Hornsilbcr, s. v. w. Chlorsilber. Hornsordin, s. v. w. Dämpfer 1). Hornspalt, Trennung der Hornwand des Hufes beim Pferde in der Richtung der Hornröhrchen. Der H. kommt an der Zehe (Ochsenspalt), an den Seiten und an den Trachten vor, geht er durch die ganze Dicke der Hornwand bis auf die Fleischwand, so heißt er durchgehender Spalt. Meist kommt der H. an der inneren Seite der Vordcrhuse vor. Durchgehende H-en sind ungünstiger zu beurtheilen als oberflächliche, elftere verursachen häufig Lahmheit, letztere sind bei Pserden, die im langsamen Dienst beschäftigt werden, bei zweckmäßigerBehandlung leicht zu heilen. Schmidt. Hornstein, dichter Quarz, derb, kugelig tropfsteinförmig, in Pseudomorphosen nach Kalkspath, Flnßspath und Baryt; Bruch muschelig oder split- terig; weißlich, graulich grün, roth oder braun, Kanten durchscheinend; erscheint als Versteinerungsmittel vonHölzern (Holzstein) bei Freiberg, Johann- Georgenstadt, Schneeberg, Chemnitz, Ingolstadt. Hornthiere (Hohlhörner), (lavioornia, Fam. aus der Säugethierordnung Paarzeher, Unterordnung Wiederkäuer, besitzen nur im Unterkiefer Schneide- und Eckzähne. Mahlzähne A. Die bleibenden, oft bei beiden Geschlechtern auftretenden Hörner umgeben scheidenartig den Stirnzapfen. Asterzehen meist vorhanden. Die H. bewohnen meist die alte Welt, des. Afrika. Viele Arten werden als Hausthiere geschätzt. Hierher gehören die Unterfamilien: dieRinder, Schafe, Ziegen u. Antilopen. Farwick. Hornu, Fabrikort im Arr. Mons der belg. Prov. Hennegau, Station (H.-Warquignies) der Belg. Staatsbahnen; Dampfmaschiuenfabrikation, Seilerbahnen, große Steinkohlengrubeu; 6350 Ew. - Horos. Hornung, s. v. w. Februar. Hornviper, s. Ottern. Hornvögel (öuooriäas), Familie der Schreivögel. Schnabel lang, dick, gekrümmt, hohl, vorn abwärts gebogen, an den Rändern gezähnt, innen zellig, darauf ein hornartiger Auswuchs, od. dgl. Leiste, Zung kurz, fleischig. Rabenartige Baumvögel der Tropen der östlichen Halbkugel, welche von kleineren Thieren leben, meist unschönes, schwarzes Gefieder tragen. Arten mit deutlichen Hörnern sind Luooros rstinoosros 8., auf Sumatra, 8. bieorms L., daselbst und in SAsien, u. a. Kein Horn besitzen die Arten der Gattung Rstxiieeros Äe/rb. Farwick. Hornwarzen oder Kastanien, bei den Pferden die hornigen Auswüchse an der inneren Seite des Vorarmes über dem Vorderknie und hinten ans der inneren Seite des Schienbeins, dicht unter dem Sprunggelenke. Schmidt. Hornweide, ist 8alix oaprsa. Hornwerk, ein sortificatorisches Werk in Gestalt einer bastionirten Front, rechts und links abgeschlossen durch 2 gerade Linien, die Flügel oder Anschlußlinien. Die H-e wurden als Äußerste Werke vor der Hauptbefestigung, besonders vor langen Courtinen vorgeschoben und dienten dazu, wichtige Terraintheile, wie dominicende Höhen, mit einem Werk zu besetzen, welches in unmittelbarer Verbindung mit der Hanptbefestig- ung stehen sollte. Sie wurden bis zur Mitte des 17. Jahrh. vielfach angewandt. Mit der Ausbildung des Enfilirschusses verloren sie ihre Bedeutung, da sich die Anschlußlinien den Wirkungen dieses Schusses nicht entziehen ließen und auch dem Rückenseuer ausgesetzt waren. Im Allgemeinen wurden die H-e stets so angelegt, daß das Innere derselben von der Hauptbefestigung völlig eingesehen und beherrscht werden konnte. Die Wälllinien erhielten einen geringeren Aufzug als die Hauptbefestigung. Die Gräben der Anschlußlinien wurden so geführt, daß sie von rückwärts her wirksam bestrichen werden konnten. In neueren Befestigungen sind H-e nur noch sehr selten zur Anwendung gekommen. Hat das H. 2 Bastionen, so heißt es Kronwerk, hat es 3 Bastionen ein doppeltes Kronwerk. l. Hornyaken (Hornaken, tschech. Horuaci), Slo- vaken, welche die Gebirge des nordwestlichen Ungarn bewohnen; wandern als Drahtstricker, Kesselflicker rc. umher. Horopter, der Inbegriff derjenigen Punkte im äußeren Raum, welche bei einer bestimmten Stellung der Augen auf sog. correspondirenden Punkten beider Netzhäute sich abbilden und daher einfach gesehen werden. S. Doppelsehen. Horos (Har), ägyptische Gottheit, Sohn des Osiris und der Isis; er ist eine Form des Sonnengottes, wurde von Typhou in den Nil geworfen, von Isis aber gerettet, in der Heil- und Weissagungskunst unterrichtet (daher bei den Griechen als Apollo gedeutet) und unsterblich gemacht, rächte dann den Mord seines Vaters an Typhou, s. u. Isis. Er wird dargestellt als Kind aus dem Schooße der Isis sitzend u. an deren Brust saugend. Herangewachsen ist er ein starker Heros (H. Arveris), auf den Denkmälern mit dem Kopf 's 448 Horoskop — Horssoid. des ihm heiligen Sperbers erscheinend. In der römischen Kaiserzeit wurde er als Harpokrates (s. d.) verehrt. Horoskop (v. Gr.), der Punkt der Ekliptik, welcher zu einer gegebenen Zeit, bes. bei Geburt eines Menschen, im Horizont eben aufgeht u. der nach der Behauptung der Astrologen von Einfluß auf das Schicksal des betreffenden Menschen sein sollte; vgl. Nativitätsstellen. Daher Horofkopie, Beobachtung der Zeit, in der Einer geboren ist, um darnach sein Schicksal, seinen Charakter rc. zu bestimmen. Specht. Horowih (Horovice), Stadt und Hauptort im gleichnam. böhm. Bez. (Österreich), am Rothen Bache, Station der Böhm. Westbahn; Schloß, Eisenwerke, Kugel- und Bombengießerei, Ziind- hölzchenfabrikation, ansehnlicher Eisen- und Steinkohlenbergbau, bedeutende Schafzucht undKäsebe- reirung; (1869) 3119 Ew. In H. ward 1420 Georg von Podiebrad geboren. Horrend (v. Lat.), 1) schauderhaft. 2)übermäßig. lkorreur (fr.) 1) Schauder. 2) Schauderhastigkeit. 3) etwas Gräßliches. Horribel (v. Lat.), so v. w. Horrend. ttorribkle äiotu, es ist furchtbar zu sagen. Horribilicribrifax, Hauptrolle indem gleichnamigen Lustspiele des Andr. Gryphius (s. d.); Bezeichnung für einen Großsprecher. Hörrohr, 1) Instrument zur Erleichterung des Hörens für Schwerhörige, so eingerichtet, daß es die Schallwellen sammelt und verstärkt und die Töne kräftiger und deutlicher macht; meist der Bildung des Ohrs analog, mit mehr oder weniger Höhlungen und Windungen versehen, am besten spiral- ob. schneckenförmig, aber auchtrichter-, Horn-, trompetenähnlich rc.; am besten von Metall, auch von Horn, Holz, Leder, elastischem Harz, Papiermache, Glas; auch dienen natürliche Muscheln u. Schnecken dazu. Zur Fortleitung des Tones hat man auch elastische, mit dem H. verbundene Röhren mit einem Mundstück für den Sprechenden. 2) (Stethoskop), Instrument zur Ermittelung verschiedener Zustände des menschlichen Körpers mittels des Gehörs, s. u. Anscultation. ttorror vacüi (lat.), die vermeintliche Scheu vor dem Leeren, welche die Natur nach älterer Ansicht haben sollte, und durch welche man u. a. das Aussteigen des Wassers in die Saugröhre der Pumpe erklärte. Die Unrichtigkeit dieser Vorstellung hat Torricelli durch seinen berühmten Versuch (s. Barometer) erwiesen. Horrh, County im Nordamerika». Unionsstaate Süd-Carolina unter 34" n. Br. und 78" w. L.: 10,721 Ew. Countysitz: Conway Borough. Horsa (Horst), s. Hengist. Hörsaal, s. v. w. Auditorium. Horschelt, Theodor, Schlachtenmaler, geb. zu München 16. März 1829, st. ebenda 3. April 1871, war der Sohn eines k. Balletmeisters, Schüler von Rhomberg und Anschütz; malte 1850 sein erstes Bild Der Wildschütze, besuchte 1853 mit Hackländer Spanien, dann Oran und Algier, kehrte 1854 nach München zurück und ging 1858 nach dem Kaukasus ab, wo er bis 1863 verblieb und mehrere Expeditionen mitmachte, auf deren einer er sich militärisch auszeichnete. H. war ein eminenter Zeichner, dabei von lebhafter Ge. staltungskrast und glücklich in der Compositwn schwächer aber im Colorite. Werke: Illustrationen zu Charles Boners tlliainois Unntinx in tüe Llountains ok Lavaria (1853); Rast der Araber in der Wüste; Maurisches Lager; Schamyl vor dem Fürsten Barjätinski (1865); Sturm auf die Verschanzungen Schamyls auf dem Berge Gunib (1867); Scenen aus dem Kriege im Kaukasus Kreidezeichnungen, photogr. von Albert in München (1868 ff.). Auch im Aquarell leistete H. Vorzug, liches. Regnet. llorr ä'oeuvrs (fr.), 1) kleine Gerichte, welche vor den Hauptspeisen gereicht werden, Nebengerichte, Beiessen. 2) Nebensache, Nebenwerk. 3) tadelnswerthe Abschweifung vom Hauptgegenstande störende Angehörigkeit. Horse Creek (d. i. Pferdefluß), mehrere kleine Flüsse in Nordamerika; der bedeutendste davon im Wake County, Nord-Carolina, fällt in den Reuse River. Hörsel, Fluß in Thüringen; entspringt als Leina am Nordabhange des Thüringcrwaldes über Finsterbergen im gothaischen Landrathsamt Wal- tershausen, vereinigt sich mit dem Schilfwasser aus dem Friedrichsroder Grund und dein aus dem Rheinhardsbrunuer Thal kommenden Badewasser, erhält dann den Namen H., fließt durch Len wer- manschen Verwaltungsbezirk Eisenach, nimmt die Laucha, Emse, Nesse u. a. auf und fällt nach KO bin langem Lauf südlich von Kreuzbnrg rechts in die Werra. Hörselberge, Bergrücken in Thüringen, aus kahlen und schroffen Muschelkalkbergen bestehend; erstreckt sich von Eisenach in südöstlicher Richtung längs dem rechten Ufer der Hörsel bis zum Dorfe Sättelstädt, einer langen Mauer gleich; darin der (westliche) Kleine Hörselberg (430 m) u. der (östliche) Große Hörselberg (483 in). Dieser, mit schroffen, abenteuerlichen Formen, gewährt eine schöne Aussicht auf den Thüringer Wald und ist in der Sage als der Venusberg bekannt, in welchem nach der Volkssage die altdeutsche Erdgöttin (Holda) unter der Bezeichnung Frau Venus den Tannhäuser und andere Personen gebannt hielt. Vom H. aus beginnt die wilde Jagd. Auch noch mehrere andere Sagen knüpfen sich an den Berg. Aus dem Hörselloch sollen noch wimmernde Stimmen herausschallen. Es ist dies eine 1 m hohe und 5 äm breite Felsspalte, welche in eine 22 m lange und 5—12 äm breite Höhle führt, welche jedoch nirgends hoch genug ist, um darin aufrecht stehen zu können. Am Hörselberg 26. Oct. 1813 Gefecht zwischen den Preußen und Franzosen. H- Berns. Horsens, Hafenstadt im dän. Amt Skandcr- borg in Jütland, an der Mündung der Bygholm- Aa in den Horsensfjord, Station der Jütisch-Füh- nenschen Eisenbahnen, regelmäßig und schön ge- baut; Latein. Schule, große Eisengießerei, mehrere Fabriken, Fischerei, Schifffahrt, Handel; (1876) 10,501 Ew. Unmittelbar bei H. liegt ein großes Gcfängniß. H. ist Geburtsort von Bering (s. d.). Horsford, Eben Norton, geb. 27. Juli 1818 zu Moskow, Staat New-Uork, ein bedeutender technischer Chemiker, der sich zum Eisenbahn- Horsham — und Civilingenieur ausbildete, als solcher 2 Jahre § lang bei der geologischen Aufnahme des Staates New-Aork beschäftigt war, dann 4 Jahre an der Xlbau^kowals LeaäsinxNaturwissenschaften lehrte, 1844 bei Liebig in Gießen arbeitete und 1846 Professor am Harvarä OoÜvAs in New-Cambridge wurde, wo er das chemische Laboratorium, das erste Amerikas, 16 Jahre lang leitete. Von seinen vielen Arbeiten, von denen einige eine große Bedeutung für das praktische Leben gewonnen haben, sind zu erwähnen: Die Construction einer Lampe zur Verbrennung explosibler Öle, 1850; Die Herstellung von Marschrationen aus Mehl u. Fleisch für die nordamerikanische Armee; Die Angabe eines vorzüglichen Verfahrens zur Bereitung condensirter Milch, 1851—1853; Eine Methode zur Regulirung der Währung bei der Fabrikation von Wein, Bier u. Eider mittels schwefeligsauren Kalks, vor allem aber (1856) die in Amerika, nunmehr auch schon in England u. Deutschland, sehr- gebräuchliche Anwendung von saurem phosphorsaurem Kalk bei der Brodbereitung, als Ersatz für diejenigen nährenden Stoffe im Getreide, die demselben mit der Kleie beim Mahlen entzogen werden, ein Verfahren, welches bereits 1875 allein in Amerika die Production von 1 Million sauren phosphorsauren Kalkes nothwendig machte. Matzet. Horsham, Stadt in der engl. Grafschaft Sus- sex, am Adur, Eisenbahnstation; Latein. Schule, literar. Institut, Federviehzucht, bedeutender Handel mit Getreide und Geflügel; 7831 Ew. H. soll von Horst oder Horsa, dem Bruder des Hengist, seinen Namen erhalten haben. Horsky, Franz, Ritter v. Horskyfeld, ausgezeichneter österr. landwirthschastlicher Schriftsteller u. Landwirth, geb. 29. Sept. 1801 zu Bilin, Warans verschiedenen Gütern praktisch thätig u. brachte sie durch rationelle Bewirthschaftung u. zahlreiche Verbesserungen, sowie durch Einführung neuer Maschinen und zweckmäßiger neuer Culturen zu hoher Blüthe; höchst wohlthätig auf die Entwickelung der Landwirthschaft Böhmens wirkte er auch als Director der Ackerbauschule zu Libiegitz-Rabin bis 1856. 1862 kaufte er die frühere Staatsherrschaft Kolin sin höchst verwahrlostem Zustande u. brachte sie in kurzer Zeit zur höchsten Blüthe. 1863 wurde er geadelt, 1867 in den Ritterstand erhoben; er st. 6. April 1877 zu Kolin. Unter seinen Schriften sind Hervorzuheben: Neues Hack- fruchtculturverfahren, Prag 1850; Vervollkommnte Drillkultur, eöd. 1851; Neues Ackerungssystem, ebd. 1852; Neue Düngerbehandlungsmethode, ebd. 1853; Die wichtigsten Ackerculturgeräthe u. Drill- maphiuen, ebd. 1855; Laudw. Productionsberech- nungsweise, ebd. 1856; Allgem. Verbreitung der Fruchtwechselwirthschaft, ebd. 1861—1863, 6 H.; Mein Streben, Wirken, meine Resultate rc., ebd. 1873. r. Horsley, John Calcott, engl. Genremaler der Gegenwart, geb. zu London 19. Jan. 1817; Schüler der dort. Akademie, erregte durch seine Pachtzahluug zu Haddonhall im 16. Jahrh. die Aufmerksamkeit Wükics und malte dann: Die Schachspieler; Die rivalisirenden Musiker; Man erwartet Antwort; Der Dorfhahn (im Kensingtou- Museum 1839); Jugend und Alter, 1840; Heim- PiersrS Umversal-ConversalionL-Lcxilon. K. Aust. x. - - Hortensia. 449 skehr vom Ball, 1841; Des Vaters Grab, 1843; Der Colporteur rc., für seine Predigt des heil. Augustin, 1843, erhielt H. den zweiten Preis; für seine Krönung Heinrichs des V., 1847, den dritten. Weitere Werke: Die Religion, 1845; In der Kammer der Lords; Malvoglio, 1849; Gastfreundschaft, 1850; Das Madrigal, 1852; Jane Grey und Roger Asham; Die musikalsiche Gesellschaft; Allegro und Penseroso; viele seiner Bilder wurden vervielfältigt. H, ist Mitglied der Akademieu.einerderpopulärsteuengl. Maler. Regnet. Horsinan,Eduard, brit.Politiker,geb. 1807, trat 1831 in die Reihe der schottischen Advocaten, war 1836 und 1853 Mitglied des Unterhauses u. zwar der liberalen Partei desselben. 1855—57 war er Staatssekretär für Irland. 1366 wieder im Unterhause, gründete er mit Lowe die sog. Adnllamiten-Partei (s. Großbritannien, Geschichte S. 562). Durch seine außerordentliche Rednergabe, seinen tiefen politischen Blick, seinen kaustischen Witz übte er im Unterhause, dem er seit 1869 wieder angehörte, einen bedeutenden Einfluß, der noch dadurch erhöht ward, daß er zu den sogenannten unabhängigen Liberalen zählte. Er st. Ende October 1876. Horsowsky, Stadt, so v. w. Bischos-Teinitz. Horst, 1) Nest eines Raubvogels, daher Horsten, so v. w. nisten. 2) Baumgruppe im Walde, die sich von dem umgebenden Bestand durch Holzart oder Alter wesentlich unterscheidet, z. B. ein Fichtenhorst im Buchwald u. dgl. Horst, von der, ein altes adeliges Geschlecht, welches von der im Emscherbruch (Münster) gelegenen Herrschaft Horst abstammt und 1791 sich in zwei Speciallinien theilte: I. Ältere Linie zu Hollwinkel und Ellerburg. II. Jüngere Linie. Aus dieser: Frh. Ulrich Angelbert, geb. 16. Nov. 1793, machte unter preußischer Fahne die Feldzüge 1812—15 mit. 1845 commandirte er das 18. Jnf.-Reg. gegen die Posenschen Insurgenten. Seine Verhsirathung mit einer Polin führte zu Differenzen, infolge deren er seinen Abschied nahm. Im Frühjahr 1850 trat er als Generalmajor an die Spitze der schleswigholsteinischen Jäger, bald daraus einer Infanterie- Brigade. In der Schlacht bei Jdstedt durchbrach er bei Oberstolk (25. Juni) die Linie der Dänen und drohte ihnen den Rückzug nach Flensburg abzuschneiden. Nach dem Abgänge Mllijens übernahm er das Oberkommando und legte es 1851 bei Auflösung der schleswig-holsteinischen Armee, welche er selbst leitete, nieder. Er lebte erst in Hamburg und erhielt 1856 durch Bundesbeschluß als letzter Oberfeldherr der ehemaligen schleswigholsteinischen Armee eine lebenslängliche Pension. Er st. 9. Mai 1867 in Charlottenburg. T-ich-r. Horstgraben, so v. w. Friesacker Kanal. Horstmar, Stadt im Kreise Steinfurt des preuß. Regbez. Münster, am südöstlichen Fuße der Schöp- pinger Berge; starke Baumwollenweberei; 1875: 1114 Ew. — H. gehört zur Staudesherrschaft H. Horta, Hauptstadt der Azoren-Insel Fayal (NWKüste von Afrika), an einer weiten Bai aus der SOKüste, Handel; (1871) 8549 Ew. Hortensia, 1) Tochter des Redners Horteusius, sie war sehr beredt u. brachte 42 v. Ehr. die Trinm- Band. 29 450 Hortensie - virn dahin, daß sie die den römischen Matronen auferlegten hohen Abgaben herabsetzten. 3) H. Eugenie, Tochter des Generals Beauharnars u. der nachmaligen Kaiserin Josephine, geb. 10. April 1783 in Paris, wuchs nach der Hinrichtung ihres Vaters unter sehr ärmlichen Verhältnissen heran, bis ihre Mutter sich mit Napoleon vermählte, worauf sie von Madame Campan in Ecoucn erzogen wurde. In das mütterliche Haus zurückgekehrt, wurde sie Lurch ihre geistigen und körperlichen Vorzüge sehr bald der Liebling Napoleons. Sie war ursprünglich dem General Duroc bestimmt, schlug diesen aber aus und hei- rathete 7. Januar 1802 auf den Wunsch ihres Stiefvaters Napoleon gegen ihre Neigung dessen Bruder Louis. Während dieser Ehe gebar sie drei Söhne: Napoleon Louis Charles (geb. 1802, gest. 1807, s. Bonaparte 29), Louis Napoleon (geb. 1804, gest. 1831, s. Bouaparte 30) und Charles Louis Napoleon, geb. 1808, als Napoleon III. nachmals Kaiser der Franzosen. Als Königin von Holland lebte H. meist im Haag, bis 1-llO ihr Gemahl die Krone niederlegte und sie nach Paris znrllckkehrte. Hier wurde sie auch im Oct. 1811 Mutter des nachmaligen Grafen Morny, des Sprößlings eines Verhältnisses mit ihrem damaligen Großstallmeister Grafen Flahault. Nach dem Sturze Napoleons 1814 war sie die einzige unter den Napoleoniden, welche in Paris zurückblieb. Nach den Hundert Tagen hielt sie sich anfangs zu Augsburg, dann in Italien auf und kaufte sich endlich in Arenenberg im Kanton Thurgau an, brachte dagegen die Winter oft in Italien zu. Auch war sie 1831 daselbst, als die Unruhen ausbrachen und ihre Söhne sich an der Jnsurrection betheiligten. Als der ältere gestorben war, floh sie mit dem jüngeren über Nizza u. Paris, wo sie mit Ludwig Philipp eine Unterredung hatte, nach England u. kehrte Ende des Jahres 1831 über Frankreich nach Arenenberg zurück. Hier lebte sie fortwährend kränkelnd und st. 5. Oct. 1837; ihre Leiche wurde in der Kirche zu Ruel bei Malmaison neben dem Sarge ihrer Mutter beigesetzt. Sie führte, seit sie aufgehörl hatte, Königin von Holland zu sein, den Titel Herzogin von St. Leu. H. war auch Dichterin, u. mehrere ihrer Lieder sind in dem Munde des französischen Volkes. Sie schrieb auch: I-n Kölns Lortsnss sn Halls, sn Kranes st sn L.v§1större xsnäant I's.nnss1833, Par. 1833. Hen»e-Am Rhyn.» Hortensie, s. UMrangsa. Hortenslns» 1) Quintus H., 287 v. Ehr. Diclator, gab, um das auf den Janiculus gezogene Volk zu beruhigen, das Gesetz betr. die Verbindlichkeit der Beschlüsse der Tributcomitien für das ganze Volk, die l-sx Hortensia. 3) Quintus H. Hortalus, röm. Redner, geb. 114 v. Ehr., trat schon in seinem 19. Jahre als Sachwalter auf, machte 90 u. 89 den Marsischen Krieg erst als Legionär, dann als Tribun mit, wurde dann Quästor, 75 Curulischer Ädil, 72 Prätor, 69 Toi.sul n. st. »o v. or-yr. Er war sehr reich u. bebte den Lupus ru Bauten n. Taselsrenden, bes. wußte er Fische auf ausgezeichnete Weise zu ziehen und er soll die Sitte, Pfauen zu essen, in Rom eingefllhrt haben; auch hatte er in seinen - HorvLth. Häusern und Billen reiche Kunstschätze, Gemälde Statuen. Seiner politischen Stellung nach war er ein eifriger Bertheidiger der alten Verfassung und suchte Alles zu vereiteln, was die bestehende Ordnung der Dinge alteriren konnte, doch zeigte er sich dabei weniger tapfer als intriguant. Er war berühmt als Sachwalter n. Redner u. wurde nur von Cicero übertroffen. Seine Stärke war besonders der mündliche Vortrag, im Ausdruck folgte er der glänzenden asiatischen Rednermanier. Auch versuchte er sich in der Poesie, wiewol ohne Glück. Besser waren seine ^nnalss. Erhalten hat sich von seinen Reden nichts, da er dieselben meist extemporirte. Horticultnr (v. Lat.), Gartenbau. Uortus (lat.), Garten; L. sieens (trockener Garten), so v. w. Kränterbuch, Herbarium. Horuk, s. Barbarossa 2). Horvath, 1) Andreas, Ungar. Epiker, geb. 1778 in Pazmänd (Raaber Comitat), studirte katholische Theologie, führte den Hexameter in die um jene Zeit wieder erwachende magyarische Poesie ein, schrieb die Heldengedichte: 2irsr' sw- 1sics2ots (Erinnerung an Zirz), 1806 u. LrpLä; letzteres fand so allgemeinen Anklang, daß die ungarische Akademie, welcher H. seit 1830 als Mitglied angehörte, ihm den ersten von ihr zu verleihenden Preis zuerkannte; Kritti I-agos (Ludwig Gritti, Novelle), 1821; außerdem mehrere Heroiden, poetische Episteln, Lieder n. Übertragungen ins Magyarische. Er st. als katholischer Pfarrer in seinem Geburtsorte Pazmänd 183S. 3) Cyrill, ungarischer philosophischer Schriftsteller, geb. 1804 in Kecskembt, wurde Piarist, 1830 Professor der Philosophie u. 1836 Direktor am Collegium zu Szegedin, wurde 1851 als Direktor des Piaristengymnasiums in Ofen (Bnda) angestellt und übernahm 1860 die Professur der Philosophie an der Universität Pest. Er schrieb mehrere seiner Zeit mit Beifall aufgenommene Schauspiele und veröffentlichte als Ehrenmitglied der Ungar. Akademie verschiedene kleinere geschichtliche und philosophische Abhandlungen in den Schriften der Akademie. 3) Michael, bedeutender ungar. Geschichtschreiber, geb. 1809 zu Szentes (Csongräder Comitat), machte seine ersten Studien in Szegedin, widmete sich auf dem Waitzener ka- thol. Seminar der Theologie, wirkte dann als Geistlicher an mehreren Orten, und wurde 1841 Erzieher der Kinder des Grafen Erdödy in Wien, dessen Einflüsse er seine Beförderung zum Professor der magyarischen Sprache u. Literatur am Theresianum zu Wien verdankte. 1847 wurde er Propst zu Hatvan, 1848 unter dem Cultusmi- nister Eötvös, welcher H. wegen seiner historischen Schriften schätzte, zum Bischof von Csanäd mü> Mitglied der Magnatentafel ernannt. Im April 1849 übernahm er, nachdem sich Ungarn 14. April zur unabhängigen Republik erklärt hatte, das Ministerium des Cultus u. öffentlichen Unterrichts. Nach Niederwerfung der Revolution flüchtete H. mit Anderen nach Paris, ging von da als Erzieher der Kinder des 1849 in Pest Hingerichteten Grafen Batthyänyi nach Zürich, wurde 1867 nach erfolgtem Staatsausgleich durch Vermittelung seiner politischen Freunde amnestirt u. 451 Höschen — Hosenbandorden. von der neuen Regierung mit einer Abtei für die wegen der Sache der Freiheit des Landes erduldeten Leiden entschädigt. Seine sowol in zahlreichen gediegenen Schriften als auch durch lebhafteste Theiluahme an den politischen Strebungen Ungarns bethätigte freiheitliche Gesinnung verschaffte ihm bald wieder großen Einfluß, u. nach dem 1876 erfolgten Tode Deals wurde er in dessen Bezirk als Deputirter zur Nationalversammlung gewählt. Neben anderen Auszeichnungen wirkt H. auch als Präsident der histor.- philosophischen Klasse der uugar. Akademie, deren langjähriges Mitglied er ist. Außer vielfachen kleineren historischen Abhandlungen schrieb er: ülaMaroreräZ' törteusts (Geschichte von Ungarn), Pest, 6 Bde. (deutsch 1859—63); Nouumonta Üuu§arias lüstorios,, 4 Bde., Pest 1857 ff.; Fünfundzwanzig Jahre aus der Geschichte Ungarns (Gens 1863, 2 Bde., deutsch, Lpz. 1866); Geschichte des Unabhängigkeitskrieges in Ungarn 1848—49 (Genf 1863, 3 Bde.); u. verschiedenes Andere auf die neueste Politik Ungarns Bezügliche. Gegenwärtig (1877) ist eine Ungarische Kirchengeschichte von ihm unter der Presse. H. zählt durch seinen trefflichen historischen Stil zu den Musterschriststellern der magyarischen Literatur. 4) Balthasar, bedeutender ungarischer Jurist, 1867—71 ungarischer Justizminister, geb. I.Jan. 1822 in Steinamanger, studirte in Raab, trat 1843 in die Advocatur und wurde 1845, Obernotar in seiner Vaterstadt. 1848 in den Landtag gewählt und, in demselben auch in Debreczin und Szegedin verblieben, wurde er 1849 vors Kriegsgericht gestellt, 1850 aber amuestirt u. widmete er sich seitdem wieder seiner Advocatur, bis er 1856 Herrschaftsfiscal der BatthyLnyischen Güter im Eisenburger Comitat wurde. 1861 war er Mitglied der Judexcurialconferenz, wurde auch corrc- spondirendes Mitglied der uugar. Akademie, deren Ehrenmitglied er jetzt ist. Nachdem er seit 1863 Directionsmitglied des ersten uugar. Bodencredits- iustituts gewesen, in politischer Beziehung sich an Deal angeschlossen u. bei den Ausgleichsverhandlungen in hervorragender Weise thätig gewesen, wurde er 1867 für die Justiz ins Ministerium berufen, und verdankt ihm Ungarn außer vielen Reformen in der Justizpflege die Abschaffung der Leibesstrafen u. die Durchführung der neuen Ur- barialgesetze. Da indessen sein Justizorgauisations- entwurf im Ministerrath nicht durchging, die Ausführung des Municipalgesetzes nicht nach seinem Sinne ging, nahm er 16 . Mai 1871 seine Entlassung. Im folgenden Jahre wurde er Präsident der Ungarischen Allgemeinen Bodencreditactienge- sellschast. Seine schriftstellerische Thätigkeit hat sich bis jetzt nur auf Beiträge für Fachzeitschriften beschränkt. 1)—s> Booch-Arkosty. 4) Lagai. Höschen (Bienenz.), s. Biene. Hosea, 1) Sohn des Beeri, hebr. Prophet; lebte u. wirkte im Reiche Juda unter Usia, Jo- tham, Ahas u. Hiskia, im Reich Israel unter n. nach Jerobeam II. Aufgeregt durch die Sitten- losigkeit u. den Götzendienst, schilderte er in lebhafter, eindringlicher, aber oft dunkler Rede beide u. das mit demselben kommende Verderben, welches bes. in Wegführung aus dem Lande bestehen u. nur durch Besserung enden wird. Übersetzungen u. Erklärungen von Simson (1851), Hitzig (1852), Ewald u. a. m. 2) Sohn Elahs, wurde nach Pekah 729—722 (nach And. 707—699) v. Ehr. König von Israel; er wurde den Assyrern tributpflichtig; als er aber den Assyrern den Tribut verweigerte, wurde er von Salmanassar init Krieg überzogen, nach 3jähr. Widerstand besiegt und in die assyrische Gefangenschaft geführt. Hosemann, Theodor, Genremaler; geb. in Brandenburg 24. Sept. 1807, st. in Berlin 15. Oct. 1875. H. begann in Düsseldorf, wohin der Krieg von 1813 seine Eltern geführt hatte, seine künstlerische Laufbahn mit Jlluminiren von Bilderbogen für die Kunstanstalt von Arnz u. Co.; wirkliche Kunststudien begann er 1821 unter Cornelius u. setzte sie unter W. Schadow fort, ging aber bald mit Winckelmann, dem Compagnon von Arnz, nach Berlin, um für dessen Verlag Kinder- schrifteu zu illustriren. Hier wandte er sich auch der Ölmalerei zu u. wurde ein beliebter Privatlehrer; erhielt 1857 den Professortitel und ward 1861 Mitglied der Berliner Akademie. Seine größte Thätigkeit entwickelte er in Illustrationen, in denen er wie in seinen Genrebildern mit Glück komische Situationen schildert. Dahin gehören vor allen die Illustrationen zu Glasbrenners satirischen Schriften, zum Renommisten von Zacha- riä, zu den Erzählungen von Jeremias Gotthelf, zu den Geheimnisse» von Paris von E. Sue, ',um neuen Kinderfreund, zum Kladderadatsch rc. Von seinen meist kleinen Bildern wären zu nennen: Die Sonntagsreiter; Die Kegelbahn; Die Volksversammlung der Rehberger; Das Huude- fuhrwerk; Das ländliche Stelldichein; Kartoffeln in der Schale; Herumziehende Musikanten; Benebelte Musikanten; Gänsemädchen; Sechsundsechzig. Sein Colorit zeigt viel Wärme, sein Vortrag große Frische. Seine Productivität war so groß, daß kaum ein Tag verging, an dem er nicht eine Illustration gezeichnet hätte, Ltegn-t. Hosen, Toilettenstllck zur Bekleidung der Beine. H. wurden im Alterthum von den nördl. Völkern Asiens und Europas, auch von den Persern und theilweise von den Assyrern getragen, aber nicht von den Ägyptern, Griechen u. Römern. Nach den H. der Gallier nannten die Römer das jetzige Frankreich Oallia braoeata. Im 4. Jahrh. wurden durch die deutschen Völker auch in Italien H. üblich. Im Mittelalter waren sie allgemein, aber an einem Stücke mit den Strümpfen. Im 16. Jahrh. trennte man beide am Knie, daher die kurzen H., welche erst in bauschiger Form (Pluderhosen), später aber enger getragen wurden u. bis zur franz. Revolution Mode waren, wo die langen an ihre Stelle traten. Kurze H. blieben noch einige Zeit im Hofcostüm und sind noch Tracht der Lakaien. Die langen H. haben verschiedene Moden durchgemacht. Hem,e-Am Rhyn. Hosenbandorden (Orden des blauen Hoseu- bandes, Orcksr ak tds (Zarter, d. i. Orden des Knie- sStrumpf-j Landes, franz. Orärs äs ia äar- rstisrs), der ausgezeichnetste (d. h. dem Range nach der erste) Orden Englands; 19. Jan. 1348 vom König Eduard III. gestiftet. Die Veranlassung seiner Stiftung ist trotz der Forschungen 29 * 453 Hoshiarpoor engüscher Historiker nicht sicher festgestellt. Nach der am meisten verbreiteten Annahme soll Eduard auf einem Ball, wo seiner Geliebten, der Gräfin Salisbury, das linke blaue Strumpfband entfiel, dasselbe ausgenommen u. zusällig dabei das Kleid der Gräfin mit erfaßt u. etwas erhoben haben; Umstehende hätten dies bemerkt und darüber ge- spöttelt. Um die Gräfin, welche sich darüber ver- letzt gefühlt hätte, zu versöhnen, soll Eduard aus- Herufen haben: Loun/ sott gui mal ^ xsnss d. i. ein Schurke, wer Arges dabei denkt) u. geschworen, das Bund zu so hohen Ehren zu bringen, daß sogar jene Spötter nach dessen Besitz streben würden. Bald darauf wurde der Orden vom blauen Hosenband (oder vielmehr Knie- sStrumpf-j band) von ihm gestiftet u. demselben jene Worte als Motto gegeben. Andere erzählen: Im Kriege Eduards gegen Philipp von Valois habe zu der Schlacht bei Crecy 26. Aug. 1346 ein blaues Band an einer Lanze das Zeichen gegeben und sei St. Georg das Losungswort gewesen und, da Eduard siegte und den König von Frankreich zum Gefangenen machte, habe er zum Gedächtniß daran zu einer Verbrüderung unter die Ritter, die er zu seiner Tafelrunde alljährlich versammelt, ein blaues Knieband mit dem Motto: Sonnx soib sto. vertheilt u. hiermit den H. gestiftet. Eine andere Sage führt den Ursprung des H-s auf König Richard Löwenherz zurück. Nach den ersten Statuten des Ordens wurde derselbe zur Ehre Gottes, der heiligen Jungfrau u. des heiligen Märtyrers Georg gestiftet Nur regierende Fürsten u. Eingeborene vom höchsten Adel können in denselben ausgenommen werden. Nach dem Statut vom 28. Juni 1831 besteht er aus einer Klasse von 26 Mitgliedern, einschließlich des Königs, Auswärtige u. die Prinzen des Hauses dagegen nicht mitgerechnet; jährlich wird 23. April in der Kapelle zu Windsor ein Ordenscapitel gehalten. Auch hat der König das Recht, 26 Pensionäre (Arme Ritter von Windsor), mit jährl. 300 Pfd. Gehalt zu ernennen, meist ältere Hof- u. Staatsdiener, welche, da sie nicht mehr Kriegsdienste verrichten können, die Pflicht haben, für die anderen Ritter zu beten. Die Ausnahme eines Ritters geschieht mit außerordentlichem Prunk. Auswärtigen Fürsten, wenn sie bei der Aufnahme nicht persönlich anwesend sind, werden die Insignien durch den Wappenkönig überbracht. Ordenszeichen: ein Knieband von dunkelblauem Sammt, mit goldenem Rand u. der darauf gestickte» Devise (s. oben), unterm linken Knie durch eine goldene Schnalle hefestigt, auch bisweilen mit Brillanten verziert. Regiert eine Königin, so trägt sie es um den linken Arm. Zugleich tragen die Ritter an einem breiten, dunkelblauen, von der linken Schulter nach der rechten Hüfte hängenden Band einen goldenen mit Brillanten verzierten Schild (Georg), mit dem Bilde des St. Georg. Um den Rand läuft eine blaue Einfassung mit der Ordensdevise. Dazu seit Karl I. aus der linken Brust ein in Silber gestickter acht- strahliger Stern mit dem rothen Kreuz des St. Georg in der Mitte, umgeben von dem blauen Knieband mit der Devise. Ordenskleidung: dun- kelblan seidenes Unterkleid, rother Gürtel, weiße — Hospital. kurze, oben bauschige Beinkleider, rothsammtner mit Gold verzierter, weiß gefütterter Mantel weiße Strümpfe, weiße Schuhe mit rothen Ab-' sätzen u. weißen Rosetten, schwarzer Sammethut mit weißer Feder u. seit Heinrich VIII. eine Kette aus 26 Gliedern, abwechselnd Liebesknoten und Kniebänder, um den Hals getragen, daran St. Georg mit Brillanten verziert. Vergl. Ashmole, Mrs iustibntions, iarvs und osrsmonies ok Uw most nobls Order cd tLs Harter, Lond. 1672; Beltz, Llsmorials cd tüe Order ok tüs Oartsr, Lond. 1841. Lagai.» » Hoshiarpoor, s. Huschiarpur. Hoshungabad, s. Husungabad. Hosianna (hebr.), Glückwunsch u. Zuruf: gib doch Heil. Hosrus, 1) Bischof von Corduba seit Ende des з. Jahrh., besond. Günstling Constantins d. Gr. Als Freund des Athanasius u. Gegner der Arianer benutzte er sein Ansehen beim Kaiser zur Unterdrückung derselben, schlug auf dem Concil zu Nikäa die Formel Homousios zuerst vor, führte den Vorsitz auf dem Concil zu Sardica 344, nn> ^ terschrieb 357 gezwungen das zweite firmische Glaubensbekenntniß u. st., nachdem er über 80 ! Jahre sein Bisthum verwaltet hatte, 35S fast ^ 100 Jahr alt. 3) Stanislaus, Cardinal, geb. ! 5. Mai 1504 in Krakau, 1538 Canonicus i» Ermland, bald darauf in Krakau, 1549 Bischof von Kulm; der König Siegismund August benutzte ihn zu wichtigen Missionen an die Kaiser > Karl V. u. Ferdinand I. u. machte ihn 1551 auch zum Bischof von Ermland. Der Ausbreitung des Protestantismus setzte 1551 die Petrikauer Synode die von ihm verfaßte Oorckossi» oatüolloas üdsi und Gewaltmaßregeln entgegen. Zum Dank dafür erhielt er als päpstlicher Legat in Wien 1561 den Cardinalshut, wohnte dem Tridentinischen Concil bei und kehrte dann nach Polen zurück. H. verschaffte den Jesuiten großen Einfluß in Polen und stiftete das Collegium zu Braunsberg (1564), um dadurch der Ausbreitung des Protestantismus zu begegnen. Er begab sich später wieder nach Rom, um die Angelegenheiten t der polnischen Kirche zu ordnen, wurde aber von dem Papst Gregor XIII. dort, mit Ehren überhäuft, zurückgehalten und starb 15. August 1579 zu Ca- prarola. Seine Werke gesammelt, Köln 1584, 2 Bde., Fol.; Lebensbeschreibung von A. Eichhorn, 1855, 2 Bde. Wffler. Uospor (lat.), Fremder; Gastfreund; Wirth; Gasthalter. Hospital (lat. lwsxitals), 1) in Klöstern die Herberge für Fremde außerhalb der regulirten Orte (Hospiz). 2) ein zur Aufnahme und Verpflegung von Altersschwachen, Nothleidenden oder > Kranken eingerichtetes Gebäude (Armenhaus, Sie- > chenhaus, Krankenhaus), welches den Charakter i einer milden Stiftung besitzt oder aus öffentlichen Mitteln vom Staat oder der Gemeinde errichtet ^ ist. Ursprünglich und wol noch bis Ende des vor. j Jahrh. waren die Hospitäler ausschließlich für Arme ^ и. Kranke bestimmt, welche die Verpflegungskosten aus eigenen Mitteln nicht zu zahlen im Stande waren, während gegenwärtig die Hospitäler vielfach von zahlenden Personen benutzt werden. Die 453 Hospital. Krankenhäuser für Soldaten (Militärhospitäler), ebenso die auf Schiffen, in Gefängnissen, Anstalten n. dgl. zur Aufnahme Erkrankter getroffenen Einrichtungen werden in der Regel Lazarethe (s. d.) genannt. Griechen u. Römer kannten keine Hospitäler; dagegen haben nach zuverlässigen Forschungen buddhistische Fürsten schon lange vor Christi Geburt Anstalten zur Aufnahme von Siechen u. Kranken in Indien errichtet. Erst das Christenthum und der in den ersten christlichen Gemeinden bald hervortretende werkthätige Geist allgemeiner Menschenliebe führte zu einer geregelten Armen- u. Krankenpflege u. in weiterer Entwickelung zur Gründung von Hospitälern, deren schon im 4. Jahrh. Erwähnung geschieht. Nach dem Muster des bei Caesarea vom heil. Basilius im Jahre 370 errichteten weltberühmten H-s (8asi- Ims) mit Herbergen, Armen- u. Siechenhäusern, Anstalten zur Aufnahme gefallener Mädchen rc. u. einem abgesonderten eigentlichen Krankenhanse (dlosoeomsion) entstanden zahlreiche andere Anstalten u. besond. kamen die Entstehung u. Ausbreitung der geistlichen Orden sowie die Pilgerfahrten zum heiligen Grabe der Verbreitung der Hospitäler auch im Abendlande zu Statten. In Rom zählte man im S. Jahrh. 24 Hospitäler, u. bereits damals errichtete man gerade in Italien im Anschluß an die Hospitäler besondere Häuser für Wahnsinnige, sodann Waisen- und Findelanstalten u. dgl. Im Mittelalter verdankten die Hospitäler ihre Entstehung wesentlich dem kirchlichen Einfluß; das vom Papst Jnnocenz III. (1198—1216) in Rom gegründete, heute noch bestehende Hospital 8an Lpirrto war eine Musteranstalt von 1300 Betten, welche alsbald in den Heiligegeist-Hospitälern vieler großer Städte damaliger Zeit Nachahmung fand. Neben den eigentlichen Hospitälern sind für das Mittelalter charakteristisch die Anstalten zur Unterbringung mit ansteckenden Krankheiten Behafteter, so z. B. die Leproserien (für Aussätzige), die Pesthäuser, die Franzosenhäuser (für Syphilitische) u. dgl. Im späteren Mittelalter erlahmte der Geist werkthätiger Nächstenliebe u. die Hospitäler verfielen. Erst das 17. n. bes. das 18. Jahrh. brachten als Frucht des philanthropischen Zuges der Zeit auch neues Leben in die Gründung von Hospitälern, und in allen Culturländern entstanden zahlreiche u. bedeutende Krankenanstalten, zum Theil heute noch hervorragend. Neben der Kirche u. der Privat- wohlthätigkeit betheiligten sich nun der Staat u. die bürgerliche Gemeinde an der Gründung der Hospitäler, und gerade hierdurch dürften die seit dem vor. Jahrh. stattgehabten enormen Fortschritte im H-wesen ihre wesentlichste Förderung gefunden haben, wie denn auch die Erfahrungen der großen Kriege der Neuzeit (Krimkrieg, amerikanischer Bürgerkrieg, französischer Krieg 1870—1871) für die Entwickelung des H-wesens von größter Bedeutung gewesen sind. Bei der Wahl des Bauplatzes für ein H. sind sumpfiger, feuchter Boden, sowie Mulden u. Abhänge, denen von höher gelegenen Stellen verunreinigte Bodenwasser zufließen können, zu vermeiden; der Untergrund muß sich gut drainiren lassen n. alle Schmutzwasser müssen leicht abgeführt werden können. Eine etwas erhöhte, gegen Nord- u Ostwinde geschützte Lage bei möglichst freiem Zutritt der Luft ist vorzuziehen. Bei der baulichen Anlage der Krankenhäuser werden zwei Hauptsysteme befolgt, nämlich die Vereinigung sämmtlicher Krankenränme unter einem Dach (einheitliche Krankenhäuser) oder die Vertheilung derselben je nach Zweckmäßigkeit und Bedürfniß in kleinere, selbständige Gebäude (Pavillon-, Block- vder Barackensysteme). Die Ersteren bieten für Unterbringung verschiedenartiger Kranker, Pflege, Beaufsichtigung, Öconomie rc. manche nicht zu unterschätzende Vortheile, während sich als Nachtheile die Schwierigkeit der Reinhaltung der Luft, sodann die Gefahr der Ansteckung geltend machen. Nur kleinere Krankenhäuser können sich desselben sehr wol mit Vortheil bedienen, sofern ein Theil des Gebäudes für ansteckende Kranke völlig abge- theilt und mit besonderem Eingang versehen wird, die Zimmer nur auf der einen Seite eines Längs- Corridors liegen. Als Norm gilt für solche Anstalten die ll-Form, welche je nach dem Bedürfniß Abänderungen erleiden kann. Der Mittelbau enthält die Verwaltungsräume u. kleineren Krankenzimmer; die Seitenflügel haben besondere Zugänge u. enthalten die größeren Krankensäle. Das Pavillon-System verhindert die Mittheilung der Contagien rc. zwischen den Krankenräumen u. gestattet in weit höherem Grade den Zutritt von Luft und Licht an dieselben. Ein specieller Vortheil dieses Systems liegt noch darin, daß einzelne Theile leicht verändert oder verlegt u. daß ebenso die ganze Anstalt leicht vergrößert werden kann. Für größere Krankenanstalten hat die Jetztzeit deshalb Las Pavillon-System als Norm accep- tirt. Die einzelnen Pavillons werden je nach Bedarf oder Zweckmäßigkeit bald in Holz (amerikanische Baracken), bald in Fachwerk od. im Massivbau, bald ein-, bald mehrstöckig ausgeführt, bald stehen sie ganz reif, bald sind sie durch Corri- dore rc. untereinander verbunden. Größere, nach dem Pavillon-System in mehrstöckigen Massivbauten ausgeführte Anstalten nähern sich in ihren Einzelheiten wieder den einheitlichen Krankenhäusern. Die ausschließliche Verwendung von Holzbauten (amerikanische Baracken) bei ständigen Anstalten hat sich für das deutsche Klima nicht bewährt, während dieselbe für Kriegslazarethe ihre unverkennbaren großen Vorzüge hat. Zn den neuesten in Deutschland nach dem Pavillon-System errichteten Musteranstalten gehören die städtischen Krankenhäuser zu Leipzig und Berlin, sowie die Provinzialirrenanstalt zu Grafenberg beiDüsseldorf. Von größter Bedeutung für Krankenhäuser ist die Sorge für reine Luft. In den Krankenzimmern ist deshalb jede Überfüllnng zu vermeiden; die Höhe soll 4,o—4,5 m betragen, weil die Räume bei geringerer Höhe nicht luftig genug sind, während eine größere Höhe für die Heizung ungünstig ist. Für jedes aufznstellende Bett soll normalmäßig eine Grundfläche von 8,z Hjm und ein Luftraum von 36,o edm vorhanden sein. Die Wände sind aus einem Material herzustellen, das möglichst wenig Stoffe aus der Lust aussangt u. glatt ist, um gereinigt werden zu können. Hierfür empfiehlt sich ein in Heller Erdfarbe gestrichener Katkbewurs, 454 Hospitalbrand wobei bis zu einer Höhe von 1„—s§> III die Wände mit Ölfarbe zu streichen sind. Der Fußboden muß geölt oder gefirnißt sein; in neuerer Zeit werden hierfür auch Thonfliesen verwendet. Die Ventilation und Heizung sind Fragen von großer Schwierigkeit, u. eine Einigung über das beste System ist noch keineswegs erzielt. In nicht wenigen Hospitälern und namentlich in England beschränkt man sich noch auf die natürliche Ventilation durch Fenster u. Thüren, u. von allen den mannigfachen künstlichen Ventilations-Heizungssystemen wollen manche Autoritäten auch jetzt noch nicht viel wissen. Eine sehr wesentliche Verstärkung hat die natürliche Ventilation durch die Anbringung von Luken (Laternen, Dachreitern) in der First der Gebäude (Firstventilation), ursprünglich nur bei Holzbaracken, neuerdings auch bei Fachwerk u. Massivbau erfahren. Für das deutsche Klima ist aber diese Art der Ventilation nicht überall passend, kann auch im Winter nicht ausreichend durchgeführt werden; deshalb verbindet mau jetzt vielfach die Ventilation mit der Heizung, indem man die Öfen mit Blechmänteln umgibt, welche mit einem unter dem Fußboden nach außen führenden Kanal in Verbindung stehen, durch den die äußere Luft in den Raum zwischen Mantel und Ofen tritt, sich erwärmt und dann in das Zimmer verbreitet, während die verdorbene Luft durch Öffnungen in den Fenstern oder besondere Luftkamine in den Wänden entweicht. In den neueren größeren Hospitälern findet gegenwärtig das System der Centralheizung in Verbindung mit entsprechender Ventilation mehr u. mehr Aufnahme. Bald bedient man sich zur Einführung der frischen, erwärmten Luft der sog. Caloriferen (Pulsions-Methode), bald findet Luft- oder Heißwasserheizung statt, wobei die verbrauchte Zimmerluft bald durch besondere Kamine abgeführt, bald durch besondere Vorrichtungen abgesogen wird. Für Barackenlazarethe scheint in neuerer Zeit die Dampfheizung mehr in Aufnahme zu kommen. Für die Abortanlageu in den Krankenhäusern hat das gewöhnliche Latrinensystem viel Bedenkliches; die Aborte sind vielmehr mit Wasserclosets (2 auf 20 Kranke) zu verbinden. Für die Beleuchtung verdient das Gas schon aus Reinlichkeits-Rücksichten den Vorzug. Das Mobilar der Kranken- zimmer muß sich aus das Nothwendige beschränken; eiserne Bettstellen find den hölzernen vorzuziehen, weil sie dauerhafter u. leichter zu reinigen sind. Roßhaarmatrazen sind unentbehrlich, Federbetten ganz zu verwerfen. Auf die Desinfection der Kleider, des Bettwerkes u. dgl. ist besondere Sorgfalt zu verwenden, und es wird dieselbe am geeignetsten in der Weise ausgeführt, daß die be- treffenden Gegenstände in besonderen Behältern einer trockenen Wärme von über 100° 6. ausgesetzt werden. Gutes Trinkwasser u. reiche Wasserversorgung gehören ebenfalls mit zu den wesentlichsten Lebensbedingungen eines H-s. Das Leichenhaus muß isolirt u. so liegen, daß es von den Krankensälen aus möglichst wenig gesehen werden kann; ein gewölbter Keller ist für die Leichen am zweckmäßigsten; für Cholera- und Blatternleichen muß eine besondere Abtheilung mit besonderem Eingang vorhanden sein. Das für große Kranken- — Hospitalschiff. i Häuser erforderliche Verwaltungsgebäude muß ent- halteuPförtnerstube, Wartezimmer, Kanzlei,Sprech- ' zimmer der Ärzte, Apotheke rc. Speise- u. Waschküche werden je nach Umständen bald in besonderen, Gebäude, bald in dem Verwaltungsgebäude selbst resp. in dem Souterrain anzulegen sein. Die Vorzüge des Kochens und Wascheus mit Dampf sind jetzt allgemein anerkannt, vr- msa. Beyer/ Hospitalbrand (OanAraena nosoeomialig), eine ansteckende Wundkrankheit, die sowol frische wie in Heilung u. Vernarbung begriffene Wunden befällt und die Geschwürsfläche in einen grauen, schmierigen, gallertigen Brei umwandelt, der sich nur schwer abwischen läßt, weil die brandigen Veränderungen auch die tieferen Schichten des Geschwürs durchsetzen (Wuuddiphtheritis). Ein Geschwür mit H. verwandelt sehr bald die umliegende Haut in einen gleichen Brei, wodurch es an Umfang schnell wächst u. auch nach der Tiefe zu findet die Verbreitung des Brandes statt, so daß schnell ein kraterförmiges Geschwür mit stinkender jauchiger Absonderung entsteht. Mikroskopisch untersucht ergeben die grauen brandigen Masten, daß sie aus einer Menge kleinster Kügelchen — Mikrokokken —, die sich zu rosenkranzartigen Ketten vereinigen, u. aus Bakterien, kleineren od. längeren stäbchenförmigen Gebilden bestehen, die sich von Fettpartikelchen leicht durch Zusatz von Kalilauge unterscheiden lassen, indem sie dadurch deutlicher erkennbar werden, während Fettpartikelchen infolge ihrer Auflösung durch Kalilauge verschwinden. Der H. ist ein gefährlicher Feind der Krankenhäuser u. um so gefährlicher, je schlechter die Hospitäler eingerichtet sind. Die geringsten Verletzungen, selbst einfache Blutegelstiche, u. die geringfügigsten Operationen führen, wo der H. herrscht, zum Tode, da der H. sich durch die Luft, durch Wäsche und andere Effecten schnell verbreitet u. jede Wunde vergiftet. Es ist der größte Segen der Listerschen Verbandmethode, dem H. den Todesstoß gegeben zu haben, da bei seiner Anwendung der H. zur Unmöglichkeit wird. Emze. Hospitalbriider, s. u. Deutscher Orden. Hospitaliter (Hospitalitermönche), Mönche, Laienbrüder, Ritter geistlicher Orden und Chorherren, meist nach der Regel des St. Augustin, welche sich der Armen- u. Krankenpflege in Hospitälern widmen od., hauptsächlich zu diesem Zwecke verbündet, eigene Spitäler u. Armenhäuser gründen u. den Dienst darin versehen. Hospitaliter-Ritter, 1) so v. w. Johannisorden; 2) so v. w. Deutscher Orden. Hospitalschiff (Lazarethschiff), Schiff zur Aufnahme von Kranken u. Verwundeten, welches einer Flotte folgt oder als Blockschiff im Hafen liegt u. mit allen zur Verpflegung uöthigen Bedürfnisse», auch mit hohen, gut zu lüftenden Decks, Lichtlucken, Fenstern rc. versehen ist, aber keine Geschütze hat. Für die H-e existirt noch nicht der internationale Schutz, wie ihn die Feldlazarethe auf Grund der Genfer Convention vom 22. Aug. 1864 genießen; es sind allerdings unterm 20 . Oct. 1868 zu Genf ZusaHartikel vereinbart worden, welche für die Marine ähnliche Bestimmungen trafen, dieselben sind aber noch nirgends amtlich publicirt worden. Im Jahre 1870 erklärte der 455 Hospitiren - Norddeutsche Bund durch Vermittelung der Schweiz, daß er sich an jene Zusatzartikel gebunden erachte, worauf von Frankreich eine gleiche Erklärung erfolgte; in der Praxis hat sich bekanntlich keine Gelegenheit zu ihrer Erprobung gefunden. T°st- Hospitiren (v. Lat.), als fremder Gast besuchen, bes. Collegien auf Universitäten besuchen, zu deren stetem Besuche man sich nicht einschreiben ließ: ein solcher Besucher Hospitant. Hospiz (v. lat. llo8pie1um), Herberge; kleines OrdenshauS mit wenigen Ordensleuten zur Aufnahme durchreisender Mönche; klosterartige Gebäude auf Gebirgs-, besond. Alpenpässen, deren Ordensleute Reisende ausnehmen und verpflegen; die berühmtesten sind auf dem St. Bernhard, Simplon, Gotthard, Lukmanier. Hospodar (slav.), so v. w. Herr, früher Titel der Fürsten der Moldau u. Walachei, jetzt hat der Fürst Len Titel Domnu, Domnitor, auch so v. w. Herr. Hoßvach, Wilhelm, evangel. Theolog, geb. 20. Febr. 1784 in Wusterhausen im Kreise Ruppin, 1810 Prediger in Plänitz bei Wusterhausen, 1815 Prediger am Cadettencorps in Berlin, 1821 an der Neuen Kirche, 1830 Superintendent der Friedrichswerder u. Friedrichsstädtischen Diöces u. 1839 Consistorialrath. Er st. 7. Apr. 1846 u. wirkte in Schleiermacherschem Geiste bes. für die Union der Protestantischen Kirchen; er schr.: Predigten, Berl. u. Potsdam 1822—48, 7. Samml.; I. Val. Andreä u. sein Zeitalter, Berl. 1819; PH. I. Spener u. seine Zeit, ebendas. 1828, 2 Bde., з. Ausl. 1861. Löffler. Hoßtrup, Gerhard Carsten Jakob von, geb. 23. April 1771 in Hamburg, erst Manusactur- und Modewaarenhändler, gründete er 1802 die Hamburger Börse mit einem Opfer von 400,000 Ll Bco. Die Locale brannten im Mai 1842 bei dem großen Brand von Hamburg nieder. H. wurde 1843 Oberalter im Collegium der Bürgervorsteher и. st. 7. Sept. 1851. Die Direktion der Börsenhalle führten seine Söhne Egmont von H. und Gerhard Ludwig von H. bis 1. Juli 1852. Hostalrich, Stadt u. früher wichtige Festung in der span.. Provinz Gerona, am Ausgange der engen Torderaschlucht in den Pyrenäen malerisch gelegen, Station der Barcelona-Gerona-Eisenbahn; mit sehr festem Castell aus hohem, steilem Felsen, das die nach Frankreich führende Straße beherrscht^ 2580 Ew. 1810 vertheidigten die Spanier unter Don Juan de Estada H. 5 Monate lang tapfer gegen die Franzosen. HostlM, Stadt im böhm. Bez. Bischof-Teinitz (Österreich), Schloß des Fürsten Trautmansdorff mit Park; 1205 Ew. Nostm (lat.), Opserthier. Hostie, das Brod im Abendmahl, s. d. Hosttl (lat.), feindlich, feindselig, Hoställ nnimo, mit feindlichem Sinne, in feindlicherAbsicht. Hosti - lität, Feindlichkeit, Feindseligkeit. Hostilms. Die öostilia, Zeus war ein altes römisches Geschlecht, zu welchem die Familien Mancinus, Tubulus und Tullns gehörten, niit wenig historisch wichtigen Personen. Nostk (lat.), 1) Fremder; 2) Feind. Hostius, röm. Epiker des 2. Jahrh. v. Chr., — Hotman. welcher in Fortsetzung der Annalen des Ennius das LsIIum Istrienm besang in 3 Büchern; nicht mehr vorhanden. Hostomitz, Stadt im böhm. Bezirk Horowitz (Österreich), am Chumlawabache; Rathhaus, Bierbrauerei, viele Nagelschmieden u. Mühlen, 2429 Ew. Hostrup, Jens Christian, dän.Dramatiker, geb.^20. Mai 1818 in Kopenhagen; 1855 Prediger in Silkeborg, 1862 in Frederiksborg (HilleröL); gehörte, wenigstens jetzt in seinen späteren Jahren, zu den Grnndtvigianern. In einer früherenPeriode (ca. 1840 bis in die Fünfziger hinein) lieferte er eine Anzahl sehr beliebter Studentenkomödien (ursprünglich für Privatvorstellungen), von welchen wir nennen: Ojsnbosrns; Ln 8pnrv i stranscianäL; Lvönt>rpaaLoärömen; IntriAerns,8oIäaiorIöisr; die ernsteren Dramas, als: vröm oZ vaaä; Llsster oZ LLrlinA, sind nicht in demselben Grade gelungen. Er hat auch Lyrisches geliefert, aber jetzt scheint seine Production aufgehört zu haben. Seine gesammelten Schriften erschienen Kopenh., 4 Bde., 1865. «. Hotel (fr.), 1) die Wohnung einer vornehmen Familie od. eines hohen Staatsbeamten (Ministers, Gesandten rc.); 2) Gasthaus (s. d.). ttötel visu (sranz., Gotteshaus), Krankenhaus, besond. Name des größten Hospitals u. Krankenhauses in Paris, nach Ein. von Clovis II. (ungefähr 600), nach And. von St. Landry (im 8. Jahrh.) gestiftet. Hotcltelegraph, s. u. Hanstelegraphen. Hötensleben, Dorf im Kreise Neuhaldensleben des prenß. Regbez. Magdeburg, an der Wierpke; Gerichtscommission, Gut des Großherzvgs von Hessen, Zuckerfabrik, Braunkohlengruben; 1875: 2936 Ew. Dabei der Offleber Zollkrug mit Zuckerfabrik u. Braunkohlengrube. Hotho, Heinrich Gustav, deutscher Knnstge- lehrter, geb. in Berlin 22. Mai 1802, st. ebendas. 24. Decbr. 1873; machte in Berlin seine wissenschaftlichen Studien u. promovirte 1826 als vootor jnris; besuchte dann Paris, London u. die Niederlande, um dorr Kunststudien zu machen, habilitirte sich 1827 in Berlin als Docent der Ästhetik und Kunstgeschichte u. ward 1829 Universitätsproseffor; 1833 Assistent der Direction der Gemäldegalerie, besuchte Prag, Wien, Venedig u. die Lombardei u. 1837 noch einmal Paris u. die Niederlande. 1858 ward H. Director des Kupferstichcabinets. Er schr.: Vorstudien für Leben und Kunst, Tüb. 1835; Geschichte der deutschen n. niederländischen Malerei, Berl. 1840—43, 2 Bde.; Die Malerschule Huberts van Eyck, 1. BL. n. 2. Bd., Berl. 1855 u. Lpz. 1858, unvollendet, sowie seine Geschichte der christl. Malerei, Stuttg. 1867—1872; sodann veröffentlicht er den Text zum Eyck- und zum Dürer-Album, Berl. 1861 u. 1863, n. die Meisterwerke der Malerei vom Ende des 3. bis Anfang des 18. Jahrh. in Photo- u. photolithogr. Nachbildungen, Berl. 1865 ff., nicht vollendet, u. gab endlich Hegels Vorlesungen über die Ästhetik heraus, 2. Aufl., Berl. 1842—43, 3 Bde. N-gnet. Hotman (Hotomanns), Francois, französ. Jurist, geb. 23. Aug. 1524 zu Paris; lehrte seit 1547, in welchem Jahre er auch zur reformirten Kirche übertrat, in Lyon, Lausanne u. Straßburg 456 Hotsprings - Römisches Recht, in Lausanne auch Philologie, 1563 wurde er als Prosefsor der Rechte nach Valence u. 1567 von da nach Bonrges berufen. Nach der Bartholomäusnacht nach Genf geflüchtet, wurde er Professor in Basel, wo er 12. Febr. 1590 st. Schriften: Commentare zu Ciceros Reden u. den Institutionen; Observationssjnris rowaui; Amtitribonianna rc. Gesammtausgabe von seinem Sohne Jean H., Genf 1599—1600, 3 Bde. Lagai. Hotsprings, 1) County im nordamer. Unionsstaate Arkansas unter 34" n. Br. u. 93° w. L.; 5877 Ew.; C-sitz: Rockport. 3 ) Starkbesnchter Badeort darin mit 54 Schwefelquellen von 35 bis 53° K. Hottentotten (Stotterer),der bei den Europäern gebräuchliche Name für die ursprünglichen Eingeborenen der Cap-Colonie im südlichsten Theile von Afrika. Bei Gründung der Colonie (1652) nannten die Holländer sie so wegen ihrer Sprache, die überaus reich an eigenthümlichen Schnalzlauten ist (in derselben gibt es auch verschiedene Dialekte); in ihrer Sprache nennen sie sich selbst Quena (Khwekhwena, Skuhkeub, Koikoib, Koi-Koin — Menschen,Volk). Die Sprache gehörtzu denen, welche das Geschlecht u. zum Theil die Flexion durch Vorsetzung von Pronominibus ausdrücken (suküx-pro- noinlval); durch neuere Forschungen hat sich herausgestellt, daß die H-sprache zu dem großen indogermanischen, semitischen u. ägyptischen Sprach- stamme gehört (Lepsius, Pruner Bey, Max Müller u. A.), welcher Umstand auf eine Verwandtschaft der Völker im SW. u. NO. von Afrika hindeutet. Andere weisen diese Verwandtschaft völlig ab (Bleek, Theoph. Hahn, Fr. Müller, v. d. Gabelentz, Pott u. A.). Früher wohnten die H-stämme ohne Gcsammtnamen vom Cap der guten Hoffnung an im W. bis zum Wendekreise, im O. wenigstens bis zum Keifluß, gegenwärtig aber sind sie theils durch die eingewanderten Europäer, theils durch die Kaffern u. Betschuanen zurückgedrängt, und wir finden unbezwungene H-stämme bis zum Rande der Kalahariwüste, an der Westküste des Landes gar bis zur Breite des Ngamisees. Bei der Gründung der Cap-Colonie waren die H. ein Hirtenvolk, dessen Reichthum in Rinder- u. Schaf- heerden bestand; die Eingeborenen wurden vertrieben n. bis in die neueste Zeit haben die Boers einen erbarmungslosen Krieg gegen die H. geführt, so daß im Gebiete der Capcolonie sich nur noch wenige unvermischte Reste dieses Volkes finden. Jenseits des Oranjestromes finden wir die un° bezwungenen Stämme der Namaqua-H., unter denen christliche Missionäre nicht ohne Erfolg wirken, u. die Buschmänner, Saap (Plural. Saan, Quaiquä, wie sie sich selbst nennen, schwarze Buschmänner), welche in Gebirge u. Einöden gejagte H. ohne Heerden sind. Alle zusammen bewohnen einen Flächenraum von ungefähr 4800 HZM und zerfallen in 2 Hauptgruppen: 1) die Korannas, zu beiden Seiten des Oranje, in der früheren sogen. Sovereignity, großcntheils unabhängig (sie nennen sich selbst Gorona oder Goraqua — Koravolk); 2) die Namaquas in Klein- (südlich vom Oranje) u. Groß-Namaqna- land (nördlich vom Oranje). Zur ersten Gruppe gehören meist die Bosjesmans oder Buschmänner - Hottentotten. (s. d.), im N. der Colonie und in der Colonie selbst zerstreut. Als eine dritte Gruppe kann man auch die colonialen H., Griqnas rc., rechnen, die keine unvermischten, sondern Bastardstämme sind. Die Zahl der unvermischten Hottentotten übersteigt 100,000 wol nicht. Man muß die H. (wenigstens die gelblich-braunen) n. die Buschmänner als eine besondere Menschenrasse auffassen: die südafrikanische Rasse. Die Menschen derselben sind von graugelber oder hellbrauner Haut, haben den abgeplatteten Schädelbau (platystenocephal, Brachy- cephalen), die schiefe Au genlinie, die breiten Backenknochen der Mongolen; ihr Haar wächst in kleinen, warzenartigen, wolligen Büscheln, weshalb die Colonisten sie Pfefferköpfe nennen. Das flache Gesicht wird noch entstellt durch die Theilung der Nasenknorpel, eine Operation, die gleich nach der Gehurt vorgenommen wird. Diese Theilung gilt bei ihnen für eine Schönheit u. ist ein Zug der Ähnlichkeit mit den Chinesen und Malaien, bei welchen dieselbe Operation gebräuchlich ist. Ditz. haben eine wenig vorstehende Nase mit großen Nasenlöchern, zwei sehr dicke Lippen, die H des Gesichts ausmachen, eine große, gerundete Stirn, braune oder schwarze, glanzlose Augen, Zähne weiß wie Elfenbein, keinen Bart, aber die niedlichsten Hände u. Füße, gleich denen eines 9jähr. europäischen Kindes. Die natürliche gelbliche Farbe der H. wird allmählich schmutzigbrann, da sie von Kindheit an den ganzen Körper mit Schaffett, Asche von Thierleber u. anderen Ingredienzen einreiben; daher riecht ihre stete Ausdünstung entsetzlich u. unerträglich, doch schützt diese Einreihung sie gegen die Moskitos und andere Jn- secten, die in diesem Lande in Überzahl vorhanden sind. Die Frauen sind klein u. schlecht gebaut; eigenthümlich ist bei ihnen die große Neigung zur Fettbildung; die Fettpolster des Gesäßes springen treppenartig selbst bis zu 1 u. 1H Fuß Durchmesser vor, so daß sich die Kinder darauf setzen u. forttragen lassen. Als Rassenmerkmal kann man auch die Verlängerung der Labia minora u. des ?raeputinm elitorickm (H-schnrze) ansehen. — Offenbar zeichnet die H. musikalisches Talent aus; Frauen spielen die Zither u. eine Art von Guitarre, Gabanie genannt, und die sogen. Konza, Männer die Calabaßviol (ein halber hohler Kürbis mit 2 Saiten bespannt). — Die H. besitzen manche edle Eigenschaften; „sie sind ein friedliches, änftes u. furchtsames Volk, sehr gelehrig u. biegsam u. deßhalb leicht zu täuschen, aber auch zu allen Künsten der Civilisation leicht abzurichten, wenn man sich nur die Mühe geben wollte; die Rechtlichkeit, die Treue u. Sanftmuth ihres Charakters, ihre gegenseitige Anhänglichkeit deuten ans die günstigste Anlage zur Cultur u. Tugend." Der Hottentotte besitzt freilich einen großen Leichtsinn n. ist vorwiegend sanguinisch. „Die guten Eigen- chasten haben sich durch die Art von Sklaverei, zu der sie großentheils herabgesnnken sind, in eine klavische Unterwürfigkeit u. eine gänzliche Auf- gebung ihrer Rechte u. Hoffnungen verwandelt. Ihre Hauptfehler sind jetzt Lügen, Diebstahl und Sinnlichkeit, Rachsucht, geringe Ehrfurcht vor den Eltern n. das Aussetzen der Altersschwachen in Einöden. Sie sind außerordentlich träge, selbst Hottmger. 457 der Hunger ist nicht fähig, sie in Bewegung zu setzen; wenn sie Nahrung bekommen, verschlingen sie dieselbe mit widerlicher Gefräßigkeit. Sie essen auf eine einzige Mahlzeit eine enorme Menge halbgebratenes oder geröstetes Fleisch, und selbst ganz rohe Eingeweide. Ihr einziger Genuß ist, zu essen; nach diesem ersten Vergnügen aber der Schlaf der zweite Hauptgenuß. Die H. lieben das Fleisch halbverdorben u. genießen es anstatt mit Salz mit dem Safte von Limonen oder anderen scharfen Pflanzen, oder mit Asche von grünem Holze." Wie alle Afrikaner verstanden sie, das Eisen zu schmelzen. — Die sehr einfache Kleidung besteht in einem bis an die Knie reichenden Mantel (Kröß) von Schafpelz oder Tigerfell, woran bei Weibern ein Kragen ist, in welchem sie ihre Kinder tragen. Den Unterleib bedeckt bei den Weibern eine Schürze. Rücken, Hals, Schultern u. Füße bleiben nackt, der Kops ist mit einer kleinen ledernen Mütze bedeckt. Die Frauen tragen auf dem Kopfe Federn von Straußen u. anderen Vögeln, die sie mit Kränzen, gleich unseren Rosenkränzen, durchwinden, deren Knospen von Messing inwendig hohl sind u. bei der Beweg- I ung klingen; eben solche Kränze tragen sie an Armen n. Beinen. Der Klang dieser Schellen, verbunden mit dem Tone der trockenen Häute, worin die Frauen gekleidet, macht ein sonderbares Geräusch, dessen Stärke den Rang der Person anzeigt. Auch Halsschnüre aller Art u. Fnßringe, Ketten von Kupfer, Rosenkränze, Fischgräten od. ! einige holländische Münzen tragen sie als Putz, an den Armen ein an beiden Enden angebranntes Stück Holz als Amulet gegen Hexereien. — Als Waffen führen die H. Bogen n. vergiftete Pfeile, ferner die Assagai (Wursspieß), den Kiri (Wurf- keule) u. schwere Stöcke aus Eichenholz, die sie sehr geschickt werfen. Kriegerisch sind sie aber nicht. Sie haben immer eine Menge häßlicher, halbverhungerter Hunde um sich, die zur Jagd dienen u. das Vieh gegen Hyänen u. Wölfe beschützen. — Die Hütten der H. sind bienenkorbartig gebaut von in die Erde gesteckten Stangen und darüber gedeckten Schilfmatten. In einer solchen etwa 14 Fuß langen, 10 F. breiten u. kaum 6 F. hohen Hütte, welche fortwährend vom Rauche des in der Mitte brennenden Feuers von grünem Holze erfüllt ist, wohnen 12—14 Menschen. Eine Anzahl solcher Hütten, die gewöhnlich in einem Kreise oder in Gestalt eines Halbmonds znsammenliegen, heißt ein Kraal. — Das Rauchen von Tabak und Hanfblättern beginnt schon in früher Jugend und wird, wie das Branntweintrinken, mit großer Leidenschaft betrieben. — Die H. heirathen früh n. leben selten in Polygamie. Die Stellung der Fran ist relativ höher als bei anderen uncultivirten Völkern. Die Männer halten es aber doch z. B. für unschicklich, gemeinschaftlich mit der Frau zu speisen. Die Weiber, an sich schon nicht schön, werden durch die große Anstrengung beim Arbeiten bald noch häßlicher; sie säugen ihre Kinder, indem sie ihre weit herabhängenden Brüste über die Schultern oder unter dem Arme hindurchreichen. — Hauptbeschäftigung der noch wilden Stämme, soweit bei ihrer Trägheit von Beschäftigung die Rede sein kann, ist außer der Wartung des Viehes die Jagd. Die meisten, selbst die Colonial-H, zeigen angeborene Sorglosigkeit u. Unbetriebsamkeit. Der größte Theil der letzteren lebt als Dienstboten, Hirten rc. Sie sind sehr geschickte Wagenlenker für die Ochsengespanne. — Die Verfassung der H. ist patriarchalisch; jede Unterabtheilung bis ans die Familie herab hat ihren Vorsteher oder Ältesten. Der Häuptling des Stammes ist bei Erörterung aller wichtigen Angelegenheiten an den Beirath der Ältesten gebunden. Unter Respeclir- ung der gegenseitigen Rechte wechseln die einzelnen Stämme ihre Wohnsitze. Das Seßhaftwerden wird offenbar durch die Wasserarmuth SAfrikas ausgeschlossen, welche die Bewohner immer wieder zum Wandern zwingt. — Von ihrer Religion ist wenig bekannt; sie glauben an einen guten und einen bösen Geist, begehen Tänze u. Festlichkeiten beim Voll- u. Neumond, u. einzelne Oerter gelten als der Aufenthalt abgeschiedener Geister für heilig; doch besitzen sie weder Priester noch Gottesdienst. Die Zauberer oder Doctoren stehen in hoher Achtung. Die Opfer bestehen in Darbringung von Vieh, das von den Opferern verzehrt wird. Man findet übrigens Gottes-, Mond-, Sternen- und Thiercultus. Zu dem großen Erfolge der Doctoren trägt der Aberglaube viel bei; sie besitzen zum Theil sehr wirksame Arzneien; das Schröpfen ist ihnen z. B. bekannt. Die Colonial- H. sowie ein Theil der freien Stämme sind jetzt Christen; doch besteht ihr Christenthum nur in einem mechanischen Herplappern von Gebeten n. Katechismussormeln. Infolge des langen Verkehrs mit den Europäern hat sich aus der Vermischung von Europäern mit H-frauen eine eigene Rasse, die sog. Bastards oder Griqua, gebildet (s. den Art. Griqua). Diese und die Colonial-H. haben ihre eigene Sprache verlernt u. sprechen jetzt einen Jargon, der aus einem stark mit Hottentottischen und kaffrischen Worten vermischten Holländisch besteht. Heuiemann. Hottinger, 1) Johann Heinrich, reformir- ter Theolog, Orientalist, geb. 10. März 1620; wurde, nachdem er England u. Frankreich bereist, 1642 Professor der Kirchengeschichte in Zürich, 1643 auch der Katechetik u. Hebräischen Sprache am Carolinum, 1653 noch der Logik, Rhetorik u. des Alten Testaments, 1655 Professor der Orientalischen Sprachen in Heidelberg, kehrte 1661 nach Zürich zurück und ertrank 5. Juni 1667 in der Limmat. Die werthvollsten unter seinen Schriften über semitische «sprachen, Geschichte des Orients u. Alterthumskunde, Kirchengeschichte u. theologische Streitfragen sind: Lrotsmaba IInAuas sanotas, 1647,2. A. 1667; Orammsckiea Lkralckaso-s/riaog., 1658; Libliotkrsea orisntaiis, Heidelberg 1658; Mrssanras pliilol., Zür. 1649; Historia ooolo- siaatiLa, 1651—67, 9 Bde.; bst^moloAiccm orisn- tals, sivs I-sxlocm Irarmonloum llsptsZkotton, Heidelb. 1661. 2) Joh. Jakob, reformirter Theolog, Sohn des Vor., geb. 1. Dec. 1652 zu Zürich; erst in der Seelsorge, seit 1698 Professor der Theologie in Zürich, gest. 13. Dec. 1735. Beschäftigte sich viel mit dem Plan der Bereinigung der Protestantischen Kirchen u. schrieb auch viel darüber. Geschätzt ist seine Helvetische Kirchengeschichte, 1698—1729, 4 Bde. 3) Joh. Jakob. 458 Hotzenplotz Philologe, Urenkel von H. 1), geb. 1750 zu Zürich, war Professor am dasigen oberen Collegium u. st. 1819; Übersetzer der (Weis, Ciceros, Zür. 1800, 2Bde., u. Der Charakteres des Theophrast, München 1810; er begründete mit Wieland und Jacobsdas Neue attische Museum. 4)Joh. Jakob, Historiker, geb. 18. Mai 1783 zu Zürich; seit 1844 Professor der Geschichte daselbst, wo er 18. Mai 1859 st. Er schr.: Geschichte der Schweizerischen Kirchentrenuung (Fortsetzung von Johann von Müllers Schweizergeschichte), Zür. 1825—27, 2 Bde.; Huldreich Zwingli u. seine Zeit, ebd. 1841; Hans Konrad Escher von der Linth, ebd. 1852; gab außerdem mit anderen Gelehrten mehrere historische Schriften heraus, auch mit Escher das Archiv für schweizerische Geschichte u. Landeskunde, ebd. 1827 bis 1829, 3 Bde.; mit Wackernagel: Schweizerisches Museum für histor. Wissenschaften, Frauenf. 1837 bis 1839, 3 Bde. 1> 2) Löffler. 4> Hem,--Am Nhyn.» Hotzenplotz, 1) Nebenfluß der Oder, entspringt an der Bischosskuppe im Österr. Schlesien, geht in den preuß. Regbez. Oppeln und mündet hier bei Krappitz. 2) Stadt im Bez. Jägerndorf des österr. Herzogthums Schlesien, am gleichnamigen Flusse; große Rübenzuckerfabrik, Melassebrennerei, Zündwaarenfabrikation,Spitzenklöppelei, bedeutende Schafzucht; 3682 Ew. H- B°r»s. Höying, Marktflecken, so v. w. HLtszeg. Houbraken, 1) Arnold, niederländ. Maler, Zeichner und Radirer, geb. 28. März 1660 zu Dordrecht, st. zu Amsterdam 14. Oct. 1719; er war ein Schüler von Sam. Hoogstraaten, Drillenburg u. Lavecq; seine Bilder sind besser gezeichnet als gefärbt; malte kleine Porträts u. Geschieht« darstellnngen u. schr.: Vs Aroots Lelloubuix äsr RIsäsrlauäscIrsLionsbsclliläsrs rc. 2) Jakob, Sohn des Vor., berühmter holländ. Kupferstecher, geb. 1698 zu Dordrecht, st. 1780 zu Amsterdam; er bildete sich bei seinem Vater, Nanteuil, Devret u. Edelinck u. zählte zu den ersten Meistern seines Faches. Die Zahl seiner Porträts beläuft sich auf uiehr als 600. Regnet. Houchard, Jean Nicolas, sranzös.General, geb. 1740 zu Forbach in Lothringen; machte als gemeiner Cavalerist den Siebenjährigen Krieg mit, wurde 1792 Oberst eines Chasseurregiments und zeichnete sich bei Gießen u. Speier unter Custine aus, wurde nach dessen Entsetzung Commandiren- der der Rhein-, dann der Mosel-, dann der Nordarmee, schlug die Alliirten bei Dünkirchen u. die Engländer 6.—8. Sept. 1793 bei Hondschoote, wurde aber 15. Sept. von den Österreichern bei Courtrai besiegt, deßhalb auf Befehl der Schreckensregierung verhaftet und 17. November desselben Jahres als Vaterlandsverräther in Paris hingerichtet. Sein Sohn veröffentlichte Motivs tzistori- gus st justiüsatiou sur 1a vis äu Uensral 8., Straßburg 1809. Henne-Am Rhyn. Houdeng-Aimeries, Dorf im Arr. Mons der belg. Provinz Henuegau; Steinkohlengruben, Eisenminen, Drahtzieherei; 4484 Ew. Houdeng-Göguies, Dorf im Arr. Mons der belg. Prov. Hennegau, Station der Belg. Staats- bakucn; Rübenzucker-Fabrikation, Bierbrauerei; 4219 Ew. Houdon, Jean Antoine, geb. l740 zu Ver- — Houston. sailles, starb zu Paris 16. Juli 1828. Er war Autodidakt, bildete sich 10 Jahre in Rom, erhielt, heimgekehrt, von den Vereinigten Staaten den Auftrag, Washingtons Statue anzufertigen, und ging deßhalb mit Franklin nach Amerika. Er arbeitete mehrere Büsten (Rousseaus, Barthelemys, der Lady Craven, Napoleons, Josephinens, der Prinzen Heinrich v. Preußen, d'Alemberts, Glucks, Buffons, Franklins, Lafayettes u. A.), die Diana, die sitzende Statue Voltaires, die Statue Washingtons (für Virginien) u. die Statue CiceroS, vornemlich die Frileuse, eine frierende weibliche Figur, im Besitz des Königs von Preußen, die Statue des hl. Bruno in Sta. Maria degli Angelt zu Rom, einen Morpheus, eine Vestalin, Minerva, Diana rc. Regnet. Houghton, County im Nordamerika». Unionsstaate Michigan unter 47° n. Br. u. 89° w. L.; 13,879 Ew. C-sitz: Houghton. Hougue, La (Hogue), Fort auf der schmalen Landenge einer kleinen Halbinsel an der Ostkllste der normannischen Halbinsel, zur Gemeinde St. Vaast-de-la-H. im Arr. Valognes des sranz. Des>. Manche gehörig, mit einer guten Rhede zwischen dem Cap de la H., der Insel Tatihou und der Bank von Bec u. mit einem Leuchtthurm. Hier SS. i Mai 1692 zwischen der französischen u. englischen Flotte eine Seeschlacht, in der erstere geschlagen wurde. H. Berns. Hounslow, Marktflecken in der engl. Grafschaft Middlesex, am Colne; Militär-Musikschule l (Kneller Hall); 9294 Ew. In der Nähe große ^ Pulvermühlen. ^ Housatonie River, Fluß in den Vereinigten > Staaten von NAmerika, entspringt im Berkshire County, Massachusetts, bildet bei Canaan in Connecticut einen malerischen Wasserfall und mündet bei Stratford in Leu Long Island Sound des Atlantischen Oceans. An seinen Ufern reiche Eisenlager. i llouss (engl.), Hans; im Parlament II. ok s commons, das Haus der Gemeinen (Unterhaus); 8. ok voräs (vssrs), das Haus der Lords (Oberhaus). ' Houston, 1) Counties in den nordam. UnionS- , staaten: s) in Georgia unter 32° n. Br. u. 84° w. L.; 20,406 Ew.; C-fitz: Perry; d) in Minnesota unter 44° n. Br. u. 92° w. L.; 16,517 Ew.; C-sitz: Caledonia; c) in Texas unter 31 °n. Br. u. 95° w. L.; 8147 Ew.; C-sitz: Crockett. 2) Sitz ^ des Harris County Texas au dem für See- ^ schiffe fahrbar gemachten Buffalo Bayou, Ausgangspunkt von 6 Eisenbahnen, lebhafter Handel u. Fabrikbetrieb; 10,000 Ew. (3000 Deutsche). Houston, Samuel, nordamerikan. Militär n. der erste Präsident der ehemal. Republik Texas, geb. 2. März 1793 im Rockbridge County Virginia; kam zu einem Kaufmann in die Lehre, entfloh demselben, lebte 5 Jahre unter den Creek- Indianern, focht 1813 unter General Jackson bei der Südarmee gegen die Engländer, zeichnete sich namentlich in der Horse-Shoe aus, schloß 1817 einen Friedensvertrag mit den Creek-Indianern, ging 1818 nach Nashville, studirte dort die Rechte, wurde 1820 Advocat, 1821 Generalmajor der Miliz von Tennessee, ward 1823 u. 25 als Re- Houtman - Präsentant für den Staat Tennessee in den Con- greß nach Washington gewählt u. war 1827—29 Gouverneur von Tennessee; nachdem er darauf wieder mehrere Jahre bei den Indianern gewesen, ging er nach Texas, nahm dort 1835 u. 36 am Unabhängigkeitskampfe gegen Mejico theil, schlug Santa Anna bei San Jacinto (21. April 1836) u. wurde darauf Präsident der Republik Texas, deren Verhältnisse er bedeutend hob, so daß er 1841 wieder zum Präsidenten gewählt wurde. Nach der Aufnahme der Republik in die Union (1845) wurde er Senator für diesen Staat beim Congreß in Washington u. 1859 Gouverneur desselben. Bei der Sklavenfrage sprach u. stimmte er für die Sklavencompromißbill. Er st. 23. Juli 1863 zu Austin. Schroot. Houtman, Cornelius, der Gründer des Handelsverkehrs zwischen Holland u. Ostindien, geb. um die Mitte des 16. Jahrh. zu Gouda; ging als Kaufmann nach Lissabon, um Erkundigungen über den portugiesischen Handel einzuziehen, wurde aber hier gefangen gesetzt. Durch Amsterdamer Kaufleute losgekauft, führte er 1595 u. 96 vier holländ. Schisse nach Java, ohne jedoch besondere Erfolge zu erzielen. Mit zwei von einer anderen Verbindung von Kaufleuten ausgerüsteten Schissen (aus dieser Verbindung entstand später die Holländisch-Ostindische Compagnie) ging H. 1598 nach Sumatra, wurde aber von dem dortigen König gefangen genommen, aus Betreiben der Portugiesen sestgehalten und später in das Innere der Insel verwiesen, wo er starb. Sein mit ihm gefangener Bruder Friedrich entfloh, wurde 1607 Gouverneur von Amboina u. verfaßte ein Wörterbuch der malaiischen u. eines der madagassischen Sprache, Amsterd. 1603. Schroot. Houwald, Christoph Ernst Freiherr von, deutscher Dichter, geb. 27. Nov. 1778 zu Strau- pitz in der Niederlausitz, Sohn eines Landesgerichtspräsidenten u. Standesherrschastsbesitzers; besuchte das Pädagogium in Halle, wo er mit Wilhelm Contessa einen Freundschastsbuud für das ganze Leben schloß, studirte daselbst Cameralia, erwarb mit der bedeutenden väterlichen Erbschaft das Landgut Crauze, um es zu bewirthschaften, trat 1804 in die ständischen Dienste der Provinz Schlesien, verheirathete sich 1806, erwarb dadurch das Gut Sellendors, kam aber durch den Krieg u. andere Unglückssälle in Bedrängniß, mußte Crauze losschlagen, Sellendorf verpachten u. lebte jahrelang mit Len Genügen in Armuth. 1815 trat er aus dem Schlesischen Provinzialamte u. bezog Sellen- Lorf. Durch seine 1819—30 veröffentlichten Dramen wurde er zum gefeierten Lieblinge des Theater- publicums, u. namentlich hatte Das Bild, das im Jahre 1821 erschien, einen durchschlagenden und lauganhaltenden Erfolg. 1821 von den Ständen der Niederlausitz einstimmig zum Landsyndicus gewählt, unterzog sich H. den verwickelten Geschäften dieses Amtes mit voller Hingebung. Nach dem Verkaufe Sellendorfs wohnte er zu Neuhaus bei Lübben. Hier st. er 28. Jan. 1845. H. fesselt uns durch die Kindlichkeit eines guten Gemüthes (wie er denn auch seine gelungensten Schriften für die Kinderwelt bestimmte) u. durch eine seelenvolle u. graziöse Lyrik, die seine spannenden, bühnenge- - Howaldt. 459 rechten Dramen begleitet. Er gehört nicht, wie mau gewöhnlich annimmt, zu den fatalistischen Tragikern, die er vielmehr in einigen seiner Dramen bekämpft. Sein dramatisches Lieblingselement ist die Rührung, die er gründlich ausbeutet; da er jedoch für die höheren Gattungen mit ihr nicht zureicht, ergreift er, um gewaltigere Effecte hervorzubringen, das Schauerliche u. Abenteuerliche. Er hat nicht den Geist, od. nicht das Bedürfniß, die innerlichen Wurzeln einer tragischen Handlung aufzuspüren u. bloßzulegen, gründliche Motiv irung ist seine Stärke nicht, die ideale Nothwendigkeit der tragischen Composition wird bei ihm häufig durch denZufall gekreuzt. Schriften: RomautischeAccorde, herausgeg. von W. Contessa, Berlin 1817 ; Die Freystatt, ein tragisches Bild in 1 Act, in Müllers з. Almanach für Privatbühnen, 1819; Erzählungen, Dresd. 1819; Buch für Kinder gebildeter Stände, Lpz.1819, 21, 24, 3 Bde., 3. Ausl., ebd. 1849; Das Bild, Trauerspiel in 5 Acten, ebd. 1821,3. Ausl. 1822; Der Leuchtthurm, Die Heimkehr, zwei Trauerspiele, ebd. 1821, n.Aufl. 1822; Fluch n. Segen, Drama in 2 Acten, ebd. 1821; Vermischte Schriften, ebd. 1825, 2 Bde.; Bilder für die Jugend, ebd. 1828, n. Ausl., ebd. 1839, 2 Bde.; Abendunterhaltungen für Kinder, 1 Bdchu., ebd. 1833 ; Sämmtliche Werke, ebd. 1839, 5 Bde., ebd. 1858—60, 5 Bde. Vgl. Gödekes Grundriß 111., Seite 374 ff.; Gottschall, Die deutsche Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts, 3. Aufluge, 1., S. 249 f. Zimmermarm. Hovas (Howas), der herrschende Volksstamm auf der Insel Madagascar, etwa 150,000 an ver Zahl. Hoverbeck, Leopold, Frhr. v., bedeutender Volksvertreter, geb. 25. Juli 1822, besuchte, nachdem er die Rechte in Königsberg u. Berlin studirt, die landwirthschaftliche Akademie zu Regenwalde и. wurde darauf Gutsbesitzer, erst in Quartz bei Gutstadt, dann in Nickelsdorf bei Allenstein. Im Jahre 1862 wurde er zum Landschaftsdirector bei der ostpreußischen Landschaft gewählt. Er war 1858—70 Mitglied des preuß. Abgeordnetenhauses, gehörte anfangs der Fraktion Vincke an, trat jedoch 1860 der Gruppe Jung-Lithauen bei, aus der im folgenden Jahre die Fortschrittspartei erwuchs, zu deren einflußreichsten u. ausdauerndsten Mitgliedern er zählte. Er war gerade kein hervorragender Redner im gewöhnlichen Sinne, dagegen ein durch freisinnige uberzeugungstreue gehobener, dabei stets klarer Debatter. Seit Herbst 1867 in derselben Weise Mitglied des Norddeutschen Reichstages, wo er gegen die Verfassung des Norddeutschen Bundes stimmte, daun des Deutschen Reichstages, legte er aus Gesundheitsrücksichten u. behufs besserer Bewirthschastnng seiner Besitzung 1870 sein Mandat für das preuß. Abgeordnetenhaus nieder u. st. 12. Aug. 1875 zu Gersau in der Schweiz. Schroot. Howaldt, Georg, bekannter Erzgießer und Kupsertreiber, geb. in Braunschweig 8. April 1802, Sohn eines Goldschmieds; lernte zuvörderst dessen Gewerbe, bildete sich von 1822 unter Burgschmiet in Nürnberg zum Bildhauer u. Erzgießer, wurde 1835 Lehrer an der polytechnischen Schule daselbst u. 1836 Professor am Collegium Carolinum seiner 460 Howard - Vaterstadt. Hauptwerke: Statue Lesfings, nach Rietschel in Braunschweig; Denkmal des Bürgermeisters Franke, nach Bläser in Magdeburg; Denkmal Friedr. Lifts, nach Kitz in Reutlingen; Denkmal Arndts, nach Afinger in Bonn; Brunnenstatue Heinrichs des Löwen in Braunschweig, nach Brey, mann, sämmtlich in Erz gegossen; Denkmal des Oberpräsidenten Grafen Blücher, nach Fr. Schiller, verkupferter Bleignß in Altona; die Brnnonia auf dem Braunschweiger Schloß, nach Rietschel, in Kupfer getrieben; die Reiterstatuen Karl Wilhelm Ferdinands u. Friedr. Wilhelms, nach Hähnel u. Frz. Bönninger in Braunschweig, gleichfalls in Kupfer getrieben. Regnet. Howard, Counties im Nordamerika!!. Unions- gebiet: 1) in Indiana u. 40" n. B. u. 85°w. L.; 15,847 Ew; Countysitz: Coloma; 2) in Iowa u. 43° n. Br. u. 92" w. L.; 6282 Ew.; Countysitz: New-Oregon; 3) in Kansas u. 37" n. Br. und 96" w. L.; 2769 Ew.; Countysitz: Union Centre; 4 ) in Maryland u. 39° n. Br. u. 77° w. L.; 13,388 Ew.; Countysitz: Ellicotts Mills; 5) in Missouri u. 39° n. Br. u. 93° w. L.; 17,233 Ew.; Countysitz: Fayette. Howard, altes englisches Adelsgeschlecht, das von Richard III. in der Person Johns H. zu Herzogen von Norfolk erhoben wurde, s. Norfolk. 1) Thomas H., Herzog von Suffolk, Sohn Johns, Lord H., bekannt, s. u. Norfolk. Aus diesem Geschlecht war 2) Katharina H-, die fünfte Gemahlin Heinrichs VIII. (von 1540—42), s. Heinrich 22) u. England (Gesch.). Howard, 1) John, der Reformator des eng- lifchen Gefängnißwesens, geb. 2. Sept. 1726 zu Hackuey, wurde aus einer Reise nach Portugal mir seinem Schiff von den Franzosen nach Brest gebracht, wo der Anblick der Noch der Kriegsgefangenen in ihm den Gedanken zur Reife brachte, sein Leben der Milderung des Elends der Gefangenen zu widmen. Auf Ehrenwort nach England entlassen, machte er der Negierung dahingehende Vorschläge, die auch im Parlament durchgingen. Er wurde 1773 Sheriff der Grafschaft Bedford und erwirkte beim Parlament zwei neue Bills zu Gunsten der Gefangenen. 1775—1787 besuchte er die Gefängnisse des übrigen Europas u. vielfach wurden seine Vorschläge zu Verbesserungen des Gefängnißwesens verwerthet. Er starb 20. Januar 1790 zu Potemkin unweit Cherson. Dort u. in der Paulskirche in London sind ihm Denkmäler errichtet. Er setzte in seinem Testament 40,000 Pfd. St. zur Verbesserung der Gefängnisse u. Irrenhäuser in England aus. Er schrieb Verschiedenes über Gefängnißwesen. Lebensbeschr. von W. H. Dixon, Lond. 1849 u. ö.; Field, 6orrs- spnväsnes ok 8., ebd, 1855. 2) Henry, engl. Historienmaler, geb. in London 31. Jan. 1769, st. zu Bath 5. Oct. 1847. Er bildere sich seit 1791 in Rom und wurde dort, namentlich durch Flaxmann, zum Studium der Antike geführt, kehrte 1796 nach England zurück, wo er Lurch ein schon vorher an die Akademie gesendetes Gemälde, der Tod Kains, einen Ruf erworben hatte, dessenungeachtet er anfangs seinen Unterhalt durch Porträtiren erwerben mußte. 1808 wurde er Mitglied der Akademie und später Secretär und Professor der — Howe. Malerei an derselben; als solcher wirkte er durch seine Vorlesungen höchst wohlrhätig anregend aus den Kunstsinn ein, während seine Gemälde wegen ihres kalten elastischen Stils, wenigstens in England, keinen Beifall fanden, von den ersten Kunst, kennern (Marquis von Lansdowne, Herzog von Sutherland u. A.) dagegen geschätzt u. angekaust wurden. Die bedeutendsten derselben sind: Her» und Leander, Lear und Cordelia, Die Horen, Die Lautenschlägerin, Die Geburt der Venus und mehrere andere. 2 > Regnet.» Howe, 1) Richard, Graf u. Viscount, brit. Admiral, geb. 1722, trat 1736 in Dienst, wurde 1746 Capitän, war 1751 unter Lord Hawke bei Eroberung der Insel Air u. zerstörte den Hasen von Cherbourg; 1770 Contreadmiral, leistete er während des Nordamerikanischen Krieges wichtige Dienste, unterstützte 1782 erfolgreich Gibraltar u. wurde im Frieden erster Lord der Admiralität u. Graf, legte jedoch 1788 seinen Posten nieder. Als Admiral der weißen Flagge im Canal siegte er 1. Juni 1794 bei Ouessant über die Franzosen, wurde 1795 General der Seetruppen, stillte 1797, nachdem er schon den Oberbefehl niedergelegt hatte, einen Aufruhr der Matrosen auf den Flotten von Portsmouth u. Plymouth n. st. 5. August 1799. Vergl. Narrow, I-iks ob I-orä 8., London 1837. 2) William, Lord, Bruder des Bor., avancirte in brit. Kriegsdiensten rasch zum General u. erhielt 1775 das Commando in NAmerika u. befehligte im Gefecht von Bunkershill. Eng in Boston eingeschlossen, räumte er dies endlich aus Mangel u. zog sich über Halifax nach der Staateninsel bei New-Ljork zurück, schlug im Aug. mit Clinton die Amerikaner aus Long-Jsland u. besetzte New-Dork, schlug die Amerikaner 11. Sept. 1777, am Brande- wyne, besetzte Philadelphia und hielt sich dort den Winter 1778 gegen Washington. Durch General Clinton ersetzt, kehrte er nach England zurück und starb 12. Juli 1814. 3) Julia, amerikanische Schriftstellerin, Dichterin und Führern! der Frauenrechtspartei in Amerika, geb. 27. Mai 1819 zu New-Iork als Tochter des Bankiers Ward; heirathete 1843 den Arzt u. Philanthropen Samuel Gridley H. Sie gab ihre Gedichtsammlungen unter dem Titel: kassicm üovrsrs 1854, Voräs kor tbo Iionr, 1856; Imtsr 8/rios, 1866 (worunter das aus dem letzten Bürgerkriege berühmte Mw battls ok tlls rspnblie) heraus, dann die Dramen Ms cvorläs cnvn, 1857 , 81ppokxtos, 1858; eine Reise nach Kreta beschrieb sie 1867 unter lü-om tüs oaü bo büs olivs. Außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Essays philosophischen u. theologischen Inhalts, sowie auch Aussätze über die Frauenfrage in Zeitschriften. 4 ) Elias, amerikanischer Industrieller, der Miterfinder der Nähmaschine, geb. 10. Juli 1819 in Spencer (Massachusetts); con- struirte 1845 seine erste Nähmaschine, auf welche er im folgenden Jahre ein Patent erhielt. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in England, wo er sein Patent verkaufte, kehrte er 1850 nach Amerika zurück u. hatte zahlreiche Proceffe gegen Nachahmer seiner Erfindung, u. A. gegen Singer. 1354 wurden seine Rechte allgemein anerkannt u. nach Ablaus seines Patents erhielt er eine Verlängerung desselben auf sieben Jahre. 1862 gründete er zu 461 Howell - Bridgeport in Connecticut eine Nähmaschinenfabrik. H. st. in Brooklyn 3. Oct. 1867. i)sR>Schr°°t.s,r°g°i. Howell, 1) County im nordamerikan. Unions» staaie Missouri u. 37° n. Br. u. 92°w.L.; 4218 Ew. Countysitz: West-Plains. 2) Stadt. Bezirk im Monmouth County, New-Jersey, am Atlantischen Ocean; S300 Ew. Howitt, 1) William, englischer Schriftsteller, geb. 1795 zu Heanor in Derbyshire, aus einer Quäkerfamilie; studirte Naturwissenschaft u. Philosophie, ließ sich in Nottingham als Apotheker nieder, heirathete dort Mary Botham (1823), beschäftigte sich aber fortwährend literarisch; obgleich in Nottingham zum Rathsmann gewählt, wendete er sich doch von da weg nach Esher, lebte 1841 bis 1844 in Heidelberg u. bereiste von hier aus ganz Deutschland. Nach England zurückgekehrt, belheiligte er sich 1846 am Rooxiss dourual, gründete aber 1847 ein eigenes Blatt, Lovitts dournai. Dies literarische Unternehmen brachte ihn in Geldverlegenheiten u. er siedelte 1852 nach Australien über, wo er 2 Jahre verbrachte. Er schr.: Looic ok btto ssasons, 1831 u. ö.; Listor/ ok prissborakt, 1833, 8. Ausl. 1852; Rautilca (Novellensammlung), 1835 ; Rural liks in RuA- laud, 1836, 2 Bde.; Ooloui^akiou and Olrristia- nit/, 1839; Mrs Lo/s Oouukr/ doolc, 1839; Visits ko rswarlcadls plaoss sie., 1840 s.; Mrs Student liks ok Osrmaii/, 1841; Lnral and domsstio liks ok Osrm., 1842; Osramn oxxs- riouoss, eine Satire, 1844; Urs aristoorao/ ok Rußland, 1846; Urs Kall and tds liamlst, 1847, 2 Bde.; Lomes and lmuuts ok btto Lritistt xosts, 1847, 2 Bde.; Lladam OorrinZton ok tüs Dons (Roman), 1851, 3 Bde.; Stories ok Ln^iistt liks, 1853; Latural liistor/ ok maZio, 1854; Rand, lador and §oid, 1855 ; Mis man ok tiis xsopls, 1860; Illnstratsd liistor/ ok LnAland, 1861; lküs ruinsd sastlss and al>bs/s ok Oroat Lritain, 1861; Listor/ ok tlis suporuatural in all aZss and nations, 1863; Oiseovsriss in Lustralla, 1865; lkde mad rrar planst, and otlror pooms, 1871; ll'tts rsii^ion ok Doms l>/ a Roman (angeblich eine Übersetzung), 1873. 2) Mary, geb. Botham, ebenfalls Quäkerin aus Uttoxeter in Staffordshire u. Schriftstellerin, seit 1823 Gattin des Vorigen, begleitete ihn auf seinen Reisen und machte sich bes. in Deutschland mit der deutschen u. schwedischen Literatur bekannt; sie schrieb mit WilliamH. st?im korsstMnistrsi(Gedichtsammlung) 1823; Ids dssolation ok R/am (Gedichte); Rlte- ratnrs and Romanos okLortlwru-Ruropo, 1851 f., 2 Bde.; allein schrieb sie: Mrs ssvsu lksmp- tations (Gedichte), Lond. 1834; Rallads and tlisro Rosms, 1846 ; die Erzählungen VorL and rva^ss, 1842; 21/ Rnols tlis Olooicmaicsr, 1844; die Kinderschriften: Rlis oliilds pioturo doolr, 1844; Our oonsins in Oino, 1849; außerdem übersetzte sie Romane von Fr. Paalzow, Fr. Bremer u. A. ins Englische. Ihre späteren Schriften sind; Lio- Zrapliioal süstottss ok tim guesus ok RnZiand, 1862 ; Mm oost ok Oasr§rv/ll, 1864; ViZnsttss ok American liistor/, neue Ausl. 1867 ; A xlsa- sant liks, 1871; daolc ok tim mIU, eine Erzählung, 1871; Lirds and tlisir nssts, 1872; Ftst- elies ok natural liistor/, or, souAs ok animal — Hoya. liks, 1873; Lapp/ imms u. Latural idstorv ok storiss, 1875. BartUÜg, Howrah (Haurah), Vorstadt CalcuttaS (s. d.). Höxter, 1) Kreis im preuß. Regbez. Minden, durchschnitten von der Linie Altenbeken-Holzminden der Westfälischen, der Linie Scherfede-Holzminden der Berg.-Märkischen u. der Hannover-Altenbekener Eisenbahn ; 716,^ (ULm (13,,, ^M) mit (1875) 50,850 Einw. 3) Kreisstadt darin, ehemalige Hauptstadt des FürsienthumS Korvey, an der Weser, Station der Westfälischen u. (H.-Fürstenfeld) der Berg.-Märkischen Eisenbahn; hat (seit 1833) schöne Brücke; Gymnasium, Baugewerkschule; Fabriken für Baumwollenzeuge, Wachslichte, Papier, Cement, Gummi, Nähmaschinen rc., Leinenweberei, Schiffbau, Schifffahrt, Handel; Garnison; 1875: 5649 Ew. (1816 nur 2729). In der Nähe der Brunsberg mit sehr altem Wartthurm (einem angeblichen Ueberreste aus der Sachsenzeit) und die Abtei Korvey. — H. (lat. Luxuria), von Karl d. Gr. als Meierhos (Villa roxia) gegründet und zum Stift Korvey gehörig, 1058 durch den Abt Sarracho zur Stadt erhoben, erhielt von Konrad III. 1140 kaiserlichen Schutz u. von Friedrich I. das Dortmunder Stadtrecht. Im Mittelalter war H. eine wichtige Hansastadt mit eigener Münze u. Stapel- recht. 1533 wurde die Reformation eingeführt. Es wurde 1625 von Lilly u. 1634 wieder von der Ligue genommen. Erst nach dem Westfälischen Frieden kam H. wieder an Korvey u. Braunschweig. 1672 wurde es von den Brandenburgern u. 1673 von den Franzosen geplündert, 1701 wurde die braunschweigische Besatzung aus H. gezogen. Die Stadt kam nach dem Lüneviller Frieden 1802 mit Korvey an Naffau-Orauien, 1807 an das Königreich Westfalen u. 1815 an Preußen. Vgl. Kampschulte, Chronik der Stadt H., H. 1872. H- Berns. Hot) , eine der Orkney-Inseln (Nordküste von Schottland), südwestl. von der Hauptinsel Pomona gelegen, felsig u. daher wenig zugänglich, im Wart Hill 474 m hoch; im Nordwesten das Vorgebirge Hoy Head; 636 Einw. Hoya, 1) ehemalige Grafschaft in der preuß. Landdrostei Hannover, grenzte an Bremen, Verden, Oldenburg u. die preuß. Prov. Westfalen; 2722 (49,E IHM) mit ca. 125,000 Ew. Der Boden ist eben u. besteht theils aus Heide- und Sand-, theils aus Marschland. Flüsse: Weser, Aue, Aller, Delme u. Hunte. H. theilte sich in Sie obere u. niedere Grafschaft u. umfaßt gegenwärtig die Kreise Hoya, Nienburg und Diepholz, mit Ausnahme des Amtes Diepholz. — Schon früh kommen Grafenv. H. vor, wurden mit der Zeit reichsunmittelbar u. starben 1582 aus. Die Grafschaft fiel größtentheils an Braunschweig-Lllne- burg, licht u. Freudeuberg an Heffen-Kassel, die halbe Grafschaft Bruchhausen u. das Amt Harpstedt als braunschweigisches Lehn an Oldenburg. 1681 erhielt Braunschweig-Wolfenbüttel von dem Amte Theddinghausen, das 1648 an Schweden gefallen, 1679 aber an Braunschweig-Lüneburg abgetreten worden war, einen Theil mit dem Flecken Theddinghausen. Unter dem Königreiche Westfalen gehörte H. theils zum Dep. Aller, theils zum Dep. Norden, kam 1810 an Frankreich und zwar zum Dep. Wesermüudungen; 1814 fiel H. 462 üova — Hravanus Maurus. an Hannover und 1866 mit diesem an Preußen. 2) Kreis in der preuß. Landdrostei Hannover, an der Weser, durchschnitten von der Linie Hannover- Geestemünde der Hannoverischen Staatsbahnen u. der Linie Venlo-Hamburg der Köln-Mindener Eisenbahn; 810.«, LULm (14„2 ÜM) Mit (1875) 44,431 Ew. 3) Marktflecken hier, mit Stadtrecht an der Weser; altes Schloß, Tabak-, Cigarren- und Esstgfabrikation, lebhafte Schifffahrt; Freimaurerloge : St. Alban zum echten Feuer; 1875: 1993 Ew. Der Ort entstand um das 1200 erbaute Schloß H. Hier im Siebenjährigen Krieg im März 1758 Gefecht zwischen den Franzosen u. den Alliirten unter dem Erbprinzen von Braun« schweig. H- Berns. Noxa L. Lr., Pflanzengatt, aus der Fam. der ^oelopiaäaesao-ULrscksuioas, windende Sträucher mit gegenständigen, fleischigen oder lederartigen Blättern und doldenähnlichen, in den Blattachseln stehenden Blüthenständen. Von den 50 Arten in Ost-Asien, Australien u. dem malaiische» Archipel ist die asiatische ll. onrnoss, L., wegen ihrer fleischfarbenen, glänzenden Blüthen Porzellanblume genannt, eine beliebte Zimmerpflanze geworden, die man an kleinen Spalieren in Töpfen zieht. Engler. Hoher, Joh. Gottfried von, bedeutender Militärschriftsteller, geb. 9. Mai 1767 in Dresden; trat bei der sächs. Artillerie ein, verhinderte 1809 die Übergabe von Wittenberg an Schill u. wurde deshalb Major. 1814 trat er in preuß. Dienste, wurde im Genie-Corps Oberst u. Lehrer an der allgemeinen Kriegsschule in Berlin. An dem Kriege 1815 nahm er mit Auszeichnung theil u. avancirte 1818 zum Generalmajor u.Jnspecteur der Hommerschen u. preußischen Festungen. 1825 nahm er seinen Abschied und lebte seitdem in u. bei Halle, woselbst er 7. März 1848 starb. Von seinen Werken sind erwähnenswerth: Geschichte derKriegs- kunst seit Erfindung des Pulvers, Gott. 1798 bis 1801, 3 Bde.; Wörterbuch der Kriegsbaukunst, Berl. 1815—17, 3 Bde.; Literatur der Kriegs- wissenschast u. Kriegsgeschichte, ebd. 1831—1840; Befestigungskunst und Pionierdienst, ebd. 1832; Franz SsorzaI. Visconti, Magdeb. 1840,2 Bde.; auch übersetzte er mehreres meist Kriegswissenschast- liches ins Deutsche. Teicher. Hoyerswerda, 1) Kreis im preuß. Negbez. Liegnitz, der langgestreckte westliche Streifen Schlesiens zwischen der Prov. Brandenburg und dem Königreich Sachsen, durchschnitten von der Oberlausitzer, Kottbus-Großenhainer u. Berlin-Görlitzer Eisenbahn; 867,^ Hw (17„g HjM.) mit 1875 31,629 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Schwarzen Elster, Station der Oberlausitzer Eisenbahn; Schloß, Schuhmacherei, Wollen- u. Leinenweberei, Fabrikation von Thurmuhren, Feuerspritzen und Glocken, Braunkohlenlager; 1875: 2614 Ew. — Hier 25. Septbr. 1759 heftiges Gefecht zwischen den Preußen unter dem Prinzen Heinrich n. den Österreichern u. 28. Mai 1813 vergeblicher Angriff dcrPrenßenunterBlllowanfdieFranzvsen. H- Berns. Hoym, Stadt im anhcütmijchen Kreise Ballenstedt, an der Selke; herzogl. Schloß (ehem. Nest- denzschloß der 1812 im Mannesstamme erloschenen Linie Anhalt-Schanmburg-H.), Zuckerfabrik, Acker- u. starker Obstbau; 1875 (mit Domäne u. Vorwerk Hohendorf) 2583 Ew. Von 1855 — 1863 residirte in H. der letzte Herzog der Anhalt-Bern, kurzer Linie. Hoym, eine alte anhaltische Familie, vom Schloß bei der Stadt H. stammend, blüht helln noch, nachdem die sächsische Linie 1783 auSgestor- ben, in der braunschweigischen. Ans ihr u. zwar aus dem pommerschen Aste stammt: Graf Karl Georg Heinrich, geb. 20. Aug. 1730 zu Po. ploz in Hinterpommern, einer der tüchtigsten preuß. Staatsmänner unter der Regierung Friedrichs d. Gr., studirte zu Königsberg u. Frankfurt a. d. Oder, ging 1761 auf eine kurze Zeit zum Militär, trat aber bald zur Verwaltung und zwar zum Finanzfache über. Er diente von unten aus iu der Breslauer Kammer unter dem dirigirendeu Minister in Schlesien Schlabrendors. 1762 zum Kriegs- und Domänenrath, 1768 zum Geheimen Rath u. Kammerdirector ernannt, wurde er von seinem um Schlesien hochverdienten Vorgesetzten dem König empfohlen, der ihm die Präsidentenstelle bei der Kleve-Märkischen Kriegs- u. Domä- nenkammer übertrug und ihn nach dem Tode Schlabrendorfs 20. Jan. 1770 zum dirigirendeu Minister in Schlesien ernannte. Friedrich Wilhelm II. erhob ihn 1786 in den Grafenstand u. übertrug ihm nach der Requisition von SPreußen 1794 die Einrichtung des Finanzwesens und die Oberaufsicht über dasselbe in dieser Provinz. 1798 gab er das südpreußische Finanzdepartement an den Minister von Voß ab, vereinigte jedoch die Provinz Neuschiesten mit Altschlesien. Nach dem Frieden von Tilsit ward er in den Ruhestand versetzt u. st. 26. Öctober 1807 auf Dyhernfurt bei Breslau. Bauer. Hrabamls Maurus, berühmter theologischer Lehrer u. Schriftsteller, geb. gegen 776 in Mainz; gehörte dem Geschlechte der Magnentier an, wurde als Knabe von seinen Eltern dem Kloster Fulda übergeben. Zu seiner Ausbildung für das Lehr- amt an den dortigen Schulen sandte ihn Abt Ratgar nach Tours zum Alcuinus, der ihm den von einem Lieblingsschüler des h. Benedictus geführten Namen Maurus gab. 804 übernahm er gemeinschaftlich mit Samuel, dem späteren Wormser Bischof, die Leitung der Fuldaer Schulen, wirkte hier auch begeistert für Musik. Die Tyrannei des Abtes bewog ihn, sich aus dem Kloster zu entfernen. Unter Abt Eigil übernahm Hrabanus Maurus 817 wieder die Leitung der wegen einer mörderischen Seuche 10 Jahre lang geschlossenen Schule», und sie blühten in erneutem Glanze. 822 selbst zum Abt gewählt, entsagte er jenem Amte und behielt für sich die Unterweisung der Kleriker. Durch seinen pädagogischen Eifer u. gefeierten Schriftstellernamen wurden die Schulen Fuldas weithin bekannt u. viel gesucht; zu seinen Schülern gehörte Otsried. Unter H. streute das Kloster Fulda auch nach anderen Gegenden hin seine fruchtbare Saat aus. 842 gab er die äbtliche Würde auf und zog sich in die Priorei St. Peter zurück. 847 wurde er auf den erzvijcyöpicheu Stuhl von Mainz erhoben. 856 starb er auf seiner Villa zu Winkel (Rheingau). Ein vielseitiger, fleißiger Schriftsteller, bes. in der Bibelerklärung. Fulda wurde eine Pflanzstätte für 463 Hradisch Ausbildung der deutschen Sprache, die H. neben der lateinischen in den Rang der Schriftsprache zu erheben suchte. Wenn die sog. Hrabanischen Glossen zur Heiligen Schrift (gedruckt in Eckhards tloininont. äs rsb. I'rano. Orient:., 2, 950 u. ff., vgl. Graffs Oiutisea, 3., 192, 599) auch nicht von ihm selbst herrühren, so gingen sie Loch höchst wahrscheinlich aus dem Kloster Fulda in seiner Zeit hervor. Die nun auskommende größere Ge- nauigkeit in der deutschen Schrift u. Bezeichnung der Accente u. der Ouamitätsverhältnisse ist wahrscheinlich auf H. zuriickzufllhren. Von der Mainzer Synode, die er bald nach seiner Inthronisation einberief, wurden die Bischöse ganz im Sinne Karls d. Gr. ermahnt, dahin zu wirken, daß dem unwissenden Volke das Evangelium in deutscher Sprache verkündigt werde. Opera sä. Oaiäons- rius, Köln 1627, 6 Bde. Fol.; N. Bach, H. M., der Schöpfer des deutschenSchulwesens, Programm, Fulda 1835; F. Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, eine historische Monographie, Mainz 1841. Zimmermann.* Hradisch (Ungarisch-H. Hradiste uherske), Stadt u. Hauptort des gleichnam. mähr. Bez. (Österreich), in fruchtbarer Ebene an der March, Station der Äaiser-Ferdinand-NBahn; 4 Kirchen, Real-Ober- Gymnasium, Convent der Franciscaner-Refor- maten, stattliches Rathhaus, Malz- u. Zuckerfabrik, Wein- u. Getreidebau, bedeutende Märkte, namentlich in Flachs, Garn u. Wolle; 3100 Ew. H., angeblich 1258 von Ottokar II. zum Schutze Mährens gegen die Ungarn gegründet, war bis 1780 Festung, welche 1469 — 73 durch Mathias Corvinus von Ungarn vergeblich belagert wurde. H- Hradschin, Stadttheil von Prag, s. d. Hreidmar (nord. Heldens.), ein zauberkundiger Bauer, bei welchem Odin, Loki u. Hönir aus ihrer Reise Herberge nahmen. Das Weitere s. u. Fasnir. Hrosuitha (Hrotsvith, Clamorvalidus nach ihrer Übersetzung; ihr eigentlicher Name soll Helena von Rossow gelautet haben), mittellateinijche Dichterin, geb. 935, war Nonne im Kloster Gandersheim, st. hier nach 968. Dichtungen: ?uue- Mris in Oäonem (Kaiser Otto I.); Opern carinii:s oonsoriptn (Die Geburt Marias, die Himmelfahrt Christi u. 6 Legenden in kanonischen Versen); Vs vosnobii Oancksrslr. lunciations; Inder ckrnmntion seris oontexius (Gallicanus, Dulcilius, Kalli- machus, Abraham, PaphnutiuS, Sapientia — dialogisirte Erzählungen in lateinischer Prosa, in einer dem Terenz nachgebildeten Form). Ausgabe der Werke v. K. Celtes, Nürnberg 1501 Fol.; von Barak, das. 1858. Einzel-Ausgabe der Dramen von Bendixen, Lübeck 1858, 62; R. Köpke, H. von Gandersheim, Berl. 1869. Zimmermann. H» R. R., Abkürzung für Heiliges Römisches Reich. Hrudim, Stadt, so v. w. Chrudim. Hrungnir (nord. Myth.), Riese; kam im Wettrennen auf seinem Rosse Gullfaxi (Goldmähne) mit Odin, da er sich gegen diesen gerühmt hatte, sein Roß mache weitere Sprünge als Odins Roß Sleipnir, bis an die Mauern Asgards. Von Odin zum Gastmahl geladen u. aus Thors Schalen trinkend, drohte er prahlerisch, daß er Walhalla nach seiner Wohnung Jotunheim versetzen, — Hub. Asgard zerstören u. alle Götter tödten wolle, außer Freya u. Sif, die er mit sich nehmen werde. Da schwang Thor seinen Hammer u. H. forderte ihn zum Zweikampfe heraus, der, um das Gastrecht nicht zu verletzen, au der Landesgrenze der Äsen und Riesen ausgefochten ward. Ihm sollte der Riese Mökrkalfi, der aus Thon gemacht war und ein Stutenherz hatte, beistehen, aber derselbe wurde von Thialfi, Thors Diener, erschlagen. Thor warf den Hammer nach H., u. H. die mit beiden Händen aufgehobene Steinkeule nach ihm. Dem Hammer in der Luft begegnend, sprang sie entzwei, so daß ein Stück auf die Erde fiel, wovon alle Schleifsteine kommen, das andere traf Thor an den Kopf, daß er fiel, der Hammer aber zerschmetterte H-s Hirnschale. Bei H-s Fall kam dessen Bein auf Thors Hals zu liegen, u. Niemand vermochte ihndavon zu befreien, außer sein dreijähriger Sohn Magni (Kraft), der dafür von dem Vater des Riesen Roß zum Geschenk erhielt. Raßmann. Hualai, thätiger Vulcan auf Hawaii (s. d.). Huallaga, über 1000 lcm langer rechter Nebenfluß des Amazonenstromes, entspringt in 4400 m Seehöhe aus dem Chiquiacabo-See auf dem Ost- Abhange der Anden. Die Schifffahrt auf ihm wird durch Stromschnellcn erschwert. Seine fruchtbaren Ufer im peruan. Dep. Loreto, meist wohlangebaut, sind jetzt von wilden Stämmen bewohnt. Huancavelica, 1) Dep. der südamerik. Republik Peru, 28,010 j^jicm u. 160,000 Ew., ein rauhes Gebirgsland, reich an Quecksilber, Eisen, Kupfer u. an Schaaf- u. Rinderheerden. 2) Hauptstadt davon, in 3800 in Höhe, 5000 Ew., 1572 gegründet. In der Nähe reiche Quecksilbergruben. Huauäeo, Säugethier, so v. w. Lama. Huanuco (San Leon de), Hauptstadt der gleichnam. Prov. des peruanischen Dep. Junin, am Huallaga, 1312 in ü. d. M. in herrlicher Lage, 5000 Ew.; Handel mit Chinarinde und anderen Landesproducten. Eine der ältesten Städte von Peru, 1539 gegründet. Huaraz, Hauptstadt des peruan. Dep. HuaylaS, am Rio Santo, gut gebaut; 8000 Ew. Huarte, Juan, geb. um 1520 zu St. Juan (Nieder-Navarra); Arzt in Madrid, st. nach 1580; Repräsentant der spanischen Philosophie. Er schr.: Lxämon cks inAsnios pars, Ins oisnoias, Madrid 1 580 u. ö., fast in alle Sprachen übersetzt, deutsch Zerbst 1752; von Lessing, Witteub. 1785. Huasco, Hafenstadt in der Provinz Atacama (Chile), unweit der Mündung des kleinen Flusses H.; Ausfuhr von Edelmetallen. Huasteken, ein Völkerstamm in Mejico, die von den Azteken durch ihre Sprache ganz verschieden u. wahrscheinlich die Überreste der Ureinwohner vor der Ankunft jener auf dem Hochplateau von Mejico waren. Sprachlich sind sie mit den Maya in Aucatan verwandt. Reste von ihnen wohnen noch in der Nähe von Tampico. Huaylas, Dep. der südamerikan. Prov. Peru, 45,080 s^jlcm, 317,000 Ew., reich an unbenutzten Silberminen: Hauptstadt Huaraz. Hub, 1) die Länge des Weges, welche ein geradlinig hin u. her bewegter Maschinentheil (Kolben, Stange, Ventil rc.) durchläuft; 2) das Wasser, welches eine hydraulische Maschine auf ein- 464 Httbbe - mal hebt oder ausgießt; 3 ) beim Sprengen die schräge Richtung des Bohrloches. Huübe, Heinrich, Wasserbautechniker, geb. 23. Sept. 1803, gest. 1. Juni 1871 zu Hamburg. Als junger Wasserbautechniker wuchs er im Dienste seiner Vaterstadt auf u. wurde 1837 Wasserbau^ director daselbst. Nach dem großen Brande wurde der Wiederausbau Hamburgs nach seinen Plänen bewirkt. An Hamburgs innerer Entwickelung nahm er den regsten Antheil. Infolge dessen verwickelte er sich jedoch in einen Criminalproceß, so daß er 1856 von seinem Amte suspendirt wurde. Erst 1863 ward er freigesprochen u. trotzdem entlassen. Sein großer Ruf bewirkte, daß er zur Schlichtung wasserbautechnischer Streitfragen mehrfach in das Ausland berufen wurde, um an Ort u. Stelle zu entscheiden. So kam er nach Spanien, England, den Niederlanden. 1864 trat er in preußische Dienste, u. da er sich um die Verbesserung der Strom- u. Hafenangelegenheiten zu Hamburg, Lübeck, Rostock, Wismar große Ver- dienste erworben hatte, so wurden ihm Hafenbauten zu Stolpemünde, Rügenwalde, Loba übertragen. Zum Regierungs- u. Baurath ernannt, ward er 1866 nach Cöslin versetzt und 1867 in das Handelsministerium nach Berlin berufen, wo ihm das Wasserbauwesen der Provinzen Sachsen und Schleswig-Holstein, sowie des Elb-Stromes unterstellt wurde. In dieser Stellung war er bis an sein Lebensende thätig. Außer mehreren Abhandlungen in Fachzeitschristen verfaßte er folgende Schriften: Einige Wasserstandsbeobachtungen im Fluthgebiete des Elb-Stromes, 1842; Reisebemerkungen hydrotechnischen Inhaltes, 1844; Erfahrungen u. Beobachtungen im Gebiete der Strombankunst, 1853; Des Deutschen Reiches Ströme, 1848; Die Fahrbahn der Elbe im Bereiche der Flußschifffahrt und der geeignete Weg zu ihrer Verbesserung. Kühne. Hube, Romuald, polnischer Rechtsgelehrter, geb. 1803 in Warschau, studirte daselbst und seit 1823 in Berlin, wurde 1825 zuerst Lector und 1829 Professor des Kanonischen u. Criminal-Rechts in Warschau. Als solcher begründete er die 1828 bis 1830 erscheinende juristische Zeitschrift Mrsmis xolska. Infolge der Revolution von 1831 gab er seine Professur auf u. wurde 1832 Staatsanwalt bei dem Criminalgericht in Warschau, 1834 Mitglied der Gesetzgebenden Commission für Polen, 1842 wirklicher Staatsrath u. 1843 Mitglied der Gesetzgebenden Kanzlei des russischen Kaiserreichs, endlich 1850 Geheimer Staatsrath nnd Senator des Kaiserreichs. 1846 wurde H. mit dem Grafen Bludow nach Rom gesandt, um mit dem päpstlichen Stuhl ein Concordat zu Stande zu bringen. Nach Auslösung der Codificationscom- mission im Jahre 1861 nach Warschau zurückgekehrt, wo er Präses der Commission für Cultns u. Unterricht, darass Mitglied des Staatsrathes war, nahm er 1869 seinen Abschied und widmete seine Mußezeit der Wissenschaft. Er gab die Institutionen des Gajus heraus, schrieb: vootriun. üs turtia ox fürs romano orplieaba, 1828; 0 Iso rxaeb prarvs. Liz-miusInsAo, 1828. Sein Hauptwerk ist: Xnbigumsimas vonstitnbionoa szmoäa- Iss proviveias Onosnsnais, Petersb. 1856; dar- - Huber. aus folgten: Loäsi ozsrvilu)- rviosici, 1865; kravo saliokis, 1867; kiarvosLurArmäxicis, 1865; 0 rna orsnin prarva rx^msicisAv 1 ro^mabo-biraubz-ns- IcksAo n naroäov slorviansiciob, 1868; kravo polsüis rv rvieicu XIII., 1874, außerdem eine Reihe von wissenschaftlichen Abhandlungen. Nehrmg. Hnver, 1) Kaspar Samuel, luth. Theolog, geb. um 1547 in Bern; war zuerst Pfarrer in ! Burgdorf; nachdem er infolge eines Religionsge« spräches 15. April 1588 vom Rache wegen seiner lutherischen Ansichten vom Abendmahl zurecht gewiesen worden war, sprach er doch wieder gegen die Reformirte Lehre, wurde deshalb gefangen ge- setzt u. des Landes verwiesen. Er ging im Juli 1588 nach Tübingen, trat zur Lutherischen Con- fession über u. wurde Pfarrer in Derendingen (bei Tübingen) u. 1592 Professor in Wittenberg. Seine Ansicht über die Gnadenwahl, welche im Gegensatz gegen die reformirte Prädestinationslehre einen Universalismus der Gnade aufstellte, wonach Alle, auch die Ungläubigen, zur Seligkeit erwählt seien, die letzter» nur durch ihre Schuld nicht dazu gelangen, entzweite ihn hier mit Hunnius, Leyser u. Gesner (1592), welchen Zwist auch Colloquien zu Wittenberg u. Regensbnrg 1594 nicht beilegten. Aus Kursachsen 1594 verwiesen, lebte er in Jena, Helmstädt u. Goslar u. st. 25. März 1624 in Osterwieck. Er schr. u. a.: 6bristum ssss woi- tuum pro pseeatis omnium dominum, Tübing, 1590; Beständiges Bekenntniß, 1597. Vgl. Xota ! lluboriana, Tüb. 1597 (lateinisch 1598); Götze, Xota Hub., Lüb. 1707; Lebensbeschreibung von Schmid, Helmst. 1708. 8) Johann Rudolf, Historien-Maler, gen. der Schweizer Tintoretto, geb. zu Basel 1668, st. das. 1748, war ein Schüler C. Mayers u. Jos. Vernets, bildete sich in Italien u. Frankreich weiter und zeichnete sich durch brillantes Colorit aus. Nach ihm stachen B. An- drä, C. Drevet, I. Houbroken, Thurneisen u. a. bekannte Meister. 3 ) Ludwig Ferdinand, Schriftsteller, geb. 1764 in Paris, Sohn des nm Verbreitung der deutschen Literatur in Frankreich verdienten Michael H. (gest. 1804 als Lector der franz. Sprache in Leipzig), erhielt seine Erziehung in Deutschland, zählte in Dresden zu Kör- . ners, seit 1785 zu Schillers Freunden, wurde ! 1787 kursächsischer Legationssecretär in Mainz, wo er viel mit Förster u. dessen Familie verkehrte, u. bis 1791 als sächsischer Resident blieb. Nach mehrmonatlichem Aufenthalt in Frankfurt u. Dres- den zog er 1793 Förster zu Liebe nach der franz. Schweiz u. heirathete dort Försters Wittwe (s. u. 4). 1798 übernahm er an Posselts Stelle die Redaction der Allgem. Literaturzeitung in Stuttgart, wurde 1803 bayerischer Landes-Directions- ^ rath (für Schulwesen) in Ulm u. st. dort 24. Dec. 1804. Er begründete mit die Allgem. Zeitung, ! übersetzte viele Romane u. Schauspiele u. schrieb u. a.: Karl Duclois, Geheime Memoiren zur Ge- , schichte der Regierungen Ludwigs XIV. u. XV., Berl. 1792 f., 3 Bde.; Friedenspräliminarien, ebd. 1793—96, 10 Bde., u. Klio, 1795—98, 3 Bde., 2 Ausl., Franks. 1819; Vermischte Schriften, Berl. 1792, 2 Bde.; Erzählungen, 4 Bde., Braunschw. 1800—02 u. 1819; Werke seit 1802, Tüb. 1806 bis 1819, 4 Bde. (im 1. seine Biographie von 465 Huber. Therese H. 4) Therese, deutsche Schriftstellerin, geb. 7. Mai 1764 in Göttingen, Tochter des berühmten Philologen Heyne, vermählte sich 1784 mit Georg Förster, folgte ihm nach Wilna, 1787 nach Mainz, wurde von ihm 1792 mit den Kindern zu ihrer Sicherheit nach Straßburg, von da nach Neuenburg geschickt, wandte ihr Herz dem Freunde ihres Gatten, Ludwig Ferdinand H. zu u. heirathete ihn 1794 nach Försters Tode. Sie schriftstellerte nun aus Noth, aber gediegen, zuerst unter dem Namen H-s, dann unter ihrem eigenen Namen. Sie folgte ihrem Gatten 1798 nach Stuttgart, 1803 nach Ulm. 1804 Wittwe geworden, lebte sie 10 Jahre lang in Bayern. Seit 1819 rcdigirte sie in Stuttgart das Morgenblatt. 1824 zog sie nach Augsburg, st. hier 15. Juni 1829. Schriften: Die Familie Saldorf, Tübing. 1795; Luise, ein Beitrag zur Geschichte der Con- venienz, Lpz. 1796; Erzählungen, Braunschweig 1801 f., 3 Bde.; Bemerkungen über Holland, Lpz. 1811; Erzählungen, Stuttg. 1820, 2 Bde.; Han- nah, oder die Herrnhuterin Deborah Fündling, Lpz. 1821; Ellen Percy, ebd. 1822; Jugendmnth, ebd. 1824, 2 Bde.; Die Ehelosen, ebd. 1829, 2 Bde.; G. Försters Briefwechsel nebst seiner Biographie, ebd. 1829, 2 Bde. re. Eine Sammlung ihrer Erzählungen, ebd. 1830—33, 6 Bde., veranstaltete ihr Sohn 5) Victor Atme, vielseitiger deutscher Schriftsteller, geb. 10. März 1800 in Stuttgart. Die Mutter brachte 1805 den Knaben nach Hofwyl bei Bern in das Fellenbergsche Institut, dessen erster, Zögling er wurde. Nachdem er in dieser Anstalt bis Herbst 1816 einen tüchtigen Grund klassischer Bildung gelegt, stu- dirte er bis 1820 in Göttingen, dann in Würzburg Medicin, ging, nachdem er hier in diesem Fache promovirt, rm Frühling 1821 zur weiteren ärztlichen Ausbildung nach Paris, im Herbst nach Madrid, von da nach den Hauptstädten SSpaniens, im Frühling 1823 nach Lissabon, im Herbst nach Edinburg u. in die Hochlande, im Febr. 1824 nach London u. kehrte im Frühling nach Deutschland zurück, wo er bis zum Herbst in Göttingen, den Winter in Augsburg wohnte, im Frühling 1825 nach München reiste, von hier nach Augsburg zurückkehrte. Es war die Zeit, wo er die Medicin aufgab und sich der Schriftstellern aus anderen Gebieten zuwandte. Vom Frühling 1826 bis zum Frühling 1827 lebte er in Paris, dann in London u. Güttingen, reiste 1828 bis Neapel u. folgte hierauf dem Anträge, als Lehrer der Geschichte, der engl, und sranz. Sprache u. Literatur am Gymnasium in Bremen einzutreten. Hier schloß er eine in jeder Beziehung glückliche Ehe. 1833 wurde er als ordentlicher Professor der neueren Literatur nach Rostock, 1836, bes. auf Hassenpflugs Betrieb, nach Marburg, 1844 nach Berlin berufen. Er besuchte 1844 England, Frankreich, Belgien. 1847 sah ihn England wieder. 1849 reiste er durch Tirol, Salzburg, Österreich, Böhmen, 1850in dieSchweiz. Im Herbst 1852 quittirte er den Staatsdienst u. siedelte nach Wernigerode über, wo er mit vielem Segen wirkte u. namentlich der Hebung des Arbeiterstandes eine liebevolle, rastlose Thätigkeit zuwandte. 1854 reiste er nach Belgien, Frankreich, PiererS Nniversal-Conversations-Lekiloll. 8. Aust. x. England. In Wernigerode st. er 19. Juli 1869. H. zeichnete sich als Schriftsteller in moderner Philologie u. Literaturgeschichte, Geographie und Ethnographie, politischer, socialer, kirchlicher Pnb- licistik aus. Er war nach allen Richtungen konservativ, berührte sich in seinen Bestrebungen mit der inneren Mission, auch einige Jahre mit der Kreuzzeitung. Aber seine liebenswürdige Milde, seine umfassende Weltkenntniß bewahrten ihn vor dem starren Parteigeiste, u. als er bei der Feudalaristokratie nicht das rechte Herz für die mit der Noth u. dem Drucke des Lebens kämpfenden Klassen fand, sagte er sich von ihr los. Er war ein durchaus edler u. reiner Charakter u. in seiner Aufopferungsfähigkeit unerschöpflich. Schriften: Redaction der Politischen Annalen, Augsb. 1825; Skizzen aus Spanien, Göttingen u. Bremen 1828 bis 1835, 4 Bde., Bd. 1 2. Ausl. 1845; Geschichte des Cid Campeador, Bremen 1829; Über die neuromantische Poesie in Frankreich, Leipzig 1833; Einige Zweifel u. Bemerkungen gegen einige Ansichten über Verfall und Reform der deutschen Universitäten, Hamb. 1834; Mecklenburgische Blätter, Parchim 1835; Beiträge zur Kritik der neuesten Literatur, Rostock 1837; Über die englischen Universitäten, Marburg 1839—40, 2 Bde.; Die konservative Partei, Halle 1841; Die Opposition, Halle 1842; Gronioa äsl karnoov oavaklsro 6iä, Marb. 1844; Redaction der Zeitschrift Janus, Jahrbücher deutscher Gesinnung, Bildung u. That, Berl. 1845—48; 8num euigus, Berl. 1849; Redaction der Zeitschrift Concordia, 1849; Berlin, Erfurt u. Paris, Berl. 1850; Skizzen aus Irland, Berl. 1850; Bruch mit der Revolution u. Ritterschaft, Berl. 1852; Skizzen ans der Bretagne und Vendee, Berl. 1853; Reisebriefe aus Belgien, Frankreich und England, Hamb. 1855; Sociale Fragen, Nordhausen 1863—69, 7 Hefte. H. schrieb fleißig in die Allg. Zeitung, die Jenaer Lit. Zeitung, die Evang. Kirchenzeitung, die Kreuzzeitung (doch nur in den ersten Jahren), die Blätter für liier. Unterhaltung rc. Vgl. Angsb. Allg. Zeitung 1869, S. 3297 ff., Unsere Zeit, deutsche Revue der Gegenwart, neue Folge, 5. Jahrgang, 2. Hälfte, S. 388 ff.; Elvers, V. A.H., sein Werden u. Wirken, Bremen 1872—74, 2 Bde. 6) Johannes, philosophischer Schriftsteller u. Führer der altkatholischen Bewegung, geb. 18. Aug. 1830 zu München, studirte daselbst Theologie u. dann, durch das Studium Spinozas u. Okens darauf hingelenkt, Philosophie, wurde 1854 Privatdocent, 1859 außerordentl. Professor, 1864 ordentl. Professor der Philosophie daselbst. Er sehr.: Über die Willensfreiheit, Münch. 1858; Studien, ebd. 1867; Idee der Unsterblichkeit, ebd. 2. Ausl. 1865; Die Philosophie der Kirchenväter, ebd. 1859; Die cartes. Beweise vom Dasein Gottes, ebd. 1854; Johannes Scotns Erigena, ebd. 1861. Am Kampfe gegen den römischen Jnfallibilismus betheiligte er sich durch seine Mitarbeit an der Schrift: Der Papst und das Concil, von Janus, Münch. 1869, ebenso an den Römischen Briefen in der Augsb. Allg. Zeitung, 1869—70, infolge deren den Candidaten der kath. Theologie in München der Besuch seiner Vorlesungen verboten wurde. In derselben Richtung schrieb er, von nun an in Band. 39 466 Huber — Hubertusorden. Volksversammlungen wie in der Tagespresse für die altkatholische Bewegung in leitender Weise thätig: Das Papstthum u. der Staat, München 1870; Die Freiheiten der franz. Kirche, ebd. 1871; Der Jesuitenorden nach Verfassung und Doctrin, Wirksamkeit u. Geschichte, ebd. 1873, franz. fortgesetzt als IZnass äs Loyola et 1a 6omx>aZnis äs äesns, Paris 1876. Die atheistische u. materialistische Zeitphilosophie griff er an in den Schriften: Die Lehre Darwins kritisch betrachtet, Münch. 1871 ; Der alte u. der neue Glaube (von Strauß), kritisch gewürdigt, Nördl. 1873; Die religiöse Frage (gegen E. v. Hartmann), Zur Kritik moderner Schöpfungslehren (gegen Hackel), Münch. 1875. Die sociale Frage behandelte er in den Schriften: Der Proletarier, ebd. 1865; Der Pessimismus, ebd. 1876; Kleine Schriften, Leipzig 1871. l> 6)Löffler. L)Regnet. s)Lagai. 4) b>Zimmernnmn. Huber, Maria, franz. Schriftstellerin u. Mystikerin, geb. 1695 in Genf von Protestant. Eltern, zog sich bei ihrer Neigung zur Contemplation u. Mystik 1712 in die Einsamkeit zurück, lebte dann in Genf, sich zur Kath. Kirche haltend, u. st. 1753 in Lyon. Sie wird zu den Deisten gerechnet, aber ihre Ansichten wurzelten nicht in Irreligiosität, sondern in einem mystischen Subjektivismus. Ihre Hauptschriften sind: I-sttrss sur la roliZIon ssssntislls a 1'dsmms, Amsterd. 1738, London 1739, 2 Bde., mit Fortsetzungen, u. Rsousil äs äivsrsss pisoss ssrvant äs supplsmsnt aux I-sttrss sur 1a rsliZicm rc., Bert. 1754, 2 Bde., Lsnd. 1756, die auch viele Gegenschriften hervorriefen. «Mer. Hubert (Hubertus), Sanct H., Sohn Ber- trands, Herzogs von Guienne, war ansangs Hofmeister bei dem Frankenkönig Theoderich und vermählt mit der schönen Floribane, nach deren Tode er sich in das Stift Stabloo zurückzog. Als sein Freund Bischof Lamprecht von Tongern in Lüttich den Martyrertod gestorben', wurde H. fein Nachfolger und gründete Lamprecht zu Ehren eine Kathedrale in Lüttich u. verlegte das Bisthum dorthin. Er st. 727. Nach der Sage war er ein leidenschaftlicher Jäger u. soll, da er einst am Charfreitage im Ardennerwalde jagte, durch einen Hirsch, der ein umstrahltes Crucifix zwischen den Geweihen trug u. warnend zu ihm sprach, bekehrt u. Geistlicher geworden sein. Sein Körper wurde 827 in das Benedictinerkloster Ardeune, seitdem St. Hubert, beigesetzt. Tag (Hubertustag), der 3. Nov., zugleich meist Schlußzeit der Hohen Jagd, wo sein Andenken als Patron der Hohen, namentlich der Parforcejagd, ehemals durch Jagden (Hubertusjagden) u. durch Feste an Höfen feierlich begangen wurde. In der Verehrung dieses Heiligen, des Patrons der Jagd, klingen altgermanische Erinnerungen an Wotan, den wilden Jäger, nach. Ihm zu Ehren wurden mehrere Ritterorden gestiftet. Des h. Hubertus Leben u. Wirken. Nach den Quellen bearbeitet von Heinrich Heagen, Elberf. 1875. Löffler.» St. Hubert (St. H. in den Ardennen), Stadt im Arr. Neufchateau der belg. Pros. Luxemburg; sonst berühmte Benedictinerabtei, jetzt in eine Besserungsanstalt für jugendliche Verbrecher umgewandelt; berühmte Kapelle mit den Reliquien des heil. Hubert; Gymnasium, Mühlen, Gerberei; 12 Jahrmärkte: 2650 Ew. Hier wurde von dem anonymen Hubertiner Chronisten das Obronieou 8t. Hubert! Lnäaginensis geschrieben, heraus- gegeben im 8. Bde. von Pertz' Llonumenta 6er- manias bist. Hubertsburg (Hubertusburg), königl. Schloß beim Pfarrdorfe Wermsdorf in der Amtshaupt- Mannschaft Oschatz der königl. sächs. Kreishaupt- mannschast Leipzig; darin die vereinigte Landes- anstalt, welche aus dem Landesgefängniß, dem Landeskrankenhaus, einer Irren- u. einer Idioten« anstatt besteht. H. wurde in den Jahren 172l bis 1724 vom Kurfürsten August III. mit großer ! Pracht als Jagdschloß erbaut, in dem Kriegsjahr ! 1760 aber von den Preußen zur Vergeltung fiir > das von den Sachsen geplünderte Charlottenburg ; verwüstet u. von Friedrich II. dem Major Gm< s chard (Quintus Jcilius) geschenkt, der es verkaufte. Hier wurde 1736 der St. Heinrichsorden (s. d.) gestiftet u. 15. Febr. 1763 der H-er Frieden geschlossen, welcher dem Siebenjährigen Kriege ein Ende machte. Das später wieder hergestellte Schloß diente zum Theil zu einer Steingntfabrik, zum Theil als Getreidemagazin. Seit 1840 enthält es die vereinigte Landesanstalt. H. Berns. Hubertusorden, ältester u. vornehmster der ^ königl. bayer. Orden, gestiftet vom Herzog Gerhard V. von Jülich, wegen des Sieges am Hubertustage, 3. Nov. 1444, über Herzog Arnold von Geldern. Zeichen: eine aus goldenen Jagdhörnern bestehende Kette (daher auch Orden vom Horn). Nach Aussterben der Herzoge von Jülich (1609) erlosch er, 1709 erneuerte ihn aber Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz u. erklärte sich zum Großmeister; die zweite Erneuerung er- ! folgte 1808 durch Maximilian Joseph, König von Bayern, u. wurde bestimmt, daß er, der erste des Reichs, nur aus einer Klasse bestehe u. nicht mehr als 12 gräfliche u. freiherrliche Capitulare und einen Ordensgroßcomtnr zählen soll, doch kann der König den Orden an gekrönte Häupter oder Glieder aller fürstlichen Familien u. Ausländer ertheilen. Ordenscapitel am 12. October. De- coration: goldenes, weißemaillirtes Kreuz mit acht > Spitzen u. goldenen Kugeln; in den Winkeln goldene Strahlen; auf der Vorderseite auf grünem Grund die Bekehrungsscene des St. Hubertus mit der Umschrift: In Tran vast (in Treue fest); aus der Umseite Reichsapfel mit dem Kreuz und der Umschrift: In msmoriam resnxsratas äignitatis avitas, 1708, getragen an einem Hochrothen, grün eingefaßten Bande von der Linken zur Rechten. Bei Ordensfesten altspanische, schwarz u. ponceau- rothe Festkleidung, das Ordenszeichsn an einer goldenen Kelte aus 42 Gliedern, abwechselnd die Chiffre von Karl Theodor u. St. Hubert bildend. Außer dem Ordenskreuz tragen die Ritter an der linken Brust einen silbernen Stern, woraus ein Kreuz von weißen u. rothen Vierecken liegt; Mittelschild mit der Ordensdevise. Außer diesem bestand noch ein Orden des St. H. in Frankreich, erloschen 1830; ein ritterlicher St. H. - Orden (Jagdorden) in Böhmen, während des Siebenjähr. Kriegs eingegangen und ein St. H.-O. in Köln, 1746—61. Hubmaier — Hübner. 467 Hribmaier (Hllbmör), Baltasar, Prediger der Reformatiouszeit, geb. um 1480 zu Friedberg K Lei Augsburg, studirte seit 1503 iu Freiburg 'I Theologie u. Philosophie, las erst hier Collegia, ! ging 1512 mit Eck nach Ingolstadt, wo er Pre- 4 diger u. Professor wurde, u. folgte 1516 einem 's Rufe als Prediger nach Regensburg; wegen freier r Äußerungen im Sinne der Reformation mußte t er Regensburg verlassen, war dann Schulmeister ! in Schaffhausen u. wurde 1522 Pfarrer in Walds- 1 Hut, wo Thomas Münzer ihn zu seinen Ansichten j bekehrte; 1525 nach Zürich vertrieben, wo Zwingli * ihn der Irrlehre übersührte, ging er nach Konstanz u. Mähren, wo die österr. Regierung ihn It 1527 verhaften u. 1528 in Wien verbrennen ließ. Hsime-Am Rhyn.* Hübner, 1) Johann, Pädagog u. Schrift. ^ steller, geb. 17. März 1663 zu Türchau bei Zit- ! tau, studirte in Leipzig, wurde 1694 Rector in ! Merseburg, 1711 am Johanneum in Hamburg - u. st. daselbst 31. März 1731. Er schr.: Frage» aus der alten u. neuen Geographie, 1693 (erlebten 36 Aufl. und wurden in die meisten neueren Sprachen übersetzt); Zweimal 52 auserlesene Biblische Historien u. Fragen, ebd. 1714, 107 Aust., verbessert von D. I. Lindner, Lpz. 1859 (ins Lateinische,Italienische, Französische, Polnische,Schwedische übersetzt) u. vieles Andere. Er ist auch Erfinder einer besseren Methode der Jlluminirung der Landkarten. Lebensbeschreib, von F. Eckarth, 1732. Sein Sohn Johann, Advocat in Hamburg (st. hier 26. März 1753), setzte von seines Vaters Schicksten mehrere fort u. gab sie neu her. aus. 2) Rudolf Julius Benno, Historienmaler der Gegenwart, geb. 27. Jan. 1806 zu Öls in Schlesien, bildete sich seit 1823 unter Schadow in Berlin, ging 1826 mit diesem, Hildebrandt, Les- smg u. Sohn nach Düsseldorf, lebte von 1829 bis 1832 in Rom u. ging 1839 nach Dresden, wo er 1841 Professor au der Akademie u. 1871 Di- rector der Gemäldegalerie wurde. Seine bedeutendsten Werke sind: Boas u. Ruth (noch in Berlin gemalt); Der Fischer (nach Goethes Ballade); Roland (nach Ariosto), gestochen von Keller; Ruth u. Naemi (1830); Simson (1832); Christus u. die Evangelisten (Altarblatt der Kirche in Meseritz, 1835); Hiob (Städelsche Galerie iu Frankfurt); Das Liebespaar des Hohen Liedes; Christus an der Säule; Felicitas u. der Schlaf (ans Tiecks Octavianus, 1842, Museum in Breslau); Kaiser- Friedrich III. (für den Römersaal in Frankfurt a. M.); Christus auf Wolken stehend (National- galerie in Berlin); Kinder im Walde schlafend (ebenda); Altarbilder für die Stadtkirche in Meißen u. die Marktkirche in Halle; Das goldene Zeitalter (Museum in Dresden u. Berliner Nationalgalerie); Die Babylonische Hure (Privateigenthum des Kaisers Alexander II. von Rußland); Karl V. in St. Just; Friedrichs II. letzte Tage in Sans- souci, Disputation Luthers mit Eck (Dresdener- Galerie); Stephanus vor dem Hohen Rath; Hagar mit Jsmael u. viele Porträts. H-s Stärke liegt in der Anmuth der Form u. des Colorits. Er schr.: Katalog der Dresdener Galerie mit histor. Einleitung; 4. Aust. Dresden 1876; Bilderbrevier Ler Dresdener Galerie (1852 n. 1859); Übersetzung mehrerer SonettePetrarcas(1868);Helldunkel(Ge- dichte, Braunschw. 1871 u. 1876). 3) Joseph Alexander, Freiherr v. H., österr. Diplomat, geb. 26. Nov. 1811 in Wien, trat nach vollendeten Studien 1833 in die Staatskanzlei, ging 1837 als Gesandtschastsattache nach Paris, 1841 als Lega- tionssecretär nach Lissabon, wurde 1844 in Leipzig österr. Generalkonsul u. 1845 Legationsrath; 1848 dem Erzherzog Rainer commissarisch beigegeüen, wurde er von den Aufständischen in Mailand gefangen genommen u. als Geisel zurückbehaltcu, war, endlich ausgewechselt, mit dem Kaiser Ferdinand nach Olmütz geflüchtet und in dessen Abdankungsangelegenheit thätig. Im März 1849 ging er in geheimer Sendung nach Paris, wurde im Sept. zum außerordentlichen Gesandten u. bevollmächtigten Minister Österreichs bei der Französischen Republik, im Jan. 1853 zum Geheimen- rath ernannt u. in den Freiherrnstand erhoben u. bei der kaiserl. Regierung neu accreditirt. Bei den Pariser Friedensconferenzen war er österr. Bevollmächtigter u. Mitnnterzeichner des Pariser Friedens vom 30. März 1856 u. wurde darausf im Mai d. I. zum k. k. Botschafter in Paris ernannt, in welcher Stellung er bis zum Ausbruch des Italienischen Krieges (Frühjahr 1859) blieb (berühmte Neujahrsrede Napoleons III. an ihu, 1. Jan. 1859), und auch Österreich bei den verschiedenen Conferenzen (Grenzregulirung Bessara- biens, Neuenburger-u.Donausürstenthümer-Frage) repräsentirte. Nach dem Italienischen Kriege wurde er bei den damaligen Reformen im Staate za Rathe gezogen u. war selbst vom 21. Aug. bis 22. Öct. 1859 Polizeiminister. Ende Sept. 186L wurde er Botschafter in Rom, ließ sich aber Nov. 1867 in Ruhestand versetzen u. widmete sich null literarischen, schätzenswerthen Arbeiten: Lckris- ljuinb ck'aprsa äss Lorrssponäs-nesv äixloiua- tckguss inLältss rc., Par. 1870, 2 Bde., deutsch, Leipzig 1871, 2 Bde.; kromsuaäs antonr äu mcmäs, Par. 1873, 2 Bde., 4. Aust. 1875, deutsch, 3. Ausl., Lpz. 1875. 4) Karl, Genremaler der Düsseldorfer Schule, geb. 17. Juni 1814 in Königsberg; Talent u. Gemüthsstimmung ließen ihn im Anfangs seiner künstlerischen Laufbahn sociale Gebrechen unserer Zeit nicht ohne feindselige Tendenz nach oben als Stoff zu Bildern wählen, welche doppelt wirksam waren, da er darin seiner Überzeugung Ausdruck gab, ohne mit den Regeln der Kunst in Widerstreit zu gerathen. Am ent- schiedensten tritt dies in seinein ersten Gemälde: Die schlesischen Weber, am erschütterndsten im: Jagdrecht (1845), zu Tage. Dahin gehören auch seine: Auswanderer (1846), im Museum zu Chri- stiania. Später, vornemlich nach 1850, hat H. sein Talent auch zur Schilderung edler Handlungen vornehmer Leute, besond. der Wohlthätigkeit reicher od. standeshoher Frauen, verwendet. Aus dieser Zeit datiren: Die Rettung aus Feuersgsfahr (1853); Das wichtige Dokument, Die belauschten Mädchen und Die Verstoßene (Nationalgalerie in Berlin); Die Waisenkinder; Die Rückkehr des jungen Seemanns; Die Zwillinge rc. Im I. 1874 besuchte er Nordamerika. 5) Otto, Statistiker u. Volkswirth, geb. 22. Juli 1818 in Leipzig, war für den Handelsstand bestimmt, begann aber i« 30 * 468 Hübsch - Paris wirthschaftliche Studien, erweiterte diese in London, wurde, dann bei der Dampfschifffahrtsge- sellschast des Österreichischen Lloyd angestellt und war dessen Bevollmächtigter bei Abschluß der Ver» träge betr. die Durchsuhr der englilch-ostindischen Überlandspost. 1848 wurde er von Österreich aus in den Fünfzigerausschuß nach Frankfurt gewählt, meldete sich darauf in den österr. Staatsdienst, wurde aber abgewiesen u. wegen seiner politischen Gesinnung selbst aufgefordert, den Kaiserstaat zu verlassen, Ende 1849. Er wählte nun Berlin als Aufenthaltsort u. gründete daselbst daS von allen Regierungen unterstützte Statistische Centralarchiv, aus welchem auch seine bekannte Statistische Tafel aller Länder hervorging (26. Anfl. 1877). 1862 gründete er die Preußische Hypothekenversicherungs- Acticngesellschast, die erste Hypothekenbank in Preußen, deren Chef er bis zu seinem Tode 3. Febr. 1877 war. Sein Hauptwerk: Die Banken, Lpz. 1854, 2 Bde. 6) Emil, Philolog u. Archäolog, geb. 7. Juli 1834 in Düsseldorf, studirte seil 1851 in Berlin u. Bonn, reiste 1855—57 in Italien, 1860—61 in Spanien, habilitirte sich 1859 in Berlin, wurde 1863 außerordentl., 1870 ordentl. Professor daselbst u. Secretär der Archäologischen Gesellschaft. Er bearbeitete den 2. Bd. des Corpus insoriptionnm Imtinarnm (1869), die In- serixtt. Lspaniao im 7. Bde. (1873) u. entwarf die Inäioss zu Bd. I.; gab heraus die Insoripb. Llspanias obrisbiarms und Insoript. Lribanniao odrist., Berl., 1871, 1876; ferner einen Grundriß zu Vorlesungen über Römische Literatur, über Lateinische Grammatik, Berlin 1876; lieferte eine Reihe von Aufsätzen in den N. Jahrbüchern für Philologie u. Pädagogik, dem Hermes, der Lpiiö- moris spi§raxllioa u. der Archäol. Zeitung, welche er auch 1868—72 redigirte, u. einige Festschriften der Archäolog. Gesellschaft. 11 Schroot. L) 4) Regnet, s) 5) Lagai. 61 Eichhoff. Hübsch, Heinrich, Baumeister, geb. zu Weinheim an der Bergstraße 9. Febr. 1795; besuchte die Universität u. ward 1815 Weinbrenners Schüler, studirte 1817—19 in Italien und Griechenland, dann 1822—24 wieder in Italien, ward 1824 Professor der Architektur am Städelschen Institut zu Frankfurt a. M., 1827 Bauinspector, 1829 Baurath, 1831 Oberbaurath u. 1843 Baudirector und später Oberbandirector in Karlsruhe, wo er 3. April 1863 starb. H. cultitirte mit Vorliebe den Rundbogenstil, aber es zeigt sich dabei ein nicht wol zu leugnender Mangel an schöpferischer Fantasie, namentlich in der Detailgliederung, wenigstens an seinen Kirchenbauten, so an der Kirche zu Bulach bei Karlsruhe. Weitere Werke: Die Hübsche Kunsthalle und das festlich heitere Theater, polytechn. Schule u. die Finanzkanzlei in Karlsruhe u. die Trinkhalle in Baden-Baden. H. restanrirte auch den Speyrer Dom u. schr.: In welchem Stil sollen wir bauen? Karlsruhe 1828; Die Architektur und ihr Verhältniß zur heutigen Malerei und Sculptur, Stuttg. 1847; Die altchristlichen Kirchen nach den Baudenkmalen u. älteren Beschreibungen, Karlsr.1859—63. Regnet. Huc,EvaristeRegis, Abbe, sranz. Missionär, geb. 1. Aug. 1813 in Toulouse, trat in die Laza- riftencongregation u. war seit 1839 Missionär in> — Hilde. China; er machte bis 1852 große Reisen in Asien namentlich 1844—46 mit dem Abbe Gäbet durch China, Tibet und die Mongolei; dann kehrte er > nach Frankreich zurück n. st. 26. März 1860 in ! Paris. Er schr.: Lonvsvirs ä'nn vozm§s äavz ! In Vartarls, 1s Mbst et 1a (Urins, Par. 185g, 2 Bde. (deutsch von K. Andree, Leipz. 1855); ILsrnprro Ciiivois, ebd. 1854 (deutsch Lpz. 1856); Hs elrristranrsms sn Cirrus, ebd. 1858, 4 Bde. Hncbald, so v. w. Hugbald. Huchen (Hench), 8a1nrc> Unollo ckl., der dem Donaugebiet angehörende Lachs (Donaulachs). Er besitzt einen mehr malzigen, gestreckten Körper u. viel längeren Kopf als der Rheinlachs, ist aber nicht größer als dieser. Am Gaumen findet sich ^ vorne nur eine Querreihe von Zähnen. Alt ist j er ans dem Rücken einfach granschwarz, an den ^ Seiten und am Bauch silberweiß gefärbt. Wird > wegen des Nothschimmers in der Färbung auch ! Rothfisch genannt. Lebt ähnlich wie der Lachs, i geht aber nicht ins Meer. Laicht bereits im April. ! Sein Fleisch wird weniger geschätzt als das des Lachses. Wegen seiner großen Gefräßigkeit ist er zur Zncht nicht geeignet. FanM. Huchtenbnrg (auch Hugtenburg), Jan van H., nicderländ. Schlachtenmaler u. Kupferstecher, > geb. 1646 in Haarlem, st. 1733 in Amsterdam; ! ging 1665 nach Rom, lernte bei van der Meulen ! in Paris, trat 1709 in die Dienste des Prinzen Eugen von Savoyen, dessen Schlachten er malte (herausgegeben Haag 1725, Fol.); stach im Geschmacke Andräs. Als Maler war H. höchst fruchtbar. Regnet. Hückeswagen, Stadt im Kreise Lennep des preußisch. Regbez. Düsseldorf, an der Wupper, Station der Berg.-Märk. Eisenbahn; viele Tuchfabriken, Streichgarnspinnerei, Fabriken für ausgezeichnete Woll- u. Halbwollwaaren, Färberei; 1875: 3433 Ew. H. wird schon 1085 erwähnt. ! Die Landgemeinde H. mit (1875) 6157 Ew. besteht aus 183 einzelnen kleinen Ortschaften u. hat dieselbe Industrie wie die Stadt. Huculen (Huzulen), ein Theil des slavischen Volksstammes der Ruthenen, der die Gebirge des östlichen Galiziens u. der Bukowina bewohnt. Hnddersfield, Stadt im West-Riding der engl. Grafschaft Jork, am Colne u. 2 Kanälen, Eisenbahnstation; 24 Kirchen, 2 Colleges, Handwerker- Institut, Krankenhaus, Tnchhalle, Wasserleitungen, sehr bedeutendeWollen- (Tuch, Sarsche, Shawls rc.) u. Baumwollen-Manufakturen, Fabriken für gemischte Stoffe, leinene und seidene Maaren, Maschinen rc., lebhafter Handel; 70,253 Ew. In der Nähe, im schönen Thale des Holme, die Bäder von Lockwood Spa. Hude, Phil. Wilhelm von der H., Architekt, 2. Juni 1830 in Lübeck geb., studirte aus der Bauakademie zu Berlin u. machte nach Ab- solvirung des Baumeisterexamens 1857 Reisen durch Italien, England, Frankreich und Holland. Er arbeitete zunächst unter Stieler, verband sich jedoch 1860 mit dem Baumeister Hennicke, mit ihm zusammen führte er viele reiche Villenbauten in Berlin u. Umgegend aus, ferner stammt von ihnen der Ban des Hotels zum Kaiserhof in Berlin, der Entwurf und die theilweise Ausführung dek 469 Hudlksvall — Hudsonsbm-Gcsellschaft. Markthallen ebendas., sowie der Ban der großen Schlachthaus- u. Viehhof-Anlage in Pest. Allein baute er die Kunsthalle in Hamburg, auch gewann er den ersten Preis bei der Berliner Rathhaus- concurrenz, die jedoch zu keinem Resultat führte. H. baut vorwiegend in den Formen der Renaissance bis zum Rococo und seine Faxaden sind häufig charakteristisch durch die Verbindung von Sandstein- U. Backsteinban. Lebfeldt. Hudiksvall, Stadt im schwed. Gefleborgs-LLn, zwischen 2 kleinen Buchten des Bottnischen Meerbusens, Station der H.-Forsa-Eisenbahu, Schiffbau, Sägewerke, Eisenfabrikation; 3250 Ew. 1873 liefen aus dem Hafen aus 214 Schiffe von 18,581 Lasten. Hudson, 1) (H. River) einer der wichtigsten Ströme der Vereinigten Staaten von NAmerika, entspringt in 2 Quellenflüssen auf den Adiroudac Mountains im Staate New-Iork, Adiroudac River u. Au Sable, fließt durch die Seen Henderson u. Sandsord u. heißt von hier an H., durchfließt in südlicher Richtung den Staat New-I)ork, bildet im letzten Theil seines Laufes die Grenze zwischen Len Staaten New-Jork u. New-Jersey u. fällt bei New-Tjork (Stadt) in die New-Iork Bai des Atlantischen Oceans. Seine bedeutendsten Nebenflüsse sind: Hoosic, Mohawk, Sacondago u. Walkill. Seine Stromlänge beträgt etwa 500 kw, sein Stromgebiet etwa 31,000 Ebbe u. Fluth erstrecken sich bis zur Stadt H. etwa 200 km stromaufwärts, so daß er etwa 180 Icm oberhalb New-Iork für die größten Schiffe fahrbar ist; große Dampfschiffe gehen bis Albany, kleinere bis Trotz, bei hohem Wasserstand bis Waterford. Der H. steht durch den Eriekanal mit dem Eriesee u. durch den Onondagakanal mit dem Ontariosee, durch den Delaware-H.-Kanal mit dem Delaware u. durch einen anderen Kanal mit dem Champlainsee u. so mit dem Lorenzvstrom in Verbindung. Er ist sehr- fischreich; seine Ufer sind durch sihre malerischen Landschaften (z. B. die sog. Palisaden) berühmt. 8) County im Nordamerika::. Unionsstaate New- Jersey, u. 40° n. Br. u. 74° w. L. 129,067 Ew. Countysitz: Jersey City. 3) Sitz des Columbia County New-Aork. Am H. (s. o.) und an mehreren Eisenbahnen, lebhafterHandel, nrehrere höhere Lehranstalten; 8615 Ew. Die L-tadt wurde 1784 von den Quäkern gegründet. Schroot. Hudson, 1) Henry, berühmter britischer Seefahrer, unternahm 1607 und 1608 zwei Reisen, um die NWDurchfahrt nach China und Japan zu entdecken, mußte aber bei Nowaja Semlja, vom Eise aufgehalten, umkehren; 1609 unternahm creme dritte Expedition nach den nordischen Meeren, segelte nach der Davisstraße, erreichte jedoch den amerikanischen Continent unter 44° n. Br., schiffte dann nach S. u. entdeckte die Mündung des nach ihm benannten Stromes; 1610 machte er einen neuen Versuch, die NWDurchfahrt aufzusinden, fand den ebenfalls nach ihm benannten Meeresarm (Hudsonsstraße) , untersuchte hierbei die wiederum nach ihm benannteHudsonsbaiu. entdeckteNenbritannien, mußte aber dort unter großen Entbehrungen überwintern. Im Begriff, zurückzukehren, wurde er mit seinem Sohn u. 3 kranken Matrosen in einem Boot gezwungen das Schiff zu verlassen; seitdem blieben sie gänzlich verschollen, trotz der Anstrengungen, die zu ihrer Auffindung von England aus gemacht wurden. Berichte über seine Fahrten, herausgegeben von der Hackluyt-Gesellschaft, London 1859. 2) George, geb. 1800 in Howsham bei Uork, übernahm in Jork das Geschäft seines Lehrherrn, gründete 1833 in S)ork die Bank- coinpaguie, machte Speculationen in Eisenbahn« actien, gewann in diesem Geschäft ein solches Ansehen, daß fast keine Eisenbahugesellschaft in England zu Stande kam, zu deren Direction H. nicht gehörte, weshalb er auch den Namen Eisenbahnkönig erhielt. 1849 überführt, unrechunäßigeu Gewinn aus den von ihm dirigirten Eisenbahn- gesellschaftcn sich zugeeiguet zu haben, verlor er das öffentliche Vertrauen, ging in seinen Verhältnisse» gänzlich zurück u. lebte zuletzt nur von den Unterstützungen seiner Freunde, bis er im Dscbr. 1871 zu London st. Schroot. Hudson Lowe, Sir, geb. 28. Juli 1769 in Irland; trat 1785 als Volontär in die englische Armee, nahm als Lieutenant an der Expedition gegen Toulon u. dem Feldzug ans Corsica theil, diente dann in Portugal u. auf Minorca, wurde 1803 Major u. commandirte 1805 au den neapolitanischen Küsten ein Corps im englischen Sold; 1806 wurde er Commandant der Insel Capri, die er 1808 an die Franzosen nach tapferer Gegenwehr verlor. 1814 begleitete er als englischer Commissär Blücher nach Frankreich und wurde Generalmajor. 1815 wurde er Gouverneur von St. Helena u. somit der Wächter Napoleons, gegen den er sehr harte Maßregeln traf; 1823 wurde er Gouverneur der Bermudasinseln, 1830 Generallieutenant u. st. 10. Jan. 1844 in London. Zu seiner Rechtfertigung sehr, er: Llsmorinl rsis-tik L In onpbivltä äs Mpolscm n 8ö. Mions, Paris 1830, 2 Bde. (deutsch Stuttg. 1830). Nach seinen Tagebüchern bearbeitete Forsyth: Mstorz- ok tlis eaptivitzf okiflapoiocm, Land. 1853,2 BLe. (deutsch von Seybt, Lpz. 1853—54). Schroot.» Hudsons-Bai, ein fast ganz in Britisch-Amerika eingeschlossener Meerestheil, der sich von 51°—64° nördl. Br. und von 77°—95" westl. L. erstreckt. Durch die Hudson-Straße steht die H-B. mit dem atlantischen Ocean, durch den Fox-Kanal mit dem nördl. Eismeere in Verbindung. Die H-B. ist 8 Monate im Jahre von Treibeis bedeckt, umfaßt eine Fläche von etwa 771,000 fUlcru (14,000 d>M) u. enthält viele Inseln, von Lenen die bedeutendste Southampton Island ist, u. zahlreiche Riffe u. Sandbänke. Die H-B. läuft im S. in die Jamesbai aus; andere bsmerkenswerthe Theile sind die Chesterfieldbai im NW. u. die Mosquito- bai im NO. In die H-B. münden außer vielen kleineren Flüssen der Great Whale River, der East Main River, Albany River, Severn River, Nelson River u. der Churchill River. Die Bai wurde 1610 von Hudson entdeckt. Schroot. Hudsonsbai-Gesellschaft (engl. Mäsons Lax 6owpavz-), eine engl. Handelsgenossenschaft, welche 1668 vom König Karl II. einen Freibrief erhielt, laut dessen sie nicht nur das alleinige Handelsmonopol in allen an der Hudsons Bai gelegenen Ländern, sondern auch das Eigeuthumsrecht des ganzen Territoriums erhielt. Später genehmigte 470 Hudsonsbailändcr — Huesca. das Parlament die Verleihung, aber unter der Bedingung, daß dieselbe nur auf die nächsten 7 Jahre gelten solle. Die Westgrenze gegen Las Jndianerterritorium stand indessen nicht fest, so wenig als gegen Canada. An der Spitze der Gesellschaft, welche hauptsächlich Pelzhandel trieb, stand Prinz Rupert. 1690 war dieselbe bereits in vollster Thätigkeit; ihre zum Schutze gegen die Indianer errichteten Forts u. Factoreien dehnten sich immer weiter aus. In der 1783 von canad- ischen Pelzhändlern zu Montreal gegründeten Nortsirvsst Oomxanz- erwuchs ihr ein gefährlicher Concurrent, u. da die zwischen beiden bestehende Feindseligkeit 1814 sogar in einen wirklichen Krieg ausartete, so legte sich die englische Regierung ins Mittel u. bewirkte 1821 eine Vereinigung beider Compagnien. Die nun neugegründete Gesellschaft erhielt durch Parlamentsacte auf 17 Jahre Las Handelsmonopol, nach Ablaus dieser Zeit wiederum auf 21 Jahre, sollte jedoch aus den Handel mit den Indianern beschränkt bleiben. An der Spitze der Gesellschaft stand ein Direktorium in London. Ihr Gebiet wurde in 4 Departements getheilt: Montreal, das SDepcrtement, das NDeparte- ment (mit Fort Jork) u. Neucaledonien oder das NWGebiet (jetzt Briti h Columbia). Nachdem jedoch 1859 das Privilegium der H., welche sich einer Besiedelung des Territoriums widersetzte, abgelaufen war, ging nach verschiedentlichen Verhandlungen im Parlament 1863 die H. in die Hände einer großen Aktiengesellschaft über, welche mit dem Plane einer Colonisirung jener Länder umgeht. Dieselbe hat ebenfalls ihren Sitz in London u. setzt das Pelzgeschäft in dem bisher betriebenen großen Maßstabe fort. Die H. hatte Factoreien in allen Theilen dieses ungeheuren Gebietes, an der Süd- und WKüste der Halbinsel Labrador, an der James Bai und entlang der Ufer des Albany River, am Hayes n. Mackenzie River angelegt. Hudsonsbailänder, im weiterenSinne sämmt- liche ursprünglich von der Hudsonsbaigesellschaft besessenen Territorien, im engeren so v. w. NWTerri- torium, s. u. Canada S. 426 u. 435. Hudsonsstraste, s. u. Hudsonsbai. Hne (Phu-thuan-thien), Hauptstadt des hinter- indijchen Reiches Annam (Cochinchina), unweit des chinesischen Meeres am gleichnam. Flüßchen, von schiffbaren Kanälen durchzogen, von französischen Ingenieuren stark nach europäischer Art befestigt, Citadelle, Arsenale, Werste; großer und weiter Palast (Thangnoi) des Kaisers. Die Stadt gilt für den bedeutendsten Waffenplatz OAsiens; die Einwohnerzahl wird auf 100,000 geschätzt. Thlelemann. Huehuetlapallan (Kulhuakan, bei den Spaniern 6N8ÄS äs kisäras, Steinhlltten), Ruinen einer alten Stadt der Tolteken, im Distr. Carmen des Staates Chiapas (Mejico); liegen in einem Walde, nehmen 7—8 Stunden in der Länge und etwa 4—1 Stunde in der Breite ein u. enthalten für die Cultur der amerikan. Urbewohner äußerst merkwürdigeGebäude,Tempel,Pyramiden, Gräber, Brücken, Wasserleitungen; man fand hier Gesäße, Götzenbilder, Medaillen. An den Gebäuden waren Basreliefs u. hieroglyphenartige Charaktere. Huelva, 1) Provinz in Spanien (Andalusien), grenzt im N. an die Prov. Badajoz, im O. an Sevilla u. Cadiz, im S. an das Atlantische Meer u. im W. an Portugal (von letzterem durch den unteren Lauf des Guadiana zum Theil getrennt); 10,676,1 HjlkM (193,gg dM) Mit (1860) 176,627 ' Ew. (spätere Schätzung 196,469) (auf 1 Hsstnr 18, in ganz Spanien 33). Die Provinz, welcher die westliche Sierra Morena mit ihren nach 50., S. und SW. sich abdachenden Terrassen angehört, ist größtentheils ein malerisches, romantisches Gebirgsland; nur im SO. ist sie eben, uud hier finden sich stellenweise öde und wüste Striche. Sie ist gut bewässert u. reich an Erzen u. Mineralien, namentlich an Braunstein- erzen u. Schwefelkies; auch Salinen u. Mineralquellen sind vorhanden. Die,.hauptsächlichsten Produkte sind: Südfrüchte, Öl, Wein, Esparto, Kastanien, Getreide, Gemüse u. sonstige Gartenfrüchte, Sodapflanzen; Pferde, Schafe, Ziegen n. Schweine. Die Haupterwsrbsquellen der Bevölkerung sind Bergbau, Ackerbau (noch auf niedriger Stufe), Köhlerei, Fischerei, Austernzucht n. Schifffahrt. Handel u. Industrie sind unbedeutend. 3) Stadt u. Hauptort der Provinz, am Abhange einer Anhöhe auf einer Halbinsel zwischen den Rias der Flüsse Odiel und Rio Tinto, die sich weiter unterhalb zu einem einzigen breiten Kanal vereinigen, mit breiten Straßen und modernen Häusern; höhere Unterrichtsanstalt (tsroaäomia Ouubsnss), Theater, hübsche Promenade mit dem Constitutionsplatze u. einem alten Aquädukt; Es- partoflechterei, Fischfang, Salzgewinnung aus den Salzmorästen der Umgegend, lebhafter Küsten- u. Ausfuhrhandel (Erze, Südfrüchte, Salz); 186V: 8423 Ew. Der als Hafen dienende, 18 stm lange u. bei der Ebbe 9 m tiefe Kanal ist ein vorzüglicher Ankerplatz; die vor seinem Eingänge liegende Barre erschwert jedoch das Einlaufen der Schisse. H. soll das von den Phönikern gegründete Onuba sein. H> Berns. ! Huerta, Vincente Garcia de laH., eifrig - national-gesinnter Dichter und Dramatiker, geb. 1734 in Zafra, Oberbibliothekar der königl. Bibliothek in Madrid u. Mitglied der Akademie. Er bekämpfte den französischen Geschmack in der Spanischen Literatur, schr. die Tragödie Ikaqnsi, 1778; § 4.MWSML0U vsnMäo (nach Sophokles' Elektra); gab das 'Isuiro espuLol, 1785 f., 17 Bde. (Auswahl der älteren spanischen Dramatiker) heraus; ferner Libliotsea milibar ssxanol, 1760; Okras postious (2 Bde., Madrid 1778—79). Er starb 1787. Booch-Arkossy.' Huerta (span., Garten), in Südspanieu eine gut bewässerte und angebaute Gegend, namentlich die die Städte umgebenden Gärten u. Landhäuser. Huesca, 1) Provinz in Spanien (Aragouien), grenzt im N. an Frankreich, im W. an Navarra, im S. an Zaragoza und im O. an Catalonien; 15.224., sWm (276,«g HW) "Nt 1860: 263,230 (spätere Berechnung) 274,623 Ew. (auf 1 (sIcm 18, in ganz Spanien 33). Die Provinz ist theils erfüllt von den Pyrenäen, theils umfaßt sie die pyrenäische Bergterrasse od. Hocharagonien (ei all» Aragon), ist daher sehr gebirgig, aber reich an Wasser u. Wald. Sie besitzt ferner viele Erzgänge u. Mineralquellen, sowie auch Salinen. Produ cte 471 Huescar find: Holz, Getreide, Obst, Gartenfrüchte, Gemüse, Schafe. Ziegen, Rinder in Menge, dann im S. Wein u. Oel. Außer einer kurzen Eisenbahn u. der Straße von H. nach Zaragoza hat das Land nur schlechte Fahrwege und Saumpfade, und auch nur Saumpfade führen über die Pyrenäen nach Frankreich. 2) Hauptstadt, an der Jsuela in frucht» barer, mit Reben- u. Olivenpflanzungen bedeckter Ebene, Station der Zaragoza-Barcelona Eisenbahn; eine von Mauern umgebene, alterthümlich gebaute Stadt; Sitz eines Bischofs, sehr schöne, gothische Dvmkirche aus dem IS. Jahrh., alte romanische Kirche S. Pedro (1241 vollendet), Priesterseminar, 2 Colegios, Instituts, (1860) 9874 Ew. H. ist das Osca der Alten und lag im Lande der Jlergeten im Tarraconensischen Spanien. Es war bedeutend, u. Sertorius, der später (72 v. Ehr.) daselbst ermordet wurde, legte hier eine römische Schule an. Im 6. Jahrh. war H. Bischofssitz, doch wurde derselbe nach dem Einfall der Mauren 79S nach Jaca verlegt. 1096 wurde H. den Mauren wieder abgenommen, wurde wieder Bischofssitz u. Residenz ihres Befreiers Pedro I. 1354 wurde in H. eine Universität gestiftet, die neuerdings aufgehoben worden ist. H- Berns. Huescar, Stadt in der span. Prov. Granada, am Guardal zwischen den waldigen Vorbergen der Saara Sierra; Tuch-u. Leinenweberei; 5106 Ew. Huet, 1)(Huetius) Pierre Daniel, Bischof, geb. 8. Febr. 1630 in Caen, im dortigen Jesuilen- collegium gebildet, ging 1652 mit seinem Lehrer Bochart an den schwedischen Hof, kehrte jedoch bald nach Caen zurück und beschäftigte sich hier mit dem Studium des Origenes; 1668—70 lebte er in Paris, wurde dann mit Bossuet Lehrer des Dauphin, für welchen sie die Ausgaben in usum Delpllisi besorgten, 1673 wurde er Abt in Aul- nay, 1685 Bischof von Soiffons, 1689 vonAvran- ches, 1699 Abt von Fontenay u. st. 21. Jan. 1721. Er gab heraus die biblischen Commentare des Origenes, 1668, 2 Bde., Fol.; die auffallende Behauptung, daß alle heidnischen Religionen Ausfluß der mosaischen seien, enthielt seine Demonstratio evanAsIiea, Par. 1679, Fol. Als Gegner des Cartesianismus trat er auf in Dsnsurs, xbilosoptuas Lartes, 1689; Unstauas (so genannt von Aulnay) guaostionss äs eonooräia rationis et Läsi, Caen 1690; Lksm. pour ssrvir a I'dist. äu Oartssianismo, 1692, n. A. 1711; Im höchsten Alter schrieb er: Hist, äu oommerso st äs 1a Navigation äss anoisns, 1716, n. A. 1763; Dnstii Oommslltaiius äs rebus aä euin perti- neotitms, Haag 1718; Eine Selbstbiographie, sranz. v. Nisard als Llsinoirss, 1853. Auch schr. er Gedichte u. Romane. Huetillna gab heraus Olivet, 1722; Christian Bartholmeß 8., ou Is sosptioisme tbsol., Paris 1850; Barach, H. als Philosoph, Wien 1862. 2) Coenraad Buskeil, geistreicher niederländischer Schriftsteller, geb. im Haag 1826, studierte Theologie u. trat in den Kirchendienst; legte aber, wegen seiner freisinnigen Richtung in Differenzen gerathen, sein Predigtamt in Haarlem 1862 nieder, und gab sich nun ganz der literarischen Thätigkeit hin. 1872 erschien sein Roman luäevrzäs, der ihm aber wegen seines lasciven Inhalts scharfen Tadel zuzog; 1874 Msurvs — Huf. litsrarisoiis ximutasisn. Schon vorher war er nach Indien gegangen, wo er die Redaction des llavadsäs übernahm, welche er in conservativem Sinn führte. Seit seiner Rückkehr (1875) lebt H. in Paris. r) Löffler. Li Wenzelburger. Huf, 1) der kurze, vorn breite Hornllberzug, welcher das Nagelglied (vorderste Zehenglied) der Hussäugethiere schuhartig umgibt. 2) Insbesondere der Hornüberzug des Fußes der Pferde (Einhufer). Die histologische Grundlage des Hufhor» nes ist die Epidermiszelle; es besteht aus Hornröhrchen, welche sich an den Stellen bilden, wo sich zottenförmige Papillen vorfinden, Hvrnblätt- chen, welche da entstehen, wo sich die Papillen der Huflederhaut so aneinandergelagert haben, daß sie sog. Fleischblättchen darstellen u. Zwischenhorn (Hufleim der älteren Anatomen), das von den zwischen den Papillen gelegenen Theilen der Hus- lederhaut abgesondert wird. Die das Horn producirende Huflederhaut zerfällt in 3 Theile: a. die Fleischw and zerfällt in die Fleischkrone und die eigentliche Fleischwand. Erstere bildet einen rundlichen Wulst, der rings um den Fuß bis über den Ballen hinaus sich hinzieht. Unmittelbar über ihm sitzen die letzten Haare; der oberste, durch eine Einschnürung abgeschiedene Theil, der Fleischsaum, producirt die Deckoder Glasurschicht des Hufes; die eigentliche Fleischkrone ist mit starken Zotten besetzt, welche sog. Röhrchenhorn absondern. Die eigentliche Fleischwand bedeckt die ganze äußere Fläche bes Husbeins u. liegt unter voriger. Ihre Oberfläche ist mit zahlreichen vertikalen Fleischblättchen besetzt, welche die Hornblättchen absondern, b. die Fleischsohle liegt unter der unteren Fläche des Husbeines, ist mit zahlreichen Zotten bedeckt unv sondert das Horn der Hornsohle ab. o. der Fleis ch- strahl überzieht einen dicken elastischen, weichen Körper, das sog. Strahlkissen, er ist mit viel dünneren, kürzeren und zahlreicheren Zotten besetzt als die Fleischsohle und sondert das Horn des Hornstrahles ab. ö. Am abgesonderten Hufhorn unterscheidet man entsprechend der Ein- theilung der Huflederhant: n. die Hornwand, welche den Huf bes. vorn und seitlich schützt; die innere Fläche enthält eine große Anzahl Horn- blättchen; der obere Rand (Krone, Saum) zeigt einen kleinen Falz; der untere dickere Tragrand ragt unten frei über die Hornsohle hervor, mit welcher er sich nach innen durch die hornige weiße Linie verbindet. Außerdem unterscheidet man eine schwächere innere und eine äußere Wand und an jeder von vorn nach hinten die Zehenwand, die Trachtenwand (Horntracht), die Fersenwand, endlich die Eckstrebe, die an dem Hinteren Theil der Fersenwand vor- u. einwärts zwischen die Hornsohle und den Hornstrahl hineintritt und sich an dem vorderen Ende des letzteren mit der Eckstrebe der anderen Seite verbindet. i>. die starke Hornsohle, welche die untere Fläche des Hufes größtentheils deckt und sich in einen inneren und äußeren Ast spaltet, welche vorn in einander übergehen. Wie oben unterscheidet man die Zehensohle, die Trachtensohle und die Fersensohle, e. der Hornstrahl zwischen beiden Eckstreben; sein Horn ist weich, elastisch u. 472 Hufbeschlag von großem Widerstandsvermögen. Auf der unteren Fläche ist der Strahl durch eine Längsfurche in einen rechten u. linken Schenkel getheilt, die jedoch vorn Zusammenhängen; auf der oberen Fläche verläuft ebenfalls eine Furche, die, von vorn seicht anfangend, nach hinten sich in zwei Schenkel theilt, welche eine Erhabenheit (Hahnenkamm) zwischen sich haben. Auf dem Querschnitt der Hufwand unterscheidet man: a. die weiche äußere Deck- oder Glasurschicht (s. o.); sie ist elastisch u. in trocke- nem Zustande glänzend, im Wasser quillt sie auf, wird weiß u. faserig; b. die mittlere od. Schutz - schicht, die Hauptmasse der Hvrnwand, von der Fleijchkrone abgesondert, zäh und widerstandsfähig, schwer zu schneiden; e. die hellfarbige innere oder Verbindungsschicht, das Product der Fleischblättchen und das Berbindungsmittel der Hornwand mit der Fleischwand, bildet die weiße Linie. Der Vorderhuf ist in der Regel etwas größer, und an der Zehe mehr abgerundet, als der Hinterhuf. Bei normalem H-e soll die Zehenwand in einem Winkel von 45" gegen den Boden gestellt sein. Die Höhe der Wand soll nach hinten in der Weise abnehmen, daß die der Zehe sich zur Seitenwand und Tracht wie 3:2:1 verhält. Fehlerhafte Hufformen: Flachhufe mit breiter Sohle und sehr schräger Wand; Vollhuf, ein Flachhuf mit convexer Außenfläche der Sohle; Knollhuf, ebenso und Zehenwand unten knollig verdickt; Zwanghuf, mit einwärts gebogener Trachtenwand; schiefer Huf, Seiten-u. Trachtenwand der einen Seite sind viel steiler als die der anderen Seite; Eselhuf, mit langen, hohen u. schmalen Wänden, die Ballen sind dabei eng; Bock Huf, an der Zehe sehr kurze u. steile, an den Trachten sehr hohe u. steile Wände. Die wichtigsten Hufkrankheiten sind: Steingalle, Hufknorpelfistel, Hornspalt, Horu- klnft, Vernagelung, Nageltritt, lose Wand, Strahlfäule,Strahlkrebs. PfegederH-e: Nach der Arbeit muß der H. täglich gereinigt werden, da sich sonst leicht Strahlfäule und lose Wand bilden. Zeitweiliges Anfeuchten der H-e ist unerläßlich; um den H. nach dem Anfeuchten weich und geschmeidig zu erhallen, behandelt man ihn mit Hufs alben, die das Verdunsten der Feuchtigkeit beschränken; sie bestehen aus Fett u. Talg, für sich oder mit Zusatz von Wachs, Theer u. Terpentin, will man sie gleichzeitig zum Schwärzen benutzen, so setzt man Kienruß zu. Werden die Thiere beständig im Stalle gehalten u. wächst der H. stärker nach, als er durch Abnutzung verliert, so muß er zeitweilig nieder u. ausgeschnitten werden. 2) Schmidt. Hufbeschlag, das Auflegen des Hufeisens auf die Füße der Einhufer gegen zu starke Abnutzung. Das alte Eisen wird mit der Hufklinge abgenommen, etwaige Nagelstifte mit der Huszauge entfernt und hierauf der H. durch Ausschneiden oder Auswirken, d. h. Entfernen des abgestorbenen HorncS mit dem Wirkmesser, vorsichtig geebnet und zum Beschläge vorbereitet. Alsdann wird das gut gerichtete Eisen kalt auf den Fuß gelegt u. H>- uägel mit dem Beschlaghammer so durch die Löcher desselben geschlagen, daß sie etwa zwei Finger hoch über dem Eisen wieder aus dem Horn — Hufeisen. der Wand herauskommen und hier mit dem Ni et- eisen umgenietet; mit der Beschlagraspel werden während des Beschlagens und nach demselben die äußeren Huswände unterhalb der Nagelnieten platt geraspelt. Bei dem H. berücksichtige man, daß vom Huf nur so viel weggenommen werden darf als abgestorben ist u. daß das Wirkmesser stets flach geführt werde. Wie oft ein Pferd beschagen werden soll, hängt von der Beschaffenheit der Hufe und der Gebrauchsweise der Thiere ab; durchschnittlich wird das Hufeisen alle 4—6 Wochen erneuert od. umgelegt. Aehnlich wird auch das zum Zug verwendete Rindvieh beschlagen. Das Beschlagen der Pferde ist sehr alt, schon Homer spricht von erztönenden Hufen. Lenophon erzählt, daß asiatische Völker den Pferden Socken über die Füße zogen. In den Gräbern der alten Deutschen und Wenden hat man Hufeisen gefunden, deren Alter ein außerordentlich hohes ist. Vgl. Leisering und Hartmann, Der Fuß des Pferdes in Rücksicht auf Bau, Verrichtungen u. Hufbeschlag, Dresd. 1861, 3. Allst. 1810. Schmidt. Hufe, eingehegtes Stück Ackerland; dann Acker von dem Betrag, daß er mit 1 Gespann Pserde bearbeitet werden kann und zur Ernährung einer Familie hinreicht. Früher bezeichnete man damit auch ein Feldmaß, an verschiedenen Orten verschieden, in manchen Gegenden 12, in anderen 15 oder 18, in manchen 24, am häufigsten 30 und in einigen Gegenden auch 42, ja in Böhmen 66 Morgen (Acker od. Jucharde) begreifend; darnach unterschied man auch, bes. in Pommern, Hakenhufen von 15, Land-und Dorfhufen von36, Tripelhufen von 45, Heierhufen von 66 Morgen, auch Nitterhufen u. Stück-(Bauer-) Husen, im Brandcnburgischen große, mittlere und kleine H-n. Vgl. Waitz, Über die altdeutsche H., Göttingen 1854'. Hufeisen, eiserner Beschlag zum Schutz des Hufes (resp. der Klauen) gegen zu starke Abnutzung bei Arbeitspferden, Maulthieren, Eseln und Zugochsen, welche anhaltend harte Straßen und rauhe Wege benutzen. Das H. muß sich nach dem Bau, der Gestalt, den Eigenschaften u. Verrichtungen des Hufes, dem Bau n. der Stellung der Gliedmaßen und den Gangarten der Thiere richten, aus gutem Materiale bestehen, an den äußeren Rändern, wo es aufliegen soll, dicker sein als innen, damit es nicht auf der Sohle ausliege und diese nicht drücke. Die Nagellöcher sollen zur Ausnahme der Nagelköpfe trichterförmig sein, dem äußeren Rande des H-S nm die Hälfte näher stehen als dem inneren und sich bei dem Vordereisen mehr gegen die Zehen zu, bei den Hintereisen aber mehr in den Armen befinden. Das deutsche H. hat am Ende jedes Armes eine vierkantige Hervorragung (Stollen), die so hoch ist, als das H. daselbst breit ist, und vorn unter der Zehe ein angeschweißtes, gut gehärtetes Stückchen Eisen von derselben Höhe (Griff). Über dem Griffe ist ein schwaches Stück Eisen (Feder, Kappe), welches an die obere Seite des Hufes angebogen wird. Im Winter, bei scharfem Frost, werden Griff und Stollen geschärft (Eisgriff, Eisstollen). Auch hat mau einschraubbare Eisstollen. Das englische H. hat weder Stollen 473 Huferscmmse — Hüffer. „och Griffe, ist am äußeren Rande dünner und hat einen Falz zur Aufnahme der Nagelköpse; das französische H. hat keine oder niederige Stollen u. Griffe. Besonders für Luxuspferde geeignet sind H. mit eingesetzten u. bloß durch Querschrauben befestigten Stollen, die mittels Schraubenzieher bequem abgenommen und stets leicht für sich geschärft werden können. Außerdem gibt es „och eine große Anzahl von H. für Pferde mit fehlerhaften Gangarten und krankhaften Hufen. Bei H. ohne Stollen gebraucht man im Winter Eisnägel, welche einen sehr hervorragenden, spitzigen Kopf haben. In neuester Zeit sind die H. vielfach fabrikmäßig angefertigt worden. Das einfachste Eisen für Rindvieh besteht aus einer liniendicken Eisenplatte, die den Umrissen der Boden- flache der Klanen genau entspricht und mit 4 bis 6 Nägeln befestigt wird. Schmidt. Hüfeisemmse, Rlnuolopdus, Gatt, der insec- tenfressendcnFledermäuse mit hnfeisenförmigerFalte auf der Nase; Ohren groß, tutenförmig, ohne Deckelklappe; oben zwei, unten vier Vorderzähne; nur in der alten Welt; die zivei deutschen Arten sind die Große H., R. ksrrum oguiuum Lez/s. u. Lias., Länge 7 ow, klaftert 32 ein, in Süd- u. Mitteldeutschland, Frankreich, NAfrica; u. die Kleine H., R. siippooreprs Lonax., halb so groß, von SEngland bis zum Kaukasus. Farwick. Hufelanv, 1) Gottlieb, bedeutender Jurist, geb. 19. Oct. 1760 in Danzig; studirte 1780—83 in Leipzig u. Göttingen, habilitirte sich 1786 in Jena, wurde 1788 daselbst Professor für Naturrecht, Rechtsgeschichte, Deutsches Recht in Jena, 1803 in Würzburg, 1805 in Landshut, 1808 wählte ihn seine Vaterstadt zu ihrem ersten Bürgermeister, aber schon 1812 kehrte er nach Lands- Hut zurück, wurde 1816 Professor der Rechte in Halle n. st. das. 25. Febr. 1817. Er schr. u. a. Lehrbuch des Naturrechts, Jena 1790, 2. Aust. 1795; Beiträge zur Berichtigung n. Erweiterung der positiven Rechtswissenschaft, Jena 1792—1802; Pandektencompendium, Gieß. 1806—1807; Nene Grundlegung der Staatswirthschaftskunst, ebend. 1807—13, 2 Bde.; Lehrbuch des gemeinen deutschen Civilrechts, ebd. 1813—14, 2 Bde.; Über den eigenthümlichen Geist des Römischen Rechts, ebd. 1815—17, 2 Bde. Er gründete mit Ersch die Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften, nach seinem Tode trat Gruber an seine Stelle. 2) Christoph Wilhelm v., berühmter Arzt, Sohn des weimarischen HofrathS u. Leibarztes H-, geb. 12. Aug. 1762 in Langensalza, studirte von 1780 bis 1783 in Jena u. Göttingen, praklicirte von da ab in Weimar, zog die Aufmerksamkeit auf sich durch die Herausgabe der Anualen der Mcdic. n. Chirurg., wurde 1793 Professor in Jena, veröffentlichte hier einige seiner bedeutendsten Werke (Ideen über Pathogenie, Abhandlung über Skro- Pheln, die in fast alle Sprachen übersetzte Makrobiotik) u. gab seit 1795 das Journal für prakt. Meinem u. Chirurgie heraus, erblindete 1798 auf einem Auge u. kam 1801 nach Seiles Tode nach Berlin als Director des 6oUs§. insä.-esiiiurA., Präses der Oberexaminations-Commission, erster Arzt der Charite u. Leibarzt des Königs, nachdem er schon früher Rufe nach Leipzig, Kiel, Pavia u. Petersburg abgelehnt hatte. Dem Könige treu nach Preußen folgend, wurde er 1809 geadelt, gründete 1810 das poliklinische Institut und die medic.-chirurg. Gesellschaft, die durch Kabiuetsordre vom 31. Mai 1833 den Namen derHufelandschen erhielt, bekam bei den unter ihm eingelciteteu Reformen u. Reorganisationen die Stelle eines ersten Ministerialrathes, Director der med.-chirurg. Militärakademie sowie sämmtlicher medicin. Staatsprüfungen und die Professur für Therapie und Klinik an der neugegrllndeten Berliner Universität mit dem Prädikate Staatsrath, entwarf 1829 den Plan zu einem ärztlichen Hilfsvereine, der ebenfalls durch Kabiuetsordre seinen Namen erhielt und starb, nach allen Seiten hin hochgeehrt und anerkannt, an einem Blasenleiden 25. August 1836, nachdem er noch 1833 unter großer Theil- nahme sein 50jähriges Doctorjubiläum gefeiert hatte. Er war einer der liebenswürdigsten Menschen und einer von den Ärzten, der am Meisten eingreifend u. segensreich seine hohe Stellung ausgenutzt hat. Die Anzahl seiner Schriften ist sehr bedeutend. Er schrieb unter Anderem: Makrobiotik, oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern); Über die Ungewißheit des Todes rc.; Guter Rath an Mütter über physische Erziehung; Geschichte der Gesundheit; Lnolririäiummsä.; gab heraus: Neueste Annalen der französischen Arznei- knnde, Lpz. 1791—1800; mit Schreger u. Harleß, Journal der ausländischen medicinischen Literatur, Berl. 1802 f., 1K Hefte; mit Himly u. Harleß, u. zuletzt mit Osann, Journal der praktischen Arznei- u. Wundarzneikunde, Jena 1795—1835, 83 Bde.; allein u. mit demselben, Bibliothek der praktischen Heilkunde, ebd. 1799—1835; Journal u. Bibliothek setzte nach seinem Tode Osann fort; H. war auch Mitherausgeber des Berliner encyklopädischen Wörterbuchs der medicinischen Wissenschaften. Vgl. Augustin, H-s Leben n. Wirken, Potsdam 1836; Stourdza, Lsguisos äo Irr vis äs 2., Berl. 1837. 1 > Lagai. 2) Tamhayn. Hufthiere, Gruppe der Säugethiere, mit verkümmerten Zehen, deren Ende von Hufen umgeben ist; sie umfassen die Ordnungen der Rüssel- thiere, Paarzeher u. Unpaarzeher. Hüffel, Johann Jakob Ludwig, praktischer Theolog u. Prediger, geb. 6. Mai 1784 zu Gladenbach (Großherzogthnm Hessen), 1817 Pfarrer in Friedberg, 1825 Director des Predigerseminars in Herborn, 1829 badischer Prälat, Ministerialrath u. Oberkirchenrath in Karlsruhe, st. 26. Juli 1856. Schr.: Wesen u. Beruf des evangelischen Geistlichen, Gießen 1822 ff., 4. Aufl. 1843; Stunden christl. Andacht, Gießen 1844; Briefe über die Unsterblichkeit, 2. Aust., Karlsruhe 1832; Die Unsterblichkeit od. die persönliche Fortdauer des Menschen nachdem Tode, 2. Aufl., Karlsr. 1838; Der Pietismus geschichtlich u. kirchlich beleuchtet, Heidelb. 1846; Predigten, 2 Th., Wiesbad. 1828. Löffler. Hüffer, Hermann, Kirchen- u. Staatsrechtslehrer, geb. 24. März 1830 in Münster, studirte 1848—51 in Bonn u. Berlin die Rechte u. machte darauf eine Studienreise durch Frankreich u. Italien. Nach längerem Aufenthalt in Paris und Berlin habilitirte er sich 1855 als Docent in Bonn und wurde 1860 außerordentlicher, 1872 ordent- 474 Huflattig - sicher Professor des Staats- und Kirchenrechts; 1867 wurde er in den Norddeutschen Reichstag gewählt, wo er zu keiner Partei gehörte. Er schr. u. a.: Beiträge zur Geschichte der Quellen des Kirchenrechts, Müust. 1862; Forschungen aus dem Gebiet dvssranz.u. rhein. Kirchenrechts, ebd. 1863; Diplomat. Verhandlungen aus der Zeit der Französischen Revolution, Bonn 1868, 1. Bd., was ihn in eine Polemik mit v. Sybel..verwickelte; Ergänzungen dazu Münster 1869; Österreich u. Preußen, Lpz. 1869. Lagm. Huflattig ist InssilnM kariara, 4N Hüftbein, s. Becken. Hüstbeinkamm, so v. w. Schambeinkamm, s. Becken. Hüfte (6oxa, anat.), das Gelenk zwischen dem Oberschenkelbein u. dem Beckenknochen. Der Bau desselben entspricht der Construclion eines in der Mechanik gebräuchlichen Nußgelenkes.s Hüftgelenkkrankheiten können bestehen 1) in Verrenkungen. Der Gelenkkops tritt durch einen Riß der Hiistgelenkkapsel nach außen u. zwar am häufigsten nach hinten auf die äußere Fläche des Darmbeins. Die Kennzeichen der Verrenkung nach hinten sind: Verkürzung des Schenkels um 4—5 om; die Hinterbacke ist aufgetrieben; der Oberschenkel gebeugt; eine Answärtsbiegnug des Schenkels ist unmöglich und Versuche hierzu sehr schmerzhaft. 2 ) In Brüchen des Halses des Oberschenkels innerhalb der Gelenkkapsel; sie kommen fast nur bei alten Personen vor und gelangen wol niemals zur Heilung. 3 ) In Wunden und Quetschungen des Hüftgelenks. 4 ) In Verwachsungen Des Gelenkkopfes mit der Pfanne infolge entzündlicher Processe (Ankylose), u. 5 ) In Entzündung des Hüftgelenkes. Dieselbe tritt entweder akut nach Stößen u.dgl. aus das Hüftgelenk u. beim Gelenkrheumatismus, od. chronisch aus. Während die akuten Gelenkentzündungen nach Gewalteinwirkungen häufig in Eiterung übergehen, werden sie beim Rheumatismus meist chronisch. Die Erscheinungen bestehen in Schmerzen im Hüftgelenke, die durch Bewegungen des Schenkels, namentlich aber durch Hineinschieben des Schenkelkopses in die Pfanne bedeutend gesteigert werden, und in Fieber. Der Übergang in Eiterung wird durch den Eintritt von Schüttelfrösten angezeigt. Wichtiger, weil viel häufiger,ist die chronischeHüstgelenkentzündu ng. Man unterscheidet zwei Formen derselben, a) die deformirende Gelenkentzündung (Ualnm eoxas senile), die eine Folge der chronischen rheumatischen Entzündung sein soll u. in einer Abflachung, Abschleisnng des Gelenkkopfs mit stalaktitenförmigen Knochenwucherungen der Gelenkknorpel besteht, jedoch niemals eine Eiterung zeigt, als Haupterscheinung ein Knarren im Gelenk bei Bewegungen hören läßt und Lnmpse Schmerzen im Gelenk u. Hinken verursacht. l>) die d e structive Hüstgelenkentzündung, freiwilliges Hinken (Llanckieabio spontanen), tloxartüroonoo. Dieselbe kommt bes. bei skrophulöjen Personen, namentlich Kindern vor, entgeht in ihrem Beginn, weil sie meist nur undeutliche Ansangssymptome hat, unserer Erkennung, kann alle Theile des Gelenks betreffen u. endigt in einer eitrigen Zerstör-! - Hüftweh. ung aller Gelenktheile meist in großen Dimensio. nen. Nicht selten bricht der Eiter nach außen durch und bildet in der Umgebung des Gelenks und im Schenkel sogen. Senkungsabscesse. Die frühesten Erscheinungen dieser sehr gefährlichen Krankheit sind Schmerzen im Hüftgelenke, die bes. beim Hincinstoßen des Schenkelkopfes in die Pfanne n. häufig in der Kniegegend gefühlt werden, im Hinken und Ausruhen des betreffenden Schenkels nach geringen Gehbewegungen, u. einer Verschie. bring des Beckens und der Wirbelsäule, um den kranken Schenkel zu schonen. Durch die letztere Erscheinung kommt es scheinbar zu Verlängerungen u. Verkürzungen des kranken Schenkels. Nicht selten beobachtet man Zerstörung des Gelenks, Verrenkungen des Oberschenkelkopfes, den man meist leicht durch die gewöhnlich abgezehrten Weichtheile durchsühlen kann. Die Behandlung besteht wesentlich in absoluter Ruhe des kranken Gelenks > durch Schienen, Bandagen oder besser durch den ! Gipsverband. Das früher übliche Brennen ist I längst verbannt. Der Kranke darf nicht eher wie- ^ der von seinem Lager aufstehen, bis alle Erscheinungen der Entzündung völlig verschwunden sind, wozu oftmals 4—6 Monate gehören. Kunzr. ^ Hüftlirhme, Gesammtname sehr verschiedener krankhafter Zustände in der Gegend des Hüftgelenkes, beim Pferde die Lahmheit veranlassend. Hüftweh (Isedias, Nalnm Ootnnni), eine Krankheit des Nervus iseinackions, welche sich durch Anfälle von die Hintere Schenkelfläche durchschießenden heftigen Schmerzen charakterisirt; an dem N. isedinckieus selbst sind keine Gewebsder- > änderungen erkennbar. Je nachdem dieser oder j jener Nervenzweig der alterirte ist, strahlt der ^ Schmerz bald in die Lendengegend, die Hintere u. äußere Schenkelfläche bis zur Kniekehle, die vordere Unlerschenkelfläche, den Fußrücken, den äußeren Knöchel od. die Fußsohle aus. Meist ist der Schinerz auch in den Pausen der Anfälle nicht völlig verschwunden n. die Kranken gehen immer lahm, hinken (OlaiMoakno). Stets befällt das H. > nur einen Schenkel. Die Urs achen können bestehen in Erkältung, Druck von Kothmassen,Quetschungen des Nerven, Blutanstanungen u. Geschwülsten in der Nachbarschaft des Nerven; bisweilen bleibt das H. nach Typhus zurück. Das H. ist zu unterscheiden von Hüstgelenksentzündung und von Muskelrheumatismus. Die Behandlung hat zunächst die Ursachen aufzufassen u. passen bei rheumat. H. der heiße Dampsstrahl auf den Scheu- , kel, heiße Schwefel- od. Soolbäder, der constante > Strom, eine geordnete Kaltwasserkur. Bei der rein nervösen Form nützen Morphiumeinspritzungen unter die Haut des Schenkels, warme Bäder , (Teplitz, Warmbrunn), Einreibungen vonVeratrin- l salbe auf eine durch ein span. Fliegenpflaster entblößte Hautstelle. Bei Kothanhäufungen Abführmittel: Friedrichshall, Hunyadi-Janos, Abführpillen. Bisweilen schaffte Jodkali in großen Dosen noch in verzweifelten Fällen Hilfe. Von der eben beiprochenen Form des H., der Isdiias xostioa unterscheidet man ein aus der vorderen Schenkelfläche sitzendes schmerzhaftes Nervenleiden, bei welchem der Crurainerv der betheiligte ist, die Iseinso kindioa. Sie ist weit seltener wie die Iseksias post. 475 Hug — Hugenotten) u. stimmt mit Ausnahme des Sitzes des Schmerzes mit der Isellias xost. in allen Beziehungen überein. Kunze. Hug, Johann Leonhard, kathol. Theolog, geb. in Konstanz 1. Juni 1765 , wurde in Freiburg u. auf Reisen gebildet, 1787 Studienpräfect im Generalseminar zu Freiburg, 1791 Professor der orientalischen Sprachen, 1793 der biblischen Exegese, 1827 Capitular, 1838 Ephorus des Ly- ceums, 1843 Dekan des Metropolitan-Capitels, st. Freiburg 11. März 1846. Er ist einer der Hauptbegründer der neueren historisch-kritischen Theologie, wenn er auch gegenüber Paulus u. Strauß apologetisch auftrat. Schr.: Einleitung in die Schriften des N. T., Stuttg. 1. Aust. 1808, 4. A. 1847. Mit Hirscher gab er die Zeitschrift für Theologie heraus, Freib. 1839—42. Löffler. Hu (Hadarn, d. h. Hu der Mächtige, spielt in der keltischen Mythologie auf den britischen Inseln ursprünglich dieselbe Rolle wie Noah in der biblischen. Er war der Patriarch, der vor der großen Fluch lebte, u. mit seinen Ochsen, sein beständiges Attribut, den Avane (d. h. die Arche) aus dem See zog, sodaß er forthin nicht mehr borst. Später aber ward er von den alten Briten zu dem Rang eines ersten (Oasmov) Gottes erhoben, u. da sein Wagen aus den Strahlen der Sonne gemacht war, so darf man annehmen, daß er im Verein mit diesem Lichtkörper verehrt wurde. Doch nicht bloß H., sondern auch seine heiligen Ochsen wurden in den Himmel versetzt, wo sie während des Donners brüllten und beim Blitz im Strahlenglanz erschienen. Vgl. Ed.Davies, Mis Nz'blwkossx anü rites ok bsis Lritisir Oruiäs, London 1809 (S. 106 ff.). Bartling. Hugbald, geb. um 840, Mönch von St. Amand bei Tournay u. Lehrer der Freien Künste daselbst; er machte sich bes. um die Musik durch Ergründnng der Gesetze der Harmonie und Erfindung eigener Zeichen zur leichten Erlernung verdient, und um den Kirchengesang durch neue musikalische Behandlung mehrerer Hymnen, und st. 930; er schrieb: Gedichte, Lebensbeschreibungen von Heiligen (namentlich Vita 8. Imbuini, wichtig wegen der Beschreibung der altsächstschen Institutionen darin, im 2. Bde. von Pertz Llonnmsnta, Germanins bist.), Schriften über die Musik (in Gerberts Leripiorss seelesiastioi äs mnsiea saora), St. Blas. 1784. Hugdietrich, in der deutschen Heldensage König zu Constantinopel, Sohn u. Nachfolger des Anzns, Vater Wolfdietrichs. Vgl. Haupts, Zeitschrift für deutsches Alterthum, Bd. 5; Öchsle, Die Sage von H., Stuttg. 1834; W. Hertz, H-s Brautfahrt, Stuttg. 1863. Hügel, natürliche Erhabenheit des Bodens, die aber nicht bedeutend genug ist, um ein Berg zu heiße». Vgl. Berg. Hügel, Freiherren von H., 1) Ernst Eugen, Württemberg. General, geb. 26. März 1774 in Ludwigsburg, trat früh ins württemb. Militär, stieg während der Feldzüge von 1792—1800 bis zum Hauptmann u. 1806 zum Major, machte die Feldzüge 1807 u. 1809 im sranz. Hauptquartier, den Feldzug von 1812 als Generalmajor mit u. zeichnete sich hier bes. bei Smolensk und an der Moskwa aus. August 1813 nahm er seine Entlassung, ließ sich aber 1815 als Militärcommissär in Wellingtons Hauptquartier wieder anstelle» u. sungirte beim zweiten Frieden von Paris als württemb. Gesandter. 1816 wurde er Generallieutenant u. Vicepräsident des Kriegsministeriums u. 1817 Präsident desselben u. organisirte mit dem Kriegsminister Frauquemont das Württemberg.Armeecorps; 1820 wurde er Mitglied der Kammer der Standesherren u. 1829 Kriegsminister; 1842 in Ruhestand versetzt, zog er sich nach Kirchheim u. T. zurück u.st. das. 30.März 1849. 3) Karl Alex. Anselm, hervorragender Reisender, geb. 25. April 1796 in Regensburg; studirte seit 1811 in Heidelberg Jurisprudenz, machte den Befreiungskrieg 1813—15 in österr. Diensten u. 1821 den Feldzug gegen Neapel mit, lebte seit 1824 in Wien u. in Hietzing, bes. mit dem Studium der Naturwissenschaften u. dem Gartenbau beschäftigt. 1831 unternahm er aus eigenen Mitteln eine Weltreise von Toulon über Griechenland, Ägypten, Vorderasien, üoerstand in Tripolis die Cholera, verlor dann seine Reisebegleiter, ging allein nach Indien, Ceylon u. den Inseln des Indischen Meeres, hier aber gab er seinen Plan auf, weiter nach Osten zu reisen n. über Amerika zurückzukehreu, er kehrte über Delhi, Bengalen, das Capland, St. Helena, 1837 nach Europa zurück, brachte reiche Sammlungen mit und stistete die Österreichische Garten- bangesellschaft, deren Präsident er wurde. 1849 betrat er die diplomatische Laufbahn wieder, war bis 1859 österr. Gesandter in Florenz u. 1860—67 in Brüssel. Er lebte dann in England u. st. 2. Juni 1870 in Brüssel aus der Durchreise. Er schr.: Botanisches Archiv, Wien 1837; Kaschmir u. das Reich der Sikhs, Stuttg. 1840—42; Das Becken von Kabul, Wien 1851—52; Der Stille Ocean und die span. Besitzungen im Ostindischen Archipel, Wien 1860. Schroot.* Hugenotten (Hugenots), Parteiname der Anhänger der Kirchenreformation in Frankreich; kommt von dem aus Eidgenossen corrnmpirten Euguenots, weil sie den reformirten Schweizern anhingen; in dem sranz. Curialstil hießen sie den: äs 1a rsli- Aion xretsnäus retormss. Ungeachtet der strengen Maßregeln des Königs Franz I. gegen den Protestantismus fand derselbe bald nach seinem Entstehen in Deutschland auch Eingang in Frankreich, bes. begünstigt von Margarethe von Navarra, der Schwester des Königs; so predigte der Schweizer Melchior Wolmar seit 1523 im Süden das Evangelium u. der calvinischen Auffassung des Protestantismus traten nachher immer mehr Franzosen, namentlich auch unter dem Adel bei. Im Anfang der Regierung Heinrichs II. waren die Protestanten, bei dem Einfluß der ihnen angehörenden Bourbons am Hofe, unbelästigt; als aber die katholischen Guijen jene verdrängten, wurden, obgleich mit den deutschen Protestanten ein Bllndniß geschlossen ward, doch die H. verfolgt u. ihnen 1555 durch ein Edict die Strafe des Feuertodes gedroht. Franz II. stiftete daher die dllamdrss aräsntss gegen die H., konnte damit jedoch ihre Ausbreitung nicht hindern. Unterstützt durch Anton von Bourbon, König von Navarra, die CondeS, die Colig- nys rc., hielten sie mehrere Versammlungen, wähl« 476 Hugenotten. ten Ludwig von Conde zum Anführer u. beschlossen 1. Febr. 1560 in Nantes, dem König eine Petition um Glaubens- u. Gewissensfreiheit zu überreichen u., wenn dieselbe abgelehnt würde, mit den Waffen die Guisen zu entfernen, der Person des Königs sich zu bemächtigen u. den Prinzen von Conde zum Generalstatthalter des Reichs zu erheben. Der Hof, welchem die Verschwörung entdeckt wurde, ging nach Amboise, u. die H. rückten bewaffnet nach (daher Verschwörung von Amboise), aber sie wurden geschlagen, gefangen u. ihrer 1200 hingerichtet, worauf das Edict von Romorantin Mai 1560 den Parlamenten die Cvmpetenz über Älaubenssachen untersagte und den Bischöfen die Kctzernntersuchungen übertrug. Unter dem minderjährigen Karl IX. entwickelte sich der Kampf der Parteien am Hose heftiger, indem die Regcntin, Katharina von Medici, aus politischem Interesse die mächtig gewordene Partei der Guisen dadurch zu schwächen suchte, daß sie die Gegenpartei der Bourbons begünstigte. König Anton von Navarra wurde zum Generalstatthalter des Königreichs ernannt u. im Juli 1561 ein neues Edict erlassen, welches beiden Parteien allen Anfeindungen untersagte, den H. Amnestie zugestand u. den Schimpfnamen H., sowie die Proselytenmacherei verbot. Um den Zwiespalt gänzlich zu beseitigen, wurde 3. Septbr. 1561 das Religionsgespräch zu Poissy gehalten, welches, wie alle ähnlichen resnl- tatlos blieb; doch wurde ihnen durch das Edict vom 17. Jan. 1562, unter Aufgabe die in ihrem Besitze befindlichen Kirchen in den Städten herauszugeben, freie Ausübung ihrer Religion nur in Vorstädten u. auf dem Lande gestattet. Als der Herzog Franz von Guise 1. März 1562 in Vassi in der Champagne die H., welche in einer Scheune Gottesdienst hielten, mörderisch überfiel, griffen die H. unter Conde zu den Waffen; der Herzog von Guise, der Connetable Anna von Montmorency u. der Marschall Saint Andre thaten Gleiches, nahmen den König u. die Negentin gefangen u. erklärten die Protestanten als Ausrührer. So begann der erste H-krieg. Im Treffen bei Dreux 19. Dec. fiel der Marschall von Saint Andre; vor Orleans, welches die kgl. Truppen nach der Schlacht beiDreux belagerten, 18. Febr. 1563 der Herzog von Guise. Durch einen Einsall der Engländer in der Normandie bedroht, schloß die Regentin 19. März 1563 den Frieden von Amboise, in welchem durch das sogen. Pacisications- edict (Edict von Amboise) das Edict von 1562 bestätigt u. erweitert wurde, so daß die H. nicht bloß Verzeihung, sondern auch, mit Ausnahme einiger Bezirke u. Städte, freie Religionsübung erhielten und nun beide Parteien vereinigt den Engländern Havre wieder abnahmen. Da inzwischen die Königin Katharina, indem sie die H. nicht mehr nöthig zu haben glaubte, durch das Edict von Roussillon im August 1564 das Edict von Amboise beschränkte u. das gegenseitige Mißtrauen vonNeuem erwachte, zogConde28.Sept. 1567 vor die Hauptstadt u. eröfsnete dadurch den zweiten H-krieg. Indem Treffen bei St. Denis 10. November, wo die kaum 3000 Mann starke protestantische Armee gegen 20,000 Mann Königliche ans das Heldenmllthigste sich schlug, schrieben beide Parteien sich den Sieg zu, Conde zog sich nach Lothringen zurück, vereinigte sich dort mit dem deutschen Hilfsheer von 10,000 Mann unter dem Prinzen Johann Kasimir von der Pfalz u. rückte im Febr. 1568 vor Paris. Da schloß Katharina 27. März 1568 den Kleinen Frieden (Im petits xaix) zu Longjumeau, welcher das Edict von Amboise wieder herstellte. Aber da beide Theile den Frieden bloß nothgedrnngen geschlossen hatten u. zahlreiche Protestanten ermordet u. hingerichtet wurden u. selbst Conde u. Coligny ihres Lebens nicht sicher waren, flohen diese nach Rochelle, wo sich auch die ihnen glaubensverwandte Königin Johanna von Navarra mit ihrem Sohne Heinrich (dem nachmaligen König Heinrich IV.) zu ihnen gesellte; zogen hier deutsche Truppen an sich, erhielten englische Subsidien u. begannen den dritten H-krieg. Die H. wurden 13. März 1569 bei Jarnac, unweit Rochelle, u. з. Oct. dess. I. bei Montcontour in Poitou geschlagen. In ersterer Schlacht fiel Conde u. trat Prinz Heinrich von Navarra, von Coligny unterstützt, an seine Stelle. Die deutschen Protestanten sandten Hilfstruppen unter dem Pfalzgrafen Wols- gang von Zweibrücken u. dem Grafen Volrad von Mansfeld u. England unterstützte die H. mit Geld. So erholten sich Letztere wieder, so daß sie 1569 Nismes erobern, 1570 die königliche Armee bei Luyon u. Arnay-le-Duc schlagen, nach Paris vorrücken u. als Sieger 4. Aug. 1570 den Frieden von Saint- Germain dictiren konnten, der ihnen Rochelle, la Charitb, Montauban u. Cognac auf 2 Jahre einräumte, Religionsfreiheit (ausgenommen in Paris) zusicherte, sie in alle verlorenen Güter wieder einsetzte, aller Würden für fähig, und alle ihnen ungünstigen Edicte für aufgehoben erklärte. Der König u. seine Mutter versuchten jetzt List, indem sie Heinrich von Navarra mit Margarethe von Valois, Schwester des Königs, vermählten, 18. Aug. 1572. Am 22. Ang. wurde Admiral Coligny durch einen meuchlerischen Schuß verwundet und ein Rath unter Vorsitz des Königs, welchem die Königin Mutter u. fast alle Prinzen beiwohnten, beschloß, alle H. in einer Nacht zu ermorden, nur Heinrich von Navarra und den Prinzen Conde ausgenommen. In der Bartholomäusnacht (Pariser Bluthochzeit), 24./2L. Aug. 1572, brach der Herzog von Guise in Co- lignys Haus, u. ein Söldner erstach ihn. Eine Glocke des königlichen Schlosses gab den Bürgercompagnien das Zeichen, man eilte, die Refor- mirten anfzusuchen, zu berauben und zu morden. Ans die Straße gescheucht, fielen viele durch Schüsse aus den Fenstern; der König selbst schoß vom Balcon auf dieselben. An 5000 Protestanten fanden hier den Tod. Am folgenden Tage erging der Befehl in die Provinzen, Gleiches zu thun. Nur wenige Gouverneure wagten es, ungehorsam zu sein, und binnen 60 Tagen fielen in den Provinzen 30,000 Menschen. König Karl IL. rühmte sich im Parlament unter der Versicherung, die H. hätten Len Thron Umstürzen и. ihre Religion zur herrschenden erheben wollen, des unter den H. angerichteten Blutbades u. ver« ordnete, das Andenken dieses Ereignisses jährlich am Bartholomäustage festlich zu begehen. Hugenotten. 477 Der Angriff des Herzogs von Anjou auf die den H. noch zuständigen Festungen, besonders die Belagerung von Röchelte, erössnete den vierten H.krieg, der damit endigte, daß im Frieden vom L 4 . Juni 1573 das Pacificationsedict erneuert n. den H. in ihren Sicherheitsplätzen Montauban, Nismes u. Rochelle freie Religionsübnng, übrigens aber Gewissensfreiheit bewilligt wurde. Aber nun entspann sich die neue Conspiration der sogen. Politiker, welche unter Anführung des Herzogs von Alenxon, 4. Sohnes Franz' II., die Regentin u. die Gnisen stürzen u. ihr Haupt auf den Thron setzen wollte. Schon hatten sie mit Heinrich von Navarra u. dem Prinzen von Coude sich verbündet u. Alles war vorbereitet, als 1574 die zu voreilige Bewegung der H. der Königin den Plan entdeckte. Ihr Sohn wurde mit Heinrich von Navarra u. Mehreren verhaftet, auch einige Verschworene hingerichtet. Unter Heinrich III., kurze Zeit König von Polen, seit 1574 von Frankreich, begann der fünfte H°krieg. Prinz Coude naht mit einem deutschen Hilssheere unter dem Pfalzgrafen Johann Kasimir und verband sich März 1576 mit dem Herzog von Alen^on; im S. drang Heinrich von Navarra vor. Infolge davon machte der Hof 8. Mai 1576 den Frieden zu Beaulien, in welchem alle den H. ungünstigen Verfügungen suspendirt und den H. noch 8 Plätze eingeräumt wurden. Allein vom Herzog von Gnise bewogen, errichteten 1576 die Katholiken die Heilige Ligue, welche einen sechsten H-krieg begann, der jedoch, da die Stände dem König kein Geld bewilligten u. Zwistigkeiten die Katholiken trennten, bereits im Sept. 1577 durch den Frieden von Bergerac beendigt wurde. Der siebente H- krieg begann im Novbr. 1579, als die Gnisen, auf Anstisten der Königin Katharina, den König nöthigten, den H. die eingeräumten Plätze wieder abznsordern. CondL nahm Laftre u. Heinrich im April 1580 Lahors u. es kam 12. Sept. 1580 der Friede zu Flex zu Stande, welcher unter anderen den H. den Besitz ihrer Sicherheitsplätze noch auf 6 Jahre zugestand. Als 1584 durch den Tod des Herzogs von Anjou Heinrich von Navarra nächster Thronerbe wurde, brach der Zwist wieder los; denn die Gnisen wollten keinen protestantischen Fürsten ans den französischen Thron kommen lassen. Von Spanien mit Truppen u. Geld unterstützt, bemächtigte sich Heinrich von Gnise mehrerer hugenottischer und königlicher Plätze, und da die Ligue sich auch in Paris selbst erhob, sah sich der König gezwungen, 7. Juli 1585 das Ediet von Nemours zu unterzeichnen, kraft dessen keine andere Religion als die katholische geduldet, die resormirten Prediger in Monatsfrist, die sämmtlichen H. binnen 6 Monaten das Reich verlassen und aller ihnen eingeräumten Rechte verlustig sein sollten. Obgleich vom Papst Sixtus V. als Ketzer in den Bann gethan, rüsteten sich Heinrich von Navarra u. Conde, rückten, von England mit Geld u. von Protestantischen Fürsten in Deutschland mit 30,000 Mann unterstützt, 1587 gegen die Katholiken ax und eröfsueten den achten H-krieg, nach den 3 Häuptern auch der Krieg der drei Heinriche genannt. Der glänzende Sieg der H. bei Cou- tras 8. Oct. 1587 wurde durch einen Sieg der Katholiken bald wieder aufgehoben, welcher ihre deutschen Hilfstrnppen vernichtete. Der Herzog von Gnise hatte nun alle Gewalt in seinen Händen u. bestimmte den König zum Erlaß des Reunions- edictes von Rouen, 19. Juli 1588, worin die gewaltsame Unterdrückung der H. n. die Ausschließung Heinrichs von Navarra vom französischen Throne proclamirt werden sollte. Der König, um gegen den zudringlichen Gnise Zeit zu gewinnen, willigte scheinbar in die Forderungen und berief einen Reichstag nach Blois, ließ aber hier 23. Dec. 1588 die beiden Guise ermorden. Karl von Gnise, Herzog von Mayenne, Bruder der Ermordeten, der entronnen war, bemächtigte sich mehrerer Provinzen, drang nach Paris vor und nahm die Würde eines Generallieutenants von Frankreich an. In die Enge getrieben, vereinigte sich Heinrich III., als seine Mutter 1589 gestorben war, mit Heinrich von Navarra, wurde aber 1 . Aug. 1589 in dem Lager bei St. Cloud von dem Mönch Clement ermordet. Heinrich von Navarra erklärte sich nun als König Heinrich IV. Um das widerstrebende Paris zu gewinnen und dem Lande Frieden zu schenken, trat er 1593 zur katholischen Religion über, worauf sich die Ligue endlich auflöste. Darauf gab Heinrich IV. 13. April 1598 das Edict von Nantes, durch welches den Protestanten freie Religionsübnng (ausgenommen in mehreren Städten, wie Reims u. Soissons) u. Abhaltung von Synoden gestattet, eine Staatsunterstützung zur Unterhaltung ihrer Geistlichen gewährt, Aufnahme ihrer Kranken u. Armen in den öffentlichen Hospitälern zugesagt, der Zutritt zu allen Ämtern u. Würden u. die Besetzung der Odarndres mipartiss zur Hälfte gestattet, endlich die Sicherheitsplätze auf weitere 8 Jahre gelassen wurden. Uebrigcns wahrte das Edict von Nantes überall den Standpunkt der katholischen Religion als Staatsreligion, und enthielt eine Menge desfallsiger Bestimmungen, z. B. die Resormirten müssen die kathol. Feiertage beobachten; sie müssen den kathol. Pfarrern den Zehnten entrichten. Die Unabhängigkeit der Protestanten infolge des Edictes von Nantes verdroß die Katholiken so, daß das Parlament dasselbe erst 25. Febr. 1599 bestätigte, und obgleich nach Heinrichs IV. Tode, 1610, dessen zweite Gemahlin, Maria von Medici, n. dann ihr Sohn Ludwig LIII. das Edict beschworen, so sahen sich die Protestanten doch so gefährdet, daß sie im Nov. 1615 mit dem Prinzen Heinrich II. von Conde, welcher sich gegen den König empört hatte, gemeinschaftliche Sache machten (neunter H-krieg); zwar bestätigte ihnen der König in dem Vertrag zu Loudnn, 4. Mai 1616, ihre Freiheiten u. Privilegien, aber auf Anregung der Jesuiten erließ er 1620 ein Edict, daß in Bear» die katholische Religion wieder eingeführt n. den H. ihre Kirchen genommen würden. Dreimal, 1621, 1625 u. 1627, begannen die H. den Krieg wieder, wobei die Festung Rochelle ihre Stütze war; aber sie waren unglücklich, da die ihnen zu Hilfe gesandte englische Flotte bei der Insel Rö 8. Nov. 1627 geschlagen, 28. Oct. 473 Huggins 1628 Röchelte erobert u. Montauban, der Waffenplatz im S., eingenommen wurde; der Frieden von Mais 27. Juni 1629 bestätigte zwar das Edict von Nantes, brachte aber die H. um ihre Sicher- heitsplütze. Ludwig XIV., welcher anfangs die H. im Besitz ihrer Rechte ließ, verfolgte doch endlich, von der Maintenon u. den Jesuiten beeinflußt, die H., schloß sie 1683 von allen bürgerlichen Ämtern aus, ließ ihre Kirchen niederreißen, sie selbst durch Geistliche u. Mönche zum Übertritt zum Katholicismus zwingen, od. im Weigerungsfälle hinrichten, so daß die H. schaarenweise nach der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland auswanderten. Am 23. Oct. 1685 erfolgte sogar der Widerruf des Ediktes von Nantes. Die Auswanderungen begannen jetzt von Neuem, wurden aber bei Todes-, dann bei Galeerenstrafe verboten, die Bleibenden aber mit starker Einquar- tirung von Dragonern (Dragonaden) so lange bedrückt u. ausgesaugt, bis sie sich bekehrten. Viele änderten nun ihr Glanbensbekeuntniß, Andere (1 Will.) zogen die Flucht, selbst mit Hinterlassung aller Güter, deren Verkauf zuletzt verboten wurde, vor (RskuZiös). Etwa 2 Milk, aber hielten ihren Gottesdienst auf Bergen u. in Wäldern u. erduldeten alle Verfolgungen u. Gewaltmaßregeln; man erklärte ihre Ehen für ungiltig, schloß ihre Kinder von der Erbfolge aus, nahm dieselben ihren Eltern weg u. ließ sie in Klöstern katholisch erziehen, ja vollzog an ihren Geistlichen das Todesurtheil. Hierdurch entstand in den Gebirgen von Languedoc (den Cevennen) 1702 der Cevennenkrieg (s. d.), welchen 2 franz. Marschälle nicht ganz zu unterdrücken vermochten. Endlich gab der Hof, durch den Spanischen Erbsolgekrieg beschäftigt, 1706 die Verfolgung der H. auf. Unter Ludwig XV. begann dieselbe von Neuem, hatte aber keinen Erfolg und mußte wieder eingestellt werden. Besonders wurde die Stimmung gegen die H. günstiger durch Voltaires Bemühungen, welcher 1763 einen Traktat über die Toleranz schrieb u. auch eine Revision des Proceffes des unglücklichen Jean Calas und dessen Freisprechung bei dem Parlament bewirkte. Noch mehr verbesserte sich ihr Loos, als LudwigXVI. 1774 den Thron bestieg u. selbst 1787 eine, vom Parlament jedoch erst 1789 registrirte Verordnung erließ, kraft welcher den H. Ehe, Taufe und Bestattung nach eigenem Ritus wieder erlaubt wurden. Nach dem Ausbruch der Revolution erließ die Nationalversammlung 10. Juli 1790 ein Dekret, daß die Protestanten alle nach Aufhebung des Ediktes von Nantes ihnen entzogenen Güter wieder erhalten sollten, u. Lurch die Constitution von 1791 erhielten die Protestanten auch der Form nach gleiche Rechte mit den Katholiken, u. obschon sich später nach der Restauration unter den Bourbons mehrmals, bes. 1815 u. 1816, im S. in einzelnen Städte» das Volk gegen sie erhob, u. Gewalt- thaten u. Mord gegen sie verübte, so blieben sie doch vor dem Gesetze den Katholiken gleich. Vgl. Benoit, List, äs 1'säib äs dlanbss, Delft 1693, 2 Bde.; RulhiLre, Lels-iroisssrnsnts iaistor. snr iss eunsss äs In rsvosution äs 1'särb äs Nuntss, Par. 1788, 2 Bde.; Court de Gebelin, Wst. äss trondles äss Oovennes, Villefr. 1760, 2 Bde.; Lacretelle, Listoirs äs Kranes xsnäunb Iss xusr- — Hugli. rss äs In reiigion, Par. 1814—16,4 Bde., deutsch, Lpz. 1815; Weiß, klisb, äss rsknssiss yrotsstants äs Vranes, Paris 1853, 2 Bde. Hemie-Am Rhyu.» Huggins, William, engl. Physiker u. Astw. nom, geb. 7. Febr. 1824 zu London, widmete sich mit besonderem Eifer den Naturwissenschaften, ev richtete 1855 eine Sternwarte in Upper Tulse HU, wo er sich von 1862 an mit größtem Erfolg der spectralanalytischen Untersuchung der Himmelskörper, namentlich der Nebenflecken u. Kometen widmete und deren Spektra mit denen der irdischen Substanzen aufs sorgfältigste verglich. Auch war er der erste, welcher ourch die Spektra der Sterne deren Eigenbewegung nachwies u. die Wärme zu bestimmen versuchte, welche von den Sternen ausgestrahlt wird. r. Hughes, 1) John, römisch-katholischer Theo- löge u. Erzbischof, geb. 1798 zu Tyrone in Nord- Irland, kam 1817 nach Amerika, besuchte das Mount St. Marys College zu Emmitsburg in Maryland, wurde 1825 ordinirt u. bald daraus Prediger in Philadelphia, hatte 1830 einen Streit mit dem Presbyterianer John Breckenridge, sowie später 1840 u. 1855 mit anderen Theologen in New-Aork rc. 1850 ernannte ihn Papst Pius IX. zum katholischen Erzbischof für die Ncw-Iorker Diöcese, welche er bis zu seinem Tode, 3. Jan. 1864, verwaltete. Seine Schriften, von denen hier zu erwähnen: 6üristiuiüt§, 1847; Lias äsolins ok ikrostssts-ntism; On mir- tnrs ok oivii nnä soelssiustieal pover in tds Määls 4§ss; On blas imyortunss ok Oirristian basis kor düs soisires ok poUdioal soonow^; Mrs Outlrolio olluptsr in ills klistorx ok täs llniboä Ltutob sie., sind gesammelt, New-Aork 1864—65; sein Leben schrieb I. R. G. Hassard, New-Iork 1866. 2) R. Ball, englischer Bildhauer, geb. in London 1806, st. in Boston 18KS; Schüler Bailys, ging 1829 infolge erhaltener Aufträge nach New-Iork und fertigte dort die Statue von Alex. Hamilton für die Börse u. das Modell der Statue Nathan. Bowditch für den Guß. Außerdem hat man von ihm die Statue» eines Hirtenknaben, des Achill u. Oliv. Twists, sowie mehrere Büsten. i) Bartling. 2) Regnet. Hugi, Franz Joseph, verdienstvoller Naturforscher, geb. 23. Jan. 1796 zu Goenchen in der Schweiz, machte sich namentlich um die Natur- kenutniß des Kantons Solothurn verdient, mehr noch der Natur der Gletscher, denen er im Sommer u. Winter die größte Aufmerksamkeit schenkte. Das Wesen der Gletscher u. Winterreise in das Eismeer, Stuttg. 1842; Die Gletschern, erratischen Blöcke, Soloth. 1843 enthalten gute Beobachtungen, die aber stellenweise durch die alte Naturphilosophie getrübt werden. Dasselbe ist bei seinen anderen Schriften der Fall, unter denen Naturhistorische Alpenreisen, Soloth. 1830, Die Erde als Organismus, das. 1841 besonders zu erwähnen sind. H. st. in Solothurn, 25. März 1855. r. Hugin u. Munin (Gedanke u. Erinnerung, nord. Myth.), die Raben Odins. Hugli (Hoogly), 1) der Mündungsarm de- Ganges, an dem Calcutta liegt (s. Ganges) 8) ^ Distrikt der Provinz Burdwar in Bengalen, bewässert vom gleichnam. Fluß u. dem Damudah, 479 Hugo. zum größten Theil fruchtbar. Hauptproducte: Reis, Indigo, Zucker; 3688 Hfkm; 1,448,556 Ew. 3) Stadt am rechten Ufer des gleichuam. Flusses, 37 Kw oberhalb Calcuttas, an der Eisenbahn Cal- cutta-Benares; 1870 mit Chinsura 34,761 Ew. H. war der Hafen der Großmoguls; 1676 legten die Engländer hier eine Handelsfactorei an, welche im Anfänge des 18. Jahrh. nach Calcutta verlegt wurd? Thi-lein-mn. Hugo, 1) H. Capet, König von Frank- reich, geb. 939, Sohn Hugos des Großen und durch seine Mutter Hatwide Enkel Heinrich des Vogelstellers, war erst Herzog von Francien und Graf von Paris und Orleans, wurde nach dem Aussterben des Karolingischen Hauses mit Ludwig V. 987 in Noyon von den Großen des Reiches zum König von Frankreich gewählt u. gründete die Dynastie der Capetinger; er verband seine Stammlande mit der Krone, nahm seine Residenz in Paris, behauptete sich gegen den Herzog Karl von Lothringen mit den Waffen auf dem Throne, nahm 988 seinen Sohn Robert zum Mitregenten an, machte die Krone erblich u. st. 24. Oct. 996. 2) H., König von Italien, Sohn Theobalds, Grafen von Provence, u. der Bertha, Graf von Provence u. Markgraf von Arles, wurde 902 von dem geblendeten König von Arles zum RegeMen von Provence eingesetzt, behielt dieses Land nach dessen Tode auch und gab dein Sohne Ludwigs, KarlConstantin, nur die GrafschaftVienne. 925 von den Italienern gegen Rudolf von Burgund zu Hilfe gerufen, vertrieb er diesen aus Italien und bekam 929 (930) Italien von ihm abgetreten, gab ihm aber die Provence, mit Ausnahme der Grafschaft Arles, welche er selbst behielt. H., ein Wollüstling, der sich nur durch Härte u. Grausamkeit auf dem Thron behaupten zu können glaubte, wurde 945 auf Anlaß Berengars von Jvrea von den italienischen Großen vertrieben u. kehrte in die Provence zurück, wo er 947 in einem Kloster starb. Er war in erster Ehe mit der sittenlosen Marozia, seiner Schwägerin, dann mit der Wittwe Rudolfs von Burgund, Bertha, verheirathet. 3) H. der Große, Herzog von Burgund, Francien u. Neustrien (wegen seiner Körperlänge), der Weiße (im Gegensatz Hugos des Schwarzen von Burgund), der Abt (als Besitzer mehrerer Pfründen), Sohn Roberts, Grasen von Paris u. Gegenkönigs von Frankreich, folgte diesem 923, regierte als Minister des Louis d Ou- iremer u. seiner Nachfolger beinahe unumschränkt, wußte 936 die Abtretung der Hälfte des Herzogthums Burgund von Seiten Hugos des Schwarzen zu erlangen, schloß, als König Ludwig sich von ihm lossagen wollte, mit Heribert von Vermandois n. dem Herzog von der Normandie ein Bündniß, infolge dessen er 942 auch die zweite Hälfte des Herzogthums von Burgund nebst dem Herzogthum Neustrien erhielt. Den König Ludwig, den er ge- saugen genommen, mußte er, von Kaiser Otto d. Gr. gezwungen, wieder einsetzen. H. st. 956. H. war vermählt zuerst mit Hedwig, Tochter des Königs Eduard des Älteren von England; dann mit Hatwide (Ediths), Tochter des Kaisers Heinrich I.; zuletzt mit Rothilde, einer vormaligen Geliebte» des Königs Karl des Einfältigen. 4) H. der Große, Graf von Vermandois, durch seine Heirath mit der Erbtochter dieser Grafschaft, dritter Sohn Heinrichs I. von Frankreich, geb. 1057, unternahm 1096 einen Kreuzzug, wurde aber verschlagen, von dem griechischen Kaiser gefangen genommen, jedoch von Gottfried von Bouillon wieder befreit; 1098 kehrte er zurück, begab sich aber 1099, nach der Einnahme von Jerusalem, wieder dahin u. st. 18. Oct. 1102 an einer in Tarsus erhaltenen Wunde. 5) H. von Flavigny, Abt, Chronist, Sohn Rainers und durch seine Mutter Clotilde Neffe des Kaisers Konrad des Saliers, geb. um 1065 in oder bei Verden, ging in das dortige Kloster, floh dann nach Flaviguy, wo er, nachdem er 1095 in Italien gewesen war, 1097 zum Abt gewählt wurde; 1111 vertauschte er diese Abtei mit der zu Vannes u. starb nach 1115; er sehr.: Obronieon Viräuusnss, herausg.sim 8. Band vou Pertz' Llcmumonbs, Germanins bist. 6) H. von St. Victor, der Mystiker unter den Scholastikern, geb. 1097, wahrscheinlich von armer Familie, bei Upern, nach Anderen ein Graf von Blankenburg, wurde in dem Kloster Hamersleben erzogen, ging in seinem 18. Jahre mit seinem Oheim Hugo, Archidiakon in Halberstadt, nach Paris u. wurde hier Augustiner von St. Victor, dann Lehrer daselbst u. st. 1141. H-s rein praktischreligiöse Mystik, deren Grundsatz ist: udi oarltaa, ibi cüaritas, steht in innigem Bunde mit der Wissenschaft, weshalb er die Dialektik nur wo sie einseitig wurde, bekämpfte, und das Studium der H. Schrift, der Kirchenväter, namentlich der empirischen Wissenschaften dringend empfahl. Die beste Ausgabe seiner Werke ist die zu Paris 1526. Über ihn schrieb Liebner, Lpz. 1832. 7) H. de St. Caro, Cardinal, geb. in St. Cher (daher sein Beiname), einer Vorstadt von Vienne, um 1200. 1224 Dominicaner im Kloster St. Jacob (daher auch 8. äs 8t. äaoobo); er lehrte in Paris Theologie, wurde öfter zu gelehrten Geschäften gebraucht, erhielt 1245 den Cardinalshut und starb 1263 in Orvieto; er erhielt 1236 von seinem Orden die Correction der Vulgata aus alten Hand- schriften aufgetragen, u. aus dieser Arbeit ist das Oorrsetorium Libiias sorbovisum entstanden; er schr. u. A.: kostill» in universa biblia, Basel 1487 u. ö. 8) H. von Trimberg, deutscher Dichter, geb. in Werna (wahrscheinlich dem heutigen Wernfeld), Laie, sehr gelehrt, zwischen 1260 u. 1309 Magister und Rector der Schulen am Collegiatstiste der bambergischen Vorstadt Theuer» stadt. Er vollendete um 1300 den Renner. Ausgabe des Bamb. hist. Vereines, Bamb. 1833, 34, 3 Hefte. Vgl. den Artikel Deutsche Nat.-Liter., S. 171, u.K. Jänicke in der Germania 2, 363 ff., 418 ff., 5, 385 ff., u. im Archiv f. L. Studium der neueren Sprachen, 32, 161 ff. 9) H. von Langenstein, Dichter aus Schwaben zu Ausgang des 13. Jahrh.; war Mitglied des Deutschen Ordens u. dichtete die gereimte Legende von der hl. Martina, herausgeg. von Keller, Stuttg. 1856. 10) H. von Montfort, deutscher Dichter aus dem Geschlechts der Grafen von Moulsort, geb. 1357, zog mit Herzog Albrecht lll. von Österreich 1377 gegen die preuß. Heiden, betheiligte sich an verschiedenen Fehden, pilgerte nach dem gelobte» 480 Hugo - Land u. st. 1423. Seine Gedichte theils in Ge- sprächsform (Reden), theils in Briefform. Vgl. Weinhold in den Mittheilnngen des hist. Vereins für Steiermark, 7. Heft, Graz 1857. 11) H. v. Siena, s. Benzi. 1 — 4)Hmne-AmRhyn.' 5— 7>Löffler. 8) Zimmermann. S> 10 ) L. Hugo, Gustav, Rechtslehrer, geb. 23. Nov. 1764 zu Lörrach im Badenschen; studirte 1782 bis 1785 in Göttingen Jurisprudenz, Philosophie u. Geschichte, wurde 1786 Lehrer des Erbprinzen Leopold von Anhalt-Dessau, 1788 Professor der Rechte in Göttingen, später Geh. Justizrath u. st. daselbst 15. Sept. 1844. Neben Haubold u. Sa- vigny hat namentlich ihm das Römische Recht seine liefere Ausbildung, besonders aber seine historische Begründung zu verdanken, so daß H. der Begründer der historischen Rechtsschule genannt wer- den kann, wenn er dabei auch den Vorschlägen Leibnizens u. Pütters folgte. Sein vorzüglichstes Werk ist das Lehrbuch des civilistischen Cursus, 7 Bde., dessen einzelne Theile von 1809—1822 erschienen u. seitdem verschiedene Auflagen erlebten; daran schließt sich das Civilistische Magazin, 6 Bde., Berl. 1814—37, in den einzelnen Bänden auch wiederholt neu aufgelegt; als eine Beilage zu beiden dienen: Beiträge zur civilistischen Bücher- kenntniß der letzten 40 Jahre, ebd. 1829, 2 Bde., denen nach seinem Tode noch eine 3. Ausl. (Berl. 1845) folgte. Lagai. Hugo, 1) Graf Victor Marie, berühmter französischer Dichter, geb. 26. Februar 1802 in Besangon. Sein Vater nahm ihn 1804 mit sich nach Elba; 1805 und 1806 lebte er in Paris, 1807 kam er nach Italien, wo sein Vater als Gouverneur von Avellino mit den Banditen, bes. mit Fra Diavolo, in stetem Kampfe lag. 1809 kehrte er mit seiner Mutter nach Paris zurück, 1811 war er in Spanien bei seinem Vater, 1812 in Paris, wo er 1814 in eine Vorschule der Pools polz-tsotmigns kam. Schon 1817 bewarb er sich um einen akademischen Preis, erhielt aber infolge eines Jrrthnms der Akademie nur eine ehrenvolle Erwähnung. Seine Oäss stLallaäss 1822 verschafften ihm die Bekanntschaft der berühmtesten Zeitgenossen u. die Hand seiner Jugendgefährtin, Frl. Foucher. In den Romanen klau ä'Islanäe (1823) u. Lng-äargal (1825), sowie in dem 2. Band Oäss ob Lallaäss (1826) zeigte er Kühnheiten in Gedanken u. Sprache, infolge deren er von den Romantikern als ihr Haupt anerkannt wurde. 1827 brach er mit der Restauration und durch sein Drama Oromwsll mit dem Classicismus. Er hatte deshalb mancherlei Verfolgungen zu erleiden. Doch siegte er durch das Drama Lsrnani, das er 26. Febr. 1830 aufsühren ließ, über den Classicismus. Erst 1841 kam er in die Akademie, 1845 wurde er Pair de France. Die Julirevolution halte in ihm die Liebe zur Freiheit und patriotischem Enthusiasmus geweckt. Seit 1847 trat er daher als Politiker auf. Er wurde 1848 in die Constituirende Versammlung gewählt, wo er meistens mit der Rechten stimmte u. nach der Wahl 10. Dec. trat er zur Partei der Ordnung über. Auch nahm er persönlich am Kampfe gegen den Juniaufstand theil. In der Gesetzgebenden Versammlung dagegen war er eines der Hänpter - Huhn. der Linken. Nach dem Staatsstreich verbannt, ging er nach Brüssel, dann nach der Insel Jersey und 1854 nach Guernsey. Unterdessen griff rr Napo, leon III. heftig an (Psapolson 1s Pstit und lg, eirätimsnts, Brüssel 1852) u. wies die Amnestien (1859 u. 1869) zurück. Ebenso zeigte er mehr Begeisterung als Einsicht in seiner Betheiligung an dem Friedenscongreß (seit 1849) u. in seine» > Manifesten gegen Deutschland (seit 1870), in denen > er geradezu der Lächerlichkeit anheimfiel. Seit seiner Rückkehr nach Frankreich 1871 schloß er sich der radicalen Partei an, fiel aber 1876 bei den Wahlen znm Generalrath durch. H. ist der be, deutendste Dichter der romantischen Schule u. zeigt alle Vorzüge, aber auch alle Mängel in grellster ' Gestaltung (s. französische Literatur). Seine Bild- l ung und Weltanschauung ist mangelhaft und verworren. Eigenthümlich ist ihm die Vorliebe für die Antithese u. für die Contraste in der Men« . schennatur, für die er keine poetische Vermittelung ^ gefunden hat. Er schrieb Gedichte: Oäss st dal- j laäss, Paris 1822—26; Psuillss ä'automno (die j besten), 1832 ; I,os orisntalss ; I-ss ostants än orspasouls, 1835 ; I-ss voix. intsrisnrss, 1831; I-ss eontsmplations, 1856; I-a lsZonäg äes sisolss, 1859; Odansons äss russ st äss best, ^ 1865; I/annss tsrribis, 1870. Dramen: he ! rols'amuso, Ln§s1o, Rnz-LIas, Imorsos Lorgia, ! Llaris Puäor u. s. w. 1827—45. Romane; ^ Ülotrs-Oams äs Paris, 1831, wol sein bestes ! Werk; I-ss missradiss, 1862,10 Bde.; I-os tra- ! vaillsurs äs 1a msr, 1866, 3 Bde.; I/domms ! gui rit, 1869, 4 Bde. Ferner hat man von H. ! Opern, Artikel für die Rsvus äss äsnr mouäss, ; l-s Oouservatsur litsrairs u. den Olods, Oeuvres oratoirss und Oisoours äs l'sril, Brüssel 1853; literarische u. philosophische Abhandlungen, z. B. lV. Lllalcssxsars, 1864; Otuäs snr Niraboau; gute Zeichnungen für das Istvrs ä'strsrmos und P'artists. 2) Jules Abel, Bruder des Vor., geb. 1799, starb im Februar 1855 in Paris, ^ Historiker und Dichter; er schrieb: Pianos xitto- rssgns, Paris 1883; Pianos militairs äs 1732 ä '1833, ebenda 1834; Pianos llistorigus st . monnmsntals, 5Bde.,ebd. 1836—43. 3) CH arles > Victor, Sohn von H. 1), geb. 2. Nov. 1826 ; 1848 als Secretär im Cabinet des Auswärtigen angestellt, wurde er später zum Attachb bei der Legation von Rio-Janeiro ernannt, was einer Verbannung gleich kam, weshalb er seine Entlassung einreichte. In den Jahren 1848, 49 u. ; 50 war er Mitarbeiter ani Pvönsmsnt. 185l ; wurde er wegen Preßvergehen verurtheilt n. folgte nach dem 2. Dec. seinem Vater in die Verbann- ! ung. 1869 betheiligte er sich bei der Gründung ^ des Rapxsl. Man hat von ihm: I-e ooollon äs samt Kotoins, 1857, 3 Bde.; Oa Lodsms äoreo, 2 Bände, 1859; Uns kamills tra^igus, 1860 U. s. W. Volchert. Hugteuburg, Jan v., so v. w. Huchtenburg. Huhu Oallns T,., Gatt, der Familie Hühner, s Die Hühner besitzen einen gezackten Scheitelkamm und zwei herabhängende Hautlappen am Unter- schnabel. Gesicht u. Kinnlappen nackt, Tarsus deS Hahnes gespornt. Schwanz seitlich zusammengedrückt u. I4federig mit verlängerten Mittelsedern, ^ welche bogig herabwallen, wie die oberen Schwanzdeckfedern, wird aufrecht getragen. Die Nackenfedern sind zerschlissen und verlängert. A. Wilde Arten: Das Bankiva-H. (s. d., Rostfarbiges Wildhuhn 6. banLivu Ll«v.). Das Dschungel- H., 6. Ltanls^i V-'cr^, auf Ceylon, unterscheidet ! sich vom Bankiva-H. bes. durch die rothbraune, schwarz gestrichelte Oberbrust. Sonnerats-H. (Katukoli) 6. Lonnernti im südl. Indien, ist dunkelgrau, mit gelben Flecken auf Scheitel u. Nacken; die Schäfte der schmalen, abgerundeten Federn des Halskragens bilden am Ende zwei ^ runde Hornscheiben. Gabel-od. Zwerg-Wild- H. (Gangegar) 6. kurentrw Llsmm., lebt bes. im südlichen Indien u. auf Java. Der Kamm des Hahnes ist am Grunde blau, das Gesicht roth, die Hals- und Sattelfedern metallisch grün, elftere schwarz, letztere gelb gesäumt, Schulterdeckfedern mit gokgrüner Spitze; Schwingen erster Ordnung dunkelbraun, bieder zweiten tief orangeroth. Unterseite schwarz bis dunkelgrau. Der glänzend grünschwarze Schwanz ist gegabelt. Der mehr grauen Henne fehlen Kamm- u. Kinnlappen. L. Die Haushühner, deren Stammform nach Darwin das Bankiva-H. ist, lassen sich nach ihren verschiedenen Rassen, Schlägen u. Varietäten in 3 größere Abtheilungen bringen: Klasscuhühner, Nichtklassenhühner und Bantams, s. d. Bei den Klassenhühnern unterscheidet man ungefärbte asiatische, englische, amerikanische und spanische von Len gefärbten französisch-belgischen Rassen u. eigentlichen Haubenhühnern. Eine isolirte Gruppe der Klassenhühner sind die Barthllhner. Zu den asiatischen Rassen gehören als sederfüßige die Cochin- chinas (s. d.) und die Brahmaputras, welche den elfteren in wirthschaftlicher Beziehung gleichstehen, sie aber in der Größe überragen u. sich von ihnen durch den der Länge nach in 3 Lappen getheilten Kamm unterscheiden; als glattfnßige die Malaycn, Kämpfer und Zokohamas. Die Malayen, deren ursprüngliche Heimath Java ist, sind plump, aber hoch gebaut, haben gelbröthliches Gefieder u. meist gelbe Beine, brüten weniger gut, legen aber befriedigend; vertragen sich nicht gut mit anderen Hühnern. Die Kämpfer sind Hühner von mittlerer Größe u. leichtem Bau; kommen in verschiedenen Farbenschlägen vor. Man benutzte sie früher zu Len Hahnenkämpfen, wirthschastlich sind sie ohne Werth. Die Jokohamas bilden eine wahre Zierde für den Hühnerhof. Sie sind langgestreckt, aber Labei zierlich, von fasanenartigem Habitus. Der lange Schwanz des Hahnes wird horizontal getragen. Der Kamm ist bei beiden Geschlechtern verkümmert. Gefieder des Hahnes weiß, Sattel u. Unterleib bränulichroth; bei der Henne Rücken u. Schwanz weiß, das übrige Gefieder zimmetfarbig- weißlich. Eierzahl gering, brüten aber gut. In ihrer ursprünglichen Heimath Japan werden sie für den Hahnenkampf abgerichtet. Englische ungefärbte Rassen bilden die Dorkiugs u. das Hamburger H., von amerikanischen gehören hierher die Dominiques u. Plymouth Rock. Die Dorkings, Nationalhühner der Engländer, nur durch ihre bedeutendere Größe von dem gewöhnlichen Land- H. verschieden, sowie durch die doppelte Hinterzehe; meist grau, sehr mastsähig; oft bis 7 schwer; Pierers Universal-ConversationZ-Lexilon, ö. Ausl. X. vortreffliche Tafelhllhner, mäßige Leger. DaS Hamburger H. ist mittelgroß, auf dem Kopfe mit ausgeprägtem Rosenkamm; legt frühzeitig u. fleißig, über 200 Eier im Jahr, brütet aber schlecht. Es unterliegt weniger den klimatischen Einflüssen, ist hart u. gesund. Man hat 2 Varietäten, die gesprenkelten, penieilisck varlsties, mit schwarzen Querlinien an den Federspitzen, angeblich holländi- schen Ursprungs, u. die getupften, spanglsck, mit schwarzem Fleck an den Federspitzen. Als Hauptfarbenschläge treten auf die silber- u. goldgetupften, Silber» u. Goldlack genannt, sowie die Silber- u. Goldsprenkel u. die schwarzen Hamburger. Deutsche Varietäten sind die Alltag, od. Todtleger, Lacken- felder u. Campiner. Die spanische oder Mittelmeer-Rasse umfaßt die Spanier mit den verschiedenen Schlägen, als Minorkas, Andalusier, Anko- nas, Bergische Kräher, Schlotterkämme und die Italiener (Leghorns). Die Haltung der Spanier ist aufrecht u. stolz bei schlankem Körperbau; der einfache Kamm u. die Kehllappen stark entwickelt, Gesicht frei von Federn, Ohrlappen sehr lang u. immer weiß. Die Spanier sind anerkannt ausgezeichnete Leger, die Eier sind dabei groß. Was ihre Haltung dagegen einschränkt, ist ihre geringe Brütlust, schlechte Führung der Jungen und vor allein ihre Empfindlichkeit gegen Nässe u. Kälte. Die eigentlichen Spanier, die weißwangigen, besitzen rein schwarzes Gefieder, Gesicht bis auf Augen u. Ohr reinweiß. Sie werden häufig in Deutschland gehalten. Die Italiener, seit ein paar Jahren erst in Deutschland eingeführt, unterscheiden sich von dem gewöhnlichen Landhuhn sogleich durch den großen, zackigen Kamm u. die gelben Beine. Gefieder gelb od.röthlich, Schwanz- ».Schwungfedern meist schwarz. Schon im 6. Monate fangen sie an zu legen u. fahren damit ohne große Unterbrechung selbst im Winter fort. Neben großer Fruchtbarkeit, welche wie immer Brutträgheit begleitet, besitzen sie eine harte Natur. Man vermuthet in ihnen die directen Abkömmlinge der Haushühner der Griechen u. Römer. Die französisch-belgischen Rassen haben die Vorzüge der leichten und schnellen Mastsähigkeit, einer großen Fruchtbarkeit u. leichten Kreuzung, sind aber zarter Natur. Jedoch haben die glücklichen Versuche ihrer Einführung in Deutschland ihr leichtes Anpassungsvermögen erwiesen. Es werden hierher gehörend aufgesührt als hochgestellte Rassen die La Flöche und Bredas als niedrig gestellte die Houdans und Cröve-Coeurs Die La Fleche werden in Frankreich als die besten Tafelhühner geschätzt, besitzen keine Haube, zwei aufrecht stehende Hörner, getheilten Kamm, große Kehllappen und weiße Ohrlappen, schweren u. stämmigen Körper, Gefieder glänzend schwarz. Das Breda-H., eine belgische Raffe, in Deutschland Kräheuschnabel genannt, ist in Gestalt den vorigen ähnlich, unterscheidet sich von ihnen durch den Mangel eines Kammes und Vorhandensein einer kleinen Haube auf dem Kopfe. Gefieder einfarbig schwarz, auch weiß u. blaugrau. Die Creve-Coeurs u. Houdans bilden die wirthschastlichen Hauptrassen der Franzosen ; der Kops beider trägt eine halbvolle Haube u. volle Federbärte, der Körper beider ist gedrungen u. kräftig. Beide sind in Deutschland wegen . Band. 31 ihrer vorzüglichen Eigenschaften nach Fleisch- und Tierproduktion eingefllhrt u. mit gutem Erfolge. Die Creve-Coeurs besitzen zwei rundliche Kammhörner u. kommen in schwarzen, weißen u. blaugrauen Farbenschlägen vor, während der Kamm der Hvudans vom blätterartigen Grunde aus in zwei Hörner ausläuft u. ihre Färbung schwarz u. weiß in gleichmäßiger Mischung ist, auch besitzen sie 5 Zehen. Die eigentlichen Haubenhllhner sind gekennzeichnet durch die kugelförmige Knochenerhebung auf dem vorderen Theil des Scheitels. Ihre Produktivität ist gering, dazu sind die vollhaubigen am Sehen verhindert, so daß sie das Futter schlecht finden. Der Umstand, daß die Federn des Kopses beim Trinken leicht naß werden und dann Unrath aufnehmen, führt zu Augen- u. Kopfkrankheiten. Ihre Haltung ist fast nur Sache der Liebhaberei. Man rechnet zu den eigentlichen Haubenhühnern die Holländer, schwarz mit weißer Haube, ohne Bart, die Paduaner, weiß mit schwarzen Flecken, die Silbertupsen, oder goldgelb mit schwarz, die Goldtupfen u. a., die Brabanter mit raupenhelm- artiger Haube, sonst wie die Paduaner, nur kräftiger, die Türken- od. Sultanshühner, mit bis aus die Zehen befiederten Beinen, reichlicherer Befiederung u. 5 Zehen. Die Barthühner besitzen keine Haube, aber starken Federbart, sind nur in den Thüringer Bausbäckchen vertreten, welche die Größe unserer Haushühuer kaum erreichen u. der Färbung nach als schwarze, Gold- u. Silber-Barthühner auf- treten. Als nicht classificirte Rassen u. Schläge werden ausgestellt die Dumpies, in Schottland heimisch, die schottischen Grauen, die russ. Hühner, Russian Vorvls, in Schottland u. Nord-Amerika gezüchtet. Dann die Klutt- od. Klump-, Kaul-, Kuhlhühner, ohne Schwanz und in verschiedenster Färbung. Die Strupphühuer, Friesen, Kraushllhner erhalten durch die nach vorn umgcbogenen Federn des Gefieders ein struppiges Aussehen. Meist mit Rosenkamm, Knochenbau zart, Füße schwarz, sonstige Färbung variirt; ökonomischen Werth besitzen sie nicht. Die Seidenhllhner, Woll- oder Haarhühner, derenGefieder wegen Mangels der Wimper- häckchen an den Fäserchen der Strahlen wollig oder haarig erscheint, besitzen tief violett bis schwarz gefärbte Körperhaut, welche Färbung sich auch über Kamm, Kehl- u. Qhrenlappen erstreckt. Selbst die Knochenhäute, sowie das Fleisch sind dunkel; das Gefieder ist rein weiß. Das Seidenhuhn hat auch wirthschastlich verwerthbare Eigenschaften: es wird zur Aufzucht zärtlicher Rassen, als Fasanen, Rebhühner rc., sehr empfohlen, da es Neigung u. Ausdauer im Brüten besitzt und mit Sorgfalt die jungen Küchlein führt. Die Eierproduktion ist kaum nennenswertst, dagegen soll das Fleisch bes. wohlschmeckend sein. Die siamesischen Seidenhühner, Haarhühner, von Brit. Ostindien nach Europa eingefllhrt, haben gewöhnliche Haut- u. Fleischfarbe, einfachen Kamm, der, wie die übrigen nackten Theile des Kopfes, roth ist; der Schnabel und die Füße sind gelb. Die chinesischen Wollhühner mit wolligem Gefieder gleichen den Siamesen, erreichen aber die Größe der Landhühner. Man kennt auch Zwerg-Seiven- hühner, so das gewöhnliche, eine kleinere Form des siamesischen, u. das schwarze Zwerg-Seidenhuhn, ein ins Kleine gezüchtetes japanesischez Seidenhuhn. Die Neger- oder Mohrenhllhner stimmen in den dunkeln Farben der Körpertheile mit den Japanesen überein, haben aber flächen- sahnige Federn; sie sind Kreuzungsproducte. Als Landhühner bezeichnet man alle Hühner, die keine vorstehenden Merkmale besitzen; sie zeigen die größten Abweichungen in Gestalt, Größe, Färbung u. Zeichnung. Die Hühnerzucht wurde schon sehr früh be- ' trieben. In Indien, China u. Japan stand sie von Alters her in Blüthe. Von dort her verbreitete sie sich über Centralasien nach Ägypten und Europa. Die Kampfhühner von Medien, Tanagra u. Chalkis waren bei den Griechen und Römern berühmt. Aristoteles, PliuiuS u. A. erwähnen Zwerg- u. Kampfhühner; zu Catos und Barros Zeiten existirten größere Hühnerzüchtereien. ! Die Ägypter brüteten Hühner- und Gänseeier in Brutofen aus. — Das Princip der Zucht in einer , bestimmten Richtung wurde erst in den letzten Jahren in England, Frankreich, Holland u. Nord- ^ amerika beachtet und war bes. durch die bester! Kenntniß des Ernährungsprocesses erfolgreich, l Betreffs der Auswahl der Futtermittel wechsele mau zwischen animalischen (Milch, Fleisch, Würmer) u. vegetabilischen Stoffen (Bohnen, Erbsen, Hafer, ' Weizen, Buchweizen, Gerste, Mais, Reis, Hans, gekochte Kartoffeln), oder gebe beides in Mischung, verändere das Futter je nach Jahreszeit, Alter, Gesundheitszustand u. besonderen Zwecken (Tierproduktion, Mast rc.); vgl. Geflügelzucht. Das Futter wird den Hühnern in drei Mahlzeiten täglich verabreicht; können die Hühner im Freien viel Nahrung finden, so reicht oft eine mittägliche ^ Fütterung aus. Die Mauser (Rauhe) beginnt gegen den Herbst u. dauert 6—8 Wochen. Der Hahn zeichnet sich bei allen Rassen durch Größe, Bau, stolzen Gang, schönes Gefieder u. Sporen an den Füßen, welche sich mit dem Alter verlängern, vor der Henne aus. Er ist durch seine , Wachsamkeit die Uhr des Landmannes und auch ! dessen Barometer, da er durch sein Krähen die ,, Veränderung des Wetters anzeigt. Der Hahn g liebt seine Hühner sehr u. vertheidigt sie muthig mit Schnabel u. Sporen; er ist aber auch sehr eifersüchtig und duldet in seinem Bereich keinen Nebenbuhler. Ein Hahn genügt, um mindestens 15 Eier zu befruchten. Bei den Rassehühnern bildet ein Hahn mit drei Hühnern einen Hllhner- stamm. Die Hühner legen, gut gefüttert u. warm > wohnend, jährlich etwa 8 Monate, u. in diesem Zeit- ! raum kann man 4 verschiedene u. veränderliche Lege- I zeiten unterscheiden, in welchen die Henne 96—130 ^ Eier legen kann. Von den Rassehühnern legen über ! 182 Eier die Houdans, Crbve-coeurs, Hamburgs, die Andalusier u. Dominiques, welche, mit Ausnahme der Hamburgs und Dominiques, zugleich . auch die bedeutendste Größe besitzen. Junge > Hühner legen besser als alte u. beginnen damit, 6 Monate alt. Hat die Henne 15—26 Eier gelegt, so beginnt sie zu glucksen (gackern) und will brüten; eine Zeitlang kann mau dies hindern, wenn man immer die Eier wegnimmt. Zum Brüten nimmt man ein 2- bis 4jähriges, nicht t zu wildes H. (Bruthenne), oder einen mit Bräunt- " 483 Hühner — , wein trunken gemachten Kapaun. Ausgezeichnete Brüter sind die Cochin- u. Dorkinghennen, sowie die Brahmas. Auch Truthühner werden zum Ausbrüten verwandt. Man kann ihnen 25 Eier unterlegen und sie selbst zweimal hintereinander brüten lassen. Der Brütort muß still, ruhig und warm, die Eier von alten Hühnern sein. Spitzige Eier sollen mehr Hähnchen, abgestumpfte mehr Hennen geben. Im Winter läßt man eine Henne 9—11, im März 13—15, im April 17—20 Eier bebrüten. Die Eier werden in 20—22 Tagen ausgebrütet. Um zu sehen, welche Eier Junge enthalten, hält man die 12 Tage lang bebrüteten Eier gegen die Sonne; in den dunkeln sind Junge. Die Küchlein durchbrechen die Schale mit dem Kalkhöcker am Schnabel; zuweilen hilft auch das alte H. mit seinem Schnabel nach. Die Küchlein werden mit der Gluckhenne in einen eng geflochtenen Hllhnerkorb mit weicher Unterlage gethan, aus dem die Küchlein nicht hervorlausen können, u. nach 7 Tagen in einen etwas weiter besproß- ten gebracht, aus welchem die Küchlein heraus können, nicht aber die Glucke. Man füttert sie zuerst mit gestampfter Hirse, Grütze, Gras, saurer, geronnener Milch, Erbsenbrei rc., oder mit harten Eiern, mit Weißbrod u. Grünem gemischt, und nach 14 Tagen mit Hafermehl. Noch später läßt man die Gluckhenne, welche den Jungen unter ihren Flügeln Wärme gibt u. sie vertheidigt, mit den Küchlein frei herumlaufen. Diese verlassen nach 2 Monaten die Henne, legen im 6. Monate Eier und sind nach 15 Monaten ausgewachsen. Die jungen Hühner sind entweder zur Zucht oder vorzüglich zum Verspeisen geeignet. Kennzeichen der Mastungsfähigkeit und zarten Fleisches ist bläuliche Färbung der Füße. Die Mästung (s. Geflügelzucht) muß in 25 Tagen vollendet sein. Um vorzüglich zartes Fleisch zu erhalten, macht man die Hähnchen durch Castriren zu Kapaunen, Hennen zu Poularden (s. Geflügelzucht). Sporen, Kamm und Bartlappen der Kapaune schneidet man gewöhnlich ab u. setzt oft in die Wunde des Kammes die Sporen ein, die dann fortwachsen. Die Kapaunen wachsen geschwind, mausern sich aber nicht wieder, Hals- u. Bürzelfedern werden lang, die gekrümmten Schwanzfedern (Kapaunen- federn) größer, die Stimme heiser, u. das Thier wird bes. zahm u. geduldig, sehr fett, weiß und zart. Hühnerfleisch ist sehr zart u. verdaulich u. deßhalb vorzüglich zur Krankenkost geeignet. Alte Hühner werden meist gekocht verspeist und geben dann feine Bouillon. Junge Hühner u. Kapaune werden gewöhnlich gebraten, seltener fricassirt od. auf eine andere Weise zubereitet. — Der Hühner- stall muß geräumig, im Winter warm u. gegen Raubthiere verwahrt sein, eckige Stangen u. zum Eierlegen von Stroh geflochtene, mit Heu oder Stroh gefütterte flache Nester, auch eine zur Öffnung führende schmale, mit Latten benagelte Huhnersteige haben, oft gefegt u. am Boden mit Sand u. Asche gegen Ungeziefer bestreut werden. In großen Gütern ersetzt den Hühnerstall meist ein Hühnerhaus mit besonderen verschließbaren Abtheilungen für Truthühner, Kapaune u. Bruthühner. Züchter im Großen theilen auch den Hühnerhof in entsprechende abgeschlossene Grasplätze. Hühnermist dient als Dünger bes. für Spargelbeete, Wiesen u. Klee. Die Verwendung der Hllhnersedern s. Federn. — Lästige u. unangenehme Angewöhnungen der Hühner sind das Eiersressen und Federnausziehen. Gegen ersteres biete man in anderer Weise den Hühnern Gelegenheit, die zur Eischalenbildung nothwendige Kalkmenge zu erlangen u. entferne nöthigenfallS die eben gelegten Eier. Das Federnausziehen der Hennen wird dem Mangel an Wasser zugeschrie- 5en; das einzige sichere Mittel dagegen ist sofortige Entfernung der damit behafteten Thiere von dem Hühnerhofe. Hühnerkrankheiten: die Hühnerseuche, epi» demisch u. ansteckend, verschont, wo sie ausbricht, wenig Hühner; meist nach zwei Tagen tödtlich; Zeichen: die Lunge der gestorbenen Hühner entzündet u. mit schleimigem Wasser umgeben; Mittel dagegen: schwaches Kalkwasser, auch Knoblauch u. etwas Salz, in gleichen Theilen Wein, Wasser u. Baumöl gesotten; ferner Pips, Darre, Verstopfung, Durchfall, Katarrh, Fallende Sucht, Krätze, Podagra, böse Augen, Kropf; auch Läuse quälen sie. Bei Ausbruch von Krankheiten ist als allgemeines Mittel Wohuungs- u. Nahrungswechsel zu empfehlen, sowie doppelte Reinlichkeit. Die meisten Krankheiten sind Folge von Kälte, Nässe, unpassender oder schlechter Nahrung und schlechtem Trinkwasser. — Berüchtigte Feinde der Hühner sind Füchse, Marder, Hermelin, Wiesel, der Hühnerhabicht, Milane u. Weihen, ferner die Krähen u. die freche Elster. Katzen taugen nie in einen Hühnerhof, ungesehen überfallen sie die Küchlein u. wissen geschickt ihre Beute zu verbergen; von den Verbrechen, welche man den anderen Raubthieren zuschreibt, kommen gar viele aus ihr Conto. — In der Mythologie der Griechen und Römer nahm der Hahn als wachsames Thier eine bedeutende Stelle ein; er war dem Mars heilig, und sein Krähen wurde, bes. in Beziehung auf Krieg, für weissagend gehalten. Zugleich war er aber auch dem Apollon, der Minerva (Symbol der Wachsamkeit), dem Äsculap (welchem Genesene einen Hahn opferten), dem Mercur, der Nacht u. den Laren geweiht. Die Römer hielten Hühner, welche zu den Augurien verwendet wurden, s. LmTurium. Vergl. Löffler, Die Zucht der ausländischen Hühner in Deutschland, Berlin 1857; Hamm, Die rationelle Zucht, Haltung u. Nahrung der Hühner, Lpz. 1858; L. Wright, Mrs IIIu- stratsck Look ob koultr^, Lond.; E. Baldamus, Jllustr. Handbuch der Federviehzucht, Dresden 1876; R. Oettel, Der Hühner- u. Geflügelhof; Wegener, Das Hühnerbuch, Leipz. 1877. Zeitschriften: Die gefiederte Welt von Karl Nuß, Berlin; Blätter für Geflügelzucht von I. Braun, Dresden; LeipzigerBlätterfürGeflügelzucht. Farwick. Hühner (ölalünas), so v. w. Fasanen 1). Hühnerauge (Olavuo), ein Leiden der Haut an den Füßen, das durch drückende Fußbekleidung entsteht. Es beginnt mit einer schwieligen Verdickung der Oberhaut, die bei fortgesetztem Druck mit nagelähnlichem Zapfen in die Lederhaut hereinwuchert. Durch Entzündung der Lederhaut, zuweilen auch der darunter liegenden Knochenhaut, wird das Übel äußerst empfindlich. Durch vor- 31 * 481 Hühnerdarm sichtige Entfernung der harten verdickten Oberhaut läßt sich dieser Schmerz beseitigen, doch nur vorübergehend, da sich die schwielige Oberhaut in kurzer Zeit wieder neu bildet. Eine radicale Beseitigung des Übels ist nur dadurch möglich, daß man den veranlassenden Druck der Fußbekleidung aushebt. Sehr gute Dienste leisten die sogen. H-n- Riuge» aus Wolle, durch welche die H-n vor Druck oder Reibung geschützt werden. Jahn. Hühnerdarm, 1) die Pflanzengattung Nisins; 3 ) Rother H., ^.ns.§aI1is arvsusis. Hühnerhabicht (Hühnerfalke), s. Habicht. Hühnerhund (Vorstehhund), Hunderasse aus der Abtheilung der eigentlichen Jagdhunde, bes. zur Hasen-, Rebhühner-, Fasanen-, Schnepfen-, Entenjagd u. dgl. bestimmt, von mittlerer Größe, mit starkem Oberkopfe, breiter Stirn, lebhaften, nußbraunen Augen, breiter Nase, großen, weitgeöffneten Nasenlöchern, breitem, langen Behänge (Ohren), breiter Brust, starkem, aber nicht plumpem Knochenbau; braun, schwarz, hellbraun, gelb, weiß, braun u. weiß gefleckt, weiß u. schwarz getigert, auch lang- und kurzhaarig. Über das Naturgeschichtliche s. Hund. Der H. sucht das oben genannte Wild auf, zieht sich an dasselbe langsam heran u. steht (vorsteht) dasselbe, d. h. er bleibt 10—12 Schritte vor demselben unbeweglich stehen u. zeigt durch festes Blicken darnach oder irgend ein Zeichen, häufig durch Aushebung des Hinterfußes, an, daß er etwas gefunden habe. In dieser Stellung bleibt der Hund ruhig, bis der Jäger an ihn heran- oder in einem Kreise um ihn herumgeht (kreiset) und das Wild erblickt. Nur auf Befehl des Jägers jagt der Hund den Hasen oder die Hühner aus dem Lager auf; auch nur, wenn es ihm besohlen ist, darf er den angeschossenen Hasen verfolgen u. fangen, muß denselben dann aber auch weit verfolgen u. appor- tiren. Ein gut dresfirter oder fermer H. muß auf Pfeifen oder Zuruf genau folgen, er darf nicht zu viel Feld einnehmen (schwärmen), d. h. höchstens 40—50 Schritte vom Jäger entfernt suchen, er darf nicht jagen, nicht vor dem Schie- ßen oder dem Zuruse das Wild verfolgen (nachprellen), nicht das gefangene Wild rupfen oder anschneiden» nicht bloß nach der Fährte, sondern auch nach dem Wilde suchen, muß die Nase hoch tragen, auch nicht gerade aus, sondern hin u. her suchen. Sein ganzes Benehme» beim Suchen heißt die Suche; Fehler u. Tugenden dabei erben gewöhnlich in der Raffe fort. Ein H. muß endlich auch im Holze suchen und aus dem Wasser apportiren; für die Wafferarbeit hat die langhaarige Raffe mehr Ausdauer. — Die Abrichtung des H-es (das Arbeiten, Dressmen) zerfällt in die Stuben- und Felddressur. Durch die erstere lernt er, jedesmal aus Befehl des Jägers zu diesem, u. zwar bes. auf den Ruf avanes! halb gehend, halb kriechend heranzukommen, niederzusitzen u. sich zu legen (tont bsau oder eouolls zu machen), und verschiedene Sachen, zuerst den Dressirbock, dann Hasenbälge, Vögel u> a., richtig zu apportiren, wobei er dieselben auf den Ruf: Faßt (tüons) leise anpackeN, auf Hierher! (avanoe-axporte) herbeibringen und auf Aus! (laisssr) loslaffen oder hergeben muß. Durch die Felddressur wird er — Huisne. alsdann gelehrt, dem Jäger bei der wirklichen Jagd im Freien in der oben bezeichneten Weise behilflich zu sein, insbesondere sich bei der Suche nicht durch kleine Vögel, Mäuse ,c. irre machen zu lassen, fest vorzustehen und sich jederzeit, auch von der befohlenen Verfolgung des Wildes, wieder abrufen zu lassen. Die hierbei gebräuchlichen Zurufe sind: Such! (Lllous ebsrclrs), dann Halt! Wahr Dich! wenn der Hund feststehen, Faß! wenn er das Wild aufjagen soll. Mit Pfui, Has! oder Pfui, Vogel! wird ihm angedeutet, daß er diese oder jene Wildart nicht annehmen oder verfolgen soll. Vielfach wird der H. auch noch zu anderen als den vorgenannten Jagdzwecken verwendet; er ist unter allen Jagdhunden der am meisten und vielseitigsten gebräuchliche. Vgl. Nolde, Der Hühner-od. Vorstehhund, dessen Erziehung, Dressur». Leipzig 1877. Wimmenauer I-, Hühnerschwanz, s. Pfautauben. Hühnerstelzen (Mootoriäas), s. Trappenartig! , Vögel. !> Hühnervögel (Scharrvögel), Rasorss IL, Oallinas L. z>., Ordnung der Vögel; Leib gedrungen, Beine kräftig, Schienen meist ganz befiedert, Lauf vorn mit Halbringen, hinten sechseckig getäfelt; Sitzsllße; Nägel der Zehen platt u. stumpf; Schnabel in der Regel halb so lang als der Kopf, Spitze desselben kuppig, am Grunde mit harter Nasenklappe u. von weicher Wachshant überkleidet, Ränder des Oberschnabels übergrei- ' send. Der kleine Kopf ist meist durch grell gefärbte, nackte Stellen oder Federschöpfe ausge-, zeichnet. Die kurzen, gewölbten Flügel erlauben ihnen nur schwerfälligen Flug, während die, kräftigen Beine zum Nennen gebaut sind. Äußere Geschlechtscharaktere treten in hervorragender Weise auf, vorzüglich in der Entwickelung von Haut- j anhängen u. in der Befiederung. Sie sind Nest- ! flüchter, leben meist am Boden, suchen scharrend ihre Nahrung: Grünfutter, Körner, auch niedere Thiere. Die H. sind in 320 Arten über die ganze > Erde verbreitet, doch sondern sich gewisse Gruppen nach begrenzten Verbreitungsbezirken ab. Auch fossil treten sie im Diluvium auf. Hierher die Familien: ktsroolickas Lx., Steppen- oder Wllstenhühner; si'etraoniäas Leae^., Feldhühner; kdusiamäa« echte Hühner; Nsxapockickas Leos., Großfuß- hühner; ksnslopickas. Baumhühner. Farwick. Hühnerwasser, Marktflecken im böhm. Bez. Böhmisch-Leipa (Österreich), südöstlich von Niemes; Schloß; 1518 Ew. — Hier 26. Juni 1866 siegreiches Gefecht der Avantgarde der prenß. Elbarmee gegen Theile des österr. ersten Corps. Huimling (Hümmling), eine bis 63 m hohe, von Morästen u. Heidesteppen durchzogene Sandfläche im Kreise Meppen der preuß. Landdrostei Osnabrück; sie hat etwa 40 Lm im Umfang und eine dünne und sehr arme Bevölkerung, welche meist auf einzelnen Höfen in elenden Häusern wohnt u. hauptsächlich Vieh- u. Bienenzucht treibt. Huisne, ein 132 Lru langer Nebenfluß der Sarthe in Frankreich, entspringt im Arr. Mor- tagne des Dep. Orne auf den Hügeln von Per- venchdres, geht über in die Dep. Eure-et-Loire n. ) Sarthe und mündet in letzterem links unterhalb l Le Mans. 485 Huissier - / Huissier (fr., von dem altfranzösischen Kurs,! l die Thür), Lhürsteher am französischen Hofe; ^ Pedelle bei den Sitzungen des französischen Se- nats. Sodann auch von der Verrichtung des Thür- ^ ! Hüterdienstes her niedere Gerichtsbeamte, welche > die nach der Geschästsrolle zu verhandelnden Sachen - auftufen u. auf Ruhe u. Ordnung halten; außer- - dem besorgen sie in dem im ordentlichen Proceß nöthigen schriftlichen Vorverfahren u. in Sachen, i welche vor das Gericht gehören, bei welchem sie angestellt sind, die Schriftmittheilung an die Parteien (ZiMiüoations), u. zwar ohne Dazwischen- d knifft des Gerichtes. Endlich in der franz. Ge- ^ richtsorganisation und da, wo französisches oder ; diesem nachgebildetes Proceßverfahren eingeführt ist, bei den Gerichten funclionirende Beamte (ok- ' üeisrs minisbsriols), von dem Richter unabhängig, n. mit selbständiger Amtsgewalt bekleidet, vermöge welcher sie selbst Befehle geben u. zugleich rechts- gütige Protokolle (kroeso vsrbanx) ausnehmen. E Sie fertigen, auch ohne Dazwischenkunst des Ge- I lichtes u. auf bloßen Parteiantrag, die bei ihnen c übergebene Klage aus u. stellen dieselbe dem Beit klagten mit einem Ladungsbefehle (Ljonrnsmont, i ^.ssiAnabian) u. einem blrploit zu, welches meist > schon vom Sachwalter der Partei entworfen ist j u. dann nur vom H. weiter besorgt wird. Noch s üben sie eine vollstreckcnde Gewalt aus, indem sie ! auf gesprochene Urtheile od. auf Urkunden, welche, i ohne daß erst richterlich erkannt wird, vollstreckbar ' sind, die Execution verfügen. Im Deutschen sind ! sie Gerichtsvollzieher genannt u. ist das Institut ! derselben auch in den Entwurf der allgemeinen deutschen Civilproceßordnung ausgenommen. Lagai? i llujus (lat.), dieses; 3. msnsis, dieses Monats; 8. amu, dieses Jahres. Huk, 1) eine kleine, in das Wasser hineintretende Landspitze; 2) eine Fischangel, von dem engl. Iroolr, d. i. Haken; in diesem Sinne auch noch in den Zeitwörtern aufhuken, einhuken im Gebrauche. Huker, ein bei Holländern, Dänen u. Schwe- !! den zum Fisch - u. Hummersang viel gebrauchtes ! i Fahrzeug, welches einen Hauptmast mit drei Raaen >' u. einen kleinen, durch das Deck gehenden Besau- ) mast (vgl. Schmack) führt; beide Masten haben Gaffelsegel. Das zum Ein- u. Ausrennen eingerichtete u. daher auch Ausleger genannte Bugspriet wird noch durch den Jagerstock verlängert. Früher gab es noch dreimastige H., welche den l Galioten sehr ähnlich sahen; jetzt kommen noch ! H-jachten vor, die einen Mast mit einem Raa- u. ' einem Gaffelsegel führen und vorzugsweise zum Hummerfang gebraucht werden. N°st- n Hukeu (Hukow, Hukau), bedeutende Handelsstadt in der chines. Prov. Kiangsi, am Jantse- kiang, unweit des Pojang-Sees. Durch den englisch-chinesischen Vertrag vom 13. Septbr. 1876 Ausländern zum Abgeben und Einnehmen von Gütern, aber nicht zur Niederlassung eröffnet. ^ Hukuang, früher chines. Provinz, jetzt getheilt K in die Provinzen Hupeh u. Hunan. A Hulagu (Hulaku), Sohn von Tulei-Kha», dem A 4. Sohne Dschingis - Khans, Bruder des chine- K fischen Herrschers Kublai, überschritt 1256 n. Ehr. R mit einem großen Heer den Oxus, vernichtete die - Hüll. Jsmaeliten, erstürmte 1258 Bagdad, stürzte und ermordete den letzten Khalifen Almustassim, eroberte Mesopotamien u. Syrien und stiftete die Dynastie der Jlkhanier in Persien (s. d. Gesch.). Er st. 1264 in Maragha, ein einsichtsvoller und den Wissenschaften, namentlich der Astronomie, geneigter Fürst. Th. Huldigung, die Handlung des Uuterthanen, durch welche er sein Unterthanenverhältniß zum Landesherrn anerkennt u. diesem bei seinem Regierungsantritt Treue u. Gehorsam eidlich (durch den H-seid) gelobt. Die H. ist entweder solenn, wo der Fürst, unter einem Throne sitzend, den Eid von sämmtlichen Bürgern einer Stadt oder von den Ständen empfängt; od. sie erfolgt durch Bevollmächtigte des Fürsten. Alle Uuterthanen haben die H-spflicht, u. der Fürst sie zu fordern, das H-srecht. H-slehn, an einigen Orden die Lehnwaare, welche die Uuterthanen einem neuen Erbherrn, gleich nachdem sie die Lehn von ihm erhalten haben, entrichten. Hule, Bahrel H. (Merom, sonst Samacho» nitis), See in Syrien, nördlich vom See Gene- zareth, in einer fruchtbaren weiten Thalebene, 83 m ü. d. M., im N. mit sumpfigen, von der Papyrusstaude dicht umwucherten Ufern, wird vom Jordan durchflossen. Eine Unmasse von Wasservö« geln beleben ihn. An seinen Ufern lag Seleukia n. Haroseth Haggoim u. hier schlug Josua die mit Jabin von Hazor verbündeten Kanaaniter. Schroot. Hülse re., s. u. Hilfe rc. Hulk (Holk, Seew.) nennt man alte, nicht mehr zum activen Dienste taugliche, abgetakelte u. oft auch bis zu einer gewissen Höhe abgewrackte (niedriger gemachte) Schiffe, vornemlich der Kriegsmarine, deren Rumpf noch gesund genug ist, um auf Jahre hinaus noch als Vorrathsraum (Kohlen rc.) zu dienen, od. um das Aufsetzen starker Krähne zu vertragen, so daß ein solcher H. als schwimmender Krahn zum Einsetzen von Masten in andere Schiffe benutzt werden kann. Hüll (Kingston upon H.), Stadt im East Riding der engl. Grafschaft Jork, an der Mündung des Flusses Hüll in den Humber, in einer flachen Ebene, theilweise unter dem Meeresspiegel (während der Flnth) und durch Eindeichungen gegen Überschwemmungen geschützt. Der älteste, unregelmäßig gebaute Stadttheil westlich von der Mündung LeS H. wird von mehreren Docks und dem H. z. Th. umschloffen. Außerhalb dieser Docks liegt der an schönen Gebäuden reiche neuere Stadttheil, östl. vom H. die Citadelle u. die Vorstadt Witham. Auf dem Hauptplatze steht die Bildsäule Wilhelms III. und bei der Brücke über den H. eine zu Ehren Wilberforces errichtete Säule. Die Einmündung des H. in den Humber bildet den Hafen (einer der bedeutendsten Handelshäfen Großbritanniens), durch ein Fort geschützt. H. hat ausgezeichnete Docks, welche zusammen eine Fläche von 14 da bedecken, u. ist der Hauptplatz für den ^ Handel Englands mit NEuropa, bes. mit den Ostsee-Ländern. Unter den 51 Kirchen u. gottes« l dienstlichen Gebäuden ist die Dreieiuigkeitskirche > (von 1312) die älteste und bemerkenswertheste; . außerdem hat die Stadt ein Stadthaus, Zucht- ! Haus, eine Börse u. Kornbörse, öffentliche Bäder 486 Hülle — ein Irrenhaus, 2 Versorgungshäuser, davon eins (Irinibz- iaouss) sür Seeleute u. deren Wittwen, eine Arzneischule, Seeschulc, Lateinische Schule, einen botanischen und einen zoologischen Garten, eine literarisch-philosophische Gesellschaft mit Museum, ein Handwerker < Institut mit Museum, Loz-nl Institution (für Vorlesungen rc.), zwei Theater, Baumwollen- u. Flachssabriken, Maschinenfabriken, Eisenwerke, Fabriken sür Öl, Oel- kuchen, Chemikalien, Zucker und Töpferwaaren, Getreide-, Knochen- u. Sagemühlen, Ketten- und Aukerschmieden, Seilerbahnen, Schiffswerfte rc., Fischerei, sehr lebhaften Handel; (1871) 121,892, 1876 geschätzt 136,933 Ew. Der Werth der im Jahre 1874 ausgesührten Maaren (Baumwollen- und Wollcnwaaren, Maschinen, Thonwaa- reu rc.) belief sich aus 516 Millionen Ll, der der eingeführten Maaren auf 318 Mill. Ll. In den Hasen von H. liefen im Verkehr mit dem Auslande ein Schisse von 2,227,335 und im Kllsten- handel Schisse von 442,851 Tonnen Gehalt. Es besitzt selbst 725 Seeschiffe (darunter 194 Dampfer) von 175,072 Tonnen Gehalt u. etwa 700 Fischer- boote. H. sendet zwei Mitglieder ins Parlament u. ist die Vaterstadt des Sklavenbefreiers Wilber- force. — H. wurde von Eduard I. angelegt, wuchs schnell u. wurde mit Mauern umgeben u. erhielt von Heinrich VI. Stadtrecht. 1642 machte es Karl I. zum Waffeuplatz für die nördlichen Lande u. legte daselbst große Magazine an; als er sich aber in der Revolution derselben bedienen wollte, verschloß ihm der Stadtgouverueur, John Hotham, die Thore, u. nun belagerte er die Citadelle vergebens. H- Berns. Hülle (Involucrum, Bot.), mehrere durch Verkürzung der Jnternodien quirlig gestellte (Umbol- lilsras) oder dachig ungeordnete (Oomxositas) Hochblätter (Hüllblätter), welche auch bisweilen mit einander verwachsen. Die H. der Döldchen bei zusammengesetzten Dolden heißt Hüllchen (Invoiueoilum). Engler. Hülle, Anselmus van H., Porträtmaler aus Gent, geb. zu Gent um 1600, gest. 1685; malte die Bildnisse der Fürsten, Minister u. Abgesandten beim Münsterschen und Osnabrllckschen Friedensschlüsse. Die besten Kupferstecher der damaligen Zeit, Aubry, P. Baillu, A. Clouet, C. Galle, de Tode, Pontius, Waumans, stachen darnach das Liese Bildnisse in 133 Blättern enthaltende, 1691 in Antwerpen erschienene Kupferwerk: knois nnts- siAuuui eto. Außerdem behandelte er auch religiöse Stoffe. Regnet.» Hnllein, Stadt im mähr. Bezirke Kremsier (Österreich), am Russawa-Bache, Station der Kaiser-Ferdinand-NBahn; Zuckerfabrik, Handel, 4 Jahrmärkte; 2338 Ew., meist Hannaken. Hullin, Pierre Augustin, Graf, französ. General, geb. 6. Sept. 1758 in Genf; kam 1787 als Uhrmacher nach Paris, betheiligte sich bei der Erstürmung der Bastille und wurde Mitglied des Convents; weil zu maßvoll, eingekerkert, wurde er Lurch den 9. Thermidor wieder frei. 1796 wurde er Bonapartes Generaladjutant in Italien und war 1797, 98 u. 1800 Commandant von Mai- land. 1802 Divisiousgeneral u. Commandant der Consulargarde, präsidirte er als solcher 1804 bei - Hülsen. dem Kriegsgerichte über den Herzog von Enghien. Gegen eine in dieser Sache 1823 von Savary gegm ihn gerichtete Schrift, vertheidigte er sich mit Erfolg. 1805 u. 1806 war er Gouverneur von Wien u. Berlin, 1812 commandirte er die erste Militär- division in Paris, entdeckte Mallets Verschwörung gegen das Leben des Kaisers u. wurde dabei von Jenem durch einen Pistolenschuß verwundet. Ob- wol er sich den Bourbonen unterwarf, wurde er seines Postens entsetzt, von Napoleon aber 1815 wieder installirt. Nach den 100 Tagen lebte er, aus Frankreich verwiesen, in Brüssel u. Hamburg, erhielt aber 1819 die Erlaubniß zur Rückkehr. H. st. in gänzlicher Zurückgezogenheit 9. Ja«. 1841. Schrvot. Hülltnann, Karl Dietrich, Geschichtsforscher, geb. 10 . Sept. 1765 zu Erdeborn im Mansfeld- ischen, wurde 1792 Lehrer am Pädagogium zu Kloster Bergen, 1795 Privatdocent der Geschichte zu Frankfurt a. d. Öder, 1808 Professor iu Königsberg, 1818 an der neuerrichteten Universität Bonn, deren erster Rektor er wurde; er st. daselbst 12. März 1846. Von seinen Schriften sind noch jetzt zu erwähnen: Deutsche Finanzgeschichte des Mittelalters, Berl. 1805; Geschichte des Ursprungs der Stände in Deutschland, das. 1806—8, 2Bde.; Geschichte des byzantinischen Handels, Frankfurt 1808; Ursprünge der Besteuerung, Köln 1820; Geschichte der Domänenbenutzung in Deutschland, Franks. 1807; Das Städtewesen des Mittelalters, 4 Bde., Bonn 1825—29; Handelsgeschichte der Griechen, das. 1839; Griechische Denkwürdigkeiten, das. 1840; Staatsverfassung der Israeliten, Leipzig 1834. Thielemam. Hulman, s. Affen. Hüls, Flecken im Kreise Kempen des preust. Regbez. Düsseldorf, Station der Krefeld-Kreis- ! Kempeuer Industrie-Eisenbahn; mehrere Fabriken, ' Raseneisensteingräberei; 1875: 6096 Ew. Hülse (IwAumsu, Bot.), s. Frucht. Hülsen, Hermann Alex. Hans Kasimir ^ Borho von, Bühnenleiter, geb. 10. Dec. IblSzn Berlin; trat 1825 in das Cadettencorps u. mache 1848 als Regimentsadjutant des Alexander-Regti. den dän. Feldzug mit u. kämpfte hierauf gegen die Aufständischen in Dresden. Frühzeitig Interesse n. Verständuiß für Theater bekundend, selbst ein geschickter schauspielerischer Dilettant und Arrangeur dramatischer Spiele, lenkte er die Aufmerksamkeit Friedrich Wilhelms IV. auf sich, der ihn 18 Sl zum Kammerherrn und Generalintendanten der königl. Schauspiele ernannte. Während einer 25- jährigen Thäligkeit als solcher brachte v. H. 46l Novitäten zur Aufführung und gab 71 classische Dramen 7477 mal, 27 classische Opern 1319 mal. H. ist gleichzeitig Präsident des deutschen Bühnen- Vereins u. seit 1866 Präsident des König-Wilhelui- Vereins, wie auch oberster Leiter der kgl. Theater zu Kassel, Hannover u. Wiesbaden. Pflichtgetren, von größter Gerechtigkeitsliebe, Männlichkeit bei - Auftretens u. strenger Ordnungsdurchsührung hat Hülsen berechtigten Richtungen die ihm unterstehenden Theater erschlaffen, das gute Alte gepflegt und dabei den verschiedenlichen Bestrebungen znr Sicherung des Schauspielstandes, so der Gründung der segensreichen Unterstützungs- u. Kranken- 487 Hülsenfrüchte — Human. kaffe Einigkeit und im Verlaufe ihres Bestehens der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger sördernde Unterstützung entgegengebracht. Deine Gattin s. Helene. Kürschner. Hülsenfrüchte sind die Früchte der ImAumi- nosao, insbesondere der kaxilicmaoeas-Lasoolo- bas, d. h derjenigen Schmetterlingsblüthler, bei welchen die Hülse (s. Frucht) einfächerig od. nur durch schwammige Querwände mehrsächerig ist u. eiweißlose Samen mit sehr dicken, stärkereichen Keimblättern enthält. Diese Keimblätter sind auch noch nach der Keimung dick u. mehlreich. Wegen der fett- u. stärkereichen Keimblätter des Embryos sind die Samen ein gutes Nahrungsmittel; es werden daher die Pflanzen, welche dieselben liefern, allgemein gebaut, bei uns besonders l?1sum (Erbse), kimssolns (Bohne), I>sns (Linse), Oiesr (Kichererbse). Hülsie, Julius Ambrosius, hervorragender Technolog, geb. 2. Mai 1812 in Leipzig; studirte daselbst und auf der Bergakademie in Freiberg Mathematik u. Naturwissenschaften, wurde 1834 Lehrer der Mathematik, Physik u. Technologie an der öffentlichen Handelsschule in Leipzig, seit 1837 zugleich Lehrer der Mathematik an der Nicolaischule u. Director der von ihm eingerichteten technischen Abtheilung der Sonntagsschule der Polytechnischen Gesellschaft; 1840 ging er als Professor u. Director der Gewerb- und Baugewerkenschule nach Chemnitz u. wurde im Aug. 1850 Director der Polytechnischen Schule u. Baugewerkenschule in Dresden. Nachdem er inzwischen von der Regierung schon 1844 u. 1845 zu den Ausstellungen in Paris u. Berlin gesendet worden war, war er auch 1850 Mitglied der Commission für die Industrieausstellung in Leipzig u. 1851 Mitglied der vom Zollverein zur Industrieausstellung in London gesendeten Berichterstattungscommission. Auch war er 184S u. 1850 Mitglied der zweiten sächs. Kammer. 1863 wurde er Geh. Regierungsrath u. Vorsitzender der technischen Deputation des Ministeriums des Innern u. Mai 1873 in demselben Vortragender Rath. Er st. 26. Juni 1876. Er gab heraus: Allgemeine Maschinen-Encyklopädie, Lpz. 1839—44, 2 Bde. (unvollendet); mit Wein- lig, dann mit Stöckhardt, zuletzt mit Schneder- mann: Polytechnisches Centralblatt, 1835 — 50; Sammlung mathematischer Tafeln, 2. A. 1849; Die Kammgarnfabrikation, Stuttg. 1861; besorgte auch die neue Stereotypausgabe des Vegaschen Handbuches der Logarithmen. Hulst, Stadt und ehemals starke Festung im Terichtsbez. Goes der uiederländ. Prov. Zeeland, Station der Malines-St.-Nicolas-Terneuzen-Eisen- bahn; schöne, zur Hälfte zwischen den Reformirten u. den Katholiken getheilte Kirche (beide Theile durch eine Mauer getrennt), schönes Rathhaus, Bierbrauereien, Gerbereien; 2249 Ew. — H., im 13. od. 14. Jahrh. erbaut, erhielt 1426 Mauern. 1578 wurde es von den Holländern, 1583 von dem Herzog von Parma, 1591 von Moritz von Oranren, 1596 von dem Erzherzog Albrecht, 1615 aber von Heinrich von Oranien erobert u. blieb nun im Besitze der Holländer. 1702 belagerte es der Marquis von Bethmar, Gouverneur der Niederlande, vergebens; 1747 nahmen es die Franzosen, gaben es aber 1749 den Staaten zurück; 1794—1814 wurde es abermals von den Franzosen besetzt. H. Berns. Hultsch, Friedrich Otto, Philolog u. Ar- chäolog, geb. 22. Juli 1833 in Dresden; studirte 1851—55 in Leipzig u. wurde 1857 Lehrer an der Nicolaischule daselbst, 1858 am Gymnasium in Zwickau u. 1861 an der Kreuzschule zu Dresden, deren Rectorat er 1868 erhielt. Er schrieb: Griechische u. römische Metrologie, Berlin 1862; gab heraus: Loriptorss mstroloAioi Zrassi sb romavi, Lpz. 1864—66, 2 Bde.; Heraus 6so- insbrioorum st stsrsomstrieorum rsliguias, Berl. 1864; den Censorinus, Lpz. 1867, u. Polybius, Berl. 1867 ff., u. arbeitet an einer vollständigen Ausgabe der Werke des Heran. Hultschin, Stadt im Kreise Ratibor des preuß. Regbez. Oppeln, unweit der Oppa u. der österr. Grenze; Gerichts-Commission, Strumpswirkerei, Bierbrauerei, Gerberei, große Mühlenaulage; 1875: 2767 Ew., meist Czechen. Humaita, starke Festung in der südamerikau. Republik Paraguay, 42 Icm oberhalb der Mündung des Paraguay, 1855 angelegt u. seitdem immer mehr nach den neueren Principien ausgebaut u. durch mehrere Forts gedeckt. 1868 wurde sie nach langer Belagerung von den Brasilianern erobert. Humajun, der zweite Großmogul, Sohn Baders, geb. 6. März 1508, regierte 1530—56, ein schwacher Herrscher, astrologischen Spielereien hingegeben (s. Großmogul). Über ihn Denkwürdigkeiten seines Begleiters Dschewahir, Llemoirs ok llumaiuu, transl. Ltsrvart, Land. 1832. Human (v. Lat.), derjenige, welcher sein Verhalten gegen Andere nicht nach der besonderen Stellung allein bemißt, in welcher er zu denselben steht, sondern Jedermann ohne Unterschied sich verbunden u. verpflichtet weiß, auch mit niedrig Stehenden freundlich verkehrt, in allen Lebenskreisen nach Kräften Menschenwohl zu fördern u. menschliches Elend zu lindern sich bereit zeigt. Unter Humanität verstand Herder, der Hauptvertreter des Hnmanitätsprincips im 18. Jahrh., die Gesammtheit menschlicher, durch normale Entwickelung aller in der menschlichen Natur liegenden Kräfte erwirkter Bildung, mit welcher zugleich ein rein menschliches, durch Wissenschaft und Kunst, Handel, Gewerbe und Betriebsamkeit gehobenes Leben verbunden ist n. in welcher auch die Willigkeit der Einzelnen allen ihren Menschenpflichten zu genügen beschlossen liegt. Im Verhältniß zur Religion gilt ihm die Religion selbst als die höchste Humanität, die höchste Blüthe der menschlichen Seele, u. das Ideal der Humanität fällt ihm im Wesentlichen mit der Idee Christi als des Menschensohnes zusammen. Nach Hundeshagen (Über die Natur und die geschichtliche Entwickelung der Humanitätsidee u. ihr Verhältniß zu Kirche und Staat, Berl. 1853) wird mit dem Worte Humanität alles zusammengefaßt, was zum wahren, echten Wesen des Menschen als solchen gehört, was seine charakteristische Würde begründet; sie bezeichnet den Adel der Menschheit, weist auf Rechte u. Pflichten hin, welche nie in persönlicher Ausschließung besessen, in individueller Beschränkung geübt werden können, auf deren gleichmäßigen Besitz u. 488 Humaniora gleichmäßige Übung der Adel des Menschen rein als solcher Anspruch macht. Der Humanitäts- gedanke war der antiken Welt u. dem Judenthum unbekannt; erst mit dem Christenthum trat die Möglichkeit der Humanität ins Leben (nach Gal. 3, 28. Eph. 2, 14 fl.). Schroot." liumanUlrs (lat.), Alles, was Beziehung auf Veredelung des Menschen hat; daher so v. w. Schöne Wissenschaften; so v. w. Philologie (im engeren Sinne). Daher Einer, welcher solche Kenntnisse besitzt, Humanist, u. humanistische Studien, das Studium der Alten, u. als Mittel dazu die Philologie. Humanismus, das Streben des Menschen, sich aus sich selbst zu vollenden, dann der Kreis aller Kenntnisse, die zur Ausbildung des Menschen dienen; im engeren Sinne das pädagogische System, welches die Bildung wesentlich aus Erlernung der alten Sprachen basirt. Humanitarismus, eine sich seit 1839 in Frankreich entwickelnde communistische Richtung, welche ihren Namen von dem Journal Humaui- bairs ihrem Hauptorgan, erhielt und Verfechtung der Interessen der Menschheit zu ihrer Aufgabe machte, Philanthropisten. Humanität, s. u. Human; H-Swissenschaf- ten, so v. w. Humaniora. Humanitätsanstalteu, in Österreich der Ge- sammtname der öffentlichen u. Privatanstalten zur Heilung od. Verpflegung der leidenden Menschheit, so Blinden- n. Taubstummenanstalten, Findel- u. Irrenhäuser, Hospitäler u. dgl. Humber, ein Meeresarm der Nordsee an der OKllste Englands, der sich von Spurn Point an zwischen den Grasschaften Jork u. Lincoln 60 icm weit ins Land erstreckt u. an seinem oberen Ende die Flüsse Trent und Ouse aufnimmt; er ist mit den Hauptflüssen Englands durch Kanäle verbunden. Humbert, Rainer Carl EmanuelJohann Maria Ferdinand Eugen, Kronprinz von Italien, Prinz von Piemont, Sohn des Königs Victor Emanuel u. der Erzherzogin Adelheid von Österreich, geb. 14. März 1844. Von seinem Vater früh in das politische u. militärische Leben eingeweiht, betheiligte er sich nach 1859 an der Bewegung zur Herstellung der Einheit Italiens. Beim Herannahen der Ereignisse von 1866 ging Prinz H. nach Paris, um die Gesinnung der französischen Regierung in Betreff des zwischen Preußen und Italien geschlossenen Vertrages zu fondiren. Als kurz hernach der Krieg ausbrach, ging er als Generallieutenant mit der Armee u. nahm Antheil an der Schlacht von Custozza (24. Juni 1866), wo er den Rückzug des Generals Durando deckte. Im folgenden August wurde er zum Ehrenpräsidenten der italienischen Commission für die Pariser Weltausstellung ernannt. H. ist Generallieutenant und Generalcommandant des Armeecorps zu Rom. Er ist seit 22. April 1868 vermählt mit seiner Cousine Margaretha, Prinzessin von Savoyen, Tochter des verstorbenen Herzogs Ferdinand von Genua (geb. 10. Novbr. 1851); sein Sohn Victor Emanuel ist 11. Nov. 1869 geboren. Henne Am-Rhyn. Humboldt, 1) CountieS in den nordamerikan. Unionsstaaten: a) in California, u. 41" n. Br. u. 123° w. L.; 6140 Ew.; Hauptort: Eureka; d) in — Humboldt. Iowa, u. 42" n. Br. u. 94" w. L.; 2596 Ew.- C-sitz: Dakota City; o) in Nevada, u. 41° n. Br. u. 118° w. L.; 1916 Ew.; C-sitz: Buena Vista. 2) (H. City) Station der Union-Pacific-Bahn in Nevada, am H. River. 3) Sitz des Allen County KansaS, am Neosho R., an der großen Bahn! linie, welche Texas mit der Union-Pacific-Bahn verbindet, mit Abzweigung nach O. (St. Louis rc.). Humboldt, 1) Karl Wilhelm, Freiherr v., preuß. Staatsmann, epochemachender Sprachforscher u. Philosoph. Kritiker der alten Staatsfor- men, ältester Sohn des Kammerherrn u. Vertrauten König Friedrich Wilhelms II., Alexander Georg v. H., u. der Marie Elisabeth von Colomb, verwittweten von Hollwede, geb. 22. Juni 1767; mit seinem jüngeren Bruder im Schlosse Tegel u. in Berlin gemeinsam für die Universität vorgebil- det, studirte er mit diesem zugleich in Frankfurt a. d. O. u. Göttingen. Er widmete sich anfangs dem Studium der Rechte, in Göttingen vorzugsweise der AlterthumSwissenschaft u. dem Studium der Kantischen Philosophie. 1789 machte er mit dem Philanthropisten Campe eine Reise nach Paris, hielt sich im folgende» Winter in Weimar aus u. trat mit Schiller in einen vertrauten Verkehr. Im Frühjahre 1790 begab er sich nach Berlin u. schwärmte daselbst in den Kreisen der Henriette Herz u. der Rahel Lewin für die Entwickelung der schönen Individualität, die sich über die Vorurtheile des Bestehenden und alle ständische Schranken erhebt. Während er in Verbindung mit diesen Kreisen, in denen sich auch Vertreter des hohen preußischen Adels bewegten, in sentimentalen Gefühlen schwelgte u. sich der Veredelung seiner selbst und Anderer widmete, unterhielt er eine enge Verbindung mit dem Berliner Aufgeklärten »Kreise Gedikes u. Biesters u. pflegte in demselben seine Neigung zur Kritik u. dialektischen Prüfung. Den Titel eines Legationsrathes, den er nach einem kurzen geschäftlichen Probecursus erhalten, ließ er darauf lange Zeit ruhen u. ergab sich, ohne Neigung zur Staatscarriere, der ästhetischen u. philosophischen Spekulation. Nachdem er sich mit Karo- line v. Dachröden (gest. 26. März 1829) vermählt hatte, lebte er meist auf deren thüringischen Gütern, seit 1794 in Jena in regem Ideenaustausch mit Schiller, später auch mit Goethe. Der Anregung durch Letzteren ist seine Arbeit über dessen Hermann und Dorothea entsprossen; von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Ersterem zeugt der von ihm später (Stuttg. 1830) herausgegebeue Briefwechsel zwischen Schiller u. W. v. H. In Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts sah er dieselbe Idee der freien u. in sich abgeschlossenen Persönlichkeit ausgedrückt, die ihm von jeher vorgeschwebt hatte. Die durch Schiller angeregte Reife seiner eigenen Anschauung legte er in einer Reihe von Aussätzen in Schillers Neuer Thalia u. in Biesters Berliner Monatsschrift dar. Die Reihe dieser Aufsätze er- Lffnete der im August 1791 an einen Freund geschriebene Brief, den Biesters Monatsschrift unter dem Titel: Ideen über Staatsverfassung, durch die neue französische Constitution veranlaßt, veröffentlichte. Dieser Aussatz, welcher der Möglichkeit einer nach bloßen Grundsätzen der Vernunst Humboldt. 489 entworfenen Verfassung die Einseitigkeit und die Bedürfnisse jeder einzelnen Zeit, ja, jeden Augenblicks entgegenstellte, zog die Aufmerksamkeit des damaligen Coadjutors, späteren Fürsten Primas Dalberg, auf sich, und derselbe ersuchte H. um nähere Erläuterungen. Zwischen H., der schon in jenem Briefe das „Princip, daß die Regierung für das Glück u. Wohl, das physische u. moralische, der Nation sorgen muß, den ärgsten und drückendsten Despotismus" nannte, u. Dalberg, der im Sinne des damaligen humanistischen Absolutismus Alles glücklich machen wollte, konnte keine Verständigung herbeigeführt werden. H. führte sein eigenes Thema in den Aussätzen der oben genannten Zeitschriften weiter aus, arbeitete aber zugleich an einem umfassenden Werke, in welchem er das Recht der Individualität u. die Beschränkung des Staates auf die Sorge für die äußere Sicherheit zu begründen suchte. Jene Aufsätze hat L.B. Förster unter dem Titel: Abhandlungen über Geschichte u. Politik von W. v. H. (Berl. 1869) gesammelt herauSgegebeu. DaS Grundwert konnte bei der inzwischen seit 1793 u. 1794 eingetretenen Steigerung der Censur nicht erscheinen und wurde erst später aus dem Gute H-S, Ottmachau, aufgefunden unter dem Titel: Ideen zn einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen (Brest. 1851), von E. Cauer herausgegeben. Laboulaye in seinem I/ötab ob sos liimbss, Stuart Mill in seinem On ilbsrtx und JuleS Simon in der Schrift Im Uderts haben aus dieser Schrift fleißig geschöpft. Nachdem H. 1797 Jena definitiv verlassen hatte, ließ er sich mit seiner Familie bis 1801 in Paris nieder u. besuchte in dieser Zeit auch Spanien, wo er gründliche Sprachstudien trieb, deren Resultat: Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner Hispa- niens vermittelst der vaskischen Sprache, 1821 zu Berlin erschien. 1801 in die Heimath zurückgekehrt, erhielt er durch den Geheimen Cabinetsrath Beyme die Stelle des Ministerresidenten in Rom, die er, seit 1806 als bevollmächtigter Minister, bis 1808 bekleidete. Die wenigen diplomatischen Geschäfte daselbst erlaubten ihm, seinen wissenschaftlichen und künstlerischen Studien neben der Förderung junger Gelehrter u. Künstler zu leben. Der Aussatz: Über Goethes zweiten römischen Auf- enthalt, schildert den Eindruck Roms auf den Wanderer. Jedoch auch später bei seinen größeren diplomatischen Arbeiten gab er seine ästhetischen Neigungen u. die Beschäftigung mit seiner Individualität nicht auf. Obwol er nach der Katastrophe von 1806 aus Rom an die Henriette Herz schrieb: „Ja, meine Liebe, Gute, wir sind Alle unglücklich, die sonst ein froher u. harmloser Kreis umschloß. Die Samen unseres Unglücks lagen in unserer damaligen Sorglosigkeit", so blieb er doch auch in den Tagen des Ernstes der Bespiegelung u. ästhetischen Beredelnng seiner selbst treu. Als er später Preußen in Wien vertrat, verglich er sich mit Rubens, der auch auf seinen Botschaften seine Kunst nicht vergaß. Zu Prag, dessen Gesandten- Cvnferenzen 1813 ganz Europa in fieberhafte Erregung versetzten, schreibt er: „ich lese den Homer u. beschaue mir die Kosaken". In Wien während des dortigen Kongresses debattirt er über die Chöre der griechischen Tragödie. Während der Berathungen zu Frankfurt 1815 übersetzt er den Agamemnon des Äschylus. Zu Freiburg, während der 100 Tage, verlebt er seine Abende mit den Alten. An Schiller hatte er lange vor dieser amtlichen Karriere geschrieben, daß er selbst daun, wenn er in dem Gebiete, welches jetzt Europa beherrscht, eine thätige Rolle erhalten sollte, dieselbe doch als etwas seinen innersten Beschäftigungen Untergeordnetes betrachten würde. Dennoch trotz dieses Cultus der freien und schönen Persönlichkeit bewies er sich in seinen amtlichen Stellungen als fleißigen Arbeiter und als geschickten u. schnellen Ausführer der Aufträge seiner Oberen. 1808 nach Preußen zurückberufen, erhielt er den Antrag, die Stelle eines Direktors ber Sectiou für den Cultus u. öffentlichen Unterricht im Ministerium des Innern zu übernehmen. Er leistete mit dem Vorbehalt des eventuellen Rücktritts in die diplomatische Laufbahn Folge. Sein Hauptwerk des Jahres 1809 war die Ausarbeitung des Statuts für die Universität Berlin, deren Gründung nach dem Bericht des Herrn v. Bassewitz in seinem Werk über die Kurmark Brandenburg Beyme angeregt hatte. Nach der Eröffnung der Universität (1810) ward er zum Gesandten am Österreichischen Hofe ernannt. Bei dem intimen Verkehr desselben mit dem Berliner Hofe u. bei den Vorarbeiten desselben für die spätere Allianz war es ihm leicht vergönnt, sich in Wien bis zum Ausbruche des Krieges (1813) mit bask- ischen Studien zu beschäftigen u. einige Resultate derselben im Königsbergischen Archiv u. in Fr. Schlegels Deutschem Museum zu veröffentlichen. Im Mai 1813 vertrat er Preußen auf den Fric- densunterhandlungen in Prag, die zur Kriegserklärung Österreichs gegen Frankreich führten. Nach der Schlacht bei Leipzig folgte er dem Hauptquartier nach Frankreich, vertrat Preußen im Februar 1814 aus dem Congreß zu Chatillon, der die Alliirten im Beschlüsse, den Krieg entschieden fortzusetzen, einigte. An den FriedenSunterhandluu- geu zum ersten Pariser Frieden betheiligte er sich unter Hardenberg. Mit Letzterem erlitt er auf dem Wiener Congreß die gemeinsame Niederlage, welche Talleyrand durch seine Allianz vom 3. Febr. 1815 zwischen Frankreich, Österreich u. England den Vertretern Preußens u. Rußlands bereitete. Ein Mißverständniß verwickelte H. damals in ein ohne Verwundungen ablaufendes Duell. 1816 war er in Frankfurt a. M. bei der Installation des Bundestags thätig u. vertrat Preußen 5. Nov. bei der feierlichen Eröffnung desselben. Das Jahr darauf begab er sich als preuß. Gesandter nach London; 1818 zu Hardenberg nach Aachen berufen, um ihn auf dem dortigen Congreß zu unterstützen, fand er die Hauptgeschäfte daselbst schon erledigt u. erhielt im Januar 1819 von dem ge- theilten Ministerium des Innern die eine Hälfte, zu welcher die ständischen Angelegenheiten gehörten. Für die dazu bestimmte Commission arbeitete er die noch aus Frankfurt vom 4. Febr. 1819 da- tirte Denkschrift über Preußens ständische Verfassung aus (veröffentlicht in Pertz' Denkschriften des Ministers Freiherrn v. Stein über deutsche Verfassungen, 1848). H. entwirft in dieser Denk- 490 Humboldt. schrist das Bild einer preußischen im Zweikammersystem gegliederten Verfassung, die sich auf der Grundlage einer Landgemeindeordnung neben der schon bestehenden Städteordnung, der Kreisbehörden n. der Provinzialstände erhebt. Noch in demselben Jahre trat er jedoch im Bunde mit Boyen n. Beyme zu der durch die Karlsbader Beschlüsse eingeleiteten reaktionären Wendung, der sich auch Hardenberg beugte, in Gegensatz und erhielt, als Boyen am 25. Dec. der verlangte Abschied bewilligt war, durch die Cabinetsordre vom 31. Dec. (mit Boyen) den Abschied. Die Gesinnung, mit der er vom öffentlichen Leben Abschied nahm, sprach er später in einem Briefe vom 7. Nov. 1830 dahin aus, „für sich selbst hätte man vielleicht eher auf den Antheil an diesen Dingen (er meint die Begebenheiten von 1810—16) verzichtet, um in entschiedenerer Größe u. Festigkeit über den Begebenheiten zu stehen." In der Tegeler Muße lebte er nun ausschließlich dem, was nach seiner Ansicht über dem Staatsmanne steht. Zunächst schloß er seine baskischen Studien ab u. veröffentlichte 1826 seine akademische Vorlesung über die unter dem Namen Bhagavad-gita bekannte Episode des Mahabharata als Probe seiner Forschungen aus dem Gebiete der indischen Literatur. Das bedeutendste Werk seines Lebens: Über die Kawi- sprache auf der Insel Java, wurde erst nach seinem am 8. Aug. 1835 erfolgten Tode von Buschmann (Berl. 1836—40, 3 Bde.) herausgegeben. Die auch befand, erschienene Einleitung zu diesem Werke: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts (Berl. 1836, neue Ausgabe besonders von Pott, Berlin 1877) ist die reichste Frucht feiner philosophischen Bildung n. gab den bisherigen Untersuchungen über den Ursprung der Sprache eine neue u. gedeih, liche Wendung. S. darüber Steinthal, Gedächtnisrede auf W. v. H. an seinem 100jährigen Geburtstage (Berl. 1867). Als ästhetischen u. philosophischen Moralisten zeigten ihn endlich seine Briese an eine Freundin (Lpz. 1847, 2 Bde.), gerichtet an eine Jugendbekannte, Charlotte Diede, die er 1788 in Pyrmont hatte kennen lernen, der er ferner 1814 wichtige Dienste leistete u. mit der er in ununterbrochenem brieflichem Verkehre blieb. Die Sentimentalität u. dasGemüthsleben seiner Jugend hatte sich in diesem Briefwechsel erhalten u. gab seinen Bemerkungen über Menschen u. Leben, seinen Rathschlägen, Erinnerungen, Verhalten eine Art von erbaulichem Charakter. Seine sämmtlichen Werke erschienen 1841—52 in 7 Bdn. Über sein Leben s. Schlesiers Erinnerungen an W. v. H., Stuttg. 1843—46, 2 Bde., u. Hayms W. v. H., Berl. 1856. Während 1869 zu Paris Übersetzungen seiner Arbeit über die Grenzen der Staatsaction, seiner Einleitung zur Kawisprache u. der Abhandlung über die Ureinwohner Spaniens erschienen, veröffentlichte ebendas. Challemel-Lacour die Schrift: I-a kiülosoxlüs iuäiviäualists, ötuäs sur 6uiilanmö äs L. 8) Freiherr Friedrich Heinrich Alexander von, berühmter Naturforscher u. Reisender, jüngerer Bruder des Vor., geb. 14. Sept. 1769 in Berlin; genoß gemeinschaftlich mit seinem Bruder Wilhelm unter Leitung des nachmaligen Geheimen Oberregierungs- raths Kunth die sorgfältigste Erziehung, nament- lich auch Unterricht in der Mathematik, der Phi. losophie u. in den politischen Wissenschaften, st», dirte 1787 in Frankfurt a. d. O. und 1788 in Berlin Technologie mit besonderer Rücksicht aus das Fabrikwesen, beschäftigte sich daneben mit dem Griechischen u. unter Willdenow mit der Botanik; 1789 widmete er sich in Göttingen, namentlich unter Blumenbach, Beckmann, Lichtenberg u. Link, naturhistorischen Studien, die er durch Reisen nach dem Harz u. dem Rheine unterstützte. Als Ergeb- niß der letzteren Excursion erschien H-s erste ge. druckte Arbeit: Min. Beobachtungen über Basalte am Rhein, nebst Untersuchungen über Syenit u. Basanit der Alten (Braunschw. 1790). Das Frühjahr u. Sommer 1790 brachte er in Begleitung Georg Försters auf einer Reise von Mainz ans durch Belgien, Holland, England und Frankreich zu, -während welcher theils durch seinen Reisige- »offen, theils durch den Verkehr mit dem Naturforscher Banks, theils endlich auch durch den Anblick des Meeres plötzlich in ihm eine Leidenschaft für das Seewesen u. den Besuch tropischer Länder wachgerufen wurde. Damals noch für eine ca- meralistische Laufbahn bestimmt, ging H. im Jnli 1790 nach Hamburg, um hier auf der Handelsakademie die Vorträge Büschs und Ebelings zu hören; auch fand er hier Gelegenheit zur Uebung in lebenden Sprachen u. verkehrte mit Klopstoch Voß, Claudius u. den beiden Stolberg. Nachdem er hierauf 5 Monate bei seiner Mutter in Berlin u. Tegel unter Fortsetzung seiner botanischen Studien verlebt hatte, bezog er im Juni 1791 die Bergakademie in Freiberg u. erwarb sich hier die Freundschaft Freieslebens, Leop. von Buchs und Andreas' del Rio u. verfaßte u. A. die Schrist: blloras subbsrransas IsiibsrAsnois proäromns et axüorlsiul sx pü/sioloZia oüswloa, xlautarnw, Berl. 1793, deutsch von Fischer mit Zusätzen von Hedwig, Lpz. 1794. Schon im Febr. 1792 wurde H. zum Assessor im Bergdepartement ernannt, übernahm im Juli 1793 die Leitung des Berg- u. Hüttenwesens im Fürstenthum Bayreuth und wurde dann Oberbergmeister am Fichtelgebirge in den Fränkischen Fürstenthümern u. nahm seinen Wohnsitz in Sieben bei Naila. 1793 bereiste er Oberbayern, Salzburg, das Salzkammergut u. Galizien, um die Salzbaue u. Siedwerke zu untersuchen; 1794 ging er zu demselben Zwecke nach Kolberg, dem Netzedistrict, dem unteren Weichselgebiet u. nach SPreußen, begleitete den Minister Hardenberg nach Frankfurt, wo er für die Dauer des Substdientractates mit den Gesandten Englands u. Hollands unterhandeln sollte, und war mehrfach mit Missionen nach dem Hauptquartier des Feldmarschalls von Möllendorf und mit der Cabinetscorrespondenz betraut. Im Oct. 17V nach dem Fichtelgebirge zurückgekehrt, wandte er sich wieder seinen chemischen Untersuchungen über die Grubenwetter (welche er später in der Schrist: Über die unterirdischen Gasarten, Braunschw. 179S, veröffentlichte) u. verwandten Versuchen zu, und reiste dann über Tirol nach Venedig, in die En- ganeen, die Lombardei u. die Schweiz. Sein Verkehr mit Volta in Como u. mit Scarpa in Pa- Humboldt. 491 via förderte früher begonnene Untersuchungen, deren Ergebnisse er später in dem größeren Werke: Über die gereizte Muskel- u. Nervenfaser, nebst Vermuthungen über den chemischen Proceß des Lebens in der Thier- u. Pflanzenwelt, Berl. 1797 bis 1799, 8 Bde., veröffentlichte. Ende Juli 1796 wurde H. unterBegleitung desHauptmanns v. Pirch in das französische Hauptquartier gesandt, um hierbei General Moreau die Verschonung der Hohen- loheschen Besitzungen in Schwaben zu erwirken, was ihm auch binnen wenigen Tagen gelang. Der im Novbr. 1796 erfolgte Tod seiner Mutter brachte den Entschluß zu einer größeren Expedition der Ausführung näher. Er löste sein dienstliches Ver- hältniß auf. Nach kurzem Aufenthalte in Jena, wo er anatomische Studien trieb u. mit Schiller u. Goethe verkehrte, begab sich H. nach Salzburg, wo er mit seinem Freunde L. v. Buch meteoro- logische Beobachtungen anstellte. Eine mit Lord Bristol projectirte Reife nach Ober-Ägypten, welche H. veranlaßte, 1798 nach Paris zu kommen, kam nicht zu Stande; ebenso wurde eine in Paris vorbereitete Reise um die Welt, an welcher H. theil- nehmen sollte, der politischen Lage wegen vertagt. Auch die Hoffnung auf eine Reise nach Tunis, zu der sich beste Gelegenheit geboten, schlug fehl. H. beschloß daher den Winter über mit dem Botaniker Aime Bonpland in Spanien zu verleben und bei günstiger Gelegenheit von hier aus nach Ägypten zu reisen. Anfang Februar 1799 kam er in Madrid an u. erwarb sich hier die Gunst der Regierung in dem Maße, daß ihm nicht nur daS Bereisen der spanischen Besitzungen in Amerika und dem Indischen Ocean gestattet, sondern ihm auch alle Instrumente zu unumschränktem Gebrauch für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt wurden. Sein Plan war nun, die tropischen Länder Amerikas zu besuchen. Mitte Mai 1799 verließ er mit Bonpland Madrid und schiffte sich S. Juni in Coruna ein; sie landeten 19. Juni auf Teneriffa, wo sie den Pic bestiegen und viele wichtige Beobachtungen anstellten; am 25. Juni verließen sie wieder Teneriffa u. betraten 16. Juli die amerikanische Küste bei Cumana. Nach einem längeren Aufenthalte im jetzigen Venezuela kamen sie im Februar 1800 in Caracas an. Von hier aus drang H., in der Absicht, den Vereinigungspunkt des Orinoco mit dem Rio Negro und dem Amazonenstrom aufzusuchen, durch die Grassteppen von Calaboso bis an den Orinoco vor, fuhr auf demselben in Jndianerkähneu von den Wasserfällen von Atures u. Maypures nach dem Fort San Carlos am Rio Negro und kam dann Lurch den Cassiquiare nach dem Orinoco zurück. Er hatte somit die lange streitig gewesene Verbindung des Orinoco u. Amazonenstromes festgestellt u. zugleich den Ort der Vereinigung astronomisch bestimmt. Auf dem Orinoco stromabwärts fahrend, erreichte er Mitte Juni Angostura, die Hauptstadt des spanischen Guiana, u. kehrte endlich nach Cumana zurück. H. u. Bonpland wendeten sich nun nach Havana, wo sie sich mehrere Monate aushielten, dann schifften sie sich an der SKüste der Insel Cuba im März 1801 ein, um nach Panama zu gehen; da aber die Jahreszeit zu weit vorgerückt war, fuhren sie den Magda- lenenstrom aufwärts bis Honda und gingen nach Bogota, unternahmen Exkursionen in die Umgegend u. setzten im September ihre Reise nach S. fort. Sie gelangten nach einem 4monatlichen Marsche auf den Rücken der Cordilleren, 6. Jan. 1802 nach Quito u. verweilten daselbst 5 Monate, um die Kette der das Thal von Quito umschließenden Vulcane zu untersuchen. Am 23. Juni 1802 bestiegen sie den Chimborazo bis zu einer Höhe von 5761 m u. wurden nur durch eine senkrechte Schlucht an der Erreichung der höchsten Spitze gehindert. Nach längerem Aufenthalte in Quito gingen sie über den Andenpaß der Hochebene von Assuay, Cuenca und durch die Chinawälder von Loja nach dem oberen Thal des Amazonenstromes u. gelangten über die Hochebene von Cajamarca, an den westlichen Abfall der Cordilleren von Peru. Von hier aus kamen sie nach Trujillo und durch die Sandwüste von Nieder-Peru nach Lima, wo der Durchgang des Mercur durch die Sonne beobachtet wurde, ein Hauptzweck der Reife nach Peru. Ende December 1802 segelten sie von Callao nach Guayaquil und langten 23. März 1803 in Acapulco an. Im April kamen sie nach der Hauptstadt Mejico, wendeten sich nach einem mehrmonatlichen Aufenthalte daselbst nördlich nach Guanajuato u. Valladolid, nach der Provinz Michoacan, besuchten den Vulcan von Jorullo u. kehrten über Toluca nach Mejico zurück. Nachdem H. den Vulcan von Toluca und den Cofre Le Perote bestiegen u. gemessen hatte, reiste er mit seinen Begleitern im Januar 1804 nach dem atlantischen User u. schiffte sich 7. März nach Havana ein; hier verweilte er wieder einige Zeit, um seine Sammlungen zu ordnen und statistisch-politische Studien u. Beobachtungen zusammenzustellen. Am 29. April unternahm er eine Fahrt nach Philadelphia, blieb kurze Zeit in Washington, verließ Amerika 9. Juli u. landete mit Bonpland 3. Aug. in Bordeaux. Nach Paris zurückgekehrt, beschäftigte er sich mit der Anordnung der Sammlungen u. Manuscripte. H-s Reise nach den Tropengegenden Amerikas ist von höchstem Nutzen für die Naturwissenschaften überhaupt u. bes. für die Kenntniß dieser Länder gewesen, von Lenen man in Europa vorher so viel wie nichts wußte, u. es wird mit Recht von ihm gesagt, Laß er Amerika zum zweiten Rial entdeckt habe. H. hat mehr als 700 Ortsbestimmungen u. 459 Höhenmeffungen auf astronomischem Wege ausgeführt, 3600 neue Arten phanerogamischer Pflanzen entdeckt u. ist der Begründer der ganz neuen Wissenschaft der Pflanzengeographie geworden. Seine zahlreichen thermometrischen Beobachtungen führten ihn zur Entdeckung der Isothermen, er legte den Grund zu einer vergleichenden Klimatologie, zur Kenntniß der Vulcane, wie des gesammten inneren Baues unserer Erde. Das Studium der Denkmäler und Bauwerke der alten Mejicaner u. Peruaner führte ihn zu Nachforschungen über die Sprachen, den Culturzustand u. die Wanderungen jener Völkerschaften, u. die Statistik n. Ethnographie erhielten durch ihn nicht nur ungemein große Vermehrungen, sondern wurden in Verbindung gebracht mit naturhistorischenThatsachen u. so von einem völlig neuen Gesichtspunkte behandelt. 492 Humboldt. Die Berichte über die Reisen in Amerika find von H. u. Bonpland in einem großen Werke zu» sammengefaßt, welches theilS französisch, theils lateinisch geschrieben ist; es besteht aus 6 Abtheilungen mit 30 Folio- u. Quartbünden u. 142V zum Theil colorirten Kupferstichen; der Preis eines Exemplars ist 9000 Ll. Die erste Abtheilung: Vo^axs Lux reZions sguillorialss louvsI1s RspaZns (Par. 1811, 2 Bde.: ebd. 1811, 5 Bde.; 2. Aust, ebd. 1825, 4 Bde.; deutsch, Stuttg. 1811, 2 Bde.); die vierte, an deren Herausgabe Oltmanns mitwirkte: Obssrvatious sstrooomiguss, opsratious tri^ouomötriguss et mssurss daromstriguss; die fünfte umfaßt H-s Beobachtungen über allgemeine Physik u. Geologie: Rdxsigus Asusrsls et AsoloAis (Par. 1807; deutsch, Stuttg. 1807); die sechste Abtheilung, welche die Botanik enthält, zerfällt in 6 Sectionen: Rlrmtss eguinorislss, re- ousMss au Nsxigus, äans 1'Us äs 6uira eto. (Par. 1809—1818, S Bde.); Llono§iax1äö äss melastömss et autrss xsnrss äu insius orärs (Par. 1806—23, 2 Bde.); Rovs, Zsueia st sps- viss plautarum, guas in xsrsArinatisns aä pla- xam asguinootiaism Orbis blavi soUsAsrunt, ässoripssruut st aäumbravsrunt L.. Lonplauä et äs Humbolät, in oräinsm äiAessit 0. 8. Luntb (Par. 1815—24, 7 Bde.); Nimosss st autrss xiantss IsKruninsusss äu Nouveau Oon- tinsnt, rsä. x. 6. 8. Luntb (Par. 1819—24); Lz'uapsis plautarum, guas in itinsrs aä plagam aeguinovtialsm Orbis blovi ooUsAsrunt L. äs Lumbolät st Lonplauä, autors 0. 8. Luntb (Straßb. u. Par. 1822—26, 4 Bde.); Revision äss Araminess publisss äans Iss nova Asnsra st spsoivs plautarum (Par. 1829—34, 2 Bde.). Im März 1805 reiste H., von Gay-Lussac begleitet, zu seinem Bruder nach Albano u. mit L. von Buch nach dem Vesuv, welchem er besondere Aufmerksamkeit zuwandte. Am 17. Sept. 1805 verließ er Italien u. kehrte mit L. von Buch u. Gay-Lussac durch die Schweiz nach Berlin zurück, wo er am 16. Nov. eintraf. Hier lebte er zurückgezogen mit schriftstellerischen Arbeiten u. magnet- ischen Beobachtungen beschäftigt. Auf Wunsch des Königs von Preußen begleitete er den Prinzen Wilhelm 1808 auf seiner Mission nach Paris, um derselben durch seinen Einfluß in Frankreich günstig zu sein, u. als der Prinz nach Berlin zurückkehrte, blieb er in Paris, um die Herausgabe seines Reisewerks zu beginnen. In der Absicht, eine wissenschaftliche Reise nach Vorderindien, dem Himalaja u. Tibet zu unternehmen, erlernte er unter der Leitung Sylvesters de Sacy die Persische Sprache und sollte an der 1812 von Kaiser Alexander von Rußland angeordneten, aber nicht zu Stande gekommenen wissenschaftlichen Expeditton nach der tibetanischen Hochebene theilnehmen. 1814 ging H. im Gefolge des Königs von Preußen nach England u. 1818 auf den Wunsch des Königs über London zu dem Congreß nach Aachen; auch dem Congreß von Verona wohnte H. bei u. begleitete dann den König nach Italien. Bis 1827 war er in Paris mit der Herausgabe seiner Werke beschäftigt, dann kehrte er über London nach Berlin zurück. Im Nov. 1827 begann er seine Vorlesungen über Kos- mos od. die physische Weltbeschreibung vor einem großen Kreise von Zuhörern, zu denen auch die berühmtesten Gelehrten, die höchsten Staatsmänner u. die Glieder der königlichen Familie gehörten. Unterdessen hatte Kaiser Nikolaus beschlossen, die von seinem Bruder Alexander projectirte Expe. ditton nach Asten zur Ausführung bringen zu lassen, u. H. war nun eifrig mit den Vorbereit, ungen zu dieser Reise beschäftigt. Am 12. April 1829 verließ er mit G. Rose u. Ehrenberg, welche er sich als Begleiter hatte wählen dürfen, Berlin, um sich in Petersburg der Gesellschaft anzuschließen. Die Reisenden gingen über Moskau u. Kasan nach Jekatherinenburg, dann nach den Goldseifenwerken des Ural, den Platinwäschen von Nischnei-Tagilsk, über Tobolsk nach dem Altai; hier besuchten sie Barnaul, die Silberwerke des Schlangenberges n. den Kolywan-See. Von da wendeten sie sich westlich nach dem südl. Ural, durch die große Steppe von Jschim, über Petropawlowsk, Omsk, Minsk, den Salzsee Jlmen, Orenburg und die Steinsalzwerke von Jlezk in der Kirgisensteppe der Kleinen Horde. Infolge heftiger Regengüsse konnte Astrachan und das Kaspische Meer auf dem gewöhnlichen Wege nicht erreicht werden, daher wurde die Richtung über Uralsk, Saratow u. die Herrnhutercolonie Sarepta eingeschlagen. Nach längerem Aufenthalt am Kaspischen Meer, dessen Wasser chemisch untersucht wurde, kehrten sie nach 9 Monaten über Tula u. Moskau zurück. Die Ergebnisse dieser Reise hat H. in dem Werk: ^sis osutralv, revbsrettss sur Iss odainss äo montsAnes st In olimatolsAis somparss, Berl. 1843, deutsch von Mahlmann, 2 Bde., Berl. 1843, und in Rraxm. äs Asolo^is st äs slimatoloZio asiat., Par. 1832, 2 Bde., deutsch von Löwen- berg, Berl. 1832, Reise nach dem Ural, dem Altai u. dem Kasp. Meer, 2 Bde., ebd. 1837—42, niedergelegt. Im Mai 1830 begleitete H. den Kronprinzen von Preußen nach Warschau zur Eröffnung des letzten polnischen Reichstages u. reiste dann mit dem König in das Bad Teplitz. Infolge der Thronbesteigung des Königs Ludwig Philipp wurde H. vom König nach Paris gesendet, um dem neuen Regenten die Anerkennung von seinem Könige zu überbringen, u. dies war die Veranlassung, daß H. nun mehrmals und auf längere Zeit nach Paris ging, um dem König Bericht über die französischen Zustände zu geben. 1841 reiste er mit Friedrich Wilhelm IV. nach England zur Taufe des Prinzen von Wales u. 1845 nach Dänemark. Zum letzten Mal war H. im Octbr. 493 Humboldt Bai — Hume. 1847 bis Januar 1848 in Paris. In den letzten Jahren lebte H. theils in Berlin, theils auf dem nahe gelegenen Familiengute Tegel; er starb zu Berlin am 6. Mai 1859 im 90. Lebensjahre u. wurde am 11. Mai in der Familiengruft zu Tegel beigesetzt. H. war nie verheirathet, sein bedeutendes Vermögen hatte er allein seinen Forschungen u. deren Veröffentlichung geopfert, seine werthvolle Bibliothek vermachte er seinem treuen Diener u. Reisegefährten Seifsert. In seinem Nachlasse findet sich ein Tagebuch, welches jedoch auf seinen ausdrücklichen Wunsch niemals veröffentlicht werden soll, u. ein großes geographisches Werk. Zu H-s Andenken wurde 1860 namentlich auf Anregung von H. Magnus in Berlin die H-stiftung für Naturforschung und Reisen gestiftet, die in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon die werthvollstcn Ergebnisse aufzuweisen vermag. Außer den erwähnten Werken gab H. noch heraus: üssai sur 1a AsvArapiiis äos planlos ob tadlsau pbMgue äos rö^ions egninoxialos, Par. 1805 (deutsch, Stuttg. 1807); Versuch über die electr. Fische, Ers. 1806; Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse, Tüb. 1806; Ideen zu einer Geogr. der Pflanzen nebst dem Naturgemälde der Tropenländer, ebd. 1807; Ansichten der Natur, Stuttg. 1808, zahlreiche neue Ausl.; Do äistri- butiono AeoAraplüoa xlantarum seormäum oooli tompsriom et altituckinom montium proloAomsua, Par. 1817 (deutsch von Beilschmied, Bresl. 1831); Lssai §öoAuostigus sur Io gissmsnt äos roolros äaus los äoux lromlsplisros, Straßb. 1823 und 1826; bissal politigus sur l'lls äo 6uba, Par. 1827, 2 Bde. (auch in der 2. Ausl, des Lssal xolitlguo sur la Ilouv. Dsp.); Lxamsn orltlgus cko l'Irlstoiro äo 1a KöoArapdls äu nouveau oon- tinsnt st äos proKrös äo l'astronomls nantigns anx gnlnrlsmo ot soiLlömo slsolos, Par. 1836 bis 1838, 5 Bde. (deutsch von Jdeler, Bd. 1—3, Berl. 1836—51); Kleinere Schriften, 1. Bd. Geo- gnostische u. physische Erinnerungen, Stuttg. 1853. Sein letztes u. bedeutendstes Werk: Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (1. Bd. Stuttg. 1845,2. Bd., ebd. 1847, 3.Bd., ebd. 1851, 4. Bd., ebd. 1858, 5. Bd. das von Buschmann angefertigte Register enthaltend, ebd. 1862), dessen Bearbeitung er erst im hohen Alter begann und an dessen Vollendung er noch in den letzten Monaten seines Lebens arbeitete, ist in deutscher Sprache geschrieben u. enthält in den beiden ersten Theilen eine allgemeine Darstellung des Weltganzen, die Verallgemeinerung, in welcher die Weltanschauung als ein Ganzes auftritt, und die geschichtliche Entwickelung der menschlichen Naturerkenntniß im Laufe der Zeiten; in den nächsten Theilen folgt die Darstellung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung in den spe- ciellen Theilen der physischen Weltbeschreibung, die Darstellung unserer gegenwärtigen Naturkenntnisse in Bezug auf die Himmelserscheinungen u. das Innere und Äußere unseres Planeten. Der Kosmos wurde in alle europäische Sprachen (in manche mehrfach) übersetzt und hat eine eigene Literatur ins Leben gerufen, wovon bes. hervorzuheben find: Schalter, Briefe über H-s Kosmos, Leipz. 1850, 2 Bde.; Cotta, Briefe über H-s Kosmos, Th. 1 bis 3, Lpz. 1848—51, 2. Ausl. 1860 ff.; Abbe Moigno gibt seit 1852 in Pari- ein äonr- rml än tlosmos u. Guido Cora in Turin eine geographische Zeitschrift Kosmos als fortwährende Ergänzung zu diesem Werke heraus. H. schrieb zahllose Briese; erschienen sind nach seinem Tode: Der Briefwechsel mit Varnhagen von Ense, 1.—5. A., Lpz. 1860, mit einem jungen Freunde, Berl. 1861, mit H. Berghaus, 3 Bde., Jena 1863, mit Bunsen, Leipz. 1869, mit Cancrin, ebendas. 1869, mit Pictet in Le Globe, Bd. 7, 1868, mit F. v. Raumer in s. literar. Nachl., Bd. 1, Berl. 1869, mit Goethe Lälb. Bratanek, Leipz. 1876. Eine kurze Darstellung der Reise» H-s enthält Löwenberg, A. v. H-s Reisen in Amerika u. Asien, 2. Ausl., Berl. 1843, 2 Bde. Unter den zahlreichen Biographen sind zu nennen: Klencke, A. v. H., ein biographisches Denkmal, fortges. rc. von Kühne u. Hintze, 7. Ausl., Leipz. 1876; Juliette Bauer, Invss ok tbs brotirers 2., Land. 1852; Zimmermann, Das Humboldt-Buch, Berl. 1859; Wittwer, A. v. H., Lpz. 1860; Ule, A. v. H., 4. Ausl. 1870. Außerdem zahlreiche Gelegenheitsschriften von Agassiz, Bastian, von Dechen, Dove, Ehrenberg, Encke, Quetelet, Vir- chow, Weber u. a. i> Bauer, s) r.* Humboldt Bai, 1) Bucht des Großen OceanS im Humboldt County 1), mit einem der besten Hafen an der WKüste der Vereinigten Staaten. 2) Bucht an der NKüste der Insel Neu-Guinea. 1827 von Dnmont d'Urville entdeckt. Humboldtilith (Melilith, Sommervillit), Mineral, krystallisirt tetragonal, auch in strahligen Massen, Härte 5—6, spec. Gew. 2,^—2,^, weiß lichtgelb, schmutzig reingelb, honiggelb, grünlich grau oder gelblich braun; glas- bis fettglänzend, halbdurchsichtig bis kantendurchscheinend; besteht aus kieseljaurem Kalk, Magnesia, Thonerde, Eisenoxyd und Natron; am Vesuv, Capo di Bove bei Rom, Herchenberg im Brohlthale. Lehmann. Humboldtin, Oxalit, Mineral, in haarsörmigen Krystallen, auch traubig, plattenförmig, in saftigen oder körnigen Massen, derb u. eingesprengt, als Anflug; Bruch uneben bis erdig, Härte — 2, spec. Gew. 2,15—2,25! strohgelb bis ockergelb, fettglänzend oder matt, undurchsichtig; besteht aus oxalsaurem Eisenoxydul u. Wasser; in der Moorkohle von Koloseruk bei Bilin in Böhmen, in den Braunkohlenlagern von Großalmerode in Hessen; bei Duisburg. Lehmann. Humboldt Lake (Humboldt See), See im westlichen Theil von Nevada (NAmerika); wird durch den, aus mehreren Quellbächen im östlichen Theil dieses Staates entstehenden, etwa 450 üm langen Humboldt River gebildet u. hat keinen Ausfluß. Der H. River wird fast auf seiner ganzen Länge von der Union-Pacific-Eisenbahn begleitet. Er durchbricht auch mehrere Bergzüge, welche H. River Mountains heißen. Bergl. Great Basin. Schroot. Humbug, engl.-nordamerikan. Ausdruck für Schwindel, Aufschneiderei, marktschreierische Re- clame u. die Kunst, dadurch das Publicum auszubeuten. Vgl. Barnum. Hume, 1) David, schottischer Geschichtschreiber u. Philosoph, geb. 26. April 1711 in Edinburg u. st. das. 25. Aug. 1776. H., für die Advocatur 494 Hume. bestimmt, studirte mehrere Jahre an der Universität seines Geburtsortes, sah sich aber durch beschränkte Vermögensumstände, sowie seine leidenschaftliche Vorliebe für die Literatur zur Aufgabe seiner juristischen Laufbahn und zum Eintritt in ein Kaufmannshaus zu Bristol 1734 veranlaßt. Er verließ dasselbe jedoch nach wenigen Monaten, um nach Frankreich zu gehen, wo er drei Jahre sehr eingeschränkt lebte u. seine treffliche psychol.- kritische Abhandlung Moatüss on immun nuturs verfaßte. Sie erschien 1739 in London (deutsch von Jacob, 3 Bde., Halle 1790—1791), erregte aber nicht die geringste Aufmerksamkeit. Nun kehrte er auf das väterliche Landgut in Ninewells zurück und ließ 1742 in Edinburg anonym den 1. Band seiner moral, politloal unci lits- rar^ (neue Aust., Lond. 1748; deutsch von Tenne- manu, Jena 1793) erscheinen u. bewarb sich dort um eine Professur, jedoch wegen seiner skeptischen Principien ohne Erfolg. 1745 ward er Führer des jungen geisteskranken Marquis von Annan- dale u. sodann Secretär des Generals St. Clair bei dessen Expedition an die sranz. Küste. Als derselbe als Gesandter nach Turin ging, nahm er H. abermals als Secretär mit sich. Auf seiner Reise nach Italien ging er durch Deutschland die Donau entlang und ward in Wien der Kaiserin Maria Therese vorgestellt. Während seines Aufenthalts in Turin arbeitete er den ersten Theil der obengenannten Abhandlung um u. ließ ihn unter dem Titel Lngnin vonesrninA tirs immun nnäsrstanäinA (Lond. 1748, deutsch von Tennemann, Jena 1793) erscheinen, worin er seinen Skepticismus am vollständigsten entwickelte. 1749 nach Schottland zurückgekehrt, lebte er wieder in Ninewells, wo er seine iiinguir^ oonesrninZ birs xiinmplos ok moral (Edinb. 1751) schrieb, worin er das sittliche Gefühl als Beweggrund des sittlichen Handelns hinstellte. Diesem Werke folgte rasch: kolitioul äisoonraso, Edinburg 1752; bis- 83,^8 null brsatiss on osvorui oubjoeto, ebd. 1755, 4 Bde., neue Aust. 1810, 2 Bde. (deutsch von Pistorius, Hamburg 1755 f., 4 Bde.); Istatnrul irintorzc ob rsIiAion, Lond. 1755 (deutsch von Rese- witz, Quedlinb. 1798). Die von ihm nach heftiger Opposition erlangte Stellung eines Bibliothekars der Advocatenbibliothek in Edinburg veranlaßte ihn zu eifrigen geschichtlichen Forschungen. Er schrieb zunächst 1754—56 die Geschichte Englands seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart, 1759 die des Hauses Tudor u. 1761 Die Darstellung der früheren Perioden. Das Gesammtwerk erschien alsdann als Hinior/ ok LnAlunä (von Cäsars Landung), Lond. 1763, 6 Bde., n. ö., z. B. von Bowyer, 1794, mit Fortsetzung von Smollet, 1796, 13 Bde., neueste Aust. Lond. 1865, 8 Bde. (deutsch von Dusch, Berl. 1762 bis 1771, 6 Bde., u. Timäus, Lüneb. 1706—7, 2 Bde.). H. ward nun, sowol durch sein geistiges Schaffen wie durch seine seltene Liebenswürdigkeit u. Menschenfreundlichkeit, welche die gegen ihn wegen seines Skepticismus erhobenen Vorurtheile besiegt hatten, einer der hervorragendsten literarischen Größen Schottlands. Nichtsdestoweniger vernrtheilte die Synode der schott. Kirche 1755 seine Schriften u. drohte ihm mit der Excommnui- cation. 1763 begleitete er den Marquis von Hert- ford als Gesandtschaftssecretär nach Paris, wo er von den wissenschaftlichen Kreisen mit hoher Auszeichnung empfangen wurde. Nach seiner Rückkehr war er 1767 Unterstaatssecretär im Auswärtigen Amte, trat jedoch mit dem Fall Hert- sords 2 Jahre später aus dem Staatsdienst. Aus Paris hatte er Rousseau, der einen Zufluchtsort suchte, mit sich gebracht; er ^verschaffte ihm nicht bloß einen solchen, sondern auch eine Pension vom Könige, wofür ihn der Flüchtling mit gemeinem Undank lohnte. Nach H-s Tode erschienen seine Selbstbiographie (engl. Lond. 1777, lat. 1787) u. OialoKNso oonosrmnK natural M- Alon (London 1779, deutsch Leipz. 1781). Alz Historiker nimmt H. einen hohen Rang unter den englischen Schriftstellern ein. Seine Erzählung ist interessant, sein Stil klar, u. mit leichter Gefälligkeit verbindet er Tiefe des Gedankens, scharfe Charakterzeichnung und meisterhafte Anregungen des Gefühls. Er ermangelt jedoch der Genauigkeit und Unparteilichkeit. Seine philosophischen Schriften bilden kein vollständiges System. Nur abgesonderte Fragen der Metaphysik erörterte er u. strebte nach Widerlegung dessen, was er für irrige Meinungen hielt, anstatt nach Herbeiführung positiverResnltate. Eine neue Ausgabe seiner kbilo- ooxlrioal Worlco von Green und Grose begann Lond. 1874 u. f. Vgl. Jacobi, D. H. über den Glauben, oder Idealismus u. Realismus, Brest. 1787; Burton, lüks auä «orroapouäsuos ok U., Edinb. 1846, 2 Bde. 2) Joseph, englischer Reformer, geb. im Januar 1777 zu Montrose in Schottland, studirte Medicin, trat 1799 als Chir- urgus in die Dienste der Ostindischen Compagnie, verlegte sich in Bengalen auf das Studium der indischen Sprachen, wurde 1803 Dolmetscher bei der Division des Generals Powell in Bundelkund, später Zahlmeister der Truppen u. Feldpostmeister, erwarb sich durch aufopfernde Thätigkeit den Dank des Oberbefehlshabers Lord Lake und kehrte 1808 als wohlhabender Mann nach England zurück. 1812 kam er für den Flecken Weymouth ins Unterhaus, wurde 1813 Director der Ostindischen Compagnie, kam 1818 als Vertreter seiner Vaterstadt Montrose wieder ins Parlament u. wirkte seitdem für Finanzreformen u. Erhaltung u. Erweiterung politischer Freiheiten im englischen Parlamente auf nachdrückliche Weise; namentlich ist ihm eine verständlichere Form der Vorlage öffentlicher Rechnungen u. die Aufhebung des verderblichen Lilgungsfondssystems zu verdanken. Er st. am 20. Febr. 1855 zu Burnley-Hall in Norfolk. 185S wurde ihm in seiner Vaterstadt ein Standbild errichtet. 3) Hamilton, austral. Entdeckungsreisender, geb. 18. Juni 1797 in Paramatta, Neusüdwales, fand 1814 die fruchtbare Gegend um die jetzige Stadt Berrima, entdeckte 1818 mit Meehan den Bethurst-See und 1824 mit Kapt. Howell die Quellgewässer des Murray und die Austral. Alpen; 1829 begleitete er Sturt ans seiner ersten Reise nach dem Sumpfbecken des Macquarie u. an den Darling. Der Hauptquelb fluß des Murray wurde nach ihm Hume River genannt, an dessen Ufer bei Albury ihm zu Ehren auch eine marmorne Säule errichtet wurde. Humectiren — st. 19. April 1873 zu Dass, Neusüdwales u. schr.: d. SEsU anck 8. Blums, llouruvz- ok äisoovorz^ Io kort küiUpx, lhlsv Loutll Vals», iu 1824 bis 1825, Sydn. 1837. y 2! Bartling. S) Schraot. Humectiren (v. Lat.), anfeuchten; Blumso- tkwtia, anfeuchtende, die Säfte verdünnende, die Trockenheit mäßigende, flüssige oder erweichende Mittel. Humectation, Anfeuchtung; Humectiv, auseuchtend. Humeräle (lat., ^miotus), ein Meßgewand der katholischen Priester, Nahahmung des alt- testamentlichen Ephod, bestehend in einem viereckigen linnenen Tuche, welches um Hals und Schultern, ursprünglich auch das Haupt, gezogen wird mit den Worten: Iiuxous, Domino, eaxiti woo Aalsam salutis aci sLpu^nanckos ckiadolioos ineursus (Setze, o Herr! auf mein Haupt den Helm des Heiles zur Bekämpfung teuflischer Anfechtungen). Der Gebrauch des H. stammt aus dem 8. Jahrh. Humerus (v. Lat.), Anat., Oberarm; Os flnmori, Oberarmbein; Immoraiis, was sich auf den Oberarm bezieht. llumour (fr.), 1) Feuchtigkeit; 3) Humor. Huimäum (Humidität, lat.), Feuchtigkeit. Humiliaten (d. i. die Gedemüthigten), Mönchsorden, gestiftet im 12. Jahrh. von italienischen Adeligen, welche als Gefangene nach Deutschland geschickt und auf ihr Bitten wieder freigelassen worden waren; sie wurden 1151 unter der Regel St. Benedicts in Chorherren verwandelt u. 1200 von Jnnocenz III. bestätigt, von Pins V. 1571 wegen einer Verschwörung gegen Kardinal Borro- mäuS' Reformversuche aufgelöst. Der weibliche Orden derselben trat als Humiliatinnen in Mailand, auf Betrieb einer Frau von Blassoni (daher Blassonische Nonnen), zu strengen Bußübungen zusammen. Sie bestehen noch in Italien in einigen Klöstern. Löffler. iiumllis (Bot.), niedrig. Humit (u. Chondrodit), Mineral, selten in deutlichen, dicktafelartigen oder abgestumpft pyramidalen, wahrscheinlich rhombischen Krystallen, deren sehr mannigfaltige und complicirte Formen sich auf drei nicht unmittelbar von einander abzuleitende Typen zurllckfllhren lasten und theil- weise eine Hinneigung zu monoklinem Formentypus zeigen; oft in rundlichen Körnern und körnigen Aggregaten. Spaltbar basisch undeutlich, Bruch unvollkommen muschelig; Härte 6,»; spec. Gewicht S,„—3,2»; ockerbraun, honiggelb, pomeranzgelb bis hyacinthroth, auch gelblich- u. röthlichbrann, glasglänzend, durchsichtig bis durchscheinend. Chemische Zusammensetzung einige"/» Sauerstoff sind durch Fluor, etwas Magnesia durch Eisenoxydul vertreten. Findet sich in den alten sog. Auswürflingen des M. Somma am Vesuv. Lehmann. Hummel, Bambus Lat»-., Gattung der Fam. Bienen, Jnsectenordnung Hrutflügler. Der gedrungene, plumpe Körper trägt eine dichte, pelz- artige Behaarung; Hinterschienen mit 2 Sporen; Männchen und Geschlechtslose (Arbeiter) mit Haarkorb am Grunde der Schenkel und Fersenhechel an dem ersten Fußgliede der Hinterfüße. Die H°n leben in kleinen Gesellschaften zu 50, höchstens 60, und haben größere Weibchen, kleinere Männchen, Hummelshain. 495 mittlere Geschlechtslose. Im Fluge geben sie ein tiefes starkes Brummen von sich. Die unregelmäßig gebauten haselnußgroßen, in Traubenform aneinander geklebten Zellen unter der Erde, zwischen Moos und Steinen. Die Weibchen allein überwintern in einem Verstecke unter Steinen u. Moosrasen und fangen jedes für sich im Frühjahr einen Neubau an. Da sie nur in kleinen Gesellschaften leben, ist das Sammeln ihres Honigs ohne Werth, doch ist derselbe gesucht von Ameisen, Ratten, Mardern, Hamstern u. a. Thieren; geplagt werden sie von Fadenwürmern, äußerlich vou Milben. Sie stechen selten, auch dann nicht, wenn ihr Nest zerstört wird, das sie gewöhnlich wieder ausbauen. Europa, Asien und Amerika. Erdhummel, 8. tsrrsstris L., schwarz, Bruststück hinten, Leib vorn gelb, After weiß, gemein; Stein-, Streich-, Wiesenhummel, L. lapi- äarius kl, schwarz, mit röthlichem After, Männchen am Kopse und der Brust gelb; Mooshum- mel, L. mnsoornm ckN., gelblich mit gelbem Bruststück; Gartenhummel, L. bortorum LN., mit weißem After u. gelber Vorderbrust. Farwick. Hummel, so v. w. Balalaika. Hummel, 1) Johann Erdmann, Maler, Kupferstecher und Kunstschriftsteller, geb. zu Kassel 1769, st. 26. Aug. 1852 in Berlin als Professor und Mitglied des Senates bei der Akademie der Künste. Hummel ging 1792 nach Rom, wo er bis 1800 blieb und dann nach Kassel und Berlin. An der Akademie daselbst führte H. zuerst die Perspective ein. Vortrefflich sind namentlich seine Aquarellbilder. Als Schriftsteller hat er besonders der Lehre von der Perspective sorgsame Aufmerksamkeit gewidmet, und von seinen Bildern war seiner Zeit die 1814 ausgestellte Gesellschaft in einer römischen Locanda beruh,nt, aus welchem E. T. A. Hoffmann den Stoff zu seiner Erzählung: Die Fermate, entnahm. 3) Johann Nepomuk, geb. 14. Nov. 1778 in Preß- burg, Sohn eines Musikers, genoß 2 Jahre den Unterricht Mozarts, bereiste, 10 Jahre alt, con- certirend Nordwesteuropa, lernte bei Albrechtsberger, Salieri und Haydn. Er wurde 1803 Kapellmeister des Fürsten Esterhazy, gab sich seit 1811 dem Musikunterricht und der Composition hin, wurde 1816 württembergischer, 1820 weimar- ischer Kapellmeister, machte glänzende Concert- reisen und st. 17. Oct. 1837 in Weimar. H. war ein ebenso ausgezeichneter Virtuose, als vollendeter Improvisator. Seine vielen Klaviercom- posttionen zeichnen sich durch große Brillanz aus. H. schrieb auch Opern, Kirchenstücke rc.; vorzügliche Werke und Sonate in kis-moil!, Concerte in a-moll u. Ir-moll, sowie das Septett. 3) Karl, deutscher Landschastmaler der Gegenwart u. Professor in Weimar, geb. das. 1821; war Schüler Fr. Prellers, bereiste 1841 mit ihm Holland, -Norwegen und Tirol, bildete sich 1842—46 in Italien u. folgte der Richtungseines Meisters mit Glück. Hauptwerke: Der Raub des Hylas u. die Gärtender Arniida im Schloß zu Weimar.i)3)Reg„et. 2)Siebenrock. Hummelshain, Dorf im Gerichtsamt Kahla des Saal-Eisenberger od. Westkreises des Herzogthums Sachsen-Altenburg, herzogliches Jagdschloß mit großem Thiergarten, häufig Sommeraufenthalt 496 Hummer — Humoralpathologie. des Herzogs von Altenburg; Landesbaumschule, Badeanstalt; 380 Ew. In der Nähe das Jagd, schloß Fröhliche Wiederkunst, so benannt, weil Johann Friedrich der Großmüthige, wieder freigelassen, 1552 hier zuerst mit seinen Kindern zusammentraf. H- Berns. Hummer, Homurno M. Mro., Gattung der Fam. Krustenkrebse, ^taoina, Gruppe der Langschwänzer, Ordnung der Zehnfüßer der Krebs- thiere. Die Körpergestalt ist die des Flußkrebses im Allgemeinen. Die Stirn trägt einen schmalen, am Rande gezähnten Stirnfortsatz, die äußeren Fühler werden am Grunde von einer kleinen Schuppe bedeckt. Beide Fühlerpaare liegen auf derselben Querlinie. Die Kopfbrust ist kräftig entwickelt, ihr fünfter Ring unbeweglich. Der große Hinterleib bleibt gleich breit. Das vorderste Beinpaar ist mit großen, oft ungleichen Scheeren bewaffnet. Arten: 8. vukAuriu Mi Mw., gemeiner H., 50 om lang und gegen 6 schwer. Schwarzblau, Kanten und Borsprünge hellblau. Stirnfortsatz jederseits dreizähnig, Scheeren am Jnnenrande mit rundlichen Höckern. Felsige Küsten der Nordsee von Norwegen bis zum Mittelmeer. Wegen des als Leckerbissen sehr geschätzten Fleisches (bes. der Weibchen), werden sie weit verführt. Die besten kommen aus Norwegen. Die für den Landtransport bestimmten werden sofort abgesotten; zu Wasser werden sie in eigenen Hummerschiffen (deren jährlich 30—40 von London u. Amsterdam nach Norwegen kommen) lebendig transportirt, Gewitter und Geschützdonner tödten die H. oft. Man fängt sie mit Hummerkörben aus Birkenruthen, die man, mit Lockspeise versehen, ins Meer senkt. Die H. werden, nachdem man die starken Schalen mit dem eisernen Hum- merbrecher geöffnet hat, gewöhnlich gesotten und kalt als Hummersalat gegessen. Der innere grüne Theil über dem Schwänze ist das Wohlschmeckendste. H. liefert vorzüglich Stavanger in Norwegen. Gekochte H. kommen aus den Vereinigten Staaten in großer Menge nach europäischen Häfen. Auch die Holländer und Bewohner von Helgoland betreiben den Hummerfang, welcher bei der großen Fruchtbarkeit dieser Thiere (ein Weibchen legt über 12,000 Eier) sehr einträglich ist. Der Verbrauch stellt sich jährlich aus 5—6 Mill. Stück. 8. amsrieanus M. Mw., der nordamerikan. H. ist vom gemeinen H. sehr wenig verschieden.Farwick.» Hümmling, s. Huimling. liümor (lat.), Feuchtigkeit, Saft. Humor, Bezeichnung des die Laune u. satirische Stimmung und Anlage überragenden Charakters, der, obgleich sein Grundzug Menschenliebe ist, doch, indem er in der menschlichen Natur eine eigenthümliche Mischung guter und böser Eigenschaften erblickt u. ihre Fehler lieber als Schwachheiten und Thorheiten, denn als Verbrechen betrachtet, gleichsam in ihre Rolle übergeht u. offen, herzlich, aber auf originelle Weise über ihre und der menschlichen Verhältnisse lächerliche Seite mit mildem Tadel aber mit Heiterkeit scherzt nnd so über die Wirklichkeit hinaus in die Region einer epikureisch-stoischen Philosophie versetzt und mit den kleinen Geschicken des Lebens aussöhnt. Darum und weil ihm als wesentlicher Bestandtheil das solidarische Gefühl der menschlichen Ohnmrchi Hilfs- und Nachsichtbedürftigkeit innewohnt, verletzt oder beleidigt der H. auch nie, was die Jro- > nie, der Spott u. die Caricatur wohl thun können insbes. wenn sie des H-s baar sind. Es gibt zwei verschiedene Arten von H.: den Stimmungs- und den Gedanken-H. Elfterer beruht hauptsächlich im Gefühl oder vielmehr im Gemüth, der zweite i hat seinen Grund in einer gewissen Höhe der Weltanschauung, bes. der Kenntniß des Menschen und des Lebens, gepaart mit einer entsprechenden ^ Stärke des Gefühls u. Tiefe des Gemüths. Der Stimmungs-H. ist weniger als eine Eigenschaft, denn vielmehr als eine von Eventualitäten ab- hängige Erscheinung zu betrachten. Der Gedanken- H. hat jedoch die Qualität einer specifischen Eigenschaft. Diese Art H. ist der Vater des Witzes; der Witz ist die Blüthe des Gedanken-H-s. Man kann daher des H-s fähig sein (Stimmungs-H.), ohne witzig zu werden; man kann Witz besitzen, ohne nach gewöhnlichen Begriffen für einen humoristischen Menschen zu gelten. Der H. ist das Gegenthcil des Abstrakten; er ist der glücklichste Ausdruck des Concreten. Das Abstracte versandet und zerstört den Menschen, der H. versöhnt und erhält ihn. Er repräsentirt den wahren Lebensmuth, die wahre Lebenseffenz; er ist eine der höchsten ethisch-menschlichen Eigenschaften. Solange man H. zu bewahren weiß, ist man sicher vor dem schlimmsten Widersacher des Menschen: der Verzweiflung. Wen die Verzweiflung über- mannt, der hat sicher seinen H. verloren. Natürlich paßt der H. nicht zu allen Verhältnissen. Sein Bereich ist das Menschliche und das Sittlich-Ge- müthliche. Wo diese Gemüthlichkeit aushört, da hört auch der H. auf; der Entartung gegenüber ist er nicht am Platze. Auf der anderen Seite ! ist der H. auch nicht Sache eines jeden geistig n. gemüthlich hochstehenden Menschen. Er muß vielmehr specifisch auch als Eigenthümlichkeit des Naturells betrachtet werden. Das beste Beispiel bietet hier Schiller, der bekanntlich wenig H. besaß, während er bei dem in denselben geistigen Sphären lebenden Goethe als klarer unerschöpflicher Quell lebendig war. SchrM. Humoralpathologie, Krankheitslehre, welcher die Ansicht zu Grunde liegt, daß die Krankheiten zunächst in Fehlern n. Verderbnissen der Säfte ihren Grund haben, im Gegensatz der Solidar- pathologie, welche Fehler in den festenTheilen, bes. den Nerven, od. auch Spannung od. Erschlaffung der belebten Fasern als nächste Krankheitsursachen betrachtet. Ersterer Ansicht war bes. früher in den medicinischen (dogmatischen) Schulen die herrschende und bildete sich durch Hippokrates aus der Elementarlehre des Empedokles, indem sie vier Cardiualsäfte, Blut, Schleim, schwarze und , gelbe Galle als Basis annahm. Asklepiades war ! ihr entschiedenster Gegner. Durch Galen erweitert, blieb sie bis auf Paracelsus herrschend, wurde dann mehr und mehr verdrängt, später wieder durch Sylvius, Helmont, Boerhaave u. A. von neuem zur Geltung gebracht, konnte sich aber vor den neueren Dynamikern nicht wieder zur Alleinherrschaft erheben. Vgl. L. S. Steinheim, Die H., Schlesw. 1826. Thamhayn.' 497 Humphreys i Humphreys, County im nordamerik. Unionsst. Tennessee, unter 36° n. Br. u. 87° w. L.; 9326 Ew. Countysitz: Waverly. Humphreys, Henry Noel, engl. Kunst- schriftsteller und Illustrator, geb. 181V zu Birmingham, erhielt seine Ausbildung auf demCon- tinent, des. in Rom und gab dort 1840 die Be- I schreibung zu Oooices Viervs in Roms heraus, der ! dann illustrative Werke auf naturwissenschaftlichen, > archäologischen, numismatischenrc. Gebieten folgten; dann storiss an arollasoloZist anä dis brisnäs, Lond. 1856; Ristorx ob tds artok printinx, 1867; Holdem null tks äsnes ok äsatd, 1868; Llas- tsrpisoes ok tds sarl^ painisrs anä onAravsrs, 1869; Ksmbranät; anä Iris LtedinAS, 1871; daneben schrieb er noch anonym Belletristisches u. Essays. r->g°i. Humpoletz, Stadt im böhm. Bezirk Dentsch- Brod (Österreich); kath. u. Protest. Kirche, Synagoge, Pfründnerspital, Krankenhaus, Tuchweberei, Strumpswirkerei, Mkoholfabriken, Bierbrauerei; 5050 Einw. Kumulus, s. Hopfen. Humus, von Thaer und Einhof zuerst gebrauchter gemeinsamer Name für gewisse Zwischen- producte der Verwesung abgestorbener Thier- und Pflanzenstoffe. Die Endproducte dieser Zersetzung sind Kohlensäure, Kohlenwasserstoffe, Wasser und Ammoniak. Ehe aber diese vollkommene Zerstörung der organischen Materie erreicht wird, treten häufig die dunkelgefärbten H-substanzen als Zwischenprodukte auf. Dieselben lassen sich auf eine geringe Anzahl in vieler Beziehung verwandter Körper, der sog. H-körper, zurücksühren. Auch künstlich lassen sich viele H-körper Herstellen, z. B. bei Einwirkung concentrirter Schwefelsäure ans ' organische Körper. Die H-körper enthalten nur ßohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Sie sind «»löslich in ätherischen u. fetten Ölen und Äther, manche auch in Alkohol; in ihrer chemischen Zusammensetzung nähern sie sich den Kohlenhydraten; sie sind nicht flüchtig, unkrystallisirbar u. geruchlos, die meisten ihrer Verbindungen sind braun gefärbt. Einige derselben sind schwache Säuren. Man kann im H. allgemein braune Ulmin- u. schwarze Huminkörper unterscheiden; die ersten enthalten mehr, die letzteren nur soviel Wasserstoff, als ihr Sauerstoff zur Wasserbildung bedarf und erstere gehen leicht unter Sauerstoffaufnahme u. Abgabe von Kohlensäure u. Wasser in letztere über. Die Ulmin- u. Huminkörper sind in Wasser unlöslich. Mit Alkalien behandelt, geben sie lösliche Ulmiu- u. Huminsäuresalze u. unlösliches Ulmin u. Humin. Humin, 6«-,H2oO,s, u. Ulmin, sind in Wasser, Alkohol u. Alkalien unlöslich; längere Zeit mit Alkalien gekocht, gehen sie größtentheils in Ulminsäure, u. Huminsäure, 6.,,chl,g0g, über. Die Ulminsäure ist in reinem Wasser löslich, ebenso ihre Alkalisalze. Die übrigen Salze bilden mit ulminsaurem Ammon lösliche Doppelsalze. Die Huminsäure ist in Wasser nur wenig löslich; ihre Salze sind braun und verhalten sich wie die ulminsauren. In naher Beziehung zu diese» beiden Säuren steht die G ein säure, Acker- oder Torfsäure, welche aus dem ulmin- u. Huminsäuren Ammon unter Mitwirkung Vierers Universal-Conversations-Lexikon. 6 . Aufl. X. ^ — Hund. der Lust entsteht. Sie ist in Wasser löslich; ihre Alkalisalze verwandeln sich an der Luft in quell- saure u. quellsatzsaure Salze. Die Quellsäure, Krensäure, kommt in Quellen, Ackererde, Tors u. vermodertem Holz vor; sie ist vierbasisch. Die gelb gefärbten Alkalisalze sind in Wasser löslich; liefert oxydirt Quellsatzsäure, Apo- krensäure, Nitrohnminsäure, Nitrophloretinsäure, 6248120,2. Diese kommt neben Qnellsäure vor, ist sünfbasisch; ihre Salze verhalten sich wie die der Huminsäure. Die genannten Säuren sind wol schwerlich selbständige Verbindungen, sondern muth» maßlich Gemenge verschiedenartiger Substanzen. Der H. ist für das Wachsthum der Pflanzen von der größten Bedeutung, indem er, in fortwährender Zersetzung begriffen, Kohlensäure, Ammoniak u. Wärme entwickelt, Basen bindet, Wasser absorbirt u. festhält, der Lust Ammoniak entzieht, die Verwitterung des Gesteins befördert u. a. m. — In der Landwirthschaft unterscheidet man nach dem Stadium der Verwesung: a) wenig zersetzten rohen H.; d) milden H., dieser ist von brauner Farbe und kommt in allen Bodenarten vor, in denen infolge rationeller Cultnr regelmäßige Verwesung der organischen Stoffe stattfindet; ihm verdankt die Acker- u. Gartenerde ihre Fruchtbarkeit in nicht geringem Grade. Enthält der H. freie Säure (Quell- und Quellsalzsäure, auch Äpfel- u. Essigsäure), so heißt er 0) saurer H.; er tritt auf, wenn die Verwesung durch zu viel Feuchtigkeit gehemmt oder gänzlich unterdrückt wird, auf Moor- od. Bruchboden, wo nur Pflanzen von geringer Nutzbarkeit (Riedgräser, Binsen rc.) gedeihen. Besonders nachtheilig wirkt ä) der adstringirende H., welcher entstand ans gerbsänrehaltigen Vegetabilien: Laub und Rinde von Eichen, Birken, Erlen, Weiden ,c. Bei an- dauernd gehindertem Luftzutritt liefern die organischen Stoffe s) den kohligen oder verkohlten H., welcher ebenfalls freier Säure wegen nachtheilig wirkt; an Farbe und äußerer Form der Kohle ähnlich, finden wir ihn in Torf- u. Moor- lagern und auch im Ackerboden, wenn besonders Rindviehmist zu tief untergcpflügt wurde (S. auch den Art. Boden). Vergl. Mnlder, Chemie der Ackerkrume, Leipz. 1862; Senft, Die Humus-, Marsch-, Torf- u. Limonitbildung, Leipzig 1862. (Chem.) Broglie. (Landw.) Marx. Hunnn, Provinz im inneren südlichen Chin.., im S. des Sees Thnng-thing, in ihrem nördlichsten Theile eine ungemein fruchtbare Ebene, in dem südlichen u. westlichen von Ketten des Nanling- GebirgeS durchzogen, meist Hügelland, vom Hong- kiang u. dessen Nebenflüssen bewässert; etwa 215,000 ssssdm (3900 Hs M) u. 20 Mill. Ew. Die Provinz ist gut bewässert n. angebaut; Hauptproduct ist Reis; ui den Bergen sind noch werthvolle Wälder u. große Steinkohlcnlager.Hauptst.istTschang-scha.Thielemmm. Hund (Haushund), Oauis kamiliaris L., Art der Gattung H., Oanis, mit nach oben u. dann links zurückgebogenem Schwänze. In Bezug auf Größe u. Tracht, Behaarung u. Farbe finden innerhalb der alten Linnöschen Art die grüßten Verschiedenheiten statt; die Frage, ob die zahlreichen Nassen von einer oder von mehreren und von welchen Arten abzuleiten seien, ist noch nicht gelöst. Band. 32 493 Hund. Kein Thier hat sich so sehr, wie der Haushund, an jede Kost u. an jedes Klima gewöhnt, u. er ist daher auch der treue Begleiter des Menschen nach allen Zonen der Erde hin. Linne kennzeichnet sein Naturell folgendermaßen: „Frißt Fleisch, Aas, mehlige Pflanzenstoffe, keine Kräuter. Verdaut Knochen, erbricht sich nach Gras, lost auf einen Stein: Griechisch-Weiß (Graecum albnm ssonst osficinells), höchst beizend. Trinkt leckend; feuchtet seitwärts, mit anderen wol hundertmal; beriecht gegenseitig den Hinteren; wittert trefflich mit feuchter Nase; läuft quer; tritt auf die Zehen; schwitzt kaum; läßt erhitzt die Zunge hängen; umkreist vor Schlafengehen das Lager; hört ziemlich scharf im Schlaf, träumt. Grausam im Streit um das Weibchen, das brünstig mit mehreren liebelt, sie aber beißt; 63 Tage trächtig; wirft oft 4—8 Junge, die Männchen dem Vater, die Weibchen der Mutter ähnlich. Treu über Alles; Hausgenosse des Menschen; wedelt beim Nahen des Herrn; läßt ihn nicht schlagen; läuft ihm voran; schaut am Kreuzweg zurück; gelehrig, sucht Verlorenes; Nachts wachsam, meldet Nahende, wacht bei Gütern, jagt Vieh vom Feld, hält Rennthiere zusammen, hütet Rinder und Schafe vor Raub- thieren, hält Löwen ab, treibt Wild ans, stellt Enten, schleicht springend ans Netz, bringt Jagdbeute, ohne zu naschen; zieht den Bratspieß in Frankreich, den Wagen in Sibirien. Bettelt bei Tisch, zieht beim Stehlen ertappt ängstlich den Schwanz ein; mißgünstig beim Fressen, zu Hause Herr unter den Seinigen; Feind der Bettler; fällt Unbekannte ungereizt an; heilt leckend Wunden, Gicht, Krebs; heult zur Musik; beißt in den vorgeworfenen Stein; bei drohendem Gewitter unwohl u. stinkend; hat Noch mit dem Bandwurm; verbreitet die Tollwnth; erblindet zuletzt u. benagt sich selbst; der amerikanische vergißt das Bellen; wird von den Mohammedanern gescheut. Opfer der Anatomen rc." Dieser klassischen und mit Recht berühmten Schilderung des Altmeisters der Naturgeschichte ist nur sehr Weniges zuzusetzen. Nach dem ersten Monat hat der H. schon den Gebrauch seiner Sinne u. Kräfte, im vierten beginnt der Zahnwechsel, im zehnten ist er fort- pflanzungSfähig, im 2. Jahre wächst er vollkommen aus, im 12. heißt er schon alt, denn in der Regel wird er kaum 20, selten 25—30 Jahre alt. Mit dem S. bis 15. Monat beginnt die Stubendressur, welche, richtig ausgeführt, bei guten H-en in 2—3 Wochen beendigt sein muß; zu spät ist alle weitere Mühe vergebens. Gut dressirte H-e, zumal junge, können durch unrichtige Führung sehr leicht verdorben werden. — Der Jäger nennt das Maul Gebiß, die hängenden Oberlippen Lappen, die Ohren Behang, den Schwanz Ruthe, die Füße Läufe, die Nägel Klauen, die Hinterdaumen Afterklauen, die untere Fläche des Fußes Ballen, das männliche Glied Feuchtglied, Hoden Geschröte, weibliches Schnalle, Brüste Gesäuge, Excremente Losung, feuchten harnen, fressen Fraß nehmen, bellen anschlagen, laut geben, riechen Nase haben rc. Das Fleisch ist wohlschmeckend u. wurde in Griechenland u. Rom u. wird noch jetzt auf den Südseeinseln gegessen, aber in Europa verschmäht. Das Fett schmeckt wie Gänsefett. Der Pelz der Pudel wird wie Schafpelz gebraucht. Vom Fell der größeren Arten macht man weiß- u. sämischgares Leder. Von den zahlreichen Arten oder Varietäten der Hunde sind die wichtigsten: L,) Haushunde: Der Spitz (0. pomsramm), lang behaart, mit langem, plattem Kopf, aufrechten Ohren, stamm- igem Schwanz; Biß wegen der langen und t spitzigen Eckzähne schwer heilend; einfarbig, weiß, schwarz, grau, gelb oder fnchsroth; der geschätzteste Haushund; die beste Spielart ist der Pommer. Der Schäferhund (6. poeua- rins), Schnauze lang und dick; Haar lang, dich struppig, grau melirt; Halbsteife, an der Spitze umgebogene Ohren. Der Heiden-od. Zigeunerhund (6. LvZÄnornm), so groß wie ein Spitz, glatthaarig, fahlgelb; Ohren nach vorn aufrecht, Schnauze kurz u. breit, Brust breit, Schwanz gekrümmt; munter, diebisch; von den Zigeunern oft zu Kunststücken abgerichtet. Der Sibirische od. - Eskimohund (6. dorsaUs), gewöhnlich weiß od. graulich, selten gefleckt, oder einfarbig ^röthlich od. schwarz u. unten weiß, oder wie die Stammrasse rostfarbig, mit dichtem, grobem, im Winter langem, mit feiner Wolle untermischtem Haar; heult ! wie der Wolf, läßt sich gern liebkosen, ist über- ! Haupt dem Menschen sehr ergeben, ohne seinen Herrn anszuzeichnen, frißt viel, hungert lange; auS Rußland, wird dort in Schlitten gespannt. Der Grönländische H., eine Abart, ist weiß u. schwarz; heult statt zu bellen. Der Isländische s H. (0. jalanälcus), Schnauze kurz u. spitz, Ohren stehend, an der Spitze überhängend, Stirn gewölbt, nach der Nase hin abschüssig, Augen groß, Hals u. Vorderleib dick, Schwanz keulenförmig, dicht behaart, an der Spitze aufwärts gebogen, Beine mittelhoch u. dünn; meist schwärzlich-grau, Stirn u. Unterseite weiß, Länge 45—50 am, Höhe 30 om; lebhaft, gutmüthig, gelehrig u. dabei vortrefflich zum Bewachen derHeerden. 8) Seidenhunde: Der Pudel (6. agnatieus), Kopf dick und rund, Schnauze kurz u. stumpf, Ohren gut behängen, Fahnenschwauz fast gerade, Füße stämmig, Haare lang, dick u. kraus od. wollig, weiß oder schwarz, seltener gelblich, braun oder grau; sehr treu und gelehrig, lernt, wohl dressirt, Aufwarten (ans den Hinterfüßen kauern), Verlorenes suchen, in daS Wasser springen und dort etwas herausholen rc. Bologneser (Malteser, Seidenhund, Seidenpudel, 6. extrarins, franz. Lieben, Labiebs), mit langem, feinem, seidenartigem (zumal im Gesichts, etwas gelocktem Haar, meist weiß, seltener braun oder schwarz, Ohren breit, herabhängend, Schwanz aufwärts gekrümmt, Stirnknochen aufgetrieben; bes. sonst von Damen als Schoßhund gehalten. Eine Varietät, der kurzhaarige Bologneser oder Englische Wachtelhund, wird auch König-Karls- s Hündchen genannt, weil Karl II., König von Eng- : land, stets einige solcher Hündchen bei sich hatte. Eine andere Varietät ist das sonst als Schoßhund ! beliebte Löwenhündchen. Ein großer Verwandter ist der Neufundländer (6. tsrias oovas), mit breitem Kopf, dicker Schnauze, herab- hängenden Lippen und Ohren, starken Beineu, schwarz u. weiß gefleckt, oder ganz schwarz, wetz oder braun; mit langzottigem, seidenartigem Haar, 499 Hund. bes. am Schwänze, hat Schwimmhaut zwischen den Zehen. Ein sehr kluges, gelehriges und im Ganzen sanftes Thier, welches aber ungern vorzüglich das Streicheln des Kopfes, bes. von Kindern und Fremden, leidet u. dadurch selbst zum Beißen gereizt wird; er zeigt, wie die meisten großen Hunde, eine stolze Ruhe, um kleinere Thiere sich in der Regel nicht bekümmernd; gegen seinen Herrn ist er sehr treu, er vertheidigt ihn mit großem Muthe, sogar mit Aufopferung seines eigenen Lebens, ist eben so muthig wie kräftig, so daß er kühn selbst Wölfe angreift, u. ist zugleich ein vortrefflicher Wasserhund, welcher schon ungeheißen aus dem Wasser apportirt und ofr schon Menschen, die dem Ertrinken nahe waren, das Leben gerettet hat. Vgl. Riesenhund. 6) Bullenbeißer (0. molossus), gelb oder braun, glatthaarig, mit schwarzer Nase, schwarzen Ohren, herabhängenden Oberlippen, immer geifernd, von bedeutender Stärke, als Reisebegleiter od. Wächter sehr schätzbar u. leicht gegen wilde Thiere abzurichten. Der St. Bernhardshund (Alpenhund), groß, zottig, braun u. gelb gefleckt; bes. auf Auffinden der Menschen unter dem Schnee u. unter Lawinen eingeübt; der berühmteste derselben war Barri, welcher dem Hospiz 12 Jahre diente u. über 40 Menschen das Leben rettete; jetzt ausge- stopst im Museum zu Bern; die Rasse ist ausgestorben, wird aber durch Neufundländer H-e auf dem St. Bernhard ersetzt; eine ähnliche, neuerdings gezüchtete Rasse ist der Leonberger H. Die Englische Dogge, Bulldogg, ist stärker als der Bullenbeißer, Kopf groß, Wangen herabhän- gend, Schnauze gestreckt, große Stirnhöhlen, Knochen dick; stets einfarbig, schwarz, braun, fahl; zuweilen als Hetzhund gebraucht. Die Dänische Dogge (0. äanions major), sehr groß, sitzend zuweilen bis 1„ m hoch mit langer Schnauze, kurzen, schmalen Ohren, windhundähnlichem Leib, hohen Beinen; mäusegrau, selten. Der Metzgerhund (Fleischerhund, 6. lamariuo), Kopf mager, lang, Ohren nicht sehr lang, Haare anliegend, schwarz, unten meist gelb. Der Mops, ein kleiner Bullenbeißer, nicht über 60 vva lang, fahlgelb; der dümmste unter allen Hunden, falsch u. dösarrig gegen Fremde, viel bellend u. knurrend, oft von Krankheiten geplagt; ist fast ausgestorben, v) Der Pintscher (0. Arz-xllus) ist klein, mit starkem Kopf, langer, abgestumpfter Schnauze, mittelhohen, geraden Beinen; munter, immer beweglich, nicht falsch, hat dieselbe große Neigung zum Jagen wie Dachshunde und fängt in Haus u. Hof Ratten u. Mäuse, in den Gärten Maulwürfe. Die glatthaarige Form heißt Rattenpintscher, die struppige Affenpintscher. L) Jagdhund (s.d.), Hühnerhund (s.d.)u. Dachshund (s. d.). §) Der Windhund (6. Arajua), mit spitzigem Kopf, stehenden Ohren, langem, sehr schlankem, sich nach hinten verdünnendem Körper, hohen Beinen, langem, stehendem, gekrümmtem Schwänze; in verschiedenen Abarten. Eine verwandte, vielleicht die Stammvarietät, kommt bei den Tataren und anderen skythischen Völkern vor u. ist ein so kräftiger Jagdhund, daß man sogar Löwen u. Tiger mit ihm Hetzen kann. 6) Der Nackte (afrikanische, türkische) H. (0. akrioanns), klein, schwarz, ins Grauliche u. stellenweise Fleischfarbige übergehend, fast ganz nackt, dabei zierlich, aber etwas gedrungener als beim Windspiel gebaut, ist gutmüthig und wachsam, gegen Fremde heftig, bellt aber selten; wird in Nordafrika zur Gazellenjagd abgerichtet; stammt aus dem Innern Afrikas; in Deutschland dauert er nicht gut aus. Wild lebende, von Einigen als die Stammväter der H-e, von Anderen als verwilderte Haushunde angesehene, jedenfalls nächst - verwandte Formen sind u. a.: Der Kolsun (Dole, 6. äulrkuusuais), von der Größe eines mittelgroßen Windhundes, braunroth, unten Heller, mit hängendem, stark behaartem Schwanz; in Dekhan u. den Waldgegenden östlich der Küste Loromandel; rottet sich in Meuten von 50—60 Stück zusammen, jagt still, aber mit großem Geschick, greift selbst die meisten größten Thiere mit Erfolg an. Der Buansu (6. primasruZ //oclgs.), in Gestalt u. Wesen dem Vorigen sehr ähnlich, oben dunkel, rostroth und gesprenkelt, unten röthlich gelb; lebt in den dichtesten Wäldern Kaschmirs, jagt laut in Meuten von 8—12 Stück, greift die gefährlichsten Raubthiere an u. überwältigt sie; besucht aber auch zuweilen Gehöfte u. Hürden; jung eingefangen, wird er sehr zahm u. zeigt große Anhänglichkeit an seinen Herrn. Der Adjak (6. rutilaus), sehr wild, unzähmbar, kleiner als der Wolf; suchsroth; lebt in Japan und den Sundainseln. Der Dingo (Warragal, 0. viuAo Maro.), lebt wild in Australien, gleicht in Größe u. Gestalt unserem Schäferhunde, in Farbe u. Benehmen dem Fuchs; hat eine lange, spitze Schnauze, kurze Ohren, hängenden, buschigen Schwanz, kleine Augen u. ein bösartiges Aussehen; wird bes. den Schafheerden gefährlich, stellt aber auch Kängurus und anderen Thieren nach; mit den Haushunden lebt er auf sehr feindlichem Fuße, dem Menschen geht er aus dem Wege. Er läßt sich schwer zähmen; Kreuzungen mit Schäferhunden sollen nicht selten sein. Der H. ist in den ältesten Zeiten gezähmt worden; weder Geschichte noch Sage kennen ihn anders, Lenn als Hausthier. Er hatte schon in alter Zeit eine mythologische Bedeutung. In der Volkssage kommt er bes. als Nachtgespenst häufig vor. In Ägypten (wo der Gott Anubis nicht einen Hunds-, wie man vielfach glaubt, sondern einen Schakalkopf trägt) wurden H-e bes. in Kynopolis verehrt n. allgemein mumisirt; starb ein H., so schor man sich am ganzen Leibe. Die Perser achten den H. als König der Thiere; bei Eintritt des Todes eines Menschen, dachte man, müsse der Blick eines H-es die bösen Geister verscheuchen, die sich sonst auf die Leiche werfen. Im übrigen Orient galt der H. von jeher als ein unreines, gefräßiges, bissiges Thier, und noch heute wird er als Schimpfwort gebraucht, während er auf der anderen Seite (wie in Constantinopel) in Wirklichkeit als reinigendes Element dient u. durch Verzehrung der Abfälle, Cadaver rc. aus den Straßen gewissermaßen eine Sanitätspolizei ausübt. Die Hebräer brauchten ihn fast nur zur Bewachung der Häuser und Herden. In Griechenland wurden H-e in der Homerischen Zeit meist als Jagdhunde, zugleich als Wächter bei Herden und Ställen gebraucht. Sonst aber waren sie dort noch Begleiter ihrer 32 * 500 Hund — Hundeshagen. Herren, selbst in die Raths, u. Volksversammlung. Diese H-e wurden von dem Tische des Herrn gefüttert n. mit dessen Leiche auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Später brauchte man H-e bes. zur Jagd, ikenophon (Vs vsustions) gibt die Anweisung zur Zucht, zum Abrichten, zum Gebrauch der einzelnen Arten u. die gewöhnlichen Namen an; letztere sind meist Appellativs, doch brauchte man auch mythische u. historische Namen als H-e- namen. Die Griechen brauchten H. als Schimpfwort, u. bes. nannte man den Diogenes u. seine Schule wegen ihrer Schamlosigkeit Kyniker. Der H. war zwar mehreren Gottheiten heilig, bes. der Artemis, als Jagdgöttin, und der Hekate; aber heiligen Orten dursten sie nicht nahen. Mythologisch berühmt ist der dreiköpfige H. Kerberos u. die H-e des Aktäon. In Rom wurden H-e zum Nutzen gehalten. Auf Thürschwellen pflegte man die Inschrift: osvs osusm (nimm dich vor dem H. in Acht) anzubringen. Bei den Deutschen, in deren Mythologie H-e (Wölfe) Sonne u. Mond verfolgen u. am Weltende verschlingen, wurden außer den Hof- u. Schäferhunden bes. die Jagd- Hunde sehr geschätzt. Entwendung oder Tödtung eines Jagdhundes war mit größerer Strafe belegt als die anderer Thiere. Vgl. u. a.: Walther, Der Hund, seine verschiedenen Zuchten, Varietäten u. Geschichte, Gießen 1837; Weiß, Der H., seine Eigenschaften, Zucht u. Behandlung, Stuttg. 1852; Rerchenbach, Der H., Leipz. 1857; Oswald, Der Vorstehhund in seinem vollen Werthe, 3. Aufl., Lpz. 1873; Leo, Der H., seine Züchtung, Aufzucht u. Pflege, Stuttg. 1875; Vrehm, Jllustr. Thierleben, Bd. 1, 2. Aufl., Lpz. 1876; Nolde, Galerie edler Hunderassen, Lpz. 1876. Rhode. (GeschO Henne-Am Rhyn. Hund (Astronom.), zwei Sternbilder: s) der Große H., am südl. Himmel, ostwärts vom Orion, hat nach Flamsteed 31 Sterne, worunter am Maul der hellste Fixstern: Sirius, ein Doppelstern, dessen Begleiter 1862 von Clark in Amerika aufgefunden, aber bereits 1845 von Befiel durch Rechnung angedeutet wurde. Neben ihm zur Rechten, an dem einen Vorderfuß, 4 Sterne zweiter Größe; der H. soll der Anubis oder der H. der Aurora, welcher dem Orion zugesellt wurde, sein, d) Der Kleine H., am nördlichen Himmel, unter den Zwillingen und dem Krebse, hat nach Flamsteed 14 Sterne, darunter einen erster Größe: Prokyon (Algomeiza); soll Jagdhund des Orion, nach Anderen Mära, der Hund des Ikaros, sein. Specht.» Hund (Berggrubenhund), Kasten zur Förderung, bei der Erzförderung noch im Gebrauch, mit einem eisernen Bolzen in der Mitte des Bodens (Spurnagel) zur Führung zwischen zwei nahe an einander liegenden Brettern. Bei der Kohlenförderung ist der H. durch auf Schienen laufende Wagen verdrängt. Mederstein. Hunde, Osuiäa v-st-Au., Fam. der Raubthiere. Kopf gestreckt, Schnauze zugespitzt, Zunge glatt, Gebiß vollständig, beide Beinpaare gleich lang, vorne 5, hinten 4 Zehen, Krallen nicht zurückziehbar; Zehengänger; Schwanz meist lang und buschig behaart. Die H. leben in allen Zonen, halten sich nur am Boden auf und erjagen ihre Beute im Lauf; wohnen in selbstgegrabenen Höh. len. Gattungen: Ossis D., Hund; Otoozwu, Löfsel- H. u. a. Die Gatt. 6anis zerfällt wieder in zwei Hauptabtheilungen: Füchse mit senkrechter länglicher Pupille (s. Fuchs) u. Wölfe mit runder Papille, dahin der Wolf, Schakal, Prairiewolf und Hund (s. d.). Farwick. Hundeinsel, so v. w. Dog-Jsland. Hundekrankheit, so v. w. Hundestaupe. Hundert (lOO, lat. 6., griech. §), die 2. hö- Here Einheit des dekadischenZahlensystems,—10.1g. Hundert Garden (oout Asräss), war die 1870 aufgelöste Leibwache Napoleons III. Hundertjähriger Kalender, s. u. Kalender. Hundert Tage (sranz. Gesch.), s. Osub joms. Hundeshagen,1)Joh. CH ristian, berühmter Forstmann, geb. 10. Aug. 1783 in Hanau, besuchte das Gymnasium daselbst, nach bestandener Jägerlehre 1802—4 die Forstschulen zu Waldau u. Dillenburg (Hartig), 1804—6 die Universitäten Heidelberg u. Göttingen, wo er namentlich Ka- meral- u. Naturwissenschaften studirte, trat 1803 in den kurhesi. Staatsdienst, wurde 1808 Oberförster in Friedewald bei Hersfeld, 1818 Professor in Tübingen, 1821 Forstmeister u. Director der ! Forstlehranstalt in Fulda, 1825 Professor in Gie- j ßen, wo er 10. Febr. 1834 starb. Während H-z Verdienste um die Wissenschaft allgemeine Anerkennung fanden, zog ihm sein reizbares u. heftiges Temperament, durch Krankheit und Hypochondrie noch gesteigert, infolge dessen literarische ^ Fehden vielfach in persönliche ausarteten, zahlreiche Gegner zu, verbitterte die letzten Jahre seines Lebens und ließ ihn zu keiner gedeihlichen Wirksamkeit gelangen. Von H-s zahlreichen Schriften sind die hervorragendsten: Encyklopädie der Forstwissenschaft, 3 Bde., Tüb. 1821 u. 1831, ! 4. Aufl. von Klauprecht, 1843 u. 1859; Die Forstabschätzung auf neuen wissenschaftlichen Grundlagen, ebd. 1826, 2. Aufl. von Klauprecht, 184S; Lehrbuch der forst- u. landwirthschaftlichen Naturkunde, 3 Thle., ebd. 1827—30 (unvollendet); Die Waldweide u. Waldstreu rc., ebd. 1830. 2) Karl Bernhard, Sohn des Vor., Theolog, geb. 39. Jan. 1810 in Friedewald; 1831 Privatdocent in Gießen für Kirchengeschichte und Exegese, 1834 Professor in Bern, 1847 in Heidelberg, 1849 Geh. Kirchenrath, 1867 Professor der Theologie in Bonn, st. das. 2. Juni 1872. Er schr.: Die Conflicte des Zwinglianismus, Lutherthums u. Calvinismus in der Vermischen Landeskirche, Bern 1842; Der deutsche Protestantismus, Franks. 1846, 3. Aufl. 1849; Die Bekenutnißgrundlage der vereinigten evang. Kirche in Baden, ebd. 1851; DaS Princip der freien Schriftforschung in seinem Ver- hältniß zu den Symbolen u. der Kirche, Darmst. 1852; Über die Humanitätsidee, Heidelb. 185S; Der Weg zu Christo, Frks. a. M. 1853; Über die Erneuerung des evang. ältesten u. Diaconeil- rechts, Heidelb. 1855; Der badische Agendenstreit, Frkf. a. M. 1859; Beiträge zur Kirchenversassungs- geschichte u. Kirchenpolitik, insbes. der Protestantismus, Wiesb. 1864, Bd. I. Aus seinem Nachlaß: Ausgewählte kleinere Schriften u. Abhandlungen, herausgeg. von Christlieb, 1. u. 2. Abth., Gotha 1874 U. 1875. V Wimmenauer L. S) Löffler. Hundestaupe - Hundestaupe, Hundekrankheit, kennzeichnet sich durch einen weit verbreiteten Katarrh der Luftwege, dem sich gewöhnlich Lungenentzündung, Darmkatarrhe u. nervöse Zufälle beigesellen. Sie befallt bes. verweichlichte Hunde, die wenig Fleisch- nahrung erhalten, tritt meist im 1. Lebensjahre auf, gewöhnlich bei feuchtkalter Witterung u. nach Erkaltungen; die einmal überstandene Krankheit sichert nicht vor neuer Erkrankung. Das Thier verliert die Freßlust, ist traurig u. träge, läßt den Kopf hängen u. zeigt Wechsel der äußeren Körperwärme; bald stellt sich Niesen, Husten u. Erbrechen ein, dabei Krämpfe; aus der Nase fließt eine zähe, eiterartige Materie, eben so aus den Augen eine kleberige Feuchtigkeit; das Auge erscheint trübe; Verstopfung wechselt mit Durchfall; in der Regel ist Athmungsbeschwerde u. nicht selten übelriechender Athem vorhanden. Bei günstigem Ausgange u. zweckmäßiger Behandlung treten diese Erscheinungen allmählich zurück und die Thiere sind in einigen Wochen genesen. Zeigen sie dagegen blutige Kothentleerungen u. nervöse Krämpfe od. Lähmungen, so ist der Ausgang in der Regel ungünstig. Zur Verhütung Härte man die Hunde ab ».füttere sie naturgemäß, bes. mit Rücksicht darauf, daß der Hund zu den Fleischfressern ge- hört. Die Behandlung ist eine symptomatische; Radikalmittel gibt es bis jetzt nicht; Fütterung mit Schwefelblüthen ist nachtheilig. Schmidt. Hundetragen, im Mittelalter Strafe derer, welche sich des Landfriedensbruchs schuldig gemacht hatten, darin bestehend, daß sie einen Hund in den nächsten Gau tragen mußten; so ließ Otto I. 338 die Anhänger des den Landfrieden störenden Herzogs Eberhard u. Friedrich I., 1155 den Pfalzgrafen Hermann, wegen Bekriegung des Erzbischofs Arnold, Hunde tragen. Hundheim, Kirchdorf im Amtsbez. Wertheim des bad. Kreises Mosbach; 770 Ew. Hier 23. Juli 1866 siegreiches Gefecht der Avantgarde der preuß. Division Fließ gegen Theile der bad. Division. Huudred, die Hundertschaft, erscheint bei allen germanischen Stämmen als Unterabtheilung der Völkerschaften für die Gestellung eines gleichen Contingents für den Heerbann, u. im eroberten Lande maßgebend für die Landnahme. Die so gebildeten Bezirke dienen auch zugleich als solche für die Rechtspflege u. Friedensbewahrung. In England ist so seit Alfred d. Gr. ein Unterbezirk für Heer, Gericht u. Friedensbewahrung geblieben; in einigen nördl. Grafschaften Englands ist die Bezeichnung WaxsotaLs, auch Varä üblich. In Deutschland bildeten sie, Hunäioäaö genannt, auch Lenbsuas, die Unterabtheilungen im Gaue u. waren deren Localbeamte die Zentgrafen, welche in ihnen die gewöhnlichen Gerichtstage hielten. Lagai. Hundredweight (engl.), s. u. Centner. Hundsfeld, Stadt im Kreise Öls des preuß. Regbez. Breslau, an der Weida, Station der Rechten Oderuferbahn; Mediatbesitzung des Herzogs von Braunschweig; 2 Kirchen; 1875: 1256 Ew. Hundsgrotte (Oiotba äei oans), Höhle bei Neapel, am östl. Ufer des Agnano-Sees (s. d.). Hundshai, s. Haifische. Hundskamille, 1)Lmtirsrms arvsusis T,.; 8) Uatrloarla inoäora. - Hundswuth. 501 Hundskirsche, ist 1) Lrxonia alba L.; 8) I-onioora xzüastoum 1/. Hundskopf, ein bei den Alten unter dem Namen t^noeexdalus aufgeführter Affe, zu den Pavianen gehörend, jetzt 0. llamackrz-as, Mantelpavian, benannt. Lebt heerdenweise in Arabien u. Abessinien. Den Ägyptern galt er für heilig; sein Bild findet sich häufig in ägyptischen Hieroglyphen; s. auch Affen. Hundspetersilie, s. L.otlmsa. Hundsrose, ist Rosa oanina. Hundsrübe, ist Lr/onia alba. Hundssternperiode, s. u. Jahrrechnung b. Hundstage, die Zeit, in welcher die Sonne das Zeichen des Löwen durchläuft, vom 22. (23.) Juli bis zum 23. August, in dessen Mitte der kosmische Aufgang des Sirius (Hundssterns) mit der Sonne fällt. Diesem Zusammentreffen schrieb man sonst die meist starke Hitze dieser Zeit zu. Hundsveilchen (Hundsviole), ist Viola oanina. Hundswürger, s. Oxvanolium. Hundswuth (Rabies, I-^ssa), eine auf den Menschen n. zahlreiche andere Thiere übertragbare acute Jnfectionskrankheit der Hunde, hauvt- sächlich charakterisirt durch schwere functiouelle Störungen des Centralnervensystems bei vollständigem Mangel an groben pathologisch-anatomischen Veränderungen, durch eine stark variirende, immer aber sehr lange Inkubationszeit und durch einen stets tödtlichen Ausgang. Geschichte: Aristoteles erwähnt zuerst der H., leugnet aber, daß sie auf Menschen übertragbar sei. Treffliche Angaben macht Cornelius Celsus; zum Schutz gegen die nach dem Biß toller Hunde beim Menschen auftretende Wasserscheu empfiehlt er das Brennen u. Ätzen, Galen das Ausschneiden der Wunde. CL- lius ÄurelianuS schildert die H. ausführlich und trefflich. Seitdem haben erst gegen das Ende des vor. Jahrh. Chabert u. I. Hunter u. in diesem Jouatt u. Hertwig, letzterer bes. auf der Basis großartiger Experimente, das Wesen der H. genauer erforscht. — Ursachen: Man kennt mit Sicherheit nur die Entstehung der H. durch Ansteckung, die vielfach auch jetzt noch angenommene Selbstentwickelung ist höchst zweifelhaft und noch niemals nachgewiesen worden. Alles, was man als besondere Disposition zur Selbstentwickelung der H. hingestellt hat: große Hitze u. starke Kälte, Mangel an Trinkwasser, übertriebene Verweichlichung durch Domestikation, Nichtbefriedigung des Geschlechtstriebes rc., ist unrichtig. Das specifische Wuthgift, daS sich in seinen Wirkungen auf die nervösen Centralapparate gewissen Nervengiften sehr ähnlich verhält, ist vom Anfänge der Krankheit bis zum Tode u. selbst noch einige Zeit — Loch kaum 24 Stunden — über diesen hinaus vorhanden, im Speichel und Schleim deS Maules, in den Speicheldrüsen und im Blute nachgewiesen worden u. fixer Natur; durch chemische u. mikroskopische Analyse konnte eS bis jetzt nicht nachgewiesen werden. Ausgeschnittene Nervenstücke, Fleisch u. Milch wirken nach Hertwig niemals ansteckend, die Übertragung der Krankheit erfolgt meist durch den Biß Wutbkranker. Die Disposition zur Erkrankung ist eine derartige, daß bei Uebertraguugsversuchcn K—Z der geimpften od. 502 Hunoswuth. gebissenen Thiere erkranken. Wenig blutende Bißwunden sind am gefährlichsten, da bei stärker blutenden das Gift durch den Blutstrom weggespült wird; die Bedeckung der gebissenen Stelle mit Wolle u. Haaren verhindert oft das Eindringen des Gistes in die Wunde, indem sie das Gift von den Zähnen abstreift; aus demselben Grunde zeigen sich bei schnell hintereinander erfolgenden Bissen durch denselben tollen Hund die letzten stets weniger gefährlich als die ersten. Die Inkubationszeit beträgt beim Hunde durchschnittlich 3—6 Wochen; die kürzeste Frist soll 5—6 Tage, die längste ca. 8 Monate betragen. — Verbreitung: Kein Land wird vermöge seiner klimatischen Verhältnisse von der H. verschont. Zuweilen herrscht sie in wahrhaft seuchenartiger Verbreitung; so wurden in Hamburg von 1851—56 ca. 600, in Wien v. Nov. 1873 bis Aug. 1875 332 Fälle constatirt; in Bayern kamen bei einer Gesammtzahl von ca. 275,000 Hunden durchschnittlich jährlich 800 Fälle von Wuth u. Wnthverdacht vor. — Symptome: Die H. tritt in den beiden Formen der rasenden u. der stillen Wuth auf, es muß indessen auf das nachdrücklichste betont werden, daß die verschiedensten Übergänge Vorkommen u. daß die H. überhaupt in ihren Erscheinungen so anßerc-deutlich verschieden ist, daß nach Hertwig selten auch nur 2 Fälle der Krankheit genau übereinstimmeu. Im Verlaufe der H. unterscheidet man im Allgemeinen 3 Stadien. 1) Das Vorläufer- (Prodromal-) Stadium charakterisirt sich durch Ab- weichungen in dem Benehmen der Hunde. Sie werden verstimmt, mürrisch, widerspenstig, lichtscheu, unruhig, legen sich wie zum Schlaf, stehen aber bald wieder auf u. nehmen ein anderes Lager; verschmähen die gewöhnlichen Nahrungsmittel u. lassen das Futter ost wieder ans dem Maule fallen; nehmen meist unverdauliche Gegenstände, Erde, Stroh, Holz, Leder u. dgl. mit großer Gier zu sich, belecken bes. gern kalte Gegenstände, fressen sogar oft den eigenen Koth u. belecken den eigenen Harn; dazu kommt zuweilen Steigerung des Geschlechtstriebes, Unsicherheit beim Gehen, Zittern des Hintertheils, Erweiterung der Pupille, Lecken, Nagen n. Kratzen an der schmer- zenden Bißstelle. 2) Nach 2—3 Tagen beginnt das Stadium der eigentlichen Wuth (Jrri- tationsstadium); in ihm treten die charakteristischen Erscheinungen immer nur anfallsweise auf; es sind dies: Heftige Neigung zum Entweichen aus dem Hause des Herrn u. zum Herumschweifen, wobei der Hund oft in kurzer Zeit große Strecken zurücklegt. In der Regel kehren die Thiere nach ca. 24 Stunden wieder ins Hans zurück u. sind dann furchtsam u. scheu, od. auch ungewöhnlich freundlich. Zugleich beobachtet man eine auffallende Beißsucht, manche schnappen u. beißen nur leicht im Vorübergehen, andere indessen springen wüthend auf Alles los, was sie in ihrer Nähe bemerken u. beißen mitunter so heftig, daß sie sich die Zähne ausbrechen u. die Lippen blutig verletzen; sie zerfleischen sogar oft ihren eigenen Körper.^ Am meisten wird die Beißsucht durch andere Hunde, Katzen u. Geflügel erregt. Die Dauer eines solchen Anfalls beträgt einige Stunden bis einen ganzen Tag. Psychische Störungen werden indessen auch außer der Zeit der Paroxyz. men wahrgenommen; die Thiere blicken selbst be- kannte Personen stier an, schnappen in die Lust, wie nach Fliegen; dabei kann man sie schlagen, stechen, brennen, ohne daß sie einen Laut des Schmerzes von sich geben. Ein sehr wichtiges Symptom ist die Veränderung der Stimme u. die Art des Bestens. Während bei gesunden Hunden ein- zelne Anschläge beim Bellen deutlich von einander geschieden werden, schlagen wüthende Hunde einen Laut an u. ziehen diesen höher fort, so daß die Stimme zwischen Bellen u. Heulen schwankt. Viele Hunde lassen dieses charakteristische Geheul fast beständig ertönen, andere benehmen sich ruhiger. Die Augen sind gewöhnlich geröthet; die meisten Hunde schließen zeitweise die Lider etwas, wie znm Schutz gegen das Helle Licht. Die Thiere bekommen struppiges Haar und werden in kurzer Zeit auffallend mager. Eine eigentliche Wasserscheu, wie mau dies früher allgemein annahm, besteht nicht; die Kranken vertragen das Begießen mit kaltem Wasser, ohne in Krämpfe zu verfallen, nehmen Flüssigkeiten meist gierig zu sich, schwimmen selbst durch Flüsse. Manchmal ist dagegen eine hochgradige Schlingbeschwerde vorhanden, wel'l : die Aufnahme fester Substanzen u. Getränke verhindert. Unrichtig sind weiter die Angaben, daß aus dem Maule wüthender Hunde beständig schaumiger Speichel fließe, daß sie den Schwanz zwischen die Beine klemmen und daß sie stets geradeaus laufen. Das Geifern wird nur bei Schlingbeschwerden wahrgeuommen, meist ist das Maul ganz trocken; das Herabhängen des Schwanzes wird nur bei Lähmung des Hintertheiles bemerkt; das Geradeauslaufen nur beim Verfolgen des Hundes. 3) Nach 3—4 Tagen, häufig anch schon früher, stellt sich das Stadium der Lähmung (das paralytische Stadium) ein. Die Thiere werden immer schwächer, magern immer stärker ab, der Blick ist stier, die Pupille erweitert, aus dem meist trockenen Maule hängt die bleifarbige Zunge heraus, die Stimme ist heiser, das Hinter- theil wird gelähmt, zuweilen treten Convulstonen ein, die sich mitunter bis zum Starrkrampf steigern und am 5.-7. Tage gehen die Thiere zu Grunde. — Das angeführte Krankheitsbild ist das der rasenden Wuth, das der stillen charakterisirt sich durch das weniger starke Hervortreten des Jrritationsstadiums. Lähmung des Unterkiefers macht den Kranken schon früh die Aufnahme der Nahrung und das Beißen unmöglich. Der Unterkiefer hängt schlaff herunter, aus dem geöffneten Maule fließt zäher Speichel. Abmagerung u. Lähmung nehmen beim Herannahen des Todes schnell zu. Ausdrücklich sei bemerkt, daß einzelne Erscheinungen durchaus nicht immer in charakteristischer Weise auftreten u. daß nur aus dem ganzen Symptomencomplex, sowie an der Aufeinanderfolge bestimmter Gruppen von Erscheinungen die H. erkannt werden kann. Verlauf sehr schnell u. stets tödtlich; die H. führt stets in den ersten 10 Tagen vom Auftreten der ersten Symptome, meist vom 5. bis 7. Tage, zum Tode. Der Leichenbefund hat bis jetzt spccifische Veränderungen nicht erkennen lassen; die Obductionsergebnisse sind im Verhältniß zu den schweren Erscheinungen 503 Hundszähne — Hunfalvi. während des Lebens höchst unbedeutend, u. mau ist kaum je im Stande, aus ihnen allein die H. mit Sicherheit zu diagnosticiren. Abgesehen davon, daß bei der H. jede Application von Heilmitteln mit großer Gefahr verbunden ist, kann von einer erfolgreichen Behandlung gar keine Rede sein, La keines der gegen die H. empfohlenen Mittel sich bewährt hat. Die ganze Behandlung bleibt auf vorbeugendes Zerstören des Wuthgiftes durch Ätzen, Brennen u. Ausschneiden der Bißwunden beschränkt. Sofortiges Aussaugen der Bißwunde, damit das Gift nicht in das Blut dringt, durfte das beste Mittel sein, während es dem Aussaugenden völlig unschädlich ist. Zur möglichsten Verhütung der H. muß dahin gewirkt werden, daß die Zahl der unnützen Köter sich auf ein Minimum reducirt, am zweckmäßigsten ließe sich dieses wol durch eine recht hohe Besteuerung aller Luxushunde erzielen. Ferner müßten alle Hunde, welche frei umherlan- fen, mit einem zweckmäßigen Maulkorbe versehen sein. Bei verdächtigen Krankheitserscheinungen müssen die Hunde isolirt n. unter Aufsicht gestellt werden. In veterinärpolizeilicher Beziehung schreibt das Gesetz zur Abwehr u. Unterdrückung von Viehseuchen vom 25. Juni 1875 für Preußen Folgendes vor: Sofortige Tödtung od. Einsperrung verdächtiger Hunde bis zum polizeilichen Einschreiten, Unterlassung aller Kurversuche bis dahin; sofortige Tödtung der nachweislich wuthkranken und aller mit denselben in Berührung gekommener Hunde u. Katzen; Festlegen aller Hunde in dem durch einen frei umherlaufenden Wuthkranken gefährde- ten Bezirk; Vernichtung der Cadaver aller witth- kranken u. -verdächtigen Hunde. Die H. bei Menschen ist eine durch Verwundung erfolgte Übertragung des Wuthgiftes vom Hund, von der Katze, vom Wolfe auf den Menschen, niemals spontan entstehende Nervenkrankheit, die sich bes. durch Krampfanfälle der Schlund- u. Athemmuskeln charakterisier. Die Übertragung des Wuthgiftes findet meist durch Biß statt. Die Bißwunde verheilt entweder in ganz normaler Weise od. die schon vernarbte Wunde bricht unter Brennen u. Ziehen wieder auf u. sondert eine dünne jauchige Flüssigkeit ab. Der Ausbruch der Hunds- wuth erfolgt 7 Tage bis 9 Monate, durchschnittlich 4—7 Wochen nach dem giftigen Bisse. Während dieser Zeit (Jncubationsstadium) fehlen meist alle Krankheitserscheinungen. Dann kommen die Vorläufer: Halsschmerz, ähnlich wie bei Mandelentzündung, Zusammenschnüren des Halses, allgemeine Unruhe u. Ängstlichkeit, schlechter Schlaf. Nach dem diese Erscheinungen einige Tage bestanden haben, stellt sich Speichelfluß mit dem Bedürfniß den Speichel fortwährend auszuspeien ein, der Kranke macht von Zeit zu Zeit tiefe seufzende Einathmungen, u. will er trinken, so schnürt sich sofort die, Kehle zu u. Krämpfe der Schlundmns- leln treten ein. Diese Reizbarkeit der Schlund- Muskeln ist so groß, daß der Kranke ängstlich vermeidet, Flüssigkeiten zu sich zu nehmen, um eben die Krämpfe nicht zu erwecken (Wasserscheu, Hydrophobie). Gleichzeitig entwickeln sich nunmehr Krämpse der Einathmungsmuskcln u. nur absatzweise kann der Kranke Luft holen. Die Trostlosigkeit der Situation bringt immer die Kranken in höchste Verzweiflung u. selbst zu wahrer Tobsucht. Eine Heilung der ausgebrochenen H. gehört bis jetzt zu Len Unmöglichkeiten und alle bisher empfohlenen Mittel haben sich ohne jede Ausnahme als nutzlos erwiesen. Wir sind nur im Stande einen Versuch zu machen, durch energische Ätzung der Wunde das Gift zu zerstören, ein Verfahren, dessen Erfolg jedoch immerhin sehr zweifelhaft ist, da wir über die Schnelligkeit der Resorption nichts wißen; und ferner bei ausgebrochener H. durch Morphium od. Chloral den Kranken zu betäuben, durch Kaltwasserklystiere seinen Durst zu löschen, durch Bromkali in großen Dosen die nervöse Aufregung zu dämpfen u. durch Abhaltung von Licht- und Schallreizen die Lage des Unglücklichen zu bessern. (Thierarzneilk.) Schmid!. (Med.) Kunze. Hundszähne bei Schafen, so v. w. Milchzähne. Hundszecke, s. Zecke. Hundszunge, s. LMoglosanm. Hünen (Henne), Riesen n. Heroen der grauen deutschen Vorzeit; überhaupt übermäßig große, starke Menschen; so v. w. Hunnen. Hünengräber (Hünenbetten, Steinhäuser), Gräber der frühesten heidnischen, bes. nordischen und deutschen Vorzeit. Man unterscheidet sie in Stein- u. Hügelgräber, u. erstere wieder in Steinkisten, Hünenbetten u. Grabkammern. Die Steinkisten bestehen ans Steinplatten, die eine Art von Gefäß od. Kiste bilden, die Hünenbetten in einer runden Erhöhung, deren Rand mit Steinen bekränzt ist. Die Grabkammern bestehen aus Steinen, welche in ein längliches Viereck von verschiedener Größe geordnet u. mit platten Felsstücken belegt und darüber mit Erde bedeckt sind. Meist findet man in ihnen Urnen mit Knochenasche auch ganz nnverbrannte Gerippe, in liegender od. sitzender Stellung, Waffen von Stein, Geräthe von Stein, Horn u. Bein, sowie Thongefäße, Gegenstände von Bronze, bisweilen in den oberen Schichten der mehrere Lagen von Gräbern zählenden Hünengräber; Eisen aber nicht. H. finden sich in England, Frankreich, Skandinavien, dem nördlichen n. mittleren Holland, in Norddeutschland, seltener in Mitteldeutschland, wie Thüringen, Hessen, Sachsen. Gewöhnlich knüpfen sich auch Sagen der Umgegend, die ihre Bedeutung nicht mehr kannte, an dieselben an. Vgl. Samml. gemeinverst., miss. Vortr. N. 1 (von Virchow). He,me-Am Rhyn. Hünenringv, Erd- oder Steinwälle von verschiedenem Umfange, welche in der Vorzeit wahrscheinlich zum Schutze von Zuflnchts- u. VertheiL- igungsplätzen, vielleicht zu religiösen Zwecken, um Berggipfel gezogen wurden u. vielfach in Deutschland sich noch vorfinden. Hunfalvi, 1) Paul, hervorragender ungar. Sprachforscher u. Ethnograph, geb. 1810 in Groß- schlagsndorf, legte sich nach in Käsmark u. Miskolc; beendigten humanistischen Studien mit Vorliebe und großem Erfolg auf die Erforschung der sprachlichen u. ethnographischen Verhältnisse der denMagyaren u. ihren Vorfahren (Avaren,Hunnen) sprach- und stammverwandten Völkerschaften der finnisch-ugrischen Gruppe (Finnen, Ostjaken, Jakuten, Samojeden, Woten, Wogulen rc.). Seit 1838 Advocat, 1842 Professor der Rechtswissen- s schast am Collegium zu Käsmark, 1849 Abgeord- 504 Hünfeld — neter des 1. Ungar. Reichstages, nahm er von da an seinen dauernden Aufenthalt in Pest, wurde 1843 Mitglied der Kisfaludy-Gesellschaft, 1856 ordentliches Mitglied der ungarischen Akademie als Professor für die sprachwissenschaftlichen Ar- bei^n derselben. In dieser wichtigen Stellung ordnete er auf Antrag der Akademie den interessanten philologisch-ethnographischen Nachlaß des berühmten ungarischen Reisenden Reguly, welcher nach langen Forschungs- u. Studienreisen leider zu früh verstorben, u. gab von größeren Arbeiten zunächst heraus: LZz-Vo§u1 monäa (eine Wogul- ische Sage), Pest 1859; darauf folgte l?uin OIvus- mänzwie (Finnische Lesestücke), ebd. 1861; ^ VvAnl Lölä ss nsp (das Wogulische Land u. Volk), ebd. 1864; L. Lonäal VoZnl nxslv (die Wogulische Sprache amKonda-Flusse, Gouvernement Tobolsk), ebd. 1872; hstanäs a LalttsnZsi viäslcoin (Reise in den von der Ostsee bespülten Ländern), ebend. 1871; szs^L OsrtzL nsiv (Die nördlich Ost- jakische Sprache), ebd. 1875; außerdem verschiedene kleinere Abhandlungen, die in den interessanten Werken LlaAz-ar N^elvssest (Magyarische Sprachforschung), und Iszwlvtnckomän^i Lö^Isme- nzssk (Sprachwissenschaftliche Mittheilungen), enthalten sind. H. gilt mit Recht mit Vämbbry für eine Autorität ersten Ranges aus dem Gebiete der speziell Ungarn und seine Stammesverwandten betreffenden Sprachsünde u. Ethnographie. 2) Johann, Ungar. Geograph, Bruder von H. 1), geb. 1820 zu Großschlagendorf (Zips), machte seine Studien in Käsmark, Miskolcz, Eperies, dann in Berlin u. Tübingen, u. habilitirte sich als Professor der vergleichenden Geographie an der Landesuniversität zu Pest. Neben verschiedenen kleineren die allgemeine Geographie und Statistik betreffenden Arbeiten gab er heraus: ÜKxstsmss törtsnslsm (Allgemeine Geschichte), 3 Bde., Pest 1850 ff.; neue Ausl. 1862; L muAzmr birockaloin tsrmssssti visrwllxaiuale leiräsa (Beschreibung der physikalischen Verhältnisse Ungarns), 3 Bde., Pest 1863—66, u. a. m. Er ist Mitglied der ungar. Akademie u. theilt mit seinem berühmten Landsmann Hermann Vämbery den Vorsitz in der kgl. Ungar. Geographischen Gesellschaft. B-och-Arlossy. Hünfeld, 1) Kreis in dem preuß. Regbez. Kassel, von der Hanne durchflossen und von der Frankfurt-Bebraer Eisenbahn durchschnitten, 437,z Lsirm (7,g. IHM) mit (1875) 24,297 Ew. 2) Kreisstadt darin, unweit der Hanne, Station der oben genannten Eisenbahn; ehemaliges Chörherrn- stift (bis 1803), Papierfabrik, Leinwandweberei u. Bleichen; 1875: 1622 Ew. H., das schon 732 an Fulda kam, erhielt 1310 Stadtrechte. Hier 4. Juli 1866 ein Zusammenstoß der preuß. Division von Beyer mit der bayer. Cavalerie-Division. Hungen, Stadt im Kreise Gießen der groß- herzogl. Hess. Prov. Oberhessen, an der Horloff, Station der Oberhessischen Eisenbahn; Landgerichtssitz, Schloß, Braunkohlen- u. Eisensteingruben; 1875: 1283 Ew. H. gehört dem Fürsten von Solms-Braunsels, seit 1806 unter hessischer Hoheit. Hunger, das Gefühl mangelnder Nahrung, erscheint localisirt im Magen; doch sprechen gewichtige Thatsachen, namentlich der Umstand, daß der - Hünmgen. H. sich auch noch nach Durchschneidung der Ma- gennerven einstellt, dafür, daß der Ursprung dieser Empfindung dem Centralorgan des Nervensystems angehört. Anderseits sind die Zustände des Magens auch nicht ohne Einfluß auf das Gefühl des H-s. Es wird daher auch durch abnorme Empfindlichkeit der Magennerven hervorgerufen und tritt daun als krankhafter H. (Heiß-H., Hunds-H.) aus. Im gesunden Zustande, in jüngeren Jahren, wo der immerwährende Stoffwechsel rasch von Statten geht, kehrt der H. nach Befriedigung desselben in kurzer Zeit wieder u. kann nicht so lange ertragen werden, als in höherem Alter, od. in krankem Zustande. Ein längere Zeit gar nicht, oder nur wenig befriedigter H. führt schneller oder langsamer zum Tode, welchem Magenschmerz, Fieber, Raserei, Ohnmacht, Abzehrung rc. vorhergehen. Der freiwillige H-tod erfolgt nach Verschiedenheit der Körperconstitntion, nach etwa 6—12 Tagen, später, wenn Wasser zugleich getrunken wird. Den H. stillen bei den Menschen und vielen Thieren in der Regel feste Nahrungsmittel; aber auch flüssige, welche den geeigneten Nahrungsstoff enthalten, können diese einigermaßen ersetzen. Farwick. Hungerkur, Entziehung der gewohnten Menge u. der nahrhaften Speisen, bes. der Fette u. des Fleisches, um die Gesammternährung des Körpers herabzusetzen. Da zu einer normalen Ernährung eine gemischte, d. h. aus stickstoff-, kohlenstofs- n. fetthaltigen Substanzen bestehende Kost gehört, so erleidet der Körper bei Entziehung der stickstoss- u. fetthaltigen Speisen Eintrag, was sich in Abnahme des Fettes im Körper u. Schwächung der Muskelsubstanz zu erkennen gibt. Man verordnet deßhalb dickleibigen fetten Personen mit Recht — jedoch nur dis zu einer gewissen Grenze — eine H., und nehmen dann dieselben auf Kosten ihres Fettes an Körpergewicht ab. Die bekanntesten der H-kuren sind die Bantingkur u. die Schroth» sche Semmelkur. Ärzte verordnen eine H. öfters, um das Fieber zu mäßigen, u. CHossat hat bewiesen, daß beim Hungern die Körpertemperatur sinkt; es wird demnach durch eine H. die Haupterscheinung des Fiebers, die Temperatursteigerung, beeinflußt. Bei elenden, schwachen Personen darf unter keinen Umständen eine H. angewendet werden. Kunz-. Hungerquellen, Quellen, welche ihren Ursprung nur dem Durchsickern des Wassers durch die oberflächlichen Erdschichten bis auf eine, nicht ties liegende undurchlaffende Schicht verdanken, daher nur während der nassen Jahreszeit fließen, bei anhaltender Trockenheit aber versiegen. Hungertuch, das in der Fastenzeit in den christlichenKirchen über den Altar gebreitete schwarze Tuch; daheramH. nagen, Nichts zum Leben haben. Hungertyphus, s. Typhus. Hungtse, großer See in der chines. Provinz Kianßsu, von dem Flusse Hoeiho (s. d.) durchströmt. Hüningen (franz. Lunin^us), Stadt im Kreise Mülhausen des Regbez. Ober-Elsaß, am Rhein, über den seit 1872 eine neue Brücke führt, u. an einem Zweig des Rhein-Rhonekanals, 4 lew von Basel; kath. Pfarrkirche mit Denkmal Abbatuccis, des Vertheidigers von H. (1796), chemische Pro- ductenfabrik, Garnison; 1875: 2210 Ew. In der Hunkiar-Jskclessi — Hunnen. 505 Nähe von H. in der Gemarkung von Blotzheim die gewöhnlich nach H. benannte, großartige Anstalt sar künstl. Fischzucht, die 1852 gegründet u. 1858 vergrößert wurde. H. war sonst nur Dorf, wobei ein Thurm zur Deckung der dortigen bequemen^ Rheinüberfahrt stand. 1631 vom Herzog vors Lauenburg den Lignisten entrissen, kam es unter Ludwig XIV. durch Kauf an Frankreich. 1678 bis 1681 wurde unter Vauban eine Festung hier angelegt (zum Angriffe der Schweiz ebensowol als Deutschlands), die aus Groß-H. am linkenRhein- nfer u. aus dem BrückenkopfKlein-H. ausRhein- inseln an der Mündung der Wiese bestand. Letzteren mußten die Franzosen bei den Friedensschlüssen von 1697, 1714 u. 1735 zwar schleifen, stellten ihn aber, wenn ein Krieg ansbrach, stets von Neuem wieder her. Mehrere Male unternahmen sie hier Rheinübergänge, u. A. auch Moreau, der nach seinem Rückzuge aus Süddentschland 26. Octbr. 1796 bei H. über den Rhein ging. Gleich nach dem Nheinübergange des Letzteren wurde der Brückenkopf vom Erzherzog Karl belagert u. genommen, aber schon am 30. Nov. wieder geräumt. Nachdem am 17. Dec. 1813 die Österreicher u. Bayern bei Basel rc. über den Rhein gegangen waren, belagerten sie H. anfangs 1814 u. zwangen es 15. April zur Caxitnlation. 1815 mußte H. abermals 26. Ang. an die Österreicher capitu- liren u. wurde darauf geschleift. Im Sept. 1852 große Ueberschwemmnng, bei welcher die Rhein-, drücke weggerissen wurde. H- Berns. Huukiar-Jskelessi, Ort am Bosporus. Hier 8. Juli 1833 Vertrag zwischen Rußland u. der Türkei, wonach der Sultan im Fall der Noth russische Hilfe beanspruchen konnte, aber sich verpflichtete, die Dardanellen fremden Kriegsschiffen zu schließen. Hunne«, ein asiatisches Volk, wal der türk-tatarischen Völkersamilie zuzuzahlen. aber ^mltmonäÄM^NemMen^eMM^rvel^ ?s"8W^?NMffnchen rNeschrchtschrewern als dunkelfarbig u. sehr häßlich geschildert wird. Sie waren kleiner Körpergestalt, mit breiten Schultern, hatten hervorstehende Backenknochen, plattgedrückte Nasen u. tiefliegende kleine Augen. Hirten aus Beruf , Jäger u. Krieger aus Leidenschaft, durch- ^ unaufhörlich auf ihren kleinen, schnel- wieder. Ihr Ursprung ist dunkel u. streitig; nach der aewoynIMst Ansicht stild' sie Kid Nächrommen der Hronanu Q . d. >. fjuerst erscheinend rn den Steppenlandern ^nördlich ^ des Kaspffchen Meeres, einige Zeir rn oem werten oveviet zwischen >a u. L)on. dranaen Ne unaetabr um 3"/ü n. Wolga u. Äon. dranaen s ie unaetabr um 3^6 n. Eyr. uver MeMeereng^oli^ertsch nach der nnm u nd von i>a nach iLNuniano. w o ne die Alanen Urch unterwarfen. Von dort stießen sie, durch Ba» lamrr zu vereinter 'Macht verbunden, auf das .mMtlae^LMMLiM^d^^neiermreuaren: oi^ ^uambesi wuroesi lyneii uiuerkhamm?WeMothen unter Äthanarich wurden nach Siebenbürgen, andere unter Fritlgern über die Donau aus das römische tsevldr qeoranflkl LättgikS ZU! stkiisteit sl" nun in vsn werten Tteppen von der Wolga bis zur Donau, in einzelne Stämme mit losem Zusammenhang gespalten, zeitweise das römische Gebiet verwüstend, oft auch deu Römern als Söldner folgend, so dem Theodosius gegen die Juth- unger u. gegen Eugenius, dem Kaiser Honorius gegen Radagais und Valentinian IH. gegen die Westgothen; andere Schwärme nahmen an den großen Völkerzügen nach Gallien u. Spanien thetl. Um 425 erscheint wieder in Rugua ern Füyrdr, der die Macht der H. vereinigend, in die Thronstreitigkeiten des römischen Reichs sich einzumischen anfiug u. sich in Pannonien festsetzte. Er st. 433 und hinterließ das Reich seinen beiden Neffen, Attila u. Bleda, den Söhnen Mundzucks. Diese MMMffen Nicht nur alle hunnischen Horden, welche ihre Wohnsitze zwischen dem Kaspischen Meere u. der mittleren Donau genommen hatten, ihrer Herrschaft (434), sondern erzwangen von dem Öströmischen Reiche das Doppelte 441 des bisherigen Tributs; dann schaffte Attila den Bleda (444) auf die Seite u. wurde Alleinherrscher. Er s etzte die Ausdehnung des Reichs nach N. u. NÖ fort, fiel 447 von Neuem ,n das Öströmische Reich ein, schlug die Grieche» überall, drang bis an Griechenlands Grenze vor u. wurde nur durch Unkunde im Beiagerungskrieq von tionstannnopeis Eroberung abgehalten. M s ihm der neue Kaiser Mar- cian 450, statt Tribut zu zahlen, Festigkeit entgegensetzte, wandte er sich aeaeu die WRömer. Mit '700,000 Mann hrach er, den Rhein zwischen Kob- len Psertien die ungeheuren steppen Eentral- 'asiens, in hohem Graoe nnempstnoncy gegen tzun- geihÄurst und Kälte; Wohnungen, außer ihren transportablen Filzzelten, kannten sie nicht; erst später in ihren Sitzen zwischen der Theiß und Donau hätten sie ihr Lager zu einem Dorfe ge- nz u. Straßburg überschreitend, unter entsetzlichen erheeruugeu in Gallien ein, eroberte Mainz, bildet, wo die Hauser von Hotz und iü döm oes Häuptlings die erbeuteten Stuae m roqer Weisö aufgestellt waren. Ihre jtteioer waren aus vinnkn oder^äus Fellen'der erlegten Thiere u. nicht eher wechselten sie dieselben, bis sie vom Leibe fielen. Ihre Nahrung bestand ans Wurzeln, der Milch und dem Fleisch ihrer Thiere, welches letztere sie unter dem Sattel mürbe ritten, ihre Waffen waren mit spitzigen Knochen bewehrte Wurfgeschosse, Säbel n. Schlingen, um den Gegner vom Pferde zu reißen u. wehrlos zu machen; sie fochten selten in geordneten Reihen, sondern nmschwärmten die seindliche Schlachtordnung, neckten sie und flohen Speier, Siraszvurg, Trier, Metz u. belagerte eben Orleans, al^iEnnäherungeines^eer^Römer^ GMLL-MU^§Men7 Hräiiten n. Burgunder nate. rkn den Catalaunischen Feldern (bei Eyalons) steütc er sich zur Schlacht, in der er unterlag. Er zog sich üher den Rhein zurück, siel jedoch 452 wieder in Italien ein, verwüstete den nördlichen Theil desselben. MaMMu nd ließ mir durch ein großes .oseget^lch zum lllnkehren bewegen. ErJ^453g^ sein ungeheueres Reich zerfiel nach seinem^Me durch Thronstreitigkeiten seiner Söhne u. die Empörungen der unterworfenen germanischen Völker bald. Zuerst machten sich die Gepiden unter Ardarich unabhängig, gegen die sein Lieblingssohn Ellak fiel. Die H. muliten bierauf das Land an der Donau räumen u. sich hinter Pruth u. LNi;epr zuruazlehen, wo ne wieder unter em- 506 Hunnius — Hunsrück. reinen selbständigen HäuptlingenIandem Einer der- seihen,"D e n gch rz ik (Dengices), em Sohn Attilas, hatte mit den Ostgothen zu kämpfen u. fand 468 in einer Schlacht gegen dieselben den Tod. ^Jn der ldolae verschwindet der Name eines Hunni' - MO. bä alte^u^noestimmte mittelasiatische Horden und 4 Jahrhunderte später auf die von ihnen verschiedenen Magyaren, nachher Ungarn genannt, über> tragen u. mir ihnen verweapeir. Ein ebeüfalls turamscher Staütm, oie Lp ei gen Hunnen oder Ephthaliten genannt, wahrscheinlich mit den Jue'ttchi (s. L.) verwandt, erscheint in Kabulistan u. Persien n. wurde im 6. Jahrh. durch Khosru Anu- schirwan vernichtet. Vgl. Neumann, Die Völker des südlichen Rußland in ihrer geschichtlichen Entwickelung, Leipz. 1847, und die weitere Literatur unter Völkerwanderung. Thielemann. Hunnius, Nikolaus, luther. Streittheolog, Sohn des Ägidius H., des eifrigen Vertheidi- gers der Ubiquitätslehre u. Mitarbeiters am Entwürfe der gegen den Kryptocalvinismus gerichteten Visitationsartikel, geb. 11. Juli 1585 in Marburg, las seit 1609 als Adjunct an der Universität zu Wittenberg philosophische, dann theologische Collegien; 1612 zog er als Superintendent nach Eilenburg und kehrte 1617 als Professor nach Wittenberg zurück; wurde 1623 Hauptpastor an der Marienkirche in Lübeck, 1624 zugleich Superintendent der Lübeckschen Kirche u. st. hier am 12. April 1643. Gegen Rom, die Reformirtcn, So« cinianer u. Enthusiasten kämpfte er für die luther- ische Lehre mit gleicher Schärse u. Gelehrsamkeit wie sein Vater in verschiedenen Schriften. Bes. bekannt machte er sich durch seineu Plan zu einem OolloZium irsnieuru, nach ihm Oollsgium Liun- nianum genannt, welches einen stehenden theologischen Senat zur Prüfung und Schlichtung aller entstehenden theologischen Streitigkeiten bilden sollte. Mehr positiv erbauliche Leistungen waren seine länger gebrauchten Schriften: Lpitoms orsäsn- äorum, Wittenb. 1625, I8mal ausgelegt, neuestens Altdorf 1844; Erklärung des Katechismi Lutheri, Lüb. 1627; Lebensbeschreibung von Heller, ebd. 1343. Löffler.» Hunnyades, s. Hunyad. Hunold, Sohn Eudes u. 735 Nachfolger als Herzog von Aquitanien, legte, von Karlmann u. Pipin zur Unterwerfung gezwungen, 742 die Re- gierung nieder u. ging in ein Kloster. Als sein Sohn Waifar 768 ermordet worden war, übernahm er die Regierung wieder bis 769, wo er durch Karl den Großen zur Flucht gezwungen wurde. Der Herzog der Basken lieferte ihn an Karl aus; H. st. 774 nach den Einen in der Gefangenschaft, nach Anderen als Flüchtling in Pavia. Hunold, Christian Friedrich, deutscher Poetaster, geb. 1680 zu Wandersleben bei Arnstadt in Thüringen, studirte in Jena die Rechte, verschleuderte sein Vermögen, wurde 1700 in Hamburg Schreiber eines Advocaten, prakticirte dann selbst, gab Unterricht u. machte unter dem Namen Menantes die Vielschreiberei zur Erwerbsquelle. Er schr. als Verehrer Christian Heinrich Postels (s. d.) 1704 gegen Christian Wernicke (s. d.) ein erzgemeines Schauspiel: Der thörichte Pritschmeister oder schwärmende Poet rc. Durch seinen Satirischen Roman, Hamburg 1705, machte er sich s, viele Feinde, daß er sich 1706 genöthigt sah, aus Hamburg zu fliehen. Nach 2jährigen Wanderungen blieb er in Halle, wurde hier 1714 Doctor der Rechte u. Privatdocent, st. 1721. Zimmermum. Hunse, Fluß in der nieder!. Prov. Groningen in den Mooren der Prov. Dreethe entstehend, bch "det das Südlaarder Moor, fließt an der Stadt 'Groningen vo»bei u. mündet unter dem Namen Neit-diep in die Bucht Lauwerzee der Nordsee. Hünshoven, s. u. Geilenkirchen. Hunsrück (Hundsrück), ein Theil des rhein.. westsäl. Schiefergebirgs in den preuß. Regbez. Trier u. Koblenz, zwischen dem rechten Saar- n. Mosel-, dem linken Rhein- u. Naheuser. Es bil- det ein etwa 600 m hohes Plateau, aus welchem aber mehrere Reihen waldiger, die Grundfläche bis an 300 m überragender und unter einander fast zusammenhängender Bergkämme in der Rich. tung von SW. nach NO. hinstreichen. Dieselben beginnen am Thale der Saar u. gehen unter dem Namen Hochwald, der im südwestlichen Theile Schwarzwald u. im nordöstl. Errwald heißt, bis in die Gegend nordwestl. von Birkenfeld. Der i Hochwald erreicht hier in dem Walderbeskopf, dein ^ ansehnlichsten Gipfel des Schiefergebirges auf der linken Rheinseite, eine Höhe von 814 m. Die nordöstl. Fortsetzung bildet der Jdarwald, der sich , bis zum Hahnenbache erstreckt, u. in dessen Hauptrücken der Jdarkopf (740 m), die Zwei Steinen i (771 m) und das Steingerüttel (765 m) liegen. ! Zu beiden Seiten dieses Hanptrückens ziehen einige i kleinere Parallelrücken, wie die Stronzbuscher Hardt l im Moselgebiet u. a. Zwischen dem Hahnenbache u. dem Rhein erhebt sich der Soonwald. Er erstreckt sich in 3 Parallelzügen von SW nach NO.: die südl. Bergreihe ist die unbedeutendste; in der mittleren sind der Koppenstein (560 m), die Alteburg (634 m) u. die Oppeler Höhe (642 m) die ' höchsten Gipfel; die nördl. bildet den Hauptrücken, dessen südwestl., von der Simmer durchbrochener Theil Lützel- (Kleiner) Soonwald heißt, u. Lessen höchster Theil der Märker Wald u. dessen höchster Gipfel der Simmerer Kopf (663 m) ist. Zum , Soonwald gehört auch noch der Bingerwald unter- i halb Bingen, zwischen dem Güldenbach und dem Rhein, mit dem 643 m hohen Kantrich. Der Theil des H-s, das Dreieck nördl. vom Soonwald, zwischen einer Linie, die von Berukastel über Stürmern nach Trechtinghausen führt, der Mosel u. dem Rheine, bildet den H. im engeren Sinne u. ist ein rauhes Plateau, das nur selten eine Höhe von 500 m erreicht. Die Höhen des H. sind mit Wald bedeckt. Die Thalränder an der Nahe, Mosel, ganz bes. aber am Rhein," sind hoch und steil, weniger an der Saar oberhalb Besserungen. Zur Römerzeit führte schon eine Straße vom Rheine her über den H. nach Trier, gegenwärtig wird er von vielen Straßen überschritten u. ist fast nach allen Seiten von Eisenbahnen umgeben. Die Bewohner dieses Gebirgs, in zahlreichen Ortschaften wohnend, bauen an den Abhängen zu den Flüssen Wintergetreide, Obst und Wein, höher hinauf nur Gerste, Hafer, Flachs u. Hanf. I« Walde gibt es viel Wild, in den Flüssen Krebse 507 Hunt — ,md Forellen. Von Mineralien wird des. Eise» gewonnen, am SFuße gibt es auch Porphyr, Achatbrüche bei Oberstein, Steinkohlen an der Saar. Berns. Hunt, County im nordamerik. Unionsstaate Texas, u. 33° n. Br. u. 96° w. L.; 10,291 Ew. Countysitz: Greenville. Hunt, 1) James Henry Leigh-H., engl. Essayist u. Dichter, geb. 19. Oct. 1784 in South« gate zu London, bildte sich zum Rechtsgelehrteu, erhielt dann eine Staatsanstellung, gab dieselbe aber auf, um sich der Literatur zu widmen. Er machte mit seiner ganzen Familie eine Vergnügungsreise nach Italien und erhielt schließlich für seine literarischen Leistungen eine Pension von der Regierung. Er war ein scharfer Kritiker aller öffentlichen Verhältnisse u. führte den Radicalismus in die periodische Literatur Londons ein, wurde auch wegen eines Ausfalles gegen den damaligen Prinzregenten Georg zu 2jähr. Kerker verurtbeilt. Außer der Herausgabe des Lxami- nsr (mit seinem Brnder John H.) seit 1808 schrieb er: Oritüeal sssa^s on tiw perkormauess ok tlw Iwudon tiwatros, 1807; "Ille stor^ ok kimilli (romantisches Gedicht), 1816; Caprtaiu Lvord and kou (komisches Epos), 1835; ÜUra- orspidarius, 1823 (Satire); Iwrd L^rou and ovms ob bis eontoinporariss, 1828; kostieal voiks, 1833; Classic talvs, 5 Bde.; lllbs round tadle, Mrs rndioator and tks oompanion, 1834, ! 2 Bde.; ^ LsMnä ok ^lorsnos (Drama), 1840; Mw kaltrsz-, 1842; Mw kostsr-brotkrsr, 1845; ImaZination and Vanox, IVrb and lruwor, _ä jar ob Ironsx krom mounb M^dka, Neu, Vowov aud Loobs, 1847; dooü kor a oorner, 1849; ! Pablo taUc, rvitd imaZrnar^ oonvsrsatrons ok ! koxs and Lrvikt, 1851; Religion ok tds doart, 1853; Mrs old eonrt sndurb, 1855; ^nto- droZrapIrx, 1850, 3 Bde.; Mrs kourtlr estats (eine Geschichte der englischen Presse), 1852. Er starb 28. August 1859. 2) George Ward, englischer Staatsmann u. Politiker, geb. 30. Juli 1825 zu Buckhurst in Berkshire, erhielt seine Ausbildung in der Schule zu Eaton und später ini Ldristodurod College zu Oxford, wo er gradu- irte; 1851 wurde er als Advocat an die Londoner Barre gerusen, gab jedoch seine Praxis auf, um sich der parlamentarischen Laufbahn zu wid- > men. Bei den allgemeinen Wahlen 1852 und 1857 trat er in Nvrthampton als Candidat der Conjervativen auf, ward aber beidemale geschlagen, doch im Dec. des letzteren Jahres erhielt er bei einer Ersatzwahl einen Sitz im Parlament für den nördl. Wahlkreis der Grafsch. Nvrthampton, den er noch heute vertritt. H., eines der rührig- ^ sten u. thatkräftigsten Mitglieder der konservativen ! Partei, ward 1866 im Derbyfchen Cabinet zuerst Finanzsecretär des Schatzamtes u. bekleidete vom Febr. bis Dec. 1868 das Amt eines Schatzkanzlers, bei welcher Gelegenheit er auch Mitglied des Geheimraths wurde. Bei der Bildung des Disrae- lischen Cabinets 1874 erhielt H. das Amt eines ersten Lords der Amiralität, wofür er sich indessen nur wenig befähigt gezeigt hat. 3) William, engl. Historien- u. Genremaler, geb. zu London 1827, studirte an der dortigen Akademie u. entnahm Hunter. seine ersten Stoffe ans dem Gebiete der Romantik, änderte 1850 feine ganze Manier und ging in die Schule der Prärafaeliten über, wobei er sich in skrupulösester Ausführung gefällt. Hauptwerke: Valentins u. Sylvia (1851); Eine breton- ische Familie nimmt einen von Druiden verfolgten christlichen Missionär auf (1852); Jsabella rc.; namentlich aber sein Licht der Welt od. Christus im Tempel lehrend, das um 5000 Pf. angekaust ward. 1> 2; Bartling. S) Regnet. Hunte, ein 183 üw langer, linker Nebenfluß der Weser; entspringt nördlich von Melle in der preußischen Landdrostei Osnabrück, geht durch den Dümmersee, bildet eine Strecke die Grenze zwischen Hannover u. Oldenburg, tritt bei Wildeshausen in letzteres ein, nimmt die Letzte aus und mündet bei Elsfleth in die Weser. Vom Dümmersee ab ist sie schiffbar. Hunten, Emil, bekannter Schlachtenmaler der Gegenwart, geb. in Paris 1827, Sohn des Klaviervirtuosen Franz H. aus Koblenz; studirte Humaniora, ward Baccalaureus, dann aber Schüler Flandrins u. 1849 Dyckmanns in Antwerpen, ließ sich 1854 als Schüler Camphausens in Düsseldorf nieder, wohnte dem Kriege gegen Dänemark zuerst im österreichischen, daun im preußischen Hauptquartier bei, diente 1866 als Landwehroffizier in der Mainarmee und machte Studien im Deutsch-französischen Kriege. Seine zahlreichen Bilder gefallen durch hohe Naturwahrheit, tüchtige Zeichnung, energische Farbe u. sorgfältige Durchbildung. Werke: Gefecht bei Katholisch- Hennersdorf (1855, Eigeuthum Friedrich Wilhelms IV.); Gefecht bei Reichenbach (1856, Galerie zu Hannover); Schlacht bei Zorndorf (1858); General v. Nostiz bei Oeversee; Die Erstürmung der Düppeler Schanzen Nr. 4 u. 6 (beide Bilder Eigeuthum des deutschen Kronprinzen); Blücher (Kieler Galerie); Recognoscirungsritt des Majors von Unger bei Sadowa (mehrmals wiederholt); Der Kronprinz und die Garde bei Königgrätz; Die hessische Division bei St. Privat (Eigeuthum des Großhcrzogs von Hessen); Chasseurs L'Asrique bei Sedan; Das 1. Gardedragoner-Regiment bei Mars la tour (Eigeuthum des Prinzen v. Reuß); Scene aus der Schlacht bei Wörth (Berliner Nationalgalerie) rc. Von seinen zahlreichen Illustrationen wären hauptsächlich zu nennen seine Zeichnungen zur Geschichte des Feldzuges der preuß. Mainarmee, Vieles. 1877. Regnet. Hunter, Fluß in der austral. Colouie Neusüdwales, der am SAbhauge der Liverpool-Kette entspringt u. nach einem Lause von 300 km bei Newcastle in den Ocean mündet. Nebenflüsse sind der Goulburn und Patterson. Sein Thal ist eine der fruchtbarsten und schönsten Landschaften der Colonie. Dampfschifffahrt auf ihm von der Mündung bis zur Stadt Waitland. Hunter, 1) William, Anatom, Chirurg und Geburtshelfer, geb. 23. (13.) Mai 1718 in Kil- bridk, Grafschaft Lanark in Schottland, studirte in Hamilton, Edinburg und London, erregte durch seine der königl. Gesellschaft vorgelegren anatomischen Arbeiten Aussehen, wurde Assistent S. Sharps, hielt nun anatomische Vorlesungen, bereiste Frankreich u. Holland, wurde 1748 Chirurg 508 Hnnterdon am Middlesex-Hospital u. 1749 am Gebärhause, u. Mitglied der Londoner medic. Gesellschaft, deren Annalen er durch wichtige Arbeiten (über variköse Aneurysmen, Rllckwärtsbeugung der Gebärmutter, Brüche in der Scheidenhaut u. a. m.) bereicherte. Er st. 3V. März 1783. Sein großes Vermögen benutzte er vorzüglich zur Begründung des noch bestehenden H-schen Museums in London, welches anatomische Präparate, eine Fossiliensammlung, Bibliothek, Medaillencabinet rc. umfaßt; er schr.: LIellioal oommsnburiso, Lond. 1762; ^,uu- tomx ok blis iiumsn Ars-viä utsrus, engl, und lat., Birmingham 1774, Lond. 1775, Fol.; der Text, von Baillie redigirt, erschien bes., London 1794 (deutsch von Fvoriep, Weim. 1802); medic.- chirurg. Beobachtungen in englischen Zeitschriften, deutsch von G. K. Kühn, Lpz. 1784 s., 2 Bde. 2 ) John, jüngster Bruder des Bor., geb. 14. Juli 1728; zeigte anfangs nicht die leiseste Anlage zur wissenschaftlichen Thätigkeit u. vegetirte ohne bestimmtes Ziel bis zum 20. Jahre; gelangweilt durch seinen Müssiggang, bat er seinen Bruder William um Anstellung in dessen anatom. Theater und entwickelte hier eine außerordentliche Geschicklichkeit in anatomischen Arbeiten. Sein Bruder ließ ihn nun allseitig ausbilden, auch als Chirurgen, schließlich an seinen eigenen Arbeiten theilnehmen u. vertretungsweise seine Vorlesungen halten. Mit außerordentlichem Eifer gab er sich diesen Studien hin, um bald als glänzender Meister dazustehen. Kränklichkeitshalber betheiligte er sich als Chirurg 1760 an der Expedition nach Belle-Jsle u. dem Feldzuge nach Portugal, kehrte 1768 nach London zurück, hielt anatomische und chirurgische Vorlesungen, wurde 1768 dirigiren- der Wundarzt am Hospital St. Georg, 1776 außerordentlicher Wundarzt des Königs u. 1790 erster Generalchirurg der Armee und Generalinspector der Armeespitäler u. st. 16. Oct. 1793. Seine Gebeine wurden 1859 in die Westminster- abtei übergeführt. Seine wissenschaftlichen, weltberühmten Sammlungen für Anatomie u. Chirurgie wurden von der Regierung erkauft u. dem Oollo^o ok SurAsons in London einverleibt. Er schrieb: Natural blot, ok ttzs lrumau tsetst, Lond. 1771; Suppl., ebd. 1778 (lat. Von Boddaert, Leipz. 1775, deutsch, ebd. 1780, 2 Bde.); On tbs voneres,! (iisvsso, ebd. 1786 (deutsch, Leipz. 1787); On blas naturs ok tlrs bloock, inüamms- tion anck Aunsiwt wouncko, Lond. 1794, 2 Bde. (denlsch von Hebenstreit, Leipz. 1797—1800, 2 Bde.); On osrtuln Parts ok tbs animal oeoo- noinzl, Lond. 1787 (deutsch von Scheller, Braunschweig 1803); und eine Reihe der gediegensten Aufsätze in den l?lillosopli. Manaaot. Thamhayn. Hunterdon, County im Nordamerika!!. Unionsstaate New-Jersey, u. 40° n. Br. u. 75° w. L.; 36,963 Ew. Countysitz: Flemington. Huntingdon, 1) Grafschaft im mittleren England, grenzt im N. und W. an die Grafschaft Northampton, im O. u. SO. an Cambridge u. im SW. an Bedford; 928,„ Hjlcm (16,^ fZM) mit 63,708 Ew. (aus 1 Hjicm 69, in ganz England 163), Der W. der Grafschaft ist hügelig, der NO. Marschland und enthält mehrere Seen, von denen der Whitleseamere-See der größte ist. — Hunyad. Flüsse: Ouse, Nen (Grenzfluß im N.) u. a. Zv, Boden ist fast überall fruchtbar; etwa 65 °/„ der Oberfläche sind Acker- u. Garten- u. 26 °/„ Weide, land (letzteres vorwiegend im S.) Viehstand 1875: 9798 Pferde, 26,301 Stück Rindvieh 156,022 Schafe u. 18,801 Schweine. Im U der Grafschaft wird der Oxforder Thon gewonnen. Die Bewohner beschäftigen sich fast aus. schließlich mit Ackerbau u. Viehzucht. 2 ) Hauptstadt darin, an der Ouse, Eisenbahnstation; latem. Schule, wissenschaftliches Institut mit Museuui u. Bibliothek, Patentziegel- u. Backsteinbrennerei, Getreide-, Holz- u. Wollenhandel; 4243 Ew. - H. ist Geburtsort vou Oliver Cromwell. Die Stadt wird durch 3 Brücken mit der gegenüberliegenden Vorstadt Godmanchester verbunden. H. Berns. Huntingdon, County im nordamerik. Unionr- staate Pennsylvania, u. 40° u. Br. u. 78° w. L.; 19,036 Ew. Countysitz: Huntingdon am Juniata River, 3500 Ew., darunter viele Deutsche. Huntington, County im nordamerik. UnionS- staate Indiana, u. 40" n. Br. u. 85" w. L.; ! 19,036 Ew. Countysitz: Huntingdon am Linie River mit etwa 3000 Ew., darunter H Deutsche. Huntsville, Sitz des Madison County ini nordamerik. Unionsstaate Alabama; Eisenbahnstation; 5000 Ew. Hunyad, Comitat im Lande der Ungarn in Siebenbürgen, bildet den südwestlichen Theil der Landes, grenzt im N. u. W. an Ungarn, im S. an die Walachei (Rumänien) und im O. an dar Comitat Unter-Weißenburg u. den Stuhl Brnos; 6320,g dslcm (114,7, IHM) mit 188,991 Elv. (auf 1 Hjicm 25, in ganz Siebenbürgen SS). Das Comitat ist sehr gebirgig, namentlich im S. u. W. Durch den S. ziehen Theile der Trans- sylvanischen Alpen: das Schebeschellergebirge mit dem Suriän (2050 m)u. dem Godjanu (1645 m), Las Paringulgebirge mit dem Sklävoi oder Szla- vei (2421 m) und dem Kllrsia (2412 w), daS Bulcangebirge und das Streelgebirge mit dem Retyezat (2496 m). Durch den W. erstreckt sich ^ das Cserna- od. Ruskagebirge mit der Pojana- Ruska (1360 m), nördlich vom Eisernen-Thor- j Paß, u. der Vurvu-Piatra (2192 m), südlich von demselben. Die bedeutendsten Flüsse sind: der Maros mit der Streel (Strehl) und der Schhl. Die erste Siebenbürger Eisenbahn durchschneidet dar Comitat mit 141 Lm. Das Klima ist im Thale des Maros mild, auf den Gebirgen rauh. Pro- ducte: Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine, Ziegen, Bienen; Getreide, Mais, Wein, Obst; Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Steinkohlen (im Schylthale im N. des Vulcangebirges), Mineralquellen rc. Seinen Namen hat das Comitat vou dem Bergschloß H. bei Eisenmarkt erhalten. Hauptort ist Hatszeg. — Vgl. W. Schmidt, Die Stammburg der H-e, Hermannst. 1865. H. Berns. Hunyad (Hunyades), 1) Johann Corvinus, ungar. Held, Statthalter u. Kronfeldherr in Ungarn, geb. 1387 zu Hunyad, wo sein denselben l Namen führender Vater in großem Ansehen stand, selbst vou König Sigismund mit der Stadt Hunyad belehnt wurde 1409. Nach Anderen wäre er ein natürlicher Sohn des Königs Sigismund vou Ungarn und der walachischen Bojarin Elisabeth 509 Hupe — Morssiliay (welche nachher den Bojaren Volk BuShi heirathete) gewesen. Er zeichnete sich früh schon als Held ans, wurde 1438 Banns von Severin u. erkämpfte sich hier neuen Ruhm gegen die Türken. Nach König Albrechts Tode schloß er sich gegen dessenWittwe dem Polenkönig Wladislaw l. an, erfocht neue Siege über die Türken 1441 u. 1448, wurde im letzteren Jahre mit Nikolaus Ujlaki Wojewode von Siebenbürgen, drang 1443, die Türken über den Balkan zurückdrängend, bis Philippopel vor und wurde, als Wladislaw 1444 gegen die Türken gefallen war, Reichsstatthalter von Ungarn, während der Minderjährigkeit des Ladislaus Posthumus. 1448 machte er einen Zug gegen die Türken, wurde aber im October von dem serbischen Despoten Brankowicz geschlagen und gefangen, durch Vermittelung der ungarischen Stände jedoch wieder freigegeben. Nun bekriegte er Serbien aufs Neue, bis durch die Stände 1451 Frieden gemacht wurde. 1453 zog er gegen den Empörer Graf Joh. Giskra in Böhmen, legte, nachdem sich der Graf Lilley das Vertrauen des jungen Königs Ladislaus erworben hatte, seine Stelle 1453 nieder und kämpfte dann als ungarischer Feldherr gegen die Türken, wo er sich durch die Vertheidigung Belgrads berühmt machte. Ohne seinen Plan, die Türken aus Europa zu verdrängen, zur Ausführung gebracht zu haben, Dank der Lauheit der europäischen Herrscher und Len Jntriguen seiner Neider, starb er 11. Aug. 1456 in Semlin an der Pest. 2) Ladislaus Corviuus H., ältester Sohn des Vor., wurde 1448 dem serbischen Despoten Georg Brankowicz als Geisel gegeben«, kämpfte 1453 mit seinem Vater gegen Giskra und wurde, da seine Diener den väterlichen Feind, Grafen Cilley, in einem Streite getödtet hatten, 1457 in Ofen bei einem Turnier verhaftet u. hingerichtet. 3) Matthias Corvinus H., Bruder des Vor., wurde 1458 König von Ungarn, s. Matthias. Lagai.* Hupe (Hupeh), Provinz des inneren mittleren China, nördl. des Sees Thungthing, eine große, fruchtbare u. dicht bevölkerte Ebene, vom Jan- tsekiang der Länge nach u. von dem von Sk. nach S. ihm zufließenden Hankiang u. anderen Nebenflüssen durchzogen und bewässert; 180,000 sUslrm (3268M) u. 28H Mill. Ew. Das milde Klima (nur kurze Winter) u. die vorzügliche Bewässerung durch die zahlreichen Flüsse und Seen (l2 im Mündungsgebiet des Hankiang), begünstigen eine reiche Cultur; namentlich Reis, Weizen, Indigo, Baumwolle, Rhabarber werden gewonnen. Hauptstadt ist Wutschang am Jantsekiang; außerdem liegen in dieser Provinz bedeutende, den Europäern geöffnete Handelsstädte Hanjang, Hankheu, Jtschang. TlMemann. Hupseld, Hermann, deutscher Orientalist u. berühmter Theolog, geb. 31. März 1796 in Marburg, studirte daselbst Theologie u. Orientalische Sprachen u. wurde 1818 Repetent, 1819 Lehrer am Gymnasium in Hanau, legte diese Stelle 1822 nieder, wurde 1824 Privatdocent in Halle, 1825 Prosessor der Orientalischen Sprachen u. 1830 der Theologie in Marburg u. 1843 in Halle, wo er 24. April 1866 starb; er schr.: Vxsroidstiongs sstiüopiess, Leipz. 1825; Die Lehrartikel der Hurrah. Augsburger Confession, ebd. 1840; Aussührliche hebräische Grammatik, Kassel 1841 (unvollendet); lieber Begriff u. Methode der biblischen Einleitung, Marb. 1844; Os roi Arsmmstioss spuck ckuckssos initiis sutüguissimisgus ssriptoribus, Halle 1846; Vs sutüguioribus spuck lluckssos so- ssutuum soiiptorlbus, Halle 1846 f.; Os vers ksstorum spuck vsbrssos rstüous, ebd. 1851 ff., 4 Hefte; Die Quellen der Genesis, Berl. 1853; Die Psalmen, übersetzt u. erkärt, Gotha 1855 bis 1862, 4 Bde. Hnpilar, s. Kublai. Kurs V., Pflanzengatt, aus der Fam. vupiror- bisosss-vippomsusss. II. orspicksus V. (Sandbüchsenbaum), mejicanischer, einen scharfen Milchsaft enthaltender Baum, dessen Früchte bei Reife knallend zerspringen und den wohlschmeckenden Samen von sich schleudern; dieser wird nach Entfernung des Brechen und Laxiren bewirkenden Keims, gegen Erkältung gebraucht. Huram-Abif, s. Hiram. Hurdlvar, s. Hardwar. Huri (Huris, d. i. die blendend Weißen), nach dem Islam mit unvergänglichen Reizen ansgestattete Mädchen, zur Gesellschaft und Bedienung der Frommen im Paradiese. Huron, zwei Counties in den nordamerikan. ilnionsstaaten; 1) in Michigan unter 43° u. Br. u. 83° w. L.; 9049 Ew.; Countysitz: SaudBeach. 2) in Ohio unter 41° n. Br. u. 82° w. L.; 28,533 Ew.; Countysitz: Norwalk. Hnronen (eigentlich Wyandots oder Veudots, von den fünf Nationen auch Quatoghee genannt), ein ehemals mächtiger Jndianerstamm in Nordamerika, namentlich im Norden des Ontario-SeeS und am Ottawa- und St. Lorenz-Strom, zum Volke der Irokesen gehörend. Ihre Reste wurden vom Gouvernement der Vereinigten Staaten über den Mississippi gewiesen. Huronsee (engl, vsüs Huron), einer der fünf großen Seen von NAmerika, in der Reihenfolge von N. her der zweite, erstreckt sich zwischen 43° u. 46° n. Br. u. 79—85° w. L. zwischen dem Staate Michigan im W. u. SW. u. der Prov. Ontario (Canada), im N. u. NW., und wird durch eine Halbinsel u. die Gruppe der Manitoulin-Jsles in zwei Theile getheilt, deren kleinerer, im O. liegender die Georgian Bai und weiter nordwestl. North Channel genannt wird. Flächeninhalt: 61,340 s^jkm (1114 HW), größte Länge 400 üm, seine größte Breite 300 lcm, größte Tiefe 300 m. Er liegt 181 m ü. d. M. und steht durch Strait Saut Ste.-Mary mit dem Superiorsee in Verbindung, durch den St. Clair River mit dem St. Clairsee, der durch den Detroit River in den Erie- see ahfließt. Mit dem Michigansee ist der H. durch die Straße von Mackinaw verbunden. Seine Küsten sind arm an guten Häfen, aber die Fischerei in seinen Gewässern ist hedeutend. Die Westseite mit ihren Sand- und Kalkbuchten ist einförmig; im Osttheile erheben sich die Ufer zuweilen bis 200 in Höhe. Der See wird von Ende April bis in den December befahren» doch machen oft plötzlich eintretende, heftige Stürme die Schifffahrt gefährlich. Schroot. Hurrah, ein alter deutscher Seemannsruf, der 510 Hurrican — Hus. später in der russischen Armee Eingang fand. Von dort übertrug er sich in den Befreiungskriegen wieder zurück auf die deutschen Heere, wo er seitdem als Kriegsruf beim Bayonnetangriff die ausgedehnteste Anwendung findet. Hurrikan (span. Huracan), ursprünglich Hui- ranrucan, ein karaibisches Wort, wovon Orkan abstammen soll; ein Wirbelsturm, der von den Antillen ausgeht, über Westindien u. einige süd- Kch gelegene Staaten von NAmerika sich erstreckt. Am bekanntesten ist der West-Jndia H., der oft sehr verheerend wirkt. Vgl. Wind. Hurrur, s. Harrar. Hurter, Friedrich Emanuel v. H., Geschichtschreiber, geb. 19. März 1787 in Schaffhausen, studirte seit 1804 Theologie in Göttingen und wurde Antistes der Geistlichkeit des Kantons in Schaffhausen; sein vertrautes Verhältniß mit eifrigen Katholiken, wie Görres und Jarke, die Verherrlichung des mittelalterlichen Kirchenthums und des PapstthumS in seinen Schriften, die un- verholen ausgesprochene Freude über die Huldigungen, welche ihm von den Katholiken gezollt worden, brachten ihn in den Geruch des Krypto- katholicismus und veranlaßten seine Collsgen in Schaffhausen, ihn um eine Erklärung über seine Stellung zur Reformirten Kirche zu ersuchen. Da diese Erklärung Gegenstand eines heftigen Streites wurde, so legte H. 1841 seine Stelle nieder, trat in Nom im Juni 1844 förmlich zur Katholischen Kirche über und wurde österreichischer Neichs- historiograph in Wien; 1849 wurde er als Anhänger Metternichs seines Amtes entsetzt und des Landesverwiesen; indessen wurde dem Ausweisungsbefehl weiter keine Folge gegeben; im Sommer 1852 trat er als Reichshistoriograph wieder in Amtsthätigkeit und wurde im November 1852 geadelt; st. zu Graz 27. Aug. 1865. Er schr.: Geschichte des Papstes Jnnocenz Hl. und seiner Zeitgenossen, Hamb. 1834—42, 4 Bde.; Antistes H. und seine sogenannten Amtsbrüder, Schaffh. 1840; Die Befeindung der katholischen Kirche in der Schweiz, ebd. 1840; Nachträge dazu, 1843; Ausflug nach Wien und Preßburg, ebd. 1840, 2 Bde.; Denkwürdigkeiten aus dem letzten Decen- nium des 18. Jahrh., ebd. 1840; Kleinere Schriften, 1844, 1. Bd.; Geburt und Wiedergeburt, Erinnerungen aus meinem Leben, 1845, 3 Bde., 2. Ausl. 1846 f.; Geschichte des Kaisers Ferdinand II. und seiner Eltern, ebd. 1850—64, 11 Bde.; Philipp Lang, Kammerdiener Rudolfs II., ebd. 1851; Zur Geschichte Wallensteins, Freib. im Br. 1855; Wallensteins vier letzte Lebensjahre, Wien 1862; Kirche und Protestantismus, ebd. 1864; Kaiser Ferdinand II. (sein Tod), ebd. 1865. Er gab früher mit Franz H., seinem Bruder, den schweizerischen Correspondenten heraus. Vgl. Friedrich v. Hurter und seine Zeit, herausg. von s.SohueHeinrich, Graz1876,2Bde.Hem,e-Am Rhyn.« Hus (unrichtig Huß), Johannes, Vorreformator, geb. 6. Juli 1369 oder 1373 zu Hussinetz im Prachatitzer Kreise in Böhmen, Sohn eines Landmannes, studirte in Prag Theologie u. Philosophie, trat 1398 das. als Lehrer auf u. wurde 1400 zugleich Prediger, 1401 Dekan der Philosoph. Facultät u» Prediger an der Bethlehems-Kapelle und Beichtvater der Königin. Streng in seinen Grundsätzen und untadelhaft in seinen Sitten predigte er sehr entschieden gegen die herrschenden Laster in alle, Ständen und eiferte, als er die Schriften Wikless kennen gelernt hatte, besonders auch gegen dH Sünden der Geistlichen, ihre Herrschsucht u. Sit- tenlosigkeit. Durch Wiklefs Schriften in der Theo- logie für Augustinus, in der Philosophie für dm Realismus gewonnen, machte er die deutsch« Lehrer schon dadurch sich zu Gegnern, daß diese Wiklef verwarfen und Nominalisten waren. Als er vollends 1409 die Wiederherstellung der altm Institutionen der Universität, wonach die Einheimischen drei, die Fremden aber eine Stimme haben sollten, hatte durchsetzen helfen, so verließ ein großer Theil der Lehrer und Studenten, bes. die deutschen Prag (worauf die Universität Leipzig gegründet wurde), und die reformatorische Bewegung erhielt nun ein nationales Gepräge. Der Erzbischof Zbynek aber untersagte H. bei seinem Ankämpsen gegen den Clerus, auf Befehl des Papstes Alexander V., zu predigen u. verbrannt! am 16. Juli 1410 Wiklefs Schriften, wodurch bei dem König und einem Theil der Prager Bevölkerung eine große Erbitterung entstand. Als H. fortfuhr, in der Bethlehems-Kapelle zu predigen^ wurde er in Rom verklagt, übrigens auf Betrei- ben des Königs Wenzel, der Universität und des Adels gegen die indessen ausgesprochene Excom- munication eine weitere Untersuchung angeordnet. H. vertheidigte sich u. Wiklef in mehreren Schriften, und legte im Sept. 1411 ein Glaubensbc. kenntniß vor der Universität ab, welches durchaus orthodox war. Als nun sein Freund u. eifrigster Anhänger, Hieronymus von Prag, eine päpstliche Ablaßbnlle in Prag unter dem Galgen öffentlich mit Füßen trat und verbrannte, belegte der Papst Johann XXIII. H. 1412 mit dem Bann u. Prag seinetwegen mit dem Jnterdict. Jetzt verließ H. Prag, appellirte vom Papst an Christus, und sprach sich zu Husinecz, wo ihn Nicolas von Huste- netz schützte, u. an a. Orten, in Predigten und Schriften immer heftiger gegen Papst und Klerus aus. Auf das Concil in Konstanz citirt, kam er 3. Nov. 1414 dort an, erhielt auch 5. Nov. noch nachträglich den kaiserlichen Geleitsbrief, wurde aber schon 28. Nov. gefangen genommen und 6. Dec. in einem Dominicanerkloster ins Gefängniß gelegt. Trotz der Verwendung vieler vornehmer Böhmen wurde er immer härter behandelt. Der Haß gegen ihn als Realisten, als Vertreiber der Deutschen, die Scheu des Concils, seine Reformarbeit durch Duldung von Ketzereien zu gefährden, bewirkte, daß H., ohne daß er sich eigentlich hätte vertheidigen dürfen, wegen der standhaften Verweigerung des Widerrufs verurtheilt wurde. Der Kaiser wurde beredet, einem Ketzer brauche man das Wort nicht zu halten, und H. wurde S. Juli 1415 zum Feuertode verdammt u. das Ur- theil sogleich auf einer kleinen Insel am Rhein, nach And. in dem sog. Paradies, einer Vorstadt von Konstanz (am wahrscheinlichsten beiläufig in der Gegend, in welcher dem Unglücklichen in der Neuzeit ein Denkstein gesetzt worden) vollzogen, seine Asche aber in den Rhein geworfen. Zu Luthers Zeiten scheint auf Grund einiger Stellen in 511 Husaren - H. und Hieronymus' Schriften die Sage entstanden ui sein, daß er, als er den Scheiterhaufen bestieg, gesagt habe: Jetzt bratet ihr eine Gans (H., böhmisch so v. w. Gans), doch in 100 Jahren wird kommen ein Schwan, den werdet ihr ungebraten lan. Die an ihm verübte That wurde Veranlassung zum Husitenkrieg, um so mehr, als nicht bloß religiöse Meinungsverschiedenheit maßgebend war, sondern auch der schon früher in Prag rege gewordene Nationalhaß zwischen Deutschen u. Czechen einwirkte, s. Husiten. Bald nach dem Anfang der Reformation wurden einzelne Schriften von H. herausgegeben, z. B. von Ulrich von Hutten, 1520, u. Otto Brunnfels 1524, eine vollständige Sammlung seiner sämmtlichen Schriften erschien als Nstorla sb wanumenba llo. 8u38 abgus Hieran. kraZsusis, Nürnberg 1558, n. A. 1715. Vergl. Helfert, H. u. Hieronymus, Prag 1853; Becker, H. u. Hieronymus von Prag.s Nördl. 1858; Höfler, Die Geschichtschreiber der Hufitischen Bewegung, Wien 1856—65, 2 Bde.; Magister I. Huß und der Abzug der deutschen Professoren u. Studenten aus Prag, Prag 1864; Berger, Joh. H. ». König Sigismund, Augsb. 1872. Löffler. Husaren (v. Ung., heißt Zwanzigmänner, weil früher auf je 20 Häuser ein Reiter gestellt werden mußte), ursprünglich ungarische National- cavalerie, in der Mitte des 15. Jahrh. entstanden, zuerst im österreichischen und demnächst in allen größeren europäischen Heeren nachgsbildet; sind gegenwärtig als leichte Cavalerie-Regimenter in fast allen regulären Armeen vorhanden und durch eine der ungarischen Tracht ähnliche Uniformirnnq ausgezeichnet. Bei den H. werden vorzugsweise kleine und gewandte Leute u. der leichteste Pferdeschlag eingestellt. r> Husch (Husi), Hauptstadt des Kreises Faltschi im Fürstenthum Rumänien (in der Moldau), am Pruth; Sitz der Kreisbehörde, des Criminal- u. Landgerichts und eines Bischoss, mit einer Kathedrale, einer Normalschule u. starkem Tabakhandel; 1859 17,697 Ew. Hier 23. Juli 1711 Friede (Friede am Pruth) zwischen Rußland u. der Türkei, welcher den eingeschlossenen Russen u. dem Zaar Peter dem Großen freien Abzug gewährte. Huschiarpur (Hooshiarpoor), I) Distr. der Di- Vision Dschalandar der indobrit. Präsidentschaft Pendschab, 5403 (SS LUM) 1871 938,890 Ew. 2) Hauptstadt darin, an einem Nebenflüsse des Mas, 12,964 Ew. Huschke, Georg Phil. Eduard, Rechtslehrer, geb. in Münden 26. Juni 1801, studirte in Göttingen, trat 1821 als Docent für Römisches Recht und Römische Rechtsgeschichte auf, ging als Professor nach Rostock, folgte 1827 einem Rufe nach Breslau, wo er 1836 Senior und Ordinarius des Spruchcollegiums und Geh. Justizrath wurde. Als Altlutheraner trat er nach einer wegen der damaligen kirchlichen Streitigkeiten gegen ihn eingeleiteten Untersuchung, die jedoch mit seiner Freisprechung endete, 1841 als Direktor an die Spitze des Oberkirchencollegiums der 1845 auch vomStaate anerkannten evangelisch-lutherischen Kirche in Preußen, erhielt auch 1852 von der Universität Erlangen das Diplom eines Or. tllso- iogiao. H. gehört als Rechtslehrer der historisch- - Husiten. philologischen Richtung an und ist einer der de- denkendsten Forscher ans dem Gebiete des römischen Rechts. Bon seinen Arbeiten sind des. hervorzuheben außer zahlreichen Monographien, Abhandlungen rc. für Fachzeitschriften: die Herausgabe von Oratio pro Pulli.» in Jmm. G. H-s ^ua- lseta. iittsraria, Lpz. 1826; ll. §Iavii szmtroplri instrumsntum äonationis insclitum, ebd. 1838; llurisxruäsntias Lntsjuatlnlauas guas supsrsuut, Lpz. 1861, 2. A. 1867; Studien des Römischen Rechts, Bresl. 1830; Die Verfassung des Königs Servius Tnllius als Grundlage einer Geschichte der römischen Staatsverfassung, Heidelb. 1858; Über den zur Zeit der Geburt Jesu gehaltenen Census, Bresl. 1840; Über das Recht des blsxum und das alte Römische Schuldrecht, Lpz. 1846; Über den Census und die Steuerverfassung der früheren römischen Kaiserzeit, Berl. 1847; Gajns (Beiträge zur Kritik und zum Verständniß seiner Institutionen), Lpz. 1855; Die Oskischen u. Sa- bellischen Sprachdenkmäler, Elberf. 1856; Die Jguvischen Tafeln nebst den kleineren umbrischen Inschriften, Lpz. 1859; Das alte römische Jahr, Bresl. 1869. Auch schr. H. mehrere theologische und kirchenrechtliche Abhandlungen, namentlich in Sachen der Agende rc. gegen die Union. Lag-,,. Husein, zweiter Sohn des Khalifen Ali und der Fatime (Tochter Mohammeds), ward nach dem Tode Moawias I. (des Mörders seines Bruders Hasan) von den Jrakanern gegen dessen Sohn Jezid I. nach Kusa berufen, um das Khalifat zu übernehmen, starb aber von Ubeid Allah lO.Oct. 680 bei Kerbela, in dem jetzigen Jrak-Arabi mit seinen 72 Gefährten den Heldentod. Er ist der dritte Imam der Schiiten, an dessen Auferstehung sie glauben, dessen Todestag besonders gefeiert wird und dem bei Kerbela eine prachtvolle Moschee, heute noch Wallfahrtsort der Schiiten, errichtet wurde. Lagai. Husiten (Hussiten), die Anhänger des Johann H u s. Ihre Geschichte nimmt folgenden Verlauf: 1) Unter König Wenzel 1415—19. Nach dem Tode von Hus wurde durch Jacobus von Misa (Ja- cobellus) die schon von HuS als zweckmäßig, wenn auch nicht als unbedingt nothwendig gebilligte Spendung des Abendmahls unter beiderlei Gestalten zum Vereinigungszeichen der zahlreichen Anhänger von Hus unter Adel, Geistlichkeit und Volk. Hus wurde als Märtyrer gefeiert, dem Konstanzer Concil von einer Versammlung böhmischer und mährischer Großen bittere Wahrheiten gesagt. Als das Concil dieselben vor leinen Nich- terstuhl citirte u. auch den Hieronymus von Prag verbrannte, entschied die Erklärung der Prager Universität zu Gunsten der Spendung des Abendmahls sul, utragus auch die Theilnahme des Volkes an Husens Sache. Die Strenge des Con« cils und des Papstes, die Umtriebe der eifrigen Katholiken trieben die Husitische Partei zum Theil aufs Extreme: so entstand die Scheidung in die milderen Prager (Calixtiner, Utraquisten) und die Taboriten, so genannt vom Berge Tabor (eig. Zelt, zugleich anklingend an den Berg der Verklärung), wo sie sich zuerst versammelten u. später sich befestigten. Als die letzteren 30. Juli 1419 unter Ziska an dem Rathe der Neustadt Prag blutige Rache 512 Huskisson. nahmen, starb König Wenzel im Zorn darüber. 2) Unter Kaiser Sigismund, 1419—1437. Obgleich die Spaltung zwischen Pragern u. Ta- boriten sich dadurch erweiterte, daß jene über Hus u. Jacobus von Misa nicht hinansgingen und in den 4 Prager Artikeln nur sreie Predigt, freie Spendung des Abendmahls unter beiderlei Gestalten, Entfernung des Klerus ans weltlicher Herrschaft, Bestrafung aller Todsünden verlangten, wahrend die Taboriten durch den Zutritt von Beghardeu und Waldensern bis zur Verwerfung aller nicht in der Bibel unmittelbar enthaltenen Lehren, Gebräuche, Einrichtungen fortschritten und apokalyptischer Schwärmerei sich ergaben, so trieb doch Sigismund dadurch, daß er gegen das ganze ketzerische Böhmen durch einen päpstlichen Legaten den Kreuzzug predigen ließ, beide Parteien zur Vereinigung und zu gemeinsamer Vertheidignng. Sigismund wurde nicht als König anerkannt, u. die drei Kreuzzüge, die er gegen die Böhmen in Bewegung setzte, nicht nur abgewiesen, sondern wiederholt von den Böhmen verheerende Einfälle in die deutschen Länder gemacht. Die Anführer der Taboriten bes. ragten dabei durch stürmische, unwiderstehliche Tapferkeit ans, zuerst der blinde Ziska, dann nach seinem Tode 1424 die beiden Prokope, der große als Anführer des einen Haufens der Taboriten, der kleine als oberster Kriegsrath des andern, der sogenannten Orphaniten (Waisen), die keinen würdig hielten, Ziskas Nachfolgerzu seinsgroßer Sieg der Taboriten bei Aussig 12. Juni 1426). Als auch der 3. Kreuzzug, vom Cardinallegaten Julius Cesarini angeführt, unglücklich endete, er- kannte man endlich die Nothwendigkeit, mit den H. zu unterhandeln. Ihre Gesandten erschienen auf die Einladung des Baseler Concils 1433, zogen zwar nach fruchtlosen Disputationen ab; allein es kamen trotzdem durch eine nachgeschickte Gesandtschaft die P r a g er C o m p a c tat en 30. Nov. 1433 zu Stande, in welchen die 4 Prager Artikel nnter mehrfachen Beschränkungen zugestanden wur- den. Die Taboriten, welche nicht beitreten wollten, wurden von den Pragern in der Schlacht bei Böhmischbrod 30. Mai 1434 geschlagen und verloren auch ihre beiden Führer, die Prokope, in dieser Schlacht durch den Tod. So wurde nun von den Calixtinern Sigismund als König von Böhmen 1436 anerkannt, nachdem er in Jglau die Prager Compactaten beschworen hatte. Doch war es Sigismund kein rechter Ernst mit der Ausführung der Compactaten, u. der Erzbischof Johannes Rokyczana, das Haupt der Calixtiner, mußte vor seinen Drohungen sich flüchten. — 3) Unter den böhmischen Königen, 1437 bis 1516. Nach dem Tode Sigismunds wurde Kaiser Albrecht zwar von den Katholiken zum böhmischen König gewählt, von den Calixtinern aber nicht anerkannt. Unter seinem minderjährigen Sohn Ladislaus wurden 2 Gubernatoren als Verwalter des Königreiches eingesetzt, ein katholischer und ein calixtinischer. Letzterer, seit 1444 Georg Podiebrad, wurde 1450 alleiniger Gubernator, ».nach der kurzen Regierung des Ladislaus 1453—1457 König von Böhmen. Unter seiner kraftvollen Regierung 1457—71 hatten die Calixtiner das Übergewicht. Er hielt streng auf die Compactaten nach beiden Seiten, obwol der Papst Pins II. 1462 dieselben für ungiltig erklärte, u. > Paul II. 1465 ihn in den Bann that u. absetzte^ ^ ja wiederholt, freilich vergeblich, zum Krenzzng gegen ihn aufrief. Podiebrad behauptete sich ch Böhmen gegen den König Matthias von Ungarn dem der Papst Böhmen geschenkt hatte. Auch unter seinem Nachfolger, dem polnischen Prinzen Wladislaw 1471—1516, der 1490 des Matthias Nachfolger in Ungarn wurde, behaupteten die Calixtiner so sehr das Übergewicht, daß die Compactaten in Geltung blieben. Die Taboriten bestanden noch bis 1453, in welchem Jahre Podiebrad Tabor eroberte, als besondere Partei. Von dn ! verschwinden sie und gehen in die Böhmischen l Brüder über (f. d. Art.). Vgl. I. Cochläns, Hist, ünsitarnm, Mainz 1549, Fol.; Kriim- l mel, Geschichte der böhmischen Reformation, Gotha 1866; Palacky, Geschichte von Böhmen, 1845 ff., im 4. Bd.; Ders., Urkundliche Beiträge zur Geschichte des Husitenkrieges, Prag 1872—7S, 2 Bde.; F. v. Bezold, Zur Geschichte des Husiten- thums, Münch. 1874; Th. v. Bezold, König Sig- mundu.die Reichskriege gegen die Husiten, 3. Abth.: Die I. 1428—31, Münch. 1877. Löstl-r. Hnskifson, William, englischer Staatsmann, geb. 11. März 1770 zu Birch Moreton in der Grafschaft Worcester; wurde in England und in Paris bei einem Oheim, dem Arzt Gem, erzogen; lebte dort während der ersten Jahre der Französischen Revolution und schloß sich hier dem Club der Patrioten an. Als Secretär bei Lord Gower, englischem Gesandten, 1792 nach London zurückgekehrt, wurde er Chef des EmigrantenbureanS, durch Pitt 1795—1801 Unterstaatssecretär des Königs, bei Pitts zweitem Ministerium Secretär der Schatzkammer u. trat bei dessen Tode 1808 aus, kam aber mit dem Herzog von Portland 1807 wieder in die Verwaltung. Als treuer Anhänger Cannings schied er mit diesem aus dem Cabinetl809, trat aber 1814 als Generaldirector ! der Forsten und Mitglied des Geheimen Rathes wieder ein, ward nach Castlereaghs Tode 1823 Präsident des Handelsamtes, der Marine u. Schatz- ! kammer u. wirkte in diesem Posten in Cannings > Geiste. Unter Liverpools Ministerium, wie nachher auch unter Canning, war er wiederum Präsident des Handelsamtes u. that viel für die allgemeine Handelsfreiheit, so daß man ihn den Mitbegründer der neueren Handelspolitik nennen kann. Unter Goderichs Ministerium 1827 war er > Minister der Colonien, unter dem Wellingtons 1828 Staatssecretär des Auswärtigen. Er verließ jedoch bald das Ministerium, als seinen gemäßigten Ansichten widersprechend, u. stimmte mm im Parlament, wo er schon seit 1795 gesessen hatte, gegen dasselbe, bes. gegen die Parlamentsreform, wollte aber, wenn sie doch einträte, die Stimmen der verrotteten Flecken auf die größeren Manufactur- städte übertragen haben. Er st. 15. Sept. 183b durch einen Fall aus dem Wagen bei Eröffnung der Eisenbahn von Liverpool nach Manchester. Die Stadt Liverpool hat ihm ein Denkmal gewidmet. Mrs spssobss ak V. II., herausgeg. Land. 1831, 3 Bde. Sein Bruder starb als General, 67 Iah« > alt, Ende 1854 in London. Bartling? 513 Huß — Huß, s. Hus. Huffeim-Bey, letzter Dey von Algier, geb. 1773 in Smyrna; diente in der türkischen Miliz und wurde nach einem höchst wechselvollen Leben 1818 Dey von Algier. Der schon seit Jahren zwischen ihm u. Frankreich schwebende Streit trat i m sein letztes Stadium, als H. in seinem Über- ^ muth aus Ärger über die Zögerung Frankreichs, i seine Forderungen zu bewilligen, den französischen ! Consul Duval mit dem Fliegenwedel ins Gesicht schlug, 30. April 1827, und die Satisfaction für diese Beschimpfung verweigerte. Am 5. Juli 1830 ^ besetzten die französischen Truppen Algier infolge einer Kapitulation des Deys, der sich mit seinem Schatz u. Harem nun ins Privatleben zurückziehen mußte u. nach Neapel einschiffte. Er st. 1838 in Alessandria in Oberitalien. L->gai. Huffein Arni Pascha (nicht Avni), türk. Großvezier u. Kriegsminister, geb. 1820 im damaligen Sandschak von Sparta, wo sein Vater Pächter war; trat, kaum IS Jahre alt, in die Militärschule inCon- stantinopel u. 1841 in die Armee als Lieutenant. Bei Ausbruch des Krimkrieges bereits Oberstlieutenant, wurde er nach Schumla gesendet, dann als Generalstabschef einer Division nach Widdiu, leitete darauf die Vertheidigungsarbeiteu bei Ka- > lafat u. Silistria u. zeichnete sich im Gefecht bei Czetate aus. Nach Beendigung des Donaufeldzuges ward er, inzwischen zum General vorgerückt, Generalstabschef der Armee in Kleinasien, wurde aber, da er sich mit dem englischen General Williams wegen der Vertheidigung des strategisch unhaltbaren Kars überwarf, nach Stambul zurückberufen und Omer-Pascha als Generalstabschef in der Krim beigegeben. Nach dem Friedensschluffe zuerst Com- missär bei den Grenzregulirungen, wurde er dann Direktor der Militärschulen und, nachdem er den Feldzug gegen Montenegro als Divisionsgeueral mitgemacht, Präsident des Kriegsrathes und Administrator des Kriegsministeriums. Anläßlich des kretensischen Ausstandes ging er als Militär» und Civilgouverneur nach Kreta u. pacificirte die Insel. 1869 übernahm er das Kriegswinisterium, mußte über 1871, als Mahmud Pascha ans Ruder kam, dasselbe abgeben, um eS jedoch schon Febr. 1873 i wieder zu übernehmen. Von dieser Zeit datirt die I Reorganisation aus allen Gebieten des türkischen Kriegswesens und zugleich sein Einfluß auf die Regierungsangelegeuheiten überhaupt, der ihm Februar 1874 neben dem Portefeuille des Kriegs auch das Großvezierat in die Hand gab. In dieser Stellung half er, so weit möglich, dem gesamm- ten Staatswesen auf, bis er 25. April 1875 seiner i Ämter enthoben wurde, um jedoch schon 10. April ! 1876 in das Kriegsministerium zurückzukehren, u. nach Murads V. Thronbesteigung 30. Mai 1876 die Würde eines Seraskiers u. Höchstcommandirenden im türk. Heere mit seinem Ministerposten zu vereinen. Sechszehu Tage später ward er, das Opfer der i Rache des ehemaligen Osficiers Hassan, von demselben im Conseil zugleich mit Raschid Pascha, seinem Kollegen im Auswärtigen, erschossen. Lagai. Husfinecz, Niklas von, aus dem Hause der Piestna, königl. Burggraf auf Prachaticz, Anhänger . und Beschützer von Hus, ließ diesen auf seinen Gütern ungestört predigen, war Anführer der Ta- Pierers Universal-Converfatwns-Lexikon. 6. Aust. X. ! Husten. borsten in deren Kriege u. st. 1420 nach der Er- oberung des Wyssehrad durch einen Sturz vom Pferde. Hussinetz, Marktflecken an der Blanitz im böhm. Bez. Prachatitz (Österreich); Armen-Jnstitut, Strumpfwirkerei, Fabrikation von Wollenwaaren u. Zündhölzchen, 6 Jahrmärkte; 1610 Ew. H. gilt als Geburtsort von I. Hus. Hussiten, s. Husiten. Huffon, Jean HonorL - Aristide, franz. Bildhauer u. Medailleur, geb. zu Paris 2. Juli 1803, st. das. 31. Juli 1864; Schüler von David d'Angers u. der Looks äos bsaux arts u. bildete sich in Rom weiter. Werke: Adam u. Eva (im Museum zu St. Omer); Dante und Virgil (in Boulogne); Die Statuen Voltaires u. Baillys (im Stadthaus zu Paris); Die alleg. Figuren auf den Brunnen des Eintrachtsplatzes daselbst; Mehrere Büsten für den Louvre, das Versailler Museum u. die Pairskammer; Zwei anbetende Engel (in St. Vincent de Paul); Haydee (1850, im Museum zu Grenoble) rc. Regnet. Husten CIussls), stoßweise erfolgende, mehr od. weniger schallende Exspirationen mit Verengerung der Stimmritze u. stoßweisen Zusammenziehungen der Exspirationsmnskeln. Derselbe ist eine der häufigsten und wichtigsten Erscheinungen der verschiedensten Erkrankungen der Athemwege u. kommt stets auf reflektorische Weise, d. h. durch Übertragung eines Reizes von einem Empfindungsnerven auf dieBewegungsuervendcrAusathmungs- u. Kehlkopfsmuskeln zu Stande. Die Reize können verschiedene sein: mechanische, chemische, elektrische, thermische. Die erste wichtige Untersuchung über den H. verdanken wir Krimer (1819); von den neueren Forschungen sind bes. die von Nothnagel, Kohts u. Störk erwähnenswerth. Die Resultate der genannten Forschungen lassen sich etwa in Folgendem zusammenfassen: weder durch Reizung des Kehlkopfseinganges, noch des freien Randes des Kehldeckels wird H. erregt, ebenso nicht durch Reizung der oberen Fläche der Stimmbänder u. der Taschenbänder. Aus diesem Grunde sehen wir Entzündungen der Stimmbänder oder selbst Neubildungen (Geschwülste) an denselben ohne H. verlaufen. Die empfindlichste Stelle des Kehlkopfes in Bezug auf H. ist die Schleimhaut zwischen den Arytäuoid-Wülsten, also an der Hinteren Wand des Kehlkopfes, u.hier bewirkt schon geringer Schleimbelag heftigen H. Die Luftröhre ist nur auf ihrer Hinteren Schleimhautfläche (der pars übross,) und an ihrer Spaltung in den linken u. rechten Luft- röhrenzweib (Bifurcationsstelle) für H-reize empfindlich^ nicht aber die vordere Luftröhrenschleimhaut. Über die Reizbarkeit der feineren Luströhrenverzweigungen weiß man noch nichts Bestimmtes. Das eigentliche Lungengewebe löst H-reize nicht aus, ebensowenig das Brustfell u. ist es dadurch erklärlich, daß Brustfellentzündungen selbst mit erheblicher Ausschwitzung fymptomlos verlaufen können und namentlich kein H. auf die Brustfellerkrankung aufmerksam macht. Rachenkatarrh an sich erregt keinen H., erst wenn sich die Reizzn- stände vom Rachen auf den Kehlkopf fortgesetzt haben, oder wenn das Secret (der Speichel und Schleim) in liegender Stellung einer Person in Zand. Zz 514 Husum — Len Kehlkopf herabfließt, entsteht H. Der von den Alten beschriebene Magen-H. ist bis jetzt noch nicht experimentell erwiesen. Der beim H. betheiligte Nerv ist der I-ar^nAsus sup., doch auch noch einzelne andere Äste des Isisrvus va^uo; ebenso kann durch Reizungen der Ursprungsstätten des Ksrvrw vaxus im Kleingehirn — also auf centrale Weise — H. erregt werden. Je nach den Ursachen der Reize u. dem Charakter des H-s unterscheidet man den Keuch-H., wenn ein specifisches epidemisches Krank- heilsgist die Ursache bildet u. der H. einen kramps. artigen Charakter hat, den katarrhalischen H., wenn scharfer Lustzug, Staub u. s. w. eine Reizung u. Schwellung der Schleimhaut mit wässerigschleimiger Absonderung herbeigefllhrt hat, den Blut-H., wenn Blut durch die H-stöße entleert wird, einen hysterischen H., wenn er neben noch anderen Erscheinungen der Hysterie vorkommt, des Nachts nie den Schlaf stört, keine Rasselgeräusche in der Brust wahrnehmen läßt u. s. w. Kunze. Husum, 1) Kreis im preuß. Regbez. Schleswig-Holstein, an der WKüste, wird durchschnitten von der Linie Jübeck-Tönning der Altona-Kieler Eiselchahn; 839,,« (Dkm (15,2« HW) mit (1875) 35,635 Ew. 2) Kreisstadt darin, am Rande der Marsch u. an der kanalisirten H-er Au, «Station der oben genannten Eisenbahn; Gymnasium (mit demselben verbunden eine höhere Bürgerschule), sehr bedeutende öffentliche Legate u. Vermächtnisse, Handel mit Vieh (namentlich nach England) und Getreide, beträchtlicher Versandt von Austern, Haupiplatz für den Handel mit den friesischen Inseln, Schifffahrt, Dampsschiffverbindung mit Föhr, Sylt rc., kleiner Hasen, Rhede vor der Mündung der H-er Au, wöchentliche Biehmärkte, besuchter Mchaelismarkt; 1875: 5765 Einw. H. ist der Geburtsort dos Alterthumsorschers Forchhammer, des Mineralogen Joh. Forchhammer u. des Dichters Theodor Storm. H., zuerst 1252 erwähnt, nahm 1522 die Reformation an, erhielt 1582 das Wisbysche Seerecht, ward 1668 durch Johann Adolf Stadt, wurde 1634 u. 1717 durch Sturm- fluthen u. 12 . Juli 1852 durch eine große Feuersbrunst verheert. H- Berns. Husungabad (Hoshungabad), 1) District der Narbada-Division der indo-brit. Central-Provinzen, begrenzt von dem mittleren Laufe der Nar- vada, durchzogen von der Eisenbahn Bombay- Allahabad; sehr fruchtbar, reich an vorzüglichen Kohlen; 10,935 festem (198'/, lüM) n. 440,186 Sw. 2) Hauptstadt darin, am linken Ufer des Narbada, unweit des Einflusses des Tauah, 1544 von Hoschung Schah, König von Malwa, gegründet; 11,613 Ew. Lhiclemann. Huszt, Marktflecken im Ungar. Comitat Mar- maros, an der Theiß, Station der nngar. Nordostbahn; starker Hanf- u. Weinbau; 6413 Ew. — Dabei auf einem hohen Felsen das geschichtlich merkwürdige Schloß H. Hut, 1) die Bedeckung des oberen Theils einer Sache; daher 2) eine Kopfbedeckung. A) Die Männerhüte sind meist von Filz, Seidenfelbel, Stroh, Pappe, Seide, a) Die Filzhüte werden ausschließlich aus Thierhaaren gemacht, u. zwar gewöhnlich aus Hasen- u. Kaninchenhaaren, peruanischer Schaf- und Vigogne-Wolle, aus Biber-, - Hut. Fischotter-, Bisamratten« und Katzenhaaren, aus ! den Abgängen der Seidenwirker u. aus Persischen ! u. kirmauischen Wolle-narten. Die feineren, theueren fl Haare werden dabei mehr zum Überziehen des » Hasenhaarfilzes benutzt. i>) Hüte, welche den ! Filzhüten im Ansehen völlig gleichen. H Solche sind: Seidene Hüte, aus Hasenhaaren ! (Z) u. Abgängen von den Stühlen der Seiden- weder (H). Felbelhüte (Seidenhüte), bei denen das Gestell aus Filz, Pappe, Preßspänen, dünnen Holzspänen oder dünnem Flechtwerk gemacht ist, u. die mit einem langhaarigen Seidenfelbel überzogen sind. Zu Verfertigung der Filzhüte und der Filzunterlagen für Seidenhüte werden die Hasen« und Biberfelle (Kaninchenselle seltener, Wolle nie) gebeizt, damit das Haar sich s besser filzen lasse, dann enthaart durch Rupfen ad. mit einer scharfen Ziehklinge; wird Wolle verwendet, so wird sie erst ausgelesen, gereinigt, gewaschen, kartätscht; dann werden Aaare u. Wolle gefacht, d. h. aufgelockert, von «staub und den gröberen Borstenhaaren befreit und die parallele Lage der einzelnen Haare beseitigt, welche dem Filzen hinderlich ist; es geschieht dies mit einem mit einer Darmsaite bespannten Holz (Fachbogen), ^ an welchem sich ein Stück Leder befindet, durch welches die an demselben befindliche Darmsaite « gespannt od. nachgelassen werden kann (oft dienen auch statt dessen kleine Stückchen Holz), auf dem Fachtische. Das erste Fachen dient nur zum Reinigen u. Auflockern des Haares u. wird in größeren H°fabriken durch eine besondere Maschine besorgt, welcher das unreine und vielfach verknötete Haar, auf ein Tuch ohne Ende aufgebreitet, zugeführt wird, worauf es auf der anderen Seite der Maschine gereinigt u. aufgelockert herauskommt, während die Verunreinigungen unter der Maschine sich ansammeln; bei dem späteren Fachen muß das Haar zugleich von einer Seite auf die andere in einer regelmäßigen drei- od. vierseitigen Figur geworfen werden; zuletzt wird das Haar mit einem Stück Pergament (Pappe) oder mit einem seinen Siebe zusammengedrückt, wodurch dasselbe etwas Halt u. Zusammenhang bekommt, wie ein StA Watte wird und Fach heißt. Das nun folgende Filzen ist das in Einander-Verschlingeu der Haare eines Faches, so daß sie fest Zusammenhalten. Dies geschieht auf einer kupfernen Platte, unter welcher ein Kohlenfeuer unterhalten wird. Zuerst legt man auf die Platte ein angefcuchtetes leinenes Tuch, auf dieses die Fache, wickelt und legt beides in verschiedenen Richtungen zusammen n. arbeitet es dabei immer mit der Hand gleichmäßig durch. Hierdurch, sowie durch die Ausdünstung des Filztuches und durch die Wärme der Platte, - schlingen sich die Haare ziemlich fest zusammen n. '! je zwei Fache werden an zwei Seiten mit ein- - ander verbunden. Weil nach dem Zusammenfilz!» ! der Ränder von zwei Fachen dieselben umgewendet werden, so legt man ein Stück Papier, de» Filzkern, dazwischen; dieser verhindert, daß die Fache zusammenkleben, und wird hernach wieder herausgenommen. Nach dem Filzen gleicht der H. noch einem spitzigen Kegel, u. muß in einem länglich-viereckigen Kessel gewalkt (dichter gemächh werden. Die beiden Seiten des Herdes sind etwas s 515 ^ Hutaffe — - gegen den Kessel geneigt, so daß, wenn die Walk- iaseln (starke Bretter von Rüsterholz) darauf i gelegt werden, das Wasser von denselben in den ff ^ Kessel läuft. In dem Kessel wird Wasser heiß - ^ gemacht u. etwas Bier- od. Weinesstghefe darunter ii gemischt. Der Filz wird zuerst um den Rollstock ss gewickelt und in das heiße Wasser getaucht; dann D nimmt man ihn herunter, legt ihn auf die Walk- ; ^ tafel und bearbeitet ihn mit der Hand oder dem t ' nmden Streichholz in allen Richtungen, an- s fangs nur gelinde, bis er fester wird, legt ihn s ^ dabei auch übers Kreuz zusammen, wickelt ihn s wieder über den Rollstock und bearbeitet ihn mit i ' diesem. Dabei wird der Filz immer wieder in t das heiße Wasser getaucht od. mit demselben be- ! gossen u. für feine Hüte schließlich mit der Walkbürste rundum gebürstet. Das Walken dauert 4 bis S Stunden und durch dasselbe wird der Filz f fester u. dichter, aber auch fast um G kleiner. Die i Haare des Filzes werden mit Kardendisteln oder I , mit der Kratze emporgebracht (Aufkratzen). Das l Herausmachen der groben Haare u. fremden Kör« ! per nach dem ersten Walken heißt Auszwicken k u. geschieht gewöhnlich mit einer stählernen Zange ck mit elastischen Schenkeln; Sengen ist das Ab- I brennen derselben über brennendem Stroh. Bei ; langhaarigen Hüten werden die Haare nach dem i ^ Auskratzen durch eine Maschine gleich lang abge- s schnitten; der noch trichterförmige H. wird aus I s einen rotirenden Kegel aufgeschoben; beim Um- , drehen gehen die langen Haare an einem scharfen , 1 Messer vorbei, über welches sie durch schrauben- I« gangförmige Erhabenheiten auf einem sich gleich- ' f falls umdrehendcn Cylinder hingestrichen u. dabet ! verschnitten werden. Nun wird der H. noch naß ! über die Form, eine kurze hölzerne Walze, ge- !- schlagen u. der Rand mittels des Krummstam- M Psers, einer 15 om hohen, 10 om breiten, nach U der Länge etwas gekrümmten Messingplatte oder s einem viereckigen Blech, hinabgetrieben; dann wird s der H. in den Kranz gestellt, d. h. der Auf- s schlag (Krämpe) umgebogen, dann die Platte ausgestoßen, d. h. der spitzige Deckel flachgell drückt, wobei der H. wiederholt in warmes Wasser getaucht wird. Der getrocknete H. wird dann mit s Bimsstein od. einer Fischhaut abgeriebeu, wodurch > ein kurzes Haar wieder in die Höhe gebracht wird ! u. der Filz sich feiner anfühlt. Das Ausstößen, wodurch der H. die Kopfform erhält, geschieht mit ^ einem länglich-runden Holze. Dann wird der H. gefärbt, zngerichtet, aufgestutzt rc. Strohhüte ' s. u. Strohflechterei. ^ Die Griechen trugen einen H. od. eine Kappe von Filz (Pilos) gewöhnlich auf Reisen od. bei gewiss - sen Geschäften u. Gewerben, während sie sonst, auch beim Ausgehen, barhaupt gingen. Ähnlicher dem ; modernen H. war der Petasos (Thessalischer od. ss Makedonischer H.), mit breiter Krempe, zum . ^Schutze gegen Sonne und Regen. Die Römer ^ L trugen den H. (?ilsns) bei Begehung heiliger «Gebräuche, bei Schauspielen und Festen; er war Imehr eine Kappe, gewöhnlich rund, auch spitzig. Der H. war das Zeichen der Freiheit; darum erhielten Sklaven bei der Freilassung einen H. !. ikiloatus ssrvns). Ebenso ließen Brutus und Tassius nach Cäsars Ermordung Münzen schlagen, Hutcheson. auf denen ein H. als Freiheitszeichen zwischen zwei Dolchen stand, u. viele Römer erschienen nach Neros Ermordung mit Hüten ans dem Kopfe, um ihre wiedererlangte Freiheit auzudeuten. Auch später galt der H. als Symbol der Freiheit, und die Republiken, namentlich die Republik der vereinigten Niederlande nach ihrer Befreiung von spanischer Herrschaft, wie die Vereinigten Staaten von Amerika, die franz. Republik u. die Schweiz, nahmen ihn als Sinnbild auf. Im Mittelalter kommen die ersten Hutmacher 1360 in Nürnberg unter dem Namen Filzkappenmacher, unter Karl VI. (1380 —1422) in Frankreich u. 1401 in Würzburg vor. Der älteste Filzh., welcher erweislich vorkommt, wurde von Karl VII. bei seinem Einzüge in Rouen im Jahre 1449 getragen, u. 1509 war es bereits ein altes Herkommen, daß der Rath von Worms dem von Frankfurt jährlich einen Biberhut durch eine Gesandtschaft überschickte, um dadurch Zollfreiheit zu erbitten. Frauen trugen im Mittelalter Hüte von Seide, Sammt, mit Stickereien. Zur Zeit Heinrichs IV. (1589 bis 1610) war der breitkrämpige, z. Th. an einer Seite aufgeschlagene H. in Frankreich, der Schweiz u. in Deutschland gebräuchlich. Unter Ludwig XIV. entstanden die dreieckigen Hüte, die in Frankreich fast 100 Jahre, in Deutschland aber in einzelnen Gegenden auf dem Lande bis in die neueste Zeit Mode waren, daneben die Schifferhüte mit breiter, an beiden Seiten aufgeschlagener Krempe. Aus den dreieckigen Hüten entstanden die Chapeaubas. Kurz vor der Französ. Revolution kamen zuerst in England, dann auch in Frankreich die runden Hüte auf. Geweihte Hüte, welche der Papst ehedem feierlich in der Christnacht weihte, waren violcttseiden, mit Hermelin gefüttert u. mit einer goldenen Schnur u. Juwelen geschmückt, u. wurden an Fürsten und Feldherren, die sich um den katholischen Glauben verdient machten, verschenkt. Den letzten erhielt General Daun 1758 nach der Schlacht von Hochkirch. Zu bemerken ist noch der grüne H., in welchem sonst Bankerot- tirer in Frankreich, u. der gelbe H., in dem sie in manchen Städten Deutschlands ausgestellt wurden u. Len sie ferner ihr ganzes Leben lang tragen mußten; auch Juden mußten in Spanien gelbe Hüte tragen. In der Heraldik sind Hüte entweder Helmkleinodien, wo sie sich von den Mützen bald durch die breitere, bald durch die höhere Gestalt (Spitzhüte) unterscheiden u. wo sie mannigfach gestaltet, gegipfelt u. befleckt erscheinen u. oft als Träger anderer Figuren benutzt werden, od. Standeszeichen. Zu letzteren gehören die breiten Hüte der geistlichen Würden (als Cardinals-, Erz- n. Bischofs- n. Protonotarienh.), daun die anders gesormten weltlicher Personen (als Erz- herzoglicher H., Fürstenh., Schweizerh.). Über den H. beim Militär s. u. Kopfbedeckung. Hutaffe, Munga, LlLLaous sillious eine in Thierbuden häufige, den Meerkatzen verwandte Affenart; Pelz oben grünlich-grau, unten weiß, die Haare ans dem Kopfe strahlig ausgebreitet, Schwanz lang; Malabar. Farwick. Hutbriiver, s. Barfüßer. Hutcheson, Francis, schottischer Philosoph, Stifter der Schule der schottischen Moralphilosv- 816 Hutchinson - phen, geb. 8. August 1894 in Irland; studirte Theologie, errichtete eine Erziehungsanstalt in Dublin, wurde 1729 Professor der Philosophie in Glasgow und st. 1747. Die von ihm gestiftete inoralphilosophische Schule gründete ihr System auf das Princip des Wohlwollens; er schr. u. a.: Inguirx into tlrs ori§. ok our icksas ok bsantx auä virtus, Lond. 1720 u. ö-, deutsch Frankfurt a. M. 1762; Lasax ou tlrs uaturs null eouctuet ok xasnions auä akksotious, Lond. 1728 u. ö., deutsch Lpz. 1765; Lbiiosopbig.« moralis institutio, Rotterdam 1754, deutsch als Sittenlehre der Vernunft, Lpz. 1756, 2 Bde. Seine Werke gesammelt, Glasgow 1772, 5 Bde. Bartling.' Hutchinson, 1) John, engl. Philosoph, geb. 1674 zu Spennythore in Uorkshire; war von 1693 an Haushofmeister bei mehreren Vornehmen, zuletzt beim Herzog von Somerset, durch dessen Verwendung er eine Sinecure erhielt, worauf er sich den Studien der Philosophie u. Bibel ganz widmete; er st. 28. Aug. 1737; seine philosophischen u. theologischen Werke gesammelt, London 1749—65, 13 Bde. Seine eigenthümlichen physikalischen Ansichten suchte er aus der Bibel zu beweisen; überhaupt fand er in der Bibel ein vollkommenes System natürlicher Philosophie und Theologie, wobei er jedoch in der Exegese sehr gewaltsam verfuhr u. neben dem Wortsinne auch immer noch einen höheren finden wollte. Er verteidigte die Lehre der Bibel als eine göttliche Offenbarung, nn Gegensätze zu der dcrstischen Richtung seiner Zeit. Diese Offenbarung hielt er um so nöthiger für den Menschen, weil dessen Erkennen, als durchaus abhängig von der Erfahrung, sich von dem Unsichtbaren keinen Begriff machen könne. Seine Anhänger (Hutchinsoniaus) waren bes. in Oxford zahlreich, bildeten aber keine besondere kirchliche Partei. Früher beschäftigte sich H. auch mit Mineralogie u. Mechanik u. fertigte 1712 ein selbst von Newton für zweckmäßig erachtetes, aber nicht vollendetes Instrument zur Bestimmung der Meereslänge. 2 ) John Hely, Lord H., Baron von Alexandrien, englischer General und Politiker, geb. 1757 in Dublin; trat 1774 in Militärdienste, wurde in Paris, wo er sich vor der Revolution aufhielt, Freund La Fayettes u. trat im irischen Parlament als Ver- theidiger der Emancipation der Katholiken auf. 1793 focht er mit dem von ihm errichteten Regiment unter Cornwallis gegen die Rebellen in Irland und half den gelandeten französischen General Humbert besiegen. Darauf machte er den Feldzug von 1794 als Generalmajor unter dem Herzog von Jork mit u. wurde verwundet, focht unter Abercromby 1799 in Holland u. später in Ägypten, zeichnete sich 1801 bei Alexandrien aus, erhielt, als Abercromby, bei Abukir geblieben war, den Oberbefehl über das englische Hilfscorps, eroberte Damiette u. Ramanieh, schloß Kairo ein, zwang den franz. General Belliard 22. Mai zu capituliren u. den General Menou 31. Aug. sich bei Alexandria zu ergeben. Später zur Opposition übergetreten, sprach er 1808 zu Gunsten der Emancipation der Katholiken, 1809 gegen die Expedition nach Kopenhagen und gegen die nach Walcheren, klagte die Verwaltung 1810 wegen — Hutscheu. des mißlungenen Unternehmens auf Vließingen an, sprach seit 1822 zu Gunsten der Griechen u. zeichnete sich später besond. in der Emancipation^ Frage als parlamentarischer Redner aus. 1825 folgte er feinem älteren Bruder Richard als Graf von Donoughmore u. starb 6. Juli 1832. 3) Thomas, anglo - amerikan. Staatsmann, geb. 9. Sept. 1711 zu Boston u. gest. 3. Juni 178» zu Brompton bei London. Erst für den Handelsstand bestimmt, wandte er sich dann der Jurisprudenz zu. Seine Vaterstadt sandte ihn 1738 als ihren Agenten nach London, u. er entledigte sich seiner Mission mit einem solchen Erfolge, daß er nach und nach zu den wichtigsten Ämtern berufen wurde. Während 10 Jahren Mitglied der Colonial-Kammer von Massachusetts, ward er 3 Jahre lang zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Von 1749—1766 gehörte er dem Colonial-Conseil an n. bekleidete von 1758 — 1771 den Posten eines Vice-Gouverneurs. In der Zwischenzeit (1760) war er auch noch zum Oberrichter gemacht worden. Indessen verdächtig, den Ansprüchen Englands, namentlich aber der berüchtigten Stempelacte günstig zu sein, sah er seine Wohnung zwei Mal von einem wüthenden Bolkshaufen angegriffen, das zweite Mal, 26. Aug. 1765, sogar sein ganzes Hausgeräth zerstört. Seine Unbeliebtheit beim Volke diente ihm beim engl. Ministerium, das ihn 1770 zum Gouverneur von Massachusetts ernannte. Als solcher zögerte er nicht, dem Mutterlands Gewaltmaßregeln anzurathen. Vertrauliche in diesem Sinne abgefaßte Briefe fielen in die Hände des damals als Agent der Colonie in London weilenden Franklin. Dieser sandte die ge- dachten Briefe an feine Mitbürger, die nun den König von England aufforderten, H. abzufetzen. Seine Führung erhielt jedoch die Zustimmung des engl. Ministeriums u. er blieb auf seinem Posten bis zur Ankunft des Generals Gaye, 13. Mai 1774. Wenige Tage darauf reiste er nach England, wo er nur eine kleine Pension erhielt, und st. vergessen von der Regierung, der er die Interessen seines Vaterlandes u. die seinen geopfert hatte. Er schr.: Listorx ok tlrs 6oloux ok Lnssa- olrusstts Lag-, Lond. 1765—67, 2 Bde.; ^ briet stato ok tbs Claim ok tbs oolouiss, ebd. 1764; 6ol- lsotiou ok original papsrs relative to tbs bistoy ok tlrs Oolonx ok Nansaobusstts Lax, ebd. 176». Sein Großsohn, der Geistliche John H. H., setzte die Geschichte Massachusetts aus H-s hinterlassemn Papieren bis 1794 (Lond. 1828) fort. Bartlmg. Hüte, Adelspartei in Schweden im 18 . Jahrh., welche, auf Frankreich sich stützend u. im Gegensätze zu der russisch gesinnten Partei der Mützen, Rußland bekriegen u. die von diesem weggenommenen Provinzen wieder erobern wollte u. auch 1788 über die Mützen den Sieg davontrug. Beide Parteien wurden als solche durch Gustavs III. Verfaffungsumsturz 1772 (zur Herstellung des absoluten Königthums) niedergeworfen, obwol sich namentlich die Adelspartei alsbald wieder rllhrle u. Glieder derselben den König ermordeten. Hutpilze, s. Lxmsnomxostss. Hntscheu, Stadt in der chinesischen Provinz Tschekiang, am Thaihu-See, berühmte Timen- sabrikation, bedeutender Handel, 100,000 Ew. 517 Hütte — Hüttenmännische Gewinnung des Eisens. Hütte, 1) so V. w. Hüttenwerk. 2) (Seew.) Mf den größeren Schiffen der alten Segelflotte der oberste Ausbau des Hinterschiffes, vom Besan- mast bis zum Heck gehend, doch zuweilen auch vor diesen hinaus reichend, mit einem besonderen Deck (der Kampanje) überdeckt, auf dem sich ehemals noch leichte Geschütze, später auch wol statt derselben noch eine kleine Oben-H. befanden. Bei den Schiffen der Jetztzeit wird der Name H. verschieden gebraucht, am richtigsten wol für das Kajütshaus auf dem Hinterdeck, wenn dieses zwischen seinen Längswänden und dem Schiffsschanzkleid noch einen Gang freiläßt. Geht dieses Haus von Bord zu Bord u. geht die Schiffswand bis zu seinem Deck hinauf, es noch oben mit einem leichten Geländer umgebend, so wird für diesen Raum ähnlich wie bei den anderen Decks der Name des über ihm befindlichen Deckes maßgebend, er also selberKampanje heißen müssen, wie dies auch in der deutschen Kriegsmarine allgemein üblich. Eine dritte, namentlich bei eisernen Handelsdampfern viel gebräuchliche Form für den Abschluß des Hinterschiffes, wenn dieses Kajütseinrichtungen auf Deck hat, bildet das Poop (a. d. Engl.), wo der Raum zwischen der H. und dem Schanzkleid durch bogenförmige, in das H-ndeck übergehende Bedachung nach den Seiten u. nach hinten zu gegen das Überwaschen von Wellen geschützt ist. Fest. Hutten, 1) Ulrich von, Vorkämpfer der Reformation, aus einem alten fränkischen Adelsgeschlecht, geb. 21. April 1488 aus dem Schlosse Steckelberg in Kurhessen. Seine Eltern übergaben ihn 1499 dem Stift Fulda zur Erziehung und bestimmten ihn zum Mönch. H. verließ aber das Kloster gegen den Willen der Seinigen, u. studirte zu Köln, dann zu Erfurt die alten Sprachen an der Hand der Humanisten Rhagius u. Maternus Pistoris. In Erfurt wirkte von Gotha her bes. auch Mutianus Rufus auf ihn ein. Mit seinem Lehrer Rhagius bezog H. darauf 1506 die Universität Frankfurt a. d. O., 1507 die zu Leipzig. Von 1509 an führte er ein abenteuerndes Wanderleben, auf welchem er von Gönnern des Humanismus sich unterstützen ließ, solche aber, die, wie der Bürgermeister Lötz in Greifswald, sich karg zeigten, durch Satiren bestrafte. Als er 1512 in Pavia, wo er die Rechte studirte, aber auch Humaniora u. besonders Poesie trieb, bei Eroberung dieser Stadt von den päpstlichen Schweizern ausgeplündert wurde, ging er unter die Landsknechte. 1517 wieder nach Deutschland zurückgekehrt, erlangte er endlich die Aussöhnung mit seinem Vater durch die 5 Reden gegen Herzog Ulrich von Württemberg, der seinen Verwandten Hans von Hutten aus Eifersucht meuchlerisch ermordet hatte. Auch am Streit gegen die Kölner Inquisition zu Gunsten Reuchlins betheiligte sich H. in seiner Schrift: iLrinmpIms Vaxnionis, so wie durch Abfassung eines 2. Theils zu den Lpistolao odsonrornin virornm. 1517 von Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt, trat H. in die Dienste des ErzbischofesAlbrecht von Mainz, mußte aber 1520 eine Zuflucht bei Sickingen auf der Ebernburg suchen, da Papst Leo X. vom Erzbischof Albrecht seine strenge Bestrafung für die Schriften verlangte, die er indessen zu Gunsten der Reformation geschrieben hatte (Vs äonabions Oonsvantini, ^.ck prinaipss Vsrmauioos. Va- ckiseus od. die römische Dreifaltigkeit rc.). Bon der Ebernburg aus trat er noch gewaltig für Luther und die Reformation ein m seinen deutschen Schriften: Klag und vormanung gegen den übermässigen Gewalt des Bapsts. Neue Gespräche. Als Sickingens Unternehmen, an welchem er eifrigen Antheil nahm, scheiterte, begab sich H. in die Schweiz, ward zwar von Erasmus abgewiesen, doch von Zwingli freundlich ausgenommen u. gepflegt, starb aber bald auf der Insel Ufnau im Züricher See 29. Aug. 1523. Werke, herausgeg. von Münch, Berl. 1821—23, 6 Bde., u. von Ed. Böcking, Lpz. 1859—62, 7 Bde. Ein Verzeichniß der Schriften H-s von Böcking, Incksx biblioArapIiieLs vnvtsnianns, Leipzig 1853; vergl. Panzer, Ulrich von H., in literarischer Hinsicht, Nürnb. 1798; K. Hagen, Ulrich von H., in politischer Beziehung, in dessen Schrift: Zur politischen Geschichte Deutschlands, Stuttg. 1824; die Biographien H-s von Mohnicke, Wagenseil, v. Brunnow, Bllrck sind überholt durch David Friedrich Strauß, Ulrich v. H., Lpz. 1857, 2 Bde., 2. Aufl., Bonn 1871. Vgl. auch Göhring U. v. H., Lpz. 1862 ; Gespräche übersetzt und erläutert von Strauß, Lpz. 1860; Gespr. u. Briefe, deutsch v. Stäckel, Berlin 1871. 2) Philipp v. H., geb. um 1510; vorher Edelknabe des Kaisers Karl V., ging mit den Schiffen, welche Venezuela für Welser in Besitz nehmen sollten, nach Amerika; 1535—38 machte er dort Reisen u. wurde Statthalter von S. Domingo. Nach kurzem Aufenthalt in Europa 1541 reiste er mit dem jüngeren Welser wieder nach Amerika, wurde aber dort 1545 mit seinen Begleitern von dem in seiner Abwesenheit an seine Stelle als Statthalter eingesetzten u. ihm nachreisenden Juan de Cara- vajal ermordet. Löffler. Hüttenheim, Kirchdorf im Kreise Erstem des Regbez. Unter-Elsaß (Elsaß-Lothringen), an der Jll; Kirche mit schönem Thurm, Baumwollenspinnerei u. Weberei, Tabaksbau, 1875: 2324 Einw. Hüttenkatze (6o1ioa satnrnina), ein nervöses Leiden, welches gewöhnlich Arbeiter in Hüttenwerken, wo sie Bleidämpfe einschlncken u. einathmen, befällt; sie zeichnet sich besonders durch krampshaft znsammenschnürenden Schmerz in der Nabclgegend u. hartnäckige Verstopfung ans u. ist nicht selten noch mit anderen Zeichen der Bleivergiftung verbunden. In der Regel gelingt es, wenn die H. zum ersten Male auftritt, durch mehrmalige Opiumgaben den krampfhaften Zustand der Gedärme, durch den die Fortbewegung des Darminhalts gehindert wird, Stuhlgang u. damit Beseitigung des Leidens herbeizuführen. Bei öfterer Wiederkehr ist die Krankheit aber gefährlich u. kann unter schnellem Kräfteverfall zum Tode führen. Die Verhütung der Wiederkehr des Leidens ist allein durch Anfgeben der gesundheitsschädlichen Beschäftigung zu erreichen. Kunze. Hüttenkunde, s. u. Hüttenwerke n. Eisenhüttenkunde. Hüttenmännische Grwinnungdes Ersens, so v. w. Gewinnung bes Eisens, s. n. Eisen S. 1 l 2 . 518 Hüttenreise — Hutungsgerechtigkeit. Hüttenreise (Hüttenk.), bezeichnet eine nicht unterbrochene Betriebsperiode der Eisen- u. anderen Hohöfen. Sie dauert so lange, als die Beschaf- fenheit des OfenS es zuläßt. Hüttenwerke, 1) im Allgemeinen die zur Darstellung der nutzbaren Metalle u. vieler and. Stoffe z. B. Glas, Alaun, Theer, Ruß aus den sie enthaltenden Rohmaterialien u. Erzen bestimmten Anlagen u. Baulichkeiten; nach ihrer verschiedenen Bestimmung gibt es Eisen-, Messing-, Blei-, Silber-, Gift-, Schmelzhütten, Puddelhütten, Frischhütten, Glashütten, Ziegelhütten, Rußhlltten u. s. w.; 3) im Besonderen vorzüglich die Schmelzhütten zur Metallgewinnung. In der Ausscheidung der Metalle oder Hüttenprodukte aus den Erzen besteht deren Verhüttung od. Zugutemachen. Die H. müssen z. Theil möglichst nahe an den Bergwerken u. zugleich am nöthigen Feuerungsmaterial (Forsten, Kohlengruben) u. auch an fließendem Wasser liegen, welches nothigen Falls durch Hüttenteiche zu verstärken ist; auch müssen sie möglichst trockenen Boden haben. Früher gehörten die Hüttenwerke einzelnen Besitzern od. mehreren Theilhabern (Gewerken), neuerdings sind sie meist in den Händen von Aktiengesellschaften. Der Staat betrieb in manchen Ländern die Hütten allein, besonders wenn die edeln u nicht edeln Metalle Regal waren, und ließ die Anstalten durch Hüttenämter verwalten. In dieser Einrichtung ahmten auch einzelne Großgrundbesitzer dem Staate nach und unterhielten eine große Anzahl von Hüttenbeamten (früher Hüttenbedienten). Die technischen Beamten waren die Hüttenmeister; als technische Unterbeamte u. Aufseher fungirten Hüttensteiger, Hüttenvögte, Platzmeister, Kohlenmesser, Eisenprobirer u. Werkmeister aller Art. Die Beamten der Verwaltung hießen Hüttenfacto- ren, sofern sie sich mit der Verwaltung der Materialien u. Produkte, sowie der Kasse abgaben. Eine Zwischeurolle spielten die Hüttenschreiber, früher zum Anschreiben der geschehenen oder gelieferten Arbeit benutzt, später als technische Unterbe- amte den Hüttenmeistern zur Seite gegeben. Bei den großen Hüttenverwaltungen gab es eine Menge von Hüttenaspiranten, die den Dienst erlernen wollten, praktisch arbeiteten u. auch im Büreau thätig waren. Der Staat gab besondere Vorschriften heraus zur Ausbildung von Hütte n z ö g l i n g e n, die nach Ablegung eines praktischen Examens zu H.-Exspectanten ernannt, auf die Universität od. eine Akademie gesandt u. nach Absolvirung eines wissenschaftlich-technischen Examens zu Hütteneleven od.-candidaten ernannt wurden. Als Hüttengehilfen u. Hüt- tenadjuncten kamen sie dann in den wirklichen Dienst. Hütten-Jngenieure werden im allgemeinen alle genannt, die eine gewisse technisch- wissenschaftliche Ausbildung erlangt haben u. ans Hüttenwerken beschäftigt werden. Einzelne Schulen z. B. die meisten Bergakademien, dann die polytechnischen Schulen (z. Aachen u.a. a. O.) ertheilen Diplome als Hütteningenieure auf Grund vollendeter vorgcschriebener Studien u. Arbeiten. Alle beim Hüttenbctriebe nöthige Wissenschaften, als Mineralogie, Chemie, Physik, Mechanik, so wie die Kenntniß der einzelnen Werkzeuge Maschinen, Verfahrungsarten u. der zweckmäßig." sten Anlegung der H. machen die Hüttenkunde od. Metallurgie aus, welche ein Theil der Bergwerkswissenschaft ist. Die Hüttenprocesse zerfallen also in solche auf trockenem Wege (Rösten, Schmelzen, Sublimiren rc.) u. in solche auf nassem Wege (Fällung aus Auflösungen Amalgamiren rc.). Vgl. Eisen III, Hochofen rc! Literatur außer der unter Eisenhüttenkunde ausge! führten: Karsten, System der Metallurgie, Berl. 1831 f.; Werle, Handbuch der Probir- u. Hüttenkunde, Wien 1841 ; Scherer,Lehrbuchder Metallurgie, Braunschw. 1848—53, 3 Bde.; Kerl, Ober, harzer Hüttenprocesse, Klausthal 1852; Rani- melsberg, Lehrbuch der chemischen Metallurgie, Berl. 1850; Kerl, Grundriß der Hüttenkunde Leipz. 1870—74. Dürre. Hutter, Leonhard, lutherischer Dogmatiker, geb. Jan. 1563 zu Nellingen bei Ulm, wurde 1 SS 1 in Jena Privatdocent, 1596 Professor in Wittenberg u. st. hier 23. Oct. 1616. Sein auf Befehl des Kurfürsten Christian verfaßtes Oompenäium 1»«,- rnm tiieoioZiooruin, Wittenb, 1610 u. ö., wurde statt der l!c>oi Melanchthons in den Schulen eingeführt u. mehrfach übersetzt u. bearbeitet, neuestens als Urtttsrns reäivivus v. Hase, U. Ausl., Leipz. 1868. Das Compendium führte er weiter aus in den stoei oommunss tksolog., Wittenb. 1619, Fol., u. ö. Gegen den Übertritt des Joh. Sigmund von Brandenburg zur resor- mirten Confession schrieb er Oalvinisbs. anlico- politüous, Wittenb. 1609—14, 2 Thle., gegen Hospinians Oonooräia älaoors die Ooueoiäis oonoois sivs äs oriZios st proAisssu kornnüss sonoorälLs seolssiarum LuA. sonst, ebd. 1814, neu hsgg. v. Twesten, 2. A., Berl. 1863. Löffler.' Hutton, James, engl. Geolog, geb. 8. Juni 1726 zu Edinburg, studirte Medicrn, widmete sich aber als wohlhabender Privatmann vorwiegend der Geologie, wies zuerst nach. Laß eine Anzahl Gesteine feuerflüssig aus der Tiefe der Erde emporgedrungen seien. Seine Mioorz- ok ttrs sartb, Edinburg 1796, 2 Bd., konnte der herrschenden neptunistischen Theorie Werners noch kein Ende machen, bereitete aber die Bahn vor für L. v. Buch u. A. v. Humboldt, wozu namentlich klazckair mi! Kxpkivstion ok tds stkuttonian tlisor^, 1802 u.A. wesentlich beitrugen. H. st. 26. März 1797 zu Edinburg. Außerdem schr. er: Oonxiäorations on ttts nature, gualitx anä äiktrustions ok oo»I anä euiw, 1777; Hiss, on vitksrsnt sudzsots in nat. xdilosoxttz-, Edinb. 1792; kdilos. ot ligöt, ttoat anä üre, ebd. 1794. r. Hutungsgerechtigkcit (Weidegerechtigkeit, Hut- und Weidegerechtigkeit, Hut- und Tristrecht, Lsrvitrw pnsosnäi), die dingliche Servitut, vermöge deren dem Besitzer eines Grundstücks daS Recht zusteht, sein Vieh auf dem Grundstück eines Anderen weiden zu lassen. Sie schließt den Eigen- thümer des dienenden Grundstückes, insofern dies nicht ausdrücklich bestimmt, nicht von der Mitbe- Nutzung des Weiderechts (Mithut, Ins oomxss- ssnäi) aus u. hindert überhaupt den Eigenthümer des dienenden Grundstückes nicht, dieses in jeder mit der Ser i...iausübung vereinbarten Art zu be> ! 519 Huxley — nutzen. Mil welchen Vieharten, mit wie viel Stück Vieh u. zu welchen Zeiten das H. ansgeübt werden darf, bestimmt sich nach den besonderen Festsetzungen im einzelnen Fall. Unter der H. ist das Mastrecht, d. i. das Recht, das Vieh, befand, die Schweine, zur Mast in die Wälder zu schicken, nicht mit begriffen. Was überhaupt die Ausübung der H. in Waldungen anlangt, so darf dadurch der Eigenthümer an forstmäßiger Cultur des Holzes nicht gehindert, es darf aber auch der Weideberechtigte nicht durch übermäßige Hegung oder Schonung an der Ausübung der H. beeinträchtigt werden. Unterschieden wird Stoppelhlltung von Brach- od. Dreischhlltung. Die erstere findet statt, wenn die Sommer- u. Winterfrüchte vom Felde eingeerntet sind. Ist die Stoppelhütung ohne Beschränkung eingeführt, so kann der Feldeigenthümer sein Feld'umackern, wann er will. Doch finden da häufig noch besondere Bestimmungen statt. Wer diese Gerechtigkeit besitzt, darf darum nicht sein Vieh auch in die Brachfelder treiben; wer dagegen die Gerechtigkeit zur Brachfelderhütung hat, kann mehrentheils rücksichtlich des Besömmerns der Brache und sonst mehrfache Einschränkungen des Eigenthums in Anspruch nehmen. Nach diesem Allen läßt sich der Unterschied zwischen beschränkter u. unbeschräukterH.leichtfinden. Derausschließlichen H., d. i. der, welche nur dem einen herrschenden Grundstück, selbst mit Ausschluß des Eigenthümers des Grundstücks zusteht, ist die Koppelhutungs- gerechligkeit (Koppelhut) entgegengesetzt, d. i. diejenige, welche von Mehreren zugleich auf denselben Grundstücken ausgeübt wird. Dies ist der Fall, wenn Jemand auf seinem Grundstücke mit einem Dritten das Weiderecht anszuüben hat (Mithut), wenn Jemand auf einem fremden Gute mit dessen Eigenthümer oder mit Anderen die H. hat (ins comxasoni), wenn Jemand auf einem solchen fremden Grundstücke die H. znsteht, dessen Eigen- lhümer wiederum aus dem Grundstücke des Weideberechtigten die H. hat (äug ooinpasoulatiouis rsoiproonm), endlich wenn ein Gemeindeglied mit anderen Gemeindegliedern die Grundstücke der Gemeinde od. die ganze Dorfflur od. auch Grundstücke eines Dritten, z. B. einer benachbarten Dorsflur, behüten darf (Ins oompasoulatiouis im strengen Sinne). Unter Mehreren, welche die Koppelhut haben, steht zuweilen Einem, befand, aber oft dem Eigenthümer des dienenden Grundstücks, welcher dre Mithut hat, auch die Vorhut zu, d. i. das Recht, binnen einer bestimmten Zeit das, der gemeinschaftlichen Hütnng unterworfene Grundstück vor den Anderen voraus zu behüten. Die Anderen haben die Nachhut. Die H. schließt die Triftgerechtigkeit in sich, da sie ohne diese nicht bestehen kann. Über die Ablösung der, einer rationellen Cultur der Ländereien oft sehr nachtheiligen Hutungsgerechtigkeiten, vergl. Ablösung der Grundlasten u. Dienste. Grot-f-nd." Huxley, Thomas Henry, berühmter engl. Naturforscher, geb. 4. Mai 1825 bei London, widmete sich anfangs der Medicin; eine Reise mit Kapt. Owen Stanley in die Gewässer im Norden n. Osten Australiens (1848—50) war von entscheidender Bedeutung für ihn, indem er sich nun vollständig der Zoologie widmete. Schon Huyghens. einige Abhandlungen aus dieser Zeit (Anatomie und Verwandtschaftsverhältnisse der Medusen in Dransaot. R. 8oo., u. a. in den kroossck. Innn. 8oo.) begründeten seinen Ruf; Las Hauptergebniß dieser Reiseforschungen war aber sein großes und berühmtes Werk: On bllo osoanioH^ärorwa, (1859). Er wurde 1855 Professor der Physiologie an der R. Institution u. der Zoologie an der k. Bergschule zu London, 1862 Professor der vergleichenden Anatomie u. Physiologie an dem L. OollvAs ok 8urAsons. In dieser Zeit seiner Professorschaft wandte sich H. immer mehr dem Studium der Wirbelthiere u. namentlich auch des Menschen zu. Aus dieser Zeit stammt eine lange Reihe berühmter Werke, besonders: lstvicksnos as to maus xlaos in natnrs (3. A., Land. 1864, deutsch, Über die Stellung des Menschen in der Natur, von Carus, Brschw. 1863); Nsmsntar/ alias ok eornparat. ostsoioAz-, Lond. 1864; Iwotnrss on oompar. ana- toin/, ebd. 1864; I-ossons in slsrnsntar^ pirMo- ioAzs, ebd. 1866, 6. A. 1872, deutsch von Rosenthal, Leipz. 1871; kalasoutolaAia inäioa, Lond. 1866; Amatoinz? ok vsrtebr. anlmals, ebd. 1871, deutsch von Ratzel, Bresl. 1873; I,a^ ssrmons, aäckrossss sto., ebd. 1872, 2. A.; Oritignss anä aäärsssss, ebd. 1873. r. Huy, Stadt u. Hauptort im gleichnam. Arr. der belg. Prov. Lüttich, am Einflüsse des Hoyoux in die Maas. Station der NBelg. u. der Hesbaye- Condroz Eisenbahn; schöne gothische Collegiatkirche (von 1311), Gymnasium, Fabrikation von Papier, Eisenblech, Zink, Fayencerc., Eisengießerei,Bräunt- weinbrennerei, Kornmühlen, Getreidehandel; Cita- dclle (1822 erbaut); in einer der Vorstädte stand die von Peter von Amiens gestiftete Abtei Neuf- Moustier, deren Prior er bis zu seinem Tode war, u. worin er auch begraben wurde; (1866) 11,055 Ew. In der Nähe Steinkohlen-, Eisen- u. Zinkgruben u. Eisenhämmer. H. gehörte früher zum Bisthum Lüttich, wurde aber 1595 dui ch Heraugieres für die Generalstaaten erobert. 1675 wurde es von den Franzosen, 1693 vom Marschall vom Luxemburg u. 1702 von den Holländern erobert, Idie ein Besatzungsrecht dort prätendirten. Als der Kaiser dagegen protestirte, schleiften sie 1718 die kaum vollendeten Werke u. gaben die Stadt zurück. H. Berns. Huydecoper, Balthasar, holländ. Sprach- gelchrter u. Dichter, geb. 1695 in Amsterdam, starb als Altschöffe daselbst 21. Sspt. 1778. Er schr.: Bemerkungen über Ovids Metamorphosen, übersetzt von Vondel, n. Ausg,, Amsterdam 1730, 4 Bde., und Über die alte gereimte Chronik des Melis Stocke aus dem 13. Jahrhundert, Leyden 1772, 3 Bde.; außerdem Metrische Übersetzung der Horazischen Satiren, Amsterdam 1726; 5 Trauerspiele und Gedichte, Amsterdam 1788 (nach seinem Tode). W-nz-lburger." Huyghens (Hugenius), Christian, Sohn des Konstantin H., der als Dichter und Rath des Prinzen von Oranien bekannt, 1637 st.; berühmter Mathematiker u. Physiker, geb. 14. April 1629 im Haag, studirte seit 1645 in Leyden die Rechte u. Mathematik, begleitete 1649 den Grafen von Nassau nach Dänemark, lebte seit 1655 in Frankreich, war von 1666 an Mitglied der Pariser 520 Huysman — Akademie bis zur Aufhebung des EdictS von Nantes 1681 , wo er in seine Vaterstadt zurückkehrte u. als Privatmann lebte u. 8. Juni 1695 starb. Er erfand die Anwendung des Pendels an der Uhr (1657), sowie die Evolution u. Cycloide, ergründete u. vervollkommnete die Gesetze der Mittheilung der Bewegung durch Stoß, die Theorie der Schwungbewegung u. die Gesetze der Centralkräfte, verbesserte die Teleskope u. Mikroskope u. beschäftigte sich selbst ausdauernd mit dem Schleifen u. Poliren der Linsen; entdeckte den ersten SaturnS- mond 1655 u. den Satnrnsring, die Achsendrehung des Mars, ferner entdeckte er 1690 die Doppelbrechung des Kalkspaths u. die Polarisation des Lichtes durch Refraction u. stellte die Undulationstheorie des Lichtes auf. Opera, herausgeg. von Gravesande, Leyd. 1724; Opera rsllgua, 2 Bde., Amsterdam 1728. *. Huysma«, s. Agricola 2). Huysum, niederländ. Malerfamilie, 1) Jan van H., geb. 1682 in Amsterdam, st. in Amsterdam 1749; Sohn eines Malers; einer der besten Blumen-, Frucht- und Landschaftmaler des 18. Jahrh., wurde später häuslichen Unglücks halber trübsinnig. In seinen Landschaften ist er ganz Idealist. In Len Galerien von Dresden, München, Petersburg und Wien sind zahlreiche Werke von ihm. 2) Jakob van H., Bruder des Vor., st. 1740 in London, lieferte Copien von Werken seines Bruders rc. Regnet. Hui)Wald, bewaldeter Vorberg des Harzes, westlich von Schwanebeck im Kreise Oschersleben des preuß. Regbez. Magdeburg; am nördl. Abhange in 308 m Meereshähe das vormalige reiche Benedictinermönchskloster, jetzt königliche Domäne Huysburg. Huzulen, s. Huculen. Huzvaresch(Pehlewi), f. u.Jranische Sprachen. Hvalö, Insel an der Küste des norweg. Amtes Finnmarken, nur durch einen schmalen Kanal, in welchem die Insel Tromsö mit der gleichnam. schnell ausblühenden Stadt liegt, vom Festlande getrennt. Hvalöer, drei Inseln im Kattegat, am Eingänge des Christianiafjords, zum norweg. Amt Smaalenene gehörig; mit Fischerei, Schifffahrt u. Seebädern. Hven, Insel im Sunde, zum schwed. Malmö Län gehörend, die vormals zu Seeland gehörte u. 1653 im Frieden zu Rothschild an Schweden abgetreten wurde. Hier lebte Tycho de Brahe, der vom König Friedrich II. von Dänemark mit dieser Insel belehnt wurde, u. der hier das Schloß Uranienburg erbaute u. eine unterirdische Sternwarte (Stjerneborg) einrichtete, von der aber nur noch einige Mauerreste vorhanden sind. Hyacinth, s. u. Zirkon. Hyacinth (Jakint), der Klostername des be- rühmten russischen Sinologen Bitschurin, der (geb. 1778, gest. 23. Mai 1853) als Vorsteher der russischen Mission in China sich durch gründliche Forschungen über die dortigen geographischen u. ethno- graphischen Verhältnisse bekannt gemacht hat. Von seinen Schriften sind hervorzuheben: Denkwürdigkeiten über die Mongolei, deutsch Berlin 1832; Beschreibung der Dsungarei und des östl. ! - H^aointlnis. Turkestan, 2 Bde., Petersb. 1829; Beschreib»«, von Tibet, Petersb. 1828; Geschichte von Tibet, 2 Bde., Petersb. 1833; China, seine Einwohner ebd. 1840; Geschichte der Mandschu bis zu ihrem Eintritt in China, ebd. 1842. TlMrm-mn. Hyacinthe, ursprünglich Charles Loyson, gewöhnlich genannt Pater Hyacinth, franziis. ausgezeichneter Kanzelredner, geb. 10. März 1827 in Orleans, studirte an der Akademie zu Pan, trat mit 18 Jahren in das Collegium Saint- Sulpice ein, wurde 1851 zum Priester geweiht, lehrte hierauf im Seminar von Avignon Philosophie, seit 1854 in dem zu Nantes Theologie u. war dann Seelsorger an der Pfarre St.-Sulpice in Paris. Einen besonderen Ruf zum Predigen fühlend, trat er 1859 in Lyon in den Karmeliter- orden, machte ein zweijähriges Noviziat durch u. predigte hierauf im Advent 1863 in Bordeaux, in den Fasten 1864 in Perigueux, ging 1865 nach Paris, wo seine Predigten an der Kirche Notre- Dame im Advent von einem außerordentlichen Erfolge begleitet waren. Im Juni 1869 hielt er in einer feierlichen Sitzung der I-igus mtsr- nationals äs Is, paix einen Vortrag, in welchem er mit einer weitgehenden Toleranz auftrat. Darüber vom Ordensgeneral der Karmeliter in Rom aufgefordert, seine Sprache zu ändern oder zu schweigen, schrieb er 20. September 186S seinen berühmten Brief nach Rom, worin er seinen Bruch mit dem Orden aussprach. Hierauf excommunicirt ging er nach Amerika. Obwol dort von den Nichtkatholiken mit Auszeichnung empfangen, bestand er auf seinem katholischen Glaubensbekenntnisse u. kehrte bald wieder nach Europa zurück, um sich entschieden gegen das vatikanische Concil u. das Unsehlbarkeitsdogma auszusprechen; er trat nun auch mit Döllinger i« Verbindung, war Sept. 1871 auf dem Altkatho- likencongreß in München, heirathete Sept. 1872 in London eine von ihm zur katholischen Kirche bekehrte Amerikanerin, ließ sich 1873 in Genf als altkatholischer Geistlicher nieder, trat aber schon 1874 von der ihm dort zu weitgehenden altkatholischen Bewegung zurück. In neuester Zeit wurde er wegen Veröffentlichung einer ihm von Monta- lembert anvertrauten Schrift: Spanien und die Freiheit, von dessen Erben verklagt u. zur Einstellung der Veröffentlichung verurtheilt. April 1877 hielt er zu Paris Aufsehen erregende Vorträge über Moral nachdem ihm nicht gestattet worden, religiöse Fragen öffentlich zu behandeln. Lag«. S. Hyacinthe, Stadt und Eisenbahnstation am Damasca, Prov. Quebec, Canada, 3746 Ew. ii^aointdusT,., Hyacinthe, Pflanzengattung ander Fam.l-iliaeoas-ü.8pdoäs1s1as (VI. 1) mit sechS- zähniger krug- od. trichterförmiger, unten oft bauchiger Blüthenhülle; Staubblätter sechs, in der Röhre befestigt; Fruchtknoten meist mit drei Honiggrübchen u. stumpf dreilappiger od. dreieckiger Narbe; Kapsel dreifächerig mit wenigen kugeligen Samen. Arten: H. orisntaUs T,. (gemeine oder orientalische Hyacinthe), mit aufrechten, fein gestreiften Blättern und trichterförmigen, unten bauchigen großen Blüthen; wild im Orient, der Berberei m. dem südlichen Frankreich, seit Langem in den ! mannigfaltigsten Farbenvarietäten, einfach u. ge- 521 Hyadeii - füllt cultivirt. 8. »mstk^stüms L., Blume glockenförmig, an der Basis cylindrisch, Blätter schmal, linealkeilförmig, auf der Erde niederliegend; in den Pyrenäen, Frankreich, Italien u. Croatieu. Die Cultur der H. ist sehr alt u. seit der Mitte des vorigen Jahrh. in Holland zur größten Vollkommenheit u. Ausdehnung gediehen. Bis Ende des vorigen Jahrh. hatte man nur einfache H->en; die wenigen gefüllten wurden nicht geachtet, bis Pet.Voorhelm in Haarlem auch diese vervollkomm- nete u. in Aufnahme brachte. Die H-en-Liebhabsrei war so groß, daß einzelne Zwiebeln von schönen seltenen Sorten mit 500 bis 1000 fl. bezahlt wurden; jetzt wird dafür nur selten ein Preis bis SO fl. erzielt, gewöhnlich schwankt er bei Zwiebeln mit Namen per Stück zwischen H u. einem ganzen Gulden, im Rummel die 100 St. von 10—15 fl. Noch immer sind die holländischen H., welche bes. zwischen Haarlem, Alkmaar u. Leyden in dem dortigen leichten angeschwemmten Boden auf großen Flächen gezogen werden, die berühmtesten; jedoch ist seit einer Reihe von Jahren die H-en-Cultur auch bei Berlin eingeführt u. zu großer Vollkommenheit u. Ausdehnung gelangt. Man hat die H-en einfach u. gefüllt in allen Schattirungen von Roth, Blau, Violet, Hellgelb bis zum reinsten Weiß, Zum Gedeihen der H. ist ein fetter, tiefgründiger, lockerer Sandboden unerläßlich, welcher oft gedüngt werden muß, doch so, daß die Zwiebeln 10 em über dem Dünger liegen und selbst 8—12 «m hoch mit Erde bedeckt sind; werthvolle Zwiebeln werden einzeln mit reinem Sande umgeben. Man pflanzt die Zwiebeln im Oct., bedeckt im Winter die Beete mit Laub, Gerberlohe u. dergl. gegen den Frost. Ende April Pflegt die 3—5 Wochen andauernde Blüthezeit einzutreten, während welcher dann die einzelnen Pflanzen an Stäbe angebunden u. bei trockenem Wetter vorsichtig begossen werden müssen; nach der Blüthe bedürfen die Zwiebeln zu ihrer guten Entwickelung einer gleichmäßigen, mittleren Feuchtigkeit. Die nach dem Welken herausgenommenen Zwiebeln werden auf Brettern an einem luftigen Orte getrocknet, dann trocken aufbewahrt u. mehrmals nmgewendet. Die kleinen seitlichen Brutzwiebeln werden vorzugsweise zur Vermehrung benutzt. Samen verwendet man nur zur Gewinnung neuer Sorten. Die ausgewachsenen Zwiebeln erreichen in gutem Boden ein Alter von 8—8 Jahren. Vielfach werden die H-en zur Frühtreiberei benutzt, deren Gelingen vorzüglich von der richtigen Sortenwahl abhängt, die einfachen sind im Allgemeinen früher u. dafür geeigneter, als die gefüllten; als früheste Sorten sind u. A, zu empfehlen: Die einfachen rothen Homsrns, Geliert, Lämablo rossbbo, Görres; die blauen LnMns, Graf von Büren, l?ami ckn oonr, Schiller; die weißen Irlompsts, Nonäivs, kromisr noble, Llanolmrä, I-a zoll blanebs, so wie die gefüllte rothe Longnsb tsnckrs, die blauen Im bien aimss u. A. la moäs n. die weiße In tour ä'Luvsrgns; die gelben Sorten sind alle spät. Zum Treiben werden die H-en im Aug. u. Sept. in is om weite Blumentöpfe in fruchtbare, lockere, mit Sand vermischte Erde so tief eingesetzt, daß sie eben mit Erde bedeckt sind, u. die Töpfe bis zum Beginn des Treibens 30 om tief im Freien - Hyalith. vollständig in den Boden eingegraben od. in den Keller gestellt; nach etwa 2 Monaten nimmt man sie heraus und stellt sie in einen dunkeln, frostfreien Keller, aus welchem man dann von Ende Novbr. an zuerst die bereits etwas getriebenen Zwiebeln in ein warmes Zimmer bringt, wo sie anfangs dunkel gehalten, mit einem Blumentöpfe od. einer Papierdüte bedeckt werden, damit die Blüthen- stengel in die Höhe wachsen, u. später ans Fenster gestellt u. stets gut feucht gehalten werden. Gut ausgebildete Zwiebeln der H. lassen sich auch auf Wasser in oben etwas verengten H.-Gläsern treiben, welche so weit mit weichem Wasser, dem zur besseren Haltbarkeit auch etwas doppelkohleu- saures Natron zugesetzt werden kann, gefüllt werden, daß dieses eben den Boden der Zwiebel erreicht; man stellt sie anfangs etwas dunkel, später an ein sonniges Fenster u. ersetzt das aufgezehrte oder etwa faul gewordene Wasser vorsichtig durch frisches, ein wenig erwärmtes Wasser. Am besten gelingt dieH-enTreiberei, wenn die Töpfe anfangs in mäßig warmen Beeten in den Gewächshäusern od. in dazu vorgerichteten Kasten über dem Stnbenofen in Gerberlohe oder Moos eingesenkt werden können; will man sie jedoch erst im März od. April in Blüthe haben, so ist dieses nicht erforderlich. Die getrockneten Zwiebeln kann man daun im nächsten Herbste ins freie Land pflanzen, wo sie aber keine vollkommenen Blüthen zu entwickeln Pflegen; zumTreiben sind sie selten,höchstens nach einigenJahren, wieder geeignet. Engler. Wolde. Hyaden, 1) d. h. die Regnenden, Nymphen, Töchter des Atlas (od. des Erechtheus, Kadmos, Okeanos, Hyas) u. der Böotia od. Pleione zu 3, 5 od. 7 angegeben; sie erzogen am Berge Nysa (daher Nysaiische Nymphen) den Dionysos u. in Dodona (daher Dodonäische Nymphen) den Zeus. Bei der Verfolgung des schwärmenden Dionysos durch den Thrakerkönig Lynkeus oder nach späterer Erzählung wegen ihres Grams über ihren auf der Jagd getödteten Bruder Hyas wurden sie unter die Sterne versetzt. Sie dienten den Schiffen als Leitsterne und werden meist mit den Ple- jaden verschmolzen. 2 ) (Ferkel, Astron.) Sterne am Kopfe des Stiers, bilden die Figur eines 7^, enthalten einen Stern erster Größe, Aldebaran, 4 dritter Größe,'worunter 2 Doppelsterne. Ihr Aufgang mit der Sonne sollte Regen verkünden. Hyakinthos, Nationalheros zu Amyklä in La- konika, Sohn der Diomede u. des Königs Amy- klas, wegen seiner Schönheit von Apollo n. Ze- phyros geliebt. Apollo warf einst Diskos mit ihm; Zephyros lenkte aus Eifersucht den Diskos des Apollo so, daß derselbe den H. traf u. ihn tödtete. Eine Blume (der Rittersporn, n. And. die Schwertlilie, vielleicht die Hyacinthe) entsproßte seinem Blute, worauf Apollos Klagelante -»'/ standen. Ihm u. dem Apollo wurden die Hyakinthia zu Amyklä im Monat Hekatombäon 3 Tage gefeiert, n. zwar am ersten Tage Todtenopfer in Trauer gebracht, an den beiden folgenden fröhliche Festzüge u. Wettspiele angestellt; die Spartaner luden dabei ihre Knechte zu Tische. Hyalith, Mineral, Varietät des Opals, ist farblos u. durchsichtig, stark glasglänzend u. findet sich in kleintraubigen od. nierenförmigen Massen, oft 522 Hyalitglas als Überzug, zu Walsch in Böhmen u. am Kaiserpuhl im Breisgau. Hyalitglas, dunkle Glasmasse, zu Kunstgegenständen gebraucht. Hyalitslajchen sind dunkle Glasflaschen, in welchen des. böhm. Mineralwasser verschickt werden. Hyalographie (v. Gr.), ein von Hann in Warschau entdecktes u. von Billiger, Bromeis u. Auer vervollkommnetes Verfahren, Zeichnungen auf Glasplatten so einzuätzen, daß sich dieselben zum Drucke eignen. Das Verfahren besteht im Wesentlichen darin, daß auf die, mit einem aus Asphalt, Wallrath oder Terpentinöl bestehenden Überzug versehenen Glasplatten die Zeichnung ra- Lirt wird, worauf die Platten mit einem Wachsrande od. mit in Wachs getauchten Holzleisten umgeben und mit wässeriger Flußsäure oder Fluor- ammonium übergossen werden, die man so lange einwirken läßt, bis die feinsten Striche eine hinreichende Tiefe haben. Die Säure wird sodann abgegossen u. die Platte mit Wasser abgewaschen und getrocknet. Die hinreichend geätzteil Stellen werden mit Ätzgrund bedeckt; aus die noch tiefer zu ätzenden Stellen läßt man von Neuem Fluorwasserstoffsäure einwirken u. s. w. Die geätzte Platte wird durch Terpentinöl von dem Deckgrunde befreit u. dann auf eine etwas größere, abgeschliffene, hölzerne od. gußeiserne Platte mit Gips u. Leim oder Pech u. Bolus gekittet. Die Flußsäure unterfrißt jedoch leicht den Ätzgrund; dagegen werden die Platten selbst sehr rein u. zart wiedergegeben. Die Abdrücke leiden indessen an Starrheit, weshalb sich die Methode mehr für Landkarten u. Banknoten als für Kunstdruck eignet. Jungck. Hyalotypie, s. Graphische Künste 28). Hyalosiderit, braune, sehr eisenreiche Varietät des Chrysoliths; am Kaiserstnhl im Breisgau. Hyänen, Hz-aeniän WsirA-r., Fam. der Raub- thiere, in Afrika u. SWAsien wohnend, mit nach hinten abschüssigem Rücken, kräftigem Körper, dickem Kopf, stumpfer Schnauze, hohlen Augen u. aufrechten Ohren. Der starke Hals und der ganze Rücken trägt eine buschige Mähne. Schwanz kurz, buschig behaart. Zehengänger mit 4zehigen Hinterfüßen. Aaßsreffer mit kräftigem Gebiß; überfallen größere Thiere, wie Ziegen, Schafe, Esel; graben Höhlen. Gattung Üzmouu Backenzähne alle Füße 4zehig; Neißzahn entwickelt; Haarkleid langhaarig, Mähne ausrichtbar. Arten: 2. striata gestreift, 90 cm laug, hellgrau, dunkel quergestreift. NAfrika u. SAsien. Besucht die Kirchhöfe, um die Leichen auszuscharren. 2. eioeuta^rinm., gef leckte Hyäne, an den Seiten und an den Schenkeln Fleckenzeichnung. Capgegend, Abessinien, auch im Gebirge. 2. brun- noa T/rnirb., Strandwolf, dunkelbraun mit helleren Querbinden an den Beinen. Küstenregion in der Capgegend. Fossil im Diluvium. 2. spe- lasa Svkck/i, Höhlen-Hyäne. Der Hyänenhund (I^oaou pietus) in SAsrika, bildet Len Uebergang zu den Hunden. Auch die Gattung krotolss (s. Erdwolf) wird hierher gerechnet. Farwick. Hyautes (a. Geogr.), rohes Volk in Böotien; Lann, von Kadinos von hier vertrieben, in Pho- kis, wo sie Hyampolis gründeten. Hyarotis (Hydraotes), bei den elastischen Geo- — Hydra. graphen Name des altindischen Flusses Jravati im Pendschab, jetzt Rawi (s. d.). Hybla (a. Geogr.), 1) (ll. major) Stadt auf Sicilien, am südlichen Abhang des Ätna und am Symäthos; ein alter Ort der Siculer, wo die Göttin Hybläa verehrt wurde, deren Priester Traum- u. Zeichendeuter waren. 2) 2. Lle§ara (Megaris), Stadt an der OKüste von Sicilien, nördl. von Syrakus; es wurde 729 v. Chr. von Doriern aus Megara bevölkert u. gehörte später zu Syrakus; es war eine Festung u. wurde von den Römern im zweiten Punischen Kriege erobert u. zerstört. Hier der berühmteHybläische Honig. Hybrid (v. Lat., Bot.), durch Kreuzung erzeugt; Abstammung von verschiedenen Stämmen oder Arten; daher ?Ianta jrzbriäa, Baflardpflanze. 2z-i>riäitas, Bastarderzeugung. H. hat auch die Bedeutung unecht. ti>briäa, s. 2ibrickn 2). Hydaspes, bei den classischenGeographen Name des indischen Flusses Behüt od. Dschilam (s. d.>. Hydatide, s.v.w.Blaseuwurm; s. Bandwürmer. Hyde, County im nordamer. UnionsstaateNord- Carolina, u. 35" n. Br. u. 76" w. L.; 6445 Ew.; Countysitz: Swan Quarter. Hyde, Fabrikort in der englischen Grafschaft ^ Chester, Eisenbahnstation, 8 kn nordöstl. von Stockport; Baumwollenfabriken, Steinkohlengru- ben; 14,223 Ew. Hyde, s. Clarendon 1). Hydepark, 1) s. London. 2) Postort im Luzerne County des nordamer. Unionsstaates Penn- sylvanien am Lackawanna River, Eisenbahnverbind- ung; Eisenindustrie, Steinkohlenlager; 4500 Ew. Hyderabad, s. Haidarabad. Hyder Ali, s. Haider Ali. Hydernuggur, s. Nagara. YMum D., Pilzgattung aus der Fam. der Ls- 8 iäiomz- 08 to 8 - 2 z-monom 70 ötss- 2 /änsi, auf der Erde u. Holz lebende, fleischige, zum Theil genießbare Pilze, mit und ohne Stiel, mit stacheligem Fruchtlager auf der Unterseite von der Substanz > des Hutes. In Deutschland etwa 50 Arten. Wichtig: 2. Liinuosus Lnkk., mit vielfach getheiltem Stiel u. Hut u. herabhängenden Stacheln, herzförmigem, weißem, gelblichem, oberhalb zaserig zerschlitztem Hut, in Spalten und Höhlen alter, faulender Laubbäume. 2. ooraäloickss Äop., sehr ästig, mit büschelförmigen Zweigen, an alten Stämmen der Laub- u. Nadelhölzer. 2. rspanckum!>., mit einfachem, in der Mitte gestieltem, nacktem, fleischfarbig-bräunlichen Hut, rn Laub- u. Nadelwäldern. 2. ündrionbum L., mit concentrisch- schuppigem, graubraunem Hut, in trockenen Nadelwäldern. Alle 4 Arten eßbar. Engter. Hydor (gr.), Wasser; davon viele Zusammensetzungen. Hydra (gr.), Wasserschlange, ein aus der He- raklessage bekanntes Ungeheuer; dann ein lange? Sternbild, das sich gegen 100 Grade ain Himmel, u. zwar östl. vom Kleinen Hunde bis in die Gegend der Wage, forterstreckt. Wegen dieser unge- ; wöhnlichen Ausdehnung haben neuere Astronomen eine andere Eintheilung eingesührt: H., H. und > Becher, Fortsetzung der H. Ein Stern zweitel Größe, a H. oder Alphard, ist der hellste de? 523 Hydra — ganzen Bildes. Alle übrigen Sterne sind von geringerer Größe, weshalb dieses Sternbild nur sehr wenig ins Auge fällt. Mythologisch gehören die 3 Sternbilder H., Becher u. Rabe zusammen. Die beiden letzten Bilder stehen in einer Windung der H. Specht. Hydra (im Alterthum Hydrea), 1) Insel im Ägäischen Meer, nordöstl. von Morea, zur Nom- archie Argolis u. Korinth gehörig, 55 H>km groß. Die Insel ist felsig, hat ein düsteres Aussehen u. meist steile Küsten; der nicht fruchtbare Boden bringt etwas Getreide, Mandeln n. Früchte hervor. Die früher weit beträchtlichere Bevölkerung ist auf etwa 8000 Köpfe herabgesunken. Die Hydrioten sind indnstriös, thätig, ausgezeichnete Seeleute u. treiben nicht unbedeutenden Handel. — H. war von jeher ein unfruchtbares Felseneiland, nur von einzelnen Schiffern bewohnt. Erst im 15. Jahrh. ließen sich einzelne der Türkenherrschaft entfliehende albanesische Familien auf H. nieder, u. auch 1770, nach dem Russisch-türkischen Kriege, wanderten Griechen aus Morea dorthin aus. Die Hydrioten trieben Schifffahrt u. Handel mit großem Geschick u. dem glücklichsten Erfolge. Ihre Handelsmarine war längere Zeit vor 1821, um welche Zeit die Einwohnerzahl angeblich 40—50,000 betrug, eben so ausgezeichnet, als die Gewandtheit u. Kühnheit ihrer Seeleute, u. sie gewannen durch dieselbe bedeutende Reich- thümer. Während des Freiheitskrieges waren es bes. H. n. Spezzia, welche mit Jpsara (Psara), fast allein die Last des Seekrieges gegen die türk. Flotte trugen u. der Sache der Unabhängigkeit die größten Opfer brachten. Durch den Krieg wurde jedoch der Handel u. der Wohlstand der Insel vernichtet, u. sie hat sich von allen Verlusten, wozu noch im Frühjahre 1837 ein mehrere Wochen anhaltendes Erdbeben kam, noch nicht wieder erholen können. 2 ) Hauptort der Insel, in welchem fast deren ganze Bevölkerung lebt; 1870: 7380 Ew. Die Stadt liegt an der WKüste auf einem Felsen, hat enge u. steile, aber reinliche Straßen u. schöne Häuser, einen sehr sicheren Hafen, ist Sitz eines Bischofs, hat viele Kirchen, eine hellenische Schule, Baumwollen- u. Seidenweberei, Gerberei, Seifensiederei, Schiffbau, bes. aber Handel und Schifffahrt. H- Berns. Hydrabad, s. Haidarabad. Hydrämie (v. Gr.), vermehrter Wassergehalt des Blutes; entsteht nach Blutungen, nach verhinderter Wasserausscheidung durch die Nieren u. durch die Haut rc. Meist hat die H. Wassersucht zur Folge. ilvärangga L., Pflanzengattung der Laxrkra- gaesao - ÜxäranMas (X. 2), niedrige Sträucher Nordamerikas, Japans u. Ostindiens, mit gegenständigen Blättern und Trugdolden bildenden Blüthen, von denen die randständigen durch große blumenblattartige, gefärbte Kelchabschnitte ausgezeichnet sind, während die übrigen Theile der Blüthe abortiren. Die vollständigen Blüthen besitzen einen kleinen 5zähnigen Kelch, 5 Blumenblätter, 10 Staubblätter, einen unterständigen Fruchtknoten u. 2 Griffel: Frucht eine 2fächerige Kapsel, welche mit einem Loch zwischen den Griffeln aufspringt, Samen zahlreich, genetzt. Hydrate. Arten: 2. Hortensia SO. (Hortsnsia, op-nloiüss Sam., H ortensie, zu Ehren von Hortense Lepeaute), mit rothen oder blauen sterilen Blüthen und eiförmigen, zugespitzten, gezähnten Blättern; heimisch in China u. Japan, jetzt allgemein beliebte Zierpflanze in Gärten u. Parkanlagen. 8. ar- borssosns S., mit herz-eiförmigen, gezähnten, unterseits etwas behaarten Blättern u. fast durchweg fruchtbaren Blüthen; stammt aus NÄmerika u. wird bei uns in Parkanlagen gepflanzt; namentlich die var. nivsa mit unterseits schneeweißfilzigen Blättern. 8, gnsroikolia Lartram, mit eiförmigen, buchtig-gelappten, unter- seits behaarten Blättern u. einer aus Trugdolden zusammengesetzten Rispe; in Florida heimisch, bei uns auch in Parkanlagen gepflanzt. Engter. Hydraotes, s. Hyarotis. Hydrargillit (Gibbsit), Mineral, monoklin, bildet kleine, scheinbar hexagonale Krystalle, oder- kugelige, radialfaserige, oder körnig schuppige Massen, licht röthlich-weiß oder farblos, perlmutter- ». glasglänzend; Härte 2—3, spec. Gew. 2,^ bis 2,<; durchscheinend; besteht aus Thonerdehydrat (^b>Os8g); Achmatowsk bei Slatoust am Ural, Villa-rica in Brasilien u. Richmond in Virginien. Hydrate, Verbindungen mit Wasser. Nach der älteren chemischen Theorie faßte man zahlreiche Verbindungen als H. auf, in denen man Wasser als näheren Bestandtheil annehmen zu müssen glaubte. So betrachtete man die Basen als H. der Metalloxyde, die Säuren als H. von wasserfreien Säuren (Säureanhydriden) u. schrieb dem entsprechend auch die chemischen Formeln dieser Körper (Kalihydrat SO,SO, Kupseroxydhydrat (MO,SO, Schwefelsäurehydrat SOg,SO rc.). Das Wasser wurde Hydratwasser oder chemisch gebundenes Wasser genannt. Zn dieser Annahme glaubte man sich berechtigt durch die Erfahrung, daß ans vielen Basen beim Erwärmen sich Wasserdampf entwickelt, während ein Metalloxyd zurückbleibt, aber auch umgekehrt durch Zusammenbringen eines wasserfreien Metalloxydes oder einer wasserfreien Säure mit Wasser wieder eine Basis bez. Säure darstellen kann; daß ferner bei der Einwirkung einer Säure auf ein wasserfreies Metalloxyd unter Bildung eines Salzes Wasser abgeschieden wird (LOg,SO-I-OitO—SO„OuO-l-SO). So bequem sich nun auch nach dieser Hypothese viele chemische Processe darstellen lassen, so genügen doch die oben angeführten Thatsachen keineswegs zu ihrer sicheren Begründung. Denn daraus, daß z. B. das Kalihydrat (SO,SO) ans Kali (SO) u. Wasser (SO) entsteht, folgt noch nichr, daß es auch daraus besteht, sondern nur, daß das Molecül SOz S die Bestandtheile eines Mo- lecüls Wasser enthält, ohne daß deßhalb die einzelnen Atome gerade so gruppirt zu sein brauchen, wie es die Formel SO, SO andeutet. Weiter spricht gegen jene Hypothese die durch dieselbe bedingte vollständige Trennung der sog. Wasserstoff- säuren(wie Chlorwasserstoff-, JodwafferstofjsLure rc.) von den übrigen Säuren, mit denen sie doch in vielen BeziehungendiegrößteÄhnlichkeithaben. Dieselben enthalten kein Wasser, geben aber trotzdem beim Zusammenbringen mit wasserfreien Metalloxyden Salze u. Wasser (SO/-s-SO—O/Ss-SO); 524 Hydratwasser hier muß also nothwendig das Wasser erst im Augenblicke der Vereinigung aus den vorhandenen Elementaratomen sich gebildet haben. Die neuere chemische Theorie hat die Annahme von Hydratwasser bei Säuren und Basen gänzlich fallen lassen u. vereinigt die Betrachtung beider Arten von Säuren unter demselben Gesichtspunkte, indem sie den Wasserstoff, der durch Metall ersetzt werden kann, als das allen Säuren Gemeinsame ansieht. Hydratwasser, s. Hydrate. Hydraulik (v. Gr., eigentlich die Lehre von den Wasserorgeln), umfaßt alle Lehren über das Gleichgewicht u. die Bewegung flüssiger Körper. Im engeren Sinne wird die H. oft auch bloß auf Wasser u. überhaupt tropfbare Flüssigkeiten bezogen und namentlich mit Rücksicht auf technische Anwendung behandelt. Eine Hauptaufgabe ist dabei die Bestimmung der Wassermenge in Flüssen u. Kanälen aus deren Profil u. Gefälle. In dieser Beziehung sind zahlreiche Wassermessungen ange- stellt und daraus empirische Formeln entwickelt. Unter den neueren Untersuchungen sind namentlich die sehr eingehenden Bestimmungen von Humphreys u. Abbot am Mississippi (deutsch von Grebenau, Münch. 1867) und die Versuche von Bazin und Darcy (Rsoüsroliss ü^ärauiiguss) wichtig. Auf Grund derselben u. anderer Beobachtungen haben die Ingenieure Ganguillet u. Kutter eine Formel aufgestellt, welche zur Zeit als die beste gilt und die früheren von Eytelwein u. s. f. verdrängt hat (s. Zeitschrift des österr. Ing.- u. Architekten- Vereins, Jahrg. 1869, Heft 1). Vgl. Weisbach, Experimentalhydraulik, Freib. 1855; Grashof, Hydraulik, Lpz. 1875. Gi-sel-r. Hydraulischer Hammer, 1) ein dem Dampf- Hammer ähnlich eingerichteter Hammer, der durch den hydraulischen Druck einer Flüssigkeit (Öl, Wasser) gehoben wird; 2) (Schmiedepresse, Preß- hammer) eine Einrichtung, um Schmiedestücken statt durch Stoß, durch den Druck einer hydraulischen Presse die gewünschte Form zu geben; hat in neuerer Zeit, namentlich für complicirte Schmiedestücke, die in Gesenken gepreßt werden, Anwendung gefunden. Gieseler. Hydraulische (oder Bramahsche) Presse, eine von dem engl. Ingenieur u. Mechaniker Joseph Bramah (1749—1814) erfundene, auf der Ausbreitung des Druckes durch Flüssigkeiten beruhende Presse. Dieselbe besteht aus einem möglichst starken, meist aus Gußeisen hergestellten Cylinder, in dem ein Kolben wasserdicht eingepreßt wird. Daneben befindet sich eine Saug- u., Druckpumpe, durch die eine Flüssigkeit (Wasser, Öl) aus einem Reservoir unter den Kolben des Preßcylinders durch eine Rohrleitung gepreßt wird. In demselben Maße, als der Querschnitt des Kolbens im Preßcylinder größer ist als der des Druckpumpenkolbens, wird der Druck vervielfacht, den der Preßkolben bewirken kann, im Verhältniß zu demjenigen, der auf den Kolben der Druckpumpe ausgeübt wird. Beträgt also beispielsweise der Durchmesser des Preßkolbens 20 ow, der des Druckpnmpenkolbens nur 1 om, so verhalten sich die resp. Querschnitte wie 1:400, u. ebenso die resp. Drucke, so daß mit einem Drucke von 100 k — Hydrioten. aufdenDruckpumpenkolben derPreßkolben40,009K Druck ausüben kann. Eine große Schwierigkeit fand man anfangs darin, den dichten Schluß znsi. schen Preßkolben und Preßcylinder herzustellen. Derselbe wurde durch Maudsley, nach Anderen durch Hick, mittels Anwendung einer ringförmigen Liderung aus gepreßtem Sohlleder von n-sörmigen Querschnitt erreicht, deren Öffnung dem gepreßten Wasser zugekehrt ist, so daß dieses iu das Innere des Ringes dringt, die beiden Seitenwände des- selben fest andrückt und sich selbst den Ausgang versperrt. — Damit durch Anwendung zu starker Pressungen der Preßcylinder nicht zersprengt wird, pflegt man ein mit Gewichten belastetes Sicherheitsventil anzubringen, welches dem Wasser einen Ausgang öffnet, sobald der Druck eine gewisse Grenze überschreitet. — Die Formen der einzelnen Theile sind nach den besonderen Zwecken (Pressen für Papier, Zeug rc., zum Auspreffen von Öl rc., Heben von Lasten, Bruchversuchen rc.) der h-n P-n sehr verschieden. Gewöhnlich befindet sich aus dem Kolben eine schwere ebene Platte (Preßsattel), auf der die zu pressenden Gegenstände liegen, darüber steht eine durch Säulen mit dem Cylinder j verbundene Deckplatte, welche als Widerlager dient. ' — Die Druckpumpe besteht häufig aus mehreren s gesondert arbeitenden Kolben, welche gleichzeitig ^ arbeiten, so lange der Druck gering ist, in dem Maße aber außer Thätigkeit gesetzt werden, wie der Druck wächst. Nach vollendeter Pressung ^ öffnet man ein Ventil, wodurch die Flüssigkeit durch eine besondere Belastung des Preßkolbens oder dessen Eigengewicht in das Reservoir zurllck- geht. Giesel-r. Hydraulischer Kalk, f. u. Mörtel. Hydraulischer Widder (Hydraulischer Stoßheber, Montgotfiersche Wassermaschine), eine von Montgolster 1797 construirte Maschine, welche dazu dient, durch den Stoß des fließenden Wassers einen Theil desselben bis zu bedeutender Höhe zu heben. Das Wasser fließt zunächst durch eine Röhre nach unten; diese Röhre hat eine nach oben gerichtete Öffnung, durch welche das Wasser abfließen kann, i vor welcher sich jedoch ein Ventil befindet, das bei einer gewissen Geschwindigkeit des ausströmenden Wassers mit fortgerissen wird u. dadurch die Röhre schließt. Wird nun hierdurch die bewegte Wassersäule plötzlich angehalten, so übt sie vermöge der Geschwindigkeit, welche sie einmal hat, auf den vorderen Theil einen weit stärkeren Druck aus, als ihr nach hydrostatischen Gesetzen vermöge ihrer Druckhöhe allein zukommen würde. Dadurch wird ein nach einem Windkessel gehendes Ventil geöffnet u. eine Menge Wasser in diesen getrieben, > in welchem die Lust stark comprimirt und aus welchem nun durch eine Steigröhre das Wasser zu ansehnlicher Höhe emporgetrieben wird. Sobald durch hinreichende Compression der Lust ia Windkessel die Kraft des Wasserstoßes aufgehoben u. das Gleichgewicht wiederhergestellt worden ist, schließt sich das zweite Ventil wieder u. öffnet sich das erste, das Wasser beginnt aus der untere» I Öffnung der Röhre wieder auszufließen u. erlangt bald wieder eine solche Geschwindigkeit, daß das j vorige Spiel sich wiederholt. Gi-sekr.' Hydriöten, die Einwohner von Hydra (s. d.). Mechanik V _t___ Durchschnitt der hydraulichen Presse. s der Kolben der Druckpumpe; 1 das Bentil, welches beim Heben dieses Kolbens gehoben wird und durch welches das Wasser des Behälters blr unter den Kolben gelangt; r ein Sieb, durch welches dasWaffer hindurch tritt; ä ein Bentil, welches sich beim Niederdrücken des Kolbens s öffnet und das Wasser durch die Röhre ttt in den Cylinder oc der Presse treten läßt; xp der Kolben der Presse, welcher durch den Druck des Wassers gehoben wird; nn die auf demselben befestigte Platte, welche sich mit dem Kolben pp hebt und die zu pressenden Gegenstände gegen die feste Platte s drückt. P. U.-C.-L. 6. Aust. Zum Artikel: „Hydraulische Presse". >>>^ »NU' Hydrobat — Hydrobat (v. Gr.), Wassertreter, Schwimmkünstler. Hydrocarbür (v. Gr.), chem. sämmtliche Koh- lknwasserstofse; spec. in der Technik aus Stein- lohlentheer, Braunkohlen, bituminösen Schiefern rc. durch Destillation gewonnenes Öl, welches auch unter dem Namen Mineralöl, Photogen rc. in den Handel kommt u. als Beleuchtungsmaterial dient. kFärookarls L., Pflanzengatt, aus der Familie llxäröelmritiaoous-LtrLtüotücisao (XI. 9); II. mor- sus ranas L. (Froschbiß), auf stehenden Wassern, mit nierenförmigen, flach auf dem Wasser liegenden rundlichen Blättern u. 2 großen, durchscheinenden, innerhalb des Blattstiels übergreifenden Nebenblättern; männliche Blüthen zu 3 in einer ^blätterigen Hülle, mit 12 am Grunde verwachsenen Staubblättern; weibliche Blüthen langgestielt, kleiner, mit 6 paarweise verbundenen Staminodien u. mehrfächerigem Fruchtknoten. Engler. llxäroolmritaosae (Nixenkräuter). Pflanzenfamilie aus der Klasse der Lnsatas, meist perennirende Wasserpflanzen, mit bald kurzem, kriechendem, Schäfte treibendem, bald langem, knotig-gegliedertem, stielrundem Oberstocke; Blätter oft alle grundständig, selten gegenständige oder quirlständige, fluchende od. schwimmende Stengelblätter. Perigon aus 2 Kreisen gebildet, an den Zwitter- u. weib- ! lichen Blüthen oberständig, das äußere kelchartig, ^ das innere zart, blumenkronenartig; Zwitterblüthen ! u. männliche Blüthen mit 2—4 fruchtbaren und ! häufig mehreren unfruchtbaren Staubblattkreisen; weibliche Blüthen mit sterilen Staubblättern und > einem einfächerigen oder unvollständig 3—6—9- sächerigen Fruchtknoten. Samen mehrere mir geradem Keimling. Trib. I. LMrillsas, Blätter gegenständig oder quirlig an verlängertem Stengel, Fruchtknoten einfächerig mit 3 Narben: Mora, Lnavlmris, Lloäoa, Hxärilla. Trib. II. VLllisnorisas, Stengel verkürzt mit linealischen Grundblättern, Fruchtknoten cinfächerig mit 3 Narben: Vnilionsria, LZ'xa. Trib. III. Stengel verkürzt, Fruchtknoten mit 6 — 9 unvollständigen Fächern u. 6 Narben: Ltraiüotes, Lniralns, Ot- tella, Laotin, Limnobrum, L^ckrooünris. Engler. Hydrochinon, OgLyzO-, farblose, in Wasser, ! Alkohol u. Äther lösliche Prismen; Schmelzpunkt 172,s". Es wird durch trockene Destillation von Chinasäure u. durch Erwärmen ihrer wässerigen ^ Lösung mit Bleisuperoxyd, am leichtesten durch ! Reduktion von Chinon mittels schwefeliger Säure erhalten. Beim Erhitzen von H. mit Phthalsäureanhydrid u. Schwefelsäure entsteht H.-Phthalern, ein rother Körper, der gebeizte Zeuge wie Roth- hvlz färbt. Durch Oxydation wird das H. in Chinhydron oder grünes H., schön grüne me- tallglänzende Krystalle, u. dann in Chinon (s. d.) übergeführt. Brvglie. >i>ilroeliosrus Lrrss., s. Capybara. kixürooores, s. Wasserwanzen. liMocotxlo L., Pflanzengatt, aus der Familie llwisIIIIsras - H^ärocotzlkas (V. 2), mit ver- ; wischtem Kelchrande, eirunden, ganzen, spitzigen ! Blumenblättern und von der Seite zusammengc- > driickter zweischildiger Frucht; die Theilfrüchtchen stciemenlos mit fünfsädlichen Riefen, die Kielriefe »> die zwei seitenständigeu oft verwischt, die zwei Hydrographie. 525 mittleren bogig. Arten: L. vulAario L. (Gemeiner Wassernabel), mit schildförmigen Blättern u. röthlichen Blumen; in Sümpfen, verdächtig, den Schafen oft tödtlich. 8. umbollata L. (Aca- ricoba), in Brasilien, brechenerregender Saft gegen Leberkrankheiten. L. nsiation L., in Ostindien, Afrika u. Amerika; die bitterlichen Blätter werden zu Salat und auch äußerlich bei Wunden u. Geschwüren gebraucht. Engler.» llxilroäictM ÄoÄ., Algengattung aus der Fam. Goonobisae, mit der Art: Ll. utrionlatum ÄoA., häufig im Frühjahr und Sommer auf stehenden Wässern in dichten Schichten frei schwimmend. Die Zellen bilden ein sackförmiges Netz von 10 bis 20 am Länge; in einzelnen Zellen entstehen 7000—20,000 freie Tochterzellen, welche innerhalb einiger Wochen zu einem neuen Netz auswachsen, nachdem die Membran der Mntterzelle sich ausgelöst hat. In anderen Zellen entstehen 30,000 bis 100,000 sehr kleine kugelige, aus der Mutterzelle ausschwärmende Zellen, die zu Ruhesporen werden 'u. später je zwei bis vier große Schwärm- zellen bilden, aus denen neue Colonien hervorgehen. Engler. Hydrodynamik (v. Gr.), der Theil der Mechanik (s. d.), welcher sich mit den Gesetzen der Bewegung der Flüssigkeiten (s. d.) beschäftigt. Hydroelektrische Kette, so v. w. Galvanische Kette, s. Galvanismus. Hydrogen, s. Wasserstoff. Hydrographie (gr., d. i. Beschreibung der Gewässer), bildet einen Theil der physikalischen Geographie u. beschäftigt sich theils mit der Beschreibung der Gewässer, ihres Verhaltens u. der auf sie u. ihre Veränderung einwirkenden Verhältnisse innerhalb der Landgrenzen, theils mit der Beschreibung u. Untersuchung der Meere und aller derjenigen Naturerscheinungen, Instrumente u. anderer nautischer Hilfsmittel, welche für die Navigation förderlich od. von Wichtigkeit sind; sie bildet in diesem Zweige, der auch Oceanographie genannt wird, einen Haupttheil der Steuermannskunde, deren anderer die nautische Astronomie ist. Deßhalb heißen in Frankreich Navigations- und Steuermannsschulen auch hydrographische Schulen. Die Oceanographie ist in den drei letzten Jahrzehnten unter der Beihilfe der Kriegs- u. Handelsmarinen der Cultnrstaaten, sowie durch die für das Legen unterseeischer Kabel erforderlichen Vorarbeiten ganz ungemein gefördert worden u. hat dadurch ein solches Übergewicht über die H. der Flüsse gewonnen, daß man im Allgemeinen unter H. gewöhnlich die Oceanographie versteht. Erst neuerdings ist die H. eine wirkliche Wissenschaft geworden, als deren Bahnbrecher Maury zu bezeichnen sein dürfte; seitdem der auf seine Anregung 1853 in Brüssel zusammengetretene Congreß der Seemächte ein gleichförmiges System der nautischen Beobachtung beschlossen hatte und in allen Marinen besondere hydrographische Bureaus zur Sammlung u. Verwerthung aller für die Navigation wichtigen Erscheinungen eingerichtet wurden, hat die H. nicht uur unsere Kenntniß von den Wasserverhältnissen der Erde wesentlich vertieft, sondern auch die Reisen durch Festlegung der günstigsten Routen bedeutend verkürzt u. ge- 526 Hydrologie — sichert. In Deutschland bestehen zur Förderung der H. zwei Reichsanstalten, die Deutsche See- warte zu Hamburg mit ihren Agenturen, als Centralstelle für nautische Meteorologie und die hydrographischen u. nautischen Interessen der Handelsmarine, u. das Hydrographische Bureau der kaiserl. Admiralität zu Berlin. In diesem werden die hydrographischen Vermessungen n. Untersuchungen der deutschen Kriegsschiffe in der See und an den Küsten, sowie alle hierauf bezüglichen fremden Arbeiten u. Nachrichten gesammelt, darnach die Seekarten berichtigt bez. neu entworfen u. die Mittheilung dieses Materials an die ausführenden Organe der Marine, wie auch an das gesammte seemännische Publicum durch Hydrographische Nachrichten, sowie umfassendere literarische Verarbeitung in den Hydrographischen Annalen veranlaßt. Es hat ferner alle für die Navigation wichtigen meteorologischen u. magnetischen Erscheinungen zu verfolgen, zu registriren und selbständige Untersuchungen auf diesen Gebieten zu bewirken; es beschafft u. controlirt alle hierzu wie für die Ausrüstung der Kriegsschiffe nothwendigen Instrumente u. leitet die Aufstellung der Compasses es stattet Schiffe und Werften mit den erforderlichen Karten und Büchern aus und bearbeitet alle das Lootsen-, Beleuchtungs- u. Betonnungswesen betreffenden Angelegenheiten. Vorsteher desselben (Hydrograph) ist der auf dem Gebiete der physikalischen Geographie rühmlichst bekannte Professor Admiralitätsrath Nenmayer. Fest. Hydrologie, Lehre vom Wasser. Hydrologium, so v. w. Wasseruhr. Hydromagnefit, Mineral, amorphe oder undeutlich krystallinische rundliche, etwas plattge- drllckte Massen von erdigem bis muscheligem Bruch; matt, weiß, färbt ab und fühlt sich fettig an; Härte 1—2, spec. Gew. 2 , 14 — 2 , 4 » besteht aus dreiviertelkohlensaurer Magnesia und Wasser; findet sich im Serpentin bei Kumi auf Negroponte in Griechenland u. in Hoboken in Neu-Jersey; eine Varietät des H. von gelblichweißer Farbe ist der Hydromagnocalcit od. Hydrodolomit vom Vesuv, welcher bis über 25"/, Kalk enthält. L-hmann. Hydromanie (v. Gr.), Wasserwuth, übertriebene Liebhaberei für Wasser u. Kaltwasserheilkur. Hydromantie (gr.), Wahrsagerei aus dem Wasser, im Morgenlands geübt, bei den Griechen auch bekannt, aber selten angewandt. Hydrometeöre, wässerige Meteore, wie Nebel, Thau, Reif, Regen, Schnee rc. Hydrooxygeugas-Mikroskop, s. Mikroskop. Hydropathie (v. Gr.), s. v. w. Kaltwasserheilkunde. Hydropathiker, Arzt, welcher die Kaltwasserheilkunst ausübt. UMopeltiüinso, Pflanzenordnung der viootxls- äonsas slsutiwropstalLs, von Bartliug begründet, umfaßt Wasserpflanzen mit achselständigen Blüthen, deren Organe zum Theil spiralig angeordnet sind; Fruchtblätter getrennt oder verwachsen; hierher gehören die lstsIuwdlnesLo, Onbornbaeeas, Istz-mpbasaosag. Hydrophan (Weltauge), Mineral, gemeiner oder edler Opal, welcher einen großen Theil seines Wassergehaltes und damit seine Durchscheinen- heit und Farbenspiel verloren hat; in Wasser ge- Hydroxylamm. legt, nimmt er unter Ausstößen von Luftblasen I vorübergehend wieder Farbe und Glanz an. Hu. ! bertusburg in Sachsen. Lehman». >t>äropbiliäao, ll>llropk>»sooss (incl. Hz-ärolsaosas), Pflanzenfamilie aus der Klasse der Tndiüoras, einjährige oder perennirende Kräuter mit kantigen Stengeln, fünfspaltigem freiem Kelche, fünsspaltiger Blumen- kröne, fünf Staubblättern, einem einsächerigen od. unvollständig zweifächerigeu, aus zwei Frucht- ^ blättern gebildeten Fruchtknoten, Samenträger , wandständig (HxäropbMuin) od. nrittelständig cen- ! tral (ll^äroisa), Keimling gerade. I. ih-äropb^I- Isas: 8/stiopIiMum, LIlioia, lstsmopllila, Lntoea, ?Ira<;e1ia, Lmmsuo-ubbs; II. llxäroloas: 8^äro- Isa, "WiAnnciia. Engler. Hydrophyten, Wassergewächse, vorzugsweise Algen. Hydrops (Hydropsie, gr.), Wassersucht, s. d. Hydropterkden, Wasserfarne, die Familien der Lalviniavas u, Llarsilsaosas, s. Farne und Gefäßkryptogamen. ! Hydrostatik (v. Gr.), die Lehre vom Gleich- ! gewicht tropfbarer Flüssigkeiten (s. Flüssigkeit), ein ! Theil der Mechanik (s. d.). ^ Hydrostatische Presse, s. v. w. hydraulische ! Presse. ^ Hydrostatische Wage, Wage zur Bestimmung bes specifischen Gewichts eines Körpers durch Ermittelung seines Gewichtsverlustes im Wasser, ^ s. specifisches Gewicht. ! Hydrosulfid, Hydroxyd, Hydroxydul ^ (Chem.), s. Base. > Hydrotechnik (v. Gr.), 1) Wasserbaukunst, mit Einschluß der Deichbaukunst. 2) die Kunst, hydraulische Maschinen, Wassermühlenwerke und dgl. anzulegen, ein Theil der Hydraulik. Hydrothörax (gr.), Brustwassersucht. Hydroxyl, s. Hydroxylamin. Hydroxylamin, eine nach der Formel 803z zusammengesetzte basische Verbindung. Man kennt sie nur in wässriger Lösung; dieselbe ist geruchlos, reagirt stark alkalisch, wird beim Erwärmen unter ^ Ammoniakentwickelnng zersetzt und wirkt stark re- ducirend auf die Salze der edlen Metalle, während ^ sie aus den Salzen der übrigen die Metalle als Hydroxyde ausfällt. Man betrachtet sie als Ammoniak, in welchem ein Atom Wasserstoff durch das hypothetische Radical Hydroxyl 08 vertreten ist und schreibt dem entsprechend ihre Formel 8 (08 2hre Salze sind krystallisirbar u. m Was- Hydruntmn — Hygrometer. 527 ! l».. ser weiß leichtlöslich; sie entstehen, wenn gewisse Salpetrigsäure, od. Salpetersäuresalze durch Wasserstoff im Enistehungszustande reducirt werden. H-S-r. HydruntUM (Hydrus), griechische Hafenstadt in Calabrken, Colonie der Kreter, später römisches Municipium; während der Herrschaft der Byzantiner hier starker Verkehr mit Griechenland; jetzt Otrauto. Hye von Glunek, Freiherr Anton, österr. Rechtsaelehrter, geb. 26 Mai 1807 zu Glunek, war sett 1832 Professor der Rechtswissenschaft an der Universität zu Wien und nachher Mitglied derGesetzgebungscommissiondesJustizministeriums, in welcher Eigenschaft er namentlich an der Ausarbeitung des Preßgesetzes und des Strafgesetz, buches mitwirkte. 1854 wurde er als Ministerial- rath des Justizministeriums in den Ritterstand erhoben und erhielt 1857 dauernd die Leitung der legislativen Section des Ministeriums, 1865 aber, als Stellvertreter des Jnstizministers, die Oberleitung und Aufsicht über sämmtliche Strafan- stylten übertragen; am 28. Juni 1867 erfolgte leine Ernennung zum Justizminister mit interimistischer Führung des Portefeuilles des Cultus u. Unterrichts. Nachdem er am 30. Dec. d. I. seine Demission gegeben, wurde er zum Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit und zum Mit- glied des Reichsgerichtes ernannt u. 1869 in den Freiherrnstand erhoben. Er schrieb: Das österreichische Strafgesetz, Wien 1852—55 (unvollendet, ungarisch von Jos. Samossy, ebd. 1852); Die leitenden Grundsätze der österreichischen Strafpro- ceßordnung vom 29. Juli 1853, ebd. 1854; Uber das Schwurgericht, ebd. 1864; und gibt heraus Sammlung der Erkenntnisse des Reichsgerichts, ebd. 1874—76, 2 Theile. Lag-i.» Hyele (a. Geogr.), so v. w. Elea 2). Hyeres, 1) Stadt und klimatischer Kurort unweit oes Mittelmeeres im Arr. Toulon des franz. Dep. Var; liegt am Abhange eines Hügels in einer schönen Landschaft, wo fast immerwährender Frühling herrscht, doch nicht geschützt gegen den Mistral, der oft plötzlich und heftig hereiubricht; Station der Paris - Lyon - Mittelmeerbahn; im älteren Theile der Stadt steile u. krumme Straßen, aber viele schöne Häuser, auf der Place Royale die Marmorstatue von Karl von Anjou und auf der Place de l'Hötel-de-Ville eine «äule mit der Büste des Kanzelredners Massillon, dessen Geburtsort H. ist; Bau von Orangen, Citronen, Granaten, Wein, Oliven u. Obst (namentlich von frühreifen Sorten), Branntweinbrennereien, Fabrikatton von wohlriechenden Wässern, Olivenöl, Korkstöpseln, Töpferwaaren rc., Handel mit ihren Früchten, Salinen; 3 Jahrmärkte; 1872 11,212 Ew., wovon 5197 im Städtchen. H., im Alter- thum Arcae genannt, lag ehemals am Meere und hieß im Mittelalter Haires; von da Pflegten sich die Wallfahrer nach Jerusalem einzu- schissen. 2) Ilss ck'8. (Hyerische Inseln), eine Gruppe von Inseln und Klippen; die beträchtlicheren sind Port-Eros, Porquerolles, Titan (Le- vant) und Bagueau; die drei elfteren haben Forts und Besatzung, auf Port-Eros ist ein guter Hafen. Die Inseln sind unfruchtbar und unbewohnt; im Mterthnm hießen sie Stöchädes. Vergl. Au- fauvre, 8. sb so vallss, Zniäs instarigus, möäi- oal oto., Par. 1862; Sigmund, Südliche klimatische Kurorte, 3. Aufl., Wien 1874; Ajello, 8., son olimsboto., Boulogne 1875; Klenke, Taschenbuch f.Badereisende ».Kurgäste, Lpz.1875.H- Berns. Hyetlos (gr.,Regenbringer), BeinamedesZeus. Hyetometer (Hyetoskop, v. Gr.), ein Instrument zur Messung der in einer bestimmten Zeit gefallenen Menge Regens. Hy eto graphische Karte (v. Gr.), eine die Verbreitung des Regens auf der Erde darstellende Karte. Hygea, so v. w. Hygiea. Hygiea, Hygieia, 1) bei den Griechen Göttin der Gesundheit, Tochter von Asklepios und erst nach Pindars Zeit mit diesem göttlich verehrt. Ihre Tempel standen meist neben denen ihres Vaters. Ihr Bild, eine schlanke jungfräuliche Gestalt, mit einer Schale in der Hand, woraus eine Schlange frißt, stand oft im Innern der Äsculap- tempel. Die römische Salus, welche ihr später gleichgestellt wurde, war mehr Allegorie der Staatswohlfahrt als der Gesundheit. 2) s. Asteroiden N.io. Hygieine (gr.), so v. w. Gesundheitspflege. Hyginus, I) CajuS Julius H., ausHispa- nien oder Alexandria, um 20 v. Ehr., Freigelassener des Kaisers Augustus, Ovids Freund, Aufseher über die Palatinische Bibliothek u. vielseitig thätiger gelehrter Schriftsteller. Seinen Namen tragen 2 Schriften: 277 kÄbuIas (werthvoll bes. durch ihre Auszüge aus griechischen Tragödien rc.), herausgegeben in Munckers und in van Staverens Llxbbo^raptti Intim und von M. Schmidt, Jena 1872; und koetioon astro- nouneon (Katasterismoi des Eratosthenes fdie Mythen von den Sternbildern, nach alexan- drinischen Quellen gearbeitet^), herausgeg. ebenfalls in den N^tbogrs-plii labial. 2) H. Gro- maticus, römischer Schriftsteller aus der Zeit Trajans, schr. über die Feldmeßkunst u. De rauui- tionibus, s. u. Gramatiker u. 6romn. 3) H., nach gewöhnlicher Annahme 9. Bischof von Rom 140 bis 149; im Ubsi ponbiüonlis wird von ihm nur eine den Klerus ordnende Thätigkeit berichtet. Verschiedene in den isidorischen Decretalen ihm zugeschriebene Einrichtungen wie die Weihung der Kirchen,derTaufpathenfinduuecht. i> 2> Riese, s) Löffler. Hygrometer (v. Gr.), mereorolog. Instrument, die Feuchtigkeit der Luft (s. Atmosphäre) zu messen. Manche Körper aus dem Thier- u. Pflanzenreiche (hygroskopische Körper), haben die Eigenschaft, das in der Luft dampfförmig enthaltene Wasser einzusaugen. Viele hygroskopische Substanzen verlängern sich dabei, nehmen dabei auch wol eine gekrümmte Gestalt an. Werden solche mit einer Vorrichtung versehen, daß mau die Veränderungen ihres Gewichts, Volumens oder ihrer Figur deutlich erkennen und wo möglich auch messen kann, so hat man ein H. oder Hygroskop. Zu den einfachsten, sogenannten natürlichen H-n (Hygroskopen), die jedoch den Grad der Luftfeuchtigkeit nicht genau angeben können, dienen z. B. vie Grannen des Windhafers (Lvsun intus,), die sich in der Trockenheit biegen und drehen, in der ! Feuchtigkeit aber sich ausstrecken, oder die Grannen verschiedener Storchschnabelgewächse (bes. Lrcxlium oioutsrium u. des südeuropäischen 8. Aruinum), 528 Hygrometrie — Hyksos. die Rose von Jericho (s. ^.uastatioa) u. v. a. Künstliche H. wurden zuerst im 17. Jahrh. angegeben ; Mollieneux wandte Darmsaiten an, die noch jetzt zuweilen zu den sogenannten Wetterhäuschen benutzt werden, aus dessen zwei Thüren abwechselnd bei trockener oder feuchter Witterung Puppen treten. Das Saussuresche Haarhygrometer besteht aus einem entfetteten Menschenhaar, welches an einem Ende befestigt und am anderen an dem Umfang einer Rolle angebracht ist, welche einen Zeiger trägt. Berkürzt sich das Haar, so dreht es den Zeiger nach der inneren Seite, und verlängert es sich, so bewirkt ein Gegengewicht- chen eine Bewegung des Zeigers nach der anderen Seite. Die Endpunkte der lOOtheiligen Scale werden dadurch bestimmt, daß das H. erst in eine mit ganz feuchter, dann in eine mit ganz trockener Lust gefüllte Glasglocke gebracht wird. Dieses u. ähnliche H. sind aber sehr unvollkommen. Da- nie lls H. (s. d.Fig.) besteht aus einem zweimal rechtwinklig gebogenen Glasrohr t u. zwei Glaskugeln a u. b. In der einen größtentheils mit Äther gefüllten, u, steckt ein kleines Thermometer; die andere, d, ist mit feiner Leinwand umwunden; beide sind luftleer, also mit Ätherdampf gefüllt. Tröpfelt man nun Äther auf die Kugel d, so werden in dieser Ätherdünste durch die entstandene Kälte verdichtet, dadurch verdunstet aber Aetherin derKugela, u.durch die dadurch gebundene Wärme wird die Kugel a allmählich so weit abgekühlt, daß sich aus ihr aus der umgebenden Luft Wasser in feinen Tröpfchen niederschlägt. Dies geschieht bei der Temperatur, bei welcher die Luft mit dem in ihr enthaltenen Wasserdampf gesättigt sein würde. Diese Temperatur, der Thaupunkt, wird an dem in die Kugel a eingeschloffenen Thermometer abgelesen. Da aus genauen Beobachtungen die Dampfmenge bekannt ist, mit welcher bei jeder Temperatur die Luft gesättigt sein würde, so ergibt sich aus der Temperatur des Thau- punktes der absolute Wassergehalt der Atmosphäre ts- Atmosphäre S. 299); aus der Lufttemperatur, welche man an dem an dem Stativ befestigten Thermometer abliest, kann man gleichzeitig diejenige Dampfmenge bestimmen, welche die Lust bei der herrschenden Temperatur enthalten müßte, um gesättigt zu sein; die (relative) Feuchtigkeit der Lust sinder man also, indem man den absoluten Dampfgehalt durch die letztere Dampfmenge dividirt. Ein sehr brauchbares Instrument, um die Feuchtigkeit der Luft zu bestimmen, ist das Psychrometer von August. Dasselbe besteht aus zwei neben einander hängenden Thermometern, von welchem die Kugel des einen mit in Wasser herabhängendem Muffelin überzogen ist. Durch die Verdunstung des Wassers auf dem Musselin sinkt das Quecksilber und zwar um so mehr, je schneller die Verdunstung vor sich geht, je trockuer also die umgebende Luft ist; man hat auf Grund der Theorie des Psychrometers Ta- bellen berechnet, mittels deren sich aus der Differenz der beiden Thermometerstände die Feuchtigkeit der Luft sofort bestimmen läßt. Das genaueste H. endlich, welches die Menge des in einem gegebenen Volum Luft enthaltenen Wasser- dampfs sicher bestimmt, ist Brunners Apparat. An einem Gefäße von Blech befinden sich zwei durch Hähne verschließbare Öffnungen, eine am oberen, die andere am unteren Ende. Das Gefäß wird ,fast ganz mit Wasser gefüllt und an der oberen Öffnung durch eine Kautschukröhre eine horizontal liegende Glasröhre befestigt, welche mit Äsbestfäden oder Bimsteinstücken, die mit Schwefelsäure befeuchtet sind und der Luft einen freien Durchgang gestatten, angefüllt ist. Bor dem Ver- such wird die Röhre genau gewogen. Öffnet man nun den oberen und unteren Hahn und läßt ein gemessenes Volum Wasser ausfließen, so strömt durch die Glasröhre ein gleiches Volum Lust ein, gibt aber an die Schwefelsäure ihren sämmtlichen Wasserdampf ab. Die dadurch entstandene Gewichtszunahme der Glasröhre bestimmt nun die Menge des in jenem Luftvolum enthaltenen Wasser- dampses. Da indessen diese Methode sehr umständlich ist, kommt sie für den gewöhnlichen Gebrauch nur wenig in Anwendung. Neuerdings construirte Klinkerfues ein Bifilarhygrometer, welches sehr bequem zu handhaben ist u. sich durch große Genauigkeit auszeichnet. Vgl. Klinkerfues, Theorie des Bifilarhygrometers, Gött. 1875. Specht.' Hygrometrie, die Ermittelung der Feuchtigkeit der Luft mittels der Hygrometer (s. d.). Hygroskop (v. Gr., Feuchtigkeitsanzeiger), ein unvollkommenes Hygrometer, das nur anzeigt, ob die Feuchtigkeit der Lust zu- oder abnimmt. Hygroskopische Körper, Körper, welche aus der Lust Feuchtigkeit anziehen; vgl. Hygrometer. Hygroskopisches Wasser, das von Hygroskop. Körpern aufgenommene Wasser; dasselbe wird in trockener Lust nicht wieder abgegeben. H. K., welche sich in ihrem hygroskopischem Wasser auf- lösen, heißen zerfließlich (Pottasche, Chlorcalcium). Hykkära, alte Stadt der Sikaner an Siciliens NOKüste, westl. von Panormos, nach einer Art Seefische benannt, wurde im Peloponnes. Kriege von den Athenern geplündert u. dann den Se- gestanern übergeben. Mit den Gefangenen kam auch die Geliebte des Alkibiades Timandra mit ihrer nachher so berühmten Tochter Lais nach Athen. Hyksos,ägypt. Hik-Schus,d.i.Hirteukönige, nach Neueren Hak-schas, Beduinenhauptleute, Name semitischer Völker, die theils seit alter Zeit in Ägypten wohnten, theils als Nomaden aus Asien eiu- brachen und als 15. oder 17. Dynastie in einer chronologisch nicht hinlänglich sestgestellten Zeit, aber wahrscheinlich um 2000 v. Chr., etwa 500 Jahre lang, Ägypten beherrschten. Die ägyptische Cultur ließen sie bestehen, nahmen sie sogar in Dienst. Die einheimischen Fürsten Oberägyptens zahlten ihnen Tribut. Raskenen von Theben erhob sich endlich gegen sie, aber erst einer seiner Nachfolger, etwa 200 Jahre später, AhmeS, vertrieb sie aus dem Lande, woraus sie größten« 529 — Hymne. ,Heils nach dem südl. Syrien zogen. S. Ägypten ^ 293, Hemie-Am Rhy». llxls, s. Laubfrosch. Hylas (gr.), Waldkind, Sohn des Dryopen- köiiigs Theyodamos und der Nymphe Menodnka, nach Andern des Herakles, jedenfalls ein von dem- selben geliebter Knabe, der den Argonautenzug mitmachte. An der Quelle, an der er Wasser holend, von den Najaden in den Grund gezogen, verschwand, ward ihm geopfert u. die Einwohner von Kios streiften an seinem Feste, seinen Namen rusend, in Len Bergen umher. Hyle (v. Gr.), bei den griech. Philosophen der Urstofs oder die formlose Materie, welche erst durch die Weltseele (Hylarch, Stoffbeherrscher) gestaltet wird. Hyllos, Sohn des Herakles und der Deianira, Gatte der Jole, wurde von dem dorischen König Aegimos adoptirt u. so Stammvater der dorischen Phylen der Hylleis in Argos u. a. O. An- siihrer der Herakliden bei dem Zug nach dem Peloponnes, siel er im Zweikampf mit Echemos von Tegea. Hylo . .. (v. Gr.), Holz...., Wald.... lylobius, s. Rüsselkäfer. Hylozoismus (v. Gr.), die Ansicht von der Materie, welche ihr eine Lebenskraft zuschreibt, deren Wirkungen sich in den Lebeuserscheinungen lundgeben. Hylozoisten, die Verfechter dieser Ansicht. Hymen (Anat.), Jungfernhäutchen, s. u. Ge- schlechtsorgane. liMSnaes Pflanzeugatt. ans der Fam. der bö^umtnoLLs Önosalpinrsirs (X. 1.), Bäume mit lkderartigen, einpaarigen Blättern und weißen, ziemlich großen Blllthen in dichten Trugdolden- nspeii; Kelch mit 4 Abschnitten; Blumenblätter 5; Fruchtknoten kurz gestielt; Hülse schief eiförmig «d. länglich, dick, lederartig od. holzig, nicht ans. l springend, wenigsamig. 8. eourbarÜ L. (Heu- !s!hreckcnbaum, Quapinole), in SAmerika u. Wcst- lindien, läßt ans seinein Stamm Balsam aus- ^ stießen, der in Erde erhärtet u. den amerikanischen s stopal bildet. Derselbe wird vorzugsweise zu Lack s u. Firniß verwendet; das rothe, harte u. schwere ^ Holz kommt als Courbarilholz in den Handel. 'Auch andere Arten in Brasilien u. Mejico liefern Kopal, der von den Engländern fälschlich Anime ^ genannt wird. Engter, l Hymenäos, 1) Hymen, griech. Gott der Ver. stmählung, nach der Sage früher ein Jüngling, -der seine entführte Geliebte befreit hatte. Als Ehegolt hieß er ein Sohn des Apollo u. der Kalliope od. Urania od. Terpsichore; sein Bruder war Jalemos; er erscheint im Gefolge der Liebesgötter 'Md der Liebesgöttin. Bei Vermählungen wurde tt im Hochzeitgesang angerusen; auf Abbildungen dargestellt als reifer Knabe mit ernstem Ge- jichtSausdruck, mit der Brautfackel u. dem Brautschleier in der Rechten. Auf manchen Kunstwer- leii führen ihn Eros u. Psyche am Perlband. 2) Braut- oder Hochzeitgesang, welcher von Jllng- si«gs- u. Jungjrauenchöreu bei dem festlichen Zuge irr Braut aus dem Hause der Eltern in das des Bräutigams gesungen wurde. Hemie-Am NiM.* Hymenium (Bot.), die oberflächliche Gewebe-s Pierers Universal-CoiwerlationL-Lexikon. K. Aufl. X. schicht, welche bei vielen Pilzen die Sporenschläuche od. Sporenträger trägt. UMsnoäiatpon Usl/re/r., Pflanzengatt, aus der Fam. der Rnbiaosao-Xanvlssas (V. 1). Nur wenige Arten in Ostindien u. Afrika. 8. exosl- 8nm PVirkk., hoher Baum in Ostindien, Mutterpflanze der ostindischen Chinarinde; auch wird das dem Mahagoni ähnliche Holz sehr geschätzt. Auch die Rinde anderer Arten dient in Ostindien als Surrogat für Chinarinde. UpmimompoÄes, Hutpilze, Pilzfam. aus oer Klasse der Lasickiomxostss, mit sehr verschieden gestaltetem Frnchtkörpcr, an welchem jedoch die Basidiosporen bildende Schicht immer einen größeren od. kleineren Theil der Oberfläche bekleidet; das Sporcnlager oder der dasselbe erzeugende Theil tritt meist in der Form von Lamellen, Stacheln od. Röhren auf, die vom Boden des Sporenlagers, dem Hymenophorum, ausgehcn. Man unterscheidet folg. Unterfamilien: I. ^Anrioini (Blätter- schwämme). Das Sporenlager bekleidet dünne Lamellen od. Platten, die strahlenförmig von der Mitte der unleren Fläche des Fruchlkörpers ausgehen. II. koJ'poroi (Löcherschwämme). DaS Sporenlager bekleidet röhrenförmige Hervorrag- ungen, Falten und Vertiefungen. III. 8/ünsi. Das Sporenlager bekleidet dorn-, zahn- od. warzenförmige Hervorragungen. IV. Mielopliorvi. Das Sporenlager ist glatt oder nur mit undeutlichen Warzen bedeckt. V. Llavarici. Das Spo- renlager bekleidet die Oberfläche des aufrechten, keulenförmigen od. korallenartig verzweigten, fleischigen Fruchtkürpers. Engter. Upmonoplipllum Farngatt, aus der Fam. llymsnopd^Uaooas (s. Farne), mit zahlreichen Arten in den Tropen; eine, 8. tunbriä^snss Sur., in Europa, in Sachsen im Utterwalder Grund, in den Ardennen, Luxemburg, Krain, Frankreich, Eng- land, Schottland, Irland, Italien, auf den Cana- ren, am Cap, auf St. Mauritius, in SAmerika u. Neuseeland. Engter. Hymcnoptera, so v. w. Hautflügler. Hymcttos (a. Geogr.), ein 1027 m hoher Gebirgsrücken im O. von Athen, jetzt Trelovuno. Der H. war im Alterthume wegen seines Mar- mors und wie jetzt noch wegen seines Kräuter- reichthnms u. Honigs berühmt. Hymne (Hymnus, gr.), 1) Lied, Gesang; bes. 2) Lobgesang auf eine Gottheit, welcher bei Festen von einem, am Altar stehenden oder tanzenden Chor zum Tone der Kithara gesungen wurde; solche Lieder dichteten schon die mythischen griech. Sänger Ölen u. Philammon: dagegen dic H-n der Homeriden waren nicht für den öffentlichen Gottesdienst bestimmt, die berühmtesten erhaltenen u. unter den Werken Homers aufgeführteu sind: zwei H-n auf Apollo, H. auf Hermes, H. auf Demeter, H. auf Ap hrodite; dasselbe gilt von den späteren gelehrten H-u, deren Kallimachos u. Mesomedes schrieben, u. den orphischen H-n, sowie von den Festgesängen auf Heroen u. auf Sie- ger in den Nationalspielen, deren PindaroS dichtete; die Sänger derselben hießen Hymnodi. Aus späterer Zeit ist der im dorischen Dialekt geschriebene H. auf Isis, welchen Roß auf einem Stein auf Andres entdeckte u. in seinen Iiwcrip- Band. 34 530 Hymnologie — Hyperästhesie. bionos inockitao zuerst herausgab. Die Bersart, in welcher diese H-n gedichtet sind, ist die epische (Hexameter). Bei den Römern wurden die Lobgesänge der Salier auf Mars u. a. Götter, eigentlich axamsuta. (s. d.), auch bz'mni saliares genannt. 3) bes. in der Griech. u. Latein. Kirche die Lobgesänge auf Gott, die Bestandtheile des liturgischen Gottesdienstes geworden sind. Zu den gebräuchlichsten gehören: Hymnus ^mbrosianus, anfangend mit Ts vsum laucis-mus; 2 . auAsIr- eus, der Gesang: Oloria in oxeslsis Oso; 8 . §1oiiüoatiünis, der Gesang: Oioria xabri sbo.; 8 . Uarianus, so v. w. das Magnificat; 8 . tri- nitabis, das Dreimalheilig (Trishagion). 4) (Religiöse Ode) Gedicht, der lyrischen Form angehörig, Untergattung der Ode; ihr Inhalt ist das Lob der Gottheit u. Verherrlichung ihrer erhabenen Eigenschaften u. Werke; od. philosophisch-didaktisch, z. B. auf Tugend, Natur, Wahrheit; auch auf großartige Ereignisse in der Geschichte U. Religion. 8 2) Riese.» S> Löffler.» Hymnologie, die Theorie des Kirchenlieds u. Kirchengesangs, entwickelt aus der richtigen reli- giousphilosophischen Theorie des Cultus überhaupt, aber zugleich mit kirchlich-praktischer Abzweckung aus die richtige, begriffsmäßige Gestaltung dieses Cultusbestandtheils. Die Anfänge dieser Wissenschaft datiren erst seit etwa einem Jahrhundert, sofern zuerst im vorig. Jahrh. die rationalistische Verbesserung der Kirchenlieder, dann in diesem die erneute Würdigung der älteren kirchlichen Dichtungen von Seiten der Theologie wie der Literaturgeschichte dazu Anlaß gab, sich über das Wesen des Kirchenlieds u. Kirchengesangs theoretisch Rechenschaft zu gebeu. Die bedeutendsten Schriften in dieser Hinsicht sind: Wetzel, ünalsoia b^mno- lossioa, 1752; Schmieder, H., 1789; Rudelbach, Hymuologische Studien in der Zeitschrift für luth. Theologie u. Kirche, 1855; Armknecht, Die heil. Psalmodie, 1855; Naumann, Über Einführung des Psalmgesangs, 1856. Im übrigen vgl. Kirchenlied. Löffler. Hymnus (gr.), s. Hymne. Hyoskyamin, 6158 , 280 », im Kraut u. Samen von 8 xose/amus niZsr u. 8 . albus. Kry- stallisirt in farblosen Prismen. Erweitert rascher u. dauernder, auch in kleineren Dosen, als Atropin die Pupille u. wirkt innerlich als schlasmachen- des Mittel. lFose>amus ül., Pflanzengatt, aus der Fam. der 8 olauaovas- 8 /oso^ameaö (V. 1 ). Aufrechte zwei- oder mehrjährige Kräuter mit sitzenven od. gestielten Blüthen in Wickeln; Kelch krug-, fast glockenförmig, fünfzähnig, bleibend, Blumenkrone, rad-trichterförmig, fllnflappig, Kapsel an der Basis bauchig, mit verengertem Halse, oben mit einer Ringspalte aufspringend. 8 . ni§sr L., Bilsenkraut, mit ästigem, klebrig rauhhaarigem Stengel, stengelumfassenden eiförmigen od. länglichen, grobbuchtig-gezähnten Blättern u. ziemlich großen, schmutziggelben, violett geaderten, im Grunde ganz violetten Blumenkronen; auf Schutt, an Zäunen rc. in der Nähe menschlicher Wohnungen; Giftpflanze; die Blätter ( 8 oUa 8 /oso^ami) enthalten das Alkaloid Hyoscyamin und sind wie der Samen (Lsmsu 8 ^oso.) officinell, äußerlich zu Umschlägen u. Einreibungen bei Unterleibsleiden; ferner sind officinell Bilsenkrautextract (Lxtraotuin 870 z- o/ami), Bilsenkrautöl (Oleum Hxosoxanu iukusum), Bilsenkrautpflaster und -salbe (Lmxlasbrum und OuAueutum Hz-osez-ami). 8 . albus L. in SEuropa häufig und daselbst ebenso angewendet. Engler.» Hypallage lgr), Verwechslung, Vertauschung, die Redefigur, in welcher man einzelne Theile des Satzes mit einander verwechselt und regelmäßige Constructionen mit unregelmäßigen vertauscht, z. B. der Bund verletzter Freundschaft, statt der verletzte Bund der Freundschaft. Hypanis (a. Geogr.), 1) Fluß in Sarmatien, entsprang angeblich aus einem See u. mündete, eine bittere Quelle ausnehmend, in das Schwarze Meer; jetzt Bug (s. d. 2 ). 2) Andere Form für Hyphasis (s. d. 2). Hypante(HyPapante, gr., Begegnnngsfest), in der Griechischen Kirche so v. w. Lichtmeß. lFpantkoorinus, s. Crinoiden. Hypaspistä (gr.), 1) Schildträger; im atheni- scheu Heer die Sklaven, welche ihrem Herrn ans dem Marsche Waffen n. Proviant trugen; 2) in der makedonischen Armee das leichte Fußvolk, mit ledernen Helmen, leichten Schilden, Schwertern u. kurzen Spießen bewehrt. Die H. standen in der Schlacht zwischen der Phalanx u. den Reitern u. fochten wie leichte Infanterie. Hypäta (a. Geogr.), fester Ort,in Thessalien, an einem kleinen Vorsprunge des Öta; war eins! die Hauptstadt der Änianen, wurde aber dann als Schlüssel Thessaliens von den Ätolern besetzt. ES war durch seine Zauberei verrufen und ist durch Lukians Märchen vom verwandelten Esel verewigt; j. Neupatra. Hypäthros (v. Gr., d. i. unter freiem Himmel), Tempel, dessen Cella in der Mitte ohne Dach ist; nach And. Tempel, der noch nicht vollendet, namentlich dessen Cella noch nicht bedacht ist. Hypatla, Tochter des Mathematikers Theo» ans Ateranoria im letzten Viertel des 4. Jahrh . n. Gbr., war in ihres Vaters Studien emgewechl, lehrte m ihrer Vaterstadt die Pbilosovbie des Plato u. Aristoteles u . erläuterte die geometrische» Schriften des Apollonias und Diophantos. Ae war ebenso durch Kenntnisse, als durch Beredt - samkeit u. Luaeno ausgezeichnet: ihre Bortrage wurden von den angesehensten Personen besucht, u. A. war der Bischof Synesius ihr Schüler. Aber mit dem Bischof Cyrillus von lebte sie tu in deren lrolae ue il"fl 415 von dem Pöbel auf der Straße ergriffen, m die Kirche aesckllevvt u. vier zerrissen wurde . Der Engländer Kingsley machte H. zum eines philosophisch-religiösen u. culturgeschichtlichen Romans. Riese.» Hyper (gr.), über, hinaus. Hyperämie (v. Gr.), Blutüberfüllung. Hyperäolisch (a. Musik), s. u. Tonsystem. Hyperästhesie (v. Gr.), krankhaft gesteigerte Empfindungsfähigkeit, so daß schon geringe Reize mehr od. weniger schmerzhaft empfunden werden. Ihr höchster Grad find die Neuralgien (s. d.). Ihre Ursachen können liegen in allgemeiner Nervosität, wie wir sie namentlich in der Hysterie beob- 531 Hyperbaton achten od. in localen krankhaften Veränderungen, - B. in Nervenentzündung, in Entzündung der Häute des Rückenmarks rc. u. muß sich die Be- Handlung nach diesen ursächlichen Verhältnissen richten. Kunze. Hyperbaton (Hyperbasis, gr.), Versetzung der Wörter, wodurch ein od. mehrere Wörter außer ihrer natürlichen Ordnung stehen. Hierzu gehören: Anastrophe, Tmesis (Diakope), Hysteron proteron, Parenthesis, Synchysis u. Anakoluthon., Hyperbel, 1) (v. gr. V7rep/Soü^, Überschuß, Math.), ein Kegelschnitt; jeder Durchschnitt eines geraden Kegels u. einer Ebene, welche nicht durch den Scheitel geht und mit der Achse des Kegels einen Winkel bildet, der kleiner ist als der halbe Scheitelwinkel des Kegels. Die H. ist eine Curve mit der Eigenschaft, daß die Differenz der Entfernungen jedes ihrer Punkte (z. B. 2, s. d. Fig.) von zwei festen Punkten (2 u. 6), ihren Brennpunkten (z. B. 22—26), dieselbe Größe hat. Die gerade Linie (6 ly, auf welcher die Brennpunkte liegen, ist die Hauptachse oder Achse, jeder ihrer beiden Durchschnittspunkte mit der H. (^u.L) ein Scheitelpunkt, deren Abstand von einander (LL) die Länge der Achse, der Punkt in der Mitte zwischen den Brennpunkten (0) der Mittelp unkt, die im Mittelpunkte aus der Hauptachse errichtete Senkrechte (OL) die Nebenachse, eine dieser parallele, durch einen Scheitelpunkt gehende Gerade eine Scheiteltangente (^.6 n. W) der H. Die H. besteht aus zwei getrennten, zu der Nebenachse symmetrisch liegenden Zweigen, deren jeder aus 2 zur Hauptachse symmetrisch liegenden, sich ins Unendliche erstreckenden Ästen besteht, so daß die H. durch das Achsenkreuz in vier congruente Theile getheilt wird, s. d. Fig. Der — Hyperbel. Abstand der Brennpunkte von einander, d. i. die lineare Excentricität (2e), u. die Differenz der Entfernungen jedes H-punktes non den Brennpunkten, d. i. die Länge der Achse (2a), bestimmen die Form der H. vollständig; 2a muß immer kleiner sein als 2s. Je weniger diese beiden Größen sich von einander unterscheiden, desto mehr nähert sich die Form der H. einem Kreuze von 2 sich im Mittelpunkte schneidenden Geraden. Der Quotient^-, gewöhnlich mit e bezeichnet, heißt die numerische Excentricität der H. Die H. ist auch der geometrische Ort eines Punktes, dessen Entfernungen von einem festen Punkte (einem Brennpunkte) n. einer festen Geraden (der zu diesem Brennpunkte gehörigen Directrix) im Verhältnisse e: 1 stehen, sobald v größer als 1 ist. Die Sehne, welche in einem Brennpunkte senkrecht auf der Achse steht (z. B- U 2), heißt der Parameter; seine Länge ist 2p, wenn p —a(e^—1) ist. Jede durch den Mittelpunkt gehende Gerade heißt, weil der Mittelpunkt ihr Halbirungspunkt ist, Durchmesser der H., u. zwar Hauptdurchmesser, wenn sie die H. trifft, Nebendurch- mcsser, wenn dies nicht der Fall ist. Der kürzeste Durchmesser ist die Achse, deshalb auch Zwergachse genannt. 2 Durchmesser heißen conjugirt, wenn jeder die dem anderen parallelen Sehnen halbirt; conjugirt sind immer je 1 Haupt» u. 1 Nebendurchmesser, z. B. die Haupt- u. die Nebenachse; der Tangente iin Endpunkte eines Durchmessers ist der conjugirte Durchmesser parallel. Beschreibt man mit o als Radius um den Mittelpunkt einen Kreis, so schneidet dieser die Scheiteltangenten in 4 Punkten (0, 0', 2 u. 2'); verbindet man diese mit dem Mittelpunkte und verlängert die Verbindungslinien, so entstehen zwei Durchmesser (62' u. 20'), denen sich die Äste der H. immer mehr nähern, ohne je mit ihnen zn- sammenzulaufen; die Ebene wird durch sie in 4 Räume getheilt, sämmtliche Punkte der H. liegen in denjenigen 2, welche die Achse enthalten. Die 2 Durchmesser heißen die Asymptoten der H., das von ihnen gebildete Kreuz das Asymptoten- kreuz. Die Länge eines Hanptdurchmessers ist das durch die H. begrenzte Stück desselben; die Länge eines Nebendurchmessers ist die Länge des zwischen den Asymptoten liegenden Stückes der jenem parallelen Tangente; z. B. ist die Länge der Nebenachse (2 2') gleich dem zwischen den Asymptoten liegenden Stücke der Scheiteltangente (06' od. 22'); ihre Hälfte wird durch b bezeichnet. Der von den Asymptoten gebildete Winkel heißt Asymptotenwinkel; wenn er ein rechter ist, so ist u. die H. heißt gleichseitig. Denkt man sich sämmtliche Nebendurchmcsser einer H. gezogen u. auf jedem 2 Punkte gleichweit vom Mittelpunkte, so daß ihre Entfernung von einander die Länge des betreffenden Durchmessers ist, so liegen alle jene Punkte wieder auf einer H.; diese u. die erste heißen conjugirte H-n (vgl. d. Art. Conjugirt). Wenn die Hauptachse die x- Achse, eine Scheiteltangente die x-Achse ist, so ist die Gleichung der H.: ^ — 2xx -2 ^ x" (Schei- 34 * 532 Hyperbel — telglcichung). Man sieht, daß das Quadrat der Ordinale z- größer ist, als das Rechteck aus Ler^ entsprechenden Abscisse x u. dem Parameter, d. h. als 2px; daher der Name der Curve (Überschuß). Für die Achsen der H. als Coordinatenachseu ist — 1 (Mittelpunktsgleichung der H.). Für die Asymptoten als Coordinatenachseu lautet «2 ir--l-s,2 die Gleichung der H.: x ^ ^—; für ein Paar conjugirte Durchmesser, deren Länge beziehungsweise 2^ u. 2l>i sei, n — ^ — 1s sür ein Polarcoordinatensystem init dem Mittelpunkt der H. als Pol u. der Hauptachse als Achse r ^ l7 -p ko-)8!p (P°largleichung der H.). Um eine H. zu construiren, trage man vom Mittelpunkt O auf der Achse nach beiden Seiten die Länge u ab, wodurch man die Scheitelpunkte L. n. L erhält; in einem derselben, z. B. üt, errichte man eine Senkrechte, mache ^.0 —b u. Li? —LO —06; § u. 0 sind dann die Brennpunkte der H. Nimmt man nun auf der Achse außerhalb einen beliebigen Punkt? an, beschreibt mit als Radius um den einen Brennpunkt, z. B. §, mit M als Radius um den anderen, O, einen Kreis, so schneiden sich die Kreise in 2 Punkten, L u. ü der H. Eine Fadenconstruction der H. ist folgende: Ein Lineal drehe sich um den einen Brennpunkt, ein Faden sei im anderen Brennpunkte und in einem Punkte des Linealrandes befestigt, so daß die Entfernung von diesem bis zum Drehpunkte um 2a größer ist, als die Länge des Fadens; ein Stift, mit dem man während der Drehung des Lineals am Rande desselben den Faden gespannt hält, beschreibt dann ein Stuck der H. Der Fußpunkt des von einem Brennpunkte auf eine Tangente gefällten Perpendikels liegt auf dem über der Hauptachse als Durchmesser beschriebenenKreise; daraus ergibt sich die Construction einer Tangente, welche durch einen beliebigen Punkt geht. Um eine Tangente an einen Punkt der H. zu construiren, verbinde man ihn mit den Brennpunkten u. halbire den von den Verbindungslinien gebildeten Winkel; denn die Tangente halbirt diesen; daher die Eigenschaft der H., daß sie die von einem Brennpunkte ausgehenden Lichtstrahlen so zurückwirft, als ob sie von dem anderen Brennpunkte kämen. Jede Tangente bildet mit den beiden Asymptoten ein Dreieck mit dem Inhalte ab; jedes Parallelogramm, welches von denAsymp- toten u. den 2 von einem Punkte der H. jenen parallel gezogenen Linien gebildet wird, hat den Inhalt H ab; der Inhalt eines von einem H-boge», den von seinen Endpunkten einer Asymptote parallel gezogenen Geraden u. der anderen Asymp- . u b /Xzv tote begrenzten Flächenstücks ist 1 1 I ^ I, wo Xz u. x, die (größere u. kleinere) Entfernung der erwähnten Endpunkte vom Mittelpunkte der H., 1 den natürlichen Logarithmus bedeutet. Die Recti- ficalion der H. ist nur angenähert mittels elliptischer Integrale ausführbar. Die H., sowie deren Hypcrbolos. hauptsächliche Eigenschaften, die man des Weiteren in den Lehrbüchern der analytischen Geometrie fi„, det, war schon den Alten bekannt. Buchrucker. Hyperbel (Rhetor.), so v. w. poetische über- treibuug. Der Ursprung der H., welche als dichterische Figur in affectvollen Schilderungen von großer Wichtigkeit ist, gründet sich auf die ganz natürliche Neigung, bei starken Affecten, wie Furcht, Mitleid, Liebe, Freude rc., die Farben stark aus- zutragen, um eins größere n. lebendigere Wirkung zu erzielen. Aber aus eben diesem Grunde darf die H. auch nur in hochpathetischen Stelle» u. auch hier nur sparsam gebraucht werden, wen» sie nicht ihre Wirkung verlieren soll. Die falsche Anwendung derselben, z. B. bei Schilderung nebensächlicher od. gleichgiltiger Dinge, ist, als Parodie der pathetischen H., ein wirksames Moment komischer Darstellung. Vielfach ist die hyperbolische Redewendung, ihrer metaphorisch-pathetischen Bedeutung entkleidet, in die gewöhnliche Sprache übergegangen, z. B. wenn es bei einer sonst prosaischen Schilderung einer Schlacht heißt: „Das > Blut floß in Strömen", od. „sie standen im Kugelregen" u. dergl. Übertreibungen. SchaAer. Hyperbolisch, 1) was eine Beziehung aufdie j Hyperbel hat, wie H-es Ellipsoid, H-er Spiegel; H-e Logarit hm e n , so v. w. natürliche Logarithmen, oder Nepersche Logarithmen, weil l die Fläche einer gleichseitigen Hyperbel, deren - Halbachse 1 ist, zwischen den Abtissin > x„ u. ^ Io§. nab. ist, mithin die natiir- lichen Logarithmen der Zahlen unmittelbar die Flächen der gleichseitigen Hyperbel geben. H-e Spirale ist eine Spirale, deren Gleichung sür ! polare Coordinaten ist r ^2 wo 1 der -> ! Radiusvector u.

., mitfadensörmigen,niedergestreckten,zweikantigen Stengeln u. kleinen Blüthen mit länglichen Kelchblättern; häufig auf sandigen Aeckern. b) mit stielrundcm Stengel n. drüsig gesägten Kelchblättern: 5) 8. montaonm 1^., kahl mit gedrängtem Blüthenstand; in Laubwäldern; 6.) 8. irir- oinum , zottig, mit lockerem pyramidenförmigem Blüthenstand u. sammtartig behaarten Samen; in Laubwäldern u. Gebüschen. 8. oblonAikoiium LVior's., ein aus den Gebirgen von Nepal und aus Himalaja cingeführter kleiner verästelter, immergrüner Zierstrauch, trägt an den Spitzen der Zweige einzelne große Blüthen. Engkr. Hyperldes, Sohn des Glaukippos, u. im attischen Demos Kollytos im ersten Fünftel des 4. Jahrh. v. Chr. geboren. Ausgebildet durch rhetorische und philosophische Studien in Jsokra- tcsu. Platons Schule, zuerst als Rechtsauwalt tha- tig, trat er auf die Seite der vaterländischen Partei, welcher er auch, wie die mit ihm befreundeten Staatsmänner Lykurgos u. Demosthenes, durch alle Stürme hindurch gegen Philippos, Alexander u. Antipater von Makedonien treu blieb. Er rüstete bei dem Zuge nach Euböa (358) auf eigene Kosten drei Dreidecker aus, verfolgte Len Pyilo- krates nach der unheilvollen Friedensgesandtschaft (346) u. nahm theil an der Expedition nach Byzanz (340). Nach der Schlacht von Chäronea (338) gehörte er zu den Politikern, welche für Len äußersten Widerstand gegen die Makedonier stimmten. Seine Aufforderungen zum Kriege gegen dieselben wiederholte er auch nach dem Tode Philipps, weshalb auch von Alexander d. Gr. seine Auslieferung verlangt wurde. Diesem Verlangen ward nicht gewillfahrt, u. H. rieth mit ruierschllttertcr Kühnheit den Athenienssrn ab, ihre Schiffe zur Flotte Alexanders bei dem großen Feldzuge gegen das persische Reich stoßen zu lassen. 534 Hyperion - Zehn Jahre später zerfiel er mit Demosthenes, der — anders als sein ungestümer Freund — die damalige Zeit nicht zum Widerstand gegen das makedonische Reich für angethan erkannte, und gegen welchen er (324) sogar in dem Pro- cesse über die unterschlagenen Schätze des Har- palos als Ankläger auftrat. Stach Alexanders Tode (323) forderte er wieder zum Ausstande gegen Makedonien aus, trug wesentlich zum La- mischen Kriege bei u. hielt zu Ende d. I. 323 in Kerameikos die Leichenrede zu Ehren des gefallenen Feldherrn Leosthencs. Nach der Niederlage von Krannon (322) floh H., dessen Auslieferung Antipater forderte, nach Ägina, wurde jedoch hier gefangen genommen u. zu Korinth vor Anti- patcr gestellt, welcher ihn grausam umbringen ließ. Bon seinem Privatleben, welches nicht tadellos war, ist wenig bekannt; er hatte Umgang mit der Phryne, die er durch eine seiner Reden vom Tode errettete. Obgleich die Alten 77 Reden von ihm kannten (unter denen aber 25 als zweifelhaft galten), war außer verschiedenen Fragmenten nur ein größeres Bruchstück (aus der, Grabrede für Leosthenes bei Stobäos) erhalten, bis 1848 zu London von Harris u. Arden ziemlich bedeutende Bruchstücke aus der Rede gegen Demosthenes im Harpalischen Proceß erschienen, denen die Reden für Lykophron u. Euxenippos (herausgegeben von Babington, London 1852: von Schueidewin, Gott. 1853) folgten. Alle drei Reden waren von Harris in einem Grabe in den Ruinen von Theben auf einer Papyrusrolle gefunden worden. Hierzu kam ein großer Theil der Rede über Leosthenes, welcher ebenfalls auf einer Papyrusrolle, die 1856 aus Ägypten durch H. Bobart an das Britische Museum verkauft wurde, enthalten ist u. von Babington (Land. 1858), Cobet (Leyd. 1858) u. H. Sauppe (im Philologus, Supplementbaud 1, Gott 1859) herausgegeben wurde. Sämmrliche Neste der Reden des H. herausgegeben von Müller in den Oraborss ubtior (Paris 1848—58,2 Bde.). Vgl. Kießling, Vs vz-xsricks, Hildb. 1737; Schäfer, Demosthenes u. seine Zeit, Leipz. 1858—59, 3 Bde., u. Böhnecke, Demosthenes, Lyknrgos, H. u. ihr Zeitalter (Bd. 1, Berlin, 1874.) H-rtzberg.' Hyperron, Titane, Sohn des Uranos n. der Gäa, von Theia Vater des Helios, der Selene u. Eos; bei Homer so v. w. Helios. Hyperit, s. Hypersthenfels. Hyperkatalektrkos, Vers mit überflüssiger Silbe am Ende; s. Katalexis. Hypermeter, Vers, an dessen Ende eine überflüssige Silbe vorkvmmt, welche mit dem, mit einem Vocal anfangenden folgenden Verse Lurch die Elision verbunden wird. Hypermetropie, Uebersichtigkeit (s. d.) des Auges; vgl. ferner Art. Asthenopie, Augenpflege in den Schuljahren, Brillen. Hypermncstra, Danaide, Verlobte des Lyn- keus; tödtete, ungeachtet des Befehls ihres Vaters Danaos, allein unter ihren Schwestern ihren Bräutigam in der Brautnacht nicht u. wurde deswegen zu Argos von ihrem Vater vor ein Gericht gestellt, aber freigesprochen; deshalb weihte sie der Aphrodite, als der Nikephora (Siegbringerin), - HyPhasts. eine Statue u. der Artemis, welche die Richter beredet hatte, als der Peitho, einen Tempel. Ihr > selbst feierten die Argiver ein Fackelfest, „. der Gerichtsort in Argos hieß Kriterion. Der Sohn der H. u. des Lynkeus war Abas. Hyperöcha (gr.), was nach Befriedigung des Pfandgläubigers von dem Kaufpreise der veräußerten Pfandsache übrig bleibt u. dem Pfand- schuldner herausgegeben werden muß. Hyperorthodox (v. Gr.), in seinen dogmali. schen Ansichten noch über den Kirchenglauben hin- ausgehend, namentlich in der Erklärung von Bibelstellen auch solche wörtlich erklärend, welche offenbar bildlich sind. Hyperoxyd (Superoxyd), heißt diejenige Sauer- stoffverbinduug eines Elementes, welche mehr Sauerstoff enthält, als das Anhydrid der als Base auftretenden Verbindung desselben. Die H-e geben beim Erwärmen oder bei Einwirkung von Säuren einen Theil ihres Sauerstoffs ab und gehen in eine niedrigere Oxydationsstnfe resp. im Salze über. > Hypersthen (Paulit) rhombisches Mineral, meist derb mit sehr vollkommener brachydiagona- ler Spaltbarkeit; pechschwarz, grünlich schwarz und braun mit kupferfarbigem Perlmutterglanz aus den Spaltungsflächen; Härte 6; spec. Gew. 3„—z„; chem. Zusammensetzung wie die des Augits, nnr enthält er weniger od. keinen Kalk, dafür aber mehr Eisenoxydul u. Magnesia. Theils als Geschiebe, theils als Gemengtheil im sogen. Hypersthenfels, neben Labrador, namentlich auf der St. Pauls- ' insel an der Küste von Labrador, Insel Sky in Schottland, Norwegen, bei Harzburg am Harz, New-Sjork, Canada rc. Die schönfarbigen schil- ^ lernden H-e werden zu allerhand Schmuck- n. j Kunstgegenständen verarbeitet. Lehmann.' ^ Hypersthenfels (Hypersthenit, Hyperit, Hy. ! persten-Syenit, Panlitfels u. Schillersels), z. Th. massige Gebirgsart, in rauhen, ungestalteten Felsmassen aus einem körnig krystallinischen Gemenge von Hypersthen u. Labrador, bes. auf der St Paulsinsel an der Küste von Labrador, auf der Westküste von Grönland, in Cornwall, auf Skh u. an mehreren Orten des Harzes. Lehmann.« Hypertrophie (v. Gr.), Vergrößerung eines Organs durch unnatürliche, übermäßige WachS- thumszunahme seiner normalen Gewebe, nicht durch fremdartige Neubildung. l^pkaons (k?as»t».) Palmengatt., ziemlich hohe Bäume mit einfachem oder oberwärts dichotomisch verzweigtem Stamme, fächerförmigen Blättern u. eingeschlechtlichen Blüthen auf verschiedenen Zweigen des Blülhenstandes; die männlichen mit glockigem äußerem u. dreiblättrigem innerem Perigon; die weiblichen mit dreiblättrigem äußerem u. inneren - Perigon u. dreifächerigem Fruchtknoten. Frucht ! eine meist einfächerige Steinfrucht mit holzigem Kern. Wichtige Art: v. tirsbnien Mimt. (Doompalme, Lederpälme), 3—10 m hoher Baum im Nilthal u. Arabien, mit faustgroßen Früchten, deren > faserige Rinde genossen wird, während die Kerne ! zu Rosenkränzen u. anderen Dingen verarbeitet werden. Engl«. Hyphasis, bei den classisch. Geographen Name ^ 1) des indischen Flusses Gharra (s. d. u. Set- Hyphen — HypoALstriurn. 535 ledsch.) 2) des indischen Flusses Bias (Vipasa s. d. u. Pendschab.) Hyphen (gr.), Figur, wenn zwei od. mehrere Wörter als ein einziges zusammengesetztes betrachtet werden, z. B. das Nach-Hause-Gehen. Hyphen, die chlorophyllosen Zellreihen oder Fäden der Pilze u. Flechten. Hyphomycetes, s. Fadenpilze. Hypno . . . (v. Gr.), Schlaf. .. Hypnos (lat. Lownno, gr. Schlaf), Gott des Schlafs, Sohn der Nacht, Zwillingsbruder des Todes, wohnt am Westrande der Erde, am Eingang des Tartaros od. in der Unterwelt selbst. Seiner Macht unterliegen Menschen u. Götter; er bringt ihnen Ruhe u. Vergessen des Leides u. der Arbeit (daher heißt er Bruder der Lethe). Dargestellt als schöner Knabe, welcher, beflügelt, die Müden zur Ruhe geleitet, in der Hand Mohn- kranze od. ein Horn, aus dem er Mohnsamen od. die Träume schüttet. Bei dem Einen erregt er Schlummer durch das Wehen seiner Fittige, bei dem Anderen dadurch, daß er die Augen mit Tropfen aus der Lethe besprengt. Hypnotiea (gr.) so v. w. Schlas machende Mittel. ttxpnum TM. (Astmoos), Laubmoosgattung aus der Gruppe derLlnsLi pIourooarpi mit eiförmig-länglicher od. walzenförmiger gekrümmter Büchse auf glal- temFruchtstiel, gewölbt-kegelförmigen, fast zitzenförmig zugespitzten od. kurzgeschnabelten Deckel u. vollständig entwickeltem Peristom. Zahlreiche Arten sind sehr verbreitet u. von großer pflanzenphy- siogiiomischer Bedeutung. Das verwandte looomlum brigustrum Lr. rr. (ll. triguoirum L)dientgetrocknetzum Polstern,Verpackenrc. Engter. Hypo . . . (gr.), unter . . . Hypobakchlos (Metr.), ein aus einer kurzen u. zwei langen Silben bestehender Versfuß: —- khpocauslum (v. Gr.), 1) gewölbter Ort, der unterwärts durch einen Herd geheizt wird, bes. in Bädern; 2) der unter einem solchen Gemach angebrachte Ösen. Letzterer, so wie der Herd, hieß gewöhnlich Ihpoeaustra. Hypochlorit (grüne Eisenerde), kryptokrystallin- isches Mineral in nierenförmigen, feindrusigen Überzügen, als dichte erdige Masse oder als Anflug. Härte — 6; spec. Gew. — 2,g—3. Zeisiggrün bis olivengrün, schimmernd bis matt mit ebenem od. flachmuscheligem Bruch; Kanten durchscheinend bis undurchsichtig. Besteht aus Kieselsäure, Wis- muthoxyd, Eisenoxydul, Thonerde u. Phosphor- säure. Schneeberg in Sachsen. Lehmann. lixpoodoeeis T-. (Hz-xooliasris, Ferkelkraut), Pflanzengatt, aus der Fam. Oompositas-Liokw- raeoas-ilyxoolwsriäsao (XIX. 1). Hülle dach- ziegelig, Pappus fedrig, Fruchtboden mit abfallenden Sprenschuppen; II. ^iabra Tb., kahl, auf sandigen und lehmigen Äckern; L. rackioaba T,., auf Grasplätzen u. trocknen Wiesen, u. a. Engter. Hypochondrie, ein abnormer Geisteszustand, in welchem die Aufmerksamkeit stets auf den eigenen Körper u. dessen Lebensäußerungen gerichtet ist und das Bestreben besteht, alle Vorkommnisse, namentlich aber krankhafte Erscheinungen auf das Ungünstigste zu deuten. Der Hypochondrist quält sich fortwährend selbst, indem er die geringfügigsten Störungen überschätzt, u. quält andere durch seine Übertreibungen und die ausführlichsten Mit- theilnngen der unbedeutendsten Dinge. Oftmals läßt er sich beruhigen und über seine unrichtige Auffassung belehren, es dauert aber nicht lauge, so hat er eine neue bedenkliche Seite herausgeforscht, od. ein neuer Gegenstand macht ihm Sorge. So geht es Jahr aus Jahr ein, ohne daß der allgemein befriedigende Gesundheitszustand des Hypochondristeu im Stande ist, ihn von seiner krankhaften Geistesrichtung abzubringen. Immer, hiii liegen die Ideen des Hypochondristeu im Bereiche der Realität und würden der Wirklichkeit entsprechen, wenn ihnen die Übertreibung abginge. Dadurch aber unterscheidet sich der Hypochondrist vom wirklich Geisteskranken, dessen Wahnideen aller Wirklichkeit und Möglichkeit widersprechen. Die Ursachen der H. liegen fast immer in eigenthüm- lichen Combinationen von Verhältnissen. Sehr oft waren wirkliche Rückbleibsel von Krankheiten die ersten Veranlassungen zu Besorgnissen, zumal wenn der Kranke eine besondere gegründete Fürsorge für seine Familie besaß. Es gehört aber immer noch die Neigung, sich mit seinem Körper u. dessen Störungen zu beschäftigen, und ebenso, daß die Kenntnis) über derartige Vorgänge nur eine oberflächliche ist, dazu, wenn sich H. entwickeln soll. Aus letzterem Grunde disponiren besonders Halbgelehrte und solche Personen zu H., die nur oberflächliche Kenntniß der Lebensvorgänge haben. Ein schlagendes Beispiel gibt häufig der Mediciner, der in der Stndirzeit oft von allen möglichen Krankheiten ergriffen zu sein wähnt — hat er aus- studirt u. sich eine eingehende Kenntniß erworben, so sind auch die hypochondrischen Ideen verschwunden. Die Behandlung der H. besteht theils in Beseitigung wirklicher Störungen, theils in Belehrung über die unrichtigen Auffassungen Lurch persönliches Wort u. ernstere Studien, theils endlich in Zerstreuung u. Abziehung der Gedanken vom eigenen Körper. Specifische Mittel gegen die H. gibt es nicht, doch wird man durch Ausdauer in der Anwendung der angegebenen Methoden nicht selten zu einem glücklichen Ziele gelangen. Kunze. Uxpoolwnürium (Unterrippengegend), diejenige Gegend des Bauches, die von den falschen Rippen bedeckt wird. Rechts liegt hier die Leber, links Milz u. ein Theil des Magens. Hypocotyl, unterhalb derKeimblätterbefindlich. Hypocykloide (v. Gr.), so v. w. Epicykloide. Hypoderis (gr.), 1) der Unterhals; 2) Hals- band, Kette. Hypoderm, s. Gewebe. U^poäormü, eine von de Vary gebildete Abtheilung der Pilze, deren Mycel unter der Oberhaut mehr oder weniger tief im Innern der Organe, meist in den Jntercellnlarräumen wuchert. Hier- her die Hrsäinsas (Nostpilze) und HstilaAinoao (Brandpilze). Hypodiakönus (gr.), 1) Unterdiener; 2) in der Griechischen Kirche so v. w. Diakonus. Hypodiäresis (gr.), Zerlegung in Unterab- theiluugen. Hypogäon (v. Gr.), Ort od. Gewölbe unter der Erde, Keller, Gruft, Katakombe rc. U^pogsstrium (Unterbauchgegend), diejenige Ge- 536 II^OALKUS gend des Bauches, die in der vorderen Mittel- inie dicht über dem Becken liegt. In derselben liegen einzelne Darmschlingen, die Harnblase und die weiblichen Genitalien. »xpogseua (v. Gr.), unterirdisch, unter der Erde befindlich, wie z. B. die unter der Erde zur Reife kommenden Früchte von der Erdnuß od. Erdeichel. li/poglossus s. Gehirnnerven. Hypogramma (gr.), Unterschrift, bes. die Inschrift am Fuße einer Säule. Hypogynisch, s. Vlüthe II. Hypokorismns (v. Gr.), schmeichelnde, bes. mildernde Benennung für eine schlechte, schimpfliche Sache. Hypokoristikon, so v. w. Dimi- nutivum. Hypokrlsis (Hypokrisie), Nachahmung einer Person, z. B. in Reden, Geberden; Heuchelei, Verstellung; daher Hypokrrtes (Hypokrit), Schauspieler, Heuchler, Meißner. Hypophetes (gr.), Erklärer überhaupt, dann Erklärer des göttlichen Willens, bes. Orakel deutender Priester zu Delphi u. Dodona. Hypophonisch (v. Gr.), zurufend; daher H-er Gesang in der alten Kirche, wenn die Gemeinde die von dem Priester intonirten Psalmen, Gebete rc. durch Schlußworte zu Ende führte od. durch Re- sponsorien beantwortete. Hypopyon, Erguß von Eiter in die vorderste Angenkammer, eine Folge von Entzündung der Hornhaut, der Regenbogenhaut sowie des Ciliar- körpers. Hyporchema (gr.), 1) heiterer Chorgesang aus Apollo, auch anfBakchos, gewöhnlich in kretischen Versen gedichtet, von dem Chor unter Flöten- u. Cilherklang u. Tanz abgesungen u. von Pantomr men mit Geberdenspiel begleitete Fragmente solcher Gesänge von Pindaros, Stesichoros, Bakchhlides, Pratinas, finden sich in Bergks üostas IMei Arrrsei, 3. Aust., Leipz. 1868. Hyposcerüum (gr. Ant.), im griechischen Thea- ter die der Orchestra u. den Zuschauern zugekchrte Wand unter der Bühne, s. u. Theater. Hypospndiasie, ein Formfehler am männlichen Miede, der darin besteht, daß die Harnröhre nicht an der Spitze desselben, sondern an der unteren Seite mündet. Dieser Zustand kommt in Len verschiedensten Graden vor; im höchsten ist die Harnröhre in ihrer ganzen Länge an der unteren Seite gespalten. Das Übel ist als Hemmungsbild- ung aufzufassen (s. a. Hermaphroditismns), die höheren Grade führen dadurch zur Unfruchtbarkeit, daß die Richtung des Samens bei der Ejacnlation eine ungünstige ist. In vielen „Fällen läßt sich durch eine plastische Operation dasüvcl heben. Jahn. Hypostäsis (gr.), 1) so v. w. Wesen, Natur; s. u. Trinität; daher Hhpostatisch, wesentlich, persönlich; Hypostasiren, ein Merkmal eines Gegenstandes selbst zu einem Gegenstand machen, od. es als solchen behandeln; 2) Blutsenkung; 3) als rhetorische Figur die Form des Ausdrucks, durch welche man dem Hörer od. Leser eine Sache recht unter die Augen stellt. Hypostylon (gr.), bedeckter Säulengang. Hypotenuse (v. Gr., die (den rechten Winkels! überspannende sSeites), in einem rechtwinkligen Drei-1 ecke die dem rechtenWinkel gegenüberliegende Seite. ^ — Hypothek. Hypothek (v. Gr., üipmug, Pfa-nd-, Unter- pfandsrecht), dasjenige Recht, welches einem Gläubiger an einer fremden Sache zur Sicherung einer Forderung dahin eingeränmt ist, daß er die verpfändete Sache (das Pfand, auch selbst H. genannt) nöthigenfalls veräußern kann, um sich durch den daraus erlangten Erlös zu befriedigen. I. Das ältere Römische Recht kannte zwei Rechts, institute, aus denen sich das spätere H-enrecht ent- wickelt hat, Isiciucia u. ki^nus. Bei der Pisinei» wurde die Sache, welche dem Gläubiger reelle Sicherheit gewähren sollte, dem Gläubiger zum vollen Eigenthum, aber mit der Nebenverabredmio hingegeben, Laß die Sache dem sie Hingebenden wieder zum Eigenthum znrückllbertragen werde sobald Letzterer seine Befriedigung erhalten habe. Bei dem k?i§nus dagegen wurde die Sache dem Gläubiger bloß mit der Befugniß hingegeben, die L-ache bis zu seiner Befriedigung zu besitzen und nöthigenfalls zum Zwecke der Befriedigung zn verkaufe». Durch das Prätorische Recht wurde hierauf das Pfandrecht als ein Recht eigenthüm- sicher Art in derWeise weiter ausgebildet, daß der Prätor für den Fall, wenn der'Colone für den Pachtzins dem Verpachter seine Sachen verpfändete, dem Letzteren auch eine dingliche, gegen Dritte wirksame Klage (^.etio Lsrviana) gab, damit derselbe sich zum Zwecke der Ausübung des Pfandrechtes in den Besitz der Objecte setzen könne. Indem diese Klage als .sieiic» guasi Lsrviana dann noch weiter auf ähnliche Fälle ausgedehnt wurde, war die Möglichkeit gegeben, auch durch bloße Bestellung einer Sache zum Psande, ohne vorgängig! förmliche Eigenthnmsllbertragung oder wirkliche Hingabe der Sache zum Besitz, dem Gläubiger ein Recht von dinglichem Charakter zur Sicherung seiner Forderung zu gewähren. Dies Recht erhielt den Namen H.; es wurde allmählich so auS- gebildet, daß es das ältere Recht der I'iciuoia ganz verdrängte u. auch dem IsiFuus zu Grunde gelegt wurde. Zwischen ll^potdsoa u. kiZnus ist daher im späteren Römischen Rechte kein Unterschied, mir daß I>lAuu3 gewöhnlicher für das Faustpfand, Uz-potksca für dis Fälle gebraucht wird, in welchen das Pfandrecht ohne Besitzesübertragnng bestellt worden ist. Kein Theil des Römischen Rechts leidet an bedeutenderen Mängeln als gerade dieser. Es hat das seinen Grund zunächst darin, daß die ganze römische Rechtsbildung nur einen abstract logischen u. privatrechtlichen Standpunkt einnahm und daß im Römischen Rechte überhaupt höhere organische Einrichtungen u. Gestaltungendes öffentlichen u. socialen Lebens weder Erkenntniß noch Pflege fanden. Aber der Zweck des Psandrechtes, Sicherheit des Realcredits, kann nur durch solche höhere organische Einrichtungen erreicht werden. Der Angelpunkt alles Pfandwesens liegt darin, daß man sich sichere Kenntnisse von den etwa bereits vorher geschehenen Verpfändungen verschaffen kann. Zu diesem Behufs aber sind besondere justizhohcit- liche Einrichtungen, wie H-bücher od. dgl., unentbehrlich. Eine Voraussetzung hierzu ist die Scheidung beweglicher u. unbeweglicher Sachen, da bei beweglichen Sachen im Allgemeinen der Zweck deS Pfandrechts der Natur der Sache nach überhaupt nicht zu erreichen ist, wenn man sich nicht ledig- Hypothek. 537 lich darauf beschränkt, nur ein Faustpfand (mit Übertragung des Besitzes) zuzulassen. Eine Folge jenes Grundprinzipes ist, daß von stillschweigenden Pfandrechten oder von Verpfändung von ganzen Permögen oder dergl. eine Rede nicht sein kann (Bruns in der Encyklopädie v. Holtzendorff, 1873). Nun ließ aber das neuere Römische Recht nicht nur bewegliche u. unbewegliche Sachen unbedingt als Psandobjecte zu, sondern auch den Nießbrauch, Forderungsrechte u. selbst Pfandrechte. Im Allgemeinen geht ferner nach Römischem Recht dem H-enrechte jede Selbständigkeit ab, es steht u. fällt mit der Forderung, für deren Sicherheit dasselbe bestimmt ist. Endlich entsteht nach demselben die H. sowol durch Übereinkunft (Conventional-H.) als Lurch letztwillige Verordnung, durch richterliche Bestellung (bei Theilungsklagen) n. vor allem auch nur infolge eines Rechtssatzes, in welchem Falle die entstehende H. theils eine General-H. am ganzen Vermögen, theils eine Special-H. an bestimmten Objecten ist. Ein solches specielles gesetzliches Pfandrecht kommt zu: a) demjenigen, welcher zur Wiederherstellung eines zerstörten Gebäudes Geld Largeliehen hat, an dem wiederhergestellten Gebäude; d) Pupillen u. Minderjährigen au den Sachen, welche mit ihrem Gelde von irgend Jemand gekauft worden sind, wegen Erstattung dieses Geldes; o) dem Verpachter eines zum Fruchtbau bestimmten Grundstücks an den daraus gebauten Früchten; ck) dem Vermiether eines Hauses au denjenigen Mobilien, welche der Miether als sein Eigenthum in die Miethwohnung einbringt, wegen der Forderungen aus dein Miethvertrag; «) Vermächtnißnehmern an den aus der Erbschaft erworbenen Gütern des mit dem Bermächtniß Beschwerten (Ouerirten), wegen Auszaytung ihrer Vermächtnisse. Am verhängnißvollsten wirkte das Römische Recht durch die Rangordnung verschiedener Psandgläubiger an ein und derselben Sache. Die Generalregel darüber war, daß zwar die Z eit der Entstehung des Pfandrechtes den Vorzug bestimmt, aber diese Regel ward dadurch durchbrochen, Laß einzelnen Pfandrechten, unabhängig oon dem Alter ihrer Entstehung, durch Rechtsvorschrift ein besonderer Vorzug vor allen anderen Psandrechten eingeränmt ist. Dies sind die sog. privilegirten H-en, ertheilt: a) dem Fiscus, und zwar schlechthin wegen der öffentlichen Abgaben, wegen seiner sonstigen Forderungen aber um in der Weise, daß dieselben einen Vorzug vor gleichzeitig zur Entstehung gelangten Psandrechten Huben; b) dem gesetzlichen Pfandrecht der Ehefrau wegen ihres Heirathsgutes; 1872. Auf die Grundsätze der älteren preuß. H-en- ^ gesetzgebung ist auch der größte Theil den H-en- j s gesetze der übrigen deutschen Staaten gebaut, jedoch ji! mit verschiedenen Verbesserungen und Vereinfach- j! s ungen, u. hat hier namentlich das K önigreich Sachsen '' die Umwandlung des H-enwesens insofern vorbereitet, als es die Aushebung aller stillschweigenden H-en decrelirte. Ein neues, sich durch bes. conse- quente Durchführung der Grundsätze der Publicität und Specialität auszeichneudes H-engesetz erschien unter dem 6. Nov. 1843, erfuhr aber noch einige ! Änderungen durch das bürgerliche Gesetzbuch und Verordnungen von 1865—68. Im Sinne dieses Gesetzes wurden dann in verschiedenen deutschen I > Staaten die bestehenden H-engesetze amendirt. >1 Uber die deutschen (Österreich mit eingeschlossen) ^ Hen-ordnungen überhaupt s. die systematische Zu- p- sammenstellung vonvonMeibom,Deutsch.H-enrecht, Lpz. 1871—76, bis jetzt 7 Bde. — Das französische H-ensysiem empfiehlt sich zwar durch Einfachheit, entbehrt aber auch der Vortheile, welche eine genauere Buchführung, wie sie nach den deutschen H-engesetzgebungen vorgeschrieben wird, bietet. Ein Nachthcil ist das Fortbestehen stillschweigender und Generalh-en. Verbesserungen hat das französische H-enrecht bereits in Belgien und den Niederlanden erhalten. Eine Richtung, welche das H-enwesen in Zukunft nach bisherigen Versuchen zu nehmen scheint, ist die, die Fesseln abzustreifen, welche bisher den Verkehr mit H-en einengen u. ein Institut cessibler H-euscheine zir gründen. Wo neue H-enorduungen eingeführt sind, da ist übrigens auch betreffs der Verpfändung an Mobilien meist als allgemeiner Grundsatz anerkannt, daß an solchen ein Pfandrecht nur durch Faustpfand entstehen kann, wodurch dann die Möglichkeit von stillschweigenden u. privilegirten Pfandrechten auch für die Mobilien von selbst verschwindet. H°arische Creditinstitute und H-enbanken s. Banken u. Creditanstalt. Be^-td.' Hypotheken-Versicherung, s. Versicherungswesen. Hypothese (v. Gr.), Unterstellung od. Voraussetzung; eine Annahme zur Erklärung gewisser Erscheinungen. Reicht eine solche zur Erklärung vieler od. aller Erscheinungen aus, so hat sie einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit. Ist dies aber nicht der Fall, bedarf man hierzu vielmehr noch weiterer H-n (sogen. Hilfsh-n), so vermindert sich die Wahrscheinlichkeit der H. und kann nicht mehr als Erklärungsgrund gelten. Die H. darf nie einen Widerspruch in sich enthalten, ebensowenig dürfen die aus ihr gezogenen Schlüsse ausgemachten Wahrheiten widersprechen. ' Specht. Hypothetici (Hypothetische Universalisten), An- Hänger des Amyraldus, s. d. Hypothetisch, 1) bedingungsweis, so Hypothetischer Satz, s. Hypothese; Hypothetisches Urtheil, ein bedingungsweise ausgesprochenes Urtheil; Hypothetisches Verhält- niß, ein bedingtes (abhängiges) Verhältniß, wie das von Grund u. Folge; 2) ungewiß, zweifelhaft. Hypotypösis (gr.), 1) Umriß, Schattenriß; 2) kurzer Abriß, Entwurf, Handbuch; 3) eine rhetorische Figur, vermöge welcher ein Gegenstand so anschaulich dargestellt wird, daß er vor Angen zu sein scheint. Hypoxanthin, Sarkin, OsHtdkzO, Bestand- theil des Fleisches des Pferdes, des Ochsen, des Hasen, auch in mehreren Drüsen, meist mit Tauthin nachgewiesen. Farblose, mikroskopische Krystall- nadeln, die sich in Alkalien u. Säuren leicht lösen. Salpetersaures Silber fällt aus der ammoniakali- schen Lösung die Verbindung OsLzä-A^tO-i-HzO. Brozlie. Hypsipyle, Tochter des Thoas, Königin von Lemnos. Da die Lemnier der Aphrodite nicht opferten, gab diese erzürnt den dortigen Frauen übelriechenden Athem, weshalb ihre Männer sich thrakische Sklavinnen nahmen. Darüber aufgebracht, tödteten die Lemnierinnen alle Männer, nur H. ließ ihren Vater entkommen. Die bald darnach kommenden Argonauten wurden von den Lemnierinnen ausgenommen, und H. selbst bekam von Jason 2 Söhne, Euneos u. Thoas. Später erfuhren die übrigen Frauen, daß H. ihren Vater gerettet hatte, u. vertrieben sie. Unterwegs wurde sie von Seeräubern gefangen u. zum König Lykos von Theben (od. König LykurgoS von Nemea) gebracht u. sollte bei diesem den Opheltes erziehen; als dieser durch ihre Schuld von einer Schlange 540 Hypsistaricr - getödtet wurde, ward sie eingekerkert, jedoch von ihren Söhnen befreit. Hypsistaricr, eine streng monotheistische, nicht christliche Secte in Kappadokien, welcher der Vater des Gregor von Nazianz vor seinem Übertritt zum Christenthum angehört hatte. Ihr Halten auf Speisegesetze u. den Sabbath weist auf Zusammenhang mit dem Judenthum, während die Verbindung mit dem Parsismus zweifelhaft ist. Eine ähnliche Secte waren die Euphemiten, Eucheten, Massalianer (s. Massalianer). S. Ullmann, Die H., Heidelb. 1823; Böhmer, Berl. 1824. L-M-r. Hypsometer (v. Gr.), Höhenmesser; 1) Instrument zum Messen der Banmhöhen. Allster dem schon im Alterthnm bekannten Meßbrettchen sind verschiedene neuere H. von Greßler (Meßknecht), Winkler (Dendrometer), Fanstmann (Spiegel-H.), Ed. Hetzer u. a. im Gebrauch. 2 ) Insbesondere Kochthermometer, Hypsothermometer (s. Höhenmessnng), ein feines Thermometer, mit welchem aus der Temperatur des siedenden Wassers der Luftdruck bestimmt wird. Bei 760 mm Barometerstand siedet das Wasser bei 100" 0.; bei 99° 6. siedet es unter einein Barometerstand von nur 733,z mm. Das Thermometer muß also noch Ve? ° zu unterscheiden gestatten, wenn man den Barometerstand nur auf 1 mm genau aus den Thermometcrangabcn ableitcn will. Jordan. Hypsometrie (v. Gr.), ein überflüssiges Fremdwort, so v. w. Höhenmessung (s. d.); davon hypsometrisch, ans Höhenmessnng bezüglich; so hypsometrische Aufnahmen od. Messungen—Höhenausnahmen, Höhcnmessnngen. Jordan. Hyrax, so v. w. Klippdachs. Hyrkanicn (das Varkana der pers. Keilschrift), Land in Asten, ungefähr das heutige Masenderan in Persien, gegen N. begrenzt vom Kaspischen Meer, dessen südöstl. Theil deshalb im Alterthum Hz-rosnmm maro hieß, ein von Bergen durchzogenes Land, mit großen Waldungen, in denen Tiger hausten, in den Thälern von großer Fruchtbar- keit, berühmt durch seinen Neichthnm an wildem Honig u. Edelsteinen. H. war das Grenzlaud der iranischen Cnltur n. theilte im Ganzen die Geschicke Persiens. Hauptstadt: Zadakarta. Der Name H. ist noch erhalten in dem heutigen Gur- gan (s. d.). Thielemann. Hyrkönos, s. Hebräer, S. 96. Hyrtl, Joseph, einer der ausgezeichnetsten deutschen Anatomen der Gegenwart, geb. 7. Dec. 1811 zu Eisenstadt in Ungarn; widmete sich den anatomischen Studien ans der Universität in Wien n. wurde bereits 1833 Prosector, 1837 Prof, der Anatomie in Prag u. 1845 in Wien, wo er 1847 Mitglied der kaiserlichen Akademie wurde. Nüchtern, klar u. scharf in der Beobachtung, frisch in der Darstellung, hat er es verstanden, der Liebling seiner zahlreichen Zuhörerschaft zu werden u. seinen Ruf weit über Wiens Mauern zu tragen. Er lebt jetzt in Perchtoldsdorf bei Wien. Das Museum für vergleich. Anatomie ist von ihm errichtet u. in der reichhaltigsten Weise ausgestattet. Berühmt sind seine anatom. Präparate der Gehörorgane, sowie der Hoden n. die Jnjectionen der Haargefäße verschiedener Organe, die eine weite Verbreitung gefunden haben. Er sehr.: Verglei-^ — Hysterie. chende anatomische Untersuchungen über das Gehör, organ des Menschen und der Säugethiere, Praz 1845; Lehrbuch der Anatomie des Menschen mit Rücksicht auf pbysiolozische Begründung u. praktische Anwendung, Wien 1847, 2 Thle., 13. Ausl. 1875, sein beliebtestes u. in verschiedene Sprachen übersetztes Werk; Handbuch der topographischen Anatomie, ebd. 1847, 2 Bde., 6. Ausl. i8?i> Beiträge zur vergleichenden Angiologie, ebd. I85kö Beiträge zur Morphologie der Urogenitalorgane der Fische, ebd. 1850 ; Das uropoetische System der Knochenfische, ebd. 1852; Über die accessori- schen Kiemenorgane der Clnpeaceen, ebd. 1858- Anatomische Mittheilnngen über Mormyrns und Gymnarchns, ebd. 1856; Handbuch der praktischen Zergliedernugskunst, ebd. 1860, ebenfalls sehr be- liebt; Das vergleichende anatomische Museum an der Wiener medic. Facultät, Wien 1865; Orxxto- branobus japonions, gobsckiasina. anatoinienm, ebd. 1865. Thamhayn. «xasopus L., Pflanzengatt, aus der Fam. der I-abiatao-Latursinoas (XlVd, 1.), Kelch cylindrisch- trichtersörmig, mit kahlem Schlund, Oberlippe gerade vorgestreckt, Unterlippe abstehend, dreispaltig, mit größerem, verkehrtherzförmigem Mittellappen. Art: H. oklioinaUo L., Dsop, mit blauen, auch weißen Blumen, in sitzenden Halbqnirlen u. mit lanzettlichen, ganzrandigen Blättern. An sonnigen, felsigen Orten in SEuropa; in Mittel- u. Nord- dentschland in Gärten. Das Kraut (Horba bxs- sopi) wird zu Thee gegen Brustbeschwerden benützt. Engler. Hystasprs (in den pers. Keilinschr. VmtLyxa), vornehmer Perser, Vater des Königs Darms I., ein Mann von großer Bildung, welche er angeblich auf seinen Reisen in Indien erworben n. den Magiern mitgetheilt hatte. Hystaspcs, verlorenes apokryphischeS Buch, aus Citaten bei Justin, Clemens von Alexandrien, Lactanz bekannt, in welchem der alte persische König u. Seher Hystaspes mit Weissagungen auf Christum, ähnlich denen in den Sibyllinischen Büchern, anftritt. LSU-r. Hysterie (Mutterweh), eine Krankheit des weiblichen Geschlechtes, die in einer abnormen Erregbarkeit des Nervensystems besteht, welche sich ihcils durch krampfhafte, theils Lähmungs- erscheinungen ausspricht und sich namentlich durch ein schnelles, ohne entsprechende Gründe stattfindendes Umschlagen der einenÄfsection in eine andere, oftmals entgegengesetzte, kennzeichnet. In allen Fällen sind die Kranken in der Energie ihres Willens geschwächt (nervöse Schwäche) u. ergeben sich reactionslos dem oft wunderlichsten Spiele ihrer Nervenafsectionen. Je nachdem die abnorme Nervenerregbarkeit ihren augenblicklichen Sitz in diesem oder jenem Nervenbezirke hat, beobachten wir allgemeine oder auf einzelne Muskelgrnppen beschränkte Krämpfe (Zuckungen der Gesichts- oder Extremitätenmuskeln), partielle oder allgemeine Lähmungen, Gefllhlsverminderung bis zu völliger Unempfindlichkeit, das vermeintliche Gebärmutter- aufsteigen, d. i. das Gefühl einer vom Unterleibe bis zur Kehle emporsteigenden und dort ein Zusammenschnürer: bewirkenden Kugel (Olsbus), od. die Empfindung eines sich in das Gehirn einbohr- 54 ; Hysterocele — I. enden Nagels (Olrrvus), halbseitigen Kopfschmerz (Migräne), abnorme Geruchseu-.pfindungen — was ! Gesunden übel riecht, riechen Hysterische oftmals gern, wie den Geruch vom Berbrennen von Fe- Lern, Haaren —, Gelcnkschmerzen, ähnlich wie bei Gelenkentzündungen, ohne daß die geringsten Veränderungen an den betreffenden Gelenken erkenn bar sind, allgemeine Lähmung, so daß die Kranken ! Jahre lang im Belte liegen (Bettsucht). Nicht selten wechseln die genannten verschiedenartigsten nervösen Störungen mit einander ab; wo bisher der heftigste Schmerz wllthete, tritt völlige Unempfindlichkeit ein, Gelenke, die Monate unbeweg. lich gehalten wurden, werden auf einmal wieder völlig gesund n. s. w. Immer ist in allen hysteri- scheu Affectionen die elektrische Contractilitär erhalten, während die elektrische Sensibilität vollkommen verloren gegangen sein kann. Die Ursachen der H. liegen theils in einer eigenthiimlichen Prädisposition des weiblichen Organismus überhaupt, theils in direct veranlassenden Momenten. ! Zu letzteren gehören verkehrte, verweichlichende, namentlich die Willensenergie nicht in richtiger ! Weise entwickelnde Erziehung, aufregende Lectüre, der von den Eltern nicht unterdrückte Hang zur Sentimentalität, eine träge Lebensweise n. s. w. In nicht wenigen Fällen fanden sich Krankheits- zustände der Geschlechtsorgane (Eierstocksgeschwülste, Biegungen u. Knickungen der Gebärmutter, un- regelmäßige Menses rc.) u. veranlaßten diese Befunde früher zu der Annahme, daß die H. eine vonGeschlechtsreizung ausgehende Rcflexerkrankung iei. Daß Liese Ansicht falsch ist, geht daraus her- i vor, daß auch H. beobachtet wurde, wo Gebär- j mutter u. Eierstöcke fehlten. Die Behandlung s hat es vor Allem mit einer richtigen Erziehung ! der jungen Mädchen zu thun, mit der Unterdrückung des Hanges zum Phantastischen, mit der Anleitung zu einer vernünftigen, natürlichen Lebensanschauung. Das junge Mädchen muß sich geistig und körperlich abhärteu, Schmerz ertragen, ihre Gemllthsbewegungen bemeistern lernen, die praktischen Thätigkeiten in Küche, Haus u. Garten nicht verabsäumen u. s. w. Da, wo Bleichsucht sich zu entwickeln droht, greife man zur rechten Zeit mil Eisen u. stärkender Diät ein, und sind Fehler an den Geschlechtsorganen, so müssen auch diese dir nöthige Berücksichtigung finden. Gegen die einzelnen Affectionen der H. sind die mannigfachsten Mittel empfohlen u. als augenblickliche auch nicht zu entbehren. So wirken gegen krampfhafte Affection kostiäa, Baldrian, ^.inmoairnn, Oastorsnm, gegen hohe Empfindlichkeit der Hanl Kaltwasserkuren, Seebäder, gegen Schlaflosigkeit Bromkali u. Opium, gegen hyster. Migräne u. Clavus baldriansaures Zink oftmals recht günstig. Bon ganz besonderer Wirksamkeit aber ist die Ausführung praktischer, mit Muskelgebrauch verbundener Thätigkeiten. Kunze. Hysterocele (gr.), Gebärmutterbruch, s. Gebärmutter. Hysteron proteron (griech.), 1) das Spätere früher ob. umgekehrt; daher 2) Redefigur, wenn ein Wort od. Satz demjenigen voransteht, dem et dem Sinne nach folgen sollte; z. B. in N. erzogen u. geboren; vgl. Inversion. Upsteropkpka (Nachsproffer), nach Endlicher aus Thier- und Pflanzenkörpern vegetirende und aus diesen sich ernährende Pflanzen, welche nicht selbst assimiliren, wie die Pilze, Orobanchenen, Cuscu- teen rc.; s. a. Parasiten u. Saprophytcn. Hysteroskopie, die Untersuchung der Gebärmutter durch das ärztliche Auge mit Hilfe des Gebärmutterspiegels. Hystrix, so v. w. Stachelschwein. Hythe, Hafenstadt an der SOKüste der engl. Grafschaft Kent, am Fuße von Kreidefelsen; Theater, Militärschießschule; 3383 Einw. H. ist einer der Cinque Ports (s. d.). Bei H. beginnt der große Militärkanal, der den Nomney-Marsch (jetzt trocken gelegt u. bebaut) umgeht und sich bis nach Rye erstreckt. A Die mit dem Vocal I und dem Consonanten I (Jod) anlautenden Wörter sind, obgleich diese verschiedene Laute sind (s. u. I), doch im vorliegenden Universallexikon nach dem Vorgang der meisten lexikalischen Werke zur Erleichterung des Nachschlagens unter einander gestellt. Die Aussprache ergiebt sich in den einzelnen Fällen meist von selbst; ausnahmsweise ist nur zu bemerken, daß die aus dem Griechischen stammenden Wörter z. B. Jason, Jambus drei- nicht zweisilbig zu sprechen sind. Die indischen, arabischen, chinesischen u. japanischen Wörter, die auch oft nach englischem Vorbild mit N anfangend geschrieben werden, sind hier aufgenommen; ebenso gemäß der neueren spanischen Orthographie die sonst mit T geschriebenen spanischen (z. B. Jeres statt Tcres). Dagegen finden sich die im Englischen mit I. anfangenden indischen n. arabischen Wärter ihrer Aussprache nach unter Dsch. 1,1) als Buchstabe unterscheiden sich I, i u. fl, j (Jod od. Jot) so von einander, daß erster ein Vocal, letzter ein Consonant, oder vielmehr, da er bloß durch die Verdichtung des Vocallautes entstanden ist, ein Halbvocal ist. Von den alten klassischen Sprachen kannte die griechische das j gar nicht, die lateinische erst in späterer Zeit, obwol ein besait» deres Zeichen nicht bestand; dasselbe wurde erst 542 Jaapen — seit dem 16. u. 17. Jahrh. n. Chr. eingeführt. Doch wurde der Consonant, so zuweilen von Cicero, in zwei i dargestellt (maiius, xsiius). Von den orientalischen Sprachen gilt im Hebräischen i, auch für i u. g. Bei Umschreibung des z in arabischen u. anderen orientalischen Wörtern, besonders türkischen, persischen, indischen, wird in neuerer Zeit ost z- gebraucht, weil die Engländer z für den Laut äsob eingesuhrt haben. Auch in der Umschreibung der chinesischen und japanesischen Wörter wird statt des j sehr ost z- gebraucht. Von den germanischen Sprachen hat allein das Gothische ein eigenes Zeichen für g (H). In den hochdeutschen Sprachen erscheint weder in den Handschriften der alt- noch mittelhochdeutschen ein besonderes Zeichen dafür, erst im Neuhochdeutschen ging es mit der Einführung des j in lateinischen Schriften in die deutschen Bücher über. Es ist auch in der ncuerenZeit in die nordischen Sprachen ausgenommen u. in derselben Folge dem Alphabet einverleibt worden; hier steht es auch nach Con- sonanten u. Consonantenverbindungen, wie b, ä, k, ic, sic rc., aber fällt auch vor weichen Vocalen u. Gutturalen aus. Auch im Englischen existirt neben dem i das j u. wird hier wie dsch gesprochen; ebenso brauchen die romanische »Sprachen i u. g nebeneinander, letzteres wird im Französischen und Portugiesischen wie sch gesprochen; im Spanischen fällt es mit der Aussprache des x zusammen, daher auch mehrere Wörter, die man sonst mit x schrieb, jetzt mit g geschrieben werden, z. B. Mejico stattMexico; nur dasJtalienische hat keinen besonderen Lantwerth für g, sondern gibt diesen Laut anderer Sprachen durch §1, A^i wieder, z. B. Cliovanni (Johann), nwMiors (das lateinische inajoi); dagegen dient j oft als Zeichen für ü, u. es kommt vor Vocalen vor, denen sich der i-Laut eng anschließt. Die slavischen Sprachen haben eigentlich kein j; im Altslavischen vertrat 1 die Stelle desselben, doch ist in die Schrift einiger slavischen Sprachen, z. B. der serbischen, das lateinische g emgeführt; im Russischen wird es vor Vocalen vorgeschlagen, aber nicht geschrieben. 2) Als Zeichen, wo nur i nicht j gebraucht wird: a) im Griechischen e — 9, — 9000; b) im Lateinischen: 1 — 1. Aus dem Vermehren dieses I entstehen die größeren Ziffern, so daß die Römer so viele I machten, als sie Einheiten an- ,zeigen wollten, bis sie auf ein höheres Zahlzeichen kamen. Steht vervielfachtes I vor 0 und Ll, so drückt es so viele Hunderte, Tausende aus, so IIO — 200, IIILl — 3000 rc., wobei man der Deutlichkeit wegen besser einen Strich über die ganze Zahl setzt, da 110 auch für 98 vorkommt. Z) Als Abkürzung: s.) in Inschriften, Handschriften rc., I. — Imperator, in rc., ü. — Johann, Jakob, Jahr, jure rc.; b) auf älteren französischen Münzen die Stadt Limoges; die Türken und wurde vom Kaiser Leopold zum deutschen Reichssürsten erhoben, was Karl VII. für seine Nachkommen erneuerte; er st. 1702; seine Tochter Anna wurde Mutter des Königs Stanislaus von Polen. 2) Jos. Alex. Pruß, Fürst von Jablonow, geb. 4. Febr. 1712, Sohn des i polnischen Krongroßfähndrichs Alex. Johann I.; wurde Wojewode von Nowgorod, 1743 deutscher Reichssürst, wanderte aber infolge der Unruhen 1768 aus und ließ sich in Leipzig nieder, wo er 1768 unter den akademischen Gelehrten die noch bestehende J-sche Gesellschaft (über sie s. Akademie, X. §) S. 330) stiftete u. 1. März 1777 starb; er schr.: Vinäiciao lwobi sb Orseiu, Lpz. 1770, vermehrt, ebd. 1775. Lagai.» Jablonski, Daniel Ernst, Protestant. Theolog, Sohn des Predigers Fignlus, nach seinem Geburtsorte Jablunkau I. genannt, geb. 26. No». 1660 iu Nassenhuber bei Danzig, pastorirte seit 1683 in Magdeburg u. seit 1686 in Lissa, wurde 1609 Hofprediger in Königsberg u. 1693 in Berlin: 1698 von dem Bischof der Böhmischen Brüder in Polen zum Bischof gewählt, weihte er 1737 Zin- zendorf zumBischos der böhmischen Brüdergemeinde; in Berlin 1718 zum Consistorial- u. 1729 zum , Kirchenrath erhoben, starb er 25. Mai 1741; er war mit Leibniz besonders in Uuionsversuchen zwischen Lutheranern u. Reformirten thätig und schr. u. a.: Histoiia eonssusus Lsnäomirlsnsis, Berl. 1731; llura ob libortatss äissicisntium in kolonia, und gab das A. T. hebräisch heraus, Berl. 1699. «Mr. Jablunkau (Jablnnkov), Stadt im Bez. Tischen des österr. Herzogthums Schlesien, südl. von Teschen, am Zusammenfluß der Lomna u. Oha, 543 Jaborandi — Station derKaschau-Oderberger Eisenbahn; Leinenweberei, 5 Jahrmärkte; 2123 Ew., Gemeinde mit Biala 3026. In der Nähe der Jablunkapaß (601 m hoch), der von Loschen, südwärts das Thal der Olsa hinauf, über I. bis Csacza am Kissucz im migarischen Comitate Trenczin führt; eine lange Gebirgsschlucht ohne Seitenverbindungen, die früher durch zwei Forts vertheidigt wurde. Durch ihn führt die Straße von Oberschlesien nach Ungarn u. die Kaschau-Oderberger Eisenbahn. Die zwei jetzt demolirten Forts wurden 1521 zum Schutz gegen die Ungarn errichtet; 1625 wurden sie von Mansfeld und 1645 von den Schweden unter Königsmark erobert; auch im Siebenjährigen Kriege wurden sie wiederholt gestürmt. H- Berns. Jaborandi, schweißtreibendes Arzneimittel, s. kiiooarxao. labst (franz.), Kropf der Vögel; Hemd- und Brustkrause. Jaea, befestigte Stadt in der span. Provinz Huesca, auf einem Hügel am linken Ufer des Aragon, von alten zinnengekrönteu, mit gothischen Thoren und Thürmeu versehenen Mauern umgeben; Citadelle, Bischofssitz, Kathedrale; 3600 E. I. hieß im Alterthum Jacca u. war die Hauptstadt der Jaccetani, die sich vom Jberus bis zu den Pyrenäen ausbreiteten; sie wurde 778 von Karl d. Gr. erobert. Hier 1060 Concil, auf dem der römische Ritus in Aragonien eingeführt wurde. laoarsnäa -/nss., Pflanzengattung ^aus der Familie der Lignooinosa.o-Ia,onra.nckeas (XIV. 2). Südamerikauische Bäume mit gegenständigen, gefiederten Blättern u. großen blaueu od. violetten, in Rispen stehenden Blüthen; Frucht eine ei förmige, zusammengedrückte Kapsel. Etwa 30 Arten; wichtig: I. xroeora, in Guiana; die Rinde wird wie Limniuba. gegen die Ruhr gebraucht, der Saft der Blätter gegen die Frambösie; I. drn- siilann die Früchte geben gekocht einen genießbaren Brei (Manipoy); unreif enthalten sie ein als Seife dienendes Mark; auch kommt von diesem Baume das zu feinen Tischlerarbeiten verwendete Jacaranda-, Palisander- od. brasil. Zuckertannenholz; dieses wird in Blöcken von 20 Zoll Breite eingeführt; das beste kommt von Rio de Janeiro, die zweite Sorte aus Bahia und die geringste aus Ostindien; eS ist schwärzlich oder bräunlich, mit dunkleren Adern od. Streifen. Engler. Jaeent (v. Lat.), liegend; J-e Güter, verlassene Güter. Jachin u. Boas, die beiden ehernen Säulen an der Halle des Thors im Tempel zu Jerusalem, diese zur Linken, I. zur Rechten; nach Einigen standen sie frei, nach Anderen waren sie Träger für das Dachgebälke der Vorhalle; die Höhe betrug nach den Büchern der Chronik 35 Ellen, nach Neueren bloß 23, bezw. 18 Ellen. Jachmann, Eduard Karl Emanuel, deutscher Viceadmiral, geb. 2. März 1822 in Danzig, trat 1839 in die preuß. Marine, wurde 1845 Ma- rinelieutenaut u. arbeitete 1852 als Decernent in der Marineabtheilung des Kriegsministeriums in Berlin u. machte 1853 f. als erster Lieutenant auf der Gefiou eine Reise nach Amerika mit. Dann Oberwerftdirector in Danzig, Corvettencapitän u. 1857—59 Director einer Abtheilung der Admirali- Jackmaschine. tät, nahm er, Sept. 1859 zum Capitän der See ernannt, als Commandant der Fregatte Thetis, an der preußischen Expedition nach Östasien theil. Nach der Rückkehr, 1862, wurde er Chef des Stationscommandos der Ostsee in Danzig u. bestand 17. März 1864 das Seegefecht an der Ostküste Rügens mit dem überlegenen dänischen Geschwader, wofür er zum Cvntreadmiral ernannt wurde. 1864—67 war er Chef der Marinestation in Kiel, wurde 1867 Vorsitzender des Marineministeriums u. 1868 Viceadmiral. Im Französ. Kriege, 1870—71, war er Oberbefehlshaber in der Nordsee, wurde, nachdem 1871 das Seewesen an das Deutsche Reich übergegangen war, Oberbefehlshaber der gesammteu deutschenSeemacht,trat aber 31. Dec. 1871 in den Ruhestand. Schroot.* Jacht, ein Fahrzeug der Handelsmarine, bez. für Lootsen- u. Zolldienst, mit einem Deck und einem Mast, der bei den kleineren J-en ein Pfahlmast, bei den größeren mit einer Stenge versehen ist. Die Hauptsegel der I. sind ein großes Gaffel- u. große Stagsegel u. als Aushilfe eine Brefock; zu diesen kommt bei den mit Stenge versehenen ein Gafftopsegel und ein Bramsegel. Vermöge dieser Takelage und ihrer bootartigen Form besitzen die J-en eine große Manövrirfähigkcit, so daß sie den Typus für Vergnügungsboote (in früheren Zeiten auch Herren- oder Spiel-J-en genannt) geliefert haben, für welche jedoch im Deutschen der Unterscheidung wegen die englische Schreibweise Jacht gebräuchlich geworden ist. Vor der Anwendung des Dampfes dienten Jachten viel zur Beförderung von Nachrichten, Palleten u. Briefen von Ort zu Ort u. hießen dann Avis- oder Post-J-en; es gab auch armirte J-en, die im Kriege als Depe- schensahrzeuge benutzt wurden. (Vgl. auch Huker u. Eisjacht.) Jacini, Stefano, ital. Staatsmann u. Nationalökonom, geb. 1827 zu Casalbuttano bei Cremona, studirte auf italienischen und ausländischen Universitäten Jura n. Staatswissenschaften, bildete sich weiter auf Reisen aus, wurde durch die Preisschrift über die Zustände des Grundeigenthums in der ackerbautreibenden Bevölkerung bekannt u. Mitglied des Instituts zu Mailand, ging eifrig gegen die österr. Verwaltung in Italien vor u. gründete zu dem Behufs auch die ?srse- verarmn, die er Cavours Plänen zur Verfügung stellte, erhielt Juli 1860 das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten im Cabinet Cavour, gab es Juni 1861 ab, um es im Sept. 1864 unter La- marmora wieder zu übernehmen u. behielt es auch unter Ricasoli. Er hat sich um das Verkehrswesen, bes. auch um die Gotthardbahn verdient gemacht. Seit 1867 von seinem Posten zurückgetreten, schrieb er: Duo nnni äi palitioa italiann, Mail. 1868; Geschichte seines Ministeriums. Lagai. lack (engl.), englisches Diminutivum von John, Spitzname der engl. Matrosen. I. kuäcking, die lustige Person auf dem engl. Theater; vgl. Hanswurst. Jackmaschine (Spulenmaschine), durch den Clyer verdrängte Vorspinnmaschine für Baumwolle, mit einer horizontalen Spule zum Aufwickeln des Bandes, welches sich um eine vertikale Achse dreht, um dem Bande die Vordrehuna zu geben. 544 Jackson. Jackson, 1) Counties im Gebiete der nord- amerik. Union: n) in Alabama, u. 35° n. Br. u. 86" w. L.; 19,410 Ew. Countysitz: Belle, sonte. b) in Arkansas, u. 35" u. Br. n. 91" w. L.; 7268 Cw. C-sitz: Jacksonport o) in Florida, u. 31" n. Br. u. 85" w. L.; 9528 Ew. C-sitz: Saunders Hill, ä) in Georgia, u. 34" n. Br. und 83" w. L.; 11,181 Ew. C-sitz: Jefferson. es in Illinois, n. 37" n. Br. und 89" w. L.; 19,634 Ew. C-sitz: Murphysboro. k) in Indiana, u. 38° n. Br. n. 64" w. L.; 18,974 Ew. C-sitz: Brownstown. A) in Iowa, u. 42° n. Br. u. 94" w. L.; 22,619 Ew. C-sitz: Andrew, ir) in Kansas, u. 39" n. Br. u. 96" w. L.; 6053 Ew. C-sitz: Holton. i) in Kentucky, u. 37" n. Br. u. 84" w. L.; 4547 Ew. C-sitz: Mac Kee. Ic) in Louisiana, u. 32° n. Br. und 92° w. L.; C-sitz: Vernon. 1) in Michigan, u. 44° n. Br. u. 84" w. L.; 36,047 Ew. C-sitz: Jackson, am Grand River, betriebsame Stadt, einer der Hanpteisen- bahnknotenpunkle des genannten Staates, Staats- gefängniß, 11,447 Ew.; reiche Kohlengruben in der Rahe, m) in Minnesota, u. 44° n. Br. n.95° w. L.; 3667 Ew. C-sitz: Jackson, n) in Missouri, u. 39" n. Br. u. 94" w. L. ; 55,041 Ew. C-sitz: Jndepen- deuce. o) in Nord-Carolina, n. 35" n. Br. n. 83" w. L.; 6,683 Ew. L-sitz: Webster, p) in Ohio, u. 39« n. Br. u. 82° w. L.; 21,759 Ew. C-sitz: Jack- son. g) in Oregon, u. 42" n. Br. u. 122" w. L.; 4778 Ew. C-sitz: Jacksonville. r) in Tennessee, u. 36° n. Br. u. 86° w. L.; 12,583 Ew. C-sitz: Gainesboro. n) in Texas, unter 29" n. Br. und 96" w. L.; 2278 Ew. C-sitz: Texana. 4) in West-Virginia, u. 39" n. Br. und 81° w. L.; 10,300 Ew. C-sitz: Ripley. n) in Wisconsin, u. 44° n. Br. n. 90 w. L.; 7,687 Ew. C-sitz: Black River Falls. 8) Hauptstadt des Staates Mississippi, am Pearl River, Kreuznngspnnkt der von New-Orleans nach stk. u. der von Charleston nach W. führenden Eisenbahnen, Staatsgefängniß, Staatenhaus, Irrenanstalt, Landamt; 4234 Ew. Die Stadt wurde im Juli 1863 von dei^Unions- truppen eingenommen u. verwüstet. 3 ) Sitz des Madison County, Tennessee, am Forked Deer River, Vereinigungspunkt der von New-Orleans n. Mobile nach N. ausgehenden großen Eisenbahnlinien, 4119 Ew. 4 ) (kort ll.) Großer Hafen (Bucht) an der Ostküste der Grafschaft Cumberland der engl. Kolonie Neu-Süd-Wales (Australien), an der Ostspitze desselben liegt die Stadt Sidney. Jackson, 1) Andrew, Nordamerika!!. Staatsmann, 7. Präsident der Vereinigten Staaten von NAmerika, 1829—1837, geb. 15. März 1767 aus dem Landgute Waxhaw (S. Carolina), frühzeitig verwaist u. ohne ordentliche Schulbildung, wurde er 1782 Freiwilliger in der Armee, stndirte seit 1784 die Rechte u. ward 1787 Advocat in Salisbury in NCarolina, 1788 öffentlicher Ankläger in Tennessee, zog dann nach Nashville in Tennessee u. leistete hier als Milizoberst durch Vertreibung der Indianer von den Grenzen wichtige Dienste. Als Tennessee in die Reihe der Unionsstaaten eintrat, wurde I. Mitglied des Bürgerausschuffes, bald darauf Repräsentant und 1797 Senator für Tennessee beim Congreß in Washington, gab aber, als die Föderalisten vorherrschend wurden, diese ! Stelle auf und wurde 1799 Oberrichter in Tennessee, zog sich jedoch später auf sein Landgut am Cnmberlandflusse zurück. 1812, beim Ausbruch des Krieges mit England, erhielt er als General, major vom Congreß den Oberbefehl über die Mi- lizen, schiffte mit 2500 Mann den Mississipi hinab um Neworleans gegen einen Angriff zu schützen' kehrte dann nach Tennessee zurück, vertrieb die von den Spaniern unterstützten Creek-Jndianer u. nahm Pensacola, vertheidigte 1814 Louisiana gegen ein weit überlegenes britisches Heer und schlug dasselbe 8. Jan. 1815. Nichts desto weniger wurde er wegen seiner energischen Maß. regeln, die man ihm als Eigenmächtigkeiten aus- : legte, zur Verantwortung gezogen, n. als er sich l der Verhaftung entzog, mit einer großen Geldbuße ! belegt. 1816 — 21 focht er glücklich gegen die Indianer und nahm 1821 das von Spanien abgetretene Florida in Besitz, zog sich daraus in das Privatleben zurück, wurde aber 1824 wieder zum Senator für Tennessee gewählt. 1824 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vorgeschlagen, mußte er Ouincy Adams weichen. 1828 setzie jedoch die demokratische Partei seine Erwählung durch. I. bestieg 4. März 1829 den Präsidentenstuhl und zeigte nach außen Friedensliebe, nach innen Mäßigung, beförderte überall parteilos die Grundsätze einer freisinnigen Politik u. die Ausbreitung des Handels; 1832 wurde er wieder erwählt u. bekleidete den Präsidentenposten bis 1837. Jetzt trat er namentlich den Drohungen SCarolinas, sich von der Union zu trennen, ent- ' gegen, sowie allerdings unter heftigen Kämpsen den die Geldaristokratie allzusehr begünstigende» Bankprivilegien. Nach Van Bürens Wahl zum ! Präsidenten zog er sich von den öffentlichen Angelegenheiten ganz zurück und st. 8. Juni 1845 > auf seinem Landgute Hermitage bei Nashville. Ihm wurde 1853 in Washington eine Neiter- statue errichtet. Vergl. A. Kendal, I-iks ok ä.. ö., xrivats, militari anä civil, New-Aork 1842; I. Parton, lüks ok ll., ebd. 1860, 3 Bde,; von Holst, Die Administration A. J-S, Düsseldorf 1874. 2 ) Thomas Jonathan, gen. Slone- wall, berühmter föderalistischer General, geb. 21. Januar 1824 in Clarksburg (Virginien), wurde auf der Akademie in Westpoint militärisch aus- gebildet, 1846 Artillerieoffizier und machte 1847 den Krieg gegen Mejico mit, in welchem er rasch zum Major avancirte; nach dem Frieden wurde er 1848 Commandant vom Fort Hamilton > u. 1852 Lehrer der Mathematik an der Kriegs- > schule zu Lexington. Bei Ausbruch des Bürger- j krieges trat er in die slldstaatliche Armee, erhielt das Commando der ersten virginischen Brigade, s zeichnete sich 2. Juli 1861 bei Martinsburg aus > und entschied den Sieg am Bull Nun 21. Juli (erhielt hier seinen Beinamen Stonewall), wurde Generalmajor u. erhielt den Befehl in WVirginien, wo er Fremont u. Rosecrans im Shenandoahthal beschäftigte n. 25. Mai 1862 bei Winchester den General Banks schlug, aber von Fremont 8. Juni bei Croß Keys besiegt ward. In der Itägigen Schlacht vor Richmond warf er 27. Juni die Unionisten unter Porter bei Gaines-Mills, unter- 545 Jacksons Rivcr — Jacobi. lag dagegen 1. Juli bei Malvernhill. Dann vereinigte er sich mit Lee u. half die Unionisten unter M'Clellan an den James River zurück- ! werfen; vor Pope mußte er 9. Aug. bei Cedar ! Mountain weichen, besiegte denselben aber in der 2. ! Schlacht am Bull Run 30. Aug. Harpers Ferry, ! welches er darauf 14. Sept. durch Capitulatiou er- ! hielt, mußte er bald wieder verlassen u. zog sich nach j der Schlacht am Antietam nach Virginien zurück, ! nahm 13. Dec. an dem Siege bei Frederiksburg über Burnside theil, wurde zum Generallieuteuant befördert und trug 2. Mai 1863 wesentlich zum Siege bei Chancellorsville über Hooker bei. Am Abend der Schlacht auf einer Recognoscirung wahrscheinlich aus Jrrthum von eigenen Leuten verwundet, starb er 10. Mai 1863 in Guineas Station. Biographien von Coole u. Dabney, beide New-Uork 1866. In Richmond wurde 26. Oct. 1875 seine Statue enthüllt. i> Bartling.» L) Schroot. Jacksons River, Hauptquellenfluß des James River, s. d. Jacksonville, Countysitze in den nordamerik. ! Unionsstaaten, darunter 1) von Duval County, Florida, am St. Johnsfluß, Endpunkt der von i New-Orleaus nach O. führenden Eisenbahnen, ! lebhafter Holzhandel; 6912 Ew. 3) Von Mor- gan County, Illinois, am Mevestar Creek, Eisenbahnknotenpunkt, Illinois Coll' ge (mit Bibliothek), Taubstummen-, Irren- und Blinden-Jnstitut; S203 Ew. Schroot. Jackstag (Seew.), ein dünnes Tau od. eine eiserne runde Stange, der Länge nach auf der Oberkante der Raaen in einer Reihe von Punkten derart befestigt, daß zwischen I. u. Raa eben noch Spielraum bleibt, um den Finger hindurchzustecken. An dem I. wird das Oberliek des zu der Raa > gehörigen Segels mit Kabelgarnen befestigt. Jaemek, Arrondissementshauptstadt der Republik Haiti mit sicherer Rhede, etwa 6000 Ew., i aeaen früher sehr heruntergekommen. Jacob, s. Jakob. Jacob, P. L., auch 4. 1ö biblioxbils, Pseudonym sür P. Lacroix. Jaeobäa (Jacobe), 1) I. von Holland, auch von Bayern genannt, geb. 1401, Erbtochter Wilhelms VI. von Bayern, Grafen von Holland u. Hennegan. Sie war 1415 vermählt an Johann, Dauphin von Frankreich (starb 1417), ! folgte ihrem Vater 1417, Heirathete dann den ' Herzog Johann IV. von Brabant, trennte sich wegen angeblich zu naher Verwandtschaft und vermählte sich 1423 mit Herzog Humphrey von Gloucester. Nun erhob sich der von ihr verstoßene Johann von Brabant und nach dessem plötzlichen Tode ihr Vetter, Philipp der Gute von Burgund, gegen ' sie; nach langem Streite verglich sie sich mit ihm gegen Anerkennung ihrer Regieruugsrechte dahin, ohne Einwilligung desselben keine neue Ehe einzugehen, heirathete aber doch 1432, nachdem sie 1430 von Gloucester sich getrennt, insgeheim ; 1432 den Edelmann Franco von Borsele. Philipp ließ diesen gefangen nehmen, worauf I., um ihrem Gemahl das Leben zu retten, ihrem Vetter 1433 ihre Länder abtrat. Aus Gram ^ über ihr Mißgeschick st. sie, eine, wenn auch leicht- ^ sinnige, doch immer edeldenkende Frau, 1436 Pierers Univerlal-ConversationL-Lerikon. 8. Aufl. X. auf Schloß Teilingen am Rhein. Vergl. Löher, I. von Bayern, Nördl. 1862—63, 2 Bde. 3) I. (Jacobe, Jacobine) Herzogin von Jülich, Tochter des Markgrafen Philibert jvon Baden u. Mechtildens von Bayern, geb. 16. Jan. 1558, wurde, obgleich ihre Eltern Protestanten waren, nach deren Tode bei ihrem Oheim katholisch erzogen u. heirathete 16. Juni 1585 Johann Ml- Helm, Sohn des Herzogs Wilhelm IV. von Jülich; als er 1592 seinem Vater folgte, wurde er blödsinnig, und nun trieb I. an ihrem Hofe zu Düsseldorf ein so schändliches Leben, daß die Land- stäude 1595 auf dem Landtage zu Grevenbroich sie ihres Antheils an der Regierung entsetzten, einkerkerten und Klage gegen sie beim Kaiser erhoben. Vor Entscheidung des Processes fand man sie im Sept. 1597 in ihrem Bett erdrosselt. Vgl. Haupt, I., Herzogin von Jülich, Kobl. 1820; Kugler, I. (Drama), Stuttg. 1850. Lag«.» Jacobellus von Mies, s. Jakob 22 ). Jacöbi (ckavobi äios), Namenstag des Apostels Jakob, der 25. Juli. Jacobi, 1) Johann Georg, deutscher Dichter, Sohn eines reichen Fabrikherrn, geb. 2. Dec. 1740 zu Düsseldorf; studirte in Halle u. Helmstädt Theologie u. wurde Professor der Philosophie u. Beredtsamkeit in Halle u. 1769, durch Gleims Einfluß, Canonicns in Halberstadt, 1784 Professor der Schönen Wissenschaften zu Freiburg im Breisgau u. st. hier 4. Jan. 1814. I. wurde seiner Zeit als Dichter sehr geschätzt. Er schrieb zuerst: Poetische Versuche, Düsseld. 1764; Werke, Halberst. 1770—1774, 3 Bde., von ihm selbst gesammelt, Zür. 1807—13, 7 Bde., Taschenausgabe, ebd. 1819—22, n. Aufl. 1826, 4 Bde., u. gab außerdem heraus: Iris, Quartalschrift, Düsseld. u. später Berl. 1775—78, sowie mehrere Jahrgänge Taschenbücher. Vgl. Lebensbeschreibung von Jttner, Zür. 1825; Martin, Ungedruckte Briefe von u. an I. G. I., Straßb. 1874. 3) Friedrich Heinrich, deutscher Philosoph, geb. 25. Jan. 1743 zu Düsseldorf, Bruder des Vor., wuchs in pietisiischer Umgebung ans. Sein Vater schickte ihn 1759 als Haudlungslehrling nach Frankfurt a. M., von da kurze Zeit später nach Genf, wo er sich bis 1762 aufhielt. Bonnet, der fromme Naturforscher, wirkte mächtig auf die Richtung seines Geistes; aber dasselbe that auch, u. noch in höherem Grade, Rousseau durch seine Schriften u. durch seine Freunde, mit welchen I. verkehrte. Aus den Wunsch seines Vaters trat er in dessen Handelsgeschäft ein, und übernahm 1764 die Leitung desselben. In demselben Jahre trat Jacobi mit der geistreichen Betty von Clermont (aus der Gegend von Aachen) in eine höchst glückliche 20- jährige Ehe. Außerdem wurde sein Leben durch persönlichen Umgang und Briefwechsel mit vielen Koryphäen unserer Literatur verschönert u. gehoben. Nachdem ihn der Statthalter von Düsseldorf 1772 in die Hofkammer ausgenommen hatte (ein Amt, dem der Philosoph alle Ehre machte), gab er sein Handelsgeschäft aus. Seinen ersten philosophischen Roman veröffentlichte er 1775—76 in der Isis u. im Deutschen Merkur unter dem Titel Eduard Allwills Papiere (Eduard Allwills Briefsammlung, Bresl. 1781, Ausg. letzter Hand, 1826). 1777 Band. 35 546 Jacob i. folgte im Deutschen Merkur der Anfang seines zweiten Romans Freundschaft u. Liebe (Woldemar, Eine Seltenheit aus der Naturgeschichte, FlenSb. 1779, 2 Bde.; Woldemar, Ausg. letzter Hand, Lpz. 1826). 1779 wurde I. als Geheimrath nach München berufen, fiel aber hier durch freimüthige Kritik des bayerischen Zollsystems in Ungnade u. kehrte nach Düsseldorf zurück. Die Tvmmer- monate verbrachte er in glücklicher Muße auf seinem anmuthigen Landsitze in Pempelfort. 1785 gab er in Breslau die für die Geschichte der Philosophie bahnbrechende Schrift: Über die Lehre des Spinoza in Briefen an Mendelssohn (2., sehr vermehrte Ausl., 1789) heraus, worin er Lessings Übereinstimmung mit dem tiefsinnigen Pantheisten behauptet. Mendelssohns Antwort u. J-s Replik, namentlich aber der durch diesen Streit beschleunigte Tod Mendelssohns richteten gegen I. den Haß der populär-philosophischen Berliner Aufklärung. Als Ergänzung der Spinoza-Briefe u. als Opposition gegen den Kantianismns folgte: David Hnnie über den Glauben, oder Idealismus und Realismus, Bresl. 1787. Die französische Revolution flößte dem Philosophen, bei aller politischen Freisinnigkeit, die ihn beseelte, Mißtrauen ein, und ihre verderblichen Wirkungen auf unser Vaterland bewogen ihn 1794 zur Übersiedelung nach Holstein, wo er 10 Jahre blieb und hauptsächlich in Enkendorf, Wandsbeck u. Eutin wohnte. In dieser Zeit schloß er mit Reinhold ein Bünd- niß inniger Freundschaft. 1801 veröffentlichte er die Schriften: Über das Unternehmen des Kriticismus, die Vernunft zu Verstände zu briugen (in Rein- holds Beiträgen, die in Hamburg erschienen) u.: lieber eine Weissagung Lichteubergs. Nachdem ereilten großen Theil seines bedeutenden Vermögens eingebüßt hatte, nahm er 1805 eine ihm angebotene Stelle an der neuerrichleten Akademie der Wissenschaften in München an; 1807 wurde er zum Präsidenten dieses Jnstitus erhoben. Die Angriffe, die er in dem Buche: Von den göttlichen Dingen u. ihrer Offenbarung, Lpz. 1811, 2. Aufl. 1822, gegen die Naturphilosophie richtete, veranlaßen eine rücksichtslose Erwiderung Schillings. 1813 wurde I. auf sein Nachsuchen pensionirt. In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte ihn noch die Sammlung seiner Werke, die Fr. Köppen vollendete (sie erschien Leipz. 1812—24 in 6 Bdn.). I. st. 10. März 1819. Vgl. Erdmann, Versuch einer wissenschaftlichen Darstellung der Geschichte der neueren Philosophie, Bd. 3, Abth. 1, S. 317 ff., u. unseren Artikel: Deutsche Nationalliteratur, S. 216, 222 ff. J-s auserlesener Briefwechsel, herausgegeben von F. Roth, Leipz. 1825 bis 1827; 2 Bde. Briefe an F. Bouterwek, herausgegeben von Majer, Göttingen 1868; Zöppritz, F. H. J-s Nachlaß, Leipz. 1869, 2 Bde.; Kuhn, I. und die Philosophie seiner Zeit, Mainz 1834; Deycks, I. im Verhältniß zu seinen Zeitgenossen, Frankfurt 1848; Zirngibl, J-s Leben, Dichten u. Denken, Wien 1867. 3 ) Moritz Hermann, berühmter Physiker, geb. 21. Septbr. 1801 zu Potsdam, wendete sich dem Baufach zu, etablirte sich in Königsberg, wo sein jüngerer Bruder Karl Gustav, der berühmte Mathematiker, seit 1827 Proseffor war. 1835 folgte er einem Rufe nach Dorpat, doch blieb er nur bis 1837, da er besseren Verfolgung seiner Bemühungen, die Elel. tricität praktisch zu verwerthen, nach St.Petersburg überzog. Schon 1835 hatte er in Potsdam eine Schrift: 8ur l'apxlioatior, äs 1'slsotro-maMstismo au mouvsmsub äss maeläuss erscheinen lassen- diesen Bestrebungen blieb er fernerhin treu und konnte durch reiche, ihm zur Verfügung gestellte Geldmittel in St. Petersburg sein constructivez Talent im reichsten Maße entfalten. Seine Studien führten ihn 1838 zur Entdeckung der Galvanoplastik. Dann conflruirte er 1839 eine I größere elektro-magnetische Maschine mit St Groveschen Elementen u. 1 Pferdekraft, welche ein mit 14 Personen bemanntes Schiff auf der New, gegen die Strömung in Bewegung setzte. Anfangs der 40er Jahre stellte er eine unterirdische Tele- grapheuleitung zwischen St. Petersburg und Zarskoje Selo her u. construirte neue höchst sinnreiche Telegraphen-Apparate, die aber niemals beschrieben wurden; nur eine Abhandlung über seinen stlöls^raplis slsetrigus naval erschien 18SS. - Auch über seine ausgedehnten gelungenen Versuche ^ über Miuenzündungen durch Galvanismus hat er ! nichts geschrieben. Praktische Verwendung sanden seine Versuche während des Krimkrieges bei unterseeischen Minen vor Kronstadt. Seine praktischen Versuche hatten eine große Menge wissenschaftlicher Entdeckungen im Gefolge, so Stromregulatoren mit flüssigen u. festen Leitern, das Draht- u. da- Quecksilber - Doltagometer, die Gegenbatterie, die Proportionalität der elektrolytischen und elektromagnetischen Wirkung des Stromes, den J-schen Widerstands-Etalon rc. Als Delegirter Rußlands auf dem internationalen Congreß zur Einführung gemeinsamen Maßes u. Gewichts zu Paris IM trat er entschieden für allgemeine Einführung des Meters auf u. veranlaßte dann eine Reform der Pariser Prototype durch eine internationale Commission zu Paris 1872. Bald nach seiner Rückkehr erkrankte er aber u. st. 27. Febr. 1874 zu St. Petersburg. Vgl. Lull, ^o., Petersb., Bd. 21. 4 ) Karl Gustav Jakob, Bruder des Vor., geb. 10. Dec. 1804 in Potsdam; zeigte schon als Gymnasiast außerordentliche Anlagen für Mathematik, studirte in Berlin, habilitirte sich hier 1821, ging 1825 nach Königsberg und wurde daselbst 1827 Professor der Mathematik; 1842 gab er wegen seiner schwachen Gesundheit seine Professur aus und lebte als Akademiker in Berlin, wo er 18. Febr. 1851 starb. I. war einer der bedeutendsten Mathematiker aller Zeiten u. hat großen Einfluß auf die Entwickelung seiner Wissenschaft in verschiedenen Zweigen geübt; seine größten Leistungen liegen auf dem Gebiete der höheren Analysis, die er (gleichzeitig mit Abel) durch Schaffung der Theorie der elliptischen Functionen in ungeahnter Weise bereichert hat. Er schrieb u. a.: Vs kraobiouibus simMaibus, Berl. 182b; Luuäaiuoiiba nova blrsorias luuetiouuin slllpü- oaruru, ebd. 1829; Vs branskormations intsAialis äupliois iuäsüuitu, ebd. 1832; Oauon aritlunsü- eus, ebd. 1839; Ueber Descartes' Leben rc., ebd. 1846; gesammelt erschien ein Theil seiner Schäften unter dem Titel: Opuseula, matsismatioa, ebd. 1846—51, 2 Bde. Fast alle feine Arbeiten ! Jacobincr - sind zunächst in Crclles Journal f. Mathem. er- chienen. Aus seinem Nachlasse gab Clebsch heraus: Vorlesungen über Dynamik, Berl. 1866. ! 5) Viktor, Nationalökonom der historisch-philosophischen Richtung, geb. 30. März 1809 zu Pempelfort bei Düsseldorf, studirte in Jena u. in Bonn Cameralwissenschaften, habilitirte sich 1833 E in Leipzig u. wurde 1850 außerordentl. Professor ! der Philosophie. Er schrieb u. a.: Vs rsbns instiois vetsrnm Vsrmanorum, 1, Leipz. 1833; i Slaven- u. Dentschthum in cultur- und agrar- ; historischen Studien, Hann. 1856; Die Bedeutung der böhmischen Dorsnamen, Lpz. 1856; Landwirth- schaftliche u. nationalöconomische Studien in der mederrhein. Heimath, mit Berücksichtigung des Volkslebens, ebd. 1854; Frhr. v. Liebig als unberechtigt zu entscheidendem Urtheil über Praxis u.Unterrichtswesen in derLandwirthschaft, ebd. 1863. 1) Lagai. S) Zimmermann. S) r. 4) Bnchrncker. Jakobiner, s. Jakobiner. Jacobs, 1) Friedrich Christian Wilhelm, Philolog, erzählender Schriftsteller u. Übersetzer, I einer der vielseitigsten Gelehrten Deutschlands, geb. 6. Oct. 1764 in Gotha, studirte seit 1781 ! m Jena u. Göttingen Theologie, bes. in Göttingen unter Heyne Philologie, wurde 1785 Lehrer am ' Gymnasium zu Gotha, wo er 1805 das Griech. Elementarbuch herausgab, welches de» griechischen Unterricht in weiten Kreisen gefördert hat, 1807 Lehrer der alten Literatur am Lyceum zu München ' u. Mitglied der Akademie der Wissenschaften, wo ihm auch der Unterricht des Kronprinzen Ludwig in griechischer Literatur und Geschichte anvertraut wurde. Aber durch die von Seiten der Altbayern gegen die Norddeutschen ausbrechenden Verfolgun. gen bewogen, ging er 1810 als Oberbibliothekar ' n. Direktor des Münzcabinets nach Gotha zurück, wurde 1831 Direktor aller Kunstsammlungen auf l dem Friedenstein u. Geheimer Hofrath, legte diese Stelle 1842 nieder u. st. 30. März 1847. Er gab heraus seit 1793 Tzetzes, Älians vistoria LmmaliuM, die LnbiroloZIa Arasoa (4 Bde.), Theokritos, Achilles Tatios, Bion und Moschos, mit Welcker Philostratos, mit Rost die LibUotbsea grasoa, Gotha 1826 fs. (jetzt Leipzig), für welche er i den Osleobns sxigrammatnm Kraeoornin bear- i beitete, u. schr.: ^.nimaäversionss in spigram- muts, ^nbiwlogias Oraooao, 8 Bde., 1793; Lxsreitationss crit. in ssripdoros veterss, ebd. 1796—97, 2 Thle.; ^äckitarnonta animackvsroio- umn in ^Ürsnasum, Jena 1810; Vsotionss Stobsnsss, ebd. 1827; Beiträge zur älteren Lite- rotur (Merkwürdigkeiten der Gothaischen Bibliothek), Lpz. 1835—43, 2 Bde.; Vermischte Schrif- ^ len (Reden, Abhandlungen rc.), Gotha u. Leipzig 1823—44, 8 Bde.; Hellas, aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verfassers, herausgeg. von Mistemann, Berl. 1852; Elementarbuch der griech. Sprache, Jena 1809—11, die neuen Allst. bearbeitet von I. Classen, unter dem Titel: Griechisches Lesebuch; mit F. W. Döring, Lateinisches Elemen- tarbnch, ebd. 1815, 3 Bdchn., die neuen Aust, bearb. von Classen; übersetzte den Vellejus Pater- culus, die Philippischen Reden des Demosthenes, 1805, 2. A. 1833; Atheniensische Briefe (aus dem Engl.), 1799 f., 2 Bde.; Tempe, Spiele der griech. — Jacobson. L!7 Muse (Auszüge aus der griech. Anthologie), Lpz. 1803, 2 Bde., neue Bearb. 1823; Longos u. Philostratos, in der Stuttgarter Sammlung; ferner schrieb er: Bruchstücke über die Forderungen der Zeit (1820) u. Jugendschriften: Allwin n. Theodor, Schriften zur Bildung des weiblichen Geschlechts, Rosaliens Nachlaß, Lpz. 1812, 2 Thle., 5. A., ebd. 1842; Auswahl aus d. Papieren eines Unbekannten, ebd. 1818—22, 3 Bde.; Feierabende in Mainau, Lpz. 1820 ff., 2 Thle.; Die beiden Marien, ebd. 1821; Ährenlese aus dem Tagebuche des Pfarrers von Mainau, ebd. 1825, 2 Thle.- Die Schule der Frauen, 1827, 7 Thle.; Erzählungen, Leipz. 1824—37, 7 Bde. Die belletristischen Schriften erschienen gesammelt als: Schriften für die Jugend, Lpz. 1842—44, 3 Bde. Eine Biographie enthält seine Schrift: Personalien, Lpz. 1840, 2. Aufl. 1848; Wllstemann, vr. ckavobsi lanckabis, Gotha 1847. 2) Paul Emil, koburg-gothaischer Hofmaler, Sohn des Vor., geb. zu Gotha 1803, st. das. 6. Jan. 1866, studirte zuerst auf der Münchener Akademie, dann 1824—28 in Rom, worauf er 1829 als Porträtmaler nach Frankfurt a. M. u. dann nach Petersburg ging, wo er zum Mitglied der Kunstakademie ernannt u. mit umfassenden Arbeiten religiösen Stils betraut wurde. Im I. 1835 begann er zwei Säle des restaurirten Schlosses in Hannover mit Bildern zu schmücken, siedelte dann nach Gotha über, bereiste Griechenland u. Italien u. wendete sich der modern-colori« stischen Richtung Riedels u. Pollaks zu. Genrehasthistorische Stoffe, namentlich solche, welche zur Entwickelung nackter Frauenschönheit Gelegenheit boten, malte I. in blendend süßlicher Manier mit großer Virtuosität. Hauptwerk: Susanns im Bade (1856); außerdem war I. viel für König Wilhelm von Württemberg beschäftigt. v Eichhoff. s> Regnet. Jacobsen, Sophus, norweg. Landschaft- maler der Gegenwart, geb. zu Frederikshald 7. Sept. 1833, z. Z. in Düsseldorf, wo er sich von 1853—55 unter Gude bildete. Auf seinen Reisen durch Norwegen, Deutschland u. Italien sammelte er reiche Studien, welche er namentlich in Mondschein-, Herbst- und Winterbildern verwertete. Werke von I. in den Staatssammlungen zu Stockholm u.Christiania, viele andere in Amerika. Regnet. Jacobshatm, dänische Niederlassung auf der Westküste von Grönland, an der Diskobai, gehört zum nördlichen Jnspectorat, mit einein Katecheten- Seminar u. 300 Ew. Jacobson, Heinrich Friedrich,Rechtslehrer, geb. 8. Juni 1804 zu Marienwerder, studirte 1823—28 in Königsberg, Berlin und Göttingen die Rechte, habilitirte sich darauf in der juristischen Fakultät in Königsberg u. wurde 1831 Professor der Rechte daselbst. 1862 creirte ihn die theolog. Fakultät zum vr. tüooi. u. 1865 wurde er Geh. Justizrath. I., der 13. März 1868 Plötzlich starb, hat sich bes. auf dem Gebiete des Kirchenrechts ausgezeichnet, indem er Las juristische Element mit dem theologischen zu vereinbaren suchte. Er schr.: Kirchenrechtliche Versuche, Königsb. 1831 bis 1833, 2 Bde., u. Geschichte der Quellen des Kirchenrechts des preußischen Staates, ebd. 1837 bis 1844, 3 Bde., gleichsam Vorarbeit zu seinem Hauptwerk: Das evang. Kirchenrecht des preuß. 543 Jacobszwiebel — Jacvtot. Staates u. seiner Provinzen, Halle 1864—66, 2 Abth.; Der preuß. Staat, Lpz. 1854; Über das österr. Concordat, ebd. 1856. Mehrere Schriften erschienen von ihm auch bei Gelegenheit neuerer kirchl. Streitigkeiten, z. B. in Sachen der Frage über die gemischten Ehen (1835), der Kniebeugung der Protestanten in Bayern (1844), der Ruppschen Angelegenheit in Königsberg (1846). Lagai. Jacobszwiebel (Milium Lsbnlosum L., Rühriger Lauch, Welsche oder Wiuterzwiebel). Bon der I. gibt es eine weiße und eine rothe Sorte, wovon die weiße früher u. mehr geschätzt ist; man zieht sie aus Samen u. durch Brutzwiebeln. Die J-n erfrieren im Winter nicht, können deßhalb mehrere Jahre stehen bleiben, werden aber meist als zweijährige Pflanzen benutzt zu der Zeit, wenn die gewöhnlichen Zwiebeln sich nicht mehr halten, sie bleiben aber stets klein; auch die Blätter gebraucht man geschnitten wie Schnittlauch. — Eine Abart ist wahrscheinlich der ebenfalls ausdauernde Johannis- oder Fleisch lauch (großer Holllauch), dessen lange Blätter (Schlotten) schon vor Johanni mit den dann ausgewachsenen Zwiebeln als Gemüse gekocht oder auch allein wie Schnittlauch benutzt werden. Wolde. Jacöbus, s. Jakob. Jacöby, 1) Johann, Politiker, geb. 1. Mai 1805 von jüdischen Eltern in Königsberg; studirte Arzneiwissenschaft daselbst u. in Heidelberg, machte mehrere Jahre Reisen u. prakticirte als Arzt in seiner Vaterstadt, ging 1831 nach Polen, um im Aufträge der Regierung die dort wllthende Cholera zu studiren, kehrte aber infolge der in OPreußen ausgebrochenen Seuche in sein Vaterland zurück. Neben seiner Berufsthätigkeit beschäftigte er sich auch mit den politischen Schäden u. deckte solche unverhohlen auf, kam wegen seiner anonym erschienenen Flugschrift: Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen, Mannh. 1841, worin die Berechtigung des Volkes zur Forderung einer Constitution nachgewiesen war, m Untersuchung und wurde wegen Majestätsbeleidigung u. frechen Tadels der Landesgesetze zu 2^ Jahren Festungs- flrase vcrurtheilt, im Jan. 1843 aber vom Ober- tribunal freigesprocheu. 1845 kam er wegen Theil- nahme an den Bllrgervcrsammlungen wieder mit den Behörden in Conflict, ebenso wegen der beiden Flugschriften: Preußen im 1.1845, u.: Das königliche Wort Friedrich Wilhelms III. 1848 erschien er im Vorparlament zu Frankfurt u. wurde dann in den Fünszigerausschuß gewählt, ging dann zuin allgemeinen Landtage nach Berlin und nach dessen Auflösung 1849 zur Nationalversammlung nach Frankfurt, wo er besoud. die Jutereffen der Demokratie vertrat. Da er mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart gegangen war u. dort die Wahl in den Ausschuß zur Durchführung der Reichsverfaffung angenommen hatte, wurde er des Hochverraths angeklagt, aber von den Assi- sen im December 1849 sreigesprochen. I. kehrte nun zu seiner ärztlichen Praxis zurück und blieb dem politischen Leben fern bis 1858, dem Beginne der sog. neuen Aera. Mit seiner Schrift: Die Grundsätze der preußischen Demokratie, Berl. 1859, sammelte er die Demokraten Preußens zu neuer Organisation. Die Wahl im zweiten Berliner Wahlkreise nahm er Herbst 1863, nachdem er sie Frühjahr 1862 abgelehnt, an u. betheiligte sich lebhaft an den Conflictsdebatten. Eine Rede an seine Wähler, in der er zur Lösung des Con. flicts Steuerverweigerung vorschlug, brachte ihm 6 Monate Gefängniß, die er 1866 kaum gebüßt hatte, als er wegen einiger Stellen in der von ihm geschriebenen Biographie Heinr. Simons wieder zu 14 Tagen vcrurtheilt wurde. Gegen die Neugestaltung Deutschlands im I. 1866 machte er entschiedene Opposition, sowol im Landtage als in der von ihm begründeten Zeitung: Die Zukunft weil er in jener Neugestaltung das Grab der Freiheit erkannte. 1870 wurde er bei Ausbruch des Krieges, ohne irgend ein gerichtliches Unheil, durch General Falckenstein als Stimmführer der internationalen Demokratie in die Festung Lötzen in- ternirt. Die Annexion von Elsaß-Lothringen miß. billigte er in schärfster Weise und zog sich, unzufrieden mit der ganzen Wendung der Dinge, seit 1871 ganz vom politischen Leben zurück.' 1872 veröffentliche er in Hamburg noch 2 Bde. gesammelte Schriften u. Reden u. st. 6. März 1877 in Königsberg. Vom reinsten humanistischen Stre- ben beseelt, neigte sich I. in den letzten Jahren dem Socialismus in seiner milden Richtung zu, ohne jedoch in der Führerschaft dieser Partei irgendwie hervorzutreten. 2) Lonis, Kupferstecher, geb. 7. Juni 1828 in Havelberg; lernte seit 1848 Las Zeichnen bei Mandel in Berlin u. dann das Kupferstechen; nachdem er sich schon an dem Such der Kaulbachschen Cartons zu den Bildern im Treppensaale des Neuen Museums betheiligt hatte, ging er nach Paris» wo er über 4 Jahre blieb; nachher stndirte er noch 2tz Jahr in Italien uud wurde 1863 Professor der Kupserstechkunst an der Akademie zu Wien. Er hat eine große Anzahl Porträts gestochen, u. a. die des Generals de la Motte-Fouquc u. des Grafen Jork von Wartenburg zu den Werken Friedrichs des Gr., ferner Lady Macbeth nachtwandelnd zu Kaulbachs Shake- spearegalerie. Schon seit langer Zeit arbeitet er an einer farbigen Zeichnung nach Rafael, Die Schule von Athen. 1) Lagai. L) Regnet. Jaeonet, glattes Baumwollengewebe mit Kattunbindung, jedoch feiner n. weicher appretirt als Kattun. Man benutzt dazu Garn von Nr. 80 bis 150, 3760 bis 5600 Kettfäden aus das m der Breite. Weißer I. wird als feiner Futterstoff benutzt, gedruckter als Kleiderstoff. BeyM Jacopönns (ll. a sknäsr.to, ll. äv Leusäivtis, llavovons cia I'oäi), Franciscaner aus Todi in Umbrien, lebte im 13. Jahrh.; er studirte die Rechte, wurde aber später Mönch u. zwar mit überspanntester Askese; in seinen Gedichten verschonte er selbst den Papst nicht, weshalb er von Boni- facius VIII. excommunicirt u. zu ewigem Gefängniß verurtheilt wurde; 1303 freigelassen, st. er 25. Dec. 1306 in hohem Alter in Todi. Er soll Verfasser des Ltubab mabsr sein; seine koosio spiribunli, herausgegebe-u Flor. 1490, von Mess, de Mortara, Lucca 1819. Jacotot, Joseph, geb. 4. März 1770 zn Dijon, gest. 31. Juli 1840 zu Paris, wurde in der Polytechnischen Schule zu Paris gebildet. Anfangs als Advocat prakticirend, war er dann nach- 54S Jacquard. einander Professor der Humanitätswiffenschaften, Artilleriecapitän, Secretär im Kriegsministerium, Substitut des Directors der Polytechnischen Schule u Professor der Sprachen u. Mathematik an derselben u. zuletzt Professor der stanz. Sprache u. Literatur zu Löwen. Hier trat er 1818 mit seiner Schrift öussiFnomsnb universal hervor, die, philosophisch - pädagogischer Natur, durch anscheinend paradoxe didaktische Grundsätze Aufsehen erregte u. bald viele Anhänger, aber auch gewichtige Gegner fand. Seine beiden Hauptgrundsätze für die Pädagogik lauten: „Alle Menschen haben gleiche Intelligenz", u. „Alles ist in u. an Allem". Mit ersterem will I. sagen, daß jedem Menschen eine gewisse Summe geistiger u. physischer Kräfte angeboren sei, welche Erziehung u. Unterricht zu wecken, zu leiten u. auszubilden u. hierbei bes. die Selbstthätigkeit des Zöglings in Anspruch zu nehmen haben. In weiterer Ausführung des Letzteren behauptet er, daß alle Dinge in einer gewissen Beziehung zu einander stehen, so daß die ! Kcnntniß des einen Gegenstandes als Ausgangsund Anknüpfungspunkt sür die Belehrung über einen anderen dienen könne. Darum verlange die pädagogische Einsicht von den Geistesanlagen des Zöglings, sowie die Erkenntniß des Zusammenhanges und der gegenseitigen Beziehungen der Dinge, daß man dem Schüler Thatsachen u. (wirkliche) Gegenstände vorführe, die ihn interessiren u. die er in ihrer Totalität aufzufassen vermöge, daß man also immer von einem gegebenen Ganzen ausgehe u. von diesem die einzelnen Theile erkennen lasse. Das Ganze nun, von welchem I. den gestimmten ersten Unterricht, als Denk- u. Sprechübungen, Lesen, Schreiben, Zeichnen rc. entlehnte, war Fenelons Telemach. Um das Interesse der ! Schüler zu erregen, las er ihnen die ganze Er- > zählung vor, blieb dann bei einem kleineren ! Ganzen, dem ersten Satze, stehen, der dann vor- I geschrieben und so lange gelesen wurde, bis sich ! die Wortbilder eingeprägt hatten. Diese wurden dann in Silben, Laute u. Buchstaben zerlegt, letztere geübt, dann wieder zu Silben u. Wörtern zusammengesetzt, bis sie den ganzen Satz nicht bloß ab-, sondern auch aus dem Kopse schreiben ! konnten. Bei den nächsten Wörtern u. Sätzen wurde dann das Bekannte herausgesucht und das Neue an das bereits Bekannte angeschlossen. Der Grundgedanke der J-schen Methode ist also die Anschauung als Grundlage alles Unterrichts, auch des Sprachunterrichts, die Übung des Erlernten bis zur Fertigkeit, die Anknüpfung des Unbekannten an das Bekannte und stete Wiederholung mit dem Fortschreiten des Unterrichts in natürlicher Verbindung. Dieser von I. eingeschlagene analytisch-synthetische Weg wurde von Vielen für den ersten (Lese-) Unterricht als naturgemäß u. darum richtig erkannt. Friedr. Weingart, Herausgeber der Literaturzeitnng sür Deutschlands Volksschullehrer, hat durch sein Werk: Vollständiger Cursus von J-s allgemeiner Unterrichts- , Methode rc., Ilmenau 1830, zuerst für die Ein- ^ sührungindeutscheSchulengewirkt. Der bedeutendste > Anhänger u. gewandteste Verbreiter von J-s Methode war ohne Zweifel Carl Seltzsam, Lehrer zu Breslau (st. 1870). Durch mehrere Schriften, sowie Vorträge vor Lehrern und eigene praktische Anwendung trug derselbe viel zum Verständniß uud zur Würdigung jener Methode bei. Die tüchtigsten Methodiker beschäftigten sich bald mit dem Gegenstände und anerkannten das Princip, daß beim Lesenlehren von einem Ganzen ausgegangen werden müsse, das für die Kinder einen Inhalt habe; beklagten jedoch auch, daß bei Auswahl des Stoffes die nothwendige Rücksicht auf leichte Lautverbindungen u. geringe Schreibschwierigkeiten zu viele abstracte Wörter mit sich führe uud so der eigentliche Anschauungsunterricht zu kurz kommen müsse. Diesem Mangel Hilst nun die sog. Normalwörter- (analytisch-synthetische) Methode ab, indem sie eine innige Verbindung der Anschau- ungs-, Denk- u. Sprechübungen mit dem ersten Lese- u. Schreibunterricht erzielt und eine sichere Grundlage für die Rechtschreibung schafft, vr. Vogel, Bürgerschuldirector in Leipzig, gest. 1862, gab 1843 bei Fleischer das. sein Werkchen: Des Kindes erstes Lesebuch, heraus u. begründete seine Methode auf 100 Normalwörter mit beigegebenen Bildern, statt wie bisher auf Erzählungen u. Lesestücke. Nach ihm arbeiteten A. Böhme in Berlin, L. Thomas in Leipzig, Kehr u. Schlimmbach in Gotha, Klauwell in Leipzig, vr. Jütting u. A. Das Verfahren bei der Behandlung der Normal- Wörter ist kurz folgendes: 1) Anschauung u. Besprechung des Gegenstandes, in natura oder im Bilde vorgezeigt; 2) Nachzeichnen desselben in allgemeinen Umrissen (unwesentlich, auch von Vielen für zu schwer gehalten); 3) Wortanalyse u. sofortige Synthese aus den Lauten; 4) Anschreiben des Wortes an die Wandtafel u. Auffassung desselben in seiner Totalität u. einzelnen Bestand- theilen; 5) Nachschreiben seitens der Schüler; 6) Lesen des geschriebenen u. gedruckten Wortes: 7) Vergleichung der Lautzeichen u. Hervorsuchen der bekannten; 8) Bildung derselben zu Lautgruppen u. Lesen dieser; 9) Zugabe von passenden Räthseln, Gedichten, Erzählungen und kindlichen Gesängen (ebenfalls unwesentlich, jedoch der Abwechselung u. Belebung des Unterrichts dienend). Es hat den Anschein, als ob mit dieser Leselehrart ein bestimmter vorläufiger Abschluß in der Entwickelung der Methode des Leseunterrichts herbeigesührt sei, u. wenn es ihr auch noch nicht gelungen ist, alle tüchtigeren Methodiker von ihrer Bortrefflichkeit u. alleinigen Richtigkeit zu überzeugen, so dürfte dies bei fortschreitender Entwickelung, namentlich in Beziehung auf Auswahl u. Reihenfolge der Normalwörter, unzweifelhaft gelingen. Geile. Jacquard, 1) Jos. Maria, Erfinder des Jacqnardscheu Webstuhles, geb. 7. Juli 1762 in Lyon. Schon in frühester Jugend offenbarte sich sein mechanisches Talent; doch war er zu arm, ohne alle Schulbildung, u. so ohne Hoffnung auf Erfolg. Dennoch arbeitete er unter Hunger und Kummer und Sorgen sein ganzes Leben an der Verbesserung des Webstuhls für faxonnirte Seidenstoffe; 1801 stellte er das erste Modell aus, aber erst 1805 hatte er seine vollkommene Form erlangt (J-scher Webstuhl, s. J-Maschine. Er erhielt eine Staatsbelohnung von 3000 Fcs. und von jedem in Lyon benutzten Webstuhl sollte er außerdem 50 Fcs. bekommen. So hatte er ein 550 Jacquard-Maschine — Jaell. ruhiges u. wenigstens sorgenfreies Alter. Er st. 7. Aug. 1884 auf seinem Gütchen zu Oullins bei Lyon u. auf dem Sathonayplatze in Lyon wurde ihm 1840 ein Standbild errichtet. Vgl. Grandsard, I., sa vis stc., 2 . Aust., Lille 1875. 8 ) Claude, Historienmaler, geb. 1805 zu Lyon; bildete sich an der Akademie daselbst und ging später ausschließlich zum Genre über, aber ohne es zu wahrer Freiheit der Darstellung zu bringen. Seine gewandte Pinselführung verleitet ihn auch, das Beiwerk so stark zu betonen, wie die Hauptsache. Hauptwerke des ungemein fruchtbaren Künstlers sind: Der Maire von Boulogne lehnt die Capi- tulation Heinrichs VIII. ab (im Stadthause zu Boulogne); Ein Gefängnißhof; Thom. Morus; Jocelyn zu den Füßen des Erzbischofs; Zigeuner vor dem bestohlenen Schloßherrn (Neue Pinakothek in München); Der heil. Bonaventnra lehnt den Cardinalshut ab; Abschied Karls I. von seinen Kindern (im Luxembourg). *> r. L) Regnet. Jacquard-Maschine, ein von F. M. Jacquard erfundener Webstuhl für Musterweberei; s. d. u. Webstuhl; auch Gewebe, Das. II. Jacqne, Charles Emile, sranz. Genre- u. Thiermaler u. Radirer, geb. 1813 zu Paris; be- kündet in seinen Arbeiten einen feinen poetischen Sinn n. folgt der entschieden naturalistischen Richtung. Hauptwerke: Hühnerhof; Hirtenscene; Der Ackersniann (lauter Ölbilder); dann die radirten Blätter: Schnepfenjagd, Dudelsackpfeifer, Ankunft auf dein Lande. Regnet. Jacqueline von Holland, so v. w. Jacobäa. Jacqnemart, 1) Albert, namhafter franz. Knustschriststeller, geb. 1809 in Paris: arbeitete im Finanzministerium u. wurde 1865 Bureauvorstand der Zollverwaltung, schr. über Kunst rc. für die dasotüs äss Ilvaux-Vrts u. st. in Paris 14. Octbr. 1876. I. schr. die Flors äss äamss (Botanik für Frauen), Par. 1840, 2 . Aust. 1841; Nouveau lavASSS äss üsurs, 1841; Risboirs artistigus, inäustrislls ob cowmsrcieä äs In xorcelams, Par. 1861; Histoirs äs la csra- wiqus, Par. 1873, u. I-os mervsillss äs In cs- rs-migus. 2 ) Jules, Kupferstecher, Sohn des Vor., geb. 1837 zu Paris; debutirte 1861 als Maler u. Stecher, gab aber die Malerei bald auf u. eignete sich eine außerordentlich schöne Technik au. I. stach nach Franz Hals, Rcmbrandt, van der Meer, Reynolds, Grenze, Meissonnier rc. und illustrirte mehrere gelehrte Werke, wie seines Vaters Risboirs äs In csramiqus (Par. 1873), Barbet de Jouets dsmmss st zoz-aux äs In cou- ronne sto. Regnet. Jacqncrie, der Bauernaufstand, welchen die furchtbaren, den Landmann ruinirenden Verwüstungen Karls des Bösen von Navarra hervorriefen u. der sich zunächst gegen die Bedrücker der Bauern (llacquss bon bomms spottweise genannt), die Edellcute, wandte, u. rasch von Beauvais u. Clerinont ans sich über Brie, Soissonnais, Laon- nais an der Marne u.Oise hin ausdehnte. Hunderte von Schlössern sanken vor den Empörern unter den schändlichsten Greueln, bis endlich der französische Adel im Verein mit dem von Brabant u. Flandern u. dem Dauphin durch ein furchtbares Blutbad der Empörung ein Ende bereitete. Lag-n. lacquss, französische Form für Jakob. Jacquin, Nikolas Josef, Edler von, Be. tamker, geb. 16. Febr. 1727 in Leyden; kam alz Mediciner 1752 nach Wien, machte 1755— 5 g aus kaiserliche Kosten eine Reise nach Amerika, sam- melte in Westindien für die kaiserl. Gärten Wien u. Schönbrunn (welchen letzteren er 175 z angelegt hatte) Gewächse, wurde 1759 Lehrer der Chemie in Schemnitz und dann an der Wiener Universität und Director des Universitätsgartens 1806 Freiherr und st. 24. Oct. 1817 zu Wien! Er schr. u. A.: Fnnmsrabio s^stsmad. plaudainm guas in insulis carsäbicis vicmogns Americas oollbinsnts ästsxit, Leyd. 1760; Lslsctarum stir- pium amsrican. bist., Wien 1763, 1781, Fol. Mannh. 1788; Obssrvab. botanioas, Wien I 7 si' bis 1772, 4 Thle.; Flora austriaca, ebd. 177 z bis 1778; Iconss xlantarum rarior., ebd. 1781 bis 1794, 4 Thle.; Oollectansa aä botauicaw, cllemicam st bist, naturalem spsetautia, 5 Bde. ebd. 1786—96, u. m. a. r. ' Jacqnotot, Marie Victoire, berühmte franz. Porzellanmalerin, geb. 1778 zu Paris, st. 1855 zu Florenz; malte das berühmte Servis, das Napoleon I. dem Kaiser von Rußland nach dem Tilsiter Frieden verehrte, u. copirte namentlich nach Rafael u. anderen alten Meistern, auch viele Porträts nach der Natur. I. erwarb sich hohe Verdienste um die Ausbildung der Porzellanmalerei. Regnet. Jacnhy, Fluß in der brasil. Pro». Rio Grande do Sul, 450 km lang, meist schiffbar, durchfließt ein schönes Thalbecken und mündet in die La> gune des Patos. Jadnssohn, Salomon, Pianist u. Compv- uist, geb. 13. Aug. 1831 in Breslau; trat 1848 nach absolvirtem Gymnasium u. gründlicher musikalischer Vorbildung in das Leipziger Conserva- torium, studirte noch 1849 — 52 in Weimar bei Liszt u. ließ sich darauf als Musiklehrer u. Pianist in Leipzig nieder. 1866 gründete er de» Verein Psalterion für Kirchengesang, 1867 übernahm er die Leitung der Euterpe-Concerte u. wurde 1871 Lehrer für Theorie, Composition u. Klavierspiel am dortigen Conservatorinm. Er componirte Symphonien, Gesänge, Kammermusik rc. Jadava, mythisches Volk des alten Indiens, im Mahabharata erwähnt, ein streitbarer Hirten- stamm, in der historischen Zeit verschwunden. Jade, so v. w. Jahde. Jadriu, Kreisstadt im ruff. Gonv. Kasan, an der Ssura u. beim Sergiewschen See; 3 Kirchen, Kreisschule, 2 wohlrhätige Anstalten; 2531 Ew. Jadschnavalkja (ind. Lit.), Verfasser eines indischen Gesetzbuches (Dharmasastram), das die nächste Stufe nach Manns Gesetzbuch einnimmt u. für dessen Abfassung Stenzler, der Herausgeber dieses Gesetzbuches (sanskrit. u. deutsch, Verl. 1849), das 2.Jahrh. n. Chr. als früheste Grenze bezeichnet. Jadschurveda (ind. Lit.), die zweite der 4 ältesten Sammlungen ind. Religionsurkunden, welche in 86 prosaischen Abschnitten über die verschiedenen Arten des Opfers u. der dabei üblichen Ce- remonien handelt (s. Veda). Jaell, Alfred, geb. 5. März 1832 in Triest; 551 Jaen — spielte anfangs Violine, gab aber bald dem Klavier den Vorzug u. konnte schon 1843 die erfolgreichsten Concertreisen machen. Stätten seiner Triumphe: Italien, Frankreich, Holland, Amerika, Deutschland, Polen, Rußland. I. wurde vom Koma von Hannover zum Hofpianisten ernannt. Die meiste Anhänglichkeit fand er in Frankreich, dem er auch seine besonderen Sympathien zuwendet. Sein Spiel ist brillant, schwungvoll, aber ohne Liese; denselben Charakter haben seine vielen Kla- viercompositionen. Siebenr-ck. Jaen, 1) Provinz in Spanien, umfaßt den nordöstlichen Theil Andalusiens, grenzt im N. an Neucastilien, im O. an die Provinzen Albaceke u. Granada, im S. an Granada u. im W. an Cordoba; 13,426 (243,ss dsM) mit 1860 362,466 nach neuerer Berechnung 392,100 Ew. (auf 1 s^skm 29, in ganz Spanien 33). Die Provinz ist gebirgig durch die Sierra Morena, Sierra Segura, Sierra de Cazorla, Sierra de Lucena u. a., welche sich jedoch mehr an den Grenzen hinziehen, so daß das innere Land mehr od. weniger eine Ebene bildet, welche vom Guadalquivir, Guadalimar, Escobar, Guadiana menor, Jaen u. a. durchflossen wird. In den Thälern hat sie ein heißes, auf den Gebirgen ein angenehmes Klima. Sie ist wenig angebaut, aber reich an Erzen, Mineralien, Salinen u. Mineral- quellen. Andere Producte sind: Getreide, Wein, Ol, Südfrüchte, Obst, Gartenfrüchte, Honig, Sesam, Galläpfel, Wild, Geflügel rc. Die Haupterwerbszweige sind Viehzucht (namentlich Pferde-, Schaf- und Ziegenzucht) und Bergbau; Handel und Industrie liegen sehr darnieder. 2) Hauptstadt darin, liegt malerisch am gleichnam. Flusse (einem Nebenflüsse des Guadalquivir) u. am nordöstlichen Fuße u. Abhange eines hohen, mit einem maurischen Castell gekrönten Felsenberges, an welchem sich die Häuserreihen amphitheatralisch emporziehen; hat alte, mit zahllosen Zinnen u. Thürmen versehene Mauern, düstere Thore, steil ansteigende, doch reinliche Gassen und wohlgebaute Häuser; Sitz eines Bischofs, 13 Kirchen, darunter die Kathedrale in romanischem Stile (aus dem 16. Jahrh.), mit 2 Thürmen u. großer Marmorpracht im Innern, und die Kirche des Nonnenklosters Sta. Clara, 14 ehemalige Klöster, 2 Spitäler, Instituts, Bibliothek, Gemälde- u. Sculp- turensammlung, Theater, Kasernen, hübscher Platz mit einer Promenade; 19,738 Ew. — Unter der Herrschaft der Mauren, in deren Besitz I. schon im Ansange des 8. Jahrh. gefallen war, war der jetzt sehr heruntergekommene Ort eine blühende Handelsstadt. Aus dieser Zeit stammen noch zahlreiche Bauten. Nach der Vertreibung der Mauren 1243 vereinigte Ferdinand III. die Stadt u. das ganze Gebiet mit Castilien u. verlegte das Bisthum von Baeza hierher. 1712 litt sie sehr durch «in Erdbeben. H- Berns. Jafa (Jaffa, Jasa), befestigte Hafenstadt im türk. Vilajet Jerusalem, in äußerst fruchtbarer Umgebung, am Mittelmcer, Landungsplatz der Dampfschiffe für Syrien, lebhafter Karawanenverkehr; die Schätzungen der Einwohnerzahl schwanken zwischen 50O0 u. 16,000. Von hier geht die Fahrstraße u. der Telegraph nach Jerusalem, auch ^ - Jagd. > liegt eine Bahnverbindung dorthin im Project; nordöstlich von der Stadt eine blühende deutschamerikanische Colonie. — I. ist das Japho der Bibel u. das Joppe der Alten, ein alter Handelsplatz der Phöniker. Hier soll Andromeda an den Felsen geschmiedet gewesen sein, um vom Meerun- gethüm verschlungen zu werden; von hier trat angeblich Jonas die Fahrt an, auf der er vom Walfisch verschlungen wurde. Die Stadt wurde 67 n. Ehr. von Bespasianus zerstört, unter Con- stantin d. Gr. Bischofssladt, 636 von den Arabern, 1099 von den Kreuzfahrern genommen. Nur ein fortdauernder Gegenstand des Kampfes zwischen diesen und den Saracenen, wobei sie 1191 nur durch die Tapferkeit von Richard, Löwenherz gerettet wurde, fiel sie 1268 an die Ägypter, im 16. Jahrh. an die Türken. Erst gegen Ende des 17. Jahrh. gewann I. wieder etwas Bedeutung, wurde 7. März 1799 von Napoleon u. 1832 von Mehemed Ali erobert, aber 1840 von den Türken wieder gewonnen. Schroot. Jaffe, 1) Philipp, deutscher Geschichtsforscher, geb. 17. Febr. 1819 in Schwersenz (Posen); stn- birte in Berlin Philologie u. Geschichte (Schüler Rankes) u. wollte sich in Berlin habilitiren, stieß aber als Israelit auf Hindernisse, ebenso wie bei seiner Mitarbeiterschaft für die Llonnrnsnts Aor- msniss irioborias, und wandte sich daher, obwol er bereits zwei historische Preisanfgaberr gelüst hatte, dem Studium der Mediciu zu und wurde praktischer Arzt in Posen, ohne seine historischen Studien zu vernachlässigen. 1862 wurde er außerordentlicher Professor der historischen Hilfswissenschaften in Berlin, trat 1867 zum Christenthum über u. wurde 1868 zum ordentlichen Professor befördert, erschoß sich aber, 3. April 1870 in Wittenberge. Er schrieb: Geschichte des Deutschen Reichs unter Lothar dein Sachsen (Berlin 1843) u. unter Konrad III. (Hann. 1845), und gab heraus: Rsgssbs ponbiüoum Domsuornm rwgus sä snnum 1198, Berl. 1851; Lidliotlrsos rsrnm Lsrmsulesrum (1. Bd. Llonumeuts Lor- bsisnsis, Berl. 1864; 2. Bd. Llonum. 6rs§orisns (Gregors Vll.j, ebd. 1865; 3. Bd. Uonnm. Llo- Armtins, ebd. 1866; 4. Bd. Noarrm. Lanolins,, ebd. 1867); 5. Bd. Llonum. LamdorAsiwia, ebd. 1869; 6. Bd. Llonnm. Lloulnians, ebd. 1873. 2) Theodor Julius, bedeutender Schauspieler, geb. 1823 in Berlin, wo er, für die jnrist. Carriere bestimmt, sich der Oper zuwandle u. Gesaugstudien machte; nach Fortsetzung derselben in Wien betrat er als Baritonist die Bühne n. errang namentlich in Halle u. Köln in komischen wie in ernsten Partien bedeutenden Erfolg, ging aber 1847 znm Schauspiel und zwar zum Charakterfach über. Nach kurzem Engagement in Bremen war er seit 1848 5 Jahre in Weimar, darauf in Breslau, wo er auch die Regie führte, u. ging 1856 nach Braunschweig, von wo er 1864 an Dawisons Stelle nach Dresden berufen wurde; hier u. bei Gastspielen hat I., ein Feind des Virtuosenthums und der Reclame, sich den Ruf eines echten Künstlers erworben. Lagai. Jagd, 1) Erlegung u. Fang wilder Thiere; 2) so v. w. Jagdrevier, s. u. Die J°wissenschast od. J-kunde, die Kennt- niß der auf die I. Bezug habenden Lehr- und Grundsätze, Instrumente u. Hilfsmittel, zerfällt in: J-zoologie, dieKenntniß u. Eintheilung der jagdbaren und bei der I. nutzbaren Thiere; die Lehre über deren Vorkommen, Leben, Eigenthüm- .lichkeiten, Fährten, Spuren rc. L) Wildzucht und Wild schütz, die Lehre von den Maßregeln, welche zu ergreifen sind, um die eine od. andere Wildart in der zur Ausübung der I. erforderlichen Menge anzuziehen, zu erhalten und gegen äußere Gefahren (Raubthiere, Krankheiten, Nahrungsmangel, Wilddieberei u. a.) zu schützen. 6) Wildjagd, die Kunst, zweckmäßig u. regelrecht jagdbare Thiere in seine Gewalt zu bekommen, v) Drefsirknnst, die Kunst, J-Hunde, J-pferde, Falken, Frettchen jagdgerecht abzurichten. L) I- technologie, die Lehre von Herstellung, Instandhaltung u. Gebrauch der zur I. nöthigen Instrumente u. Hilfsmittel: Waffen, Fang- u. Lockapparate, Blend- u. Sperrzeuge, Schirme rc. §) I- terminologie (J-kunstsprache), die Zusammenstellung der für das J-wesen bestimmten besonderen Ausdrücke. 0) Wildnutzung, die Lehre von der für jede I.» u. Wildart passenden Jahreszeit, vom waidmännischen Tödten, Aufbrechen, Transport, Zerlegen des Wildes u. seiner Verwerthung. Die I. wird eingetheilt: in Bezug auf jagdbare Thiere: a) in hohe I., auf Elch», Roth-, Dam-, Reh» und Schwarzwild, Bären, Wölfe n. Luchse, Auer- u. Birkhähne, Fasanen, Trappen, Kraniche, Reiher, Schwäne; b) in niedere I., aus alle übrigen J-thiere, wie Hasen, Füchse, Dachse, Marder, Katzen, Gänse, Enten, Schnepfen, Hasel- u. Rebhühner rc. In manchen Gegenden wird jedoch noch eine besondere mittlere I., aus Reh- u. Schwarzwild, Wölfe, Birk- u. Haselhühner, unterschieden, wie denn überhaupt die Classification der I. mancherlei locale Abweichungen erleidet. Das Raubzeug aller Art darf gewöhnlich, ohne Rücksicht, ob es zur hohen od. niederen I. gehört, u. auch ohne Berücksichtigung der J-zeit, von jedem J-berechtigten geschossen werden. L) Nach der Art ihrer Ausübung zunächst in Holz- (Wald-), Feld- u. Wasserjagd, deren Unterabtheilungen sind: der Anstand, die Suche, das Beschleichen od. der Pürschgang, die Treibjagd, das eingestellte Jagen, dieParforce- u. Hetzjagd, das Ausgraben der Füchse u. Dachse, das Blatten, Reizen, Verkappen; der Fang mit J-Hunden, Frettchen, Falken (Falkenbeize), in Gruben, Garnen, Fallen. Vgl. die einzelnen Artikel; bei den einzelnen Wildarten ist angegeben, welche J-methoden auf sie hauptsächlich Anwendung finden. Früher unterschied man auch deutsche I., worunter das eingestellte Jagen, bes. auf Hirsche, verstanden wurde, u. französische I., so v. w. Parforcejagd. Einen besonderen Bezirk, auf welchem die J-be- rechtiguug od. die J-ausübung Einem (Alleiujagd) oder Mehreren in ungetheilter Gemeinschaft (Mitoder Koppeljagd) zusteht, nennt man J-revier, J-gehege od. kurzweg Jagd. Jedes J-revier muß geschont werden, so lange das Wild trägt, oder das Federwild Eier legt, od. auch so lange Feldfrüchte auf dem Felde stehen, welche durch die I. wesentlichen Schaden leiden können. Die I- zeit (im Gegensatz zu Heg- od. Schonzeit) wirdj hiernach, wiewol nicht ganz übereinstimmend m den verschiedenen Ländern, durch Gesetz od. Ver> ordnung festgesetzt. Beispielsweise dauert jene in Preußen für Edel- u. Damhirsche von Anfang Juli für Rehböcke von Anfang Mai bis Ende Februar" für Hasen vom 1. Sept. bis 31. Jau. u. s. w. " Die I. ist eine der ersten Beschäftigungen der Menschen gewesen, anfänglich besonders geübt um sich und ihre Heerden gegen reißende Thiere zu schützen (Nimrod, Esau). Zur Erlegung des Wildes dienten Bogen, Netze,, Mhlingen u. Faü- gruben; auch mit Hunden wurde dasselbe gehetzt und gefangen. In der nachexilischen Zeit wurde nach dem Vorgänge der Ägypter, von deren ! J-wesen die Monumente Kunde geben, und der I Perser, deren König Kyros die Einkünfte von 4 großen Städten für seine Meuten beanspruchte bei den Hebräern die I. eine noble Passion für Vornehme; man hielt Lustjagden zu Pferde ! auf Vögel und Wild mit abgerichteten J-Hundeu Falken u. a. Vögeln. Bei Len Griechen gehörte die I., besonders bei den Spartanern, wo auch die Mädchen mitjagen mußten, zu den Übungen der Jugend, u. schon in der ältesten Zeit wurde jedes Wild gejagt, mit Wurfspieß, Pfeil u. Bogen, auch Hunden, nach welchen letzteren die J. Kyne- gesia u. der Jäger Kynegetes genannt wurde. Artemis war die J-göttin, u. Anweisung zur I. (Kynegetikos) u. Gedichte über die I. (Kynege. tika) schrieben Tenophon, Arrianos u. Oppianos. Die Römer hatten bei ihren Landhäusern in der Zeit des Luxus besoud. Gehege, in denen Hirsche, Hasen, Gemsen u. dgl. von den Sklaven entweder zur Lust für die zuschauenden Herren od. für die Küche gejagt wurden. Zum Vergnügen machten sie selbst auch mit Spießen, Netzen u. Hunden aus Wild u. Vögel in den anstoßenden Wäldern I.; Fa- liscus u. Nemesianus schrieben Gedichte über die I. Den Germanen war die I. ein edles Geschäft, außer dem Kriege fast das einzige, welches die Freien betrieben. Sie jagten mit Spieß, Keule, Bogen auf Wild, Bären, Wölfe, Ure rc.; auch wurde Wild in Gruben gefangen; Jagdbegleiter waren den Germanen bes. Hunde, Falken und Sperber. In Gallien wurde die I. unter der römischen Herrschaft den Eingeborenen verboten, bis sie später wieder durch die Franken in Aufnahme gebracht wurde. Sie blieb auch im Mittelalter ein Vorrecht des Adels als der Grundbesitzer und wurde zn Pferde u. zu Fuße, mit dem Bogen und der Armbrust, od. auch mit dem kurzen Jagdspieß betrieben, auch vonFrauen u. der Geistlichkeit, bes. Falkenjagd; St. Hubertus war der Schutzheilige der I. u. Kaiser Friedrich II. schrieb ein Buch über dieselbe. Aus der Vorliebe der Fürsten für die I., sowie aus der von ihnen beförderten Meinung, daß die I. in der Hand der Bürger u. Bauern eine gemeingefährliche u. deren Beruf störende Beschäftigung sei, wurde in vielen Ländern, bes. seit dem 17. Jahrh., die Idee herrschend, daß die I. Regal sei, d. h. daß sie den Landesherren, kraft der Landeshoheit, als ein ausschließliches Hoheitsrecht zustehe und nur durch Verleihung von ihnen erworben werden könne. Diese Verleihung erfolgte sodann bald nach förmlichem Lehnrecht, meist als Pertinenz eines Gutes, bald aber auch in der 553 Jagdbar — Form eines widerruflichen Geschenkes (Gnaden-, >agd), dann meist auf Lebenszeit. Doch erlangte die Idee der Regalität der I. in den einzelnen Ländern eine sehr verschiedene Ausbildung. In manchen, besond. den kleineren Territorien, gelang es den Landesherren allerdings, das J-regal so- wol über das ganze Territorium, als auch über alle Arten jagdbarer Thiere zu erwerben; in anderen wußten aber bald die Bewohner ganzer Dislricte, namentlich solcher, in denen die I. mehr Mühen ».Beschwerden machte (freie Pürsch), bald wenigstens einzelne Klassen von Unterthanen, wie der grundbesitzende Adel, sich entweder das volle J-recht oder doch wenigstens die sog. niedere (n. mittlere) I. zu erhalten, so daß nur die hohe od. die hohe u. mittlere I. als Regal betrachtet wurde. Der Gutsherr behielt sich regelmäßig die I. aus den Grundstücken der Gutsunterthanen vor. Für das heutige Recht kann die Regalität der I. keineswegs mehr als Regel behauptet werden, und wenn etwa, dann höchstens für die hohe I. Verschieden vom J-regal ist die J-Hoheit (Wildbann im engeren Sinne), das unveräußerliche und mit dem Begriffe der Staatsgewalt nothwcndig ver- ' bundene Recht, über die Ausübung der I. polizeiliche Bestimmungen aller Art zu erlassen, I- ordnungen, in neuerer Zeit J-polizeigesetze, welche die Termine für Aus« n. Niedergang der I., die Art der Erlegung, die Wildbahn, d. i. die Orte, wo gejagt werden dars (wobei meist das Jagen auf öffentlichen Landstraßen, in der Nähe von Städten, Dörfern, in Gärten rc. untersagt ist), die näheren Grenzen für die verschiedenen Arten der I. (hohe, mittlere rc.), die Regeln über den Ersatz der Wildschäden an die Grundbesitzer rc. skststellen. Bei allen diesen Bestimmungen standen ! die älteren J-ordnungen meist mehr auf Seite der J-berechtigten, als auf der der betheiligten Grund- ^ bescher, und zeigte sich in früherer Zeit, bes. da, > wo das J-regal bestand, zuweilen eine große, durch ! die Bestimmungen über die J-fronen oft noch ge- ! steigerte Härte. Eine durchgreifende Umgestalt- ^ mg der Jagdgesetzgebung brachte in Deutschland erst das Jahr 1848. Durch eine Reihe von Gesetzen wurden (wie in Frankreich schon durch ein Gesetz vom 26. März 1798 geschehen) fast in allen Staaten sämmtliche Berechtigungen zur I. auf fremdem Grund u. Boden, ingleichen alle J-dienste, J°sronen u. andere Leistungen für J-zwecke für aufgehoben erklärt und das Recht zur I. jedem Grundeigenthümer auf seinem Grnndbefitzthum in freiester Weise übertragen. Die Folgen dieser Maßregel erwiesen sich indessen bald als ziemlich traurig: fast bis zur Ausrottung gehende Ver- Minderung des Wildstandes, Überschreitung der Grenzen der J-berechtigung u. damit Unordnungen aller Art, so daß seit 1850 überall wieder Beschränkungen des freien J-rechtes der Grnnd- eigenthümer eingeführt werden mußten. Das I- recht selbst verblieb zwar den Grundbesitzern, die Ausübung desselben wurde aber insofern beschränkt, als sie nur auf einem Areal von bestimmter Größe (in Preußen u. a. 300 Morgen) und nur durch eine kleinere Anzahl von Personen, welche die gesetzlich vorgeschriebene Qualisication besitzen müssen, erfolgen darf; auf kleineren Grundstücken ist die Jagdgehege. .eigene Ausübung nur dann gestattet, wenn dieselben dauernd u. vollständig eingefriedigt sind oder eigene Gemarkungen, Inseln rc. bilden. Treffen diese Bedingungen nicht zu, so müssen die Grundstücke jeder Gemarkung zu einem oder mehreren gemeinschaftlichen J-bezirken von entsprechender Größe zusammen gelegt werden. Die Besitzer der einen solchen J-bezirk bildenden Grundstücke werden dann in allen Beziehungen durch die Gemeindebehörde vertreten oder sie bilden eine eigene J-ge- mcinde mit einem eigenen J-ausschuß, und der Beschluß dieser Behörde (resp. des J-ausschusscs) entscheidet darüber, ob die I. verpachtet oder durch einen eigens anzustellenden Jäger ausgeübt werden soll. Die letzteren Falles gewonnenen Einnahmen werden dann durch die Gemeindebehörde (resp. den J-ansschuß) unter die einzelnen Grundbesitzer des gemeinschaftlichen J-bezirkes vertheilt. Die Pachtverträge müssen auf längere Zeit, auf 3—12 Jahre, abgeschlossen werden; ein Jeder, welcher die I. ausüben will, muß sich mit einem zu seiner Legitimation dienenden J-schein (I- paß, -karte) versehen u. diesen bei Ausübung der I. stets bei sich führen. Eine Entschädigung der früheren J-berechtigten ist erst in der neuesten Zeit in den meisten Staaten, wenn auch vielfach nur theilweise, erzielt worden u. deren Aufbringung bald der Staatskasse, bald den früher Verpflichteten aufgelegt. Literatur. Döbel, Neu eröfsnete Jäger-Praktica, Lpz. 1746, n. A. von Benicken, ebd. 1828; Bechstein, Handbuch der I- wissenschaft, Nürnb. 1801, 4 Bde., 3. Aust. 1823; D. aus dem Winkel, Handbuch für Jäger, J-be- rechtigte u. J-liebhaber, Lpz. 1805, 3 Bde., 3. Aust., herausg. von Tschudi, ebd. 1858; Hartig, Lehrbuch für Jäger, Tüb. 1809, 2 Bde., 9.Ausl, von Th. Hartig, Stuttg. 1865; Jester, Über kleine I., 1817, 4 Bde.; Diezel, Erfahrungen aus dem Gebiete der Niederjagd, 1848, 2. Ausl. 1855; v. Kobell, Wildanger, Stuttg. 1859; Alex. Meyer, Jäger-Vademecum, Berl. 1877; Bibliothek für Jäger u. J-freunde, Lpz. 1877 ff. Wimmenauer I-.» Jagdbar, Wild, wenn es mit Nutzen u. nach den Jagdgesetzen erlegt werden kann; so Hirsche von 10 Enden u. darüber; daher Jagdbarkeit. Jagdfolge, 1) Nacheile, Wildfolge, Ssgusla vsnatoria), die schon in den alten Volksrechten erwähnte Befugniß des Jagdberechtigten, das ans seinem Revier angeschossene Wild in den fremden Jagdbezirk hinüber zu verfolgen und dort zu ergreifen. Die Grenze, bis zu welcher die I. ansgeübt werden darf, war particularrechtlich verschieden bestimmt; in den neueren Jagdgesetzen ist sie meist gänzlich aufgehoben, so daß das angeschossene Wild dem gehört, in dessen Revier es verendet. 3) S. Jagdfrone. Jagdfrevel, s. u. Jagdvergehen. Jagdfrone, die seit 1848 in Deutschland fast überall aufgehobenen u. abgelösten, infolge einer Verbindlichkeit von den Bauern oder Städtern (Jagdfröner) bei der Jagd zu leistenden Dienste, welche, sofern cs sich um Vertilgung von schädlichen Naubthieren handelte, zur Landsolge (Jagdfolge) gehörten und außerdem als gutsherrliche (Patrimouial-) Dienste galten. Jagdgehege, s. Jagd. 554 Jagdgerechtigkeit — Jagdgerechtkgkeit, Recht zur Ausübung der Jagd, s. d. Jagdgeschütze heißen die im Bug eines Kriegsschiffes zum Schießen nach vorn eingerichteten Geschütze, welche gewöhnlich leichter als die der Haupt» armirung des Schiffes find. Diejenigen Schisse, welche von vornherein zum Frontkanipf gebaut find, deren artilleristische Hauptwirkung daher schon nach vorn concentrirt ist, haben selten noch I. Jagdgöttin, so v. w. Artemis (Diana). Jagdhoheit (Wildbann), s. Jagd. Jagdhund, 1) (Bracke) ein Hund von mittlerer Größe, schmal, leicht, von mittelstarkem Kopf, gut behängen, hat muskulöse Lenden und Läufe, muntere Augen, behaarten u. eiugezogenen Bauch, starken Hals und eine laute Stimme; gewöhnlich glatt, selten zottig, braunroth oder rothgelb, mit weißen od. schwarzen, auch wolfsgrau mit rothbraunen Abzeichen. Auch die Parforcehunde gehören zu den eigentlichen J-en. Der eigentliche I. ist der Hund, welcher bei den Alten und vor Erfindung des Schießpulvers fast ausschließlich in Gebrauch war und dazu diente, den Jägern das Wild durch Bellen zuzutreiben und in die ansge- stellten Netze zu jagen. Doch wird der I. jetzt selten und in wildreichen Gegenden fast nie mehr angewendet, indem das Revier dadurch rniuirt wird. Nur in Gebirgsgegenden, wo Hasen und anderes Wild selten find, jagt man noch mit J-en. Sie werden jj Jahre alt zuerst koppelbändig gemacht und deshalb in der Regel je zwei an eine Koppel vereint, dann beim Ausführen an Gehör- sam, Pfiff, Ruf u. Horn gewöhnt u. das Gegen- theil mit der Peitsche gestraft. Man braucht sie nicht vor dem October, wo sie auf eine Fährte gebracht u. auf dieser laut u. ohne von ihr wieder abzugehen geübt werden. Zuruf und Horn bringen den I. auf die verlorene Fährte zurück. Der Jäger stellt sich auf die Wechsel u. erwartet hier den Hund u. das gejagte Wild. Gewöhnlich übt man den I. aus Hasen, jedoch nicht zu lange auf einmal. Um ihn eifriger zu machen, gibt man ihm zuweilen Geräusch u. Gescheide des erlegten Hasen zu fressen (macht ihn genossen). 3) Alle Arten Hunde, welche zur Jagd gebraucht werden, bes. der Hühnerhund. Wtmmenauer i-.* Jagdhunde (Astr.), nördliches Sternbild, dem Bootes, der sie führend dargestellt wird, von Hevel beigefügt, zwischen demselben, dem Großen Bär u. dem Haar der Berenike. Sie heißen Asterion u. Chara; beide sind durch ein Halsband mit 23 Sternen zweiter bis sechster Größe verbunden. Jagdjmiker, Jagdbeamte an sürstlichen Höfen. Jagdlehen (llus vsnatimiis), das zu Lehen gegebene Recht, in einem gewissen District zu jagen. Jagd machen (jagen), ein feindliches Kriegsschiff od. ein Handelsschiff, das sich gegen internationale od. locale Bestimmungen vergangen hat, mittels eines Schiffes verfolgen. Jagdnetzc (Garne), alle zum Zurückschrecken od. Fang von Wild od. Vögeln bestimmten Netze. Sie werden je nach ihren Zwecken aus stärkeren od. schwächeren Bindfaden oder Schnuren so geknüpft, daß die Maschen entweder Quadrate (Spiegel) oder verschobene Rauten, Dreiecke u. andere Figuren bilden. Man unterscheidet Prallnetze - Jagdvergehen. (lichtes Zeug), die wie die Jagdtücher (s. d.) an. senkrecht stehenden Stäben, straff angespannt, befestigt werden u. nur zum Abschrecken des Wildes dienen, u. Fanggarne. Letztere werden entweder gleichfalls vertical, aber locker (busenreich) ausge- gehängt, so daß das hineinspringende od. fliegende Wild sich darin verwickelt u. fängt, od. horizontal gelegt, resp. über die zu fangenden Thiere gezogen. Zu Len hängenden J-n gehören die 60—12g in langen, 1H — 3 m breiten Fallgarne, worin Hirsche, Sauen, Rehe,Hasen, Füchse gefangen werden, u. die zum Vogelfang dienenden kleineren Hoch^ Kleb- und Steckgarne; zu den liegenden die Deck- u. Sackgarne, wie der Tiras, die Dachs- u. Fuchshanbe (s. d.), Schlaggarne endlich sind am Vogelherd (s. d.) angebracht. Wimmmauer v. .. Jagdrecesi (Jagdschied), Urkunde über ein Übereinkommen betreffs der Zuständigkeit der Jagdgerechtigkeit. Jagdschirnr, eine von Reisig geflochtene od. aus Brettern, Tuch u. a. hergestellte, mitunter auch überdachte Brustwehr, welche bei eingestellten, bestätigten u. Treibjagen dazu dient, die Jäger, bes. fürstliche Personen, zu verdecken u. zugleich vor etwaigen Angriffen des Wildes zu schützen, agdspieß, so v. w. Fangeisen, agdspinnen, Spinnen, welche kein Netz machen, sondern im Sprunge ihre Beute erhaschen; Wolss» od. Luchsspinne (I-^ooss,) und Sprungspinne (Lakbiouo). Jagdstück (Malerei), eine besondere Gattung der Stilllebenmalerei, deren Motive vornemlich dem Bereiche der Jagd entnommen u. zu einem künstlerisch geordneten Ganzen gruppirt sind, also Jagd selbst, Wild — lebend und todt —, Jagdrequisiten, Jagdhunde. Das I., wie das Stillleben überhaupt, wurde zuerst — nach der im 17. Jahrh. stattfindenden Absonderung der einzelnen Gattungen der Malerei — in der Holland. Schule cultivirt; vornemlich von Rubens, der im Verein mit Snyders große Tableaux, Löwen-, Wolss-, Hirsch-, Bären« u. andere Jagden darstellend, in meisterhafter Weise aussührte. Andere bedeutende Meister in diesem Fache sind I. Fht, Nuthardts, Wouwerman, bes. aber I. Veenix, welche sämmtlich der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. angehörten und zum Theil bis ins 18. hineinreichen. Unter den Deutschen zeichnet sich um die Mitte des 18. Jahrh. bes. I. Elias Nidinger ans. Auch in der neueren Zeit haben die J-e vielfach bedeutende Vertreter, namentlich in England (Lanoseer u. A.), Frankreich (Troyon), Deutschland (Dciker, P. Meyerheim, Aug. Schleich ffog. Rauchbilderj, Hammer, v. Krockow, Benno, Adam, v. Thoren, Freese u. s. w.). SchaLkr, Jagdtücher (dunkle u. finstere Zeuge), Wände von starker u. fester Leinwand, mit welchen das Wild bes. bei Bestätigungsjagen umstellt wird. Dieselben sind in der Regel circa 120 m laug u. je nach der Wildart 1^—3 m hoch; sie werden wie die Prallnetze (s. Jagdnetze) beseitigt. Fall- od. Schnapptücher sind solche, die mittels besonderer Einrichtung schnell herabgelassen u. wieder aufgezogen werden können, um das Wild übersetzen zu lassen. Vgl. Treibjagd. Wlmmenauer d. Jagdvergehen, Zuwiderhandlung gegen die 555 Jagdzeug die Jagd betreffenden gesetzlichen Bestimmungen. Zu unterscheiden sind: u) Jagdfrevel, d. h. widerrechtliche Ausübung der Jagd, die nach dem Deutschen Reichsstrafgesetzbuch als eigentliches Vergehen mit Geldstrafe bis zu 300 LI vd. Gefäng- uiß bis zu 3 Monaten bedroht ist, außerdem mit Einziehung des benutzten Gewehres, sonstigen Jagbgeräthes od. Hundes. Der Werth des entwendeten Wildes ist dem Jagdbesitzer zu vergüten. Strafverschärfung tritt ein bei Jagdfreveln, die während der gesetzlichen Schonzeit, in Wäldern, bei Nacht, im Komplott, mit Schlingen, Fallen, Netzen od. gewerbsmäßig (Wilderei) verübt worden sind. Entwendung des Wildprcts, von welchen: der Jadgberechtigte bereits Besitz ergriffen hat, gilt als gemeiner Diebstahl, b) Übertretung der jagdpolizeilichen Vorschriften (Jagdpolizeiübertretung). Hierher gehören unerlaubtes Tragen von Schießgewehren u. Mitnchmen von Hunden außerhalb der allgemeinen Verkehrswege, Ausheben der Nestbrut jagdbarer Vögel, Stellen von Schlingen u. Fallen, Jagdansnbnug während der Hegzeit, Beschädigung von Parkthoren und Einfriedigungen od. sonstigen zur Jagd gehörigen Anstalten u. a. m. Einzelne dieser Übertretungen unterliegen den Bestimmungen des Neichsstraf- qesetzbuches, andere denjenigen der Landesgesetze. Wimmemmer l,. Jagdzeug, das zur Jagd nöthige Gerüche, wie Jagdtücher, Garne, Netze, Fangeisen, Fallen, Federlappen, Zangen, Wildkasten, Schirme, Wildtragen, Wildwagen rc.; bes. die Gerüche, welche zum Einstellen, namentlich des Hochwildes, dienen, wie Blendzeuge (Lappen), Jagdtücher, Jagdgarne, s. Treibjagd. Jagello, Enkel Gedimins, Sohn des Großherzogs Olgerd von Lithauen, geb. um 1350; wurde 1381 Großherzog von Lithauen u. besiegte seinen Oheim u. Nebenbuhler Keystut; 1386 getauft u. mit der Prinzessin Hedwig von Polen vermählt, wurde er König von Polen als Wladislaw II. Nach Hedwigs Tod (1399) erhielt er sich im Besitze des Thrones durch die Vermählung mit Anna Cilley, Nichte Kasimirs III. Seine fortwährenden Kämpfe mit den deutschen Rittern, die er bei Tannenberg 1410 besiegte, förderten Len Verfall des Ordens; dagegen war die von ihm angestrebte Verbindung Lithanens, wo er durch Gründung des Bisthums Wilna das Christenthum entführte, mit Polen unerreichbar. Die 1402 u. 1420 an- getragene böhmische Krone wies er zurück, rief aber 1432 die Husiten gegen die deutschen Ritter zu Hilfe u. kam dadurch in den Verdacht der Hinneigung zum Husitismus. 1400 gründete er an Stelle der gesunkenen Anstalt Kasimirs d. Gr. die noch heute nach ihm Jagellonische Akademie genannte Universität in Krakau. Nach dem Tode Annas heirathete er 1417 Elisabeth Piletska, Tochter des Palatins von Sendornir, und nach deren Tode (1427) Sophie» Tochter des Herzogs Andreas von Kiew. Er st. 1434 zu Grodek bei Lemberg und wurde in Krakau beigesetzt. Ihm folgten nach einander seine 2 Söhne Wladislaw IN. von Elisabeth u. Kasimir IV. von Sophie, welche nebst des Letzteren Lirecten Descendenten bis Sigismund II. man unter dem 1572 mit diesem im Man- — Jäger. nesstamme ausgestorbenen Geschlecht der Jagello- nen begreift. Der letzte Sproß von der männlichen Linie war Anna, Sigismunds II. Schwester, welche Stephan Bathori heirathete und 1596 kinderlos starb. Von weiblicherLinie kam mit Sigismund III., einem Sohne Katharinas, der anderen Schwester Sigismunds N., und des Königs Johann von Schweden 1587 wieder ein Jagellone auf den polnischen Thron, dessen Stamm 1668 mit Johann Kasimir ausstarb; Ungarn gab das Haus der Jagellonen zwei Könige: Wladislaw III. (auch König von Polen u. Böhmen) u. den 1526 bei Mohacs gebliebenen Ludwig II. Lagai. Jagenmrm, 1) Karoline, treffliche Schauspielerin u. Sängerin, Tochter des um Verbreitung der italienischen Literatur in Deutschland verdienten Bibliothekars der Herzogin Amalie von Weimar, Christian Jos. I., geb. 1778 zu Weimar; kam infolge eines seltenen Talents für Tonkunst ans Veranlassung der Herzogin Amalie nach Mannheim, wo sie, von Jfsland ausgebildet, 7. Oct. 1792 als Oberon in Wranitzkys gleicher Oper debntirte, rasch sich entwickelte, 8. Febr. 1797 in Weimar auftrat und dem Hoftheater daselbst bis Sommer 1828 angehörte. Karl August von Weimar, der ihr sehr zngethan war, belehnte sie mit dem Rittergut Heygeudorf wie mit dem Titel einer Frau v. H. u. gestattete ihr auf die Leitung des Theaters den größten Einfluß, dem 1818 selbst Goethe weichen mußte. I. st. 10. Juli 1848 zu Dresden. 2) Ferdinand, Geschichtmaler, Bruder der Vor., geb. 1780 in Weimar, st. daselbst 1820 als Hofrath u. Professor; studirte in Kassel bei Tischbein, ging nach Wien und Paris, 1806 nach Italien, kehrte 1809 zurück und machte als Freiwilliger den Feldzug 1814 nach Frankreich mit. Hauptwerke: Luther auf dem Reichstage; Bildnisse Goethes, Wielands, Schillers, des Herzogs Karl August rc. 3) Ludwig Hugo Franz von I., geb. 1805; wurde 1843 badischer Mi- nisterialrath u. st. als Hofrichter u. Geheimerrath 11. Juli 1853 in Karlsruhe; er gründete mit Nöllner die Zeitschrift für deutsches Strafverfahren, Karlsr. 1840 ff.; später den Gerichtssaal, Zeitschrift für volksthümlicheS Recht, Erl. 1849 ff.; auch Herausgeber eines Handbuches der gerichtlichen Untersuchungsknnde, Franks. 1838 u. 1841; des Criminallepikons, Erl. 1853, rc. iMirschner. SiNcgnct. Jagen (als Hauptwort), 1) so v. w. Jagd, bes.Treibjagd. 2) AbgegrenzterTheil einesWaldes. Jager, 1) das vorderste Stagsegel auf Schmacken, Kliffen u. Hukern, dessen Hals an einem an der Seite des Bugspriets durch einen eisernen Bügel ansgeschobenen Baume, dem J-stock, ausgeholt wird. Zuweilen heißt auch das vorderste (kleinste) Stagsegel bei großen Schiffen I. 2) Ein zum Häringsfang gebrauchtes, hukerartiges Fahrzeug, auch Büse genannt; besonders heißt I. dasjenige Fahrzeug, welches den Fang Mehrerer zu Markte bringt, während die anderen Wetterfischen. 3) So v. w. Jagdgeschütze. Jäger, 1) der, welcher das Jagdwesen (die Jägerei) regelmäßig erlernt hat u. zu seinem ausschließlichen Geschäft macht oder bei dem Jagdwesen angestellt ist; vgl. Jagd. Früher unterschied man: deutsche hirschgerechtc I., welche sich vor- 556 Jäger — Jägcrndorf. züglich mit der Jagd des Hochwildes u. der zur Mitteljagd gehörigen Thiere, auch mit der Dressur der hierzu dienenden Hunde beschäftigen und die Hirschfährten verstehen; Feld-J. (Federschützen), welche die niedere Jagd trieben u. (dann Besuch-J.) Leit-, Hühner- u. Dachshunde abrichteten; Windhetzer, welche das Hetzen mit Windhunden besorgten; Parforce-J. od. französische I., welche die Parforcejagd als Piqueurs trieben, hirschgerecht warenu. Leithnnde drcsfirten; Falkeniere, welche Falken zogen u. mit ihnen jagten. 2) Jeder, der die Jagd ausübt. 3) Eine Art von des Jagdwesens kundigen Bedienten. 4) I. od. Schützen, früher Soldaten, die im Schießen bes. ausgebildet u. als Büchsenschlltzen den Jnfanterie-Abtheilungen zugetheilt waren; später wurden in säst allen Heeren besondere I- oder Schützenabtheilungen, meist als Bataillone, sormirt; sie waren vorzugsweise zum Positivus- u. zerstreuten Gefecht bestimmt. Mit der allgemeinen Einführung der gezogenen Handfeuerwaffen haben die I. ihre bisherige Bedeutung verloren u. werden im Gefecht wie jede andere Infanterie-Truppe verwendet, doch haben die meisten Staaten die I. als eine traditionelle od. landesübliche Heereseinrichtung, theilweise mit ausgesuchtem Ersätze, beibehalten (s. u. Infanterie). Berittene I. (Oiiasoeurs L eirsval, s. d.) sind in mehreren Armeen eingesührt; sie zählen zur leichten Cavalerie u. unterscheiden sich von dieser meist nur durch ihre Unisormirnng. l>Wimmenauerl,.4>z. Jäger, 1) Friedrich Ritter v. Jaxthal, Augenarzt, geb. 3. Scptbr. 1784 zu Kirchberg (Württemberg); studirte in Würzburg n. Landshut u. kam 1809 nach Wien, wo er sich vorzüglich der Augenheilkunde widmete und 1825 Professor an der Josephs-Akademie, auch Mitglied des Militär-Sanitätskörpers wurde. 1848 legte er sein Lehramt nieder u. st. 26. Dec. 1871. „ Er ist in Österreich der Begründer einer neuen Ära in der Augenheilkunde, bewirkte auch in der Türkei die Reorganisation des Sanitäts- u. ärztlichen Schulwesens, sowie die Begründung einer medicinisch- chirurgischen Akademie in Constantinopel. Er war ein Hauptmitarbeiter an Rusts Handbuch der Chirurgie seit 1830 und schrieb außer verschiedenen Jonrnalaufsätzen: Die ägyptische Augenentzündung, Wien 1840. 2) Eduard, Sohn des Vor., ebenfalls Augenarzt und außerordentlicher Professor zu Wien. Er veröffentlichte: Über die Behandlung des grauen Staars an der ophthal- mologischen Klinik der Josephs-Akademie, Wien 1845; Über Staar und Staaroperationen, ebd. 1854; Beiträge zur Pathologie des Auges, ebd. 1855 f.; Über Glaukom und seine Heilung durch Jridektomie, ebd. 1858; Ergebnisse der Untersuchung des menschlichen Auges mit dem Augenspiegel, ebd. 1855; Schrift-Scalen, ebd. 4. Äufl. 1867 (auch in mehreren Sprachen erschienen); Über die Einstellungen des dioptrischen Apparates im menschlichen Auge, ebd. 1861; Über medicin- ische Unterrichts- u. Prüfungsnormen, Lpz. 1867; und gab heraus: Ophthalmoskopischer Handatlas, Wien 1869. 3) Albert, österr. Geschichtschreiber geb. 8. Dec. 1801 zu Schwaz in Tirol; trat in den Benediktiner-Orden, wurde 1845 Professor der Geschichte zu Innsbruck und 1851 in Men, auch Mitglied der kaiserl. Akademie. Außer vielen Abhandlungen, Herausgabe von Urkunden, Quellen u. Regesten schr. er: Tirol u. der bayerisch, sranzös. Einfall 1703, Jnnsbr. 1844; Der Streit des Cardinals Nicolaus v. Cnsa mit Herzog Sigismund v. Österreich, 2 BLe., ebd. 1861; Kaiser Joseph H. u. Leopold II., Reform und Gegenreform, Wien 1867; Tirols Rückkehr unter Österreich, ebd. 1871. 4) Gustav, deutscher Geschieht- maler, geb. 12. Juli 1807 zu Leipzig, gest. das. 19. April 1871; bildete sich in Leipzig n. Dresden, dann seit 1830 in München bei Schnorr v. Earolsseld u. lebte daselbst mit Ausnahme seines Aufenthaltes in Rom 1836 — 37, bis er 1847 zum Direktor der Leipziger Akademie ernannt wurde. Werke: Moses; Bileam mit dem Engel (1836); enkanstische Bilder nach Schnorr im Habs- bnrg- und Barbarossa-Saal rc. des Münchener Saalbaues; Grablegung Christi; Fresken im 4. Nibelungen-Saal des Münchener Königsbaues; Herderzimmer im Schlosse zu Weimar (1848), auch mehrere Ölbilder, alle voll inniger Empfindung, lichter, milder Farbengebung, durchgebildctem Schönheitssinne u. lyrischem Ausdrucke. Die modernen technischen Fertigkeiten wies er als zu seinen Stoffen nicht passend zurück. 5) Hermann, Gärtner u. Gartenschriftsteller, geb. 7. Oct. 1815 i bei Gera; er war lange an verschiedenen Stellen ^ in Deutschland, Italien und Frankreich praktisch > thätig u. wurde 1854 Hofgärtner, 1873 Hofgarten- i inspector zu Eisenach. Zahlreiche Garten- u. Park- j anlagen rühren von ihm her; noch zahlreicher sind seine Schriften u. Abhandlungen über Gartenban, j Blumenzucht, Baumschnitt rc. Seit 1857 ist er Mitredacteur von Regels Gartenflora. 6) Emil Friedrich Oscar, Geschichtschreiber u. Philolog, j geb. 26. Öct. 1830 in Stuttgart, Sohn des Pro- ! fessors und Obermedicinalraths Georg Friedrich t 1. u. einer Schwester des Dichters G. Schwab; j studirte in Tübingen Theologie und Philologie, war 1852 — 55 theils Privatlehrer, theils zum Studium auf Reisen im Auslande, dann Gym- r nasiallehrer in Stuttgart u. Wetzlar, wurde 18SS s Rector am Progymnasium in Mörs und 18Kb ! Director des Frredrich-Wilhelms-Gymnasiums in t Köln. Er schr.: John Wycliffe u. seine Bedeut- l ung für die Reformation, Halle 1854; Gesch. der ) Römer, Güterslohe 1861, 3. Ausl. 1374; Gesch. i der Griechen, ebd. 1866, 3. Aufl. 1876; Die 1 Panischen Kriege nach den Quellen, Halle 18SS l bis 1870, 3 Bde.; besorgte mit Creizenach unter ! Zugrundelegung der Kriegkschen Bearbeitung die 2. Ausgabe von Schlossers Weltgeschichte, u. zwar die Geschichte des Älterthums, Öberhausen 1870 bis 1871, 3 Bde., u. Gesch. von 1700—1815, 2 Bde., ebd. 1874, u. schr. als Fortsetzung: 1815 bis 1871, Versuch eurer Darstellung neuester Geschichte, ebd. 1874—75, 3 Bde. Infolge seiner ! Schrift: Gymnasium u. Realschule erster Ordnung, - Mainz 1871, wurde er zu der Berliner Conferenz über den höheren Unterricht Oct. 1873 zugezogeu. Endlich schrieb er noch eine Reihe von HW- 1 büchern für den Geschichtsunterricht. 1 ) 2) Thamhayn.* 3) 6) Lagai. 4) Regnet. K) K Jiigerndorf, 1) Fürstenthnm im österreich-, größtentheils aber im preuß. Schlesien; Standes- 557 Jägerrecht Herrschaft des Hauses Liechtenstein. Gesch. s. u. Schlesien (Gesch.). 2 ) (Krnov) Stadt u. Hauptort im gleichnam. Bez. des österreich. Herzogthums Schlesien u. Hauptort des gleichn. Fürstenthums, in einem Thal zwischen,der Großen und Kleinen Oppa u. am Fuße des Burgberges, Station der Mähr.-Schles. Central- u. der Oberschles. Eisenbahn; mit 3 Vorstädten; Schloß, schöne Decanats- kirche mit 2 Thürmen (den höchsten im Lande), Minoritenkloster, Unter-Realschule, starke Tuch- u. Leinenweberei, Fabrikation vonSchafwollenwaaren, Maschinenfabrik, Bleichen, Papiermühle, 5 Jahr- u. 4 Viehmärkte; 8442 Ew. Dabei die Trümmer der Burgen Lobenstein u. Schellenberg. 3 ) (Groß-J.) Dorf unweit des Pregel, im Kreise Insterburg des preuß. Negbez. Gumbinnen; 480 Ew. Hier 30. Aug. 1757 Sieg der Russen über die Preußen unter Lehwaldt im Siebenjährigen Kriege. H. Berns. Jägerrecht, Antheil, welchen der Jäger, in dessen Revier ein Stück Wild erlegt ist, von demselben bekommt; in der Regel der Aufbruch, zuweilen auch sonstige Stücke. Jagetroß, ein dreischäftiges, kabelweise geschlagenes Tau, welches etwas dünner als eine Pferdeleine ist u. zum Schleppen oder Bugsiren verwendet wird. Jaggerl), so v. w. Palmzucker. Jago (span.), so v. w. Jakob. San Jago, s. Santiago. Jagodina, Stadt im gleichnam. Kreise des Fürstenthnms Serbien, an der Lcwatschka, unweit von ihrer Mündung in die Morawa, in einem Halbkreise von Bergen umgeben; Sitz eines Kreisamtes u. Kreisgerichtes, Progymnasinni; 4429 Ew. Jagst (Jaxt), ein 195 iriu langer Nebenfluß des Neckars in Württemberg, entspringt auf den Höhen von Walxheim nordnordöstlich von Lauch- Heim im Obcramte Ellwangen, fließt anfangs in fast nördlicher Richtung, wendet sich bei Neiden- fels nach NW., fließt zuletzt südwestlich u. mündet, nachdem sie eine Strecke die Grenze zwischen Baden und Württemberg gebildet hat, bei Jagstfeld, Wimpfen gegenüber. Sie nimmt die Sechta, Brettach u. Seckach aus. H- Berns. Jagstfeld, Dorf, s. u. Friedrichshall 2). Jagsthausen, Kirchdorf an der Jagst im Ober- amte Neckarsulm des Württemberg. Neckarkreises; S Schlösser, deren eines Geburtsstätte des Götz von Berlichingen; (1871) 966 Ew. Jagstkreis, einer der vier Kreise des Königreichs Württemberg; bildet den nordöstlichen Theil desselben u. grenzt östl. an Bayern, südl. an den Donaukreis, westlich an den Neckarkreis u. Baden, nördlich an Baden und Bayern; 5138,gz s^km (93,n sIW) mit (1875) 390,703 Ew. (auf 1 UMm 76, in ganz Württemberg 96,4). Der Kreis ist imS. gebirgig durch das Aalbuch u. das Härdt- seld, bildet sonst im Allgemeinen eine sich allmählich von S. nach N. senkende, von tiefen Thälern durchschnittene Hochebene. Flüsse: Jagst, Kocher, Neins, Tauber, Brenz u. Eger. Die südl. Hälfte des Kreises hat ansehnliche Waldungen, in der nördlichen ist die Landwirthschast von Bedeutung. Von großer Wichtigkeit ist die Vieh-, namentlich die Nindviehzucht; ein ansehnlicher Weinbau wird — Jahde. nur im SW. an der Rems, sowie im NW. betrieben; nicht unwichtig ist auch der Obstbau. An Mineralien besitzt der I. hauptsächlich Salz. Die wichtigsten Industriezweige sind: Fabrikation von Gold-, Silber-, Kupfer-, Bronze- und Messing- waaren, von Tabak, Cigarren, Leinwand. Tuch, Wollen-, Baumwollen-, Seiden- und Halbseiden- waaren, Wollen- u. Baumwollenspinnerei, Papier- u. Maschinenfabrikation rc. Seine Bestandtheile sind größtentheils neuwürttembergisch, wie z. B. die Probstei Ellwangen, das Ritterstift Comburg, Antheile an der Grafschaft Limpurg, der größte Theil des Deutschmeisterthnms Mergentheim, mehrere Reichsstätte, die Besitzungen der verschiedenen Linien der Fürsten von Hohenlohe und sonstiger fürstlichen od. gräflichen Häuser, zahlreiche ritter- schaftliche Besitzungen rc. Einteilung in 14 Oberämter. Hauptstadt ist Ellwangen. H.Berns. Jaguar, Unze, Volls Onoa T,., neucvntinen- tale Katzenart aus der Gruppe der Panther, die größte Katze Amerikas, bis 1,5 m lang, kräftiger gebaut als der Tiger; bräunlichgelb, an den Seiten vier Reihen schwarzer, nicht geschlossener Ringelflecken, welche braune, schwarzpunktirte Flecken umgeben, unten weiß; bisweilen ganz schwarz; Kopf dicker u. Schwanz kürzer u. dicker als beim Panther; gefährlich,räuberisch; Mejico bis Uruguay. Farwick. Jahde (Jade), kleiner Küstenfluß in Oldenburg, mündet in den nach ihm benannten Jahde» busen der Nordsee, südwestlich der Wesermündnug an der Oldenburgischen Küste. Der herzförmige Busen, 192,5 ÜHKm (3,5 tjM) groß, entstand durch Sturm- und EiSfluthen in den Jahre» 1218, 1509 u. 1511, wobei mehrere Ortschaften nntergingen. Die Einfahrt, von der Norderweser durch Sandbänke (Hohe Weg, Norderplatte u. a.) getrennt, ist bei der 3,5—4 m steigenden Fluth für Schiffe jeder Größe fahrbar und hat ein meistentheils über 2Lm breites Fahrwasser, das in seiner Hauptströmung niemals zufriert. Schon 1811 bestimmte Kaiser Napoleon I. die I. für Anlage des Hauptkriegshafens an der deutschen Nordseeküste, und bereits war die Ausführung in Angriff genommen, bei Heppens und Eckwarden waren Schanzen erbaut, deren Reste bis jetzt zu sehen waren, es wurde ein Kanal nach der Emsmündung abgesteckt und mit seiner Ausgrabung begonnen: als die Ausführung des Projects durch den Sturz Napoleons gehindert wurde. Da erwarb durch Verträge vom 20. Juli 1853 und 16. Febr. 1864 die Krone Preußen von Oldenburg zwei Striche am Ost- und Westufer des Busens (Jahdegebiet) zur Anlegung eines Kriegs- und Handelshafens. Die Hafenarbeiten begannen schon 1855, wegen der großen Terrainschwierigkeiten schritten dieselben aber nur langsam fort, so daß der Kriegshafen erst am 17. Juni 1869 eingeweiht werden konnte. Die Einfahrt zu demselben (Hafenkanal) ist 110m breit, der Hafen selbst hat eineLänge von 376 m und eine Breite von 220 m. Zur Ebbezeit hat das Fahrwasser auf der Rhede noch eine Tiefe von 11 m. 3 Docks sind bereits fertig gestellt und auch die Werften so weit fortgeschritten, daß schon mit dem Schiffsbau begonnen werden konnte. 1865 ist Trinkwaffer in der Tiefe von 210 m erbohrt worden. Die Kosten für die Haseyanlagen sind auf mehr als SO Mill., die für die Anlagen von Festungswerken, durch welche der Kriegshafen nicht allein gegen einen Angriff von der See, sondern auch vom Lande her geschützt werden soll, auf 36 Mill. veranschlagt worden. Das Jahdegebiet gehört zur Landdrostei Aurich der preuß. Prov. Hannover u. bildet nur einen einzigen Ort, die Stadt Wilhelmshaven 1875 mit 10,174 Ew. Ein Kanal von der I. nach der Ems wird gebaut. H- Berns. Jahn, 1) Friedrich Ludwig, der Turn- Vater genannt, geb. 11. Aug. 1778 in Lanz in der Priegnitz, Sohn eines Predigers; studirte in Halle u. Güttingen Theologie, war dann Hauslehrer in Greifswald, wo er mit E. M. Arndt bekannt wurde, ging 1805 nach Jena, um sich zu habilitiren, entschloß sich aber aus Patriotismus in das preuß. Heer zu treten, erreichte es jedoch erst, als es auf der Flucht war und floh nun mit nach Lübeck. 1809 kam er nach Berlin, wurde 1810 Lehrer am Kölnschen Gymnasium und gründete hier 1811 eine Turnanstalt, um die Jugend durch Entwickelung der physischen Kräfte u. Abhärtung von der weichlichen Erziehung abzuleiten; 1813 sprach er kräftig für die Erhebung des preußischen Volks, trat mit den meisten seiner Turner in das Lützowsche Corps, wurde hier Offizier und führte temporär das dritte Bataillon. Nach dem Frieden nach Berlin zurückgekehrt, richtete er sogleich seine Turnanstalt wieder ein, wurde 1817 als Turnlehrer angestellt: zugleich wirkte er durch seine Vorträge über deutsches Volksthum. Indessen bald erwachte gegenüber dem hier gepflegten freien u. derben Wesen erst Mißbilligung der Eltern rc., die sich rasch in Verdächtigungen wandelte, und so wurde, der Beförderung der Demagogie verdächtig, 1819 nicht nur die Turnanstalt in Berlin und dem ganzen Preußischen Staate geschlossen, sondern auch I. selbst, der eben einen Ruf als Professor nach Greifswald annehmen wollte, wegen demagogischer Umtriebe verhaftet, zur Untersuchung gezogen und nach Spandau, dann nach Küstriu u. zuletzt 1820 auf ministeriellen Befehl nach Kol- berg gebracht; er wurde zwar 1824 durch das Oberlandsgericht in Breslau zu zweijähriger Festungsstrafe verurtheilt, durch das zu Franksurt a. d. O. aber 1825 freigesprochen und lebte, mit Beibehaltung seines Gehalts, zu Freiburg an der Unstrut, dann aus polizeilichen Befehl seit 1829 zu Kölleda; doch erhielt er hernach Erlaubniß wieder nach Freiburg znruckzukehren, wo 1838 eine Feuersbrunst seine ganze Habe verzehrte. 1848 wurde er vom Freiburger Wahlbezirk in die Deutsche Nationalversammlung gewählt, wo er zur äußersten Rechten gehörte und in den Septembertagen kaum thätlichen Mißhandlungen entging. I., der einstige intellektuelle Urheber der Deutschen Burschenschaft, konnte sich in diesen Verhältnissen keinen Einfluß mehr verschaffen und st. 15. Oct. 1852 in Freidurg. Schriften: Über die Beförderung des Patriotismus im Deutschen Reich, Allen Preußen gewidmet von (Pseudon.) Höpffncr; Bereicherung des Hochdeutschen Sprach- satzes, versucht im Gebiete der Sinnverwandtschaft, Lpz. 1806; Deutsches Volksthum, Lübeck 1810, 2. Ausg., Bert. 1816; Ruueublätter, ebd. 1814; Die deutsche Turnkunst, ebd. 1816; Neue Runenblätter, Naumburg 1828 u. a. m.; Lebensbe- schreibungen von Pröhlc, Berl. 1855, v. Angerstein, ebd. 1861, v. Dicsterweg, Franks. 1864, Rothenburg, Mind. 1841. Ihm zu Ehren nennt sich die Pensionskasse für Turnlehrer und deren Hinterbliebene (1863 in Leipzig gegründet) Jahn- Stiftung und wurde 1872 auf dem Turnplätze in der Hasenhaide ein Erzstandbild errichtet. 2) Albert, Geschichts- u. Alterthumsforscher, Sohn des 1854 als Professor an der höheren Stadt- schule in Bern verstorbenen Karl I., geboren 9. October 1811 in Bern, studirte seit 1828 in Bern, Heidelberg und München, habilitirte sich 1834 in Bern, war längere Zeit Lehrer, 1846 bis 1847 Unterbibliothekar an der Stadtbibliothek daselbst; 1853 trat er in den eidgenössischen Staatsdienst über und wurde 1862 Bibliothekar u. 188g Secretär beim Departement des Innern. Er schr.: LasiUrm klotinmans, Bern 1838; ^.nimaäver- sionss in Lasiiii Ll. sporn, ebd. 1842, 1. Heft; Der Kanton Bern, ebd. 1850; Chronik des Kantons Bern, ebd. 1857; Die Pfahlbaualterthltmer und Moosseedorf, ebd. 1857; Die keltischen Alter- thümer der Schweiz, ebd. 1860; Emmenthaln Alterthümer und Sagen, ebd. 1865; Lonapnrto, Isils/ranä st Ltspkor, ebd. 1869; Gesch. der Burgundionen, Halle 1874, 2 Bde., u. gab heraus des Joh. Glykas Opus äs vsra szmtnioos ia- trons, Bern 1849. 3) Otto, Philolog, Alterthumsforscher u. Kunstschriftsteller, geb. 16. Juni 1813 in Kiel, gebildet aus dem dortigen Gymnasium und in Schulpforte (bes. unter Lauge), studirte in Kiel, Leipzig unter G. Hermann, und in Berlin, bes. unter Lachmann, seit Winter 1836 auf Reisen nach Kopenhagen, Paris, Rom; 183S Docent in Kiel, 1842 Professor in Greifswald, 1847 nach Leipzig an A. W. Beckers Stelle berufen, jedoch 1851 infolge der politischen Bewegungen für die deutsche Einheit von dem Minister von Beust nebst Haupt und Mommsen des Amtes entsetzt; mit musikalischen Studien beschäftigt, aber 1855 als Professor der Altertlmmswisseuschaft nach Bonn berufen; gest. 9. Sept. 1869 bei einem Verwandten in Göttingen. Seine philologischen, archäologischen und musikalischen Schriften sind: Ausgaben des Persius, 1843, 1851 und 1868; des Juvenal, 1851 und 1868; der vsserixtio arois ll.tllonarum des Pausanias, 1860; der Elektra des Sophokles, 1861, 2. Ausg. 1872; des Longin über die Erhabenheit; des Platonischen Gastmahls, 2. Ausl. 1875; des Brutus, ors-tor n. äs optimo Zenors ornt. von Cirero; des Florns, 1852; lüviipsrioelrns etllulins Obssgusns, 1853; Censoriuus, 1845; Lpulsi ksz'ells st Onpiäo, 1856; Klavierauszug von Beethovens Fidelio, 1851; Biographie Mozarts, 4 Bde., 2. Ausl.; Eine Reihe archäologischer Aufsätze seit dem Pa- lamedes, 1836; Zwei Sammlungen von Briefen Göthes, 1849, 1868; Darstellungen griech. Dichter aus Vasenbildern, Lpz. 1861; Über bemalte Vasen mit Goldschmuck, ebd. 1865; Darstellungen de! Handwerks- u. Handelsverkehrs, ebd. 1868; Biographische Aufsätze, 1866; Musikalische Aufsätze 1866; Aus der Alterthumswissenschaft, 1868; Verschiedene Gelegenheitsschriften über Winckelmauu, 559 Jähns — Jahr. Gottfr. Hermann, Ludw. Uhland rc. Sein Neffe Michaelis gab aus seinem archäologischen Nachlaß heraus: Die Griechischen Bilderchroniken, Bonn 1873. Vgl. Springer, Gedächtnißrede in den Grenzboten, 1869, Nr. 45; Max Jordan im Daheim 1870, Nr. 13. 1) V Lagai.« 3) Eichhoff. Jähns, Max, Militärschriftsteller, geb. 1837 in Berlin, wurde 1857 Offizier, nahm aber schon 1864 seinen Abschied und widmete sich nun germanistischen Studien, bis er 1866 ein Decernat im Kriegsministerium erhielt; 1867 in dem Nebenetat für wissenschaftliche Zwecke des Großen Generalstabes angestellt, wurde er 1869 Hauplmann, 1870/71 als Liniencommissär des Generalstabes verwendet und 1872 Professor der Geschichte der Kriegskunst an der Kriegsakademie in Berlin. Er schr.: Kriegu. Friede, Berl. 1868; Volksthum und Heerwesen, ebd. 1870; Deutsche Feldzüge gegen Frankreich, Lpz. 1871; Roß u. Reiter m Leben, Sprache, Glauben u. Geschichte der Deut- schell, ebd. 1872, 2 Bde.; Das franz. Heer von der großen Revolution bis zur Gegenwart, ebd. 1873; Oberst Emil v. Sydow, Berl. 1873; Die Kriegskunst als Kunst, Lpz. 1874; Die Schlacht bei Königgrätz, ebd. 1876. Zum Gedächtniß seines Großvaters u. Lehrers K. F. v. Klöden gab er dessen Jugenderinnerungen heraus, Lpz. 1874. iagai. Jahr, ein Hauptabschnitt in der Zeiteintheilung; gewöhnlich der Zeitraum, in welchem die Erde ihren Lauf um die Sonne vollendet (Sonnenjahr). Man unterscheidet ein astronomisches und bürgerliches I. Das astronomische Jahr hat verschiedene Beiwörter. Das tropische Jahr bezeichnet die Zeit, die zwischen zwei aufeinander folgenden gleichnamigen Aequinoctien verfließt. Zum Anfangspunkt dieses Jahres wird der Zeitpunkt genommen, in welchem die Sonne scheinbar den Frühlingspunkt d. i. der Dnrchschnittspunkt des Äquators u. der Ekliptik von Süd nach Nord passirt, wobei also die Erdachse gegen den Radiusvektor nach der Sonne senkrecht steht und für alle Orte der Erde Tag und Nacht gleich sind, für die nördliche Hemisphäre aber Frühlingsanfang ist. Infolge der Präcession ist dieser Punkt kein fester der Erdbahn, sondern geht jährlich ca. 50j Bogcn- secunden rückwärts. Dieser Rückgang des Frühlingspunktes, folglich auch die Länge des tropischen Jahres, ist aber kleinen Schwankungen unterworfen. Diese Differenz der tropischen Jahreslänge kann bis auf 38 Sekunden wachsen, so daß man genöthigt ist, ein mittleres tropisches I. zu berechnen. Dasselbe ist nach den neuesten Berechnungen 365 Tage 5 Stunden 48 Minuten 46,^ Sekunden und wird diese Länge wirklich haben im I. 2360 n. Ehr. Im I. 3040 v. Ehr. hatte es seine größte Länge, 365 Tage 5 Stunden 49 Minuten 24,g, Sekunden; im I. 7600 n. Ehr. wird es seine kleinste Länge haben, nämlich 38 Sekunden kürzer, als das mittlere. Das Siberische I. (Sternenjahr) ist die Periode eines wirklich vollendeten einmaligen Umlaufs der Erde um die Sonne; es ist im Mittel um etwas über 20 Minuten 23 Sekunden länger als das tropische Jahr und beträgt 365 Tage 6 Stunden 9 Miauten 10,Sekunden. Der Unterschied beider^ J>e beruht aus dem Vorrücken der Nachtgleichen.. Dieses aber wieder ist eine Folge der Anziehung der Sonne und des Mondes auf den abgeplatteten rotirenden Erdkörper. Deshalb geht der Frühlingspunkt in jedem Jahrh. um 5025 Sekunden rückwärts oder von Ost nach West, vollendet also in 25,600 J-en einen Umlauf. Auf die Länge des siderischen J-es haben die säkularen Störungen keinen Einfluß, da die Unveränderlichkeit der halben großen Achsen sammtlicher Planetenbahnen ein nothwendiges Ergebniß des Newton- schen Gravitationsgesetzes ist. Nur temporär und ohne regelmäßige Periodicität können auch hier Veränderungen eintreten. Das Ano malistische I. ist die Periode, welche die Erde braucht, um von ihrem Aphelium bis wieder dahin zu gelangen: 365 Tage 6 Stunden 13 Minuten 59 Sekunden. Das astronomische Mondjahr ist die Periode von 12 mittleren synodischen Monaten, wovon jeder nahe an 29 Tage 12 Stunden 44 Minuten 3 Sekunden beträgt, das I. aber 354 Tage 8 Stunden 48 Minuten 38 Sekunden befaßt. Der Unterschied zwischen ihm und dem Sonnenjahr wird als Epakte bezeichnet. Platonisches oder großes Jahr wird zuweilen die Umlaufszeit des Frühlingspunktes in der Ekliptik genannt, eine Periode von 25,600 J-en. Das Bürgerliche I. ist die Zahl von Tagen, die in obiger, nach astronomischen Bestimmungen getroffener Zeitabtheilung ganz abgelaufen sind. Es kann ebenso ein Sonuenjahr (jetzt am gewöhnlichsten), wie ein Mondenjahr, oder ein aus beiden zusammengesetztes sein. Um das bürgerliche I. mit dem astronomischen I. in Übereinstimmung zu bringen, schaltet man von Zeit zu Zeit in ein gemeines I. von 365 Tagen einen Tag ein, um den Überschuß der Zeit eines jeden tropischen J-es über die Tagezahl in das bürgerliche I. zu befassen. Vgl. Kalender und Schalttag. Der Anfang ist willkürlich; nach dem Gregorianischen Kalender hebt es den II. Tag nach dem Winter- solstitium, oder mit dem 1. Januar an und ist in 12 Monate, sieben von 31 Tagen, vier von 30 Tagen u. einen von 28 Tagen in einem gemeinen I., von 29 in einem Schaltjahr, getheilt. Das Kirchenjahr, die Anordnung des Jahres nach rein kirchlichen Bestimmungen, unterscheidet sich jetzt vom gemeinen I. nur durch die Verschiedenheit seines Anfangs und Schlusses; es beginnt mit dem vierten Sonntag vor dem ersten Weih« nachtsfeiertag, dem ersten Adventsonntag, u. endigt mit dem Sonnabend vor demselben; da aber der erste Weihnachtsfeiertag stets auf den 25. Dec. fällt, mithin auf jeden Wochentag fallen kann, so ergibt sich daraus die Verschiedenheit der Länge der Adventszeit, also auch des Kirchenjahres, die nach unserem Kalender aber nie vor dem 27. Nov. und nie nach dem 3. Dec. beginnen kann. In ähnlicher Weise war bei den Römern neben dem bürgerlichen I. ein Consnlarjahr (L-nnus consularis), d. i. die Zeit vom Antritt der Con- suln (u., bei der Unterbrechung der Consulreihe, der Decemvirn u. Kriegstribunen) bis zu ihrer ^ Abdankung, dessen Anfang ein im Laufe der Ge- i schichte oft wechselnder war und jetzt oft nicht mehr ^u bestimmen ist. Das I. erhielt in früherer iZeit und erhält noch jetzt bei verschiedenen Na- 560 Jahr. tionen, hinsichtlich seiner Länge, des Anfangs und der Einteilung, sehr abweichende Bestimmungen, s) Bei den Römern wurde das während der Republik geltende an) altrömische (Romulische, Albanische) auf Romulus und Numa Pompilius zurückgeführt. Es umfaßte anfänglich 10 Monate: Martins, Xprilis, Liasus, üunius, Huiuotills, Lsxtills, Lsptsmdsr, Oetober, November, Os- oemdsr, darunter Martins, Najus, (juiuotiiis, Ootodsr von 31, die übrigen von 30 Tagen. Sein Anfang fiel mit der Ankunft des Frühlings zusammen. Diesem nur 304 Tage zählenden und nach den Jahreszeiten sehr wandelbaren I. soll schon Romulus 56 Tage angehängt haben, aus denen Numa Pompilius 2 neue Monate stanu- arius (von 31) und Pedruarius (von 28 Tagen) bildete und überhaupt ein Mondenjahr von 355 Tagen zu Stande brachte. Um dieses aber mit dem Sonnenjahr in Übereinstimmung zu bringen, wurden jedesmal im anderen J-e wechselsweise 22 u. 23 Tage nach dem 23. Febr., unter dem Namen Llsnsis Nsrosäovius oder Intsroaiaris eingeschaltet. Acht solcher wechselsweise gemeiner Jahre von 12 und Schaltjahre von 13 Monaten hatten 2930 Tage, also 8 Tage mehr, als eben so viele Sonnenjahre von 365 H Tag gehabt haben würden. Diesem sollte dadurch abgeholfen werden, daß man dem 8. I. statt 23 Tage nur 15 zusetzte. Nach anderer Annahme wurde diese Ausgleichung des Sonnen- u. Mondenjahres erst 450 von den Decemvirn angestrebt, die auch den Schluß des J-es von Februar auf December verlegt haben sollen. Infolge der Nachlässigkeit und Willkür der mit dieser Einschaltung beauftragten Priester, war indessen die größte Unordnung entstanden und zu Cäfars Zeit die Verwirrung so groß, daß der 1. Januar des römischen dem 13. October des richtigen J-es entsprach. Julius Cäsar berief daher den ägyptischen Mathematiker Sosi- genes nach Rom, welcher, unterstützt durch den Schreiber Flavius, den Anfang der Reform damit machte, daß er in das 708. I. nach Erbauung Roms (das 45. v. Ehr. Geburt) die Tage, um welche man zurück war, in zwei Abtheilungen, die eine von 23 als Llsnsis Nsrosäonius nach dem 23. Februar und die andere von 67 Tagen als einen ungenannten Doppelmonat zwischen November und December einfügte. Jenes I. also enthielt 445 Tage, bestand aus einem Numaschen I. von 355 Tagen und 90 zugesügten Tagen und erhielt daher den Namen Confusionsjahr (Xnnus oonkusionis). Die drei ersten Monate von 80 Tagen müssen noch aus das vorherige I. gerechnet werden. Mit dem 1. März dieses Confusionsjahres beginnt eigentlich bd) das erste Julianische I., indem die noch übrigen J-e 365 Tage betragen. Doch wird dasselbe erst von dem 1. Januar des folgenden Jahres an gerechnet, wo die Monate die noch jetzt gewöhnliche Tagezahl bekamen u. dabei die früheren Benennungen behielten, doch so, daß der tzulnotilis später stu- 11ns und der Lsrtilis später XuAustus genannt wurde. Zugleich wurde festgesetzt, daß gemäß den genaueren Bestimmungen alexandrinischer Astronomen über die Länge des Jahres als 365 Tage 6 Stunden, in jedes vierte Jahr nach dem 23. Febr. ein Tag eingeschaltet werden, dieser Monat daher statt 28 Tage 29, ein solches Schaltjahr also 366 Tage bekommen sollte. Dieses in alle römische Provinzen eingeführte I. wurde auch d) von den Christen angenommen, welche bloß ihre Feste an die Stelle der heidnischen darin ! setzten und auf den Vorschlag Dionysius' des Kleinen um das I. 532 die Jahreszahl in die jetzt gebräuchliche christliche veränderten. Da jedoch dem Julianischen I. die Voraussetzung zu Grunde lag, daß das astronomische I. gerade 365H Tao betrage, so gab dies in der neu angehobenen Zeit, rechnung einen Unterschied von etwa 18 Stunden 20 Minuten auf jedes Jahrh., um so viel es nämlich zurückblieb. Deshalb warf Papst Gre- gor XIH., unter dem Beirath des Italieners Aloy. sius Lilius und anderer Astronomen, im I. izzz aus dem October 10 Tage weg und ließ gleich auf den 4. den 15. Oct. folgen; zugleich tras man die Bestimmung, daß immer drei Säcular- jahre, welche bisher nach der Julianischen Einrichtung auch Schaltjahre waren, gemeine u. nur ! jedes vierte Säcularjahr ein Schaltjahr sein sollte. I Demnach war das I. 1600 ein Schaltjahr, die J-e 1700 u. 1800 aber keine, wie denn auch dos I. 1900 keins, dagegen das I. 2000 wieder ein Schaltjahr sein wird. Durch dieses verbesserte Julianische oder Gregorianische I. ist nundoS bürgerliche I. dem astronomischen so nahe gebracht, daß der, schon von diesem Papst und seinen Ge- lehrten erkannte Unterschied, um den es zu lang ist, in 400 Jahren nur etwa 3 Stunden beträgt, ' die sich erst nach 3200 Jahren zu einem Tage anhäufen werden, der dann durch eine unterbleibende Einschaltung ausgeglichen wird. Diese > Gregorianischen J-e sind auch in dem sogenannten > verbesserten Kalender der Protestanten beide- ! halten. Im protestantischen Deutschland, in der > Schweiz, in Holland u. Dänemark, geschah diese Annahme im I. 1700, indem man die letzten U Tage des Februar wegließ und gleich vom lS. § Februar auf den 1. März überging, in England ! im I. 1752, in Schweden aber 1753. Man bezeichnet diese Zeitrechnung als den Kalender neuen j Stils, während in Rußland und überhaupt in der Griechischen Kirche noch die Manischen J-e, der sog. Kalender alten Stils, im Gebrauch geblieben sind. Die Differenz ist seit 1800 auf iS Tage gestiegen, um wie viel das I. später anfängt; zur Ausgleichung mit dem gregorianischen ! System ist es üblich, beide Zahlen in der Art zu schreiben, daß die gregorianische über, sdie julian- ische unter der Linie steht, z. B. 29/17. April, der Geburtstag des russischen Kaisers, in Europa auf den 29. fallend. Von den zum Theile jetzt noch bestehenden Jahreseinrichtungen der übrigen Völker der Vorzeit sind folgende die merkwürdigsten: o) DaS I. der Hebräer, ursprünglich ein Mondenjahr u. in 12 in der ältesten Zeit nur der Ordnung u. Zahl nach unterschiedene Monate getheilt, deren Namen nach dem Exil: Nisan, (sonst Abib), Jjar sonst Sif), Silvan, Thamuz, Ahb, Elul, Tischst (sonst Ethan), Maschewan, Kislev, Thebet, Sche- wat, Adar. Diese Monate, nach dem Sichtbarwerden des Neumondes gemessen, hatten, weil dies immer nach etwa 29'/z Tagen wiedcrkehrt, ,Heils 29 Tage (hohle Monate), theils 30 Tage /volle Monate). Da nun aber gewisse Feste sich nach der Tag- n. Nachtgleiche richteten, od. von der Reife der Früchte und der Zeitigkeit der jungen Thiere abhingcn, so mußte man diese Monden- mit dem Sonncnjahre in Einklang zu bringen suchen. Dies geschah durch einen hinter den letzten Monat Adar eingeschobenen Monat, der Weadar d. h. doppelter Ädar genannt wurde. Die Einschiebung der Schaltmonate geschieht in einem festgesetzten Cyklus von 19 I n 7 mal, so daß inner- halb dieser auf 12 gemeine J-e (Schanah Meo- phereth) 7 Schaltj-e (Schanah Besutah) kommen. Die Zahl der Tage ist, je nach der Anzahl der vollen Monate, stets wechselnd; sie beträgt für ein regelmäßiges gemeines I. 354, Schaltjahr 384, kann aber auch je um einen verlängert od. verkürzt werden, also auch 353, 355, 383, 385 betragen. Ob schon die alten Hebräer ein heiliges od. kirchliches »eben dem bürgerlichen I. gehabt haben, ist streitig; die Juden nach dem Exil begannen, wie noch die heutigen, ihr heiliges I. mit dem Monat Nisan (etwa unserem März), u. nach ihm werden die Feste n. heiligen Gebräuche geordnet; das bürgerliche I. mit dem Monat Tischri (der Mitte unseres Septbr.), nach demselben wurden Verträge geschlossen, die Obrigkeiten gewählt, die Erlaß- und Jnbelj-e, sowie die Brachjahre berechnet. Die Festsetzung der jüd. J-eslänge wird dem Patriarchen Hrllel dem Jüngeren im 4. Jahrh. n. Ehr. verdankt, ä) Das Babylonische, ein Sonnen-J., dessen Einführung mit Nabonassar datirt wird, gab dem I. 365 Tage ohne alle Einschaltung. Es blieb gegen das Julianische Sonnenj. alle 4 I. um einen Tag zurück, so daß 1460 Jnlianische J-e — 1461 Narbonassarischcn waren. Es wurde von den persischen Magiern u. den Griechen unter König Philipp von Makedonien angenommen; PtolemäoS bediente sich dessen in seinem Almagest u. die Ägypter unter der persischen Herrschaft. Es bestand aus 12 Monaten von 30 Tagen u. 5 angehängten Tagen, s) Das ursprüngliche Jahr der Ägypter, wenigstens Las, von dem wir die erste historische Kunde haben, bestand ans 12 Monaten zu 30 Tagen, also 360 Tagen, in 4 J-eszeiten cingetheilt. Um die Differenz mit dem Sonnenjahr anszugleichen, wurden später am Ende jeden J-s 5 Ergänznngstage (Epagomenen) an- ' gefügt. Gleichwol wurden 1460 astronomische gleich 1461 bürgerlichen, so daß erst nach 14'/^ Jahrh. die Uebereinstimmung wicderhergestellt wurde (die Sothisperiode siehe u. I - rechnung). Nach der Schlacht bei Aetium, wodurch Ägypten unter die ! Herrschaft der Römer kam, wurde das Neuägyptische (Attische) I. eingeführt. Der Anfang desselben ist der 29. Aug. 30 v. Ehr.; die 12 dreißigtägigen Monate u. die angehängten Tage (Pagomen) blieben; nur wurde alle 4 Jahre ein Schalttag, u. zwar z» Ende des J-es u. ein I. früher als nach der Julianischen J-einrichtung eingeschoben. Diesem entsprichtdas Äthiopische,nur daß die Monateandere Namen führen u. das auch von den äthiopischen ! u. koptischen Christen angenommene Syrische I., das übrigens seinen Anfang aus den 1. Oct. setzt. Pirrers Nniversal-ConversatiLirs-Lekikon. 6. Aust. X. k) In Griechenland findet sich eine Eintheilnng in 3 J-szeiten, ea§ (Frühling), Sepok (Sommer), /ec.uwr- (Winter), auch 4 u. mehr, wo dann noch örrwxia u. später ->S-t«-o7rwx,oi- (Spätsommer u. Herbst) hinznkommen, ohne daß jedoch dadurch feste Zeitformen geschaffen wurden. In der ge- regelten Eintheilnng war das Altgricchische, auch Attisches genannte I. ein Mondj. von 354 Tagen, eingetheilt in 12 Monate von 30 u. 29 Tagen, deren Namen: Hekatombaion, Metagcitnion, BoLdromion, Maimakterion, Pyanepsion, Posei- deon, Gamelion, Anthesterion, Elaphebolion, Mu- nychion, Thargelion, Skirrhophorion waren. Das I. begann mit der Sommersonnenwende. Um die Übereinstimmung mit dem Sonnenjahr aufrecht zu erhalten, schaltete man von Zeit zu Zeit einige Tage (xi-a/ö^xr-ar) ein. Dies führte zu der seit Solon in Athen regelmäßig dnrchge- sührten Bildung eines Schaltcyklus von 8 J-en (Oktaeteris, Ennaeteris), der durch den Zusatz eines 30tägigen Schaltmonats oder zweiter Poseideon) im 3., 5. und 8. I. die Übereinstimmung herznstellen suchten. Auch dieses genügte nicht u. man gelangte zn der Bildung einer doppelten Oktaeteris (Hexkaidekäöteris), wo in den ersten 8 Jahren im 3., 5. u. 8. J-e ein zweiter Poseideon von 30 Tagen, in den folgenden 8 Jahren auch im 3., 5. u. 8. J-e ein solcher von 31 Tagen eingeschobcn, am Ende, in der 10. Hexkaidekaeteride aber ein Schaltmonat von 30 Tagen ausgelassen wurde. Andere Ein- schaltungscyklcn wurden von Meton 432, Kalip- pos 330 n. Hipparchos 128 v. Ehr. vorgeschlagen, von denen der Metonische, ein 19jähriger, mit 7 Schaltmonaten u. je 1 Schalttag ans 4 gemeine J-e um das I. 330 inAthen u. später auch in anderen griechischen Staaten eingeführt wurde. Die J-e der anderen griechischen Staaten unterscheiden sich wenig von diesem System, meist nur in Bezug auf den Termin des Jahresanfangs und aus Namen und Aufeinanderfolge der Monate. Der Einfluß der Römer, vielleicht auch des Christen- lhmns, bewirkte endlich die Annahme des Jnlia- nischen Sonnenj-es, das sich auch noch bis heute erhalten hat. g) Das Etruskische I. war eine Verbindung der Mondmonate mit dem Sonnenjahre; wie dies bewirkt wurde, ist unbekannt. Da jährlich in dem Tempel der Nortia zn Volsinii der J-esnagel cingeschlagen wurde u. dies in Rom, wohin jene Lutte verpflanzt worden war, an den September-Iden (13. Septbr.) geschah, so kann man annehmen, daß das Jahr der Etrusker mit diesem Tage begann, k) Das Arabische u. Tür- kische I. ist ein reines Mondenj. von 354 Tagen mit einem 30jährigcn Cyklus, indem 11 J-e Schaltj-e von 355 Tagen sind. Die Monate, abwechselnd von 30 u. 29 Tagen, heißen: Mo- harrem, Safar, Rebi ul ewel, Rebi nl achir, Dschemadi ul ewel, Dschemadi ul achir, Nedscheb, Schaban, Ramadan, Schewal, Dsu'l-kade, Dsu'l- hidsche. Der Anfang dieser J-seintheilung datirt von der Hedschra (16. Juli 622). i) Das alte persische I. nach dem Avesta enthielt 360 Tage, eingetheilt in 12 Monate, denen 5 Zusatztage, Gatha, zngefügt wurden. Im Wesentlichen findet sich es wieder in den jetzigen neupersischen od. Gelaleischen Sand. zg 562 Jahrbücher — J-en seit Malek Schah (1079 n. Chr.) von 365 Tagen, von denen 7 Mal hintereinander das 4., dann aber das 8. ein Schaltjahr ist. k) Bei den Germanen war in ältester Zeit das I. nach Tacitus in 3 Theile getheilt, Winter, Lenz, Sommer; außerdem in 12 Monate, deren Namen aber nicht vollständig bekannt sind, wahrscheinlich aller mit Festen u. dgl. Zusammenhängen; so nannten die Gothen den November kiuina jiulols (erster Julmonat), den December akar jiulois (Nachjulmonat), nach der Feier des Jnlfestes, die Angelsachsen den Februar solmonaä (Sonnen- od. Opferkuchenmonat). Ihre Monate theilten die Germanen schon früh in Wochen zu 7 Tagen. Das I. begann mit der längsten Nacht, daher sie auch zuweilen nach Wintern, statt nach Jahren zählten. Mit der Einführung des Christenthums bekamen die Germanen die Einrichtung des Julianischen J-es, Loch erhielten sich die alten Monatsnamen: Wintermonat (Januar), Hornung (Februar), Lenzmonat (März), Ostermonat (April), Wonnemonat (Mai), Brachmonat (Juni), Heumonat (Juli), Erntemonat (August), Herbflmonat (September), Weinmonat (October), Windmonat (November), Heiliger (Christ-) monat (December) noch lange im Gebrauch des Volkes u. sind auch in neuester Zeit zum Theil wieder anfgelebt. I) Das Französisch-Republikanische I. hob vom 22. September 1792 an, an welchem Tage die Herbstnachtgleiche um 9 Uhr 18 Minuten 30 Secnnden Vormittags nach dem Pariser Meridian einsiel. Es war in 12 Monaten von je 30 Tagen befaßt, welche dann 10 Dekaden statt der Wochen bildeten, denen die Ergänzungstage (lours oomplömsn- iairos) für ein gemeines I., mit einem 6. Tag für ein Schaltjahr, das in der Regel alle 4 J-e eintrat, beigegeben wurden. Die Monate erhielten Eigennamen, die nach ihrer Ableitung auf die Jahreszeit hindeuteten u. in ihren Endungen zu drei u. drei Üebereinstimmungen hatten, nämlich: Venäömiairö (Weinmonat, vom 22. Sept. bis 21. Octbr.), Lrums-irs (Nebelmonat, vom 22. Octbr. bis 20. Novbr.), llrimairs (Reifmonat, vom 21. Nov. bis 20. Dec.), Hivöss (Schneemonat, vom 21. Decbr. bis 19. Jan.), Vonlöss (Windmonat, vom 20. Jan. bis 18. Febr.), klnviöss (Regenmonat, vom 19. Febr. bis 19. März), Kermlnal (Keim- oder Sprossen- mouat, vom 20. März bis 18. April), lllorsal (Blttthenmonat vom 19. April bis 18. Mai), krairial (Wiesenmonat, vom 19. Mai bis 17. Juni), Nsssiäor (Erntemonat, vom 18. Juni bis 17. Juli), Lllormiäor (Hitzmonat, vom 18. Juli bis 16. Aug.), llruotüäor (Fruchtmonat, vom 17. August bis 15. Sept.). Da jedoch zwischen den christl. u. den republikan. Monaten verschiedene Verschiebungen eintreten, so blieb es nicht in allen Jahren bei den oben angegebenen Tagen. So fiel z. B. der 1. Vendem., wie vorhin erwähnt, auf den 22. Sept., aber bloß in den Jahren l (oder 1792), II (1793), III (1794), V (1796), VI (1797) u. VII (1798); dagegen auf den 23. Sept. in den Jahren IV (1795), VIII (1799), IX (1800), X (1801), XI (1802), XIII (1804) u. XIV (1805); dagegen im Jahre XII (1803) sogar auf den 24. Sept., u. der entspre- Jahrrechmmg. ! chende Wechsel zog sich durch alle Monate. Die alte Zeitrechnung trat infolge des Decrets vom g. Sept. 1805 wieder ein. Eine kurze Auffrischuna dieses Systems versuchte 1871 die Pariser Com. I mune. m) Das altindische I. war ursprünglich ein Mond - I., dessen Übereinstimmung mit dem ! Sonnen-J. durch einen 5jährigen Cyklus, in wel- 1 chem 3 J-e 12 Monate u. 2 J-e 13 Monate z» 13 Tagen enthalten. Erst unter dem Einfluß der Griechen entwickelte sich das jetzige dem Sonnen- J-e beinahe gleichkommende I. n) Das jap», nesische I. ist ebenso ein Mond-J., das mit Febr, od. März anfängt u. 12 od. 13 Monate hat, die in Abschnitte von 14 Tagen eingetheilt werden, alle - 19 I. sind 7 Schalt-J-e, doch geht man dort mit dem Vorsatz um, das Gregorianische System ein- zuführen. Thielemmi,, Jahrbücher, Aufzeichnungen der denkwürdigen Ereignisse eines Jahres; Zusammenstellungen von mehreren solchen Jahresaufzeichnungen (s, Annalen, Chronik, §astü); Titel der nach den Quellen in Form von Annalen von der Hiflor- > ischenCommission inMünchen bearbeiteten Geschichte ! Deutschlands im Mittelaller, I. der Deutschen Geschichte; endlich Titel periodisch erscheinender, die Tagesfragen in Politik, Wissenschaften u. Kunst > behandelnder Zeitschriften. ^ Jahresregent, derjenige der sieben alten Planeten, welcher in einem gegebenen Jahre mit seinem vermeintlichen Einflüsse, namentlich aus die Witterung, vorherrschte. Der Hundertjährige Kalender ließ die J-en so folgen: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Mercur u. Mond. Diese Ansiebt ist ein Rest der früheren Astrometeorologie, Jahresringe, s. Dicotyledonen. , Jahreszeiten, die durch die Stellung der Sonne bedingten u. durch charakteristische Naturerscheinungen ausgezeichneten Theile des Jahres, Es sind ihrer vier: durch die beiden Äquinoctial- punkte, in denen die Sonne durch den Äquator geht (Nachtgleichen), u. die beiden Solstitialpunlte (Sonnenwenden) bestimmt. Hiernach entstehen also vier I., die aber ans beiden Erdhemisphären entgegengesetzt sind: Frühling, Sommer, Herbst, , Winter (s. d.). Nach den Kalendertagen fällt der ! Anfang des Frühlings auf den 20. od. 21. März (selten schon den 19.), der des Sommers auf den 21. oder 22. Juni, der des Herbstes auf den 23. September, der des Winters auf den 2l, od. 22. December. In meteorologischer Beziehung versteht man unter Jahreszeiten die durch die Stellung der Sonne hervorgernfenen Haupt- witterungszustände u. deren Einflüsse auf das organische Leben, besonders die Vegetation. Specht,' Jahrmarkt, ein länger als einen Tag dauernder Verkaufsmarkt zum Kaufe anderer, als der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse, welche meist von auswärtigen Gewerken u. Händlern am Marktplatze feilgeboten werden, zugleich Anlaß zu Schau- , stellungen und Belustigungen aller Art für daS s Volk. Im Gegensatz zu den Wocheumärkten kehrt l der I. im Jahre nur ein- bis viermal wieder, Jahrrechmmg (Xsra), die Reihenfolge der von einem bestimmten Ausgangspunkt (Epoche) j an gezählten Jahre für geschichtliche Begebenheiten, Unter einer Epoche ist irgend ein bedeutendes, 563 Jahrrechnung. gewöhnlich aber nur für die Geschichte eines od. mehrerer Völker wichtiges Ereigniß zu verstehen. Da die geschichtliche Darstellung der Geschicke eines Volkes verhältnißmäßig erst spät erwachte, vorher aber schon Traditionen, in denen nach Regieruugsjahreu der Könige od. Priester, nach der Reihenfolge der Geschlechter od. anderen wechselnden Merkmalen gerechnet wurde, existirten, sv ist die Bestimmung der Epochen in der ältesten Geschichte, weil aus zu spät nachfolgender Zeit datirend, voller Zweifel und Widerspruch. Auch nachdem man nach Jahren zu rechnen angefangen hatte, war die genaue Zeitbestimmung der Begebenheiten in der alten, selbst noch in der mittleren Geschichte schwierig, da die Größe des natürlichen Jahres nicht bei allen Völkern gleich lang gerechnet, noch überall mit demselben Tage angefangen winde. Auch die Epochen waren sehr verschieden, von denen die einzelnen Völker ihre Zeitbegebenheiten zu berechnen anfingen, da jedes epochemachende Ereigniß nur über einen bestimmten Völkerkreis seine Wirkungen ansubte u. also keine allgemeingiltige Epoche bezeichnen konnte. Daher hatte jedes Volk seine eigenen, von anderen oft völlig verschiedenen J-en. Die vorzüglichsten J-en sind: a) Ära von Erschaffung der Welt (L. N., d. h. anno mnnäi, im Jahre der Welt). Die Juden fingen zu Ende des 13. Jahrh. nach ihnen zu zählen an, n. die Epoche der Erschaffung der Welt fällt nach ihrer, von dem Rabbi Hillel bestimmten Rechnung in das 3761. Jahr v. Ehr. Sie fangen ihr bürgerliches Jahr (ein Mond- Sonnenjahr, s. u. Jahr) gewöhnlich Ende Sep. an; u. das Jahr 1876 unserer Zeitrechnung ist das 56KY der ihrigen. Ehemals bediente man sich dieser Ära bei der alten Geschichte u. zählte durchgängig bis auf Christus nach Jahren der Welt. Die Bestimmungen hierüber weichen aber bedeutend von einander ab (man zählt 800 verschiedene Arten der Bestimmung der Epoche dieser Ära). So sollen nach Alfons v. Castilien von Erschaffung der Welt bis zu Christi Geburt 6484^ Jahr, nach Suidas 6000 Jahr, nach Lactantins u. Philastrius 5801, nach Nikephoros 5700, nach Julius Africanus u. A. 5500, nach Eusebius S 2 V 0 L, nach Metrodoros 5000, nach Frank 4182, nach Thom. Lydiat u. Laurent. Eichstadt 4004, nach M. L. Capellus u. Usher 4000, nach Dionysius dem Kleinen, Kepler, Petavius 3984, nach Scaliger u. A. 3950 verflossen sein. In Rußland rechnete man bis zum I. 1700 nach der Weltära, deren Epoche 5508 v. Chr. fiel. Allein da sich die Erschaffung der Welt gar nicht historischchronologisch angeben läßt, so kann man diese Berechnungsart nicht zur Zeitbestimmung der Begebenheiten brauchen, u. ihre historische Anwendung ist um so unsicherer, da das Jahr der Geburt Christi nicht genau zu bestimmen ist. Es lassen sich daher, bei der Verschiedenheit der Hypothesen u. bei der völligen Ungewißheit der Epoche, die Weltbegebenheiten der frühesten Zeit nur annähernd nach Jahrtausenden angeben, b) Die Nabo- nassarische I., deren Epoche, die Thronbesteigung K. Nabonassars in Babylon 747 v. Ehr., keine politische Bedeutung hat, sondern den Eintritt des beweglichen Sonnenjahres statt des gebundenen Mondjahrs bedeutet. Sie findet sich bei Ptolemäus, Theon für Berechnung vieler Daten der altasiatischen u. altägyptischen Geschichte. Indem nämlich die Nabonassarischen Jahre bloß gemeine Jahre von 365 Tagen sind, kommt erst nach einer Periode von 1461 Jahren dieselbe mit der Julianischen Zeitrechnung in Übereinstimmung, nach welcher in derselben Zeit nur 1460 Jahrr verflossen sind. Die Ägypter setzten den Anfang derselben in die Zeit, wo der Heliakische Aufgang des Hundssterns mit der Überschwemmung des Nil zusammengetroffen sei u. dies Ereigniß in die graue Vorzeit (es gibt verschiedene Berechnungen, so auf den 20. Juli 3389 v. Chr. der Julianischen Zeitrechnung). Man nahm an, daß, nachdem der Heliakische Anfang des Hundssterns alle Jahreszeiten durchlaufen habe, er nach dieser Periode (daher auch Canicularperiode, Sothische Periode) wieder zu derselben Zeit erfolgen werde, was aber theils wegen Nichtübereinstimmung der Julianischen Zeitrechnung mit der astronomischen, theils wegen des Vorrllckens der Nachtgleichen nicht zutrifft. «) Dis Griechen rechneten nach der Feier ihrer vier Naüonalkampfspiele gewöhnlich an) nach Olympiaden, in Cyklen von vier Jahren; das fünfte Jahr war zugleich das erste der neuen Olympiade u. fing im Julius (den 19. — 23. Juli (jetzt gewöhnlich 1. Juli gerech- netj 776 v. Chr.) an. Die Griechen und ihre Schriftsteller rechneten aber erst im Zeitalter der Ptolemäer darnach; Timäos soll sie unter Ptolemäos Philadelphos (247 v. Chr., Olymp. 133 2) in die Geschichte eingefuhrt haben; im bürgerlichen Gebrauch war Liese I. nicht. Seltener rechneten die Griechen bb) nach Pythia- den, einem Cyklns von 4 Jahren, seit 1590 vor Chr.; oder oo) nach Jsthmiaden, in zweijährigen Cyklen, seit 582; ckä) nach Nemea- den, in vierjährigen Cyklen, seit 568. Die Athener rechneten im bürgerlichen Gebrauch nach dem Archon Eponymos (s. u. Archon), die Lakedämonier nach einem der Ephoren, ä) Die Römer rechneten au) bis zum zweiten Punischen Kriege nach den regierenden Consuln, erst Cato der Ältere zählt die Jahre von bb) der Erbauung Roms (11. V. (d. i. anno urbis, im Jahre der Stadtj oder L. V. 0. (d. i anno urbis vonäitasj, im Jahre nach der Gründung der Stadt); aber er u. M. Terentius Varro weichen in ihren Berechnungen von einander ab; der Erstere nahm an, daß Rom im Jahre 432 nach Trojas Zerstörung gegründet worden sei, was Dionysias von Hali- karnassos mit den Olympiaden verglich u. daraus Olymp. 7, 1. als das Erbauungsjahr der Stadt festsetzte (752 v. Chr., Catonische Ära). Diese Rechnung ist bei dem Consularverzeichnisse zu Gründe gelegt, welches man 1547 beim Nachgraben in Rom auf dem Capitolium auf Marmortafeln fand (daher auch Capitolinische Ära) u. sein Herausgeber, Onuphrius Panvinius, dem M. Verrius beilegt. Die Berechuungsart des Varro ist verloren gegangen; nach den Nachrichten über sie fällt nach ihr die Epoche, die Erbauung Roms, auf das Jahr 753, n. A. auf 754 v. Chr, eo) Die Cäsarische Ära od. Antiocheuische Ära, weil sie bes. in Antiochien üblich war, zählte von dw 36 * 564 Jahrzahl Schlacht bei Pharsalus 48 v. Chr. e) Philip putsche Ära als Fortsetzung der Nabonassarischen (s. oben d) nach Alexanders d. Gr. Tode u. der Thronbesteigung des Philippos Arrhidäos, deren Epoche 12. Nov. 324 ist. k) Seleukidische Ära, in Syrien gewöhnlich, hatte zur Epoche Herbst 312, wo Seleukos I. Babylon besetzte; sie erhielt sich lange in Syrien, wurde dann von den Juden angenommen u. gebraucht, bis dieselben sie im 11. Jahrh. mit der Weltära (s. oben a) vertauschten; jetzt ist sie noch in der Syrischen Kirche bei der Fcstrechuung üblich. x) DieNeuägyptische od. Actische Ära, von der Schlacht beiÄctinm, beginnt 30 Jahre v. Chr. Ir) Die Spanische Ära oder von der Besiegung der Spanier durch die Römer von Domitius Calvinus (39 Jahre v. Chr.); sie wurde auch dann noch in den Abendländern häufig beibehaltcn, als man schon die Jahre nach Chr. zu zählen aufing, und erst im 14. Jahrh. n. Chr. in Spanien und Portugal aufgehoben. l) Nach Jahren von der Geburt Christi (Christliche od. Dionysische Ära, Idsrn ab iuoar- nations od. nntivibs-bs Domini, 4.nnus ßrntias, L. Lbriati, snlubis, ä,. orbis rsäomti) an. Die heiligen Schriften sagen bloß im Allgemeinen, Jesus sei unter der Regierung des Kaisers Augustus u. zur Zeit des Herodes geboren worden, u. im 15. Jahre der Negierung Tiberins gegen dreißig Jahre gewesen; Lukas fügt noch hinzu, er sei zu der Zeit geboren worden, als Kyrenios (Quirinus) Landpfleger in Syrien war. Aus allen diesen Angaben ist jedoch schwerlich das Jahr recht zu ermitteln, indem man nicht gewiß ist, von wo an die Zeit der Regierung des Augustus gerechnet sei. Dionysios der Kleine, der Urheber unserer jetzigen Zeitrechnung, setzte die Geburt Christi ins Jahr 753, oder nach Barro 754 nach der Erbauung Roms. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß das Geburtsjahr Christi um einige Jahre früher zu setzen sei; nämlich Einige setzten es ans 750, noch Andere auf 747 nach Roms Erbauung, Andere am wahrscheinlichsten auf 749 (also 5 Jahre vor der gewöhnlichen Rechnung) zurück; doch blieb man bei der Zeitberechnnng des Dionysios, und diese kam seit dem 8. Jahrh. durch Beda Venera- bilis, noch mehr seit dem 10. Jahrh. in Ansehen, nachdem sich Karl d. Gr. derselben einzeln bedient hatte. In der Geschichte werden jetzt auch die Jahre der Begebenheiten v. Chr. von dieser Epoche an rückwärts gezählt. L) Die Diocletianische Ära (Ära der Märtyrer, ^ora Dioelsbiani, ^ora ranrtzrum), die zuerst in Ägypten (bis zur arabischen Herrschaft) u. dann auch anderwärts unter den Christen üblich war und bis zur Einführung der gemeinen Zeitrechnung in Gebrauch blieb; Hub an den 29. August oder 17. Sept. 284 mit der Thronbesteigung des Kaisers Diocletianus. 1) In Len christlichen Staaten erhielt sich bis zur Reformation hin die vom Kaiser Constautin d. Gr. eingeführte sog. Römer-Zinszahl (Og'dns in- äiotionnm), Hub an 313 n. Chr., s. Jndiction. m) Die Constantinopolitanische Ära, oder von Erbauung (Erneuerung) der Stadt Constanti- nopel an (330 n. Chr.), wonach die griechischen Schriftsteller rechneten, n) Die Inder haben, entsprechend der Zersplitterung Indiens in verschiedene — Jakob. Reiche, im Alterthum es nicht zu einer einheitlichen Zeitrechnung gebracht; die bekanntesten der dicke» J-cn sind im Alterthum die Ära des Köni-s Vikramaditja, deren Anfang aus 57 v. Chr. und die des Skythenbesiegcrs Salivahana, deren Anfang aus 78 n. Chr. gelegt wird (vgl. Indien G-sch.). o) Die I. der Japaner beginnt eev v. Chr., wo der erste Mikado Sinmu die Negierung antrat (s. Japan, Gesch.). x) Von Mohammeds Flucht (Hedschra) aus Mekka niul Medina (16. Juli 622); die Äraber und Türken fangen ihre Zeitrechnung (Lora IioAirao) darnach an. Die Türken beginnen ihr Jahr mit Ende Juli; das Jahr 1876 n. Chr. ist im Tnrkiichen Kalender das Jahr 12KZ. Iia T,., s. Brod- baum), aus Ostindien. Jako, s. Papageien. Jakob (hebr. Name, F-rsenhalter, lat.Jacobus). Jakob. 565 Biblische Personen: 1) I., der dritte und letzte der Patriarchen, zweiter Sohn Isaaks u. der Rebekka, jüngerer Zwillingsbruder des Esan; war sanfteren Sinnes als Esan n. deswegen Liebling der Mutter, welche ihn auch zu dem bekannten Betrug gegen seinen erblindeten Vater verleitete, nm sich den Segen des Vaters u. das Erstgebnrts- recht zu verschaffen. Aus Furcht vor dem Zorne seines Bruders floh I. zu seinem Oheim Laban nach Haran. Aus dem Wege dahin sah er im Traume die Leiter, auf welcher die Engel vom Himmel herab- und wieder Hinaufstiegen (J-s Himmelsleiter). In Haran trat er in Labans Dienste, erhielt gegen das Versprechen, ihm sieben Jahre zu dienen, die ältere Tochter Lea zum Weibe, nach einem nochmaligen 7jährigen Dienste auch die jüngere u. schönere Rahel; verschaffte sich dann durch List großen Reichthnm an Heerde», erregte aber durch seinen steigenden Wohlstand die Mißgunst seines Schwiegervaters n. seiner Schwäger, floh mit Weibern n. Kindern u. kehrte nach Kanaan zurück, wo er sich mit Esan wieder ans- söhnte. Unterwegs kämpste er einmal mit einem Engel zur Nachtzeit, der ihm die Hüfte lähmte; dennoch zwang er den Engel, ihn zu segnen (J-s Kampf mit Gott), u. hierbei nannte ihn der Engel Israel, weshalb die Nachkommen J-s Israeliten oder Kinder Israel hießen. Seine zwölf Söhne waren: von Lea: Rüben, Simeon, Levi, Inda, Jsaschar u. Sebulon; von Rahel: Joseph u. Benjamin ; von Bilha, Rahels Magd: Dan u. Naph- thali; von Silpa, Leas Magd: Gad und Asser; seine Tochter war Dina von Lea. Die Treulosigkeit seiner Söhne gegen Sichem, seine Bevorzugung Josephs u. der dadurch angejachte Haß von dessen übrigen Brüdern gegen diesen bereitete ihm neue Familienleiden, indem diese Brüder den Joseph verkauften und bei dem Vater Vorgaben, er sei todt. Infolge einer Hnngersnoth kam I. auf Josephs Einladung mit den Seinen nach dem Lande Gosen, an der Grenze Ägyptens, verlebte hier den Nest seines Lebens in Ruhe u. st., 147 Jahre alt; Joseph ließ seinen Leichnam einbal- samiren u. bestattete ihn in der Höhle Makphela. 2) St. I. (Jacobus, I. Zebedäi, Jacobus der Ältere), Sohn des Fischers Zebedäos n. der Salome, Bruder des Johannes, mit welchem er von Jesu Boanerges genannt wurde; ein Fischer, wurde er Jesu Jünger und gehörte mit seinem Bruder u. Petrus zu dessen engstem Kreise; begleitete Jesum in der Nacht des Verrathes auf den Olberg, floh aber, als dieser verhaftet wurde. Nach der Auferstehung Jesu kam er zurück u. war bei dessen Himmelfahrt gegenwärtig. Er empfing zum Pfingstfest den Heiligen Geist mit und lehrte als Apostel meist zu Jerusalem; er ist auch der Schutzpatron dieses Landes. Unter Herodes Agrippa litt er den Märtyrertod Lurch das Schwert. Nach der Sage soll er nach Spanien gekommen sein; seine Gebeine will man dort zu St. Jago di Compostclla haben, u. er ist der Schutzheilige von Spanien; sein Tag ist der 25. Juli. Das Evangelium St. Jacobi, welches man 1595 auf einem Berge in Granada auf Blei geschrieben ausgrub, wurde vom Papst Jnnocenz XI. 1682 für unecht erklärt. 3) St. I. (Jacobus Alphäi, I. der Kleine fd. h. der Jüngeres, I. der Gerechte), Sohn des Klopas (od. des Alphäos) und der Maria, Schwester der Jungfrau Maria und also mit Jesu Geschwisterkind (daher in der Bibel: der Bruder des Herrn), vorher Nasiräer, dann Apostel Jesu. Nach Jesu Himmelfahrt wurde er von den übrigen Aposteln zum Haupt der Kirche in Jerusalem gewählt und sprach dorr bei der ersten Apostelsynode gegen die Beibehaltung des Gesetzes Mosis von Seiten der Christen. Sein Tag als Heiliger ist der 1. Mai. Der Brief Jacobi, einer der katholischen Briefe desN. T., ist an die in Kleinasien lebenden Judenchristen gerichtet u. bestreitet besonders den Jrrthum, daß Glaube allein, ohne sittliches Leben, selig mache. Welchem von den drei im N. T. genannten I. der Brief zuznschreiben sei, ist streitig; zur Zeit der Reformation fing man an, an seiner Echtheit zu zweifeln, weil er der Panlinischen Lehre von der Gerechtigkeit allein aus dem Glauben widersprechend, die Gerechtigkeit aus den Werken verheißt, weshalb Luther Liesen Brief eine stroherne Epistel nannte. 4) I., Sohn Josephs und der Maria, der leibliche Bruder Jesu, oder nach den Kirchenschriftstellern wegen der Sohnschaft Jesu vom Heiligen Geiste nur dessen Stiefbruder; seit Origenes bezweifeln Viele die Existenz desselben od. halten ihn mit dem Vorigen für dieselbe Person, jedoch ohne genügenden Grund. Jakob. I. Regierende Fürsten. L.) Könige: a) von Aragon: 1) I. (Jayme) I., der Eroberer, 1213—76, Sohn n. Nachfolger Peters ll. des Katholischen und der Maria von Montpellier, geb. 1208. Er lieferte den Mauren 3V siegreiche Schlachten, entriß ihnen Mallorca u. Valencia u. erwies sich als ebenso duldsamer und milder wie weiser Fürst, Freund u. Pfleger der Wissenschaften n. Künste, der Schifffahrt u. des Handels Förderer und sammelte zuerst die aragonischen Gesetze. 2) I. H., der Gerechte, 1291—1327, Enkel des Vorige», zweiter Sohn Peters III. u. der Constanze von Sicilien, wurde 1285 König von Si- cilien, folgte 1291 seinem Bruder Alfons III. in Aragon und verzichtete auf Sicilien gegen seinen Bruder Friedrich für die Anjous. Der Kirche Freund, fand er in ihr u. dem Bürgerstaud eine Stütze gegen den Adel zum Schutze u. zur Stärkung der Rechtspflege u. vereinigte durch das Gesetz von Tarragona 1319 Aragon, Barcelona, Valencia u. Mallorca zu einem Reiche, b) Könige u. Prätendenten von England, resp. Großbritannien: 3) I. I. (als König von Schottland I. VI.), Sohn der Maria Stuart und Heinrichs Darnley, zweiten Gemahls derselben, geb. 19. Juni 1566 in Edinbnrg; wurde 24. Juli 1567 unter der Vormundschaft des Grafen von Murray, dann seines Großvaters, des Grafen Lenox, als König von Schottland anerkannt und in Dtirling von Buchanan wissenschaftlich erzogen. Nach dem Tode der Königin Elisabeth v. England 1603 wurde er als Urenkel Margarethens, einer Tochter Heinrichs VII., zum König von England proclamirt. Er ergriff die Partei der Bischöflichen Kirche u. verfolgte die Katholiken, wodurch er 1605 die Pulververschwörung gegen sich veranlaßte. Despotischen Grundsätzen ergeben, dabei schwach u. eitel, pedantisch, 566 Jakob. aber dabei gutmüthig u. ein Schulgelehrter, bereitete er durch sein willkürliches Regiment und seine Mißachtung der Prärogativen des Parlaments die Revolution unter seinem Nachfolger vor, und sein Wankelmuth in der auswärtigen Politik, und sein Aufgeben der Sache der Protestanten in Deutschland zogen ihm auch die Verachtung des Auslandes zu. Er st. 8. April 1625. Ans seiner Ehe mit Anna, Tochter des Königs Friedrich II. von Dänemark, gingen sein Nachfolger Karl I. u. Elisabeth, die Gemahlin des Kursiirsten Friedrich V. von der Pfalz, hervor. Seine Opsra gab Bischof Montacuti (Land. 1619) heraus. Vergl. Disraeli, Ingnirg- in tirs litsrar^ anä politioai oliarretor ok lamss I., London 1816; Nichols, Mrs proArosaon sto. ok Lin§ üamso I., ebend. 1829. 4) I. II., Enkel des Vorigen, zweiter Sohn Karls I. u. der Henriette von Frankreich, geb. 39. Oct. 1633, führte vor seiner Thronbesteigung den Titel Herzog von Uork. Seit 21. Juni 1646 mit seinen Geschwistern in St. James gefangen gehalten, entkam er 1648 zu seiner Schwester Maria, Gemahlin Wilhelms II. von Oranien, u. ging nach der Hinrichtung Karls I. zu seiner Mutter nach Frankreich, focht seit 1652 unter Turenne u. seit 1655 unter Conde u. Don Inan im spanischen Heere, kehrte, als sein Bruder Karl II. auf den englischen Thron berufen wurde, nach England zurück, ward dort Großadmiral n. schlug die Holländer bei Lowestofst 1665. Infolge seines offenen Übertritts zur Katholischen Kirche 1671 mußte er trotz seiner Kriegsthaten gegen Admiral de Ruyter 1673 seine sämmtlichenAemter mit dem Oberbefehl niederlegen u. nach Ausbruch der angeblichen Verschwörung der Katholiken 1679 nach Brüssel fliehen, kehrte jedoch 1681 zurück, wurde Statthalter von Schottland, wo er die Empörung der Presbyterianer grausam unterdrückte, u. führte seit 1682 die Regierung für seinen Bruder Karl II., welchem er auch 1685 auf dem Throne folgte. Gegen sein gegebenes Versprechen, die Rechte der Nation zu achten, strebte er nach absoluter Herrschaft, restaurirte, nachdem er den Versuch des Herzogs von Monmouth, sich des Thrones zu bemächtigen, vereitelt hatte, die katholischen Kirchen und berief nur Katholiken an den Hof zur großen Erbitterung des Landes. Zwar widerrief er seine Verordnungen angesichts der Verabredungen der Whigs mit dem Prinzen Wilhelm von Oranien, aber zu spät: von Flotte u. Heer verlassen, floh er nach der Landung des Prinzen 23. Dec. nach Frankreich u, wurde 22. Jan. 1689 vom Parlament des Thrones für verlustig erklärt. Zwar erhielt sich in England und Schottland noch eine Partei der Tories, Jakobi» ten, für das Haus Stuart, aber vergebens; I. starb 16. Sept. 1701 in St. Germain, das ihm Ludwig XIV. eingeräumt hatte. Er war vermählt mit Anna Hyde (st. 1671), dann mit Maria von Este. Ans erster Ehe hatte er zwei Töchter, von Maria einen Sohn, den Folgenden. Vgl. Clarke, Inko ok lamsv II., London 1816. 5) I. III. Eduard Franz, der Prätendent oder der Ritter von St. Georg genannt, geb. 10.Juni 1688; folgte seinem Vater noch als zartes Kind nach Frankreich u. wurde nach dessen Tode 1701 von Frankreich, Spanien, dem Papst, Modena u Parma als König von Großbritannien u. Irland anerkannt, vom englischen Parlament aber ans ewig vom Throne ausgeschlossen. Eine unter seiner Anführung 1708 versuchte Landung in Schottland wurde ausgegeben, bevor noch Truppen ans Land gesetzt waren. I. machte nun den Feldzug i„ Flandern mit n. begab sich dann, durch den Ut- rechter Frieden aus Frankreich ausgewiesen, nach Lothringen. Als das Haus Hannover 1714 den Thron bestieg, regten sich die Jakobiten unter dem Grafen Marr in Schottland zu J-s Gunsten n. man rief ihn in Schottland zum König aus. Obgleich von Frankreich verlassen, unternahm er doch 2. Jan. eine Landung in Schottland, wurde dort zwar mit Jubel empfangen, verlor jedoch sehr bald den Muth, kehrte schon 15. Febr. wieder nach Frankreich zurlick u. ging dann zum Papst, welcher ihm erst in Avignon, dann in Italien Aufenthalt u. Unterhalt gab, wo ihm königliche Ehre erwiesen wurde. 1719 rüstete sich Spanien gegen England und lud I. nach Madrid ein, ließ ihn aber im Stich. Noch einmal machte er 1727, nach Georgs I. Lode, einen Versuch, sich der Krone Großbritanniens zu bemächtigen, kam jedoch nur bis Genua. Bon nun an lebte er zu Albano, wo er, nachdem er noch 1744 seinen Sohn Karl Eduard mit Vollmacht zu einem Einfall in Schottland versehen, der aber mißlang, 2. Jan. 1766 starb. Von seiner Gemahlin, der Prinzessin Maria Clementine Sobieslh, hatte er außer KarlEduard noch Heinrich (den Cardinal von Jork) als Sohn. e) König von Neapel: 6) I. von Bourbon, Graf von Marche, Sohn Ludwigs I., Herzogs von Bourbon, focht gegen die Türken u. wurde 1396 bei Nikopolis gefangen; losgekauft focht er gegen die Armag- naken, wurde aber wieder gefangen u. 1412 befreit. 1415 vermählte er sich in zweiter Ehe mit der Königin Johanna II. von Neapel, durch deren ungeordnete Neigungen er in viele Händel verwickelt wurde. Er wurde auf ihr Anstiften verhaftet, entfloh 1419 nach Tarent, wurde dort belagert u. ging nach Frankreich, wo er Francis- caner wurde u. im Kloster Sta. Clara zu Besanxon 24. Septbr. 1438 st. ä) Könige von Schottland: 7) I. I-, Sohn Roberts III., geb. 13S1; wurde 1405 von den Engländern auf einer Reise nach Frankreich gefangen u. in England trefflich erzogen. 1406 nach dem Tode seines Vaters zum König ausgerufen, bestieg er, erst 1423 gegen eia Lösegeld von 40,000 Mark Silber frei gelassen, den Thron; er stellte die vielen Mißbräuche ad, welche sich während seiner Abwesenheit einge- schlichcn hatten, führte 1436 einen Krieg gegen England u. wurde 20. Febr. 1437 von seinem Oheim, dem Grafen Walther von Athol, zu Perth ermordet, ein für seine Zeit selten gebildeter Mann. Seine Gedichte erschienen gesammelt als Poetische Überreste J-s I., Edinb. 1783. 8) I. II-, Sohn des Vorigen u. wie dieser hoch gebildet, geb. 1430; folgte seinem Vater 1437, tödtete 1452 selbst seinen Nebenbuhler, Graf Douglas. Als er dem Herzog Richard von Aork gegen die Königin Margarethe von England Hilfe bringen wollte, st. er 3. Ä»g. 1460 durch einen Schuß bei der Belagerung von Roxbnrgh. Seine Gemahlin, Marie von Geldern, setzte die Belagerung fort u. nahm den Platz ein, welcher zerstört wurde. 9) J.III., Sohn ».Nachfolger des Bor., geb. 1453. Umgeben von niedriggesinnten Rathgebern, regierte er als Tyrann und ließ seine Bruder Alexander u. Johann einkerkern; während er im Bunde mit Frankreich 1481 einen Einfall in England machte, erhob sich Alexander mit Englands Hilfe gegen ihn, jedoch ohne Erfolg. Bei einem neuen Aufstand des schottischen Adels aber fiel I. 11. Juni 1488 in der Schlacht bei Bannockburn gegen die Insurgenten. 10) I. IV., einziger Sohn des Vor. u. Nachfolger, ein trefflicher Regent, geb. 1472; er nahm den Engländer Perkin, Gegner Heinrichs VII., in Schottland aus, verband sich mit Frankreich gegen England, fiel aber 9. Sept. 1513 in der Schlacht bei Flowden gegen die Engländer. Infolge seiner Ehe mit Margaretha, Tochter Heinrichs VII. von England, kam später die Krone Englands an das Haus Stuart. 11) I. V., Sohn des Vor., geb. 1512; bei feines Vaters Tode erst 1A Jahr alt, stand er unter Vormundschaft seiner Mutter Margaretha, daun unter Johann, Herzog von Albany, Enkel J-s lll.; im 17. Jahre übernahm I. selbst die Regierung; da er die Ausbreitung der Reformation in Schottland zu verhindern suchte, wurde er auf einem Zuge gegen England 1542 von seinem Adel verlassen, fiel darüber in Tiessinn u. st. 13. Dccbr. 1542; seine erste Gemahlin war Magdalene, Tochter des Königs Franz I. von Frankreich; von der zweiten, Marie von Lothringen, Tochter des Herzogs Claudius von Guise, ward die unglückliche Marie Stuart geboren, welche, da seine beiden Söhne vor ihm gestorben waren, ihm in der Regierung folgte. 12) I. VI., s. Jakob 3). 2. Kaiser! 13) I. von Haiti, s. Dessalines. II. Geistliche, Gelehrte u. Sectenstifter: 14) I. Pantaleon, s.UrbanIV.,Papst. 15)St.J. von Nisibis(J. d.Gr.), Asket, Bischof von Nisibis, vertheidigte auf dem Concil zu Nikäa 325 die Homonsie u. st. 338; sein Schüler war der Syrer Ephra'öm; von ihm sind noch vorhanden 18 geistliche Reden und ein Bries an den Bischof von Selcucia in armenischer Übersetzung, herausgeg. von Antouelli 1756 Fol., Vened. 1765, Constant. 1824. 10) St. I. von Sarug, mit dem Beinamen Tibelita, d. h. der Ökumenische, geb. 452 zu Kurtam am Euphrat; 503 Presbyter, 519 Bischos von Batnan oder Sarug; er st. 29, Nov. 521 und wird von den syrischen Monophysiten als Heiliger verehrt, obgleich er zu den Orthodoxen gehört. Ihm werden, zum Theil mit Unrecht, 763 smijche Homilien in zwölssilbigen Versen (Jakobitisches Metrum), Hymnen, Lieder n. Briefe zugeschrieben. 17) I. von Edessa (I. Orrho'enus), syrischer Gelehrter, geb. in Jndaba bei Antiochien; in Alexandrien gebildet, gerieth er, seit 651 Bischof von Edessa, in Streit mit den dortigen Geistlichen wegen ihres unkauon- ischen Lebens, legte nach vier Jahren sein Amt nieder, lehrte dann elf Jahre im Kloster Eusebona zu Teleda u. beschäftigte sich darauf mit der Berichtigung der Peschito; 708 wurde er wieder Bischof von Edessa, st. aber bereits 5. Juni d. I. (nach Anderen 710). Schrieb eine der ersten syrischen Grammatiken, Commentare u. Scholien zum A. u. N. T., eine Taufordnung (welche von den Jakobiten und Maroniten gebraucht wird), Briefe u. Hymnen. 18) I. von Todi (I. äs Osnsäietis), s. Jacoponus. 19) I. von Bitry (I. Vibriaous), geb. in Vitry; Presbyter in Argen- teuil bei Paris, 1207 Augustinerchorherr zu Maria von Ognies im Lüttichschen, predigte das Kreuz gegen die Albigenser und gegen die Saracencn, wurde von den Stiftsherren zu Ptolemais zum Bischof gewählt, taufte dort viele gefangene, von ihm losgekaufte saracenische Kinder und wohnte 1219 der Belagerung von Damiette bei; nachdem die Christen Damiette geräumt hatten, legte er sein Amt nieder, kehrte 1225 nach Ognies zurück, wurde 1229 Cardinal u. Bischof von Tusculum, päpstlicher Legat in Frankreich, Brabant und im Gelobten Laude n. st. 1. Mai 1240 in Rom. Er fchr.: lUstoria orisntalis, herausgeg. von Andreas Hojus, 1597, u. im 3. Bde. von Martenes u. Durands I'iissaurus novus anssäoborum; ferner Briefe (im 3. Bde. von Martenes I'llssaurus u. in Acherys LxioilöZium) u. Homilien (zum Theil herausg., Antw. 1575). 20) laeodrw äs Vora- Ains, geb. um 1230 zu Voraggio im Genuesischen, 1244 Dominicaner, 1267 Provinzial der Lombardei, 1292 Erzbischof von Genua, st. 1298; seine OsAsnäas Laneborum, von einer angehängten Lombardischen Chronik, Oistoria Oombaräioa od. wegen ihrer Berühmtheit Osgenäa uursa genannt, wurden im 15. u. 16. Jahrh. mehrmals gedruckt, herausgegeben zuletzt von LH. Gräße, Dresden 1846, auch in viele europäische Sprachen übersetzt; er schrieb auch Predigten zum Lobe der Heiligen, denen sie gewidmet sind, oft herausgegeben, zuletzt Augsb. 1760, 4 Bde.; ferner Chronik von Genua (bis 1297), im 9. Bde. von Muratoris Serixborss rorum ital. 21) I. von Mies (Jacobellus, böhm. Jakaubek, d. i. der kleine Jakob), geb. in Mies; Prediger in Trina, dann in Prag; auf Anregung des Petrus Dresdensis u. unter Billigung des Hus kämpfte er mit Wort n. thätigcm Vorgehen für die vom KonstanzerConcil verworfene Reichung des Abendmahls unter beiderlei Gestalt; er st. 1429 (nach Anderen später) in Prag. Er schr. u. a.: Os purjxatorio animas post mortem, Os juramsnto, Os antioliristo u. a.; über ihn schr. Martini, Altd. 1753. 22) I. von Jüter- bogk, einer der Vorläufer der Reformation, geb. 1383 in Jllterbogk, Cistercienser (daher I. Oistsr- elsnsis), lebte in dem Kloster äs Ourackiso in Polen (daher I. äs Ocäoma, I. äs Oaraäiso), dessen Abt er wurde, neigte sich zu der mystischen Richtung u. sprach offen u. eindriglich gegen die Laster der Weltleute u. das Verderben der Geistlichkeit, bes. auch gegen die absolute Herrschaft des Papstes und für die Reformation der Kirche an Haupt u. Gliedern durch Concilien, u. schr. auch Verschiedenes in diesem Sinne; er verließ später seinen Orden und wurde Karthäuser in Erfurt (daher 1. Oartlmsirums), dann Professor an der dortigen Universität n. Prior u. st. 1465. 1)— 14 ) Henne-Am RlM." 1ö)—L2> Löffler." Jakob, 1) Ludwig Heinrich v., philosopb- ischer u. staatswissenschaftlicher Schriftsteller, geb. 26. Febr. 1759 in Wettiu, stndirte feit 1777 in Halle Theologie, wurde 1785 Privatdocent, 1791 568 Jakob — Jakobsleiter, Professor der Philosophie daselbst u. 1807 Professor der Staatswifsenschaft in Charkow, 1809 Collegien- und Staalsrath in Petersburg, 1816 Professor der Staatswissenschaft in Halle und st. den 22. Juli 1827 im Bade zu Lauchstädt. Er schrieb u. a.: Prolegomena zur praktischen Philosophie, Halle 1787; Grundriß der allgemeinen Logik und Anfangsgründe zu einer allgemeinen Metaphysik, ebd. 1788, 4. Ausl. 1800; Grundriß der Erfahrungsscelenlehre, Halle 1791, 4. Aust. 1810; Antimacchiavell, ebd. 1794, 2. Aust. 1796; Philosophische Sittenlehre, ebd. 1794; Philosophische Nechtslehre, ebd. 1795; Grundsätze der Polizei- gesetzgcbung u. der Polizeianstalten, Charkow, Lpz. u. Halle 1809, 2 Bde.; Lehrbuch der Nationalökonomie, 1805, 3. Aust. 1825; Entwurf eines Criminalgesctzbnches fllr das Russische Reich, ebd. 1818; Einleitung in das Studium der Staats- wissenschafteu, Halle 1819; Staatsfiuanzwissen- schasten, ebd. 1821, 2 Bde., n. Ausl, von Eiselen, 1838; er gab auch heraus (Poletikas) Lssais pbüos. srrr I'bomms, ebd. 1818. 2) Therese Albertine Luise v. I., Pseudonym Talvj, Tochter des Vor., s. Robinson. Jakob, 1) (St. Jakob) Dorf südöstlich von Basel in der Schweiz; hier 22. Juli 1443 Sieg der Eidgenossen über die Züricher u. 26. August 1444 Sieg der Armagnaken unter dem Dauphin von Frankreich über die Eidgenossen, s. Schweiz (Gesch.). An Stelle der 1824 errichteten Spitzsäule wurde 26. August 1872 ein von Schlöth in Rom geschaffenes großartiges Denkmal aufgestellt. Auf dem Schlachtfelde wächst ein rother Wein, Schweizerblut. 2) s. Jacques, James, Jago. Jakoba, Hauptstadt des Fellatareiches Bautschi (Westsudan) am Gongola, Nebenfluß des Binue. Jakobäa, s. Jacobäa. Jakob ben Ascher, geb. um 1280, gest. 1340, wanderte mit seinem Vater aus Deutschland nach Spanien, arbeitete einen Codex aus: ^rbaa ll'u- rim, Compendium der gesammten rabbin. Vorschriften, von Joseph Karo (s. Karo) commentirt; auch schrieb er einen Pentateuchcoinmentar. Jakobeny, Dorf im Bezirk Kimpolung des österreich. Herzogthums Bukowina, an der goldenen Bistriza, mit prachtvollen Gartenanlagen, einem großen Eisenschmelz- und Hammerwerke, Asbestgruben u. Mineralquellen; 1500 Ew. Jakobine, weiblicher Name von Jakob gebildet. Vgl. Jacobäa. Jakobiner, politischer Club während der französischen Revolution, aus dem 1789 gebildeten Club der Deputirten der Bretagne (6Iui> Lrsbon) entstanden, welcher, als im Nov. 1789 die Nationalversammlung von Versailles nach Paris verlegt wurde, seine Sitzungen in dem Saale des sonstigen Dominicanerklosters (Jakobinerkloster, llaao- bins, weil es in der Rus 8b. äaoguss lag), hielt, sich selbst erst Freunde der Revolution, später Freunde der Constitution (8oewts äss amis äs 1a eoiwbitubion), später auch I. nannte. Fast alle hervorragenden Mitglieder u. Fanatiker der Rcvolntionspartei, so Mirabeau, Lafayette, die beiden Lameth, Bailly, Sieyes, Condorcet, Talley- rand, der Herzog von Orleans, Danton, Des- moulins, Marat, Brissot, Pethion, Robespierre, Rüderer rc. zählten zum Jakobinerclub resp. dessen Leitern. (Doch erlangte der J-Club eine Herrschaft erst zur Zeit Robespierres, St. Justz n.1 Gleich im ersten Jahre bildete sich gegen sie, wenn auch dieselben Ziele erstrebend, der Club der Cor- deliers (s. d.), und später, als dieser sich wieder mit den J-n vereinte, der der Feuillants (s. d.). Haß gegen das Königthum und die äußerste Ex-' centricität bezeichuete die I. In dem Convent wußten sie sich immer die Oberhand zu verschaffen u. als diese verloren war, schickten sie ihren An! Hang gegen den Convent, um denselben zu sprengen. Durch Lafayettes Kanonen abgewiesen, pre- digten sie offen Anarchie, u. sie u. ihre Clubs, deren selbst die kleinsten Dörfer hatten, waren so verbreitet, daß man Anfang 1792 in Frankreich über 400,000 I. zählte. Während die Girondisten im April 1792 die Kriegserklärung gegen Österreich durchsetzten, trieben die I. zu Len damaligen Aufständen, riefen die Föderirten aus Brest u. die Marseiller herbei, veranlaßten die Suspension, Einkerkerung ».Hinrichtung Ludwigs X.VI., die Septembertage, die Schreckensregierung, de»Sturz der Gironde rc. Damals waren Robespierre, Danton und Marat ihre Führer; als Marat ermordet u. Danton durch Robespierre gestürzt war, dieser allein. Mit der Hinrichtung Robespierres u. 104 seiner Anhänger im Juli 1794 schwand die Kraft der I.; am 11. Nov. 1794 wurde der Saal der I. geschlossen und das Gebäude später demolirt. Zwar erhielten die I. Erlaubniß, ihren Saal wieder zu eröffnen; als sie aber ihr Haupt von Neuem erhoben, vereinigten sich alle Gemäßigte, vorzüglich unter Legeudre, gegen sie, Carrier, ihr Führer, wurde angeklagt u. gefangen gesetzt, u. als sie ihn mit Gewalt zu befreien sich rüsteten, ihr Sitzungssaal gestürmt und ihr Club geschlossen. Mehrere Versuche, die Herrschaft wieder zu gewinnen, mißlangen, und seit Babeufs Verschwörung zeigte sich der Jakobinismus nicht mehr öffentlich, obgleich er noch manchmal, selbst unter Bouaparte, wieder dem Geist, nicht dem Namen nach auflebte. Auch in anderen Staaten argwöhnte mau 1790—1794 das J-thmn und versolgte die deshalb Verdächtigen. Vgl. Zinkeisen, Der I- club, Berl. 1852—1854, 2 Bde. Henne-Am RW.' Jakobiter, 1) Name der Monophysiten (s. d.) in Syrien u. Mesopotamien seit dem 6. Jahrh.; nach ihrein Bischof Jakob Baradai genannt; 2> Partei des 1689 vertriebenen Königs Jakob II. von England, sowie Jakobs III. u. dessen Sohnes Karl Eduard; ihr Zweck war Wiedererhebung des Hauses Stuart auf den britischen Thron. Nach der Niederlage Karl Eduards bei Culloden 27. Apr. 1746 wurden ihre bedeutendsten Häupter hinge- richtet, n. hörten seitdem ihre Versuche auf. Vgl. Hogg, äaoobibs rsliss, Edinburg 1819, 2 Bde.; Chambers, äaooblbs msmoirs, ebd. 1834; Jcsse, Atsmoirs ok bbs krsbsnäsrs anä bbsir uädsrouts, n. Ausg., Lond. 1856, 2 Bde. Jakobshagen, Stadt im Kreise Saatzig des preuß. Regbez. Stettin, an der faulen Jhna und dein Saatziger See; 1875: 1899 Ew. Jakobskraut, ist Zsusslo äaoodusn. Jakobsleiter (Seew.), eine senkrecht herabhängende oder festgemachte Leiter aus hölzernen Jakobsleiter — Jakuten. 569 Stufenleisten, deren Enden in je ein als Wange Lienendes Tau eingesplißt sind. Sie wird auf größeren, bes. Kriegsschiffen, von Backsbäumen, Besansbäumen und dgl. bis zum Wasser hinab- qelassen, damit au ihr die Leute aus den Booten ins Schiff aufentern können, n. umgekehrt, ohne die sonst schon vielfach in Anspruch genommene Fallreepstreppe zu benutzen. Breite J-n (I bis l,x w br.) werden an «stelle der Niedergangs- treppen u. dann schräge, wie diese, befestigt, wenn die Treppen gescheuert werden; ähnliche J-n vermitteln den Zugang zu den Wanten von Deck aus. Jakobsleiter, Pflanze, ist kolsmovinm eoe- rriilsum. Jakobslilie, ist ^.msrzälls kormosissirns. Jakobsmuschel, s. u. Kammmuschcln. Jakobsorden, 1) Orden des St. Jakob vom Schwert (Oräsr milibsr äs 8. IsAs äs espsäs), Ritterorden in Portugal u. Spanien. Er entstand 1161 in Spanien aus der Vereinigung von IS Rittern zum Schutze der Pilgrime nach dem Grab des St. Jakob von Compostella. 1170 vom König Ferdinand II. genehmigt, erhielt der Orden das Schloß Urlos zum Hauptsitz u. wurde 1175 vom Papst Alexander III. bestätigt. Die Ritter mußten vier Ahnen aufweisen, Beschntzung der Unbefleckten Empfängniß Mariä schwören, ein Noviciat von vier Wochen im Kloster bestehen, übten auch Spitalpflege, dursten aber bei sonst sehr strengen Satzungen schon seit 1180 hcirathcn. Da der Orden das den Mauren abgenommene Gebiet als Eigenthum erhielt, wurde er, zumal er in den Kämpfen der Könige in Spanien entschieden Partei nahm, nach und nach so mächtig, daß die Könige die Verwaltung des Ordens selbst sich durch Papst Alexander VI. 1493 übertragen und 1522 das Großmeisterthum mit der Krone Spanien für immer durch Papst Hadrian VI. vereinigen ließen. Indessen hatte schon seit dem 14. Jahrh. der nach Portugal gezogene Theil des - Ordens sich vom spanischen Großmcisterthuin los- ^ gesagt, war von Papst Johann XXII. als portu- W giesischer Orden bestätigt worden mit den alten W Statuten, das Großmeisterthum aber wurde erst V 1556 mit der Krone Portugal vereinigt. In l Portugal wurde der Orden, welcher seinen Hanpt- sitz hier in Palmella hatte und über 47 Dörfer, 150 Präbenden u. 4 Klöster verfügte, 1789 säcn- , larisirt u. von der Königin Maria in einen Civil- i u. Militärverdicnstorden nmgewandelt; nach den neuen Statuten vom 31. Oct. 1862 bei Vacanzen zu verleihen. Ordenszeichen: ein roth emaillirtes Christnskreuz, dessen obere u. Seitenspitzen lilienartig auslaufen, während die untere gerade endet, so daß cs einem breiten rothen Schwerte gleicht, d. i. das Santiago- oder Jakobskreuz, umgeben von einem Lorbecrkranz und darauf ein weißes Emailleband mit der Devise 8oieneiss, Istrss, z artss, getragen an einem Lorbeerkranz mit vio- 4 lettem Band. In Spanien ist der Orden jetzt der höchste der vier Militärorden, u. besteht die Dekoration in ovalem goldenem Schild mit dem Santiago-Kreuz, darüber eine goldene Trophäe, getragen an rothem Bande im Knopfloch, bei Festen an dreifacher goldener Kette um den Hals, lammt einem Ordenskleid mit dem Kreuz aus rothem Tuche. 2 ) Augustiner Chorfrauen des St. Jakob von Compostella, mit Kloster- gelübde, gehörten zu diesem Ritterorden; seit 1835 aufgehoben. 3 ) Brasilischer Orden (8so Tbisgo äs Lspsäs), von Johann VI., bei der Übersiedelung des portug. Hofes nach Brasilien 13. Mai 1808 erneuert n. erweitert, mit Großkrenzen, Comthnren und Rittern; Dekoration: Santiagokreuz unter der Kaiserkrone an rothem, blau umsäumtem Bande. Lagai. Jakobsstab, Pflanze, Vspbaäolus Intens. Jakobsstab (Astron.), s. Orion. Jakobsstrasie, so v. w. Milchstraße. Jakobstadt, Stadt im russ. Gouv. Kurland, an der Düna; 4 Kirchen; Handel mit Branntwein, Leder, Tabak u. Getreide; 4567 Ew. Jakoby, Louis, deutscher Kupferstecher der Gegenwart, geb. zu Havelberg 7. Juni 1828, Schüler Mandels in Berlin, arbeitete fast 5 Jahre in Paris n. dritthalb Jahre in Nom, bereiste auch Spanien und Frankreich u. ward 1863 Professor an der Wiener Akademie, wo er noch lebt. Hauptwerk: Schule von Athen nach Rafael. Außerdem: Hnnnenschlacht, Geschichte u. Sage nach Kanlbach; Lady Macbeth, nach ebendemselben, n. die Porträts des Kaisers Franz Joseph u. der Kaiserin Elisabeth, nach Wintcrhalter, die von Cornelius, Guhl, Rokitansky, Olfers, Mommsen, Grillparzer, Ritter :c. Jaksa, s. Albasin. (Regnet. Jakscha (ind. Myth.), eigentlich geisterhafte Erscheinung, Spukgestalt, bezeichnet eine Art Halbgötter, Begleiter des Kuvera, des Gottes des Reichthums, dessen Gärten u. Neichthümer sie bewachen. Sie wohnen auf den Bergen in menschlicher Gestalt u. sind dem Menschen wohlgesinnt. Bei der Seelenwanderung gehen die Seelen von Menschen, die unter der Herrschaft des Staubes standen, in sie über. s. Jakllb Beg (Mohammed Jaküb, Atalik Ghazi), Herrscher des ncugegrllndeten Reiches Kaschgar in OTurkesian (Centralasien), geb. um 1830 zu Pischbck, einem Dorfe zwischen Taschkend und Khodschend, als der Sohn eines Zollbeamten im ehemaligen Khanat Khokand, war anfangs Schreiber, dann Zollcinnehiner, dann Befehlshaber der Festung Ak MeSdschid, in der er heldenmüthig gegen die Russen kämpfte. 1864 zog er mit einer Schaar Khokander nach OTurkesian, machte sich zum Herren der Stadt Kaschgar, die er von einer plündernden Kirgisenhorde befreite, und eroberte dann nach langer Belagerung die noch von den Chinesen besetzte Ciladelle Jangschahr. 1865 warf er die Dunganen nieder, eroberte Jar- kand, 1866 Khotan u. entledigte sich seines geistlichen Nebenherrschers Bnzurg-Khan. Seitdem hat er sein Reich fortwährend sowol nach außen erweitert, als auch im Innern durch Schaffung einer tüchtigen Militärmacht befestigt u. ist zur Zeit der einflußreichste einheimische Herrscher in Centralasien (Weiter, vgl. Kaschgar). Seit 1870 führt erden Titel Atalik Ghazi (Beherrscher der Gläubigen); er ist ein gläubiger Muselmann. Thiclcmann. Jakulstthner, so v. w. Hokkohühner. JaknutN, eine Adelsklasse in Japan (s. d.). Jakuten, Hirtenvolk tatarischen Stammes in dem Gebiete von Jakntsk u. des Gouvernements 570 Jakuti — Jalta. Jenisseisk; sie sind seit 1620 russisch u. jetzt fast alle getauft; aber ihre Begriffe vom Christenlhum sind schwach u. unbestimmt; Pferde u. Hornvieh sind ihr Hauptreichthum, fehlt Vieh, dann werden sie Pelzjäger oder Fischer. Ihre Sprache gehört zu dem türkisch-tatarischen Stamme (Sprache der Jakuten, Grammatik, Text u. Wörterbuch von O. Böthlingk, Petersb. 1851). Jakuti, eiue arabische Schriftart, s. u. Arabische Sprache 1 ). Jakutsk, 1) Gebiet (Provinz) in der östlichen Hauptverwaltung Sibiriens; das begrenzende Eismeer ist nur wenige Wochen im Sommer der Küstenschifffahrt zugänglich u. nie frei von Treibeis. Der Boden ist größtentheils gebirgig, außerdem tiefeben u. mit weiten Tundrastrecken bedeckt, die im Sommer nur oberflächlich aufthauen; Flüsse: Lena, mit vielen Nebenflüssen, Olenek, Jana, Jndigirka und Kolyma, sämmtlich in das Eismeer. Die Gegenden sind die au Pelzthieren reichsten u. die von dort kommenden Felle die gesuchtesten, sie sind nebst den von der Lenamünd- ung kommenden Mammuthzähnen die wichtigsten Handelsgegenstände. Das Klima ist sehr rauh u. äußerst kalt. Die Gesammtfläche des Gebietes beträgt 3,329,192„ s^slem (71,358 UM), mit (1870) 231,977 Ew., also etwa 3 Köpfe auf eine H>M; aber es ist das größte Gebiet Sibiriens, meist von Jakuten bewohnt. Überhaupt sind im Gebiet 6 Städte, 3 Sloboden, 15 Pfarrdörfer u. 36 Dörfer. Die Einwohner nähren sich hauptsächlich von den Erzeugnissen des Fischfangs u. der Jagd, wozu sie jedes Frühjahr ausziehen, um erst im Spätsommer wiederznkehren. Als Zugthiere brauchen sie häufig Rennlhiere u. bes. Hunde; 3) Hauptstadt des Gebietes, nahe au der Lena, gegründet 1632 Mittelpunkt des Handels von Nordsibirien, hält alljährlich eine stark von Einheimischen besuchte Messe vom 1. Juli bis 1. August, bedeutender Handel mit Pelzwerk. I. hatte 1871 4562 Ew., einige Kirchen, Centralverwaltuug, Kernhäuser, Salzmagazin u. mehrere Schulen; kein einziger grüner Baum beschattet hier die Häuser, Alles ist kahl u. öde, nicht einmal ein einziges Gärtchen, ein Apfel- od. Birnbaum, wie in anderen dortigen Städtchen zu finden. Arendw. Jalapa, Stadt im mcjican. Staate Veracruz, 1326 m ü. d. M. in schöner fruchtbarer Gegend; über die Einwohnerzahl schwanken die Angaben zwischen 11—37,000Ew. Jedenfalls hat die Stadt gegen früher an Bedeutung verloren. Jalapenharz, aus der Jalapeuwurzel (s. Ipo- maea) durch Alkohol extrahirt u. durch Wasser gefällt. Braun, spröde, bitter, leichtlöslich in Alkohol, zum Theil löslich in Äther. Enthält 2 Glyco- side, Convolvulin 62 , 8 ^ 0 ^, und Jalapin, LgzlkxsOlg. Das Harz dient als Purgans. Broglie. Jalapenwurzel, s. Ixowuou. Jalemos (gr.), Klage, Trauerlied; genannt nach seinem Erfinder Jalemos, Sohn des Apollon und der Kalliope oder Klio, Bruder des Hymen. Jaiisco, einer der westl. Küstenstaaten der BuudesrcpublikMejico,101,435sH>cm (1842 HsM) mit 966,689 Ew., liegt im N. auf dem Hochlande von Anahuac und besteht aber großentheils aus Ebenen, welche von der Sierra Madre durchzogen werden. Im S. erhebt sich der Vulcan Colinw zu 3140 m. Die Küste ist, namentlich in du Gegend der Punta Bayoua, mit ausgedehnten Waldungen bestanden. Mit Ausnahme der Küstenstriche ist das Klima gemäßigt und gesund. Der Hauptfluß des Staates, der Santiago, durchfließt den Chapala-See n. ergießt sich in den Großen Ocean. Die Bewohner sind seßhafte Ackerbauer welche auch Bergbau und Manufacturen treiben! An der Küste wohnen Neger und Samdos. Die Hauptstadt des Staates ist Guadalajara, alle (Schifsb.), s. u. Tjalk. aloinitza, Nebenfluß der Donau in der Wa. lachei, entspringt auf deu Karpathen auf der Grenze gegen Siebenbürgen, östlich vom Törzburger Passe, nimmt die Prahowa auf und mündet unterhalb Hirsowa. Jalon (fr.), 5—8 m lange, abwechselnd roth u. weiß gebänderte Absteckstäbe, zugespitzt, um in die Erde seslgesteckt zu werden, besonders zum Mar- kiren von Netzpunkten bei Aufnahmen, sowie bei Nivellements zur Angabe der Richtung; Jalo n< iren, mit Pfählen abstccken. Jalon, ein 165 Lin langer rechter Nebenfluß des Ebro in Aragonien (Spanien), entspringt ans dem hohen Plateau von Siguenza, strömt im Allgemeinen von SW. nach NO., nimmt bei Ca- lataynd den viel längeren Jiloca auf und mündrt oberhalb Zaragoza. 30 Icm oberhalb seiner Mündung wird der I. vermittelst eines Aquäducts über den Kaiserkanal geführt. H- B-riL Jalousie (sr.), 1) Eifersucht; 2) (Bank.) ein im Aeußern angebrachter Fensterladen, aus einem hölzernen Nahmen bestehend, in welchem horizontal liegende, um Zapfen drehbare Brettchen durch einen an diesen befestigten Eisenstab alle zugleich in dieselbe Richtung gebracht werden können, so daß sie entweder übereinander greifen, wodurch die I. geschlossen ist, od. in wagerechter Richtung stehen, wodurch die I. offen ist. J-n, bei welchen die etwa 6 om breiten Brettchen nur an starken Flachschnüren befestigt sind, mit deren Hilft sie beliebig gestellt u. wie ein Vorhang in die Höhe gezogen und herabgelassen werden können, heißen amerikanische Holz-J-n und kommen ihrer Vorzüglichkeit halber immer mehr in Gebrauch. Sie werden seitwärts in senkrechten, 9 om i. L. weiten, Führungsleisten gehalten u. oben am Fenstersturz durch Lambrequins aus Blech geschützt. Jaloux (fr.), eifersüchtig. iMm. Jalpuch, Nebenfluß der Donau, entspringt in der russischen Provinz Bessarabien, südwestlich von Kischiuew, fließt in südlicher Richtung und bildet kurz vor seiner Mündung in der Moldau de» gleichnam. fischreichen See. Jalta» Kreis- und Hafenstadt im russ. Gonv. Taurien, an der SKüste der Krim, in einem reizenden Thale am Fuße des Jaila-Gebirges, Hauptstation der Dampserlinie zwischen Odessa und der Krim, mit aufblühender Schifffahrt u. Industrie u. Weinbau; 1369 Ew. I. ist ein Lieblingsaus- enthallsort der russ. Kaiserfamilie. Im Kreise der Stadt findet man viele Überreste griechischer und genuesischer Festung?- n. Bauwerke, sowie Landhäuser u. Gärten russischer Magnaten, wie Ori- anda, kaiserliches Lustschloß am Meere, Alupka, 571 Jalysos — Jambische Poesie. Schloß des Fürsten Woronzow, beide mit Parkanlagen, ferner Livadia, dann Nikita, den kaiserl. Botanischen Garten u. a. m. H- Berns. Jalysos (a. Geogr.), alte Stadt aus der NWest- Küste von Rhodos, einst der Hauptpunkt der pho- nikischen Ansiedelungen ans dieser Insel, im 9. Jahrh. v. Chr. von den Dorern erobert, schon zu Anfang der christlichen Zeit verfallen, j. Flecken Jalyso. Jaina (ind. Myth.), eigentlich der Bändiger, Fürst der Unterwelt, vor dessen Throne die Seelen der Abgeschiedenen erscheinen um nach ihren Tha- ten gerichtet zu werden, nachdem sie den Fluß Baitarani überschritten haben. Die Seelen sind nach dem Mythos daumdick u. I. entsendet seine Boten, um dieselben vermittelst eines Strickes aus dem Körper zu winden. Bei begünstigten Frommen erscheint I. selbst. Abgebildet ward I. mit imnkelgrüner Farbe, reitend auf einem Stier mit einer Keule oder einen Scepter in der Hand haltend. o- Jamabus (japan.), genauer Jama-busi, d. h. Bergstreiter, heißen in Japan die Glieder eines religiösen Ordens, dessen Stiftung aus dem 7. Jahrh. u. Ztrch. datirt, u. denen jährliche Ersteigung sehr steiler, heiliger Berge zur Pflicht gemacht wird. Streiter heißen sie von ihrer anderen Verpflichtung, erforderlichen Falles für die Nationalgötter Japans das Schwert zu ziehen. Nach glücklich vollendeter Pilgerfahrt erhält Jeder von seinem Prälaten in Mijako gegen ein Geschenk einen höheren Titel. Die vornehmsten Jama- busi scheeren das Haupthaar kurz ab wie die Bonzen (Buddhapriester), mit denen sie nicht zu verwechseln sind. Schott. Jamaica, 1) Insel im brit. Westiudien, zu den Großen Antillen gehörig, südlich von Cuba gelegen, einschl. der kleinen Küsteninseln 10,860 (197,zz IHM) groß, mit (1871) 506,154 Ew., darunter 13,101 Weiße, 100,346 Farbige u. 392,707 Schwarze. Die Insel ist mit Ausnahme einiger Ebenen im W. gebirgig u. erhebt sich im Westpit der Blauen Berge zu 2236 m. Die Bewässerung ist äußerst reich, besteht aber nur aus Bächen u. kleinen Flüßchen (über 100), von denen nur der Black River von seiner Mündung aufwärts etwa 10 Lm weit für kleinere Fahrzeuge schiffbar ist. Die z. Th. steile Küste ist reich au guten Häfen, was dem Handel der günstig gelegenen u. fruchtbaren, aber an mißlichen inneren Verhältnissen leidenden Insel (s. Gesch.), sehr zu statten kommt. Das Klima gehört zu den günstigsten der Welt. Hauptproducte sind Zucker, Kaffe, Piment, Ingwer, Rum, Roth- holz rc. Werth der Aus- und Einfuhr (1874) 1,763,000 bezw. 1,442,000 Pf. St. Finanzen: Einnahmen und Ausgaben je 537,000 Pf. St. Schuld 666,000 Pf. St. Eisenbahnen 44 üm (von Kingston nach Spanishtown). Obwol in neuerer Zeit viel für den Unterricht geschieht, gab es 1871 noch 87 pCt. Analphabeten. Die Insel steht unter einem von der brit. Krone ernannten > Gonverneuer, dem ein aus 6 der höchsten Staats- ^ beamten gebildeter Geheimer Rath u. ein 12 Mit- > glieder zählender Gesetzgebender Rath, bestehend s aus den Mitgliedern des Geh. Raths u. 6 vom Gouverneur erwählten Bürger, beigeordnet sind. Ein Oberrichter, 9 Richter u. ein Staatsanwalt üben die Gerichtsbarkeit aus. Eingetheilt wird die Insel in 3 Grafschaften. Hauptstadt ist Kingston. — I., ursprünglich Damage od. Jauahica, wurde von Colombo auf seiner zweiten Reise 1494 entdeckt u. 1509 von den Spaniern besetzt, welche sie Isla de Santiago nannten u. die Urbewohner ausrotteten. Der erste Gouverneur war Diego Colombo, Sohn Christophs; als dessen Nachkommen im Mannesstamm ausstarben, kam die Statthalterschaft durch die weibliche Nachkommenschaft Colombos an das Haus Braganza. Als dieses 1640 ans den Thron von Portugal kam, zog Spanien die Statthalterschaft ein. 1655 eroberten die Briten die Insel u. nannten sie I.; ein Versuch der Spanier, 1658 sie wieder zu gewinnen, mißglückte. Das große Erdbeben 1692 und die darauf wüthende Pest, sodann verschiedene Negeraufstände, so bes. 1745 u. 1795, sowie 1831—32 beeinträchtigten das Aufblühen der Verhältnisse der Insel. Im I. 1807 wurde der Sklavenhandel verboten u. 1833 die Emancipation der Sklaven beschlossen, die 1. Aug. 1838 in Kraft trat. Dieser Umstand, die fortdauernd schlechte Behandlung der Plantagenarbeiter, bes. aber der Wegfall der Schutzzölle, 1846, brachten für die Insel die ernst- lichsteu Schädigungen; dazu kamen im Anfang der 60. Jahre Mißernten. Alle diese Mißstände riesen bei der gesteigerten Bedrückung der Neger 1865 einen Aufstand derselben hervor, der unter Verhängung des Belagerungszustandes in grausamster rr. blutigster Weise unterdrückt wurde. Zur Besserung der Verhältnisse auf I. wurde 1866 eine neue Verfassung eingeführt. Vergl. Garder, Histor^ ok U., Lsud. 1874. 2) Stadt. Bez. im Queen County (Halbinsel Long Island) im nord- amerikau. Unionsst. New-Dork au der Long-Jslaud Bahn u. dem Atlant. Ocean, Große Eisenbahn- Werkstätte rc.; 7745 Ew. Schroot. Jamaicaholz(von6omooiaä1g.brasilia8trum), rothbrauues, dem Fernambukholz ähnliches Farbeholz, von Jamaica, S. Domingo u. Guiana. Jaman (Dent de I.), 1879 m hoher Berg im Schweizer Kanton Freiburg mit herrlicher Aussicht; über denselben führt in 1516 m Höhe der Paß Col de I. Jamato, in der alten Eintheilung eine der 5 Provinzen des Gokinai, eine der Domanialpro- vinzen des Mikado. Hier wird das reinste Japanisch gesprochen. Jambe (Metr)., s. Jambus. Jambelegos (Metr.), s. u. Elegiambos. Jambi, s. Djambi. Jambische Poesie, eine Gattung der griechischen Poesie, welche dem Gefühl der Bitterkeit u. dem Drang, die Schwächen u. Thorheiten persönlicher Feinde u. anderer Menschen zu geißeln, entstammte. Ihre bedeutendsten Vertreter sind Archi- lochos, den man für den Erfinder des JamboS hielt (um 700 v. Ehr.), Simonides von Amorgos, Hipponax, der Erfinder der Choliamben (s. d.), u. Solon. In späterer Zeit sind bes. die in Choliamben gedichteten Fabeln des Babrios zu nennen; auch wurden dann Jamben für Lehrgedichte verwendet, z. B. für das geograph. des sog. Skym- nos. Die Athener nahmen den Geist der J-n P. 572 Jamblichos - aus u. prägten ihn in der Komödie aus, welche sich an die Jambik anlehnt. Das Wesen des Jambischen Gedichts besteht keineswegs bloß im Lustigen, sondern es überwiegt in ihm das Polemische, Muthige, Frische, Rücksichtslose, so daß «armen iamdionm geradezu im Sinne von Schmähgedicht gebraucht werden konnte. Die Reste der J-n P. haben Schneidewin, Oolsotns posaeos Oraeoorum olsgiavae, iambloas, molioas (Gott. 1838—39, 2 Bde.), u. Bergk, ?ostas kurier Araooi (3. A., Lpz. 186S), gesammelt. In Rom dichteten zuerst Catullus u. Calvus Schmähgedichte u. a. in Jamben (Catull z. B. gegen Cäsar), dann brauchte sie Horatius in den Epoden; Choliamben wendeten Catnllus, Matius, Persius in seinem Prolog, u. bes. Martialis an. Jamblichos, 1) Neuplatoniker u. Wunderthä- ter ans Chalkis in Syrien, st. gegen 333 n. Chr. Sein System, eine Vermischnng von pythagoreischen, platonischen u. orientalischen Theologume- neu, suchte die Entstehung der nur mit dem Verstände begreifbaren Götter, der Dämonen, Welt- n. Menschenseelen u. der Materie durch ein Herabsteigen aus einem vernünftigen Urwesen darzn- thun; die Rückkehr der mit Schwachheit behafteten und mit Sünde befleckten Menschen zur Gottheit könne nur durch Hilfe der Mantik u. Theurgie geschehen, wodurch er in den Ruf eines Wunder- thätcrs und Geisterbeschwörers kam. Da er ein Gegner des Christenthums war, so stand er bei dem Kaiser Jnlianus in hohem Ansehen; er hatte viele Schüler, u. a. Dexippos, Sopater, ÄLesios, Eustathios. Er schr.: Lvgr ri)r gvr'ov (über des Pythagoras Schule), in 10 Büchern, wovon 5 erhalten sind, mit besonderen Titeln; 1. Buch: das Leben des Pythagoras, herausgegeben von Küster, Amsterd. 1707; von Kießling (mit Porphyrios Leben des Pythagoras, Lpz. 1815); 2. Buch: (Ermahnung zum Studium der Philosophie), herausgegeben von Kießling, Lpz. 1813; 3. Buch: xorr-HL in Villoisons ^nsoäota Kraooa; 4, Buch: iVrxo.uci/ov «(-rA.u?;- vrva/w/yL' (Einleitung in die Arithmetik des Nikomachos), herausgegeben von Tennlius, Arnst. 1668; 7. Buch: MieoloZumsna arltirmetioos, Par. 1543; ferner Tkdgr (verdächtig), herausgegeben von Gale, Oxford 1678, Fol.; von Parthey, 1857. Vergl. A. v. Harleß, Das Buch von den ägyptischen 'Mysterien, München 1858. Seine Coinmentare über Platon, Aristoteles und die Chaldäische Philosophie sind verloren. 2) I. aus Syrien, im 2. Jahrh, n. Chr., griechischer Erotiker; er schrieb: '/arog-'ae eine Liebesgeschichte des Rhodanes u. der Sinonis, nur im Auszug bei Photius vorhanden, herausgegeben von Passow im Oorpus srobieorum Aras«., außerdem Fragmente in A. Mais lflova eoiieebio soriptb. vebb., 2 Bde. Ismdoliksra 7). (^.oron^ebin s. vosmu Sä-'t».), Pflanzeugattung aus der Fam. kutu.ces.s-2antbox)lleas (VIII. 1). Art: ll. ps- ärmeulata 7>., ostiudischcr Baum mit olivenartigen Früchten (Jambolonen, Jambobohnen), die roh od. noch vor der Reife in Salzwasser n. Essig eingelegt genossen werden. - Jambus lambosa 7)e <7., Pflanzengattung aus der Fam. Nz-rtaeeas-Llz'rtsao (XU. 1); ostindische Bäume mit ein- bis zweisamigen Früchten, die durch den erweiterten u. beengen Kelch bröcklig-fleischig sind; Arten: ll. vulgaris 7)6. (Jambobanm), ostindischer Baum, der überall in den Tropen cultivirt wird, mit hühnereigroßen, gelben, saftigen, süßen, wie Rosen riechenden Früchten (Jambosen, Jambusen), die als Obst beliebt und auch arzueikräftig sind; ! Rinde, Blätter u. Samen in meinem. Gebrauch, ü. malaeesuois D6. (fl. äomestioa Baum, mit rothen Blüthen u. rothen, länglichrunden, wohlschmeckenden, apfelgroßen Früchten (Ro- scnäpfel). Jambnlos, ein griechischer Kaufmann, der ungefähr im 2. Jahrh. v. Chr. auf einer Reise durch Arabien gefangen genommen, auf ein Schiff gesetzt u. nach dem Indischen Archipel verschlagen wurde. Nach 7 Jahren kanr er glücklich in seine Heimath zurück. Sein Bericht ist durch Diodor auszugsweise überliefert worden; die von ihm beschriebene Insel ist aller Wahrscheinlichkeit nach Bali. Jamburg, Kreisstadt im russ. Gouv. St.Pe- tersburg, an der Luga, Station der Baltischen Eisenbahn, hieß früher Jam-(Gorod); mehrere Fabriken; 2490 Einw. In der Nähe Überreste einer ehemaligen Festung. I. wurde 1883 als Jama von den Nowgoroderu gegründet, 1411 von livländischen u. ehstländischen Rittern belagert, 1612 von den Schweden erobert, 1703 von den Russen genommen u. ihr von Peter dem Großen der Name I. gegeben; Katharina II. erhob I. 1783 zur Kreisstadt. Jambus (v. Gr., Jambos, dreisilbig zu sprechen), 1) (Metr.) zweisilbiger Versfuß in steigendem Rhythmus, aus einer kurzen n. einer langen Silbe bestehend Aus jambischen Füßen zusammengesetzte Verse haben das Jambische Versmaß. Die Griechen und Römer maßen t dasselbe nach Dipodien (^. ^. ._), d. h. sie sahen 1 je 2 Jamben zusammen als eine Einheit an, u. gestatteten statt der Kürze des ersteren Fußes eine Länge, also den Spondeus (— ^. ^, ^.), lösten wol auch dieLänge in je 2 Kürzen auf (— ^ ^) n. verbanden gewöhnlich6Jamben od. 3 Dipodien (da- ^ her jambischer Trimeter, bei den Römern Senarius) zu einemVerS (^^^^ f — f — Dies ist z. B. der gebräuchlichste Vers für den Dialog im alten Drama. Er hat mitten im 3. oder 4. Fuße eine Cäsur, z. B. Lsa f tus iiH gm f prooul f n«Ao f biis (Horaz). Erfunden sein soll er von Archilochos (s. d.). Am freiesten wurde der I. (auch in achtfllßigen Versen oder Jambischen Tetrametern) von Len Komikern behandelt, die ihm durch den häufigen Wechsel mit (in den ^ ungeraden, d. i. in dem 1., 3., 5. Fuße stehenden Anapästen ^, ^,), mit Tribrachen (-. ^ ^), Daktylen ^), Spondeen (^ ^,) den mannigfaltigsten Gang gaben. Die Schlußsilbe des Verses ist stets aneexs (—) u. darf nicht aufgelöst werden. Besonders reich an Jamben ist die Deutsche Sprache, weshalb diese Versart (zwei- bis sechsfüßig) bei uns eine der gewöhnlichsten ist, namentlich bei den dramatischen Dichtern. Seit Lesflng wird bes. der fünffüßige J.-Vers für das Drama 573 James — angewcndet; der Ausgang des Verses kann männlich (betont) oder weiblich (mit einer überzähligen Kürze) sein. Hat der jambische Senar den Hauptabschnitt nach dem dritten Fuße, so wird er zum Alexandriner (s. d.). Da die griechischen Dichter ursprünglichdieJambenzu Spott- u. Schmähgedichten brauchten, hieß ein I. 2) (Jambisches Gedicht) so v. w. Spott- od.Schmähgedicht; s. JambischePoesie. James, 1) County im nordamer. Unionsstaat Tennessee, n. 35" n. Br. u. 84" w. L.; C--sitz: Harrison; 2) s. James River. James, George Payne Rainsford, Historiograph von England, beliebter Romanschriftsteller, geb. 1801 in London, begann früh schon Schriftstellerei, wurde, nachdem ihm König Wilhelm IV. zum Historiographen ernannt, 1852 brit. Consul in Virginien, 1858 brit. Generalkonsul in Venedig, u. st. daselbst 9. Juni 1860. Er schr. 189 Bde., Romane, Erzählungen, histor. Schriften enthaltend. Seinem Erstlingswerk Viks ok Länmrä ttrs viaek priues, Lond. 1822, 2 Bde., folgte der historische Roman Rislislisu, a kals ob vrauos, 1829 (deutsch, Lpz. 1830), u. hierauf infolge der Ermunterung, welche Walter Scott dem Schriftsteller gab, u. a.: varuls^ (deutsch, Leipz. 1881); Vs 1'Orms, 1830 (deutsch, Lpz. 1832); plulipp XuAuskus (deutsch von O. L. B. Wolfs, Lpz. 1832); Vsur^ Nasksrton, 1832, äobu Lkar- ston Lall, 1834 (deutsch von Lindau, Lpz. 1835, 3Bde.); Älarz- ok vurgunä^; sDbsAipsz- (deutsch von Lindau, ebd. 1836); Xbtila, 1836; vüs vn- ! Anonob, 1839; VIis ansisub rsAims, 1841, 3 Bde.; 6arss äs Vson, or tiis dri^auä, 1841, 3 Bde.; äacgusris, or btis Is.äz- anä kds paM, 1841, 3 Bde.; Arabella Ltnart, 1843, 3 Bde.; XrrabXsU or timss ok olä, 1844, 3 Bde.; Dose ä'XIbrst, or tronblons timss, 1844, 3 Bde.; klar^arst Vradam, 1847, 2 Bde.; Rirmo, 1849; Ars ^-ooämau, 1849, 3 Bde. (deutsch, Grimma 1850; von Bertholdi, Lpz. 1850); Vsnrx 8msa- ^ ton, 1851, 4 Bde.; x^nss Lorel, 1853; vorä UontaAns paZs, Philad. 1858; nach seinem Tode erschien Lsrnarä Narsd, 1864, 2 Bde. Die meisten erschienen auch gleichzeitig in Leipzig bei Tauchnitz. Von seinen historischen Schriften seien erwähnt: Mrs distor^ ok eiävalr/, Lond. 1830; vds Usmoirs ok Areat eommauäsrs, ebd. 1832; Rist. ok QbarlsmLAus, ebd. 1832 (abgedruckt in Churtons Vibrar^ kor tkrs mUIion, ebd. 1850); Usmoirs ok eelsbratsä vvomsn, ebd. 1837; Vivss ok korsi^n statssmsn (in Lardners Oz'vlopeäia); Ids liks auä timss ok Vonis XIV., ebd. 1838, 4 Bde.; X instorx ok tirs liks ok Riekiarä 6oeur äo viou, 1841—49, 4 Bde., neue Ausg. 1856; Inks ok ilenrz' IV. ok Irans«, ebd. 1847, 3 Bde.; auch gab er heraus: äamss Vernons Isttsrs krom 1896 to 1708, Lond. 1841, 3 Bde., u. anonym virim anä its sousegugueos, Lond. 1847, 3 Bde., Lpz. 1847. Eine Ausgabe seiner Werke begann Lond. 1844, u. Lond. u. Lpz. (Tauchnitz) 1844 ff.; deutsche Übersetzungen sämmtlicher J-scher Romane, von E. Snsemihl, Lpz. 1843 fs. Bartling.' Jamesbai, Bucht der Hudsonsbai. James-City, County im nordamer. Unionsst. Virginia, u. 37" n. Br. u. 77°w. L.; 4,425 Ew. Counlysitz: Williamsbnrg. - Jamnia. Jameson, Anna, geb. Murphy, englische Schriftstellerin, geb. 19.Mai1797inDublin, machte mehrere Reisen, verweilte längere Zeit in Wien, Dresden u. Weimar, war hier mit dem Goethe- scheu Hause befreundet, folgte 1834 ihrem Gatten, dem Naturforscher Robert I., nach Toronto in Ober-Canada, kehrte jedoch, da ihre Ehe eine unglückliche war, in ihr Vaterland zurück und lebte daselbst getrennt von ihrem Gatten; sie erhielt 1851 von der Königin Victoria eine Pension und st. 17. März 1860 in London; sie schr.: viarz' ok an sunu/ss; Vovss vk tbo xosts, Lond. 1829; Vbaraotsristiss ok rvomsn, ebd. 1833; Llsmoirs ok oslsbratsä ksmals sovsrsigms, ebd. 1834; Visits anä skstsbss ab iroms anä abroaä, ebd. 1834, 4 Bde.; vdaraetsristios ok tbs ksmals svaiaotsrs ok 8baksxsars (deutsch von A. Wagner, Lpz. 1834); IVintsr-stuäiss anä snmmsr ramdlss in vanaäa, 1838 (deutsch von A. Winter, Lpz. 1839). Die Schauspiele der Prinzessin Amalie von Sachsen bearbeitete sie englisch unter dem Titel viotnrss ok tbe sooial liks ok Vsr- manz-, 1840. Weiter erschienen u. a.: Rubens, 1840; Llsmoirs ok tlio sarlz- Italian paintsrs, 1845, 2 Bde.; Laorsä anä 1ex;snäai/ arb, 1848, 4. Ausl. 1865; VsAönä ok tbs monastlo oräsrs, 1850, 3. Aust. 1866; On tbs eommnolon ok labonr, 1856; 8eriptural anä IsAsnäar/ biskorz- ok onr Vonäon, 1859 —64, 2 Bde. Bartling. Jamesone, George, schott. Bilimißmaler, geb. 1586 zu Aberdeen, st. 1644 zu Edinburg; malte außer trefflichen Porträts auch historische Bilder u. Landschaften, u. zwar in Hl u. Miniatur und erwarb sich den Namen des schott. van Dyck. Regnet. Jamesonit, Mineral, krystallisirt in rhombischen Säulen, welche radial od. parallel gruppirt, auch zu stängligen Aggregaten verwachsen sind; Härte 2—3; specifisches Gewicht 5,5—5,-; stahlgrau bis bleigrau; besteht aus Schwefelblei und Schwefelantimon (3l?b8.28b,8z); findet sich zu Cornwall, Nertschinsk u. Estremadura. James River, 725 km langer Fluß im nord- amcr. Unionsst. Virginia, welcher an der Grenze ber Grafschaften Alleghany u. Botetonrr aus der Vereinigung der Cowpastnre u. Jacksons Rivers entsteht; berührt Nichmond und mündet in die Chcsapeake Bai; er ist bis Nichmond für Schiffe bis zu 130 Tonnen fahrbar, von da führt der I. R.-Kanawha Kanal bis Coviugton am Jackson River; seine Ufer sind höchst fruchtbar. Schroot. Jamestown, 1) Hauptort der Insel St. Helena, einziger Landungsplatz derselben, liegt in einer engen Bergschlucht au der Kapellen- oder Jamesbai, ist befestigt, Sitz des Gouverneurs, ansehnliches Negierungsgebäude, Kaserne, Hospital, Sternwarte; einige Lausend Ew. 2) Postdorf im Chautauqua County des nordamerik. Unionsstaates New-Aork, Eisenbahnstation in der Nahe des Chautauqua Sees; 5336 Ew. Jamina, Stadt am oberen Niger im Reiche Bambarra (Inneres von NAfrika), hat 10,000 Ew. u. treibt lebhaften Handel. Jamnia (Jabneel, a. Geogr.), Stadt in Palästina südl. von Joppe; Judas der Makkabäer eroberte u. behauptete sie. Schon vor der Zerstörung Jerusalems wurde sie der Hauprsitz der 574 Jamnicii jüdischen Gelehrsamkeit u. bekam ein Synedrium; von hier ging auch die Empörung gegen Trajan 117 n. Ehr. aus; jetzt Jebna (Jebna). Nord- westl. davon die gleichnamige Hafenstadt, einst bedeutender als Joppe. Schroot. Jamnicii, so v. w. Böhmische Brüder. Jainnitz (Jemnice), Stadt im mähr. Bezirk Datschitz (Österreich), einst freie Bergstadt, am Schelletauerbache, große gothische Dekanatskirche, großes Schloß, Baumwollenspinnerei u. Weberei, 6 Jahr- u. Viehmärkte; 2386 Ew. Alljährlich wird in I. zur Erinnerung an 1315, in welchem Jahre Elisabeth, die Gemahlin des Königs Johann von Böhmen, hier Schutz suchte, ein Volksfest gefeiert. H- Berns. Jamnitzcr (Jamitzer, Gamitzer), berühmte deutsche Goldschmiede. 1) Wenzel I., geb. 1508 zu Wien, st. 15. Dec. 1585 in Nürnberg, ward 1534 Meister in Nürnberg, war Goldschmied Karls V. und seiner Nachfolger; 1556 Genannter des größeren Raths u. 1573 Mitglied des Inneren; brachte es im Silberätzen u. Stechen sehr hoch, goß kleine Thiere, Pflanzen rc. von Silber und Alles so zart, daß die Blättchen der Kräuter beim Anblasen sich bewegten. Auch erfand er die Kunst, Gold, Silber und andere Metalle in Formen so schön zu pressen, als ob sie getrieben wären. I. schuf alle seine zahlreichen Werke im Geiste der Renaissance. Er war auch ein bedeutender Mathematiker, den Anregungen des Regiomontanus folgend, u. führte allerlei Instrumente nicht bloß ans, sondern erfand solche auch, desgleichen eine perspectivische Maschine, wie er denn auch ein per- spectivisches Werk schrieb u. perspectivische Zeichnungen entwarf, die Jobst Ammann in Kupfer stach. Er selber scheint nicht in Kupfer gestochen zu haben. Hauptwerke: Die beiden sogen. Kaiserpokale, weil Eigenthnm des Kaisers Wilhelm I.; Ein silbernes Schmuckkästchen mit Emailplatten, im Grünen Gewölbe zu Dresden, Ein gleiches im Berliner Museum; Der Hertelsche Tafelaufsatz im Germanischen Museum zu Nürnberg rc. Als Marke bediente sich I. eines Widderkopfes, H's u. 2 ) n. 3 ) Mit ihm gemeinschaftlich arbeiteten sein Bruder Albrecht u. sein Neffe Christof (1563bis 1619). Die beiden ersteren so cinmüthig, daß sie alle ihre Werke als gemeinschaftliche behandelten, während Christof auch als Kupferstecher Tüchtiges leistete. Von ihm ein silbernes Lorettoglöcklein in der Reichen Kapelle zu München u. ein Tafelaufsatz im Deutschen Gewerbemusenm zu Berlin. Regnet. Jarnos, Sohn des Apollon u. der Euadne; er erhielt als Jüngling von seinem Vater Apollo die Gabe der Weissagung aus den Stimmen der Vögel u. ans den brennenden Häuten der Opfer- thiere, und wurde Stammvater des Seher- und Priestergeschlechts der Jamiden zu Olympia. Jampol, Kreisstadt im russ. Gouv. Podolien, am Dnjestr u. an der Rassawa; 3 Kirchen, Synagoge, Weinbau; 4305 Ew. Jämtland, schweb. Län, so v. w. Jemtland. Jamnnä (Jomanes der class. Geographen), der altinLische Name für den Fluß Dschumna (s. d.) in Indien, einen seit ältester Zeit hochheiligen Strom. Jamundscher See, Strandsee im Kreise und — Janin. dem prenß. Ncgbez. Köslin, 17lcm lang u. 2Km breit; durch eine schmale Öffnung (das Deep) mit der Östsee verbunden. Jan, holländ. für Johann. Jana, ital. Gottheit; s. Janus. Jana, Fluß in der russ.-asiat. Prov. Jakutsl entspringt in den Wcrchojanskischen Bergen des Stanowoi Gebirgszuges u. fällt nach einem Lause von 1063 km (150 M) mit 10 Armen in das Eismeer. Janaon, französ. Niederlassung inmitten des indobrit. Distr. Godavary, im Münüungsdelta des Godavary gelegen; 6459 Ew. Janauschck, Fanny (Franziska Magdalem Romancc), berühmte Tragödin, geb. 20. Juli 183g in Prag, spielte zuerst in Prag, dann seit 1815 auf kleinen Bühnen in Sachsen u. Württemberg u. wurde 1847 in Köln engagirt, wo sie sich unter Rod. Benedix zur vorzüglichen Schauspielerin bildete; 1848—60 gab sie in Frankfurt mit Beifall die jugendlichen Liebhaberinnen im Drama; 1861 nahm sie Engagement am Hoftheater in Dresden, löste ihr Verhältniß aber bald wieder; 1863 trat sie in Wien ans; 1868—69 u. ebenso 1870 gastirte sie in NAmerika, kehrte 1871 nach Deutschland zurück, gastirte 1875 in Australien (Melbourne) u.seitMärz1876 in England. Kürschner. Janbo el Bahr, s. Jenba el Bahr. Jandabo (Jandabo), Stadt am Jrawaddi in Birma, unterhalb Mandalay. Hier 24. Febr. 1826 Friede zwischen den Engländern und Birmanen, s. Birma, S. 455. ane (engl.), so v. w. Johanna, anestzille, Sitz des Rock County im nord- amer. Unionsst. Wisconsin; Eisenbahnstation am Rock-River; lebhafter Handels- u. Jnbustrieplatz; 8789 Ew. Janet-Lange, Ange Louis, geachtetersranz. Genremaler, geb. 1816 zu Paris, st. das. Ende Dec. 1872; bildete sich bei Colin, Ingres u. H. Vernet u. folgte insbesondere des Letztgenannten Richtung. Hauptwerke: Die Abdankung Napoleons in Fontainebleau (1844); Der letzte Freund; Episode ans der Belagerung von Puebla; Scene aus dem Krimkrieg (1859); Nero im Wagenrennen (1855). I. war 20 Jahre hervorragender Zeichner der Pariser ^'Illustration. Regnet. Janghissar (Jengi-Schir, Jengischar), feste Stadt des centralasiat. Reiches Kaschgar, I864dnrch Jakub Beg von den Chinesen erobert; 8000 Ew. Jangschahr (Jangschahr), Neustadt, Citadelle, die es in allen Städten OTurkestans, so in Jar- kand, Kaschgar u. a. gibt. Jang-scheu fu, Stadt in der chines. Prov. Kiang-si, nahe des Pojang-Sees; Baumwollen- u. Seidenweberei. In der Nähe eine große kaiserliche Porcellanmannsactur. Janhagel, so v. w. Pöbel. lanioiilus (ianioulum), s. Rom. Janin, Jules Gabriel, Kritiker u. Romanschriftsteller, geb. 24. Dec. 1804 in Saint-Etienne (Loiredep.), Israelit, kam 1820 nach Paris, widmete sich der Journalistik u. wurde der Schöpfer des Feuilletons (im llournal ckss vebats seit 1829). Er war stets oppositionslustig, ohne Grundsätze in der Kritik u. Politik, oberflächlich, para- 575 Janina - d°x geschwätzig, aber geistreich, anmuthig u. inter- effant, so daß er als prinse äs In eritigus die öffentliche Meinung beherrschte. Sammlungen seiner besten Feuilletons find die Hist. äs In Üt- tsrnturs ärnmntigus, 6 Bde., 1858; sein Hauptwerk Lautes knntnsbisguss, 1833, u. Lautes uon- vsLux, 1833. Von seinen werthlosen Romanen ist noch der beste: I-'Lno mort st 1a tsiniuo §uii- lotinsa, 1829. Ferner hat man von I.: ?nris äspuis In rsvolntiou äs 1830—32, Par. 1833; Romans, uouvslles st sontss llt., ebd. 1834, z Bde.; Ua rsli§isuss äs loulouss, ebd. 1850; Lontes oau sstampiUss, ebd. 1862; Uss olssanx blons, ebd. 1864; U'iutsroe, ebd. 1869; Uau- taiusblsau, Versailles, Uarls, ebd. 1837; Vo^n^s sn Italis (wohin 1.1838 gereist war), ebd. 1839; Üos Lataeambes, ebd. 1839; I7u lilvsr n l?arls (illustrirt von E. Lami), ebd. 1842; U'sts ä Uarls, ebd. 184A; eine Bearbeitung von Richardsons Llarisss Uniiorvs, ebd. 1846; mit Phil. Chasles n. Theoph. Gautier: Uss bsautss äs I'Opsrn, »bd. 1844; mit Arsene Houffaye u. Sainte-Beuve: Luits äs l'lilstoiro äu olrsvalisr VssArlsux st äs Uauou Ussvaut, ebd. 1847; Ulstalrs äs l?raues (Text zu Gavards Lalsriss Uistarlgnss äs Versailles), ebd. 1837—43, Fol.; Versailles et sau musss lüstoriizus, ebd. 1841; Ua Horlnnuäie, ebd. 1842—43; Ua llreta^ue, ebd. 1844; Voz'NAs äs Uaris a la mar, ebd. 1847; I-amartlus, ebd. 1869; karis st Versailles il ^ a osut aus, ebd. 1874; außerdem lieferte er mehrere Übersetzungen, so aus Leibniz, 1866, 2 Bde.; Horaz, 1860, 3. Aust. 1865, und viele Vorreden, Biographien, kritische Beiträge für Zeitschriften rc.: I., der 1870 Mitglied der franz. Akademie wurde, st. 19. Juni 1874 in Paris. Vgl. Piedagel, Vis äs äulss ä., Par. 1875; Osuvres äiversos, Paris 1876, 12 Bde. Aolchert. Janina (Janjina), 1) Vilajet in der Europ. Türkei, grenzt im N. an das Vilajet Rnmili u. Selanik (Saloniki), im O. an das Ägäische Meer, im S. an Griechenland u. den Busen von Arta u. im W. an das Jonische u. Adriatische Meer; ungefähr das alte Thessalien u. einen Theil von Epirus umfassend; 36,424 festem (661,5 HW), mit 1,423,140 Ew. (auf 1 Hjkiu 39, in der ganzen Europäischen Türkei 29). Das Vilajet ist fast ganz gebirgig u. hügelig, z. Th. sogar ein überaus mildes Gebirgsland: größere Ebenen fehlen ganz, denn selbst das Kesselthal Thessaliens bildet keine vollkommene Ebene, sondern ist vielmehr ein wellenförmiges Hügelland. Gebirge: Pindos mit dem Mnro Vuni, Grammos, öthrys (auf der SGrenze), Plessidi, Mavro Vuni, Kissowo (Offa), Olymp, Schabka (auf der NGrenze), Vo- lutza, Nemerzika, Mitsikeli, Ergenik rc.; Seen: Janina (ohne sichtbaren Abfluß, mit einer Insel), Karla u. a.; Baien: Avlona-B., G. von Arta, G. von Volos rc.; Flüsse: Ergent, Bojutza, Mavropotamo (Acheron), Arta, Aspropotamo, Sa- lambria (Penens, oberhalb seiner Mündung das Thal Tempe), Phersalitis u. a. Der Boden ist nur zum Theil fruchtbar, ist erst wenig angebaut; das Klima im Allgemeinen gemäßigt u. gesund. Die Viehzucht, namentlich die Pferdezucht, ist nicht unwichtig. Prodncte: Pferde, Rindvieh, - Janitza. Schafe, Ziegen, Wild (zahlreich); Getreide, Mais, Gemüse, Tabak, Baumwolle, Wein, öl, Südfrüchte, Opium, Galläpfel, Seide, Honig, Wachs rc. Die Bewohner sind meist Griechen. 2) (Joannina) Hauptstadt darin, am westl. Ufer des Sees von I.; hat circa 30,000 Ew., meist Griechen und mohammedanische Albanesen, sowie eine geringe Anzahl albanesischer Katholiken u. Inden. Nicht weit vom See sind die Ruinen des großen Schlosses Litharisa; das alte ehemalige Residenzschloß Ali Paschas ist nur noch ein Trümmerhaufen. I. ist Sitz des türk. Generalgouverneurs u. eines griech. Metropoliten, hat 7 Kirchen, 14 Moscheen, ein griech. Collegium, eine Bibliothek n. ein Hospital; die Einwohner fertigen Goldstoffe, Maroquins, Seidenzeuge, gefärbte Leinenzeuge, die für die morgeuländ. Tracht so wichtigen goldenen Schnüre, Backwerk u. eingemachte Früchte. I., eine sehr alte Stadt, wurde von dem griech. Kaiser Johannes Komnenos nach 1118 wieder neu ausgebaut, in demselben Jahrh. aber noch von den Normannen erobert u. zerstört. 1422 kam sie unter die türk. Herrschaft. Von 1788—1822 stand sie unter der despotischen Herrschaft Ali Paschas, des Pascha von I., der sich durch einen untergeschobenen Fer- man der Stadt bemächtigt u. fast ganz unabhängig von der Pforte gemacht hatte (s. Ali 6). H- Berns. Jamtor,der Thürhüter,inKlösternder Pförtner. Janitscharen (Jenitscheri, d. h. neue Krie- ger), eine 1362 von Sultan Murad I. aus Christen, die zum Islam erzogen wurden, gebildete Infanterie. Anfangs nur 12,000 Mann stark, wurden die I. im Lause der Zeit aber bedeutend vermehrt u. erhielten viele Privilegien, wodurch sie als bevorzugteste Truppe, bei der auch viele Türken freiwillig eintraten, angesehen wurden. Das Corps der I. bestand aus den Dschemats od. der Leibwache des Sultans, ans den Buluks oder der Nobelgarde u. Seymens u. Adschemi- Oglans, welche beide letztere Arten zum gewöhnlichen Kriegsdienst bestimmt waren. Später nahmen die I. mehr den Charakter eines Bürgermilitärs an u. erlangten eine dem Staat sehr gefährliche Macht; sie widersetzten sich gegen die Einführung europäischer Militäreinrichtungen, so daß Sultan Mahmud II. 1826 die I. wegen Meuterei vollständig vernichten ließ; die Zahl der durch Feuer u. Schwert vertilgten I. soll über 100,000 betragen haben. r Janitscharcinnusik, ursprünglich (14. Jahrh.) die wilde, sinnverwirrende Kricgsmnsik der Türken, welche im 17. Jahrh. feste Gestalt aunahm; einige Melodie führende Blasinstrumente (Oboen, Querflöte) u. eine Reihe den Rhythmus hervorhebende Schlaginstrumente (Pauken, Trommeln, Cymbeln, Becken u. Triangel); ist heutzutage in solcher Zusammensetzung im Orient nicht mehr zu finden. Die I. wird durch Anwendung einzelner Instrumente auch bei unserer Militärmusik nachgeahmt, nur daß sie mit einer geordneten Harmoniemusik verbunden ist. Siebmrock. Janitza (Jenidsche Wardar), Stadt im türk. Vilajet Selanik (Saloniki), auf einer Anhöhe; mehrere 'Moscheen, 2 berühmte Grabmäler, Tabaksbau (früher blühend, gegenwärtig nur noch unbedeutend); etwa 5000 Ew. 576 Jank Jank, Christian, namhafter Architekt u. kgl. Hoftheatermaler in München; geb. das. 15. Juli 1833, besuchte die Akademie, lernte beim Hoftheatermaler Simon Quaglio daselbst die Perspective n. trat 1853 ins Atelier Emil Kirchners. 1854—56 besuchte I. Norddeutschland, Schwaben u. den Rhein, Wien, Triest u. Istrien, die Lombardei und Tirol, 1857 Böhmen. Jank ist ein trefflicher Zeichner u. weiß seinen Bildern durch seine koloristische Stimmung hohen poetischen Reiz zu verleihen. Als sein Hauptstafseleibild gilt Las Amphitheater in Pola mit der Aussicht aufs Meer. Seine Decorationen für das Münchener u. viele auswärtige Theater sind mit Recht hochgeschätzt. Regnet. Janka», s. Jankowitz. Jankoväcz, Marktflecken im Ungar. Comitate Bäcs; Getreide- u. Weinbau; 7890 Ew. Jankowitz (Jankau), Marktflecken im böhm. Bez. Seltschan (Österreich); hier 5. März 1645 Sieg der Schweden unter Torstenson über die Österreicher unter Hatzfeld u. Götz. Jan Biayen, unbewohnte Insel im Nördl. Eismeer zwischen Island u. Spitzbergen, u. 72" n. Br. Hier die Vulcane Bärenberg (2094m) u. Esk (485 m). Die Insel wurde 1611 durch den holländ. Seefahrer gl. Namens entdeckt. Jannssen, Peter, deutscher Geschichtmaler der Gegenwart, geb. 12. Decbr. 1844 zu Düsseldorf, Sohn des Kupferstechers I. Th. I., bezog 1860 die Akademie seiner Vaterstadt u. erweist sich als in tüchtiger Pfleger echte monumentaler Kunst, frei von aller akademischen Manier. Werke: Petrus verleugnet Christus (in Amerika); Wandgemälde im Rathhaussaale zu Krefeld: Die Befreiung Deutschlands durch Arminins (1873 vollendet); Die Colonisirnng der Ostseeprovinzen, Wandgemälde in der neuen Börse zu Bremen (1872); Gebet der Schweizer vor der Schlacht bei Sempach (1874); Fresken aus der Prometheussagc, in der Nationalgalerie zu Berlin. Regnet. Janow, 1) Marktflecken im galizischen Bezirk Grvdek (Österreich), an einem großen Teiche, einst Lieblingsaufenthalt des Polenkönigs Johann Sobieski; 1838 Ew. In der Nähe eine sehens- werthe Höhle. 2) (Nowo-Janowsky) Kreisstadt im rufsifch-polnifthen Gouv. Lublin: einige Fabriken, Ackerbau; 4352 Ew. 3) Kreisstadt im russ.- polnischen Gouv. Sjedletz, am Bug; mit einem kaiserlichen Gestüte; 2569 Ew. H- Berns. Janow, Matthias »., der bedeutendste Vorläufer von Hus, studirte in Prag, dann 6 Jahre in Paris (daher der Beiname ?ari- aisvais), wurde 1381 Domherr in Prag n. starb hier 1394. Er drang in Wort und Schrift im Gegensatz zum äußerlichen Ceremoniendienst ans lebendiges inneres Christenthum und wünschte dringend eine Reformation der Kirche. Löffler.' Janowltz, 1) Stadt im Kreise Wongrowitz des preuß. Regbez Bromberg, an der Welna; 1875: 674 Ew. 2) Stadt im böhmischen Bez. Klattan (Österreich), an der Angel; Zündrequisitenfabrik, Papiermühle, Syrupfabrik, Getreidemühlen; 1136 Ew. In der Nähe die Ruinen der Burg Klenau (theilweise wieder hergestellt). 3) Dorf im mähr. Bez. Römerstadt (Österreich); ansehnliches Schloß, - Jansen. , Leinenwebere!, Leinenwaarenfabrikation, Bleicherei !Papiermllhle,Eisenwerk, Maschinenfabrik, Flachsbau' Holzhandel; etwa 800 Ew. 4) Stadt im böhm.' Bez. Kuttenberg; Bezirksgericht, Sammetbändcr^ fabrikalion, Mühlen; 2250 Ew. Janron, Phil. Aug., sranzös. Kunstschrift, steiler u. Genremaler, geb. zu Boulogne sur Mer 1809, bildete sich hauptsächlich nach der Natur „. wurde als Freund Ledru-Rollins 1848 Gencrab directcr der Nationalmuseen, als welcher er eine sehr ersprießliche Thätigkeit entwickelte. Er halt viel auf energische Farbe, geht aber darin manch, mal zu weit und ist auch kein strenger Zeichner. Er schr.: Lsporanos, Par. 1834; OriMes et prvArös äs 1'arb, ötnäsa et roelrerobss, Paris 1849, n. Anmerkungen zu Leop. Leclanches Übersetzung des Vasari, Par. 1834—42. Regnet. Jansen, Cornelius, niederländ. Theolog, Begründer des Jansenismus, geb. 28. Oct. 15SS ' zu Akoi in der Grafschaft Leerdam in NHolland, ! 1617 Vorstand des Pulcheria-Collegiums, 1630 Professor der Theologie in Löwen, 1636 Bischos ! in Apern; st. 6. Mai 1638. Sterbend hinterließ er seinen Freunden zur Veröffentlichung ein Werk, an dem er 22 Jahre gearbeitet hatte: Xngusti- nn3 s. äoetriva XnAnvtiui äs linmanas vaturao aavitato, aexritnäms et mockieina actvsrans ks- la^ianos et Llassilisvoss, hcrausgeg. 1640, 3 Bde., Fol., Par. 1641, Rouen 1643, Fol. Es war darin der augustinische Lehrbegriff in Vergleichung mit dem pelagianischen genau dargestellt, so daß daraus die Verwandtschaft der Scholastik mit dem Pelagianismus, namentlich aber der Unterschied der Jesuitenmoral von der tiefen Innerlichkeit u. dem religiösen Ernste des Augustinis- mus von selbst erhellte. ^ In der Geschichte des Jansenismus lassen sich 3 Phasen unterscheiden: 1) 1642 bis 1709. ! Den Angriffen der Jesuiten gegen I s Augustin folgte 1642 die von Papst Urban VIll. erlassene l Bulle In eminent!, welche an dem Werk J-s die s Erneuerung der Jrrthümer des Bajus rügte. ! Nach Annahme der Bulle durch die Regierung 1647 wurde ihre Wirksamkeit in Belgien durchgesetzt. Der Streit hatte sich aber schon nach Frankreich fortgcpflanzt, wo Jansens Lehre au seinem Jugendfreunde Martin de Barcos, Ab! von St. Chran, Anton Arnauld, Peter Nicole, Blasius Pascal, eifrige u. hochbegabte Fürsprecher fand. Bes. das Nonnenkloster Porrroyaßin welchem Arnaulds Schwester Äbtissin war, wurde der Mittelpunkt des Jansenismus, in dessen Nähe sich viele hochgebildete Anhänger desselben, in strenger Askese lebend, ansiedelten. Papst Jnnocenz X. verdammte nun 5 bestimmte Sätze aus J-s Schrift, die aber nach der Behauptung seiner Anhänger von I. nicht in dem vernrtheilten Sinne gelehrt waren. Papst Alexander VII. schlug 1656 diese Widerrede mit der Erklärung nieder, sene 5 Sätze seien in dem von I. gemeinten Sinne verdammt. Der Streit bewegte sich nun um die Frage, ob das Ansehen des Papstes auch in einer gnsstion äo kalt, wie diese, entscheidend sei. Endlich sand jedoch die päpstliche Entscheidung auch in Frankreich Anerkennung, als Papst Clemens IX- sich mit der Unterschrift der jansenistischen Bischöse .M- Jansen — Jautjekiang. unter ein etwas gemildertes Uiiterwersungsformula begnügte. Indessen trieben die Jesuiten die Sache weiter, u. Clemens XI. verlangte in der Bulle Vinsam Domini 1705 die Anerkennung, I. habe die 5 Sätze in ketzerischem Sinne gelehrt. Als s die Nonnen von Portroyal die Unterschrift verweigerten, wurde das Kloster auf Befehl Ludwigs XIV. aufgehoben n. zerstört (1710). Ar- niiuld u. andere seiner Freunde waren schon früher „ach den Niederlanden geflohen. 2) 1710—1756. Das von Paschasius Quesnel seit 1671 in jan- semstischem Sinne mit praktischen Erläuterungen herausgegebene Nene Testament hatte große Verbreitung gefunden u. war auch von dem Cardinal u. Erzbischof von Paris, de Noailles, empfohlen worden. Auf Betreiben der Jesuiten erließ Clemens XI. 1713 die Constitution DmAgnitno, in welcher 101 Sätze des Quesnelschen Testaments als ketzerisch verdammt wnrden, darunter Aussprüche der Heil. Schrift u. der Kirchenväter, die jansenistisch gedeutet werden konnten. Diejenigen, welche diese Constitution annahmen, nannte man Acceptanten (Constitutionisten). Die Appellation der Bischöfe gegen diese Entscheidung 1717 (Anti- constitutionisten, Appellanten) an ein allgemeines Concil wurde schon unter dem Regenten Orleans durch den Minister Dnbois, der Cardinal werden wollte, zuletzt ganz unter Ludwig XV. durch den Cardinal Flenry mit aller Strenge niedergeschlagen (1730). Gegen dis Wunder an dem Grabe eines Volksheiligen, Franz von Paris, der mit der Appellation in der Hand gestorben war (1727), sowie gegen die Verzückungen der immer mehr sich exal- tirenden Jansenisten schritt die Regierung mit Kerker ein. Als der Erzbischof Beanmont von Paris, um dem Jansenismns ganz ein Ende zu machen, verbot, Sterbenden das Sacrament zu reichen, die sich nicht über Annahme der Constitution ausweisen könnten, widersprach dem das Parlament, und hielt seinen Widerspruch auch unter den Verfolgungen durch den König aufrecht. Ein vermittelndes Edict Papst Benedicts XIV. stellte den Frieden wieder her (1756). 3) Der Jansenismns, obwol in seinem Hauptsitz, Frankreich, äußerlich unterlegen, hat doch seitdem theils innerlich in der katholischen Kirche nachgewirkt, in mystisch-schwärmerischen Erscheinungen und in freisinniger theologischer Gesinnung des Clerus, theils auch äußerlich sortbe- standen auf einem eingeschränkten Gebiete. Seit 1723 besteht in Utrecht ein eigenes, von Rom getrenntes Erzbisthum mit zwei Bischöfen von Haarlem u. Deventer, das vom Jansenismns seinen Ausgang nahm, jedoch den Namen ablehnt. Daß der Papst irren könne u. unter dem Concil stehe, ist eine der Hanptlehren dieses Kirchenwesens; die neuen Bischofswahlen werden dem Papst angezeigt, aber regelmäßig werden von diesem solche Anzeigen mit Verfluchung beantwortet. Die neuere altkatholische Richtung hat sich mit dieserUtrechter Kirche in Verbindung gesetzt, u. der 4. Juni 1873 zu Köln erwählte altkatholische Bischof Reinkens erhielt, da der Erzbischof Loos von Utrecht an demselben Tage gestorben war, am 11. August von dem Bischof Heykamp von Deventer die Con- secration nach dem katholischen Rituale. — Ge- schichtquellen: Leydecker, Disboria larwomsmi, PiererZ Umversal-ConversationZ-Lexitou. 8. Aufl. X. Utr. 1695; Gerberon, Disb. cks laus., Amsterd. 1700; Lucchestni, llist. poism. laus., Rom 1711; Neuchlin, Geschichte von Portroyal, Hamb. 1839 bis 1844; Samte - Beuve, ?orb-ro/sl, Paris 1840 ff.; Nippold, Die altkatholische Kirche des Erzbisth. Utrecht, Heidelb. 1872. Löffler. Jansen, s. n. Glasschleifen. Jansenismns, Jansenisten, s. u. Jansen. Jantra (sonst Jantros), 150 Im langer Nebenfluß der Donau in Bulgarien, entspringt ans dem Balkan und mündet unterhalb Schwischtow. An demselben fanden 10. u. 28. Ang. 1810 Gefechte zwischen den Russen u. Türken statt, u. 7. Sept. erlitten die Türken eine entscheidende Niederlage durch den russischen General Kaminsky, infolge dessen Rustschnk in rnss. Hände fiel. Jantsekiang(S)ang.tse-kiang, Jan-zsy-zjan, der Ausdehnende od. Sohn des Meeres), der mächtigste Strom Chinas, einer der größten Ströme der Erde, entspringt an dein Tanla-Gebirge im nördl. Tibet, durchfließt dieses Hochland erst in östlicher, dann in slldöstl. Richtung, strömt hierauf in Windungen durch den N. von Jünnan n. tritt darnach, ein mächtiger Strom, in die Prov. Setschnan ein. Diese Prov. durchzieht er unter 102° ö. L. nach N. umgebogen, wendet sich dann nach O. n. wälzt durch die Prov. Hupe, Nganhoei u. Kiangsu in großen Windungen in vorherrschend östl., zuletzt nordöstl. Richtung seine Fluchen dem Chin. Meere zu, das er unterhalb Nanking erreicht. Seine Länge wird über 5000 Im, sein Stromgebiet über 35,000 Hjkm geschätzt. Schon in Tibet durch zahlreiche Zuflüsse verstärkt und ein bedeutender Fluß mit reißender Strömung (bei der Mündung der Naptschilai-ullan-Muren 214m breit), empfängt er in Setschnan von N. die mächtigen Zuflüsse des Jarlung, Min u. Kialing, in Hupe von N. den Hankiang (s. d.), von S. den die Gewässer Jünnans bringenden Hengkiang, u. endlich durch den Pojang-See die Wasserströme der Provinz Kiangsi, so daß das Volumen des Wassers schon in Hupe auf chas Doppelte gesteigert u. die Breite schon 1000 km vor seiner Mündung über 2000 m, bei dieser aber über 15 km ist. Der I. ist von wesentlicher Bedeutung für das chinesische Reich, einerseits als Bewässerung einer der fruchtbarsten, wohlangebautesten u. bevölkertsten Ebenen der Erde (man berechnet die Zahl seiner Anwohner auf 100 Millionen), anderseits als Hauptverkehrsader des Landes. Er ist in seinem Unterlauf mit Schiffen u. Booten übersäet, wenngleich die starke Strömung die Schifffahrt schwierig macht, in seinem oberen Lauf finden sich zahlreiche Stromschnellsn, die letzten bei Jtschang in Hupe. Zwei europäische Dampferlinien unterhalten einen regelmäßigen Verkehr bis Hankhen (s. d.). Von der großen Anzahl bedeutender Städte an seinem Ufer sind den Europäern geöffnet: Tschinkiang, Kienkiang, Hankheu u. in neuester Zeit Jtschang. Im Sommer richten seine angeschwollenen Fluthen durch Überschwemmungen oft großen Schaden an. Den Nachten I. führt der Strom nur im Bereich seiner Mündung; in China selbst heißt er Takiang (Großer Fluß), in seinem oberen Laufe Kinscha- kiang (Blauer Fluß). Bei den Mongolen heißt Band. I 7 l'N! '"ch '1 p '!7 K ! 578 Jg.QUL - der obere Lauf von dem Quellfluß an Mur.ussu oder Murui-ussu (Fluß), bei den Tanguten Dytschu (Kuhfluß, wegen der vielen Jaks an seinen Ufern). Thiele,nann. Isnus (lat.), Thür (s. d.). Januarius (Eismonat), 1. Monat des Jahres, angeblich von Numa den damaligen 10 Monaten des Jahres zugesügt, nach Janus benannt, welchem der erste Tag desselben gewidmet war; hat 31 Tage; in ihm erreicht in unseren Gegenden meist die Winterwitteruug ihre volle Höhe. St. Januarius, Bischof von Benevent, nach der Legende unter Diocletian, nach Baronius 305 bei Puzzuoli enthauptet; sein Tag ist der 19. Sept. I. ist Schutzheiliger von Neapel; sein Haupt u. Blut werden in zwei Phiolen als Reliquie in der Kapelle el Tesoro der Kathedrale zu Neapel anf- bewahrt. Dreimal im Jahre wird das Blut des I. ansgestellt, u. sein langsames oder schnelleres Fließen bei Annäherung des Hauptes wird als entsprechende Vorbedeutung ausgefatzt. Löffler. Januariusorden (lstoal oräins äs 8. 6e- nnaro), sicilianischer Civil- u. Militärorden, ge- stistet von Karl, König beider Sicilien (nachher Karl III. von Spanien), 6. Juli 1738 bei seiner Vermählung mit Amalie, Tochter des Königs August III. von Polen, mit der Bestimmung zur Vertheidigung der katholischen Kirche und Treue gegen den Thron. 1806—16 aufgehoben, ging er mit der Einverleibung des Königreichs in Italien 1861 ein. Jauuit, s. Jnnuit. lanus (röm. Ant.), überwölbter Durchgang, i Schwibbogen, bestehend aus 4 Säulen, welche durch ein Gewölbe verbunden und mit 4 Thoren u. Giebeln (daher ll. gnackrikrona) versehen waren. Dergleichen llanl fanden sich in allen Regionen Roms, namentlich in den Hallen, welche das Forum umgaben, und waren theils Luxnsbauten, theils dienten sie als Versammlungsplätze der Kaufleute u. bes. der Wechsler (s. u. Rom). Jauus, einer der vornehmsten römischen Götter, ohne Parallele in der griechischen Mythologie, ursprünglich ein altlatinischer Licht- u. Sonnengott, der zu einem Anfangs, u. Ursprungsgott schlechthin geworden ist. Er war der Pförtner des Himmels, dessen Thore er Morgens öffnet und Abends schließt (daher 6Iavi§or, Olnsins, ?atul- oins), der Herr alles Eingangs u. Ansgangs, der Thore n. Straßen ans Himmel u. Erden (Janitor), der Beschützer der Wege des Handels und der Schifffahrt, des Krieges u. Friedens, der Ursprung derQnellen,Flüsseu.Ströme,überhauptder Gott des Anfangs u. Beginnens im weitesten Sinne, durch dessen Macht Alles einen gesegneten Anfang u, gleichsam Fortgang erhält. So wurde er jeden Morgen von Len Priestern unter dem Namen katsr ma- tntillns angerusen. Außerdem rief man ihn beini Beginn jeder wichtigen Unternehmung an, so der Consul beim Antritt seines Amtes, der Landmann mit Opfer beim Beginn der Aussaat und der Ernte; überhaupt wurde er in jedem Gebete zuerst genannt und bei Götterfesten erhielt er die ersten Opser. Geopfert wurden ihm die Erstlinge der Früchte; heilig waren ihm die Thuren (jarmas), die Straßeudurchgänge, der erste Tag u. Monat — Japan. des Jahres (llannarins). I. hatte in Rom drei Tempel, den altehrwürdigen, von Numa gegriin- deten, am Forum, der nur zur Friedenszeit ge. ! schlossen wurde (während der Repnblick nur drei. ^ mal geschlossen, unter Numa, nach dem 1 . Panischen Kriege, u. nach der Schlacht bei Actinm), einen gleichfalls allen ans dem Janiculum, einen beim Theater des Marcell, von C. Duilius gestiftet denen später ein prachtvoller des Nerva hinzukam. Abgebildet wurde er mit dem bekannten Doppel- köpf (daher Likrons, Lioopv, (Zomiims), sitzend auf einem Altar, in der Rechten einen Schlüssel in der Linken einen Stab hallend. In späteren Bildern soll seine Rechte die Zahl 300, die Linke 65 dargestellt haben, also die 365 Tage des Jahres. Am 1 . Januar wurde ihm das Januale, ein Opfer von Wein, Früchten u. einem Kuchen i von Mehl, Milch u. Honig, mit dein Bilde einer gebundenen Flußpferdes, gebracht, wobei sein Bild ! mit Lorbeer bekränzt wurde. Mit jenem Kuchen I u. den 8brsuas beschenkte man sich auch gegenseitig an diesem Tage. I. galt für den Gemahl der Quellengöttin Venilia, daher er auch als ein Schützer der Häfen (korbnuns) verehrt wird; die spätere Tradition machte ihn zu einem König von Latium, der vor Saturn herrschte n. die Tempel > der Götter stiftete, dein auch die Gründung des I Janiculum zugeschrieben ward. Mit dem Eindringen der griechischen Religion wurde er mit dem Apollo identificirt. Ein weibliches Gegeubild von ihm war die Jana (^- Diana), auch eine Lichtgottheit. Thielemann. l Janze, Marktflecken im Arrond. Rennes des französ. Dep. Ille et Vilaiue; Fabrikation von Segeltuch u. Seilen, Garnbleichen, starke Hühnerzucht, 6 Jahrmärkte; 4424 Ew. (im Orte 1801 ). Jao, mythischer Kaiser von China, der Begründer der Cultur, s. China S. 753. Japan ist bei den Europäern der Name für das große ostasiatische Jnselreich, welches in der Sprache des Landes selbst Jamato (sonst auch der Name einer der dem Mikado reservaten Provinzen) oder mit einem chinesischen Worte Nippon (d. h. der Sonne Ursprung oder Aufgang, Morgenland) genannt wird. Im Südchinesischen wird das Anfangszeichen dieses Wortes wie Dj, somit es selbst Djipan, Djepen ausgesprochen, woraus durch die Portugiesen die Form Japan, Japon für das Abendland entstanden ist. Eben davon mit Hinznsügung von kn, Reich, stammt der mittelalterliche Name Zipangn; bei den Arabern lautet er Dschemenkn oü. Djchemakut. Das Reich erstreckt sich, durch die Straße von Korea von diesem Lande, durch die Straße von La Perouse von der Insel Sachalin, durch das japanische Meer von dem russischen Asien getrennt, in der Richtung von S. nach N. von 26» 30^ bis 48° n. Br. u. besteht aus 4 großen (der Hanptinsel Nippon, den beiden ihr südlich liegenden Sikok u. Kiusiu u. Jesso im N.) u. einer großen Anzahl (im Ganzen auf 38 S 0 angegeben) kleiner Inseln u. Jnselchen, von denen die Gruppen der Goto-Jnseln im W., der Bonin- Inseln oder Munin-sima u. Lin-kiu im S. u. der Kurilen (1875 von Rußland gegen Sachalin eingetauscht) im N. hier erwähnt sein mögen. Der gesammte Flächeninhalt wird auf 407,305 Usinn 579 Japan. ( 7405 ,zg ÜHM) geschätzt. Viele der Inseln sind noch vollständig unbekannt, viele (wie Jesso, s. d.) nur unzulänglich bekannt, eine Anzahl ist kaum oder gar nicht angebaut u. bewohnt u. bietet den Anblick nackterFelsmassen; im gewöhnlichenSprach- gebrauch wird daher der Name I. auf die 3 bevölkertsten u. den Europäern bekanntesten Inseln Nippon, Sikok, Kiufln u. das Südende von Jesso bezogen. Die vielfach von Baien u. Buchten durchschnittenen Inseln sind znm großen Theil vulkanischer Natur, die größeren sind Gebirgsländer, welche von Bergketten, parallel mit ihrem Längendurchmesser, durchzogen werden. Das Gestein besteht hauptsächlich aus Syenit, Granit, Glimmerschiefer und Gneiß; streckenweise wird es durch Trachyt, Dolerit, Basalt u. Augitporphyr unterbrochen. Eine mächtige Erhebung bildet der Ge- birgsstock des Hakusan auf Nippon mit dem gleichnamigen Gipfel von 2536 m Höhe an der WKüste unweit Kanasawa, von welchem waldbedeckte Bergketten nach S., SW., N. u. NO. sich abzweigen. Noch mächtiger scheint das unter 38 ° n. Br. gegen das japanische Meer steil abfallende und bis zum Kisogawa streifende sog. japanische Schneegebirge (im Lande selbst Hokokujama, Berge des NLandes genannt) zu sein mit den Gipfeln Tatejama, Ontakesan und Knwagagozen, dessen Höhen von October bis Juli mit Schnee bedeckt sind und welches als wirksame Barriere zwischen den kalten NWinden u. warmen SWinden von wesentlichem klimatischen Einfluß ist. Auch von diesem verzweigen sich verschiedene, niedrigere Bergketten ab. Am Fuße und in den Längsthälern dieser Ketten ziehen sich eine ganze Reihe theils erloschener, theils noch bis in die neueste Zeit thätiger Bul- cane, unter denen der Asojama u. Wunsen-no- take aus Kiusiu, der Fusinojama und Asamajama auf Nippon die bekanntesten sind. Auch Erdbeben sind in dem ganzen Umfang des Reichs häufig u. oft von verheerender Wirkung u. die Oberfläche des Landes dadurch noch in historischer Zeit mehrfachen Veränderungen unterworfen gewesen. Die Küstenbildung, bes. von Kiusiu, Sikok u. I., wo zahlreiche schmale Meeresbuchten, den Fjorden (s. d.) ähnlich, tief in das Land hineindringen, unterstützt u. erleichtert wesentlich die Küstenschifffahrt, die durch die zahlreichen, den Buchten vorliegenden Klippen, durch Strömungen und, ebenso wie die des hohen Meeres, durch furchtbare Taifune sonst sehr erschwert u. gefährdet ist. An Flüssen sind die größeren Inseln sehr reich, ohne Laß einer von ihnen jedoch dem Verkehr in größerem Maße nutzbar wäre; der durch die Gestaltung des Landes bedingte kurze Lauf, die oft zu reißende und jäh dem Meere zustürzende Strömung, der wechselnde Wasserstand machen sie nur für kleinere Schiffe befahrbar und lassen ihren eigentlichen Werth in der Bewässerung erscheinen. Für die größten gelten die im Schneegebirge entspringenden Tonegawa, Shinanogawa u. Kisogawa; durch ihre landschaftlich schönen Thäler berühmt sind u. A. der Gujo- gawa u. Hagakawa. Weitere nicht unbedeutende sind der bei Tokio mündende Todegawa, der Tenringawa und Ohodagawa auf der OKüste. Auch Landseen fehlen nicht; unter ihnen ist der bedeutendste der mit Dampfern befahrene Biwako in SNippon, andere der Snwa, der Kasmiga-nra, der Salzsee Jtaba. Das Klima der einzelnen Theile des Reichs ist je nach der Lage ein sehr verschiedenes, übrigens kälter, als nach dem Breitegrade erwartet werden sollte, und zeigt schroffe Gegensätze der mittleren Temperatur im Sommer u. Winter. So steigt dieselbe in Nagasaki im Sommer bis zu 37", während im Winter Eis und Schnee gewöhnliche Erscheinungen sind. In Tokio beträgt die mittlere Jahrestemperatur 15", für besonders rauh gilt Jesso (s. d.). Häufige Regengüsse u. Seewinde wirken übrigens sehr kühlend. Im Winter herrschen oft heftige Nordstürme, im August u. Septbr. die durch ihre zerstörende Gemalt gefürchteten Taifune od. Wirbelstürme. Für Europäer ist das Klima vollkommen zuträglich. Das Pflanzenreich J-s ist an schönen sowol nutzbaren Gewächsen als Zierpflanzen sehr reich, wenngleich mehr durch eine große Menge der Geschlechter bei einer geringeren Anzahl von Arten vertreten. Von ersteren sind zu erwähnen das Hauptnahruugsmittel des Volkes, der Reis, dann Weizen, Hirse, Mais, Mohrhirse, Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, volielroo nmbsllatns, O. in- eurratus, 8ajo st'aponiea), Gemüse, wie Kohl, Gurken, Zwiebeln, Rüben. Außerdem werden Thee (obwol von bittererem Geschmacke als der chinesische u. überhaupt diesem nicht gleichkommend), Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr (auf dem Liu-Kiu u. im südlichen Kiusiu) mit Erfolg u. in großen Mengen cultivirt. Ausgezeichnetes Wachs wird von dem in großen Pflanzungen angebauten Wachsbaum (Kims snooeckansa), Öl von der sorgfältig gepflegten Lraooiea orlsntalio gewonnen. Von großer Wichtigkeit für die Zucht der Seidenwürmer sind die verschiedenen Arten des Maulbeerbaumes; von nicht geringerer wegen des trefflichen Holzes n. des massenhaften Kamphers der Kampherbaum (Oampbora obüoinallo). Zahlreich und mit Fleiß gehegt sind auch die Wälder (meist Nadel-, zum Theil auch Laubwälder), mit vielen Arten von Coniferen, deren Material zu Häuser- und Schiffbauten dient. Mehrere Arten von Lronooonstia liefern den Stoff zu der Papier- fabrikation; allenthalben in den südlichen Gegenden ist das vielfach gebrauchte Bambusrohr verbreitet. Groß ist auch der Reichthum an Blumen u. Ziergewächsen; der Obst- (die Dattelpflaume (siehe üiospxros, Wallnußbanm, Kastanien, verschiedene Obstbäume) u. Weinbau dagegen verhältnißmäßig spärlich vertreten; die Früchte (Datteln, Feigen, Citronen, Orangen, Pflaumen, Kirschen) sind durchweg nicht sehr schmackhaft. In weit geringerem Maße ist das Thierreich vertreten. Pferde (diese von einer kleinen, jedoch ausdauernden Rasse) u. Rinder (sie werden fast ausschließlich zum Lasttragen, selten zum Ziehen benutzt; das Schlachten verbieten religiöse Vorschriften) finden sich nur in geringer Anzahl; ebenso Ziegen, Schafe und Schweine; Esel und Kamele sind gar nicht bekannt, Hunde u. Katzen in spärlichem Maße als Hansthiere vertreten. Die wilden Thiere hat die dichte Bevölkerung so gut wie ausgerottet; von jagdbaren und waldbewohnenden werden Hasen, Hirsche, Wildschweine, Antilopen, Bären, Kaninchen, Füchse und Affen erwähnt. Von Vögeln 580 Japan. finden sich Hühner, Enten, Tanken als Haus- thiere, dann eine Menge von Wasser- u. Strandvögeln, ferner Eichelhäher, Finken u. a., die mit Len Arten des mittleren Europa beinahe identisch sind. Das Reich der Amphibien ist durch mehrere Schlangenarten, Eidechsen, Salamander vertreten; am reichlichsten endlich das der Fische in den Fluchen des die Inseln umspülenden Meeres nebst den sonstigen Arten der Meeresbewohner, von den Haifischen, Walen, Seehunden, Seelöwen, Schildkröten durch die unzählige Masse nutzbarer, wie der Lachse, Butten, Sardellen, Stockfische, Häringe bis zu den Krebsen, Krabben, Austern, Muscheln u. Korallen hinab. Von höchster Wichtigkeit sind die Mineralschätze der Inseln, wenngleich wenig ansgebentet. Von edeln Metallen findet sich Gold und in geringerem Maßstabe Silber; von nicht edeln Kupfer u. Eisen (von ausgezeichneter Qualität), Antimon, Zinn, Blei u. Quecksilber. Reiche Kohlen- u. Petroleumlager harren noch der inten fiveren Ausbeute. Von den Gesteinen bieten mächtige Granit-, Syenit- u. Basalt-Lager für Straßen- u. Festungsban, verschiedene Marmorarten, bunte Kalksteine u. Gips für die künstlerische Architektur das nöthige Material; von Edelsteinen werden Saphire, Rubine, Granate, von anderen Steinen Achate, Bergkrystalle, Opale, Amethyste, Karneole in nicht unbeträchtlicher Menge gefunden. Perlen werden fast überall an der Küste gefischt. Groß ist auch die Zahl der mineralischen Quellen und kleiner Badeorte, darunter der besuchteste der von Amianoschta. Die Zahl der Einwohner wird nach der Zählung vom 2. Dec. 1875 aus 33,300,675 angegeben, unter denen das männliche Geschlecht etwas überwiegt', die Zahl der Fremden betrug 1873 ungefähr 5000. Der größte Theil des Reichs ist sehr flark bevölkert; es gibt viele große Städte, von denen einzelne über u. bis zu einer- halben Million Menschen enthalten; Dörfer und Städte laufen oft in zusammenhängender Linie fort. In ethnologischer Beziehung besteht die Bevölkerung mit Ausnahme einer geringen Anzahl von Ainos und wenigen Mandschns auf den nördlichen Inseln (Jesso und den Kurilen) aus den eigentlichen Japanern oder Japanesen, deren Ursprung noch nicht vollständig aufgehellt ist. Nach der gewöhnlichen Annahme sind sie ein Mischvolk aus. der Urbevölkerung der Ainos mit späteren aus W. u. S. kommenden Einwanderern chinesischen u. malaiischen Stammes; eine andere Ansicht führt ihre Abstammung auf Centralasien zurück u. bringt sie in directe Verwandtschaft mit den dortigen mongolischen oder turanischen Stämmen. Dieser Rasse ähneln die Japaner durch das Schiefstehn und. die Geschlitztheit der Augen; im Übrigen ist ihr Wuchs mehr untersetzt als schlank, ihr Körperbau mehr kräftig als schwach, die Hautfarbe bei den einzelnen sehr verschieden, von dem Weiß der.Europäer bis zum Rothbraun der Malaien, ihr Grnndton aber ein eigenthllm- liches Gelb, die Farbe frisch, das Haar ursprünglich dunkelbraun, aber durch den starken Gebrauch von Ölen schwarz erscheinend, sonst dicht u. glatt, selten lockig. Die meisten Physiognomien tragen einen angenehmen Ausdruck von Intelligenz und Gutmüthigkeit und unter den Frauen finden sich oft sehr schöne Gesichter, während ldie Gestalt durch, gängig nicht den europäischen Ansprüchen au Schönheit entspricht; der Kopf u. Bart werden bei den Männern geschoren, nur ein Haarbüschel bleibt u. wird auf dem Scheitel zusammengebunden, dann von einander gelegt u. auf der Stirn gelockt und befestigt (doch soll nach kaiserlicher Verordnung die europäische Manier des Haartragens eingefiihrt werden); die Frauen tragen ihr Haar aufgestrichen und wie in Chignons (mir auf dem Scheitel be> findet sich eine geschorene Stelle), hinten aber ist eine starke Nadel u. außerdem werden noch eigene Zierrathen von hellpolirten Stücken Schildkrot dia- dcmförmig durchgssteckt; Blumen u. Bänder wer- den seltener hineingeflochtcn. Unverheirathete Mädchen schminken die Lippen roth oder violett mit einem Auflug von Goldglanz darüber; den Verlobten und Verhciratheten werden die Zähne schwarz gefärbt. Auch reißen die Frauen alle Haare der Augenbrauen aus. Die Kleidung ist meist vielfarbig und besteht in einem weite», bis an die Knie herabhängenden Rock, je nach dem Stande von Seide, Baumwolle u. Hanf, der durch einen weiten Gürtel znsammengehalten wird. Der weite Ärmel ist vom Ellenbogen an offen, der vordere Theil wird zusammengeuäht u. dient als Tasche. Vornehme tragen oft Säbel u. Dolch an dein zwei Mal um den Leib gehenden Gürtel. Der Gürtel der Frauen ist breiter u. dessen Enden hängen herab. Darüber wird bei kaltem Wetter von vornehmeren Personen ein kürzeres Gewand mit kurzen Ärmeln, darunter weite Hosen getragen; Hemden sind nur bei den höheren Ständen üblich. Ganze Strümpfe (Kasan) werden nur auf Reisen getragen; sonst gewöhnlich nur Halbstrllmpfe, das niedere Volk trägt gar keine. Die Schuhe sind von Stroh geflochtene Sandalen (Sori) oder bei schlechtem Wetter hölzerne Leisten; beide werden, wenn man ein Haus betritt, abgelegt. Hüte mit kleinem Kopf und großer Krempe, aus Stroh, Leder, lackirtem od. vergoldetem Holz od. Pappe verfertigt, werden nur bei Regen getragen. Außerdem trägt fast jeder Japaner einen Fächer, einen Sonnen- u. Regenschirm, eine Pfeife u. Tabaksbeutel (der Tabaksgenuß wurde erst durch die Portugiesen bekannt); außerdem ein Schreibzeug im Gürtel u. eine Brieftasche mit Papier, Geld u. Arzneimitteln im Busen. Statt des Taschentuchs dient ein Stück feines Papier. Die Vornehmen vom Kaufmann auswärts erkennt mau meist an seidenen Kleidern und an den Degen, deren sie nach dem Rang einen oder zwei wagen. Die Farbe der Kleider ist meist schwarz od. Scharlach, die Trauerfarbe weiß. Arme gehen im Sommer meist nackt, oder haben höchstens einen Überwurf. Übrigens beginnen europäische Trachten in neuester Zeit eingefiihrt zu werden. Die Nahrung bilden hauptsächlich Fische, Reis u. Gemüse; der Fleischgennß ist durch religiöse Vorschriften für einen großen Theil des Volkes verpönt u. herrscht nur in ganz geringem Maße. Die Speisen werden schmackhaft zubereitct; Getränke sind Thee, Bier, welches warm in Tassen getrunken wird u. sehr berauscht, Reisbranntwein und die in letzter Zeit eingesührten süßen Liqueure u. Schaumweine- Japan. 581 Die Vornehmen lassen sich in Sänften tragen od. ^ reiten, in welchem Fall das Pferd von einer be-' sonderen Person geführt wird; die Beförderung durch mit Pferden oder Ochsen bespannte Wagem ist sehr selten. Man führt eigene Familien-^ »amen, welche beim Unterzeichnen voran gesetzt^ werden, worauf der persönliche Name folgt. Die Häuser, wegen der häufigen Erdbeben sehr leicht gebaut, aus Fichtenholz u. selten über einen Stock hoch, enthalten innen einen großen leeren Raum, in welchen bewegliche Wände eingesetzt sind, um die Zimmer größer oder kleiner zu machen. Die Dächer sind von Metall, „bes. Kupfer, oder von schweren Ziegeln, die der Ärmeren von Schindeln mit Steinen beschwert, zuweilen auch von Kalkmörtel und mit Ölfarbe überstrichen; sie reichen weit vor, außen herum ist noch ein zweites kleines Dach, welches eine um das Haus herumlaufende Galerie bedeckt; das Licht fällt durch Papierfcnster ins Zimmer. Feuerbccken oder der Herd ersetzen Öfen n. Kamine. Der Japanese sitzt auf Matten, die auf dem Boden liegen und über welche der Reiche noch eigene Teppiche breitet und ißt, mit übereinander geschlagenen Füßen, mit kleinen Stäbchen; hohe Schirme bilden nieist den einzigen Hansrath. Geschlafen wird unausgekleidet auf den Matten, indem der Kopf etwas höher gebettet wird. Die Wände sind mit geblümtem Gold- u. Silberpapier, bei Reicheren mit fein geschnitztem Holz überzogen u. mit Porzellan verziert. In der Mitte des Hauses ist eine Öffnung zum Abziehen des Rauchs. Die Tempel haben Thürme von sechs bis sieben Stock. Die Städte haben Thore und Wälle, auch, wenn sie ein Damno bewohnt, Citadellen. Flecken u. Dörfer bestehen meist aus einer langen Gasse; in den größeren Städten schneiden sich die ziemlich breiten, schnurgeraden Straßen in rechten Winkeln. Sehr häufig sind weit um sich greifende Feuersbrllnste, daher Was- serkllbel und Löschvorrichtungen auf obrigkeitliche Anordnung fast überall angebracht sind. Ebenso wird für Straßenreinignng gesorgt. Bei alledem sprechen zuverlässige Forschungsreisende den japanischen Städten überhaupt die Eigenschaft der Schönheit ab (Rein in Petermanns Geograph. Monatsheft, 1875, S. 217 Anmerk.). Eine Hauptbeschäftigung der Bevölkerung ist die mit einem hohem Grad von Intelligenz u. Arbeitskraft betriebene Bodenkultur, die aus dem thcilweise unfruchtbaren Lande allein die Existenz einer derartig starken Bevölkerung ermöglicht. Der Grund und Boden gehört ausschließlich der Regierung n. wird gegen eine sehr hohe Rente (über die Hälfte des Rohertrages) in kleinen Parzellen in Pacht gegeben; wer seinen Acker unangebaut liegen läßt, verliert sein Anrecht darauf. Die Anhöhen u. Berge sind bis zu den fruchttragenden Höhen terrassirt und angebaut; zur Bearbeitung des Bodens bedient man sich meist der Hacke; der Pflug wird nur zum Zerwühlen benutzt. Die mehrmalige sorgfältige Behackung, die umsichtige Düngung meist mit Menschenexcrementen, für deren Aufsaugung an allen Straßen Einrichtungen getroffen sind, die vortreffliche Bewässerung gewähren reichliche Ernten, deren Ertrag durch das gleichzeitige Dazwischensäen anderer Früchte bei einigen Cerealien noch gesteigert wird. Ebenso fleißig werden einzelne Zierpflanzen und die Nutzbäume an den Straßen gepflegt. Bon den am meisten cultivirten Pflanzenproducten werden Reis u. die Cerealien beinahe ganz durch das Land selbst aufgebraucht; dagegen kommt Thee in immer steigendem Maße zur Ausfuhr. Ein nicht minder werthvolles Aus- fnhrprodnct ist in den letzten Jahren in Seide n. Seidenwllrmern entstanden. Ganz unbedeutend dagegen ist die Viehzucht und damit zusammenhängend der Wiesenbau; einen Ersatz für die mangelnde Fleischnahrung bietet die in großem Maßstabe und mit reichlichem Erfolg betriebene Fischerei, namentlich auf Thunfische u. Sardellen, auch aus Wale; das Sammeln von eßbaren Muscheln rc. Die Jagd liefert bei der hohen Cultur nur einen geringen Ertrag; Bienen gibt es mir wenige, doch wird ihrer Zucht große Sorgfalt gewidmet. Auch in einzelnen Zweigen der I n- dustrie haben die J-er eine selbständige hohe, die der Europäer übersteigende Fertigkeit u. Kunst entwickelt. Ihre Porcellanmanufactur u. Massenfabrikation (vorzüglich in Stahlklingeu), ihre Marmor- u. Glasarbeiten stehen keinem anderen Volke nach; unübertroffen sind ihre Seidenwebereien u. ihre Verfertigung von metallenen Schmncksachen; eine besondere Kunst der durch seine Dauerhaftigkeit ausgezeichnete Lackfirniß. Die japanischen Maaren dieser Gattung haben sehr bald Eingang in Europa gefunden und den dortigen Geschmack beeinflußt, während anderseits die europäischen Erfindungen der Dampfmaschinen und anderer technischer Werke schnell in I. eingeführt worden sind. Die J-er sind als kühne u. unternehmende Seefahrer bekannt; im Mittelalter drangen ihre Schiffe einerseits bis Bengalen, anderseits bis Kamtschatka u. die Beringsstraße hinaus. Allein nach der Vertreibung der Portugiesen 1628 wurde aller Verkehr mit Ausländern auf das Strengste untersagt; nur den Chinesen und Koreanern, sowie den Niederländern blieb der Handel unten sehr lästigen Beschränkungen gestattet (siehe unter Gesch.). Sobald sich ein fremdes Schiff den Küsten nahte, fuhr ihm ein Boot mit Regieruugs- beamten entgegen, welche es nach dem Namen u. der Nation, der es gehörte, befragten u. ihm verboten, in einen Hafen einzulaufen oder Leute an das Land zu setzen; Lebensbedürfnisse und was das Schiff sonst bedurfte wurden ihm unentgeltlich geliefert, um jeden Vorwand eines Tauschhandels zu vermeiden. J-er, die sich in Verkehr mit den Fremden einließen, traf der Tod. Selbst Schiffbrüchige, von europäischen Schiffen I. wieder zugeführt, wurden unter strenge Aufsicht gestellt, auch wol gar nicht angenommen oder eingesperrt, auch hingerichtet. Alle Versuche der Holländer, ihre Befugnisse auszudchnen, sowie die Bemühungen anderer Nationen, mit I. Handelsverbindungen anzuknüpfen, blieben vergebens, bis es endlich 1854 einer Expedition der Vereinigten Staaten unter Anführung des Commodore Perry gelang, für die Nordamerikancr die Eröffnung zweier Häsen (Simoda u. Hakodade), sowie manche andere Freiheit zu erlangen. Den Nordamerikanern sind dann fast alle europäischen Nationen mit Handels- ! Verträgen gefolgt und es hat sich seitdem ein reger 582 Japan. Handelsverkehr entwickelt, der mit jedem Jahr znnimmt. Die den Europäern geöffneten Hafen sind zur Zeit Jokohama, Hiogo-Osaka, Nagasaki, Hakodade, Niigata. Nur Las Reisen durch das Land ist noch mit Schwierigkeiten verbunden und an eine besondere Erlaubnisi geknüpft. Die hauptsächlichsten Handelsgegenstände vergegenwärtigt folgende Tabelle des Jahres 1874: (Der Werth ist in Jen angegeben.) Einfuhr. Baumwollemvaaren. . 9,525,991 Wollenwaaren . . 1,689,910 Gemischte . 1,672,619 . 1,737,003 . 9,627,904 Metalle u. Mineralien . Verschiedene . Ausfuhr. Rohe Seide, Cocous u. Eier . 6,584,756 Tbes .... . 7,797,245 Reis ... . 1,149,725 Kupfer .... . 514,242 Kampher u. Pflanzenwachs . 336,323 Verschiedenes . . 4,056,622 Der Binnenhandel, insbesondere der Küstenhandel, ist sehr lebhaft; die Straßen, Brücken n. Häfen sind im besten Stande; durch Einrichtungen aller Art, wie eine Art Handelszeitnng mit den Preiscouranten der Waaren, Messen rc. gefördert. Hierin hat eine einheimische Compagnie ein bedeutendes Gebiet sich erobert, während der auswärtige Verkehr noch fast ausschließlich durch ausländische Schiffe vermittelt wird. Aus dem Vorstehenden ergibt sich schon, daß die geistigen Anlagen des japanischen Volkes nicht gering zu schätzen, daß es vielleicht noch den Chinesen voranzustellen ist. Obgleich ihre Schrift, Sprache und Literatur von den chinesischen Nachbarn entlehnt sind, haben sie dennoch ihnen ein eigenthümliches Gepräge zu geben verstanden (Näheres s. Japan. Spr. u. Literal.). Als eine besondere allgemeine Fähigkeit wird die un- gemeine Gewandtheit im Rechnen bezeichnet, woraus sich der Handelsgeist und die kaufmännische Geschicklichkeit erklärt n. womit auch die große mathematische Genauigkeit in den Verhältnissen der japanischen Straßen, Bauten u. Arbeiten zusam- menznhängen scheint, ohne daß jedoch besondere Kenntnisse u. Entdeckungen in der höheren Mathematik n. Astronomie sich daran geknüpft hätten. Im Großen betrachtet, scheint bei ihnen der Verstand die Phantasie zu überwiegen, wie auch aus dem verhältnißmäßig niederen Standpunkte der Kunst sich ergibt; m der Bildhauerei sind die plastischen Formen noch roh u. plump, u. in der Malerkunst die Zeichnung ohne den richtigen Begriff der Perspective. Die Musik wird meist ans stark tönenden Instrumenten, Trommeln, Schellen, Pfeifen ausgeübt; die Saiteninstrumente sind noch sehr unvollkommen u. die Harmonie von Annäherung an die europäische weit entfernt. Von moralischen Eigenschaften sind ihre Vaterlandsliebe, ihre Todesverachtung, ihre consequente Beharrlichkeit in der Versolgnngihrer Pläne,treue Freundschaft überhaupt eine allgemeine gewisse Gutmllthigkeit rühmend Hervorzuheben. Nicht weniger kommen sie in Reiulichkeitsliebe, in Mäßigkeit im Genuß, in ruhiger Höflichkeit im Verkehr dem Europäer gleich, wenn sic ihn nicht zum Theil noch übertreffen. Ein ebenso angenehmes Bild bietet im Allgemeinen das Faini.ienlcben, welches auf wohlwollender Güte der Eltern gegen die Kinder, auf ehrerbietigem Gehorsam dieser jenen gegenüber begründet ist; die japanischen Frauen sind überhaupt fast durchgängig keusche u. tüchtige Haussrauen, voll Sparsamkeit u. Fleiß. In merkwürdigem Widerspruch stehen mit diesen Tugenden die fast durchgängig verbreiteten Schattenseiten des japanischen Charakters, eine unauslöschliche, tiefe Rachsucht zu deren Befriedigung Lüge u. Verstellung, Hin! terlist u. Mord selbstverständlich sind, Mangel an Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit, großes gegenseitiges Mißtrauen im gewöhnlichen Verkehr, namentlich Europäern gegenüber, endlich ein vollständiger Mangel des Gefühls der Sittlichkeit n. Schamhaftigkeit (vollständig nackte oder öeinahe nackte Personen sind aus den Straßen durchaus keine Seltenheit) u. damit verbundener Hang zu Ausschweifungen, deren die entehrendsten, wie Päderastie, nichts Ungewöhnliches sind. Allerdings ist die gesetzliche Form der Ehe die Monogamie, doch ist Jedem freigestellt, sich beliebig Nebenweiber zu halten, deren Kinder daun die rechte Frau erzieht. Weit verbreitet ist die Prostitution, deren unter gesetzlichem Schutz stehende Hauser zu besuchen Niemand sich zu scheuen braucht; ebensowenig hastet an den Inwohnerinnen dieser Häuser der geringste Makel, die, oft nur ans eine bestimmte Zeit dahin vermiethet, später zur bürgerlichen Gesellschaft zurückkehren u. tüchtige und angesehene Hausfrauen werden. Von sonstigen eigenthümlichen Sitten des Volks ist bes. das aus dem reizbaren Ehrgefühl u. der allgemeinen Lebensverachtung entspringende Harakiri (s. unten) zu nennen. Eine einheitliche Religion gibt es in I. nicht; das Volk folgt im Ganzen drei Bekenntnissen, deren Anhänger, in zahlreiche Secten gespalten, unter der Aufsicht der Regierung übrigens in vollkommener gegenseitiger Duldung neben einander leben. Der ursprüngliche Glaube ist der Sintoismus (d. h. der Weg oder die Verehrung (to) der Geister (sin). In demselben tritt die Verehrung eines unendlichen Urwesens indem ewigen Himmel zurück gegen die Anbetung der einzelnen Gottheiten, welche als personisicirte Na> rurkräfte der Regierung der Welt u. der einzelnen Geschöpfe vorstehen. Der vornehmste aller dieser war der Geist der Sonne, von dem das Herrscherhaus J-s abstammt. Im Anfang der Dinge entstanden aus dem Chaos Himmel und Erde; zwischen beiden trat ein göttliches Wesen, Kami, ins Dasein. Dieser wurde der erste der 7 Geistergeschlechter, welche eine fabelhast lange Zeit herrschten u. deren letztes I. schuf u. sich zur Wohnstätte machte. Es wurde durch seine wegen ihrer Schönheit als sonnengöttiu in Len Himmel versetzte Tochter Ten sho dai jin der Stamm des jetzigen Herrscherhauses. An diese Geister (Kami), denen die Geister der mythischen Herrscher der folgenden Dynastien sich zugesellen, u. die mit ihnen verbundenen und identisicirten Naturgötter, richtet sich die Verehrung; da der Mikado in direkter Linie von ihnen abstammt, so genießt auch er göttliche Ehre u. unbedingten Gehorsam u. war als Gott für das gewöhnliche Volk bis in die neueste Zeit unnahbar. Dieser Glaube ist noch immer eine Art Naturreligion mir der Grundlage 583 Japan. des patriarchalischen Gehorsams gegen den Herrscher; ihr Cultus geschieht in einfachen, prunklosen Tempeln (Mia), mit wenig Geräth, unter dem ein Spiegel die Mgegenwart u. Allwissenheit der Götter repräsentirt. Zahlreiche Priester, welche meist in der Nähe des Tempel wohnen u. vom Volke mit heiliger Scheu betrachtet werden, besorgen den Gottesdienst; von den Orden unter ihnen ist der vornehmste der der Jamabus (s. d.). Der äußere Cultus des Volkes ist gering; Reinheit des Herzens und äußere Reinheit, d. h. Enthaltung vom Fleischessen, vornemlich der nützlichen Thiere, Besuch der religiösen Feste und Wallfahrten zu den heiligen Stätten ist alles, was verlangt wird. Zu dieser ursprünglichen religiösen Anschauung kam im 6. Jahrh. n. Chr. der Buddhismus hinzu, der bald um sich griff u. jetzt die meisten Bekenner zählt. Unter Aufgabe vieler seiner ursprünglichen Dogmen u. Anpassung an die Anschauungen des Volkes gelang es ihm durch seinen prächtigeren Gottesdienst u. die mehr ins Auge fallenden Andachtsübungen sich bald zahlreiche Anhänger zu verschaffen u. sich allmählich mit der Sinto- religion zu vermischen, besonders dadurch, daß die Theorie der wiederkehrenden Buddha (Amitabha od. Amida) mit dem altjapanischen Glauben der die Welt beherrschenden unsichtbaren Götter sich vermengte. Für die Masse der Völker ist der Unterschied der beiden Bekenntnisse dermaßen vermischt, daß sie, gleichgiltig in welchem Tempel, zu ihren Andachtsübungen schreiten; die Regierung beabsichtigt übrigens in neuerer Zeit eine voll' ständige Verschmelzung beider in Dogmen, Cnl- rus und Gebräuchen dnrchzuführen. Auch die Buddhisten haben zahlreiche Mönchs- u. Nonnenklöster. Die Einkünfte der buddhistischen Priester- jchaft, namentlich der einzelnen Mönchs- u. Nonnenklöster, waren früher sehr bedeutend, sind jedoch mit der neuen Wendung der Dinge stark geschmälert worden. Ziemlich verbreitet ist auch, vorzüglich bei den gebildeten Ständen, die Lehre des Kong-sn-tse (s. d.), weniger die des Lao- tse (s. d.), beide ans China gekommen. Das Christenthum endlich, dessen zahlreiche Anhänger Ende des 16. Jahrh. mit entsetzlicher Grausamkeit gänzlich ausgerottet wurden, ist seit Wiedereröffnung des Landes geduldet und zählt eine geringe Anzahl Bekenner; die Mission wird von den 3 hervorragenden christlichen Bekenntnissen mit Eifer betrieben. Die frühere hundertjährige, nunmehr seit ungefähr 20 Jahren beseitigte, Regierungsform war eine so eigenthümliche, daß ein passender Vergleich aus den europäischen kaum gefunden werden kann. Der Form nach war der Mikado, der Sprosse der mythischen göttlichen Herrscher (auch Kotei od. Tenno, Herrscher der Welt, Tenschi, Sohn des Himmels, sehr häufig auch Dat'ri feig, das verbotene Innere, d. h. der kaiserliche Palast, dann für den Kaiser u. ganzen Hof gebraucht) genannt, der eigentliche u. im Glauben des Volkes der ohne Widerspruch anerkannte Herrscher. Sein ganzes Geschlecht, als Haupt der Sintoreligion, war heilig, er selbst nach Besteigung des Thrones ein lebendiger großer Kami, d. h. Gott; kein Laie durfte ihn anschen oder ihm nahen. Um diese Heiligkeit zu bewahren, durfte der Mikado nie gehen, sondern mußte getragen werden, nicht einmal die Sonne durste ihn bescheinen. Nur im Schlafe wurden ihm Nägel n. Bart beschnitten u. sein Leib gereinigt. Alle Speisen wurden ihm jedesmal in neuen thönernen Gefäßen aufgetragen u. die alten zerbrochen. Neben seiner legitimen Frau wurden ihm noch 12 der schönsten u. vornehmsten Mädchen als Kcbsweiber gewählt; deren Kinder in Ermangelung ehelicher ihm nach Wahl seiner Umgebung folgten. Seine Äesidenz war zu Mako, von woher er zugleich auch seine Einkünfte bezog u. wo er in einem großen Palast ganz abgeschlossen von der Bevölkerung lebte. Außer diesem heiligen Nimbus seiner Person war dem Mikado aber nicht eine Spur von wirklicher Regierungsgewalt geblieben u. er mit seiner Umgebung aus ein beschauliches, der Pflege der Wissenschaften u. Künste gewidmetes Leben angewiesen. Die factische Macht hielt in den Händen der Siogun (Taikun), der weltliche Kaiser, mit dem Regierungssitz in Tokio, der im 17. Jahrh. zu diesem Einfluß aus der Stellung eines ersten Kron- feldherrn sich emporgeschwungen hatte (Näheres s. unten Gesch.). Durch seine Person wurden alle Befehle u. Regierungsmaßregeln erlassen, zu denen der Mikado nur den Namen hergab. Starb er, so wurde sein Nachfolger, ohne besondere Einwilligung des Mikado, ans einer der drei Familien gewählt, welche die Seitenlinien des Stifters der letzten Dynastie bildeten. War die Macht des Siogun in gewissem Maße noch durch die ideelle Stellung des Mikado beeinflußt, so noch in größerem durch die Stellung der Daimios, der großen Lehnsfürsten der einzelnen Provinzen u. Districte, welche auf ihren Gebieten mit besonderen Vorrechten regierten, die Einkünfte an sich zogen, dafür aber ein großes Gefolge u. eine gewisse Anzahl Soldaten unterhielten. Beschränkt war deren Stellung durch die Verpflichtung, znm Zeichen ihres Wohlverhaltens jährlich eine Zeit lang in Tokio zu residiren, ihre Söhne unter den Augen des Siogun erziehen zu lassen, nöthigenfalls Geiseln zu stellen und endlich durch ihre Absetzbarkeit; indessen war die Stellung der mächtigeren dieser Daimios in letzter Zeit sehr selbständig geworden. Ihre Zahl war im 17. Jahrh. von 68 auf 600 vermehrt worden, von denen aber der größte Theil unmächtig und einflußlos geworden war. Neservirt und abgabepflichtig war für den Mikado die centrale Landschaft Gokinai, in ihr finden Siogun die Stadt Osaka; hier wurden die Be- amtenstellcn au eine militärische Kaste, deren Mitglieder sämmtlich zu seiner Familie gehörten (Buke), vergeben; im Palast des Mikado wohnte der mit diesem ziemlich einflußlose Hofadel (Kuge). Die obere Verwaltung geschah durch eine Anzahl aus dem hohen Adel hervorgehender Beamte. Diese durch 2 Jahrh. blühende Verfassung, in der die vollständige Absperrung gegen das Ausland dnrch- geführt wurde, war unterstützt durch eine sehr- strenge u. unparteiische Rechtspflege, durch vollkommene Sicherheit des Eigenthums für den Geringsten, durch eine wohlgeordnete u. energische Polizei und hat, indem das Land unter ihr sich fortwährender ungestörter Ruhe erfreute, zum 584 Japan. Aufblühen des materiellen Wohlstandes bedeutend beizetragen. In ebenso regelmäßigen Formen hatte sich das sociale Leben entwickelt. Die Nation war in eine Anzahl streng geschiedener Stände getheilt, an der Spitze die, je nach dem Abhängigkeits- verhältuiß vom Siogun, in viele Abtheilungen geschiedenen Adeligen, von denen die Daimios (zu ihnen gehören die Kokushiu, Fürsten großer Länderstrecken von Alters her, die Tosama und die Fndais, diese Vasallen des Siognn) den oberen und die Hatamoto (Kriegsmänner), die Jakunin, die Samurai (diese die Schwertträger od. Knappen der großen Lehnsfürsten, eine Art militärischer Dienstadel) den niederen Adel bildeten. Selbständig stand die Geistlichkeit. Es folgten dann die Kaufleute, Handwerker u. Künstler, Bauern (darunter auch die Matrosen, Fischer u. Sklaven); zu irgend einer dieser Klassen gehörten unadclige Beamte, Ärzte, Gelehrte rc., doch trugen dieselben, gleich den höheren Klassen, Säbel u. Dolche, was die unteren, vom Kaufmann an, nicht durften. Die untersten, jetzt aufgehobenen Kasten waren die Eta u. Hinin (die Lohgerber u. Abdecker). Die Form dieser Staatsversassung war keine despotische zu neunen, sondern eine, wo Sitte und Gewohnheit einem Jeden ein genau bestimmtes Maß von Rechten und Pflichten im Staatsleben zutheilte; neben Len Vortheilen für die materielle Entwickelung des Volkes u. der Abschlcifung der socialen u. vorzüglich der religiösen Gegensätze hat die vollständige Absperrung die Nachtheile gebracht, die geistige Entwickelung vollständig gehemmt, durch ein bis in das Kleinste gehendes Bevormundungssystem jede ausstrebende Individualität u. freie Regung erstickt u. die käufliche u. corrnmpirte Gesinnung der Beamtenwelt, die auch jetzt noch bei dem Handelsverkehr störend wirkt, geweckt, durch ein ausgedehntes Spionirsystem den Hang des Volkes zu Mißtrauen u. Verstellung befördert zu haben. Unterstützt wurde sie wesentlich durch das reizbare Ehrgefühl der höheren Beamten, die bei dem geringsten Tadel der Vorgesetzten oder Beleidigungen von Gleichgestellten durch die Sitte zu dem Harakiri, d. h. zum Selbstmord durch Banchausschlitzen gezwungen waren, daher sich bemühten, allen Befehlen des Siognn ans das Pünktlichste nachzukommen. Eingetheilt war das Reich in 9 Landschaften od. Reiche: Gokinai od. Kinai die centrale, das alte Privateigenthnm der Kaiserlichen Familie (5 Bez.), Tokaido (15 Bez.), To- sando (13 Bez.), Hokornkndo (7 Bez.), diese drei das historisch berühmte Land Kuanto umfassend u. ungefähr die Mitte von Nippon bildend, Sa- niedo (8 Bez.), Sanjodo (8 Bez.), diese beiden den S. von Nippon umfassend, Nankaido (hauptsächlich dieJnseln Sikok n. Awadsi, Saikaido (9.Bez. die Insel Kinsiu) mit dem Fürstenthum Satsuma, welches sich über die übrigen Inseln (Goto, Liu- Kiu) erstreckte u. Hokukaido (Jesso u. die Kurilen). Diese Eintheilung war indessen mit dem Laufe der Zeit hinfällig geworden; die Grenzen der großen Lchnsfürstenthümer stimmten nicht mehr mit ihr überein u. die Regierung war zum großen Theil in die Hände von 6 großen Familien übergegangen, von denen in der der Tokngawa die Würde des Sioguns erblich geworden war, die anderen, namentlich die mächtigen Satsuma u. Mori, eine sehr selbständige Stellung einnahmen. Alle dieseVerhältnisse sind seit ungefähr20Jahren vollständig über den Hansen geworfen worden, seit- dem, zugleich mit Aushebung der Fremdensperre, di- Macht des Siogun beseitigt worden ist u. der Mikado die Regierung selbst in die Hände genommen hat. Die oberste Staatsleitung wird nun im Namen des Mikado von dem Sei-in oder Dajukowan einer Art Staatsrath, ansgeübt. Neben ihm steht der Genroin, ein Collegium von 21 Mitgliedern, das die Aufgabe hat, die ihm zugehenden Gesetzentwürfe zu begutachten, Bittschriften des Volkes zu prüfen, Versehen der Verwaltungsbehörden aufzudecken und größere organische Gesetze auszuarbeiten. Die eigentliche Verwaltung ruht bei den Ministerien, 9 au der Zahl (Auswärtiges, Krieg, Marine, Inneres, Finanzen, Justiz, Unterricht, Cnltus, öffentliche Arbeiten, Handel), deren Chef eine Anzahl Sachen selbständig zu erledigen, prin- cipielle Fragen dagegen vor das Sei-in zu bringen hat. Zum Zwecke der Regelung der Provinzial- regiernng wurden sämmtliche Daimios 1871 gezwungen, ihr Land sammt den Rechten an den Mikado zurückzngeben; die alte Eintheilung wurde aufgehoben und mit Anlehnung an das Gun-ken- System das ganze Land, außer drei Städten. Miako (Kioto), Tokio (Jedo), Osaka, welche bes. Verwaltungsbezirke bilden, in 60 Districte (Ken) eingetheilt, welche wieder in kleinere Bezirke (Gun) zerfallen. Diese werden von direct dem Mikado untergebenen Beamten (den Kenrei) verwaltet; die Gun von den Kncho, die ans den Wahlen der Insassen hervorgehen. Unberührt allein sind geblieben die nördl. Prov. Hokukaido, welche von einem in Hakodade residirenden Gouverneur verwaltet wird, n. die Lin-Kiu Inseln, welche unter einem tributpflichtigen König (Han) stehen. Die Kenrei werden in der Regel einmal des Jahres nach der Hauptstadt berufen, um unter Vorsitz des Mikado über provinciale Einrichtungen zu berathen. Die Justiz beruht noch auf dem alten Verfahren, wonach die Folter nicht ausgeschlossen und die Strafen sehr streng waren; außerdem herrscht noch der alte Gebrauch, für das Verbrechen eines Einzelnen je nach seinem Grade die Bewohner des Hauses, die Nachbaren, ja die ganze Straße verantwortlich zu machen, ein Gebrauch, der früher viel zur Verminderung der schweren Verbrechen gewirkt hat. Die Rechtspflege selbst ruht in 23 Gerichten erster Instanz (Saibansho), die für Civilsachen u. geringere Criminalverbrechen competent sind, 4 Appellationsgerichte in Tokio, Osaka, Nagasaki u. Fnkusima, zugleich für Capital- verbrechen, u. dem Daishin, dem Cassationshof in Tokio. Die Ausarbeitung eines allgemein gütigen Gesetzbuches ist beabsichtigt. Der Unterricht war schon seit alter Zeit durch das ganze Reich organifirt u. mangelte es nirgend an Elementarschulen; die Gründung von 8 Hochschulen und einer großen Anzahl Mittelschulen ist beabsichtigt. In Tokio selbst sind Facnltäten für Medicin, Jura, Technologie errichtet, ebenso ein Lehrerinnenseminar Ende 1875 eingeweiht worden; durch Sendung zahlreicher Japaner in das Ausland ist die Regierung bemüht, sich einen ge- 585 Japan. iiliqenden Stamm einheimischer Lehrkräfte zu ver- chaffen. Die Armee wurde Ende 1876 auf 33 752 Mann, wovon 30,630 Infanterie, 431 Ca'valerie, 1694 Artillerie, beziffert; die alte Be- waffnung mit Luntenflinten, Lanzen und langen Schwertern ist durch die europäischen Hinterlader u. gezogenen Kanonen ersetzt worden; das ganze Reich ist in 6 Kriegsbezirke (mit den Standquartieren Tokio, Sendai, Nagoha, Osaka, Hiro- mna, Kumamoto) eingetheilt. Die allgemeine Wehrpflicht ist durch Decret des Mikado von 1872 eingeführt, ist aber noch nicht ganz durch- aefiihrt. Die Flotte zählte 1874 21 Schiffe mit KO Kanonen (darunter 2 Panzerschiffe) u. 3672 Mann Besatzung; sie wird aber durch Bauten in England stetig vermehrt. Die Finanzen find durch die überstürzenden Reformen etwas in Verwirrung gerathen n. die Steuern stark in die Höhe geschraubt worden. Für das Jahr 1876—1877 belief sich das mit Einnahmen u. Ausgaben annähernd balancirende Budget auf über 63 Mill. Jen (284 Mill. N), die Staatsschuld betrug 142 Mill. Jen (639 Mill. N). Von den Ausgaben ist ein bedeutender Theil (ungefähr 80 Mill. LI) zur Entschädigung für die abgesetzten Daimios bestimmt. Die Regierung ist eifrig bemüht, durch Anlage und Verbesserung der Verkehrswege und Verkehrsmittel den Wohlstand des Landes zu heben. Eisenbahnen sind in Betrieb von Tokio nach Jokohama (29 km), von Hiogo nach Osaka (32,„ km), Osaka nach Kioto (43,^ km); größere Linien, welche das Innere des Landes Lurchschneiden sollen, sind projectirt und theilweise im Bau begriffen. Die Post beförderte im ersten Halbjahr 1875 ans 3449 Postannahmestellen 8,077,333 Briefe, 1,849,846 Postkarten und 1,839,846 Zeitungen. Mit dem 1. Juli 1877 ist I. auch dem Weltpostverein beigetreten. Telegraph enlinien waren 1874 2832 km in Betrieb; ein Kabel von Nagasaki nach Shanghai verbindet seit 1872 I. mit Europa u. so mit der ganzen civilisirten Welt. An Stelle der alten Münzen von sehr schwankendem Werth ist seit 1872 ein dem amerikanischen gleichkommendes Mllnz- system eingeführt worden: Goldmünzen zu 1, 2 u. 5 Jen u. seit 1875 Silbermünzen von 1 Jen genau im Werthe eines amerikan. Trade-Dollars, mit Abschaffung der früheren schlechten Silbermünzen. Außerdem gibt es silberne Scheidemünzen zu 50, 20, 10 u. 5 Sen u. Kupfermünzen. Das Handelsgewicht ist das Pikul; das Längenmaß im Verkehr mit dem Auslande der engl. Uard. Die Hauptstadt des Reichs, Sitz des Mikado und aller Behörden u. Consuln ist Tokio (wie die amtliche Bezeichnung seit 1875 für Jedo lautet); die sonst bedeutendsten Städte find Kioto, Osaka, Ku- mamotn, Kagosima, Nagasaki, Jokohama, Kana- sawa, Niigata, Hakodade, Hiogo. Geschichte. Die älteste Geschichte J-s ist vollständig mythisch u. fällt mit der Religion zusammen. Die erste Dynastie, welche eine unendliche Menge von Jahren regierte, waren die Ten Dsin Sitsi Dai (die 7 Geschlechter der himmlischen Götter) nach ganz geistiger Natur, deren letzter, Jjanagi, durch Umarmung des weiblichen Princips Jsanami das Land erschuf u. die zweite, noch halbgöttliche Dynastie der fünf Geschickter irdischer Götter (Dsi Dsin Go Dai) schuf, die auch eine fabelhafte Zeit regierten und zu Gottheiten erhoben sind. Was sich aus dieser vorhistorischen Zeit als Thatsache vermutheu läßt, ist allein, daß die Aino (s. d.) die älteste Bevölkerung der Inseln waren und dag dieselben allmählich durch von Korea kommende Einwanderer von ungewisser Abkunft (siehe oben über die Japanesen) über Kiusin nach N. colonisirt wurden. Die historische Zeit beginnt ungefähr Dsin Mn Ten Oo (Sinmu, Jimmn), welcher seine Abstammung auf die himmlischen Herrscher zurückführts, und die noch jetzt herrschende Dynastie menschlicher Herrscher mit dem Titel Mikado gründete. Ihm wird die Cultivirung von Korea und Eroberung des südl. Nippon, die Einführung der J-ischen Aera und der Anfang der Civilisation überhaupt zugeschrieben u. seine Zeit auf 660 v. Ehr. berechnet. Unter seinen Nachfolgern vergrößerte u. befestigte sich das Reich mehr u. mehr; die Eingeborenen wurden vertilgt u. nach N. gedrängt, Beziehungen mit den Nachbarländern angeknüpft. Zur Zeit des K. Seimn (im 2. Jahrh. n. Ehr.) war das Reich schon bis Niigata ausgedehnt; unter der Wittwe des 15. Herrschers, Dstn-Kio, wurde ein erfolgreicher Feldzug nach Korea u. dessen südlicher Theil zinsbar gemacht. Zugleich drang chinesische Bildung u. Sprache über das Meer; unter Oo Dsin 284 wurden angeblich die chinesischen Schriftzeichen eingeführt. Mitte des 6. Jahrh. drang der Buddhismus in das Land, dessen Priester durch geschickte Anpassung an die Lehren der alten Sinto- religion es verstanden, sich viele Anhänger, großen Einfluß u. Reichthum zu verschaffen, was ihnen nach einem blutigen Religionskrieg mit Unterstützung des Herrschers auch gelang. Die Herrschaft über Korea ging infolge eines unglücklichen Krieges im 7. Jahrh. an China verloren; dagegen wurde die Erweiterung des Reiches über den N. von Nippon mit Erfolg fortgesetzt. Während dieser Zeit hatten sich die Glieder der kaiserlichen, in Kioto residirenden Familie beträchtlich vermehrt u. bildeten eine besondere Klasse für sich (die kuZs, Hofadeligen, im Gegensatz zu den äaimio, Landadeligen), welche dis höchsten Hofämter bekleideten. Die Regierungsform war eine reine Monarchie. Mit Ausnahme der großen Städte war das Reich in gun, Provinzen u. diese wieder in ken eingetheilt (das sog. gun-ken-System) u. wurde vom Kaiser direct persönlich regiert. Durch die Schwäche einzelner Regenten u. die zur Bekämpfung der vielen inneren Aufstände entglitt aber allmählich die Gewalt den Händen der Kaiser u. gelangte in die Hände einflußreicher Feldherrn, zuerst aus dem dem kaiserl. verwandten Hause der Fujiwara. Zugleich schuf die Nothwendigkeit, bei den fortdauernden Unruhen brauchbare Soldaten bereit zu haben, eine eigene militärische, von den Civil- beamten sich scharf trennende Kaste, an deren Spitze Feldherrn (Siogun, Schugun Djogoun, woraus die Chinesen Taikun gemacht haben), zunächst aus der Familie Hei standen, deren bedeutendster Kijomori (1159—1181) schon die executive Macht beinahe bei sich vereinigte u. dem geistlichen Erbkaiser, dem Mikado, nur den allerdings un- 586 Japan. angetasteten Charakter der Unverletzlichkeit u. geheiligten Oberherrlichkeit ließ. Auch mit dem Tode Kijomoris u. dem Sturz seiner Familie wurde das allgemeine Verhältniß kein anderes; im Gegcntheil machte sich Joritomo (1185—1199) aus der Familie der Minamoto- od. Gen-Familie, welcher dem Mikado im Kampf gegen jene kräftig beigestanden hatte, in noch größerer Ausdehnung zum faktischen Herrscher der Insel mit der Hauptst. in Kamakura. Um dieselbe Zeit begann die Selbständigkeit der einzelnen (im Ganzen 68) Lehnsfürsten, die schon in den Unruhen der vorhergehenden Jahrh. sich zu entwickeln begonnen hatte, mehr u. mehr zu steigen u. sich bis zu einem beinahe unumschränkten Besitz des ihnen untergebenen Landes,unteruurscheinbarer Autorität der Herrscher, zu erheben. 1283 drohte den Inseln durch die gewaltigen Massen, welche der kriegerische Kaiser von China, Kublai-Khan gegen sie in Bewegung setzte, der Verlust der Selbständigkeit u. nur ein Sturm, der fast die ganze chinesische Flotte bei der Insel Pinghu zerstörte u. die wenigen Ueberbleibsel der Vernichtung durch die J-er preisgab, rettete sie. Die folgenden Jahrh. waren lediglich eine Periode der Bürgerkriege u. inneren Zwistigkeiten, in denen die Würde des Siogun beständig wechselte, von 1332 — 1391 sogar zwei Mikados sich bekriegten, überhaupt eine allgemeine Anarchie herrschte, in der der Wohlstand erheblich litt u. sogar der sonst unerhörte Fall eiutrat, daß auswärtige Mächte zur Einmischung au.gcrufen wurden u. China sich der Oberherrlichteit bemächtigte. Im großen Maße war während dieser Zeit auch dort die Macht u. der Reichthum der buddhistischen Geistlichkeit gewachsen, welche auf zahlreiche mit eigenen Grundbesitz ausgestattete Klöster vertheilt, eine fast selbständige Stellung einnahm u. oft thätig in die inneren Unruhen eingriff. Diesen an die feudalen Institutionen des Mittelalters erinnernden Zuständen setzte erst der Siogun Nobunaga (1533 bis 1582), der die Macht des Lehnsadels beschränkte, wieder einen Damm entgegen; sein Werk setzte mit Energie sein Nachfolger Fidejofi (Taiko- sama) (— 1598), ein Bauernsohn, fort, der zugleich mit Erfolg wieder nach außen auftrat und 1594 Korea eroberte. Vollendet wurde die Con- solidirung durch Jjejast (1603—1616) u. Jjemitsu (1623—1650) aus der Familie Tokugawa, von denen an das Siogunat in dieser Familie erblich wurde, u. das Land mit der oben skizzirten Verfassung sich bis in die neueste Zeit, bei vollständiger Absperrung nach außen, ungestörter Ruhe erfreute. 1603 wurden die Liu-Kiu Inseln nnter- thänig gemacht, gegen 1790 die Herrschaft vollständig über Jesso n. über die Kurilen ausgedehnt. Durch arabische Seefahrer, welche schon um das I. 900 bis in die östlichen Meere gedrungen waren, mehr noch durch Marco Polo, welcher, wenn auch nicht aus persönlicher Kenntnißnahme, einen kurzen aber klaren Bericht über die Insel Zipangu gab, war schon im Mittelalter eine dunkle Kunde dieser Inseln verbreitet. Erst 1543 verschlug der Sturm mehrere portugiesische Handelsschiffe unter Mendez Pinto, an ihre Küste, woraus sich bald ein freundschaftlicher u. reger Handelsverkehr zwischen beiden Nationen entwickelte. Schon 1549 folgten, an der Spitze der Jesuit Franz Xaver, katholische' Missionen, durch deren Bemühungen die christliche Lehre u. mit ihr europäische Anschauungsweise sich schnell verbreitete. Schon 1581 wurden 150,000 Christen bes. auf Kiusiu gezählt und japanische Gesandtschaften brachten Papst Sixtus V. ihre Ergeben- heit dar. Von 1600 an machten die Holländer u. Engländer Versuche, Handelsniederlassungen zn gründen, u. die letzteren ließen sich in Firando nieder, was sie jedoch bald wieder verließen. Der zunehmende Einfluß der christlichen Priester, Rei. bereien mit den Eingeborenen, Einmischungen in Staatsangelegenheiten, auch die übertriebene Ge. winnsucht der christlichen Kaufleute veranlaßten 1587 den Siogun Hidejoshi zu dem Gebot ihrer Austreibung, welches jedoch wirkungslos blieb. 1593 begannen die ersten Hinrichtungen in Raga- saki, denen nach einer kurzen Zeit der Ruhe, seit 1614 unter Jjejasi energische Maßregeln, massenhafte Deportationen u. Hinrichtungen folgten. Noch in der ersten Hälfte dieses Jahrh. wurde das Christenthum vollständig unter großen Grausamkeiten ausgerottet; die Zahl der theilweise mit großer Seelengröße in den Tod gehenden Opfer entzieht sich aller Berechnung; 1621 wurde den J-esen - verboten, fremde Länder zu besuchen, 1624 alle f Ausländer, niit Ausnahme der Holländer, zum Dank für ihre Unterstützung bei der Christenver- folgung, ausgewiesen, 1641 auch diese auf Destma beschräukt. Um jede Spur des Chriflenthuins auszurotten, wurde 1666 durch das ganze Reich ein förmliches Jnquisitionsgericht angeordnet, ivobei ein Crucifix durch die Straßen getragen wurde, welches die Einwohner mit Füßen treten mußten. 1672 wurde auch der Handel der Holländer auf ein bestimmtes Quantum beschränkt u. die Beschränkung der Fremden seit 1743 noch strenger genommen. Beide durften nur mit einer gerin- ^ gen Anzahl von Schiffen (die Chinesen mit zehn Dschonken, zu je 400 Tonnen, die Niederländer mit einem großen n. zwei kleineren Schiffen) I. besuchen u. waren einzig auf den Hasen von Nagasaki angewiesen. Die Niederländer waren während ihres Aufenthaltes in letzterem auf die kleine Insel Desima beschränkt u. mußten Kanonen, Munition, Steuerruder rc. unterdessen den J-ern zur Aufbewahrung übergeben. Es konnten mir gewisse vorgeschriebene Gegenstände zur Einsuhr gebracht werden, u. dafür wieder eine bestimmte Menge von Landesproducten, worunter namentlich Kupfer, in Empfang genommen werden. Auch durfte kein Niederländer ohne ausdrückliche E» laubniß des Statthalters das Festland betreten u. mußte dann immer ein zahlreiches Gefolge, das er zu beköstigen hatte, mitnehmen, u. vor Sonnenuntergang wieder auf Desima sein. Nur Bediente u. käufliche Mädchen wurden zu den Niederländern gelassen u. auch elftere nur den Tag über. Für diese Begünstigung zahlten die Holländer einen Tribut, welcher von dein Präsidenten der holländischen Niederlassung an den Siogun nach dessen Residenz Jedo überbracht ward. Alle Versuche anderer Nationen von dieser Zeit an bis in die jetzige, in ein Haudelsverhältniß 587 Japan. mit I. zu treten, so der Engländer 1813 durch Stamford Raffles, 1818 durch Gordon, der Russen 1804 durch Resanow, der NAmerikaner 1846 durch Biddle, blieben gänzlich erfolglos; einzelne Europäer, wie der gescheiterte russische Kapitän Golownin (s. d.) 1811 wurden freundlich aufge- nommen, aber jede nähere Berührung abgeschnitten. Erst dem energischen Auftreten einer nordamerikan. Expedition unter Commodore Perry gelang es 31. März 1854 einen Vertrag durchzusetzen, wonach die Häfen Simoda u. Hakodade amen- kanischen Schiffen geöffnet und in ihnen unter gewissen Beschränkungen ein Handelsverkehr zwischen Angehörigen beider Nationen gestattet werden sollte. Ihnen folgten bald die Engländer mit einem ähnlichen Vertrag vom 14. Oct. 1854, in denen Nagasaki noch den Häfen zugefügt wurde, die Russen 1855, die Holländer 1856, denen Erweiterung des Handesverkehrs u. Aufhebung der früheren Beschränkungen zugestanden wurde. Die in diesen Verträgen angebahnte Durchbrechung der staatlichen Abgeschlossenheit des japanischen Reiches gegen alles Fremde gab einerseits den Anstoß zu den fortgesetzten Bestrebungen der fremden Mächte, einen ausgedehnteren n. von den vielen Beschränkungen befreiten Handelsver- krhr anzubahnen, anderseits wurde sie der unmittelbare Anlaß zum Ausbruche allgemeiner Unzufriedenheit und zu einer totalen Umwälzung der inneren Verhältnisse. So gelang es dem nordamerikanischen Consul Harris, 22. Juli 1858 einen neuen Vertrag abzuschließen, in dem freier Hanbelsverkehr zwischen Eingeborenen u. Fremde» ohne Vermittelung japanischer Beamten, Eröffnung des Hafens von Jedo u. Zulassung fremder Gesandten daselbst erwirkt wurde, welchem ähnliche 26. Aug. mit Großbritannien, 9. Oct. mit Frankreich folgten. An sie schlossen sich unter denselben Bedingungen 3. Aug. 1860 Portugal u. 24. Jan. 1861 der durch Preußen repräsentirte Zollverein. Diesen vondemSioguunachgelassenen Verhältnissen gegenüber bildete sich bald eine widerstrebende, vorzüglich aus mächtigen in ihren Interessen bedrohten Daimios bestehende Partei, die auf jede Weise die frühere Abschließung des Landes wieder durchzusetzen strebte. Die Folge waren eine Reihe von Angriffen, Lenen eine Anzahl der bei den Gesandtschaften angestellten Fremden zum Opfer fiel u. Feindseligkeiten aller Art gegen dieselben, anderseits Beschwerden bei dem Mikado selbst, dessen heilige Autorität aus dem Dunkel gezogen u. als Gegengewicht gegen den nach dem Tode des Siogun Jjesada die Regierung für den noch zu jungen Siogun Jjemoschi führenden Daimio Ji Kamou, der die Zulassung der Fremden begünstigte, benutzt wurde. Dieser wurde 1858 von Japanern ermordet, der Mikado selbst 1863 zu einem Befehl bewogen, welcher die Austreibung aller Fremden u. Schließung aller Häfen befahl, ein Befehl, den allerdings die energische Opposition Englands u. Frankreichs unausgeführt ließ. Da indessen die Angriffe u. Feindseligkeiten von Seiten japanischer Adeliger sich fortwährend wiederholten, schritten die beiden Westinächte zu Repressivmaßregeln; 19. Juli 1863 wurden die dem Fürsten von Nagato gehörigen Forts in der Meerenge von Simonosaki bombardirt u. zerstört, 15. u. 16. August die Stadt Kagosima auf Kiusiu fast vollständig vernichtet. Infolge dessen wurde in einer Versammlung zu Osaka 15. Oct. mit Zustimmung des Mikado von den versammelten Daimios unter heftiger Opposition beschlossen, auf die Forderungen der fremden Mächte einzugehen, die verlangten Häfen einzuräumeu u. dort einen ungehinderten Handelsverkehr zu gestatten. Die Verträge wurden, mit Beseitigung einiger dem Verkehr lästiger Klauseln, erneuert; aber noch einmal bedurfte es, nachdem der Siogun ihre Erfüllung, vorzüglich in Betreff der Oeffnnug der Meerenge von Simonosaki 1864 verweigert hatte, des gewaltsamen Einschreitens u. des Bombardements der dortigen Forts 5. Septbr. 1864, um die vollständige Ausführung zu erzwingen. Eine Sicherheit des Verkehrs u. eine pünktliche Erfüllung der Verpflichtungen von Seiten der Regierung war nicht zu erwarten, so lange deren Macht selbst schwankend war, so lauge die Machtgrenzen einmal zwischen Mikado und Siogun selbst nicht festgestellt waren und so lange es einer Anzahl mächtiger Daimios möglich war, mit oder ohne Willen der oberen Verwaltung sich um die geschloffenen Verträge nicht zu bekümmern. Einen entscheidenden Umschwung in dieser Beziehung brachte das Jahr 1867, in welchem der Siogun durch eine Fraktion einflußreicher Daimios gezwungen wurde, seine Stellung niederzulegen u. die Zügel der Regierung dem Mikado zu übergeben, u., als er gegen diesen Umschwung zu den Waffen griff, nach anfänglichen Erfolgen besiegt u. znm Rücktritt in das Privatleben gezwungen wurde. Der Mikado, Muts-Hito (geb. 1852), officiell der Tenno von I. genannt, übernahm allein u. selbständig die Regierung u. ist seitdem in die der früheren ganz entgegengesetzte Richtung des möglichst regen Verkehrs mit dem Auslande eingeleukr. Der Zutritt auswärtiger Gesandten und Consuln geschah von nun an ohne Schwierigkeit, japanische Gesandtschaften wurden mehrfach nach Europa gesandt, zahlreiche Japaner werden jährlich zum Studium aller europäischen Einrichtungen nach den europäischen Staaten ge- schickt, Europäer sind in größerer Anzahl zur Belehrung der Eingeborenen nach I. berufen worden. Zugleich sind im Innern eine Reihe durchgreifender u. total umwälzender Reformen augeordnet worden, die oben näher skizzirc worden sind, deren vollständige Durchführung allerdings noch abgewartet werden muß. Persönlich ist der Mikado mit Erfolg bestrebt, das Ceremoniell, durch das früher seine Person von der Regierung abgehalten wurde, zu beseitigen od. wenigstens zu vermindern. Daß aber noch eine große Partei, namentlich aus in ihren Privilegien zurllckgesctzteu und auch in ihren Einkünften geschmälerten Daimios bestehend, der neuen Wendung der Dinge energisch widerstrebt, beweisen die inneren Unruhen, die seit 1873 nicht aufgehört haben. Wiewol der Aufstand von 1873 auf Kiusiu mit der Hinrichtung der Häupter 1874 beendigt schien, so haben seitdem aufrührerische Bewegungen im Innern des Reiches, namentlich auch auf der sonst als Wiege des Herrscherhauses betrachteten Insel Kiusiu nicht anfgehört n. ist der 588 Japanische Dattelpflaume — Japanische Sprache u. Literatur. feindliche u. gewaltsame Widerstand auch bis in die letzte Zeit noch nicht als erloschen zu betrachten. Ebenso hat das japan. Reich seit der Regierung des jetzigen Mikado in die Verhältnisse auswärtiger Staaten einzugreifen versucht. Die Erneuerung der alten Hoheitsrechte auf Korea ist erfolglos angestrebt worden u. hat nur zu einem Handelsvertrags u. zur Eröffnung von 3 Häfen dieses Landes geführt, außerdem eine Ausdehnung der Herrschast über die Insel Formosa, auf die auch 1873 eine Expedition geschickt und über die ein Krieg mit China mit Mühe abgewandt wurde. War diese ohne Erfolg u. mit vielen Verlusten verbunden, so war nicht minder ungünstig der friedliche Vertrag mit Rußland 1875, wonach I. allen Ansprüchen auf die kohlenreiche u. im S. von Japanern bewohnte Insel Sachalin verzichtete u. dafür die durchaus öden und uncultivirbaren Kurilen eintauschte. Wie weit die Reformen im Innern sowie die versuchte Großmachtstellung nach außen sich bewähren u. halten werden, ob es gelingen wird, das jetzt in allen seinen Verhältnissen erregte u. umgewälzte Reich auf Grund der neuen Einrichtungen zur Ruhe zu bringen, ob diese Einrichtungen in die Anschauungen des Volkes sich eiuleben u. bestehen bleiben werden, darüber sind die Ansichten getheilt; der Anschauung, daß I. noch eine große Zukunft bevorstehe, daß es einstmals in Ostasien die Stellung Englands in Europa einnehmen werde, wird von vielen Kennern des Landes u. Volkes beigestimmt. Die Literatur über I. ist in neuester Zeit sehr angeschwollen; vcrgl. Titsingh, ^.vnalss üso smpsrsurs äs ll., herausgegeben von Klaproth, Paris 1834; Dessen Llsmoires sur 1a ä/nastio rsAnants äss IZoZonns, herausgegeben von A. Remusat, ebd. 1820; E. Kämpfer, Geschichte von I., deutsch von Dohm, Lemgo 1777—1779, 4 Bde.; Siebolds Nippon; Archiv von I. und dessen Schutzländer, Leyden 1832 — 51; Andrew Steinmetz, llaxan anä üsr psoxls, Lond. 1859; Karratüvs ob bllo H. 8. Lxpsältion to llapan, Washington 1856, 2 Bde.; K. F. Neumann, Das Reich I. und seine Stellung in der westöstlichcn Bewegung, 1857; Golownin, Begebenheiten in der Gefangenschaft bei den Japanern 1811 — 13, Lpz. 1816; W. Heine, Reise um die Erde nach I., Lpz. 1856, 2 Bde.; Spaltung, Pds llapan sxpsäitlon, Lond. 1856; Taylor, Visib bo Inäia, (llüna anä llapan, ebd. 1855; Hildreth, llapan as is n-as anci is, Boston 1855; Mohnickc, Die Japaner, Münster 1872; W. Heine, Die Expedition der Vereinigten Staaten in die Seen von China, Japan und Ochotsk, Leipzig 1858—59, 3 Bde.; Die preußische Expedition nach OAsien, 4 Bde., Berl. 1865—73; W. Heine, I. u. seine Bewohner; Adams Histor^ ok ll., Lond. 1874 2 Bde., deutsch, Gotha 1876, Bd. 1 . Thielcmann. Japanische Dattelpflaume, s. viosxxios. Japanische Erde, s. Katechu. Japanisches Meer, Meer in Ostasien, zwischen der Mandschurei, der Halbinsel Korea u. den Japanischen Inseln, durch die Straße La Perouse mit dem Ochotskischen, durch die von Sangar ober Tsngaru mit dem Stillen Meere, durch die von Korea mit dem Gelben Meere verbunden; sehr stürmisch und in vielen Theilen noch unbekannt. «panisches Palais, s. Dresden, «panische Sprache n. Literatur. Die Japanische Sprache nähert sich im Allgemeinen dem Typus der großen Turanischen Sprachfamilie. Der reinste n. wohltönendste Dialekt wird auf der Insel Nippon in der Provinz Jamato gesprochen im Norden u. Süden des Reiches ist die Sprache durch Einwanderungen und häufige Berührungen mit Fremden unreiner. Im 3. Jahrh. n. Chr. wurden bereits die Werke des Confncius in Japan eingefllhrt, aber erst im 6. Jahrh. durch die Einführung des Buddhismus aus China wurde das Studium der Chinesischen Sprache u. Schicht allgemein verbreitet. Die Folge davon war großes Eindringen chinesischer Wörter, die jedoch größten- theils als Fremdlinge zu erkennen sind. Ganz rein von Sinismen ist nur die älteste japanische Poesie. Das Schriftwesen der Japaner ist sehr complicirt. Seit ihrer Bekanntschaft mit den Chinesen (285 n. Chr.) bedienten sie sich der chinesischen Schriftzeichen. Da aber diese zur lautlichen Darstellung des grundverschiedenen einheimischen Idioms nicht geeignet waren, so erfand man bereits seit dem 8. Jahrh. japanische Sylla- bare, denen eine Anzahl chinesischer Charaktere mit Abstraction von den Begriffen, die sie darstellen, d. h. als reine Lautzeichen, zu Grunde lag. Die Zahl der auf diese Weise dargestellten japan. Silben beträgt 47, u. da die ersten drei Silben 1, ro und ka sind, so wird das Syllabar Jrofa genannt. Es gibt aber der Form nach verschiedene Syllabare, von denen drei die meiste Beachtung verdienen: das älteste, Llan-z-o-kans (d. i. Schrift der 10,000 Blätter, nach einer alten Gedichtsammlung benannt, die in demselben geschrieben ist), läßt den als Silben dienenden chinesischen Schriftzeicheu ihre ganze Form; das andere, Lats- üana,, besteht aus 47 Kürzungen solcher, ist sehr leicht zu erlernen, wird aber nie bei größeren Texten angewendet; sein Erfinder st. 775 n. Chr.; dem dritten liegt chinesische Cursivschrift zu Grunde; dieses ist das sehr schwierige (von Anfang unseres 9. Jahrh. stammende) Pira-Kann,, welches für die meisten Laute so viele Varianten aufweist, daß die Gesammtzahl der Zeichen an 300 beträgt. Man bedient sich des bsira-üana hauptsächlich in Romanen, versificirtcn Dichtungen u. Briefen. Den Charakter der Japanischen Sprache hat man erst in neuester Zeit aus der epochemachenden Sprachlehre unseres Landsmannes I. I. Hofsmann in Leyden wahrhaft kennen gelernt. Besonders gilt dies dem Verbum, dessen Stamm auf beug- ungsfähiges o oder I ausgeht. Da der Ausgang 1 in gewissen Fällen vermöge Vocalverstärkung a oder o wird, während s in denselben Fällen unverändert bleibt, so ergeben sich zwei Conjuga- tionen. Das Verbum hat keine Formen für Personen u. Zahlen. Die Wurzel dient als eine Art Verbalsubstantivum u. wird auch als Verbum fiuitum gebraucht, wenn mehrere Sätze hintereinander in gleicher Construction stehen, welchen Falls nur das Verbum am Ende des letzten Satzes flectirt wird. An diese Wurzel hängt man mir verschiedener Modification der letzten Wurzel- 589 Japanische Sprache u. Literatur. filbe die Endung rn für das Präsens, tu für das Präteritum, o für das Futurum. Das Negati- vnin wird durch die Endung nu oder ru gebildet. Andere Partikeln dienen zur Bezeichnung der Modi. Die Wortstellung ist ziemlich das Gegen- theil der unserigen; nach dem Snbject folgt das Object u. die anderen abhängigen Casus, dann das Verbum, dann die unseren Conjunctioneu entsprechenden Partikeln. Das fehlende Pronomen relativum ersetzt man durch Umstellung, z. B. kcita Lto, der Mensch, welcher gekommen ist, aber: lila Lts, der Mensch ist gekommen. Die Personalpronomina der ersten u. zweiten Person scheinen gänzlich verloren gegangen zu sein; dafür gebraucht man gewisse, den Rang oder das gegenseitige Verhältnis des Sprechenden bezeichnende Wörter, so daß dasselbe Wort, je nach Umständen, für die eins od. die andere Person gebraucht werden kann. Die Casusverhältnisse bezeichnen dem Worte unmittelbar nachfolgende Partikeln, den Plural besondere Angegebene Mehrheitswörter. Adjectiva gibt es nur wenige, hie meisten ersetzt man durch Verbal- sormen oder den Genitiv eines Substantivs. Zahlwörter sind in ihrer einfachsten Gestalt: 1 ütä (Mensch), 2 katü, 3 mi, 4 zo, 5 its, 6 mu, 7 nan-i, 8 z a, 9 Icobtcmv, 10 tö, 100 momo, 1000 tsi, 10,000 zwrä. Die Schriften der Japaner sind entweder in Chinesischer oder in Japanischer Sprache verfaßt. Werke der strengeren Gelehrsamkeit sind meist rein chinesisch, ohne alle Zuthat der Volkssprache, oft auch mit japan. Juterlinearversion versehen, in welcher entweder alle Wörter oder nur die schwierigeren u. wichtigeren au der Seite der chinesischen Charaktere in Japanischer Sprache mit demSyl- labar Lata-Icaua geschrieben werden. Die Übersetzung steht zur rechten Seite der chinesischen Charaktere in der Reihenfolge derselben, während Lurch gewisse Zeichen und Zahlen zur Linken die Wortfolge angedentet wird, wenn man die chinesischen Charaktere in Japanischer Sprache lesen will. Die eigentlichen in Japanischer Sprache verfaßten Bücher sind meistens ein Gemisch von Chinesisch n. Japanisch; es liegt jedoch die japan. Grammatik u. Wortfolge dabei zu Grunde, auch werden die vielen eingestreuten chinesischen Schrift- zeichen als japanische Wörter gelesen. Die Japanische Literatur ist reich in allen Fächern. Von einer großen Encyklopädie (gedruckt in Jedo 1714, 105 Bde.) hat Abel-Remnsat (Ilvtioes sb sxbraits, Bd. 11) eine ausführliche Analyse gegeben. Unter den historischen Werken sind zu nennen: die Aunalen Mppcm o cia'i itsr rau (französisch von Titsingh, herausgegeben von Klaproth, Par. 1834); ferner iu rein chinesischer Sprache die kurzen Annalen 'iVa-rwu-kcsr von Asia Jamabito, der sie zuerst 1820 in Miako herausgab; umfassendere Annalen von 661 v. Chr. bis 696 n. Chr., die zuerst 1228 (später u. A. Jedo 1709, SO Bde.) gedruckt wurden. Von allen Provinzen u. wichtigen Städten des Reiches gibt es bäude- reiche geographisch-topographische Beschreibungen, mit reichem historischem Detail, Abbildungen der wichtigsten Baudenkmäler rc. Das älteste geographische, aber nicht nach Europa gekommene Werk ist das 1'ü-to-ici; ein anderes, einen geograph. Theil enthaltende das 'Wa-moi-rm-siü-ssä von der Kaisertochter Ziu-toku um 930 verfaßt. Der Geographie u. Geschichte der japan. Nebenländer gewidmet sind: Lau kokck tsu rau bo ssts (Beschreibung der 3 Reiche Liukiu, Jesso u. Korea, französisch von Klaproth, Par. 1832) u. die fünf Bücher koreanischer Geschichte (Jedo 1750). Auch besitzen die Japaner Landkarten, die zlvar ein rohes, aber ziemlich getreues Bild des Reiches geben. Mehrere hat Sicbold in Europa bekannt gemacht. Die Naturgeschichte, namentlich die Botanik, hat viele Bearbeiter gefunden. Dahin gehören Ruckliusnta pLMoss (1804, 5 Bde.); Lpsoiss kiornm äivsr- sas (1765, 8 Bde.); Os uabura Usrbarum sb arborum (1823, 3 Bde.), von der Naturforschenden Gesellschaft in Owari herausgegeben; Vs er/sballls atguv rsbus iu lapiäsm vsrsis (1772, 15 Bde.); LMopsis,Loras oriZius Ouropsas (1828, 3 Bde.), eine Übersetzung von Thunbergs Lzmopsis plaubarruu japouiearuM. Eine japanische Botanik wurde neuerdings in Nordamerika (New-Uork 1855) herausgegeben. Die Monographien über einzelne Blumen und Pflanzen- geschlechter sind sehr zahlreich. Die Naturforschen- dcn Gesellschaften von Siu-jo-do u. Owari geben ihre Denkschriften heraus. Viele chinesische Werke sind in Japan vermehrt herausgegeben worden, worunter auch das berühmte Osu-bskiao (1769, 31 Bde.). Vortrefflich ausgestattct ist die Literatur der chinesischen u. japanischen Lexikographie n. Grammatik. Chinesisch-japanische Wörterbücher sind: Iss-rvsi (9 Bde.); Liu 20 xi liu Zzokc bsu, d. h. Novus sb auebus litsrarum iäsoAiapküoa- rum bllssaurus (herausgeg. von Siebold in der 81dl. llapouioa, Br,. 1, 1833); 8jc> Zsu xi Ico, d. h. iphssaurus liuZuas llapouloas, verfaßt von Makinosima Terutake im 17. Jahrh., zuerst gedruckt Jedo 1698 (herausgegebeu von Siebold in der Libl. llapou., Bd. 2); ferner Bs-ülci-ssbs-/o- siou-äaü-xsn, vom Jahre 1808, enthält 25,000 japanische Wörter mit ihren chinesischen Äquivalenten; Luu-IiÄll-ssbs-zw-bsou-ho-M, enthält50,000 Wörter; ferner Lrrai Ojok-bsu-cial-xsu, mehrmals gedruckt, u. a. herausgegebcn von Mori- Ter-sai 1780 ist das chinesische Wörterbuch'Lu-xisu mit japanischer Erklärung; ähnlich ist 8iu-xö-xi- riu-Az-ob-bsu, gedruckt 1828. Hierzu kommen Wörterbücher der älteren Japanischen Sprache u. der Synonymen. Ein japanisches Wörterbuch mit holländischer Übersetzung verfaßte Sada-josi (gedruckt 1810, 5 Bde.); ein holländisch-japanisches Wörterbuch verfaßte Halma (Jedo, 20 Bde.). Der Buddhismus u. der Confucianismus haben auch in Japan eine reiche Literatur hervorgerufen. Wie in China, so sind auch in Japan die Land- wirthschaft u. Gewerbkunde Gegenstand zahlreicher Schriften geworden. Es gibt Lehrbücher über allerlei Handwerke u. Künste rc. Der japanische Handelsstand besitzt auch seine Adreßbücher, ebenso die größeren Städte, wie z. B. Jedo. Das genaueste Werk über die Verwaltung u. Regierungs- sorm des Reiches ist das Lpseulum rsi luilibarls, Jedo 1818, 5 Bde. Die Medicin u. Pharmacie sind ebenfalls gut vertreten. Korjosai, ein Schüler Siebolds, verfaßte ein Werk über die bei den Europäern gebräuchlichen Arzneipflanzen (Naga- 590 Japetos — Japygia. saki 1826). Viele japanische Bücher sind durch Holzschnitte illustrirt; auch gibt es Bücher, welche bloß aus Holzschnittbildern bestehen, z. B. eine Sammlungen von Nachbildung der Gemälde des Tanin, des berühmtesten japanischen Malers (1802, 3 Bde.). Gleich reich u. mannigsaltig ist auch die poetische Literatur der Japaner (vgl. Pfitzmaier, Beitrag zur Kenntniß der älteren Japan. Poesie, Wien 1852; Derselbe, Über einige Eigenschaften der Japanischen Bolkspoesie, ebd. 1852). Die Japaner besitzen viele zum Theil sehr alte Lieder mythologischen u. historischen Inhalts. Ihr berühmtestes episches Gedicht ist b'si-Ics rnonoxatari oder die Geschichte der Feike-Dynastie, welches von Jnkinaga nach 1183 verfaßt u. durch einen blinden Sänger, Namens Seobuts, unter dem Volke verbreitet wurde. Es ist öfter gedruckt (z. B. Jcdo 1710, 12 Bde.). Der lyrischen Gattung (Iltn) gehören u. a. an das gpeoulum oarmiunna, eine Sammlung von 1000 Distichen, die zuerst 805 publicirt wurden; die berühmte Gedichtsammlung Älan-jS-ozn (d. i. Sammlung der 10,000 Blätter) aus dem 8. Jahrh. (zuerst gedruckt 1684, 30 Bde.); die Sammlung Oo-ssn-rva-lca-sin des Sitago von 951; die Gedichte des Sjotets (st. 1459), eines der berühmtesten Dichter der Japaner. Die epigrammatische Gattung (Haikai), sowie das Drama sind ebenfalls gut vertreten. Sehr zahlreich sind die Romane; dahin gehören: Das Leben des Fürsten Jwagi (1806, 12 Bde.); Die Thaten der berühmten Jungfrau Kagami (1303, 5 Bde.); Die sieben glücklichen und die sieben unglücklichen Dinge (1808, 5 Bde.); Sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt (heransgegebeu von Pfitzmaier, Wien 1847); Die Liebesabenteuer der Otoba und des Tansitsi (1822, 2 Bde.) rc. Einige der kürzeren romanhaften Erzeugnisse finden sich übersetzt in Mitfords skalsn ok oick lla- xav, deutsch, Lpz. 1875. Auch belletristische Taschenbücher, welche alljährlich erscheinen, sind den Japanern nicht fremd. Die christliche Literatur ist noch nicht sehr bedeutend; das N. Test, soll schon im 17. Jahrh. (Miako 1613) japanisch vorhanden gewesen sein. Eine Übersetzung des Lukasevangeliums erschien 1856 in New-Iork. Das Studium der J°n S. u. L. hat bis auf die jüngste Zeit in Europa nur sehr wenig Theil- nahme gefunden. Zwar wurden durch die Jesuiten, welche bald nach der Entdeckung (1543) ihre Missionen in Japan begründeten, verschiedene Grammatiken verfaßt u. mehrere Wörterbücher zusam- meugestellt, allein diese Werke sind höchst mangelhaft. Als die Missionen gegen Ende des 17. Jahrh. ein Ende nahmen, blieben nur die Holländer mit Japan in Verbindung, die aber nur ihren Handel im Auge behielten; Reisende, wie Kämpfer, Thunbcrg, Titsiugh, van Overmeer-Fischer u. A. förderten zwar die Kenntniß des Landes, seiner Bewohner und Geschichte, wenig aber die der Sprache u. Literatur. Als vereinzelte Erscheinungen sind aus dem 18. und dem Anfang des 19. Jahrh. nur die Arbeiten des Basken Oyanguren, Xrto äs In longma siariona, Mejico 1738, und Laudresses französisch Übersetzung der 1604 verfaßten Grammatik des Portugiesen Rodriguez, Par. 1825, zu nennen. Eingehender beschäftigten sich mit dem Japanischen: Siebold, Lpitows lin- ssuas llaxonioas, Batav. 1826; I. I. Hofsmain,, krosvs ssnsr äaxansolrs Zxrakckkonst des Donker Cnrtius, Leyden 1857; Leon de Rosny, Llsmsutz äs In lavAue llapon., 4. Aust., Paris 1872; Al- cock, llaxanssv Krarnmar, Shanghai 1861. In, I. 1867 erschien des mehrerwähnten I. I. Hoffmami berühmte, allen Vorgängern die Palme entreißende Grammatik holländisch (llapansoirs Lpraaläser) „. englisch (^ llapaiisss ürammar), 2. verm. Ausl. 1877, auch deutsch (Japanische Sprachlehre) 1877 ; W. H. Medhurst, Englisch japanisches u. japanisch- englisches Vocabular, Bat. 1830; Pfitzmaier, Japanisches Wörterbuch, Wien 1852 ff.; Goschke- witsch, Russisch-japanisches Wörterbuch, Petersb. 1857. Die reichste Sammlung japanischer Bücher ist bis jetzt die früher Sieboldsche in Leyden (»er- zeichnet in Siebolds u. Hoffmanns 6s.taIoZns li- brorninjaponioornin, Leyd. 1845); weniger bedeutend sind die in Paris, Wien u. Petersburg. Scho«.» Japetos, ein Titane, Sohn des Uranos und der Gäa, von der Asia od. Klymene, Vater des Atlas, Menötios, Prometheus und Epimetheus. Wegen seiner Betheiligung am Titanenkamps wurde er in den Tartaros geworfen. Er steht an der Spitze der Hellenischen Stammtafel. Mehrer- seits wurde er mit Japhet (s. d.) identificirt. Japhet, der dritte Sohn Noahs, gilt für den Stammvater der Meder, Armenier, Griechen, Thrakier u. wird mit dem Japetos der Griechen gleichgestellt. Seine Nachkommen heißen J-iten. Japicz, Gysbert, friesischer Dichter, geb. 1603 in Bolsward, war Schullehrer und Küster daselbst und st. 1666; 1823 wurde ihm, als dem ältesten friesischen Rationaldichter, zu Bolsward ein Erinucrungsfest gefeiert u. seine Büste in der Martinikirche daselbst ausgestellt; er schr.: Balladen, Lieder, Grammatik der Friesischen Sprache, über das friesische Alphabet, Briefe rc.; übersetzte die Psalmen u. Mornays Vers, über Leben u. Sterben; sämmtliche Werke herausgegeben von Eb- kema, Leeuw. 1824; Lebensbeschreibung von Wassenberg, 1793. (a. Geogr.), s. JapydeS. so v. w. Caqneta. (Japodes, a. Geogr.), ein Räubervolk in Japydia, dem Landstrich zwischen den Flüssen Arsia und Tedanius im uördl. Jllyrien (ungefähr im jetzigen Kroatien und Bosnien); sie zerfielen in viele Stämme, von denen die nördl. 128 v. Ehr., die südl. unter Augustus von den Römern unterworfen wurden. Japygra hieß bei den alten Griechen das ganze südöstliche Unteritalien, vom Berge Gar- ganus an bis zum Japygischen Vorgebirge (jetzt C. die Leuca), oder die Landschaften Apulicn u. Calabrien der Römer, im Besonderen die süd- östl. Halbinsel Italiens, welche von den Römern gewöhnlich Calabria od. auch Messapia genannt wurde. Der Name stammte von den Japy- gen, einem Hirtenvolke, das in der Überlieferung streng von Len übrigen italienischen Stämmen unterschieden wird u. das früher auch Apulien bewohnte. Während sie in Apulien bald grä- cisirt wurden erhielten sie sich als Japygier, Messa- pier, Calabrier u. Salentiner (in der äußerste» japodes Ü9I Jaquelme von Holland — Jarlsberg. Spitze des Landes) in ziemlich rohen Verhältnissen noch bis in die röm. Kaiserzeit. Ihre eigenthümliche Sprache, von der sich Reste in ziemlich zahlreichen Inschriften (unter dem Namen Messapische Inschriften, zusammengestellt bei Mommsen, Die unteritalischen Dialekte, Lpz. 1850) erhalten haben, ist noch nicht entziffert. Die wichtigsten Städte der japygischen Halbinsel waren Brundiflum (Brindisi), Hhdruntnm (Otranto) und Tarentnm (Taranto). Jaqueline von Holland, s. Jacobäa. Jarama (Tarawa), ein 165 km langer Nebenfluß des Tajo in Neucastilien, entspringt aus der Somosierra, fließt durch die span. Provinzen Guadalajara u. Madrid, nimmt rechts den Lozoya u. Manzanares, links den Henares u. Tajuna auf u. mündet bei Aranjuez. Jaransk, Kreisstadt im russischen Gouvernement Wjatka, am Jaran; 5 Kirchen, geistliche u. weltliche Kreisschule, wohlthätige Anstalt, Handel mit Leinwand, Fellen, Wachs, Honig rc., großer Jahrmarkt vom 2. September bis 1. October; ASS Ew. Jarbas (Hiarbas), 1) König von Mauretanien (nach Virgil König von Gatulien), Sohn des Zeus Ammon n. der Nymphe Garamantis, bewarb sich, neidisch über das Aufblühen Karthagos, um die Hand der Dido, die aber um seinen Anträgen zu entgehen, sich erstach. 2) Ein numidischer Fürst, der sich von Papirius Carbo, Cn. Domitius Ahono- barbus u. a. Gegnern Sullas gegen diesen gewinnen ließ, jedoch mit Demitius zugleich von Pompejus 81 v. Chr. vollständig geschlagen wurde u. seine Macht vernichtet sah. Jarcke, Karl Ernst, Schriftsteller, geb. 10. Nov. 1801 in Danzig, fludirte in Bonn Jurisprudenz, trat dort in seiner L-chwärmerei mit seinem Freunde Phillipps zum Katholicismus über, habilitirte sich daselbst als Privatdocent, ging später als Advocat nach Köln, von da nach Berlin, wo er Vorlesungen an der Universität hielt u. das Politische Wochenblatt gründete; 1832 als Rath in die Hof- u. Staatskanzlei nach Wien berufen, leitete er dort auch die Erziehung der Prinzen von Nassau, wurde 1849 aus dem Staatsdienste entlassen, schriftstellerte von da an und st. 27. Dec. 1852; er schr.: Handbuch des Gemeinen Deutschen Strafrechts, Berl. 1827—1830, 3 Bde.; Die Französ. Revolution von 1830 (anonym); Vermischte Schriften, München u. Paderb. 1839 bis 1854, 4 Bde. L-rg°i-* Jardins, s. Villedieu. Jareusk, Kreisstadt im ruffischen Gouvern. Wologda, an der Kishmola n. Kischera; 5 Kirchen, geistliche und weltliche Kreisschule, 2 wohlthätige Anstalten, Handel mit Getreide, Talg u. Pelzwerk; 1168 Ew. — Im Kreise wird viel Fischfang u. Jagd aus Eichhörnchen, Hermeline, Rebhühner rc. betrieben. Jargon (fr., ital. gsigons; abgeleitet aus dem altsranzös. gargabs, Gegurgel, Geschnatter), Kauderwelsch, eine einem gewissen Kreise eigenthümliche Sprache, wie das Rothwälsch, die Gaunersprache, die Ausdrucksweise der Grenzbewohner oder socialen Klassen; auch die verderbte Mischsprache, z. B. der Neger. Ein I. entbehrt der Entwickeliingsfähigkeit der Sprache, ist daher von einem Dialekt wol zu unterscheiden. Thieleniam,. Jargons, Zirkone oder kleine nadelkopfgroße Hyacinthen, von Pan in Frankreich in den Handel kommend, von goldgelber, gelbrother, violetter Farbe, womit allerlei Galanteriewaaren verziert werden; auch aus Glas nachgemacht. llarAvu äs äiamanb nennt man farblose Zirkone von Ceylon, die man sonst für Diamanten von geringerer Qualität ansgab. Jarkand (Jarkand), 1) Fluß in Centralasien, entspringt am NAbhang des Karakorum-Gebirges, fließt zuerst in westl. Richtung ungefähr parallel dem Indus, dann in nordöstl. durch OTurkestan u. ergießt sich in den Larim. Er ist nach der Jahreszeit von wechselnder Wassermasse u. zeitweise für Boote schiffbar. 2) Bedeutendste Stadt u. Hanpthandelsplatz in OTurkestan, zwischen 2 Armen des gleichnam. Flusses, von jedem einige Icm getrennt, über 1000 m hoch in einer wohlangebauten, Früchte u. Cerealien gebenden u. auch der Viehzucht geeigneten Gegend gelegen, mit engen schmutzigen Straßen, aber durch zahlreiche Kanäle u. Rinnen reichlich mit Wasser gespeist. Von bemerkenswerthen Gebäuden enthält sie eine große Anzahl Moscheen, Karawanserais u. einen großen Bazar. Die Stadt ist von einem Graben und einer 10—13 m hohen, in Zwischenräumen mit Thürmen versehenen Mauer umgeben, durch welche eine Anzahl Thore hineinführen. Dicht in der Nähe liegt die Neustadt (Jangschahr, d. h. Cantonnement, mit dem Palast des Herrschers, eine Art Citadelle, der Aufenthalt der Garnison u. früher Sitz des chinesischen Gouverneurs. Die auf 80,000 Ew. geschätzte Bevölkerung besteht aus Mohammedanern türkischen Stammes, Dun- ganen, Chinesen und ist stark gemischt. I. war schon in alter Zeit ein Durchgangspunkt des Handels, der jedoch früher gegen Kaschgar zurückstand. Mit dem Sturz von Khotan durch die Mongolen, Ende des 14. Jahrh., datirt ihre Blüthe. Sie war in der Folge zeitweise die Hauptstadt mohammedanischer Khane, kam 1678 an die Kalmücken, 1760 aber unter Oberhoheit der Chinesen, welche hierher den Amban od. Gouverneur setzten. Diese verdrängte 1862 der Aufstand der Dunganen; 1865 machte sich Jakub Beg zum Herrscher der Stadt u. einverleibte sie seinem neuen Reich Kaschgar (s. d.), in dem sie Hauptort eines Bezirks u. zeitweilige Residenz ist. Thielemann. Jarl, in den alten Skandinavischen Reichen ein von den Königen eingesetzter Statthalter, Bezeichnung der normänn. Edelleute. Jarlsberg (I. und Laurvig), Amt in Norwegen, am WUfer des Christiania - Fjord „u. am Skagerrak, ferner umgeben von den Ämtern Bratsberg, Buskerud u. Agershuus; das.kleinste, aber bevölkertste von allen norwegischen Ämtern; 2229 Hjicm (40,IS H>M) mit 85,432 Ew. (auf 1 Hjlcm 39, in ganz Norwegen 5,J. Das Amt, das vom Laagen-Elv durchflossen wird, ist im Allgemeinen niedrig, erhebt sich jedoch an der südwestlichen Grenze im Vindfjcld bis zu 650 m u. ist sehr reich au schönen Gegenden? Die hauptsächlichsten Erwerbsquellen der Bewohner sind Ackerbau, Viehzucht, Bergbau (auf Eisen), Schiff- 592 Jarlung - bau, Schifffahrt, Fischerei u. Waldwirthschast (es gibt in I. zahlreiche Sägewerke). Das Amt wird eingethcilt iu die zwei Vogteien I. und Laurvig. Hauptstadt ist Laurvig. H- Benis. Jarlung (Jalung), ein mächtiger linker Nebenfluß des Jautsekiaug, der in der chines. Provinz Setschnan mündet. In sein von wilden Gebirgen umgebenes Thal verlegt die Tradition die Wiege des tibetischen Volkes. Jarmen, Stadt im Kreise Demmin des prenß. Regbez. Stettin, ander Peene; Gerichtscommission, Waarendepot; 1875: 1562 Ew. Jarmeriy (Jaromerice), Stadt im mährischen Bezirke Znaym (Österreich), am gleichnam. Bache, Station der Österreichischen Nordwestbahn; großes fürstlich Kaunitzsches Schloß mit Parkanlagen, Bibliothek, Gemäldesammlung u. Theater, St. Margarethenpfarrkirche init schönen Freskomalereien, Ackerbau, 4 Jahr- u. Viehmärkte; 2277 Ew. Jarmolizü, Flecken im Kreise Proskurow des russ. Gouv. Podolien, berühmt durch feinen bedeutenden, vom 27.—30. Juni dauernden Jahrmarkt, auf dem fast regelmäßig gegen 2000 Pferde zum Verkauf ausgestellt werden. Jarnac, Stadt im Arr. Cognac des franz. Dep. Charente, an der Charente, Station der Charentebahn; Sitz eines reformirten Consistori- ums, Bau von Rothwein, Fabrikation von Cognac u. Handel damit; 4691 Ew. Hier 13. März 1569 Sieg des Herzogs von Anjou über die Hugenotten unter Conde, welcher selbst gefangen genommen u. meuchlings erschossen ward. Jarnsaxa, 1) Thors zweite Gemahlin, Mödis u. Magnis Mutter; 3) Riesin, Tochter Geirröds, eine der 9 Mütter Heimdalls. Jaroezyn, Stadt, so v. w. Jarotschin. Jaromerice, Stadt, so v. w. Jarmeritz. Jaromierz (Jaromer), Stadt im böhmischen Bezirke Königinhof (Österreich), an der Mündung der Aupa in die Elbe, über die eine Kettenbrücke führt, Station (Josephstadt-J.) der Süd-Norddeutschen Verbindungsbahn; Bezirksgericht, ansehnliche Dechanteikirche, Bürgerspital, Rllben- znckerfabrikation; 5442 Ew. — Nahe dabei liegt Josephsstadt, s. d. Jaroslau (Jaroslaw),.Stadt u. Hauptort im gleichnam. galiz. Bezirk (Österreich), in schöner, fruchtbarer Gegend am San, Station der Galizi- jchen Karl-Lndwigsbahn; Realschule, 2 Klöster, Siechenhaus (seit 1498), Tuchweberei, Wachsbleichen, Fabrikation von Rosoglio und Wachskerzen, Handel mit Honig, Wachs, Leinwand, Garn, ungarischen Weinen, namentlich aber mit Getreide und Holz; 11,166 Ew. — I., eine alte Stadt, war ehemals befestigt und hatte berühmte Jahrmärkte, dis selbst von Kanfleuten ans dem Orient besucht wurden, gegenwärtig aber ganz herabgekommen sind. 1707 hielt sich der Zaar Peter der Gr. längere Zeit hier aus. Jaroslaw (Jaroslawl), 1) sonst Großfürstenthum, jetzt Gouvernement in Rußland, grenzt im N. an Wologda, im O. an Kostroma, im S. an Wladimir, im W. an Twer und im NW. an Nowgorod; 35,612,g s^Icm (646,,, UM) mit (1870) 1,000,748 Ew. (auf 1 Hijlcm 28, im ganzen europäischen Rußland 15). Die Oberfläche des - Jaroslaw. -von niedrigen Landrücken durchzogenem Gonv. ist meist sandig u. lehmig, zum Theil auch sumpfin Flüsse: Wolga, Korotschitschna, Mologa, Scheksna Kotorost, Kostroma u. a. Unter den zahlreichen Seen ist der Rostower (Abfluß desselben der Ko- torost) der bedeutendste. Eisenbahnen: RybinSI- Bologoje, Moskan-J. u. J.-Wologda, zusammen etwa 305 Lm. Das Klima ist schon ein nördliches, der Boden wenig fruchtbar. Producie: Roggen, Weizen, Erbsen, Hafer, Gemüse, Apothekerpflanzen, Obst; die gewöhnlichen Hausthier, (wenig zahlreich). Die Einwohner wandern gern aus, bes. nach den Hauptstädten; sie bilden einen gewandten u. rührigen, auch hübschen Menschenschlag. Der Religion nach sind 990,182 Griechisch. Katholische, 7992 Sectirer, 1304 Römisch-Katholische, 441 Protestanten, 512 Israeliten und 817 Mohammedaner. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner bilden Ackerbau, etwas Viehzucht, Fisch, fang, Industrie u. Handel. Von der Gesäumt- oberfläche werden etwa 64 als Acker- u. Weide, land benutzt. Die Industrie ist bedeutend; Hauptzweige derselben sind: Fabrikation von Leinwand (nächst Wjatka erzeugt I. die meiste Leinwand in Rußland), Baumwollenwaaren, Branntwein, Tuch, Seilen, Papier, Leder, Eisenwaaren, Chemikalie», Tabak, Mehl, Stärke rc. Der Handel ist sehr lebhaft. Hauptansfuhrartikel sind: Leinwand, Segeltuch, Leder, gesalzenes Fleisch, Leinsamen rc.; eingefllhrt werden: Colonialwaaren, Salz, Eisen rc. Eintheilung in 10 Kreise. 3 ) (Jaroslawl) Hauptstadt des Gouvernements und Festung, an der Mündung des Kotorost in die Wolga, Station der Moskau-J-er Eisenbahn, regelmäßig gebaut, mit breiten Straßen und vielen prächtigen Häusern, mit 5 Vorstädten; Sitz eines Gouverneurs und des Erzbischofs von I. und Rostow, 66 Kirchen, 3 Klöster (im Kloster Szassky die Leichname einiger russischer Fürsten), Demidowsches Lyceum mit Bibliothek, geistliches Seminar, Gymnasium, geistliche und weltliche Kreisschule, Theater, Hospitäler rc.; Leinwand-, Baumwollen- und andere Fabriken, mehrere Buchhandlungen, Handel mit Getreide u. Fabrikerzeugnissen, Schifffahrt; 27,268 Einw. — I., 1025 gegründet, war sonst die Residenz der Großfürsten; nach dem Aushären derselben wurden die ältesten Prinzen der russischen Großfürsten Fürsten von I. genannt. 1787 war hier eine große Fenersbrunst. 3 ) Stadt, so v. w. Jaroslau. H> Berns. Jaroslaw, 1) I. od. Juri I. Wladimiro- witsch, Großfürst von Kiew, 988 mit seinem Vater Wladimir getauft, erhielt von demselben noch bei dessen Lebzeiten Rostow und später Nowgorod; nach seines Vaters Tode 1015 kämpfte er mit seinem Bruder Swätopolk um den Thron, besiegte u. vertrieb denselben 1019, kam ans den Thron von Kiew n. regierte bis 1054, wo er starb. I. war mit Jngigard, Tochter des Königs Olaf von Norwegen, vermählt u. erhielt von ihr 6 Söhne, von denen ihm Jsjaslaw u. Wsewolod nach einander auf dem Thron in Kiew folgten. Durch Berheirathung dreier seiner Töchter, Anna an de» König Heinrich I. von Frankreich, Elisabeth au König Harald von Norwegen und Anastasia an König Andreas I. von Ungarn gewann er an An- 593 Jaroslaws Prawda — Jasmin. sehen. I. führte das Nowgorodsche Recht ein u. baute viele Kirchen. 2) I. II. Wsewolodo- witsch, der Wiederhersteller genannt, Sohn Wsewolodsill., Großfürsten von Wladimir. Nach dem Tode seines Vaters 1212 stand er dessen Nachfolger, Georg II., gegen zwei andere Brüder bei u. erhielt dafür das Fürstenthmn Perejäslaw. Als sein Schwiegervater Mstislaw, Großfürst von Nowgorod, 1212 diese Stadt gegen Halitsch vertauschte, wählten ihn die Nowgoroder znm Großfürsten; hier ward er zweimal vertrieben, wurde aber 1238 nach dem Tode seines Bruders Juri Großfürst von Wladimir unter tatarischer Hoheit; er begann sogleich die von den Tataren zerstörte Stadt Wladimir wieder auszubauen (daher fein Beiname) u. st. 30. Sept. 1246 auf seiner Rückkehr aus dem Lager des Tatarkhans. Lagm. Jaroslaws Prawda (Jaroslaws Recht), eine alte russische Nechtsquelle, in einer kürzeren und längeren Fassung erhalten, von denen die erstere auf Jaroslaws I. im 11. Jahrh. zurückgeführt wird. Beste Ausgabe von Kalatschow, Mosk. 1847. Jarotschin (Jaroczyn), Stadt im Kreise Ple- scheu des preuß. Negbcz. Posen, unweit der Ln- tinia, Station der Oels-Gnesener n. Poseu-Kreuz- burger Eisenbahn; Glashütte, Viehmärkte; 1875: ' 247 t Ew. — I. ist Geburtsort Lasters. larrotiörs, Knieband, Strumpfband; daher Or- Lrs cis In j., franz. Name des Hosenbandordens. Jarriba (Aarriba, Doruba, Eyo), ein Negerstaat im Sudan (WAsrika), ehemals ein großes Reich, das bis zum Niger reichte; hat 119,396,g sZIrm (2300 IHM) mit 3 Mill. Ew.; ist theil- weise sehr malerisch, vielfach dicht bewaldet und wasserreich, im W. gebirgig und hocheben. Der District Jagba ist der schönste u. productenreichstc. Die gastfreien u. fleißigen Bewohner leiden durch die Meuschenjagd. Hauptstadt ist Abbeo kuta (s. d. Artikel). Arendts. Jarrow (Narrow), Stadl in der engl. Grafschaft Dnrham, am Tyne, Eisenbahnstation, Se° ! geltuchsabrikcn, Papiermühle, Laugensalzfabrik rc., Schiflswerfte, Docks, Handel, namentlich mit Kohlen; 18,179 Ew. Jarves, James Jackson, nordamerikanischer Schriftsteller, geb. 20. Aug. 1818 zu Boston in Massachusetts, ging 1838 aus Gesundheitsrücksichten nach den Sandwichsinseln und war einige Jahre Consnl der Vereinigten Staaten zu Honolulu, wo er die erste jemals dort gedruckte Zeitung Isis ikolMssian herausgab. Von Honolulu ans unternahm er ausgedehnte Reisen nach Califor- nien, Mejico u. Centralamerika n. veröffentlichte während eines Besuches in den Verein. Staaten Ilistor^ ok kds 8tnvaii.au or Lauätviolr loiaucks, Boston 1843; Leonss auä oesusr^ ok tds 3auä- viest Islanäs, ebd. 1844, u. Lsouss auä ooousrz- in Oalikornia, ebd. 1844. I. verließ 1848 die Sandwichsinseln, um nach Europa überzusiedeln, wo er meist in Florenz wohnte. Hier beschäftigte er ! sich hauptsächlich mit der Bildung einer Gemälde- ! sammlung, welche er später unter seinem Namen in Amerika ausstellre u. die jetzt einen Theil der Kunst-Galerie im Isis OoiisAs in New-Jork bildet. Außer den oben ermähnten Schriften schrieb er noch: ikarisian sigMo auä ikrsuok PiereuS Nmoerlal-Courersatlons-ttii-ikoe. ii. Aus!. X.. priueixlss, New-Iork 1855, 2. Serie 1856; Ita- iian siZIits auck 8axal priuoipiss, ebd. 1856; Liaua, a traäitiou ok Ilanraii, ebd. 1857; 6ou- kssoioua ok au inguirsr (in 3 Theilen: 1) Usart sxpsrisuos; 2) ^.rt biutg; 3) Mrs art rstsa: souipburo, paiutiuA auck arobitsoturs in ^.msrioa, ebend. 1857—1869, und ^rt klrouAirts, ebend. 1869. Bartling. Jarville, Dorf im Arr. Nancy des französ. Dep. Meurthe-et-Moselle, am Rhein-Marne-Kanal, Station der Ostbahn (Nancy-Vezelise); Fabrikation von Tuch, Stickereien, Chemikalien, Essig, Pottasche rc., Hohöfen; 509 Ew. Bei I. 5. Jan. 1477 Niederlage und Tod des Herzog Karl des Kühnen von Burgund. Jas, der ionische Dialekt, s. Griech. Sprach-o). Jaschmak, der Schleier der türk. Weiber. Jaslkow, Nicolai Michailowitsch, rnss. Dichter, geb. 1805 in Simbirsk, Sohn eines Bojaren, studirte, nachdem er erst das Berg-, dann das Jngenieurfach ergriffen, in Dorpat u. lebte dort seit 1823 als Privatgelehrter, seit 1829 in Moskau, arbeitete 1831—33 in der Vermessnngs- kanzlei, privatisirte wieder in Simbirsk sund'an mehreren Orten Deutschlands u. st. 7. Jan. 1847 in Moskau; er schrieb (russisch): Anakreontische Lieder, Elegien, Psalmen u. Hymnen, bearbeitete nach dem Italienischen das in Rußland sehr populäre Märchen vom Glnthvogel u. a. m. In den letzten Jahren seines Lebens wählte er den Stoff zu seinen Gedichten ans der Heiligen Schrift n. der Nuss. Geschichte. Eine Sammlung seiner Gedichte erschien, Mosk. 1845, 2 Böe. Lazai.» Jaslon, Sohn des Zeus n. der Elektra, Liebling der Demeter, in deren Mysterien ihn Zeus unterwies; Dämon der fruchttreibsnden Erde. lasions I-., Gatt, der Fam. Oampauulaosao- VVaiÜLubsi'siöas, von der Tracht einer Scabiose, mit kleinen Blüthen u. kopfförmigen Dolden, die mit Hüllblättern umgeben sind; Blumenkroae bis zum Grunde in 5 linealische, sich von unten nach oben trennende zuletzt ausgebreitete Zipfel getheilt; Kapsel an der Spitze mit zwei kurzen Klappen aufspringend, st. Montana st)., ein- und zweijährig, in ganz Europa auf trockenem Boden verbreitet; angenehmes Viehfurter; befestigt den Sandboden. Engter. Jaslo (Jaschlo), Stadt n., Hauptort im gleichnamigen galizischen Bezirk (Österreich), am Zusammenflüsse der Jasielka, Dembowka, Nopa u. Wysloka, in gut bebauter, schöner Gegend; alte», thümliches Schloß, Gymnasium, großes Kranken- Haus; 2632 Ew. Jasmin, 1) die Pflanzengatt, stasminum. 2) Gemeiner (Wilder) I. ist klrilaäslplms ooro- narins. 3) Dorniger I. ist 8/oium ouropasum. Jasmin, Jaquou oder Jausmin, geb. 6. März 1798 in Agen, Haarkräusler. Durch sein- sorgfältig versificirten, sinnig zarten od. witzigen Gedichte in der Mundart von Agen, die er mit Talent vorzutragen verstand, gelaugte er zu einer gewissen Berühmtheit. Mehrere Glieder der königlichen Familie machten ihm Geschenke, die Akademien in SFrankreich ertheilteu ihm die Mitgliedschaft und 1852 erhielt er von der sranzöf. Akademie einen Preis von 3000 Franken; er ft. Land. Zg 594 «laswiiiLesLs — Jassy. 4. Oct. 1864 in Agen. Er schr.: I-öu Otzallbaii, 1825; l-ous trvs äs wai, 1830; I-as kaMIobas äs I., Agen 1835 u. 1843, 2 Bde.; I-'sdnxlo äs OastsU-Luiliö, Bordeaux 1837; I^ous äus Vraz-s bessous, Agen 1847; u. m. a. S. über I. Vsvus äs ?aris, 13. u. 16. Juli 1844, u. Sainte- Beuve, Oaussriss än lunäi. Bd. 4. Bolchert. lasminsoess, Pflanzenfamilie aus der Klasse der 6outortas, Stränchcr und Bäume mit entgegengesetzte«, meist zusammengesetzten Blättern; Blüthen mit bleibendem, fünf- bis achtspaltigem oder gezähntem, freiem Kelche, fast präsentirtellerförmiger, fünf- bis achtspaltiger Blumenkrone, zwei der Blumenrohre eingefügten Staubblättern und mit zweifächerigein Fruchtknoten, der zur Beere, Steinfrucht 5d. Kapsel wird; Samen aufrecht, mit anfangs reichlichem Eiweiß, das bei der Reife ganz verzehrt wird od. zu einer sehr zarten Schicht zusammentrocknet; Samenlappen planconvex, fleischig, Würzelchen kurz, unterständig. Gattungen: ikas- rnrnuiu Vorer». u. kflzotanbiros D. , Engter.' lasminum T,., Jasmin, Pflanzengatt, aus der Fam. lasminaesas (II. 1), ästige, aufrechte oder kletternde Sträuchen mit gegenständigen, gedreiten od. gefiederten Blättern u. meist einzelnen, weißen od. gelben, an der Spitze der Zweige stehenden Blüthen. Ungefähr 100 Arten in Asien, Afrika u. Australien. In ganz SEuropa wird cultivirt I. oküoinals T. aus Ostindien, mit wohlriechenden gelben Blüthen, aus denen Jasminöl bereitet wird. Ebenfalls aus Ostindien stammt der im ganzen Orient cultivirte ä. Larnbao Vakrk (stzkz-o- laubkrss samtzao T,), arab. Jasmin, mit großen, weißen, beim Verwelken röthlichen, oft gefüllten, sehr wohlriechenden Blüthen. Hiervon stammt das echte orientalische Jasminöl. Außer diesen werden noch mehrere Arten theils in SEuropa im Freien, theils bei uns in Gewächshäusern cultivirt. Engter. Jasmund, Halbinsel an der NOSeite der Insel Rügen, mit der sie durch die flache Landenge Schmale Haide zusammenhängt. Sie bildet mit dem Kreidegebirge Stubbenkammer (s. d.), mit welchem sie steil nach O. zur Ostsee abfällt, mit dem schönen Bnchenwalde Stübnitz und dem Hertha-See den schönsten Theil der ganzen Insel. Durch die schmale, sandige Landenge Schabe ist mit I. die Halbinsel Wittow verbunden. Der I- er Bodden ist eine weite, von der Halbinsel I. gebildete Bucht; er war vor der Erwerbung Kiels von Preußen zum Kriegshasrn bestimmt. H- Berns. Jason (dreisilbig zu sprechen),!) (griech. Heldensage) Sohn des Äson, Zögling des Chiron. In seinem 20.Jahre erschien er inJolkos, welche thessal. Stadt Pelias seinem Vater entrissen hatte, u. da er beim Durchgang durch einen Fluß einen Schuh verloren, Pelias aber durch das Orakel vor dem Ein- schuhigen gewarnt worden war, so sendete dieser, um sich des rechtmäßigen Erben von Jolkos zu entledigen, den I. nach Kvlchis, um das Goldene Vließ zu holen. Das Weitere s. u. Argonautenzug. Nach seiner Rückkehr aus Kolchis beseitigte er den Pelias, muß jedoch den Thron Lessen Sohn Akastos überlassen u. nach Korinth ziehen. Später liebte I. hier die Krdusa u. verstieß die Medea, welche er aus Kolchis als seine Gattin mitgebracht hatte. Aus Eifersucht tödtete nun Medea die Krens« und ihre eigenen mit I. erzeugten Söhne. P , (Gr. Gesch.) Sohn des Lykophron, erscheint u,n das Jahr 378 v. Ehr. als Tyrannos des thessap ischen Phere. Ein hochbegabter Staatsmann „ Feldherr, nach dem Jahre 375 Oberfeldherr voii ganz Thessalien, wurde er im Jahre 370 durch einige politische Gegner ermordet. 3) (J^, ^ Jesus) Sohn des Hohenpriesters Simon, Bruder des Onias, stieß zur Zeit des Seleukiden Anti«. ? chos IV. Epiphanes (vor 170 v. Ehr.) diesen ! aus dem hohenpriesterlichen Amte, führte zu Je- ! rusalem griechische Sitten u. Spiele ein, aber vom Menelaos wieder verdrängt, floh er zu den Am- monitcrn, eroberte Jerusalem wieder, verjagte den Mcnelaos, mußte aber wieder flüchten u. starb in Dürftigkeit zu Lakedämon. 4) I. aus Kyrene, schrieb die Geschichte der Juden unter SeleukoS Philopator, Antiochos EpiphaneS u. Eupator in 5 Büchern, woraus das zweite Buch der MM. bäer größtentheils ein Auszug ist. Hertzk-g. Jasper, Counties im Gebiete der nordameril. Union: 1) in Georgia, unter 34° n. Br. u. St» w. L.; 10,439 Ew.; Countysitz: Monticello; 2)! in Illinois, unt. 38° n. Br. u. 88° w. L.; 1l,M Ew.; C-sitz: Newton; 3) in Indiana, u. ti° n > Br. u. 87° w. L.; 6354 Ew.; C-sitz: Rensselaer; ^ 4) in Iowa, u. 41° n. Br. u. 93° w. L.; 22,US Ew.; C-sitz: Newton; 5) in Mississippi, unt. 32» n. Br. u. 89° w. L.; 10,884 Ew.; C-sitz: Paul- ding; 6) in Missouri, u. 37° n. Br. u. St» w. L.; 14,928 Ew.; C-sitz: Carthage; 7) in Texas, n. 31° n. Br. u. 94° w. L.; 4218 Ew.; C-sitz: Jasper. Jaspiren, etwas jaspisartig färben, sprenkeln; jaspirte Stoffe, feinflammig melirte Gewebe. ; Jaspis, Varietät des Quarzes; roth, gelb, > grün, violett, braun, im Bruche flachmuschelig; undurchsichtig u. matt, wird geschlissen u. zu Dosen, Stockknöpfen, Messerheften rc. verarbeitet. Varietäten: a) Gemeiner I. (Erdiger, MuscheligerI.), ; meist gelblich, roth, in derben Massen; b) Kugel« s I., härter, lebhafter farbig, mit durchscheinenden Kanten, als Geschiebe, meist mit ringförmigen Zeichnungen; der braune heißt Ägyptischer > Kiesel; o) Bandj., derb, mit bandförmigen, verschiedenfarbigen Zeichnungen, weicher und leichter als die anderen, findet sich zu Lerbach, Elbingerode . am Harze; nimmt gute Politur an; der Bandj. von Frohburg ist ein gestreifter Felsittuff; ä) Por- ^ zellanj., gelbroth und grau, spröd, ist nur ge- l brannter Thon; der Basaltj. ist ein halbverglsster Mergel od. Grauwackenschiefer; s) Achatj. nähert ^ sich dem Achat. s Jaspopal, s. u. Opal. ^ Jassy, Stadt im Fürstenthnm Rumänien, ehemalige Hauptstadt der Moldau, am Morast und Flusse Bachlui u. am Abhang des Kopo, Station der Lemberg-Czernowitz-Jassy-Eisenbahn; unregelmäßig u. weitläufig gebaut, mit meist einstöckigen ; hölzernen Häusern. I. ist Sitz eines griech. Metro- s politen u. mehrerer Consüln und hat eine evangelische, katholische, armenische Kirche, mehrere Synagogen, 10 Klöster nebst Privatkapellen und s 70 griechische Kirchen, von denen die älteste, die ^ Dreiheiligenkirche aus dem 14. Jahrh., und die ; 595 Jastrow — Metropole die bemerkenswerthesten sind. Andere bervorragende Gebäude sind: der Fürstenhof, in dem die Oberbehörden ihren Sitz haben u. der ehemals die Residenz der Fürsten war, der Palast des Metropoliten, das National-Theater, mehrere Paläste der Großbojaren, die Fleisch, n. Gemüsehalle rc. An höheren Unterrichts- und Bildungsanstalten besitzt I.: die Michaels-Akademie mit einem Convict, ein Gymnasium, eine Normalschule (das sog. Wassileaneum), eine Real- u. Industrieschule, eine öffentliche Bibliothek, ein physikalisches ». Naturalien-Cabinet; anWohlthätigkeitsanstalten: ein großartiges Krankenhaus, ein Findel- u. Gebärhaus mit einerHebammcnschule ».einer geburtshilfl. Klinik, ein jüdisches u. ein Militärhospital. I. hat nur eine unbedeutende Industrie, aber stark besuchte Messen u. einen lebhaften Handel, namentlich mit Getreide, Wein u. Spiritus, der durch Anlegung eines Hafens am nahen Pruth und die dadurch hergestellte Verbindung mit Galatz u. dem Schwarzen Meere sowie in neuerer Zeit durch Eisenbahnverbindung noch gehoben ist. Es hat 1873 59,340 Ew., mit Einschluß der flottircnden Bev. geschätzt auf 98,000, worunter gegen 36,000 Juden, viele Griechen, Armenier, Deutsche u. 3000 Zigeuner. Die Umgebung J-s mit ihren fruchtbaren Weinbergen u. den zahlreichen Parkanlagen u. Lusthäusern der Bojaren ist überaus reizend u. malerisch. I. scheint seinen Namen von den im 11. Jahrh. eingewanderten Jazygen (Jasi) erhalten zu haben. Es wurde vom Hospodar Radul mit Mauern umgeben u. 1564 Residenz der moldauischen Fürsten. 1538 wurde sie durch Sultan Soliman ll. u. 1686 durch König Johann Sobieski verheert. Hier 9. Jan. 1792 Definitiv-Friede zwischen Rußland u. der Pforte. Im Nov. 1806 wurde I. von den Russen erobert. Nach dem Bukarester Frieden 1812 blieb die Stadt mehrere Jahre lang von den Russen besetzt. Hier brach 6. März 1821 der griechische Aufstand unter Alexander Dpsilanti ans, aber schon 26. Juni d. I. besetzten türkische Truppen die Stadt. 1828—1834 hielten die Russen I. besetzt. 1844 wurde I. Sitz der moldauischen Regierung. Die Unruhen im April 1848 unterdrückte der Fürst Stourdza, worauf im Sommer General Duhamel mit 4000 Mann Russen ein- riickte. Im April 1851 folgte auf die russische Besetzung türkische, u. dieser wieder russische. Am 3. Juli 1853 unter Osten-Sacken, u. nachdem dieser im Sept. 1854 die Stadt geräumt hatte, besetzten 2.Oct. österr. TrnppenJ. April1877 erfolgte wieder der Durchmarsch russ. Truppen. H- Berns. Jastrow, Stadt im Kreise Deutsch-Krone des preuß. Regbez. Marienwerder; Hauptsteueramt, ' evangel. u. kathol. Kirche, Waisenhaus, Wollen- spinuerci, Tuchweberei, Fabrikation von landwirth- schaftlichen Maschinen, Ackerbau, besuchte Pferdeil. Nindviehmärkte; 1875 4901 Ew. — I. ward Stadt 1603 durch den Polenkönig Sigismund III. Jäsz, 1) J.-Bereny, Stadt und Hauptort in dem Ungar. Distr. Jazygien und Kumanien, an beiden Ufern der Zagyva, Station der Ungar. Staatsbahn; mehrere Kirchen (darunter die große kathol. Pfarrkirche u. die evangel. Kirche), Fran- ciscanerkloster mit Kirche, Rathhaus (wo das Schlachthorn des Ungar. Königs Lehel aufbewahrt Jatrochemie. wird), Gymnasium, Marmor-Obelisk zum Andenken an den Palatin Erzherzog Joseph, Tuchfabrikation, Weinbau, Viehzucht; 20,233 Ew. — In der Nähe, im Zagyva-Flusse, soll der Hunnenkönig Attila begrabe» sein. 2) (J.-Alsö-Szent- György) Marktflecken in demselben District, in schöner und fruchtbarer Ebene an der Zagyva; starke Bienenzucht; 5013 Ew. 3) (J.-Apathi) Stadt in demselben District, Acker- u. Weinbau; 9231 Ew. 4) (J.-Fenyszaru) Marktflecken daselbst, an einem Teiche, Station der Ung. Staatsbahn, in einer an Feldfrüchten, Wein und Rohr reichen Gegend; 4582 Ew. 5) (J.-Kiser) Markt- flecken daselbst, an einem Arme der Theiß; 5039 Ew. 6) (J.-Ladäny) Marktflecken daselbst, an einem Arme der Theiß, mit vortrefflichem Weizenbau; 6321 Ew. H- Berns. Jaszay, Paul, Ungar. Geschichtschreiber, geb. 1809 zu Szäntö (Abaujvär); trat nach vollendeten Philosoph, und jurist. Studien in die Ungar. Hofkanzlei, wurde 1848 Secretär des Ungar. Ministerpräsidenten Graf L. Batthyänyi u. st. 1852. Seine beste Arbeit (magyarisch geschrieben), Ungarn nach dem Tage von Mohäcs, sorgfältig nach den amtlichen Quellen bearbeitet, Pest 1846,1. Bd., blieb leider unvollendet. Aus seinem literarischen Nachlasse veröffentlichte Franz Toldy 1855 noch die (magyarisch geschriebenen) Annalen des magyarischen Volkes von den ältesten Zeiten bis zur Gold. Bulle. Sein Stil ist musterhaft. Booch-Arkogy. asziger, Jaszigien, s. u. Jazygen, Jazygien. äszo (Josz), Marktflecken im Ungar. Comitat Abauj, in einem schönen Thale an der Bodva; prächtige Kirche des heil. Johannes, Prämonstra- tenser-Abtei (seit 1255), Antimon-Schmclzhütte, Eisensteingruben, Eisenwerk, bedeutende Schweinemärkte; 1519 Ew. — I. war früher eine Bergstadt. In der Nähe ansehnliche Marmorbrüche u. eine sehenswerthe Tropssteingrotte. Jäten, Unkräuter, welche sich unter den Cul- turpflanzen vorfinden, mittels der Hand oder eigens dazu construirter Maschinen (s. Hederich- jätemaschine) entfernen. Das I. ist bei Samenunkräutern nur bei trockener, bei Wurzelunkrän- tern bei feuchter Witterung vorzunehmen. Rhode. Istsorrinra AKers, Pflanzengatt, ans der Fam. Llsnispermaosas. fl. paimaba Mrer« (Ooooulus palmatus D<7.), Kolumbo-Pflanze, an der OKüste Afrikas wild, in Ostindien cultivirt, liefert die Kolumba-Wurzel (Laäix Oolumdo), welche stark bitter schmeckt, Eßlust erregt u. Verdauung befördert. Sic wird in scheibenförmigen Stücken in den Handel gebracht. Jativa, s. San Felipe. Jatrik, s. u. Jatros. Jatrochemie, die Chemie als Hilfswissenschaft der Medicin, insofern sie die gesammte Thätigkeit des thierischen Organismus auf einen chemischen Proceß zurllckfllhrt; die Anhänger dieser Schule nennt man vorzugsweise Jatrochemiker. Schon durch Paracelsus u. Helmont vorbereitet, gewann sie durch Sylvins de la Boe (1614—1672) eine festere Gestaltung; dieser sah in den festen Theilen des Körpers nur einen Destillationsapparat, in den flüssigen nur Alkalien u. Säuren; als Grund aller Krankheiten nahm er eine Schärfe der Säfte 596 Jatromathematik od. Jatromcchanik — Jauer. au. Diese Schule, die das humeralpathologische Moment in der einseitigsten Weise aufstellte, hat lange Zeit hindurch in der verderblichsten Weise gewirkt, aber anderseits doch auch ahnen lassen, welche Macht u. Kraft die chemischen Vorgänge auszuüben vermögen. Heilte steht die Chemie in physiologischer wie pathologischer Beziehung im innigsten Zusammenhänge mit der physiologischen u. pathologischen Physik; beide ergänzen sich gegenseitig zur Erklärung der Lebensvorgäuge. Den Uebergang der alten iatrochemischen Schule zur folgenden machte Sauctorius (P 1636) durch seine Uleäieiiis. stabioa. Thamhayn. Jatromathematik od. Jatromcchanik, Anwendung von mathematisch-physikalischen Lehrsätzen auf die Mediciu. Sie beruht zunächst auf der Berücksichtigung der Einwirkungen u. Gesetze der Temperatur, des Lustdruckes, der Elektricität, des Magnetismus rc. Die Anhänger dieses Systems heißen Jatromathematiker und bilden eine eigene Schule, die iatromathematische oder mechanische, von der man eine ältere u. eine neuere unterscheidet. Die ältere, vorbereitet von Sauctorius, wurde in England von Harvey, der sich aus Newton u. Descartes stützte, begründet, in Italien durch Borelli weiter entwickelt. Sie beruhte ans der Ausdehnung, der Figur und der Bewegung, deren Gesetze auf den Körper übertragen wurden; die Mediciu gestaltete sich so zu einem Theil der mechanischen Physik u. der angewandten Mathematik, Wissenschaften, die damals im Hellen Glanze zu strahlen anfiugeu, der Mensch zur Maschine, die den Gesetzen der Statik u. Hydraulik gehorchte. Und wie die iatrochemische Schule die Hnmoralpathologie in der einseitigsten Weise ausbildete, so diese die Solidarpathologie. Wie aber durch jene der Sinn für chemische Vorgänge besonders geweckt und befördert wurde, so Lurch diese die Ausmerksamkeit ans die Muskeln u. ihre Bewegung, sowie überhaupt auf das Verhalten der festen Theile. Eine unmittelbare Anwendung ihrer Lehrsätze auf die Praxis ist jedoch kaum zu bemerken, der Hauptvortheil derselben war mehr indirekter Natur. Herrschend war sie vor allen in Italien, England u. auch Frankreich; in Deutschland u. Holland behielt die Jatrochemie die Oberhand. Die neuere iatrochemische Schule, welche die strebsamsten u. hellleuchtendsten Geister in sich faßt, stützt sich in richtiger Erkeunlniß nicht aus die Physik allein, sondern weist jedem der einzelnen Zweige, vor allen der Chemie, die volle Gleichberechtigung zu. Thamhayn. Istropds D. , Pflanzengatt, aus der Fam. der üuxllorbiaosae-liipxomallSLS, tropische Sträucher mit langgestielten, häufig gelappten Blättern und eingeschlechtlichen Blütheu; Staubblätter in den mLnnl. Blüthen central od. um den rudimentären Fruchtknoten stehend; Frucht eine Kapsel mit schwielenlosen Samen. Arten: I. Oursns D., u. I. rmä- titiäa D. (^.äenorbopinm luiiltiüäuw), slldameri- kauische, in allen Theilen giftige Bäume, deren Samen Brechen u. Pnrgiren erregen u. so wie das von dem ersteren bereitete Öl (Höllenöl, Oleum infernale) officiuell waren. I. osüoinalio (Jäsnorbopinrn oliipbieuin), in Brasilien, liefert eme als Brech- u. Purgirmittel geschätzte Wurzel (Rais äs Min). I. Navilmt L. (i^i. plra Llanilrot Lk/r.. Lbanilwt utilissima 7^/ä Maniok- od. Cassavestrauch) im tropischen Amerika einheimisch und daselbst cultivirt, besitzt sehr dicke bis 10 Icss schwere Knollen, die einen sehr scharfen giftigen Milchsaft enthalten; da das Gift aber sehr flüchtig ist, so läßt sich dasselbe leicht entfernen u. wird das Cassave- oder Maniokmehl all- ' gemein zum Brodbacken verwendet. Tapioka ist eine ganz aus Stärke bestehende Sorte dieses i Mehles, welche auch als brasilianisches Arrow- ^ Noot in den Handel kommt. Die Samen such drastisch purgirend. I. lanipba ebenfalls in 8- Amerika besitzt süßschmeckendeKnollen (süße Cassave) ^ welche gebraten od. geröstet genossen wird. Engter." Jatrophysik (gr.), Anwendung der Physik aus ! die Heilkunde; s. Jatromathematik. ! Jätros (gr.), ein Arzt; daher Jatrik (Jatrv- ! technik), 1) Arziieikunde im Allgemeinen; 2) we- s Niger gebräuchlicher Name für Therapie. ! Jaubert, Pierre Amedee Emilien Probe geb. 3. Juni 1779 zu Aix in der Provence; siw ' dirte unter S. de Sacy die Orientalischen Sprache» wurde 1798 der Expedition nach Ägypten als Zw terpret b-igegebeu, wo er alle Proclamatioiie», Verträge, Capitulationen rc. übersetzte u. redigirte; ^ ging 1802 mit dem Colonel Sebastian! wieder nach dem Orient u. wurde dort vielfach als Unterhändler gebraucht; 1815 trat er in den Privat- stand, machte aber 1818 im Aufträge der Regier- ! trug in Handelsaugclegenheiten abermals eine Reise ^ in den Orient u. wurde darauf Professor an der ! Spccialschule der Orientalischen Sprachen n. am OollsAs äs Pranos in Paris, wo er Türkisch, ! Persisch u. Arabisch lehrte. Unter Louis Philipp ward er Staatsrath u. Pair von Frankreich. Er st. 30. Jan. 1847 u. sehr., außer vielen Abhandlungen aus dem oriental. Gebiete im äoarn. Lr. ! u. in der Rsvus enoz-elop.: VognZs on ^rweuie st sn iksras, 1821; Llsmsnts äs In langno Inrgue, 1823 (2. Ausl. Llömsnts äs 1a g-rammairsturgae, § Paris 1834); und übersetzte die Geographie des Edrisi, 1828, 2 Bde., 2. A. 1836—40. Jauche, 1) (Landw.) s. Dünger; 2) (Med.) s- Ichor. Jauer, 1) ehemaliges Fürstenthum in Niederschlesien, 3056 (55,x ÜZM), umfaßt die 5 Kreise Jauer, Bunzlau, Hirschberg, Löwenberg u. Schönau u. ein kleines Stück von Lauban, stimmt-! sich im preuß. Negbez. Liegnitz. Die Geschichte. ' s. u. Schlesien (Gesch.); 2) Kreis im Negbez. Lieg»! uitz, ist gebirgig durch Ausläufer des Ricsenge- birges, aber fruchtbar, wird von der Wüthendenj Neiße durchströmt u. von der Linie Frankeiistcni-l Naudten derBreslau-Schweidnitz-FreiburgcrEisen- bahu durchschnitten; 327,,, djlcin (5,gg (ZM) mit (1875) 33,610 Ew.; 3) Kreisstadt darin, ander Wüthenden Neiße (od. Jauerbach, einem Nebenfluß der Katzbach), Station der oben genannten Eisenbahn; evangel. Friedenskirche (von 1655), kath. Pfarrkirche (1267—90 erbaut), Gymnasium (früher Lyceum), Bürgerhospital, Wollenspinnerei, Zuchthaus, seit 1746 im vormaligen Schlosst, Fabrikation von Luch, Wollstoffen, Wagen, T>' garreu, Tabak, Handschuhen, berühmten Bratwürsten (Jauersche Bratwürste) rc., Gerbern, , 597 Jaueniig Dampfbierbrauerei, Flachsbau, Braunkohlengruben, wichtige Getreide- u. Viehmärkte, Garnison (Jnfan- tme): 1875: 10,404 E. In Altjauer, 2 Icm von I. die größte Zuckerfabrik Schlesiens. I. ist Geburtsort des Schriftstellers Karl Flügel u. der Schriftstellerin Hanke. I. war schon 1161 Stadt, wo sie in der Theilung an den Herzog Boleslaw I. kam; 1244 baute Heinrich HI. das Schloß u. residirte immer hier. 1303 wurde I. Hauptstadt des gleich». Für- stenthums, kam aber schon 1346 an Schweidnitz u. mit diesem 1368 an Böhmen. Seit 1404 werden hierdie wöchentlichen bedentendenGetrcidemärkte gehalten. 1629 hatte die Stadt durch die Liechtcnstein- schen Dragonaden, durch die die evangel. Schlesier zum Katholicismns bekehrt werden sollten, schwer zu leiden. 1640 wurde sie von den Kaiserlichen, 1646 von den Schweden, 1643 wieder von den Kaiserlichen genommen u. nicdergebrannt. H- Berns. Janernig (Javornik), Stadt im Bezirk Freiwaldau des österreich. Herzogthums Schlesien, am Fuße des Johannisberges, auf dem das gleichnamige Bergschloß liegt, Tuch- n. Leinenweberei, Kronraschfabrikation, Silber- u. Bleibergwerk; mit Johannisberg 2169, mit dem Dorf I. 3174 Ew. I. war früher ein Marktflecken u. gehörte dem Herzog von Schweidnitz; 1356 wurde es für das Bisthum Breslau gekauft u. erhielt Stadtrcchte. Das im Hnsttenkriege verwüstete Schloß nahe bei der Stadt baute Bischof Johann von Tnrzo 1505 wieder auf u. nannte es Johannisberg; jetzt ist es Residenz des Fürstbischofs von Breslau. H- Berns. Jauja, Stadt in dem peruan. Dep. Jnnin, am Fluß gl. N., in einer der fruchtbarsten Gegend des Landes, mit Lima durch Eisenbahn verbunden; 8000 Ew. äauns (fr.), gelb. I. auZInis, Bi- und Trini- trocresylsaure's Ammon, ist ein gelbrothes Pulver, welches in derGelbfärberei benutzt wird. ll. brillant, Schweselcadminm, ist eine schöngelbe Malerfarbe, dient auch zum Gelbfärben von Toiletteseifen u. in der Feuerwerkerei zur Erzeugung von Blaufeuer. I. inäisn, Euxanthiusaure Magnesia, ein gelber, aus Ostindien eingeführter Farbstoff. Jungck. Jannerthal (Vallss äs Ls1Is§aräs), Nebenthal der Saaue im Schweizerkantou Freiburg, mit mehreren Wasserfällen, u. a. einem 26 in hohen bei dem Dorfe Jaun (franz. Bellegarde), der sich säulenförmig herabstürzt. Die katholischen Bewohner dieses Thales sprechen theils deutsch, wie in Jan», theils französisch, wie in Galmers (franz. Charmey), Cerniat und CresuS. In dem alpenreichen, schönen I. wird hauptsächlich der vorzüg- iche Greyerzer Käse (kromnAS äs (irn^örss) bereitet. Seit 1872 wird an der Herstellung der Jaunerthalstraße (von Bulle nach Voltigen, Paßhöhe 1650 m ü. d. Meere) gearbeitet, durch welche das Thal eine ordentliche Straßenverbindung erhalten wird. H- Berns. Janp, Heinrich Karl, hessischer Minister, geb. 28. Sept. 1781 in Gießen, studirte daselbst 1798—1801 Jurisprudenz u. habilitirte sich hier 1803, wurde 1804 Professor, 1815 Geh. Referendar im Ministerium in Darmsiadt, 1820 Geh. Staatsrath ini Ministerium des Äußeren u. Mitglied des Staatsraths, 1824 Präsident der Gesetz- gebungscommissivu u. 1828 Präsident des Cassa- — Java. tionshofes für Rheinhessen; 1332 wurde er von Friedberg in die zweite Kammer der hessischen Landstände gewählt, wo er zur Opposition gehörte, u. nach der Auflösung des Landtages 1848 wurde er Mitglied des Vorparlaments, dann der Nationalversammlung n. im Juli d. I., nach H. v. Gagerns Austritt aus dem großherzoglichen Ministerium, Ministerpräsident. Als sich Hessen von der Union abwendete, trat er 1850 wieder ans dem Ministerium u. wurde als Geh. Rath zweiter Präsident des Oberconsistoriums. Er st. 5. Sept. 1860 in Darmstadt. Schriften: Über die Auflösung des Rheinischen Bundes u. der Schweizer Vermittel- ungsacte, ebend. 1814; Einige Worte über Preßfreiheit, ebd. 1833, u. verschiedene Abhandlungen; er gab mit Crome u. Floret die Zeitschrift Germanien, 1808—1811, 5 Bde., deren Fortsetzung: Germanien u. Europa, 1812, u. den Staatsboten, 1826 f., heraus. Lagai.- Jauregui, Jacques, Commis des Kaufmanns Anastro von Antwerpen; machte auf dessen Antrieb 18. März 1582 auf den Prinzen Wilhelm von Oranien einen Mordversuch u. wurde dabei sogleich getödtet. Jauregui y Agnilar, Juan de I., geb. um 1570 in Sevilla, lebte im Anfang des 17. Jahrh. als Maler u. Schriftsteller in Rom, bekleidete später eine Hofstelle in Madrid u. st. 1641 daselbst. Er gehörte als Dichter zu den Gregor- isten, als Maler zur Florentinischen Schule. Seine poetischen Werke, darunter Limas (Sev. 1618) u. das Gedicht Orkeo (Madr. 1624), in Fernande; Oolsooion, 6.—8. Bd., 1789 n. 1319. Er übersetzte auch Lassos Aminta, Rom 1607, und den Lucanus, Madr. 1684. Jaures, Constant Louis Jean Benja« min, franz. Admiral, geb. 3. Jan. 1823, machte, seit 1841 in der Marine, die Kriege in der Krim, Italien, China, Cochinchina u. Mejico mit, führte 1870 das Nordseegeschwader u. seit Novbr. d. I. das 21. Corps der französ. Landarmee, mit dem er erst gegen den Großherzog von Mecklenburg in der Perche stand, dann der Loirearmee zuge- theilt bei Le Maus kämpfte. Nach dem Frieden zum Contreadmiral ernannt, trat er in die Naiionalver- sammlung (linkes Centrum) u. wurde 1875 zum Senatsmitglied auf Lebenszeit erwählt. Lagai. Jauri, s. u. Gando. Jaut, s. Dschat. Java (richtiger Djawa gesprochen, die äabaäiu iusula (s. d.) der Alten, Mul I. bei den arabischen Geographen), eine der großen Sundainseln im Indischen Archipel, im N. von der Suuda- See, im S. von dem Indischen Ocean bespült, im W. durch die Sundastraße von Sumatra, im O. durch die Balistraße von Bali getrennt, ein in der Richtung von W. nach O. von 105°—114° ö. L. sich erstreckendes Eiland von ungef. 950Lm Länge mit einer durchschnittlichen Breite von 150 üm u. einem Flächeninhalt von (einschließlich der im NO. gelegenen Insel Madnra) von 134,475 Usicm. Es wird von einem breiten Gebirgszuge, bald in einer, bald in mehreren Ketten in der Richtung von W. nach O. durchzogen, welcher nach S. meist steil nach dem Meere abfällt u. das Landen nur !an wenigen Stellen (Pachitanbai) erlaubt, nach 598 Java. N. dagegen in eine weite, sumpfige aber fruchtbare Alluvialebene auslaust, die vielen Ankerplätzen Raum gibt. Den zum größten Theil aus Kalkbergen bestehenden, von malerischen Schluchten durchzogenen, stellenweise von größeren Ebenen unterbrochenen Gebirgszügen liegt eine ganze Reihe (bis 45 gezählt), theil's erloschener, theils noch thä- tiger Vulcane vor, die von der NWSpitze am Cap St. Nicolaus an diagonal die Insel nach SO.durchzieht und von denen als die bemerkenswerthesten der Ardjuno (3200 m), Smiru (3718 m), Legal od. Slamat (3486 in), Sumbin (3362 m), dann die durch ihre bis in die neueste Zeit verheerenden Eruptionen bekannten Gnntur, Galunggong, Merapi u. Lamongan zu nennen sind. Bei mehreren erloschenen haben sich in den Kratern Seen gebildet; zahlreiche heiße Quellen entspringen in ihrer Nähe, ebenso finden sich Schlammvulkane und Mofetten, von denen die bekannteste das Guevo-Upas oder Las Gift-Thal an den Flanken des Papandayang ist, ein kleines Thal, wo das frei ausströmeude kohlensaureGasunzähligenThierendenTod bringt. Eine für den Verkehr dienliche Flußentwickelung hat die Gestaltung der Insel nicht aufkommen lassen; unter den zahlreichen, für die Bewässerung u, Befruchtung des Landes unentbehrlichen Flüssen sind die bedeutendsten der Benjawan (Solo), Bran- tes u. Seraju. Das Klima ist ein tropisches, dabei jedoch nach der Jahreszeit u. Lage wechselndes. An der NKllste wegen der morastigen Striche sehr ungesund, geht es im Innern mehr in ein dem gemäßigten NEuropa ähnliches über. Die Jahreszeiten richten sich nach den Monsunen; von November bis April währt die nicht unangenehme Regenzeit, sonst herrscht drückende, trockene u. ungesunde Hitze. I. ist eines der an Pflanzen reichsten u. fruchtbarsten Länder der Erde. Bis zu den Spitzen der Berge ist der Boden von einer üppigen u. mannigfaltigen Vegetation bedeckt, in Betreff deren in Zusammenhang mit dem Klima 4 Regionen unterschieden werden. Die erste vom Meeresspiegel bis 600 in, mit heißem aber feuchtem Klima, das Terrain von zahlreichen Palmen (Cocos, Arenga), Leguminosen u. deS Reises, Zuckerrohrs u. Indigos aus der Reihe der Culturgewächse; die zweite, von da bis 1500 in, reich an Regen u. an schattenreichen Hochwaldungen mit der mannigfaltigsten Bauinvegetation (dar. Rasamala-Bäume, Arenga- Palmen, Tik-Bäume), vielen Bambusarten und Orchideen, dann von cultivirten Pflanzen an Mais u. besonders an ausgedehnten Kaffe- u. Theean- pflanzungen; die dritte bis 2300 m, kühl u. nebelreich, auchnochmit mächtigenWaldungenvonEichen- bäumen ».Laurineen, von üppigen Orchideen umrankt, Moosen u. Flechten. Hier ist mit Erfolg die Anlage der Cinchonapflanzungen versucht worden. Endlich die vierte kalte Region bis über 3000 m, mit wenigen u. verkrüppelten Bäumen, zahlreichen Moosen u. Flechten aber nahrhaften Gräsern bis an die höchsten Gipfel heran. Nicht minder reich u. mannigfaltig ist das Thierreich vertreten. Von wilden finden sich der Königstiger (noch immer zahlreich), zwei Arten Leoparden, Panther, zwei Wildschweinsarten, wilde Ochsen u. Hunde, das Nhinoceros; ferner 6 Rothwildarten, Stachelschweine, 5 Wieselarten, zahlreiche Nagethiere, es ' fehlt dagegen der Elephant. Die Bogelwelt iß durch prachtvolle Pfauen, zahlreiche Taubenarten Reiher, der Reisfreffer, Salanganen, dagegen durch wenige Schwimmvögel vertreten. Schildkröten Schlangen und Krokodile ,repräsentiren das Reich der Amphibien, neben denen das die Küsten um- spülende Meer unzählige Fische bietet. Von W. neralschätzen dagegen findet sich, abgesehen von etwas Goldsand u. einigen Eisenerzen nichts. Die Bevölkerung der Insel (1873: 18,125,28g) besteht in ihrer Hauptmasse aus 2 nahe verwandten, aber sprachlich verschiedenen Völkern malai- ischen Stammes, den J-nesen im O. n. Centrum n. den Sundesen im W., wozu noch eine geringe Anzahl meist an den Küsten wohnender Araber, Chinesen u. Europäer kommen. Die Eingeborenen ' sind ein nicht uneben gebildeter Menschenschlag, mit ! schwarzen Augen, dunklem, üppigem Haarwuchs, ! gelblich-brauner Gesichtsfarbe, geistig nicht unfähig, aber zurückgeblieben, wegen ihres sanften, lenksamen u. friedlichen Charakters sehr gelobt, allein wenig ohneAntrieb arbeitsam n. sinnlichenGenüssen(Betel- kauen, Tabak- u. Opiumgenuß) hingegeben. Ihre Kleidung ist ein weiter Mantel neben kurzen Beinkleidern, ihre Wohnungen biden niedrige Bambus- Hütten (nur die Vornehmen haben palastähnlicheGe- bäude), ihre Nahrung ist vorherrschend Reis, bei den Ärmeren Mais, dann Fische, wenig Fleisch; als Getränke dienen der Saft der Cocospalme u. eine Art gegohrenes Reiswasser. Ihre vorherrschende Beschäftigung ist der Ackerbau, den sie mit Hilf- ! von Zngthieren (Rinder u. Büffel), u. Benutzung des Wassers vorzüglich betreiben; die Industrie, obgleich das Volk in technischen Fertigkeiten, so Zuckersiederei, Schiffbau, Holzschnitzerei, namentlich ! der Waffenfabrikation, auf durchaus nicht niedriger I Stufe steht, ist unbedeutend, der Handel ausschließlich in den Händen der Europäer und Chinesen. Die alte Natnrreligion wurde im 6 Jahrh. n. Chr. durch den aus Indien kommenden Brahmanismus u. Buddhismus verdrängt, welche wiederum seit dem 15. Jahrh. dem jetzt herrschenden Islam haben weichen müssen; nur geringe Spuren des alten Glaubens finden sich noch bei einigen Bergbewohnern. Polygamie ist gestattet, aber nur bei Vornehmen üblich. Das Familienleben, ebenso wie das Gemeinde-Leben in den Dörfern beruht noch auf der patriarchalischen Grundlage des ehrfurchtvollen Gehorsams gegen Eltern u. Gemeindevorsteher. Die ganze Insel ist gegenwärtig Eigen- thum der Niederländischen Regierung, die Perle der Besitzungen im dortigen Archipel u. durch ihre Erträgnisse von äußerster Wichtigkeit sür den niederländischen Staat überhaupt. Sie steht unter einem General-Gouverneur mit dem Sitz in Batavia, der zugleich allen anderen Besitzungen (s. n. Nieder- ländisch-Jndien) vorsteht n. ist administrativ in 22 von Residenten verwaltete Bezirke (Residentien), davon 6, Batavia, Bantam, Krawang, Buiten- zorg, Tscheribon und Preanger--Regentschaft in WJ., 10, Legal, Pekalongan, Samarang, Kadu, Bagelen, Banjnmas, Kediri, Djapara, Madiun, Nembang im Centrum, 5, Surabaja, Pasuruan, Probolinggo, Besnki, Banjuwangi in OJ. liegen, 1 die Insel Madura bildet und in die 2 Fürsten- Java. 599 Ihllmer Surakarta u. Djokdjokarta, in denen den einheimischen Fürsten noch gewisse Einkünfte und Ehren zugestanden werden, die Negierung übrigens faktisch in den Händen niederländischer Residenten ist. Unter diesen stehen für die Verwaltung der einzelnen Unterabtheilungen theils europäische Beamte, theils vornehme Eingeborene, welche die die kleinsten Details regelnde bureau- kratische Verwaltung führen. Zur Ausrechterhaltung der Autorität dient eine in Europa durch Werbung gesammelte Armee von ungefähr 20,000 Manu. Indem die Niederländer an die Stelle der alten Negierungen getreten sind, denen nach altem Glauben aller Grund u. Boden eigenthümlich gehört, haben sie mit sorgfältiger Fernhaltuug aller Elemente, die diesen Glauben stören könnten, u. Benutzung des gehorsamen Charakters der Eilige- borenen ein System der Verwaltung geschaffen, welcher den einheimischen Finanzen bedeutende Zu- schlisse bringt. Der Kernpunkt desselben besteht darin, daß Privateigenthum auf der Insel nur in ganz geringem Maße zugelassen ist und daß die eingeborene, in Dörfern unter selbstgewählten Vorstehern mit gemeinsamem Grundeigeuthum steh ende Bevölkerung für die Bearbeitung dieses zu ihrem nothwendigen Lebensunterhalt schuldig ist, der Negierung eine gewisse Steuer, entweder in Natural-Producten oder in Arbeitstagen, abzulic- sern. Zur Durchführung ist die Anlage von Cochenille- u. Ciuchouapslanzungen Privaten untersagt u. Monopol der Regierung, die deren Bearbeitung Eingeborenen gegen keine oder geringe Entschädigung überträgt, wird die Cultur von Kassee, Zuckerrohr, Thee, Indigo, Pfeffer, Tabak Privatleuten nur unter der Bedingung gestattet, die Produkte gegen einen bestimmten Preis an die Regierungsmagazine abzuliefern und ist auch der Verkauf des überschüssigen Reises lediglich der Regierung überlassen. Ferner sind Monopole derselben das Sammeln der Salanganen-Nester, der Verkauf des Opiums, des aus Seewasser gewonnenen Salzes, des Tikholzes. Der Verkauf aller Produkte ruht bei der lediglich dazu gegründeten Niederländ. Handelsgesellschaft (kstsscksrlauäsolr Hauckelsinaat- sebapxz-), welche sie in Auktionen verkauft. Privathandel ist unbedingt verboten; dagegen in neuerer Zeit die Verfrachtung auf nicht-holländischen Schiffen gestattet. 1874 belief sich der Werth der Ausfuhr auf 144,212,000 Gulden (darunter für Kaffee 58 Mill., Zucker 40 Mill., Indigo 3 Will., Tabak 12 Mill., Thee 2*/z Mill.); der der Einfuhr auf 93,493,000 Gulden. So ist I. nicht allein eine Quelle des Wohlstandes für einzelne Niederländer, sondern gibt auch bedeutende Reinerträge au die Niederländische Staatskasse ab, die allerdings in neuester Zeit durch die großen Kosten des Krieges mit Arschin geschmälert werden. Trotzdem hat sich seit mehreren Jahren eine bedeutende Partei für Aufhebung dieser Verwaltung gebildet, theils aus den moralischen Bedenken, die Arbeitskraft der Eingeborenen, für die gar nichts gethan wird, rücksichtslos auszubenten, theils wegen der durch Aussaugung des Bodens und der Unmöglichkeit, mit den Produkten der Privatländereien zu concurriren, sinkenden financiellen Erträgnisse. Der Ausbau von Straßen im Innern ist durch die Negierung, welche dazu die Fronarbeit Eingeborener anspannt, sehr gefördert worden; von Eisenbahnen gibt es die Linie Batavia- Buiteuzorg u. Samarang-Djokdjokarta. Hauptstadt ist Batavia; andere größere Städte: Samarang, Surabaja, Mataram. Geschichte. Die ursprünglich von dem malaiischen Stamm der Javanen bewohnte, dem klassischen Geographen Ptolemäus schon annähernd bekannte Insel wurde in den ersten Jahrh. nach Ehr. von aus Indien (so 318 aus Kaliuga) aus- wandernden Brahmanen friedlich colonisirt, die ihre Religion mit der eigenthümlichen obersten Gottheit Batara-Guru, ihr Alphabet u. ihre Bildung dort verbreiteten; Spuren finden sich noch jetzt in den großartigen Tempelruincn. Auch der Buddhismus fand eine Stätte dort. Im 9. Jahrh. begann die Einwanderung der Chinesen. Eins eigentlich beglaubigte Geschichte der Insel beginnt erst mit der letzten Hälfte des 12. Jahrh-, wo sie in eine Anzahl kleiner Reiche, darunter die bedeutendsten Padschadscharan u. Madschapahit, getheilt war. Das letztere hatte unter Ankavcdschaja im 14. Jahrh. sich die Oberherrschaft über die Mitte u. den O. der Insel u. einen großen Theil des Archipels (OSumatra, Theile von Borneo u. Celebes) errungen; das erstere begriff WJ. in sich. Mit dem 15. Jahrh. begannen die Eroberungszüge der Araber u. das Eindringen der mohammedanischen Religion. Durch den Bekehrnngseifer ihrer Missionare, wie Raden Rakhmat, wuchs die Zahl der Anhänger bald zu einer bedeutenden Höhe. 1478 wurde das Reich Madschapahit durch den aufrührerischen Statthalter Raden Patah gestürzt u. von diesem das mohammedanische Reich von Mataram mit der Residenz Damak gegründet. Im W. hatte 1480 der Scheikh Maulana die Bekehrung befördert, den Herrscher von Pad- schadscharaug gestürzt u. das Reich in Bantam gestiftet. Letzteres zerfiel bald wieder durch Theil- ung unter seine Söhne; der älteste erhielt Tscheri- bon, der zweite Bantam, der dritte die NWKüste von I. n. Djambi u. Palambang in Sumatra. Durch Theilung u. andere Verhältnisse entstanden noch vier Sultanate, nämlich die von Djakatra, Kaliniamot, Kadu u. Madura, doch gingen vier davon wieder unter, so daß bei Ansiedelung der Europäer zu Ende des 16. Jahrh. nur noch Bantam, Djakatra, Tscheribon n. das mächtigste von allen, Mataram, auf I. bestanden. 1511 wurde die Insel den Portugiesen bekannt, welche daun Handelsverbindungen mit dc.i Einwohnern an- knüpsten. 1596 landeten die Holländer unter Hont- man in I-, verdrängten die Portugiesen u. fiedelten sich dort an. Bald erschienen auch die Engländer. 1618 nahmen die Holländer Djakatra weg, gründeten daselbst eine Niederlassung und bauten 1619 in der Nähe Batavia. Eine Reihe von falschen u. hinterlistigen Streichen begann nun. Die Holländer suchten, nachdem sie die inzwischen hier ansässig gewordenen Engländer wieder vertrieben hatten, auch die einheimischen Fürsten mit einander zu entzweien, um so desto sicherer zu herrschen; dann bemächtigten sie sich Tscheribons, schwächten nach u. nach Mataram u. zwangen endlich 1678 den Kaiser, sich ihnen zu unterwerfen n. 1683 den 600 Javana — Javanische Sprache u. Literatur. Sultan Hadschi von Bantam, welchem sie zuerst gegen seinen Vater beigestanden hatten, ihnen seine Hauptstadt einzuräumen; 1742 wurde Bantam so- gar ein Lehn der HollLndisch-ostindischen Compagnie. So war denn Mataram noch allein übrig, u. auch dieses Reich verlor fortwährend an Kraft II. Besitz, so zweigte sich 1749 von ihm das Reich Djokbjokarta ab. Endlich mußte der Kaiser bei einem Einsall der Mankassaren u. Maduresen, welcher ihm den Untergang drohte, die Holländer zu Hilfe rufen, welche ihn zwar von den äußeren Feinden befreiten, allein von nun an die Herren im Lande spielten, das Reich willkürlich theilten u. die eine westl. Hälfte dem rechtmäßigen Erben, welcher nun den Titel Susnnan führte, die andere aber einem Seitenverwandten desselben mit dem Titel Sultan gaben. Die Fürsten lebten in gänzlicher Abhängigkeit von den Holländern, mußten an ihrem Hofe holländische Residenten u. bei ihrer Hauptstadt ein von den Holländern besetztes Fort dulden, und wurden noch allerhand Beschränkungen unterworfen. So blieb das Verhältniß bis 1811, ivo die Insel von den Engländern erobert wurde, unter deren einsichtigem Gouverneur Sir Stam- sord Raffles die Colonie sehr aufblühte. Durch den Pariser Frieden kam I. wieder an die Holländer und wurde von ihnen 1816 besetzt. Anfangs nahm die Blüthe unter den Niederländern wieder ab, bis die Gouverneure van der Capellen n. van den Bosch das oben geschilderte Cultur- system einsiihrten u. damit reiche financielle Erträgnisse erzielten. Daneben hatten sie aber mehrfach mit den widerspenstigen Eingeborenen, welche sich nicht fügen wollten, zu kämpfen. Am gefährlichsten war der Aufstand des Dhipo Negoro um 1825, welcher erst nach langen, verlustvollen Kämpfen unterworfen wurde. Seitdem hat aus I. im Ganzen Ruhe geherrscht. Vergl. Raffles, öistor^ ot' llava, 2 Bde., 2. Ausl., Lond. 1830; I. Crawsurd, Llistarv ob tiis Inäran LrodipslnAo, Edinb. 1820, 3 Bde.; Noorda van Eijsinga, stets ovsr Isteäsrl. Inä., Kämpen 1836—50, 4 Bde.; Junghuhn, I., seine Gestalt, Pflanzendecke und innere Bauart (deutsch von Haßkarl, Lpz. 1852 bis 1854, 3 Bde.; Derselbe, J.-Album, Lpz. 1855 bis 1856; I. Müller, Beschreibung der Insel I., Berl. 1866; Bickmore, Reisen im Ostind. Archipel, Jena 1869, u. viele andere Reisewerke. Thielemaim. Javana, bei den alten Indern der Name für die Bewohner des W., speciell die Griechen; jetzt für die Mohammedaner u. überhaupt Leute fremden Stammes. Javanische Sprache u. Literatur. Die J. S-, welche von dem größten Theil der Bewohner Javas od. ungefähr 15 Millionen Menschen (der Rest im W. der Insel spricht das Snndaische) gesprochen wird, gehört zur Malaiischen Gruppe (s. d.) des malaio-polynesischen Sprachstammes. Sie ist in ihrer grammatischen Structnr mit dem Malaiischen u. den benachbarten Sprachen (dem Bugi, deni Mankassarischen u. a.) zwar sehr nahe verwandt, zeigt aber in lexikographischer Beziehung viele Abweichungen, zumal sie viele Wörter, meist wol vermittelst des Kavi (s. d.), der alten heiligen und gelehrten Sprache Javas, aus dem Sanskrit, wenigere seit der Bekehrung zum Islam aus dem Arabischen ausgenommen hat. Das ältere Javanisch ist von der heutigen Volkssprache ziemlich verschieden. Außerdem muß man im Ja. vanischen zwei Sprachweiscn unterscheiden, die Los» Icromo (d. h. eigentlich die geregelte, dann aber die ehrerbietige Sprache, das Hoch-Javanische 8oo§ stavuansoti der Holländer), welche von den Niederen gebraucht wird, wenn sie mit einer ä>. teren od. angeseheneren Person sprechen; u. Los, n^oiro, in welcher der Höhere den Niederen an- redet. Zwischen beiden steht noch eine Zwischen- stufe, das Lass umüjo od. die mittlere Sprache. Der Unterschied der beiden Sprachweisen besteht in dem Unterschied der Pronomina, dann in einer Anzahl Wörter u. Endungen, welche, der niederen Sprache angehörig, in der höheren durch andere ersetzt werden. Die mittlere besteht aus dem nie- , deren Javanisch, vermischt mit den geläufigsten ! Worten und Wortformen der höheren Sprache. ! Eine vierte ist die Los» lerabon, die Sprache des ! Hofes, deren sich die Fürsten bedienen. Dieselbe ist das Hochjavanische, mit Ausnahme einzelner Worte, welche ihr eigenthlimlich sind. Die java- , nische Schrift, welche von der Linken zur Rechte» geschrieben wird, ist ans dem Devanagari der ! alten Inder entstanden und soll 73 v. Chr. von Adji-Satä eingeflihrt worden sein. Sie besteht aus 20 einfachen Consonanten, deren jeder noch eine einfachere Form hat, welche zur Bildung von Doppelconsouanten gebraucht wird, indem sie anzeigt, daß der vorhergehende Consonant ohne Bocal gesprochen werden soll. Die Vocale, mit Ausnahme des kurzen o od. a, werden durch besondere Zeichen über, unter od. neben dem Consonanten ansgedrückt. Die Hauptwörter sind nach Geschlecht, Zahl und Casus unveränderlich, die Casus werden durch Stellung u. Präpositionen ausgedrückt. Der Plural wird durch Wörter, die viel, alle u. dgl. bedeuten, od. durch Verdoppelung ausgedrlickt. Die Adjectiva sind gleichfalls > unveränderlich u. stehen nach ihrem Substantiv. s Es gibt verschiedene Pronomina für die erste und s zweite Person, deren Gebrauch von dem Rang ^ des Redenden abhängt. Die Conjugation ist sehr > einfach, da das Verbum weder nach Person noch ! Zahl eine Veränderung erleidet; die Tempora werden durch Beifügung gewisser Partikeln ausgedrückt. Grammatiken von Gericke, Batav. 1831; von I. Roorda, Amsterd. 1855, verkürzt 1874, von Favre, Paris 1866; Javan.-Holl. Wörterbuch von Roorda van Eijsingga, Kämpen 1834 f., s > Bde.; von Gericke, Amsterd. 1847; javan.-sranz. l von Favre, Wien 1870. Die I. L. besitzt eine beträchtliche Anzahl Werke ! sehr verschiedener Art u. zum Theil von eigen- thümlichen Werthe. Dahin gehören die Labaäs, sehr umfangreiche Chroniken, von denen einige in Prosa abgesagt zu sein scheinen, während sonst auch uichtpoetische Werke gewöhnlich in Verse eingekleidet sind. Es gibt mehrere solche Geschichten für die ganze Insel, ebenso auch für die kleineren javanischen Fürstenthümer u. Herrschaften. Sie werden jetzt einzeln in Surakärla publicirt, so Babad Damak, Babad Pabjang, Babad Mataram. Die viel mit Fabeln dnrchwebte ältere Geschichte Javas erzählt Las Buch ^.äji-Laka Javca — ausgeg. von Gaal u. Roorda, Amsterd. 1857). Beachtung verdienen auch die javanischen Gesetzbücher od. ^nMr (heransgegeben von Roorda, Amsterd. 1844); ferner das Litab tulipast oder das Nechtsbnch der Mohammedaner auf Java (herausgeg. von Keijser, Haag 1853); das kau- niti Lastro rc. Legendenartige Bearbeitungen moslemischer Stoffe sind die 8srat Raäja Lirau- gon, d. i. Geschichte des Königs Pharao lheraus- gegeben von Roorda, Haag 1853) u. Lsrat Is- üaiiäsr, die Geschichte Alexanders, Biographien berühmter Javanen in der Form von Romanen; die Geschichte des HanZIinA äarmo (herausgeg. von Winter, Batavia 1853). Eigen- thümlicher Art sind die LumpatiLu od. die Texte zu den theatralischen Aufführungen (Vana- XrmAan od. bloß Vazmux, ähnlich unseren chinesischen Schattenspielen). Diese Lampattau beruhen, wie namentlich auch die verschiedenen epischen Dichtungen, auf indischen Sagen und Mythen, welche jedoch ganz frei im javanischen Geiste bearbeitet sind. Die altindischen Helden u. Namen treten in diesen Epen ganz so auf, wie in den modernen abendländischen Literaturwerken die des I griechischen u. römischen Alterthums. Die meisten Epopöen, wie sic jetzt vorliegen, haben meist zwei, öfter auch drei Redactionen erfahren. Alle waren zuerst im Kavi geschrieben, wurden dann javanisch ii. zuletzt aus diesem auch häufig noch ins Malaiische übertragen. Am bekanntesten unter denselben sind das Lrata-Ünälia, das Lama und die ,4räjuua.-8asrakm!iu (herausgegeben in prosaischer Abkürzung von Winter, Amsterd. 1845) und die auf Java sehr populäre Dichtung Vivakia (her- uusgeg. von Geriete, Batavia 1845; vgl. Roddet, äourual ^.siat., 1858, Bd. 12). Ein Werk re- ligiösen Inhalts ist u. a. die sehr geachtete Llanilc Lka^a (herausgeg. von Holländer, 1851). Durch die Missionare sind in neuerer Zeit mehrere javanische Schriften christlichen Inhalts verösfent- ^ licht worden; die erste Übersetzung des N. T. lie- l ferte Gottlob Brückner (Serampore 1817); »er- breitster ist die neuere von Gericke (Haag 1852, I 3 Bde.). In Java selbst hat sich sonst bes. C. F. Winter viel Verdienste um die einheimische Literatur erworben, u. a. wurde von ihm 100t Nacht ins Javanische übersetzt (Haag 1853, 2 Bde.). In Europa wird das Studium der I. S. u. L. bes. in Holland (T. Roorda, P. P. Roorda , van Eijsingga, Keijser, Holländer, Meiesma rc.) betrieben, neben diesen sind zu nennen der Eug- " lander Crawfurd, die Deutschen Roß u. Friederich, die Franzosen Dulaurier u. Favre. Viele Forschungen sind niedergelegt in der in Batavia erscheinenden Pjj äsottrikt kor Lsäsrl. Inckis. Thi-lemann. Javea, Stadt in der span. Prov. Alicante, an einer schönen Bai des Mittelländischen Meeres, zwischen Cap Sau Martin und Cap San Antonio, mit schlechtem Ankerplatz und Fischerei; 5785 Einwohner. Javellische Lauge, s. Lau äs äavskls. Javcllus (Javello), Chrysostomos, Benediktiner aus Canavese (daher Canapitius), 1508 bis 1514 Lehrer der Theologie u. Philosophie in Bologna, privatisirte dann und st. um 1540; er war einer der vorzüglichsten Erklärer des Aristo- Jazygen. 601 teles; seine philosophischen Werke, Lyon 1567—74, n. Ausl. 1580, 3 Bde., Fol. Jatiornik, Stadt, so v. w. Jauermg. Jaworöw, Stadt u. Hauplort im gleichnam. galiz. Bez. (Österreich), mit 2 weitläufigen Vorstädten; Basilianer-Nonnenkloster, Waisenanstalt, guter Getreidebau; 8699 Ew. I. war einst Lieblingsaufenthaltsort des Polenkönigs Johann So- bieski, der hier die Glückwünsche des Papstes u. der Republik Venedig wegen des bei Wien über die Türken erfochtenen Sieges empfing; hier wurde auch Peter'der Große mit Katharina I. getraut. Jaxartes, nach den klassischen Geographen Fluß in Asien, der in seinem unteren Laufe Svgdiana von den nomadischen Skythen (Massageten) trennt; u. sich theils in das Kaspische Meer ergoß, theils in Sümpfen verlor. Er war die Grenze der Eroberungen von Kyros u. Alexander d.Gr. Es ist der heutige in den Aralsee mündende Sir-Darja. Jaxt u. Zusammensetzungen, s. Jagst. Jay, County im nordam. Unionsst. Indiana, u. 40» n. Br., 85° w. L.; 15,000 Ew. County- sitz: Portland. Jay, Antoine, franz.Publicist, geb. 20. Oct. 1770 zu Guitres in der Gironde; studirte die Rechre, wurde in der Revolution verhaftet, aber bald wieder sreigelassen, erhielt 1795 eine Verwaltungsstelle, entsagte derselben jedoch und ging nach NAmerika; 1802 zurückgekehrt, wurde er Erzieher von Fouch.es Kindern, Advocat, 1812 Hauptredac- teur des äourual äs Larls, 1813 Professor der Geschichte am Athenäum u. während der Hundert Tage 1815 Mitglied der Deputirteukammer; er bciheiligte sich dann an der Redaction des Lousti- dutiounsl, gründete 1818 die Zeitschrift Lliusrvs, wurde aber 1822 zu gleicher Zeit mit Jouy wegen Äußerungen in der Louvstts LioArapbüs äss oon- tsmxorains angeklagt u. mir diesem 1823 zu mehr- monatlicher Gefängnißstrafe verurtheilt. Im Gefängnis; zu St. Pclagie schrieb er mit Jouy Lss llsrmitss en prisou, Par. 1823, 2 Thle., 6. Aust. 1826, u. nach ihrer Befreiung gaben beide Lss ttsr- mitss sulibsrtö, ebd.1824, 2 Thle., heraus; erschr. auch: Labkoau littsr. äu 18ms slvsls, ebd. 1810 (Preisschrift); (Lausur ou Lsssü äs Lioolas Lrss- man, ebd. 1812; List, äu mimstsrs äu Onräi- n-rl Liotisttsu, ebd. 1815, 2 Thle.; Osusräsratious sur I'stat polid. äs 1'Lurops, ebd. 1820; La oou- vsrsatiou ä'uu rsmautigus. ebd. 1830; Osuvrss ttttsrairss, ebd. 1831, 4 Bde. I. war einer der strengsten Anhänger der class. Schule, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, so wie der frz. Akademie, u. st. 9. April 1854 beiGnitres. Henne-Am Ryyn.* Jayme (span.), so v. w. Jakob. Jazlowiee, Marktflecken im galiz. Bez. Czort- kow (Oesterreich); Kaltwasserheilanstalt, alte Be- festigungswerke nebst malerischen Überresten beträchtlicher Bauwerke, die meist mit armenischen Inschriften bedeckt sind; 3695 Ew. Hier wurden 1684 die Tataren durch Potocki geschlagen. Jazygeit (Jazyges, Jaszigen), ein sarmatischer Volksstamm, von nomadischer Lebensweise, der, ursprünglich im slldl. Rußland streifend, im 1. Jahrh. v. Chr. in die Niederungen zwischen Donau und Theiß vorürang. Von hier fielen sie 172 n. Chr. in das röm. Pannonien ein, wurden jedoch von M. 602 Jazyaicn u. Kumcmieii — Jbcria. Aurelius mit großem Verlust zurückgeschlagen u. auf ihre Wohnsitze beschränkt. Sie werden in der folgenden Zeit theilweise unter den Söldnerschaaren Roms erwähnt, theilweise setzten sie, wahrscheinlich in Verbindung mit germanischen Stämmen, Gothen u. Vandalen, ihre Angriffe fort u. machten Ver- theidigungszüge kölnischer Kaiser nothwcndig, so des Carus 282, des Constantius, Theodosius. Seit dem S. Jahrh. den Gothen unterworfen, verschwand ihr Name aus der Geschichte, erscheint jedoch später wieder in dem Ungar. Verwaltungsbezirk Jazygieu (s. d.). Seit dem 13. Jahrh. kamen wieder I. in der Theißgegend zum Vorschein, und zwar als Abkömmlinge der Petschene- gen, Kumaneu, Bulgaren u. Szekler (also ebenfalls slavisch-sarmatischen Ursprungs) sie sind gegenwärtig mit den Magyaren vollständig verschmolzen. Ihr District (in Ungarn zwischen Donau und Theiß) wurde früher von den Königen von Ungarn oft bei dem Deutschen Orden verpfändet, von ihnen selbst aber stets wieder eingelöst. Gegenwärtig ist er mit Knmanien zu dem District Jazy- gien u. Knmanien (s. d.) vereinigt. Jazygieu u. Kumanien, District im König, reich Ungarn, östlich von der Donau u. zu beiden Seiten der Theiß, besteht aus 6 größeren, von einander getrennt liegenden Theilen und eben so vielen kleineren Parzellen, die von den Comitaten Csanad, Csongrad, Bäcs, Heves, Szabolcs, Bihar, Bckes, Pest-Pilis u. Pest-Solt eingeschlosscn oder begrenzt werden; 4728,5g dskiu (85,gg si^M) mit 215,526 Ew. (auf 1 f^jkin 46, in ganz Ungarn 51). Der District wird durchflossen vom Berettyo, KöröS, Zagyva u. a., ist eben u. ungemein frncht- bar. Prodmte: Weizen, Korn, Hafer, Mais, Hirse, Spargel, Tabak, Melonen; Pferde, Rindvieh, Schafe rc. Die Haupterwerbsquellcn der Bewohner bilden der Ackerbau u. die Viehzucht, namentlich die Rindvieh- u. Schafzucht; die Industrie ist gering. Die österreich. südöstl. Staats- u. die Theißbahn durchschnciden den District. Die Bewohner sind zum größten Theil Magyaren, der Religion nach zur größeren Hälfte Römisch-Katholische, zur kleineren Nesormirte, daneben einzelne Griechen, Israeliten rc. Eingetheilt ist der Kreis in 3 Stuhlbezirke n. wird von einem Obercapitän verwaltet. Hauptort ist Jasz-Bereny. H- Berns. Jbagua, Stadt im Dep. Cundinamarca der Republik Cvlombien, 146V m ü. d. M.; Cacao- u. Znckerrohrpflanzungen, Bergbau; 7200 Ew. Jbarra, Stadt im Depart. Quito der süd- amerikan. Republik Peru, 2370 m ü. d. M., am Fuße des 4582 in hohen Vulcan Jmbaburu, am Tagnando, höhere Unterrichtsanstalt, Hospital; 13,000 Ew. 1597 gegründet. Jbarra, Joachim, berühmtester span. Buchdrucker, geb. 1726 in Zaragoza, gest. als Hos- buchdrucker Karls III. in Madrid 23. Nov. 1785; brachte es, ohne je in der Fremde gewesen zu sein, in der Buchdrnckerkunst so weit, daß seine Druckarbeiten (Bibelausg., das mozzarabische Missale, von Hnijvto, 4 BLe., 1780, mit Kupfern, Gesch. Spaniens von Mariana, 1780, 2 Bde., Übersetzung des Sallnst ins Spanische rc.) bei einem Vergleiche der im brit. Museum vorhandenen älteren Drucke von der J-ry der Lond. Weltausstellnna 1851 als die vorzüglicheren anerkannt und den Drucken Didots rc. gleichgestellt wurden. Ibbenbüren, 1) Stadt im Kreise Tecklenburg des prenß. Negbez. Münster, an der Aa in einem Thale zwischen dem J-er Steinkohlengebirge im N. u. dem Teutoburger Walde im S., Station der Hannoverschen Staatseisenbahn; evangel. und kathol. Kirche, Synagoge, 2 Dampfmllhlen, Stärkefabrikation, Flachsmärkte; 1875: 3760 Ew. In der Nähe Steinkohlen-, Eisenstein- u. Bleierzgruben. 2 ) Kirchspiel dabei: 2 große Glashütten, Eisenstein- u. Steinkohlengrubcn;'l875: 5306 Ew. Das J-er Steinkohlengebirge ist der nordwestlichste Theil des hercynischen oder Sudetensystems, bei I. im prenß. Negbez. Münster; erhebt sich, 15 km lang u. 6 km breit, einer Insel gleich aus der Tiefebene u. ist nur durch ein schmales Thal vom Teutoburger Walde getrennt. Das Kohlengebirge ist von jüngeren Formationen (Zechstein bis zum mittleren Jura) umlagert u. hat als höchste Gipfel den Goldberg (175 m), den Schafberg (169 m) u. den Königsberg (143 m). H. Berns. Iberer (a. Geogr.), s. u. Jberia. Jberia (a. Geogr.), 1) Landschaft in Asien, das heutige Georgien oder Grufien (die Bewohner hiervon früh von den Griechen Georgi genannt als Ackerbauer im Gegensätze zu den Nomaden), grenzte im O. an die asiatische Landschaft Albanien (zum Theil bildete der Fluß Alazonius, der heutige Alasan od. Alacks die Grenze), im S. an Armenien, im W. an Kolchos (die Nosoin und Nosebioi monteo) u. im N. an den Kaukasus n. Sarmatien. Nach der Meinung der Alten hatte es nur vier Zugänge. Das Land war nämlich eine sehr fruchtbare, rings von Bergen umschlossene, besonders vom Flusse Kyros (jetzt Kur od. Men- kari), aber auch von dessen Nebenflüssen Aragus (jetzt Aragui oder Brak) mit dem Kambyses (jetzt Gori od. Jori) u. Pelorus durchströmte und bewässerte Ebene. I. brachte viel Getreide, Öl n. gute Weine hervor (manche halten I. für die Heimath des Weines). Die Einwohner (Iberer, Jberi, Jberes), auf einer höheren Culturstufe als ihre Nachbarn, sollten nach Ansicht der Alten zum Medisch-Assyrischen Volksstamme gehören, weil die Bewohner der Ebene dessen Sitten n. Gebräuche hatten, u. waren in 4 Kasten getheilt: Edle, aus denen der Fürst gewählt wurde; Priester, welche zugleich die Nechtserfahrenen waren; Krieger und Landbauern; Sklaven, welche Eigenthum des Fürsten waren u. alle öffentlichen Arbeiten verrichteten. Diese Kasteneintheilnng scheint deutlich aus indische Abstammung hinzuweiscn. Unter den Ortschaften des Landes waren die wichtigeren: die Festungen Harmozika nnd Jnroeipaach, Mestleta, Artaniffa; doch waren sie alle nur unbedeutend. I. wurde schon früh unter persische Hoheit gebracht; seit Trajan bemächtigten sich die Römer des Landes, bis es nach dem Tode Julians wieder au die Perser kam. Im Mittelalter erlosch der Name s. unter Georgien (Gesch.). 2 ) Alter Name für Vlspavia. Um 500 vor Ehr. kommt der Name zuerst vor (wol nur für den östlichen Theil der Südküste bis zu den Säulen des Hercules (Cap Calpes, od. auch nur für das Land zwischen dem ^berus (Ebros u. den PyrenäenV Nack Strabo Jberia — Ibis. 603 hätte man im Alterthume alles Land westlich vom Rhodanus so genannt. Später wurde der Name I. auf die ganze Halbinsel übertragen, bis seit der römischen Invasion der Name Hispaniu auf- kommt. Die Alten leiteten den Namen I. gewöhnlich von dem Flusse JberuS her. W. von Humboldt (Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner HispanienS vermittelst der BaSkischen Sprache, Berl. 1821) sucht jedoch die meisten auf uns gekommenen Personen- u. Localnamen in dem alten I. aus der Sprache der Basken zu erklären u, so weist er auch bei dem Namen I. auf die bas- kischen Worte Ibarra, (d. i. Thal) u. Ibazm (d. i. Fluß) hin, mit denen der Name vielleicht zusammenhinge. — Die Iberer (vielleicht ist das Land nach dem Volke genannt) waren nach der Annahme der Alten die Ureinwohner des Landes u. hiermit stimmen auch die Ergebnisse der neuesten Forschung überein. Jedenfalls ist die Annahme richtig, daß die Iberer vor den Kelten in Europa eingedrungen sind, ja sie scheinen sogar in frühester Zeit über Gallien, Italien und die Inseln des Mittelmeeres sich verbreitet zu haben. Nach ihrem Übergange vom südlichen Gallien nach der Pyrenäischen Halbinsel wurde ihnen bald das neue Gebiet durch Kolonien fremder Völker und durch neue Völkerstämme geschmälert. Später wander- ten Kelten zu ihnen über die Pyrenäen herüber und vermischten sich mit ihnen; daher die Keltiberer (s. d.). Doch blieben auch unvermischte, theils rein iberische, theils rein keltische Stämme im Lande wohnhaft. — Man muß auch noch Iberer in engerer Bedeutung als einen einzelnen Stamm der alten Bewohner HispanienS von den Iberern im weiteren Sinne, d. h. sämmtlichen Ureinwohnern des Landes, unterscheiden. Neuere Forscher halten die Iberer Spaniens wol für gleich mit denen Asiens, so daß jene von diesen abstammten; W. von Humboldt aber (in der oben erwähnten Schrift) hält die Iberer für ein im Westen Europas einheimisches Urvolk. Die Iberer hatten auch ein eigenes Alphabet. Als einen Res! der Iberer betrachtet man das heutige Volk der Basken (s. d.) in Spanien. H-in-in-mn. Jberia, County im Nordamerika!!. Unionsst. Louisiana, u. 29" n. Br., 92° w. L.; 9042 Ew. Countysitz: New-Jberia. Ibsri» T,., Pflanzengatt, aus der Fam. Oruei- ksrus-MUaspIäsas (X.V. 1), ausgezeichnet durch vier sehr ungleiche, an den äußeren Blüthen strahlende Blumenblätter, u. zusammengedrllckte, ovale oder verkehrt-eirunde Schiffchen, mit cin- samigen Fächern n. kahnsörmigen Klappen. Un- esähr 20 Arten in Südeuropa und Kleinasien, iervon einige in Cultur u. bes. zu Einfassungen geeignet, so 1. nmbsUntn T,. init aufrechtein, meist oberwärtS ästigem Stengel, lanzettlichen oder linealischen, spitzen Blättern u. hellpnrpur- rothen Blüthen, aus Südenropa; l. umara, L. mit aufrechtem, ästigem Stengel, keilförmig länglichen, stumpfen, beiderseits wenig und entfernt gezähnten Blättern und mit weißen Blüthen, in Süddentschland. Engl-r. Iberisches Gebirge, das östliche Randgebirge des centralen Tafellandes in Spanien, welches nicht als Kettengebirge, sondern in einzelnen, theils durch PlateauS, theils durch Parameras verbundene Gebirgsmassen von den Quellen des Ebro in der Richtung von NNW. nach SSO., indem es sich nach S. hin bedeutend ausbreitet, bis zum Mittelmeere zieht u. so die Hauptwasserscheide zwischen dem Atlantischen u. dem Mittelmeere bildet. Man kann dieses Gebirgssystem in folgende 5 Abtheilungen zerlegen: 1) die altcastil- ische Kette oder das Jdubedagebirge (MonS Jdu- beda), mit der Sierra de Pancorvo, Sierra de Oca, Sierra de Urbion, Sierra Le Moncayo, die eine Höhe von 1625—2400 m erreichen sollen; 2) die Parameraskette von Molina, ein auS gewölbten, steil abfallenden, meist kahlen Plateaus bestehender Gebirgswall, bis zu 1280 in hoch; 3) die Serrania de Cuenca, ein weitverzweigtes Bergland, das einen Raum von etwa 8260 s^j lcm (150 s^sM) bedeckt, sich über den südöstlichen Theil des neucastilischen Tafellandes ausbreitet u. aus einem größtentheils mit Wald bedeckten, von vielen Thälern durchfurchten Plateau besteht, dessen wenig zusammenhängende Gebirgszüge in den höchsten bekannten Punkten, Cerro de Poy und Muela de S. Juan, noch nicht die Höhe von 1450 m erreichen; 4) die nordvalencianische Berg- terrasse, ein hohes Plateau, auf dem sich, namentlich auf seiner südlichen Abdachung, gewaltige Ge- birgsketten erheben, die sich durch große Schroffheit u. Zerrissenheit auszeichnen, u. ans denen der weithin sichtbareKegelderPenagolosa (2250m), der höchste Gipfel der Gebirge Valencias, emporragt; 5) das südvalencianische Gebirge, besteht aus einer Menge paralleler, wenig od. gar nicht zusammenhängender Gebirgszüge (Monte Carochc, Sierra de Mariola, Aitana rc.), welche, am Rande des neucastilischen PlateauS beginnend, in der Richtung nach der Küste hin, wo viele in steilen Vorgebirgen endigen, an Höhe zunehmen. H- Berns. Iberische Halbinsel, so v. w. Pyrenäische Halbinsel (Spanien u. Portugal). Iberisches Meer (a. Geogr.), der Theil des Mittelineeres an der Südküste Spaniens u. um die Balearen. Jüerns (gr. Iber), der heutige Fluß Ebro (s.d.). Jberbille, County im nordamerikan. Unionsstaate Louisiana, u. 30" n. Br., 91° w. L., 12,347 Ew. Countysitz: Plaquemine. Jbicny-guasso, schiffbarer Nebenfluß des Uru- guay in der brasilischen Prov. Rio grande do Sul. Ibläsm (abgekürzt ib.), ebendaselbst, in derselben Schrift, an derselben Stelle rc. Jbi Gamin, Bergspitze des Himalajagebirges in Asien, im N. von Garwhal, 7625 m hoch. Ibis Sichler, Gatt. Watvögel, Fam. der Reihervögel; Schnabel lang, bogig gekrümmt, nach der Basis hin verdickt, Oberschnabel mit Furche, bis zur Spitze, die vou der Nasengrube aus beginnt, fast vierkantig, Kinnwinkel nur eine Furche au der Unterseite des Schnabels; Kopf od. nur Kehle u. Gesicht nackt. Diese nach Körperbau n. Betrage» den Reihern od. auch Störchen ähnlichen Vögel leben in den wärmeren Theilen vou Asien, Afrika u. Amerika; nur eine Art ist südosteuropäisch. Arten: I.reliAiosaSnr^., Heiliger I.; von Haushuhngröße; der nackte Kopf u. Oberhals schwarz, sonst fast ganz weiß. Bürzelsedern lang, zerschlitzt, 604 Jbn — Jb schwarz mit violettem Schiller, die Flügelspitzen und den Schwanz bedeckend; nistet auf Bäumen. Jetzt nur noch in Nubien. Der I. galt, als Ver- rilger des Ungeziefers nach Nilüberschwemmungen, mehr aber wol als Götterbote, der durch seine Ankunft die segensreiche Überschwemmung ankündigt, den Ägyptern fiir heilig, wurde in den Tempeln gehalten, mumisirt und in den Todten- stätten beigesetzt. I. kaloinolla, europäischer I. Krähengröße. Braun mit grünem Metallglanz. Ungarn, Abessinien, Ostindien. I. rubra, rother I. Scharlachroth, SAmerika. Farwick. Jbn, (Ebn, arab.), so v. w. Sohn. Jbn al-Athir (al Dschazari), Abul Hassan Ali ben Mohammed Jzzeddin, einer der ausgezeichnetsten arab. Geschichtschreiber, geb. 1160 in Dschazirah am Ufer des Tigris, woher sein Beiname al Dschazari, lebte meist in Mosul, wo er seinen Studien oblag u. Gebildeten u. wißbegierigen Zuhörern gern Zutritt gestattete. Auch nahm er mit den Truppen von Mosul Theil an dem Kriege gegen die Kreuzfahrer; er st. in Mosul 1233. Berühmt ist seine ausführliche Geschichte von Erschaffung der Welt bis zum I. 1231, betitelt Lamil ot- torvarlikb, aus der sogar Abnlfeda nach seinem eigenen Geständnisse den besten Theil seiner Nachrichten geschöpft hat; herausgeg. von Tornberg (Obronioon guock perksotissimum insoribitur), Ups. n. Leyd. 1867—74, 13 Bde. Von seiner Geschichte der Atabeks findet sich eine Notiz von de Guignes in den Ilvtiess ei Lxtraots, Bd. I., S. 542 f. Jbn al Beitar (Jbn Beithar), Abu Mo- hammed Abdallah Dhija eddin al Maleki, gebürtig zu Benana unweit Malaga, gest. in Damaskus 1248, der ausgezeichnetste Botaniker der Araber, bereiste Ägypten, Griechenland u. Kleinasien, um seine botanischen Kenntnisse zu erweitern, kam dann nach Damaskus, wo ihn der Sultan al Malik al Kami! Mohammed in seinen Dienst nahm n. ging nach dessen Tode nach Kairo, wo er von dem Sultan al Malik al Salih Ejjub mit gleicher Auszeichnung empfangen wurde. Sein Hauptwerk, die Llatsria meäioa in alphabetischer Ordnung, gründet sich ans das Werk des Dioscorides u. ist von Bochart in seinem Hieroroioon vielfach benutzt worden; ins Lateinische übersetzt, Paris 1602, Cremona 1758; ins Deutsche von Sontheimer (Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- u. Nahrungsmittel), Stuttg. 1840—42, 2 Bde. Vgl. auch Disnobne mabsrias msäieae Ibn Lsitbari von Fr. R. Dietz, Köuigsb. 1833, weiter fortgesetztindessen^.naIolltamoäioL. o. Jbn al-Faridh, Abu Hass Omar ben Ali, geb. zu Kairo 1180 od. 81, gest. 1234, der größte mystische Dichter der Araber, dessen Divan, gesammelt von Ali, seinem mütterlichen Enkel oder Schüler, im Orient sehr verbreitet ist, u. außer vielen kleineren Gedichten u. 20 Bnchstabenräthseln folgende 4 größere Gedichte enthält: das llajisgab, in 118 Distichen, reimend auf den Buchstaben Ja; das 1'agffsab soZbra, in 100 Distichen, reimend auf den Buchstaben Ta; das skagijsab ki aita- savvnk, auch blatsm alsolnü genannt, in 760 Distichen mit demselben Reime (arab. r;, deutsch herausgeg. von Hammer-Purgstall unter dem 1 Arabschah. Titel: Das hohe Lied der Araber, Wien 1854) u. das Lbainrrjsab od. Weinlied in 41 Distichens worin die göttliche Liebe unter dem Sinnbilds des Weines verherrlicht wird (deutsch von A. W. Lö- wendal, 1851, u. schon früher von Hammer-Purg. stall im Deutschen Merkur). Der ganze Divan erschien lithographirt in Damaskus, 1841, andere Ausg. 1843, u. mit den Commentaren der Scheiche Hassan al-Boriny u. Abdul-Gany u. einer franz. Vorrede des Abbe Bergös in Paris, 1855. Bruchstücke aus demselben veröffentlichten: Fabricius (8pseimsn arab., Rost. 1638, S. 151, vgl. Vri- moet, Ln-abismus, 1733, S. 168); Jones (?oos. asiab. ooinm. ocl. Liebborn, Lpz. 1777, S. 7S f., arab. u. lat., vgl. Wahl, arab. Anthol., S. 26); Silv. de Sacy (Obrsob. ar., S. 52 f. arabisch, S. 122 f. französ.); Grangeret de Lagrange in seiner ^.nbbol. ar., S. 44, 50, 60 u. 82 s. s. Jbn al-Mukaffa, Abu Mohammed Abdallah, ein berühmter arab. Schriftsteller, geb. zu Hour in Fars, Sohn eines Feueranbeters, wurde Muselman, indem er zugleich seinen persischen NamenRuzbeh mit AbuMohammedAbdallah vertauschte, war Secretär des Prinzen Jsa bei: Ali, Oheims des Abassidischen Khalifen Almansor, u. st. 36 Jahre alt eines gräßlichen Todes, indem ihn Soffian, Statthalter von Bassora, den er durch seine Verse beschimpft hatte, verstümmeln u. in einen glühenden Backofen werfen ließ, 754 od. 759 od. 762. Er schrieb: Lorrab ^abirnab, d. i. kostbare Perle, eine spiritualistische Abhandlung; Abriß der Kategorien des Aristoteles u. übersetzte aus dem Pehlwi ins Arabische das Lboäai Naurod, Königsbuch, des Lanisebrvsr unter dem Titel: 8isr al-moluk, eine der Hauptqnellen des 8obab- namsir von Firdnsi; desgleichen das Leben des Khosru Anuschirwan u. die Fabeln Bidpais, das Oaiiia rva vimoa, herausgeg. von Silv. de Sacy, Paris 1816. -- Jbn al Tofcil, Abu Bakr, berühmter Philosoph u. Arzt aus Cordoba, Zeitgenosse des Averroes, starb 1140. Er schrieb außer einer Abhandlung über Philosophie den philosophischen Roman, betitelt Üai ibn llobtan, arab. n. latein., herausgeg. von Pococke (Lbilosopbns auboäiclaebus), Oxs. 1671, englisch von Ashwell, Lond. 1686, n. Ockley (tbs improvemenb ob buman rsasou), ebendas. 1711, u. deutsch von Eichhorn (Der Naturmensch), Berl. 1782. Jün Arabschah, Ahmed, ein berühmter arabischer Biograph, gebürtig aus Damaskus, st. 1450. Er sehr. Das Leben u. die Thaten Timurs, jedoch verdient die Wahrheit der erzählten Begebenheiten nicht viel Glauben, weil er als eisriger Sunnite u. Anhänger des Osmanschen Hauses feindselig gegen Tamerlan gestimmt war (vgl. Levin Warner, Ds atzcko biaborioo Timuri spist.). Oster herausgeg., arab., Leyd. 1636 (^.rabslaäao vitao ob res Zostao Nimuri vuIZo Tamsrlania bistoria cum xraek. Oolli), Calc. 1818 (Ilistor^ okTimour von Ahmed ben Muhammed al Ansari Schirvani), beste Ausgabe; arab. u. latein. mit Anmerkungen von Manger (Leeuward. 1767 — 72,, 2 Bde.), französ. übersetzt von Vattier, Paris 1638. Auch schr. er Laüibat al Lümlaka, arab. herausgeg- von Freytag Lruotns Imperator, ob iooati» m- 605 Jbn Batuta — ßsniosorum, Bonn 1832). Beide Werke sind in denl bei den Orientalen so beliebten blumenreichen Stile geschrieben. Jbn Batüta, verdienstvoller arabischer Geograph, gcb. 1302 in Tanger (NAfrika), pil- gerte 1324 über Algier, die Berberei, Aegypten, Syrien nach Mekka, besuchte dann Mesopotamien und Persien, die Inseln des Persischen Golfs u. wandcrte von da durch das innere Arabien nach Kleinasien, der Krim und SNußland. Nachdem er Constautinopel besucht ging er durch die Steppen im N. des Kaspischen Meeres, durch Khiwa, Khorasan u. Afghanistan nach Indien, wo er am Hofe deS Herrschers Mahommed Toghluk in Delhi eine richterliche Stellung erhielt. Nach kurzer Zeit von diesem als Gesandter nach China geschickt, besuchte er Sumatra u. Java, erreichte Peking n. kehrte von da zux See nach 25jähriger Abwesenheit über Indien ».Mesopotamien, u. von da zu Lande über Ägypten in seine Heimath zurück. Bald darauf besuchte er das südl. Spanien und ging 1352 als Gesandter des Sultans von Marokko nach Timbuktu. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Fes, wo er 1377 starb. Sein schätzbare Materialien enthaltendes Neisewerk ist mit französischer Übersetzung herausgegeben von Defremery u. Sangninetn, Par. 1855—59, 5 Bde., ein Auszug daraus- ist Dravsls cck st. 8. Ves, Lond. 1856; eine neue Auflage des Hauptwerkes wird seit 1874 von der Looists asiutigus in Paris veranstaltet. Thleleman». Ihn Dorcid, auch genannt Abu Bakr Mohammed ben Hassan Azdi, berühmter arabischer Sprachkenner und Dichter, geb. zu Basra 838, gest. zu Bagdad 933. Er ist der Verfasser des unter dem Titel Llalcauraii bekannten ausgezeichneten Lobgedichts auf die berühmten Männer von Basra, das ans 129 Versen besteht, die sich alle auf ein kurzes Elif endigen, weshalb es auch Maksurah, d. i. kurz, genannt wird. Öfter herausgegeben, von Scheid (Hardcrw. 1758 u. 1786)^ von Haitsma (mit Scholien, lat. Übersetzung und Anmerkungen, Franek. 1773); von Boisen (mit den Scholien des Abu Abdallah ben Hescham, lat. Übersetzung u. Anm., Kopeuh. 1828. Außerdem führt Jbn Khallikan mehrere andere Werke von ihm an und ein arabisches Wörterbuch von ihm befindet sich auf der Leydener Bibliothek. s- Jbn Dschczzar, s. Jbn al Athir. Jbn Haukal, Äbulkasim Mohammed, berühmter arab. Reisender aus dem 10. Jahrh., verließ Bagdad 942 u. durchreiste 28 Jahre hindurch die meisten der damals dem Islam unter- worsenen Länder vom atlantischen Ocean bis zum Indus. An dem Ufer dieses Flusses traf er mit Jstakhri zusammen, und beide Reisende benutzten diese Gelegenheit, um ihre Aufzeichnungen u. Beobachtungen wechselseitig zu vergleichen u. zu verbessern. Sein Werk, betitelt al-Llsaastllc rva al- Ksmaiilc, d. i. die Straßen u. Reiche, ist nicht allein geographischen Inhalts, sondern gibt auch über die Geschichte u. Cnltur dieser Länder werth- oolle Berichte. Ouseley machte dasselbe zuerst bekannt, indem er die persische Übersetzung, die aber nur ein Auszug aus dem Original ist, englisch hcrausgab (Mas oriental AsoZrapbz- ob Ibn - Jbn Khallikan. vauoai, Lond. 1800). Bruchstücke aus dem arab. Werke gaben heraus: Uylenbroek (visssrbatio äs Ibn vsuoaio sto., Leyden 1822); Fraehn (Vs Obasaris, Petersb. 1322); Gildemeister (Zoriptor. arab. sto., Bonn 1838); Mac Guckin de Slane (^krigus im stouru. Ilg., 1842, Bd. 1); Amari (im stauen. L.S., 1845, Bd. 1, u. in der Libi. arabo-Lio.); Sprenger (Zinst, Zsäjsstanu. Lbora- san) im stourn. ok tirs Zoo. ok VsnAgst, 1852 u. 1853, Tert, Übersetzung u. Karten). Jbn Hischam, Abd-al-Malik, blühte während der Periode, in welcher die Abassiden die Khalifeu aus dem Hause Omajja verdrängten, u. st. 830. Sein auch in sprachlicher Beziehung sehr wichtiges Leben Mohammeds ist nach Jbn Jshak, gest. 680, bearbeitet u. eine Hauptqnclle für die Biographie des Propheten, wenn er auch darin Gedichte, die für ihn gemacht wurden, demselben fälschlich in den Mund gelegt hat; arabisch mit Anmerkungen herausgeg. von Wüstenfeld, Gott. 1859 und 60, 2 Bde. Vgl. auch Sprenger, Das Leben u. die Lehre des Moh., I. Thl., S. 9 f. Ibn Jshak, s. u. Ibn Hischam. Ibn Khaldun, Abu Zcid ben Mohammed Aschbili Hadrami, mit dem Ehrentitel Wali-eddin, ein berühmter arab. Geschichtschreiber u. Politiker, geb. 1331 zu Tunis, ließ sich später in Kairo nieder, wo er das Amt eines obersten Richters bekleidete, gerieth in Syrien, wohin er den Sultan Malik alnasr Faradsch begleitet hatte, in die Gefangenschaft des Tamerlan u. kehrte nach seiner Freilassung wieder nach Kairo zurück, wo er 1405, 74 I. alt, starb. Sein großes Geschichtswerk ist in Bulak H. 1284 in 7 Bdn. erschienen u. besteht ans 4 Theilen: s. Einleitung (Llolcaääsinab) über Geschichte u. Politik, ein höchst werthvoller Beitrag zur Culturgeschichte, der aber noch nicht vollständig erschienen ist in den vroigAomsnss ä'Lbn Lbaläoun, von Quatremcre, Bd. 1, Par. 1858; Auszüge daraus in Silv. de Sachs vbrsst. ar. I, 370 f., II, 168, 257, 263, 279 f. u. 287 f.; b. Alte Geschichte, specicll der Araber, vou Erschaffung der Welt bis auf Mohammed; e. Geschichte der Araber in Afrika u. Spanien, sowie der Berber von den ältesten Zeiten bis znm 14. Jahrh., letztere herausgeg. von Mac Guckin de slane fvistoirs äso Lsrbsrs), arabisch, Algier 1847—51, 2 Bde., u. französ., ebd. 1852—56, 4 Bde.; Fragmente daraus in Silv. de Sacys tstbrost. ar. III, 521 f.; ä. Geschichte der vielen muselmanischen Dynastien, besonders derjenigen in Ägypten. s. Jbn Khallikan, Schams-eddin Abul- Abbas-Ahmed, berühmter arabischer Schriftsteller und Biograph in der letzten Hälfte des 13. Jahrh., entsprossen aus der berühmten Familie der Barmeki, geb. in Arbil, östlich vom Tigris 1211, wohnte theils in Syrien, theils in Ägypten, und bekleidete das Amt eines obersten Richters in Kairo u. Damaskus, wo er 1282 in einer erbärmlichen Lage st. Er hatte sich schon frühzeitig mit der arabischen Sprache, Literatur, Geschichte u. Jurisprudenz vertraut gemacht, und Boha-eddin, der berühmte Geschichtschreiber des großen Saladin, so wie Jbn al-Athir, Freunde ! seines Vaters u. viele andere berühmte Männer 606 Jbn Koteiba aus Mesopotamien u. Syrien wurden seine Schüler. Sein Hauptwerk sind die Biographien berühmter Männer, arab. heransgeg. von Wüstenfeld (Vitae lllustr. viror.), Gott. 1835—50, 2 Bde., u. von Mac Gnckin de Slane (Vies ckss bommss illu- stros), Par. 1838—1842, 2 Bde., ins Englische übersetzt von Mac Guckin de Slane (Lio^rapkical äiebisuarx), London 1843—71, 4 Bde. Vergl. auch Tydeman, Lpeolm. püilot. erlüdeus eou- sxeebum oxsris Iba Oballieani, Leyd. 1809, ll. Sylv.deSacysLbrsstrom. ar.D. III., S.537 ff. Jbn Koteiba, Abdallah ben Muslim (Musallim), genannt al-Dinawari, weil er Richter in Dinawar war, ein berühmter Geschichtschreiber und Philolog, geb. zu Merw oder Bagdad 829, wo er sich als Traditionslehrer auszeichnete, gest. zu Bagdad 883 oder 905. Er schrieb: lütab al- maarik ü tarlüb, heransgeg. von Sprenger in der Lltckiotliee. inä. t. XI u. Wüstenfeld (Handbuch der Geschichte), Gott. 1850; Ibabaoat ao-seboara, d. i. Klassen ter Dichter, ein von Hammer-Purg- stall in seiner Literaturgeschichte der Araber fleißig benutztes Werk; Edeb al-Katib über Orthographie, Synonymik u. Grammatik, ein Fragment daraus von Sprenger im ckouru. ok tbs Ls. Loolsb^ ok Ileuxal, 1848, Bd. 17, Th. 2, S. 659—681; Lliackits ul-Imamab, d. i. Traditionen über das Amt des Imam, daraus zwei Fragmente in der Llbliotb. Lind.-Lloula, Lpz. 1855—56, S. 163, u. viele Auszüge von P. de Gayangos in Historz- ok tbs Nuläammockau Oz'Ug.sbies in 8palu von Makkari, Lond. 1840, Bd. 1., npx. S. 50. Jbo, 1) ein Negerstamm, das Nigerdelta bewohnend bis zum Fluß Altcalabar, mit einer noch nicht genauer bekannten Sprache; 3) s. Abo. Jbrahil, Jbraila, Stadt, so v. w. Braila. Ibrahim (Port-J.), s. u. Suez. Ibrahim (arab., so v. w. Abraham). I. Pascha, Adoptivsohn des Vicekönigs Mehmed Ali, geb. 1789; eröffnete seine Laufbahn mit Besiegung der Wechabiten, wurde darauf zum Pascha von Mekka und Medina ernannt, organisirte dann in Ägypten die Armee nach europäischer Weise u. bekam von seinem Vater den Befehl über die Expedition nach Sennar u. Dougola übertragen, wo er zwar Sieger war, aber in der That nichts gewann. 1825 führte er die nach Morea abgehende ägyptische Flotte, eroberte Kandis u. verwüstete Morea, wurde jedoch infolge der Schlacht bei Navarin, 1828, zu einem Vertrag genöthigt, vermöge dessen er Morea räumte. 1831 von Mehemed Ali nach Syrien entsendet, bemächtigte er sich Palästinas, und nachdem er 25. Mai 1832 St. Jean d'Arce genommen hatte, ganz Syriens, schlug die Türken bei Homs, Beitan u. (20. Dec.) bei Konieh auss Haupt u. nahm Len Großvezier hierbei gefangen, worauf der Friede 4. Mai 1833 erfolgte, in welchem I. für sich den Bezirk von Adana unter dem Titel einer Pachtung von den Türken erhielt. Als 1839 der Krieg mit den Türken wieder ausbrach, schlug I., Statthalter von Syrien, die Feinde 24. Juni bei Nisib, u. nur das Erscheinen einer englisch- russisch-österreichischen Flotte Ende 1840 und die Vorfälle bei Beirut, Jaffa rc. zwangen ihn, Syrien vermöge Tractats mit den Verbündeten zu räumen. I. hielt sich seitdem scheinbar von den öffentlichen — Jbykos. Angelegenheiten fern und beschäftigte sich mit der Verwaltung seiner Güter. Von Mehemed Ali zu seinem Nachfolger bestimmt, holte er bei dessen Geisteszerrüttung sich Juli 1848 die Bestätigung als Vicekönig von Ägypten in Constantinopel, starb jedoch schon 9.-10. Nov. d. I. in Kairo, nach, dem er lange kränklich gewesen war u. vergeblich im Winter 1847 zu 1848 in den italienischen Bä- dern Hilfe gesucht hatte. Ihm folgte Mehemed Alis Enkel, Abbas Pascha. Er hinterließ vier Söhne; Said Pascha, Achmed, Mustapha Bei u. Jsmael Bei, von denen der älteste 1854 „ach Abbas Pascha Vicekönig wurde. Lagai» Jbrik (pers.), eine Kanne mit dünnem Hals n. ovalem Bauche; daherI. - Dar, od. I. -Oglani an den mohammedanischen Höfen der Kannen- Wärter, ein hoher Hvfbeamter, unter dem die Speise- kanne rc. steht. bsambul, s. Abu-Simbel. bsen, Henrik, norw.Dichter, geb. 20.März 1828 in Skien; erst Pharmacent; wandte er sich seit 1850 literarischen Studien zu, war 1851—57 artistischer Direktor des Theaters in Bergen, und 1857—63 deS Nationaltheaters in Christiania; seine polemische Natur brachte ihn in Collisionen in der Heimath und so lebte er seit 1864 in der Fremde, eine Zeitlang in Rom, darnach in Dresden, in letzter Zeit in München, wohnte auch 1869, nachdem er erst in Stockholm in der nordischen Rechtschreibungsversammlung getagt, auf Einladung des Khedive der Eröffnung des Snez- KanalS bei. Das Storthing votirte ihm 1866 eine Dichtergage. Seine größere» Dichtungen sind in dramatischer Form abgesaßt: Oatilüm, Christiania 1850, neue Bearbeitung, ebd. 1875; Klicket xaa. 8oIlig.UA, ebend. 1856; Lru Inger, ebd. 1857, 2. Ausg. Kopenh. 1874; Kärmäuckeug pan Rslgslauck, Christ. 1858, 2. Ausg., Kopenh. 1873; Ljärligüsckous Lomockis, Christ. 1862, 3. Ausg., Kopenh. 1873; Lougs-Lumorus, Christ. 1864, 4. Ausg., Kopenh. 1875; Brauch ebd. 1866, 7. Ausg., ebd. 1874; Beer Kxut, ebd. 1867, 3. Ausg., ebd. 1874; De Luges Lorbuuck, ebd. 1869, 3. Ausg., ebd. 1874; Leiser og Kalilaer, ebend. 1873, 2. Ausg., ebend. 1873. Außerdem eine Sammlung Gedichte, ebd. 1873, 2. Ausg., ebd. 1873. Vergl. Brandes in Lestirstislcs Ltuckier, Kopenh. 1868, u. in Lritiüer og kortraitsr, ebd. 1870. «- Iburg, 1) Marktflecken mit Stadtrechten im Kreise Melle der prenß. Landdrostei Osnabrück, in schöner Lage am südlichen Abhang des Teutoburger Waldes; altes Schloß mit Rittersaal (enthält neben anderen zahlreichen Porträts die der jämmtl. Fürstbischöfe von Osnabrück), ehemaliges Benedic- tinerkloster (1073 gegründet, jetzt Domäne), älteste Linnenlegge Hannovers; 1875: 1017 Ew. I» der Umgegend von I. wird viel Segeltuch aus Handgespinnst verfertigt. 2) Schloßruine bei Driburg, im Kreise Höxter des prenß. Regbez. Minden, spärliche Trümmer der von Karl d. Gr. zerstörten^ I. H- Berns. Jbykos aus Rhegium, griechischer Lyriker um 530 v. Chr., lebte eine Zeitlaug am kunstliebenden Hofe des Polykrates auf Samos. Nach einem Epigramm st. I. in seiner Vaterstadt, nach Plnt- >1. 0. — IcIitli^osLurus. 607 arch u. Suidas aber wurde er auf einer Reise zu den Jsthmischen Spielen von Räubern getödtet u. die Mörder durch Kraniche verrathen, die, bei Verübung der Thal vorüberfliegend u. von dem Sterbenden beschworen seinen Tod zu rächen, während der Kampfspiele vor Korinth vorüberzogen u. bei deren Anblick der eine der Mörder ausrief: „Siehe da, die Kraniche des I.!" Hierdurch aufmerksam gemacht, entdeckte man die Mörder u. richtete sie hin. Schiller benutzte diesen Stoff zu der Ballade: Die Kraniche des I. I. schrieb sieben Bücher lyrischer Gedichte, bes. leidenschaftliche Liebeslieder, welche in Sprache, Rhythmus u. Inhalt den Dorischen mit dem äolischen Charakter zu vereinigen strebten. Fragmente seiner Gedichte in Bergks Postas Ixrioi 6rasoi, 3. Aufl., Lpz. 1866. Riese. k. 0., Abkürzung 1) für Jesus Christus; 2) für Jahr Christi. Jka (S. Geronimo de I.), Hauptstadt der gleicht,, peruanischen Provinz, am gleicht!. Flusse, Eisenbahnstation; lebhafter Handel, 8000 Ew. Jcener (Simem, a. Geogr.), Volk an der Ostkllste Britanniens, im j. Sufsolk und Norfolk; Städte: Venta u. Camboricum. Sie erregten 62 nach Ehr. einen gefährlichen Aufstand gegen die Römer unter ihrer Königin Boadicea. Ich ist die Bezeichnung der eigenen u. einzelnen Persönlichkeit, der einfachste Ausdruck des Selbst bewußtseins, in welchem das Ich dem Du oder Nicht-Jch, wozu Alles gehört, was das Ich als um u. lieben sich seiend wahrnimmt, entgegensteht. Das Ich, in seiner ursprünglichen Bestimmtheit betrachtet, heißt das reine oder absolute Ich; in seiner erfahriiligsmäßigen Bestimmtheit, d. h. als zeitlich entstandenes, veränderliches rc., das empirische Ich. Dieses kann von sich selbst ein so dunkles (schlummerndes) Bewußtsein haben, daß es sich gar nicht als Ich fühlt, wie es z. B. bei kleinen Kindern der Fall ist, die sich mit ihren Namen bezeichnen, wie sie cs von Andern hören. Die wesentlichsten Merkmale des reinen Jchs find Selbstbewußtsein u. Selbstbestimmung. Descartes bestimmte philosophisch zuerst den denkenden, sich bewußten Geist als Ich. Durch Fichtes Wissenschaftslehre wurde es in die philosophische Sprache eingesührt. Früher sagte man einfach Subject u. Object, od. Mensch n. Welt. Dem Ich als individuellem Element (Jch-Jch) steht die Gesellschaft mit der Forderung der Gegenseitigkeit (Du-Jch) gegenüber; dies Verhältniß ist ein sehr schwieriges u. ist noch nicht genügend aufgeklärt u. festgestellt. Vgl. den Art. Mensch (culturhistorisch-psycholog.) u. Gesellschaft (cnlturh.-philos.). Specht. Ichneumon, Ilorpsstes itt., Ranbthiergattung aus der Familie der Viverinen, vom Habitus der Marder; Zehengänger; Krallen nicht zurückziehbar; mit sechs Backenzähnen oben u. unten jederseits; Haar lang u. starr, hell u. dunkel geringelt. Nur Analdrüsen vorhanden. Diese Thiere bewohnen nur die wärmeren Gegenden der alten Welt, jagen bei Tage u. graben Erdhöhlen, nähren sich von Natten, Mäusen, Vögeln, Vogeleiern, Schlangen, Krokodileiern rc. Die bekannteste Art ist der Aegyp tische I. (L. lotmsumon 60 em lang, mit dunkel kastanienbraun u. weißlich geringelten Haaren, schwärzlichbraunen Beinen, eben so gefärbter Schnauze und schwarzem Haarpinsel am Ende des 40 om langen Schwanzes. Er zieht sich nach der Nilüberschwemmutig in die Dörfer, wo er die Hühnerhöfe besucht, da er aber auch Krokodileier anssäust, hilft er die Krokodile vertilgen, u. hauptsächlich deshalb wurde er wol von den alten Ägyptern in ihren Tempeln verehrt. Icbnoumomäao, s. Schlupfwespen, Marwick, Jchnnsa, griech. "Name von Sardinien (s- d.). Ichor (gr.), bei Homer die ätherische Feuchtigkeit, welche den Göttern statt des Blutes zugeschrieben wurde. Ichor (Med.), Jauche, dünne, meist bräunliche übelriechende Flüssigkeit, die auf gesunde od. kranke Theile gebracht ätzend wirkt. Sie entsteht durch Zerfall thierischer Substanzen u. zeigt mikroskopisch die Formelemente, wie Blutkörperchen, Eiterkör. perchen, zerstört. Durch Aufnahme des I. ins Blut entsteht die jauchige Blutvergiftung (Jchor- rhämie), ein dem Typhus ähnlicher, sehr bedenklicher Krankheitszustand. Kunze. Jchotte, Louis, belg. Bildhauer, geb. zuLllt- tich 7. Nov. 1803, Schüler Thorwaldsens in Rom. Hauptwerke: Das Grabdenkmal des Fürstbischofs von Lüttich, de Mean daselbst u. die Statue Karls von Lothringen in Brüssel (1848> Regnet. Jchthymorphen (Jchthyomorphiten, Jchthyo- politen, Jchthyopetren), Steine mit fossilen Fisch- Überresten. Jchthyolätrie (v. Gr.), göttliche Verehrung der Fische. Jchthyomantie (v. Gr.), Weissagung ans Fischen. Ichthyophagen (d. i. Fischesser), war bei den Alten die Bezeichnung mehrerer, durchgängig wenig genau bekannter Küstenvölker, die zu ihrer Nähr- nng aus die Erzeugnisse des Meeres angewiesen waren, so in Gedrosieu (Belutschistan, wo auch heute noch ähnlich lebende Völker wohnen), im glücklichen Arabien, am Persischen Meerbusen, ui der Landschaft Troglodytike am Arab. Meerbusen u. auf der WKllste Afrikas, an der Gambia- Mlludung. Jchthyophthalm, s. u. Apophyllit. Iobt>i>osaurusLo»rg (Protsosaurrw Lome, 6r^- pllus IPaAlev, Fischeidechse, Petref.), vorweltlichs Gattung der Fischsaurier oder Enaliosaurier, ein Mittelgeschöpf zwischen Eidechse u. Fisch. Die Ichthyosaurier waren vierfüßige Meeresgeschöpfe von 10—13 w Länge, hatten einen großen spitzigen Kopf, kurzen Hals, große Augen mit gegliederten Knochenringen; die Wirbelsäule war aus mehr als 100 biconcaven Gliedern zusammengesetzt u. trug Rippen, welche durch Bauchrippen fest zu einem Korbe verbunden waren, die Pfoten waren ganz wie bei den Walfischen, ihre Zähne, deren Zahl viel größer war, als bei den Krokodilen, waren kegelförmig u. lassen auf gefräßige u. räuberische Thiere schließen. Besonders verbreitet waren sie zur Zeit des Lias, doch hat man auch Überreste in den jüngeren Schichten der Juraformation gefunden. Der Reichthum mancher Schichten an Ichthyosauriern läßt vermuthen, daß sie gesellig beisammen gelebt haben. Fische, Reptilien, Tintenfische und andere Meertyiere haben ihnen zur Nahrung gedient; Reste ihrer Nahrung sind in 603 Jchthyosis — ihren fossilen Epcrcmentcn (Coprolithen) erhalten geblieben. Die spiralige Form dieser Coprolithen beweist, daß sie wie heute noch der Hai und der Stör eine Spirr-lklappe im Darm besessen haben. I. communis t?o»Ub. ist die gewöhnlichste Art in Deutschland. Hanptfundorte sind Voll in Württemberg, Banz bei Bamberg und Lynne Regis in England. Lehmann. Jchthyosis (v. Gr.), Fischschuppenausschlag, eine meist angeborene Wucherung der Oberhaut auf nicht entzündeter Lederhant, wodurch die Oberhaut eine rauhe, trockene, bleiche, verdickte Beschaffenheit annimmt Die Krankheit ist über die ganze Körperoberflächc verbreitet, doch am intensivsten an den Knien u. Ellenbogen. Bisweilen haben sich durch Aufcinanderlagerung der Oberhautschuppen förmliche Höcker u. Spitzen gebildet (Stachelschweinmenschen, I. Ir^strix). Eine Heilungsme- khode ist nicht bekannt; oft wiederholte Seifenbäder bewirken wenigstens eine reichliche Abschuppung, größere Weichheit der Haut und dadurch Milderung des Leidens. Kunze. Jchthys (gr.), 1) Fisch; 2) (/XGD2) als christ- liehe Namenallegorie, sofern die zum Christenthum Bekehrten als in dem Fischernetzc des Petrus gefangen gedacht wurden (nach Luk. 5, 10); 3 ) Akro- stichie für Christus (l/^e sind die arabischen Ziffern. In dem aiiari'chen System der Keilschrift sind J-e solche Charaktere, welche generelle Begriffe bezeichnen, im Gegensatz zu den Determinativen, welche specielle Begriffe »der Eigennamen bezeichnen. i-- Jdeographik (v. Gr.), die Kunst, Ideen (Begriffe) durch eine für alle Menschen gleichmäßig verständliche Schrift darznstellen; vgl. Pasigraphie. Jdcokrätie (Jdeokratismus, gr.), das Streben, gegen die bestehenden Rechtsverhältnisse, Alles nach der Vernunft zu ordnen u. die Ideen derselben geltend zu machen. Diejenigen, welche diesem Streben zugethan sind, nennt man Jdeo- kraten. Ideologie, 1) (gr.) Jdeelehre; 2) nach französischen Philosophen so v. w. Metaphysik; 3) phantastisch-philosophische, praktisch nicht anwendbare Lehre. Iä est (lat.), das ist. Jdioelektrisch (d. i. selbstelektrisch) nannte man früher die Körper, welche, ohne isolirt zu sein, durch Reiben elektrisch gemacht werden können, also die Nichtleiter; s. Elektricität II. diographktt (v. Gr.), so v. w. Autographen, diogynisch (v. Gr.), von verschiedenem Geschlecht bei den Pflanzen. Jdiolatrie (gr.), Götzenanbetung, Abgötterei. Idiom (v. Gr.), Eigenthümlichkeit, bes. der Sprache od. Sprechweise, sowol von Völkern (wo es oft s. v. a. Mundart bezeichnet) als von Klassen der Gesellschaft, z. B. I. der gebildeten Stände. Daher J-atisch, was zu solcher Sprach- eigenheit gehört; J-atvlogie, die Lehre davon; Idiotikon, ein Wörterbuch, welches Eigenthüm- lichkeiten eines Dialektes behandelt. Eberhard. Jdiomäta (gr.), bezeichnet in der Sprache der Dogmatik Eigenschaften, vorzugsweise die wesentlichen Merkmale der beiden Naturen Christi, deren Vereinigung in der Person Christi zur Folge hat, daß in der sogen, oommnnioatio ickromatum die Eigenschaften der einen Natur an andere sich mittheilen. Löffler. Jdiopnthie, (v. Gr.), ein Organleiden, welches seine Entstehungsbedingungen in dem ergriffenen Organe selbst hat, z. B. das Magengeschwür, die Lungenentzündung u. s. w. Davon idiopathisch. Jdiopoiesis (Dogm.), s. u. Jesus Christus. Idiosynkrasie (v. Gr.), 1) der eigenthllmliche, krankhafte, im Nervensystem begründete, noch nicht hinlänglich erkannte, bes. bei dem weiblichen Geschlecht vorkommende anomale Abscheu u. Widerwille gegen gewisse physische Einwirkungen, z.B. den Neruch der Rose, bestimmte Speisen, Medicamente, sowie auch das krankhaft gesteigerte Wohlbehagen m gewissen Reizen und Einwirkungen auf die Sinnesorgane, vor welchen gesunde Menschen Abscheu od. Ekel empfinden z. B. Geruch verbrannter Federn, Teufelsdreck rc.; 2) die Eigenschaft des Körpers, welche dies hervorbringt. Idiot (v. Gr.), im Alterthmn Privatmann, im Gegensätze des Staatsbeamten; dann Proletarier, welcher zu der Magistratur in Republiken nicht gelangen konnte. Nach jetzigem Sprachgebrauchs ein stumpf- od. blödsinniger Mensch. Idiotikon (gr.), 1) im alten Constantinopel der kaiserl. Privatschatz; 2) (Sprachk.)s.u. Idiom. — Jdria. 611 Idiotismus, 1) Conversationssprache eines Landes; 2) (Idiotie) Blödsinn. Jdistavrsus (Jdistaviso, a. Geogr.), Thalebene in Deutschland an der Weser, wo 16 v. Chr. Germanicus die Deutschen unter Arminius besiegte. Die Lage ist streitig u. wird an verschiedenen Stellen der oberen Weser (oberhalb Minden, od. zwischen Rinteln u. Hameln, bei Oldendorf gesucht. Für I. liest Grimm Jdistaviso, was die Wiese der Jdist, d. i. der weisen Weiber, der schlachtentscheidenden Walkyren der altnordischen Mythologie, bedeuten soll. Idle, Stadt im West-Riding der engl. Grafschaft Jork, Wollen- u. Worstedfabriken, Korbflechterei, Stein- u. Schieferbrüche; 6253 Ew. Jdökras (Vesnvian), Mineral, krystallistrt te- tragonal, meist säulenförmig, selten tafelartig und pyramidal; auch derb in stängeligen u. körnigen Aggregaten; Bruch uneben, splitterig oder unvollständig muschelig; Härte 6—7, spec. Gew. 3,^ bis 3,4i; grün, gelb, auch braun, schwarz, selten himmelblau (Cyprin), glas- bis hellglänzend, durchsichtig bis undnrchscheinend; in seiner chem. Zusammensetzung stimmt er fast ganz mit dem Granat überein; vor dem Löthrohr schmilzt er leicht zu einem gelblich-grünen oder bräunlichen Glase; findet sich am Vesuv, in Piemont, Tirol, Eger in Böhmen (Egeran), in Spanien, Norwegen, Italien, Sibirien u. anderen Ländern. Idol (v. Gr.), Gestalt, Erscheinung, Gespenst, Götzenbild; dann überhaupt abgöttisch verehrtes Wesen. Daher: Jdololätrie, Bilder-, Götzendienst; Jdololater, Bilder-, Götzendiener; Idols lögie, Bilderlehre; Jdolopöie, Redefigur, wodurch man verstorbene Personen redend einführt. Jdomeneus, Sohn Deukalions, Königs von Kreta; Freier der Helena u. Freund des Menelaos; führte nach der Ilias die Kreter in 80 Schiffen vor Troja. Auf Kreta wurde er in Knoffos als Heros verehrt. Jdrm, 1) Nebenfluß des Jsonzo, entsteht im Herzogthum Krain am östlichen Fuß des Tarnowaner Waldes, geht in die Grafschaft Görz u. Gradisca über u. mündet hier links bei St. Lucia. 2) (Ober- idrra) Bergstadt im Bez. Loitsch des österr. Herzogthums Krain, am gleichnam. Flusse in einem engen, von hohen Bergeneingeschloffenen Thale; Bezirksamt, Bergamt, das im Schlosse (Gewerkenburg genannt) seinen Sitz hat, Gewerkschnle, Theater, großartige Quecksilberbergwerke und Hüttenwerke, Zinnoberfabrik, Leinwand- und Seidenweberei, Spitzenklöppelei, Branntweinbrennerei; 3937 Ew. Neben dem Schlosse mitten in der Stadt öffnet sich das Mundloch des St. Antons-Hauptstollens, durch den man in das große Quecksilberbergwerk gelangt, das 1497 durch einen Bauer zufällig entdeckt wurde, seit 1506 in ordentlichem Ban steht, 1510 von den Venetianern, dann von den Oesterreichern wieder gewonnen wurde und seit 1580 durch den Staat betrieben wird. Der jährliche Ertrag beträgt 6000—7000 Ctr. Quecksilber, wovon jedoch gleich ein Theil in Zinnober verwandelt wird. Am 3. November 1846 hier großer Brand in der Quecksilbergrnbe. 3) Unter -I., Pfarrdorf am I. in der Grafschaft Görz. H. Berns. 89 * 612 Jdrialit - Jdrialit (Quecksilberbranderz, braunes Erdharz), Mineral; derb, mit unebenem u. schieferigem Bruche, fettglänzend, graulich- u. bräunlichschwarz, ins Rothbraune übergehend; Strich schwarzbraun, undurchsichtig; Härte 1—2, spec. Gew. —1„; besteht nach Schrötter wesentlich aus Jdrialen, gewöhnlich mit Zinnober u. erdigen Theilen verunreinigt; im reinen Zustande ist es leicht schmelzbar, in einer Glasröhre sublimirt es beim Schmelzen in sehr zarten, glänzenden, iristrenden Schuppen, es entzündet sich leicht u. brennt lebhaft mit stark rußender Flamme; kommt nur auf den Lagerstätten des Zinnobers zu Jdria in Krain vor; begleitet auch häufig den Zinnober u. bildet in innigem Gemenge mit demselben das Qnecksilbcrlebererz. Lehmann.» Jdschmaa (türk.), Sammlung, die der Meinungen u. Auslegungen der Jünger u. ersten Nachfolger des Propheten: eine der vier Quellen der Gesetzgebung im Islam. Jdstedt, Dorf im Kreise Schleswig der preuß. Provinz Schleswig-Holstein, 9 üm nördlich von der Stadt Schleswig. Hier 24. u. 25. Juli 1850 Sieg der Dänen über die Schleswig-Holsteiner. Idstein, Stadt im Kreise Untertaunus des preuß. Regbez. Wiesbaden, an der Main-Lahnbahn, altes Schloß mit dem (aber seit 1877 zur Verlegung bestimmten) Landesarchiv des ehemal. Herzogthums Nassau, eine 1330 erbaute, 1667—77 restaurirte mit Wand- und Deckengemälden von Malern der niederländischen Schule ausgeschmücklc Kirche, Realschule, Baugewerkschulc, Weißgerberei, und Safftan-Leder-Fabrik mit 300 Arbeitern; in dem nahen Hofe Gassenbach eine Musterwirth- schüft; 1875: 2500 Ew. Die Stadt entstand nach u. nach um die im 11. Jahrh. von dem Grafen Ettecho gegründete Burg, wird erst 1101 u. zwar Ettechenstein genannt, wurde 1287 durch Verwendung des wahrscheinlich hier geborenen Grasen Adolph von Nassau, späteren Königs, von König Ruldoph vom Dorf zur Stadt erhoben u. war vom 13. Jahrh. an gewöhnlich Residenz der älteren nassauijchen Linie n. gab der Linie Nassau-J. (1325—1721) den Namen. H. Berns. Jdubeda (a. Geogr.), Gebirg Spaniens; längst des rechten Jberusufers; jetzt Sierra de Oca, de Lorenzo n. de Moncayo. Jdumiia (Land der Edomiter, Gebirg Serr, a. Geogr.), die südliche Fortsetzung des ostjordanischen Hochlandes, von der Südspitze des Todten Meeres bis zum Nordende des Aelauitischen Meerbusens; meist kahl u. unfruchtbar. Die ursprünglichen Bewohner waren die Choriter, welche von Esau verdrängt u. unterjocht wurden. Von Esaus Beinamen Edom (d. i. der Rothe) erhielten seius Nachkommen den Namen Edomiter oder Jdu- mäer, u. schon zur Zeit der Rückkehr der Israeliten nach Kanaan bildeten die Edomiter ein mächtiges Reich, über welches Könige regierten, welche ans den Stammhäuptern gewählt wurden; sie waren ein kriegerisches Bergvolk und trieben im Frieden Ackerbau, Viehzucht, Handel, namentlich vermittelten sie den Handel von den Häfen des Persischen und Älanitischen Meerbusens und nach den Städten u. Häfen der Philistäer. Die Er- laubniß zu dem erbetenen Durchzug durch ihr - Idyll. Land nach Kanaan schlugen sie den Israeliten ab, hinderten dieselben aber nicht, als sie „m das Gebirg dahin gingen. Obgleich ansanas den Israeliten verboten war, gegen die Jdumäer als ein Brudervolk, zu kriegen, so hörte doch später bei den fortwährenden Feindseligkeiten derselben gegen Israel diese Rücksicht auf; Saul besiegte, David unterwarf sie u. Salomo begann in Len Häfen J-s eine Handelsflotte zu bauen. Nach der Theilung des Reiches kam I. an das Reich Juda, welches einen Statthalter mit dem Titel eines Königs dort hatte. Wiederholte Versuche, die Jdumäer gänzlich zu unterwerfen, hatten nur theilweise u. da nur vorübergehenden Erfolg; mit der sinkenden Macht des Reiches Juda ging die Oberherrschaft gänzlich verloren, u. die Jdumäer verbanden sich mit den Chaldäern gegen die Juden. Nach der Wegführung der Juden in das Exil besetzten die Jdumäer das südliche Palästina mit Hebron. Erst dem Johannes Hyrkanos gelang es, sie wieder zu unterwerfen; unter dem letzten König aus dem Hause der Makkabäer, dem schwachen Hyrkanos kl., führte ein Jdumäer, Antipater, Vie Regierung u. wurde von Cäsar, als Schiedsrichter in den: Familienzwist der Makkabäer (s. u. Hebräer, Gesch.), als weltlicher Procurator über Judäa eingesetzt, während sein Sohn, Herodes der Große, 40 v. Ehr. von den Römern zum König über Judäa erhoben wurde; seine Nachkommen regierten bis zur Zerstörung Jerusalems. In der röm. Zeit verschwand dann der Name I. Schrmt.' Jdun (Iduna, nord. Myth.), eine der Zukunft kundige Asm, Bragas Gemahlin; sie verwahrt die Äpfel, von denen die alternden Götter essen, um sich zu verjüngen. Loki, vom Riesen Thiassi fest- gezaubert, mußte für seine Loslassung diesem geloben, ihm I. mit ihren Äpfeln aus Asgard zu bringen. Loki lockte I. in einen Wald, Thiassi in Weibergestalt nahm I. und flog mit ihr nach seiner Wohnung in Thrymheim. Die Äsen wurden seit J-s Entführung grauhaarig n. alt u. bedrohten Loki mit dem Tode, wenn er I. nicht wiederbrächte. Loki flog in Freias Falkengewaude nach Thrymheim, verwandelte I. in eine Schwalbe u. brachte sie nach Asgard zurück. Ragmann." Icius (röm. Aut.), der 15. Tag des März, Mai, Julius, October, der 13. in den übrigen Monaten; s. u. Kalender. Diese Tage waren dem Jupiter heilig, dem der Flamen äialis ein Schaf (läuiis) opferte. Jdutywa Reserve (Jdutwa), ein Theil des bis jetzt noch unabhängigen Kafsernlandes, welches aber 22. Juni 1876 mit Fingoland u. Nomans- land durch Proclamation mit dem Capland vereinigt wurde. Auf den englischen Karten findet man den Rainen Jdutywa Reserve etwas südlich vom Beschifluß. Idyll (gr. rr-M/ir-»-, Bildchen, kleines Gemälde), neuerdings durch Sprachgebrauch befestigt, meist weibtich: die J-e, ein halb der Lyrik, halb dem Epos angehöriges Gedicht, dessen diminutive Bedeutung nicht durch seine Kürze, sondern durch den einem engen Lebenskreise angehörigen, im Gegensätze zu der Culturbildung großstädtischen Lebens meist dem Naturlebeu des Landmannes entnommenen Inhalt bedingt ist. Da aber das 613 Idyllisch — i Bewußtsein jenes Gegensatzes, als nothwendige Voraussetzung, ein wesentliches Moment der poetischen Wirkung des J-s ist, so erscheint die darin 21 ,klingende Naivetät als keine unmittelbare, son- Lern als reflectirte, also sentimentale. In diesem Sinne findet sich daher das I. zuerst bei den Römern in deren späterer verfeinerter, ja überfei- nerterBildungsepochealsSchäfergedicht(Lneoliooii) u. es spricht sich darin nicht die naive Freude u. der unbefangene Naturgenuß ans, sondern „vielmehr die Sehnsucht nach demselben aus der Übersättigung des civilisirten Lebens. Das I. hat daher einen fast elegischen Charakter, wenn es denselben auch möglichst unter der heiteren Form von Naturschilderungen zu verbergen sucht. In der späteren modernen Zeit, namentlich in der sittlich zerfressenen Rococoperiode, gewann das I. in de» Schäfer-, Fischer-, Gärtner- rc. Gedichten, Novellen u. Romanen gerade dadurch ein pikantes Interesse, daß es gegenüber dem Moschus- und Patschouliduft der vornehmen Frivolität einen künstlichen Heu- und Stallgeruch producirte, der durch den Contrast die überreizten Nerven kitzeln sollte. Dieser französischen Frivolität gegenüber erfuhr dann gegen das Ende des 18. Jahrh. das I. in der deutschen Poesie durch Geßner n. Voß und weiter durch die edle epische Behandlung Goethes (in Hermann u. Dorothea) eine Regeneration, welche der Koketterie mit Schäfer-J-en ein Ende machte. Das Metrum des J-s ist ver- schieden; neben 4—Ssüßigeu Jamben wird jedoch, nach dem Vorgang der Alten (Vergil), meist der Hexameter gebraucht. Schasler. Idyllisch, in der Weise eines Idylls, ländlich, «insach, heiter. I. o., Abbreviatur für iä est, das ist. kenn (fr.), so v. w. Johann; loanno, so v. w. Johanna. Jeanne d'Alüret, s. Albret. St. Jean-Bonnefonds, Gem. im Arrond. St.Etienne des franz. Dep. Loire; Eisenhämmer, Fabrikation von Tischlerleim, Steinkohlenbergbau, 2 Jahrmärkte; 4040 Ew. (nur 787 im Orte). St.-Jean-d'Angely, Stadt u. Hauptort in dem 7 Cantone u. 120 Gemeinden mit 81,682 Ew. umfassenden, gleichnam. Arr. des sranz. Dep. Charentc-Jnferienre, au der Boutonne; Gerichtshof erster Instanz, Friedens- u. Handelsgericht, Historische nnd wissenschaftliche Gesellschaft, Acker- baugesellschast, Sparkasse, Hospital, Departements- Gefängniß, Statue von Regnault de St. Jean- d'Angely; Fabrikation von Branntwein, Sarsche, Werkzeugen von geschmiedetem Eisen, landwirth- schastlichen Geräthen rc., Wollenspinnerei, Metallgießerei, mechanische Sägewerke, renommirte Bierbrauereien, 3 Jahrmärkte; 6812 resp. S746 Ew. — J-d'A., das alte Schloß Angeriacum, bildete sich als Stadt um das von Pipin dem Kleinen daselbst gestiftete Benedictinerkloster, wurde in den Hugenottenkriegen 1562 belagert und 1569 von Karl IX. genommen; 1620 wieder abgefallen, wurde die Stadt 1621 nochmals genommeu und die Festungswerke geschleist. H- Berns. St.-Jean-de-Bournay, Marktflecken im Arr. Vienne des franz. Dep. Jsere, an der Gervonde; Fabrikation von Bändern, Sammet, Wollkratzen rc., Jeanne d'Arc. Zurichten u. Abhaspeln von Seide, Mühlen, Ölpressen, Bau von geschätzten Weinen, 8 Jahrmärkte; 3249 Ew. St.-Jean-du-Gard, Stadt im Arr. Mais des französ. Dep. Gard, am Gardon d'Anduze; Seidenspinnerei, Fabrikation von Handschuhen u. seidenen Strümpfen, Strumpfwirkerwaaren, Hüten, Baumwollenzeugen, Leder, Papier rc., Handel mit den Producten seiner Industrie und mit Eisen, Getreide, Mehl, Uhren rc.; 3885 Ew. Jeanne d'Arc (die Jungfrau von Orleans), 6. Jan. 1412 zu Domremy au der Maas geb., war von hoher, edler Gestalt und schwärmerischer Phantasie; in ihrer Jugend hütete sie die Schafe u. Pferde ihres Vaters, eines Landmannes. Das damalige Unglück Frankreichs durch die Engländer begeisterte I. für die Befreiung ihres Vaterlandes. In ihrer Einsamkeit solchen Gedanken nachhängend, soll sie durch Erscheinungen der heil. Maria ermuntert worden sein, Orleans zu entsetzen und Karl VII. zur Krönung nach Reims zu führen. Sie ging im Febr. 1429 zum Gouverneur von Vaucoulcurs, Robert von Baudricourt, u. offenbarte demselben ihre Erscheinungen; doch dieser entließ sie als irrsinnig und erst das dritte Mal schickte er sie mit Empfehlungsschreiben nach Chinon znm König. Dieser gab ihr eine Ritterrüstung u. ließ sie, eine Fahne in der Hand tragend, vor dem Heere herziehen. Wirklich siegten in ihrer Anwesenheit die französischen Heerführer über die Engländer. Zuerst zog I. mit 10,000 Mann 29. April 1429 von Blois ans in das belagerte Orleans ein u. nöthigte die Engländer, die Belagerung 8. Mai anfzuheben. Am 18. Juni siegte sie bei Patay und führte den König nach Reims, wo er 17. Juli gekrönt wurde. Am 8. Septbr. wurde sie beim Sturm auf Paris am Schenkel schwer verwundet; in Bonrges, wohin sich der König zurückgezogen hatte, wurde sie mit ihrer Familie in den Adelstand erhoben. Als die Engländer neue Kräfte gesammelt u. mit dem verbündeten Herzoge von Burgund Compiegne belagerten, warf sich I. in diesen Platz, wurde aber 23. Mai 1430 bei einem Ausfall von den Burgundern gefangen. Anfangs saß sie zu Crotoy, dann zu Beanrevoir, u. hier sprang sie, als sie hörte, daß sie den Engländern ausgeliefert werden solle, von einem Lhurme herab, blieb jedoch, von dem Falle schwer verletzt, liegen u. wurde den Engländern in Rouen ausgeliefert. Der Bischof von Beauvais, Peter Cauchon, ein Freund der Engländer, leitete gegen sie den Proceß wegen Zauberei u. Ketzerei ein; sie wurde im Jan. 1431 zum Feuertode verur- theilt u. 30. Mai zu Rouen verbrannt. Karl VII. that nichts, sie zu retten. 1455 wurde die Revision ihres Processes auf Instanz des Papstes Calixtns III. vom Erzbischof von Reims, den Bischöfen von Paris u. Coutances vorgenommen u. 1456 I. völlig freigesprochen. Ihr wurde auf einem Platze zu Rouen ein Denkmal errichtet; ebenso 1855 zu Orleans. An der Stelle ihres Geburtshauses in Domremy, über welcher eine alte, unscheinbare Büste von ihr stand, wurde ihr unter Ludwig XVIII. eine Kapelle errichtet und 1843 ein Denkmal aufgestellt, zu welchem König Ludwig Philipp eine Bronzestatue (nach der von 614 St.-Jean-de-Luz — Jeffcrson. seiner Tochter, Prinzessin Marie, gefertigten) schenkte. Vgl. I. Quicherat, krooss äs oon- äamnation st rsliabllitabion äs I. ä'^., Paris 1841—49, 5 Bde., eine vollständige Quellen- u. Actensainmlung, u. ^psryns nonv. snr 1'Iiist. äs I. ä'L., Par. 1850; Desjardins, Vis äs I. ä'L., ebd. 1862; Michelet, I. ä'^.., 3-Aufl., ebd. 1873; Hase, Neue Propheten, 2. Aufl., Leipzig 1861; Rastonl, I. ä'L. st In Anorrs äs esnt ans, ebd. 1874; auch wählten viele Dichter ihre Thaten zum Gegenstand von Gedichten, so Chapelain (kuoslis, 1656, worauf Voltaire Im skuoells als Parodie schrieb), Sonthey u. Lebrun de Charmet- tes (Orleanide, Paris 1820), Dnmenil und Wetzel 1818, Jvrigny 1819, und Alexander Soumeth 1825; als Stofs zu einer Tragödie wählte sie Schiller; s. Kummer, Die Jungfrau von Orleans in der Dichtung, Wien 1874. Hmne-Am Rhyn.- St.-Jean-de-Luz, Stadt am Ausfluß der Nivelle in den Ocean, im Arrond. Bayonne des franz. Dep. Basses-Pyrenees, Station der Franz. Südbahn; Kirche St. Jean-Baptiste, aus dem 13. Jahrh., mit bemerkenswerthen Gemälden, Hydrographische Schule, Hospiz, Chocoladefabrikation, Handels- u. Fischerhafen, Leuchtthurm, Seebäder; 3260 Ew. St.-Jea»-de-Maurienne (S. Giovanni di Moriana), Stadt u. Hauptort in dem 6 Cantone u. 69 Gemeinden mit 53,150 Ew. umfassenden gleichnam. Arr. des franz. Dep. Savoie, am Are, Station der Paris-Lyou-Mittelmeerbahn; Sitz eines Bischofs, Kathedrale, Gerichtshof erster Instanz, großes u. kleines Seminar, historische und archäologische Gesellschaft, Departementsgefäng- niß re., Fabrikation von Metallwaaren, Seide, Kalk, Gips, Käse rc., Schieferbrüche, 5 Jahr- Märkte, Handel mit Vieh, Getreide und Holz; besuchte Mineralbäder; 3121 Ew. H- Berns. Jeannette (fr.), so v. w. Johanna. Jea» Paul, s. Richter (Friedrich). lesn potags, s. u. Hanswurst. Jebufiter, kananitische, zu den Amoritern gehörige Völkerschaft im südlichen Palästina, wo sie bei dem Einsall der Israeliten die Feste Jebus besaßen, u. obwol von Josua geschlagen, sich neben den Benjaminiten frei erhielten. Erst David eroberte ihre Stadt Jebus, machte sie unter dem Namen Jerusalem zur Hauptstadt seines Reiches und zu seiner Residenz, u. Salomo unterwarf ihre letzten Reste. Jechaburg, Dorf im Landrathsamt u. Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen, am Frauenberg, mit 330 Ew. n. der ehemaligen gleichnam. Burg, wo die Jecha, eine thüringische Jagdgöttin, verehrt worden sein soll; sie soll vom Kaiser Ludwig II. bewohnt u. 933 von den Ungarn belagert n. erobert worden sein. Ferner war hier sonst eine 989 vom Erzbischof von Mainz als ein Be- nedictinerkloster gestiftete, berühmte Dompropstei, welche 1525 im Bauernkriege verwüstet n. 1572 aufgehoben wurde. H. Berns. Jechuiy (Jehenice), Stadt im böhm. Bezirk Podensam, Station der Pilsen-Priesener Eisenbahn; Bezirksgericht, DechanteMrche, Fabrikation von Stiefelabsatzeisen (ca. 2 Millionen Paar jährlich), SLgemühleii, Hopfenbau, Granitbrüche; 1205 Ew. Jedburgh, Hauptstadt der schott. Grasschnj Roxburgh, in einem tiefen Thale am Jed; tz/ chen, Abteiruine, Grafschaftshalle, Handwerks Institut, Grafschaftsgefängniß; 3321 Ew. der Nähe Sandsteinbrüche und auf einer AnWi eine Waterloosäule. ' eddo, s. Jedo. edikule, Vorstadt von Constantinopel, edithnn (Jeduthan, Ethan); Musik- u. San». Meister, auch als Prophet zu Davids Zeit geiiam gilt als Verfasser der Psalmen 39, 62 n. 77, j,' deren Überschriften er genannt wird. Jedo, der gewöhnlich gebrauchte Name der Hauptstadt von Japan. Seit der Mikado hm residirt, ist der Name nicht mehr im Gebrach und durch Tokio (worunter das Nähere zu sehen) ersetzt. Jeeze (Jeezel, Jeetze), 80 km langer link Nebenfluß der Elbe, entspringt nördlich „ein Drömling bei Schwarzendamm im Kreise Salz- Wedel des prenß. Regbez. Magdeburg, wird bei Salzwedel schiffbar, geht in die Landdrostei Lüneburg über u. mündet bei Hitzacker. Jeffcries, Georg, s. Jefferys. Jeffersou, Counties im Gebiete der nordanm. Union: 1) in Alabama unter 33" n. Br. u. S? w. L-, 12,345 Ew., Countysitz Elyton; 2) in Arkansas unter 34° n. Br. u. 92" w. L., ISIS Ew., C-sitz Pine Bluff; 3) in Colorado unterM II. Br. u. 105° w. L., 2300 Ew., C-fitz Golden City; 4) in Florida unter 30" n. Br. u. 84" n>. L., 13,398 Ew., C-sitz Monticello; 5) in Georgia unter 33 " n. Br. u. 82 " w. L., 12,190 Eni., C-sitz Louisville; 6) in Illinois unter 38° n. Br. II. 89" w. L., 17,864 Ew., C-sitz Monnt Verum; 7) in Indiana unter 38" n. Br. u. 83° w. i., 29,741 Ew., C-sitz Madison; 8) in Iowa unier 41" n. Br. u. 92° w. L., 17,839 Ew., C-sitz Fairfield; 9) in KausaS unter 39° n. Br. u. SS" w. L., 12,526 Ew., C-sitz Oskaloosa; 10) in Kentucky unter 38" n. Br. u. 86" w. L., 118,958 Ew., C-sitz Louisville; 11) in Louisiana unter 80° n. Br. u. 90"w.L., 17,767 Ew., C-sitz LafayetteCittz; 12) in Mississippi unter 31° n. Br. u. 91"w.L., 13,848 Ew., C-sitz Fayette; 13) in Missouri unter 38° n. Br. u. 91° w. L., 15,380 Ew., C-sitz Hillsboro; 14) im Territorium Montana unter 46" n. Br. u. 112 ° w. L., 1531 Ew., C-sitz Ich» sou City; 15) im Staate New-Uork unter 44° II. Br. u. 76" w. L., 65,415 Ew., C-sitz Water- ; town; 16) in Ohio unter 40 ° n. Br. u. 89° w. L., 29,188 Ew., C-sitz Steubenville; 17) in Pennsylvania unter 41" n. Br. u. 79 ° w. 21,656 Ew., C-sitz Brookville; 18) in Tennessee unter 36 ° n. Br. u. 83 ° w. L., 19,476 Eiv., C-sitz Dundridge; 19) in Texas unter 30° n. Br. u. 93° w. L., 1906 Ew., C-sitz Beaumont; 20) im Washington Territ. unter 47° n. Br. n. 124° w. L., 1268 Ew-, C-sitz Port Townsend; 21) in West-Virginia unter 39° n. Br. u. 78° w. L., 13,219 Ew., C-sitz Charlestown; 22) >» Wisconsin unter 43° n. Br. u. 89° w. L., 34,089 Ew., C-sitz Jefserson. Jefferson, 1) Städt. Bez. im Schoharie-Counttz des Nordamerika!!. Unionsstaates New-Iork, 3718 Ew. 2) Stadt im Marion County des Nordamerika!!. ,4 s Jefferson - Ullionsstaates Texas, am Big Cypreß Bayou, leb- Hafter Handel; 4190 Ew. Jcffersorr, Thomas, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten von NAmerika, geb. 2. April 1743 zu Shadwell in Virginien, studirte die Rechte u. Naturwissenschaften, wurde 1767 Advocat u. 1769 Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung in Virginien, 1775 Deputirter beim Congreß, verfaßte dort die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 und war dann weiter bei der Gesetzgebung für Virginien thätig. 1779—81 war er Gouverneur von Virginien, trat 1783 in den Congreß zurück, ging 1784 mit Adams u. Franklin behufs Abschließung von Handelsverträgen als Gesandter nach Paris und blieb dann seit 1785 allein dort bis zum Herbst 1789. Ende März 1790 bis Dec. 1793 gehörte er als Staatssecretär dem Cabinet Washington an u. trat hier den Einheitsbestreb- ungen der Föderalisten unter seinem College», dem Finaiizminister Alex. Hamilton, entgegen, wirkte für Einheit in Münze, Maß und Gewicht, Verbesserung des Handels, Hebung der Fischerei, führte die Vaccine ein u. stiftete zn Charlottes- ville die Universität für den Staat Virginia. Als er seine Stelle niedergclegt, zog er sich aus sein Landgut Monticcllo in Virginien zurück, wurde aber schon 1797 zum Vicepräsideuten gewählt, bekämpfte hier die Aoamssche Aufruhr-, Fremden- Bill u. andere Maßregeln, brachte 1798 die Virginia- und Kentucky-Beschlüsse zum Schutze der Einzelstaaten zu Stande u. entschied die Niederlage der Föderalisten. 1800 wurde er zum Präsi- deuten der Union gewählt u. blieb es von 1801 bis 1809 infolge seiner Wiedererwählung. Nach seinem Rücktritte lebte er nur den Wissenschaften u. seinem Gute, kam aber in solche finanzielle Verlegenheiten, daß er sein Besitzthum durch eine Lotterie veräußerte. Er st. 4. Juli 1826. I., der Vater der amerikan. Demokratie, einer der bedeutendsten Staatsmänner der Union, schr. ein heute noch als Autorität geltendes Handbuch der parlamentarischen Praxis, 11. Ausg. 1840, Verschiedenes über Virginien, Summarische Übersicht der Rechte des englischen Amerika, 1774; Entwurf der Fundamentalconstitution, 1783, rc. Seine gesammelten Schriften, darunter auch seine Selbst biographie, wurden vom Congreß 1853—1859 in 9 Bdn. herausgcgeben. Vgl. Lebensbeschreibungen von Tucker, 2 Bde., Philadelphia 1837, Randall, 3 Bde., New-Iork 1857—1859, Parts», Boston 1874. Jefferson City, Hauptstadt des Nordamerika». Unionsstaates Missouri, am Missouri und der Missouri-Pacific-Bahn, Capitol, Zuchthaus; 4420 Ew., zur Hälfte Deutsche. Jeffersons Niver, der westliche Quellflnß des Missouri. Jeffersonville, Stadt im Clarke County des Nordamerika«. Unionsstaates Indiana am Ohio, Louisville gegenüber, mit verschiedenen Eisenbahnverbindungen, Staatsgesängniß, lebhafte Industrie und 7254 Ew. Jefferys lJefsreys), Lord George, Baron Wam, gewöhnlich Richter I. genannt, geb. 1643 zu Acton in Denbighshire; wurde 1666 Advocat in Kingston, 1681 Oberrichter in Chester u. 1682 - Jchovah. 615 Lord Oberrichter des höchsten königl. Gerichtshofs. Als solcher verurtheilte er die ehrenwerthesten Männer, wie Algernon Sidney und Lord Rüssel, zum Tode, durchreiste nach der Thronbesteigung Jakobs II. die Provinzen, uni gegen die Anhänger des Herzogs von Monmouth gerichtlich zu verfahren, u. war überhaupt einer der Hauptschergen, um die gewaltsamen Maßregeln Jakobs II. auszuführen, ließ Hunderte nur aus Verdacht aufknüpfen, selbst treue Anhänger des Königs, weil sie einen Verdächtigen verborgen hatten, hinrichten und vereitelte alle Appellationen an den König durch das Vorgeben, daß dieser ihm versprochen habe, keinen der Verurtheilten zu begnadigen. Er wurde für diese Blutdienste Peer u. Lordkanzler von England, äls er aber bei der Landung Wilhelms von Oranien entfliehen wollte, in der Verkleidung eines Matrosen erkannt u. 13. Decbr. 1688 nach dem Tower gebracht, wo er 4 Monate später an einem Steinleiden starb. Vgl. H. W. Woolrych: lüvss ok sminsnb 8orssaul8-ab-1a^ ok tbs künZIisb bar, Lond. 1869, 2 Bde. Bartling.» Jeffrey, Lord Francis I., schott. Schriftsteller u. Kritiker, geb. 23. Oct. 1773 in Edin- burg, wurde 1794 Advocat daselbst, 1821 Lordrector von Glasgow, 1830 Mitglied des Parlaments für Malton, 1831 Lordadvocat für Schottland, 1834 Richter am 6ouri ok 8sssiou u. st. den 26. Jan. 1850 auf seinem Landgute bei Edin« bürg. Seiner politischen Richtung nach war er entschiedener Whig. I. hat sich einen großen Ruf als englischer Kritiker erworben und ist einer der Gründer der HäinburAb ksvisrv; seine Beiträge dazu erschienen gesammelt als Ocmtribubions to tbs LckinburZb Lsviorv, London 1843, 4 Bde., 2. Aufl. 1853, 3 Bde.; J-s Biographie schrieb Lord Cockburn, Edinb. 1852, 2 Bde. Bartling.- Jefremow, Kreisstadt im russ. Gouv. Tula, an der Krassiwaja-Metscha, Station der Wiasma- Rjaschsk-Eisenbahn; 6 Kirchen, Kreisschule, wohl- thätige Anstalt, Bank, mehrere Fabriken, Handel mit Honig, Hans, Getreide rc., 6 Jahrmärkte, darunter ein sehr bedeutender am 15. Septbr.; 7402 Ew. Die Bewohner im Kreise der Stadt beschäftigen sich vorwiegend mit Ackerbau, Viehzucht u. Bienenzucht. H- Berns. Jegorjewsk, Kreisstadt im russ. Gouv. Rjäsan, an der Gußlenka, Station der Jaroslaw-Wologda- u. der Moskau-Rjäsan-Eisenbahn (Zweigbahn nach I.); 4 Kirchen, Kreisschnle, mehrere Fabriken, namentlich Baumwollenspinnereien, Webereien u. Färbereien, Talgsiedereien; 5101 Ew. Die Stadt brannte 5. Juli 1868 bis auf 15 Gebäude ab. Im Kreise der Stadt werden viele Bastschuhe, Weberkämme u. Spindeln verfertigt. H> Berns. Jehovah (eigentlich Iah veh, d. i. der da ist, war, sein wird), der Name, unter welchem Gott sich dem Moses geoffenbart (2. B. M. 3,14 und 6, 2 u. 3), von den 1XX übersetzt Der Seiende; ebenso erklärt es Philo Der keinen Eigennamen hat, von dem nur das Sein ausgesagl werden kann; seit Mendelssohn wird es Ewiger übersetzt, welches auch das Wort (Der unbeschränkt Seiende) vollkommen ausdrückt. Als nach dem Exil der Glaube an den einzigen, unendlichen, geistigen ' Gott den Götzendienst bei den Juden völlig be- 616 Jehovahblümchen siegt hatte, scheute man sich, diesen Namen, in welchem die ganze Fülle der Wesenheit und der Eigenschaften Gottes ausgedrückt war, wegen seiner Heiligkeit auszusprechen. Man las dafür theils öasodLm (der (göttliches Name, wie die Sama- ritauer, schrieb auch zum Theil so), theils L.äonal, bei den I.XX, Lbpror, Der Herr. Nach einer alten Tradition hätten die Priester nach Simon dem Gerechten auch im Tempel diesen Gottesnamen durch Lasoiisna ersetzt (Mwssikto Lots. o. 13 b), wogegen man später wieder annahm, der Hohepriester und die Priester hätten im Tempel diesen Namen wirklich ausgesprochen (loma, 6,2, Lotub, 7,6). Vor dem Exile ward dieser Name ausgesprochen, wie aus den damit zusammenge- setzten Personennamen erhellt, wie leiw-soims,, Isbo-ram, lodo-zaäs, u. a. Fürst. Jehovahbliimchen ist LarikrsAs 6sum L. Jehu, 1) Prophet im Reiche Israel unter König Baesa, verkündigte diesem seinen Sturz; 3) Sohn Josaphats, Feldherr des israel. Königs Joram, gegen den er sich, unterstützt von den Propheten, u. von Elisa zum König gesalbt, erhob; er tödtete Joram u. Ahasja, den König von Juda, rottete das ganze Haus Ahabs aus, wie den Baalsdienst, u. regierte 841—813 v. Chr. Jeisk, Kreis- n. Hafenstadt im Kuban-Gebiete, an der Mündung der Jeja ins Asowsche Meer, erst 1848 angelegt; 26,276 Ew.; Militärgymnasium, Bank, Wollwäschereien, Gerbereien, Ziegelbrennereien, Töpfereien, Ölmühlen, Talgsiedereien rc., schwunghafter Handel, namentlich mit Getreide, Wolle, Leinsamen rc. Jeitteles, 1) Ignaz, jüdischer Schriftsteller, Sohn des wegen seiner Bemühungen für Bildung u. Aufklärung unter seinen Glaubensgenossen rühmlich bekannten israelitischen Religionslehrers Benedict I., geb. 1784 in Prag, stndirte Jurisprudenz, verließ aber nachher die juristische Laufbahn u. wurde Theilnehmer eines Handelshauses in Wien, wo er den 19. Juni 1843 st.; er schr.: Analekten, Arabesken u. Allegorien, Prag 1807; Klio, Weltgeschichtliche Begebenheiten, Wien 1834; Ästhetisches Lexikon, Wien 1835—1836, 2 Bde.; mit dem Folgenden: Siona, Encyklopädisches Wörterbuch für Israeliten, Wien 1819 ff. 3) Aloys, geb. 20. Juni 1794 in Brünn, stndirte Medicin, wandte sich aber bald von der ärztlichen Praxis der Politik zu und redigirte die Brünner Zeitung bis zu seinem Tode, 16. März 1858. Er schrieb mit Castelli die Parodie: Der Schicksalsstrumpf, Leipz. 1818; bearbeitete nach Jagemann das Drama: Der Hirtenknabe aus Tolosa, begann eine Übersetzung des Calderon, Brünn 1824, brachte 1829 Moretos Lustspiel: Die Macht des Blutes auf die Bühne; seine Gedichte an die entfernte Geliebte setzte sein Freund Beethoven in Musik. 3) Isaak, nach seinem Übertritt zum Christenthum Julius Seidlitz, sein Schriftstellername, geb. 3. Sept. 1814 in Prag, wandte sich nach vollendeten Studien der journalistischen Thätigkeit zu, kam aber bald mit der österreichischen Censurbehörde in Couflict, lebte eine Zeit lang in Sachsen, dann in Ungarn als Journalist, redigirte nach 1848 das ministerielle Handelspolitische Centralblatt, darauf die Presse u. gründete — Jekaterinoslaw. das populäre Blatt Vorstadtzeitung, das er bis zu seinem Tode 8. März 1875.leitete. Von ihm: Die Poesie u. die Poeten in Österreich, Grimm» 1837, 2 Bde.; Novellen, Lpz. 1842, Wien 1845; verschiedene Feuilletonromane; das Volksstiick: Doctorin Nacht rc. Jeja (Jega), ein 225 Lm langer, sehr fischreicher, aber nicht schiffbarer Fluß im Lande der Tschernomorischen Kosaken im russ. Cis-Kankasien, fließt westlich u. mündet in das Asowsche Meer, und zwar in den Jeiskoi-Liman, eine Bucht mit schmalem Eingänge. lsjumum (lat.), 1) Leerdarm, s. u. Darm; 3) das Fasten; daher Jejunität, 1) Nüchternheit; 2) Seichtigkeit. Jekaterrna; so v. w. Katharina. Jekaterinburg (Katharinenburg), Kreisstadt u. Festung im europäisch-russischen Gouv. Perm, malerisch gelegen an beiden Ufern des Jssetj u. der sogen. Silbernen Hauptstraße, von Peter dem Großen 1722 gegründet u. nach seiner Gemahlin Katharina I. benannt, mit breiten und geraden Straßen; 12 Kirchen (darunter 2 Kathedralen), Kloster, Gymnasium, Realschule, Theater, Oberbergamt u. andere Bergbehörden (I. ist Mittelpunkt des Uralischen Berg- und Hüttenwesens), Münzhof für Kupfer, Kaufhof, Sibirische Handelsbank, Bergwerkshütte, viele Fabriken, darunter eine Maschinenfabrik, ein Amalgamirwerk, eine Steinschleiferei, eine große Eisenhütte, eine Kupferschmelzhütte, Talgsiedereien, Fabriken für Stearin- u. Talglichte, Tuch u. Seife, eine große Anstalt für Arbeiten in Jaspis, Marmor, Porphyr u. dgl., mehrere Goldwäschereien rc.; 25,133 Ew. Im Kreise der Stadt mehrere Bergwerke u. bedeutende Eisengießereien. I. wird von der im Bau begriffenen südsibirischen Bahn berührt. H- Berns. Jekaterinenstadt (Kathariuenstadt), deutsche Colonie im russ. Gouv. Saratow, am linken User der Wolga, 1765 gegründet; 3 Kirchen, Denkmal der Kaiserin Katharina II. (seit 1852), Acker- u. Tabaksbau, einige Industrie, lebhafter Handel, namentlich mit Getreide; etwa 5000 Ew. Jekaterinodar, Hauptstadt im russ. Kuban- Gebiet (Cis-Kaukasien), in einer Sumpfniederung am Kuban, 1792 erbaut, mit meist ärmlichen, flrohbedeckten Häusern, Residenz des Hetmans der Tschernomorischen Kosaken, Kathedrale, Militärhospital, Gymnasium u. Volksschulen, günstig gelegen für den Handel, daher I. sich schnell hebt; 12,889 Ew. Jekaterinograd, Flecken in Cis-Kaukasien (Rußland), an der Malka, unweit ihrer Mündung in den Terek; 2473 Ew. Jekaterinopol, Ört im russ. Gouv. Kiew, am Tikitsch; bedeutendes Braunkohlenlager, 1861 entdeckt; 3760 Ew. jekaterinoslaw, 1) Gouvernement im Europäischen Rußland, dazu der Stadtbezirk Taganrog, grenzt im N. an Poltawa u. Charkow, im O. an die Prov. des Donschen Heeres, im SO. an das Asowsche Meer, im S. an Tannen und im Westen an Cherson; 67,720,g HjLm (1229,^ UM), mit 1,352,300 Ew. (auf 1 djüm 20, im ganzen Europäischen Rußland 15). Das Gouv. ist im Allgemeinen ein Steppenland, fast ohne Holz (nur 617 Jelabuga — etwa 550 djicm sind mit Wald bedeckt); an einigen Stellen salzig u. sumpfig, sonst sehr fruchtbar; westlich erhaben (Granitberge am Dnjepr); hauptsächlich nur an den Flüssen augebaut u. bewohnt. Flüsse: Dnjepr (mit seinen berühmten Wasserfällen), Jngulez, Donez, Samara, Mijus, Don, Kagalnik, Kalmius u. a. Das Klima ist im größten Theile des Gouv. mild u. gesund (mitt- lere Jahrestemperatur 6„° R.). Products: Salz, Raseneisenstein, Kalk, Kreide, Steinkohlen (Ausbeute bedeutend), Braunkohlen, Sandsteine, Schleif- u. Mühlsteine, Mergel, Thon, Porzellanerde; Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Hirse, Mais, Hülsensrüchte, Ölpflanzen, Mohn, Tabak, Flachs, Hanf, Melonen, Öbst (auch Pfirsiche u. Aprikosen), Wein; Rindvieh (ca. 673,600 Stück), Pferde (ca. 155,600), Schafe (über 2H Will.), Ziegen (ca. 30,900), Schweine(ca. 182,900), Rehe, Antilopen, Hasen, Füchse, Wölfe, Murmel- thiere, Marder, Iltisse, Wiesel, Hamster, Bisamratten, Fischottern, Schildkröten; zahmes Geflügel, Trappen, Pelikane, wilde Enten; Störe, Sterlete, Welse, Weißfische rc. Auf den Ackerfeldern richten nur zu oft Ziesel- u. Blindmänse, sowie die Wanderheuschrecken ungeheueren Schaden an. Die Bevölkerung besteht vorwiegend aus Russen, außerdem aus Armeniern, Tataren, Arnauten, Serben, Moldauern, Griechen, Juden und Deutschen. Letztere leben hauptsächlich in 105 deutschen Colonien, von denen die erste 1788 gegründet wurde. Von den Bewohnern sind 1,246,058 Orthodoxe, 6902 Sectirer, 20,284 Armeno-Gregorianer, 12,678 römische Katholiken, 29,806 Protestanten, 36,331 Juden und 241 Mohammedaner. Eine Haupterwerbsquelle der Bewohner bildet die Viehzucht; die Pferdezucht wird durch 175 Gestüte gefördert. Von Belang sind ferner die Zucht des Federviehs, die Bienenzucht u. der Seidenbau; bedeutend ist der Fischfang. Die Industrie, noch unbedeutend, ist im Aufblühen begriffen; es gibt im Gouv. Talgsiedereien, Branntweinbrennereien, Tabaksfabriken, Eisengießereien, Maschinenfabriken, Gerbereien rc. Der Handel ist ziemlich lebhaft; die wichtigsten Ausfuhrartikel sind: Getreide, Rindvieh (sehr ansehnlich ist der Viehhandel mit den nördlichen Gouvernements), Pferde, Wolle, Talg, Häute, Caviar rc. Das Gouv. wird von den Eisenbahnen Kursk-Charkow-Asow u. Losowo-Sewastopol durchschnitten. Sehr häufig sind darin die Grabhügel (Kurgane), worin oft wohlerhaltene griechische u. skythische Alterthümer aufgefunden werden. Schon seit 1572 ließen sich in dem Gouv., das anfangs Neuserbien und seit 1764 Neurußlaud genannt wurde, viele Colonisten nieder, indessen blieb es doch der Tummelplatz der Kosaken und Tataren, bis es unter Katharina II. von Potemkin für die Cultur gewonnen wurde. 1784 wurde es organi- sirt u. mit seinem jetzigen Namen benannt. Es zerfällt in 8 Kreise. 2 ) Hauptstadt darin, 1787 Von Potemkin zu Ehren der Kaiserin Katharina II. angelegt, am Dnjepr, Station der Losowo-Sewa- stopol-Eisenbahn; Sitz eines Gouverneurs u. des Bischofs von J. u. Tagaurog, 6 Kirchen, 4 Synagogen, darunter eine der Kara'tten, Seminar, Gymnasium mit öffentlicher Bibliothek, mehrere Jelisawetgrad. wohlthätige Anstalten, Theater, eine Filiale der kaiserlichen Bank, viele Fabriken, namentlich Tabaksfabriken, schöner Park; 24,267 Ew. Bei der Kathedrale steht ein Denkmal der Kaiserin Katharina II. H. Berns. Jelabuga, Kreisstadt im russ. Gouv. Wjatka, an der Kama; 4 Kirchen, Kreisschule, wohlthätige Anstalt, Creditbank, mehrere Fabriken, darunter bedeutende Gerbereien und Seifensiedereien, lebhafter Handel; 7577 Ew. — Im Kreise der Stadt mehrere Schwefelquellen u. Hünengräber. Je länger je lieber, die Pflanzengattung lwlliosra, besonders I,. Laxrikolium und l,. ?s- ricJmsnum. Jelatnna (Jelatma), Kreisstadt im russischen Gouv. Tambow, an der Oka; 12 Kirchen, Kreisschule, wohlthätige Anstalt, Handel mit Getreide, Hanf, Wachs u. Honig, Flußschifffahrt, Jahrmarkt; 7107 Ew. — Im Kreise der Stadt werden viele Matten u. Mattensäcke verfertigt. Jelez, Kreisstadt im russ. Gouv. Orel, an der Soßna, Station der Orel-Grjasi-Eisenbahn; 16 Kirchen, 2 Klöster, Gymnasium, Lehranstalt für Eisenbahntechniker u. andere Unterrichtsanstalten, 2 wohlthätige Anstalten, Bank, viele Fabriken, namentlich Gerbereien, Talgsiedereien, Fabriken für Talg- und Stearinlichte rc., Fabrikation von verschiedenen Sorten Weizenmehl, das von hierdurch ganz Rußland versandt wird, sowie von Buchweizengrütze, bedeutender Handel mit Vieh, Weizen, Leder u. Eisen; 30,540 Ew. — I., zuerst 1146 genannt, war lange bis zur Eroberung der Stadt durch Tamcrlan 1395 ein unabhängiges Fürstenthum; 1778 wurde es Kreisstadt. H- Berns. Jelinek, Karl, Meteorologe, geb. 23. Octbr. 1822 in Brünn in Mähren, studirte in Wien die Rechte, dann Mathematik u. Naturwissenschaften, wurde, nachdem er seit 1843 an der Wiener Sternwarte als Assistent thätig gewesen, 1847 Agidact an der Prager Sternwarte, wo er hauptsächlich mit Untersuchungen auf dem Gebiete der Meteorologie u. des Erdmagnetismus sich beschäftigte. 1852 kam er als Professor der höheren Mathematik an das polytechn. Institut in Prag u. 1863 erhielt er die Direction der Centralanstalt für Meteorologie u. Erdmagnetismus in Wien, welche er reorgauisirte und erweiterte. 1872 betrieb er die Abhaltung des internationalen Me- teorologenconbresses in Leipzig, in dessen permanentes Comite er gewählt wurde, 1864 wurde er in den Unterrichtsrath berufen u. führte 1870 bis 1873 das Referat für technische u. Handelsschulen im Unterrichtsministerium. Er st. 19. Oct. 1876 zu Wien. Seine Abhandlungen s. in den Sitzungsberichten u. Denkschriften der Wiener Akademie und in der von Hann u. I. redigirten Zeitschrift der Österreich. Gesellschaft für Meteorologie. Jelisawetgrad (Elisabethgrad), Stadt im russ. Gouv. Cherson, am Jngul, Station der Odessaer und der J.-Charkower Eisenbahn; 8 Kirchen, darunter 2 der Altgläubigen u. 1 evangelische, 5 Synagogen, darunter 1 der Kararten, geistliches Seminar, Realschule, höhere Töchterschule, Cavaleriejunkerschule, kaiserlicher Palast, Theater, Bank, viele Fabriken (Talgsiedereien, Fabriken für Talg- u. Stearinlichte rc.), Handel, 618 Jelisciwctpol 4 bedeutende Jahrmärkte, großer Pferdemarkt (dauert 4 Wochen); 35,179 Ew. — Von den früheren Festungswerken sind nur noch einige Reste vorhanden. H- B-rns. Jclisawetpol (Elisabethpol), 1) Gouvernement im Transkaukasten (Asiatisches Rußland), grenzt im N. an das Gouvernement Tiflis, den Saka- talyschen Bezirk und Daghestan, im O. an das Gouv. Baku, im SO. an Persien, im SW. und W. an das Gouv. Eriwan u. im NW. an Tiflis; 44,342 Usirm (805,^ ÜHM) mit 529,412 Ew. (aus 1 dsüm 12, in ganz Kaukasien 10). Das Gouv. wird im NO. von der Hauptkette des Kaukasus begrenzt u. im S. von hohen Gebirgsrücken durchzogen, auf denen sich gute Alpenwei- Len finden; in diesen südlichen Gebirgen sind die höchsten Gipfel' Jschigh (3564 m), Tali Dagh (3622 m), Kjambil (3750 m), Murow Dagh (3314 m) u. Murgus (3000 m). Bewässert wird das Land durch den Kur und seine zahlreichen Nebenflüsse; der bedeutendste der letzteren, der Aras, ist Grenzfluß im SO. Das Thal des Kur ist gut angebant und erzeugt außer den gewöhnlichen Feldsrüchten Obst, Wein, Oliven, Mandeln, Feigen, Krapp rc. Die Seidenzucht ist von Belang. Die Bewohner sind größtentheils Mohammedaner, nämlich 335,339, nur 6999 sind orthodoxe griechische Christen, 8323 sind Sectirer, 169,451 Armeno-Gregorianer, 510 römische Katholiken, 1370 Protestanten u. 1760 Juden. Einteilung in die 5 Districte: I., Kasach, Sangesur, Schuscha und Nucha. 2) (sonst Gandscha) Hauptstadt darin, an der Gandscha; große Hauptmo- schee, mehrere Kirchen und Schulen, Bazar, bedeutende Seidenzucht; 16,167 Ew. — In der Nähe Ruinen des Thurmes von Schamchor. Früher war die Stadt Residenz eines eigenen muselmännischen Khans. Im Jahr 1804 wurde sie von den Russen unter dem Fürsten Zizianow mit Sturm erobert. Hier 25. Sept. 1826 Sieg der Russen unter Paskiewitsch über die Perser unter Abbas-Mirza. „ H- Berns. Jellachich de Buszim, eine in Österreich angesessene sreiherrliche und gräfliche Familie; 1) Freiherr Franz, geb. 1746 zu Petriuia in Kroatien, trat 1763 in österreichische Dienste, wurde 1794 Oberst, 1797 General u. vertheidigte 1799 Feldkirch gegen die Franzosen. 1805 war er mit einem Armeecorps nochmals mit der Vertheidi- gung von Vorarlberg beauftragt, sein Corps wurde aber dort aufgerieben u. mußte 13. Nov. zu Dornbirn an den Marschall Augereau capituliren. Er wurde darauf pensiouirt, 1808 aber als Divisionär in Agram wieder activ, schied jedoch 1809 aus dem Dienst u. st. 4. Febr. 1810 in Agram. 2) Graf Joseph, Sohn des Vor., geb. 16. Oct. 1801 in Peterwardein, kam 1809 in die Theresianische Militärakademie, trat 1819 in ein Dragonerregiment, war 2 Jahre Divisions-Adjutant in Wien, 1830 Hauptmann in einem Grenzregiment und erhielt 1837 mit der Charge eines Gouvernements-Adjutanten in Dalmatien das Majorspatent, 1842 schon das eines Obersten, als welcher er mit seinem Regiment bei Pozwizd 9. Juli 1845 gegen die Bosnier kämpfte. Im März 1848 wurde er Generalmajor, Banus von Kroatien, Slavonien — Jellinek. u. Dalmatien, u. bald darauf zum Feldmarschall. lieutenant u. commandirenden General in Agram ernannt. Bei seinen Bemühungen gegen die ma- gyarischen Tendenzen die Nationalität seines Vaterlandes zu fördern u. dasselbe in ungclockerter Verbindung mit Österreich zu erhalten, verlenm- dete ihn das ungar. Ministerium bei dem Kaiser als ob er den Aufstand der Serben u. Raizen am geregt habe u. mit den panslavistischen Bestrebungen in Böhmen in Verbindung stände, und erlangte vom Kaiser die Entsetzung J-s; doch wurde das Absetzungsmauifest nicht vollzogen, nachdem er sich persönlich vor dem Kaiser in Innsbruck ge- rechtfertigt hatte. Nachher ging er nach Wien zu einer Conferenz wegen Ausgleichung der Differenzen Kroatiens mit Ungarn, die jedoch keinen Erfolg hatten. September 1848 überschritt er mit 40,000 Mann Grenzlruppeu die ungar.-kroatische Grenze , schloß nach dem Gefecht bei Ofen mit den ungar. Insurgenten einen 3tägigen Waffenstillstand, zog während dessen nach Wien, zu dessen Einnahme er mitwirkte, schlug 30. Octbr. die Ungarn bei Schwechat und leitete daraus im Winterfeldzuge unter dem Oberbefehl von Win- dischgrätz die Bewegungen gegen Raab, Pest u. Ofen. März 1849 zum Feldzeugmeister ernannt, drängte er, eine Vereinigung mit der SArmee anstrebend, die Ungarn über die Römerschanze n. den Franzenskanal zurück, besetzte die Bacska, mußte aber 14. Juli 1849 bei Hegyes der Übermacht weichen u. sich zurückziehen. Nach Niederwerfung der Jnsurrection wurde er Banus- und Civil» u. Militärgouverneur von Kroatien u. Slavonien, wurde im Febr. 1853 zum Oberbefehlshaber des Observationscorps an der montenegrinischen Grenze ernannt und im April 1854 in den erblichen Grasenstand erhoben; er starb, seit einiger Zeit schon gemllthskrank und endlich auch Physisch ganz zerrüttet, 20. Mai 1859 zu Agram. I. war auch Dichter (Gedichts, Wien 1850). Henne-AmRW.' Jellinek, 1) Adolf, jüdischer Gelehrter und Prediger, geb. 26. Juni 1821 in Drslowitz bei Ungarisch-Brod in Mähren, studirte in Prag und Leipzig Philosophie und Örientalische Sprachen, wurde 1845 israelitischer Prediger in Leipzig, wo vorzüglich durch ihn der Bau der Synagoge 1855 veranlaßt wurde, u. 1856 Prediger der israelitischen Gemeinde in Wien. Namentlich bekannt ist I., der erste jüdische Kanzelredner der Gegenwart, in der Gelehrtenwelt als tiefer Kenner der Kabbala (vergl. Jost, I. n. die Kabbala, Leipz. 1852); in dogmatischer Hinsicht vertritt er den gemäßigten Fortschritt im Judeuthum, war auch Mitdirector des 1855 gegründeten Instituts zur Förderung der jüdischen Literatur. Er schrieb: Einleitung zu Bachjas Chobot ha Lebabot, Lpz. 1842; Sesat Chachamim (Erklärung der in den Talmuden, Targumin n. Midraschim vorkommen- den persischen u. arabischen Wörter), ebd. 1846; Nachträge dazu, 1847; Elischa ben Abüja, gen. Acher. Zur Erklärung u. Kritik der Gutzkowschen Tragödie: Uriel Acosta, Leipz. 1847; Moses ben Schem-Tob de Leon und sein Verhältniß zum Sohar, ebd. 1851; Beiträge zur Geschichte der Kabbala, ebend. 1851 s., 2 Hefte; Thomas von Aquino in der jüdischen Literatur, 1853; Bet-Ha 619 Jelling — Midrach (Sammlung kleiner Midraschin), 1853 bis 1855, 3 Bde.; Philosophie u. Kabbala, 1854, 1. Heft; Zur Geschichte der Krenzzüge, 1854; gab heraus Galenos Dialog über die Seele, Leipzig 1852; Maarich (Fremdwörterbuch zum Talmud), 1853; Auswahl Kabbalistischer Mystik, 1853; Mose ben Nachmau, Über die Vorzüge der mosai- scheu Lehre, 1853; Der Mikrokosmos, ein Beitrag zur Neligionsphilosophie u. Ethik von R. Josef Jbu Zadik, Leipz. 1854; R. Salomo Alamis, Sitteulehreu, 1854; Sittenpredigten, 2 Thle., Wien 1862; Aus der Wiener israelitischen Cnl- tnsgemeinde, 7 Zeitpredigten, ebd. 1864; Nofet Zufim, R. Jehu da Messer Levns Rhetorik nach Aristoteles, Cicero u. Qnintilian, mit besonderer Beziehung auf die Heil. Schrift; ebd. 1863; Sa- lomon Munk, Vortrag vom 21. Januar 1865; Schaar haschamajin von R. Joses Jbu Latis. Als Beitrag zur Geschichte der religionsphilosophischen Bewegung im 13. Jahrh. nebst historischer Einleitung zum ersten Mal herausgeg., Wien 1865; Studien und Skizzen, ebd. 1869; Samuel ben Meir, Commentar zu Kohelet u. Hohem Lied, 1855; Commentare zu Esther, Ruth und Klagelieder von französischen Exegeten, 1855. 3 ) Hermann, Privatgelehrter, Bruder des Vor., geb. 22. Jan. 1823 in Uugarisch Brod in Mähren, studirte erst jüdische Theologie, dann aber Philosophie, schloß sich in Leipzig den Junghegelianern an u. spielte dort in den politischen u. kirchlichen Parteikämpfen eine solche hervorragende Rolle, daß er Winter 1847 von dort ausgewiesen wurde; ebenso aus Berlin verwiesen, ging er nach Prag u. März,1848 nach Wien, wo er an der Allgemeinen Österreich. Zeitung n. an dem Radicalen mitarbeitete u. den Kritischen Sprechsaal für die Hauptfragen der Österreich. Politik gründete, überall für die Revolution agitirend, weßhalb er, ohne im October selbst mitgekämpft zu haben, 23. Nov. 1848 in Wien nach standrechtlichem Erkenntniß erschossen wurde. Er schrieb: Uriel Acostas Leben und Lehre, Zerbst 1847; Die Täuschungen der aufgeklärten Juden u. ihre Fähigkeit zur Eman- cipation, 1847; Das Verhältnis) der Lutherischen Kirche u. reformatorischsu Bestrebungen N. Crells und Christians I. in seinen Wirkungen auf die neuesten Ereignisse, 1847; Die religiösen, socialen u. literarischen Zustände der Gegenwart in ihren praktischen Folgen, 1847; Kritische Religion der Liebe, Zerbst 1847; Kritisch-philosophische Schriften, 1848 u. a. Mrst.» Jelling, Kirchdorf im dän. Amte Veile in Jütland, mit einem Schnllehrerseminar; sonst Stadt, Sitz dänischer Könige und Begräbnißort Gorm des Alten und seiner Gemahlin Thyra. Noch sind bei der Kirche 2 Runensteine vorhan- den, einer vom König Gorm zu Ehren seiner Gemahlin Thyra u. der andere von seinem Sohne Harald Blauzahn zu Ehren seiner Eltern. Jelna, Kreisstadt im russ. Gouv. Smolensk, an der Desna; 2 Kirchen, 2 Jahrmärkte; 3861 Ew. — Im Kreise der Stadt werden Näder u. Holzgeschirre verfertigt u. wird Theer gebrannt. Jelschan, Markts!., so v. w. Eltsch. Jelton od. Jalton, so v. w. Elton. Jeluru (Ellur), Stadt in dem vorderindischen Jemtland. District Godavary, unweit des Kolernn-Sees, schön und weit gebaut. Englischer Garnisonsort. Jemüa, Fluß, s. Emba. Jemen (Deinen, d. h. Land zur Rechten), eine der wichtigsten Provinzen Arabiens, welche den ganzen Küstenstrich südlich von Hedschas bis zur Straße Bab-el-Mandeb umfaßt, mit Hedschas 567,220 s^fkm (etwa 10,300 HjM) Flächengehalt u. 1 bis 1^ Mill. Ew. hat. Nach NO. hin gelangt in den gebirgigen Theil Arabiens, dessen jenseitige Hügel hier dicht bewaldet und überall mit Kafseplantagen besetzt sind, für welche man künstliche Bewässerung eingerichtet hat. Außerdem begegnet man prachtvollenUlmen, Tamarindsnbäumen u. anderen Fruchtbäumen, üppigen Rasenplätzen kleinen Flüssen u. sprudelnden Quellen. I., das die Alten als Glückliches Arabien (Trabis, lslix) bezeichneten, besitzt vorzugsweise anbaufähigen Boden und eine seßhafte Bevölkerung, vorzüglich im südwestl. Theile. Der ebene Küstenstrich heißt Tehama. Hauptstadt ist Sauna mit etwa 40,000 Ew. So lange Arabien unter eigenen Herrschern stand, hatte der Imam von Sauna das Übergewichten der Provinz, bis dieselbe vom Pascha von Ägypten unterworfen wurde. Seit 1841 steht die Provinz unter der unmittelbaren Oberherrlichkeit des Sultans. Arendts. Jemappes, Gem. im Arr. Mons der belgischen Pro. Hennegan, an der Haine u. dem Kanal von Mons nach Conde, Station der Belg. Staatsbahn; Bierbrauerei, Coaks-, Fayence- und Maschinenfabrikation, Kohlenbergwerke, Sandstein- brllche; 1866: 11,405 Ew., für 1874 geschätzt auf 11,274. — Hier 6. Nov. 1792 Sieg der Franzosen unter Dnmouriez über die Österreicher unter dem Herzog von Sachsen-Teschen u. dem General Clerfayt. Bei der darauf folgenden Bereinigung Belgiens mit Frankreich erhielt die Prov. Hennegau' den Namen eines Departements de I. Jemeppe, Dorf im Arr. u. der belg. Prov. Lüttich, an der Maas oberhalb Lüttich, gegenüber von Seraing, Station der Niederländ. Staats- u. der NBelgrschen Eisenbahn; Steinkohlengruben; 4430 Ew. Jemgum, Marktflecken im Kreise Leer der preuß. Landdrostei Anrich, an der Ems und dem J-er Tief; alte Kirche, Handel mit Butter und Käse; 1300 Ew. — Hier 1533 Schlacht zwischen dem Herzog von Geldern und dem Grafen von Ostfriesland u. 1568 Schlacht zwischen dem Grasen Ludwig von Nassau n. Herzog Alba. Jemineh- (od. Emineh-) Balkan,der östl. Theil des Balkangebirges (s. d.)..in der europ. Türkei. Jemtland (Jämtland, Östersund-Län), Län in Nordschweden, umfaßt die Landschaften I. u. Her- jeädalen u. grenzt an Norwegen, Westerbottens-, WesternorrlanLs-, Gefleborgs- u. Kopparbergs-Län; 54,093,gg Usicm (982,4 >_M) mit 72,506 Ew. (auf 1 s^jicm 1,z, in ganz Schweden 9,g). DaS Län ist gebirgig durch Zweige der Norwegischen Gebirge, die hier auf der Grenze gegen Norwegen in Bigelnsjeld, Rntesjeld, Syltoppen, im Ahreskutan u. a. fast ihre höchste Höhe erreichen. Flüsse: Angerman-, Jndals- u. Ljnsne-Elf; sie bilden viele Wasserfälle u. fließen zum Bottnischen Meerbusen. Von den zahlreichen Seen ist der 620 Jen - größte der SO km lange u. 22 km breite Stör. Sjö. Das Klima ist sehr rauh u. kalt, aber die Luft rein und gesund. Von den beiden Landschaften (Herjeadalen, s. d.) gehört I. mit seinem Wechsel von hohen Bergen u. Thälern, Seen n. Strömen, ausgedehnten Wäldern u. kleinen culti- virten, fruchtbaren Strichen zu den schönsten Gegenden in Schweden u. geht einer schnellen Entwickelung entgegen. Beschäftigung der Bewohner: Ackerbau, welcher sich im N. nur auf Kartoffeln, im S. auch auf Korn, Hafer, Gerste und Flachs erstreckt; Viehzucht, die ausgezeichnete Pferde und Rinder liefert; Jagd auf Elen- und Rennthiere, Bären, Füchse rc.; Fischerei und Waldbeuutzung; außerdem auch Gerberei u. Weberei. Die Einwohner, Jemten, Herjedalen u. Lappen, zeichnen sich durch schöne Gestalt, große Thätigkeit, Religiosität und Einfachheit aus. Hauptort und einzige Stadt ist Östersund. H- Berns. Jen, japanische Münze 4 U 30 Pfg.; s. Japan. Jena, Stadt im Verwaltungsbezirk Apolda des Großherzvgthums Sachsen-Weimar-Eisenach, in einem reizenden Thale a. d. Saale, mit steinerner Brücke über dieselbe, Station der Saalbahn und der Weimar-Geraer Eisenbahn, ist meist regelmäßig gebaut, hat aber noch mehrere enge Straßen, an der Stelle der ehemaligen Festungswerke von freundlichen Gärten umgeben. Die Hauptstraßen der Jnstadt sind: Johannis-, Leutra-, Collegien-U. Löbderstraße. Auf dem Marktplatze steht seit 1858 das Standbild des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmüthigen (von Drake) u. im Fürstengartcn seit 1857 Okens Büste (ebenfalls von Drake); außerdem hat I. noch ein Denkmal des Chemikers Döbereiner und der Nationalökonomen Schulze und Fries. Bemerkeuswerthe Gebäude sind: die Haupt- oder Michaeliskirche mit 97 m hohem Thurme u. dem Erzbilde Luthers, die Collegien- kirche, das Bibliothekgebäude, das Rathhaus, das Schloß von 1620 (1672—90 die Residenz der Herzöge von I.), der Gasthof zum Schwarzen Bären (hier übernachtete Luther auf seiner Flucht von der Wartburg) das Hotel zum deutschen Haus, das Weigelsche Haus, das Collegienhaus, der Burgkeller von 1546 am Kirchplatz, Schillers Hans mit Büste (von Dannecker) u. a. I. ist Sitz eines Oberappellationsgerichts für die Thüringischen Staaten u. Anhalt, hat ein Justizamt, ein statistisches Bureau für Thüringen, eine Handelskammer, eine Universität nebst landwirthschaft- lichem Institut, Gymnasium (seit 1876), höhere Töchterschule, llr. Schröters (früher Kefersteins) Privat-Knaben-Erziehuugsanstalt, Gewerkenschule, Garnison (Infanterie), Fabriken, u.a. für Cigarren, Pianos, Tuch, Cement rc., Wollspinnerei, Papier-, Ol- und Kornmühlcn, ansehnlichen Buchhandel, Stadtbrauerei u. Weinbau. 1875 hatte I. 9020 Ew. Eine Hauptnahrungsquelle für die Bewohner J-S ist die Universität. Die erste Idee zur Gründung derselben faßte Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige 1547, als er nach der Schlacht bei Mühlberg gefangen durch I. gebracht wurde u. hier eine Zusammenkunft mit seinen drei Söhnen hatte, um das verlorene Wittenberg den Protestanten dadurch zu ersetzen. Diese Söhne riefen - Jena. mehrere berühmte Lehrer (Joh. Stiegel, Victorin Striegel rc.) dahin, u. bald sammelten sich viele Studenten um dieselben. Kaiser Ferdinand I. gab die lange verweigerte Bestätigung endlich 15. Äug. 1557 u. 2. Febr. 1558 wurde I. als Universität feierlich geweiht u. blieb Gesammteigenthum der sächsisch-ernestinischen Häuser. Die Dotation der Universität besteht in der Herrschaft Remda, dem Rittergut Apolda und den Geldzuschüssen der sie erhaltenden Höfe. In mehreren Perioden zeich- nete sich I. dadurch aus, daß neben der gründlichsten u. gediegensten Gelehrsamkeit neue Theorien, bes. in der Philosophie, daselbst früh Eingang fanden und andere von hier ausgingen; so fand Kants Lehre in I. zuerst in Deutschland Anhänger, so lehrten Reinhold Fichte, Schilling, Hegel hier zuerst. Die Schicksale der Universität seit 1813 hängen .mit der Geschichte der allgemeinen Burschenschaft u. der Demagogenverfolgungen eng zusammen; von hier ging eigentlich elftere aus, ebenso das Wartburgfest. Auch wurde die Schuld von Kotzebues Ermordung durch Sand auf die Universität geworfen, ».mehrere unangenehme Folgen erwuchsen für I. daraus, so das Verbot des Besuchs von I. an preußische Studenten. Die Errichtung eines Bnrschenschaftdenkmals wird seit Herbst 1878 betrieben. Die Zahl der Studirenden war in I. sehr ungleich; in der Mitte des 18. Jahrh. soll sie sich oft auf 2—3000 belaufen haben, zu Ende desselben zählte man noch 800—1000; sie minderte sich durch Zurückberufung der Livländer unter Kaiser Paul u. andere Umstände auf 3—400, stieg aber nach dem Kriege von 1813—15 auf 800, betrug seitdem bei der Concurrenz neuer Universitäten zwischen 400 u. 600 (im Winter 1876/77 459). Die Blüthezeit der Universität waren die Jahre 1787—1806 unter Herzog Karl August. An diese Akademischen Lehranstalten reihen sich an: die Lehranstalt für Chemie (seit 1811), das 1828 von Wackenroder gegründete Pharmaceutische Institut, das 1839 von Schulze gegründete Landwirthschaft- liche Institut, die Thierarzueischule, ein zoologisches u. botanisches Institut; ferner die Universitäts- bibliothek, seit 1858 in einem neuen stattlichen Gebäude mit 200,000 Bdn. (begründet 1548 von Johann Friedrich dem Großmüthigen durch Verlegung der kurfürstl. Bibliothek von Wittenberg hierher, vermehrt durch spätere Ankäufe (Curu- mäische, Sagittarische, Birknersche rc. Bibliothek) u. Schenkungen (bes. 1817 durch die großherzogl. Schloßbibliothek in I., u. später durch die Bibliotheken der Professoren Döbereiner, Voigt, Hand. Schmid), Botanischer Garten, Orientalisches Münzcabinet u. Anatomisches Museum. In I. bestehen ferner noch eine Lateinische Gesellschaft (1733 von G. L. Herzog gegründet), eine Mineralogische Gesellschaft (vom Bergrath I. G. Lenz gestiftet) u. ein Verein für Thüringische Geschichte u. Alterthums- kund». Von I. ging die erste Literaturzeittmg für Deutschland, vom Professor Schütz 1785 gestiftet, aus, u. als diese nach Halle übersiedelte, folgte ihr 1804—42 die von Eichstädt besorgte Jenaische Literaturzeitung, von 1843—48 als Neue Jenaische Literaturzeitung (Lpz. bei Blockhaus) unter Mitwirkung der Universität herausgegeben. Seit 1874 erscheint wieder eine Jenaer NM'Ä.-A Jengi-Schir — Jenisseisk. Literaturzeitung, mit Unterstützung der Professoren, von Oberbibliothekar A. Klette herausgegeben. I. ist Geburtsort des CriminaliNen Feuerbach, des Philosophen Fichte (des Sohnes), des Märchendichters Musäus, des österreichischen Generals Freiherrn v. Gablenz, des Alterthumsforschers Göttling u. anderer. In der Nähe der Hausberg, auf welchem die drei Schlösser Windberg, Greifberg u. Kirchberg (das mittelste) standen, Sitz des alten Dynastengeschlechtes Kirchberg, 1303 u. 1450 zerstört, nur der Hauptthnrm Kirchbergs, der Fnchsthurm, ist noch übrig (vgl. H. Ortloff, Die Hausbergsburgen bei I., Jena 1858); ferner der Landgrafenberg (eine Zeit lang Napoleousberg, weil Napoleon dort vor der Schlacht von Jena bivouakirte) nebst dem Steiger, mit steilem, ans ihn führendem Weg, welchen Napoleon in die Felsen hauen ließ; der Jenzig, der Gleisberg mit den Ruinen der Kunitz- bnrg, die Ruinen der Lobedaburg, der Forst, der Johannesberg rc., sämmtlich mit reizenden Aussichten. I. wegen der dasigen Universität n. seiner Lage an der Saale Lcküsims Lulanas (Saal-Athen) genannt, erscheint schon im 13. Jahrh. als Stadt; es gehörte zumTheil den Grafen von Arnshaugk, zum Theil den Herren von Lobdeburg-Leuchteu- bnrg, von denen es seit dem Anfang des 14. Jahrh. als Heirathsgut, u. durch Kauf 1331 an die Markgrafen von Meißen kam. In der Theil- ung 1411 kam I. an Wilhelm, doch vertauschte er es 1423 an seinen Bruder, den Kurfürsten Friedrich den Streitbaren; unter dem Kursürstcn Friedrich dem Sauftmüthigen gehörte I. zur Al- bertinischen Linie, nach dessen Tode 1464 kam es an die Ernestinische, bei welcher es geblieben ist. 2. Febr. 1558 wurde die 1548 gestiftete Universität feierlich eingeweiht. 1620 wurde das jetzige Schloß von Herzog Johann Ernst gebaut. 1672 bis 1690 war I. die Residenz einer Seitenlinie von Weimar. 1690 kam I. an die Linie Eisenach, u. nach deren Anssterben 1741 an Weimar. Bei I. 14. Oct. 1806 Sieg Napoleons über die Preußen u. Sachsen unter Hohenlohe. August 1865 war hier die Feier des 50jährigen Bestehens der Burschenschaft. Vgl. I. Günther, I. u. die Umgebung, Jena 1857; Michelsen, Die Stadtordnung für I. (von 1540), ebd. 1858; Zenker, Historischtopographisches Taschenbuch von I., ebd. 1836; Döring,Jenaischer Universitätsalmanach, ebd. 1845; K. Biedermann, Die Universität I. rc., ebd. 1858; Keil, Gesch. des Jenaischen Stndentenlebens, Lpz. 1858; I. C. E. Schwarz, Das erste Jahrzehend der Universität I., Jena 1858; Ortloff, I. und Umgebung, ebd. 1864, 3.Aufl.1876.tGe°gr.)H.Berns. Jenai-Schir, s. Jangschahr. Jembnzar od. Jenipazar, Stadt, so v. w. Novibazar. Jenidsche Wardar, Stadt, s. u. Janitza. Jenikale, Flecken im russ. Gouv. Tannen; liegt an der östl. Spitze der Krim u. fast an der gleichnam. Meerenge, welche das Asowsche mit dem Schwarzen Meer verbindet, und hat einen Hafen, Leuchtthurm u. etwa 1000 Ew., welche sich zumeist von Fischerei ernähren. Im Mai 1855 wurde es von den Westmächten besetzt u. auch nach der Landseite hin befestigt. Dabei auf steilem Fel- 621 sen eine alte genuesische Burg und in der Nähe Schwefel- u. Naphtaquellen u. Schlammvulcane. Jenil (Uenil, Zenit), ein 240 km langer Neben- luß des Guadalquivir im slldl. Spanien, entspringt auf dem höchsten Theile der Sierra Nevada in der Prov. Granada, bewässert nach seinem Austritt aus der Sierra Nevada die Bega von Granada, durchbricht darauf in einem tiefen, malerischen Thale, viele Stromschnellen bildend, das nordwestl. Randgebirge der granadinischen Terrasse, strömt nun, sich nach NW. wendend, durch die Prov. Cordoba u. Sevilla, theilweise auch zwischen beiden Provinzen die Grenze bildend, u. mündet, nachdem er hier die öde bätische Steppe durchschnitten u. die weite Thalmulde von Ecija bewässert hat, bei Palma. Sein unterer Lauf von Ecija an hat ein stromähnliches Aussehen, ist aber versandet. H. Berns. Ionisch, Bernhard, Freiherr«., Orientalist, geb. in Wien 1734; wurde 1755 Gesandtschaftsdolmetscher in Constantinopel, 1757 Greuzdol- metjcher in Temesvar, 1772 Geschäftsträger bei der Pforte, 1776 berichtigte er die Grenzen der Bukowina, wurde 1803 Präfect der kaiserlichen Hofbibliothek u. Geh. Staatsofficial n. st. 1807 in Wien. Er besorgte die 2. Ausgabe von Me- ninskys lmxioou arabmo-psrsieo-tmreienm, Wien 1780—1802, 4 Bde., Fol. mit der Abhandlung: Os kutis liZnar. or. nimirum xsrsioas sb tur- eieas; u. gab heraus: Hist, priarum rsAum ksr- sarum, ans Mirkhond, pers. u. lat. mit Noten, Wien 1782, und eine LuüwIoAia, psrsioa, ebd. 1778. Jenischehr, Dorf am Eingang in die Dar- danellenstraße, auf der kleinasiatischen Seite ans einem hohen Hügel gelegen. Es liegt an der Stelle des alten Sigeum (s. d.). Jenissei (auch Kein, Gebe od. Cheses, d. h. großer Fluß), Fluß in Sibirien, entspringt als Ulau-Kem (Großer Kein) auf den Sajanische» Gebirgen, nimmt in seinem Laufe durch die Gouvernements Tomsk u. Jenisseisk links den Aba« kan, rechts die obere, mittlere u. untere Tunguska, den Jrkut, die Uda-Tschjnna u. a. Flüsse aus; fällt nach einem Laufe von 5550 km (748 M) ins Nördliche Eismeer, wo er einen meist von Polareis umlagerten Meerbusen (Jenisseiskische Bai) mit vielen Inseln bildet. Der I. ist schiffbar von seiner Mündung bis zum Abakan u. hat fischreiches Wasser; seit 1863 befahren ihn zwei Dampfer. Jenissej-Lenaische Steppe, öde Gegend in Sibirien, zwischen der Lena, Tunguska, dem Jenissei u. Eismeer, bringt nur Rennthiermoos und wenig niederes Gesträuch hervor; der Boden ist immer gefroren. Jenissej-Obische Steppe, Gegend zwischen dem Ob,J.n. Eismeer, ist morastig, kalt u. wenig bewohnt. Arendts.' Jenissei-Ostjakcn, eines der Völker in NAsien, am oberen Jenissei wohnhaft, dessen nähere Slam- mesverwandtschaft unklar, das aber durch Sprache und Körperbildung von den turanischen Ostjaken (s. d.) vollständig verschieden ist. Ihre Sprache ist dargestellt von Castren, Versuch einer j. Spracht., Petersburg 1858. Jenisseisk, 1) Gouvernement in (West-) Sibirien (astatisches Rußland), 2,571,428 Hjkm 622 Jcmie — (etwa 48,700 UM), mit (1870) 372,862 Ew., so daß etwa S Menschen auf 1 s^km kommen. ES reicht vom Weißen Meere bis zur Grenze Chinas u. wird im W. von den Gouv. Tomsk n. Tobolsk, im O. von jenem von Irkutsk und dem Gebiet Irkutsk begrenzt. Der N. des Landes ist vorherrschend eben u. enthält Sümpfe u. Wälder, er endigt mit der Taimirhalbinsel, welche mit dem Cap Tscheljuskin, der nördlichsten Spitze Asiens, ins Eismeer hineinragt. Anbaufähiger Boden ist fast nur. im S., wo auch das eigentliche Gebirgsland(Sajangebirge) liegt. Die größeren Flüsse sind der Jenissei (s. L.), die Chatanga u. Anabara. Der Haupterwerb der Bewohner besteht in den Arbeiten auf den Goldwäschen, im Handel mit Lebensmitteln, Getreide u. Thee aus China, Fellen u. Fischen. Das Gold wurde hier 1840 aufgefunden; gegenwärtig stehen 286 Goldwäschen in Betrieb, aus denen (1873) von 15,045 Arbeitern (davon 5966 Deportirte) 7240 KZ Gold gefördert wurden. Hauptstadt ist Kraßnojarsk mit 13,000 Ew. 2) Stadt am Jenissei, welcher hier über 1 km breit ist, angelegt 1618, Festung, Handel mit Pelzwerk, jährlich im August große Messe; 4141 Ew. Arendts. Jenne, s. Dschinui. Jenner, Eduard, geb. 17. Mai 1749 zu Berkeley in der engl. Grafschaft Gloucester; lernte zunächst bei einem Wundarzte in Sudbnry bei Bristol u. studirte dann seit 1770 in London unter I. Hunter Chirurgie, prakticirte erst als Chirurg n. Arzt in Berkeley, später in London u. Chel- tenham, zuletzt wieder in Berkeley, wo er 26. Jan. 1823 starb. Nachdem er sich seit 1775 mit der Knhpocke als Schutzgewähr gegen das Menschen- pockengist beschäftigt, trat er 1796 mit seiner Schrift Inguirx tnto tbs oausos null ekksots ot tim vrrrlolas vaooinas hervor u. impfte 14. Mai 1796 mit Erfolg zum ersten Male. Die erste Bekanntmachung in den kbll. Trans, wurde verweigert. Die Inguirzs erlebte mehrere Aufl., wurde ins Lateinische übersetzt, Wien 1799, u. ins Deutsche von Ballhorn, Hannover 1799. Weiter veröffentlichte er: Turtbsr obssrvations on tbs varioias vaooinas, Lond. 1799 (deutsch, Hannov. 1800); Lontinuation ot taots ruut observatlons ot tim vorvpox, ebd. 1800 (lat. von Careno, Wien 1801); On tbs varistiss snci mociitreations ot tbs vas- vino pustuls ooersional bx an bsrpstio stato ot tbs skin, Cheltenham 1819. Er erhielt 1802 u. 1807 Nationalbelohnnngen von zehn u. zwan- zigtauseud Pfd. St., sowie das Bürgerrecht von London. Zur Weiterverbreitung der Kuhpocken- impfung bildeten seine Anhänger die stsnnsrian Lostet^. 1857 wurde ihm auf dem Trafalgar- Squar zu London eine Statue aufgestellt. Bgl. Iüksanäoorro8ponäenovotll.,Lond.1827.Thamh-chn Jcnuiugs, County im nordamerik. Unionsst. Indiana, u. 39" n. Br. u. 84° w. L.; 16,218 Ew.; C-sitz: Vernon. Jcunymaschine, eine von Hargreaves 1763 erfundene und von ihm nach seiner Tochter benannte Spinnmaschine, mit einer Presse zum Ausziehen des Fadens und Spindeln ohne Spule, welche abwechselnd spinnen, indem sie sich von der Presse entfernen, und den Faden aufwickeln, - Jensen. indem sie sich der Presse wieder nähern. Die Spindeln befinden sich nämlich auf einem sogen. Wagen, welcher aus- u. eingefahren wird. Oder die Spindeln stehen fest u. die Presse befindet sich auf einem solchen Wagen. Ursprünglich wurde die I. für die Baumwollenspinnerei bestimmt, aber in dieser gänzlich veraltet, wird sie nur noch (mit 60—80 Spindeln) zum Spinnen der Streichwolle od. auch als Zwirnmaschine benutzt. Die I. ist dadurch verbessert worden, daß statt der Presse Walzen angewendet werden, welche sich drehen, sobald der Wagen ansgefahren wird, u. stillstehen, sobald dieser stillsteht od. wieder eingefahren wird. Man erlangt dadurch den Vortheil, daß mittels der Walzen das Vorgespinnst regelmäßig abgeliefert u. durch das Ausziehen des Wagens der Faden noch verlängert werden kann, was bei der Presse nicht geschieht; eine so verbesserte I. heißt Cylindermaschine. Diese wird jetzt ausschließlich für Streichwolle augewendet. Verbindet mau die Cylindermaschine mit Streckwalzen, so heißt sie Mulemaschine od. Mulejenny (vonMule, Maulesel, weil sie zwischenJ. u. Watcrniaschine steht). Sie wird in der Baumwollenindnstrie zum Spinnen der Einschußgarne angewendet. Bcyssell. Jenseits, eine Bezeichnung für das in verschiedenen Religionen, namentlich der christlichen, verheißene Leben nach dem Tode. Über das Wo u. Wie dieses Lebens ist zu allen Zeiten viel verhandelt worden. EineZnsammellstellnngderindieserHinsicht angestelltenSpeculationeuu.dargelegtenMeinungen gab Wilmarshof in seinem Werk: Das I., Lpz. 1863—66, 4 Abth. Vgl. auch Meyer, Die Fortdauer nach dem Tode, 2. A., Lpz. 1875; Figuier, Der Tag nach dem Tode, deutsch von Busch, Lpz. 1876; Spieß, Entwickelnngsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode, Jena 1877; Strauß, Th., Das Geistesleben der Zukunft; Forschungen über Erweiterung der Thätigkeit des menschlichen Geistes u. dessen Fortleben nach dem Tode, Lpz. 1877. Schroot. Jensen, 1) Adolf, Componist, geb. 12. Jan. 1837 in Königsberg, wo er auch seine musikalische Ausbildung erhielt. Nachdem er 1856—57, bereits als Compositeur von Liedern, Kammermusik und Orchesterstllcken bekannt, in Rußland als Musiklehrer verweilt, lebte er in Berlin, Leipzig, Weimar, Dresden; war kurze Zeit Theater- käpcllmeister in Posen, trat dann während eines Aufenthalts in Kopenhagen mit Gade in Verbindung, wurde 1864 Lehrer an der Tausigschen Virtuosenschule in Berlin und lebt nun seit 1868 in Dresden. Als Liedercomponist leistet er Vorzügliches, so daß er zu den ersten der Gegenwart gezählt wird. 2) Wilhelm, deutscher Dichter u. Erzähler, geb. 15. Febr. 1837 zu Heiligenhafen in Holstein, studirte in Würzburg, Breslau und Kiel Medicin, trieb aber dabei vorzugsweise Literatur u. wandte sich schließlich derselben gänzlich zu. Nach einjährigem Aufenthalt in München n. intimem Verkehr mit Geibel u. einer Reise nach Ägypten, übernahm er die Redaction der Schwäbischen Volkszeitung in Stuttgart, seit 1866 die der Flensburger Norddeutschen Zeitung. Seit 1872 lebt er in Kiel literarischen Arbeiten, die bei aller Bortrefflichkeit nur an einer gewissen Manierirt- 623 Jenotajewsk — Jeres. heit u. manchmal auch Gezwungenem leiden. Von ihm: Magister Timotheus, Nov., Schlesw. 1866; Deutsches Land und Volk zu beiden Seiten des Oceans, Stuttg. 1867; Novellen, Berlin 1868; Die braune Erika, ebend. 1868, 2. Aust. 1874; Unter heißerer Sonne, Nov., Braunschw. 1869, mit dem Roman Minatka, ebd. 1871, 2 Bde., seine bedeutendsten Werke; ferner: Der Gesell des Meisters Matthias, Nov., Flensb. 1870; Eddy- stone, Rom., Berlin 1872; Die Namenlosen, Schwerin 1873, 2 Bde.; Nach hundert Jahren, ebd. 1873—74; Nymphäa, Nov., Stnttg. 1874 re.; die Tragödien Dido, Berlin 1870; Juaua von Castilien, Berl. 1872; das Epos Die Insel, ebd. 1874; Gedichte, Stnttg. 1869, n.Ansg.,Berl. 1872; Lieder aus Frankreich, Berl. 1871, 2. A. 1873. i-- Jenotajewsk, Kreisstadt im russ. Gouv. Astrachan, großer Buddhistentempel; 2529 Ew. Jephta (Jephtah), natürlicher Sohn Gileads; nach dem Tode seines Vaters von seinen Stiefbrüdern vertrieben, wohnte er im Lande Tob u. wurde zum Führer der Gileaditen gegen die Ammouiter gewählt. Für den Fall des Sieges gelobte er das zu opfern, was ihm bei der Rückkehr zuerst aus seinem Hause begegnen würde, u. als er siegreich nach Mizpa zurückkehrte, kam ihm seine einzige Tochter mit Pauken u. Cymbeln entgegen, ihn als Sieger zu begrüßen; er opferte sie nach Einigen wirklich, nach Anderen weihte er sie zu ewiger Jungfrauschaft. I. regierte 6 Jahre als Richter und Heerführer. I. und die Opferung seiner Tochter ist das Sujet zweier Oratorien, von Händel (1751) u. Reinthaler (1855). Jepifan, Kreisstadt im russ. Gouv. Tula, auf einer Anhöhe am linken User des Don; 4 Kirchen, Kreisschnle, viele Fabriken; 2697 Ew. Im Kreise dieser Stadt liegt Kulikowo Pole, eine weite Ebene, wo 8. Sept. 1380 der Großfürst Dimitrij IV. Jwanowitsch (Donskoi) über die Mongolen siegte. Jequitinhonha, über 1000 km langer Fluß in Brasilien, entspringt auf dem südl. Theile der Serra do Espinha;o, südlich von der Stadt Diamantina, Prov. Minas Gerads u. mündet bei Belmonte, Prov. Bahia, in den Atlant. Ocean. Wegen verschiedener Stromschncllen ist er nur streckenweise schiffbar, doch von Wichtigkeit wegen der Banm- wollendistricte, die er durchfließt. Schroot. Jeremias (eigentlich Jirmejahu), 1) Prophet, Sohn des Priesters Hilkia aus Anathoth, wirkte unter Josias, Joahas, Jojakim, Jechonja, Zedekia u. später von 628 bis etwa 570 v. Ehr. Schon als Jüngling trat er als Prophet in seiner Vaterstadt auf, ging aber wegen Nachstellungen nach Jerusalem, wo er in den Hallen des Tempels lehrte u. nach dem Sieg des Nebukadnezar zur geduldigen Ertragung der Sklaverei rielh, was ihm als Feigheit ausgelegt, neue Verfolgungen u. selbst Gesänguiß brachte. Seine Weissagungen, die Baruch im 5. Jahre der Regierung Jojakims aufzeichnete, wurden vom König verbrannt; I. selbst erst durch 'Nebukadnezar aus dem Gefängnis) befreit und lebte anfangs in Mizpa, später nach des Statthalters Gedalja Tode mit den Exulanten in Ägypten. Die Traditionen über seine letzten Schicksale u. seinen Tod sind sehr verschieden u. seine Steinigung durch das Volk in Taphnae 570 nicht erwiesen. In Jerusalem zeigt man noch eine Grotte, wo er seine Klaggesänge verfaßt haben soll, u. in Kahira seiki Grab. Seine übrig gebliebenen Schriften sind eine Reihe von Weissagungen, theils vor u. theils nach der Gefangenschaft. Das letzte Cap. (52) des nach ihm benannten Buches I. ist historischer Anhang. Ob von den seinen Namen ebenfalls tragenden Klageliedern I. auch nur eines echt, ist fraglich, dieselben werden übrigens noch jetzt am Abend vor dem Gedächtnißtage der Zerstörung Jerusalems in der Synagoge gesungen. Ein Tranergesang auf den Tod des Königs Josias ist verloren. Die Sprache des I. ist etwas wortreich, ohne hohen Schwung, kräftig, wo er gegen fremde Nationen spricht. Über einen Brief des I. s u. Baruch. Unter den Commentaren über die Weissagungen sind die von F. Hitzig, 2. A., Lpz. 1866, H. Ewald, 2. Ausl., Gott. 1868, u. K. H. Graf, 2 Thle., Lpz. 1862, ff. die bedeutendsten. 2 ) I., geb. zu Akelo am Schwarzen Meere, wurde noch ziemlich jung Metropolit in Larissa und 1572, nach Abdankung des Metrophanss, Patriarch von Constanlinopel, trat 1573 u. ff. in schriftliche Verbindung mit den Tübinger Theologen wegen einer Union der Lutherischen und Morgenländischen Kirche, die jedoch nicht zu Stande kam. 1579 mußte er dem zurllckkehrenden Metro- phanes weichen, wurde aber nach dessen Tode (1580) wieder gewählt; 1583 wegen angeblichen Briefwechsels mit dem Papste abermals abgesetzt, wurde er 1589 durch den Zaar wieder eingesetzt u. st. 1594. Bon ihm ist die Oonsnia, orisubaiis scclssias über die Augsburgische Confesfion und mehrere Briefe über die Tübinger Theologen in den ^.cta, st scripta, thsoioZornm Vürtsmdor§i- corum st patriarcsiias Ooustantiu. Hiorsmias, Wittenb. 1584. Jeremie, Stadt mit Rhede auf der NKllste der slldwestl. Halbinsel der Republ. Haiti, etwa 5000, n. A. 20,000 Ew. Jcrcs (Leres), 1) I. de la Frontera, Stadt in der span. Prov. Cadiz (Andalusien), auf einer Anhöhe unweit des Gnadalete, in einer weiten anmuthigen, hügeligen, mit Häusern u. Gehöften übersäeten und größtentheils mit Weingärten bedeckten Ebene, Station der Sevilla-Cadiz-Eisen- bahn; zum Theil noch von alterthümlichen, viel- thürmigen Mauern umgeben, mit breiten regelmäßigen Straßen (außer in dem ältesten Stadt- theile), schönen Plätzen und vielen palastähnlichen Gebäuden; altes, hochgethürmtes königl. Schloß (Alcazar), 10 Kirchen (darunter die schönsten die Colegiata in römischem u. die Pfarrkirchen San Miguel und San Domingo in gothischem Stil), 7 Nonnen- u. 11 ehemalige Mönchsklöster, mehrere höhere Unterrichtsanstalten, darunter ein Institute, Bibliothek, Theater, Stiergefechtscircus, 4 Hospitäler, Findel- u. Waisenhaus, elegante Cafes n. Kaufläden, schöne Promenaden, berühmter Weinbau (s. Spanische Weine), Weinhandel; 1860: 38,898 Ew. In der Nähe große königl. Stutereien. Südöstl. von I. am Gnadalete liegt ein ehemaliges Karthänserkloster mit prachtvoller Kirche, erbaut zum Andenken an die achttägige Schlacht von 711, in der die Araber unter Tank über die West- 624 Jereswein — Jerobeam. gothen unter König Roderich siegten. I., ursprünglich eine römische Colonie, 4.stn Rs§ia, war zur Zeit der Mauren schon eine bedeutende Stadt; 1265 wurde sie durch Alfons X. von Ca- stilien zurückerobert. 2) I. de los Cavalleros, Stadt in der span. Pro». Badajoz (Estremadura), unweit der portug. Grenze; Leinenweberei, Gerberei, Rindviehzucht, Viehhandel; 8295 Ew. I. war ehemals Besitz der Tempelherren. Hier siegte 1235 der Jnfant Alonso über die Mauren unter Ebn Hut. H- Berns. Jereswein, s. u. Spanische Weine. Jerica, Pablo deI., span. Erzählern. Fabeldichter, geb. 1781 in Vitoria, studirte die Rechte, leitete nachher einige Zeit das väterliche Handelsgeschäft, floh 1814 als Anhänger der Constitution nach Frankreich, wo er in Bayonne, Bordeaux u. Paris lebte; 1820 nach Spanien zurückgekehrt, verwaltete er mehrere Communalstellen u. siedelte später sich ganz in Frankreich an. Er schrieb: Lusakas xostieos, 1814, 3. Ausl, als ikossias, 1831; Iwtrillao x käbulas, 1838; Oolseoiou cts ousntos, käbulas sto., 1831; Ntsoolanes, Instruo- tiva x entrstsniäa, rseoxiloäa ^ traäuoiäa s-i oasbollana, 1836, 4 Bde. rc. Booch-Arlossy.' Jerichau, 1) Jens Adolf, dänischer Bildhauer, geb. zu Assens (Insel Fünen) 7. April 1816, bildete sich an der Akademie zu Kopenhagen, dann seit 1839 unter Thorwaldsen in Rom und hält sich in seinen Werken an die Vorbilder der Antike, aber nicht, ohne der Natur ihr Recht zu geben. Hauptwerke: Die Hochzeit Alexanders mit Roxane, Relies-Fries im Schlosse Christiansborg bei Kopenhagen; Kolossalgruppe Herkules u. Hebe; Penelope; Jäger von einem Panther angefallen; Badende Mädchen; Auferstehung Christi (Eigenthum der Prinzessin Albrecht von Preußen); Adam und Eva vor und nach dem Sündeufall. 2) Elisabeth, Malerin, seine Gattin, geb. Baumann, daher J.-Baumann, geb. zu Warschau 21. Nov. 1819, bildete sich an der Düsseldorfer Akademie und ward von Cornelius wegen ihrer energischen Auffassung u. Bearbeitung mit einem Seitenhieb auf die weibliche Richtung der älteren Düsseldorfer als der einzige Mann unter den Düsseldorfer Künstlern bezeichnet. Sie entnahm ihre Stoffe zuerst dem polnischen, seit sie in Rom lebte dem italienischen Volksleben und wählt fast allzeit das Maß der Lebensgröße. Vor ein paar Jahren bereiste sie Griechenland, die Türkei und Ägypten. Hauptwerk: Die Schiffbrüchigen. Regnet. Jericho (Hiericho, Hierichunt), einst blühende Handelsstadt im Jordauthal, aus der Westseite des Flusses und eine der reichsten und ältesten Städte in Judäa; sie wurde beim Einsall der Israeliten von Josua genommen, geschleift, aber wieder ausgebaut: hier war der letzte Sitz des Patriarchen Elias u. eine Prophetenschule. Herodes erbaute hier einen königlichen Palast als Winterresidenz, u. unter den Römern besaß I. einen Circus, ein Amphitheater u. 12,000 Priester; I. wurde unter Vespasian zerstört, unter Hadrian wieder aufgebaut, in den Kreuzzügen von Neuem verwüstet. Berühmt war durch seine Balsamgärten, auch wuchsen Palmen hier. Der Ort besteht jetzt säst nur aus einigen Hütten, die Umgegend (270 m unter > d. M.) ist jetzt öde u. fast vegetationslos. Schem. s Jerichow, 1) I. I-, Kreis im preuß. Regbez. - s Magdeburg, durchschnitten von der Berlin-Pots- s' dam-Magdeburger Eisenbahn und der Zweigbahn ! Biederitz-Zerbst; 1371,g, HZKm (24 ,,2 UM) mit (1875) 65,771 Ew. 2) I. II., Kreis in demselben Regbez., zwischen Elbe, Havel u. dem Finerbruch durchschnitten vom Plauenschen u. Jhlekanal, der Berlin-Potsdam-Magdeburger u. der Linie Berlin- Lehrte der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn; - 1375,g sljlcm (24,2g UM) mit (1875) 53,532 Ew. l! 3) Stadt in letzterem Kreise, unweit der Elbe; 1875: 1770 Ew. ) Jermak-Timoph ejew, ein Häuptling der dänischen Kosaken, der vom Zaar Iwan IV. dem Schrecklichen zum Tode verurtheilt und von der s den Handel mit Sibirien vermittelnden Familie t! Stroganow zur Unterstützung gerufen, mit ge- ringer Mannschaft an der Kama und Tschussowa '' entlang über den Ural flüchtete u. 1580 den Tura- Fluß in Sibirien erreichte. Er schlug den dort regierenden Fürsten Kutschium in 3 Treffen, zuletzt entscheidend 23. Oct. 1581 am Jrtysch, eroberte dessen Hauptstadt Sibir u. dehnte in den folgenden Jahren das Reich, das er dem russischen Zaar übergab, nach allen Richtungen aus. Bei einem dieser Züge wurde er am Jrtysch überfallen und im Schlaf ermordet, 5. August 1584. I., ein heldenmüthiger und energischer Mann, legte den ersten Stein zur russischen Macht in Asten; noch i lebt dort überall sein Andenken, ein Marmordenk- s mal ist ihm in Tobolsk errichtet. Thielemailn. Jermolow, Alexei Petrowitsch, russischer General u. Diplomat, geb. 4. Juni 1777, trat ) früh in die russische Artillerie u. machte die Feld- ) züge von 1805—1814 mit, während deren er zum - Generallieutenant emporrückte, 1817 wurde er i General der Infanterie u. Gouverneur von Gru- sien. Von da als Gesandter nach Persien geschickt, « schloß er einen sehr vortheilhasten Bundes- und ' Handelsvertrag. Nach seinem Gouvernement zn- rllckgekehrt, zeichnete er sich gegen die räuberischen Völker des Kaukasus aus u. leitete 1826 mit Er- ! folg eine Expedition gegen Persien. 1827 fiel er in Ungnade u. gab das Commando an Paskiewitsch ab. Er beschäftigte sich von da in Moskau mit wissenschaftlichen Studien, wurde erst 1839 wieder zu Gnaden ausgenommen u. Mitglied des Reichsraths. 1853 übernahm er auf kurze Zeit das ! Commando über die Miliz des Gouvernements Moskau u. st. daselbst 23. April 1861. Die von ihm hinterlaffenen Aufzeichnungen über den Krieg von 1812 gab sein Sohn heraus, Mosk. 1867. Bergl. Pogodin, Auszüge aus J-s Memoiren, Moskau 1863. Teicher. Jerobeam (Jeroboam), 1) I. I., erster König des Reichs Israel, Sohn Nebats, aus dem Stamm Ephraim, in Salomos Diensten, erhob sich aber gegen diesen, da der Prophet Ahia ihm die Herrschaft über 10 Stämme geweissagt, mußte aber nach Aegypten fliehen, wo er blieb, bis ihn nach Salomos Tod das VolkJsrael gegenRehabeam auf denThron berief, 929 v. Chr.; er residirte zu Sichem, welches er befestigte, dann zu Thirza, errichtete Tempel zu Dan u. Bethel, damit seine Unterthanek Mrome 625 nicht nach Jerusalem zur Anbetung gehen sollten, verlegte das Laubhlittenfest u. wehrte der Priester- schast jeglichen Einfluß auf die Negierung; in seinen Kämpfen gegen das Reich Juda war er glücklich, aber die Syrer mußte er freigeben; er st> 908; sein Sohn Nadab folgte ihm. 2) I. II., Sohn des Joas und 796 dessen Nachfolger als König in Israel, ein tapferer und kluger Fürst, eroberte einen Theil von Syrien bis über Damaskus hinaus u. unterwarf die Ammoniter u. Moabiter; mit der Macht u. dem Reichthum des Landes kam Luxus u. Unsittlichkeit herein, u. da die Propheten Amos u. Hosea dagegen eiferten, wurde ihnen die Predigt verboten; I. st. 756, ihm folgte sein Sohn Zacharias. Jeröme, französische Form für Hieronymus (ital. Geronimo). Jerrmann, Eduarv, Schauspieler, geb. 1798 in Berlin. Erst Landwirth, dann Kaufmann, debutirte I. am 10. Januar 1819 als Roderich (Leben ein Traum) in Würzbnrg, kam im selben Jahr nach München, 1821 nach Leipzig und gab 1824—30 Gastrollen, die nur durch Engagements in Wien, Augsburg u. Königsberg unterbrochen wurden. 1832 betrat er das klassische Lboabrs ÜÄuoais in Paris mit glänzendem Beifall, gastirtc dann von Neuem in deutschen und österreichischen Städten, nahm in Köln, später in Mannheim, Petersburg, Wien Engagement, widmete sich 1848 literarischer Thätigkeit u. erhielt 1850 am Berliner Hoftheater eine Stellung. I. st. 4. Mai 1859 zu Berlin. Geistreicher Schauspieler, war I. auch gewandter fleißiger Schriftsteller. Er schr. u. a.: Fragmente aus meinem Theaterleben, München 1833; Das Wespennest, Lpz. 1835; Jüdin von Toledo, hist. Novelle, Hamb. 1841; Paris, Unpolitische Bilder aus St. Petersburg rc. Kürschner. Jerrold, 1) Douglas, engl. Schriftsteller u. Theaterdichter, geb. 3. Jan. 1803 in Sheerneß bei Nochester, war anfangs Seemann, später Buchdrucker, pachtete darauf das Drurylanetheater in London, widmete sich endlich ausschließlich der Literatur u. st. den 8. Juni 1857 in London. Er schrieb die Dramen u. Lustspiele: Llaolcozwd Lusan, Mrs iksut-äsF, Mms veorlcs rroudsrs, dbs bubblos ob bbs da/, Rstirsd krom busiuess, lllbs spsndtbrilt u. a. m. u. gab seit 1852 Ido/ds rvoski/ lwuckou nstvsxapsr heraus. Eine Sammlung seiner Schriften erschien London 1851—54, 7 Bde., und sein Sohn veröffentlichte OonZIas lorrvids rvlb auck Irumor u. Ibs liks and rsmams ot' O. I., Lond. 1858; neueste Ausl, seiner Schriften Philadelphia 1869, 5 Bände. 2) William Blanchard, englischer Publicist u. Schriftsteller, ältester Sohn des Vorigen, geb. in London 1826, erhielt seine Erziehung theils in England, theils in Frankreich, wo er die Kllnstlerlaujbahn einschlug und einzelne von seines Vaters Artikeln im lUu- miuaisd LlaZamus illustrirte. 1855 ging er für die neugegründete Londoner vail/ Uscvs nach der Pariser Weltausstellung und schrieb zugleich für OonZlas Isrrolds IVssIcl/ blovspapsr, eine Serie von Artikeln über Auswanderung unter dem Titel Au old tvomau rvbo lived in a Lbos. Schon früher hatte er für andere Journale u. Zeitungen Erzählungen und Schwänke, so wie auch andere PiererL Uuiversal-Lonversations-Lekilvn. 8. Ausl. X. : — Jersey. Werke geschrieben, unter denen zu nennen sind: Lvvsdisb Licotebss, Lond. 1852; Imperial ?aris, ebd. 1856. 1857 folgte er seinem Vater als Re- dacteur von Ido/ds IVssIcl/ Usevspapsr u. 1858 schrieb er dessen Leben. 1863 war er im Auftrag der LloruiuA kost in Paris, um das dortige Armenwesen zu studiren, und die Resultate seiner Forschungen legte er nieder in dem Buche Mrs obildrsu ok Imtstüa, Lond. 1864. Nun machte er Reisen durch Frankreich u. Spanien und veröffentlichte Ab lwmo in ?aris; A trip ibrou^b ibs vius/ards okLpain, 1864; kassiuZ ibs iims, 1865; Ou ibs boulovards. 1867, u. v. a. 1867 weilte er in Paris als Berichterstatter der brit. Regierung über zwei Sectioueu der Weltausstellung, u. 1869 bereiste er die Niederlande, um die verschiedenen Arten des dortigen Armenwesens kennen zu lernen. Daun folgten 1870 unter dem Titel Tbs Oavrvobs pari/ eine Reihe politischer Studien über Frankreich und im nächsten Jahre Mio stör/ ok LladM and ibs §air/ Oouisui; Ibs Looba/uss or Avus abroad und Mrs obri- siiau va^aboud. I. brachte auch iin Juli 1871 ein breiartiges Lustspiel Ouxid iu rvaitinA auf oem Ro/alt/ Rbsairs in London zur Aufführung. 1872 schrieb er Iwudon a pil^riinaAS, illustrirt von Gustav Dore, u. 1874—75 erschien sein lüks ob blapcdvou III., 2 Bde. Unter dem Pseudonym blu Lso gab I. 1867 und 1868 Ibs Dpiourss /sar boolc heraus u. schrieb 1873 gleichfalls Ibs oupboard papsrs (d. h. die Speiseschrank-Acten) für das von Dickens gegründete Magazin All ibs /sar round, sowie noch manche andere gastronomische Artikel für das llsuilsmaus LlaKaeius, Aibsuasum sie. Bartling. Jersey, größte aus der Gruppe der englischen Normannischen oder Kanal-Inseln, an der WKllste des franz. Depart. Manche; 116 Hflcm HfM) mit 56,627 Ew. Die NKüste erhebt sich schroff aus dem Meere. Die Insel, die sich allmählich nach S. abdacht, ist gut bewässert und fruchtbar, hat ein mildes Klima, aber kein Holz. Im S. u. SO. wird sie von den Corbiöre- und Eonchee-Felsen umgllrtet. Baien sind: an der NKüste die Boulay-Bai mit Hafendamm und die Catherines-Bai mit großem Zufluchtshafen (seit 1847); an der WKüste die St. Owens-Bai, durch eine Batterie vertheidigt; an der SKüste die Sl. Aubin-Bai u. die Brelade-Bai; an der OKllste die Gouville-Bai. Die Insel besteht vorwiegend aus Granit und Syenit. Die iu den Brüchen vom Berge Mado gebrochenen Steine werden zum Theil ausgeführt. Der Ackerbau liefert Weizen, Gerste, Hafer, Mohrrüben, Kartoffeln rc. Auch alle Sorten von Obst gedeihen. Die Kühe (Alderueys) sind ausgezeichnet, die kleinen Pferde ausdauernd. Wichtige Erwerbsquellen der Bewohner sind auch Schifffahrt u. Fischfang. An der Spitze der Regierung steht der von der engl. Regierung ernannte Statthalter (Lieutenant Governor). Der ihm zur Seite stehende gesetzgebende Körper (Stände, Liaiss) besteht außer ihm aus dem Oberrichter (llailikk), den 12 Jurats, den 12 Pfarrherren, den 12 Bürgermeistern (6ou- siables) und aus ferneren 14, von den Steuerzahlenden erwählten Mitgliedern. Die Miliz Sand. 4 v 626 Jersey — (Infanterie, Artillerie und Reiterei) zählt stark 3000 Mann. Hauptstadt ist St. Hölier. H- Berns. Jersey, County im nordamerikan. Unionsst. Illinois, u. 39° n. Br. U. 90° w. L. 15,054 Ew. Countysitz: Jerseyville. Jersey City, Hauptstadt des Hudson County im nordamerikan. Unionsstaate New-Jersey, au «er Mündung des Hudson River in die New-Iork Bai, der Stadt New-Iork gegenüber, mit dem es durch zahlreiche Dampffähren in Verbindung steht u. als deren Vorstadt es gilt. Ausgangspunkt von 4 der wichtigsten nordamerikan. Eisenbahnen und des Morris-Kanals; großartige Fabriken in Maschinen, Schmelztiegeln rc., bedeutender Handel, Wasserleitung; (1870) 82,246 Ew. Die Gründung der Stadt fällt in das Jahr 1820. Im Jahre 1850 zählte sie 11,437 Ew. und 1860 29,226. Die starke Zunahme bis 1870 findet einen Hauptgrund in der Hinzuziehung umliegender Ortschaften zum Stadtgebiet. Das deutsche Element ist in I. C. stark vertreten. Schroot. Jersitz (Jercyce), Dorf im Landkreise n. dem preuß. Regbez. Posen, westlich von der Stadt Posen, in der Nähe des Bahnhofs; große Knochenmahlmühle, bedeutende Ziegelei; 1875: 4682 Ew. Jerusalem. I. Topographie, (griech. Hiero- solyma, türk. Soliman oder Kntschi Scherif, arab. El Kods sdie Heilige), hebr. Jernschala- jim), Hauptstadt des seit 1872 gebildeten gleichnamigen astatisch-türkischen Vilajets, in ihrem höchsten Punkte 784 m ü. d. M. ans einem Gebirgsvorsprunge, der, mit Ausnahme des N., von Thälern umgeben u. von St. nach S. wieder durch eine Einsenkung gespalten ist. Die Stadt ist umgeben von einer 12 in hohen, mit 34 Thürmen besetzten Mauer, durch welche 5 Thore führen (2 sind vermauert). Sie bildet ein etwa 4 üm großes verschobenes Viereck, dessen Spitzen ungefähr den 4 Himmelsgegenden entsprechen, und ist in 4 Quartiere getheilt: das mohammedanische, das griechisch-fränkische, das armenische und das jüdische; 2 sich rechtwinkelig kreuzende Straßen grenzen diese Quartiere ab (s. Plan I.). Die Straßen sind meist eng, schlecht gepflastert, schmutzig, z. Th. überwölbt (Bazare), z. Th. Sackgassen; öffentliche Plätze gibt es nur etwa 3; die Wohnhäuser sind klein, ganz aus Stein gebaut, meist quadratisch mit Kuppeln überdacht, welche hin u. wieder Plattformen tragen, ein Hof mit Cisterne zur Ansammlung des Regenwassers grenzt regelmäßig an; Quellwaffer gibt es in I. nicht, es sind aber noch 2 große öffentliche Wasserbassins aus dem hohen Alterthum vorhanden. Eine Wasserleitung von den 8 üm slldl. von I. liegenden Salomonischen Teichen, auf Kosten einer Engländerin, wird gebaut. Das Klima von I. ist im Ganzen mträglich, die mittlere Jahrestemperatur beträgt -i- 14° R., doch sind die Gesundheitsverhältnisse wegen des schlechten Trinkwassers, der herrschenden Unreinlichkeit u. der schädlichen Gase, die den ungeheuren Schuttmassen entweichen, befand. im Sommer, sehr ungünstig. Die Bevölkerung, ge- wöhnlich ans 16,000—20,000 Seelen angegeben, scheint viel geringer zu sein, da die türkische Zählung von 1871 nur 2393 bewohnte Häuser angibt, was, die Familie zu 6 Personen gerechnet, nur Jerusalem. 13,958 ergeben würde. Von der Gesammtzahl der Familien waren mohammedanisch 1025, jüdisch 630, griechisch 317, römisch-katholisch 179, armenisch 175, koptisch 44, protestantisch 16, syrisch 7 Ob hierbei die zahlreichen Klöster rc. und die milden Stiftungen mitgezählt sind, ist nicht ersichtlich. Im I. 1875 gab es dieser Klöster rc 31, davon 17 griechische, 4 armenische, 2 rö^ misch-katholische, 2 mohammedanische rc. M Griechen haben eine Knaben- und eine Mädchenschule, die Armenier ein mit einem Kloster verbundenes Seminar; die Römisch-Katholiken haben eine Knabenklosterschule u. 2 Mädcheninstitute; für die Juden besteht eine engl. Arbeitsschule. Die von Preußen u. England gemeinschaftlich unterhaltene protestantische Gemeinde hat 2 Knabenschulen. An Wohlthätigkeitsanstalten sind vorhanden 2 jüdische Spitäler (gestiftet von Rothschild n. Montestore, letzteres südwestlich außerhalb der Stadt), ein griechisches, ein römisch-katholisches. An deutschen Anstalten sind vorhanden: 2 Waisenhäuser, das Hospital der Diakonissen von Kaiserswerth und ein Kinderspital. I. ist der Sitz des Paschas von Palästina, eines armenischen, griechischen und römisch-katholischen Patriarchen, sowie eines protestantischen Bischofs. Die innere Verwaltung liegt in der Hand von einer Art Bürger- meister nebst Rath (4 Mohammedaner, 3 Christen und 1 Jude). Deutschland, England, Rußland, Österreich, Frankreich, Italien u. NAmerika unterhalten hier Consulate. Es gibt neben der türkischen eine französische u. eine österreichische Post. Die Ottomauische Bank hat hier eine Filiale. DaL öffentliche Leben in I. findet seinen Mittelpunkt in einer äußerst strengen Handhabung des religiösen Lebens u. dessen Gebräuchen. Gewerbthätigkeit u. Handel beschränken sich fast ausschließlich auf Gegenstände des Cultus u. Gegenstände zur Erinnerung an die heiligen Orte rc. I. hatte im Alterthume eine weit größere Ausdehnung als heute. Bes. nach S. u. NW. hin reichte sein Areal weiter (s. Plan II.). Wegen der häufigen Zerstörungen der Stadt und ihrer Mauern (keine Stadt wurde so oft von Grund ans zerstört als I., s. u. Gesch.) läßt sich diese Ausdehnung jedoch nicht genau feststellen, weshalb denn auch sämmtliche Pläne der alten Stadt starke Abweichungen zeigen. Die heutigen Umfassungsmauern stammen znm größten Theil aus dem Anfang des 13. Jahrh.; sie wurden von den Kreuzfahrern, nachdem sie 1219 der Sultan Mrlik el-Moadham von Damaskus zum größten Theil hatte abtrageu lassen u. nachdem die Stadt 1229 durch Vertrag dem deutschen Kaiser Friedrich II. übergeben worden, und zwar gegen diesen Vertrag, wieder aufgeführt. Ebenso besteht von der alten Stadt vor der Zerstörung durch Titus, 70 nach Chr., fast nichts mehr. Der Hippicusthurm der Citadelle ist fast das einzige vollständig erhaltene Bauwerk aus jener Zeit, alles Andere liegt in Schutt begraben oder ist nur noch in Fundamenten vorhanden. Aus demselben Grunde jst man auch über die meisten heiligen Orte u. sie Stellen, welche die berühmten Bauwerke des alten I. einnahmen, nicht ganz im Klaren. Übrigens ist in neuester Zeit, namentlich durch die Thätig- 627 Jerusalem. leit der seit 1865 bestehenden kalsotius Lxplora- üon§nuck, über manches bisher Dunkle Aufschluß geliefert worden. Unter den Forschern in dieser Hinsicht nehmen Fergusson, Furrer, Robinson, Schulz, Sepp n. Tobler die erste Stelle ein. Das alte I. lag ursprünglich nur auf den beiden nach A. gerichteten Ausläufern des zu Eingang beschriebenen Hügels, in dem westlichen Ausläufer sucht man den Berg Zion, der östliche, Moria- Ophel, trug den Tempel, zwischen beiden lag das Usemacherthal (Tyropoion); nördl. davon baute sich dann die Unterstadt u. noch nördlicher auf dem sog. Hügel Bezetha in noch späterer Zeit die Neustadt an. Diesen 3 Bauperioden der Stadt entsprachen auch die Umfassungsmauern, über deren Lauf, wie bereits angedeutet, die Meinungen sehr von einander abweichen. Details, soweit sie von Interesse sind, werden in der nun folgenden Beschreibung der wichtigsten Bauwerke rc. des heutigen I. Erwähnung finden. Zwei Punkte sind es, um welche das Interesse dieser beispiellos schicksalsreichen Stadt sich con- centrirt; das Haram-esch-Scherif und die Heilige Grabeskirche mit den auf sie Bezug habenden anderweitigen Örtlichkeiten. Das erstere bildete u. bildet noch einen der Mittelpunkte im religiösen Gefühle der semitischen, die zweite der christlichen . Welt. Das Haram-esch-Scherif ist ein fast ! die ganze SOEcke (etwa ^ des Areals) der Stadt i einnehmendes, mit der Stadt durch 11 Thore in s Verbindung stehendes Rechteck von etwa 1260 m Umfang, das aber außer dem Kubbet es-Sachra (Omars Moschee) u. dem dazu Gehörigen, sowie der Moschee el Aksa, keine uenuenswerthen Gebäude enthält. Es ist dies der Platz, auf welchem einst der dreimal der Zerstörung anheinigcfallene Tempel, der Palast der Könige u. später das römische Castell, die ^ubouia Barm, stand: von all diesen herrlichen u. großartigen Bauten ragt heute kein Stein mehr über die Oberfläche u. nur noch gewaltige Substructiouen, deren oft 3—4 Kubikmeter starke Quadern der Ewigkeit zu trotzen scheinen, geben Zengniß von ihrer einstigen Existenz. Der erste Tempel, von Salomo in ägyptischem Stile erbaut u. verschwenderisch ausgestattet, galt seiner Zeit als ein Wunderwerk; der zweite Tempel, nach der Zerstörung durch die Assyrer von den Inden nach der Wiederkehr aus dem babylonischen Exil erbaut, kam diesem in keiner Hinsicht auch nur annähernd gleich; dagegen überbot ihn der Tempel des Herodes (seit 20 v. Ehr. begonnen) in jeder Hinsicht. Derselbe wurde auf der Südseite von einer vierfachen, auf den übrigen Seiten von einer doppelten Colonnade von Monolithen (im Ganzen etwa 400) umgeben. Bevor man zu dem eigentlichen Tempel, dem Heiligen, gelangte, hatte man 4 Vorhöfe (Heidenvorhof, Borhof mit den l Warnungstafeln, Vorhof der Israeliten, den der ' Priester mit dein großen Brandopseraltar) zu pas- siren. Hinter dem Thor des Heiligen hing der Vorhang des Tempels; das Innere enthielt den RLucheraltar, den Tisch mit den Schaubroden, den goldenen Leuchter; im Hintergründe befand sich das dunkle Allerheiligste. Auf der Stelle des 70 n. Ehr. abgebrannten Tempels errichtete Hadrian einen große» Jupitertempel, von dem ebenfalls nichts mehr vorhanden ist. Der 336 n. Ehr. aus Haß gegen das Christenthum gefaßte Plan Julians, einen neuen Tempel, dessen Pracht dem alten gleichkommen sollte, zu erbauen, wurde durch Brand vereitelt u. kam nicht über die Anfänge hinaus. Der Palast des Herodes war ebenfalls von großer Pracht, überhaupt stand I. unter der Regierung dieses Fürsten auf dem Höhepunkte seiner architektonischen Blüthe. Das Kubbet es-Sachra, od. der Felsendom, ist ein Oktogon, überragt von einer auf cylindri- schem Unterbau ruhenden Kuppel, unten von etwa 163 m Umfang u. im Ganzen etwa 30 m hoch. Es erhebt sich ungefähr in der Mitte des Harani esch-Scherif auf einer 3 m höheren, mit Platten belegten viereckigen Fläche, zu der Treppen, die in Arkaden endigen, hinaufführen; das klebrige ist durch Mauern u. Gebäulichkeiten geschlossen. Die Sachra, nach arabischen Quellen zu Ende des 7. Jahrh. von dem Omajjaden Abdnlmelik im byzant. Stile erbaut, ist äußerlich u. innerlich schön mit Marmorplatten, gebrannten Kacheln, Mosaiken rc. geschmückt und enthält in ihrem Mittelpunkte den heiligen Fels (15 m im Durchmesser, 2 m hoch, daher Felsendom), wo nach der jüdischen Tradition Abraham u. Melchisedek geopfert rc.; es sei der obere Theil des Brandopferaltars, bilde den Mittelpunkt der Welt rc. Die Mohammedaner haben die an den Stein sich knüpfenden Traditionen noch weitergebildet. Unter dem Stein ist eine Höhle, welche früher von Verschiedenen für das Grab Jesu genommen wurde. Die Sachra wurde noch im Mittelalter vielfach für den Salomonischen Tempel gehalten u. ihr Abbild von den Tempelherren ins Wappen ausgenommen. Die Moschee el Aksa, ursprünglich eine von Kaiser Jnstinian zu Ehre > der heil. Jungfrau erbaute Basilica, wurde infolge Zerstörung durch verschiedene Erdbeben gänzlich nmgcbaut; sie ist siebeuschiffig und hat an ihrem dem siebenfachen Portal gegenüberliegenden Ende eine Kuppel. Auch an dieses Gebäude knüpfen sich verschiedene Traditionen; man zeigt einen Fußtritt Jesu, Zacharias soll an dieser Stelle gesteinigt worden sein, die Söhne Aarons sollen hier begraben liegen rc. Im Mittelalter hatten in den Nebengebäuden die Tempelritter Wohnung. Außer dieser Moschee gibt es noch 4 andere in I. Das Haram esch-Scherif ist außerdem interessant durch verschiedene Souterrains, größtentheils Cisternen von großer Ausdehnung u. wahrscheinlich hohem Alter, während die sogenannten Ställe Salomonis ohne Zweifel jüngeren Datums sind. Die von S. (den Salomonischen Teichen) kommende unterirdische Wasserleitung, von der noch Reste vorhanden, führte in jene Reservoirs. Westlich von der Sachra, im Fränkischen Quartier, liegt dieHeilige Graheskirche. Ursprünglich von der heiligen Helena an der vermeintlichen Grabesstätte Jesu gegründet (336 eingeweiht), wurde sie wiederholt ganz oder theilweise zerstört: 614 durch die Perser, 1010 durch die Mohammedaner, 1187 durch die Araber, 1244 durch dieKhowares- mier; dreimal litt sie Schaden durch Feuer, zuletzt 1808, worauf sie seit 1810 unter Benutzung von Überresten aus dein 12. Jahrh. neu aufgebaut ward. Die Kirche besteht aus dem in seiner Längs- 40 * 628 Dermalem. achse von O. nach W. gerichteten Hauptgebäude mit L Kuppeln, von denen die geräumige und höhere westliche in ihrer Mitte die Grabkapelle birgt; zwischen beiden befindet sich das Katholikon mit der Mitte der Welt. Dem Hauptgebäude schließen sich nach S., wo das Hauptportal u. ein romanischer Glockenthurm, nach O. und N. zum Theil weitläufige Nebenbauten an, welche die den verschiedenen Confessionen angehörenden od. nach den Leiden Christi rc. (Verspottung, Geißelung, Kleider- vertheilung, Kreuzerhöhung, Annagelung) benannten Kapellen enthalten; doch befinden sich auch im östlichen Theile des Hanptbaues mehrere Kapellen; im Ganzen zählt man deren 18. Tritt man durch das Hanptportal im S., so trifft man zunächst auf den sog. Salbungsstein, wo der Leichnam Christi aufgefunden und gesalbt worden sein soll. Nach links gewendet, gelangt man direct in die Rotunde der Grabkapelle. Sie wird von 18 Säulen getragen, über denen sich 2 Reihen von Arkaden befinden; sie hat 20 m Durchmesser u. ist oben offen. Das Heilige Grab ist ein wenig imposanter Bau von 7,g m Länge u. 5,g m Breite. Der Raum ist in 2 Theile abgetheilt, einen vorderen, die Engelskapelle, 5 m lang u. 3 m breit, und einen Hinteren, die eigentliche Grabkapelle, nur 2 m lang u. 1,g m breit. In der Engelskapelle befindet sich der Stein (oder ein Theil desselben), den der Engel von der Grabhöhle Jesu gewälzt; in der Grabkapelle steht der Grabstein Jesu von Marmor, hier wird täglich Messe gelesen. In beiden Kapellen hängt eine große Anzahl von Lampen. Die nach den Leiden Christi benannten Kapellen liegen gleich rechts vom SPortal und werden unter dem Namen Golgatha znsammen- gefaßt. Dort befindet sich auch das Loch des Kreuzes und daneben der Spalt, der bis zum Mittelpunkt der Erde reichen sollte. Die meisten der Kapellen sind kostbar ausgcschmückt, verschiedene dagegen sehr einfach. An die Grabeslirche knüpfen sich eine Menge älterer Traditionen, von denen man verschiedenen auch beim Haram esch-Seherin begegnet. Während der Ostertage finden sich aus allen Weltgegenden eine große Anzahl Pilger au den heiligen Orten zusammen. Dann findet auch das von Len Griechen veranstaltete Fest des heiligen Feuers statt, das vom Himmel herniederkom- men soll. Es gibt dabei stets ein wildes Gedränge, da Jeder, sobald die Priester mit den brennenden Kerzen ans der Grabkapelle hervortreten, seine Kerze zuerst anznzünden strebt. Verschiedene Male ist es dabei sogar zu Thätlichkeiten gekommen, so daß das türkische Militär einschreiten mußte und Blut floß. Mit der Grabeskirche eng im Zusammenhänge stehen die 14 Leidensstationen Christi, von denen 5 in der Kirche selbst, eine von dem koptischen Kloster und die übrigen 9 auf der Via dolorosa liegen, einer Straße, die in östlicher Richtung nach dem Ölberge zuführt. Unter Len übrigen merkwürdigen Gebäuden von I. ist noch zu nennen die Ciladelle, in der Mitte der nach SW gekehrten Seite der Stadt. Sie ist ein ans 5 Thürmen unregelmäßig zusammenger setzter Complex, umgeben von einem halbverschütteten Graben. Sie stammt, mit Ausnahme des schon oben erwähnten Hippicusthurmes, aus dem Anfänge des 14. Jahrh. Dieser stand schon z» Herodes Zeit u. führte den Namen Davidsthurm weil man hier die Stelle suchte, wo die Burg Zion gestanden habe. Bemerkenswerth sind noch die 1856 an Frankreich abgetretene St. Annenkircht (schon im 7. Jahrh. erwähnt), nördl. vom Haram esch-Scherif, u. der Muristan, ein 1869 an Preußen geschenkter, größtenteils mit Ruinen (Kirche der Maria major rc.) bedeckter Complex in der Nähe der Grabeskirche; endlich südlich von dieser gelegen die Armenische Kirche u. das armenische Kloster mit weitläufigen Gartenanlagen. Die Inden haben mehrere schöne Synagogen. Eine der größten Merkwürdigkeiten in den Umgebungen von I. sind die z. Th. sehr ausge. dehnten und kunstreich ausgeführten Felsengräber, so im N. die Königsgräber, im O. auf dem südlichen Gipsel des Ölberges die Prophetengräber n. im S. eine ganze Reihe im Hinuomthal, wor, unter auch Hakeldama. Die meiste Anziehungskraft übt jedoch auf den Besucher der Ölberg mit seinen Erinnerungen ans der Leidensgeschichte Jesu aus. Am Fuße desselben im Kidronthale (Wadi Sitti Mariam) liegt zunächst die Grabkirche der heiligen Jungfrau mit ihren ausgedehnten, 10,g m tiefen Grottenbauten. Der Bau soll aus dem 4. Jahrhundert stammen, die Kirche wurde jedoch von den Persern zerstört und in der Mitte des 12. Jahrh. von Melisendis, Gemahlin des Königs Fulco, neu gebaut. Einige hundert Schritte davon entfernt liegt der Garten Gethsemane mit mehreren uralten Ölbäumen, die jedoch nicht anS der Zeit Jesu stammen können, da die Kreuzfahrer um ganz I. kein Holz auffanden. Hier ist bekanntlich der Ort, wo Jesus gefangen genommen wurde, um vor Gericht geführt zu werden. Der Ölberg selbst besteht aus 3 von N. nach S. einander folgenden Gipfeln, von denen der im N. 830, der mittlere 804 m ü. d. M. hoch ist. Diesen nennt die Tradition (im Widerspruch mit der Bibel, Luc. 24, 50) als den Orr, wo Christus gen Himmel gefahren sei. Es wurden infolge dessen verschiedene Bauten aufgeführt, die jedoch im Laufe der Zeit wieder verschwunden sind. Der jetzige Bau (im mohammedanischen Besitz) zum Gedächtniß an dieses Wunder rührt aus den Jahren 1834—35 her. Er besteht aus einem achteckig ummauerten Raum, in dessen Mitte ein Leines Oktogon sich befindet, die Stelle, von der die Himmelfahrt ausgegangen sein sollte; in einer Marmorplatte zeigt man eine Fußspur Jesu. Von dem Minaret des nahen Derwischklosters eröffnet sich eine herrliche Rnndsicht westl. auf die Stadt nnd östl. nach dem 50 Lm entfernten und etwa 1250 m unter diesem Standpunkte gelegenen Tobten Meere zu. Der südliche, Gipfel des Ol- berges ist der sog. Berg des Ärgernisses. I« Kidronthale zeigt man die Gräber von Absalo», Zacharias u. Josaphat, ferner die intermittirende Marienquelle (heberartiger Abfluß einer Cisterne) den nie versiegenden Hiobsbrunnen. Südöstl. vor I. trifft das Kidronthal mit dem schon erwähnte» Hinnomthal zusammen, das sich in einem Bogen nordwestl. um die Stadt zieht. In demselben liegt der Birket es Sultan, ein durch 2 Absperrung-« mauern in das Thal gebautes großartiges Basst», 62 » Jerusalem. das jedoch ohne Wasser ist. Östl. davon, auf dem Berge Zion, aber außerhalb der Stadtmauern, befindet sich Nebi Daud, das vorgebliche Grab Davids (in mohammedan. Besitz). Von sonstigen Anlagen außerhalb I. ist bes. noch zu erwähnen die russ. Colonie im W. der Stadt mit Hospital, Prachtvoller Kirche, Consulat rc. II. Geschichte. Beim Einfall der Israeliten in Palästina um 1300 v. Ehr. fanden sie auf der Stelle von I. eine Feste Jebus, die ihren Au- griffen lange Trotz bot, bis David sie um das I. 1000 eroberte. David nahm seine Residenz hier auf dem Zion u. führte die Bundeslade hierher. Salomo (970—929) erweiterte und verschönerte die Stadt, baute den Tempel und einen Königspalast (s. v.) u. verstärkte die Befestigungen. Doch schon unter seinem Sohne Rehabeam fiel um 915 die Stadt in Feindes Hand; sie mußte sich dem Lgypt. Pharao Sesonchis ergeben. Unter Amazia um 780 eroberte ».plünderte sie der König des nordpalästinen« fischen Reiches, Joas. Unter den folgenden Königen Usia, Jotham u. Hiskia wurde die Stadt neu befestigt u. hob sich wieder bedeutend; vergeblich belagerte sie Sanherib unter Hiskia, unter Manasse fiel sie jedoch in die Hand der Assyrer. Nachdem sie wieder frei geworden, eroberte sie 610 der König Necho von Ägypten, darauf dreimal Nebukaduezar, der die Einwohnerschaft zur Strafe für ihre Auf- fässigkeit ins babylonische Exil führte u. die Stadt 586 gänzlich zerstörte (s. Hebräer, Gesch. IV., S. 95). Selbstverständlich hatten mit den vor- hergegangenen Eroberungen stets theilweise Zerstörungen u. bes. Plünderungen der Heiligthümer und Paläste stattgesnnden. Nach der Eroberung des Babylonischen Reiches durch Kyros erhielten die Israeliten wieder die Erlaubniß zur Rückkehr u. I. wurde wieder aufgebaut. Von da ab hatte die Stadt Ruhe bis in die Zeit der Ptolemäer, in der sie zweimal von Antiochos Epiphanes erobert, geplündert u. z. Th. zerstört wurde. Nach Judas Makkabäus' siegreichen Kämpfen neu befestigt, mußte sie sich abermals eine Zerstörung durch Antiochos Enpater u. eine syrische Besatzung gefallen lassen. Nachdem Simon Makkabäus die syrische Besatzung vertriebe» u. die Werke ausgebessert, fiel die Stadt 134 abermals in die Hände der Syrer. In das I. 64 fällt die erste Eroberung durch die Römer unter Pompejus infolge der Parteistreitigkeiten der Makkabäer; einige Jahre später folgte die Plünderung durch Crassus. Im I. 40 fällt die Stadt in die Gewalt der Parther, denen sie 37 Herodes mit römischer Hilfe wieder entreißt. Nun beginnt eine neue Glanzperiode für I. Der Tempel (s. o. Geogr.) so- wol als Paläste und Befestigungen wurden durch Herodes neu errichtet; indessen der Umstand, daß eine römische Besatzung hier blieb u. daß Varus 8 n. Ehr. den Tempel plünderte, erregte Empörungen, deren Folge endlich die gänzliche Zerstörung der Stadt durch Titus, 70 n. Ehr., war. Hadrian ließ an ihrer Stelle 130 eine neue Stadt bauen, doch blieben die Juden ausgeschlossen. Obgleich die Wiege des Christenthums, erlangte sie doch auch nach Anerkennung dieser Religion als römischer Staatsreligion, einige Bauten von Seiten Constantins u. Julians abgerechnet, keine besondere Bedeutung. Bei der Theilung des Reichs kam sie zu der Herrschaft der byzantin. Kaiser, denen sie 614 n. Ehr. der Sassaniden-Herrscher Khosru II. abnahm. 628 fiel sie an die Griechen zurück, wurde jedoch schon 636 von den Arabern unter Khalif Omar erobert. Im 10. Jahrh. wurde sie von den ägyptischen Herrschern ans den Fatimideu u. Jkhschiden ihrem Reiche zngcschla- gen, diesen 1070 von den Seldschuken abgenommen u. die folgenden Jahre ein Streitpunkt zwischen diesen u. den Fatimideu, welche sie 1096 wieder eroberten. Die schweren Bedrückungen, denen die zahlreichen christlichen Wallfahrer zu den heiligen Stätten ausgesetzt waren, gaben den Anlaß zu dem Entschluß der Befreiung des heiligen Landes u. Grabes im Abendlande (s. Kreuzzüge) u. nach sechswöchentlicher Belagerung fiel die Stadt durch Sturm unter ungeheuerem Blutbad 15. Juli 1099 in die Hände der christlichen Kreuzfahrer unter Gottfried von Bouillon. Weiteres s. I. Königthum. Literatur. Chateaubriand, Itinsrairs äo Ua- ris aller., Par. 1811, 3 Bde. (deutsch von Müller u. W.A. Lindau, Lpz. 1812, 3 Bde., n.A. 1815); F. W. Sieber, Reise von Kairo nach Jerusalem, Prag 1823; Fergnsson, lüsoai on ksis anoiont topoZraxsi/ ok llsr., 1847; Sepp, Jerusalem u. das Heilige Land, 2. A., Schaffh. 1872; Ders., Neue architektonische Studien, Würzburg 1867; Tobler, Topographie von I., Berl. 1853 f., 2 Bde.; Robinson, Nene Untersuchungen über die Topogr. J-s, Halle 1847; Williams, Isis Hol/ 6itz-, 2. Aust., Lond. 1849, 2 Bde.; O. Gsorgi, Die Heiligen Stätten, Lpz. 1854, 2. Aufl., Triest 1856 bis 1857; PH. Wolfs, Jerusalem, Lpz. 1857, 3. A. 1872; Lorenz, Jerusalem, Kiel 1859; Alex. Graf Wartensleben, I. (Gegenwärtiges u. Vergangenes), 2. A., Berl. 1869; 'Isis rooovor/ ok ll., von Wilson n. Warren, mit Einleitung von Stanley, heransg. von W. Morrison, Lond. 1871; Barclay, Lsis oitz' okksis §roat LinA, sto., Philad. 1858; Besaut, Isis oikz- ok Hsrock anck Zalaciin, Lond. 1872; Bädekers, Palästina u. Syrien, Lpz. 1875 (von Socin); F. A. und O. Strauß, Die Länder u. Stätten der Heiligen Schrift, 2. Aufl., Leipzig 1877; Zimmermann, Karten und Pläne zur Topographie des alten Jerusalem, mit Text, Basel 1870. Schroot. Jerusalem (Königthum). I. wurde nun die Residenz des neuen Königthums I. Gottfried von Bouillon, der ans Bescheidenheit die Annahme des Königstitels verweigerte, starb, nachdem er noch die Ägypter bei Askalon geschlagen, 18. Aug. 1100. Ihm folgte sein Bruder Balduin I. als König; ziemlich glücklich in seinen Bestrebungen, die Reste Syriens zu erobern, unternahm er auch einen Streifzug nach Ägypten, kam aber auf demselben um. Ihm folgte sein Vetter Balduin II., nachdem sein zur Thronfolge bestimmter Bruder Eustach III., noch ein Knabe, von selbst zurückgetreten war. Mehr fromm als Krieger, war Balduin II. dennoch in unzählige Kämpfe verwickelt, in deren einem er 1122 von dem Emir Balak gefangen wurde. Erst nach eidlicher Versprechung eines ungeheueren Lösegeldes erhielt er 1124 die Freiheit, ließ sich jedoch sogleich seines Eides entbinden; er st. 1131. Unter ihm geschah 630 Jerusalem. 1118 die Stiftung der Tempelherren u. 1120 die Reorganisation oder Erweiterung der Johanniter. Uin diese Zeit hatte das Reich seine höchste Blüthe erreicht; cs erstreckte sich von Tarsus in Kilikien ostwärts bis Edessa und von hier südwärts bis Gaza. Das eigentliche I. ging allerdings nur bis zur Stadt Paneas; das andere Gebiet bildeten die in einer gewissen Abhängigkeit stehenden Grafschaften Edessa. Tripolis u.Antiochia. DieVer- fassung war aus das Lehnswesen gegründet u. den abendländischen Verhältnissen der damaligen Zeit nachgebildet. Nachfolger war Balduins Eidam, Graf Fnlco (V.) von Anjou; er wies die Anmaßungen mehrerer Vasallen, welche sich vom Königreich losreißen wollten, tapfer zurück, eroberte Cäsarea, befestigte Beerseba, schlug die Ungläubigen mehrmals u. starb 1143. Von seinen Söhnen folgte ihm zuerst Balduin III. unter der Vormundschaft seiner Mutter Melisenda. 1151 von derselben befreit, siegte er 1152 bei I. über Nureddin, Sultan von Aleppo, eroberte Askalon, wurde 1157 bei der Jakobsfuhrt am Jordan von Nnreddin geschlagen, besiegte diesen aber wieder bei Liberias u. sorgte in den letzten ruhigen Jahren für Befestigung seines Landes im Innern. Ihm folgte 1162 sein Bruder Almarich I., der in fortwährendem Kampfe mit den ägyptischen Heeren lag, sich ihrer aber glücklich erwehrte und sogar zweimal Ägypten überschwemmte u. selbst Kairo belagerte; auch gegen Saladin kämpfte er mit Erfolg. Er st. 1173. Sein unmündiger Sohn Balduin IV., erst unter der Vormundschaft Ray- mnnds III., Grafen von Tripolis, focht anfänglich gegen Saladin glücklich; bei dessen erneuten Angriffen jedoch setzte er, selbst infolge des Aussatzes blind geworden, seinen Schwager, Guido von Lusignan, 1182 zu seinem Stellvertreter ein. Da dieser aber nichts gegen Saladin vermochte, so übertrugen die Großen Naymund die Regentschaft. Dieser schloß Waffenstillstand mit Saladin, und bevor die Feindseligkeiten wieder ernstlich ansbrachen, starb Balduin 1185. Sein Neffe u. Nachfolger Balduin V. überlebte ihn nur 7 Monate, u. nun wurde Guido durch List seiner Gemahlin Sibylle u. durch die Jntrignen der Tempelherren zum König ernannt. Eine Fehde mit dem Grasen von Tripolis veranlaßte ihn, Saladin zu Hilfe zu rufen; als dieser aber die Templer geschlagen hatte, schloß Raymund mit Guido Frieden u. stellte sich gemeinschaftlich mit ihm gegen Saladin. In der Schlacht bei Hittin oder Liberias, 4. Juli 1187, wurde Guido geschlagen n. gefangen u. dann 2. Oct. I. von den Ägyptern eingenommen. Guido wurde von Saladin gegen das eidliche Versprechen, seine Krone niederlegen zu wollen, sreigelaffen, hielt jedoch den Eid nicht, sondern nahm den Titel als König wieder an u. belagerte Ptolemais. Später trat er das Königreich I. an Richard Löwenherz, König von England, gegen das Königreich Cypern ab, das er aber, weil der König von England letzteres schon früher den Templern übergeben hatte, von diesen kaufen mußte. Gegen Konrad v. Montferrat, Herrn v. Tyros, der Elisabeth, die Tochter Älmarichs I., gehcirathet hatte, um König zu werden, sich aber mit Philipp Angnst von Frankreich verbündete, ernannte Richard 1192 Heinrich », Champagne, den dritten Gemahl der Elisabeth zum König der den Christen in Palästina geblie! denen Besitzungen, der aber den Königstitel nicht annahm. Ms er 1196 starb, wurde Almarich 14 (Emmerich) von Lusignan, König von Cypern als vierter Gemahl Elisabeths Titularkönig von I., dem 1205 Johann von Brienne, folgte, ohne I. wieder zu erobern. Dieser hinterließ 1227 seine Ansprüche auf I. mit seiner Tochter Jolante dem Kaiser Friedrich II., der sich indessen nur kurze Zeit dort behauptete; 1292 ging mit Ptolemais auch der letzte Nest der europäischen Besitzungen in Palästina verloren. Doch führten von da die Deutschen Kaiser den Titel als Könige von I., später auch die Könige von Sicilien u. zwar bis auf die neueste Zeit. Die Stadt I. kam nach Saladins Tode, der übrigens die christlichen Bewohner u.Heiligthüm-r sehrschonendbehandelt hatte, an seinen Sohn Kamel, Herrscher von Ägypten, der sie 1229 dem Kaiser Friedrich H. durch Vertrag wieder einräumte. Doch schon 18. Octbr. 1244 wurde es durch die türkischen Horden der Kihomaresmier wieder erobert und die heiligen Stätten furchtbar verheert und geplündert, 1382 bemächtigten sich seiner die cirkassischen Mamluken. 1517 verleibte sie Sultan Selim I. dem türkischen Reich ein, bei dem sie auch, eine kurze Besetzung durch Mehemcd Ali von Ägypten (1832—40) abgerechnet, verblieben ist. TM-»,am. Jerusalem (Bisthum u. Patriarchat). Obgleich I. die Wiege der christlichen Kirchen war, ist doch die dortige Kirche von den frühesten Zeiten an kaum besonders wichtig für die Geschichte der Christenheit gewesen und hat an ihren Geschicken meist nur passiven Antheil genommen. 1) Das Bisthum und Patriarchat in I. in der Zeit des Römerreiches u. der oströmisch e n H e rr s ch e r. Nach dem in der Apostelgeschichte u. in den Paulinischen Briefen als Leiter der Jernsalemischen Christengemeinde neben Petrus u. Johannes erwähnten Jakobus, dem 70—107 Symeon gefolgt sein soll, nennt Eusebius bis auf seine Zeit eine lange Reihe von Bischofnamen meist ohne weitere Notizen. Die bcmerkens- werthesten sind: der erste heiden-christliche Bischof Marcus zur Zeit Hadrians; der strenge Nar- cissus in der Zeit des Severus; der Begründer einer Bibliothek in Jerusalem, Alexander, früher Bischof von Kappadocien. Das über Justinians Zeit fortgesetzte Bischofsverzeichniß des Nikephorus hat nur wenige berühmte Namen. Zn erwähnen sind: Cyrill, der Semiarianer, Johannes II, der gegen Epiphanias u. Hieronymus den Ori- genismus vertheidigte u. auch den Pelagius in Schutz nahm (Synode von 415), Juvenal, der Antinestorianer n. Vertheidiger des Eutychianis- mus. Bis ins 5. Jahrh. stand das Bisthum I. unter Cäsarea, wenn auch das Nikäanische Concil seinen Ehrenvorzng als der ältesten christlichen Metropole anerkannte. Erst Theodosius II. erhob I. zum Patriarchat u. die Synode von Chalcedon 451 ordnete ihm die drei palästinensischen Landschaften unter. Doch blieb auch in den nachheri- gen monophysitischen Streitigkeiten das Patriarchat I. ohne sonderliche Bedeutung. 631 Jerusalem - 2) Das Patriarchat I. unter persischer, arabischer, seldschukischer Herrschast, 614 bis 1099 . In diesem Zeitraum blieb der kirchliche Sitz zu I. im Ganzen unangetastet, wenn er auch ans dem Zusammenhänge mit der übrigen Kirche meggcrllckt war. Unter persischer Herrschaft wurde der 'Patriarch Zacharias von dem König Khosroes II., der 614 I. eroberte, gefangen weggeführt, aber von seinem Nachfolger Siroes wieder entlassen. Unter den Arabern seit 638 war das Patriarchat 60 Jahre lang unbesetzt. Die Patriarchen seit 705 hatten wechselnd Gunst und Ungunst der arabischen Herrscher zu erfahren. Johann VI., der in Verdacht stand, den byzantinischen Herrscher Nikephorus Phokas znm Kriege gereizt zu haben, wurde 969 lebendig verbrannt, und 1012 brach unter dem Khalifen Hakcm eine förmliche Christenversolgnng aus, bei welcher der Patriarch geblendet wurde. Die Türken (seit 1059) schonten anfangs die Christen, aber gingen bald zu einem Bcdrücknngssystem über, das, durch den Einsiedler Peter von Amiens im Abendland bekannt geworden, die Krcuzzüge veranlaßt?. 3) Das Patriarchat I. in der Zeit der Krenzzüg e, 1099—1291. Durch die Eroberung J-s 1099 kam das Patriarchat in die Hände der Lateiner. Der erste lateinische Patriarch war der rohe u. sittenlose Arnulf von Rocas. Mit Antiochien, das Rom'gegenüber sich selbständig erhielt, gab es mannigfache Streitigkeiten über die Abgrenzung des Sprengels. Der Patriarch Heraklius vermittelte 1187 die Übergabe der Stadt I. an Sa- ladin, nachdem er vergeblich im Abendland um Hilfe geworben hatte. Von da an residirten die lateinischen Patriarchen meist in St. Jean d'Acre; der letzte, Nicolas d'Hanape, ertrank 1291, als er nach der Erstürmung von St. Jean d'Acre aus einer Barke fliehen wollte. 4) Das griechische Patriarchat in I. trat seit Saladin wieder in seine Rechte. Gegenüber der abendländischen Kirche bewahrte es wie Antiochien seine Abgeschlossenheit. Zwar ließ sich 1438 der Patriarch durch Dorothens auf der Unionssynode zu Florenz vertreten, aber 1443 nahm er mit den Patriarchen von Antiochien n. Alexandrien alle Zugeständnisse zurück. Auch bei den Berührungen der Griechischen Kirche mit der Reformation vertrat das Patriarchat I. den schroff orientalischen Standpunkt, indem es 1643 die gegen Cyrillus Lukaris gerichtete Confession des Mogilas sanctionirte, n. indem 1672 der Patriarch Dosithens auf einer Synode zu I. nochmals in besonderer Confession alles Protestantische abwies. In neuerer Zeit residirten die Patriarchen von I. meist in Constantinopel, erst seit 1845 ist ihre Residenz wieder in I. Macht u. Bedeutung des Patriarchats ist gering, da Jerusalem nur 1000 griechisch-orthodoxe Einwohner, der ganze Sprengel von I. nur 17,000 Angehörige zählt. 5) Das lateinische Patriarchat, seit 1291 nur dem Namen nach fortbestehend, ist seit 1847 wieder erneuert worden. Am 7. Novbr. 1872 wurde der Patriarch Joseph Valerga seines Amtes entsetzt n. folgte ihm V. Bracco, Bischof von Magida erst als Auxiliär, seit 1874 als Patriarch. — Jesaias. 6) Das evangelische Bisthnm St. Jakob in I. (seit 1840) ist eine Stiftung König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zu einheitlicher Vertretung der deutsch-evangelischen n. englischen Kirche im Gelobten Lande. Da die anglikanische Kirche bei dieser Stiftung weitaus gegenüber der deutsch-evangelischen bevorzugt war, und da man eine Uebertragnng des englischen Episkopalismns in die preußische Landeskirche fürchtete, gab diese Stiftung zu heftigen Discussionen Anlaß. Der erste evangelische Äischof in I. war vr. Michael Salomon Alexander, 1842—45. Sein Nachfolger bis heute ist Samuel Gobat, früher Missionar in Abessinien. Löffler. Jerusalem, 1) Joh. Friedrich Wilhelm, einer der ersten Apologeten u. praktischen Theologen des vorigen Jahrhunderts, geb. 22. Nov. 1709 zu Osnabrück; 1742 Herzog!, braunschweigischer Hofprediger in Wolsenbüttel u. Erzieher des Prinzen Karl Wilhelm Ferdinand, 1743 Propst der Klöster Stä. Crncis u. Ägidii, 1749 Abt von Marienthal und 1752 von Riddagshausen, 1771 Vicepräsident des Consistorinms in Wolsenbüttel; st. 2. Sept. 1789; bes. verdient machte er sich durch die Gründung des Carolinum in Brann- schweig. Er schr.: Predigten, 1745—53, 3. Ausl., Braunschw. 1788 ff., 2 Bde.; Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion, cbd. 1768 — 79, 2. Anfl. 1785—89; Nachgelassene Schriften, ebd. 1792 ff., 2 Bde., darunter Selbstbiographie. Vgl. J-s Lebensbeschreibung, Altona 1790; J-s letzte Lebenstage, von J.F.F.Emperins, Lpz. 1790. 3) Karl Wilhelm, Sohn des Vor., studirte die Rechte, erschoß sich als Rechtspraktikant in Wetzlar 29. Oct. 1772 infolge einer unerwidert gebliebenen Liebe; die Grundidee zu Goethes Roman: Die Leiden des jungen Werther. U Löffler? Jervis, Bai an der Ostkllste von Australien (Nen-Süd-Wales), südlich von Port Jackson, mit einem sehr schönen Hafen. Jerweu, Kreis im rnss. Gouv. Ehstland, mit der Kreisstadt Weißenstein (s. d.). Jerxheim, Kirchdorf im brannschweig. Kreise Helmstedt, Station der Braunschw. Eisenbahnen (Knotenpnnkt dreier Eisenbahnlinien); Zuckerfabrik; 1871: 1851 Ew. Jesaiias (Esaias, eigentl. Jeschajah, d. h. Heil Gottes), der vornehmste der großen Propheten, Sohn des Amos; trat um 759 v. Chr. auf und wirkte bis znm Jahre 711 n. später. Unter ihm zog Sanherib vor Jerusalem. Daß er aus königlichem Geschlecht stammte, ist ebensowenig erwiesen, als die spätere Erzählung, daß er ans Befehl des Königs Manasse zersägt worden sei. Seine Schriften, in welchen sich die wichtigsten messiani- schen Weissagungen finden, sind überwiegend prophetischer Art; die geschichtlichen Abschnitte des Buches Jesaja (Cap. 36—39) sind ans dem Buch der Könige herübcrgenommen. Unter den unter seinem Namen überkommenen Weissagungen be finden sich aber auch unechte; bes. gilt dies von den Cap. 40—66, sowie auch vom 13., 14., 21., 24.-27., 34., 35., wo Sprache, Inhalt u. Verhältnisse gegen das Zeitalter des I. sprechen. Wahrscheinlich legte I. selbst eine Sammlung seiner Orakel an, allein dies war nur eine Particnlar- 632 Jeschil-Jrmak — Jesuiten. sammlnng, an die sich andere Sammlungen reihten, woraus allmählich die Schrift entstand, deren Anordnung chronologisch mangelhaft ist. Durch seinen einfachen, klaren, erhabenen, energischen u. lebendigen Ausdruck gebührt ihm der erste Rang unter den Propheten u. in Bezug auf poetischen Werth läßt sich nur Joel n. Micha mit ihm vergleichen. Die brauchbarsten Erklärungen des Buches schrieben Gesenins, Ewald, Hitzig, Knobel und Franz Delitzsch. , Jcschil-Jrmak (Uechil- oder Dekil-Jrmak — Grüner Fluß), ein größerer Fluß in Kleinasien, der in dem Busen von Samsum (Amrsns) ins Schwarze Meer mündet. Im Alterthnme hieß der I. Iris; jetzt heißt er eigentlich nur bei seiner Mündung I., sonst Kasalmak. Er entspringt auf dem Antitaurus der Alten in den östlichen Theilen des alten Pontus u. nimmt einen bedeutenderen Nebenfluß, den Scharmaghy (Lykos) aus. Er fließt erst nach Westen, dann nach Nordosten. Im Alterthnme lagen wichtige Städte am I. u. in dessen Gebiet: Neocäsarda oder Kablra (s. letzt.), Komana Pontica, Megalopolis u. Amasia. Der I. bildet in der Hochebene ein offenes, fruchtbares Thal, welches sich von der Stadt Total bis zum Schwarzen Meere zieht und für Kornbau u. bes. für Seidenzucht sehr ergiebig ist (Amasia allein producirt 20,00t) Oka Seide). Das Flußgebiet bildet jetzt einen Theil des türkischen Ejalets Rum-Jli oder Silvas. H-memami. Jesd (Uesd), Stadt fast in der Mitte Persiens mit etwa 40,000 Ew. in Jrak-adschemi, östl, von Jssahan. I. ist auch eine Provinz des persischen Reiches, welche um die Stadt gleichen Namens liegt. Die Stadt liegt in der bedeutendsten Oase des wüsten, völlig vegetationslosen (nach der Thon- u. Salzbeocckung zu schließen) einst von großen Salzseen bedeckten Tafellandes von Iran. In I. u. den umliegenden Dörfern ist bedeutende Obstbaum- zucht, bes. berühmte Granaten u. Feigen, u. vor allein eine sehr ergiebige Seidenzucht. J-s Sei- deuzeuge, Waffen, Baumwollengewebe, Teppiche, Zuckerkand rc. sind in Persien u. weit in der Welt berühmt. Auch einige Mineralgruben sind in der Nähe der Stadt. I. ist auch ein bedeutender Stapelplatz für den Landhandel, weil es Haupt- stationspnnkt der großen Handelsstraße durch die Satzwüste nach Kabul, dem Eiugangsthore In- diens, und nach Baktrien und Kreuzungspnnkt mehrerer anderer Handelsstraßen ist. — In I. hat sich auch noch ein Rest altpersischer Feueranbeter, Anhänger der Lehre Zoroasters, erhalten. Diese Parsifainilien (etwa 1000 an der Zahl mit ca. 4000 Seelen) leben dort neben den Moslemins u. vielen Juden mit einem Oberpriester n. man findet in I. n. Umgegend etwa noch 34 größere u. kleinere Feuertempel. Diese Parst haben hier auch einen bes. Volksdialekt aus dem Persischen gebildet, die sog. Deri-Sprache. Heine,»ann. Jcst (bei den Alten Ästs), Stadt in der italien. Provinz Ancona, am Esino, Station der Römischen Eisenbahn; Piazza n. Korso mit vielen stattlichen Häusern; Bischo;, Kathedrale, Lycenm, Gymnasium, Technische Schule; Fabrikation von seidenen und wollenen Geweben, bereitst einen schon im Alterthnme berühmten Käse, Weinbau, lebhafter Handel mit Wein, öl u Getreide; 18,912 Ew. (in. Orte 6170). Geburtsort des Kaisers Friedrich II. Jesi, Samuele, berühmter Kupferstecher, geb. zu Mailand 1789, st. in Florenz 17. Jan. 185S. Seine Arbeiten zeigen höchste Correcthcit der Zeichnung u. vollendete Führung des Stichels; er war ein Schüler von Longhi. Werke, Die Verstoßung dcr Hagar nach Guercino in der Brera zu Mailand; Madonna mit Johannes u. Stephan nach FraBar- tolommeo im Dom zu Lncca; Papst Leo mit den Cardinälen nach Rafaels Bild in der Galerie Pitti zu Florenz, Par. 1842; in Florenz fertigte er den Sich von Rafaels Visr^s ä 1a viZno, n. begann das Abendmahl S. Onosrio zu Florenz von Rafael. Regnet.» Jeffamine, County im nordamerikan. Unions- staate Kentucky unter 38° n. Br. u. 85° w. L., 8638 Ew., C-sitz Nicholsville. Jessen, Stadt im Kreise Schweinitz des preuß, Regbez. Merseburg, am rechten Ufer der Schwarzen Elster, Station der Berlin-Anhaltinischen Eisenbahn; Tuchweberei, Zucht von Kanarienvögeln, Weinbau, Fischerei, Viehmärkte; 1875: 2417 Ew. In der Nähe die zum Fläming gehörenden J-er Berge mit weiter Aussicht. Jeßnitz, Stadt im Kreise Dessau des Herzogthums Anhalt, an der Mulde, Station der Berlin- Anhaltinischen Eisenbahn; Wollenspinnerei, Tuchweberei, Fabriken für Strickgarn, bunte, wollene Tischdecken, halbwollene u. baumwollene Waare» und Papier, Garnbleicherei, Färberei; 1875: 3847 Ew. Jesso (Jeso, Jezo, Deso, Jebisu Kura, d. h. Wildenland), die nördlichste der 4 großen Inseln des Kaiserreichs Japan, von Nipon durch die Sangar- (Tsngarn-) Straße getrennt; gebirgig, waldreich u. voll von Mineralschätzen; übrigens noch sehr wenig bekannt. Bekannte Berge sind der Poronohori u. der Siribets (1998 in). Das Klima ist kalt und dem Anbau wenig günstig; die Hauptbeschäftigung der Bewohner ist die Fischerei. Der Umfang wird ans 89,623 Usicm (1628 (DM), die Einwohnerzahl 1872 zu 123,668 angegeben, wovon ein bedeutender Theil Aino. Administrativ bildet die Insel das Gouvernement Hoknkaido; der Gouverneur resi- Lirt in Hakodade. Eine weitere Stadt im S. ist Matsnmai; eine neue Hauptstadt im N. soll pro- jectirt sein. Jefsore, s. Dschessur. Jcfsulmere, s. Dschessalmir. Jesuaten u. Jesuatinen, eine einen eigenen Orden ausmachende Gattung der Hieronymiten, 1365 durch Johannes Columbini zu Siena gestiftet, auch Apostolische Kleriker gencmm, weil sie anfangs ein ganz armes, wahrhaft apostolisches Leben geführt hatten; verrichteten neben den Andachtsübungen Handarbeit u. Krankendienste, dann Destillerien n. Handel mit Spirituosen (daher auch Branntweinpatres); durch Reichthum nachher ausartend, wurden sie auf Vorstellung der Republik Venedig 1663 durch Clemens IX. unterdrückt. «agai. Jesuiten, Looistas stvsn (ursprünglich span. Campania st.), der bekannte Orden, so genannt, weil Jesus der Urheber u. erste Gründer dieser Gesellschaft sei, von dem Institut u. Orden der 633 Jesuiten. Apostel nur der Zeit nach verschieden. Der Stifter des Ordens ist Ignatius von Loyola, Jnigo Lopez de Recalde (s. d.). Derselbe sammelte in Paris 16. A»g. 1534 sechs Genossen um sich, mit denen er Jan. 1537 zur Bekehrung der Ungläubigen ins H. Land gehen wollte; aber durch den Türkeukrieg an der Ausführung verhindert, stellten sie sich als Oompania llssu dem Papst Paul III. zu unbedingter Verfügung. Als dieser ihre Statuten las, soll er gerufen haben: die sst äiAitua vsi (das ist Gottes Finger). Er bestätigte 17. Sept. IS4V die Gesellschaft mit der Bedingung, daß ihre Mitgliederzahl nicht über 60 betrage, doch wurde später diese Beschränkung anfgehoben. Ignaz erlebte noch die Ausbreitung des von ihm gestifteten Ordens über das ganze Abendland. Außer den 3 Mönchsgelübden über nahm die Gesellschaft noch das Gelübde: ihr Leben dem beständigen Dienst Christi u. der Päpste zu weihen, unter dem Kreuzesbanner Kriegsdienste zu leisten, nur dem Herrn u. dem Papste in Rom, als dessen Stellvertreter auf Erden, zu dienen, so daß, was immer der gegenwärtige Papst u. sei» Nachfolger in Sachen des Heils der Seele und der Verbreitung des Glaubens ihnen befehlen n. in welche Länder er sie immer senden möchte, sie ohne jegliche Zögerung und Entschuldigung, sogleich, soweit es in ihren Kräften läge, Folge zu leisten gehalten sein wollten. Geist u. Verfassung des Ordens. Der J.-O. ist nach dem ursprünglichen Entwurf im soldatischen Geiste seines Stifters als eine geistliche Miliz im Dienste des Papstthums gedacht, u. aus dieser vom Anfang an kriegerischen Bestimmung des Ordens erklärt sich seine Haupttendenz wie seine Organisation. Die ganze Richtung des Ordens geht auf Erringung resp. Unterstützung jener Art von Weltherrschaft, die von Anfang an das Papstthum als Fortsetzung der römischen Universalmonarchie in höherer Potenz und geistlicher Form anstrebte. Der J.-O. ging mit dem Papstthum, dem von jeher die geistliche Weltherrschaft eben so sehr Mittel wie Zweck der politischen Machtstellung war, das engste Büudniß der Interessen ein und machte ebenso sich deni Papstthnm, wie das Papstthum sich dienstbar. Hatte das Papstthum seit seinem Emporkommcn durch Gregor VII. den erneuerten Benedictiner- orden, noch mehr seit Jnnocenz III. die Bettel- vrden für seine Zwecke zu benützen verstanden, so hatte es nun erst das ganz entsprechende Organ gefunden, namentlich gegenüber der Reformation, die zu derselben Zeit, da in Ignatius der erste Gedanke eines solchen Ordens dämmerte, den ganzen Bau der mittelalterlichen Hierarchie zu erschüttern begann. Der J.-O. war daher im vollsten Sinne des Wortes ein Kind seiner Zeit und gehört mit der mittelalterlichen Papstkirche ununterscheidbar zusammen. Der Kampf gegen den Protestantismus stand daher im Vordergrund der Bestrebungen des J.-Ordens. Diesen Kampf suchte er zu führen theils durch Polemik, wissenschaftliche u. populäre, auf den Kathedern der Universitäten, durch gelehrte, theologische Werke (Bellarmin, Perrons), durch gelehrten Jugendunterricht, die Stärke u. den Ruhm des Jesuitismus (organisirt durch den 4. Ordensgeneral Aguaviva, 1581—1615), durch Bolkspredigt, am »leisten mit Hilfe des Beichtstuhls. Da aber diese mehr moralischen Mittel gegen den in geistiger Hinsicht bald gleich starken Protestantismus nicht völlig ausreichten, so suchte der Jesuitismus desto mehr durch politischen Einfluß auszurichten. Die jesuitischen Beichtväter katholischer Fürsten schürten unablässig gegen die Protestanten u. führten zuletzt die große Reaction des 17. Jahrh., besond. im Dreißigjährigen Krieg herbei, durch welche der Protestantismus große Gebiete verlor. Auch durch seine Proselytenmacherei unter regierenden Häuptern, Männern der Aristokratie u. des Geldes hat der J.-O. bis heute dem Protestantismus vielfach Abbruch zu thun gewußt. Da nun dennoch trotz der Erfolge gegenüber dem Protestantismus dem Papstthum weite Strecken verloren blieben, so juchte der Jesuitismns in der fernen Heidenwelt das Verlorene hereinzubringen. Daher entfaltete der J.-O. eine ebenso eifrige u. thatkräf- tige, wie klug angelegte Missionsthätigkeit in Japan, China, Ostindien, Abessinien, auf dem südamer. Continent, n. weil zu diesem Missioinren viel Geld gehörte, so wurde damit eine ausgebreitete Handelsthätigkeit verbunden, die den Orden kaum weniger reich machte, als die Benützung der Frömmigkeit zu Hause zu Schenkungen, Vermächtnissen n. dgl. Unbestreitbar bleibt aber bei Alledem, daß der Orden der Kenntniß der von ihm besuchten Länder Bahn gebrochen, sich um Sprachen-, Länder- u. Völkerkunde die wesentlichsten Verdienste erworben hat, Verdienste, denen auch solche auf einigen anderen wissenschaftlichen Gebieten würdig zur Seite stehen. — Der Tendenz des J.-O-s entspricht seine Organisation, in der sich ebenfalls der militärische Grundcharakter des Ordens nicht verleugnet. Dis strengste Subordination, noch ganz anders als die militärische, ist die Grundforderung des Ordens au seine Mitglieder. Wie ein Cadavcr, wie ein Stab soll sich jedes Mitglied von den leitenden Oberen behandeln lassen, u. ein sein ausgedachtes System der gegenseitigen Überwachung u. Controle der Mitglieder unter sich soll diese Subordination unterstützen. Auch die Ausbildung der Ordensmitglieder und ihre Gradaü- stufung unter sich ist ganz militärisch. Die Exer- citien, wie sie schon Ignaz vorschrieb, sind systematisch darauf berechnet, zum völlig willenlosen Gehorsam zu erziehen, den religiösen Sinn aufzuregen u. doch in festbegränzter Richtung zu erhalten u. damit unlösbar au den Orden zu binden. Wie in militärischer Rangordnung steigt man im Orden, je nachdem man sich bewährt, zu höheren Graden auf. Der unterste Grad ist der der Novizen, der nächste der der Scholastiker, die hauptsächlich zum Unterricht in den Collegien ver- wendet werden; dann folgt die Stufe der Coad- jntoren, theils weltlicher, theils geistlicher. Die eigentlichen Leiter sind die nicht sehr zahlreichen Professen mit 4 Gelübden, neben welchen auch Professen mit S Gelübden bestehen, wahrscheinlich geheime Ordensmitglieder des höchsten Grades. Die Oberleitung des Ordens hat der J.-General mit dem Sitz in Rom. Unter ihm haben die Provincialen die Aufsicht über die einzelnen Pro- 634 Jesuiten. vinzen, in welchen die Superioren die Profeß- häuser, die Rectoren die Collegien, die Novizenmeister die Prüflingshäuser unter sich haben. Die genauesten Berichte bis zum General hinauf vermitteln die Übersicht über den Orden. Dem General sind von den Provinzialen ein Admonitor u. Assistenten als Vertreter der Nationen u. geheime Näthe zur Seite gestellt, ebenso vom General den Provincialen je ein Admonitor oder Socius. Die Procuratoren- und Provincialcon- gregationen behandeln die allgemeinen Angelegenheiten je der betreffenden Gebiete, die General- congregationen die des ganzen Ordens. Der höchste Zweck des Ordens ist „Alles aä majorsm vsi Zloriam", worunter die stets steigende Verherrlichung des Papstthums gemeint ist. Geschichte des Ordens. I. Von seiner Gründung bis zu seiner Aufhebung durch Clem ens XIV., 1540—1773. Der Orden breitete sich nach seiner Gründung schnell aus, zuerst nach Portugal durch Rodriguez u. Lavier, später, doch unter Schwierigkeiten, nach Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Deutschland. In Deutschland concentrirte der Orden seine Macht zu rücksichtsloser Bekämpfung des Protestantismus, wobei er sich auf seine 3 Centralpunkte Ingolstadt, Wien, Köln stützte. Als Ignaz 1556 starb, hatte der J.-O. 1000 Mitglieder, 100 Häuser, 14 Provinzen. Lainez, in welchem der J.-O. zum Bewußtsein seiner welthistorischen Bedeutung gelangte, gab ihm 1558 seine Constitutionen. 1551 wurde das 6o11s§ium Romaunm, 1552 das (kollsgium Osrinanicum als theologische Bildungsanstalt für Deutsche zur Bertheidigung des Katholicismns in Deutschland gestiftet. Das erneute Vordringen des Katholicismns gegen den Protestantismus im Laufe des 17. Jahrh., hauptsächlich durch den Dreißigjährigen Krieg zeigt die zunehmende Macht des Ordens, der seit Aquaviva (1581—1615) durch geheimes, in der Wahl der Mittel unbedenkliches Jntriguiren mehr als durch offenen Kampf wie vorher seine Ziele zu erreichen suchte. Um die Mitte des 18. Jahrh. besaß der J.-O. 24 Profeßhäuser, 669 Collegien, 176 Seminarien, 61 Novizenhäuser, 335 Residenzen, 277 Missionen, gegen 22,600 Mitglieder. — Indessen gegen die steigende Macht desOrdens erhob sich auch, von ihm selbst hervorgerufen, immer mächtigere Opposition. Nicht nur hatte der J.-O. mit der Rivalität der älteren Orden zu kämpfen, seit Aquaviva u. der Abwendung der Jesuitischen Theologie von Thomas Aquinas auch mit der des Dominicanerordens; nein, auch die Katholische Theologie durch Bajns in Löwen (1567 von Pius V. verdammt), noch mehr durch den Jansenismus in Belgien u. Frankreich, trat in den offensten, entschiedensten Gegensatz gegen den Jesuitismus, u. wenn auch der J.-O. in letzterem Kampfe siegte, so schadete er sich dadurch desto mehr in der Meinung des Volks. Pascals l-stbreo xrovineiales (1666), Satiren wie die Llonita seersta Loeistatüo llssn (1. Ansg., Krakau 1612), die ülouarekiia Lollpsoruiu (Ven. 1645) thaten dem Ansehen des Ordens großen Abbruch. Auch die Regierungen, so oft sie im J.-O. eine Stütze sahen, traten doch ebenso oft ihm entgegen, da er das Eingreifen in die politische Machtsphäre nirgends lassen konnte, so schon gleich anfangs die portugiesische Regierung, die französische wegen der Erinordung Heinrichs UI. Wegen ihres Antheils am Mordversuch ChatelS gegen Heinrich IV. (1594) wurden die I. von diesem verbannt, doch 1603 wieder zurückgerufen, wofür ihm durch Ravaillacs Hand gelohnt wurde. Trotz der Gunst Ludwigs XIV. waren doch seine gallicanischen Neigungen ihnen entgegen. Noch mehr hatten sie Ludwig XV. gegen sich, namentlich seit sie sich die Feindschaft der Pompadour u. Choiseuls zugezogen hatten. In Portugal führte der bewaffnete Widerstand der von ihnen geleiteten Eingeborenen in Paraguay gegen die Abtretung von 7 Pfarreien dieser Missionsstation von Spanien an Portugal (1750), noch mehr ihr Attentat auf den König Joseph I. 1758 zu ihrer Vertreibung durch den Minister Pombal. Dasselbe Schicksal bereiteten ihnen in Frankreich ihre Han- delsspeculationen unter dem Pater Lavalette, in den übrigen Ländern unter bourbonischen Herrschern die Solidarität der Interessen der Dynastie. Von allen Seiten gedrängt, sprach Papst Clemens XIV. durch die Bulle Vominrw aa reäowxtor nostsr kl. Juli 1773 die Aufhebung des J.-O-S aus, den sein General Ricci in dem bekannten Wort 8int ub sunt aub non sind für schlechthin irreformabel erklärt hatte. Auch Österreich willigte in die Vertreibung des Ordens, als man der Kaiserin Maria Theresia von Rom aus eine Abschrift ihrer durch I. verrathenen Beichtgeheimnisse schickte. II. Seit der Aufhebung 1773 bis jetzt. 1) In der Zeit, während der Orden ausgehoben war, 1773—1814, fand er eine Zuflucht in den Staaten Friedrich des Großen, der seine den Staat nichts kostende pädagogische Thä- tigkeit nicht entbehren u. die Katholiken sich geneigt machen wollte. Als nach dem Tode Friedrich deS Gr. Friedrich Wilhelm II. den J.-O. verbot, blieb ihm noch eine Stätte in Rußland, dem mit Polen mehrere jesuitische Ordenshäuser zugesallen waren. Katharina II. schätzte sie aus demselben Grund wie Friedrich der Gr., und sie durften 1779 sogar ein Generalvicariat anlegen. Im Geheimen bestand der Orden fort u. gewann Einfluß bei den geheimen Gesellschaften. In Frankreich erhielt er sich im affiliirten Orden der Väter des Glaubens, in Österreich in dem der Redemptoristen oder Liguorianer. Auch unter fremden Namen, als Vincentiner, als Paccanaristen, als letztere jedoch vom eigentlichen Orden nicht anerkannt, tauchten die I. auf. 2) Von der Wiederherstellung des Ordens 1814 bis zum Revolutionsjahr 1848. Papst Pius VII., der 1801 den Orden in Weißrußland und Lithauen unter dem Generalvicar Gruber bestätigte, 1804 in Sicilien still wiederherstellte, 1806 einen I. canoni- sirte, benützte alsbald die Restauration nach dem Sturz Napoleons, um den J.-O. durch die Bulle LoUleibuäo omniuM vom 14. Aug. 1814 wiederherzustellen. Da die J. sich überall der politischen Reaction als Stützen anboten, gelang ihnen schnell wieder die Ausbreitung ihres Ördens u. die Gewinnung des früheren Einflusses. Zwar aus Rußland wurden sie trotz der anfänglichen Geneigtheit 635 Jesuiten. Kaiser Alexanders I. 1820 wegen Proselyten- macherei vertrieben. Aber in Sicilien, Neapel, Piemont, Modena, Spanien gelangten sie bald wieder zn ihrer früheren Stellung, während Portugal fortwährend sich ihrer erwehrte. In Österreich u. Bayern richteten sie sich als Redemptoristen od. Liguorianer wieder ein. In Düsseldorf, Köln, Koblenz fanden sie seit 1827 wieder Eingang. In Sachsen hatte König Friedrich August jesuitische Beichtväter, aber 1831 wurde ein besonderer Paragraph gegen sie in die Verfassung ausgenommen. In Köthen hatte der 1825 durch I. dem Katholi- cismus gewonnene Herzog Friedrich Ferdinand alsbald J-missioneu eingeführt, die aber 1848 der Volksnnwille umstürzte. In Belgien behaupteten die I. seit der 1830 von ihnen angestifteten Revolution ein dauerndes Übergewicht. In Frankreich war Ludwig XVIII. ihnen weniger geneigt. Desto mehr begünstigte sie Karl X. Trotz der Opposition gegen sie, an deren Spitze Graf Montlosier und der liberale Minister Martignac 1828 stand, wollte er durch das den I. ergebene Ministerium Polignac dem Jesuitismns zur Herrschaft helfen, rief aber dadurch die Julirevolution 1830 hervor, die seinen eigenen Thron stürzte. Ludwig Philipp beobachtete hinsichtlich der I. dasselbe Schaukelspiel wie in seiner ganzen Politik. Anfangs erließ er ihnen ungünstige Verfügungen, um die Volksgunst zu gewinnen, später wurden sie auf jede Weise gefördert, u. die von den Kammern erzwungenen Gesetze gegen sie nicht ansgcfllhrt. Ja, Guizot trat im Schweizerischen Sonderbunds- krieg offen für sie ein. In der Schweiz hatten die I. seit 1835 zu Freiburg eine Station angelegt. Auch in Luzern drangen sie durch (1841), ebenso in Wallis. Zuletzt vereinigten sich die 3 Urkantone, sowie Luzern, Freibnrg, Wallis u. Zug zu einem Sonderbund. Nach längerem Schwanken, nach den vergeblichen Freischaarenkämpsen 1844 u. 1845, beschloß die Majorität der Tagsatznng Juli 1847 den Krieg. Ein Feldzug von wenigen Wochen, Nov. 1847, sprengte den Sonderbund. Die ewige Verbannung des J.-Ordens aus der Schweiz wurde nun als Grundgesetz ausgesprochen. 3. Der J.-O. von 1848 bis jetzt. Die Revolution von 1848 fegte den J.-O. in plötzlichem Sturm aus deu meisten Ländern fort, zuerst aus Frankreich, dann aus der Lombardei, Sardinien, Neapel u. Sicilien, ja aus dem Kirchenstaat selbst. Auch in Österreich und Bayern ging man gegen den Orden vor. Aber die I. wußten alsbald die politischen Freiheiten, welche dieNevolution brachte, sich trefflich zu Nutzen zu machen, u. die alsbald hereinbrechende Neaction sah in ihnen eine Stütze. In Frankreich stützte sich Napoleon III. vorzugsweise auf die I. und den unter ihrem Einfluß stehenden Klerus. Auch die Absetzung Napoleons III. u. die Gründung der Französischen Republik brachte ihre Macht über das französische Volk, namentlich mittels der unter allen möglichen Namen von ihnen geleiteten Congregationen, noch mehr au den Tag. Erst mit dem Ministerium Waddington seit 1876 begann ein schüchterner Widerstand gegen ihren Einfluß. In Oesterreich gab ihnen das Concordat von l858 ihre, seitdem jedoch wesentlich erschütterte, Macht wieder. In Preußen fielen seit 1848 alle gesetzlichen Schranken gegen den Orden, n. die Ministerien seitdem bis auf den Cultns- minister Falk waren dem J.-O. mehr od. weniger günstig. Auch in den süddeutschen Staaten Baden, Württemberg, Hessen trat der J.-O. mit seinen Missionen mitten unter protestantischer Bevölkerung auf, u. gewann durch die eingeleiteten Concordate bisher nicht besessenen Boden. Aber der Widerstand, der sich hier gegen diese Concordate erhob, noch mehr die Unterwerfung der Geistlichkeit unter die vomOrden durchgesetzten Beschlüsse des vaticanischen Concils u. der sich immer mehr u. mehr im politischen u. Gemeinde-Leben fühlbar machende Einfluß des Ordens, führte zum Gesetz vom 4. Juli 1872, das den J.-O. und in weiterer Conseqnenz auch die affiliirten Orden ans Deutschland verbannte. Nach dem OataloAus provinoias auotriaeo- UnnAarioas (1872) zählte der Orden 1871 in 5 Assistenzen: Italien, Deutschland (wozu Österreich- Ungarn, Galizien, Belgien und Holland zählen), Frankreich (wozu Francm u. New-Uork), Spanien (mit Mejico) u. England (mit Irland, Maryland u. Missouri), od. 22 Provinzen 8809 Mitglieder, wovon auf Deutschland 738, auf Castilien 744 kommen. — Wie der J.-O. seit 1848 durch die der Revolution folgende Reaction seine politische Macht allmählich wieder gewann, so auch eine Stellung innerhalb der Römischen Kirche, die alles Frühere hinter sich läßt. Pius IX. hatte im Anfang seiner Negierung die I. ans Rom answeisen müssen. Aber nach seiner Rückkehr aus Gäeta (12. Apr. 1850) erkannte er in ihnen die unentbehrliche Stütze des Papstthnms. Er übergab ihnen den öffentlichen Unterricht, verkündete 8. Dec. 1854 die Licblingslehre der I., die unbefleckte Empfängniß der Jungfrau Maria, als kirchliches Dogma, verdammte in der Encyclica von 1864 ganz im Sinne der I. die gesammte moderne Cnltur u. jeglichen Liberalismus, u. ließ endlich 18. Juli 1870 die von den I. längst gelehrte u. jetzt von ihnen im Interesse der Kirche für unentbehrlich gehaltene Jnfaüibilität dein päpstlichen Stuhl vom Vaticanischen Concit znerkenuen. Biel verdankt der J.-O. in dieser Hinsicht der Energie und Klugheit seiner beiden Generale Roothaan (1829—53) u. Beckx (seit 1853). Die Zahl der J.-Generale seit dem Bestehen des Ordens beträgt 22. Die Abbreviatur der I. IH8. ist nach Einigen so v. w. Issum üabswns sooium, od. llosus üo- minum saivator, nach Anderen ist H das griech- ische Eta und IO8 Anfangsbuchstaben oes Wortes Jesus. Vgl. die Schriften der I. Mariana, Sanchez, Bauny, Escobar, Suarez rc. Ratio et institu- tio Zoeistatis stssu, 1635, 2. Aufl. als Oorpns institutornm Looistatis I., Antw. 1702, neueste Ausg., Prag 1757, 2 Bde., Fol.; Harenberg, Pragmatische Geschichte der I., 1760, 2 Bde.; Wolf, Allgemeine Geschichte der I., Lpz. 1803, 4 Bde.; Lang, Geschichte der I. in Bayern, Nnrnb. 1819; Schefser, Rröeis äs I'üistoirs äso §öns- raux äs 1a OompaZins äs Issns, Par. 1824; de Pradt, Os Issuitioms auvisu st woäsrus, ebd. 1826; v. Deppen, Die Demagogie der I., Altenb. 1826; Ellendors, Die Moral u. Politik der I., 636 Jcsuitenschulcrr — 1840; Kortüm, Entstehungsgeschichte des J.-Or- dens, Mannh. 1843; Cretineau-Joly, Histairs roli- Aisnss, polibiguo ot lib. äs 1s, tkompnAnis äs llösn, Par. 1844—46, 6Bde. (deutsch 1.—5.Bd., Wien 1845—52); Sugenhcim, Geschichte der I. in Deutschland, 1847, 2 Bde.; Buß, Die Gesellschaft Jesu, Mainz 1854; Hoffmann, Geschichte u. System des J.-Ordeus, Mannh. 1870; Blnntfchli, Rom u. die deutschen I., Berl. 1872; v. Schulte, Die neueren katholischen Orden u. Congregationen, ebd. 1872; Huber, Der J.-O. nach seiner Verfassung u. Doctriu, Wirksamkeit u. Geschichte, ebd. 1873; Rauke, Die römischen Päpste in den letzten 4 Jahrh., 6. Ausl., Lpz. 1874. Löffler. Jesuitenschnlen, s. Gelehrtenschulen, S. 17. Jesuitenstil (Schule von Genua), s. u. Bau- knust, S. 788. Jcsuitinucn, s. Damen 1). Jesus (hebr. Josua, Retter, Befreier, Heiland), 1) so v. w. Josua; 2) I. Sirach, Sohn Sirachs, Jude in Jerusalem, lebte nach Ein. um 300—250 v. Ehr., nach And. gegen 210—160 v. Ehr. Von ihm ist das (apokryphische) Buch Sirach, eine Anthologie von Sittensprllchen, ähnlich den Sprichwörtern Salomouis. Ursprünglich war das Buch hebräisch geschrieben u. erst ein Enkel des I. S., welcher unter Euergetes nach Ägypten kam, übersetzte es dort ins Griechische, wie es jetzt noch vorhanden ist. Die Lateiner nannten es Loolosiasti- ons, weil man es in der ersten christlichen Kirche den Katechnmen in die Hände zu geben Pflegte. Das Buch I. Sirach, erkl. von O. F. Fritzsche, Lpz. 1859. Jesusblnmchen, ist Viola trioolor. Jesus Christus. Der hebräische Personname Je;us ist derselbe mit dem alttestam.llsllosoiina, später äs8«dua, griech. das bedeutet: „Dessen Hilfe Jehova ist." Zur näheren Bezeichnung des oft vorkommenden Namens wird gewöhnlich der Geburtsort „von Nazareth" hinzugefligt. Mit diesem Personnamen setzt zuerst der Apostel Paulus den Amtsnamen Christus (griech. der Gesalbte, hebr. Llasolliaoli, gräcisirt zusammen, u. drückte so das grundlegende Bekenntniß der christlichen Urgemeinde ans, daß Jesus sei der Christus. Geschichte u. Lehre Jesu Christi. Einem geschichtlichen Abriß dessen, was I. Chr. war, that, lehrte, muß die Angabe der Quellen voraufgehen, aus denen sich allein eine gesicherte, kritisch haltbare Kunde davon gewinnen läßt. Jüdische Schriften aus od. kurz nach der Zeit I. Chr., wie die von Philo, Josephns, der Talmud, römische Geschichtschreiber wie Tacitus, Sueton, enthalten nur das Allerdürftigste, z. Th. nicht einmal dies, oder nur Unzuverlässiges, Caricaturartiges über ihn, während auch die älteste mündliche Überlieferung in der ersten Christenheit nur höchst geringe Ausbeute liefert, die apokryphischen Evange- lieu aber mit häretischer Tendenz bearbeitete, von abgeschmackten Erdichtungen wimmelnde Erzählungen sind. So ist man für die geschichtliche Kennt- niß I. Chr. ganz auf das St. T. angewiesen. Entschieden die älteste, ursprünglichste Geschichtsquelle sind die echten Schriften des Apostels Paulus (Röm., Gal., 2 Cor. Briefe), da er zeitlich I: am nächsten stand, am frühesten schrieb, durch seine - Jesus Christus. Verbindung mit der Jernsalemischen Urgemeinde u. den Uraposteln die ältesten Überlieferungen zur Verfügung hatte. Von den 4 Evangelien kommen die 3 synoptischen den echten panlimschen Schriften an Geschichtswerth am nächsten. Sind sie auch erst Ende des 1. oder Anfang des 2. Jahrh. in der jetzigen Gestalt geschrieben, so enthalten sie doch, wenn auch vielfach überarbeitet, die älteste, aus die Urapostel zurnckgehende Überlieferung über I. Chr., in wesentlich gleichartiger Darstellung, wenn auch mit verschiedener Tendenz (Matthäus fortgeschritten jnden-christlich, Marcus vermittelnd römisch, Lucas Heiden - christlich - paulinisch). Die außerordentlich schwierigen und mühevollen Untersuchungen über die nach Luc. 1, 1 bis 4 unseren Evangelien zu Grunde liegenden Quellenschriften sind noch nicht abgeschlossen. Papias, Bischof von Hierapolis um die Mitte des 2. Jahrh., kannte nach Eusebius hebräisch geschriebenelwAiades Herrn, von Matthäus zusammengestellt, u. ein ans dem Munde des Petrus ausgeschriebenes Evangelium des Marcus. Seine Beschreibung dieser 2 Evangelien deckt sich nicht mit den gegenwärtigen. Wie sich nun die gegenwärtigen Evangelien zu diesen ältesten verhalten, welches Evangelium von den jetzigen der wirklichen Geschichte am nächsten steht, das ist die Frage. Die Einen bevorzugen den Matthäus, die Andern den Marcus; doch wird anerkannt, daß auch Lucas vielfach sehr alte Quellen benutzt hat. Nahezu allgemein anerkannt ist, daß das sogen. Evang. Joh., um die Mitte des 2. Jahrh. von einem Unbekannten versaßt, zwar das Wesen der Erscheinung I. Chr. u. den Geist des Christenthums tiefer noch als die apostolische Zeit erfaßt, aber die Geschichte u. die Reden Jesu gar nicht streng historisch dargestellt, sondern von dogmatischem Gesichtspunkt aus unter Anwendung der Philonischen Logoslehre auf deu geschichtlichen I. Chr. frei die synoptischen, vielleicht auch theilweise mündlichen Überlieferungen umgestaltet habe. Geburtsjahr u. Todesjahr I. Chr. sind zweifelhaft. Da nach der wahrscheinlich richtigeren Notiz im Ev. Matth. I. Chr. nicht erst zur Zeit der Schatzung des Quirinus, wie Luc. erzählt, sondern noch unter Herodes d. Gr. geboren ist, so fällt seine Geburt 4—6 Jahre vor die gewöhnliche christliche Zeitrechnung. Da ferner der Krieg des Herodes Antipas mit Aretas, in dessen Anfang Herodes die Feste Machärns, das Gesäng- niß Johannis des Täufers, sich zueignete, in einer Zeit (Sommer 36) beendigt wurde, welcher der Tod des Täufers nur 1—2 Jahre voraugegangen sein kann, so ist I. Chr. wahrscheinlich Ostern 35 gestorben (Keim). Die Kindheitsgeschichten Jesu Matth. 1. 2 u. Luc. 1. 2 sind sagenhaft, mit dem ganz unbe- deutenden gemeinsamen geschichtlichen Kern, daß I. Chr. den Davididen Joseph den Zimmermann u. die Maria zu Eltern hatte u. in Nazareth mit mehreren Geschwistern aufwuchs. Alles Andere ist apokryphische Sagenbildung, von den Erzählungen in den neutest. Apokryphen nur durch verhältniß- mäßig einfachere, idealere Gestaltung verschieden. Die Bethlehemsgeburt, von Matthäus aus dem ursprünglichen Wohnen der Eltern I. in dieser Stadt Davids erklärt, von Lucas künstlich durch dir 637 Jesus Christus. mißverstandene, unmöglich gleichzeitige Schatzung des Quirinus motivirt, ist aus der Weissagung Mich. 5, 1 erschlaffen. Die übernatürliche Em- pfängniß, welcher doch der Stammbaum I. Chr. bei Matth, u. Luc. selbst widerspricht, erklärt sich aus der Septuagintaübersetzung von Jes. 7, 14 (das hebr. Wort, das eine junge Frau bedeutet, mit Jungfrau, übersetzt), u. es wirkte auf diese Annahme in der unmittelbar nachapostolischen Zeit sicher auch ein der mit dem Effenismus zusammenhängende Abscheu vor der Ehe, die heidnische Vorstellung von Göttersöhnen, eine grübleri- sche, materialistrende Ausdeutung der Christusbezeichnung Gottes Sohn. Über Entwickelung«. Bildungsgang Jesu weiß man fast nichts, da die Erzählung Luc. 4, 41 ff. mit der übrigen Kindheitsgeschichte znsam- menhängt u. dadurch an ihrem unhistorischen Cha- rakter theilnimmt. Nur soviel ist allgemein anerkannt, daß I. Chr. seiner ursprünglich einzigartigen Persönlichkeit von Anfang die Hauptsache verdankt, u. keine anderen Bildungsquellen hatte, als welche ihm das jüdische Volksleben besonders nach seiner religiösen Seite, Menschenleben und Natur in ganz einfachen Verhältnissen boten. Erst mit dem öffentlichen Auftreten I. Ehr., wahrscheinlich im Frühjahr 34 ist einigermaßen sicherer Boden geschichtlicher Kenntniß seiner Erscheinung gegeben. Schwerlich länger als etwas über ein Jahr währte seine öffentliche Wirksamkeit. Die Synoptiker setzen einstimmig diese kurze Dauer seiner Thätigkeit voraus u. trotz der Johanneischen Ueberlieferung, die 2—3 Jahre annimmt, behauptete sich noch lange hartnäckig bei den ältesten Kirchenvätern diese synoptische Zeitrechnung. Jesus von Nazareth betheiligte sich an der durch Johannes den Täufer hervorgerufenen Volksbewegung. Als er im Jordan sich taufen ließ, wurde ihm ähnlich wie mehreren alttest. Propheten (z. B. Jesaia, Jeremia, Hesekiel) in einer Vision seine göttliche Berufung zum Messias gewiß. Schwerlich nahm Ser Täufer theil an dieser Erkenntniß der Bestimmung Jesu zum Messias, da ihn nach der historisch höchst glaubwürdigen Notiz Matth. 11, 2 erst später im Kerker die Wnnderthaten Jesu auf ihn aufmerksam machten und ihm die Frage nahelegten, ob nicht er eS sei „der da kommen sollte." Nach der Taufe soll sich Jesus einige Zeit in die Einsamkeit zurückgezogen haben, u. in diese Zeit verlegt die synoptische Überlieferung die Der- suchung durch den Satan, in welcher sich wahr u. tief, vielleicht auf Grund eines von Jesu seinen Jüngern erzählten Gesichts, das Ringen seines Geistes mit den falschen Messiasidealen seines Volkes darstellt. Jedensalls fällt nun das erste öffentliche Hervortreten I. nach Galiläa, u. zwar wählte er Kapernaum zum Mittelpunkt seines Wirkens u. zum Ausgangspunkt seiner b Predigtreisen (Matth. 4, 13—23. 8, 5. 9, 1—35. 13, 1. 17, 24). Anfangs benutzte er den Synagogengottes« bienst, um von dem Rechte jedes im männlichen Älter stehenden Israeliten Gebrauch zu machen u. an das Vorlesen von alttestamentlichen Stellen seine Predigt anznknüpfen. Bald aber nöthigte ihn der große Zulauf des Volkes, eben so sehr durch den Eindruck seines Wortes hervorgebracht, wie durch die im Gefolge desselben hervortretenden Heilungen Besessener u. anderer Kranker, auch sonst, wo sich Hörer sammelten, auf Straßen und Plätzen, am MeereSufer von einem Schiff aus, auch in der Wüste, vom Berge aus, wohin ihm die Menge in seine Einsamkeit folgte, zu reden. Die Form seiner Lehre hat man sich auf Grund der unzweifelhaft echten synoptischen Reden als die des hebräischen Llasodal, Lehrspruchs zu denken. Die sogen. Bergpredigt besteht ganz aus solchen Lehr- sprüchen, u. auch in seinen Gleichnissen schloß sich Jesus an die in seinem Volke beliebte u. herkömmliche, von Weisen u. Propheten (vgl. Jes. 5, 1 ff., 28, 28 ff.), wie von den Schriftgelehrten jener Zeit gepflegte Lehrweise an. Ihrem Inh al t nach bildet seine Lehre ein merkwürdig geschlossenes System von Begriffen, die ganz aus dem Geiste des hebräischen Volkes hervorgegangen doch eine ganz originelle Vertiefung u. Vergeistigung, eine durchgängige Ethisirung des Alttestamentlichen dar- bieten (Matth. 13, 52). Die Lehre Jesu will Predigt vom Himmelreich sein, und zwar vom gekommenen, weßhalb sie zum Selbstzeugniß Jesu von sich als dem Messias wird. Das Himmelreich, ein Wort aus Dan. 7, 13—18 ge- nommen, die von den Propheten vorausgesagte Theokratie in ihrer Vollendung, durch einen neuen Gottesbund zu einem alle Völker umfassenden Friedensreich erweitert, bringt die Seligkeit (Matth. 5, 3 ff.), die gegenüber den gewöhnlichen jüdischen Messiashoffnungen überwiegend mit Abstreifung des politisch-nationalen und Sinnlichen geistig-ethisch, als ein Innerliches, Jenseitiges, Zukünftiges aufgefaßt wird. Die Bedingung, unter welcher man allein Antheil am Himmelreich mit seiner Seligkeit erhält, ist die Gerechtigkeit. Im schärfsten Widerspruch gegen die herrschende pharisäische M^ral, deren rücksichtslose Kritik durch feine ganze Thätigkeit sich hindurchzieht, entwickelt Jesus die Grundzüge der christlichen Moral als der besseren Gerechtigkeit (Matth. 5, 20). Die Grundfordernngen sind Vertrauen u. Liebe zu Gott als dem Vater („mein Vater — euer Vater") u. verzeihende, unterschiedslose Menschenliebe, in der apostolischen Zeit schon als das neue Gebot Jesu bezeichnet.' Sofern Jesus selbst nun diese Gerechtigkeit und die darin begründete Seligkeit ursprünglich u. urkräftig hat u. auf dem Wege mittheilt, auf welchem persönliches Leben von dem Einen znm Ändern übergeht, behauptet er, der Christus zu sein, in dem u. durch den das Himmelreich da ist. Weil diese Vergeistigung des Messiasbegriffs den Gesichtskreis der von den Pharisäern beherrschten Masse seines Volks überstieg, verhüllte Jesus seinen Anspruch, der Messias zu sein, anfänglich hinter den aus Dan. 7, 13 entlehnten Ausdruck Mensch ensohn, der tief u. fein zugleich den Widerspruch feiner Erscheinung u. seines Anspruchs u. doch wieder die Wahrheit seines Anspruchs trotz seiner Erscheinung andeutete. Daß er trotz seine: äußeren Unscheinbarkeit als Messias auch der Gottessohn sei, wie aus Grund von 2. Sam. 7,14, Ps. 2, 7 die theokratischen Könige aus Davids Haus sich nannten, was aber zur Zeit Jesu wie „Davidssohn" der solenne Name im Volk für denMesflaS war, verdeckte Jesus anfangs durch die Bezeich- 638 Jesus Christus. nung für Gott „mein Vater," die in seinem Munde nach Matth. 11, 27 nur Bezeichnung seines neuen, eigenthllmlichen religiösen Verhältnisses zu Gott war, in welches er auch seine Gläubigen versetzen will. Der Name „eigener" Sohn Gottes bei Paulus, „eingeborner" d. h. einziger bei Johannes gehört schon der Speculation über das metaphsische Wesen Jesu Christi an. — Nach der damals ganz allgemeinen jüdischen wie heidnischen Volksvorstellung gehörten zur Legiti- miruug eines so hohen Anspruchs wie des auf die Messiaswiirde Wunder. Jesus selbst scheint geschichtlich zu den Wundern, die bald nach seinem Auftreten der Volksglaube ihm zuschrieb u. welche die pharisäische Partei zuletzt ausdrücklich von ihm forderte, eine abwehrende Stellung eingenommen zu haben. Er verbietet, seine Wunder auszubreiten; sein Wort: Dein Glaube hat Dir geholfen, lautet wie eine Andeutung, daß er selbst seiner Person die Wuuderkraft nicht zuschrieb; die zeichen- fordernden Pharisäer verwies er auf das Jonas- Zeichen seiner Predigt u. aus die Zeichen der Zeit. Immerhin mag er selbst den Wunderglauben seiner Zeit getheilt haben, u. Wunder, wie sie überall sich eiustellen, wo man Wunder glaubt, ließ er wol als solche gelten, ja schöpfte aus ihnen selbst neue Zuversicht zu seiner Sendung. Jedenfalls sind die vielen mit der zeitlichen Entfernung in den Evangelien sich steigernden Wnudercrzählungen (am meisten im Cv. Joh.) großenthcils Product der späteren sowol juden-als heidenchristlichenGemeinde, da Wunder zum Erweis der Messianität Jesus unentbehrlich schienen n. man annahm, er könne darin nicht gegen die großen Männer des A. Bundes zurückstehen, weshalb manche Wundererzählung augenscheinlich den alttest. Wundern ganz ähnliche Züge enthält. Übrigens hat zwar das 4. Ev. zum Theil hoch gesteigerte Wnnde>'geschichten als Thatsachcn ausgenommen, aber doch sie nur als Veranschaulichung der geistigen Bedeutung I. Ehr/ verwerthet, u. in manchen Aussprüchen, die Jesu in den Mund gelegt werden, den Wunderglauben als geringere Stuse des Glaubens behandelt (Joh. 4, 48. 14, 11). Die Wunderlegende, die sich um den geschichtlichen Kern der Erscheinung Jesus her- umwob, ist nur der unbehilfliche, massive Ausdruck der Zeit für den gewaltigen Eindruck seiner Persönlichkeit gleich vom ersten Auftreten an in kaum mehr als einjähriger Wirksamkeit. Wie eigenartig u. großartig diese Persönlichkeit war, läßt sich mehr noch aus dem ächten Kern seiner Lehre als aus den wenigen noch erhaltenen geschichtlichen Zügen erkennen. Es ist in Jesus eine kaum so ähnlich sich findende Vereinigung sonst überall getrennter Seiten des menschlichen Charakters, einerseits ein Ernst der religiösen Vertiefung, eine heroische Thatkraft, eine unbedingte Hingebung an Einen höchsten Lebenszweck, wie nur in irgend einem alttest. Propheten, anderseits die auch von Strauß bemerkte hellenische Heiterkeit, der ungetrübte Friede eines kindlich gottinnigen Gemüths, ein wunderbar feiner und zarter Blick für alles Schöne in der Natur, für alle einfach edlen Züge in der Menschenwelt, eine fast weibliche Zartheit, Milde, Weichheit Liebe, Hingebung, u. dann wieder die höchste Besonnenheit, Geistesgegenwart, Klarheit, Überlegtheit, in der er jeden Schritt mit dem vollsten Bewußtsein seiner Bedeutung thut. Nach etwa einjährigem Wirken in Galiläa, wobei sich Jesus grundsätzlich auf die verlorenen Schafe vom Hause Israel beschränkte u. erst allmählich gegen das Ende beim Mißerfolg seiner Thätigkeit die Ausdehnung seines Werks auf die Heideuwelt ins Auge faßte, hatte er 120—sog entschiedene Anhäng er um sich gesammelt (Apostel- gesch. 1, 15, 1. Cor. 15, 6), unter welchen er nach der Zahl der israelitischen Stämme 12 auszeich. nete u. beständig in seiner nächsten Umgebung behielt; die Theilnahme des Volks, anfangs voll Be- geisternng, erkaltete allmählich, ja schlug durch die Umtriebe der feindseligen Pharisäerpartei in Widerwillen um, sodaß ein ungefähres Merkmal für die Zeit der einzelnen erhaltenen Rede« stücke die Rücksicht auf die darin vorausgesetzte Stimmung des Volkes ist. Die scharfe Kritik, welche Jesus gegen die pharisäische Moral übte, reizte diese Partei, die daun auch den Argwohn des Vierfllrslen Herodes Antipas gegen ihn erregte. So findet sich Jesus zuletzt auf Fluchtwegen außerhalb Galiläas, nach der Dekapolis, nach Phöni- kien, bei Cäsarea Philipp!; dort kommt ihm aus dem Munde des Petrus das volle Bekenntniß des Glaubens an seine Messianität entgegen, u. nun begiebt er sich nach Jerusalem, um die Entscheidung durch rückhaltloses Auftreten als Messias her- heizuführen. Der feierliche Einzug in Jerusalem, die eidliche Versicherung, daß er Christus sei, vor den Hohenpriestern waren seine letzten unzweideutigen Erklärungen in dieser Hinsicht. Sein Kreuzestod wurde herbeigcführt durch das Bündniß der hohenpriesterlicheu Sadducäerpartei, die jeder nies- sianischen Bewegung abhold war, und mit diesem Messias auch die Messiasgedanken der Pharisäer treffen wollte, eben mit den Pharisäern, die den verhaßten Reformator u. Tadler ihrer Moral zu beseitigen wünschten. Die in den Evangelien erzählte Leidensgeschichte ist wol in ihren meisten Zügen historisch, da die Erinnerung daran durch das an die letzte Passahfeier Jesu sich anschließende h. Abendmahl sich fortpflanzen mußte (1. Cor. 11, 23). l Was nun westrr 1. Cor. 15, 1 ff., u. in den Schlußcapiteln der 4 Evangelien von der Anserstehung und Himmelfahrt Jesu erzählt wird, gehört schon der beginnenden Verherrlichung Jesu im Bewußtsein seiner Gemeinde an. Bald nach dem Tode Jesu (3 Tage) begegnet man dem unerschütterlichen Glauben seiner Jünger, daß der Gekreuzigte u. Begrabene „aus den Todten" auferstanden sei. Unter allen Erklärungsversuchen dieses Glaubens dürfte am meisten für sich haben die sog. Visionshypothese, welche als Wirkung des gewaltigen persönlichen Eindrucks Jesu unter der Spannung während u. nach der Kreuziguugskata- strophe ein visionäres Schauen der verklärten Persönlichkeit Jesu zuerst von Seiten des Petrus, dann auch Anderer annimmt, entsprechend den alt- testameutlichen Gesichten, von krankhaften Visionen verschieden durch die Bedeutung des Inhalts und den Anlaß in reinster religiöser Erregung (vergl. Holsten, Zum Ev. des Paulus n. Petrus, Rost. 1868). Die Analogie mit den psychologischen Er- 639 Jesus Christus. scheinungen, welche von jeher der israelitische religiöse Geist aufweist, noch mehr mit der von Pan- lus 1. Cor. 15 berichteten eigenen Vision des Auferstandenen sowie den späteren (2. Cor. 12), das baldige Anfhören dieser Visionen, die nur der Zustand höchster Erregung herbeiführte, spricht für diese Ansicht. Die Anferstehungsberichte der 4 Evangelien, deren Nichtübereinstimmung schon Lessing erkannte u. Stranß bis zu völliger Evidenz erwies, sind spätere, die Erscheinungen des Auferstandenen schon stark materialisirende Bildungen. Das Erhobenwerden Jesu in den Himmel, „aus Gottes Thron, zur Rechten Gottes", anknüpfend an Ps. 110, denkt sich Paulus, die älteste Christenheit, das Ev. Matthäi u. Joh. als unmittelbare Folge der Auferstehung. Erst die spätere, mit der Ansicht des Paulus (1. Cor. 15) gänzlich unvereinbare Sage machte daraus eine besondere, abschließende Erscheinung, die derselbe Berichterstatter im Widerspruch mit sich selbst Luc. 24, 50 auf den Auferstehnngstag, Apostelgesch. 1, 1 fs., ans den 40. Tag nach der Auferstehung verlegt. Jesus selbst hat, wie fast allgemein, auch von orthodoxen Exegeten angenommen wird, seine Auferstehung nicht vorausgesagt, wol aber bei der klaren Vorauserkenntniß der Katastrophe, die sein ganzes Werk in Frage stellte, seine Wiederkunft (7r«x>oi-- ma) in den Wolken zum Weltgericht u. zur Vollendung seines Reichs auf Grund von Dan. 7, 13. Diese Voraussage combinirte die Urgemeinde so mit seiner Auferstehung, daß sie die Wiederkunft des Auferstandenen u. in den Himmel Erhobenen u. zwar ganz in zeitlicher Nähe erwartete, welche Hoffnung Paulus oft genug unzweideutig ausspricht. Das Mchteintreten dieser Erwartung in äußerer Wirklichkeit bewirkte allerlei Zusätze zu den Wiederkunftsreden, Umgestaltungen u. Umdeutungen derselben, bis endlich das Ev. Joh. im 2. Jahrh. den geistigen Kern dieser Vorstellungen zur Geltung brachte, indem es die Wiederkunft Christi auf die Immanenz der belebenden u. richtenden Wirkungen seines Geistes in Welt u. Gemeinde bezog. Wie die Kindheitsgeschichte Jesu, wie die Wundererzählungen, so enthält auch der Glaube an Jesu Auferstehung, Himmelfahrt, Wiederkunft in der Hülle von Zeitvorstellungen als bleibend wahres Moment die Ahnung von der weltgeschichtlichen Bedeutung der Persönlichkeit I. Chr. u. der von ihm gestifteten Religion, u. nur die ungeheure Anspannung aller Kräfte, welche diese Vorstellungen der ältesten Christenheit verliehen, machte den Sieg des Christenthums über die älteren Religionen möglich. Die „Höllenfahrt" Jesu Christi ist aus der dunkeln, bis jetzt noch nicht befriedigend erklärten Stelle 1. Petr. 3, 19 seit dem 7. Jahrh. in das apostolische Glaubensbekenntnis übergegangen; u. wird von jeder Confession anders erklärt, von der katholischen als Hingehen ins Fegfeuer (ähnlich von neueren Lutheranern), von den Lutheranern als Siegeszug in die Hölle der Verdammten, von den Resormirten als Ausdruck für Christi Leiden. Aus der überaus reichen Literatur über das bisher Besprochene find folgende Schriften als die bedeutendsten hervorzuheben: Paulus, Das Leben Jesu als Grundlage einer reinen Geschichte des Urchristenthums, Heidelb. 1828; Hase, Das Leben Jesu, Leipz. 1829; Geschichte Jesu, Leipz. 1875; Strauß, Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet, Tüb. 1835—36, 4. Aust. 1840; für das deutsche Volk bearbeitet, Lpz. 1864, 3. Ausl. 1875; Weiße, Die evang. Geschichte, kritisch u. philosophisch bearbeitet, Lpz. 1838; Gfrörer, Geschichte des Urchristenthums, Stnttg. 1838; Neander, Leben Jesu, Hamb. 1837; 5. Ausl. 1852; J.P. Lange, Leben Jesu, Heidelb. 1844—47; Renan, Vis cls üssns, Par. 1863, 13. Aust. 1867; deutsch, 3. Ausl., Lpz. 1870; Schenkel, Charakterbild Jesu, Wiesbad. 1864, 4. Aust. 1873; Pressense, Üssns-Lirrist, son tsmxo, oa vis, son osnvrs, 3. Aust., Paris 1866; deutsch, Halle 1866; Ewald, Geschichte Christus', Gött. 1855, 3. Aust. 1867; Weizsäcker, Untersuchungen über die ev. Geschichte, ihre Quellen und den Gang ihrer Entwickelung, Gotha 1864; Krüger-Velthusen, Das Leben Jesu, Elberf. 1872; Schleiermacher, Leben Jesu, von Rütenik herausg., Berl. 1864; Keim, Geschichte Jesu von Nazara, Zürich 1867—72; 3 Bde., kürzere Bearbeitung, 2. Aust. 1875; Holtz- mann in dem mit Weber bearbeiteten Werk: Geschichte des Volkes Israel und der Entstehung des Christenthums, Lpz. 1867; Hausrath, Neutestam. Zeitgeschichte, Heidelb. 1868, 2. Aust. 1873; Wit- tichen, Das Leben Jesu nach urkundlicher Darstellung, Jena 1876; Lommel, Jesus von Nazareth, histor. Studie, 6. Aust., Nürnb. 1876. Dogmengeschichtliche Entwickelung der Lehre von der Person I. Chr. (Christologie) und von seinem Werke. Die Christologie. 1) Die Keime derselben innerhalb des nentestamentlichenKanon. Frühe schon mußte sich in der christl. Gemeinde das Nachdenken dem Geheimnis) der Persönlichkeit I. Chr. infolge des wunderbaren Eindrucks, den sie hinterlassen hatte, zuwenden. Die älteste, namentlich jn- denchristliche, Ansicht, die noch überall in den Synoptikern durchblickt, ist die, daß I. Chr. eine rein menschliche Persönlichkeit war, in der Taufe mit dem hl. Geiste zum Christus gesalbt, in der Auferstehung zum Throngenossen Gottes erhöht. Bei Paulus schreitet die Christologie schon zu einer wesentlich höheren Stufe fort. I. Chr. ist der „Mensch vom Himmel" (1. Cor. 15, 47) gegenüber von Adam, der wie die von ihm stammende Menschheit, von der Erde ist; als solcher ist I. Chr. das Organ der Weltschöpfung (1. Cor. 8, 6), und im Verhältniß zur Menschheit das der lebendigmachende Geist, nach welcher Seite seines Wesens (Röm. 1 , 4, auch Geist der Heiljgkcit, genannt) er als Sohn Gottes in der Auferstehung hingestellt ward, während er dem Fleische nach ein Sohn Davids ist. Eine noch höhere Stufe der Entwickelung der Christologie durch die Mittelglieder des Hebräerbriefes u. der späteren pau- linischen Briefe hindurch stellt sich in den sogen. Johanneischen Schriften (Evangelium und Briefe) dar. Hier ist der Philonische Logosbe- grifs in die engste Verbindung mit dem geschichtlichen I. Chr. gebracht. Dieser ist der fleischgewordene Logos, womit hier ebenso über die ältere synoptische, später ebionitische Ansicht (s. u.) wie über den DoketismuS der Gnostiker hinausgeschritten ist. 640 Jesus Christus. 2) Die Christologie von ungefähr 200 bis 451, Synod e von Chalkedon, Zeit der Entstehung des kirchlichen Dogmas von der Person I. Chr. Die ursprünglich judenchristliche Ansicht pflanzte sich fort im Ebionitis- mus, dem I. Chr. bloßer (zl-e-tär) Mensch ist, mit dem Christusgeist begabt, nach den gleichfalls ebionitischen Nazaräern vom hl. Geist empfangen. Noch in den christologischen Streitigkeiten des 3. Jahrh. wirkt diese Ansicht nach beiden eb io n irischen Monarchianern (M., solche, welche in der Christologie die Einheit Gottes wahren wollen) Theodot u. Artemon, Beryll von Bostra u. Paul von Samosata, welchen allen I. Chr. eine wesentlich menschliche Persönlichkeit ist, dem letzten übrigens unter der Einwirkung des Logos stehend. Dagegen bildete nun die Logoslehre der Johanne- ischen Schriften den Ausgangspunkt für eine Höhere Christologie, bei deren Ausbildung das treibende religiöse Interesse in dem Streben zu suchen ist, das Bewußtsein der Christenheit, daß sie die absolute Religion habe, zum Ausdruck zu bringen. Während die Gnosis den Logos als Emanation aus Gott dachte u. auch die älteren Kirchenlehrer Justin, Tatian, Theophilus, Tertullian unbefangen sich emanatistischer Ausdrücke bedienten, wurde von den Alexandrinern Clemens und Ori- genes schon der Logos als gleichewig vom Vater unterschieden. Dagegen ebenso drang man dem Doketismus der Gnostiker gegenüber, wie schon Johannes, auf die wahre Menschheit I. Chr. Hatten Clemens u. Oriqcnes noch den Logos dem Vater untergeordnet (Subordinationismus), so drangen die patripassianischen Mon- archianer Praxeas, Noet, Sabellius so sehr auf die Identität zwischen Vater und Sohn, daß der Unterschied verschwand, wogegen nun die Arianer und in abgeschwächten Ausdrücken die Semiarianer so sehr den Unterschied u. dabei die Subordination festhielten, daß ihnen der vorweltliche Logos nur ein vor der Welt, aber in der Zeit, mit einem Anfang durch Gottes Willen hervorgebrachtes Geschöpf ist. Dem Arianismus gegenüber stellten die Synoden von Nicäa (325) und von Constautinopel (381) ebenso den Unterschied wie die völlige Gleichheit der Person des Vaters u. des Sohnes fest, so daß, da die letztere Synode auch vom hl. Geiste dasselbe aussagte, die kirchlich festgestellte Lehrformel nun lautete: drei göttliche Personen in Einem göttlichen Wesen. In den Lehrstreitigkeiten des 5. Jahrh. wurde nun auch das Verhältniß des Göttlichen u. Menschlichen in der Person I. Chr. näher bestimmt. Obwol schon Tertullian und Origenes eine menschliche Seele I. annahmen, setzte doch noch Athanasius die Menschwerdung des Logos nur in die Annahme des Fleisches. Diese Unklarheit wurde beseitigt durch den Anstoß, den die Behauptung des Apollinaris dazu gab, daß der Logos in der 3 getheilten menschlichen Persönlichkeit (Geist, Seele u. Leib) die Stelle des Geistes einnehme. Die beiden Gregore suchten die Vollständigkeit der menschlichen Persönlichkeit Jesu zu wahren, machten dann aber doch das Göttliche so sehr zum Überwiegenden u. Substantiellen, daß das Menschliche in nahezu doketischer Weise znm bloß Acci. dentiellen herabgesetzt wurde. Das führte nun einerseits zu jener Scheidung des Göttliche» und ! Menschlichen in I. Chr. bei den Äntiochenern I Diodor von Tharsus, Theodor von Mopsveste I zuletzt bei Nestorius, wobei die Einheit nur als 1 die moralische zweier Persönlichkeiten angesehen I wurde, aber auch zur monophysitischen Ansicht des Cyrill von Alexandrien u. des Eutyches, wobei die Wahrheit der menschlichen Natur ver- " loren ging. Die Synoden von Ephesus 4SI u. von Chalkedon 451 wiesen beide Extreme ab u. stellten die Formel auf: „zwei Naturen, göttlichen. menschliche, in Einer Pers on", stellten aber damit nur ein ungelöstes und von den zn Grunde liegenden metaphysischen Voraussetzungen aus nimmer zu lösendes Problem auf. 3) Die weitere Bearbeitung des christa- logischen Dogmas auf Grund des Chalce- Lonense 451 bis Mitte des 17. Jahrh. zeigt in der Hauptsache den Gang, daß die verschiedenen in der kirchlichen Lehrformel nur äußerlich vereinigten Widersprüche bei jedem Versuche, sie innerlich anszugleichen, nur desto greller hervortraten und auf die Nothwendigkeit Hinweisen, die Lehre von Christus auf ganz anderem Grunde aufzubauen, a) 451—750. Im Monophysi- tismus behauptete sich die zu Chalkedon unterlegene Partei, doch so, daß auch von der Annahme Einer Natur aus im Streit der Severi- aner u. Jnlianisten (Phthartolatren u. Aphthar- todoketen) über Vergänglichkeit u. Unvergänglichkeit des Leibes Chr., im Streit der Ktistolatren und Aktisteten über die Kreatürlichkeit desselben, endlich im Streit der Agnoeten und Nichtagno'Aen über Wissen u. Nichtwissen Chr. stets wieder die Zweiheit zum Vorschein kam, während dem entgegengesetzt in dem von den Orthodoxen angeregten monotheletischen Streit über Einheit oder Zweiheit des Willens in Chr. auch der dyophy- sitischen Seite die Einheit sich aufdrängte. Obgleich nun der Monotheletismus auf der 6. ökumenischen Synode zu Constautinopel 680 durch den Einfluß des röm. Bischofs Agatho verdammt wurde, behielt er der Sache nach Recht, da Jo- ^ Hannes Damascenus die kirchliche Lehre so formulirte, das Verhältniß der menschlichen Natur znr göttlichen sei das der Enypostasie oder Any- postasie, d. h. die menschliche Natur sei für sich keine Hypostase, doch darum nicht ohne Hypostase, da sie in der Hypostase des Logos existirt. b) Die mittelalterliche Christologie von Johannes Damascenus bis zur Reformation. Die adoptiauische Behauptung der Bischöfe Elipandus von Toledo u. Felix von Urgellä, daß Chr. nach seiner menschlichen Natur nur Adoptiv- ^ sohn Gottes sei, brachte zwar die Zweinaturen- lehre des Chalcedonense nur ans den richtigen Ausdruck, wurde aber dennoch auf der Synode ! von Frankfurt 734 verdammt. Die Scholastik ^ bewegte die von Petrus Lombardus aufgeworfene, von Thomas Aquinas ernstlich untersuchte Frage, ob man sagen könne, daß Gott als Mensch etwas geworden sei. Die Ansicht, Gott sei als Mensch eigentlich nicht etwas erst geworden (Nihilismus) .wird auf der Synode zu Tours 1163 641 Jesus t u. auf der Lateranensischen 1179 verdammt. Die Entscheidung des Thomas läuft aber, indem er sagt, die Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur habe letztere am Personwerden verhindert, auf Zerstörung der Integrität Vermenschlichen Natur hinaus, o) Reformation bis ungefähr 1750. Der Schwenkfeldische u. Osiandristische Streit, noch mehr der Ubi- quitätsstreit führten auch in der Reformation bei aller Anerkennung des Chalcedonense zur Erörterung der christologischen Frage. Die Lutherische Behauptung von der Ubiquität (Allgegen- wart) des Leibes Christi zur Begründung seiner Gegenwart im Abendmahl führte zu der schon von der Concordieuformel anfgestelltcn, von den Dogmatikern des17. Jahrh. noch weiter ansgeführteu Lehre von der oommunioatio iäiomatnm (Gemeinschaft der beiden Naturen Christi und ihrcr Eigenschasten), einer systematischen Classificirnng der verschiedcnen Arten von gegenseitiger Mittheilnng einerseits zwischen der Person u. den beiden Naturen, anderseits zwischen den Naturen unter sich, wobei nur die (neuerdings von den sog. Kenotikcrn aufgegriffene) Möglichkeit ausgeschlossen wurde, daß die göttliche Natur sich an die menschliche anfgebe (^s- nns iäiowatioum, die Eigenschaften jeder der beiden Naturen vom Concrctum der Person Christi ausgesagt, apotoissmatüoum, auch s. v. a. iäio- xoiosis, die Erlösnngsthätigkeiten der ganzen Person Christi nur auf eine Natur od. ihr Concretum übergetragen, anestsmabioum' der menschlichen Natur göttliche Eigenschaften beigelegt). Wenn die Lutherische Lehre infolge davon als Lmbject der Präexistenz den Gottmenschen denkt, und nicht den Logos, sondern die Menschheit Chr. bei seincr Empsängniß u. Geburt in die Erniedrigung ein- gehen, die letztere der ersteren vorangehen läßt, so liegt das nahe Austreifen an den Monophysit- ismus u. Doketismus klar vor Augen. Im Gegensatz hierzu kommt die reformirte Christologie dem Nestorianismus bedenklich nahe schon in Zwinglis Allöose, derBehanptung, daß dieJdent- ificirnng beider Naturen Chr. in der Bibel nur eine figürliche, nominelle sei, überhaupt in dem reform- irten christologischen Kanon: „künitum non oapax esb intiniti" (das Endliche faßt nicht das Unendliche), wornach der Logos allein für sich präexistirt n. seine Fleischwerdung seine Erniedrigung ist, ohne daß er doch darum außer dem Fleische Christi in gottgleicher Daseinsform zu existiren aufhörte. Wenn dann vollends im 17. Jahrh. unter den lutherischen Theologen die Gießeuer dafür stritten, daß Chr. im Stande der Erniedrigung sich seiner- göttlichen Eigenschaften entäußert habe (Kenotiker), während die Tübinger behaupteten, er habe dieselben nur verborgen (Kryptiker), so kommt hier volleuds zu Tage, wie bei dieser ganz scholastischen Behandlung der Lehre nimmermehr ein reelles, lebensvolles Verständniß der Erscheinung Chr. sich gewinnen läßt. 4) Neubegründung der Christologie seit dem Auftreten des Rationalismus um 1750. Schon die Socinianer u. Armi- nianer, von denen die ersten mit aller Entschiedenheit das Substantielle der Persönlichkeit I. Chr. in seine Menschheit setzten, bahnten die PiererS Umversal-Conversations-Leriton. 8. Aufl. X. ! rationalistische Christologie an, für welche Chr. wesentlich Mensch, seine Bedeutung eine rein moralische ist und er nur durch die edelste sittliche Würde n. die höchste Vernünftigkeit über die übrige Menschheit hervorragt. Freilich ließ sich diese Einzigkeit Chr. schwer begründen; die Vorstellung von Chr. war eine ebionitische, und wurde der weltgeschichtlicheu Größe desselben nicht gerecht. Erst mit Kant schritt die Christologie über die Stnfe solcher platt moralisirenden Auffassung hinaus, und zwar von Kant selbst ausgehend in doppelter Richtung. Die Schellingsche und Hegelsche speculative Christologie sieht in I. Chr. diejenige menschliche Persönlichkeit, in welcher die an sich seiende Einheit zwischen Gott u. Mensch, sofern Gott im Menschen zum endlichen Geiste wird, zum Fürsichseiu gekommen, Gegenstand menschlichenBewußtseins geworden ist. Den Traum, daß damit der wahre Sinn der kirchl. Christologie erneuert sei, zerstörte Strauß gründlich und für immer. Um so mehr ist die andere von Kant ausgehende christologische Richtung, die religionsphilosophische, im Stande, zu einer befriedigenden Lehre von J. Chr. zu führen. Zwar haben Baur u. Strauß gegen den Hauptvertretcr dicser Richtung, Schleiermacher, mit Recht geltend gemacht, daß das Urbildliche nie in Einer menschlichen Persönlichkeit schlechthin geschichtlich werden könne. Aber dennoch ist hier der allein zum Ziele führende Weg angebahnt. Es gilt, psychologisch u. geschichtlich das Wesen der Religion überhaupt u. der christlichen Religion zu erforschen. Mag dann auch der historischen Persönlichkeit I. Chr. vom abstract-philosophischen Standpunkt aus Uusündlichkeit, Einzigkeit, Urbild- lichkcit abgesprochen werden, es genügt, wenn die streng historische Untersuchung des geschichtlichen Kernes der Erscheinung Chr. den Nachweis liefert, daß im Geiste Chr. von Nazareth zuerst jene Religion aufgegangen ist, die dem Begriff der Religion am meisten entspricht, daß er, sie wirksam geltend zu machen und fort und fort in der Menschheit zu beleben, die allein zureichende Persönlichkeit war und ist. Unter den neueren Dogmatikern ist diese Ansicht in classischer Weise von Alexander Schweizer entwickelt (Die christliche Glaubenslehre, Leipz. 1863—72), mit ähnlichem Grundgedanken von Biedermann (Christliche Dogmatik, Zürich 1868) und Lipsius (Lehrbuch der protestantischen Dogmatik, Braunschw. 1876). Dagegen von den Versuchen, das alte Dogma zu erneuern, wie dem von Dorner, gilt(Baur), daß „das Dogma hier am Ende seines laugen Weges auf demselben Punkte ungelöster Aufgabe steht, wie an seinem Anfänge", und von den neueren Kenotikern Thomasius, Liebner, Geß läßt sich mit Recht sagen (Baur), daß „in der That die deutsche Theologie sich hier, in der Lehre von der Logosentäußerung in einem Zustande der Selbstentäußerung befindet, in welchem sie des logischen Denkens vollends ganz sich begeben zu wollen scheint." Die bedeutendsten Werke über Geschichte der Christologie sind: Baur, Die christliche Lehre von der Dreieinigkeit u. Menschwerdung Gottes in ihrer geschichtlichen Entwickelung, Tüb. 1841—43; Dor- Land. 642 Jesus-Christus-Orden — Jeziden. ner, Entwickelungsgeschichte der Lehre von der Person Christi von den ältesten Zeiten bis auf die neueste, Stuttgart 1839, 2. Allst. 1853—1857. Lehre vom Werke Christi. S. Erlösung, Genugthnng, Heil. Hauptwerke: Bähr, Die Lehre der Kirche von dem Tod Jesu, Sulzb. 1832; Baur, Die christl. Lehre von der Versöhnung in ihrer geschichtlichen Entwickelung, Tübing. 1838; Ritschl, Die christliche Lehre von der Rechtfertigung u. Versöhnung, 3 Bde., Bonn 1870—73. Jeslls-Christus-Ordcn, 1) früher spanischer Orden; 2) s. Christus-Orden. Jcsushand, ist dxmvaäsuia oonopssa. Jet (Jätet), so v. w. Gagat. Je-to oder Ue-to (nicht Dschetta!), die fünf Grundstoffe (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser), sofern sie gedoppelt einen lOtheiligen Zeitkreis der Japaner bilden. Jeton (fr.), 1) Denkmünzen, besonders bei Feierlichkeiten ausgeworfen; 2) Rechenpfennig; 3) Spielmarken; leton äs xrsssnss, Anwesenheitsmarke, gegen welche später eine bestimmte Gebühr vergütet wird; oft bildlicher Ausdruck. Isttatura (ital.), so v. w. böser Blick. lou (fr.), Spiel. Mehrzahl äsnx, so äsux ä'ssxrib (fr., Gesellschaftsspiele, bei denen irgend eine geistige Kraft, z. B. Errathen rc., in Anspruch genommen wird, äsux üoraux (Blumeuspiele), poetische Wettkämpfe, die jährlich in Toulouse gefeiert u. bei welchen für Gedichte u. prosaische Aufsätze Preise (goldene u. silberne Blumen) vertheilt wurden; schon 1324 von sieben Bürgern von Toulouse (8spb Droduäsrs äs lolosa, seit 1325 die Gesellschaft Osnsistorl äs 1a §az-a oienoia gestiftet, wurden die Schiedsrichter 1694 zu einem Collegium u. die Gesellschaft zur L.oaäsmis äss jsux Loraux erhoben. Durch die Revolution unterbrochen, begannen sie 1806 wieder. ksunosoo äoräs (Goldjugend), war seither der Parteiname, mit welchem man die Jugend der besseren Pariser Stände bezeichnte, die nach dem 9. Thermidor sich zum Vorkämpfer der Contre- revolution gegen das Treiben der Terroristen aufwarf (S. Frankreich. Gesch. VIII L.). Neuerdings hat A. Schmidt in den Pariser Zuständen von 1789—1800, 1 Thl., Jena 1874, treffend nachgewiesen, daß jener Parteiname erst mehrere Jahre später, wahrscheinlich durch Pages in seiner romanhaften Geheimen Geschichte der französischen Revolution entstand, dem nachher Mignet, Thiers u. And. nachschrieben. Die gebräuchlichsten Bezeichnungen der Zeitgenossen für jene unter Frerons Führung stehende Partei waren vielmehr äsunssss äs karis, äsrmssss §rsronuisrs oder Uuseaäius. A. Duncker. Jever, 1) Herrschaft I. (das alte Jeverland), die Stadt u. das Amt I. mit Ausschluß der ehemaligen Herrschaft Kniphansen umfassend, aus den LandschaftenLstringen, Rüstringen u. Wangerlanv bestehend. Alle drei, früher unter eigenen Häuptlingen, wurden 1359 in der Familie Edo Wym- ken, aus dem Geschlecht Papinga, vereinigt. 1532 nahm die Erbtochter Maria die Herrschaft vom Kaiser Karl V. als dem Herzog von Brabant u. Burgund in Lehn, u. I. wurde 1548 dem Bur- gundischen Kreise zugetheilt. Von ihr erbte Johann LVI. von Oldenburg 1573 die Herrschaft, die dann dessen Sohn Anton Günther 1667 sei- nem Neffen, dem Fürsten Johann III. von Anhalt- Zerbst, vermachte, während Oldenburg an Dänemark fiel. Als 1793 das Haus Anhalt-Zerbst ausstarb, fiel I. als Kunkellehn an dessen Schwester, die Kaiserin Katharina II. von Rußland, als einzige Prinzessin von Zerbst, welches dadurch deutsche Reichsstandschaft erhielt. Alexander I. trat im Tilsiter Frieden 1807 I. an das Königreich Holland ab, u. Napoleon verleibte es 1810 nebst Oldenburg dem französischen Kaiserreiche ein; 1813 nahm es Rußland wieder, überließ aber die Verwaltung 1814 an Oldenburg u. cedirte es 1818 vollständig an den Herzog von Oldenburg, welcher 1823 Besitz davon ergriff. Vgl. Vornsand, Abriß der Ge- schichte Jeverlands, Oldenb. 1875. 2) Stadt im oldenburg. Obergerichtsbez. Varel, Hauptort der ehemaligen gleichuam. Herrschaft, auf einer Geesthöhe am Rande der Marsch u. am Sieltief, einem schiffbaren Kanal, der zu dem Dorf Hooksiel (s. d.) am Jadebuseu führt, welches den Seehasen von I. bildet, Station der Oldenburg. Eisenbahn; an Stelle der ehemaligen Festungswerke von freundlichen Anlagen umgeben; altes Schloß, 2 Kirchen, Synagoge, Krankenhaus, Gymnasium, Leder- u. Tabaksfabriken, Bierbrauerei, bedeutender Handel, namentlich Getreide« u. Viehhandel, besuchteMarkte; 1875: 4054 Ew. I., einer der ältesten Stammsitze des friesischen Volkes, angeblich schon im S. Jahrh. vorhanden, ist Geburtsort des Geschichtschreibers Schlosser, welchem an seinem lOOjahr. Geburtstage 1877 daselbst ein Denkmal errichtet wurde. H- Berns. Jewdokimow (Ewdokimow), Graf Nikolai Iwanow it sch, russ. General, geb. um 1800, trat früh schon in die Armee, machte, 1829 bereits Major, den türkischen Feldzug, dann verschiedene Kaukasus-Expeditionen mit und wurde 1856 General- lieutenant u. der neuen Kaukasus» Expedition des Fürsten Barjatinskij zugetheilt, u. zwar mit dem Auftrag, die Operationen gegen Schamyl zu leiten, siegte 1858 am Aul Ismail, nahm April 1859 Weden, die Hauptfestuug SchamylS, und wurde dafür in den Grafenstand erhoben u. zum Generaladjutanten des Zaren ernannt. 1861 wieder gegen die Tscherkessenstämme u. zwar gegen die des westlichen Kaukasus gesendet, nahm er nach 3jährigem Kampfe mit ihnen die Feste Wardan 28. April 1864 u. damit ihre letzte Stütze. 1870 trat er, seit 1864 General der Infanterie, in den Ruhestand. Lagai. eypore, s. Dschaipur. ezdcgerd (Desdegerd, Jsdegerd), Name von 3 Königen aus der Saffaniden-Dynastie in Persien. I. I. (399—420 n. Ehr.); I. II. (440—457 n. Chr.); I. III. (632—641); unter diesem wurde die Dynastie von den Arabern gestürzt, s. Persien (Gesch.). Jezid, Khalifen ans dem Geschlechts der Omajjaden, s. d. Jeziden (Jesidäer), räuberisches Volk, kurdischer Abstammung, auf dem Gebirge Sindschar in Mesopotamien (Asiatische Türkei); theilt sich in mehrere Stämme, redet einen türkischen Dialekt und lebt in Dörfern; die im Lande der Kurden 643 Jezirah - treiben mehr Ackerbau. Alle erkennen einen Scheck, welcher das Grab eines ihrer Lehrer, Adi, be- wohnt, als Oberhaupt an. Die Religion der I. (Dasini, Duwasin), gestiftet von dem Scheck Jezid u. von Adi reformirt, ist ein Gemisch von Mani- ch'aismus, Mohammedanismus u. der Zendavesta- Religion; sie lehrt den Glauben an Gott, der seine Befehle durch den bösen Geist vollziehen lasse, u. an eine einstige Vergeltung, nimmt christliche Propheten u. Heilige an. Sie haben keine reli- qiösen Gebräuche, nur einmal jährlich kommen sie am Grabe Adis zusammen. Arendts.» Jezirah (Schöpfung), 1) in der Kabbala die dritt-e Welt, die Welt der denkenden Substanzen, die aus keiner vorhanden gewesenen Materie ge- bildet worden ist; 2) eine kurze, in der kabbalistischen Theologie geschützte, aber sehr unverständliche hebräische Schrift, dem Patriarchen Abraham, von Anderen dem Akiba oder dessen Schüler Simeon zugeschrieben, erschien Amst. 1642, hebräisch u. deutsch von I. F. v. Meyer, Lpz. 1830. Jf, s. u. Chateau d'Jf. Jferten (Jfferten), Ort, so v. w. Dverdon. Jffland, August Wilhelm, Schauspieler, Dramaturg und Theaterdichter, geb. 19. April 1759 zu Hannover, wo er eine treffliche Bildung empfing. 1777 wurde er gegen den elterlichen Willen Schauspieler und debutirte unter Eckhofs Leitung auf dem gothaischen Hoftheater am 15.März 1777 als Jude in Engels Diamant. Von Götter, Eckhof u. Mercau geleitet, unterrichtet u. gefördert, im innigen Freundschaftsverkehr mit dem genialen Beil u. Beck, strebte er trefflichen Zielen nach, verließ mit einem großen Theil seiner College» 1779 nach Auflösung des Hoftheaters Gotha, um in Mannheim seineLaufbahn fortzusetzen u. die glänzendsten Erfolge auch als dramatischer Schriftsteller zu seiern. Nach einem großen Gastspiel in Weimar unter Goethe kam I. 1796 als Director des Nationaltheaters nach Berlin, wo er so Bedeutendes wirkte, daß er 1811 zum Generaldirector ernannt, auch durch Verleihung des rothen Adlerordens ausgezeichnet wurde. Das Opfer rastloser Thätigkeit st. I. 22. Septbr. 1814. Ein ausgezeichneter Bühnenleiter, feinfühliger Dramaturg gehört I. zu den vorzüglichsten Schauspielern Deutschlands; er stand in der Darstellung hochkomischer, bürgerlicher Charakterrollen höher als in Heldenrollen, doch war er auch in einigen solchen ausgezeichnet. Seine Lust- n. Schauspiele, von außerordentlicher Bllhnen- kenntniß zeugend, bewegen sich mehr in bürgerlichen Kreisen, als im höheren tragischen Element, sind aus demLebeu gegriffen, trefflicheSittengemälde und namentlich die bildendsten Ausgaben für den Darsteller. Die besten sind: Die Hagestolzen, Die Jäger, Der Herbsttag, Die Aussteuer, Selbstbeherrschung, Der Spieler, Dienstpflicht rc.; gesammelt als: Dramatische Werke, 1798—1802 (erster Band enthält eine Selbstbiographie), in 16 Bdn.; Neue dramatische Werke, Berlin 1807 bis 1809, 2 Bde.: Auswahl 1827 f., 11 Bde., u. Lpz. 1844 u. 1860, 10 Bde.; gab auch heraus: Almanach für Theater, Berlin 1807—09, 1811, 1812; Fragmente über Menschendarstellung auf den deutschen Bühnen, Gotha 1785; Hoftanzmeister Mereau 1803; Beiträge für die deutsche Schau- - Jgelfisch. bühne in Übersetzungen ausländischer Schauspieldichter, Berl. 1807—15, 6 Bde. Vgl. Z. Funck, Erinnerung aus dem Leben zweier Schauspieler J-s u. L. Devrients, Lpz. 1838; Dunker, I. in seinen Schriften, Berlin 1859; Koffka, I. u. Dal- herg, Leipz. 1865. Eine erschöpfende Biographie J-s bereitet seit Jahren Jos. Kürschner vor. Bemerkenswerth ist, daß 9. Jan. 1877 eine Straße in Berlin J-Straße beuaunt wurde. Kürschner. Jgasurin, Alkaloid der Brechnüsse. Weiße, in heißem Wasser schwer lösliche Prismen. Giftig. Jgbegbe, Stadt im Staate Akpoto (Afrika), am linken Ufer des Niger, nahe der Mündung des Mime, hat 5000 Ew. Jgbo, Landschaft zu beiden Seiten des unteren Niger (Afrika), von thätigen, betriebsamen Negern dicht bevölkert, erzeugt eine ungeheuere Menge Olpalmen. Igel (Lrmackü), Säugethierfam. der Ordnung Jnsectenfresser. Körper gedrungen, kurz, oben mit Stacheln oder Borsten, unten straffhaarig. Die spitze, fast kegelförmige Schnauze trägt eine Rüsselscheibe. Gebiß vollständig. Ohren frei, Beine kurz, Schwanz kurz oder fehlt. Nächtliche Thiere mit Winterschlaf. Gattung: kürmaosua L., I., u.zwar oben u. unten 6 Schneidezähne, von denen die mittleren 2 durch eine Lücke getrennten, die Function der fehlenden Eckzähne ausllben; oben 7, unten 5 Backzähne, die 5 resp. 4 letzten mehr- spitzig. Der den Körper oben kapuzensörmig umhüllende Hautmuskel befähigt sie, sich einzukugeln n. sich so gegen ihre Feinde durch die spitzen, allseitig abstehenden Stacheln zu schützen. Schwanz kurz, behaart. Arten: L. europasus L., gemeiner I., 30 ein lang, kurzöhrig, mit weiß u. schwarzbräunlich geringelten Stacheln, am Unterleibe mit gelblichen Haaren; lebt in Gärten, Laubhölzern, wo er sich von Laub ein Nest für den Winterschlaf anlegt; entrollt sich ruckweise. Nützt durch Vertilgen von Ungeziefer, schadet aber auch durch Plündern von Vogelnestern u. Rauben der Küchlein. Wirft 4—6 warzige Junge; wird als Hans- thier gegen Mäuse gebraucht. Die Haut dient als Hechel. Der I. lebt in der alten Welt, sein Fleisch wird in einigen Gegenden, in Spanien bes. zur Fastenzeit, gegessen, doch schmeckt es nur im Herbst leidlich. Der langohrige u. kleinere I., L. auri- tus lebt in SOEuropa, Ägypten u. Asien, trägt gelbliches Stachelklcid; hat längere Ohren, kürzere Stacheln. Auf den ostindischen Inseln die verwandte Gattung VrA., Schnauze u. Schwanz lang, auf dem Rücken nur einzelneBorsten; kann sich nicht zusammenrollen. Farwick. Igel, mit Drahtspitzen, Hechelzähnen od. Kratzbeschlägen besetzte Walzen in der Kammwollen-, Baumwollen- u. Flachsspinnerei. Igel, Kirchdorf im Landkreise und dem preuß. Regbcz. Trier, an der Mosel, Weinbau; 460 Ew. Dabei die berühmte J-er Sänke, ein schlanker, thurmartiger, 22 m hoher Bau aus rothem Sandstein, der mit vielen Reliefs bedeckt ist, eins der schönsten Römerdcnkmäler diesseits der Alpen, n. nach einer Inschrift von der Familie der Secun- diner errichtet. Jgelfisch, vioäou L., Gattung aus der Ordnung der Knochenfische, Unterordn. Haftkiefer, 41 * 644 Jgelkorn — Fam. Nacktzähner. Zähne bilden zwei Platten, Kiefer ohne Mittelnaht, Knochenschilder der Haut mit zweiseitlichen Wurzeln und Dorn, vloäon bistrir L., indischer Ocean. Jgelkorn, so v. w. Roirinoooeous. Jgelskolben, f. LparZanium. Jglau (Jihlava), Stadt u. Hauptvrt im gleichnamigen mähr. Bez. (Österreich), unweit der böhm. Grenze, in 552 m Meereshöhe, an der Jglawa, über die eine„sehenswerthe, steinerne Brücke führt, Station der Österreich. Nordwestbahn, mit 3 Vorstädten (Frauen-, Pirnitzer- und Spital-Vorstadt) und einem großen Stadtplatz mit einer Marianischen Ehrensäule (seit 1692) u. 2 Springbrunnen; mehrere Kirchen, darunter die gothische St. Jakobskirche mit schönem Hochaltarblatt, 115 Ctr. schwerer Glocke, die sehr alte, ehrwürdige Minoritenkirche, dis St. Jgnazkirche, die Kirche St. Johann am Hügel (soll schon 799 erbaut sein), die Kirche znm heil. Geist n. die neue protestantische Kirche, Staats- Obergymnasium in einem prächtigen Gebäude (1560 gegründet), Landes-Oberrealschnle, Mädchen- bürgerschnle, Hauptsteneramt, Finanzbezirksdirec- tion, große Kaserne, Bürger- und Militärspital, 3 Armenversorgungshäuser, bedeutende Tuchfabrikation, Wollenzeugweberei, Färberei, Maschinenbau, Bierbrauerei, große k. k. Tabaksfabrik mit 2500 Arbeiterinnen, Glasschleiferei, Dampfmahlmühlen, große Dampfsäge, lebhafter Handel, namentlich mit Getreide, Wolle, Flachs, Ban-Holz, Luch, Wollenzeugen rc., 4 Jahrmärkte; 20,049 meist deutsche Ew. In der waldreichen Umgegend mehrere Glashütten und Glasschleifereieu, Zündwaaren- n. Tuchfabriken. I., einer der ältesten Orte des Landes, der 1240 vom König Wenzel I. Stadtrechte erhielt, war ehemals eine durch Silber- grubeu berühmte Bergstadt. Am 5. Juli 1436 wurde hier der J-er Vergleich geschlossen, durch welchen Kaiser Sigismund König von Böhmeg wurde und die Prager Compactaten beschwor. 1645 wurde die Stadt von den Schweden genommen, erst 1647 von den Kaiserlichen wieder erobert. 1742 wurde I. von den Preußen genommen; den 5. Dec. 1805 hier Gefecht zwischen den Österreichern u. Bayern; Letztere wurden zu- rückgedräugt. H- Berns. Jglälva (Igel), Nebenfluß der Thaya in Mähren; entspringt in dem Jglauer Bergland, südwestlich von Jglau, auf der Grenze gegen Böhmen, nimmt die Oslawa, Rokitna u. Schwär- zawa auf u. mündet nach einem Lauf von 140 Lw bei Muschau. Jglesias, Stadt im gleichnam. Bez. der ital. Prov. Cagliari (Sardinien), unweit der WKllste, hoch n. gesund gelegen, Station der Sardinischen Eisenbahn; Unterpräfect, Bischof, Kathedrale, Technische Schule, Ölbau, starke Bienen- und Schafzucht, Käsebereitung, Handel mit Getreide, Wein, Öl, Südfrüchten, Käse; 9816 Ew. Jglesias de la Casa, Jose, span. Dichter, geb. 1753 in Salamauca, Mitglied der Sala- mantinischen Schule, starb 26. August 1791 als Pfarrer im Bisthum Salamanca. Seine Gedichte, die zu den besten u. lieblichsten der spanischen Lyrik zählen, gesammelt, Salamanca 1798, 2 Bde. n. ö. beste Äusg. Barcel. 1820 u. Paris — Ignatius. 1821, 2 Bde., Answahl in Wolfs RIorssta. stg rimas moäsrnas oastslkanos, Par. 1837, 2 Bde. Jglö (Jglau, Neudorf), Stadt im ungar. Co. mitat Zips, eine der 16 sogen. Zipfer Kronstadts, am Hernäd, Station (I.-Leutschau) der Kaschau- Oderberger Eisenbahn, schön gebaut; kathol. und evang. Kirche, Öbergymnasium, Lehrerpräparandie, kathol. Hauptschule, Hospital, Salzamt, Postamt, Bergbau auf Eisen, Fahlerze u. Kupfer, Kupferhütten, Eisenwerk, Steingut- und Vitriolfabriken, Schleif-, Walk- und Sägemühlen, Leinenweberei, Ackerbau, Bienenzucht, 3 große Jahrmärkte; 6691 deutsche Ew. In der Nähe ein Heilbad. H- Berns. Ignatla, s. Ltrzwimos. Ignatius (Ignaz), 1) St. I. von Antiochien, einer der sogen. Apostolischen Väter, nach den Märtyreracten Bischof in Antiochien, Schüler des Apostels Johannes, jenes Kind, das Jesus nach Matth. 18,4 seinen Jüngern vorstellte, genannt Theophorus, von Paulus oder Petrus zum Bischof in Antiochien geweiht, von Trajan in Antiochien znm Tode verurtheilt. Diesen unhistorischen Überlieferungen gegenüber dürfte sich als historisch aus seinen Briefen höchstens so viel ergeben, daß er in Antiochien zur Zeit Trajans zum Tode verurtheilt, nach Rom geschickt wurde, damit er dort zum Ergötzen des Volks mit wilden Thieren kämpfe. Auf der Reise dahin soll er 15 Briefe geschrieben haben, die in sehr verschiedenen Recensionen exi- stiren. Von ihnen sind 3 nur lateinisch vorhandene, sowie 5, die auch in griechischer und armenischer Sprache vorliegen, als unecht allgemein anerkannt. Die 7 Briefe aä UaZassios, aci Iraliianos, nö Rlülackslpirsnses, aci 8m/raaoos, üci Rpirssios, aä Romanos, all Rolzwarpum finden noch immer Vertheidiger, oder es wird wenigstens ein echter Kern angenommen, der später mehrfach überarbeitet worden sei. Solche Bearbeitungen sind wahrscheinlich ebenso die längere griechische Recen- sion, 1557 von Pacäus und 1559 von Geßner herausgegeben, wie die kürzere griechische, 1616 von Usher, 1646 von Vossins, 1669 von Ruiuart publicirt, nicht weniger aber auch die von Cureton anfgefundene und 1845 herausgegebene syrische, die sich als Auszug darstellt. Äas den Verdacht späterer Abfassung auch dieser 7 Briese u. zwar gegen Ende des 2. Jahrh. begründet, ist theils die darin vorausgesetzte Ausbildung des Episcopats als Organ für die Einheit der christlichen Gemeinden in sich u. untereinander, theils die Bekämpfung des Gnosticismus, der erst im Laufe des 2. Jahrh. sich weiter entwickelte u. die einheitliche Zusammenfassung der Kirche im Epi- scopat veranlaßte. Die Briefe des I. sind herausgegeben von Cotelier, Amst. 1724, Hesele, Mb. 1855, Jacobson, Oxf. 1851, Dresfel, Lpz. 1858. Vgl. Zahn, I. von Antiochien, Gotha 1873. 2 ) St. I., Sohn des byzantinischen Kaisers Michael I., geb. 790 (796); von Leo dem Armenier entmannt und in ein Kloster gesperrt, wählte er hier den Mönchsstand u. wurde nach seiner Freilassung 846 Patriarch von Constantiuvpel, aber, weil er gegen die Silteulosigkeit des Kaisers Michael Hl. und gegen die Willkürherrschaft seines Oheims Vardas eiferte, 857 abgesetzt u. auf die Insel Terebinthus verbannt. Der Papst Nicolaus 1. benützte die 645 Jgnatiusbohnen — Jhcring. Ernennung des Photios zum Patriarchen von Constantinopel an seiner Stelle, nm auch die griechisch-morgenländische Kirche unter Rom zu beugen, legte aber dadurch nur den Grund zu der von da an sich vollziehenden Trennung zwischen der Kirche des Occidents u. Orients. Unter Kaiser Basilios wurde I. 867 wieder eingesetzt n. st. 877; Tag der 23. Oct. Er schrieb Briefe u. die Lebens beschreibung des St. Tarasius. 3)J.vonLoyola, s. Loyola. Ml-r. Jgnatiusbohnen (§adns 8t. lAnntü), die Samen von 8tr^obnos lAvatü, s. Ltr^oimos. Jgnatjew, Nikolaus Pawlowitsch, russ. General-Adjutant und Diplomat, geb. nm 1826, stand 1854—55 als Stabscapitain im Stabe des Grafen Berg in Reval, folgte 1856 dem General Murawjew nach Ostsibirien u. schloß, zum General befördert, 14. November 1860 mit dem chinesischen Prinzen Kong einen für Rußland sehr vortheil. haften Handelsvertrag zu Peking ab, welcher zugleich die östl. wie die westl. Grenze zwischen China u. Russ.-Asien regulirte. 26. Juli 1864 wurde er zum außerord. Gesandten u. bevollmächtigten Minister bei der Pforte ernannt, u. März 1867 zum außerord. Botschafter daselbst, wo er den Ruf eines ganz bes. gewiegten Diplomaten aufs Nene bekräftigte. Er ist in jeder Beziehung Vertrauensmann seines Souverains u. hat als solcher nach dem Schluß der Conferenzen in Constantinopel seit März 1877 die Höfs der europ. Großmächte bereist, um unter diesen gegenüber der Pforte eine volle Einigkeit zu Stande zu bringen, die in dem am 31. März in London Unterzeichneten Protokoll, jedoch nur scheinbar, erzielt wurde. I. ist als Russe einer der entschiedensten Vertreter der nationalrussischen und rein slavischen Politik. Lagai. Ignis (lat.), Feuer. Ignis rc. intsräiotio (lat.), s. Lqnas sb i^nis iv- lorckiotüo. Jgnobilitiit (v. Lat.), Gemeinheit. Ignorantis (lat.), Nichtwissen, Unkunde, Jrrthum, auch Unwissenheit. Rechtlich ist die Nichtkenntniß von Thatsachen, die I. kaoti, ein entschuldbarer Jrrthum, welcher die Wirksamkeit einer Handlung auch alterirt, während die Nichtkenntniß der Rechtsgrundsätze und gesetzlichen Vorschriften, I. znris, nicht entschuldbar ist, es sei denn, daß die betreffende Person keine Gelegenheit zur besseren Belehrung gehabt habe, d. i. Minderjährige, Soldaten und in gewissen Fällen auch Frauen u. überhaupt gänzlich ungebildete Personen. Lons- üoinrv iKnoranbias znris, S. 169. In criminalrecht- licher Beziehung ist Berusung auf Unkenntniß des Gesetzes gänzlich ausgeschlossen. —n Ignorsntins (I. kreros, fr.), s. Brüder der christlichen Schulen in St. Aon. Jgnoriren (v. Lat.), 1) Etwas nicht wissen; 8) keine Notiz von Etwas nehmen; daher: Ignorant, Unwissender; Ignoranz, Unwissenheit. Igor, 1) Sohn u. Nachfolger Ruriks, Fürsten von Nowgorod, 879—945; erst unter Vormnnd- schaft u. Regentschaft Olegs, der 892 Kiew eroberte u. die Residenz dorthin verlegte. Igors Gemahlin war die berühmte Olga, welche 955 mit vielen russischen Kaufherren in Constantinopel die Taufe empfing. 3) I., Fürst von Nowgorod, 1202 gegen die Polowzer gefallen; spielt in der altruss. Nationalliteratur eine Rolle als „Held im Liede vom Feldzuge J-s". Graf Alexis Mnsin-Puschkin fand das Gedicht in einer ans dem 16. Jahrh. stammenden, später beim Brande von Moskau 1812 mit seiner Bibliothek verbrannten Handschrift im Kloster zu Jaroslaw u. veröffentlichte es 1797 in dem 8pse- tntsnr än liorä. Ausgabe mit böhmischer u. deutscher Übersetzung von„Hanka, Prag 1821; Kritische Ausgabe mit böhm. Übersetzung von Hattala, ebd. 1358; von Tichonravov in Moskau 1868 u. Prof. Ogonovski in Lemberg 1876; deutsch mit krit. Anmerkungen von Wolfsohn in der Schönwissenschaftlichen Literatur der Russen, Lpz. 1843; vgl. noch: Fürst Wjasemskij, Bemerkungen zum Jgorlied (rnss.), Petersb. 1875; u. Barsov in Moskau Über das Jgorlied im Journal des Cnltnsministeriums vom Jahre 1876. Jgnaläda, Stadt in der span. Prov. Barcelona, ein alter, finsterer Ort mit schöner, moderner Vorstadt am Noya, in einer an Getreide, Wein, Öl u. Obst reichen Ebene; Baumwollenspinnerei, Kattunfabriken, Waffenschmieden, Tuchweberei, Gerberei; 14—15,000 Ew. Iguana, der Leguan, Gattung der Gruppe der Baum-Agamen der westlichen Halbkugel, Familie I^nLniäao, Unterordnung der Dickzüngler, 6rnssi- linAma, Ordnung der Echsen; Kopf oben mit Schildern bedeckt, Schnauze abfallend, Kehlsack seitlich comprimirt, ebenso der Schwanz. I. tnbsr- vnlata T-arcr., Westindien u. a.; wird gegessen. Farwick. Iguanoäon Mimt., Gattung von leguanartigen Rieseneidechsen aus der Familie der grasfressenden Dinosaurier, die am Ende der Juraperiode und mit Eintritt der Kreidezeit die Küsten u. Flußnfer Englands bewohnte. Vom Schädel kennt man nur Bruchstücke, u. Mantell vermuthet, daß das Thier ein Horn auf dem Kopfe getragen habe; die Zähne find ausgewachsen, haben eine breite, platte, unregelmäßige Krone, deren zweischneidige Ränder gezähnelt sind, während die Seiten der Zähne gefältelt sind; Zahnschmelz nur auf der äußeren Seite vorhanden. Der plumpe Bau dieser kolossalen, wol über 12 va langen Rieseneidechsen u. die nnverhältnißmäßige Kürze ihrer Hinterfüße weisen darauf hin, daß sie ein ähnliches Leben wie die Faulthiere geführt haben. Einzige Art: l. Llnntslli Ms^. (I. ^.nAlicmm Loll.). Die ersten Überreste entdeckte Mantell in der Wealdenbildung von Tilgate, später wurden zahlreiche Theile des Skeletts in SEngland aufgefunden, so bei Loxwood, an der Seeküste von Wight, bei Aaverland, Purbeck rc. 1834 in dem unteren Kreidegebilde von Kentisch Rag bei Maidstone der größte Theil eines Skeletts. Lehman,!. Jguarayu, Stadt in der brasilianischen Prov. Pcrnambuco, unweit des Meeres; 5000 Ew. Jgumen, Kreisstadt im russischen Gouv. Minsk, an der Jgumenka; 2 Kirchen; 2190 Ew. Jguren, so v. w. Uiguren. Mansie, s. Dschhansi. Jhelum, s. Dschilam. Jhering, Rudolf von, Rechtslehrer, geb. 22. Aug. 1818 zu Aurich in Ostfriesland, studirte in Heidelberg, München u. Göttingen, u. ging, als ;r»w 646 Jhlekanal — Jimenez de Cisneros. ihm der Eintritt in den hannoverschen Staatsdienst verweigert wurde, 1840 nach Berlin, wo er sich 1843 habilitirte; er wurde 1845 ordentl. Professor in Basel, 1846 in Rostock, 1849 in Kiel u. 1852 in Gießen; im Herbst 1868 folgte er einem Rufe als ordentlicher Professor und Wirklicher Hosrath an die Universität Wien, u. October 1872 von da als Professor und Geheimer Justizrath nach Göttingen. Sein Hauptwerk ist: Geist des röm. Rechts auf den verschiedenen Stufen seiner Entwickelung, Leipz. 1858—1866, 3 Thle., 2. Aust. 1866—1869, 3. Anfl. 1873 rc. (italienisch von Bellavite in Padua); sodann schrieb er: Abhandlungen aus dem röm. Recht, ebd. 1844; Der Streit zwischen Basel-Land u. Basel-Stadt über die Festungswerke der Stadt Basel, ebd. 1862; Der Lucca-Pistoja-Actienstreit (Beitrag zu mehreren Fragen des Obligationenrechts, bes. der Theorie des civlrw u. der Lehre von der Stellvertretung), Darmst. 1867; Das Schuldmoment im römischen Privatrecht, Gießen 1867 (italien. von Forlani); lieber den Grund des Besitzschutzes, 2. A. 1869; Civilrechtsfälle ohne Entscheidungen, Jena 1870; Die Jurisprudenz im täglichen Leben, ebd. 1870, 2. Anfl. 1873; Der Kampf ums Recht, Wien 1872, 4. Anfl. 1874. I. gibt (anfänglich mit Gerber, dann init Unger) Jahrbücher für Dogmatik des heutigen römischen u. deutschen Privatrechts, Jena 1857 ff., heraus, in denen sich viele Beiträge von ihm befinden, u. ist einer der Mitbegründer des Deutschen Juristenlages. Lag-ii." Jhlekanal, Kanal im preuß. Regbez. Magdeburg, 1865—71 angelegt; führt aus dem Plaüen- schen Kanal, den er bei Seedorf verläßt, über Burg nach Niegripp zur Elbe. Jhna, Große I., ein 112 Icm langer Fluß im preuß. Regbez. Stettin, Abfluß des Enzig-Sees bei Nörenberg im Kreise Saatzig, nimmt oberhalb Stargard links die Kleine oder Faule I. u. rechts die Krampehl auf, wird dann schiffbar u. mündet in den Damansch. Jhram (arab.), Kleid der Mekkapilger, nach Art der von den Armen Arabiens zur Zeit Mohammeds getragenen Kleidung, u. auch Leichentuch für Pilger; zwei viereckige Baumwollentücher, deren eines um die Lenden gebunden auf die Kniee herabhängt, während das andere über die linke Schulter und den Rücken geschlagen wird, unter Freilassung des rechten Armes. Jhringcn, Kirchdorf im Amtsbezirk Breisach des bad. Kreises Freiburg, am südlichen Fuße des Kaiserstuhls, Station der Badischen Eisenbahnen; vorzüglicher Wein- und Obstbau, Viehzucht; 1871: 2752 Ew. !»8, Abkürzung für Jesuiten, s. d. am Ende. Jhtisab-Nazrri (türk.), ein Abtheilungs-Diri- gent der Polizei in Constantinopel (ohne Pera u. Galata), dem die Überwachung der Preise, Maße, Gewichte u. Güte der Lebensmittel, sowie die Aufsicht über die Verzehrungssteuer übertragen ist. Jidda, s. Dschidda. Jig, irischer Nationaltanz, s. u. Irland (Geogr.). Jijona, Stadt in der spanischen Prov. Alicante, am Fuße eines burggekrönten Hügels in bergiger, gut angebanter Gegend, berühmt wegen seines turron, einer Art Honigkuchen (spielt während der Weihnachtszeit in ganz Spanien, namentlich aber in Madrid, eine große Nolle); 3612 Ew., mit der Huerta 6028. Jimenez de Cisneros (Ximenes), Francesco, spanischer Staatsmann u. Cardinal, geb. 1436 zu Torrellaguna in Altcastilisn, Sohn eines Advocaten, studirte zu Salamanca u. ging dann nach Rom. Nachdem er hier 6 Jahre als Jurist gearbeitet, kehrte er nach Spanien zurück u. beanspruchte laut päpstlicher Weisung die erste offene Pfründe in Spanien, aber in einer Weise, die er längere Zeit mit Haft büßen mußte. Freigelassen, erhielt er 1480 eine Caplanstelle im Kirchsprengel Siguenxa, studirte nun eifrigst Theologie, hebräische u. chaldäische Sprache u. wurde vom Bischof von Siguenxa, Cardinal Gonzalez Mendoza, zn seinem Großvicar ernannt; indessen trat er i486 zu Toledo in den Franciscanerorden u. zog sich auf 3 Jahre in die Einsiedelei der Madonna von Castanar zurück, wo er sich den Ruf eines Heiligen erwarb. 1492 auf Empfehlung Mendozas zum Beichtvater der Königin Jsabella von Castilien u. von dieser 1495 nach Mendozas Tode zum Erzbischof von Toledo ernannt, arbeitete er gegen die Mißbräuche des Mönchthnins, sowie des Klerus, und für Bildung und tüchtige Gelehrsamkeit der Geistlichen, sowie für ihre Kenntniß echt biblischer Lehre. Ebenso eifrig betrieb er die Bekehrung der Mauren in Granada (Moriscos), selbst mit Lebensgefahr — ein Streben, das ihn bei seinen Zeitgenossen ganz besonders hob. Mit seinen ungeheuren Einkünften stiftete er die Universität Alcala und veranstaltete die erste Ausgabe der Complutensischen Polyglotte (Bibel in mehreren Sprachen). Nach dem Tode der Königin Jsabella (1504) vermittelte er zwischen König Ferdinand dem Katholischen und Philipp von Österreich und trug nach des Letzteren frühem Tode nicht wenig zur Befestigung der Regentschaft Ferdinands für Karl I. bei, so daß ihm der Papst 1507 den Car- dinalshut sandte u. ihn zugleich zum Großinquisitor von Spanien ernannte. Hierdurch gelangte er zu einem ganz besonderen Einflüsse bei den Staatsgeschäften, verließ jedoch, durch Ferdinands Mißtrauen verletzt, bald den Hof und zog sich nach Toledo zurück. Von hier aus unternahm er, da die Regierung die Hilfe verweigerte, 1509 auf eigene Kosten eine Expedition gegen die Mauren an der afrikanischen Küste zum Schutze der Christen, schlug bei Oran die Mauren, stürmte an der Spitze des Heeres selbst Oran, ließ es neu befestigen u. die Moscheen in Kirchen verwandeln. Nach dem Tode Ferdinands 1516 wurde I. während der Minderjährigkeit Karls I. (V.) zmn Regenten von Spanien ernannt und übte hier eine unbeschränkte Macht — aber zum Nutzen des Landes: er ordnete die zerrütteten Finanzen, tilgte die Kronschulden, ja löste selbst die veräußerten Domänen wieder für die Krone ein, stellte die Achtung vor dem Gesetze wieder her, hob die spanische Kriegsmacht, demüthigte die spanischen Großen rc. —, erntete aber dafür nur Undank von seinem Mündel, der, vom Adel anfgehetzt, den Cardinal sofort bei der Thronbesteigung in seine Diöcese zurückverwies, wo der Greis kurz darauf, 8. Nov. 1517, aus Gram starb. I., der Spanien Jirecck — auf die Stufe hob, die es im 16. Jahrh. rc. ein. qenommen, war einer der größten Männer seiner Heit: klug u. standhaft, im Entschluß bedächtig, im Handeln rasch; leidenschaftlich, streng u. hart, ließ er sich selbst bis zur Grausamkeit Hinreißen, aber bei den verschiedensten Gelegenheiten zeigte er sich auch als wirklicher Menschenfreund u. verwendete seine enormen Einkünfte für milde Stift- ungen, für die Wissenschaft, für Staatszwecke. Vergl. Flechter, Hist, än lünräinal X., 2 Bde., Amst.1700, deutsch von Fritz, 1. Bd., Würzburg 1828; Hefele, Der Cardinal L. u. die kirchlichen -Zustände Spaniens im 15. Jahrh., 2. Aust., Tüb. 1851; Havemann, F. X., Gott. 1848. Lag-». Jirecek, 1) Joseph, geb. 1825, auf der Prager Universität vorgebildet, wurde 1857 in das Cultusmiinsterium berufen u. erhielt im Febr. 1871 das Portefeuille des Cultus im Cabinet des Grafen Hohenwart, trat im Oct. dess. Jahres zurück u. lebt in Prag, der bedeutendste Literarhistoriker der Czechen; schrieb eine Reihe von Abhandlungen im SvistMor und in der Musealzeitschrift, ^ntlio- logsts 2 litoratnrz- Wssüs 1870; Geschichte der czechischen Literatur (visjin^liberatmr)- er.), bis jetzt ist erschienen der 1. Th. u. d. T. Lnüovisb Ir ckiejinara über. er., 2 Bde., Prag 1875—76. Mit seinem Bruder Hcrmenegild (s. 2) schrieb er Abhdlg. aus dem Gebiete der Geschichte, Philologie u. Literatur, Wien 1860, u. Echtheit der Koni- ginhofer Handschrift, 1862; außerdem gab er ber- aus einige Werke seines Schwiegervaters P. I. Szasarik. 3) Hermenegild, Bruder des Vor., geb. 13. April 1827 zu Hohenmauth in Böhmen, studirte die Rechtswissenschaft in Prag, und lebt in Wien in hoher amtlicher Stellung. Er gab heraus: Oocksx jnris Lollsvaioi, 3 Theile; 8Io- vanslrs pravo v Oxoodäoli i na Noravs, 2 Th., 1863, 1864 u. die Schrift des Victorin von Vszehrd, 1874. 3) Sonst., schrieb Gesch. der Bulgaren, Prag 1877. Nehrlng. Jjar, der zweite Monat im jüdischen Kalender, hat 29 Tage, fällt in den April u. Mai. Jk, 420 üm langer Nebenfluß des Kama im östlichen Rußland, entspringt südlich von Jlins- koje im Gouv. Ufa, bildet meistentheils die Grenze zwischen diesem Gouv. u. dem Gouv. Samara n. mündet Jksoje-Ustje gegenüber. Ikarier, s. Cabet. Jkarros (Marion, Ikaros), Vater der Erigone (s. d.), Ikaros (gr. Myth.), Sohn des DÄdalos (s. d.). Von ihm hat angeblich dasJkärische Meerden Namen. Jkhschiden, arabische Dynastie in Ägypten u. Syrien 934—968, s. Ägypten S. 297. Ikon (v. gr. Mehrzahl Ikones), 1) Bild, Abbildung, bes. 3) nach dem Leben gefertigtes Bild. Jkomon (a. Geogr.), früher Stadt in Phrygien, später die Hauptstadt Lykaoniens; bedeutend, da die Apostel Paulus u. Barnabas hier das Christen- thnm predigten, die seldschukischen Sultane sie im 11. Jahrh. zu ihrer Residenz wählten, daher diese auch Sultane von I. genannt werden. 1190 wurde I. von den Kreuzfahrern unter Friedrich I. erobert, aber bald wieder verlassen; jetzt Konieh. Ildefons. 647 Jkonische Statuen, bildnißartige, im Gegensatz von idealisirten. Jkono... (v. Gr.), Bilder...; so Jkono- borzen, bilderstürmerische Secte der Russischen Kirche, welche unter freiem Himmel betet. Jkono- dnlie (Jkonolatrie), Bilderdienst. Jkonodulot (Jkonolaträ), Bilderdiener. Ikonographie, Beschreibung der Bilder, Bildsäulen oder andere antiken Denkmäler, die zur Bildhauerei n. Malerei gehören. Jkonokaustä, Bilderverbrenner, und Jkonoklastä, Bilderzerbrecher, s. ».Bilderdienst. Jkonolögie, die Wissenschaft von der Bedeutung der Bilder, sofern in denselben moralische oder religiöse Wahrheiten oder Vorstellungen verborgen liegen; auch Erklärung alter sinnbildlicher Denkmäler rc. Jkonomachie, Bilderstreit. Jkono- mänie, übertriebene Bilderliebhaberei; fanatische Verehrung der Heiligenbilder. Ikonostas, Bilderschrank der Griech. Kirche. Jkonostroph, Brille, durch welche Bilder verkehrt erscheinen; wird von den Kupferstechern gebraucht. Ikosaeder, 1) (Math.) ein von 20 congruenten gleichseitigen Dreiecken begrenzter regelmäßiger Körper; 3) (Kristallogr.), s. Krystall. Ikositetraeder, Krystall von 24 congruenten Vierecken begrenzt; s. u. Krystall. Jktinos, ein berühmter atheniensischer Baumeister unter Perikles. Von ihm rühren mehrere der bedeutendsten Bauten aus der Blüthezeit der griechischen Kunst her; u. a. baute er zusammen mit Kallikrates den Tempel der Athene Parthenos ans der Akropolis von Athen, ferner den Tempel des Apollo Epikurios bei Phigalia in Arkadien, den Weihetempel zu Elensis, der nach seinem Tode von Koroebos u. später von Metagenes n. Xenokles vollendet wurde. SchaSler. Jlanz (roman. Gliön), Städtchen u. Hauptort im Bez. Glenner des schweizer. Kantons Graubünden, in prächtiger Lage zu beiden Seiten des Rheins; im oberen älteren Theil auf dein rechten Rheinufer enge Straßen u. viele mit Wappenschildern gezierte Gebäude; 660 meist reformirte deutsche u. roman. Einw. — I., die schon im 8. Jahrh. urkundlich erwähnte erste Stadt am Rhein, war Hanptort des ehemaligen Grauen Bundes. Es ist ein bequemer u. beliebter Ausgangspunkt für Excursionen nach dem nahen, 1000 ni hohen Piz Mnndaun (nördliche, 2065 m hohe Spitze auch Piz Grond genannt) n. in das vom Glenner dnrchströmte Lugnetz-Thal. S-Berns. Jlawlja (Jlowlja), Fluß im russischen Gouv. Saratow, entspringt etwa 15 km westlich von der Wolga, fließt mit der Wolga parallel nach S. u. mündet nach einem etwa 270 km langen Laufe unterhalb Howlinskaja in der Prov. des Donschen Heeres in den Don. Jlbessan, Stadt, so v. w. Elbassan. Jlchester (Jvelchcster, das alte röm. Jschalis), Marktflecken in der engl. Grafschaft Somerset, im fruchtbaren Thale des Deo oder Ivel, mit Stadthaus; 780 Ew. Geburtsort Roger Bacons. Ildefons (Jldefonso, Jldefonsus), 1) so v. w. Alsons. 3) St. I. von Toledo, geb. 607 zu Toledo, war anfangs Abt in dem Kloster Agli, wurde 658 Erzbischof von Toledo u. st. 667 od, 669; die ALoptianer beriefen sich auf ihn. Er 648 S. Jldefonso od. La Grama — Iliacros iiitra rrniros xeoeatur 6t extra. schrieb nach Art der damaligen Compilatoren: Vs illidata virgiuitats L. Virginis; Vs eognibious daptismi; setzte auch Isidors Schrift Vs viris iUnstribus fort. Lebensbeschreibung von Julian, seinem Nachfolger. S. Jldefonso od. La Granja, Stadt in der span. Prov. Segovia, in romantischer Gebirgsgegend am Fuße u. Abhange der schön bewaldeten Sierra de Guadarrama, regelmäßig u. modern gebaut, schöne Collegiatkirche mit Fresken von Batzen u. Maella u. dem Grabmal Philipps V. u. seiner Gemahlin; königl. Lustschloß, s. Granja; 1815 Ew. Ile (sranz.), alt Isis, Insel. Jlek, Fluß im russ. Gonv. Orenburg, fließt durch die Kirgis-Kaissakische Steppe u. fällt in den Ural; an seinen Ufern große Steinsalzlager mit sehr reinem Salze. Jleosca (a. Geogr.), so v. w. Osca. Jlcrda (a. Geogr.), Stadt der Jlergeten im Tarraconensischen Spanien, am Fluß Sicoris (Segre), über welchen eine steinerne Brücke führte; 49 v. Chr. siegte hier Cäsar über die Pompejaner unter Petrejns und Afranius; jetzt Lerida. »Zum, Krummdarm, f. Darin. Os ilsnm s. ilsi, Darmbein, s. Becken. Ilex V., Pflanzengatt, aus der Fam. der Ilioi- usas (IV. 4), Bäume und Sträucher mit abwechselnden, oft glänzenden Blättern und achsel- ständigen, weißen Blüthen, vier- bis fllnfzähnigem Kelche, radförmiger, vier- bis fünftheiliger Blumen- krone, vier bis fünf Staubblättern u. einem vier- bis fünftheiligen Fruchtknoten mit sitzenden Narben; vier- bis sünfsteinige Steinfrucht. I. ^gnitolinm L. (Stecheiche, Stechpalme), Strauch oder kleiner Baum im mittleren Europa, Japan, Amerika, mit glänzenden, stacheligen Blättern und rochen, erbsengroßen Steinfrüchten. Früchte und Blätter waren früher officinell; ans der Rinde bereitet man Vogelleim; das zähe Holz eignet sich zu Drcchslerarbeiten. Zudem ist der Strauch wegen seiner glänzenden, immergrünen Blätter für Parkanlagen beliebt. I. paragnaisnsis M. rW. (I. mats K. IM., ^rbors äo mats oder Oon- gonlra), Baum in Paraguay u. Brasilien, Mutterpflanze des Matst- od. Paraguaythees; I. vomitoria Strauch in Florida; die lanzettförmigen, glän- zendgrünen Blätter (volia varagnas s. ^.pala- ollinis) geben den Apalachenthee, Arzneimittel gegen Erkältungskrankheiten. Auch wird er als erregendes, selbst berauschendes Getränk bes. von den Indianern genossen. Die Beeren erregen Erbrechen. Englcr. Jlezkaja-Saschtschita (Jletzk), Stadt im russ. Gouv. Orenburg, am Jlek; 2500 Ew. In der Nähe ein Steinsalzbergwerk, das die russische Regierung seit 1753 betreiben läßt n. jährlich durchschnittlich 32,750,000 leg Salz liefert. Ilfeld, Flecken im Kreise Zellerfeld der preuß. Landdrostei Hildesheim, in der Grafschaft Hohustein, auf der Südseite des Harzes, an der Bähre u. am Eingänge des romantischen Bährethales; Königliche Klosterschnle mit ansehnlicher Bibliothek (13,150 Bde.), Papiermühle, Verfertigung von Holzwaaren, Bergbau; 1875: 1280 Ew. Dabei die ehemaligen Überreste der Jlburg, im 12. Jahrhundert Sitz der Grafen von Hohnstein. — I. entstand im 14 . Jahrh. um das Kloster I., zu dem der Gras Jlger 1103 den Grund gelegt hatte. Ursprünglich ein Benedictiner-, später aber ein Prämon- stratenserkloster, wurde es 1546 vom Abt Thomas Stange (nach Einführung der Reformation daselbst 1545) in eine Erziehungsanstalt verwandelt, in der 130 junge Leute freien Unterricht u. einige auch Kost u. Wohnung erhielten. I. dauerte als Kloster, schule unter hannöverscher Regierung fort, wurde unter westfälischer Negierung aufgehoben, später von Hannover hergestellt u. unter preuß. Regierung 1867 reorganisirt. H> Berns. Jlfracombe, Stadt in der engl. Grafschaft Devon, am Kanäle von Bristol; Hafen, etwas Häringssischerei, Handel, Schifffahrt, Seebad; 4721 Ew. Ilgen, Karl David, geb. 26. Febr. 176z zu Sehna bei Eckartsberga, wo sein Vater Schul- lehrer war; studirte seit 1783 in Leipzig Theologie und Philologie, wurde 1789 Rector am Stadtgymnasium zu Naumburg, 1794 Professor der Morgenländischen Literatur in Jena, 1799 Prof, der Theologie daselbst, 1802 Rector in Schulpforta u. erhielt 1816 Len Titel Conststorialrath. 1831 nahm er ans Gesundheitsrücksichten seine Entlassung u. lebte seit 1831 in Berlin, wo er 17. Sept. 1834, erblindet, an einem Schlagflusse starb. Er schrieb: vosssos Vsontini dlarentini spsoimoo, Lpz. 1785; Oüorns graseorum tragio., ebd. 1788; llobi natura atgus virtntss, 1798; gab heraus: vxmni Iroirisrioi, Halle 1796; Opnsoula varia plrilolog., Erfurt 1797; ^.nimacirsrsionss piü- lvlogioas st oritioas in earmen Viigiliaiuim, gnoä Ooxa insoriditur, 1820; Die Urkunden des Jerusalemischen Tempelarchivs in ihrer Urgestalt, Halle 1798; übersetzte das Buch Tobiä, Jena 1800 . Vgl. Kraft, Vita Ilgsuil, Altenb. 1837; Stern, Narrativ cks Our. vav. vgsnio, Hamm 1839 (Progr. u. 2. A. in 8). Eichhoff. Jlgentag (Gilgentag), so v. w. Ägidientag. Jlhavo, Stadt im District Aveiro der portug. Prov. Beira, an der Ria d'Areiro; 8200 Einw. In der Nähe die große Glas- u. Porzellanfabrik Vista-Alegre. Jli, 1) Fluß in Central-Asien, der aus den am NAbhauge des Thianschan entspringenden Te- kes u. Kosch zusammenfließt, an Kuldscha vorbei in nordwestlicher Richtung, rheilweise ein fruchtbares u. weidenreiches Thal bildend, strömt und sich in 3 Armen in den Balchasch-See ergießt. 2) Nach ihm wird auch das an seinen Ufern liegende, früher chinesische, seit 1871 russische, Land genannt, s. Kuldscha. Jlia (Regio iliaoa, die Weichen), der seitliche Umfang der Mittelbauchgegend zwischen den falschen Rippen und der seitlichen Beckenwand. In dieser Gegend liegen nur Darmschlingen, und sie hat von dem Krummdarm (Intsstinum ilsnm) ihren Namen. Ilmoos Intra muros peoolltur st extra (lat., ein Vers ans Horaz Epist. I, 2, 16.), es wird inner- u. außerhalb der Mauern von Jlium (Troja) gefehlt, d. h. es werden von beiden Seiten Fehler gemacht. Mas (Made, gr.), s. Homer; die Phrygische I., s. u. Dares 2). Daher Ilias post Lomorum, eine I. nach dem Homer schreiben, d. h. sich eine Aufgabe stellen, die vorher schon ein Anderer zur Vollkommenheit gelöst hat, also etwas Überflüssiges thun. »ioinoss, Pflanzenfamilie ans der Klasse der VrauZuilnas; immergrüne Baume oder Sträu- cher, mit meist Zeitigen Ästen, oft lederartigen, glatten, glanzenden Blättern, ohne Nebenblätter, achselständigen Milchen, mit kleinem, freiem, 4- Lis Kspaltigem od. -theiligem, bleibendem Kelche, 4—6 dem Bllithenboden eingefügten Blumenblättern, 4—6 mit diesen abwechselnden Staubblättern, einem sitzenden 2- bis mehrsächerigen Frucht- knoten; mit einem hängenden Ei in jedem Fache; fast sitzender gelappter Narbe. Steinfrucht mit 4 oder mehr Steinkernen; Keimling klein, in der Spitze des Eiweißkörpers. Gattungen Lsx, Lri- nos, dlsmopaotkos, Ü^ronia. Engl-r. Jliniza, 5137 na hohe Gcbirgsspitze in der südamerik. Republik Ecuador. Jlton (a. Geogr.), 1) (Alt-J.) so v. w. Troja, s. d. 2) (Neu-J.) Stadt in Troas, da wo der Hellespont sich gegen das Ägäische Meer öffnet. Sie entstand durch äolische Griechen erst lange nach der Zerstörung des Vorigen, am Fuße der Burghöhe Pergamon; wurde von Alexander d. Gr. mit Privilegien versehen, durch den Römer Fimbria 85 v. Ehr. furchtbar verheert, durch Sulla dagegen und durch Julius Cäsar wieder hoch begünstigt; jetzt die Ruinen von Hissarlyk. Jlipe ist Lässig, lon^ikolia. Jlische Tafel (tabula, iliaoa), ein großes in Stuccatur gearbeitetes Basrelief, auf welchem in 50 Gruppen die Hauptbegebenheiten der Jliade dargestellt sind. Es wurde im 17. Jahrh. in den Ruinen eines alten Tempels an der Appischen Straße in der Gegend Alle Frattochie gefunden. Zuerst herausg. von Fabretti, als Anhang zu seinem Werke Ls oolumng Majani, Rom 1683, 2. Ausl. 1790; f. die Abhandlung 8ur lg tgbls iliggus im 1. Bde. der ^nngli cisli' Instituts grelrösIoAioo, Nom 1830; Reifferscheid in denselben ^nngli 1862 u. 1863. Jlissos (a. Geogr.), Flüßchen auf der OSeite von Athen, kam vom Hymettos u. durchfloß die Ebene von Athen, ohne das Meer zu erreichen, bewässerte aber das Land; das Bett des I. ist in der Regel schon bei Athen wasserlos. Jlithyia, 1) (Myth.) so v. w. Eileithyia. 2) Schmetterling, so v. w. Rüsselmotte. Jliturgis, Stadt der Turduler in Hispania Bätica am Bätis, beim heutigen Andujar. 210 v. Chr. von Scipio zerstört, wurde sie nachher unter dem Beinamen Forum Jnlium wieder aufgebaut. Jlrum (a. Geogr.), so v. w. Ilion. Jlkeston, Stadt in der engl. Grafschaft Derby, am Erewash, Eisenbahnstation; Strumpfwirkerei, Spitzeuklöppelei; 9662 Ew. In der Nähe Steinkohlengruben u. Mineralquelle. Jlkhan (mongol., d. i. Anführer im Krieg), I) bei den Mongolen Titel der Herrscher; 2) (Jl- khanier) Name einer mongolischen Dynastie in Persien mit der Hauptstadt Tebris, gegründet von Hulagu (s. d.). Jlkley, Dorf im West-Riding der engl. Grafschaft Jork, am Wharfe; mehrere Kaltwasserheilanstalten (die erste wurde 1856 eröffnet); etwa 1050 Ew. Jll, 1) rechter, 60 km langer Nebenfluß des Rheins in der gefürsteten Grafschaft Tirol u. Vorarlberg (Österreich), entspringt am Jamthaler Ferner auf der Grenze gegen den schweizer. Kanton Graubünden, fließt in nordwestl. Richtung durch das Montafuner Thal, den NAbhang des Rhätikon begleitend, u. mündet unterhalb Feldkirch. 2) Linker, 205 km langer Nebenfluß des Rheins im deutschen Reichslande Elsaß-Lothringen, entspringt auf einer Vorhöhe des sranz. Jura, im Möhrenfelder Forst bei Winkel, verliert sich bald darauf unter der Erde, erscheint oberhalb Ligsdorf wieder, durchfließt die oberrhein. Tiefebene parallel mit dem Rhein u. dem Wasgaugebirge bis Schlett- stadt in fast nördlicher u. dann in fast nordöstlicher Richtung, spaltet sich bei Straßburg in 2 Arme n. mündet bei Wanzenan. Die Nebenflüsse der I., welche mit diesem Flusse, dem eigentlichen Hauptflusse des Elsaß, eine Hauptgrnndlage der Industrie dieses Landes bilden, sind: Larg, Doller, Thur, Lauch, Fecht, Gießen, Scheer, Andlau uud Brensch. Die I. ist von Ladhof bei Kalmar ab auf 98 km schiffbar und bei Straßburg der Ausgangspunkt von 2 wichtigen Kanälen, dem Nhein- Rhoue-Kanal, der den Fluß oberhalb, und dem Rhein - Marne - Kanal, der ihn unterhalb dieser Stadt verläßt. H- Berns, llana, s. Jllano. llimo (die), ein Volk auf der Insel Magin- danao (oder Mindanao), einer der größten Inseln von den Philippinen, das unter 16 Sultanen u. 17 Radschas (Häuptlingen) einen unabhängigen Staatenbund bildet n. im W. der Insel um die einschneidende Jllana-Bucht wohnt. I»sts (Jllaten, v. Lat.), so v. w. Eingebrachtes. Jllation (v. Lat.), Schluß, Schlnßfolge. Daher Jllativ, schließend, folgernd. Jllativsätze, Sätze, deren Nachsatz eine Folge od. einen Schluß aus dem vorhergehenden enthält. Ille, 1) Stadt im Arr. Prades des franz. Dep. Pyrenees-Orientales, zwischen der Tbt und dem Boulös, Station der franz. SBahn; Fabrikation von Filzhüten, Gerberei, Baumzucht, vorzügl. Obst, namentlich renommirte Pfirsiche; 1872: 3415 Ew. 2) 45 km langer Nebenfluß der Vilaine im sranz. Dep. Ille-et-Vilaine, entspringt aus dem Etang du Boulet bei Feins u. mündet bei Rennes; ist durch den Kanal d'Jlle-et-Rance mit der Rance verbunden. Ille, Eduard, Maler u. Dichter der Gegenwart, geb. 17. Mai 1823 zu München; absolvirte das Gymnasium daselbst, bildete sich von 1842 an unter Jul. Schnorr v. Carolsfeld u. Schwind an der Münchener Akademie, schrieb und zeichnete nebenher Vieles für die Fliegenden Blätter und Münchener Bilderbogen, zeichnete 1861 die Sieben Todsünden (Holzschnitt von Allgaier u. Engelhorn in Stuttgart), ferner die Fünf Temperamente (Photographie von Albert in München), die Lebenden Bilderbücher (Augsb. 1863, 1864); illustrirte Auerbachs Volkskalender, zeichnete einen Cytlus großer ^Aquarellen (Zeit- und Culturbilder aus deutscher 650 Ulscekiulli — Illiciliin. Sage u. Geschichte): 1 ) Niflungensage, 2) Parci- val, 3) Lohengrin, 4) Tannhäuser, 5) Hans Sachs und Nürnbergs Blllthezeit, 6 ) Der dreißigjährige Krieg, 7) Prinz Eugen, 8 ) Die Wacht am Rhein (alle photographirt); ferner Grimms Kinder- u. Hausmärchen (Holzschnitt von Hecht, Verlag von Dunker in Berlin), 3 Blätter. I. schr. 1850 das Drama: Kaiser Joseph II.; Gedichte (1858); Kunst u. Leben, Schauspiel (1862); Text zu Nagillers Oper: Herzog Friedrich mit der leeren Tasche. I. ist seit 1868 Titular-Professor. Regnet. Illsoodrum L., Pflanzengatt, der Fam. Oarxo- xbMaoeas-I'aionzwIiisas. Art: I. vsrtioillabnm T,., mit fadensörmigen, niedergestreckten Stengeln, verkehrt eiförmigen, stumpfen, kurzgestielten Blättern u. schneeweißen Blüthen, auf nacktem, feuchtem, vorzüglich saudhaltigein Torfboden n. an Gräben, auf Äckern in Deutschland stellenweise. Engter. Jlle-ct-Vilaine, Departement in NWFrank- reich, gebildet aus einem Theil der alten Bretagne, grenzt im N. an den Meerbusen von St. Michel (Kanal) und an das Dep. Manche, im O. an Mayenne, im S. an Loire-Jnferieure u. im W. anMorbihan u. Cötes-du-Nord; 6725,«glcm ( 122,15 OM) mit 589,532 Ew. (auf 1 O^vr 88 , in ganz Frankreich 68 ,g). Das Departement ist ein Plateau von Granit, mit Schiefer od. Thon u. sand- adern überlagert, hügelig, an den Küsten klippenreich, z. Th. auch flach u. morastig u. hier durch hohe Dämme geschützt, im Innern wenig fruchtbar, waldig, heidig u. z. Th. morastig. Flüsse sind die Vilaine mit Ille, Men, Onst, Seiche, Samuon und Cher zum Atlantischen Ocean; der Couesnon und die Rance zum Canal (letztere ist durch den Canal d'Jlle-et-Rance mit Ille u. Vilaine verbunden). Das Klima ist gemäßigt. Von der Bodenfläche werden 402,659 La als Ackerland, 72,984 da als Wiesen u. 138 da als Weinberge benutzt, 42,096 da sind Waldungen n. 105,612 da Heiden. Producte: Buchweizen, Weizen, Korn, Gerste, Hafer, Hanf, Flachs, Futter- und Zuckerrüben, Tabak, Kastanien, Äpfel, Birnen, Mais, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, im S. etwas Wein, Holz; vorzügliche Pferde u. Rinder, Schafe, Geflügel, Schweine, Bienen (die Bienenzucht blühend, liefert mehr Wachs u. Honig als in irgend einem anderen sranz. Departement), vorzügliche Butter (von Rennes, la Prevalaye), Austern (bei den Felsen in der Rhede von Cancale); Eisen-, Blei- u. Zinkerze, Granit, Schiefer, Feuerstein, Sand- u. Kalkstein, Kiesel (Renneskiesel), der sich schön schleifen läßt; Seesalz, Mineralquellen, besond. zu Guicheu. Die Industrie betreibt Eisen- u. Stahlhämmer, Hohöfen, Gerberei, Hanf- u. Flachsspinnerei, Weberei von Leinwand und Segeltuch, Töpferei, Fayence, Glas-u. Papierfabrikation rc.; an der Küste Fischerei u. Austernfang. Der Ge- sammtwerth der industriellen Producte beträgt jährlich etwa 43 Will. Fcs. Den Verkehr begünstigen außer den Flüssen u. Kanälen die Seehäfen St. Malo, St. Servan u. a., ferner verschiedene Linien der sranz.WBahn (325dm). Volksbildung: Es gab 1872 unter 100 Bewohnern über 6 Jahre 34,a Ununterrichtete, in ganz Frankreich 33,^. An höheren Unterrichtsaustalten besitzt das Departement ein Lyceum, 3 Communal-Colleges u. 8 freie Secundärlehranstalten. Das Departement gehört zum Erzbisthum, zum Appellhofe u. zur Akademie von Rennes. Eiutheilung in 6 Arrondissements: Rennes, Fougeres, Monfort, Redon, St. Malo u. Vitre. Hauptstadt ist Rennes. H- Berns. Illegal (v. Lat.), ungesetzlich, widerrechtlich; daher Illegalität, Gesetzwidrigkeit. Illegitim, ungesetzmäßig, z. B. Illegitime Kinder, uneheliche Kinder oder auch solche aus einer nicht gesetzmäßigen Ehe; daher Illegitimität, Ungesetzmäßigkeit. Jüenau, Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke bei Achern im bad. Kr. Baden,- die großen Gebäude derselben haben Raum für 40» Kranke. Vgl. Beschreibung von I., Heidelb. 1852 . Iller, Fluß in SDeutschland, entsteht im bayer. Regbez. Schwaben u. Isenburg ans der Vereinigung der Trettach (entspringt an der Mädlergabel auf der bayer.-österr. Grenze), Stillach (Quelle am Haldenwanger Kopf) u. Breitach (entsteht im Bre- genzer Walde), nimmt die Osterach, den Anbach, Äitrach, Weihung, Ach von Memmingen u. andere Flüsse auf n. mündet nach einem Laufe von 165 lcm (wovon 102 Icm flößbar sind) oberhalb Ulm in die Donau. Bei Jmmenstadt verläßt die I. das Alpengebiet, u. von Aitrach an ist sie meist Grenz, fluß zwischen Bayern u. Württemberg. H- Berns. Jllertissen, Marktflecken u.Hanptort des 571 Ostrm ( 10,51 HW) mit 32,677 Ew. in den z Landger. I., Babenhausen und Weißenhorn umfassenden, gleichnam. Bezirksamts im bayerischen Regbez. Schwaben u. Neuburg, an der Iller, Station der Bayer. Staatsbahnen; Landgericht, 2 Schlösser, Viehzucht; (1875) 1363 Ew. Jllgen, Christ. Friedr., Theolog, geb. 16. Sept. 1786 in Chemnitz; wurde 1818 Prosessor der Philosophie, 1823 Professor der Theologie u. Domherr in Leipzig; st. 4. Aug. 1844. Er stis- tcte 1814 die Historisch-theologische Gesellschaft u. war Herausgeber ihrer 1875 eingegangenen Zeitschrift; er schr.: Vita I-aslii Looini, Lpz. 1814 u. 1826, 2 Thle.; Werth der christlichen Dsgmenge- schichte, ebd. 1817; Kistoria oollsZii pirilodiblioi, 1836—40, u. a. Programme u. Predigten. Illiberal (v. Lat.), nicht freigebig; unedel, niedrig gesinnt; (jetzt gewöhnlich in politischer Beziehung) nicht freisinnig. Jlliberris (auch Jleberris, Jlybirris, Jllibe- ris) (a. Geogr.), Stadt der Sordones (im heutigen Roussillon) im Narbonensischen Gallien, an einem gleichnamigen Flusse, der sonst auch Tichis oder Tecus heißt (jetzt Tec oder Tech), eine alte, früher bedeutende Stadt, zur Zeit des Augustus aber zu einem Flecken herabgesunken; von Con- stantin d. Gr. wiederhergestellt, erhielt sie den Namen Helena, daher noch jetzt Eine. Illiclts (lat.), unerlaubt. Illiolum L., Pflanzengatt, aus der Fam. LlaZ- noliaosas-Viutsroas, immergrüne Bäume und Sträucher in NAmerika u. OAsien. I. anisatuw L. (Sternauisbaum, Badianenbaum) in China, berühmt durch seine aromatisch riechenden und schmeckenden, sternförmigen Sammelfrüchte (Sternanis, Vruotus ^nioi stwllati 8. Laäiani), die ^wie Anis gebraucht und zur Darstellung feiner Liqueure benutzt werden. I. rs1iAio8um Lr'eb. ei 651 Jlliez, Val d' F«es. in Japan, daselbst für heilig gehalten u. zur Decoration der Tempel u. Götzenbilder verwendet, auch wird mit Rinde u. Früchten geräuchert. I. Sankt auf den Philippinen, ausgezeichnet durch starken Anisgeruch aller Theile; die Früchte werden von den Chinesen gekaut, auch wird ans denselben Thee u. Liqueur bereitet; das Holz (Anisholz) wird von Drechslern u. Kunsttischlern verarbeitet. Engler. Jlliez, Val d', ein von der Viege durchström- tes, 20 km langes u. bei Monthey an der Rhone sich öffnendes Alpenthal im schweiz. Kanton Wallis, Las sich durch feine wilden Landschaften, Wasser, fälle u. seltenen Pflanzen auszeichnet u. von einem kräftigen Menschenschläge bewohnt wird. Die 2865 Bewohner leben von Alpenwirthschaft. Aus dem Thale führen mehrere Alpenpässe nach Savoyen. Jlliger, Joh. Karl Wilh., Entomolog, geb. 19. Nov. 1775 in Brannschweig; st. 1813 als Professor u. Direktor des Zoologischen Museums in Berlin; er gab heraus: Magazin fürJuscctcn- kunde, Braunschw. 1801 f., 5 Bde.; übersetzte Oliviers Entomologie, ebd. 1800, 12 Bde., und schr. u. a.: kroäromus sxstsm. mamwaiinm st avium, Berl. 1811 u. m. Jllimäni, 6503 m hohe Gebirgsspitze in der südamerikan. Republik Bolivia. Jllimitirt (v. Lat.), unbegrenzt, unbeschränkt. Illinois, 1) (I. River) Fluß in den Verein. Staaten von NAmerika, wird gebildet aus dem Des Plaines River (aus Wisconsin) u. dem Kan- kakee River (aus Indiana), welche sich bei Dresden im Staate Illinois vereinigen; er mündet nach einem Lause von 410 km in den Mississippi. Der I. ist eine wichtige Verkehrsstraße für den Staat Illinois, hat ein geringes Gesälle, mehrere seeartige Erweiterungen, von welchen der Peoria-See die bedeutendste; bis Ottawa, 350 km stromaufwärts, ist er für Dampfboote schiffbar; auf einem Theile seines Laufes (zwischen Ottawa u. La Salle) ist bei niederem Wasserstande die Schifffahrt durch Stromschnellen unterbrochen. Durch den Illinois- Michigan-Canal (von Peru nach Chicago) ist er mit dem Michigan-See verbunden, wodurch eine directe Verbindung des großen kanadischen Seensystems mit dem mejicanischen Meerbusen hergestellt ist. 2 ) Einer der Vereinigten Staaten von NAmerika, u. zwar einer der sog. Westlichen Agri- culturstaaten; grenzt im N. an den Staat Wisconsin, im NO. an den Michigan-See, im O. an den Staat Indiana (größtentheils durch denWa- bash davon getrennt), im SO. u. S. an den Staat Kentucky (durch den Ohio davon getrennt), im W. an die Staaten Missouri u. Iowa' (durch den Mississippi davon getrennt; 143,520 fUkm (2606,2 li)M) mit (1870) 2,539,891 Ew., darunter etwa 28,000 Farbige. I. ist größtentheils ein 130 bis 260 m sich erhebendes, z. Th. welliges u. z. Th. aus Alluvialboden, z. Th. ans Kohlenformationen, untermischt mit Kalkstein, Schiefer u. Sandstein, bestehendes Plateau, das sich vom Michigan-See nach SW. sanft abdacht; eigentliche Gebirge hat der Staat nicht, nur die Flußufer haben theilweise hohe, steile Uferwände; Flüsse außer den obengenannten großen Grenzströmen noch die bedeu- tendsteu: Illinois (s. d. 1 ), Kaskaskia, Embarras,! ' — Illinois. Little Wabash u. a.; unter den Seen sind, außer dem angrenzenden Lake Michigan, noch im Innern die wichtigsten: Lake Peoria n. Lake Pishtaka; Klima im Allgemeinen milder als in den am Atlantischen Ocean unter gleichen Breitengraden gelegenen Staaten, aber sehr unregelmäßig; Winter streng u. häufig frühzeitig eintretend, Sommer sehr heiß; mittlere Jahrestemperatur: -p- 8 „"R., mittlere Sommertemperatur -i- 19, 5 " R., mittlere Wintertemperatur — 2 ,g° ll.; Boden: durch- gehends von großer Fruchtbarkeit u. leicht zu cul- tiviren. Im I. 1873 waren 36,g°/„ vom Areal Ackerland, 19,^ °/° Waldung u. 19 , 2 "/» Wiesen u. Weiden. Hauptproducte sind: Mais (fast die Hälfte der starken Getreideprodnction), ferner Weizen, Buchweizen, Roggen, Hafer, Kartoffeln, Ba- taten; in dritter Linie: Tabak, Flachs, Hanf, Obst, Wein, Gartensrllchte, Ahornzucker, Honig, Wachs. Die größten Waldungen sind im N. und an den Flußufern; Viehzucht bedeutend, namentlich Rindvieh (1874 über 2 Mill. St.), Schweine (an 31 Will.), Schafe (über 1 Mill.), Pferde (926,572 St.), Maulthicre u. Esel; Mineralreich: bes. Blei, Eisen u. Steinkohlen, ferner Kupfer, Zink, Silber, Salz, Mineralquellen (bes. Schwefelquellen). Die Industrie ist im Verhältnis) zum Ackerbau ganz unbedeutend, dagegen der Handel von großer Bedeutung (vgl. Chicago); derselbe wird Lurch zahlreiche schiffbare Wasserstraßen (s. 0 .) u. durch ein stark verzweigtes Eisenbahnnetz (1875: 13,260 km) begünstigt. Eintheilnng in 102 Counties. Hauptstadt: Spriugfield; die größte Stadt des Staates ist Chicago. Verfassung. An der Spitze der Exekutivgewalt steht ein auf 4 Jahre vom Volke gewählter Gouverneur; er muß über 35 Jahre alt, Bürger der Verein. Staaten u. seit 10 Jahren Bewohner von I. sein; er kann für die nächsten 4 Jahre nach Ablauszeit seines Amtes nicht wieder gewählt werden; ihm zur Seite steht ein unter- gleichen Bedingungen gewählter Vicegouverneur (welcher zugleich Präsident des Senates ist), ein Staats- u. ein Schatzsecretär. Die Gesetzgebende Gewalt ruht in dcnHänden der 6 onoraIL.sssm- blz-, welche aus einem Senate von 51 u. einem Repräsentantenhause von 173 Mitgliedern besteht; erstere auf 4, letztere auf 2 Jahre vom Volke gewählt. Die Osneral ilssombl/ versammelt sich alle 2 Jahre im Januar zu Springfield; I. sendet zum Congreß nach Washington 2 Mitglieder in den Senat, 19 Mitglieder in das Repräsentantenhaus u. hat 11 Stimmen bei der Wahl des Präsidenten der Verein. Staaten; für Rechtspflege besteht ein aus 7 auf 9 Jahre zu wählenden Mitgliedern zusammengesetzter Oberster Gerichtshof, welcher zugleich Appellationsgerichtshof des Staates ist; sämmtliche Richter werden vom Volke gewählt (die Kreisrichter auf 6 Jahre), kein Richter ist während seiner Amtsdauer u. im nächsten Jahre darauf zu einem anderen Amte wählbar. Besondere Bestimmungen der Verfassung sind noch: Lotterien dürfen nicht stattfinden; der Staat kann ohne besondere Einwilligung des Volkes nicht mehr als 56,000 Dollars zur Bestreitung seiner Bedürfnisse borgen, ausgenommen im Falle einer > Invasion; Staatsbanken dürfen nicht errichtet 652 Illiquid — werden, legislative Acte zur Errichtung von Privatbanken müssen dem Volke zur Genehmigung vorgelegt u. von diesem durch Majorität angenommen werden, um Gesetzeskraft zu erhalten. Die Finanzen sind wohlgeordnet: die Staatsschuld betrug Ende 1875: 1,481,000 Doll. u. die Einnahmen übersteigen in den meisten Jahren die Ausgaben um ein Erhebliches. Religion: Methodisten, Baptisten u. Presbyterianer bilden die Mehrzahl der Bevölkerung. Das Uukerrichtswesen ist in guter Verfassung. 1870 gab es 6 höhere Bildungsanstalten (sogen. Universities), 48 Colle- gien u. Akademien, 17 professionelle und 10,965 Mittel- u. Volksschulen. Die Staats» und Schnl- bibliotheken enthielten 1,093,984 Bände. Wohl- thätigkeitsanstalten: das Taubstummen- n. das Blindeniustitut, das Irrenhaus u. das Staatshospital, sämmtlich zu Jacksonville, u. zahlreiche städt. Hospitale. Das Staatsgefängniß ist zu Alton. I. ist ein Theil des alten Ohiolandes, worin sich Ende des 17. Jahrh. kanadische Franzosen zu Kaskaskia u. Cahokia niedergelassen hatten. Im Frieden von Paris fiel I. gleich den anderen französischen Colonien an England, kam 1775 in den Besitz des Gouvernements der Verein. Staaten, betheiligte sich am Revolutionskriege, wurde 1787 ein Theil des West-Territoriums, 1800 Separat» Territorium unter dem Namen Indiana (vereinigt mit dem noch jetzt Indiana heißenden Staate); 1809 wurde das Gebiet Indiana getrennt u. I. eigenes Territory, 1818 wurde es als Staat in die Union ausgenommen. Die erste Cvnstitntion des Staates hatte bis 1848 Giltigkeit, eine neue wurde 2. Juli 1870 durch Volksabstimmung ra- tificirt. Schroot. Illiquid (v. Lat.), nicht flüssig; unklar, uner» wiesen. IIIitsrÄa (lat.), Tonverbindungen, welche man nicht mit Buchstaben schreiben kann, wie das Heulen, Seufzen rc.; aber auch des Schreibens unkundig, ununterrichtet. Jlliturqis, s. Jlitnrgis. Jllkirch-Grafenstaden, Ort im Kreise Erstem des Regbez. Unter-Elsaß (Elsaß-Lothringen), an der Jll u. unweit des Rhein-Rhonekanals, Station (Grafenstaden) der Elsaß-Lothringischen Eisenbahnen; bedeutende Fabrik für Locomotiven, Waggons rc.; Englische Getreidemühle, Pappdeckelfabrik, Strohhutfabrik; 1875: 4739 Ew. Noch ist in dem ehemals zum Gebiet der Reichsstadt Straßburg gehörigen I. das Haus vorhanden, in welchem am 30. Sept. 1681 die Capitulation von Straßburg unterzeichnet wurde. Dabei die Forts von der Tann und Werder, die zur Befestigung Straßburgs gehören. Jllo (eigentl. Jllow), Christ., Freiherr von I., Walleusteins Vertrauter, aus einem adeligen bran- Leubnrgischen Geschlechte, war im 30jährigen Kriege Feldmarschalllieutenant und ein abgesagter Feind bes Hauses Österreich, weil ihm der Kaiser die Bitte um Verleihung des Grafentitels abgeschlagen hatte. Am Abend vor Walleusteins Ermordung 1634 wurde er beim Mahle im Rathhaussaale zu Eger überfallen und nach der tapfersten Gegenwehr erstochen. Teicher. Jllok (vormals Ujlak), Marktflecken im slavon- Jlluminaten. ischen Comitat Syrmien (Österreich), an der Donau, Deutsch-Palanka gegenüber; altes, einst den ausgestorbenenHerzögenvonUjlakgehörigesSchloß, Franciscanerkloster, Seiden- u. Weinbau, Fischerei' römische Alterthümer; 3776 Ew. ' Illoyal, nicht redlich, nicht echt. Jlludiren (v. Lat.), 1) täuschen; 2) höhnen; 3) vereiteln. Jlluminaten (lUnmmss, Erleuchtete), Leute, welche sich eines höheren, ungewöhnlichen Grades menschlicher Vollkommenheit in der Erkenntniß Gottes u. göttlicher Dinge, wie auch einer engeren Verbindung mit der Geisterwelt rühmen. Solche Schwärmer waren schon die Alombra- dos (s. d.) im 16. u. 17. Jahrh. in Spanien, n. die Gnerinets in Frankreich seit 1623, eine Fortsetzung der Alombraoos, sie glaubten durch das innerliche Gebet so mit Gott vereinigt zu werden, daß die menschliche Seele in Gottes Wesen ganz einflösse u. menschliche Handlungen dadurch gött- liche würden, verwarfen daher gute Werke und Sacramente; aber schon 1635 wurden sie unterdrückt. Eine ihnen ähnliche Secte trat 1722 in Südsrankreich auf; sie meinte, die menschliche Natur werde sich in dem Heiligen Geist ganz auslö- sen und wurde 1794 unterdrückt. Dagegen hatte I. Mai,1776 angeblich zur Bekämpfung des moralischen Übels, zur Versittlichung seiner Glieder n, so zur höheren Ausbildung der Menschheit Professor Weishaupt zu Ingolstadt in Bayern den J. -Orden gestiftet, anfangs von ihm Gesellschaft der P ersectibilisten genannt, wobei er die Verfassung u. gesellschaftliche Form der ihm ans seinem Lehrstuhl vorangegangenen Jesuiten zum Vorbild erwählte. Blinden Gehorsam gegen die Oberen, eine Art Ohrenbeichre, die Bemühungen der Glieder, allenthalben bedeutende Männer zu gewinnen, Einfluß in die Staatsangelegenheiten und wo möglich alle Staatsämter an sich zu ziehen, monatliche Berichte über ihre eigenen moralischen Fortschritte und Beobachtungen über Andere machte er zur Pflicht. Die Geheimnisse des Ordens bezogen sich auf die in rationalistischem Geiste aufgefaßte Religion, welche auf daS Niveau der Freidenkerei gebracht wurde, und aus Politik im angegebenen Sinne. Jedes Mitglied hatte einen Ordensnamen; Länder und Städte erhielten Namen aus dem class. Alterthum; die Zeitrechnung war die persische; die Corrcspondenz geschah in Chifferschrist; der Hanptsitz war Bayern; Deutschland war in Provinzen eingetheilt. Die I. verbreiteten sich von Ingolstadt aus über München u. Eichstädt vorzüglich im kathol. Deutschland, dann auch in einigen Protestant. Ländern, u. zählten endlich über 2000, zum Theil hochstehende Männer, darunter Professor Baader, Iltzschneider, Nicolai, Bahrdt, selbst die Herzöge Ernst II. von Gotha, Karl August von Weimar, Ferdinand von Braunschweig interessirten sich für den Orden. 1780 wurde Ad. von Knigge gewonnen, welcher mit Weishaupt das System weiter ausbildete und namentlich mit der Freimaurerei (s. d.) in Verbindung brachte, dafür auch Bode gewann, sich aber, mit dem Stifter wegen der verschiedenen Ansichten über Religion und Kirchenthum, sowie wegen der verschiedenen Grundsätze über die Bildung eines Rituals u. über 653 Illumination — Jlly. die Negierung des Bundes entzweit, 1784 lossagte. Von mehreren Seiten angegriffen wnrden die I. durch den Kurfürst Karl Theodor von Bayern (Edict vom 22. Juni 1784, 2. März u. 16. Aug. 1785) aufgehoben, die Papiere mit Beschlag belegt und viele Glieder mit Absetzung, Landesver- Weisung'». Gesängniß bestraft. Die Organisation des Ordens wurde niemals vollendet. Für die Neueintretenden war die sog. Pflanzschule bestimmt. In derselben mußte der Novize, wie er zuerst hieß und als welcher er außer ,den ihn Anwerbendeu kein Mitglied kennen lernte, durch Abfassung einer ausführlichen Lebensbeschreibung u. Führung eines Tagebuches seine Tüchtigkeit Nachweisen. War dies geschehen, so trat er als Minerval in eine Art gelehrter Gesellschaft, die sich besonders mit Beantwortung von Fragen ans dem Gebiete der Sitteulehre befaßte. Wer sich als Minerval anszeichnete, wurde vom Lenker dieses Grades nnver- mmhct zum kleinen I. ernannt, u. erhielt Untergebene, über die er Bericht erstatten mußte. Dann wurde er durch die drei alten Grabe der Freimaurerei hindnrchgesührt n. erhielt darauf den Grad des großen I., dessen Aufgabe mar, die Charaktere der Mitglieder zu studiren u. diejenigen zu leiten, welche wieder Andere unter sich hatten. Auf diesen Grad folgte jener des dirigircnden I., dessen Glieder den einzelnen Ordensabtheilungen Vorständen. Auf diese» letzteren sollten noch vier höhere Grade folgen, die des Priesters, Regenten, Magiers u. Königs, welche zusammen die Mysterien hießen, aber niemals in Ausführung gebracht worden sind, obschon in denselben nach Knigges Plan erst die eigentlichen Zwecke des Ordens enthüllt werden sollten. In den vorhanden gewesenen Graden vom kleinen I. an auswärts waren Ceremonien, Symbole u. Erkennungszeichen ähnlich denen der Freimaurer eingesührt. Weishaupt und Knigge führten als Oberhäupter den Titel Areopagiten. Vgl. R. Z. Becker, Grundsätze, Verfassung und Schicksale des J-ordens in Bayern, 1786; Weishanpt, Apologie der I., Frkf. 1786; Einleitung dazu, 1787; Origiualjchriften des I.- Ordens, ebd. 1787, 2 Bde.; Knigge, Der echte Jlluminat, Edessa (Franks, a. M.) 1788; Philos (Knigge), Endliche Erklärung und Antwort rc., Hannov. 1788; dagegen: Weishaupt, Das verbesserte System der I., Frkf. 1787, n. A. 1788; Die neuen Arbeiten des Spartacus (Weishaupt) n. Philo in dem J-ordcn, o. O. 1794; dagegen: iliuminabns äiri^ons, o. 0.1794; Voß, Überden J-orden, o. O. 1799; Kluckhohns Aufsätze in der Augsb. Allgem.Zeitg., Jahrg. 1874. H-nne-Am Rhyn. Illumination (v. Lat.), eine nächtliche Beleuchtung öffentl. Plätze, Gärten, einzelner Gebäude rc. bei feierlichen Gelegenheiten. Jlluminiren (v. Lat.), erleuchten, beleuchten; dann Zeichnungen, Lithographien od. Kupferstiche mit Farben ansmalen; scherzweise so v. w. be- :auschen. Illusion (v. Lat.), 1) Betrug, Täuschung der Sinne, bes. Augentäuschungen, s. d. Art. S. 374; 2 ) täuschende Nachahmung, bei allen Kunstwerken, deren Absicht auf Nachahmung der Natur geht, ein unerläßliches Erforderniß. Daher Illusorisch, was die I. befördert; täuschend. Illustration (lat.), wörtlich Verherrlichung, emphatische Schilderung; davon abgeleitet soviel wie nähere Erläuterung durch Beispiele und bes. durch Abbildungen. Im letzteren Sinne, nämlich als Ausstattung literarischer Werke fast jeder Gattung mit in den Text gedruckten Bildern, welche den Inhalt des letzteren durch lebendige Veranschaulichung verdeutlichen, ist die I. eines der wirksamsten u. populärsten Bildnngsmittel. Ein einziger Blick auf das betreffende Bild genügt, um seitenlange Detailbeschreibungen mit einem Male verständlich zu machen. Zur Herstellung von J-en bedient man sich des Holzschnitts u. seiner Abarten, weil er als Hochdruck allein mit u. im Text zusammen auf die Presse gebracht werden kann (s. Holzschneidekunst). — Die I. ist so alt wie der Buchdruck, ja älter, da der Holzschnitt zuerst auf Herstellung von Bildern mit u. ohne Text (welcher letztere in dieselbe Tafel eingeschnitten wurde) angewandt wurde. Als ältestes illustrirtes noch ganz (auch der Text) in Holz geschnittenes Buch gilt das Bonersche Fabelbuch aus dem Jahre 1423. Nach Erfindung der Buchdrnckerknnst, d. h. des Drucks mit beweglichen Lettern, nahm auch, namentlich angeregt durch die bald darauf sich verbreitende Reformation, die I. einen raschen Aufschwung als populäres Bildnngsmittel, denn sie war damals wie heute sin eigentlichen Sinne das tägliche Brod des künstlerischen Geschmacks in: Volke: satirische Flugschriften, Reisebeschreibnngen, Fabelwerte, Erzählungen rc. entstanden im 16. Jahrh. in großer Menge. Aber erst in neuerer Zeit, nach Wiederaufleben des Holzschnitts am Ende des 18. Jahrh., erhob sich die I. zu einer höheren Bedeutung u. wahrhaft künstlerischen Weltherrschaft, theils durch Betheiligung ausgezeichneter Künstler an derselben, theils durch die dem ersten Drittel nnsers Jahrh. augehörenden Gründung von Jllustrirten Zeitungen, deren namhaftesten u. Verbreitesten in England, Amerika, Frankreich u. Deutschland erscheinen u. zusammen mehrere Millionen Leser repräsentiren. Sieben ihnen bilde! die freie Composition in Verbindung mit denWerken der Dichtkunst n. der belletristischen Literatur einen ebenso qualitativ wie quantitativ bedeutenden Stoff für die I. In Deutschland sind cs in neuerer Zeit besonders L. Richter, Ad. Menzel, Ad. Burger, B. Vantier u. viele A., in Frankreich Gavanni, Grandville, Tony Johan- not, G. Dore und Andere, welche durch charakteristische und geistvolle Holzschnittszeichnungen Außerordentliches für die Hebung der I. öeige- steuert haben. Schaskr. Illuatris (lat.), glänzend, ansehnlich, vornehm, erlaucht; bei den Römern Ehrentitel der Ritter, seit Constantin dem Großen Titel der Senatoren u. höchsten Beamten; unter den fränkischen Königen selbst königlicher Titel; seit Karl d. Gr. Titel der Herzöge u. Grafen ».später vornehmer Geistlicher; den Titel Ilinsbrisslmus bekamen im Mittelalter meist Grafen. Jlluxt, Flecken n. Hauptort eines Kreises im russ. Gouv. Kurland; mehrere Kirchen, darunter eine der Raskoluiken (Altgläubigen), Synagoge, griech. Kloster; 2500 Ew. Jlly, s. u. Sedan. 654 Jllynen. Illyrier» (Iklz-rioun, auch lUMs, bisweilen Illzwia), 1) (a. Geogr.) zu unterscheiden I. im engeren». I. im weiteren Sinne. Letzteres war seit Augnstus alles Land südl. von der Donau, welches östl. von Italien u. westl. von Thessalien u. Makedonien lag. Hier mir erstereS gemeint. Der Name ist wol aus die wildverschlungenen Gebirgsketten des Landes gedeutet. 2 Haupttheile: 1) Hierin romanrr oder barbarn und 2) Ill^ris grasen. L.) Iliz-iia romana (I. barbnra) grenzte im W. an Italien (Istrien), wovon es durch den Fluß ^.rsis, (jetzt Arsa) getrennt wurde, u. LaS Adriatische Meer, im S. an das griechische I., wo der bis Dardania schiffbare Fluß Drilon (jetzt Drin, Drino Negro u. Bianca) die Grenze bildete, im 0. an Makedonien u. Ober-Mösien (Lloosis, sn- porior, Thrakien), u. hier bildete der Oriuns (jetzt Drino in Bosnien) die Grenze, und im N. an Pannonien, wo der Lavns (jetzt Sau od. Save) als Grenze galt. Es begriff also das ganze heutige Dalmatien, Stücke von Kroatien, fast ganz Bosnien u. einen Theil von Albanien. Gebirge: Elbrus od. ^.Ibanns mono, die Grenze zwischen dem illyrischen Libnrnien u. Pannonien u. zwischen 1. u. Istrien (jetzt wahrscheinlich Monte del Carso); Lebii montss, Grenze zwischen Libnrnien u. Dalmatien einerseits und Pannonien anderseits, mit dem mono ^.rckrus (jetzt Dinarische Alpen mit dem Monte Negro) u. dem Skardus (jetzt wahrscheinlich Nissawa Gora und Scharia). Die nicht be- LeutendenFlüsse kommen vonden ebengenanntenGe- birgen u. sind außer den Grenzflüssen: Psckairius (jetzt Zermania), (titius (jetzt Kerka), Piiurus (jetzt Czettina), Istaro (jetzt Narenta, schiffbar), Lardana (jetzt Bogana), der durch den See Labeatis fließt u. von O. her den Klüusula (jetzt Drinassa) bei Skodra (Skntari) ausnimmt, Osnons (wahrscheinlich jetzt Unna), Urpanns (vielleicht jetzt Wrbas) u. Vnl- ckasus (Valäanus, Vaäasus, wahrscheinlich jetzt Bosna). Bedeutender See: paius I-nborrtrs im Gebiete des Labeates bei Skodra. Große Busen des Adriatischen Meeres: sirrns Rtnrasus od. Rbi- voirieus (jetzt Busen von Cattaro) gleich einem Fjorde; simis lüanntieus (nach der Völkerschaft Flanates) oder ^lanonious (nach der Stadt Fla- nona; jetzt Golfo di Quarnero); sinus Llanius (jetzt ohne besonderen Namen), in welchen der Naro mündet. Das Land war rauh und seine Gebirge bis in den Sommer hinein mit Schnee bedeckt, aber in den Thälern war es fruchtbar, an der Küste baute man selbst Öl n. Wein. Die Bewohner (Illyrier) zerfielen in 3 Hanptstämme, nach welchen auch das Land in drei Hanptdistricte getheilt war: 1) die llspockes od. llapz-äss (s. d.); 2)lüburniin Liburnia, an der Küste, vom Arsia bis zum Titius, (noch ein Theil des heutigen Dalmatiens; Erfinder der schnellen Schiffe Inbnrnieas od. Inburnao so. naves); 3) valmatas in Dalmatia, im südlichen Theile des Landes vom Titius bis znm Drilon u. im Innern bis zu den Lsdli monbss (erst im Jahre 23 v. Ehr. durch Statilius Taurus den Römern unterworfen). Hauptstädte von Li- burnien: Senia, Jadera, Skardona; von Dalmatien: Salona, Epidanrus, Narona, Skodra (Skntari) und Tragurium; in Japydia: Metnlum. Inseln an der Küste J-s: Kurikta, Apsorns, Ke- ladussae, Brattia, Jssa, Pharus, Kerkyra u. Melin. L. Illz-ris Arneoa (I. im engsten Sinne, späte,' auch Lpirus nova genannt), vom Drilo südöstlich bis zu den Keraunischen Gebirgen, welche es vom eigentlichen Epirus trennten; begrenzt im N. vom römischen I. (Skardus), im W. vom Ionischen Meere, im S. von Epirns, im O. von Male- donien; also der größte Theil des späteren Alba- niens. Gebirge: Skardus, LNrolcsraunii montoz gegen S., Aeropus und Asnaus und LauäLvij montss (Landschaft Kandavia; jetzt Lenia u. Gebirge von Elbassan). Flüsse: Drilo, Ardaxanns (jetzt wahrscheinlich Mafha), Panyasus (südlich von Dyrrhachium, jetzt Spirnazza), Genusns (jetzt Skumbi od. Tierma), Apsus (größerer Fluß, jetzt Beratino, resp. im oberen Lause Uzumi) u. Avus (Aoos, Hauptstrom des Landes, jetzt Viosa, Vuissn, Vovnssa). Großer, fischreicher See: I-acus I,z-ob. nibis, aus dem der Drilo kam (jetzt See von Achrido od. Ochrida). — Das Land sehr gebirgig; desholk wenig Ackerbau, mehr Viehzucht; an der Küste auch sehr fruchtbar u. überhaupt sehr volkreich. — Die Einwohner, auch Illz-rü im engeren Sinne genannt, zerfielen in mehrere, zum Theil bedeutende Völkerschaften. An der Küste viele griechische Kolonisten. Bedeutendere Völkerschaften: ^tintanss, ^mantos, Lanl-rrrtii, zu denen die kni- tksni od. kartirini u. Luliini ob. LnIIionos ge- hörten, vnssnrstas, zu denen die (kirustas gehörten, u. ein Haufe der Thrakischen Br^Zi zugezogen war, Oiraoirss rc. Diese alle sind die Vor- fahren der heutigen Albanesen od. Arnauten. Bedeutendste Städte: an der Küste: Epidamnus (von den Römern wegen des Omens im Namen Dyrrhachium genannt), im Jahre 345 durch ein Erdbeben vernichtet (s. Durazzo) und Apollonia, am rechten Ufer des Aoos (s. Apollonia); im Innern Lychnidus, am nördlichen oder südlichen User des nach ihr benannten Sees, die alte Hauptstadt der Dassaretier. Im 4 . Jahrh. verstand man unter I. alle an Griechenland im NW., an Italien im 'NO. grenzenden Provinzen. Seit Constantia dem Großen gab es ein Ilizwioum oeoräontals, welches mit Pannonien und Noricum eine Diöcese der prasksoturn Itaiias ausmachte, und eine eigene prnskeotrrra lUMoi (lllxrionm orientale), welche von dem alten, eigentlichen Jllyrien nur Iltzris Araeoa, sonst aber Dacien, Mösien, Makedonien n. Thrakien umfaßte. (Vgl. Farbiger, Alte Geographie.) Hein-mann. Jllyrien (Gesch.). Die Illyrier waren ein zahlreicher, weitverbreiteter, roher, nach Einige» mit den Thrakern verwandter Volksstamm, welche: der Natur des Landes nach in viele kleinere oder größere Völkerschaften (auch wol unter eigenen Fürsten) zerfiel. Ihre Zerrissenheit ließ sie trotz ihrer großen Menschenzahl u. weiten Verbreitung nie zu einer politischen Macht und Geltung kommen, sowie sich auch im Innern nie ein selbstständiges Staatsleben entwickelte. In I. waren auch Kelten eingewandert, hauptsächlich die Skor- disker (wol am Skardus, wie der Name zeigt), u. machten von hier ans mehrere Naubzüge, s. u. Kelten. Die ursprünglich illyrische Bevölkerung, deren letzter reiner Überrest die heutigen Albanesen zu sein scheinen, war in der Mitte des zwei- 655 Jllyrische Provinzen — Ilm. ten Jahrh. v. Chr. durchgängig, wenigstens im Binnenlande, stark gemengt mit keltischen Elementen u. die keltische Bewaffnung u. Kriegsweise sind hier wol überall eingeführt. Bardylis, einer der einheimischen Häuptlinge, zwang den König Ale- xander von Makedonien, um 394 v. Chr., znm Tribut n. nahm ihm Gebiet ab u. König Perdikkas von Makedonien mußte seinen Widerstand gegen die Illyrier mit dem Leben büßen. Erst Philipp II. entriß ihnen 359 Alles wieder u. unter- warf sich auch I. Klitos u. GlankiaS, Söhne des Bardylis, suchten sich wieder frei zu machen, wurden aber von Alexander d. Gr. im Gehorsam erhalten. Glaukias stand dem Antigonos bei, verlor aber darüber Epidamnos u. Apollonia. Pyr- rhos, König von Epiros, eroberte auch das übrige Gestade J-s, welches jedoch Agron wieder gewann. Dieser, Herr von Skodra (Skutari), hatte die illyrischen Völkerschaften (etwa die heutigen Dalmatiner, Montenegriner u. NAlbanesen) zu gemeinschaftlichen Piratenzügen im großen Stil vereinigt, gegen welche die am meisten heimgesnchten griech. Ansiedelungen, Inseln und Kllstenstädte Jssa (Lissa), Pharos (Lesina), Epidamnns (Durazzo) u. Apollonia endlich Hilfe bei den Römern suchten. Einer der nach Skodra vom Senate geschickten Gesandten wurde ermordet u. die Auslieferung der Mörder verweigert. Dies gab den Anlaß zum illyrischen Kriege (Seeräuberkrieg) 229 v. Chr. Die Königin Teuta, Wittwe Agrons u. Regcntin für ihren unmündigen Sohn Pinnes, in ihrem letzten Zufluchtsorte belagert, mußte die von Rom dictirten Bedingungen annehmen: Abtretung einer großen Strecke des Küstengebietes, bedeutende Beschränkung der Schifffahrt u. einen jährlichen Tribut nach Rom. Pinnes erhob sich zwar mit ganz I. gegen Rom, aber umsonst; ebenso erfolglos waren mehrere spätere Versuche der illyrischen Fürsten, sich von dem Römerjoche zu befreien, so der des Königs Gentius (s. d.). 176 v. Chr. wurden die Libnrner unterworfen, 128 die Japyden u. 119 die Dalmatier von L. CäcilinS Metellns geschlagen; 49 v. Chr. besiegte Cäsar die Illyrier bei einer neuen Empörung; 39 v. Chr. wurden sie von Asinius Pollio wieder geschlagen u. endlich 23 v. Chr. durch den Sieg des Statilius Taurus völlig unterworfen u. das Land unter dein Namen Jllyricum zur römischen Provinz gemacht. I. wuchs seitdem an Wohlstand u. Ansehen; die Illyrier, bes. die Dalmatier, bildeten ein wesentliches Element der röm. Legionen; mehrere Schriftsteller, wie Appianus, u. inehrere hohe Staatsbeamte, selbst Kaiser (z. B. Valens) waren Illyrier. Als Theodosius theilte, kam das eigentliche I. zum abendländischen Reiche, bis es 476 ein Bestandtheil des Byzantinischen Kaiserthums wurde. Um 550 ließen sich slavische Colonisten, ans Rußland kommend, in I. nieder, die sich bald unabhängig machten u. die Königreiche Dalmatien u. Kroatien (s. b.) stifteten. 1020 kam das ganze Land wieder unter Byzantinische Herrschaft, allein 1040 riß es sich von Neuem los. Im 11. Jahrh. entstand auch das Reich Rascien, welches später in Serbien und Bosnien zerfiel, aus illyrischen Provinzen. Die nordwestlichen Provinzen des alten I. wurden in derselben Zeit zum Deutschen Reiche geschlagen und bildeten das Herzvgihnm Kärnten, Kram, die Grafschaft Görz u. Gradiska. So in mehrere Besitze zersplittert, war I. bald von eigenen, unabhängigen Fürsten als Kroatien, Dalmatien, Bosnien, Serbien, Kärnten u. Krain regiert, bald von den Ungarn, bald von den Byzantinern, bald von Venedig theilweise bezwungen; dennoch bestand der alte Name I. noch immer. Zu Anfang des 15. Jahrh. erwarb Venedig sich besonders das Küstenland am Adriatischen Meere, worüber es vielfache Kämpfe mit den Türken zu führen hatte, bis es sich endlich nur auf einen schmalen Küstenstrich beschränkt sah. Der Paffarowitzer Frieden (1713) vermehrte aber das Gebiet Venedigs am Adriatischen Meere, u. der Name I. kam um diese Zeit fast nur bei den venetianischen u. türkischen Besitzungen am Adriatischen Meere vor, wo man Türkisch I. u. Venetianisch I. unterschied. 1797 kam Venetianisch I. Lurch den Frieden von Campo Formio an Österreich. Das Weitere s. u. Jllyrische Provinzen. Hemem-mn. Jllyrische Provinzen, 1) neues, 1809 nach dem Frieden von Schönbrunn creirtes, von Frankreich abhängiges Gouvernement, begriff die Grafschaft Görz u. das Gebiet von Monfalcone, Triest, Krain, den Villacher Kreis von Kärnten, den größten Theil von Kroatien, Fiume, das ungarische Littorale u. Istrien, so daß die Save die Grenze zwischen Österreich u. dem Gonvernement bildete. Mit diesem vereinigte Napoleon noch die vormalige Republik Ragnsa, und nun umfaßte dasselbe etwa 49,560 sssslcm (900 HZM), hatte 1.275.000 Ew. u. erhielt 1811 eine definitive Organisation. Nach dem Pariser Frieden kam das Land wieder an Österreich zurück, das im August 1816 aus dem größten Theil desselben ein 2) Königreich I. bildete; es umfaßte die Herzogthiimer Kärnten, Krain, Friaul, Istrien, das ungarische Küstenland, einen großen Theil vom heutigen Kroatien, nebst Inseln im Golf von Quarnero, zusammen 28,450 Uslrm (516„ HZM) mit etwa 1.290.000 Ew., u. wurde eingetheilt in die beiden Gouvernements Laibach mit Kärnten und Krain, u. Triest mit Stadt u. Gebiet Triest, dem Jstria- ner u. Görzer Kreise. Dieser ehemalige Bestand des Königreichs wurde durch die rreue Staatsein- theilung von 1849 aufgelöst; Kärnten und Krain sind besondere Herzogthiimer, Görz u. Gradiska eine gefürstete Grafschaft, Istrien eine Markgrafschaft u. die Stadt Triest mit der nächsten Umgegend ein besonderes Gebiet geworden, nachdem schon 1822 das ungarische Küstenland u. Kroatien abgetrennt u. mit Ungarn vereinigt worden waren. 3 ) (Türkisch-I.) umfaßte Serbien, Bosnien u. einen Theil von Kroatien u. Dalmatien. H. Berns. Ilm, I) Fluß in Thüringen, entsteht am Nord- abhange des Thüringer Waldes bei Stlltzerbach aus 3 Qnellbächen, dem Freibach (entspringt au der Schmücke), dem Taubach (am Finsterberg) u. der Lengwitz, durchfließt den Manebacher Grund, tritt bei Ilmenau aus dem Gebirge, geht durch das Schwarzburgische, durch das Meiningische u. Weimarische u. fällt hier nach einem 105 üm langen Lauf bei Großheringen unterhalb Sulza in die Saale. 2 ) (Stadt I.) Stadt im Landrathsamte Nu- 656 Jlme — dolstadt des Herzogthums Schwarzburg-Rudolstadt, an der Ilm; Schloß, Wollenspinnerei u. Weberei, Eisengießerei, Lohgerberei, Orgelbau, Waldwollenfabrikation; 1871: 2821 Ew. — Geburtsort des Schriftstellers Theodor von Grimm u. des Com- ponisten Albert Methfessel. Hier 1599 Hauptreceß betreffend die Theilung der Schwarzburgischen Länder. 3) Nebenfluß der Donau im bayer. Regbez. Oberbayern, entspringt westl. vom Pippinsried u. mündet westl. von Neustadt bei Vohbnrg. H- Berns. Jlme, Fluß in der preuß. Prov. Hannover, entspringt auf dem «sollingerwalde u. mundet unweit Eimbeck links in die Leine. Jlmen (Jlmensee), See im rnss. Gouv. Nowgorod, 45 km lang u. bis 37 km breit, 918 Hskw umfassend; seine bedeutendsten Zuflüsse sind Echelon, Lowat, Polomet n. Msta, sein schiffbarer Abfluß der Wolchow (in den Ladogasee). Ilmenau, 1) Stadt im Verwaltungsbezirke Weimar des Großherzogthums Sachsen-Weimar- Eisenach, an der Ilm u. in malerischer Lage am Fuße des Thüringer Waldes; Justizamt, Bergamt, Forstinspection, 1 Kirche, Schloß, Gewerbeschule, Kaltwasserheilanstalt u. Fichtennadeldampf- bad mit großem Badehaus seit 1866, Fabriken- sür Stahl-, Porzellan-, Thon- und Papiermache- waaren, Glas und Glaswaaren, Thermometer, Barometer, Handschuhe, Gußstahl, Bnchdrnckfarben, Spiel- u. Schnhwaaren re., Gerberei, Leimsiederei, Bergbau ans Eisen, Braunstein und Flußspath (ehemals auch ans Silber), Mühlen, Handel mit Produkten des Bergbaues n. Holz; 1875: 3760 Ew. — In der Nähe der Gickelhahn (s. d.). I. gehörte früher den Grasen von Käfernbnrg (die Burg I. wurde 1290 auf Befehl Rudolfs von Habsburg zerstört), dann von 1343—1585 zur Grafschaft Henneberg, kam 1631 an Knrsachsen n. 1666 an Weimar. I. war einst ein Lieblingsort von Goethe. Vgl. Fils, Bad I. u. seine Umgebung, 2. Aufl., Hildbnrgh. 1873. 8) (Elmenau), 105 km langer Nebenfluß der Elbe in der preuß. Landürostei Lüneburg; entspringt unweit Bodenteich , fließt an Lüneburg vorüber, wo sie schiff- lar wird, nimmt die Luhe auf und mündet bei Hope. H- Berns. Jlmenit, so v. w. Titaneisenerz. Jlmensee, so v. w. Jlmen. Jlminsier, Marktflecken in der engl. Grafschaft Somerset am Chard-Kanal; 4 Kirchen, Lateinische Schule, Tuch- u. Seidenfabrikation,Spitzenklöppelei, Gerberei, Malzdarre, Handel mit Vieh u. Wolle; 2431 Ew. Jlo, Hafenstadt im peruan. Dep. Moquegua, Ausgangspunkt der Eisenbahn nach Moquegua. Jlocana, Sprache auf der Philippinen-Jnsel Manila, dem Tagalischen verwandt, gehört zur Gruppe der Malaiischen Sprachen. Grammatik von Fr. Lopez, Manila 1792. Jlorin, Stadt in Joruba, Westafrika, lebhafter Transithandel, angebl. 70,000 Ew. Jlos, 1) Sohn des Dardanos u. der Bateia, König von Dardania, dem in der Herrschaft fein Bruder Erichthonios folgte. 2) I., Sohn des Tros u. der Kallirrhoe, Vater des Laomedon. Er gründete Ilion in dem Thale der Skamandros, der Sage nach an der Stelle, wo ein ihm voran- Jltizam. gehendes Rind sich niederlegte. Zeus gab ihm z für dieselbe das Palladion, das er im Tempel der g Pallas aufstellte. Er kriegte mit Tantalos, weil s ihm derselbe seinen Bruder Ganymedes geraubt - hatte, und vertrieb den Räuber mit dessen Sch,, ! Pelops ans seinem Reiche Paphlagonien. Sem 1 Grabmal befand sich in der Ebene von Ilion. , Jlostvay, Peter, ungarischer Dichter der zwei- i ten Hälfte des 16. Jahrh.; dichtete u. A. die E Historie von den ausgezeichneten Thaten u. dem Heldeumuth des berühmten Nikolaus Tholdi, Klausenb. 1594, welche die Grundlage vonAranvz Epopöe Toldi bildete. Jlotv, so v. w. Jllo. Ilse, Fluß im preuß. Regbz. Magdeburg, entspringt im preußischen Kreise Wernigerode auf dem ^ Brockengebirge aus 2 Quellen, von denen die eine zwischen dem Renneckenberge u. der Heinrichshöhe liegt u. die andere der Hexenbrunncn in 1227 m Meereshöhe am Nordabhange des Brockens ist, fließt durch das reizende J-thal mit dem J-nstein, bildet die J-nsälle, verläßt bei J-nburg den Harz u. mündet bei Börssum im braunschweig. Kreise Wolfenbüttel in die Ocker. ! Jlsenburg, Marktflecken im Kreise Wernigerode des preuß. Regbez. Magdeburg, in der ehemaligen Grafschaft Wernigerode, am Austritt der Ilse aus dem Harz; altes u. neues gräfliches Schloß (letzteres Bothobau, mit hübschem Schloß- garten), Gestüte, bedeutende Eißengießerei, in der auch Kunstgnßgegenstände gefertigt werden, Maschinenfabrik, Drahtwalzwerk, Papierfabrik, Eisenschlacken-, Kiefernnadeln- u. Dampfbäder, Molken- kuraustalt; 1875 : 3429 Ew. — In der Nähe eine Stahlquelle u. der Jlsenstein, ein 75m hoher, fast senkrechter Granitfels, auf dessen Spitze ein 1814 errichtetes eisernes Kreuz; merkwürdig ist i die hier stattfindende bedeutende Abweichung der Magnetnadel. Das alte Schloß I., Wahlschein- s lich von Heinrich I. erbaut u. ehemals kaiserliche ! Burg, kam durch Schenkung 1003 an den Bischos von Halberstadt, der eine Benedictinerabtei darin gründete. Nachdem das Kloster 1572 in den Besitz der Grasen von Wernigerode gekommen war, ließen diese es wieder zu einem Schlosse umbaue», das dann bis 1710 ihre Residenz war. Vgl. Jacobs, Urkundenb.des Klosters I., Halle 1875. H- Berns. Jlsha, Stadt, so v. w. Jlza. Iltis, Uustsla kutorius D., Art aus der Gatt. Nusbsla. (kutorius), Raubthierfam. der Marder. 40 ew lang, Schwanz 15 om. Grundwolle des Balges hellgelb, Grannen kastanienbraun, Unterseite u. Beine tiesbraun, Mund u. Ohrenrand weiß. Ranzzeit im Februar, bringt 3 bis 6 Junge; Aufenthalt in NEuropa u. Asien (in Deutschland gemein), auf Gehöften, an bewachsenen Gräben u. Bächen. . Raubt Geflügel, kleinere Säuger, wie junge Hasen, frißt gern Eier, Fische u. a., ist daher der Jagd ^ und Landwirthschaft nachtheilig. Der Winter- r balg dient zu gutem Pelzwerk, doch bleibt er I lange übelriechend; sein Werth stellt sich auf 4 Mark. Der I. wird selten geschossen, meist in Tellereisen, im Schwanenhälse, in J-fallen (Marderfallen) u. J-garnen (feiner als Hasengarne) gefangen. Ein Albino des I. ist das Frettchen. Farwick. . Jltizam, in der Türkei die vom Boden u. ' Jlva — Jmandra. 657 dessen Ertrag erhobene Steuer, sowie deren Verpachtung an Private. Jlva, lateinischer Name der Insel Elba (s. d.); griech. Äthalia. Jlvätes (a. Geogr.), ligurische Völkerschaft, welche bei dem Ausstand der Gallier nach Beendigung des 2. Panischen Krieges sich besonders hervorthat u. Placentia eroberte; sie gehörte zu der am längsten den Römern widerstehenden. Ilversgehofen, Kirchdorf in dem prcuß. Regbez. u. Landkreise Erfurt, an der Schmalen Gera, Güter-Station (nur für den Salztransport) der Thüringischen Eisenbahn; Fabrikation von Papier u. Cichorien; 1875: 2448 Ew. Dabei auf dem Johaunisfclde ein neuerdings angelegtes Bergwerk mir ca. 400 in tiefem Schacht. Jlz, 54 km langer, linker Nebenfluß der Donau iu dem bayer. Regbez. Niederbayeru, entsteht unterhalb des Schlosses Fürsteneck aus der Vereinigung der Bayerischen u. Hochstiftischen od. Passauer I., die ans dem Böhmer Walde entspringen, fließt durch ein enges Thal nach S. u. mündet bei Passau. Jlza (Jlsha), Stadt im polnisch-rnss. Gouv. Radom, starke Töpferei, Fischfang (in dem naheliegenden See); 2990 Ew. Jmad, Muhammed I. Eddin, geb. 1125 iu Jspahan; lebte am Hose Saladins u. st. 1201 in Damast; Verfasser einer Geschichte der Eroberung Jerusalems durch Saladin, eines Divan, einer Geschichte der Feldzüge Saladins in Syrien. Jmaainabel, denkbar, erdenklich. Imaginär, in der Einbildungskraft beruhend, vermeintlich, eingebildet. Imaginäre Größen, in der Algebra alle gerade Wurzeln aus negativen Zahlen, im Gegensatz zu reellen (wirklichen) Größen, welche in bestimmten Zahlen genau od. doch wenigstens annähernd ausgedrllckt werden können. Imagination, die Einbildungskraft; bes. die repro- ductive I., im Gegensatz der productiven (Phantasie), auch irrige Vorstellung von Etwas. Imaginär (v. Lat.), nur in der Einbildung bestehend. In der Math, heißt imaginäre Z'ahl jede Zahl, welche die Quadratwurzel aus —1, geschrieben /—I, zum Factor hat, z. B. die Quadratwurzel aus einer negativen Zahl. /—1 ist weder -i-1, noch —1, überhaupt weder eine positive noch negative, ganze od. gebrochene Zahl, also in der Reihe der natürlichen Zahlen nicht zu finden. Dennoch kommt sie oft vor, u. es muß mit ihr gerechnet werden, sie wird allgemein mit 1 bezeichnet. So ist z. B. /—9 — 3/—1 — 31. Buchrucker. Imago (lat.) 1) gemaltes od. plastisches Bild. In Rom hießen Imagings die aus Wachs gefertigten Ahnenbilder od. Wachsmasken, welche im Atrium der vornehmen Römer in eigenen dazu gemachten kleinen Schränken (Lwomria.) an der Wand hingen, durch Laubgewinde derart verbunden, daß sie in ihrer Gesammtheit einen Stammbaum in der Familie bildeten. HtmU, darunter angebracht, enthielten Namen, Würden n. Thaten des Verstorbenen. Das jns imaZivum, das Recht solche Bilder aufzustellen, hatten nur diejenigen, von deren Vorfahren einer oder mehrere eines der curulischeu Aemter (Aedilität, Prätur oder PiererS Nniversal-TonverlotionL-Lerilon. k. Aufl. X. ! Lonsulat) bekleidet hatten; vgl. Eichstädt, Vs ima- Mnlbus Romanorum, Jena 1805, Petersb. 1806; 2 ) vollkommenes Jnsect, Gegensatz von Larve u. Puppe. Lagai. Jmäm (arab., der Vorsteher), 1) moslimischer Geistlicher; die J-s, deren Kenntniß sich gewöhnlich nur auf das Koranverstäudniß erstreckt, versehen den Gottesdienst in den Dschamis (Moscheen), rufen die Moslims von den Minarets herab zum Gebete, verrichten die Beschueidung rc. Sie stehen, vom Volke gewählt u. von der weltlichen Obrigkeit bestätigt, unter deren Gerichtsbarkeit auch in bürgerlichen u. peinlichen Dingen. In geistlichen Angelegenheiten sind sie unabhängig, können auch ihr Anit niederlegen u. in den Laienstand zurücktreten. Sie tragen einen breiteren, anders gestalteten Turban, lange Bärte u. Ärmel, genießen besondere Rechte u. können nicht am Leben gestraft werden, ohne der geistlichen Würde entlassen zu sein. Ein Türke verliert die Hand, ein Christ das Leben, wenn er einen I. schlägt. Auch der Sultan heißt als Oberhaupt der geistlichen u. weltlichen Angelegenheiten I. 2 ) Die 12 J-s von Irak, Nachkommen des Ali u. der Fatime, dercnHerrschaft in Medina nach dem Tode Osnians neben dem Khalifat bestand. Ali wurde nämlich nach Osmans Tode nicht allgemein, sondern hauptsächlich von den Persern anerkannt, u. sein Sohn Hasan, der ihm 660 folgte, überließ nach sechs Monaten dem Moawijah das streitige Khalifat u. nahm Hedschas u. zur Residenz Medina. Auch schon diese beiden werdenzuden J-s gezählt. Auf Hasan folgte 670 sein Bruder Hosein, den aber der Khalif Jezid I. bekriegte u. der 680 bei Kerbela getödtet wurde. Sein Sohn Ali Zein el Abidin, berühmt durch seine große Tugenden, st. 694, u. sein Sohn Mohammed el Bakir wurde 734 aus Befehl des Khalifen Hescham vergiftet, dessen Sohn Dshaafer-es-Sadik, ein weiser, wahrheitsliebender Fürst, st. 765 (774). Er bestimmte seinen jüngeren Sohn, Muss al Katsim, zu seinem Nachfolger, aber Harun al Raschid ließ diesen 799 gefangen nehmen u. in Bagdad umbringen. Dessen Sohn, Ali Ridha, Mitgrlluder der Orden u. Regeln der Sofis, st. 818, vom Khalifen el Mamum vergiftet. Sein Sohn Mohammed el Dschewwad wurde 833 Nachfolger Mamums, st. aber schon 835. Darauf herrschte sein Sohn Ali Askeri bis868 u. Hasan Askeri bis 873. Unter seinem Nachfolger Abul- kasem Mohammed al Mahdi ging das Jma- mat unter; die schiitischen Perser glauben, daß Abulkascm noch lebe u. am Ende der Welt wieder erscheinen werde. Sie verehren die 12 J-s mit vielem Aberglauben u. setzen ihre Namen auf ihre Münzen. 3 ) (Zeiditen, Zijaditeu) die Herrscher von Jemen von 818—1517, s. Arabien (Gesch.); bes. 4 ) die Nachkommen des Scherns Eddin, im 16. Jahrh. Herrscher in den Gebirgen von Jemen; jetzt noch 5 ) der Herrscher von Mascat. Jman, (arab.) der Glaube bei den Mohammedanern u. das Glaub ensbekenntniß im Allgemeinen. Jmandra, See im russ. Gouv. Archangelsk, aus der Halbinsel Kola, 851 Hjkm (15,^ djm) groß, den größten Theil des Jahres mit Eis be- Barii,. 42 658 Jmaos — Jmmediat. deckt, fließt durch die Kandalakscha in den Golf vonKandalakscha,einenBusendesWeißenMeeres,ab. Jmaos, bei den klassischen Geographen das mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge im N. Afghanistans u. Indiens, dessen Grenzen bei der ungenügenden Bekanntschaft nicht genau angegeben werden, ungefähr der jetzige Hindukoh u. W.-Hima- laja und der Muztagh im N. von diesem. Der Name entspricht dem sanskrit. Himavant. Die östliche Fortsetzung der Himalaja wird Lmoäus od. 2s- moäus genannt — dem sanskr. Laiiuavata. Jmarets (arab.), Wohlthätigkeitsanstalten aller Art, meist neben den Moscheen befindlich. Jmatra, Dorf im russisch-finnländischen Gouv. Wyborg; dabei der Wasserfall (Jmatrasall) der Woxa od. des Wuoxen, der aus dem Saimasee kommt. Der Fluß, dessen Bett hier fast bis aus 4 seiner Breite eingeengt wird, fällt auf eine Länge von 715 m um mehr als 30 m u. stürzt dabei 10,z m senkrecht herab. Die Gewalt der Wogen zersplittert die stärksten Bäume, und das Donnergetöse des Wassers hört man schon in einer Entfernung von 11 üm. Jmbccil (v. Lat.), geistig schwach, einfältig, dumm, blödsinnig; daherImbecillität, Schwäche, Dummheit, Blödsinn. Jmbert, Barthelemy, franz. Dichter,geb. 1747 in Nimes; st. 23. Aug. 1790 in Paris; schrieb das Gedicht: Iw zuFsmsnt äskuris, Amst. 1792; Rabies Par. 1773; Historisttss st nouveliss eu vors, ebd. 1774; den Roman: Iws sAnismous äs 1'nmonr, Par. 1793, 3 Thle. (deutsch von K- G. Lessing, Berl. 1777, 2 Thle.); Oeuvres xos- tiguss, Haag 1777, 2 Bde. Jmbibircn (v. Lat.), 1) einlangen; 8) (Maler.) anseuchten, tränken. Imbibition, die Aufnahme von Wasser zwischen die Moleküle organisirter Gebilde; dieselbe hat eine Vergrößerung des Volumens der organi- sirten Substanz zur Folge, während anderseits die Abgabe des Wassers ein Zusammenwirken der Moleküle u. demzufolge Verkleinerung „bewirkt. Engier. Jmbro (Jmbros), Insel im Ägäischen Meere, nordwestlich von der südlichen Einfahrt in die Straße der Dardanellen (Hellespont), zum türk.« kleinasiatischen Vilajet Dschesairi-bahri-sefid (Bilajet der Inseln des Weißen Meeres) gehörig; gebirgig und im Innern mit Waldungen bedeckt; etwa 220 djlkm (4 djm) groß mit ungefähr 4000 Ew., welche Bienen- u. Ziegenzucht treiben. I. ist Sitz eines griechischen Metropoliten. An der Ostseite der Insel lag die alte Stadt gleichen Namens, von welcher sich noch Üeberreste vorfinden; in deren Nähe liegt Kastro, der jetzige Hanptort der Insel. H- Berns. Jmbroglio (ital.), 1) Verwirrung, Gewirr; 2) unregelmäßige Accentuation, wodurch der Eindruck des gleichzeitigen Herrschens einer geraden und ungeraden Tactart hervorgerufen werden kann; hierher gehört auch das Tempo rubato (vielfach bei Chopin). Jmerethi (Jmeretien, im Alterthum Kolchis), seit 1442 ein Königreich in Transkaukasien, bei der Theilung Grusiens durch den Zaar Alexander I. von Grusien entstanden, wurde 1802 mit Rußland vereinigt u. bildet jetzt den größten Theil des Gouv. Kutais. Jmhof, Heinrich, Bildhauer, geb. 14. Mai 1798 zu Bürgten in der Schweiz, st. zu Rom 4. Mai 1869. I. bildete sich unter Dannecker u. Thorwaldsen, ward 1836 nach Athen berufen u. kehrte 1839 nach Rom zurück. Seine Arbeiten sind von hoher Feinheit der Composition und vollendeter Technik. Hauptwerke: Eva als Mutter alles Lebendigen (im Bundespalast zu Bern); Madonna; Ruth; David mit dem Haupte Goliaths; Hagar, Rebekka, Jakob; Der Knabe Jesus im Tempel. Regnet. Jmhof, Amalie v. I., s. Hellvig. Jmidbasen, so v. w. Jmide, s. Amide. St. Jmier, Val, s. Jmmerthal. Jmitiren (v.Lat.), nachahmen, daher Imitation, Nachahmung. Imitator, Nachahmer, Nachäffer. mker, so v. w. Bienenzüchter, m Lichten, bei Angabe des Maßes eines hohlen Gegenstandes die Bezeichnung, daß die Einfassung desselben nicht mit gerechnet, sondern das Maß von innen genommen ist, daher das Lichte, die Lichtbreite. Jmmaeulirt (V.Lat.), unbefleckt. Jmmacu- label, unbefleckbar. Jmmaculateneid, Eid, wodurch früher an mehrereu Universitäten die Docenten zur Verteidigung der unbefleckten Empfängnis) (Immaculata coucsxtm) der Mutter Jesu sich verpflichteten. Immanent (lat.), 1) innewohnend, innerlich; 2) in einer Sache (Begriff) bleibend, im Gegensatz von tranSeuut (vorübergehend) od. transscen- Lent (darüber hinausgehend); so Immanente Ursache, eine in einem sich verändernden Dinge liegende Ursache, wie nach Spinoza Gott die immanente Ursache der Welt. Kant bezeichnet den innerhalb der Erfahrungswelt sich bewegenden Vernunftgebrauch als immanent, den diese Grenze überschreitenden dagegen als transscendeut. Immanenz, das Jnnwohneu, Anhaften. Jmma- niren, innewohnen, anheften. Immanuel, so v. w. Emanuel. Jmmacescibel (v. Lat.), unverweslich. Jmmaterial (v. Lat.), nnkörperlich. Im Materialismus, so v. w. Spiritualismus. Jmma- terialist, der den Geist nicht für einen Theil der Materie hält. Jmmaterialität, 1) Unkör- perlichkeit, Stofflosigkeit; 2) Freiheit von jeder Beschränkung durch die Materie. Jmmatriculiren (v. Lat.), einschreiben, eiu- zeichnen, besonders aus Universitäten unter die akademischen Bürger aufnehmen; daher Immatrikulation, Einzeichnung. Jmmediat (v. Lat.) unmittelbar; in der ehemaligen deutschen Reichsverfassung der Regierung des Kaisers u. Reichs unmittelbar unterworfen; daher J-bauern, J-städte, J-stände, J-stifte, solche, welche bei der ehemaligen deutschen ReichS- verfassuug unmittelbar unter Kaiser und Reich standen, so daß keine landesherrliche Gewalt zwischen beide trat. Jmmediatisirte Fürsten, reichsunmittelbare Fürsten, welche vollständige Landeshoheit hatten. J-b efehl, direct vom Landesfürsten od. der höchsten Landesbehörde ausgehender Befehl. J-comMission, Commission, ! welche nicht unter einem Collegium, sondern un- Jmmcmonalvürjährung — Jmmermann. 659 mittelbar unter dem Landesherrn, resp. Landes- regieruug, steht. J-gesuch, unmittelbar beim Landesherrn od. der höchsten Regierungsbehörde eingereichtes Gesuch. J-stadt, unmittelbare, der Provinzialregierung unterstehende Stadt, so v. w.. kreiseximirt. J-verfahren, unmittelbares Vorgehen des Landesfürsten od. der Landesregierung in Berwaltungs- u. Justizsachen. Jmmediati> siren, die Reichsunmittelbarkeit verleihen (ini alten deutschen Reich). Lag-». Jmmemorialverjähruug, eine Verjährung über Menschengedenken. Immen, so v. w. Hautflügler. Jmmenhauscn, Stadt im Kreise Hofgeismar des preuß. Regbez. Kassel; Pfarrkirche von 1409; 1875: 1303 Ew. — I. ward Stadt durch den Landgrafen Heinrich I. In der Kirche dieser Stadt ließ Philipp der Großmllthige die erste evangelische Predigt in Hessen halten. In der Nähe Eisensteingruben. Jmmenkäfer, Iriolloäso Leibst., Gattung der Fam. Buntkäser; Körper schlank, eingeschnllrt; dunkelblau mit rothen Querbinden. Die Larven leben von Bienenbrnt, sind lang gestreckt u. tragen auf dem Thorax eine größere u. zwei kleinere Hornplatten. Das letzte Hinterleibsringel ist hornig u. gegabelt. Die Käfer leben auf Doldengewächsen. D. apiarino T., 15 wm, stahlblau, rauhaarig, Flügeldecken mit drei breiten zinnvberrothen Binden. Farwick. Immens (v. Lat.), unermeßlich, ungeheuer groß; daher Immensität, Unermeßlichkeit, ungeheure Größe. Jmmenstadt, Stadt im Bez.-Amt Sonthofen des bayer. Regbez. Schwaben u. Neubnrg, sehr malerisch gelegen, an der Staufener Ach unweit ihrer Mündung in die Iller, Station der Bayer. Staatsbahnen; Landgericht (Bezirk 15,394 Ew.), Kapuzinerkloster, Waisenhaus, Fabrikation von Bindfaden u. Käse, Leinwandhandel; 1875: 2486 Ew. — I. ward 1473 Stadt durch Kaiser Friedrich IH. u. kam 1805 an Bayern; gehörte früher den Grafen von Königsegg-Rothenfels. 29. Juli 1873 wurde die Stadt durch einen Wolkenbruch arg verwüstet. Dabei die Ruinen ihrer Burg Rothenfels. In der Nähe u. nordwestlich von I. liegt der Alp-See; östlich wird es vom Grünten (1733 w) u, dem Hörnle (1696 w), westlich vom Mittag (1494 w), Steineberg u. Stuiben (1764 m) überragt; südl. im Hintergründe im weitem Halbkreise erheben sich die Algäuer-Alpen. H- Berns. Jmmensnrabel (v. Lat.), unermeßlich, unmeßbar; daher Jmmensurabilität, Unmeßbarkeit. St. Immer (St. Jmier), Kirchdorf im Bez. Courtelary des schweizer. Kantons Bern, im St. Jmmerthale; Uhren- u. Spitzenfabrikation; 1871: 5714 Ew. — St. I. ist nach dem hl. Immer genannt, der hier im 7. Jahrh. als Ansiedler lebte. Jmmergiren (v. Lat.), ein-, untertaucheu; daher Jmmergeten, so v. w. Wiedertäufer. Immergrün, 1) Vinea; 2) Heckern (Epheu); 3) Lsmpsrvivum (Hauswurz); 4) Onpims Imursola,. Immergrüne Pflanzen find solche, deren mit stark verdickter Oberhaut versehenen Blätter befähigt sind, den durch den Wechsel der Jahreszeiten bedingten schädlichen Einflüssen Widerstand zu leisten und wenigstens länger als ein Jahr auszudauern. Iinmemto (lat.), unverdient, ungerecht. Jmmermann, Karl Leberecht, deutscher Dichter, geb. 24. April 1796 in Magdeburg, Sohn eines Kriegs- u. Domänenrathes, bezog als Jurist im Frühling 1813 die Universität Halle, die 'Napoleon im August aufhob. I. kämpfte mit bei Belle-Alliance, zog mit nach Paris, wurde mit dem Offiziersrang entlassen u. setzte die Studien in Halle wieder fort. Sein beharrliches Auftreten gegen die Burschenschaft Teutonia, die der König einen; Gesuche des Dichters zufolge auflöste, machte diesen höchst unpopulär. 1817—19 arbeitete er als Aus- cultator u. Referendar in Magdeburg u. Groß- oschersleben u. wurde dann als Divisionsauditeur nach Münster berufen, wo er seinen Umgang auf Elise von Lützow, Gräfin von Ahlefeldt, u. deren Kreis beschränkte. 1824 wurde er als Criminal- richter nach Magdeburg zurückversetzt, wohin ihm die nun von ihrem Gatten geschiedene Freundin folgte; da er ihr aber seine Hand aubot, erklärte sie, nicht zum zweitenmale ihre Freiheit opfern zu wollen. Gegen Ende des Jahres 1826 erhielt er die Berufung als Landesgerichtsrath nach Düsseldorf. Elise lehnte auch einen zweiten Heiraths- antrag des Dichters ab, folgte ihm aber nach dem gegenseitigen Versprechen der Ehelosigkeit. I. setzte die dramatische Production, wenn auch durch die Aufnahme, die seine Leistungen fanden, wenig ermuntert, eifrig fort. Sehr verdienstlich, wenn auch nur von kurzem Erfolg, waren J-s Bemühungen in Düsseldorf ein auf Privatmittel gegründetes Mustertheater aufzustellen (1836—37). Eine Wiedergeburt seines menschlichen u. künstlerischen Lebens erfolgte durch seine Vermählung mit der Enkelin des Kanzlers Niemeyer, 2. Oct. 1839, den Bruch mit Elisen u. ihren Abzug von Düsseldorf. Aber diesen zweiten und schöneren Frühling berührte schon 25. Aug. 1840 die eisige Hand des Todes. — I. war ein fester, eigensinniger, stolzer Charakter, ausdauernd in der Hingebung an die Poesie u. in dem Streben, sie zu fördern. Mit seinem scharfen, durchdringenden Knnstverstande u. der Bedeutsamkeit seiner Ideen und Absichten hielt seine Phantasie nicht gleichen Schritt. Seine Blicke waren vorzugsweise auf die Nachtseiten des Lebens gerichtet, und er hatte ein zu schwaches Vertrauen auf den guten und tüchtigen Kern der Menschheit, um die Mißklänge des Daseins in einer großen Gesammtanschauuug harmonisch aufzuheben. Als Romantiker wies er auf eine bessere und glücklichere Vergangenheit hin, betrachtete die Gegenwart als durch und durch verkommen und war außer Staude, in die lebensfähigen Keime derselben einzudringen und an der frischen u. freien Entfaltung derselben für die Zukunft mitzuarbeiten. In der dramatische», insbesondere tragischen Poesie, dem Hauptziele seiner Bestrebungen, unterstützte ihn die Fähigkeit zu bedeutenden Umrissen, der scharfe Blick in die Eigenart der Charaktere u. die Gabe edler Sprachge- staltung. Aber die von den Romantikern überkommene Shakespearomanie führte ihn zu einer künstlichen Regellosigkeit und Verwilderung. Er ahmte Len Humor seines großen Vorbildes auf 42 * 660 Immersion — unerquickliche Weise nach und störte häufig durch seine Liebhaberei an der Satire den ästhetischen Eindruck seiner Productionen. Zum Theil aus Opposition gegen Schiller accentuirte er das Charakteristische der Persönlichkeiten, ohne es mit der freien Idealität zu verschmelzen, u. indem er die Schillersche Rhetorik zu vermeiden suchte, war er zu kalt, nm seiner Darstellung und Sprache Begeisterung einzuhauchen. Seine dramatischen Charaktere, die er reichlich mit interessanten Einzelheiten ausstattet, wollen sich nicht recht zu organischen Gebilden zusammenschließen. Manche seiner Stofsefind widerwärtig, bis zurAbscheulichkeit. Was ihm vor Allem fehlte, war die Lyrik, der beselende Odem auch der dramatischen Poesie. Von seiner an fremden Dichtungen geschulten Bühnenkenntniß machte er in seinen eigenen Leistungen wenig Gebrauch. In den Romanen: Die Epigonen, 1836, u. Münchhausen, 1838, spiegelt sich J-s romantische Verzweiflung an der Gegenwart; doch öffnet diese Stimmung im letzteren einen grünen Licht- psad in der Schilderung des gesunden westfälischen Volkslebens (Vgl. Rudolf Gottschall, Die Deutsche Nationalliteratur des Id. Jahrhunderts, 3. Anfl. I., SO» ff., Karl Gödeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung III., 481 ff.). J-s Schriften: Die Prinzen von Syrakus, romantisches Lustspiel, Hamm 1821; Trauerspiele, ebend. 1822, 2 Bde.; König Periander und sein Hans, ein Trauerspiel, Elbs. 1823; Das Auge der Liebe, ein Lustspiel, Hamm 1824; Cardenio u. Gelinde, ein Trauerspiel, Berl. 1826; Die schelmische Gräfin, Lustspiel, im 7. Jahrg. deutscher Bühnenspiele, ebd. 1828; Das Trauerspiel in Tirol, ein dramatisches Gedicht, Hamburg 1828; Kaiser Friedrich der Zweite, Trauerspiel, ebend. 1828; Die Verkleidungen, Lustspiel, ebend. 1828; Die Schule der Frommen, Lustspiel, Stuttgart 1829; Tulifäntchen, ein Heldengedicht, Hamburg 1830, Berlin 1861; Merlin, eine Mythe, Düsseldorf 1832; Alexis, eine Trilogie, ebd. 1832; Die Epigonen, Familienroman, ebend. 1836, 3 Bde., 2. Aufl., Berl. 1854, 3 Bde.; Münchhausen, eine Geschichte in Arabesken, Düsseld. 1838—39, 4 Bde., 2. Ansg. 1841, 4 Bde., 3. (Titel) Aufl., Berlin 1854, 4 Thle. in 2 Bdn., Berl. 1857, 4 Thle. in 2 Bdn. (Classiker des In- und Auslandes); Tristan und Isolde, ein Gedicht in Romanzen, Düsseld. 1841, 2. (Titel) Aufl., Berl. 1854 rc.; Schriften, Düsseld. 1835—43, 14 Bde.; Memorabilien, Hamburg 1840—43, 3 Bde.; Theaterbriefe, herausgeg. von Gustav zu Puttlitz, Berl. 1851. K. I., Sein Leben u. seine Werke, aus Tagebüchern u. Briefen an seine Familie znsam- mengestellt, herausgegeben von Gustav zu Puttlitz, 1870, 2 Bde. Zimmermann. Immersion (v. Lat.), 1) das Ein- od. Unter- tanchen; 2) bei Verfinsterungen eines Himmelskörpers der Moment, wenn derselbe anfängt, von einem anderen verdeckt zu werden, oder in dessen Schatten zu treten; vgl. Emersion 2). Jmmerstonslinsen, Jmmersionssysteme, s. Mikroskop. Jmmersionstaufe, die Taufe durch völliges Untertanchen, bei den Baptisten. St. Jmmerthal (Val St, Inner), ein etwa - Immobilien. 20 km langes, von der Suze durchflossenes Thal des Schweizer-Jura im schweizer. Kanton Bern das zum großen Theil den Bez. Courtelary bildet' zeichnet sich durch seine Industrie (namentlich Uhrenfabrikation) u. Viehzucht aus. Durch das schöne Thal führt eine gute Straße von Biel nach La-Chaux-de-Fonds. Immerwährender Kalender, Kalender, der, mit Weglassung seines rein astronomischen Inhalts, für alle Jahre eines großen Zeitraumes (mehrere Jahrhunderte) gebraucht werden kann, sobald man nur für jedes dieser Jahre das Datum des Ostersonntags kennt. Da nun letzter vom 22. März an bis zum 25. April invk. eintreten kann, so gibt es in Bezug auf die gemeinen Jahre 35 verschiedene Kalender. Mithin muß der I. K. aus 35 Theilen bestehen, von denen jeder wieder einen besonderen Kalender bildet, in welchem die Monate Januar u. Februar doppelt, nämlich sowol für das Gemein-, als für das Schaltjahr, Vorkommen. Außerdem enthält jeder dieser 35 Specialkalender die einzelnen Monatstage, Wochen u. Wochentage, ferner die Sonn- u. Feiertage, endlich auch die gewöhnlichen Kalendernamen u. Quatembertage. Sonst Pflegte man auch noch die Epakten u. Sonntagsbuchstaben jedem Monatstage beizufllgen. Einer der besten J-n K. ist der von Rüdiger. Immigration (lat.), Einwanderung, Gegensatz zu Emigration — Auswanderung. Jmminircn (v. Lat.), bevorstehen, drohen, öes. den Einsturz drohen. Daher Imminent, bevorstehend, drohend. Jmminenz, das Be- vorstchen einer Sache. Jmminuiren (v. Lat.), vermindern, daher Jmminution, Verminderung. Immission (v. Lat.), 1) das Hineinschicken, Hineinbringen; 2) Einsetzung, Einweisung, z. B. in ein Amt, in den Besitz (in xosssssionom); I. bonorum, gerichtliche Uebergabe der Güter des Schuldners an die Gläubiger durch- Einsetzung derselben in den Besitz. J-sdecret, der gerichtliche Beschluß. J-stermin, der Termin zur gerichtlichen Einweisung eines Gläubigers in den Besitz. Jmmittiren, gerichtlich einweisen, einsetzen. Immobil (v. Lat.), 1) unbeweglich; 2) von Truppen, im Friedenszustand befindlich. J-ität, Unbeweglichkeit. ' Jmmobiliarmafse, das in unbeweglichen Sachen bestehende Vermögen eines Gemeinschuldners oü. Erblassers. Immobiliarvermögen, das unbewegliche Eigenthum. Immobilien (lat. Immobilin, Res immobiles), unbewegliche Sachen, Grundstücke, Liegenschaften. Ihre Bedeutung u. ihr Unterschied von den Mobilien zeigt sich bes. bei den verschiedenen Arten der Erwerbung u. Veräußerung des Eigenthums, bei der Verpfändung, bei der Verjährung, bei der vormundschaftlichen Verwaltung rc. Das Bedürfniß der Anwendung mancher mit diesem Unterschied zusammenhängender Bestimmungen auf den Complex eines ganzen Vermögens hat mehrfach dazu geführt, nach particularrechtlicher Auffassung den Begriff der I. auch aus nicht als unbeweglich geltende Sachen auszudehnen, bes. a) solche, welche in einem gewissen inneren Zu» ^-. 6 ' Jmmvbilisiren sammcnhange mit einer unbeweglichen Sache stehen, wie Realgerechtigkeiten, der Bestand eines Gutes an eisernem Vieh rc.; b) bewegliche Sachen, denen eine besondere dauernde Bestimmung gegeben wurde, wie z. B. Bibliotheken, Kunstsammlungen rc. Jmmvbilisiren, die rechtliche Erklärung, daß fahrendes Gut künftighin als Immobile betrachtet werden solle. Immoralisch (v. Lat.), unsittlich. Jmmortalität (v. Lat.), Unsterblichkeit. Immortelle, mehrere Arten der Gattungen: Onaplmllum, Kompdrsna llsliobrxsum, Xsran- tüsmum, bes. Oomxlrrsns. Zlobosa, 8. knIZickuw, X. simuum, sämmtlich durch gefärbte, trockene, daher nicht welkende Hüllschuppen ausgezeichnet. Immünis (lat.), frei von Verpflichtungen gegen Len Staat, bes. von Abgaben u. Kriegsdiensten; daher Immunität, solche Befreiung; die gewissen privilegirten Personen oder Sachen zn- stehenden Freiheiten von gemeinen Rechten und Pflichten der Staatsbürger in gewissen, genau bestimmten Fällen u. (Immrmibas soolssiastiea) die Befreiung der Geistlichkeit von dinglichen u. persönlichen Staatsdiensten u. Exemtion von dem gewöhnlichen Gerichtsstände. Jmnau, Badeort im Oberamtsbez. Haigerloch des preuß. Regbez. Sigmaringen (Hohenzollerusche Lande), an der Eyach; 450 Ew. — Die hier vorhandenen 6 Stahlqnellen zeichnen sich durch ihren großen Reichthnm an Kohlensäure, Eisen (der Eisengehalt jedoch ist in den verschiedenen Quellen sehr verschieden), Kalkerde u. Magnesia ans. Von allen Quellen hat die Kasparquelle den meisten Eisengehalt, die Fürstenquelle (von -j-7bis -l- 7,g"k. Temperatur) den größten Gehalt an Kohlensäure. Das Wasser wird sowol zum Trinken, als zum Baden (auch in der Form von Gasbädern) benutzt. Saison: Mai bis Ende September. Auch ist ein Fichtennadelbad, mit dem vortreffliche Einrichtungen zu Inhalationen von Fichtennadeldämpfen verbunden sind, und eine gute Molkeu- anstalt vorhanden. Vgl. Egler, Der Kurort I., Sigmar. 1864. H- Berns. Im Obligo sein, s. n. Obligo. Jmöla, Stadt u.Hauptort im gleichuam., 63,980 Ew. umfassenden Bez. der ital.Prov. Bologna, auf einer Insel des Santerno, Station der Jtal. Südbahn, mit Mauern umgeben; ist Sitz eines Unter- präfecten n. eines Bischofs, hat hübsche Gärten, eine schöne Allee, mit Säulengängen besetzte Straßen, viele Kirchen, darunter die Kathedrale mit dem Grabe des San Cassiano u. die Kirchen San Dome- uico u. San Carlo mit schönen Gemälden, Gymnasium, Technische Schule, Conservatorium für arme verwaiste Mädchen, Musikschule, städtische Bibliothek von 18,000 Bänden, Xeacksnüa cioM inäustriosi, hübsches Theater, Waisenhaus für Knaben, großes Krankenhaus, Leihhaus, Sparkaffe (schon 1512 gegründet), Verein zur Unterstützung armer Kranken (?ia Unrous äi 8. Nersums, 1773 gegründet), Gctreidekammer (Konto lü'umontario, seit 1709); Weinbau, Weinstein- fabrikatiou, Handel damit, sowie mit Getreide, Hanf, Flachs, Wein, Reis; 9355 Ew. (Gemeinde 23,398). I., von Sulla gegründet, hieß anfangs — Illi^s-tieus. 661 nach ihm b'orum 6ornslii. nahm aber dann von der bei der Stadt gebauten Feste I. den Namen an. Von Narses zerstört, von den Longobarden wieder aufgebaut, stand I. dann unter dem edlen Geschlechts der Bolonois, bis 1292 die Alidosii sich desselben bemächtigten. 1424 wurde I. vom Herzog Philipp Maria Visconti von Mailand durch Verrath eingenommen u. nun Mailändisch. Galeazzo Sforza gab die Stadt dem Hieronymus Riario, Gemahl der Katharina Sforza, zum Hei- rathsgut; aber bald darauf verleibte sie Papst Julius H. dem Kirchenstaate ein. H- Berns, möla, Jnnocenz da I., s. Francucci. moscharh, Volk in der Wüste Sahara, so v. w. Tuareg. Impsnstlo (lat., d. i. die Einbrodnng, auch ils- onmptio), diejenige Lehre vom hl. Abendmahl, nach welcher Christus darin ebenso in Brod und Wein eingeht, wie Gott bei der Menschwerdung ins Fleisch. Man wollte sie bei Abt Ruprecht von Deutz finden, doch schwerlich mit Recht. Alger von Clugny bestritt diese Ansicht. Katholische Polemiker bürdeten sie in falscher Conseqnenzmacherei Luther auf, wie man sie auf protestantischer Seite Osian- der u. Carlstadt Schuld gab. Löffler. Impsr (lat.), ungleich; Impari Karts, mit ungleichen Kräften. Jmpardonnabel (v. Fr.), unverzeihlich, dem kein Pardon gegeben werden kann. Imparität (v. Lat.), Ungleichheit. Impartlaux (fr., Mehrheit von Impartial, unparteiisch), Name der Centrumspartei im Convent zur Zeit der franz. Revolution. Jmpaß (fr.), eine Gasse ohne Ausweg, Sackgasse, davon Jmpassiren (Jmpasse machen), eine beim Whist und vielen anderen Stichspielen gewöhnliche Art des Einstechens, in dem man, in der Voraussetzung, daß der Gegner zur Hinterhand keine höhere Karte habe, nnt einer niedrigen Karte sticht, um mit einem höheren Blatt der nämlichen Farbe noch einen zweiten Stich zu machen (schneiden, reiten, Postmeistern). Impassibel, kalt, hartherzig; daher Jmpassi- bilität, Hartherzigkeit, Gefühllosigkeit. Jmpasto (ital.), so viel wie beim Malen die Farben dick anstragen, beim Kupferstichen das Verwischen der Striche (Linien) u. Punkte. Impsliens D. (IZalsamina t?a«Rn.), Pslanzen- gattnng ans der Familie der Balsaminoas (V. I), Kräuter, bisweilen Halbsträncher, meist kahl, mit gegenständigen oder abwechselnden, nebenblatt- losen Blättern und achselständigen Blüthensticlc», Vlüthen oft groß n. bunt gefärbt, hängend; Kelch drei-, selten sünsblätterig, absallcnd, das eine Blatt gespornt, Blnmenkrone ungleich fllnfblättrig, die seitlichen Blumenblätter paarweise verwachse», Kapsel fünfklappig, elastisch aufspringend, die Klappen von der Basis gegen die «spitze sich einwärts znrllckrollend, oft schraubenförmig gewunden. Ungefähr 140 Arten, nur wenige auf der nördlichen Hemisphäre, die meisten im tropischen Asien, Afrika u. Madagascar; in Europa verbreitet ist: I. nolr tanAsrs L., kahl, aufrecht, ästig, mit länglich-eiförmigen Blättern, hängenden gelbenBlüthen, walzenförmigen Kapseln, an feuchten, schattigen Orten. Immer mehr bürgert sich in Europa in 662 Jmpatronüen — Impfen. der Nähe größerer Städte ein die aus dem südlichen Sibirien und der Mongolei stammende I. pnrvillora Dt?., mit eiförmig länglichen, spitzen, gesägten Blättern, 4—Ivblüthigen Trauben und kleinen hellgelben, aufrechten Blüthen. Cultivirt wird namentlich I. Lnlsamiua D. (Lalsamma. Imrteusis Desp.), Balsamine, aus Ostindien, in der Heimath als Wundmittel im Gebrauch, auch in Italien zur Bereitung eines Wundbalsams verwendet. Man unterscheidet Zwerg-, Kamelieu- u. Rosen-Balsaminen. Die Samen werden zeitig unter Fenster ausgesäet, die Pflanzen aber erst bei wärmerem Wetter ins Freie auf lockeren, humusreichen Boden gepflanzt, wo sie bis zum Herbste blühen. I. lulva Äutt. in NAmerika, dient zum Gelbfärben, I. tinotoria ^4. Äre/r. in AbessinienzumSchwarzfärben. Engter. (Gärtn.) Wolde. Jmpatroniren(Jmpatrouifiren,v. Lat.), 1)sich als Herr in Etwas einsetzten; 2) sich in Eines Gunst einschmeicheln. Impencbemsnt (engl.), eigentlich ein Rechtshin- derniß, dann ein Borwurf, eine Beschuldigung, endlich feierliche Anklage, welche die Gemeinen vor dem Oberhause verfolgen und wobei dieses als Gerichtshof fnugirt, eingeführt zum Schutze der Sicherheit des Reiches und der Erhaltung seiner Freiheiten u. Rechte. Sie kann auch gegen Minister, Pairs, die Königin Gemahlin, Prinz-Gemahlin, Prinzen wegen Felonie, Verrath erhoben werden u. hat ihr gegenüber der König kein Abolitionsrecht. Jmpediren (v. Lat.), verhindern, verwickeln; daher Impediment, Hinderniß. Jmpegnirt sein(v. Jtat.), in einem mit Risico verbundenen Unterrnehmen sich befinden, lmpogno (Verpfändung), Obliegenheit, Verbindlichkeit mit einer gewissen Gefahr. Jmpenetrabel (v. Lat.), undurchdringlich; daher Impenetra bilität, Undurchdringlichkeit. Impensso (Jmpensen, v. Lat.), Kosten, insbesondere Proceßkosten; dann die auf eine Sache während des Besitzes gemachten Verwendungen: a) I. usesssarias, welche zur Erhaltung der Sache, d) I. utilss, welche zur Verbesserung der Sache (Meliorationen) gemacht wurden; e) I. volup- tuarlae, wenn sie nur die Annehmlichkeit erhöhten. Wird die Sache später von einer anderen Person als ihr Eigenthum vindicirt, so hat jeder Besitzer, mit einziger Ausnahme des Diebes, das Recht, die Sache wegen der I. nsesssarins bis zu deren Ersatz zu retiniren, und dasselbe Recht steht auch dem gutgläubigen Besitzer wegen der I. utlles zu. Derjenige dagegen, welcher die Sache mit dem Bewußtsein eines fremden Rechtes an derselben besaß, hat bezüglich der I. utlles nur das Recht, dieselben wegzunehmen (Ins tollemli), und dasselbe gilt für alle Besitze: bezüglich der I. volup- tunrias. Bezold.» Jmperatrvus, der Modus des Zeitworts, welcher die unmittelbare Willensäußerung des Sprechenden, daß etwas geschehe (lussivus) oder unterbleibe (krolübltlvus), ausdrückt (gehe, gehe nicht); ihn ersetzt oft ein Hilfsverbum (du sollst, magst, kannst, wirst gehen). Eberhard. Imperator (röm. Ant.), der mit dem Oberbefehl (Imperium), d. h. mit dem Recht über Leben u. Tod der Soldaten im Kriege u. mit dem Richteramt im Frieden bekleidete, oberste Befehlshaber einer Armee, so lange er im Felde war; Ehrentitel, den ein Feldherr nach einem Siege von der Armee erhielt u. der mit der Rückkehr nach Rom aufhörte. Julius Cäsar erhielt den I. aber vom Senate lebenslänglich u. selbst auf die Nachkommenschaft forterbend, ebenso Augustus, und so wurde I. Titel der Kaiser, identisch mit Princeps. Lag-». Impsratoris D., Meisterwurz, Gatt.derFam. Hml>elliksras-?suesckansas (V. 2), von ?enes- äanum nur Lurch den verwischten Kelchrand unterschieden. I. Ostrutlüum D., Alpen- u. Gebirgs- pflanze, mit doppelt dreizähligen Blättern uno weißen Blüthen. Die daumenstarke, knotig geringelte, frisch milchende, angenehm augelicaarüg riechende und schmeckende Wurzel (Raäix imxora- torlas, Meisterwurzel), enthält ätherisches Öl, Schleimharz u. Jmperatorin; sie wird nur noch in der Thierarzneikunde angeweudet. Engi-r. Jmpcrceptibel, unmerkbar, uuwahrnehmbar. Jmperfectum, bezeichnet das Unvollendetsein einer Handlung während der Dauer einer anderen (relatives Präteritum). Jmperforation (v. Lat.), Verschlossensein eines von Natur offenen Theiles, bes. als Bildnngssehler. Imperial (v. Lat.), kaiserlich, großartig, Bezeichnung für eine russische Goldmünze von lORubel, welch« unter Elisabeth 1745 auskam; seit 1817 werden nur noch Halb-J. (zu 5 Goldrubel — 5 Rubel 15 Kopeken Silber) geprägt. Papiersortc, größer als Royal, meist 22 Zoll hoch u. 30S Zoll breit, besond. zum Kupferdruck. Imperiale, das mit Sitzen versehene Wagen- Verdeck. Imperialismus (v. Lat.), das-politische System, bei welchem nicht nach Gesetzen, sondern willkürlich regiert wird, gestützt ans die Soldateska, vgl. Despotismus. Imperium (röm. Recht), höchste Gewalt. In Rom war sie ursprünglich bei dem Volke u. bestand in der Wahl der Magistrate, Legislation n. Obergerichtsbarkeit, dann die aus der Volks- souveräuetät hervorgegangene u. kraft dieser durch die Wahl übertragene Machtbefugnis) der höchsten Magistrale, und zwar I. Militärs, das Oberkommando im Kriege, und I. olvlls, die Civil- jurisdiction im Reich. Jmpersonal (Jmpersonell, v. Lat.), unpersönlich; daher Impersonale, Verbum, welches kein persönliches Subject znläßt, z. B. es regnet. Impetigo, nässender Grind, ein aus Eiterbläschen auf dem Kopse entstehender Ausschlag, der schnell dicke Borken bildet u. besonders bei skrophulösen Kindern vorkommt. Jmpetrant (v. Lat.), der Kläger im Summarischen Processe; dagegen Jmpctrat, der Beklagte; Jmpetration, die Klage. Jmpetnos (v. Lat., ital. Impotuoso), heftig, hastig, feurig; daher Jmpetuosität, Heftigkeit, Hastigkeit. Impetus (lat.), 1) Angriff; 2) die affectvolle GemUthsstimmuug, worin der Vorsatz zu einem Verbrechen gefaßt wird. Impfen (Juoculiren, belzen), 1) (Med.) das Einbringen eines fixen Krankheitsgistes mittels Einstichs od. Einschnitts durch Jmpflauzette unter Jmpietät — die Haut u. dadurch herbeigeführte Übertragung gewisser Krankheiten, um andere Krankheiten zu verhüten oder zu heilen. Die Impfung kommt besonders in Betracht bei den Pocken u. bei der Syphilis. Über die Pockenimpfung s. Kuhpocke. Bei Syphilis hat man geimpft, indem man das syphilitische Gift theils schon Syphilitischen beibrachte, um dadurch die vorhandene Syphilis milder zu machen u. selbst zu heilen, theils Gesunden, nm sie vor einerAnsteckung mitSyphilis zu bewahren (Syphilisation). Das Zweite muß als eine complete Thorheit betrachtet werden, u. heutzutage wird zu diesem Zweck wol von keinem vernünftigen Arzte die Einimpfung des syphilit. Giftes mehr vorgenommen werden. Dagegen ist von zuverlässigen Beobachtern (z. B. Sigmund u. Hebra) constatirt, daß einzelne schlimme Fälle von Syphilis durch eine größere Anzahl Einimpfungen (bis 400 an einer Person) wirklich geheilt, andere in mildere Formen umgewandelt wurden. Die Methode hat also einen gewissen Werth u. dürfte in Anwendung kommen, wenn Mercur u. Jod in einzelnen Fällen ihre Wirkung versagen. Außer bei den Pocken u. bei Syphilis hat man auch bei Masern Scharlach, Cholera u. Diphtheritis geimpft, doch hat die Impfung in diesen Krankheiten keine praktische Bedeutung. — Durch Gesetz vom 8. April 1874 ist die I. gesetzlich geregelt u. zwar dabei das Princip der allgemeinen zwangsweisen u.Wie- der-J. zu Grunde gelegt. Die erste I. hat bis spätestens zum Schlüsse des 2. Lebensjahres, die Wieder-J. (Revaccination) im 12. Lebensjahre zu erfolgen. Vgl. desfalls Jacobi, Das Reichsimpfgesetz vom 8. April 1874 rc. nach den Materialien des Reichstags dargestellt, Berl. 1875. 2) (Gärtn.) s. Oculircn. 1) Kunze. Jmpietät (v. Lat.), Gottlosigkeit, Verruchtheit. Jmplacabel, unversöhnlich, unvereinbar. Jmpliciren (v.Lat.), hereinziehen, verwickeln. Iinxlioits, einbegriffen, ohne deshalb besonders genannt zu sein. Jmplicirte Function (Math.), s. u. Function. Jmploration (lat.), 1) (röm. Recht) Gesuch an ein Gericht, welches keine Klage enthielt; 2) jetzt die Klage, welche im Summarischen Processe verhandelt wird; daher Jmploriren, klagend auftreten. Implorant u. Jmplorat, Kläger u. Beklagter. Jmpluvium, s. u. Wohnhaus. Jmponderabel (v. Lat.), unwägbar; Imponderabilien nannte man früher die für unwägbare Stoffe gehaltenen physikalischen Agentien: Licht, Wärme, Magnetismus u. Elektricität. Es ist jetzt theils nachgewiesen, theils wahrscheinlich gemacht, daß die Ursachen der bezüglichen Erscheinungen gewisse Bewequnqszustände der Körper od. Äthermoleciile sind. Jmponderabilitiit (v. Lat.), Unwägbarkeit. Jmponiren (v. Lat.), 1) hineinlegen, auflegen; 2) Eindruck machen, Achtung gebieten; daher Imst onirend (Imposant), auffallend, Eindruck machen, ital. imxonsnts, in der Musik, gebieterisch. Import (v. Lat.), Einfuhr; Jmportabel, einführbar, zur Einfuhr gestattet. Jmportiren, einführen; daher Jmportirte Maaren, aus dem Anslande bei uns eingefiihrte Maaren. Jm- Jmprägniren. 663 portant, bedeutend, wichtig. Jmportanz, Bedeutung, Wichtigkeit. Jmportnn (v. Lat.), zur Unzeit, ungelegen, dann auch ungestüm. Imposant, s. u. Jmponiren. Imposit» silsnUo (lat.), mit Auflegung der Verschwiegenheit. Jmpossibel (v. Lat.), unmöglich; daher Jm- possibilität, Unmöglichkeit. Jmpost (v. Lat.), 1) indirecte Abgabe, für den Verbrauch einer Maare, z. B. des Weines, Bieres; vgl. Accise und Steuer; daher Jmpostiren, besteuern; 2) (Bank.) so v. w. Kämpfer. lmpostöres (lat.), Betrüger; I. äootü, Gelehrte, welche absichtlich Schriften Anderen untergeschoben, oder falsch citirt, oder ausgelegt, oder auch mit Wissen irrige Lehrsätze vertheidigt haben. Impotent (v. Lat.), unvermögend, besoud. in geschlechtlicher Beziehung. Impotenz (lat. Impotsntüa), das Unvermögen, Kinder zu zeugen. Dieselbe beruht häufig auf Fehlern der Geschlechtsorgane, und zwar bei Männern im Fehlen oder Entartungen der Hoden, so daß keine Samenzellen gebildet werden, n. in mangelhafter, abnormer Entwickelung des männlichen Gliedes; in letzter Hinsicht gilt bes. die Lage der Harnröhrenmündung am unteren Theile der Schwellkörper (Hypospadie), nicht an der Spitze der Eichel, als Hinderniß, den Samen bei der Entleerung in den Eingang der Gebärmutter einzuspritzen; Frauen sind impotent oder, richtiger gesagt, unfruchtbar bei Verwachsungen der Scheide, des Gebärmnttereingangs, bei Knickungen der Gebärmutter, Entartungen der Eierstöcke rc. Bisweilen sind allgemeine Krankheiten die Ursachen der I.; bes. gelten Zuckerruhr, Geisteskrankheiten, Fettsucht u. Alkoholismus als solche. Meist ist es sehr schwierig, die Ursachen zu ermitteln, oft ganz unmöglich, und selbst manche der oben genannten Krankheiten der Geschlechtsorgane lassen nicht immer mit Sicherheit darüber bestimmen, ob Jemand impotent ist. Dies gilt besonders, wenn entschieden werden soll, ob eine männliche Person wegen ihres höheren Alters impotent ist; während bei Frauen, sobald die Periode aus Altersgründen verschwunden ist, niemals eine Empfängniß stattfinden kann, weil die Eientwickelung in den Eierstöckeu damit aufgehört hat, lehrt dagegen die Erfahrung, daß sehr- alte Männer noch Kinder zeugten. Bei dem Bestreben aller Verheiratheten, Kinder zu zeugen, ist es erklärlich, warum Schwindler, die vorgeben, ein Mittel gegen I. u. Unfruchtbarkeit zu besitzen, so leicht Gehör finden. Nur dann, wenn eine zu beseitigende Störung der Geschlechtsorgane vorhanden ist, z. B. bei Frauen eine Verstopfung des Gebärmuttereingangs, kann man durch Behandlung dieser die Hoffnung haben, daß die Frau empfangen werde; bei Männern ist jedoch fast ausnahmslos die I. ein unheilbarer Zustand u. kennt man namentlich keine inneren Mittel gegen Impotenz. Kunze. Jmprägniren (v. Lat.), 1) schwängern; daher Jmprägnator, Schwängerer; 2) (Chem.) einen Körper mit einer Flüssigkeit, Gas rc. durchdrungen, d. h. sein Inneres damit anfüllen, z. B. Holz mit einer Salzauflösung, um es vor Fäulniß zu 664 Imprsssario — In... . schützen. Imprägnation, 1) Schwängerung,' 2) (Chem.) Anfüllung eines Körpers mit einer Flüssigkeit, Gas rc. I. des Holzes s. u. Holz- conservirung. Impi-essano (ital.), Unternehmer, befand, von Theatervorstellungen, Concerten. Impression (v. Lat.), 1) Eindruck; daher Jmpressibel, für Eindrücke empfänglich; Jm- pressibilität, Empfänglichkeit für Eindrücke; 2) Eindruck, Verletzung des Schädels, der Rippen rc., mit od. ohne Bruch, wobei der Knochen einwärts gedrückt ist. Imprimatur (lat., es werde gedruckt), die Formel, womit die Censurbehörde die Erlaubnis zum Druck eines Buches oder Blattes, einer Zeitschrift er- theilte und heute noch in der kathol. Kirche vom Diöcesanvorsteher die Erlaubnis zum Drucke eines Buches religiösen Inhalts ertheilt wird; diese Er- laubniß selbst in Buchdruckereien nach der Cor- rectur u. Revision jetzt noch hin n. wieder üblich. Jmproünbilität, Unwahrscheinlichkeit, Verwerflichkeit. Jmprobation, Mißbilligung, Tadel. Jmprobität (v. Lat.), Unredlichkeit. Impromptu (fr.), in Bereitschaft, was man sogleich hsrvorholen kann; (Stegreifwitz) eine unvorbereitete, im Augenblick geschaffene witzige Äußerung, sowol in einem einzigen treffenden Wort (Von mob) oder in einer zusammenhängenden längeren Entgegnung bestehend. Improprle (lat.), »»eigentlich, bildlich. Jmprovisade (ital. u. fr.), ohne alle Vorbereitung aus dem Stegreif Hervorgebrachtes, und zwar in Sonderheit auf dem Gebiete der ästheti- scheu Künste, der Malerei (durch Reynolds ein- gesührt), der Musik (hier entsprechend dem Phan- tasiren), der gebundenen wie ungebundenen Rede. Die poetische Improvisation blüht in Italien u. Spanien (besonders in Valencia) seit dem 12. Jahrhundert, und Petrarca und Lorenzo von Medici werden als die ersten Improvisatoren erwähnt. Seit der Wiederherstellung der Wissenschaften nahm ihre Zahl (bis zu Ende 15. Jahrh.) ungemein zu; bes. groß war sie zur Zeit Leos X. Berühmte italienische Improvisatoren sind: Aqui- lano, Bernaldo Accolti (aus Arezzo, in Rom vor 1534, der Einzige genannt), Christoforo (aus Florenz, der Erhabenste genannt, um fast gleiche Zeit), zu Ende des 15. Jahrh.: Leoniceno, Filelfo, Sassi, Hippolito von Ferrara, Strozzi, Pero, Franciotti, Cesari de Fano; im 16. Jahrh., am Hofe Leos X., Andrea Marone und Querno, I. Gazoldo, Hieran Britonio, I. Francesco. Nach Leos X. Lode versuchten sich die I. in der italienischen Sprache, n. nun wuchs die Zahl derselben außerordentlich, so: Antoniano, Perfetki, Metastasio, Zucco, Laurenzi, Bernardi; die Frauen (Jmprovi- satricen) Ter. Bandettini, Magdalena Moralli Fernande;, welche 1776 unter den Namen Olimpica Corilla in die Akademie der Arkadier zu Rom als Mitglied ausgenommen u. öffentlich gekrönt wurde, st. 1800 in Rom), Fortunata Sulgher-Fantastici aus Livorno; in neuerer Zeit Giaiini u. Sgricci, der ganze Tragödien (Tod der Maria Stuart, Hektar rc.) improvisirte, Cicconi, Rosa Taddei. In Deutschland sind nur wenige Versuche im Jmpro- visiren gemacht worden, der erste um 1720 von Daniel Schönemann, dem dann erst 100 Jahre später O. L. B. Wolfs um 1825 in Hamburg u. Berlin folgte, dann Langenschwarz, zuerst 1830 in München, K. Richter, Karoline Leonhardt - Lyser, Ed. Beermann, Böhriuger; aus neuester Zeit Ed. Volkert, Wilh. Herrmann; doch hat hier die Jmprovisade bei dem gebildeten Theile nie recht Glück gemacht. Holland hat einen berühmten Improvisator au dem Kaufmann Willem de Clerq (geb. 1793 in Amsterdam) welcher jedoch nicht öffentlich aufgetreten ist. In Frankreich improvisirte (seit 1824) Eugene de Pradel, auch dieser ist der erste daselbst. Jmprovisiren, aus dem Stegreif sprechen rc., s. Jmprovisade. Impubes (lat.), unmündig, s. Pubertät. Daher Jmpubertät, Unmannbarkeit; Unmündigkeit. Jmpudenz (v. Lat.), Jmpudicität, Unverschämtheit, Schamlosigkeit, Unzucht. Jmpugnation (v. Lat.), Bestreitung, Anfechtung; daher Jmpugnationsschrift, die Beweisanfechtung. Impuls (v. Lat.), Stoß an etwas; Antrieb; innerer Trieb; Eindruck (s. d.); Anregung. Iw- pulsorialss, Antreibschreiben. Impüns (lat.), ungestraft; daher Jmpunität, Straflosigkeit. Jmpür (lat.), unrein, unlauter; Jmpurisi- cirt, ungereinigt. Jmpurismus, Sprachun- reinheit; Bestrebung, die Sprache zu verunreinigen. Jmpurität, Unreinheit, Unlauterkeit. Jmputiren, zurechnen, zur Last legen, beschuldigen. Imputation, Zurechnung. Jm- putabel, zurechnungsfähig; daher Jmputabili- tät, Zurechnungsfähigkeit, s. u. Zurechnung. Imst, Marktflecken u. Hauptort im gleichnam. Bez. der gefürsteten Grafschaft Tirol u. Vorarlberg, am Fuß des Laggersbergs u. des Plattein- kogls u. am Ausgange des Gurglthales, nach dem Brande von 1822 neu aufgebaut; schöne Pfarrkirche, sogenannte Grabkapelle mit uralten Fresco- Malereien, Kapuzinerkloster, Jnstitutshaus der Barmherzigen Schwestern, Spital, Untergymnasium, Schafwollwaarenfabriken, Baumwollzeug-, Papier- u. Holzstofffabrikation, Fabrikation von Sensen und Sicheln; 2236 Ew. In I. bestand ehemals eine Handelsgesellschaft der Vogelträger für den Handel mit Kanarienvögeln, welcher bis Lissabon u. Petersburg sich ausdehnte. Bei I. findet Bergbau auf Eisen, Blei u. Galmei statt. Von hier aus wird der 2367 m hohe Tschürgant, ein vorzüglicher Aussichtspunkt, am bequemsten erstiegen. 1H Icm von I. liegt Brennbüchl (s. d.). I. (Oppicknm Huwlsbs) kommt schon 764 vor, erhielt aber erst 1282 von Meinhard II. Stadtrcchtc. Jmvros, so v. w. Jmbro. (H- Berns In ...., als Vorsetzsilbe vor Wörtern der lat. od. roman. Sprachen, wo es aber vor m, b u. p durch Assimilation in Im (wie Immobil, Jni- becil u. Jmprobität), vor I u. r in II u. Ir verwandelt wird (z. B. illegal, irritiren), bezeichnet 1) in, an, hin, auf, ein, od. verstärkt überhaupt nur den Begriff des Wortes; 2) das Gegentheil von dem, was das Wort ohne Zusammensetzung bedeutet, entspricht also dem deutschen Nicht, Un. In ubstl-Leto — Jncarceratiou. 665 In abstracto (lat.), an sich betrachtet. Jnächos (gr. Mythol.), Localgottheit, Stammvater der ältesten Könige, erster Herrscher u. Priester von Argos, Sohn desOkeanosu. der Tethys, führte — so setzt man die Naturmythe in Heldensage um — nach der Deukalionischen Flnth die Argiver von den Bergen in die Ebene, nachdem er die Gewässer derselben in den Fluß Jnachos zusammengeleitet hatte, s. Argos (Gesch.). Seine Kinder von einer Mclischen 'Nymphe waren Pho- ronens, Ägialeus, Arges u. Jo. Jnächos (a. Geogr.), 1) Fluß in Argolis, jetzt Panitsa; 2) Fluß in Akarnanien, mündete in den Ambrakischen Busen. Jnaetiv, »nthätig, geschäftslos, amtlos. Inaktiv ität, Unthätigkeit, Dienstlosigkeit. In aeternum (lat.), auf ewig. Jnagua (Gr. u. Kl.-J.), s. u. Bahamas. Jnama-Sternegg, Karl Theodor v., Nationalökonom, geb. 20. Jan. 1843 in Augsburg, wo sein Bater Regicrnngsrath war, studirte in München die Rechte u. Staatswissenschaften, sowie namentlich auch Geschichte, trat nach seiner Promotion 1865 in die Praxis, habilitirte sich aber Nov. 1867 an der Universität München für politische Wissenschaften. 1868 schon als außer- ordentl. Professor nach Innsbruck berufen, wurde er 1871 ordentlicher Professor daselbst. Aus dem Gebiete der allgemeinen Staats- u. Verwaltungslehre haben wir von ihm: Verwaltnngslehre im Umrisse, Jnnsbr. 1870; dann eine Reihe von Monographien über Staats- n. Verfassungslehre in den Jahrgängen 1869, 1870 u. 1872 der Tübinger Zeitschrift für Staatswissenschaften; aus derWirth- schaftsgeschichte seine Erstlingsarbeit: Die wirth- schaftlichen Folgen des Dreißigjährigen Krieges, im Jahrg. 1864 des Histor. Taschenbuchs; dann Untersuchungen über das Hofsystem im Mittelalter, Jnnsbr. 1872; Entwickelung der deutschen Alpendörfer, im Histor. Taschenbuch 1874. Eine deutsche Wirthschaftsgeschichte von ihm ist in der Arbeit. Bei. der Wiener Weltausstellung 1873 war er Eommissionsmitglied u. officieller Berichterstatter für die Geschichte der Preise. Lag«. Inan (v.Lat.),leer; daher Jnanität, Leerheit, Eitelkeit; Jnanition, Entkräftung des Körpers durch Nahrungsentziehung. Dieselbe kann eine com- plete u. incomplete sein u. im ersteren Falle ist das schließlich? Resultat der Hungertod. Sobald eine complete Nahrungsentziehung stattfindet, nimmt sofort der Körper an Gewicht ab, u. zwar ver- mindert sich zunächst das Fett, dann die Muskeln u. auch das Blut in seinen im 8srnm enthaltenen Eiweißsubstanzen, während das Gehirn fast gar nicht abnimmt u. deßhalb Verhungernde bis znm Tode ihr Bewußtsein behalten. Fett- u. Eiweißarme verhungern schneller als Wohlgenährte, daher tritt der Tod durch Verhungern verschieden schnell ein. Mit der Abnahme des Gewichts zeigen Hungernde auch eine Abnahme der Ausgaben des Körpers (der Kohlensäure, des Harnstoffs rc.). Drittens nehmen die Leistungen des Körpers infolge des Hungers ab; schon Chossat wies das Sinken der Temperatur bei Hungernden nach, Puls u. Ath- mung werden langsamer, die Herzbewegung verlangsamt. Im Allgemeinen verträgt ein höheres Thier den Verlust von H seines Körpergewichts, ehe es zu Grunde geht. Die incomplete Nähr- ungssntziehung unterscheidet sich von der com pletcn namentlich dadurch, daß bei ihr die Blutkörperchen in mehr oder minder starkem Maße entarten und zu Grunde gehen; im Übrigen richtet sich die Abnahme der Körpersubstanzen darnach, ob die Eiweiß- od. Fettnahrung, das Wasser rc. entzogen wird. Immer wirkt die incomplete Nahr- uugsentziehung langsam. Beim Menschen beobachtet man die allmähliche I. bes. bei Schwindsucht, Krebs, Fieber rc. Lanze. In antecessum (lat.), im Voraus, auf Abschlag. Inappellabel (v. Lat.), unberufbar, wo keine Appellation ergriffen werden kann. JnapPlication,1)Ungeschicklichkeit;2)Trägheit. Jnarticulirt (v. Lat.), ungegliedert, unvernehmlich, nicht unterscheidbar; so: Jnarticulirte Töne. Daher Jnarticulation, Undeutlichkeit in der Aussprache, Unvsruehmlichkeit. Inauguration (v. Lat.), 1) feierliche Einweihung zu einein Amte, eines Ortes, bes. unter religiösen Ceremonien, im Alterihnm nach Anstellung der Augurien; 2) Feier bei Ertheilung einer akademischen Würde; daher Jnauguraldispn- tation, s. u. Disputation. In bisnoo (ital.), in blanoo, s. u. Llanoo 2). In bona psce (lat.), in guter Ruhe. In drevi (v. Lat.), in Kurzem. In osloiilo (lat.), in der Berechnung. Jncaineration (v. Lat.), die Wiedervereinigung des dem Vasallen verliehenen Rechts am Lehn mit dem Recht des Lehnsherrn; Einreihung eines Vermögensstücks in die Domänen, in das Kam- mergnt als Theil derselben. Jncapaciität, der Mangel an Fähigkeit, an Befähigung zu etwas; (Jnhabilität, v. Lat.) die Unfähigkeit zu einem kirchlichen Amte ordinirt zu werden; sie besteht für Ungetanste u. Frauen. In capita (lat.), nach Köpfen, nach einzelnen Personen gerechnet. Jncarceratiou (Med.), Einklemmung, u. zwar eines Darmstücks. Dieselbe besteht in einer engen Umschnürung eines Darmstücks, so daß die Bewegung des Darminhalts völlig aufgehoben ist. Diese Umschnürung kommt bei den UnterleibS- brüchen (Schenkel-, Leistenbrüchen, Brüchen des eirunden Lochs, selten bei Nabelbrüchen) zu Stande in der sog. Brnchpforte, in der Bauchhöhle durch bindegewebige Fäden nach Unterleibsentzllndnng, durch Spalten im Gekröse u. Netze rc. (äußere n. innere Brüche). Sobald die I. eingetreten ist, entsteht eine Rückwärtsbewegung des Darminhalts, Übelkeit u. nicht zu stillendes Erbrechen, während der Stuhlgang aufhört. Das Erbrochene riecht nach Koth (Miserllre). An der Stelle der Einschnürung entsteht Schmerz, der sich auf de» ganzen Unterleib verbreiten kann. Eine Heilung ist nur möglich, wenn es gelingt, das eingeklemmte Darmstück von der Einklemmung zu befreien, was bei nach außen liegenden Brüchen durch gewaltsames Zurückdrängen des eingeklemmten Darm- stllcks durch die Bruchpforte, eventuell Lurch die Bruchoperation geschieht. Bei inneren Ein- klemmnngeu tritt stets der Tod ein. In einzelnen Fällen erfolgt bei äußeren Brüchen dadurch eine 666 Jncardüiation — Jncisiv. relative Heilung, daß der durch die I. brandig gewordene Darmtheil seinen Inhalt nach außen entleert; freilich ist dann immer eine Kothsistel die Folge. S. Bruch. Kunze. Jiicardination (v. Lat.), die Übertragung der Verwaltung einer bestimmten Kirche an einen fremden Geistlichen; daher Inosräinati derlei, Gegensatz zu den einheimischen ordentl. Geistlichen. Jncarnat (Mal.), wörtlich Fleischsarbe, jedoch nicht im Sinne einer einzelnen Farbe, etwa blaß- roth, od. (in falscher Ableitung von in Kranatia) hochroth, sondern als der durch den Ärundton eines Gemäldes bedingte u. durch den mannigfachen Zusammenklang von Licht- und Schattenreflexen entstehende Fleisch ton, zunächst des Gesichts, sodann, bei nackten Körpern, auch der übrigen Fleischtheile. Im I. können daher neben röthlichen u. gelben auch grünliche, bläuliche, bräunliche Töne Vorkommen, und erst die harmonische Übereinstimmung aller unter sich und mit dem Grundton macht das I. ans. In Len älteren Malerschnlen waren es bes. die Venetianer und unter ihnen wieder Tizian, welche als Meister des J-s gelten. Schaskr. Jncarnation, Fleischgebung und -Werbung; Verkörperung, mittels welcher eine Gottheit sterbliche Leiber anzieht u. Sterbliches leidet, bes. in der Indischen Mythologie bei Vischnu; Menschwerdung Christi. Jncarnalklee, s. Klee. Jncartiren (v. Jtal.), Maaren einkarten, in Kart.en binden. Inoarvillsn ^nss., Pflanzengatt, aus der Fam. BiAnoinaesas-IucarvilleLö (XIV. 2.). I. (6i§- nonia) toinentosa. (Kiri), Baum in Japan, dessen Samenöl als Zusatz zu dem japanischen Firniß, sowie zum Ölen des Papiers dient. Jncassiren (v. Jtal.), einkassiren. Jncasso, das, was man eiukassirt hat. Inosslrsturs (Loxnlorrnn), kleiner Behälter in den Altarsteinen für Heiligenreliquien. In cssu, im Fall; In casum (lat.), für den Fall. Jnce, I. in Makerfield, Fabrikort in der engl. Grafschaft Lancaster; Baumwollenfabriken, Fabriken für Schncidewerkzenge u. Gartengeräthe, Kohlengruben; 11,989 Ew. Inoenssrium (Ineenaorium, lat.), Rauchfaß; in- csvsabio, in der Katholischen Kirche das Verbrennen des Weihrauchs beim Gottesdienst und das Beräuchern des Altars rc. Incertum opus (^ntiguum opns, lat.), nach Vitruv eine Bauart aus Bruchsteinen, in unregelmäßigen Stücken von verschiedener Größe ohne gewisse Ordnung, sondern wie sie am leichtesten znsammenpaßten, auf u. ineinander gelegt u. mit Mörtel verbunden. Jncest (v. lat. Inosstus, Blutschande), das Verbrechen, welches in der geschlechtlichen Vereinigung zwischen nahe verwandten Familiengliedern besteht. Es beruht auf einem sittlichen/ bei allen Völkern sich findenden Gefühle u. hat über- dieß auch seine volle naturwissenschaftliche Begründung. Über die Grenze sind indessen die Gesetze der verschiedenen Völker von jeher sehr verschieden gewesen. Allgemein findet sich aber die Ansicht, daß eine Geschlechtsgemeinschaft zwischen Ascendenten u. Desceudenten als verboten anzusehen sei. Das Römische Recht verbot die geschlechtliche Verbindung zwischen Blutsverwandte» und erklärte aus solcher Vereinigung hervorgegangene Kinder für successionsunfähig. Das Kanonische Recht dehnte die Eheverbote wegen zu naher Verwandtschaft u. Schwägerschaft sehr weit aus, so Laß damit auch der Begriff des J-es sehr erweitert wurde. Man unterschied nunmehr zwischen einem I. jnria äivini. wenn die Geschlechtsgemeinschaft schon den göttlichen Verboten des Mosaischen Rechtes unterfiel; n. einem I. juris knnnani, wenn die Geschlechtsgemeinschast nur gegen die übrigen, dnrch die kirchliche Gesetzgebung ausgestellten Ehehindernisse verstieß. Da in letzterem Falle immer eine Dispensation für zulässig gehalten wurde, so wurde daun der I. mehr nur als eine kircheupolizeiliche Übertretung bestraft. Die peinliche Gerichtsordnung Karls V. hatte in ihrer Strafbestimmung (Art. 117) theils das Römische, theils das Kanonische Recht im Auge, jedoch beschränkte sie den Begriff des J-es wesentlich. Die deutschen Particulargesetzgebuuge» haben diesen von der Oaroliua, eingeschlagenen Weg sodann weiter verfolgt. Das Neichsstras- gesetzbuch bestimmt in 8 173: Der Beischlaf zwischen Verwandten auf- u. absteigender Linie wird an den ersteren mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, an den letzteren mit Gesängniß (von 1 Tag) bis zu 2 Jahren bestraft. Der Beischlaf zwischen Verschwägerten auf- u. absteigender Linie, sowie zwischen Geschwistern wird mit Gesängniß (von 1 Tag) bis zu 2 Jahren bestraft. Verwandte u. Verschwägerte absteigender Linie bleiben straflos, wenn sie das 18. Lebensjahr nicht vollendet haben. Die uneheliche Blutsverwandtschaft gilt hierbei der ehelichen gleich. Bezold. Incli der englische Zoll — 2,^ ein. lncboativa vsrbs, Zeitwörter, die einen Anfang dessen ausdrücken, was im Stammwort angezeigt ist; z. B. grau-werden. Jucldent (v. Lat.), zufällig, beiläufig, nebenbei. Jncidentprspositionen, Jncidenlpunkte (Jncidentsachen), Streitfragen, welche nebenbei in einem anhängigen Proteste zur Sprache kommen. Ineläit in 8oMm, qui vult vitsre Cbar^däim (lat., der geräth in die Scylla, welcher die Cha- rybdis vermeiden will), sprichwörtlich für: aus einem Unglück in ein größeres gerathen, aus dem Regen unter die Traufe kommen; aus Vergil genommen. Jncineriren (v. Lat.), einäschern; Jncinera- tion, Einäscherung. Jncipiren (v. Lat.), anfaugen. Jncrsa (I. in Baldarno), Gem. im Bez. u. der ital. Prov. Florenz, am Arno, Station der Römischen Eisenbahn; mit Schloß und dem alten Stammhaus Petrarcas; 3643 Ew. Hier versperrten 1312 die Florentiner dem Kaiser Heinrich VII. den Durchzug. Jncision (v. Lat.), Einschnitt sowol zum Zweck einer Operation, als einer Section; die dazu nöthigen Instrumente: Jncisionsmesser, Jn- cisionsscheere rc. Jncistv (v. Lat.), einschneidend, gewaltsam ein- driugend. Indnärss, (Inoisorii äentos, Jncisiven), Jncitabcl — Inkrustationen. 667 die Schneidezähne. Ivelsum, 1) Einschnitt; 2) Zwischensatz; 3) so v. w. Kamm. Jncisur, Einschnitt, Aushöhlung. Jncitabcl (v. Lat.), reizbar. Daher Jnct- tabilität, nach I. Brown die Fähigkeit, durch entsprechende Einwirkungen (Jncitamcnte, ?o- bsstatss ineitantss) zur Lebcnsthätigkeit (Junta- tion) angeregt zu werden. >ne>., Abkürzung für Inclusive, s. Jncludiren. Jnclangorlum (lat.), Glöckchen, womit vor Erfindung der Glocken das Zeichen zum Gottesdienst gegeben wurde. Inklination (v. Lat.), 1) so v. w. Neiguug; 2) (Math.) die Richtung einer geraden Linie nach einem bestimmten Punkte, den sie nämlich trifjr, wenn sie verlängert wird; 3) s. Erdmagnetismus. Jnclinationsuadel, Jnclinatorium, s. Erdmagnetismus. Inklinationswinkel, der Richtungswinkel der Geschütze, bei welchem die Seelenachse unter die Ebene, die man sich horizontal durch die Schild- zapsenachse gelegt denken kann, zu liegen kommt. Jncliniren (v, Lat.), sich neigen, Steigung zu etwas haben; Jnclinirt, geneigt. Jncludiren (v. Lat.), einschließen. Daher In- clusi, bes. im Mittelalter häufig vorkommende Ordenslcute, die als Büßende unter strengster Asketik sich ganz von der Welt abschieden u. in Zellen einschlossen. Inclusive, einschließlich. In coons Domini (lat., beim Mahle des Herrn), Anfungsworte einer schon frühe (unter Urban V. im 14. Jahrh.) entstandenen, aber vornemlich durch Pius V. 1567 u. Urban VIII. 162? erweiterten u. veränderten Bulle, welche alle Rechte der römischen u. der gesammten Hierarchie darlegt, dieselben gegen die weltlichen Fürsten, Kirchenversammlungen n. Laien wahrt n. schließlich sich mit feierlicher Excommunicirung u. dem Bannfluch über alle Ketzer ausspricht. Dieselbe sollte jedes Jahr am Grünen Donnerstag (daher ihr Name Grün-Donnerstags-Bulle) in allen Kirchen verlesen werden, aber dieser Act stieß in Frankreich und Deutschland auf mehrfache Schwierigkeiten, so daß sie nur in Rom verlesen wurde. Vgl. Lebret, Geschichte der Bulle In coena. Domini, Lpz. 1768, 4 Bde. Lagai. inkognito (lat.), unerkannt; daher I. reisen, unter einem anderen Namen reisen, wie es Fürsten, Berühmtheiten rc. pflegen. Inoöls (lat.), Einwohner; daher Jncolat, so v. w. Jndigenat. Jncolatrecht, so. v. w. Co- lonatsrecht, s. u. Colonat. Inkommensurabel (v. Lat.), nicht mit demselben Maße meßbar, das Gegentheil von com- mensnrabel, s. d. In der Math, sind inkommensurable Größen solche, welche nicht als Vielfache einer u. derselben, auch noch so kleinen rationalen od. irrationalen Größe angesehen werden können; z. B. eine rationale u. eine irrationale Zahl, die Wurzeln relativer Primzahlen, die Seite u. die Diagonale- eines Quadrats. BuchruSer. Jncommod (v.Lat.), unbequem, beschwerlich; daher Jncommodität, Unbequemlichkeit; und Jncommodiren, beschweren, beschwerlich fallen, looommockum, 1) Beschwerde, Last; 2) Nachtheil. In commüni (lat.), insgemein, gemeinschaftlich. Jncomparabel (v. Lat.), unvergleichlich; daher Jncomparabilität, Unvergleichlichkeit. Inkomparabilia, Adjectiva, welche die Compara- tionsgrade nicht annehmen, s. u. Comparation. Jneompatibilität (v. Lat.), Unverträglichkeit; die Unzulässigkeit der gleichzeitigen Vereinigung zweier öffentlicher Ämter in Einer Person (vgl. Compatibilität). I. der Pfründen, in der Katholischen Kirche die kanonische Unthunlichkeit, mehrere Pfründen zugleich zu genießen. Jncompctent (v. Lat.), nicht befugt, ungil- tig; daher Jncompetenz, Uubefugtheit, Unzuständigkeit; in der Gerichtssprache der Mangel an denjenigen Bedingungen, von welchen die Fähigkeit (das Recht) einer Behörde abhängt, eine gewisse Handlung vorzunehmen, in einer gewissen. Sache Recht zu sprechen rc.; vgl. Competenz. Inkonsequent (v. Lat.), nicht folgerecht, unbeständig; daher Inkonsequenz, s. Conseqnenz. Jnconsistcnt (v. Lat.), unbeständig, unhaltbar; daher Jnconsistenz, Unbeständigkeit. In konstant! (lat.), augenblicklich. in oontant! (ital.), in baarem Gelds. Jncontestabel (v. Lat.), unwiderleglich, unbestreitbar. in oontinsnti (lat.), auf der Stelle, sogleich. Inkontinenz (v. Lat.), 1) Unenthaltsamkcit; bes. 2) Unkeuschheit; 3) Unvermögen, einen natürlichen Abgang nach Bedllrfniß anzuhalten. In continiio (lat.), ununterbrochen. In conkranum (lat.), ins Gegentheil. In contumaciam (lat.), s. Contumaz. Jnconbenienz (v. Lat.), Unschicklichkeit, Beschwerlichkeit, Miß-, Übelstand. Inkorporation (v. Lat.), 1) Einverleibung in etwas; 2) Aufnahme in einen gesellschaftlichen Körper; 3) die Einverleibung einer Kirchenpfründe in Betreff der Seelsorge u. der Einkünfte in eine geistliche Corporation, z. B. in ein Kloster oder Stift; 4) (Pharm.) Vermischung von trockenen mit weichen oder flüssigen Substanzen zu einer Pasten-, Pillen- oder pflasterartigen Masse. In corpore (lat.), in Gesammtheit, als die sämmtlichen Mitglieder eines Collegiums, einer Zunft u. dgl. Jncorporiren, einverleiben, ein Metall durch Schmelzung einem anderen beifügen, meist um fremdartige Stoffe daraus zu scheiden. Inkorrekt (v. Lat.), fehlerhaft; daher Jncor- rectheit, Fehlerhaftigkeit. Inorsäibile suäitu, visu, unglaublich zu hören, zu schauen; so daß man seinen Ohren, seinen Angen nicht traut. Jncredulität, Ungläubizkeit. Inkrement (v. Lat.), 1) Zunahme; 2) Wachs- lhum; 3) die endliche Veränderung einer veränderlichen additiven oder subtractiven Größe, od. einer fallenden Reihe; s. Differenz. Jncriminiren (v. Lat.), beschuldigen. Incrovsbie (franz.), 1) unglaublich; 2) großze- formte, dreieckige Hüte, s. u. Hut; 3) Modenarr, Stutzer. Inkrustationen (Glas-J.) sind mit Glas überzogene Reliefgegenstände; man stellt sie in der Weise her, daß man aus Speckstein oder weißem Thön fabricirte Sachen zwischen glühende Blei- «68 Jiicrustationsmaschme — Independenten. glasplatten bringt. Da zwischen dem Glas nnd dem Gegenstände stets eine dllmie Lnftschicht znrück- bleibt, so erhält das Ganze einen silberähnlichen Glanz, der bei passender gelber Färbung des Glasüberzuges goldgelb erscheint. Glatzcl. Jncrustationsmaschine, eine von d'Jllier erfundene Maschine zuin Überziehen der Samen mit düngenden Stoffen. Inkubation (v. Lat.), 1) (griech. Tempelschlaf) bei den Griechen und Römern der Gebrauch, Kranke in Tempeln, welche Heilgott-, heiten gewidmet waren, schlafen zu lassen, damit diese den Kranken im Traume erschienen u. Andeutungen gäben, wie sie wieder gesund werden könnten. So waren die Tempel des Podalirios, bes. aber des Asklepios hierin in Ruf. Meist leiteten Priester die I. ein u. legten die Träume der Kranken aus, träumten auch wol statt ihrer. Auch schlief man in den Tempeln des Amphiaraos n. Trophonios, aber hier, um im Traume Orakel zu empfangen. In Latium geschah Ähnliches in den Heiligthümern des Fannns u. Äsknlapius. Die die Orakel Fragenden schliefen auf den Fellen der frisch geschlachteten Opferthiere u. ließen sich aus den Träumen von den Priestern weissagen. Dieser Tempelschlaf ist noch heutigen Tags in Griechenland gewöhnlich, indem der Leidende in der Kirche des Heiligen, auf welchen er sein Vertrauen setzt, sein Gebet zu demselben verrichtet u. sich dann unter seinem Bilde schlafen legt. Der Heilige erscheint dann in der Nacht dem Schlafenden und gewährt ihm die erbetene Genesung. 2) Brütestadium, der Zeitraum von Übertragung eines Krankhcitsgiftes bis zum Auftreten der sog. Borläufersymptome. Die I. ist bei den einzelnen Krankheiten verschieden, beträgt z. B. bei Scharlach 3—4, bei Masern 10—14 Tage rc. Jncnbus (Jncubo, Beischläfer), so v.w. Faune, Silvanen, Kobolde, Geister, von denen die Alten glaubten, daß sie nächtlicher Weile die Frauen beschlichen; bes. in der Hexensprache ein Teufel, der mit einer Hexe Buhlerei trieb; medic. so v. w. Alp. In culpa (lat.), in der Schuld, schuldig, strafbar; Juculpiren, beschuldigen, vergl. Oulpu; Jnculpation, Beschuldigung; Jnculpant, der Einen eines Verbrechens beschuldigt; Jnculpat, der Angeschuldigte. Inonlpata. tmtsla, wider Willen abgenöthigte Wehr, Nothwehr. Jncunabeln (v. Lat.), Windeln, Wiege; davon bildlich Ursprung, Anfang; u. daher daun Urdrncke, Paläotypen, alte Drucke, die seit Erfindung der Buchdrnckerkunft bis ungefähr zum Anfang des 16. Jahrh. (nach Panzer bis 1536) gedruckten Bücher; bes. aber Werke, die mit Holztafeln, welche ganze Seiten Schrift eingeschnitten enthielten, gedruckt sind; sie gingen dem Druck mit beweglichen Typen voran. Beide Arten der ,J. sind für die Geschichte der Buchdruckerknnst, für die Kunstgeschichte, bes. wegen der beigegebenen mannigfachen Verzierungen, u. für die Kritik, wegen der ersten Ausgaben der Classiker rc., von hoher Wichtigkeit. Vergl. Hain, Ropsrtorium bibiiossraxliipnm, Stuttg. 1826—38, u. die Zusammenstellung der J.-Literatur von Petzholdt, Libliotlieoa diblivArapIiicm, Lpz. 1866, S. 110 f,, 156 f., U. a. Brambach. Jncnrabel (v. Lat.), unheilbar. In curia (lat.), auf der Curie, auf dem Nachhause, an einer öffentlichen Gerichtsstclle. Inousus (lat.), eingeprägt, bei altrömischen Münzen, wenn das Gepräge der einen Seite erhaben das der anderen vertieft steht. ' I. bl. Abkürzung für In nomine voi, im Namen Gottes. Jndalself, Fluß im schwed. Jcmtlands-LLn, entspringt unweit der vorweg. Grenze, fließt durch den Storsee, bildet mehrere Wasserfälle, darunter an der Grenze von Medelpad den 71 m hohen Edfors u. mündet nördlich von Suudsvall in den Bottnischen Meerbusen. Nebenflüsse: Langä, Harka, Amra n. a. Inüobite (lat.), ohne Verbindlichkeit; (Hand.) ohne schuldig gewesen zu sein, irrthümlich bezahlen. Inüobltuni (v. Lat.), Nichtschuld, die von Jemand aus Jrrthum in der Meinung, Laß er dazu verbunden sei, gemachte Leistung, bei der gegen den Empfänger die Oonäiotio inäsdibi auf Rückzahlung des Empfangenen sammt Accessionen, Früchten u. sonstigem Gewinn zusteht. Iiiäoditü sokntio, die ohne diesfallsige Verbindlichkeit geleistete Zahlung. Vergl. Erxleben, Die (lonäiotio incksbiti, Lpz. 1850. Jndecent (v. Lat.), unschicklich; daher Jude- cenz, Unschicklichkeit. Jndcclinabrle, Wort, welches nicht declnürt werden kann; vgl. Declination. In üeteotu (lat.), in Ermangelung, durch Unterlassung. Indefinit (v. Lat.), unbestimmt. Indefinitum, s. u. Pronomen. Inüolebills cbarsctsr, s. Charakter 2). Indemnität (v. Lat., Iliäomnibx), Straflosigkeit; dieselbe wird in Großbritannien'den Ministern, wenn diese aus Gründen des Staatswohls aus eigene Verantwortung etwas gethan haben, wozu gesetzlich die Zustimmung des Parlaments vorgeschrieben war, durch eine LiU ok luäsmmtzt gewährt, sobald das Parlament die Handlungen der Minister für materiell gerechtfertigt hält. Eine solche wurde 1866 auch der preuß. Regierung für die während der Conflictsperiode 1862—66 ohne Bewilligung gemachten Ausgaben für die Reorganisation der Armee ertheilt. Jndemnisiren, entschädigen, schadlos halten. Jndemnisation, Vergütung. In »so consillum (lat.), bei Gott ist Rath. Jndependence, I) County im Nordamerikas UnionSst. Arkansas unter 36° n. Br. u. 91° w. L., 14,566 Einw., C-sitz Batesville. 2) Sitz des Jackson County im nordam. Unionsst. Missouri, in der Nähe des Missouri u. der Kansas Pacific- bahn, früher der Sammelplatz der Auswanderer nach dem Westen; 3184 Ew. Die Stadt wurde im Secessionskriege wiederholt von den Conföde- rirten besetzt. Independent (v.Lat.), unabhängig; daherJn- dependentismns. Streben nach Unabhängigkeit. Independenten (v. Lat., d. i. Unabhängige), im Allgemeinen Diejenigen, welche sich überhaupt in politischer oder kirchlicher Beziehung von der bestehenden Superiorität losgemacht haben oder loszumachen suchen, insonderheit daun aber jene 60 » Ir» äsposito Indiana. engl. Dissenterpartei, welche, hervorgegangen aus den Brownisten (s. d.), seit 1610 in Leyden durch den Vorsteher einer aus England vertriebenen Brownistengemeinde, I. Robinson, eine festere Begründung n. Verfassung erhielt. Ihr Hauptgrundsatz ist, daß jede geordnete Gemeinde die vollständige Kirchcngewalt in sich selbst besitzt und von jeder politischen und kirchlichen Macht, von Bischöfen, Synoden u. Presbyterien unabhängig ist. Wegen dieser absoluten Unabhängigkeit wurden sie I. genannt. Auch machen sie die Mitgliedschaft von einer Prüfung des Glaubens und Lebens abhängig. In der Lehre sind sie zum Theil Calvinisten. Sie dringen auf eine genaue Kenntniß der Heiligen Schrift, die daher fleißig in ihren Versammlungen vorgelesen wird. Die Ordination ihrer Geistlichen ist bloße Berufung ohne höhere Weihe. Von Leyden aus verbreite- ten sie sich zuerst in den Niederlanden, in Amsterdam, Middelburg, Rotterdam, Arnheim, Geldern. Bei den inneren Kriegen in England, wo die ihre Richtung verfolgende geistliche Commission 1641 wieder aufgelöst war, kamen sic um die Mitte des 17. Jahrh. dahin und gewannen bald viele Anhänger u. großen Einfluß auch auf die Politik, bes. zur Zeit Cromwells, der zu ihnen gehörte. Zugleich verbreiteten sie sich auch in Amerika u. haben in beiden Ländern seitdem als eine besondere Partei neben den Presbyterianern bestanden, ihre Zahl ist jedoch geringer. In der neuesten Zeit haben sie mit den Presbyterianern u. Baptisten ein gemeinschaftliches Collegium gegründet, um für das Wohl der Kirche zu sorgen. Ihre Ansichten sind bes. in zwei Bekenntnißschriften niedergelegt, die indessen keine symbolische Geltung haben, in der Lpologia xro exnlibus Luglis, von I. Robinson, Leyd. 1619, u. in der sogenannten savogs eonkssmon, Lond. 1658. Vgl. B. Hanbury, iUsmorials rolad ok ksts Inst., 1839, 3 Thle.; Fletcher, List, ok inckspsucksuox in Ruglanä, n. Ausg., Lond. 1862, 4 Bde.; Stonghton, Reols- sinstiLnl bist, ok Ruglrurck: Oirureir ok Ürs Revolution, ebd. 1874; Weingarten, Die Revoln- tionskirchen Englands, Lpz. 1868. Lagai* In deposito (lat.), in Verwahrung, aufgehoben. Jndeterminabilrtiit (v. Lai.), Unbestimmbarkeit; dagegen Jndetermination, Unbestimmtheit. Indeterminismus, Leugnung u. Gegensatz des Determinismus; die Ansicht von der Freiheit des menschlichen Willens, daß derselbe in einem absoluten Gleichgewicht der Bestimmnngs- gründe zum Handeln zu suchen sei. Index (lat.), Anzeiger, Nachweiser; Seitenweiser, Register eines Buches; Zeiger an dem Stundenzirkel einer Erd- oder Himmelskugel; (Auat.) so v. w. Zeigefinger; (Maschinen».) so v. w. Zeiger; Zeiger (Math.), ein Buchstabe oder eine Zahl, welche einem Ausdruck (gewöhnlich rechts unten) zur Unterscheidung von ähnlichen beigesllgt werden, n. die seine Entstehung, seine Stelle in einer Reihe ähnlicher Ausdrücke, oder gewisse Beziehungen zu anderen Größen andeuten, z. B. Ng, gelesen a drei, oder n mit dem I. 3, würde vielleicht die dritte von mehreren durch n bezeichnet«:» Größen bezeichnen. Index litu-di-um prokibitdrum (lat.), das von einer besonderen Congregation von Cardinälen n. Theologen in Nom fortwährend geführte u. herausgegebene Verzeichniß derjenigen Bücher, welche als dem Glauben n. den guten Sitten schädlich den. Gläubigen zu lesen verboten sind. Die Abfassung eines solchen wurde auf dem Concil von Trient in Rücksicht auf die Zeitverhältnisse beschlossen; auf Befehl des Papstes Paul IV. wurde es 1557 angefertigt u. bekannt gemacht; Pius IV. vervollständigte es mit den versammelten Vätern des Concils u. pnblicirte es 1564. Vermehrt wurde es durch Clemens VIII. 1594. Die Congregation des I., wie sie jetzt in Rom besteht, wurde von Pius V. eingesetzt. Nach den für den I. geltenden Regeln sind verboten: a) alle Bücher der Irrgläubigen, welche Irrlehren enthalten oder- ausdrücklich über die Religion handeln; b) alle Bücher von Katholiken gegen den Glauben u. die guten Sitten; o) alle anonymen Bücher, welche schlechte Lehren vortragen. Die Bischöfe haben jedoch die Vollmacht, einem Gebildeten, Geistlichen wie Laien, welcher die Bücher zu eigener oder Anderer Unterrichtung zu lesen wünscht, die Er- lanbniß dazu zu ertheilen. Übrigens war von jeher weder in Italien selbst noch in den anderen Ländern die Auctorität des I., der seit 1819 in immer neuen Auflagen erscheint, von größerer Bedeutung. Der I. libroruw expru-Annckorurn od. I. sxpurAatorius enthält die Bücher, welche bis zur Ausscheidung einiger anstößiger Stellen verboten sind. Vgl. Peignot, Oietiouuairs äss priuoi- paux livrss «ouänmuös au ksu, suprimes on eonsures, Par. 1806; Petzholdt, Libliokirsea bidlio- Krnpliioa, Lpz. 1866. Löffler.* Indra (a. Geogr.), s. Indien. Jndiafaser, die Faser der Blätter von L.§s,vs srnsrioang. (s. d.). Indiana, 1) einer der Vereinigten Staaten von Nordamerika, und zwar einer der Nordwestlichen Agriculturstaaten; grenzt im N. on den Michigan-See u. den Staat Michigan, im O. an den Staat Ohio, im S. an den Staat Kentucky (durch den Ohio River davon getrennt), im W. an den Staat Illinois (theilweise durch den Wabash River davon getrennt); 87,560 (1590,2 H>M) mit (1870) 1,680,637 Einw., darunter 24,560 Farbige. Der Boden ist fast ganz eben, nur im S. längs des Ohio River einige niedrige Hügelketten (bis etwa 200 in), welche viele vortreffliche- Baumaterialien liefern. Flüsse: Ohio, Wabash, Maumee River (hier aus der Vereinigung der St. Josephs und St. Marys Rivers gebildet). White u. Kankakee Rivers. Klima fast durch- gehends gesund, nur in den niedrigen n. Sumpfgegenden bisweilen Fieber; plötzlicher Witterungswechsel oft vorkommend; Winter streng, aber ver- hältnißmäßig von kurzer Dauer; im Ganzen ist das Klima ähnlich wie im benachbarten Illinois, aber doch erheblich günstiger; mittlere Temperatur des Sommers etwa -1-20" R., die des Winters -I- 2,4° R. Der Boden ist größtentheils Prairie- land u. sehr fruchtbar, namentlich an den Fluß- usern; 1870 wurden 47°/o des Areals landwirth- schaftlich bebaut, während 34"/g mit Wald bestanden waren. Waldungen von Eichen, Buchen, Eschen, Ahorn, Kastanien rc. liefern gutes Bauholz. Die 670 Indianer. Hälfte der ungeheueren Getreideproductiou besteht aus Mais, dann folgen Weizen u. Hafer; ziemlich stark ist auch der Tabaksbau u. die Bienenzucht. Der Viehstand wies 1870 auf über 1 Mill. Stück Rindvieh, fast H Mill. Pferde, über 1H Mill. Schafe u. über 1Z- Mill. Schweine. Die Industrie ist wie in Illinois wenig entwickelt, doch ist der Handel, wenn auch fast nur Binnenhandel, lebhaft u. wird erleichtert durch ausgedehnte Wasserwege u. ein Eisenbahnnetz von (1875) 7044 lim. Der Bergbau ergibt neben einer ausgezeichneten Steinkohle große Quantitäten guter Eisenerze. — Eingetheilt wird der Staat in 92 Counties. Hauptstadt ist Indianapolis. Die Verfassung ist eine der demokratischsten in der Union; an der Spitze der Exekutivgewalt steht ein auf 4 Jahre vom Volk gewählter Gouverneur, der für die nächsten 4 Jahre nicht wieder wählbar ist. Er hat das Recht der Begnadigung außer bei Staatsverbrechen u. ein Veto, welches jedoch schon durch einfache Majorität der sämmtlichen Mitglieder beider Häuser der General Assembly annullirt wird. Ihm zur Seite steht ein Vicegouverneur, welcher unter denselben Bedingungen gewählt wird u. zugleich Präsident des Senats ist, außerdem ein Staats- u. ein Schatzsecretär, gleichfalls vom Volk auf 2 Jahre erwählt u. für die nächsten 2 Jahre nicht wieder wählbar. Die Gesetzgebende Gewalt ruht in der General Assembly, welche aus einem Senat von 50 u. einem Repräsentantenhause von 100 Mitgliedern besteht; beide werden nach Districten vom Volke auf zwei Jahre gewählt. Die General Assembly versammelt sich alle zwei Jahre im Januar zu Jdiano- pvlis. I. sendet zum Congreß nach Washington 2 Mitglieder in den Senat, 13 Mitglieder ins Repräsentantenhaus u. hat 13 Stimmen bei der Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Für Rechtspflege besteht ein Oberst-Gerichtshof (Luxroms Lourt) aus 3—5 von der gesammten wahlberechtigten Bevölkerung aus 6 Jahre gewählten Richtern bestehend, auch die Kreisrichter werden vom Volke gewählt. Die Finanzen gehören nicht zu den günstigsten. Die Staatsschulden beliefen sich 31. Oct. 1875 auf 5,004,000 Doll. (1870 noch 7,818,710 Doll.) u. die Einnahmen ergaben bisher nur einen geringen Überschuß. Was die Confessionen betrifft, so behaupten die Methodisten das Übergewicht, es fol- gen die Baptisten, die Christians, die Presbyterianer, die Lutheraner, die Katholiken. Für das Unterrichtswesen ist nach amerikanischem Maßstabe verhältnißmäßig gut gesorgt. Außer der Staatsuniversität zu Bloomington gibt es noch 0 höhere Lehranstalten u. eine verhältnißmäßige Anzahl von Volksschulen. Die öffentliche» Bibliotheken enthielten 1870 etwa 628,000 Bände. Wohlthätigkeitsanstalten: die Taubstummen- anstatt, das Blindeninstitut und das Irrenhaus, sämmtlich zu Jndianopolis, mehrere Hospitäler; das Staatsgefängniß ist in Jeffcrson. — I., früher zum sogenannten Französischen Amerika (dlouvolls Pianos) gehörig, wurde Ende des 17. Jahrh. von Canada ans von Franzosen besucht ».Anfang des 18. Jahrh. von denselben besiedelt; namentlich legten sie an den Usern des Wabash mehrere Posten an, von denen der bedeutendste Vincennes war. 1763 fiel I. an Großbritannien u. stellte sich beim Ausbruch der Revolution auk Seiten der Amerikaner. Durch den Tractat von 1783 kam eS an die Union, die eS jedoch von den Indianern thcils erobern, theils erkaufen mußte; bis 1801 gehörte es zum großen Nordwest- Territorium (lerritorz' Istortb ^sst ok tirs Obio), 1811 wurde es eigenes Gebiet u. 1816 als Staat in die Union ausgenommen. Die Constitution von 1816 wurde 1851 aufgehoben u. eine neue noch heute giltige gegeben. 2 ) County im nordamer. Ünionsst. Pennsylvania unter 40° n. Br. u. 7S° w. L., 36,138 Ew„ C-sitz: Indiana. Schroot. Indianer ( hierbei eine Karte), werden die Ureinwohner Amerikas genannt, weil die ersten Ent- decker dieses Erdtheils den Zweck hatten, Indien von Osten her zu erreichen u. auch nach der Entdeckung der Meinung waren, daß dies geschehen wäre, bis die erste Weltumsegelung den wahren Sachverhalt enthüllte. Die Urbewohner Amerikas bilden aber eine in ethnologischer Beziehung eigene Menschenrasse, welche nach ihrem Wohnsitze die Amerikanische Rasse benannt wird. Ümer den übrigen Menschenraffen steht sie der mongolischen am nalyneü, vo ll der sie, ibie Neuere verinmyen. abstammen durfte, jedenfalls durch keine allgemein zutreffenden Kennzeichen unterschieden ist. Der mittlere u. untere Theil des Gesichts stehen stark hervor, die Augenhöhlen sind sehr groß, die Augen klein u. schwarz, die Backenknochen stark u. hervortretend, die Kieser lang u. vorstehend, Nase n. Mund groß, Haar schlicht, lang, grob, schwarz, der Bart schwach (wird überdies sorgfältig aus- geriffen), die Hautfarbe schwankt zwischen schmutzig, gelb, olivenbraun, lvhfarbig, zimmtbraun u. kupser- roth. Der Charakter der I. ist verschlossen und ernst; sie sprechen wenig, sind gleichgiltlg gegen die Außenwelt, erträgst SchMrM 'ebettsö "sticht wie ne es durch ihre Grauiamleit Andere« zirmu- then, was sie hauptsächlich Lurch selbstquälerische Abhärtung erreichen. Im Kampfe sind sie außerordentlich tapfer, aber don bestianscyer u. teuflischer Grausamkeit; im Mieden dagegen hvslich u . ceremonieu. L eicht lassen sie sich von Affecten u. peidenschasten übermannen. Mehrere Stämme find Anthropophagen od. früher solche gewesen. ^ro^ei^^^sanMitragen^leMeansaewrE^ Konquistadoren und Millionäre des 16. Jahrh. Konquistadoren und Miffionare des 16. Jahrh. fanden diese Mängel der Raffe vor u. erhoben selbst Zweifel darüber, ob die I. überhaupt zum Menschengeschlechte gehören, so daß sich 1537 der Papst genöthigt sah, in einer Bulle sich gegen jene Behauptung zu erklären. Trotz der Humanitätsbe- strebungeii ».des Philanthropismus des 19.Jahrh., infolge deren sie von Seiten des Staates nicht bloß in Schutz genommen wurden, sondern gleiche Rechte mit den Weißen u. Farbigen erhielten, ist eine Änderung zu ihren Gunsten nicht eingetreten, im Gegentheil scheinen sie rettungslos dem Untergang entgegen zu gehen, eine Ansicht, die hauptsächlich durch die starke Bevölkerungsabnahme gestützt wird. Von diesem Umstande lebt aber keine Spur von Bewußtsein bei ihnen, denn anstatt die Bestrebungen der Weißen anzuerkennen und sich s"—1 r? SrvV d,„^a«^Qz Wr^HFL-^ uFnrS'«^- ^-Ä-'^v^7,,.^,„.o ^ o -F «ew» .«.iLNia- ?.?6S0 <> v v ^ ^ SV » v«rjn-c x.n'o»^ . ! ? dv -HFb V? ^77^ ch»WM L L F e - l ^ < '§. ^ E «^1 >-.Vl"»»,^7" H v/s -7» ^>«^"^° ^ ° io^" ^ ^^«.8ca^x . j ^tV Ev ^ ^ ' Lalle- Stt"S?Ä s ^^sd^oorr«! v^ ' 6«aA« ki«.' ^ MX^W ^e«eL«^o6 , > ^ - t-^settn^ i l^IILMK-MSirirXMO^LX, 7^^ !b oiTrs.^llli r Ltii'i) o sreiL iL. IrLcliLr^Lev l» V vI' eim on b>TLÄ.^en.. 4- ^ KV«», S^kttr^ ! E i k Indianer. 671 ihnen anzupassen, lassen sie sich fortwährend zu Feindseligkeiten gegen dieselben hinreißcn und beschleunigen dadurch ihren Untergang. Der Mangel an Einbildungskraft ergibt sich bes. aussen Mhthön ü. "Sagen, den'religiösen'Begriffen, sowie aus den Dichtungen uno RcdStt. Nur einzelne Nationen, wie tue I. ^Amerikas, stehen in letzterer Beziehung etwas höher als die übrigen. Obgleich die altenMejicaner ».Peruaner nach vielen Seiten hm eine hohe tnse der Cultur erreicht hatten, so waren sie voch ,n der EnMikelüng ihrer religiösen ^oeen nichr söhr ivöit vöräMMk i, s . Mllüer -' Dti urrsliglsnsn Aine- rikas, Basel 1855. Die Gleichgiltigkeit des J-s gegen höhere Religionslehren, die Rohheit, seiner kosmogonischen Ansichten, die Wildheit u. Außer- lichkeit seines Cnltns sind bedinat^irchdasUt^ " ' mit abstrakten tkbeen vertraut ^ baiterritorium werden 40—50,000 westl. u. etwa 60,000 östlich der Felsengebirge, für Untercanada 3400, für Obercanada 11,000 I. angegeben; für die nordamerikan. Unionsstaaten hat man folgende Zahlen: Alasca 75,000, I.-Territorium 68,152, Kansas 10,000, Michican 8000, Nebraska 7000, Dakota 24,000, Minnesota 7000, New-Mejico 20,000, Montana 18,000, Wyoming 2800, Colorado 8000, Arizona 37,000, Wisconsin 10,000, Utah 13,000, Nevada 15,000, California 22,000, Oregon 11,000, Idaho 6500, Washington 16,000, New-I)ork 5000 rc. Dabei sind die im Kampfe mit den Weißen lebenden I. nicht gerechnet; nach den neuesten Berechnungen des Lommlsslousb ük hen Viainenvervaltmtte nnv für bie te. scywer begreiflich zu machen; obgleich Azteken ».Peruaner höheren Standes sich nach ihrer Bekehrung zum Christenthum mit den Wissenschaften beschäftigten u. selbst Bücher lieferten, so vermochten sie doch auf dem Gebiet der Mathematik nichts zu leisten. Die Kunstwerke, Bauten u. Sculvturen selbst der Mejicaner u. Peruaner zeigen Mangel an Schwung u. Phantasie u. leiden an Monotonie der Formen. Die gerade Linie herrscht in der Architektur allerwärts vor; das höchste Ideal der Form, dem übrigens schon die Alterthümer in den Bereinigten Staaten nachzustreben beginnen, ist die geradlinige Pyramide. Dieselben Culturvölke r haben es nicht zur Ausbildung einer eigenliichen wirdJhre höchste Leistung in diesem Punkte. Auch die zahlreichen Sprachen A merikas, welche trotz ihrer Berschreoenyelt unter sich doch alle denselben Typus tragen u. eine eigene große Klasse bilden, b ekunden eine niedrigere Stufe des Denkvermögens der I. Sie suis sämmmch sog. synthetische Sprachen, Mlche die Begriffe mühsam zergliedern, dennoch aber häufig in Zweideutigkeit u. Unklarheit verfallen, somit der Fähigkeit zum Ansdruck höherer Gedanken entbehren u. von einem langsam arbeiten den Nersta nde zeug eiü Die I. sind jedenfalls ans Asien eingewandert, ob aber über die Beringsstraße od. über den Großen Ocean, ist ungewiß. Man unterscheidet die I. in verschiedene Völkerstämme (s. Amerika, Band I., S. 551). Zeigen auch alle die zahlreichen Völker u. Sprachen der I. einen gemeinschaftlichen Typus, so bleiben doch die großen Verschiedenheiten und die zahllosen Spaltungen in einzelne Idiome bei der verhältnißmäßig geringen Gesammtzahl der Urbe wohner Amerikas, eine merkwürdige Erscheinung. Man schätzt Letztere auf etwa SH Will., wobei jedoch alle Mestizen, welche dem Jndianerthpus näher stehen als den Weißen u. in dem ehemaligen spanischen Amerika einen starken Theil der Einwohnerschaft bilden, niit eingerechnet sind. Bon dieser Summe kommt jedoch nur der kleinste Theil auf Nordamerika, weil hier die I. sich nicht mit der angelsächsischen Raffe amalgamiren, sondern vor derselben zurllckweichen u. untergehen. Die Eskimobevölkerung der sämmtlichen arktischen Länder mag etwa 10—11,000 betragen; für das Hudsons« Illzian ' Lk k äl r Z dmäg r die MsiUiimlzM 316,000 davon wilde I. 81,000, halbcivilisirte 135,000 u. civilistrte 10l),000. Zieht man vagegen Sie m oen ;og. (;.-Reservaiionen lebenden I. allein in Betracht, so stellen sich die Angaben selbstverständlich viel niedriger (vgl. Karte). Viele indian. Völker- ichasten^nd^berej^völli a unteraeaanaen. andere visaü^genng^uglg^Kest^usammengeschm olzen; Branntwein, ansteckende Krankheiten (Blattern, Syphilis rc.) u. Kriege werden noch in nächster Zukunft" vielen anderen den Untergang bereiten. Der dritte Theil sämmtlicher I. sind noch Heiden. Durch die große Berschiebenyett oer (Mome wer- den die Bemühungen der Missionare außerordent« sich erschwert; nur in den Ländern, in welchen einzelne Sprachen allgemeinere Giltigkeit erlangt hatten, wie in Neuspaniem das Aztekische, in Peru das Quichua, ging das Bekehrungswerk schon frühzeitig und rasch von Statten. In Bezug auf den Grad ihrer Cultur zerfallen die I. in drei Klaffen; zur ersten gehören diejenigen, welche schon vor der Eroberung Ackerbau trieben u. geordnete Staaten bildeten, nach derselben in Verbindung mit ihrem Boden blieben und das Christenthnm annahmen, welches letztere jedoch auf Sitten, Sprache u. Lebensart keinen gestaltenden Einfluß übte. Diese Klaffe ist die zahlreichste u. überwiegt im ganzen spanischen und portugiesischen Amerika die eingewanderte weiße Bevölkerung. Die zweite Kläffe umfaßt diejenigen I., welche neben der Jagd auch Ackerbau treiben u. durch Missionare, wie namentlich die Jesuiten, etwas civilisirt und seßhaft gemacht worden sind. Obgleich ein Theil oieser sog. lustlos oatognlsLstos (d. i. die katechi- strten I-, in Brasilien lustlos mausos, d. i. civi- lisirte I.) auch die Sitten u. Sprache der Weißen angenommen hatte u. somit in die Kategorie der lustlos rsstuolstos (d. i. der bekehrten I.) getreten waren, so verfielen doch nach Weggang od. Vertreibung ihrer geistlichen Leiter viele dieser Stämme wieder in die alte Barbarei zurück, so daß man Liese zweite Klaffe der I. höchstens auf 1 Mill. veranschlagen kann. Die dritte Klaffe endlich bilden die soy. wilden Stämme, welche span, u. Port. lustlos brävos (d. r. wilde), genannt werden. Sie sind Fischer- u. (kagervolter uno yaven von oer europäischen CwmsaNon nur vas Psero und das Feueraewevr anaenommen, woourcy sie LiS Miktil, ihre weißen Feinde zu belästigen u. heimzusnchen, haben: dis Starke vieler Ltamme, wenye aewonnen I namentlich dem - Unterqanq rasch entgegengehen , mac, etwa 4 Mill. betragen. 672 Indianer-Reservationen Der nordamerikanische I. mit den Eigenthüm- lichkeiten seines Charakters u. Jägerlebens ist, des. in NAmerika selbst, ein willkommener Gegenstand der übertriebensten u. der Wahrheit durchaus fernstehenden Romantik geworden, der auch von Dichtern u. Romanschriftstellern thcilweise sehr glücklich benutzt worden ist. An der wissenschaftlichen Betrachtung des Indianers (Rsd siciu, Rothhaut) hat sich in Amerika die Ethnologie zuerst entwickelt. Die Schriften, welche von der ^msrisau Lttmo- logival Locistz- u. theilweise auch von verschiedenen historischen Gesellschaften der Vereinigten Staaten heransgegeben werden, enthalten viele wichtige Beiträge zur Kenntniß der Sitten, Geschichte und Sprachen der I. Die bedeutendste Sammlung von Materialien hat Schoolcrast in der Ristorisal and Statistical inkormation, respsctivA tirs üistorz-, condition and prosxscts ob tirs Indian tribss ok tlre Rnitsd Ltatss, Philad. 1851—58, 6Bde., angelegt; Hauptwerk in anthropologischer Hinsicht ist Mortons Orania Lmsricana, ebd. 1839. Über ihre Anschauungsweise bes. in religiöser Hinsicht vgl. auch Tylor, Anfänge der Cultur, deutsch von Spengel u. Poske, Leipz. 1873, 2 Bde. Sonst sind noch außer den zahlreichen Reisewerken zu nennen: Mac Kenney u. Hall, Hist, ol tirs Indian tribss, Washington 1838—44, mit 120 Porträts, 3 Bde.; Schoolcrast, Onöota or Lüaractsr- istics vk tbs Rortii-L.lnsrican Indians, New-Iork 1844; Mac Kenney, Nsmoirs otücial and personal rvitlr slcsteiros ok travsls amonA tirs nor- tlrsrn anä soutlrsrn Indians, ebd. 1846, 2 Bde.; st'lrs Inäian in bis MiArvain, or Obaractsristics ok tbs Rsd Raes ol America, ebd. 1848; Drake, llivAr. and bist, ok tbs blortb-llmsrican Indians, Boston 1853, 9. Ausl.; Lanman, Indian RsZsuds, New-Uork 1849; Moore, Rist, ok Indian rvars ol tbs Rnitsd Ltaatss, ebend. 1849; Thatcher, Indian RioArapb)', ebd. 1832 u. ö., 2 Bde. Über die I. des mittleren Amerika außer der verschie- denen Reisewerken besond. die Werke von Sguier (s. d.) und Brasseur de Bourbourg, Rist, ds la Äsxigus, Par. 1857—59, 4 Bde.; die Werke des Malers Catlin (s. d.), außerdem von demselben: Illnstrations ok tbs mannsrs and snstorns ol tbs Rortb-Lmeriean Indians, Lond. 1876, 2 Bde., sodann die betr. Werke in dem Artikel Amerikanische Alterthümer; über die Urbevölkerung Süd- Amerikas die Reisewerke von A. von Humboldt, Tschudi, Spix und Martins, Schomburgk, Prinz Maximilian von Neuwied, d'Orbigny, Moritz Wagner, Burmeister rc., sowie Riveros u. Tschu- dis Lmti^nsda dss Rsruanas, Wien 1852. Der gründlichste Kenner der amerikanischen Sprachen in Deutschland ist Buschmann (s. d.). Vergl. die Artikel Amerika, Mejico, Peru, sowie die über die wichtigeren J-stämme. Henne-Am Rhyn. Schroot. Indianer-Reservationen, s. u. Indianer. Indianisches Feuer, stark leuchtende Feuerwerksflammen (s. Bengalisches Feuer u. Buntfeuer). Indianisches Roth ist eine dunkelrothe ans Eisenoxyd bestehende Farbe, welche sich natürlich als Eisenocker findet u. auch aus Vitriol dargestellt wird. Indianische Vogelnester, Consolen der Ne- sterderSalanganen (Rirundo essnlsnta I,.), welche — Indian Territory. auf den Sundainseln, auf Java u. anderen Inseln Indiens bis Neuguinea ihr Nest in Höhlen u. unter überhängeuden Felsen bauen. Die Ne- ster, in welchen noch keine Jungen gelegen haben sind gelblich, halb durchsichtig, die alten schwärzlich' klein, flach, napfförmig und an der Seite (wo sie anhängen) plattgedrückt, oft sind Federn hineingewebt. Das Abnehmen der Nester geschieht mit. i tels Gestellen von Bambusrohr n. ist sehr gefähr- ! lich; es geschieht 14 Tage lang in der Brütezeit. ^ Die Masse der Nester besteht allein aus dem eingetrockneten Secret der stark entwickelten Speicheldrüsen. Trotz ihrer Unschmackhafligkeit werden sie, bes. in China, indem man ihnen tonische u. stimnlirende Kraft beilegt, so gesucht, daß bloß von Batavia aus jährlich an 4 Millionen Stück nach China gelangen, u. bei keinem feinen Diner fehlen sie. Der Pikul (62,^ Kilo) reiner weißer Nester wird zu 3000—4500 LI bezahlt. Man verkocht sie gewöhnlich zu Suppen od. setztsiezu Ragouts. Die unreinen Nester dienen zu Leim. Farwick. Indianist, Kenner der Indischen Sprachen u. Literaturen (bes. der älteren, als Sanskrit rc.). Jndianit, s. u. Feldspathe. Jndianola, Hafen und Eisenbahnstation im Calhoun County des Nordamerika:!. Unionsstaates Texas im W. der Matagorda-Bai, lebhafter Küstenhandel, 2106 Ew. Jndianopolis, Hauptstadt des Staates Indiana, am westlichen Arm des White River, von dem ein Kanal nach dem Ohio mit Zweigkanal nach dem Wabash abgeht; Haupteisenbahnknoten. Punkt des Staates; Staatenhaus (1834 nach dem Muster des Parthenon gebaut), Gouverneurs- Palast, Taubstummenanstalt, Blindeninstitut, Irrenhaus, Arsenal, großartiges Gerichtsgebäude, Wasserleitung, 40 Kirchen; Eisenwerke, Wollenfabriken, Gerbereien; (1870) 48,244 Ew. (1840 erst 2692, 1860 18,611). I. ist seit 1325 Hauptstadt. Schroot. Jndianstahl, s. Stahl. Indian Territory (Gebiet der freien Indianer), dasjenige Gebiet der Vereinigten Staaten, welches 1830 den Jndianerstämmen in den Staaten östlich vom Mississippi zum dauernden Wohnsitz angewiesen worden ist; es grenzt im N. an das Gebiet Kansas, im O. an Missouri u. Arkansas, im S. an Texas, im W. an Texas und New- Mejico, 178,700 Uslcm (3245 jUM) mit (1870) 68,152 Ew. Im Südosten gebirgig durch die Ozark Mountains, im Übrigen eine große fruchtbare Ebene, größtentheils Prairien, fast nur an den Flüssen bewaldet; Hauptflüsse: Arkansas River (mit dem Cimaron u. Canadian Rivers), Washita River, Red River (Grenzfluß gegen Süden); das Territory wird von 600 icm der von St. Louis nach Galveston führenden Eisenbahn durchschnitten. Klima mild und gesund. In rechtlicher Hinsicht steht das Territory unter den Gerichtsdistricten von Arkansas u. Missoury; mehrere der größeren u. civilisirteren Stämme, z. B. die Choctaws, haben geregelte Verfassungen unter gewählten Häuptlingen u. treiben Ackerbau u. Viehzucht; die bedeutenderen Stämme sind: Cherokees (etwa 16,000), Creeks (15,000) u. Choctaws (15,000). Die übrigen sind unbedeutend (Seminolen z. B. nur noch etwa 2000, Chickesaw noch 4500). Zur Aufrecht- Jndican — Jndiction. 673 i erhaltung ihrer Autorität hat die Regierung der Bereinigten Staaten eine Anzahl Militärstationen errichtet, die bedeutendsten find: Fort Towson am Red River, Fort Cobb am Washita River, Fort ^ Gibson am Arkansas River. Das I. T. bildet einen Theil des Landstriches, welcher als Louisiana Tract 1803 unter Präsident Jefferson von Frank- l reich abgetanst wurde. Übrigens ist die Auflösung i des Territory bei der rapid abnehmenden Bevölkerung (1853 noch auf 400,000 Köpfe geschätzt) nur noch eine Frage der Zeit; verschiedene darauf oder wenigstens auf den größeren Theil des Areals bezügliche Bills sind schon eingebracht worden. Einstweilen sind die Verhältnisse seit 1870 durch eine Art Verfassung im Sinne der der Union mit einem jährlichen Bundesparlament in der Hauptstadt Tahlequah einer besseren Ordnung ,> unterworfen worden. Schroot. ! Jndican, ein in allen Indigo liefernden Pflanzen enthaltenes Glycosid; auch im u Harn des Menschen und der Säugethiere soll es enthalten u. Ursache der Blaufärbung der Milch ^ beim Stehen an der Luft sein. Bitter schmeckender Syrup, der sich beim Kochen mit verdünnter Schwefelsäure unter Wasseraufnahme in Jndigblau u. Jndiglucin, vgL^Os, eine Zuckerart, spaltet. Letzteres ist ein syrnpartiger, süßschmeckender Körst per, der Kupferlösungen reducirt, aber durch Hefe nicht in alkoholische Gährung versetzt wird. Broglie. Indikation, s. Anzeige 4). !> Judieattvtts, der Modus des Zeitwortes, wo- , mit der Redende einen Zustand od. eine Thätig- keit als wirklich aussagt oder nach der Wirklichkeit fragt. Jndreator, ein von I. Watt erfundenes Instrument zur Beurtheilung der Wirkungsweise u. Leistung einer Dampfmaschine. Es besteht aus einem kleinen Dampfcylinder mit Kolben, der durch eine Feder gehalten wird u. nach oben eine Stange mit Schreibstift trägt. Verbindet man den Cylin- der des J-s durch ein Rohr, das durch einen Deckel des Dampfcylinders der Dampfmaschine geht, mit dem Innern dieses Cylinders, so wird der Dampf, indem er auf den Dampfkolben wirkt, zugleich den J-kolben bewegen, dabei die Spannst kraft der Feder überwindend. Mit dem J-kolben st geht auch der Schreibstift auf und nieder. Vor i demselben ist ein hin- u. hergehender Papierstrei- ^ fen angebracht, der die Hin- u. Herbewegnng des Dampskolbens der Maschine mitmacht, gewöhnlich durch einen Hebelmechanismns verkleinert. Auf diesem Papierstreifen beschreibt der Schreibstift eine geschlossene Figur (J.-Diagramm), deren Inhalt proportional ist der vom Dampfe bei einem Hube des Kolbens geleisteten Arbeit, so daß diese 's daraus berechnet werden kann, und gleichzeitig er- i hält man ans der Gestalt der Figur Ausschluß ^ über die Wirkung der Steuerung der Dampfmaschine. Gieseler. ! Judicien (Jnzichten, Anzeigungen, vom lat. Inäioinm), im Strafproceß Beweis-Umstänve, ^ welche nicht die zu beweisende Thatsache selbst in ! sich begreifen u. insofern also keinen directen Beweis liefern, sondern zu der zu beweisenden That- ^ fache nur in einem solchen Verhältnis steheü, daß nach logischen Gesetzen ans dem Vorhandensein > > Pierers Universal-Conversations-Lexikon. 6. Ausl. X. jener Umstände aus das Vorhandensein dieser Thatsache geschlossen werden kann. Während also durch die Aussagen eines bei der verbrecherischen That anwesenden Zeugen od. durch das Geständ- niß der That durch den Angeschuldeten ein unmittelbarer Beweis geliefert wird, macht bei dem J.-Beweis die richterliche Beweisprüfung einen Umweg. Es fragt sich nämlich hier zunächst darum, ob im vorliegenden Falle Umstände überhaupt angezeigt seien, aus welchen auf das Geschehensein der verbrecherischen That geschlossen werden kann. Ein solcher Umstand ist z. B. bei Mord das Vermögensinteresse an dem Tode des Getödteten, oder ein bestandener Haß gegen denselben. Erscheint nun das Vorhandensein irgend eines solchen Umstandes angczeigt, so fragt es sich sodann weiter, ob derselbe bewiesen sei. Ist er aber bewiesen, so kommt es erst zur Hauptfrage, ob von dem fraglichen Umstande mit größerer od. geringerer Sicherheit auf die verbrecherische That geschlossen werden kann, mit anderen Worten, ob das Jndicinm einen stärkeren oder schwächeren Verdachts- und Beweismoment liefert. Wie viel Beweiskraft nun jedem einzelnen Jndicinm, je nachdem dasselbe selbst voll oder halb bewiesen ist, beizumessen sei, suchte seinerzeit die Gesetzgebung dort, wo schriftlicher Proceß und Beweistheorie galt, kasuistisch und arithmetisch genau zu bestimmen. Nach älterem Deutschen Rechte und der Oaroiina durste auf I. allein eine Verurtheilung nicht gebaut werden; bei dem Vorhandensein einer gewissen Zahl gewisser I. aber konnte auf Anwendung der Folter erkannt werden, um durch dieselbe noch ein — direktes — Beweismittel, nämlich das Geständniß des Angeschuldeten, hin- zuznbekommen, u. sodann zu einer Verurtheilung gelangen zu können. Seit Wegfall der Folter wurde particnlargesetzlich auch die Verurtheilung auf bloße I. gestattet, man suchte aber durch peinlichste Casuistik in der Abwägung der Beweiskraft der verschiedenen Arten von I. an und für sich u. in ihrer Verbindung mit directen Beweismitteln unbegründeten Verurtheilungen zu begegnen. Die Folge war jedoch, daß es nun überhaupt nur in Ausnahmefällen möglich war, zu einer Verurtheilung zu gelangen. Mit Einführung des öffentlich-mündlichen Verfahrens wurde die ganze Beweisprüfung, also auch die Prüfung des Beweiswerthes der verschiedenen I., der freien Erwägung der Geschworenen und Richter anheimgegeben. B-zold. Jndiction (lat. Imiietio), 1) Ansagung einer Auflage. 3) (Römerzinszahl, J-scyklus) Eine Zeitperiode von 15 Jahren, welche bei den Römern unter Constantin d. Gr. im Jahre 313 eingeführt wurde, um darnach die Schätzung der Unterthanen in allen den Römern unterworfenen Ländern zu reguliren. Zu Ende jedes Jahres war eine Schätzung; das erste Mal an Gold, das zweite Mal an Silber, das dritte Mal an Eisen. Um sdie Zeit, wann dieser Zins zu erlegen sei, genau zu fixiren, wurde befohlen, das Jahr der I. von 1 bis 15 immer neben der gewöhnlichen Jahreszahl zu bemerken. Doch Hub anfänglich die I. nicht vom Anfang des Jahres, sondern vom 15. Sept., etwas später (bei den griechischen Kai- Band. 48 674 Indien. fern) vom 1. Sept., noch später auf Anordnung der Päpste als Inäiotio pontikiealis vom 1. Jan. an. Noch bis auf die neueste Zeit wurde nun in Urkunden, bes. auch in Notariatsinstrumenten, die I. neben der Jahreszahl bemerkt, um Verfälschungen in der Zeit vorzubeugen. Indien (fr. Iss Inciss, engl. Inäia, ital. u. span. Inckia) ist in Europa der Name für eiu weites Ländergebiet im S. und SO. Asiens, welches politisch keine Einheit ausmacht, sondern nur eine geographische Abtheilung dieses Welt- theils bildet. Der Name wird in verschiedenem Sinne gebraucht; in weiterer Bedeutung versteht man darunter, wie im klassischen Alterthum, so- wol die Halbinsel diesseits des Ganges od. Vor- der-J., als die jenseits dieses Flusses od. Hinter- I. (s. d.) n. rechnet auch die größeren Inseln des Indischen Archipels (s. d.) dazu, in anderer versteht man darunter nur die unmittelbar od. mittelbar der englischen Krone untergebenen Länder, also beinahe das ganze Vorder-J. u. Theile von Hinter-J., wie Arracan, Malakka, Singapur, wofür die osficielle Bezeichnung Anglo-indisches Reich ist, gewöhnlich endlich begreift man darunter die zum größten Theil dem engl. Scepter gehorchende Vorderindische Halbinsel, welche oft auch mit der genaueren Bezeichnung Ostindien (Inäss orisnbalss, Last Inckia) od. auch Vorder-J. bezeichnet wird. Der Name erscheint im elastischen Alterthum zuerst bei Herodot (r) Vr-ckrxij) u. stammt aus dem sanskrit. sincktru (altpers. irinäu), Fluß, Flnßland, ursprünglich das am Indus gelegene Land, der später von den Mohammedanern auf das ganze Land übertragen wurde (vgl. u. Hind), wozu als neupersische Bezeichnung das jetzt gewöhnlich nur für den nördl. Theil gebrauchte Hindustan (s. d.) gekommen ist; die einheimischen Bezeichnungen sind davon ganz verschieden. Unter diesen ist die bedeutsamste ^rjavarta, d. h. das Land der ehrwürdigen Männer, womit hauptsäch- lich allerdings der nördliche Theil zwischen Himalaja und Vindhja begriffen wird, eine andere in der buddhistischen Kosmographie gebräuchliche Dsodamdnävipa, die der brahmanischen Liaara- tavarskra. Bei den Chinesen hieß es Shin-tu. I. (A. Geogr.). Wiewol schon im frühen Alterthum ein reger Handelsverkehr zwischen den westlichen Gegenden und dem Lande der Schätze und Wunder im Osten stattfand, so hat sich doch eine genauere Kunde dieses letzteren erst in verhältnißmäßig später Zeit, und auch dann noch lückenhaft, verbreitet. Wo! die ersten Nachrichten gab der von dem Perserkönig Darms 509 v. Ehr. auSgesandte Skylax von Karyanda, der den Indus hinabsegelte und von dort auf dem Seeweg in seine Heunath zurückkehrte. Weniges geben Hekatäos und Herodot (Bewunderung des Goldreichthum?, erste Erwähnung der Baumwollenstaude), u. auch dieses nur in Bezug auf die im W. gelegenen Länder Kaschmir und das Jndus- ufer, Ausführlicheres über Gewächse, Thiere und Völker der Grieche Ktesias, der Leibarzt am Hofe des Artaxcrxes II. Mnemon gewesen und um 400 v. Chr. in sein Vaterland zurückgekehrt war. Sein im Alterthum stark benutzter und nur in diesen Auszügen uns bekannter Bericht enthält des Wunderbaren u. sicherlich übertriebenen viel u. ist dadurch die Quelle vieler Fabeln der spä- teren Zeit geworden; so die Erzählung von den durchschnittlich V- m großen Pygmäen, von den Greifen (s. d.), von dem Einhorn (s. d.). Eine bedeutende Erweiterung der Kenntnisse brachte der Feldzug Alexanders d. Gr. u. die seitdem regeren Beziehungen der Inder mit den hellenistischen Königen des W. Bor allem ist hier das Werl des Megasthenes zu nennen, in dem zum erstenmal die Feststellung der Größe J-s versucht, der Ganges mit seinen Nebenflüssen bestimmt, und von den die Augen des Fremden fesselnden un< geheueren Banianen und Palmen, von der Größe und Gefährlichkeit der Thierwelt in Raubthieren u. Schlangen, von der Pracht der Vogelwelt, von dem eigenthümlichen Leben der Brahinanen und den Büßern genauere Kunde gebracht wurde. Ans Liesen Bericht u. die anderer makedonischer Offiziere stützen sich die ihn später vervollständigenden in den Werken des Strabo u. Plinius, bis Ptolemäus die gesammte Wissenschaft des Alter- tyums über I. zusammenfaßte u. die maßgebende Autorität für lange Zeit darüber blieb. Sind dessen Nachrichten über I., wie über Alles in seinem Werke, die ausführlichsten u. eingehendsten des Al- terthnms, so leiden sie dennoch an einem Grundmangel, der beinahe vollständigen Unterdrückung der Halbinselgestalt des Landes u. der Verwandlung des Indischen Oceans in ein Binnenmeer, indem er das alte afrikanische Acthiopien als unbekanntes Land sich im S. über den goldenen Chersoues (Malakka) bis zu den Küsten von China verlängern ließ, ein Jrrthum, der in seiner ersten Beziehung erst spät durch den arabischen Geographen Albiruni (1010) aufgedeckt und im U. Jahrh. endlich auch im christlichen Abendlande eingesehen wurde. I. war nach der alten Vorstellung das südlichste Land in Asien, begrenzt im N. von Paropanisos, Jmaos u. Emodos (ungefähr Hindukusch, West- u. Ost-Himalaja), im S> von dem Gangetischen Busen des Indischen Oceans, im W. von dem Indus, im O. von dem Land der Sinä (Chinesen) und dem Meer, ein Land von unbestimmter Größe (von Einigen auf Vs der Erdoberfläche geschätzt). Ptolemäus theille es ein in Inckia intra OanAvin und Inckia sxtra OanZsin, das Land diesseits und jenseits des Ganges, letzteres mit der ^lursa Ollsrsüiiosus (Malakka), kannte außer den oben genannten Grenzgebirgen auch noch innere Ketten, so das Vindion (Vindhja), Apokope (Arawalli), Sardonyx (wahrscheinlich Radschapipali), Uxentos (die östl. Ausläufer des Vindhja), Bepyrrhon, Damasa, Semanthinos, Mäandros (Hiuterindische Ketten). Von Busen gab er ihm, außer dem großen Linus AanAstious (ungefähr Golf von Bengalen), richtig bestimmt an der Westküste die von Barygaza (Golf von Cambay) und von Kanthi (Golf von Katsch), an der Südküste den Kolchischen (Golf von Manaar), den von Sabarakos (Jrawaddi- Mündung in Hinterindien) und and. Von Vorgebirgen nennt er u. A, das Kaleikoria (Cap Cory), Komarion (Cap Comorin), Pyrrha (Cap Dilli). Von Flüssen werden erwähnt der JnduS mit seinen Nebenflüssen, von denen jedoch der 1 Ä^ü. /l. ^ .' U » » L Z V L U " - -l^ o? y... .^AzD^ ML^" ' zbM^r.tz) .<^E» ,-^ j X I, ° »2^. ^ >--^A » » vl ^ ör.-Lritiscii., k'n-L'i'un.nosisek.- ?oi't. - ?orwLi.688ikcli V-E ,^x., Sj L/- "E-M s» L ., M"LLtA»7L'°-xr7"- 7E W---iU «M s "K'iWU ur> ^ HhWWSjM! »K Uz WWkD-« «Sk-M VM< ÄS ELEEL5 8^U>r> 6k/uvk^ / >.- V, ^ K'WdLMM cV-L >1 Li?a> T^Aua^-^. ^' «r^sSH^-h cM" ->zS.vmd rr/t,mr/rtz 9ö7^/ ^k«7VÜ . ^ ^rl>tt'Drc7u: EL-Ä" WEDL, ^ /,E> V7M«-tzMx. --Ä Mch! r-SL-KK MLKsL) : ^ kKMML^ ^ ^_ , ^ ..-. _ _ DN^ ^ i "MMZ- " ' ^ K i'iti«c^- Inilieir I ^k'ri.kiäenkKv^rl.t'l LenZo^vn- HI?l>UtiiäeM86^Lst Alrilli'A.» . .. IV! s^v>n^. ! ! Kin^eiiLLclleVe^eie L.^sk-N ...... ?^K^s ^'«'V^k'lLüaLrl 'E 7. - - ^ ,^'ÄÄLL^E' Mtz 8^' I.iterLi'iLo'kes Institut in Lerlin. Indien. 675 Kabul (Kophen) anderweitig bekannt geworden u. Ptolemäns unbekannt geblieben ist (s. Pendschab), der Ganges mkt seinen zahlreichen Nebenflüssen (die bedeutendsten s. u. Ganges), der Bautisos (wahrscheinlich derBrahmaputra), Manadas (wahrscheinlich Mahanadi), Mäsolos (Godavary), Tpna (Kistna), Tyndis (Brahmani), Chaberos (Ca° very), Nanaguna (Tapti), Mophis (Mahi), Nar- -madas (Nerbudda). Indessen muß bemerkt werden , daß eine genauere geographische Bekanntschaft damit nicht verbunden war; einestheils wegen der irrigen Ansicht über die Gestalt des Landes, anderseits hat in späterer Zeit der ^Indus noch seinen Lauf erheblich verändert u. ist das Gangesdelta in seinem jetzigen Umfange erst entstanden, so daß eine Jdentificirung der Stromläufe schwierig, fast unmöglich wird. Dasselbe gilt von den hinterindischen Flüssen Seros, Domas, Doanas (Menam oder Mekhong?), Toko- sanna (Arracan), Sobanos (Tenasserim). Von der großen Anzahl im Alterthnm genannter Völkerschaften sind nur wenige bemerkenswerth, wie die Lampager am Koas (Khonar), die Abhisara und Darada am mittleren, die Praesthi ani .unteren Indus, die Taxili im Pendschab, die jDaltichae und Manichae (Geschlechter der Krie- > gerkasten) am Ganges u. Dschumna, Marundä am Ganges bei Benares, die Prasier am unteren Ganges, Mandalä im nördl. Bahar, die Gangm riden im Delta des Ganges, die Adisathri, Ar- varni, Soringi, Pandiones, Kalingä im Dekhan. Von den bei Ptolemäns angeführten Landschaften und Reichen ist Prasiake das Land am unteren ' Ganges, Sandrabatis das obere und mittlere Bundelkund, Syrastrene die Halbinsel Gudscherat, Larike ein Reich, welches Theile dieser u. das Festland Gudscherat mit angrenzenden Gebieten umfaßte, Arjake das Hochland u. zum Theil die WKüste des Dekhan, Limyrike der schon damals als Seeräuberausenthalt berüchtigte Küstenstrich uni Honawar, Pattalene das Jndusdelta, Abiria, die Küste östl. der Jndusmlindung, Goryäa u. Peu- kelaotis im Pendschab. Von bedeutenden Städten der damaligen Zeit kannte man Kabnra od. Or tospana (Kabul), Taxila (Takschasila), Pattala (Potala) am Indus; Barygaza (Barotsch), Si° mylla (Bassein), Supara (Surparaka), Zizerus (Dschaighar), Naura (Honawar), Muziris oder Mangarmh (Mangalur), Balita (Calicut) an der WKüste; Parthalis, Dandagula an der Ostkllste, Gange im Gangesdelta, Hippokutra, Baithaua, Kalligeri im Innern des Dekhan, Palimbothra (Patna), Ozcne (Udschdschajini, Udschein), Kalini^ paxa (viell. Kanodsch). In gleicher Weise hatte in dem späteren Alterthume die Kenntniß von der Thierwelt, von den Schätzen des Pflanzen- und Mineralreiches zugenommen und war durch einen lebhaften Handelsverkehr, der den luxusliebenden Römern die Genüsse u. Prunksachen des äußersten Orients brachte, befördert worden; aber auch in dieser Beziehung hat die Sucht zu vergrößern u. zu übertreiben u. die Gewohnheit, alles Wunderbare und Unbegreifliche dort zu suchen, nebenbei zu vielen Fabeln Anlaß gegeben, so von den ans Honig bestehenden Flüssen rc. Diese Überlieferungen des elastischen Alterthums waren lange Zeit maßgebend für das Mittelalter, das sie gläubig aufnahm u. höchstens noch durch weitere Fabeln bereicherte. Eine wirkliche Bereicherung erfuhr die Kenntniß erst durch die Reisen arabischer Geographen u. durch die Leistungen kühner Reisender und Missionare des späteren Mittelalters, wie Marco Polo. Ueberhaupt ist der mittelalterliche Begriff von I. ein ausgedehnter, aber da es oft mit Aethiopien durcheinandergeworfen wird, auch ein sehr unbestimmter. Man unterschied 3 Theile: Groß-, Klein- und Mittel-J., von denen Groß-J. meist dem jetzigen Vorder- u. Klein-J. dem jetzigen Hinter-J. entspricht. Eine genauere Erforschung ist erst ermöglicht durch Entdeckung des Seeweges nach dem Lande u. die dadurch hervorgerufenen Fahrten und Expeditionen der europäischen Mächte und im eigentlichen Sinne angebahnt u. durchgeführt worden seit der Befestigung der englischen Herrschaft (s. u. Geschichte) u. die Forschungsreisen englischer Beamten und Gelehrten, denen Deutsche und Franzosen nicht nachgeblieben sind. II. (Alterthümer.) In nicht geringerem Grade cigenlhümlich und das Interesse des Ausländers fesselnd waren die politischen u. socialen Ver- hältnisse des alten J-s, die schon bei Anfang der Geschichte abgeschlossen vor Augen treten u. deren Fundamente weder die Überfluthung der mohammedanischen u. mongolischen Heereszüge und der Fanatismus von deren Führern noch die Herrschaft der Europäer zu beseitigen vermocht hat. Ist es auch sicher, daß bei der Einwanderung der Arier in die indische Ebene und innerhalb ihrer Wohnsitze am Indus sie noch als ein Kriegervolk unter Heerführern in viele kleine Stämme gespalten zu betrachten sind, so bildete sich bald nach ihrer Festsetzung in der Ebene des Ganges jenes eigenthümliche Staatssystcm, die Einteilung des Volkes nach Kasten, welches schon in dem alten Gesetzbuch des Manu als vollständig durchgefllhrt und durch religiöse Theorien in Verbindung mit kosmogouischen Ansichten geheiligt erscheint. Es beruht auf der Ausscheidung besonderer Stände aus dem übrigen Volke, ursprünglich wol der vornehmeren u. fürstlichen Familien, aus denen die bestimmten Klassen der Priester (Brahmana) und Krieger (Kshatra oder Kshatrija) hervorgingen, während die übrige arische Bevölkerung mit dem Ackerbau, Gewerbe n. Handel betraut wurde und die Kaste der Vaisja (Vaitzsa) bildete. Die unterworfene eingeborene Urbevölkerung wurde dann als vierte Kaste Sudra (yucira) beigefügt. Dies beruht nach dem Gesetzbuch des Manu auf göttlicher Bestimmung. Weil die Brahmanen aus Brahmas Munde hsrvorgegangen sind, so haben sie zur Bestimmung die Beschäftigung mit dem heiligen Worte, die Verwaltung des H-iligen überhaupt und ihr Erbthcil ist die Weisheit und Heiligkeit; weil die Kshatrija aus seinen Armen entsprungen sind, so ist ihre Pflicht, die Menschen zu schützen, also der Kriegsdienst, u. ihr Erbtheil Stärke u. Macht; die Vaisja, aus dem Schenkel der höchsten Gottheit hervorgegangen, haben die Pflicht, aller Dinge zu warten, welche zum menschlichen Lebensunterhalt gehören u. ihr Erbtheil ist Neichthum; die Sudra endlich, ans seinen Beinen 43 * 676 Indien. erzeugt, sind zum Dienst der über ihnen stehenden Kasten verpflichtet und ihr Erbtheil ist die Unter- thäuigkeit. Die Kasten sind erblich und jeder ist eine besondere Thätigkeit zugewiesen, doch kommen manche Beispiele vor, daß solche, welche durch Geburt anderen Kasten angehörten, Aufnahme selbst in der höchsten Kaste der Brahmanen fanden; ebenso waren viele Herrscher J-s nicht Kshatrija, sondern Vaisja od. Sudra. DieZeit, wo diese Staatsverfassung sich vollständig iu^den Anschauungen festgesetzt hatte, ist um das Jahr 1000 v. Chr. zu setzen. Es erhellt daraus, daß zwei Momente, ein ethnographisches, indem die erobernden Arier die unterworfenen Urbewohner von sich absonderten, und ein politisches, indem die herrschenden selbst um die erste Stelle unter sich stritten, welche einzunehmen den Brahmanen erst nach blutigen Kämpfen mit den Kshatrija gelang, dabeimaßgebend waren. Schon in alter Zeit finden sich aber daneben eine Menge Neben- u. Unterkasten, die auf Zwischenheirathen der oberen Kasten zurückgeführt werden, die sich aber dazu auch ans die im Volke einmal lebende Überzeugung von der nothwcndi- gen Erblichkeit der Tätigkeiten u. die Zersplitterung in mehrere Stände u. aus der Ausdehnung der arischen Eroberung über weitere Theile J-s und Einfügung neuer unterworfener Völker als neuer Kasten zurllckführen lassen. Dadurch sind die unreinen Kasten entstanden, welche jetzt mit dem gemeinsaineu Ausdruck Paria genannt werden. Wenn daher Megasthenes 7 statt 4 Kasten nennt, so sind dabei Unter- neben den Hauptlasten mitgezählt, indem namentlich die der Brahmanen u. Vaisja in Unterkasten zerfielen. Diese 7 Kasten sind: Priester (Brahmanen), Ackerleute, Hirten u. Jäger, Künstler u. Handwerker, Krieger, Polizeiaufseher, öffentliche Beamte. Der unreinen Kasten geschieht von ihm keine Erwähnung, im Gegen- theil sagt er ausdrücklich, daß in I. Alle frei sein und gleiche Rechte genießen sollten. Einen Stoß erhielt das Kastensystem durch den Buddhismus mit seiner Theorie von der allgemeinen Gleichheit der Menschen und der allgemeinen Menschenliebe, überwand ihn jedoch u. hielt sich in der Anschauung fest. Die Verhältnisse der Kasten selbst gestalteten sich in der Zeit des Kampfes zwischen diesen beiden Religionsparteien aber wesentlich anders. Nur die Brahmanen, als die Träger u. Stützen ihrer Richtung, erhielten sich als eigentliche Kaste; die Kshatrija und Vaisja gingen in den Sudra nach u. nach auf. Zur Zeit der Vertreibung des Buddhismus (900 n. Chr.) hatte sich das sociale Verhältniß bereits so gestaltet, wie es sich jetzt noch findet, d. h. vom Brahmanischen Gesichts- Punkte aus zerfiel die ganze Bevölkerung in Brahmanen, in Sudra u. die wenigen Überreste der Kshatrija- u. Vaisja-Kasten und in die gemischten (und Unter-) Kasten. Die drei oberen Kasten zeichnen sich vor der vierten dadurch aus, daß sie in einem gewissen Lebensalter geweiht werden, was vermittelst Anlegung einer Schnur, die je nach der Kaste aus verschiedenen Stoffen, Baumwolle, Hanf, Schafwolle, verfertigt ist, unter gewissen religiösen Ceremonien geschieht, u. als eine Art von zweiter Geburt des Menschen (daher auch Dvidscha, d. i. Zweimalgeborener, genannt) betrachtet wird. Nur solche, welche ausi Ehen von Männern und Frauen gleicher Kaste stammen, gehörten der Kaste des Vaters an; doch kam es sehr häufig vor, daß Glieder höherer Kasten Frauen aus einer niederen nahmen. Die Kinder, welche solchen Ehen entstammten, bildeten nun die Misch- oder Zwischenkastcn, welchen dann auch eine besondere erbliche Thätigkeit zugewiesen ward. Was die vier Hauptlasten betrifft, so legten sich a) die Brahmanen das, jedoch in Wirklichkeit sehr häufig mißachtete Vorrecht bei, nicht am Leben gestraft werden zu dürfen. Nach dem Gesetzbuch des Manu sollen ihre sechs Beschäftigungen sein: Lesen der Veden u. Erklärung derselben; Opfern und Beistand bei den Opfern Anderer; Geben u. Empfangen von Almosen; die zweite vierte u. sechste dieser Pflichten kamen ihnen allein zu. Ihrem Wesen nach waren sie die Träger u. Förderer des gesammten geistigen Lebens der Inder; die Lehrer, höheren u. höchsten Staatsbeamten, die Richter und Gelehrten, die Ärzte u. Dichter gingen aus ihren Reihen hervor. Zum Zweck des Lebensunterhaltes war es ihnen gestattet, auch Kriegsdienste, Ackerbau, Handel, Viehzucht rc. zu treiben. Die höchste Ehre genossen jedoch diejenigen, welche sich vorzugsweise dem Studium der Veden widmeten u. damit ein Auachoretenleben verknüpften (s. Brahmanen). Noch gegenwärtig gehen viele Staatsbeamte in I. aus dieser Kaste hervor, wie die Steuereinnehmer, Schreiber, Nentbeamten, Schullehrer; viele dienen auch als Boten, oder widmen sich dem Handel und anderen Gewerben (stehe unter III.). Im Allgemeinen wissen sie trefflich den Aberglauben und die Borurtheilc ihres Volkes zu ihrem Nutzen auszubeuten, b) Die Kshatrija waren zum Kriegsdienst verpflichtet u. hatten der Theorie nach das Vorrecht, daß die Könige aus ihrer Kaste stammen mußten, was jedoch nicht immer wirklich der Fall war. Im Fall der Noth dursten sie auch die Geschäfte der Vaisja treiben, o) Die Kaste der Vaisja umfaßte die Ackerbauer, Gewerbetreibenden und Kaufleute, doch dursten sie auch die Geschäfte der Sudra betreiben. Zur Zeit des Megasthenes war ihre Kaste die zahlreichste, doch ist sie im Lause der Zeiten bis auf wenige oder zweifelhafte Reste erloschen, ä) Die Sudra sind nach dem Gesetzbuche zum Dienst bei deu drei oberen Kasten verpflichtet, welche alsdann für ihren Unterhalt zu sorgen haben. Doch kann der Sudra zur Beschaffung seines Unterhalts auch Handarbeiten verrichten u. alle anderen Arten von Erwerb verfolgen, nur soll er sich keine eigentlichen Schätze sammeln. Vom Lesen der Veden waren sie ausgeschlossen, zu den Opfern wurde» sie in älterer Zeit noch zugelassen, mußten aber lautlos außerhalb der Opfcrstätte verweilen. Seitdem sie jedoch bei weitem den größten Theil des indischen Volkes bilden, haben sich diese Verhältnisse sehr geändert, u. sie treiben jetzt Ackerbau u. alle Arten von Gewerben. Sie zerfallen in eine große Anzahl von Zünften, welche unter einem Oberhaupte stehen u. gewisse gemeinschaftliche Gebräuche, Zeichen u. dergl. haben. Diese Zünfte, welche von den Europäern ebenfalls Kasten Indien. 677 genannt werden, bilden wiederum eine Rangordnung untereinander, welche jedoch nicht in allen Theilen J-s einander gleich ist. Diese neue Abstufung ist im Leben gewissermaßen an die Stelle der alten Kastenabtheilung in vier Stände zetreten (s. u. III.). Die gemischtenKasten zerfielen in zwei Klaffen, eine höhere, welche diejenigen umfaßte, deren Vater einer höheren Kaste angehörte als die Mutter, u. eine zweite minder geachtete, bei welcher die Mutter einer höheren Kaste angehörte als der Vater. Die Zahl dieser Mischkasten war schon in alter Zeit so groß, daß es das Gesetzbuch des Manu nicht für nöthig erachtete, alle anfznzählen. Die wichtigsten ans der ersten Reihe waren: die Murdhabhlshikta, von einem Brahmanen und einer Kshatrijafrau, mit dem Beruf, die Kriegswissenschaften zu lehren. Die Ambastha oder Baidja, von einem Brahmanen u. einer Vaisja- frau, waren Ärzte; die Nishada oder Parasava, von einem Brahmanen und einer Sudrafrau, Fischer; die Ugra die Sprößlinge eines Kshatrija mit einer Sudrafrau, Jäger; die Karana, von einem Vaisja und einer Sudrafrau, Diener der Fürsten. Der zweiten Reihe gehörten an: die Suta, von einem Kshatrija mit einer Brahmanin, Pferdewärter und Kutscher; die Magadha, von einem Vaisja mit einer Kshatrija-Frau, Sänger; die Baideha, Bediente vornehmer Frauen u. s. w. Aus weiterer Mischung dieser Mischlinge untereinander oder mit Gliedern der vier reinen Kasten entstanden weitere Zwischcnkasten. Außer allem Kastenverbande stehen diejenigen socialen Verbindungen, welche ursprünglich rohere Völkerschaften waren, die später zwar in den indischen Staatsverband ausgenommen wurden, aber, obgleich ihnen die Theorie eine bestimmte erbliche Beschäftigung zuweist,doch indersocialen Rangordnung sämmtlich noch weit unter den Sudras stehen, ja einige, wie die Tschandala, die im System als aus der Verbindung eines Sudra mit einer Brahmanin entsprossen bezeichnet werden, gelten geradezu für unrein n. stehen fast ganz außer dem Gesetze. Als Verfassung eines Reiches erkennen die heiligen Schriften nur die unbeschränkte Monarchie an mit Erblichkeit und Erstgeburtsrecht, doch ist auch hier das Leben nicht in allen Stücken den Satzungen gefolgt. Die Gebiete der Herrschaft eines Königs oder Radscha waren, da I. stets in eine Anzahl Reiche zersplittert war u. nie ein einheitliches Reich gebildet hat, nach den Verhältnissen sehr verschieden: meistens standen verschiedene Radschas wiederum unter einem Großköuig oder Maharadscha. Die Erziehung der Prinzen war sehr sorgfältig und durchaus von Brahmanen geleitet. Die ganze Lebensweise war einem Fürsten, in den Gesetzbüchern u. heiligen Schriften vorgeschrieben. Der Rath des Königs soll aus sieben oder acht Mitgliedern bestehen. Auch konnte der König bei mangelndem Talent sich einen Stellvertreter wählen, mit dem er besonders die inneren Angelegenheiten berathen sollte. Die Behörden waren Aufseher (patt) über einzelne Städte und deren Gebiete, dann über Bezirke von 10, von 100, von 1000 Dörfern, so daß die Letzteren vornehme u. mächtige Beamte waren, unter denen dann die kleineren standen. Biele einzelne Ortschaften hatten auch noch ihre alten freien Verfassungen u. über sie der König nur Schutzrecht. Diese alte Dorfverfassung hat sich unverändert bis zum Untergang der altindischen Reiche u. streckenweise noch darüber hinaus bis jetzt erhalten. Eine besondere Klasse von Beamten waren die Aufseher der Beamten u. die Spione, die dem Könige alle Begebenheiten in den einzelnen Dörfern und Bezirken mittheilen mußten. Überhaupt zeichnete sich die Staatsverwaltung durch detaillirte Fürsorge für das Wohl der Einzelnen aus. Die Überwachung der Cisterne», der Überschwemmungen, der Ackergrenzen, in den Städten die Aufsicht über Fremde, die Controle der Marktpreise und des Kleinhandels waren auf das Genaueste regulirt. Die Gerechtigkeitspflege war in den Händen des Königs, der sie entweder selbst übte od. durch einen Oberrichter, aus den Brahmanen gewählt, üben ließ; dieser und drei andere Brahmanen machten den höchsten Gerichtshof aus, der über Civil- und Criminalsachen entschied. Doch melden die Alten, daß bei der charakteristischen Frömmigkeit, Treue und Ehrlichkeit der alten Inder sowol Diebstähle als auch Processe etwas Seltenes waren. Strafen waren rheils Lebens- (nur nicht an Brahmanen vollzogen), theils Leibes- u. Geldstrafen, letztere waren um so größer, aus einer je höheren Kaste der Bestrafte war; am härtesten wurden Verbrechen gegen Brahmanen gestraft. Die Leibesstrafen bestanden in Verlust von Gliedmaßen, wie der Hände, bei schwereren Verbrechen wurde die Todesstrafe verhängt. Nach der Theorie ist der König Herr alles Bodens; ihm gebührte ein bedeutender Theil des Ertrages desselben. Das Gesetzbuch des Manu gibt ihm das Recht, den zwölften, achten und sechsten, in Zeiten der Noth selbst den vierten Theil als Abgabe zu fordern. Die Brahmanen waren frei von allen Abgaben, niedere Handwerker, Tagelöhner sollten ebenfalls frei sein, dafür aber dem König einen Tag im Monat Fron- dienste thun. Mit der Controle über die Steuern waren besondere Beamte beauftragt. Ein altindisches Heer zerfiel in vier Abtheilungen: Fußgänger, Reiter, Elephanten u. Kriegswagen. Die Waffen desselben waren insbesondere Bogen und Pfeile, große breite, mit zwei Händen geführte Schwerter, für die Reiter, welche ungesattelte Pferde ritten, zwei Wurfspieße u. runde Schilder. Besondere Beamte hatten für die Herbcischaffung der nöthigen Nahrungsmittel zu sorgen, die Aufsicht über die Waffen, über die Pferde ü. Elephanten zu führen. Das häusliche Leben anlangend, so war Polygamie, wenigstens den höheren Kasten, erlaubt, aber immer scheint doch Eine als rechtmäßige Frau gegolten zu haben, während die anderen mehr eine Art Concubinen waren. Die Ehen waren rechtmäßig nur innerhalb derselben Kaste gestattet; den häufigen Ansnahmefällen sind die gemischten Kasten entsprungen (s. oben). Die zweite Ehe war der Frau jeder Kaste versagt, die Selbstverbrennung der Wittwen (Sutti) mit derLeiche ihres Mannes eine alte, schon von den Griechen erwähnte Sitte, die, wiewol auf einer falschen Auslegung der heiligen Schriften beruhend, weit um sich gegriffen hat und erst in neuester Zesi 678 Indien. durch die Bestrebungen der englischen Regierung ausgerottet worden ist. Erhaltung der Familie durch männliche Nachkommen war erster n. Hauptzweck der Ehe bei den Indern, denn durch diese wurden die Familiensacra erhalten, die bes. deshalb wichtig waren, weil der Erbe die Todten- opser den Manen der Verstorbenen bringen mußte, wodurch dem Erblasser die Theilnahme an der Seligkeit zu Theil ward. Hatte daher ein Inder gar keinen männlichen Nachkommen, so adoptirte ec einen. Die Erzielung eines männlichen Erben scheint auch der Hauptgrund der Mehrweiberei bei den Indern gewesen zu sein, denn man konnte nach acht Jahren eine unfruchtbare Frau mit einer anderen vertauschen. Mädchen wurden schon niit dem achten Jahre heirathsfähig; Väter führten ihre Töchter in diesem Zeitpunkte öffentlich vor, u. welcher Jüngling den Preis in gymnastischen Spielen gewann, durfte sich eine Braut aus ihnen wählen. Auch Kauf fand bisweilen Statt. Übrigens war der Mann der Herr und Gebieter im Hause u. die Frau stand in steter Abhängigkeit von ihm. Frau u. Töchter lebten gewöhnlich im Innern des Harems u. empfingen dort die Besuche des Mannes n. Vaters, aber nicht nach strenger orientalischer Sitte eingeschlossen, denn sie nahmen theil an Spaziergängen in den Lustgärten, gingen und opferten selbst in den Tempeln.,, Die Belustigungen des Volkes waren körperliche Übungen, Musik u. Tanz, Kunststücke der Gaukler u. Jongleurs, die schon in alter Zeit eine erstaunliche Kunstfertigkeit entwickelten. Als Kleidung trugen die Inder Gewänder von weißem Linnen u. bunter Baumwolle, Vornehme und bei Festlichkeiten auch von Seide; Einsiedler u. Büßer trugen Mäntel von Baumrinde. Staatskleider wurden mit Pelzwerk verbrämt: als Schmuck trug man Edelsteine, Perlen, Elfenbeinzierrathen, bes. Ringe an den Händen u. in den Ohren. Kopf u. Schulter waren verhüllt, ein Schirm schützte gegen die Glnth der Sonne, die Füße deckten Schuhe von weißem Leder oder von Tuch. Der Bart wurde mit mancherlei Farben gefärbt. Eine besondere Sitte war das Einreiben mit wohlriechenden Ölen und Salben. Unter den Speisen stand der Reis oben an, aus welchem mancherlei Gerichte bereitet wurden, außerdem dienten als Genußmittel Zuckerrohr, Honig, Zuckerwerk und Gebackenes, Gefrorenes, geronnene Milch und Molken, Früchte aller Art; der Fleischconsnm war einmal in Anbetracht des heißen Klimas sehr mäßig, dann auch bei einzelnen Stämmen u. nach religiösen Anschauungen, beispielsweise nach buddhistischen Anschauungen, die das Tödten lebendiger Wesen vollständig verboten, durchaus verpönt. Als Getränke dienten abge- zogene Getränke aus Zuckerrohr und Früchten (nnserm Rum ähnelnd), in den westlichen Theilen auch Wein, jedoch in sehr mäßigem Maßstabe. Die Gew erb ethätigkeit der alten Indier war schon in alten Zeiten nicht unbedeutend; namentlich war ihre Fertigkeit, feine Gewebe aus Baumwolle zu verfertigen, ihre Verfertigung von Musselinen, Kattunen, Gürteln und Shawls berühmt; ebenso waren sie erfahren in der Bearbeitung der Metalle, des Elfenbeins, in der Steinhauerei, Holzschnitzerei rc. Der Ackerbau war eine seit alten Zeiten mit Vorliebe gepflegte Beschäftigung, wozu der wahrscheinlich schon aus der indogermanischen Vorzeit stammende Pflug benutzt wurde. Ebenso hatte sich schon in frühen Zeiten ein lebhafter Handel entwickelt. Im Inlands war bei der bedeutenden Bevölkerung der Verkehr ein äußerst lebhafter. Neben dem Wege, den die Flüsse boten, gingen wohlgepflegte Straßen durch das ganze Land; es bedurfte nicht mehr aus- schließlich großer Karawanenzüge, wie sie mit bewaffnetem Schutz durch die Wildnisse geführt wurden; schon war es möglich, auf den meist betretenen Wegen, deren Sicherheit unzweifelhaft war, allein mit Ochsengespannen seinen Handelszwecken nachzugehen. Der Handel rnhte in den Händen der Kaste der Vaisja, die dafür bedeutende Abgaben an den König bezahlten; zur Verein- fachung war schon früh geprägtes Geld eingesührt. Geld auf Zinsen auszuleihen, war ein Privileg der Vaisja u. über die Bedingungen in dem alten Gesetzbuch des Manu besondere Vorschriften getroffen. Die bedeutendsten Emporien des Binnenhandels waren Ozene (Udschdschajini) im N. und Tagara im Dekhan. Nicht weniger blühend war auch der auswärtige Handel sowol zu Lande als zur See, wenngleich die Inder nur in geringerem Maßstabe hier activ anftraten, und den Betrieb mehr auswärtigen Nationen überließen. Daß sie übrigens weder der Schifffahrt unkundig noch des Unternehmungsgeistes ermangelnd waren, beweisen ihre Expeditionen sowol zu Handelszwecken als in religiöser Absicht nach dem O., wo sie mit Hinterindieu u. später auch mit Java in Verbindung traten u. im W. ihre Handelsemporien im glücklichen Arabien u. auf der Insel Sokotara. Aber der Haupttheil des auswärtigen Handels fiel fremden Völkern zu. In alter Zeit zur See den Phönikern, deren in der Bibel erwähnter Zielpunkt Ophir höchst wahrscheinlich das Abhira an Ser Jndusmündung war, in gewissem Grade auch den Arabern n. Ägyptern, dann den Babyloniern auf dem Wege durch den persischen Meerbusen; nachdem er, wenig begünstigt durch die Herrscher der persischen Achämeniden-Dynastie, eme Zeit lang fast geruht hatte, blühte er wieder auf u. es entwickelte sich ein reger Verkehr von Seiten der Byzantiner u. der Perser unter den Sassaniden, bis die neuerstandene Macht der Araber sich des alleinigen Handels bemächtigte. Zu Lande vermittelte sich der Handelsaustausch nicht allein mit den westlichen Ländern, sondern auch der sehr rege mit China allein durch Kabulistan; die Wege im N. und O. scheinen wenig benutzt worden zu sein. Von Kabura (Kabul) aus gingen dann die Straßen nach verschiedenen Richtungen auseinander: über Ekbatana an die kleinasiatische Küste, über Baktra an das Kaspische Meer und von da ans schwarze Meer u. endlich durch Ccntralasien hindurch in das chinesische Reich. Die hauptsächlichsten Maaren waren die Naturschätze J-s, die dem Auslande abginge.., als Ausfnhrgegenstände: so feine Gewürze, Farbstoffe, Baumwolle, Perlen, Edelsteine, Elfenbein n. feine Hölzer, von lebenden Wesen die ausgezeichneten Jagdhunde und Stephanien, von Fabrikaten Baumwollen- und Seidenfabrikate; diesen gegenüber brachten die Indien. 679 Chinesen die rohe Seide, während der Import des Abendlandes sich nur in engen Grenzen halten konnte. Auch der Landhandel fiel im Mittelalter vollständig in die Hände der Araber, deren erfolgreiches Bestreben, ihn zu monopolisiren, erst nach der Entdeckung des Seeweges von den Europäern gebrochen wurde. Auf dem geistigen Gebiete können die Leistungen des indischen Bolkes mit jedem anderen des Alterthums zur Vergleichung herangezvgen werden, obschon in einzelnen Gebieten sie es infolge eigen- thümlicher Natnranlagen zu großer Entwickelung nicht gebracht haben. Zeugen sind auf dem Gebiete der Kunst die kolossalen uns noch erhaltenen Bauten (s. Indische Kunst), ans dem der Literatur die große Äitzahl poetischer u. prosaischer Werke (s. Sanskrit-Literatur), auf dem Gebiete der Wissenschaft die Thatsache, daß in Mathematik (ihnen verdankt das Abendland sein sog. arabisches Zahlensystem) und Grammatik sie die Lehrmeister Europas gewesen sind, aus dem Gebiete der Sprache die eigenthümliche Schrift (s. Indische Sprachen), aus dem Gebiete der Religion die Entwickelung zweier eigenthümlicher Systeme, von denen das eine, der Buddhismus, von weitgreifend- ster Bedeutung für Asien geworden ist. Bon den eigenthümlichen Sitten der Indier fiel den Griechen, im Besonderen bei den Brahmanen, vor allem Anderen aus die Verachtung des Genusses verbunden mit Enthaltsamkeit und Auferlegung der größten Entbehrungen, die Nichtachtung des körperlichen Schmerzes, die bis zu den härtesten Kasteiungen ausartete, u. die Gleichgiltigkeit gegen den Tod, der oft freiwillig gesucht wurde u. der für Wittwen sogar durch die Sitte festgesetzt war. Überhaupt zeigte sich osten der tiefgreisende, aus der KastenorLnung beruhende Unterschied gegen das Abendland darin, daß die Geltung des einzelnen Individuums nie in vollem Maße zum Ausdruck kommen konnte, daß nur innerhalb der ihm durch die Kaste gezogenen Grenzen eine Entfaltung möglich war. Dies ist auch ein Grund mit dafür, daß das alte I. dem Eindringen fremder Eroberer so überraschend schnell unterlag. Sonst werden im Charakter der alten Inder die guten Seiten als vorwiegend geschildert: Tapferkeit im Kampf, Wahrheitsliebe, Rechtlichkeit im Verkehr, Gutmüthig- keit, Eigenschaften, von denen ein großer Theil im Lause der Geschichte u. unter dem Druck fremder Eroberer verloren gegangen ist. Hl. (Geographie u. Statistik.) I., in der nachfolgenden Beschreibung nach der engeren Auffassung als die vorderindische Halbinsel (Ostindien) dargestellt, ist, während die politischen Grenzen im Laufe der Geschichte oft verrückt worden sind, von den benachbarten Ländern durch natürliche Grenzen scharf geschieden. Im N. bildet der Himalaja eine schwierig zu passirende, hohe Mauer gegen Tibet, im W. trennen es die von N. nach S. in mehr oder minderer Entfernung vom rechten Indus-User hinziehenden Ketten des Sefid-Koh, des Sulaiman-, des Brahui - u. Hala-Gebirges von Afghanistan u. Belutschistan, im O. die jenseits des Brahmaputra sich erhebenden vielfach noch unerforschten Gebirge von Hinter-Jndien, an allen anderen Seiten ist das Land vom Meer umspült. Den ganzen S. bildet eine im Cap Co-- morin auslaufende dreieckige Halbinsel, welche auf der westlichen Seite von dem Arabischen Meere, auf der östlichen vom Meerbusen von Bengalen umgeben wird (vgl. die Karre). Es erstreckt sich von 8° 4' bis 36» n. Br. n. von 66° 44' bis 89» 36' östl. Länge (von Greenw.); seine größte Längenausdehnung von dem Himalaja bis zum Cap Comorin beträgt ungefähr 3000 km, seine größte Breitenausdehnnng von Karratschi am Indus bis zum äußersten Osten Assams hat ziemlich dieselbe Dimension. Die Küstenlänge von der Judus- mündung bis zur Spitze beträgt 3250 km, die von der Gangesmündung bis dahin 3000 km. Die Nord-Süd-Linie würde in Europa der Entfernung von Archangel nach Neapel gleichkommeu, die West-Ost-Linie der von Bayonne nach Con- stantinopel; der gesammte Flächeninhalt entspricht dem fünfmaligen des österreichischen Kaiserstaates. Diese große Ländermasse wird durch das ungefähr in der Mitte unter 22° n. Br. sich von W. nach O. hindurchziehcnde Vindhja-Gebirge in zwei scharf von untereinander unterschiedene Theile geschieden, in das eigentliche Hindostan im N. von diesem u. das Dekhan im S. Letzteres besteht in einem ausgedehnten Tafellande, welches im N. von den Vindhjaländern begrenzt, von N. nach S. von Gebirgszügen, den West- u. Ostghat durchzogen, im Cap Comorin als reines Gebirgsland endigt (Näheres s. Dekhan und Ghat), erstcres dagegen ist eine weit ausgedehnte Tiefebene ohne alle bedeutende Erhebungen, die erst im N. durch die Massen des Himalaja (s. d.) ausgenommen wird. Dazwischen liegen noch einige vom Viudhja und dessen Verzweigungen erfüllte Strecken, die Scheide- gebiete beider. Den weitaus wichtigsten Theil J-s bildet nun jene Tiefebene von Hindostan oder Bengalen, die, wie es scheint, fast durchweg Alluvialboden, am niedrigsten über das Meer sich in den Deltas des Ganges und Indus erhebt u. erst am oberen Laufe des Ganges 400 m Meereshöhe, durchschnittlich wenig über 100 m erreicht, das Flußgebiet des Indus u. Ganges, der uralte Sitz der indischen Cultur. Dennoch zeigt die Oberflächen-Beschafsenheit in ihren einzelnen Thei- len ein sehr verschiedenes Aussehen. Während die Ebenen am Ganges u. seinen Nebenflüssen eine durchweg wasserreiche, fruchtbare u. bevölkerte Cultur- fläche bilden, sind die ani Indus mit einem vielfach weit magereru Boden bedacht, der nur im Pendschab an den Usern der Flüsse fruchtbar u., wenn auch baumlos, gut angebaut u. productions- fähig ist, der aber im Innern der Dnabs oder Zwischenstromländer in unabsehbare, nur mit Gras u. Buschwerk bewachsene Steppen, theilweise auch in reine Salz- oder Sandwllsten, so im Sindh- Sagar-Duab zwischen Indus u. Dschilam, übergeht. Auch den unteren Lauf des Indus begleiten streckenweise öde u. unfruchtbare Striche, so bei Schikarpur; östlich von diesem breitet sich, gleichsam eine Scheidewand zwischen den fruchtbaren Flußebenen des W. u. des O. bildend, d.e ausgedehnte Indische Wüste, das Thurr, aus, weithin mit Sandhügeln, an vielen Stellen aber auch mit niedrigem Strauchwerk u. derben Kräutern bedeckt, welche Kameelen, Büffeln und 680 Indien. Schafen die spärliche Nahrung bieten. Spuren von alten Städten u. trockenen Flußbetten (jetzt verstechen die Misse im Sande) zeigen, daß sie einst cultivirter war. An sie schließt sich im S. ein großer Salzsumpf, das Ran an, der fast ganz vegetationslos u. von Thieren verlassen ist, dem im SO. das kleine Ran von ähnlicher Beschaffenheit bis znm Meer folgt. Von den Gebirgen J-s sind die wichtigsten das nördliche Grenzgebirge, der Himalaja (s. d.), von entscheidender Bedeutung sowol für die klimatologischen Verhältnisse, als für die politischen Geschicke des Landes; das mittlere Scheidegebirge, der Vindhja (s. d.), von Altersher die Zuflucht der Urbewohner, die Scheidewand zwischen arischer Cultur und einheimischer Rohheit, das den Zutritt zum Dekhau wenn auch nicht verhinderte, so doch erschwerte und das späte und sporadische Vordringen der arischen Eroberung und die jetzigen ethnographischen Verhältnisse J-s erklärt, u. die Ghat (s. d.), welche das eigentliche Hochland des Dekhan abschließen. Als NWRand des Vindhja erscheint die Arawalli-Kette, von der östlich und parallel andere Ketten sich zur Ganges- und Dschnmna-Ebene abzweigen; im NO. streifen als Parallelketten derselben die Keimar - Sargudscha- Puharri-Berge u. a. bis zu der Tiefebene von Bengalen hin. Südlich von dem mittleren Lauf der Nerbudda sind die Mahadeo-, Satpura- und Kalabhet-Gebirge zu nennen; zahlreich sind die einzelnen Gebirgszüge im Dekhan, darunter die an die WGHat im S. sich anschließenden Nilgiri mit dem Dodabetta (s. d.), dem höchsten Punkte des Landes außerhalb des Himalaja, u. im äußersten S. die Aligiri mit dem Pedrotallagalla. Eine vereinzelte Erhebung ist das Gir- oder Mandla- Gebirge in Gudschcrat. Zahlreich u. von großer Wichtigkeit sind auch die Flüsse J-s. Allen steht voran der Ganges (s. d.), der u. a. mit dem Gumti, Gogra, Gandak, Kusi die Schneemassen des Himalaja, mit dem Tons, Kurumnasa, Sone die Gewässer des Vindhja und seiner Ausläufer, mit dem gleich mächtigen Dschumna die beider vereinigend in zahllosen Wasseradern die bengalische Tiesebene befruchtet; ihm folgt der Indus, der mit den Wassern des WHimalaja, dem Setledsch, Tschinab, Bias, Dschilam u. mit den durch den Kabul ihm zuströmcnden Abflüssen des Hindukusch das Pendschab bewässert. Beide sind die allein bestimmenden Stromsysteme von Hindostan, neben denen die anderen Flüsse, der im Sande verstechende Ghaggar (s. d.) u. die der Arawallikette entspringenden Küstenfliisse Loni, Bunas, Saras- wati, die mit Mühe das Ran von Katsch erreichen, nicht in Betracht kommen. Lang und weit verzweigte Stroinsystcme zeigt auch das Dekhan, wenngleich ihre vielfach von wilden Bergen umgebenen u. menschenleeren Ufer nie von der Bedeutung geworden sind, wie die der Ströme in Hindostan. Von ihnen fließen im N. die schon mehr den Vindhja-Ländern augchörenden Nerbudda (Narbada) u. Tapti in das Arabische Meer; von rößerer Wichtigkeit sind die die OGHat durchrechenden u. dem Golf von Bengalen zuströmenden Mahanadi, Godavary mit Pranita, Indra- wati und Mandschera, Kistna mit Bhima, und endlich im S. die in den Indischen Ocean gehende Cavery (s. d. Art.). Zahlreiche kleinere Flüsse mit kurzem Laufe entströmen noch dem Ghat im Dekhan, einige ohne Bedeutung den nordöstlichen Fortsetzungen des Vindhja ins Meer so der Sabaheka in den Cuttack - Mehals. Zu einer größeren Seenbildung ist es in I. nicht gekommen, während an kleineren kein Mangel ist - eigenthümlich sind die sumpfigen Morastniederun- gen im W., die Ran (s. o.). Bei den großen horizontalen wie verticalen Unterschieden, welche in Vorder-Jndien auftreten, können auch die klimatischen Verhältnisse nicht in allen Theilen dieselben sein. Die Ebenen Hiudostans, die Tiefländer Bengalens, sämmtliche niederen Küstenstriche der ganzen Halbinsel sind ausgezeichnet durch alle Erscheinungen der Tropenwelt, durch schwüle Hitze und heftige Regengüsse, die Berglandschaften dagegen haben kühlere und trockene Luft u. entbehren des eigentlich tropischen Klimas. Die glücklichsten klimatischen Verhältnisse besitzt das Dekhan, wo nur auf kurze Zeit selbst die höchsten Gebirge eine dünne Schneedecke tragen, die Luft durch Thau u. Regen erfrischt wird und gewissermaßen ein ewiger Frühling herrscht. Das Jahr theilt sich in drei Jahreszeiten, die heiße, welche im Monat März beginnt und bis Anfang Juni anhält; ihr folgt die Regenzeit, die bis Oktober währt, worauf dann bis Ende Febr. die gemäßigte Jahreszeit dauert. Die klimatischen Wechsel des südlichen, der eigentlich tropischen Zone angehörigen, J-s wird in merkwürdiger Art durch die Monsune (s. d.) bedingt. Wahrend der SW- Monsnn an der Westküste Vorder-Jndieus (Malabar) zwischen Mai n. September Nebel, Schwüle u. Regengüsse bringt, herrscht jenseits der WGHat, welche die Wetterscheide bilden, die trockene und heitere Jahreszeit. Wenn sich dann unter furchtbaren Stürmen die SWMonsune in NOMonsune umgesctzt haben, beginnt die Regenzeit auf der Küste Coromandel, während dessen Malabar von October bis Januar die trockene Jahreszeit hat u. das eigentliche Plateau des Dekhan von einzelnen Regenschauern erfrischt wird. Die in der heißen Zeit enormen Hitzegrade machen in den Niederungen für den Europäer trotz aller Schutzmaßregeln, wie des Punkah, das Klima unerträglich und vielfach die Gesundheit gefährdend, namentlich Leberleiden hervorbringend; auch ist bei dort geborenen Kindern europäischer Eltern, ohne Übersiedelung in ein kälteres Klima schon init den ersten Jahren, selten an ein Auskommen zu denken. Mit dem Vordringen der englischen Herrschaft in das Himalaja-Gebiet hinein u. der Vermehrung der Eisenbahnlinien in der neueren Zeit ist es möglich geworden, in der kühleren Temperatur dort hochgelegener Orte die Beamten u. die Erkrankten die Hitze überstehen u. sich wieder erholen zu lassen. Von diesen Gesnndheitsstationen sind die bekanntesten: Almora, Brimdeo, Nainiket in Kamaon, Dardschiling, u. sehr besucht Simla im Pendschab. Nicht minder große Verschiedenheiten zeigt in I. entsprechend dem Charakter der Gegend das vegetative u. animalische Leben. Während die alpinischen Landstriche des Himalaja mit Wäldern gesellschaftlicher Bäume, mit Fichten, Bir- Indien. 681 ken rc., bedeckt sind, tragen die Wälder am Fuße des Gebirges, in den Ebenen Hindostans u. den Tiefländern der Küsten, einen durchaus tropischen Charakter. Von Nutzhölzern wachsen in ihnen der das Zimmerholz gebende Salbaum, der zum Schiffsbau gebrauchte Teakbanm, ferner der Ebenholzbaum, der Tun u. der Bambus; von den in reichster Fülle vorhandenen Frnchtbäumen sind zu erwähnen: der sich zu kolossalem Umfang verbreiternde indische Feigen- oder Banianenbaum (Pstous luäioa), in einzelnen Exemplaren über das ganze Land zerstreut u. vorzüglich wegen seines kühlen Schattens für heilig erklärt, in sehr vielen Arten verbreitet die eine Unzahl wohlschmeckender Früchte gebende Banane (Llnsa Laxisutum), ferner eine große Anzahl von Palmenarten, unter denen die Cocos-, Areca-, Palmyra», Dattelpalme i die wichtigsten sind. Nicht weniger zahlreich sind « die Obstbäume vertreten: hier gedeihen, während k die Obstarten der gemäßigten Zone mangeln, die ^ einheimischen Orangen u. Limonen, die eingeführten Citronen, Tamarinden, Granaten u. die zu kühlen Hainen vereinigten unzähligemale in der Poesie verherrlichten Mangobäume. Ein nicht minder ost dichterisch besungener Baum ist der durch seinen Geruch u. sein Öl berühmte Sandelbaum. Den Reichthum der Flora vermehren noch die mannigfach verbreiteten, ohne Pflege gedeihenden Gewürzpflanzen, der Muskat-, Zimmt- und Gewürznelkenbaum; Ingwer und Pfeffer sind ebenfalls in Indien heimisch. Unter den Cultur- pflanzen nimmt der Reis die erste Stelle ein, er ist das hauptsächlichste Nahrungsmittel des Volkes kl. die am meisten angebante Pflanze in allen niederen Gegenden. In den höher gelegenen Landstrecken, so im Dekhan, werden Weizen u. andere Getreidearten gebaut. Bleiben die eben genannten Producte, mit Ausnahme der Gewürze, als für den Bedarf der Bewohner nothwendig, zum größten Theil im Lande zurück, so ist dagegen das Gedeihen auch der feineren Culturgewächse geeignet, wie es von wesentlichem Einfluß auf das Leben des Volkes ist, auch den Verkehr mit dem Ausland zu beleben. Hierzu gehört das in dem feucht-heißen Bengalen, Unter-Assam, Bahar und dem Pendschab mit besonderem Erfolg gepflegte Zuckerrohr, der Indigo, die in den fruchtbaren Niederungen mit günstigem Resultat cingeführte Baumwolle, der Opium gebende Mohnbau und noch mehrere Öl- u. Faserstoffe. Daneben versagt der Anbau der gewöhnlichen Gemüsearten nicht, wie überhaupt der zum größten Thsile in unglaublichem Maße vegetationsfähige Boden aller Orten riesige Gräser, wie den Bambus, tausendfache Gesträucharten und baumhohe Farne entstehen läßt. Von ähnlichem Einfluß auf die Anschauungen u. Gebräuche des Volkes war die in ihrer Vielgestaltigkeit u. Großartigkeit derFlora bei» nahe gleichkommendeindische Thierwelt. Von den > großen Quadrupeden sind hier einheimisch der schon in den ältesten Schriften rühmlich erwähnte Elcphant, wild durch die Wälder u. Dschungeln strebend, zugleich als Last- u. Zngthier, als Neit- thier zur Jagd u. im Kriege in gezähmtem Zustande gebraucht. Ihm folgt, von Hausthieren das durch seine Milch fowol als Anwendbarkeit zum Ziehen des Wagens u. Pfluges gleich anerkannte Rind, ausgezeichnet durch den Buckel der Ochsen, von meist hellbrauner oder weißer Farbe (die schönsten in Gudscherat) u. der als Lastthier benutzte, schwer zähmbare Büffel, der vielfach auch wild vorkommt, das vorzüglich in Malwar gebrauchte Kameel; weniger geschätzt waren die sonst auch wol verkommenden Schafe, Ziegen u. Schweine. Überhaupt ist das Thierreich in I., da das heiße Klima das Tragen wollener Kleider fast entbehrlich macht und größeren Fleischgenuß untersagt, diesen auch schon seit dem Alterthum religiöse Vorschriften wesentlich beschränken, von minderem Einfluß als die Pflanzenwelt stets gewesen. Von geringer Güte sind die einheimischen Pferde (die besten noch am Ostufer des Indus), ausgezeichnet dagegen u. früh berühmt die Hunde; wilde Esel von flüchtiger Geschwindigkeit finden sich in den Sümpfen des Ran. Groß ist auch die Anzahl der bedeutendsten Repräsentanten der Raubthiergeschlechter. Vor Allen der Tiger, überall verbreitet, die größten u. furchtbarsten jedoch in den Sumpfwaldungen Bengaleus, weniger zahlreich und wie es scheint langsam im Aussterben begriffen der im Alterthum häufigere Löwe (jetzt noch in Gondwana, Gudscherat, Kaschmir), dann der Panther u. Leopard in den Dschungeln, der Bär in den bewaldeten Gebirgen, ferner Wölfe, Hyänen, Schakals, Füchse, Wildschweine, wilde Hunde in ungeheurer Menge; ihnen anzuschließen ist das wegen seiner unwiderstehlichen Stärke gefürchtete Rhiuoceros. Alle Arten von Rokhwild kommen vor bis herab zu den Antilopen; das Moschusthier u. der 8)ak (diese mehr außerhalb des eigentlichen J-s m den kühleren Höhen des Himalaja), der kurzgehörnte Hirsch in Nepal, gefleckte Hirsche an den Ufern des Ganges u. sonst, die weiße Antilope von unübertroffener Schnelligkeit längs des Ganges und Indus; auch Hasen fehlen nicht. Außerdem erfüllen die Wälder zahllose, von den Hindu meist für heilig gehaltene Affen der verschiedensten Arten; von den niederen Säugethieren sind namentlich die bis zu gewaltiger Größe vorkommenden Ratten wegen ihrer zerstörenden Wirkungen gefürchtet. Die Vogelwelt J-s steht, mit Ausnahme der schon zu Salomos Zeit wegen ihres prachtvollen Gefieders geschätzten Pfauenarten, in Farbenpracht der anderer tropischer Gegenden nach. In dem Himalaja finden sich Geier u. Adler; durch das ganze Land sind verbreitet Falken, Reiher, Kraniche, Gänse, Schwäne, Wachteln, Kibitze, wilde Tauben, Kokila (der ind. Kukuk). Zahlreich ist auch die Schaar der theils bis zu tödtlicher Wirkung gefährlichen, theils dem Genüsse dienenden Amphibien; so viele Schlangenarten von der in öden Wäldern hausenden Riesenschlange bis zu der kleinen Gattung der Cobra herab, deren Biß den baldigen Tod fast unvermeidlich nach sich zieht, gefährliche Wafferschlangen, Krokodile (Gavials) in Len Flüssen u. Sümpfen, Schildkröten in den Flüssen u. an den Meeresküsten. Zahlreich vertreten ist auch das mehr nutzbare Reich der Fische; neben den räuberischen Haien u. Delphinen an den Flußmündungen viele Gattungen zur Nahrung dienender Seebarben, Sandfische, Aale u. der als Delicatesse geschätzte 682 Indien. Mango. Wohlschmeckende Austern bietet das Brahmaputra-Delta. Zahllos endlich ist das Heer der Jnsecten, glänzender sowol und in das Auge fallender als quälender u. schädlicher, welche durch die Hitze und Feuchtigkeit erzeugt werden. Dem Einwohner treten mehr die letzteren mit ihren oft unwiderstehlichen Eigenschaften entgegen, die Skorpione, Spinnen, Motten, Ameisen, vorzüglich die unablässige Plage der Moskitos. Verheerend wirkt oft auch die Verbreitung der Heuschrecken. Von nutzbringenden seien erwähnt der Cochenille- u. der Seidenwurm. Der schon im Alterthum gerühmte Reichthum an edlen Metallen und Mineralschätzen hat sich noch bis in die jetzige Zeit erhalten, wenngleich ihre Lage zum Theil noch unbekannt ist u. sie noch des Abbaues harren. Gold wäscht man aus dem Flußsande des Indus bei Attok, des Ganges in Rohilkaud, u. findet es im Bias, in Assam, an mehreren Stellen des Dekhan, so in Maisur, den Nilgiri - Bergen rc. Seltener ist Silber; Eisengruben sind in Kamaon, Lahore, Gwalior, Dschabbalpur, den Bergen der Cuttack- Mehals, vorzüglich aber in reichem Maßstabe in dem Vindhja, auf der Halbinsel Gudscherat, Katsch, Maisur, Arkot und anderen Orten des Dekhan; Kupfer in Delhi, Singbhum, Adschmir; Blei in Adschmir u. Gondwana; Zinn inMewar (obschon die Gruben jetzt nicht mehr ausgebeutet werden); unerschöpfliche Kohlenlager inTschittagoug, Assam, Cuttack, Burdwan, den Cuttack-Mehals, Tschanda und Baitul in den Centralprovinzen; Salpeter in Bahar; Salz überall, bes. Salzberge im Pendschab; Marmor u. Granit in den Gebirgen von Gudscherat. Weniger ausgebeutet als früher u. nicht mehr so werthvoll u. berühnit sind, seit der Entdeckung der brasilianischen, die Diamanten, welche hauptsächlich bei Cuddapah am Pennar, an der mittleren Kistna (diese beiden wurden nach ihrem Vertriebsorte die von Gol- konda genannt), an der mittleren Mahanadi und in Bundelkund gefunden werden. Nicht weniger berühmt ist I. durch seine edlen Steine, Rubine, Berylle, Chrysolithe, Chrysoberylle, Amethyste in Mewar an dem Arawalli - Gebirge, Karneole, Jaspise in Gudscherat und im Rabschapipali-Ge- birge an der unteren Nerbudda. Um Alles zu- sammenzusassen, so ergibt sich, daß I. in Beziehung aus natürliche Lage u. Fruchtbarkeit ein vor anderen in hohem Grade bevorzugtes Land ist. Der (mit Ausnahme der Wüsten am Indus) durchweg ergiebige, zum größten Theile aber die höchsten Grade von Fruchtbarkeit erreichende Boden und damit im Zusammenhang die die große Mannigfaltigkeit der wild wachsenden Gewächse bedingenden Verschiedenheiten der geographischen Länge, der Wärme u. Feuchtigkeit der Atmosphäre ermöglichen die Cnltivirung u. den reichen Gewinn von Cultnrgewächsen in einer Anzahl, wie es fast allen anderen Ländern versagt ist. Zugleich gestatten sie die Möglichkeit einer Bevölkerungsdichtigkeit, deren Existenz sonst nur durch den andauerndsten Fleiß erhalten werden könnte; in gleicher Weise hat der durch die Naturschätze beinahe von selbst gebotene Wohlstand schon im Alterthum zu der Errungenschaft einer eigenthümlichen Bildung geführt, die trotz aller Geschicke fest in den Herzen der Bevölkerung haften geblieben ist. An- derseits ist die natürliche Lage von wesentlichem Einfluß auf die äußeren Geschicke des Landes gewesen. Von O. durch unwegsame Ketten, von N. durch hohe Schneeberge begrenzt, bot eindringcw den Erobern nur von W. u. zur See das Land den Zugang dar. Wol führen 19 Paßwege über den Himalaja u. werden zu Handelszwecken be- gangen (darunter die besuchtesten der Tauoug im O., der Niti u. Jbi-Gamin in Garwhal, der Bara- Latscha u. verschiedene in Kaschmir); dennoch ist der Himalaja politisch wie ethnographisch stets die unerschütterliche Grenze zwischen I. u. dem N. geblieben. Nach O. ist jetzt wie früher zu Lande kein Verkehr statthaft; die Hauptverbindnng mit dem Auslande war und ist nach W., durch die Pässe (Dar Khaiber) am Kabul, durch den Bolan- u. Gomalpaß, welche Wege auch die auswärtigen Eroberer J-s gezogen sind. Einen zweiten, schon zu Anfang der Geschichte benutzten Zugang zu den Schätzen des Landes bot die die langgestreckten Küsten umspülende See. Günstige Buchten und Häfen, die allerdings znm Theil im Laufe der Geschichte der Versandung ansgesetzt gewesen sind, bietet die Ost- Küste, während die WKüste mit ihren den Stürmen und dem Wogenschwall offenen Rheden sich weniger zugänglich erweist. Im Alterthum wie in der Neuzeit waren sie Zeugen eines reichen Handelsverkehrs (s. unter II. u. IV.). Von Insel» ist die einzige erwähuenswerthe die der Südspitze vorliegende Insel Ceylon (s. d.); die im Arabischen Meere liegenden Gruppen der Lakkadiven und Malediven haben sich nie zu nennenswerther Bedeutung emporgeschwungen; die vollständig bedeutungslosen Andamanen u. Nikobaren im Indischen Ocean gehören in geographischer Beziehung zu Hinter-J. I. steht jetzt zum größten Theile unter der di- recten Herrschaft des englischen Staates; ein anderer bedeutender Theil gehorcht noch einheimischen Fürsten, deren Oberherrlichkeit aber durch die Engländer beschränkt ist u. deren Gebiete demnach auch mittelbar diesen unterstehen; ein ganz geringer gehört den Franzosen und Portugiesen; einzelne Staaten (Nepal und Bhutan) haben sich bis jetzt noch unabhängig erhalten, ebenso eine Anzahl wilder und uncnltivirter Bergvölker (die Einzelheiten s. unten). Mit einer Bevölkerung, die ins- gesammt zwischen 240 — 259 Mill. Menschen geschätzt werden kann (nähere Zahlen s. unten), gehört es relativ u. absolut unter die bevölkertsten Länder von Asien. Die Haupt- und Grundmafse bilden die eigentlichen Hindu oder Inder arischen Stammes, die vorzugsweise in Hindostan, aber auch in den Küstenlandschaften des Dekhan einheimisch sind. Eine zweite Rasse, schon oberflächlich dem Auge durch ihre dunklere Farbe n. andere Eigenthümlichkeiten unterschieden, herrscht im Hochland des Dekhan vor und wird darnach die Dekhauische, häufiger Dravida-Gruppe, genannt. Hierzu kommen, in geringerer Masse, als drittes Element noch eine Anzahl kleiner Völkerschaften, welche in den entlegensten Gebirgen wohnen, ein durchgängig sehr rohes u. oft fast wildes Leben führen u. wol als die Reste der Urbewohner J-s zu betrachten sind. Sie werden auch unter dem 68S Indien. Namen der Munda-Völker zusammengefaßt. Zn ikmen gehören die Stämme der Berglandschaften von Tschota Nagpur, die Kolh, Sonthal, Bhn- midsch, die Kuli od. Kolh in Gudscherat, die Ra- musi bei Puna, die Pindari im Vindhja, die Katkar in den WGHat, die ausgebreiteten Bhil (s. d.), die Mera u. Mina in Adschmir. Außerdem finden sich noch eine Anzahl von Stämmen in den mittleren u. unteren Abhängen des Himalaja, deren nähere Stellung im Einzelnen streitig ist. Zum Theilfind sie wol ind. Aboriginerstämme, theilweise Verwandte des tibetischen, theilweise (in Assam) des birmanischen Stammes; in eine ungesunde Natur gedrängt, haben sie es nicht über eine untergeordnete Stellung gebracht. Dazu gehören in Assam die dem Lo- hita- (birmanischen) Stamme verwandt scheinenden Abor, Daphla, Akha, Miri, die Dhimal in Sikkim, die Denvar und Dahari an der Grenze von Nepal, die Tschepang in Nepal, die Ravat u. Dom (s. d.) in Kamaon u. Garwhal; ein tibetisch-arischer Mischstamm sind die Lepscha in Sikkim. Nächst diesen in I. einheimischen Völkern, die häufig auch unter dpn Gesammtnamen Hindu (s. d.) zusammengefaßt werden, gibt es noch verschiedene Völker- Elemente in J., deren Einwanderung in historische Zeit fällt. Dahin gehören die sogen. Mongolen, die Nachkommen der mohammedanischen Eroberer J-s, die meist türkischen u. persischen Ursprungs waren und sich noch gegenwärtig meist des Persischen, theilweise auch des Hindnstani bedienen. Zn Herren des Landes geworden, haben sie auch den Islam über einen ansehnlichen Theil der Hindubevölkerung ausgebreitet u. sich mannigfach mit derselben gemischt. Ebenfalls durch die Eroberung eingedrungen sind die Afghanen, hier Rohilla genannt, die ebenfalls dem Islam folgen. Letzteres gilt auch von den Arabern, die schon sehr frühzeitig sich namentlich in den Städten au der Küste Malabar niedergelassen haben (wie in Calicut, Goa) u. in allen Stücken ihren Sitten u. ihrer Sprache treu geblieben sind. Die Mischlinge der Araber u. Hindu heißen Moplah od. Mapilla, u.find ebenfalls Mohammedaner. Die Parsen (s.d.), welche namentlich in Bombay und Surat, sowie den benachbarten Handelsplätzen leben, aus Persien eingewandert sind und ihren Feuerdienst beibehalten haben, sind meist Kaufleute, z. Th. un- gemein reich, höchst intelligent u. thätig u. haben sich stets als die treuesten Anhänger der britischen Herrschaft erwiesen. Juden sind theils weiße, angeblich die Nachkommen der im Babylonischen Exil, wahrscheinlich erst nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus eingewandert, die aus der Küste von Malabar einen eigenen Staat bilden, einst auf 80,000 Familien gemehrt, jetzt sehr herabgekommen; theils schwarze, zum Judenthum bekehrte Eingeborene, die über die ganze Halbinsel zerstreut sind. Die Zahl der Europäer ist gegenüber den vielen Millionen Einwohnern äußerst gering. Die bei Weitem meisten sind Engländer; Portugiesen, einst die herrschende Macht aus der WKüste, finden sich nur noch in den Städten der Küste Malabar, namentlich zu Goa und Diu, Franzosen leben außer in ihren Colonien nur wenige in den Hauptstädten; die Zahl der Dänen in ihren früheren Besitzungen ist sehr gering; Holländer haben sich auf Ceylon erhalten. Die Nachkommen der Engländer von Hindufrauen werden Half-cast od. Eurasier, die der Portugiesen Topassts genannt. In den Küstenstädten leben außerdem noch des Handels wegen Armenier und Chinesen, welcher letzteren Zahl im Steigen begriffen ist. Außerdem ist die Hauptmasse der Bevölkerung, die unter dem eigentlichen Namen der Hindu begriffen wird, nach religiösen, socialen u. historisch-politischen Verhältnissen in eineMenge einzelner Stämme und Abtheilungen geschieden. Wenngleich die alte Kastenordnung (s. oben I.) durch die Gewalt der Verhältnisse nicht in ihrem ganzen Umfange hat sich erhalten können, so hat sich doch die von Alters her eingeimpste Anschauung der Bevölkerung von der Erblichkeit der Beschäftigung und in gewissem Grade auch die Anerkennung der höheren Geburtsstellung eines Angehörigen einer höheren Kaste bis jetzt erhalten. Und obschon der politische Einfluß der Brahmanen durch die nun schon seit Jahrhunderten währende Fremdherrschaft gebrochen worden ist, so hat ihr priesterlicher u. damit verbundener socialer Rang in vielen Gegenden immer noch keine Einbuße erlitten. Von den socialen Klassen des jetzigen J-s sind die bemerkens- werthesten: 1) Die Brahmanen, die schon längst ihren eigentlich priesterlichen Charakter anfgegeben u. sich z. Th. anderen Beschäftigungen hingegebeu haben, in denen sie die höhere Intelligenz reprä- senliren. Sie sind über ganz I. verbreitet, durchgängig ein schöner, kräftiger Menschenschlag, sehr tüchtige Soldaten, vielfach als Beamte verwandt, theilweise auch gewerblicher u. kaufmännischer Beschäftigung hingegeben, als Spione wegen ihrer religiös geheiligten Unverletzbarkeit von Seiten des Volkes gern benutzt. Nach den Wohnsitzen zerfallen sie in die Gaur od. nördliche Brahmanen, d. h. die in Hindostan wohnhaften, u. in Dravida od. südliche Brahmanen, welche wegen verschiedener religiöser Gebräuche in Differenzen stehen» Eine andere Gliederung, ohne Rücksicht auf den Wohnort, ist die nach confessionellen Rücksichten, je nachdem der Cnltns des Gottes Siva od. des Vischnu in den Vordergrund gestellt worden ist. Die weitaus größte Anzahl gibt sich, wie schon bemerkt, weltlichen Beschäftigungen hin; von denen, die allein noch der Religion leben n. ein priester- liches Amt bekleiden (Baidika), unterscheidet man die Guru oder Svami, die Klostergeistlichen, die höchste geistliche Autorität, denen alle Entscheidung in derartigen Dingen zukommt; die Pnrohita, welche den äußeren Gottesdienst für das Volk u. Privatleute, meist nur gegen reiche Sporteln, besorgen; die Dschjotischa, die Astrologen, welche die priesterlichen Verrichtungen für die niederen Kasten verrichten u. nebenbei allerlei astrologische Prophezeiungen über Wetter u. A. verkünden, und die Pudschari, Tempeldiener, welche die Opfer darzubringen haben. 2) Die Khatri, dem Namen nach Nachkommen der alten Kshatrija, jetzt aber Handelsleute, im Pendschab wohnhaft. 3) Die Banianen (s. d.) od. Banija, gleichfalls geschickte Handelsleute. 4) Die Kajath (Kaith), eine Beamtenkaste (ursprünglich Schreiber) in Bengalen, denen 5) die Parbhu in Gudscherat gleichen. 6) Die Ahir und Gwala, Stämme, die sich in Nadsch- 684 Indien. putana u. Bengalen hauptsächlich mit Viehzucht beschäftigen. Außerdem zahlreiche Handwerkerkasten u. eine noch größere Menge von unreinen Kasten, die je nach den Landstrichen aus sehr verschiedenen Ursachen ihre Entstehung gefunden haben und unter dem von einer einzelnen übertragenen Namen der Paria bekannt sind. Dazu gehören die Wattal in Kaschmir, die Tschura (Handarbeiter) u. Tschangar (Fischer) im Pendschab u. a. Als derartige unreine Kasten werden auch oft die Aboriginerstämme gezählt, ebenso wie die fremden Völker, Moslemin, Christen, Parsen, was sie doch in der That nicht sind, da sie außerhalb der indischen Gesellschaft sich bewegen. Dazu gesellen sich andere Klassen, die im Laufe der Geschichte sich in einem Theile des Landes zur herrschenden Bevölkerung emporgeschwungen und gewisse Rechte und Beschäftigungen angemaßt haben; hierher gehören die Dschat (s. d.) im NW., die Nadschputen (s. d.) in Radschpntana, die Mah- ratten (s. d.) im Dekhan, die Sikh (s. d.) im Pendschab, eine ursprünglich religiöse Kaste. Von den übrigen socialen Abstufungen ist besonders be- merkenswerth die jetzt durch die Energie der englischen Negierung ausgerottete Secte der Thug, der Mörder von Profession, deren Zwecke der Mord aus religiöser Gewohnheit ohne jegliche Nebenzwecke war. Uber die religiösen Setten s. u. Indische Religion. Diese Zerspaltung des Indischen Volkes spricht sich übrigens auch in den vielen Dialekten der Sprache aus, deren 26 gezählt werden; s. Indische Sprachen. Nicht weniger gespalten ist der andere große Völkerstamm der Dravida, unter denen die Tamilen, Telugu, Cauaresen, Gond (s. d. Art.) die Hauptvölker bilden. Bei dieser großen Mannigfaltigkeit der Nationalitäten ist die religiöse u. geistige Stellung eine naturgemäß sehr verschiedene. Das eigentliche Cultnrvolk sind die Inder arischen Stammes, denen die übrigen Völker alle ihre Bildung verdanken. Das gesammte indische Kulturleben, welches übrigens weit über die Grenzen hinaus einen mächtigen Einfluß geübt hat, beruht auf der Brahmareligiou (s. Indische Religion), mit welcher nicht bloß die gesellschaftlichen und sittlichen Zustände des Volkes, sondern auch seine höchst bedeutende Literatur u. seine hoch entwickelte Kunst ans das Engste verbunden sind. Der Brahmanischen Religion wurden allmählich alle Bewohner J-s zugesührt, bis auf einzelne rohere Völker, welche ihren ursprünglichen polytheistischen Religionen treu geblieben sind. I. ist zwar auch die Wiege des Buddhismus, der sich aus dem Brahmanismus entwickelte, doch mußte er den Reac- tionsbestrebuugen des letzteren weichen, so daß nur im äußersten N. (Nepal) u. S. (Ceylon) seine Lehren herrschend geblieben sind. Mit der Herrschaft der mohammedanischen Eroberer hat sich auch der Islam Verbreitung verschafft u. ungefähr den sechsten Theil der Bevölkerung eingenommen. Gering ist die Zahl Andersgläubiger, wie der Parsen u. Juden; gering auch die Anzahl der Christen, sowol der Armenier u. der in alter Zeit auf der Küste Malabar ciugewandertcn (der sog. Thomas- chrisieu), als auch der in neuerer Zeit durch -ie Mission bekehrten, die übrigens in den un- cultivirten Stämmen der Dravida noch die meisten Erfolge gehabt hat (Einzelheiten s. unten). Der einheimische Unterricht ist noch immer dürftig so viel Anstrengungen die englische Regierung auch zu seiner Hebung gemacht Hais, bei den Hindu sowol als bei den Mohammedanern und daher ist auch der größte Theil der Bevölkerung auf einem hohen Grad von Unwissenheit u. Aberglauben geblieben. Aus den höheren Kasten gibt es allerdings Eingeborene, die die europäische Bildung sich zu eigen gemacht haben u. in ihr den Europäern gleichzustellen sind. Selbstverständlich sind Körperbeschaffenheit, Sitten u. Gebräuche bei den verschiedenen, auf ein so weites Terrain vertheilten Völkern verschieden. Der eigentliche Hindu selbst ist im Allgemeinen von schlankem Körperbau, mit ovalem Gesicht, mäßig breiter Stirn, Nase meist nach europäischem Schnitt. Die Hauptfarbe variirt vom Dunkelolivenfarbigen bis zum Gelbbraun. Im Charakter ist zwischen Hindu und Muselmann, vorzüglich in Bengalen, ein durchgreifender Unterschied zu bemerken. Während der letztere noch den stolzen und heftigen Charakter des Eroberers bewahrt, rachsüchtig und feindselig dem Europäer gegenübertritt, ist der erstere scheu und willfährig, nur fähig, durch List sein Ziel zu erreichen und energischer Thaten kaum noch fähig. Infolge des jahrhundertelangen schweren Druckes hat der Charakter der Hindu überhaupt sich sehr verschlechtert und steht die Sittlichkeit auf einer niedrigen Stufe. Vollständig mangelt durchschnittlich das Gefühl der Wahrheitsliebe u. Mannes- ehre; Falschheit, Verrath u. Meineid sind etwas Alltägliches. Merkwürdig contrastiren in ihm eine äußere Fügsamkeit u. Sanftmuth, die auch in der Sorge für invalide Thiere sich bethä- tigt, mit Ausbrüchen wildester Grausamkeit, mit einer Kaltblütigkeit desMordens,derGewohuheit des Kindermordes', die kaum anderswo erreicht werden. Als Tugenden dagegen werden gerühmt die Mäßigkeit, Fassung im Unglück, Gastfreundschaft und ein durchgehender Zug fügsamen Gehorsams. Die Nahrung ist sehr einfach u. hat als Hauptgegenstand den Reis, dessen Mißernte regelmäßig entsetzliche Hungersnoth herbeiführt; sehr selten das Fleisch; nur die Mahratten sind stolz darauf, von Fleisch u. Cerealien zu leben, u. einige Hirten- u. Bergvölker huldigen ebenfalls dem Fleischzenusse. In Bezug ans Getränke ist die Nüchternheit bekannt. Die Kleidung ist einfach und besteht aus Baumwollenzeugen, die um Schulter und Hüften geschlagen u. mittels eines Gürtels zusammengehalten werden. Die Frauen hüllen sich beim Ausgehen in ein großes weißes Tuch, von dem sie ganz bedeckt werden. Den Kopf bedeckt bei den Männern ein Turban von verschiedener Größe je nach der Kaste. Die Wohnungen sind Ziegelhäuser oder Rohrhüttcn, fast durchgängig mit spärlichem Geräth u. noch spärlicheren Möbeln; die Straßen der Städte meist eng u. schlecht gepflastert, aber säst immer unterbrochen von schönen Plätzen u. Bazaren. Der Ackerbau ist die Beschäftigung der weitaus größten Menge des Volkes. Begünstigt wird er durch das günstige Klima u. den fruchtbaren Boden des Landes, welche streckenweise Sjährliche 685 Indien. Ernten erlauben, u. ist vom Gedeihen begleitet, jo unvollkommen auch noch die GerLthschaften zur Ackerarbeit sind. Der seit uralter Zeit gebrauchte Pflug ist von ungenügendem Maßstabe, eine eigentliche Düngung gibt es nicht; ebenso sind die Vorkehrungen zur Aufbewahrung des Geernteten sehr gering. Der wichtigste und durch ganz I. verbreitete Gegenstand des Ackerbaues ist der Reis; von Nahrungsmitteln folgen ihm der Mais, die Nahrung der niederen Kasten, Weizen u. Gerste namentlich am oberen Ganges und im oberen Pendschab, Hirse und verschiedene Gemüsearten. Zuckerrohr ist schon seit den frühesten Zeiten, vorzüglich in den: Gangesthale n. den Flußthälern SJ-s cultivirt. Seitdem die englische Herrschaft u. englisches Capital in das Land gedrungen sind, ist der Anbau der Cnltnr- u. die Ausbeutung der Naturgewachse in bedeutendem Grade gesteigert n. ausgedehnt worden, wenn auch mehr zum Vor- theil englischer Capitalisten i als des indischen Volkes. So ist die Cnltnr der Baumwolle, die für den einheimischen Bedarf schon seit alten Zeiten angebant wurde, auch für den Export eingerichtet und fortdauernd im Steigen; Nagpur, Berar, Haidarabad, einige Districte der Präsidentschaft Bombay liefern die beste, geringere die NW- Provinzen n. Thcile Bengalens. Einen nicht geringeren Aufschwung hat die erst in neuester Zeit eingeführte Theecultur gewonnen; die Abhänge des Himalaja, Derah-Dun, Kamaon, Gar- whal, Dardschiling und die Provinz Assam find hier die Hauptgebiete. Bedeutende Erträge gibt der Mohnbau mit seinem zum Monopol erklärten u. hauptsächlich nach China exportirtcn Product Opium. Dies wird am meisten in Bahar, Patna, Ramgurh in Bengalen gewonnen. Ein wichtiges Ausfnhrproduct ist die überall verbreitete Inte,die sowolroh als bearbeitet versandt wird. Indigo baut man vorzüglich in den Küstenstrichen der Präsidentschaft Madras; Tabaksanbau ist durch das ganze Land verbreitet, bedarf aber noch einer weiteren Cnltnr, um als Exportgegenstand in Concurrenz treten zu können. Seide wird jetzt hauptsächlich in der Division Burdwan und am unteren Ganges gewonnen. Trotz aller Bestrebungen der britischen Regierung u. bei aller Fruchtbarkeit liegen noch große Strecken des anbaufähigen Areals öde und verlassen da; in manchen zeigen die zahlreichen Ruinen, daß vor der jahrhundertelangen Mißwirthschast der Mohammedaner eine Cultur sich hier einst entwickelt hatte. Am meisten hat dazu der Mangel an Bewässerung u. der Verfall der alten Bewässerungsanlagen bei- getragcn, wie auch in der neuesten Zeit periodisch Las Ausbleiben von Regen in weiten Districten die entsetzlichste Hungersnot!) hervorgerufen hat u. ist die Regierung mit Erfolg bestrebt gewesen, durch Erneuerung und Erweiterung des Kanal- systems diesem Mangel abzuhelfen. Am mittleren Lauf des Ganges (s. d.), in Sindh (s. d.), am unteren Laus des Indus, im Pendschab, zwischen den Deltas der Godavary n. Kistna im Dekhan, von dem Delta der Mahanadi bis nach Orissa hinein sind durch weitverzweigte und großartige, zum Theil vollendete, zum Theil in der Ausführung begriffene Kanalbantcn große Landstriche der Cultur von Neuem eröffnet worden. Die Viehzucht ist aus religiösen und socialen Verhältnissen wenig bedeutend. Blühend u. berühmt war einstmals J-s Industrie; sie ist aber, gedrängt durch die rücksichtslose Concurrenz der durch Maschinen, Capital n. Regierungsmaßregeln unterstützten englischen, einem langsamen Verfalle und allmählichem Untergange anheimgefallen. Weltberühmt u. in Feinheit nirgends erreicht waren die mit den unvollkommensten Werkzeugen, aber mit der größten Geduld u. Geschicklichkeit gefertigten Baumwollengewebe zu Dacca, ausgezeichnet durch ihre glänzenden u. dauerhaften Farben die Ca- licos von Coromandel, hervorragend durch Feinheit des Gewebes die Seidenzeuge von Multan, die Musseline von Maisur, die Shawle von Kaschmir, weitverbreitet die Baumwollenfabrikate von Masnlipatam. Ebenso tüchtig war das Volk in der Bearbeitung des Leders, in Stahl- und Waffenfabrikation, in Holz- u. Elfenbeinschnitzerei. Alle Liese Industriezweige sind im Rückgang begriffen u. mit diesem manche Feinheit der Fabrikation dem Erlöschen geweiht, welche von der Maschinenfabrikation Europas nicht erreicht werden kann. Das auf über 4 Millionen Hsüm Areal zu schätzende Land unterliegt, einige bedeutungslose Landstriche im Besitz der Franzosen (265,701 Ew.) und Portugiesen (527,517 Ew.) abgerechnet, der englischen Oberhoheit u. wird durch den Vicekönig (Viosroi) oder Generalgonverneur, der seinerseits direct unter der englischen Krone steht, regiert. Unmittelbar unter seiner Verwaltung steht ein Gebiet von 39,730 s^M ^ 2,191,690 sistcm mit 188,744,747 Ew. (nach der Zählung von 1871/72) in I., oder, wenn man das geographisch zu Hinter-Jndien zu rechnende Britisch-Birma hinzuzählt, von 44,136 (UM — 2,430,269 Hstcm mit 191,307,070 Ew. Die nähere Eintheilung s. die folgende Tabelle: Gebiete unmittelbar unter britischer Verwaltung. üjM Lülrra Einw. Präsidentschaft Bengalen 11085 610381 66856859 Nordwestprovinzen 3805 209525 30769056 Audh. 1127 62087 11220747 Pendschab .... 4797 264171 17596752 Central-Provinzen 3958 217970 9066038 Präsidentschaft Madras. 6607 3^107 31311142 Präsidentschaft Bombay. . 5998 330294 14042596 District Adschmir . 125 6920 4LS268 Provinz Curq 91 5179 168312 Provinz Maisur . 1273 70126 5055412 Provinz Berar 797 43924 2231565 > «S7S0> 21S16M! 188744717 Die Decimalstellcn bei den ! !M u. ! läm sind hier nicht ausgenommen, aber bei der Summirung berücksichtigt worden. Diesen direct von englischen Beamten verwalteten Ländern reihen sich an die Gebiete der mittelbar der englischen Machtsphäre angehörenden Länder, in denen der einheimische Fürst noch im Besitz seines Reiches belassen, aber durch Verträge zur Tribntleistnng n. Truppenstellung u. anderen Verpflichtungen gebunden ist u. in der Ausführung derselben wie überhaupt in seiner Regierung von britischen Residenten controlirt wird. Diese umfassen Landstriche von 30,390 HjM — 1,700,452 Hjüm mit 46,245,888 Ew., welche, den obigen 686 Indien. Zahlen hinzugefügt, den (unmittelbaren u. mittelbaren) Gesammtbesitz der Briten mit Einschluß von Britisch-Birma aus 74,527 s^M — 4,163,721 Hstcm mit 237,552,958 Ew. erhöhen. Es ist dabei im Auge zu behalten, daß die Zahlungen der einzelnen Gebiete nicht denselben Jahren entstammen, daß überhaupt in vielen Fällen, namentlich in den Klientelstaaten, die Zahlenresultate nicht auf Zählung, sondern auf Schätzung beruhen u. daß die Angaben des Flächeninhalts in verschiedenen englischen Listen verschieden angeführt werden. Der Religion nach' zerfälltdie obige Bevölkerungsmasse in 140 Will. Hindu, ü ber 40A Milk. Mohammedaner, SH- Mill. Christen, Juden, Parsen und Andere. Die Zahl der Christen ist ungefähr 900,000, wovon 250,000 Europäer, die übrigen Eingeborene sind; die letzteren wohnen meisten- theils in der Präsidentschaft Madras. Die Hauptmasse der Mohammedaner (gegen 20 Mill.) wohnt in der Präsidentschaft Bengalen, außerdem sind sie noch im Pendschab zahlreich vertreten. Die Parsen wohnen zumeist in den Küstenstrichen der Präsidentschaft Bombay. Der Beschäftigung nach gehört die weitaus größte Zahl (37H Mill.) dem ackerbautreibenden Stande an; 3H Mill. werden die Handelsleute, gegen 9 Mill. die Handwerker- geschätzt. In dem Dienste der Negierung stehen 1,236,000 Personen, 629,000 sind Neligionsdiener, auf 218,000 wird die Zahl der Gaukler u. Schlangenbändiger angegeben. Die durchschnittliche Dichtigkeit der Bevölkerung ist 78 Menschen ans 1 Hskm; jedoch ist sie nach den Natnrverhältnissen sehr verschieden u., die Wildnisse u. wüsten Strecken in Betracht gezogen, erheblich höher. Die bevölkertsten Gegenden befinden sich in Bengalen (Division Bnrdwan 221 auf 1 slIcm), NWPro- vinzen (Agra 222 auf 1 Hsüiu); in Madras ist der District Tandschur (203 auf 1 Hskm) der bevölkertste Theil. Die innere Verwaltung selbst wird auf verschiedene Weise durchgeführt, die sich im Laufe der Zeit mit der allmählichen Vermehrung des Reichs von selbst gebildet hat. Die oberste Leitung liegt in den Händen des Vicekönigs, der jeden von London empfangenen Befehl bei Strafe des Hochverrats binnen 24 Stunden auszuführen hat. Außerdem führt er die directe Verwaltung der Präsidentschafl Bengalen, wo ihm jedoch für die Negierung der nengebildeten Provinz Nieder- Bengalen (I.ovor krovincss) ein I-isutsnanb- Oovsrnor (Unter-Gouverneur) zur Seite gestellt ist, ferner der Provinzen Adschmir, Curg, Maisnr u. Bcrar, wo ihm Oommiasiouer betitelte Beamte zur Beihilfe gegeben find. Die Verwaltung der Präsidentschaften Bombay n. Madras leitet je ein Gouverneur, die des Pendschab u. der Nordwest- Provinzen je ein Lieutenant-Governor, die von Audh, den Central-Provinzen u, Britrsch-Birma ein Ober-Commissar (Obisk-Oominissionsr). Diese größeren Verwaltungsbezirke zerfallen wieder in Divisionen (LommiWivusrsIlip), an deren Spitze ein Commissiouer steht; diese in Districte, an deren Spitze der Districtsvorstand steht. Diese Einteilung ist jedoch in der Präsidentschaft Madras dahin modificirt, daß die Districte direct dem Gouverneur nnterstehen; anderseits werden in der Präsidentschaft Bombay (mit Ausnahme von. Sindh) sie Collectorate genannt. Eine genauere Übersicht der Einteilung der 3 Präsidentschaften gibt die fol- gende Tabelle, bei der unter Bengalen im Voraus zu bemerken ist, daß die von den gewöhnlichen abweichenden Zahlen in der Division Dacca und der Provinz Assam daher resultiren, daß i„ neuester Zeit die Districte Silhat und Katschar der erstercn abgetrennt und der letzteren znge- wiesen sind. 1 . Präsidentschaft Bengalen. üsM ! !inn Emm. Divis. Burdwair (5 Distr.) 698 32940 7286957 Presidency-Divis. (4 Dislr.) 715 39407 6545464 Divls. Nadschschahi (7 Distr.) 823 45825 8893738 Divis. Katsch-Behar (3 Distr.) . 256 14107 1045942 Divis. Dacca (4 Dislr.) 635 40656 7592832 Divis. Tschittagvng (S Distr.) . 774 42658 3480136 Prov. Nieder-Bengalen oder Lower Provinces 3822 215593 34845069 Divis. Palna (6 Distr.) 1116 61463 13122743 Divis. Bhagalpur (4 Distr.) 878 48392 6613358 Prov. Bahar .... 1095 109755>19736001 Prov. Orissa <4 Distr.) 1124 61901 4317S91 Prov. Tschota Na?.vur (5 Distr.) 2064 113698 3825571 Prov. Assam (8 Distr.) 1988 100749s 3SS22öt L. Präsidentschaft Madras. >ÜM ! !nn> Eil»». Northern Range (N.) (Distr. <Äand- scham, Bisagapatam, oiodavsry, Kistna). Central-Range (Mitte) (Dislr. Nel- lur, Karnul, Äellary, Cuddavah. 2002 110275 6794S12 N. u. SArkot, Tschingelput) Southern Range (S.) (Districte Tandschur, Tritschinopoly, Ma- dura, Tinnevelly, Salem, Loim- 2441 134420 10436821 batore, Malabar, SCanara) L. Präsidentschaft L 2223 wmbay. 122411 1407940S ! !M Einw. Sindh Division (am Indus, 5 Distr.) Northern Division (10 Collectorate 2294 126340 1730323 bis 18° n. Br.) .... Southern Division (9 Collectorate 1741 95873 5269263 im S.). 1962 108081 7043011 Sehr zahlreich (alle, auch die kleinen Feudalherrschaften eingerechnet, zusammen überschreiten sie die Zahl 460) sind die noch unter eingeborenen Fürsten stehenden Gebiete u. ans mannigfache von historischen u. localen Verhältnissen sich erklärende Art der brit. Oberhoheit unterstellt; der Lokalität nach sind sie durch ganz I. zerstreut. Zu den bedeutendsten gehören, abgesehen von dem noch ganz unabhängigen Nepal u. Bhutan im N.: Haidarabad (s. d.) im Dekhan mit dem Nitzam als Fürst, Gwalior (s. d.) mit dem Scindmh, Jndor (s. d.) mit dem Holkar, Bhopal, Bundel- kund (Bandelkand), welche den Haupttheil des central-indischen, von einem britischen Agenten di- rigirten Agenturbezirks bilden und deren einzelne Fürstenthllmer von diesem unterstellten englischen Assistent-Agenten od. Residenten beaufsichtigt werden. Eine andere nur durch eine Reihe einheimischer Herrschaften gebildete Provinz ist Radschpn- tana, das in gleicher Weise verwaltet wird; von den dortigen Radschpuienstaaten sind die erwäh- nenswerthcsten: Dschaipur, Bikanir, Dschessalmir, Indien. 687 Marwar, Bhurtpur (s. d. Art.). Außerdem sind aber eingeborene Fürsten der Verwaltung der anderen großen Verwaltungsbezirke unterstellt, so Sikkim und die Garro-, Khassia- und Dschaintia- Stämme in Assam dem von Bengalen, Travan- core, Cochin, Pudnkota dem von Madras, Garwhal (s. d. 2) u. Rampnr dem der NWProvinzen, 14 unbedeutendere dem der Centralprovinzen, 36 meist kleme (dis bedeutendsten die von Kaschmir und Patiala) dem des Pendschab, u. eine in die Hunderte gehende Anzahl dem von Bombay, unter denen der Guicowar von Baroda der bedeutendste ist. Das Verhältniß zu der britischen Regierung ist je nach den Umständen ein sehr verschiedenes u. hat nach den Verhältnissen im Laufe der Zeit mehrfachen Veränderungen unterlegen. Die einen haben einen bestimmten Tribut zu zahlen u. eine gewisse Anzahl Truppen zu stellen, andere bloß das letztere, noch andere haben dafür, daß sie von den Engländern in ihrem Besitz geschützt werden, eine bestimmte Abgabe für die englische Garnison zu zahlen. Alle diese Staaten haben aber das Recht der Selbstvertheidigung u. der diplomatischen Verbindung mit anderen Staaten verloren u. genießen ihre äußere Sicherheit und innere Ruhe durch die Garantie der britischen Regierung. Eine besondere Militärmacht zu halten ist den größeren Fürsten nicht verwehrt, doch unterliegen sie auch hierin in Bezug auf die Zahl und etwaige Ausnahme nicht-englischer ausländischer Offiziere der Controle des Vicekönigs. Überhaupt sind Einmischungen dieses auch in die inneren Angelegenheiten nicht selten; sobald die Verwaltung nach europäischen Begriffen eine zu schlechte geworden ist, wird der Fürst zu Verbesserungen gezwungen, auch wol abgesetzt u. durch einen anderen ersetzt, wie neuerdings in Baroda, oder auch das ganze Land wird eingezogen, wie es sich in diesem Jahrh. oft ereignet hat. Groß ist die Zahl der kleineren einheimischen Staaten, der sogenannten Dschaghir. Ursprünglich, unter der Regierung des Großmoguls, ein Besitzthum gegeben für die Erfüllung militärischer Leistungen, aber nicht vererblich, haben derartige Regenten in der Verwirrung bei dem Sinken des Reichs des Großmogul verstanden, theilweise ihren Besitz erblich zu machen und ihn jetzt von der britischen Regierung oder auch von einem der Clientelfürsten zu Lehen zu tragen. Die oberste Verwaltung des ganzen Landes lieg: in den Händen des Vicekönigs, dem der Rath von I., bestehend aus 6 Mitgliedern u. Regierungs- Secretären für die einzelnen Fächer (Finanzen, Ackerbau, Inneres rc.) zur Seite stehen. Er leitet auch die äußeren Angelegenheiten, Seine Amtsdauer währt gesetzlich nur 5 Jahre. Unter ihm leiten die Gouverneure od. Untergouvernenre die einzelnen Provinzen. Diese zerfallen in Divisionen u. diese in Districte, denen Beamte vorgesetzt sind, welche nicht bloß die Polizei, sondern auch das Steuerwesen unter sich haben; doch sind die Functionen in den Präsidentschaften verschieden, hier u. da ist den Einnehmern selbst die niedere Gerichtsbarkeit übertragen. Den Beamten wie den Richtern sind Gehilfen beigegeben, welche theils in wirklichem Staatsdienste stehen, theils nur außerordentlich herbeigezogen werden. Letztere sind gewöhnlich Eingeborene oder Eurasier und können beliebig ihrer Stellen entsetzt werden. Die unteren Beamten werden sehr schlecht besoldet; Stellen, welche reichlicher dotirt sind, werden selten an Eingeborene vergeben; dagegen sind die Gehalte der Beamten höherer Klassen, zu denen nur Briten genommen werden, sehr bedeutend. Ein District steht in Bengalen in polizeilicher Hinsicht unter einem Oberausseher, unter welchen! als Chefs der 15 — 20 Bezirke (Thanah) ein Polizei-Jnspector (Thanahdarj oder Darogah steht. Letztere sind meist Mohammedaner, beziehen einen jährlichen Gehalt von 30 —120 Pfd. St. und haben einen Schreiber, einen Sergeanten (Dschemadar) u. 20 bis 25 Polizeidiener. Die Localpolizei führen die Dorfvorsteher. Die Districtspolizei nimmt Kunde von allen Verbrechen, welche die Engländer unter dem Namen Felonie begreifen; die Anzeigen werden in ein Tagebuch eingetragen und dies dein Magistrat zugestellt, welcher Untersuchung nur verhängt, wenn genügende Beweise vorhanden sind. Ein ganz verschiedenes System herrscht in Madras u. Bombay; nach einheimischer Art übten es die Steuereinnehmer; in Madras hatten die Tahsil- dars und Dorfbeamten eine gewisse Polizei- und Richtergewalt; wichtigere Sachen mußten dieselben an die Unterrichter bringen. In Bombay haben die Mamlatdars ziemlich dieselbe Stellung; kleine Sachen entscheiden die Polizeibeamten, größere werden von diesen an die Magistrate gebracht. Das anglo-indische Gerichtswesen ist eigen- thümlich organisirt: in den einheimischen Staaten ist die niedere Rechtspflege dem Ländessürsten überlassen. Der höchste Gerichtshof für das ganze Reich ist der Sudder Adalet zu Calcutta, welcher in letzter Instanz über alle Civil- und Criminal- fälle entscheidet. Für jede Präsidentschaft besteht ein Gerichtshof, an welchen von den unteren Gerichtsbehörden appellirt wird; letztere sind in den verschiedenen Theileu des Landes verschieden organisirt. Die niederen Richterämter sind von Einheimischen besetzt; sie sind Einzelrichter, während die höheren Zila-Courts collegialisch eingerichtet sind. In der Rechtspflege hat man, soweit es sich thun ließ, die englischen Grundsätze zur Geltung zu bringen gesucht. Die höheren Beamtenposten werden meist an vornehme Engländer, oft nach Parteirllcksichten, vergeben. Zn der Erlangung der niederen ist ein in London zu machendes Examen nöthig, in dem sowol classische Kenntniß, als etwas Vertrautheit mit den indischen Verhältnissen verlangt wird. Uebrigens ist die britische Regierung auf das eifrigste bemüht, die selbständige Communalverwaltung zu heben, die intelligenteren Eingeborenen dazu heranzuziehen und auf diese Weise sie fester mit den Interessen der Regierung zu verknüpfen. Die Einführung von Communalsteuern u. einem Communalbudget ist in einer Anzahl von Städten (1874/75: 850) eingerichtet worden, deren Erhebung eine besondere, entweder ernannte, od. aus Wahlen hervorgehende Behörde von 5 Mitgliedern, das Pundschajat, zu überwachen hat; das Institut der englischen Friedensrichter ist nach Bengalen verpflanzt worden. Und daß der Versuch, bei dem gebildeteren Theil 688 Indien. des Volkes die fast erloschene Theilnahme an den Geschicken des Landes zu erwecken, kein vergeblicher ist, beweist der verhältnißmäßig schnelle Aufschwung, den die einheimische Presse genommen hat; 1874 erschienen schon über 100 Journale in den verschiedenen Landessprachen, die über äußere Verhältnisse sowol wie über innere mit gleichem Eifer sich verbreiteten. Der Staatshaushalt des indo-britischen Reichs wird nach den Bedürfnissen des Landes bemessen u. ausgearbeitet; er bedarf aber zur Geltung der Genehmigung der gesetzgebenden Gewalten (Krone und Unterhaus) in Großbritannien. Die infolge der mehrfachen Ausbrüche von Hungersnoth in den letzten Jahren nothwendig gewordenen außerordentlichen Ausgaben, verbunden mit einem theil- weisen Rückgang der Einnahmen, u. die Leistungen für Verkehrswege haben ihn stets mit einem geringen Deficit schließen lassen. Einen Einblick in die Verhältnisse gewährt die folgende Abrechnung des Finanzjahres 1874/75: Einnahmen. Pfd. Strl. Grundsteuer . . 212SS7S3 Tribut- .... 724072 Forsten .... 583281 Spirituosensteuer 2310143 Zölle .... 267847S Salzmonopol . . 6227301 Opiumsteuer . . 855682g Stempelsteuer . 2758042 Verschiedene . . 372340g 4880504g Außerordentliche 1S7S1S8 Total 50578177 — ungefähr 1020 Mill. 14. Psd. Strl. Armee .... 153751S2 Provinzialfonds . 5148774 Erhebnngskosten . S5523S4 Zinsen der Staatsschuld . . . 6412054 Verwaltung . . 1926010 Justiz .... 22 S 8180 Pensionen . . . 1738S68 Verschiedene . . 5315860 50215047 Außerordentliche 424S566 Total 54500613 — ungefähr 1VS2 Mill. II. Für das Finanzjahr 1876/77 sind die Einnahmen auf 50,480,000, die Ausgaben auf 54,098,000 berechnet. Die Staatsschuld betrug (1874) 107,534,907 Psd. St. cousolidirte und 7,791,919 unconsolidirte, zusammen 115,326,826 Pfd. St., ist aber seitdem durch erneute Anleihen um den Betrag von ungefähr 10 Mill. Pfd. St. gestiegen. Wie die Zahlen zeigen, zieht der ind. Schatz seine Haupteinkünfte aus den Grundsteuern, welche eigentlich doch nur als die Pachtgelder der Staatsdomänen betrachtet werden dürfen. Nach altindischer Anschauung war das Feld Demjenigen, der es bebaut, u. der Landesherr erhielt Steuern davon; sie wurde durch die Mohammedaner über den Hansen geworfen u. durch die muselmännische ersetzt. Nach dieser ist der Staat oder vielmehr der Fürst od. Landesherr (gegenwärtig im größten Theile die Königin von England) Eigenthü- mer alles Grund u. Bodens, so daß niemals bei unbeweglichen Gütern ein bürgerliches Eigenthum, sondern nur Nutzungsrechte existiren; letztere werden vom Souverain verliehen, meist gegen Abgabe eines Erntetheils, in einzelnen Fällen auch gegen zu leistende Lehnsdienste. Am Grundbesitze selbst haften nirgends Rechte u. Leistungen, sondern überall ist nur das Amt eines Steuererhebers oder Steuerpächters hier und da erblich geworden, grundbesitzender Adel ist somit nicht wirklich, sondern nur scheinbar vorhanden. Das indische Grundsteuerwesen ist für den Europäer zwar sehr verwirrend, im Ganzen aber doch sehr einfach. Man unterscheidet 3 Systeme: a) Das Ryotwarysystem, in den Präsidentschaften Madras und Bombay, wo die Regierung unmittelbar an den Landwirth Grund u. Boden gegen einen Pacht, schilling, der im Allgemeinen ein Drittel der Ernte beträgt, überläßt. In Madras kann jeder Pächter am Schluffe des Jahres seinen Pacht aufgeben; in Bombay dauert letzter 30 Jahre, doch versteuert der Landmann (Ryot, Neiot) nur das Land, was er wirklich bebaut hat. d) Das Mansa- warsystem, das in den NWProvinzen besteh:; nach demselben tritt nicht der einzelne Landwirth, sondern die Dorfgemeinde als Pächter auf, welche aber solidarisch für Entrichtung des Pachtschil- liugs haftbar wird, gleichviel ob die Gemeinde ihre Flur gemeinsam bebaut und gemeinsam die Steuer entrichtet, oder ob die Gemeindeglieder das Land unter sich vertheileu und die Abgabe in Quoten unter sich auftreiben. In neuerer Zeit geschieht es jedoch immer häufiger, daß die Dorfflur in einzelne Pachtloose getrennt u. so ein unvollkommenes Putteedarree (Pottidarri) in ein vollständiges Putteedarree mehal (Pottidarri mial) verwandelt wird. Die Steuer ist in Geld zahlbar und wird so bemessen, daß dem Landwirthe vom Reinertrag des Landes ein Dritttheil übrig bleibt. Im Pendschab wurde unter der Sikhherrschast meist die Hälfte des Rohertrages erhoben; die britische Regierung setzte zunächst 25 °/„ fest, mußte aber, weil die Bezahlung in Geld für den Asiaten mit Schwierigkeiten verbunden ist, noch weiter herabgehen, e) Das Zemindarysystem der Verpachtung besteht darin, daß zwischen dem Grundherrn (Fürsten) u. dem Pächter (Ryot) eine Mittelsperson als Zemindar oder Steuerpächter tritt. Letzter ist dem Fiscus für die Entrichtung der Steuer verantwortlich, kann aber Raten von den einzelnen Landbebauern eintreiben, wie er will; das System ist in Bengalen, Bahar und Orissa herrschend. Man nimmt an, daß dem Ryot zwei Fünftel des Rohertrages, dem Landesherrn aber drei Fünftel gebühren; von den letzteren drei Fünfteln tritt der Landesherr wiederum ein Elftel dem Zemindar für dessen Mühe u. Gefahr ab. Obgleich die britische Regierung beabsichtigte, sich aus diesen Zemiudars eine Art Adel zu schaffen, so ist dies doch nicht gelungen. Auch die Talukdars in Audh sind ursprünglich nichts weiter als die Steuerbeamten der Sultane von Audh und tragen nur den Schein einer Feudalaristokratie. Diese Steuern vom Grund u. Boden betragen ziemlich die Hälfte des gesammten Staatseinkommens; ein Viertel kommen vom Opium- n. vom Salzmonopol, der Rest fließt aus verschiedenen Quellen. Von den Ausgaben ist ein bedeutender Theil durch nnproductive Zwecke in Anspruch genommen (Armee, Zinsen der Staatsschuld, Erhebungskosten); jedoch ist die Regierung bemüht, so viel als die Mittel es erlauben, den Schulunterricht aus Staatsmitteln zu heben, den Bau von Eisenbahnen, Landstraßen u. Kanälen zu unterstützen u. zu befördern. Die Armee ist aus europäischen u. einheimischen Truppen zusammengesetzt. Von den elfteren liegen durch das ganze Land auf die wichtigsten Punkte vertheilt 50 Bataillone Infanterie mit 45,851 Mann, 9 Regimenter Cavalerie mit 4330 Mann, 86 Batterien Artillerie mit 12,233 Mann. Indien. 689 Die einheimischen Truppen, die Seapoys (im Ganzen ungefähr 130,000 Mann), werden unbe- schadet ihrer Religion oder Kaste durch Werbung eingestellt u. in Regimenter vertheilt; nur die Gorkha (s. d.) haben das Vorrecht, eine selbständige Truppe zu bilden; in den anderen stehen namentlich viele Brahminen u. eine große Anzahl sunnitischer Mohammedaner durcheinander. Die oberen Osfizierschargen sind durchaus Engländer; die unteren (Havildar, Dschemadar) Eingeborene, welche bis zum Hauptmaun (Subahdar) steigen können. Das Schulwesen ist, aller Anstrengungen der Negierung ungeachtet, noch sehr zurück; gegen 70 »/„ der Bevölkerung bleiben ununterrichtet. Von ländlichen Schulen mit dem gewöhnlichen Elementarunterricht (PatschalainBengalen, Halka- bendi in den NWProvinzen genannt) gab es 1875 zusammen 38,000 mit ij Mill. Schülern, von mittleren in den Städten mit etwas erweitertem Programm 2506 mit 145,000 Schülern, an höheren (Highs Schools), die sich den deutschen Gymnasien nähern, 350 mit 60,000 Schülern. Ferner hat die englische Regierung drei Universitäten zu Cal- cutta, Bombay u. Madras gegründet mit Facul- täten in Jurisprudenz, Technik, Medicin u. freie Künste, mit denen Cvllegien als Mittelglieder nach englischem Vorbild in Zusammenhang stehen, wie das Sanskrit-Eolleg zu Calcutta, das Deccan-C. zu Puna, das Elphinstone-C. zu Bombay. Die Gründung einer mohammedanischen Universität ist 1877 erfolgt. Endlich beginnen die neu gebildeten Fachschulen sich des lebhaften Zuspruchs der Be- völkeruug zu erfreuen, wie die Museen in den Hauptstädten anfangen, sie mit ihrem Lande bekannt zu machen. Eine Anzahl Gelehrter Gesellschaften, an denen auch Eingeborene mit Erfolg theilnehmen (die LonZal Lovietz-, Lomba^ 8 c>- oist^ u. s. w.), haben sich die Erforschung des Landes nach allen Richtungen hin zur Aufgabe gemacht. Die wesentliche Bedeutung J-s aber, wie für Europa so im Besonderen für England, beruht in seiner Handelsstellung. Es liefert diesem Lande seine Naturschätze u. Rohproducte, um dafür dessen Fabrikate in Eintausch zu empfangen. Eine Übersicht über die Bewegung des Handels gibt das Ergebniß des Jahres 1873/74: Einfuhr (in Tausend Pfd. Sterl.) Sämereien. Früchte SIS Colonialwaaren, Thee 89S Getränke.1S02 Kohlen.740 Spinnstoffe, Baumwolle, Jute, Seide . . 787 Droguen, Harze, Chemikalien . . . 1122 Salz.8SS Garne u, Gewebe . . 19062 Andere Fabrikate . > 5074 Verschied. Maaren . 2464 82594 Edle Metalle . . . 5792 S8SS6 Ausfuhr (in Tausend Pfd. Sterl.) Getreide, bes. Reis Sämereien, Früchts . Colonialwaaren . . Holz. Spinnstoffe. Jute, Baumwolle . . Häute u. Felle . . . Droguen, Chemikalien Opium. Garne u. Gewebe . . Andere Fabrikate . . Verschiedene Maaren 6548 2SS1 8771 605 1S117 2618 4974 11S42 2218 92 ISIS Edle Metalle 54961 . 1914 S687S Mit diesen Zahlen ist nur der Werth der dem Ausland gegenüber in- und exportirten Maaren ausgedrückt; innerhalb der einzelnen Landesgebiete fand außerdem noch ein Umsatz im Werth von 85 Mill. Pfd. St. statt. In die Augen springt der durchgreifende Unterschied der Einfuhr- und Ausfuhrgegenstände; während die letzteren zu Rohproducte sind, sind die ersteren zu ^ Fabrikate. Es hängt dies zusammen mit der britischen Handelspolitik, die in I. einerseits ein Feld für großartige Ausbeutung der Naturschätze mit englischem Capital u. einheimischer Arbeitskraft sich errang, anderseits ein weites Terrain für den Absatz der heimischen Fabrikate sich zu erobern strebte u. dies, unter Lahmlegung der einheimischen Industrie, auch erreicht hat. Die wichtigsten und fortwährende Steigerung erfahrenden Ausfuhrpro- ducte sind: rohe Baumwolle, Jute, Thee nach Europa, Opium nach China. Auch mit Reis u. Cerealien fängt I. au, auf dem europäischen Lande zu concurriren, wenngleich sein eigener Bedarf kolossal,ist. Ein anderes Moment ist der stetige starke Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr, der zur Ausgleichung die Sendung von Metall nach I. bedingt u. dadurch dies Land zum Regulator des Silberwerthes für Europa gemacht hat. Die Silbereinfuhr dorthin betrug 1852—56 — 6 , 04 , 1857—61 — 12,1862—64 — 14, 1865—69 --- 6 ,so, 1870—74 — 4,„ Mill. Pfd. Sterl. Den Transport der lediglich auf dem Seewege verschifften Maaren vermittelten 9157 Schiffe; außerdem waren noch 21,000 Schiffe im Kllstenhandel thätig. Noch in den Anfängen ist dagegen der Landhandel nach N. und O. hin, woran sowol die Schwierigkeit der Wege, als die meist verwirrten Verhältnisse der angrenzenden asiatischen Reiche Schuld tragen. Der Versuch, im O. eine Straße in das innere China zu finden, ist wiederholt gescheitert (vergl. Jünnan); nach Centralasten über Kaschmir beziffert sich der Umsatz auf ungefähr 4 Mill. Pfd. Sterl. Zur Erleichterung des Verkehrs bestehen Bank-ComptoirS in Calcutta, Allahabad, Lahore, Nagpur, Madras, Tritschinopoli, Bisajapatam, Bombay, Karratschi. Unter den einheimischen Betreibern des Handels sind in Bombay die einflußreichsten die Parsen, von Hindus die Bauianen u. Khatri. Eine wesentliche Beförderung gibt dem Handelsverkehr das von der britischen Regierung in den letzten Jahrzehnten mit Consequenz durchgesührte Eisenbahnnetz. Die Zahl von 45 üm im Jahre 1853 war bis 31. März 1875 bis 10,153 im Betrieb befindliche km gestiegen, während noch über 4000 km im Bau begriffen waren und streckenweise der Vollendung entgegengehen. Die bedeutendsten Linien sind: 1 ) Die der'Ostindischen Eisenbahn-Compagnie (Last Inckian railivazO, von Calcutta über Monghir, Allahabad, Cawnpore, Agra, Delhi nach Lahore im Pendschab, von wo die Fortsetzung bis Peschawar im Ban; außerdem mehrere Seitenlinien. 2 ) Die Große Indische Halbinselbahn ( 6 rsat luäian psninsula), ein Zweig von Bombay über Calliani nach N. durch die Central-Provinzen, wo eine Seitenlinie nach Nagpur abgeht, bis Allahabad zum Anschluß an Linie 1 ), ein Zweig über Calliani nach S., an Puna vorbei durch Haidarabad bis Bajedschur am Kistua zum Anschluß an die MadraS-Bahn. 3) Die Madras-Eisenbahn-Gesellschaft, von Madrai ein Zweig nach N. zum Anschluß an die vorige ein Zweig nach SW. durch die Halbinsel hindurc Vierers Nniverfal-Conversations-Lekikon. 6. Aust. X. Band. 44 690 Indien. bis nach dem Hafen Beypur, mit Seitenlinien nach Bangalore in Maisur. 4) Die Bombay. Baroda- und Central-Jndia-Bahn, von Bombay nach N. über Snrat, Baroda nach Ahmedabad. 5) Die Sindh-Eisenbahn von Karratschi an der Jndusmllndung bis Kotri, Haidarabad gegenüber. 6) Die Pendschab-Eisenbahn von Multan bis Amritsir zum Anschluß an Linie 1). 7) Die Ost- Bengalische Bahn (Lastern LsnAirl), von Cal- cutta nach Goalbana am Zusammenflüsse des Ganges u. Brahmaputra. 8) Die Laloutta 8. Lastern, von da bis Mutla zur Umgehung der Ganges-Schifsfahrt. 9) Die Große Südindische Eisenbahn von Nagapattanam über Tritschinopoli bis zum Anschluß an die Linie 3). In Ausführung dieser Linien sind große Terrainschwierigkeiten zu überwinden gewesen. Der Passagierverkehr betrug auf allen (1875) die Zahl von 24,280,459 Personen. Zahlreiche einheimische Beamte (96,000) sind an ihnen angestellt. DiePost beförderte 1874/75 auf 3492 Bnreaux 104,353,076 Briefe, 9,365,586 Zeitungen. Die Telegraphenlinien betrugen 31. März 1874 26,452 lcm u, Stehen in directem Anschluß nach England (s. Indoeuropäische Telegraphenge- fellschaft). In den Gegenden, die noch nicht von einer Bahn berührt sind, ist noch der Transport durch Karawanen üblich, die bis zu bedeutender Größe anschwellen. Namentlich ist dies noch Regel für den Verkehr von Peschawar nach Afghanistan u. weiter. Das Reisen in den eisenbahnlosen Gegenden geschieht von Wohlhabenden vermittelst der Palankin, einem an Bambnsstangen hängenden Kasten, der von 4 Trägern im Trab getragen wird. Sehr vornehme Personen bedienen sich auch wol der Ele- phanten als Transportmittel. Hauptstadt des ganzen anglo-indischen Reiches ist Calcutta (s. d.); von der großen Anzahl anderer bedeutender Städte gehören zu den über 100,000 Ew. zählenden: Bangalore, Patna, Bareilly, Allahabad, Cawnpore, Agra, Benares, Lucknow, Delhi, Amritsir, Ahmedabad, Bombay, Baroda, Madras, Nagpnr, Hai- darabad. Mit Europa steht I. in Verbindung durch die engl. Dampsschifsgesellschaft der Leninsnlai anä Oriental Oompanz-, welche wöchentlich einen Dampfer von London über Gibraltar, Malta, Alexandria, Suez, Aden abwechselnd nach Bombay, abwechselnd direct über Ceylon und Madras nach Calcutta sendet, durch die sranz. der LIsssagsiiss maritimes, welche von Marseille aus demselben Wege über Pondichery nach Calcutta führt, durch eine Linie des Österreichischen Lloyd von Triest durch den Suezkanal nach Bombay u. durch mehrere andere seltener fahrende. Die beiden elfteren Linien besorgen auch den Verkehr mit Hinter-Jndien, China u. Australien. Die Verkehrsmünze ist die Silber- Rupee (Rupie) ä 16 Annas ä 12 Pies — 2 U; eine höhere der Gold-Mohur ä 15 Silber-Rupien — 29,gz Ll. Eine Rechnungsmünze ist das Lack- (— 1000) Rupien. Gewichte: der Maund — 33,g,g Lx, in Madras — 11,^ kx, der Kandy (s. d.). Bei den Längen- und Flächenmaßen ist seit 1870 an Stelle der früheren (Gaz od. Guz, Cnlit, Bigha) der Meter eingesührt. IV. (Gesch.). Die älteste Geschichte des Indischen Volkes ist in noch weiterem Umfang als die anderer in Dunkel gehüllt aus dem Grunde, weil eine eigentliche Geschichtschreibung bei den alten - Indern nicht zur Entwickelung gelangt ist n. die wenigen dazu zu rechnenden auf uns gekommenen Schriften weit mehr den Charakter phantastischer Speculation und mythologischer Dichtung an sich tragen als Thatsachen zur Aufhellung der älteren Verhältnisse bringen. Was daher von der ältesten Geschichte zu berichten ist, sind Rückschlüffe unk Ergebnisse der vergleichenden Sprachforschung so. wol als der Durchmusterung der Veden und der alten Nationalepen. Für die spätere Zeit, von Buddha bis auf die mohammedanische Eroberung, > liefern die griechischen und römischen Schriftsteller manche Notizen, welche sich mit Hilfe einer sich immer mehrenden Anzahl von Münzlegenden und Inschriften controliren u. zu einem noch freilich sehr lückenhaften Bilde von dem Entwickelungs- gange des indischen Volkes verknüpfen lassen. Auch bieten die Schriften der Buddhisten, wie namentlich die annalistischen Werke im Pali (s. d.s u. Reiseberichte chinesischer buddhistischer Mönche, wie von Hiuen-thsang n. Fahian, Letztere für die Zeit vom 5.-8. Jahrh. n. Chr., vieles Brauch, bare. Die Resultate der vergleichenden Sprachforschung haben klar gelegt, daß die herrschende Klasse in I. ein Zweig der großen Indogermanischen (s. d.) Völkerfamilie war, der von Westen her aus dem Hochland von Iran, wo er noch ver- eint mit den Jraniern gesessen hatte, vor Anfang der Geschichte über den Indus in Indien eindrang. Sie stießen auf eine schon ansässige Urbevölkerung von dunkelerer Farbe u. geringerer Cultur, welche sie zum Theil unterjochten und sich vermischten, zum Theil in die Gebirge und das Hochplateau des Dekhan zurückdrängten, wo sich zahlreiche Reste noch bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Zu diesen gehören die Bhil, Sonthal und andere unter dem Namen Munda- völker zusammengefaßte (s. oben III) u. die Dra- vida (s. d.) im Dekhan. Ursprünglich wol mehr der Viehzucht, als dem Ackerbau sich hingebend, ! scheinen sie längere Zeit ihre Wohnsitze im Pen- ' dschab festgehalten zu haben, bis die überhand- nehmende Bevölkerungsanzahl od. andere Ursachen ! sie zur Besetzung der Flußthäler der Dschumna ! u. des Ganges antrieben. In diese Zeit, die um das Jahr 2000 v. Chr. gesetzt wird, fällt die Entstehung u. Ausbildung des Kastensystemts, in welches die unterjochten Urbewohner als vierte Kaste eingefügt wurden und dessen giltige Abschließung nicht ohne heftige, noch in mythischen Erzählungen berichtete Kämpfe zwischen Brahmanen und Ksha- trija zu Stande gekommen zu sein scheint, und die Entwickelung der Religion und Cultur überhaupt. Anfangs mögen die allmählich Vordringen- ' den arischen Schaaren kleine Staatsgemeinschafte» gebildet haben, welche unter Häuptlingen aus der Kaste der Kshatrija standen; mit der Zeit entstanden aber größere Reiche, so Ajodhja (Audh), Magadha (Bahar), Kaschmirs (Kaschmir), von denen mythische Königsreihen überliefert sind. Dichterisch ausgeschmückte Erzählungen alter ge- ^ schichtlicher Ereignisse gibt auch der Hauptinhalt der beiden altindischon Epen: im Mahabharata der Kampf der Pandu u. Knrn, die Schilderung, ^ wie die Dynastie der Pandu nach manchen Wechsel- ^ Indien. 691 fällen die der Kuru aus ihrem Reich iu Hastina- pura zwischen Ganges u. Dschumna verdrängte, im Ramajana der Zug Ramas, des Königsohnes von Ajodhja, nach S. u. die Eroherung von Ceylon mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman, die Schilderung des allmählichen Vordringens der arischen Cultur nach S. hin. Sicher ist anzunehmen, daß schon frühzeitig, auch auf friedlichem Wege, durch bekehrungseifrige Priester und Anachoreten arische Sitte und Religion zu den Völkern des Dekhans gelangte, wenn sie vorläufig meist auch noch an den Küsten hängen blieb. Noch vor der buddhistischen Zeit gelangten hier an der SSpitze u. der jetzigen Küste von Coromandel die brah- manischen Reiche Pandja, Tschola u. Tschera, die nach einheimischen Berichten sämmtlich von Ajodhja aus begründet wurden, zur Blüthe. Eine größere Bewegung veranlaßte im 6. Jahrh. v. Chr. die Entstehung des Buddhismus (s. d.), welche zeigt, daß schon damals das Gebäude,des indischen Staates und der brahmanischen Lehre im Wesentlichen bereits vollendet waren. Der Buddhismus fand seine Entstehung in dem alten Madhjadeya, dem Stromgebiet des Ganges und Dschumna od. specieller im alten Magadha, dem jetzigen Bahar; es zerfiel in der damaligen Zeit iu eine Anzahl kleiner Fürstenthümer, darunter Ajodhja od. Saketa (Audh), Vachali, Kapi- lavastu, Kaxi od. Varanasi (jetzt Benares). I» der Zeit nach Buddhas Tode erscheint Pataliputra (Palimbothra, jetzt Patna), als die Hauptstadt eines einheimischen Reiches. Gering waren bis zu dieser Zeit die Berührungen mit den auswärtigen Völkern gewesen. Die Inder selbst, die im Lauf der Geschichte über- Haupt nie durch eigene Kraft zu einem einheit- lichen Reiche sich vereinigt haben, führten keine Eroberungskriege; die ihnen drohenden Angriffe der Assyrer unter Ninos u.Semiramis find, wenn ihnen überhaupt historische Glaubwürdigkeit beizumessen ist, jedenfalls erfolglos gewesen; die Beziehungen beschränkten sich auf einen mäßigen Handelsverkehr sowol zu Lande als zur See durch die Phöniker (Ophirsahrten). Erst mit dem Zuge Alexanders d. Gr. begann der Verkehr n. die Bekanntschaft lebendiger zu werden. Schon vorher hatten allerdings die Perserkönige, wenigstens im nordwestl. Theile, festen Fuß gefaßt. Darms I. sandte den Griechen Skylax von Kaspalyros (Kaschmir) aus mit einer Flotte den Jndos hinab, und »ach dessen Rückkehr (nach 30 Monaten) eroberte der König das Land am Judos (Gedrosien), machte es zur 12. Satrapie ».erhob aus demselben einen Tribut von etwa 7 Mill.Thalern. Sein Nachfolger Terxes hatte dortige Völker mit in seinem gegen Griechenland entsendeten Heere. Auch in dem Heere von Darms III. bei Arbela erscheinen Inder u. (zum ersten Mal in der Geschichte) auch indische Elcphanteu als Kriegswerkzeuge aufgeführt. Alexander selbst, nachdem er Persien erobert (s. Alexanders d. Gr. asiat. Feldzug), überschritt 326 den Indus, zersprengte unter schwerem Verlust bei Dschalam am oberen Hydaspes (Dschilam) das ind. Heer unter dem K. Poros u. drang dann weiter bis zum Hyphasis (Setledsch), wo der Widerwille seines Heeres ihn umzukehren zwang. Auch das Pendschab zerfiel, gleich dem östlichen I., damals in ein Reihe kleinerer Staaten, so des Poros, Taxiles, Abisares (des König von Abhisara, dessen Herrschaft bis nach Kaschmir reichte), des Musi- kanos u. Portikanss am unteren Indus u. freier, kriegerischer Völkerschaften, so der Kathäer und Maller am oberen Hyarotis, die noch nicht der brahmanischen Kastenordnung sich gefügt hatten. Eine vollständige Unterwerfung konnte nicht in der Absicht des makedonischen Königs liegen; er beließ daher die einheimischen Herrscher in ihrem Besitz u. unterstellte sie nur der Oberaufsicht von zwei Satrapen, dem des unteren u. oberen I-s, zu deren Stütze zahlreiche Besatzungen selduntüch- tiger Soldaten in den neugegründeten Städten znrllckblieben. Doch schon 317 waren beide wieder durch einen einheimischen Aufstand verdrängt, der aber die nun regeren Beziehungen zwischen dem Hellenismus u. I. nicht mehr zu hindern vermochte. Der Begründer des neuen einheimischen Reiches der Maurja-Dynastie im östlichen I. war Tschandragupta (der Sandrakottos der Griechen) mit der Hauptstadt in Pataliputra (Patna); sein Reich dehnte sich vom Ostufer des Indus bis zum Ganges aus und umfaßte auch Gudscherat. Mit Seleukos Nikator stand er anfänglich im feindlichem, dann in freundlichem Verhältniß; er schenkte ihm 500 Elephanten u. empfing die Gesandtschaft des Megasthenes an seinem Hose. Noch bedeutender tritt sein zweiter Nachfolger, Asoka (263—226, s. d.) hervor, der Beförderer des Buddhismus, dessen Reich außer den Landstrecken im östlichen I. sich über Gudscherat u. Kaschmir im W. und über Kalinga an der OKüste des Dekhan erstreckte. Seitdem unterhielten die Se- leukiden u. Lagiden einen freundlichen Verkehr mit einigen Fürsten im Brahmanenlande, wozu sie schon die an Wichtigkeit immer zunehmende Handelsverbindung der Reiche Syrien und Ägypten mit den östlicheren Staaten bewegen mochte. Im äußersten W. von I. dagegen blieb der griechische Einfluß ungeschwächt. Ungefähr um das Jahr 240 v. Ehr., wo auch die Parthische Macht sich zu bilden anfing, ward Baktrien (s. d.), welches auf Jahrhunderte ein Mittelpunkt für griechische Cultur u. griechische Sitte wurde, zu einem selbständigen Staate erhoben. Begründer dieses Jndobaktrischen Reichs war Diodotos, dessen Dynastie doch schon nach einigen Jahrzehnten (um 200 v. Chr.) durch den Magnesier Eu- thydemos vom Throne gestoßen wurde. Zwar erlag Letzter 210 dem Syrerkönig Antiochos dem Großen, der mit einem griechischen Heere bis gegen Baktrien hin vordrang, doch blieb Euthydemcs in seiner Herrschaft ungeschmälert. Baktrien hatte seitdem von den Seleukiden nichts mehr zu fürchten. Sein Sohn Demetrios (feit 205 v. Chr.) konnte daher seine Herrschaft weit nach I. hin bis über Gudscherat ausdehnen. Nach der Ermordung des Eukratides (regierte etwa seit 180) entstanden Wirren in dem Jndobaktrischen Reiche, welche seinen baldigen Verfall unter den Waffen der Parther herbeiführten. Etwas jünger ist die Dynastie der Griechisch-Indischen Könige, deren Stifter Apollodotos, mit dem Sitz im Pendschab war u deren mächtigster Menandros um 140 v. Chr. die 44 « 692 Indien. Herrschaft zeitweilig bis zur Dschumna und über Gudscherat ausdehnte. Auch dies Reich zerfiel bald unter dem Vordringen der vou N. kommenden Tu- ranischen Steppenvölker, der sogen. Jndoskythen. Damit ging jedoch der griech. Einfluß nicht völlig verloren u. erhielt sich noch längere Zeit im Jn- dusgebiet mächtig. In derselben Zeit war im eigentlichen Hindostan (Arjavarta, d. i. Land der Arjas od. arischen Inder) nach dem Tode des Asoka das Reich der Maurja in drei kleinere Reiche zerfallen; Magadha, dann das Reich des Dschaloka, bei den Griechen Sophagasenos in Kaschmir; das dritte umfaßte die südwestlichen Provinzen des großen Maurja-Reiches. Ein großer Theil des letzteren wurde wiederum durch Pnshpamitra vereinigt, dessen Dynastie, die Sunga, von etwa 178—66 v. Chr. herrschte und die Kanva, als deren Begründer Vasudeva genannt wird, zu Nachfolgern hatte. In Dekhan war in derselben Zeit die Macht des Pandja-Reiches gegen die von Tschola n. Tschera im Zunehmen; der innere Dekhan war der brahmanischen Cultur noch zum größten Theil verschlossen. Eine andere Gestalmng nahmen die Verhältnisse des nordwestlichen J-s durch den um die Mitte des 2. Jahrh. v. Chr. ersolgenden Einfall Turanischer Stämme, der Ju'öitchi (s. d.), welche nach S. vordringend Baktrien eroberten u. dort sich sowol als in Kabulistan ein Reich gründeten, das sich zeitweise über das Pendschab, die Jndus- münLungcn u. Gudscherat erstreckte u. seine Streifzüge weit in das östliche I. hinausdehnte. Der Befreier von dieser Fremdherrschaft war Vikra- maditja, der Herrscher von Malava (Malwa), mit der Hauptstadt Udschdschajini, gefeiert auch als Beschützer von Kunst u. Wissenschaft, dessen That zugleich eine Epoche der indischen Zeitrechnung (die Ära des V. 67 v. Chr. beginnend) bildet. Sein Reich scheint sich außer Malwa noch über das östliche Radschpntana, das Pendschab und Kaschmir erstreckt zu haben. Bald darauf erreichte indessen die Macht der Jndoskythen wieder einen bedeutenden Aufschwung. Kadphises (ungefähr um Chr. Geb.) beherrschte außer den nördlichen Stämmen auch Afghanistan, Kabulistan u. von I. das Pendschab u. Kaschmir n. scheint seine Waffen bis Malwa getragen zu haben; noch bedeutender wurde ihre Macht unter der Dynastie der Tu- ruschka-Könige (im 1. Jahrh. n. Chr.), deren mächtigster Kanischka, ein eifriger Beförderer des Buddhismus, außer den weiten außerindischen Besitzungen noch Malwa, Gudscherat, im SW. Kan- jaknbscha u. Magadha im O. besaß, ja seine Macht bis nach Benares ausgedehnt zu haben scheint. Selbstverständlich war diese Macht eine nur auf losen Grundlagen beruhende; unter der indoskythischen Oberherrlichkeit ward den einheimischen Fürsten der Besitz ihrer kleineren Herrschaften meistens belassen. Überhaupt ist sestzuhalten, daß bei der Bildung eines größeren indischen Reiches ein nach europäischen Begriffen organisirter Staat nicht entstand, sondern ans Grundlage der uralten Dorfverlassnng die einzelnen Theile unter Satrapen od. Nadscha in mehr od. minder loser Abhängigkeit zu dem Oberherrschcr standen, bei selbständiger Leitung der inneren Verwaltung, so die Sinha-Könige in Gudscherat (aus nicht genau zu bestimmender Zeit, vor 200 v. Chr. bis zu Chr. Geb., auch später gesetzt), welche Jahrh. lang als Satrapenkönige eine thcilweise bedeutende Macht entwickelten. Der Befreier von dieser zweiten fremden Herrschaft war Salivahana (h!s.1i- vallana), an dessen That sich ebenfalls eine Epoche, die Ära des S., anknüpst, deren Anfang 78 n. Chr. gesetzt wird. Sein Reich erstreckte sich über Malwa u. das untere Radschastan. Die Herrschaft der Ausländer war auf Gudscherat und das Jn- dusland zurllckgedrängt; die übrigen Theile J-s, auch das Pendschab u. Kaschmir, gehorchten mit Ende des 1. Jahrh. n. Chr. wieder einheimischen Herrschern. Von den damals entstandenen Reichen sind, um von kleineren u. kürzer dauernden (Kan- jakubscha, Jamunapura, Sravasti) abzusehen, hauptsächlich das von Kaschmir u. das der sog. älteren Gupta-Dynastie zu nennen. Das von Kasch- miri (auch ans dem 1 Jahrh. n. Chr.) erreichte unter Meghavahana, wo es sich über Kaschmir, das Pendschab, Arjavarta, einen Theil von Bengalen bis nach Kalinga im N. des Dekhan erstreckte, seinen größten Umfang, verfiel aber schon nach dessen Tode, auf Kaschmir u. das NPendschab beschränkt, u. kam dann unter die Oberherrschaft der Gupta, aus der es sich unter Pravarasena noch einmal erhob; gegen 300 n. Chr. kam es von Neuem unter die Herrschaft turanischer Stämme, der kleinen Jue'itchi. Das Reich der Gupta mit der Hauptst. Ajodhja war in gleicher Weise ausgezeichnet durch Machtstellung und durch innere Blllthe; Gelehrsamkeit u. Dichtkunst blühten ebenso wie Handel und Verkehr mit auswärtigen Völkern u. Herrschern, so mit der Sassaniden-Dynastie in Persien. Nach 100 n. Chr. gegründet, erreichte es unter Tschandragupta u. Samudragnpta seine höchste Ausdehnung u. umfaßte im O. das jetzige Bengalen mit Dacca, Assam (Kamarupa), Nepal, Länder die damals zuerst in den Kreis der Geschichte traten, Malwa u. Abhira u. die Völker des Pendschab. Auch Kaschmir war zeitweilig unterthan u. die wilden Häuptlinge in den Bergen des Dekhan u. Gondwana waren theilweise botmäßig gemacht worden. Diesen Besitzungen sügte Skandagupta im 3. Jahrh. n. Chr. noch Gudscherat hinzu. Anfang des 4. Jahrh. wurde das mächtige Reich aber schon durch einen Häuptling aus Pataliputra gestürzt. Aus derselben Zeit sind von anderen Dynastien die der Andhrabritja- Könige im inneren Dekhan, ein Staat der Haihaja- Nadschpnten an der oberen Nerbudda (Narmada), welches kriegerische Geschlecht damals zuerst anstauchte, u. die ihn verdrängende Herrschaft von Gond-Häuptlingen in derselben Gegend zu nennen, ein Zeichen, daß dort noch die arische Cultur mit den Urbewohnern im Kampfe lag. Ganz im S. blühte das Reich der Pandja weiter; in gleicher Weise die arische Herrschaft aus Ceylon (s. d.) Ein genaueres u. weniger auf dem Boden der Vermuthung stehendes Bild der politischen Verhältnisse aus dieser Zeit zu geben ist bei der lückenhaften Ueberlieferung nicht möglich; die socialen Verhältnisse scheinen trotz der vielen Staatsveränderungen nicht ungünstig gewesen zu sein; zahlreiche Werke der Dichtkunst, Gelehrsamkeit u- Indien. 698 bildenden Kunst beweisen die Blüthe derselben. 'Das Verhältniß der beiden herrschenden Religionen war damals ein wechselndes, je nachdem die Dynastie die eine od. die andere begünstigte; indessen erhielt sich der Buddhismus noch in dem O. u. noch mehr im NW. von I. neben dem Brahmanismus, während er im s. entschieden vorherrschte, und oft wird in demselben Reiche die Gleichberechtigung beider Confessionen ausdrücklich bezeugt. Die Kastenordnung bestand noch beinahe in ihrem früheren Umsang ; schon kam aber mehrfach das Verhältniß vor, daß die Könige aus einer niederen Kaste, so die Gupta aus den Vaisja stammten. Ein reger Handelsverkehr herrschte daneben zwischen den Ländern des Westens u. I s; Gesandtschaften indischer Fürsten gingen zu einzelnen römischen und den ihnen nachfolgenden byzantinischen Kaisern; gegenseitige Beeinflussung in Literatur u. Kunst ist, wenn auch noch nicht die genauere Feststellung im Einzelnen gelungen ist, nicht auszuschließen, bis das Vordringen der Araber im 7. Jahrh., der Sturz des Sassaniden-Reiches u. die Monopolisirung allen Verkehrs durch jenes Volk alle directen Beziehungen zwischen I. u. dem Abendlande auf Jahrh. unterbrach. Als ein interessantes Moment mag noch hinzngesllgt werden, daß gleich in dem ersten Jahrhundert des Christenthnms sich Anhänger dieser Religion auf der WKüste J-s festsetzten (die Thomaschristen, weil der Apostel Thomas hier gepredigt haben soll, od. Nestorianer,) von denen Nachkommen noch bei der Ankunft der Portugiesen sich erhalten hatten. Für die Zeit vom 4. Jahrh. n. Ehr. bis zum Einfall der Mohammedaner fließen die Nachrichten etwas reichlicher, wenngleich auch hier ein Ge- sammtbild der Geschichte J-s nicht zu gewinnen ist. Im Ganzen wiederholt sich die Erscheinung, daß das Land einer Anzahl wechselnder Dynastien untergeben war, deren keine einen dauernden u. festen Besitz sich gründen konnte, ein Umstand, der ein wesentliches Erklärungsmittel für den geringen Widerstand gegen die fremden Eroberer gibt. Um von dem äußersten NW. zu beginnen, so gelang es in Kaschmir der einheimischen Dynastie sich der Herrschaft der Jue'itchi zu entwinden (ungefähr Ende des S. Jahrh.) und sich wieder ein Reich zu begründen. Gegen Ende des 6. Jahrh. kam hier die Karkota-Dynastie, deren Begründer aus der Kaste der Kajastha od. Schreiber stammte, auf den Thron. Einer ihrer Herrscher, Lalitaditja, dehnte im 8. Jahrh. das Reich bis in das Pend- schab, über das damals zum ersten Male genannte Lohara (Lahore) u. bis an die Dschumna aus. Anfang des 9. Jahrh. folgte die Dynastie der Varman, von der die kunstvollen Eindeichungen znr Abwehr der Ueberschwemmungen stammen. Nachdem das Land noch unter einer Reihe einheimischer Herrscher geblüht hatte, fiel es, ganz wieder zum brahmanischen Glauben zurllckgekehrt, 1339 in die Gewalt der Moslemin, eines der späteren selbständigen indischen Reiche. Seine südlichen Provinzen (Lahore) waren schon lange vorher verloren gegangen. In dem oberen Thal des Indus saßen die kleinen Jue'itchi noch bis in das 6. Jahrh., wo sie von dem Sassaniden Khosru vernichtetu. die Gebiete wieder untereinheimische Fürsten, zeitweise unter persische Oberherrschaft kamen; diese kleinen Gebiete erhielten sich bis zum Einsall des Ghasnaviden Mahmud, der sie sämmt- lich der mohammedanischen Herrschaft einverleibte. Das Gebiet an den Mündungen des Indus, das eigentliche Sindh, eine Hauptstätte des Buddhismus, fiel im 3. Jahrh. von den Jue'itchi an indische Reiche, bis Anfang des 7. Jahrh. der Brah- mane Tschatscha dort eine selbständige Dynastie bildete, die das Pendschab u. Theile von Belu- tschistan seinem Reiche einverleibte u. deren spätere Herrschaft imW.bis Dschessalmir vordrangen. Unter ihnen wnrde, wie es scheint, gewaltsam die Buddhistische Religion verdrängt. 710 unter dem Khalifen Walid begann der Einfall der über Kirman und Mekran kommenden Araber, 712 fiel die Hauptstadt Alor (jetzt in Trümmern) in die Gewalt des Veziers Mohammed ben Kasim, u. Sindh wurde eine Provinz des Khalifenreiches, von ziemlich selbständigen Statthaltern verwaltet. Schon in den nächsten Jahrh. war die indische Religion und das Kastenwesen hier vollständigunterdrückt. Ebensodrang der Araber Macht schon in diesem Jahrh. über Mnl- tan u. nach S. bis Bassein. In Gudscherat hatte sich nach dem Untergang der älteren Gupta im 4. Jahrh. die Dynastie der Ballabhi zu einer selbständigen Macht verhelfen, mit der jetzt verschollenen Hauptstadt Ballabhipnra (bei Cambay), die in ihrer Blüthezeit sich bis Khandesch ausdehnte u. mit Ersolg die dainals auftauchenden Mahratten (Maharaschtra) bekämpfte. Im 8. Jahrhundert unterlag sie Unterkönigen aus dem Raschtrakuta-Geschecht, die in mehrere kleinere Für- stenthümer gespalten das Gebiet von Gudscherat bis in die oberen Thäler der Nerbudda u. Tapti sich angeeignet hatten. Es folgten dann mit sehr wechselndem Besitzstand die Dynastie der Solanki, unter der Gudscherat von dem Ghasnaviden Mahmud erobert u. eine Zeit lang in Botmäßigkeit gehalten wurde, der Tschalukja, Pramara, endlich der Baghela, bis alle diese Ländertheile gegen 1300 nach blutigen Kämpfen dauernd unter die mohammedanischen Herrscher von Delhi fielen. Der Buddhismus, der noch unter den Ballabhi sehr hier geblüht hatte, war unter ihren Nachfolgern sehr bald verschwunden; dagegen waren vom 10 . Jahrh. ab die Dschainas (s. d.) hier sehr einflußreich. Im inneren Hindostan stiftete mit dem Fall der älteren Gupta die die jüngere Gupta genannte Dynastie ein Reich, dessen Mittelpunkt Magadha war, das sich zeitweise aber nach W. Uber die Dschumna hinaus bis in das Pendschab, Malwa u. vielleicht auch Sindh erstreckte, im S. den Bindhja zur Grenze hatte u. im N. Nepal einbegriff. Im 6. Jahrh. fing ihre Macht an zu erlöschen, was auch zugleich Len Niedergang des Buddhismus, dem sie sehr ergeben gewesen waren, bedeutete. Die westlichen Gebiete fielen in die Hände der Ballabhi, in Kanjakub- scha erscheinen im 7. Jahrh. die der Vaisja-Kaste entsprossenen Herrscher der Aditja, die bis in das 8. Jahrh. ein weit ausgedehntes Reich mit zahlreichen buddhistischen Klöstern besaßen, in dein übrigens auch die brahmanische Religion sich vollkommener Duldung erfreute. In Magadha 694 Indien. erscheint dann die brahmanische Dynastie der Tschandratreja, welche Ende des 10. Jahrh. von den Herrschern von Bandelkand (Bundelkund) verdrängt wurde. Diese stürzten Raschtrakuta-Könige, die plötzlich als Herren in Kanjaknbscha erscheinen, deren Reich im II. Jahrh. weit nach O. unter Verdrängung der Pala-Fürsten bis Benares ausgedehnt erscheint, aber 1194 den siegreichen Mohammedanern unter Kntb-eddin erlag. Benares wurde hierbei unter großen Gränelthaten gestürmt u. geplündert. In dem westlichen Theile des inneren I. theilten sich nach dem Untergang der Ballabhi im 8. Jahrh. 3 Radschputen-Geschlech- ter: die Pramara, Tomara und Tschahumana in die Herrschaft. Die ersten herrschten zuerst an der oberen Nerbudda, wurden später Herren von Malwa u. breiteten sich zeitweise über Gwalior u. Khandesch aus. Ihre Dynastie fiel Ende des 13. Jahrh. unter den Waffen der Gildschi - Kaiser Dschellaleddin u. Alaeddin von Delhi. Die Tomara erscheinen Ende des 7. Jahrh. an der mittleren Dschnmna mit der Hauptstadt Delhi (dem alten Jndraprastha) und streiften bis in das Pendschab mit einer Zweigherrschast in Udajapura (Udaipur). Nachdem sie schon Ende des 10. Jahrh. dem Ghasnaviden Sebektegin unterlegen waren, wurden sie anfangs des 11. von dessen Nachfolger schwer bedrängt, wobei die Heiligthümer in Mathura u. Thanesar in Flammen aufgingen n. unter die Oberherrschaft der Ghasnaviden gebracht. 1110 wurden sie durch die Tschahumana gestürzt. Diese saßen seit 1000 in Adschmir u. waren gegen Ende dieses Jahrh. im Besitz ausgedehnter Gebiete, so von Mewar u. OMalwa, mit Zweigherrschasten in Haraoti, Tschandravati n. Udajapura. Ihr Reich wurde jedoch nach tapferer Vcrthcidigung unter Prithviradscha 1193 von dem Ghoriden Schehabeddin vernichtet. Im folgenden Jahrh. unterlagen auch die noch übrigen Reste des Reiches. Das östliche I. endlich tritt verhältnißmäßig spät in die Geschichte ein. In Bengalen (dem alten Gauda) erscheinen Ende des 7. Jahrh. Fürsten aus der Dynastie der Pala, unter denen die Brahmanen sich großen Einfluß verschafften u. welche Nebenreiche im östlichen Duab u. in Gwalior sich gegründet hatten. Die im Duab wurden von den Raschtrakuta verdrängt, die in Gwalior 1293 von dem Gildschi-Fürsten Dschellaleddin gestürzt, die östlichen endlich Mitte des 11. Jahrh. von der Vaidja-Dynastie, deren Hauptstadt Ganda od. Lakschmanavati am Ganges war. Deren Herrschaft dehnte sich gegen Ende dieses Jahrh. über Assam u. Orissa aus. 1196 erlag auch sie den Waffen der Mohammedaner unter Schehabeddin. Dies sind die hauptsächlichsten einheimischen Dynastien vor der mohammedanischen Invasion; eine genaue Darstellung der Zeit ihrer Regierung u. des Umfanges der Gebiete ist ebenso unmöglich wie von fast allen zahlreichen Königsnamen ein näheres persönliches Bild nicht überliefert ist. Trotz des zahlreichen Wechsels der Regierung scheint die Lage des Volkes nicht ungünstig gewesen zu sein; im Besitz ihrer durch die Sitte geheiligten Kastenrechte u. ihrer unangetasteten Dorfobrigkeiten konnte es ihnen gleichgiltig sein, welchem Herrn sie dienten; Wissenschaft und Kunst blieben nicht ohne Vertreter. Bemerkenswerth ist bei allem diesen das, daß der Buddhismus, dessen zahlreiche Anhänger u. warme Beförderer noch bis in das 7. u. 8. Jahrh. erwähnt werden, in den folgenden fast überall verschwunden erscheint, was wahrscheinlich nicht ohne Verfolgungen von Seiten der Brahmanen erfolgt sein wird, ferner das Verschwinden der Kshatrija- u. Vaisja-Kasten u. das Ueberhandnehmen u. die sich mehrende Bedeutung gemischter Kasten, wie der Kajastha (Schreiber) in Bengalen, endlich das erste Auftreten erobernder Kriegergeschlechter, so der mächtigen Nadschputen (Radschaputra s. d.) u. der später sich zur Macht entwickelnden Mahratten (s. d.) Die Entstehung derartiger kriegerischer Stämme läßt sich wahrscheinlich auf die Zeit zurückführen, wo die Invasionen Turanischer Stämme im W. die Inder zu Wanderungen zwangen, was zur Folge hatte, daß die Tüchtigsten mit Waffengewalt in dem weiten Lande neue Wohnsitze suchten u. in diesen als herrschende Kaste die übrige Bevölkerung in ein dienendes Verhältniß herabdrückten. Im Dekhan nahm im Laufe dieses Jahrh. die arische Eroberung u. Civilisirung ihren Fortgang, wenngleich sie nie so durchgreifend gewirkt hat, wie iin eigentlichen Hindostan. Neben kleineren Herrschaften ist hier im W. als das mächtigste das Reich der auch in Hindostan mächtigen Tscha- lukja zu erwähnen, welches am Ende des 5. Jahrh. gegründet, mit der Hauptstadt in Kaljani (Calliani), die ganze WKllste bis zur SSpitze, die wilden Stämme Gondwanas n. Theile des Hochlandes bis zu den Grenzen des Reiches von Orissa umfaßte. Seine Verfassung war die gewöhnliche der Radschputeustämme, wonach die Verwaltung der einzelnen Provinzen in die Hände erblicher Statthalter gelegt war, mit der Modi- fication, daß 4 vornehme Familien sich den größten Einfluß errangen u. die Macht des Herrschers erheblich beschränkten. Religiös waren sie Anhänger des Sivaismus, in dem sich damals der Linga- dienst entwickelte, ließen übrigens auch anderen Confessionen, wie den Dschainas, ihr Recht. Der O. des Dekhan bis zur Godavary gehorchte dem Reich von Orissa, gegründet von Jajati im 5. Jahrh., zeitweise Bengalen unterthänig, beherrscht von einer streng brahmanischen Dynastie, auf die auch die Einrichtung des Tempeldienstes von Dschagarnath zurllckzuführen ist. Ende des 13. Jahrh. schon durch die Muselmänner von Bengalen aus hart bedrängt u. eines Theiles seiner Gebiete beraubt, wurde es später von den Herrschern der mohammedanischen Dynastie der Bah- mani (auf dem Hochland des Dekhan) verheert u. kam Anfang des 16. Jahrh. unter die Botmäßigkeit der Fürsten von Bengalen. Noch einmal gelang es den Hindu, als den letzten des Dekhan, sich selbständig zu machen, bis sie 1574 dauernd dem Reich des Großmoguls einverleibt werden. Im NW. erhob sich nach dem Sturze der Tschalukja das Reich des Jadava mit der Residenz in Deogiri, welches in seiner größten Ausdehnung bis über Gudscherat im N., im O. bis nach Telingana, im S. bis Kolapur reichte; es erlag 1312 dem Gildschi-Fürsten Dschellaleddin Indien. 695 r von Delhi. Eins der letzten Reiche war das von Vidsch,nagara, gestiftet von dem Schafhirten Sangama aus dem Telugu - Stamm 1336, das sich unter kräftigen, kunst- u. wissenschastliebenden Monarchen über den S. des Dekhan von dem Kistna-Flusse an ausdehnte. Fortwährend lag es in wcchselvollen Kämpfen mit den kleineren mohammedanischen Fürsten, die sich im N. des Dekhan festgesetzt hatten, vorzüglich mit der von Hassan 1347 gegründeten Bahmani-Dynastie, deren Hauptstadt Kalberga war, dann mit den arabischen Häuptlingen von Vidschajapura (Bidschapur) im N. des Kistna, bis es 1564 in der Schlacht von Talikota vernichtet wurde. Nur ein kleiner Rest des großen Reiches hielt sich noch bis 1750. Schon vorher 1489 war die Bahmani-Dynastie untergegangen und ihr Gebiet in eine Anzahl kleiner Reiche (Golkonda, Ahmednagar, Bider Ellitschpur), die sämmtlich später den Waffen der Großmoguls unterlagen, zerfallen. Im S. erhielten sich die alten Reiche Tschola, Tschera und der Pandja, wenn auch zeitweise ihre Fürsten in Abhängigkeit von den mächtigen Fürsten der Tschalnkja und von Vidschajanagar standen, ihre Selbständigkeit bis in das 17. Jahrhundert. Die indischen Staaten des Dekhan bieten mehrere Abweichungen von dem Organismus derer in Hindostan. Einmal in besonderen Culten, so dem Lingais- mus (s. d.), die meist aus Ueberresten der religiösen Anschauungen der Urbewohner herzurllhren scheinen (der Buddhismus hat nur an den Küsten iind vorzüglich in der SSpitze eine zeitweilige Verbreitung gefunden); anderseits durch die weite Verbreitung der erblichen Landbesitzer und der großen Vasallen, die sich, wo sie nicht von den Mohammedanern unterdrückt sind, bis heute erhalten haben u. aus der Besitznahme durch nord- indische, nur dem Krieg sich ergebende und daher aus die Arbeit Anderer angewiesene Stämme, wie der Mahratten, sich erklären, endlich durch eine eigeuthümliche Gestaltung der Kastenordnung, in der die Kshatrija u. Baissa ganz mangeln, dagegen eine Anzahl gemischter Kasten entstanden sind, die sonst nicht Vorkommen, so die Nair (s. d.) auf Malabar, die Malear und Mukkar (Fischer u. Musiker), die Polias u. Parias, die allerverachtetste, aus verkommenen Dravidastäm- men stammende. Auch diese haben alle Stürme fremder Eroberungen überdauert. Eine furchtbare Erschütterung erlitten diese, bei allem Wechsel der Dynastien doch im Grunde stabil gebliebenen Verhältnisse der Indischen Staaten Lurch die Eroberung der Mohammedaner. Nicht allein, daß die fortwährenden Kriegszüge das Land verheerten u. verödeten, daß die reichsten u. angesehensten Hiudustädte erobert und ausgeplündert, die hochheiligen Göttertempel und Bilder beranbt und zerschlagen wurden, mehr noch wurde deren Herrschaft verderblich durch das System der dauernden Bedrückung, welches die Erhaltung der zahlreichen Massen der Eroberer den Hindu auflegte. Erleichtert wurde diese Eroberung durch die Uneinigkeit der Indischen Fürsten, durch das infolge der Kasteuversassung u. der an ihre engen Schranken gebannten Anschauung mangelnde Staatsgefühl des indischen Volkes, dem sonst die Tapferkeit nicht mangelte, u. durch die treffliche Reiterei. Ihr Verwaltungssystcm bestand meist darin, daß sie die altindische Kastcn- und Dorfvcrfassung mit erblichen Beamten und Handwerkern bestehen ließen, der zu einem Bezirk vereinigten Anzahl Dörfer ihre einheimischen Beamten beließen, welche die von den neuen Herrschern auferlegten erheblichen Steuern einzutreiben hatten (die Zemindare), die Aufrechterhaltung der Herrschaft überall durch stationirte Truppen mit mosleminischen Führern bewirkten, sonst aber ihre Richter, wie ihre Rechtsanschauung, wonach der Landesherr Besitzer alles Grund u. Bodens ist, zur Geltung brachten. Bei den größeren Reichen war die oberste Verwaltung der Provinzen eine verschiedene; sie geschah entweder durch vornehme mohammedanische Heerführer oder durch unterworfene einheimische Fürsten, welche Tribut zahlen u. im Kriegsfall Heeresfolge leisten mußten. Größer wurde noch der Druck der Bevölkerung u. die Verheerung des Landes, als im 16. Jahrh. die auch dem Islam folgenden Mongolen einfielen; nur wenige der fremden Fürsten überhaupt sorgten für die Cnltur des Landes u. die Bevölkerung; die bei weitem meisten zeichneten sich aus entweder durch rohen Fanatismus oder verschwenderische Prachtliebe und ließen eine Menge vortrefflicher Staatseinrichtungen des alten J-s verfallen. Die dauernden Eroberungen der Mohammedaner begannen, abgesehen von der früheren Festsetzung in Sindh, um 1000 mit Mahmud von Ghasna, dem eigenilichen Stifter der Ghasnaviden (s. d.), welcher sich im Pendschab mit der Hauptstadt Lahors behauptete. Gefährlicher waren die Expeditionen der Ghoriden, ihrer Nachfolger, von denen Schehabeddin den Grund znm dauernden Besitz in Hindostan legte. Durch ihn fielen 1193 dasNeich- bes Prithviradscha von Delhi u. Adschmir, 1194 das des Raschtrakuta in Kanjakübscha u. Magadha, 1196 das des Vaidja in Bengalen. Die reichsten Landschaften waren damit verloren; die weniger zugänglichen, wie das Alpenland Kaschmir, das Tafelland Malwa, Gwalior, blieben jetzt noch unberührt. Auch der Sturz der Ghoriden (s. d.) konnte nichts mehr daran ändern; an ihre Stelle traten die afghanischen Herrscher mit dem Sitz in Delhi (vgl. dieses). Zuerst die von Kuttub (Kutb) eddin, ursprünglich einem Sklaven, 1194 gestiftete, deren tüchtigster Monarch Sums eddin Altmish die gewonnene Herrschaft behauptete, dann die des Gildschi, gestiftet von Dschellaleddin Firoz Schah, dem Malwa, Gwalior und andere noch freie Staaten in Hindostan zum Opfer fielen u. der mit Erfolg schon seine Herrschaft über den NW. des Dekhan verbreitete, endlich die vonTogh- luk, deren 2. Herrscher Mohammed Toghluk 1325 weitere Fortschritte in der Beherrschung dieses Landstriches, machte aber seine Eroberungen nicht behaupten konnte. Seit Anfang des 14. Jahrh.,begannen die Einfälle der Mongolen, die namentlich unter Ti- mur 1398 einen von Len gräßlichsten Blutthaten n. Plünderungen begleiteten Eroberungszug durch Hindostan hielten. Das 15. Jahrh.' war eine Zeit allgemeiner Zersplitterung. Die Herrscher von Delhi besaßen nicht die Macht, die Oberherrlichkeit zu wahren, die von ihnen eingesetzten Statt- 696 Indien. Halter nahmen eine fast selbständige Stellung ein, so namentlich die schon von den Gildschifürsten seit 1203 eingesetzten Fürsten von Bengalen; der Dekhan war in eine große Anzahl kleinerer mohammedanischer, so Ahmednagar, Golkonda, Bi- der, Vidschajapnra, u. brahmanischer Reiche, so Orissa, Vidschajanagara zerspalten, die sich unaufhörlich befehdeten (s. o.). Außer diesengrößeren gab es noch eine ganze Reihe kleinerer Häuptlinge, so die von Honawar, Cranganur, Cochin, Quillon, Calicut , unter denen die letzteren die für die Europäer bekanntesten sind. Fast durchaus selbständige Herrscher mit dem Titel Zamorin (entstanden aus dem sanskritischen Samudrin, d. h. ein Fürst der Küste), huldigten sie schon seit dem g. Jahrh. dem Islam, wozu die friedliche Bekehrung eines ihrer Vorgänger Anlaß gegeben hatte, wie überhaupt das ganze Küstenland Malabar (das alte Kerala) seit dieser Zeit von arabischen Kauflenten des Gewürzhandcls wegen besetzt war und unter den Fürsten und Einwohnern zahlreiche ans dem friedlichen Wege der Mission gewonnene Anhänger des Islam zählte. So standen die Verhältnisse in I., als der erste Europäer auf dem Seewege, Vasco de Gama, 20. Mai 1498 in Calicut landete. Die sofort weiter fortgesetzten Beziehungen der Europäer, im Anfang allein der Portugiesen, beschränkten sich vorläufig auf den Dekhan, wo sie die gegenseitigen Feindschaften der kleinen Fürsten geschickt zu ihrem Vortheil benutzten; in Hindostan dagegen gelang es zu derselben Zeit einem mongolischen Führer, Baber, im Anfang des 16. Jahrhunderts noch einmal in dem Reich des Großmogul (s. d.) in Delhi, das Land unter einer Herrschaft zu vereinigen u. seinen Nachfolgern im folgenden Jahrhundert sie weit in den Dekhan auszudehnen (s. unten). Im Süden hatten die Portugiesen Jahre lang mit der durch die Handelseifersucht der arabischen Kaufleute aufgestachclten Feindschaft der Zamorine zu kämpfen, bis es ihnen unter dem Vicekönig Almeida 1507 gelang, sich in Calicut festznsetzen. Außerdem gründeten sie Stationen in Goa, Negapattanam, Meliapur u. ans Ceylon. Weiter wuchs ihre Macht unter Albuqnerque (1509—1515), welcher Malakka in Hinterindien eroberte, die Molukken u. Philippinen im Archipel u. Hormus u. Maskat am Persischen Meerbusen einnahm. Auch noch nach seinem Tode (1515) wuchs die Macht der Portugiesen durch Gewalt u. List, so daß sie um 1542 die Herrschaft über die ganze Küste vom Persischen Meerbusen bis an das Cap Comorin, einzelne Niederlassungen auf der Küste Coromandel u. Stationen auf Malakka u. in dem Archipel besaßen u. den gesammtenHandel mit den östlichen Gegenden in ihrer Hand concen- trirten. Andere europäische Nationen schlossen sie fast ganz davon aus; kein fremdes Schiss durfte ohne portugiesische Pässe die ostindischcn Meere befahren, keines Gewürze oder Kriegsbedürfnisse laden, keines eher in ostindischen Häfen Ladung einnehmen, bevor nicht alle portugiesischen Schiffe befrachtet waren. Die unzweckmäßige Verwaltung der weit ausgedehnten Besitzungen (die Statthalter mußten alle drei Jahre wechseln u. wurden nur »ach Hofgunst ernannt), die vollständige Ausplünderung der Eingeborenen, die barbarischen Grausamkeiten der Inquisition (1542 eingesührt), die Intoleranz der zahlreichen Geistlichen (auch gegen die einheimischen Thomaschristen), endlich die zeitweilige Jncorporirung mit Spanien seit 1580, riesen sehr bald den bittersten Haß der Eingeborenen und das Sinken der portugiesischen Herrschaft hervor, als andere Nationen, von den Hindu als Befreier begrüßt, in den Handelswettkampf traten. Zuerst versuchten es die Niederländer, angeregt durch die glückliche Reise von Cornelius Houtman (s. d.) im Jahre 1595. Da die ersten Versuche günstig ausfielen, traten die einzelnen in Holland errichteten Handelsgesellschaften 1602 in die Niederländisch-ostindische Gesellschaft zusammen, welche den offenen Kampf mit den Portugiesen begann, und Letztere, von dem Mutterlande schlecht unterstützt, verloren einen Platz nach dem andern; so 1624 die Molukken, 1633 Java, 1641 Malakka, 1658 Ceylon, 1660 Celebes, und seit 1663 die meisten Plätze auf der Küste Malabar, so daß ihnen zuletzt nur noch Goa, Daman und Diu blieben. Die Herrschaft der Holländer war übrigens nicht weniger drückend u. allein von dem kaufmännischen Gesichtspunkte des möglichst hohen Gewinnes aus geleitet; so rotteten sie, um den Preis hochzuhalten, aus allen Gewürzinseln, außer aus Amboina, den Gewürznägelbaum aus u. erlaubten sich die größten Erpressungen, waren deßhalb auch in fortwährenden kleinen Kämpfen begriffen. Surat, Cochin auf Malabar, Negapattanam auf Coromandel waren in Vorder-Jndien ihre Hauptpunkte; wichtiger noch ihre Ansiedelungen im Archipel mit dem Hauptsitz in Batavia. Bald versuchten auch die Dänen, von einem holländischen Factor, Be- schower, bewogen, 1616 eine Niederlassung in Ceylon zu gründen, welche bald nach der Küste Coromandel übersiedelte u. dort Tranqnebar anlegte. Indessen konnte weder die 1612 gegründete Dänische Handelsgesellschaft noch der König etwas Wesentliches bewirken, u. wie in Tranquebar, so ging es in mehreren anderen, in Bahar, Bengalen, Orissa, gestifteten Factoreien. Die Versuche einer schwedischen (1731) u. einer preußischen (unter Friedrich dem Großen) Handelscompagnie blieben ohne Resultat. Auch die französischen 1664 durch Colbert gestifteten Handelsniederlassungen in Ceylon, Surat u. a. mußten bald aufgegeben werden, bis ihnen endlich 1672 der Kaufmann Martin einen von ihm gekauften Landstrich überließ, wo sie festen Fuß faßten u. Pon- dichery, den nachmaligen Sitz der französischen Herrschaft, anlegten. Die Franzosen errichteten daraus Niederlassungen in Bengalen, knüpften Verbindungen mit China, Siam u. a. Reichen an; zwar verloren sie 1693 Pondichery an die Holländer, bekamen es jedoch 1697 im Frieden von Ryswick wieder. Sie erhielten dann von dem Radscha von Tandschur nach und nach ein Gebiet von 113 Dörfern abgetreten, in welchem sie Karikal befestigten, und ihre Macht stieg, bes. seitdem sie noch am Hugli in Bengalen eine Ansiedelung gewonnen halten, in der Mitte des 18. Jahrh. zu bedeutender Größe. Die Engländer hatten sich zu Anfang des 17. Jahrh. gleichfalls Indien. 697 um Theilnahme an dem indischen Handel beworben. 1600 gingen ihre ersten vier Schiffe nach I,, dann gründeten sie Niederlassungen sowol im Archipel als in dem vorderindischen Festlande aus der Küste von Coromandel, u. rivalisirten in Betreff des Gewürzhandels mit den Holländern. Der Handelsneid führte zu blutigen Auftritten zwischen beiden Nationen, so 1623 auf Amboina; schließlich zogen sich die Engländer aus dem Archipel zurück, behaupteten sich aber in Vorder-Jndien, so dort in ihrer 1625 angelegten Factorei Madras, bemächtigten sich 1622 der portugiesischen Ansiedelung zu Hormus am Persischen Meere und gewannen, da ihnen die Perser die Niederlassung Bender Abbas überließen, den ganzen von dort her betriebenen Handel mit Seide, Teppichen, Goldstoffen u. anderen persischen Maaren. Hierdurch u. durch die Abtretung von Bombay, welches König Karl II. bei seiner Verheirathuug mit der portugiesischen Prinzessin Katharina 1662 als Heirathsgut erhielt, durch Anlegung von Factoreien zu Hugli, Calcutta (1683 oder 1698) u. Benkulen (1669) u. durch kluge Uuteruehmiiugen der beiden Handelsgesellschaften (der 1600 gestifteten Londoner- Ostiudischen u. der 1698 gebildeten Englisch-Ostindischen), deren verderbliche Rivalität 1708 durch Verbindung zu Einer Gesellschaft geendet wurde, wuchs die britische Macht in Ostindien bedeutend, und die Engländer besaßen in der Mitte des 18. Jahrh. außer den Factoreien ans den großen Sunda-Jnseln u. in Hinter-Jndien Niederlassungen an den Küsten Vorder-Jndiens,die geographisch in die Bezirke Bombay, Calcutta, Madras, unter welche die damals zahlreichsten u. wichtigsten Plätze der Coromandelküste begriffen wurden, zerfielen. Eine besondere Gestaltung hatten in derselben Zeit die Geschicke der einheimischen Staaten genommen. Das Reich der Mongolen, mit dem Sitz des Herrschers, des Großmoguls, in Delhi hatte sich im Laufe des 16., noch mehr des 17. Jahrh. durch die Thatkraft u. Energie mehrerer Fürsten, wie Mbar u. Aureng-Zeyb, zu einem bedeutenden Umsang u. großem Einfluß ans die innere Entwickelung des indischen Landes erhoben. In Hindostan war jede selbständige Dynastie verschwunden; im Dekhan war nicht minder der größte Theil der dortigen kleinen Reiche durch die Waffen des Mogul vernichtet worden u. nur wenigen in unwegsamen Bergen wohnenden Stämmen, wie den Gond, gelungen, sich die Freiheit zu retten. Die Verwaltung dieser ausgedehnten, zur Zeit der größten Blüthe in 15 Statthalterschaften gecheckten Herrschaft besorgten die Mogule durch muselmanische Statthalter (Subahdar od. Subah), od. durch Hindu Radscha, welche für die erblichen Lehns- herrschasten einen bestimmten Zins entrichteten, im Uebrigen sich aber fast unbeschränkter Freiheit in der Verwaltung ihrer Bezirke erfreuten. Die kleineren Bezirke standen unter Kreisbeamten (Na- wab, gewöhnlich Nabob, d. h. Abgeordneter), welche der Bestätigung des Kaisers in Delhi bedurften, sonst ihrem direkten Gebieter, dem Subadhar, allein zu gehorchen hatten. Die Folgen dieses Systems, das stets einen energischen und that- krästigen Oberherrscher verlangte, zeigten sich bald, als nach dem Tode Aureng-Zeybs die Dynastie der Mogul ausartete. Wiederholte Empörungen u. gegenseitige Befehdungen der Statthalter, wie Kriege u. Thronwechsel sührten bald den Zustand herbei, daß der Dekhan in eine Unzahl mehr od. minder umfangreicher Reiche zerfiel, deren Herrscher sich selbständig gemacht hatten, so die Nabobs u. Radscha von Carnatic, Arkot, Tandschur, Tra- vankore, Bhopal, Cochin rc., u. die mächtigste die turkmanische Dynastie zu Haidarabad (s. d.), ge- stiftet vom Statthalter Asof Dschah, mit dem ihr gebliebenen Titel Nizam (d. h. Stütze) al Mulk (des Herrschers) n. daß in Hindostan die Subahs u. Nabobs (von Audh, Bengalen, Bahar u. a.) den Befehlen des auf ein geringes Gebiet zurückgedrängten Herrschers zu Delhi auch nur in ge- ringemMaße gehorchten. Andere Reiche verdankten der Energie einzelner kriegerischerStämme ihre Entstehung. So das der Radschputen, dessen Stiftung schon in eine frühere Periode fällt u. das sich durch alle Stürme mit seineneigenthümlichen Lehnsverhältnissen in Radschputana erhalten hatte, das der Mahratten im nördlichen Dekhan, eines auch körperlich vor den andere» Hindu sich aus- zeichuenden Volkes, welches, schon früher in die dortigen Gegenden eingewaudert, im 17. Jahrh. sich zu einer einflußreichen, brahmanischen Herrschaft in Concaua emporschwang. Bei ihren eigeuthüm- lichen Institutionen, dieallein aufdeuKrieg zugespitzt waren u. den Unterhalt von dem Ertrag der Arbeit ihrer Unterthanen erpressen ließen, wurde die Macht der obersten Feldherr», des sog. Peischwa, bald die maßgebende. Schon 1738 war ganz Malwa, und alles Land zwischen Nerbndda und Tschumbul dem Mogul entrissen. Eine einheitliche Macht der Mahratten kam dabei auch nicht zu Stande; einzelne hervorragende Häuptlinge machten sich selbständig u. schon aus derselben Zeit datiren die Fürstenthümer des Bhunsla von Nagpur (s. d.), des Scindiah von Gwalior (s. d.), des Holkar von Jndor (s. d.) u. des Guicowar in Baroda (s. d.). Das Peudschab endlich war der Schauplatz wechselvoller Kämpfe zwischen den Afghanen, dem Großmogul u. der aufstrebenden Sekte der Sikh (s. d.), bis es den letzteren unter energischen Herrschern, namentlich Rundschit Singh, gelang, gegen Ende des Jahrh. sich die Herrschaft zu erringen. Ungefähr dasselbe Schicksal hatte Kaschmir (s. d. Gesch.). Traurig war unter diesen Umwälzungen die Lage des einzelnen Volkes. Vollständig rechtlos, den härtesten Erpressungen ausgesetzt (das von den Engländern adoptirte Steuersystem hat sich in dieser Zeit ausgebildet), blieb ihnen nichts mehr als das nackte Leben; die Kunst ».Wissenschaft erlosch od. blieb wenigstens ohne weiteren Fortschritt; die alten Prachtbauten u. Städte waren verfallen, die Bewässerungsanlagen verstecht; allein der religiöse Glaube trotzte unvertilgbar festhängend allen Bekehrungsversuchen der fanatischen Eroberer. Wol waren unter den Moguls einige Pracht- u. kunstliebende Fürsten, von denen die nun auch dem Verfall entgegengegangenen Bauten von Agra, Delhi u. A. zeugen; indessen insofern ihre Bestrebungen in Kunst u. Wissenschaft von dem dem altindischen Wesen durchaus feindlichen Geist des Islam durchdrungen waren u.überhaupt meist mehr aus luxuriösen Neigungen als aus Interesse her- 698 Indien. vorgingen, blieben sie auf die Lage der Hindu ohne jeglichen Einfluß. Um die Mitte des 18. Jahrh. konnte in I.. was auswärtige Mächte betraf, nur noch von einem Einfluß der Franzosen und Engländer die Rede sein; die Holländer waren fast auf Ceylon und den Archipel beschränkt und die Portugiesen machtlos geworden. Beider Nationen Maßregeln wurdendamalslediglichvonHandelsinteressendictirt; an eine dauernde Besitzergreifung des Landes dachten die beiden concurrirenden Handelscompagnien nicht. Da begann 1740 der Krieg Englands mit Frankreich, größtentheils aus Eifersucht wegen des indischen Handels. Dupleix (s. d.), von der Französisch-Ostindischen Compagnie von Hugli, wo er den französischen Handel sehr gehoben hatte, nach Pondichery als Gouverneur versetzt, und La Bonrdonnais nahmen so treffliche Maßregeln, daß die Engländer allenthalben unterlagen und sogar 1746 Madras an die Franzosen verloren, welches sie aber 1748 im Frieden von Aachen zurück- erhielten. Ungeachtet dieses Friedens dauerte in I. der Kampf zwischen England u. Frankreich fast ununterbrochen fort, wenn auch nicht direct, sondern indem sie verschiedene unter einander feindliche indische Fürsten als ihre angeblichen Bundesgenossen unterstützten. Bis zur Abberufung Dupleix' (1754) behielten die Franzosen die Oberhand; später, unter dem weniger befähigten Lally u. von dem Mutterlande wenig unterstützt, unterlagen sie allenthalben den Engländern unter dem genialen Anführer Clive; selbst Pondichery fiel 1761 in deren Hände. In Bengalen hatte unterdessen 1756 der Statthalter des Großmogul, Seradschah ed Daula, Calcutta überfallen und die dortigen Engländer furchtbaren Quälereien in der sogen. Schwarzen Höhle ausgesetzt. Schon 1757 waren die dortigen Plätze wieder in den Händen Clives, der außerdem den Franzosen Tschanderuagor entriß, u. 21. Juni bei Plassey das feindliche Heer entscheidend schlug u. seinen Verbündeten Mir Dschafar als Statthalter von Bengalen einsetzte; dieser wurde jedoch von Clives Nachfolger, Holwell, 1760 durch Mir Kasim ersetzt. Dem mehrfachen Widerstande indischer Nabobs, so vorzüglich dem Vordringen der Fürsten von Andh, Schudschah ed Daulah, gegenüber übernahm Clive 1764 von Neuem die Verwaltung, schlug die Eingeborenen 24. Octbr. bei Buxar und machte die weiten Läuderstriche von Bengalen, Bahar und Orissa der Compagnie un- tcrthänig. Andh wurde seinem einheimischen Fürsten zurückgegeben, um als Vormauer der Besitzungen zu dienen. 1767 kehrte Clive, gegen dessen Verfahren bei der Einziehung dieser Länder sich in England eine schwere Anklage vorbereitete, dorthin zurück. Dies wurde der Grundstein der englischen Macht in Hindostan; im östlichen Dekhan anderseits bildeten sie sich durch die Jncorporirung der 5 Circars (s. d.) 1769, denen sich im S. die Küstenstriche von Carnatic u. Theile des Reiches von Haidarabad anfügten, ein zweites zusammenhängendes Gebiet; im westlichen Dekhan hatte die Regierung zu Bombay unter heftigen u. blutigen Kämpfen gegen die Mahratten auf der Insel Salsette u. anderen Küstengebieten ihre Herrschaft ausgedehnt. Diese weitausgedehnten Landerwerbungen, die dem eigentlichen Zweck der Ostindischen Compagnie, Handel zu treiben, durchaus nicht entsprachen u., insofern sie eine sehr kostspielige Verwaltung beanspruchten, auch nicht in der Absicht ihrer leitenden Direktoren gelegen hatten, hatten die Aufmerksamkeit des englischen Parlaments auf I. gelenkt n. mehrfache Reformen u. Änderungen in der Verwaltung nothwendig gemacht. Durch die Regulationsacte 1773 wurden die von einander unabhängigen Präsidentschaften Bombay, Madras n. Calcutta unter einen gemeinschaftlichen General- gouverneur gestellt, welcher seinen Sitz in Calcutta hatte u. welchem ein Hoher Rath zur Seile stand. Er hatte in Gemeinschaft mit diesem über Krieg und Frieden mit den indischen Fürsten zu entscheiden, jedoch hatte sich der König von England die Entscheidung über die wichtigsten Civil- nnd Militär-Angelegenheiten Vorbehalten. Zum ersten Generalgouverneur wurde Warren Hastings (s. d.), seit 1772 Gouverneur von Bengalen, gewählt. Unter ihm begann die nunmehr ständig werdende Politik der Engländer, die Streitigkeiten der kleineren u. größeren indischen Häuptlinge zu ihrem Nutzen sowol in Bereicherung der Finanzen, als Erwerb neuer Landstriche zu benutzen, von Neuem. Die Afghanen in Rohilkand (Bareilly und Rampur) wurden unter seiner Beihilfe von dem Vezier von Audh unter entsetzlichen Ver- Heerungen unterworfen, dafür 1780 Benares, welches seit 1765 ein Lehnssürstenthum des Großmoguls bildete, eingezogen. Eine große Gefahr drohte dagegen dem neuen Reiche durch die neu aufstrebende Macht der Herrscher von Maisur, Haider Ali u. Tippn Sahib. Haider Ali (s. d.), der sich durch seine Energie zum Herrscher eines selbständigen Reiches in Maisur auf dem Hochplateau des Dekhan emporgeschwungen hatte, benutzte den 1778 neu ausgebrochencn Krieg zwischen England u. Frankreich, um im Bündniß mit dem letzteren seinen Plan der Vernichtung der englischen Macht dnrchzuführen. Schon waren 1780 Arkot n. Amber in seine Hände gefallen u. die Engländer überall zurückgedrängt u. Madras bedroht, als die Siege von Sir Eyre Coote bei Porro Novo und Scholingar es retteten (1781). Auch 1782 war die Lage der Engländer immer noch bedroht, als der Tod Haiders (7. Dec.) sie von dem gefährlichsten Feinde erlöste; sein Sohn Tippn, gleichzeitig von den Mahratten bedroht, schloß, obwol er bei Cuddalore einen bedeutenden Sieg errungen hatte, 11. März 1784 den Frieden zu Mangalur, worin er allen Ansprüchen auf Carnatic entsagte und dafür in seinen Besitzungen an der WKüste, so in Calicut freie Hand behielt. Auch zwischen England u. Frankreich war in Europa Friede geschlossen worden. In der Verwaltung J-s gingen jetzt wieder Veränderungen vor; der kleinliche und nur auf Bereicherung sinnende Geist, welcher die Verwaltung bezeichnete, hatte wie in I. allgemeinen Haß hervorgcrufen, so in England selbst viel Anfechtung u. Tadel erfahren. 1784 wurde daher im Parlament ein Gesetz durchgesetzt, welches der Krone mehr Gewalt einräumte, ' die Direktoren der Compagnie unter ein Loarä ok eoutrol stellte, die Besetzung der höchsten Stellen Indien. 699 von der Regierung abhängig machte und strenge Maßregeln gegen Unterschleife und Erpressungen anordnete. Der Compagnie blieb jetzt eigentlich nur noch der Handel mit I. überlassen. Hastings, welchem in England eine schwere Anklage bevorstand, wurde 1785 abberufen u. interimistisch durch Macpherson ersetzt, 1786 übernahm Lord Corn- Wallis die Stelle des Generalgouverneurs. Damals hatte sich ein Häuptling der Mahratten, Mahadschi-Scindiah, erhoben u. die Überreste des Mogulreiches u. den Kaiser selbst ganz unter seine Gewalt gebracht. Im Dekhan war zu derselben Zeit Tippu eifrig bemüht, seine Herrschaft nach allen Seiten hin auszudehnen. Ein fanatischer Mohammedaner, wüthete er gegen die brahmani- schen Fürstenthümer, drängte die Mahratten zurück, eroberte Curg und andere Landstriche. Als er 1790 den mit den Engländern verbündeten Radscha von Travancore angriff, gab dies einen Anlaß zum Kriege, in dem er 1792 vor den Mauern seiner Hauptstadt Seringapatam zum Frieden niit Verlust seines halben Reiches gezwungen wurde. Bald darauf kehrte Cornwallis nach England zurück, u. an seine Stelle trat 1793 Sir John Shore als Generalgouverneur. Damals war der Krieg zwischen den Engländern u. Franzosen infolge der Französischen Revolution wieder ausgebrochen, und Elftere hatten sogleich Alles, was Frankreich noch in I. besaß, erobert. Auch gegen Holland, das sich 1795 der Französischen Republik anschloß, bewies sich England in I. feindselig u. entriß derHolländisch-ostindischen Compagnie, welche durch fortwährende Kämpfe mit den Eingeborenen u. schlechte Verwaltung sehr herabgekommen war, 1795 Malakka u. Ceylon u. 1796 die Molukken u. alle Plätze, die sie auf der Küste von Malabar inne hatte. 1794 war die Englisch-ostindische Compagnie von Neuem auf 20 Jahre verlängert, ihr aber verboten worden, ohne Erlaubniß der Regierung Eroberungskriege zu führen. Dennoch blieb die Politik der Engländer gegen die indischen Fürsten so treulos spie früher. Gewöhnlich reizten sie dieselben gegen einander auf, standen dem schwächeren bei, besiegten u. beraubten den mächtigeren u. entrissen dann auch dem Sieger, indem sie ihn der Undankbarkeit beschuldigten, einen Theil seines Gebietes; so machte es Shore 1796 mit dem Radscha von Tandschnr, dem treuesten Bundesgenossen der Engländer. Noch immer blieb indessen der gefährlichste Feind, der Herrscher von Maisur, übrig, der 1797 von den Franzosen aufgestachelt, einen allgemeinen Aufstand gegen die Engländer zu erregen suchte. Daher ließ der Nachfolger Shores, der Marquis von Wellesley, 2 britische Armeen, die eine unter Harris von Car- natic aus, die andere unter Stuart von Bombay «ns, in Maisur eindringen; Tippu wurde überall geschlagen, und 4. Mai 1799 Seringapatam mit Sturm erobert, wobei er selbst blieb. Sein Reich wurde zwischen den Engländern und dem Nabob von Dekhan getheilt, bis auf das eigentliche Maisur, welchem ein einheimischer Fürst belassen wurde. Von nun an ist die Geschichte des indobritischen Reiches eine fortlaufende Reihe von nicht immer auf rechtlichem Wege durchgefllhrten Annexionen indischer Gebiete, so oft auch versucht wurde, Einhalt zu thun und Grenzen festgesetzt wurden, bis das Ziel, die Beherrschung ganz J-s, erreicht worden ist. Im Jahre 1800 wurden die Nabobs von Arkot u. Surat zur Aufgabe ihrer Länder gegen Pension, 1801 der Nabob von Audh zur Abtretung von Rohilkand, 1802 der von Farrakhabad zur Thronentsagung gezwungen. Einen willkommenen Anlaß zu weiteren Einmischungen gaben die fortwährenden Streitigkeiten der Mahrattenhäuptlinge (Scind- iah, Holkar u. Bhunsla) unter sich und mit dem Peischwa. Gegen den vereinten Bund dieser Häuptlinge, die ihr Heer durch einen französischen Aben- teurer Perron europäisch hatten organisiren lassen (zur angeblichen Unterstützung des Peischwa), ließ der Generalgouverneur im August 1803 drei Armeecorps in ihr Gebiet einfallen; Arthur Wellesley, sein Bruder, drang mit 23,000 Manu vom Dekhan aus, Oberst Murray mit 7000 Mann von Gudscherat ans und Oberst Campbel mit 5000 Mann von Gandscham aus vor. General Lake trieb mit 11,000 Mann Perron 11. Sept. aus seiner festen Stellung bei Delhi u. besetzte Delhi selbst, wobei der Großmogul in die Gefangenschaft der Briten gerieth, u. nun nur noch einen Schatten von Macht behielt (s. Großmogul). Zugleich mit Lake besiegte Wellesley die Mahratten bei Assayn (23. Sept.), eroberte die Hauptfestung des Radscha von Nagpur, Gavilgarh, mit Sturm u. zwang diesen 17. Dec. 1803 zum Frieden von Deoganm, in welchem er Cuttack abtrcten mußte. Jetzt mußte auch der Scindiah Frieden schließen, in welchem er einen beträchtlichen Theil seines Gebietes (Broach) u. die Gewalt über den Mogul u. den Peischwa verlor. Schwieriger war der Kampf gegen den Holkar, der nach anfänglichen Erfolgen erst durch die Schlacht bei Dig (s. d.) zurückge- worfen wurde, übrigens durch den Frieden vom Dec. 1805 im ungestörten Besitz seiner Staaten blieb und allein auf die Hoheit über das Land nördl. vom Tschumbul u. Buudelkund verzichtete. Alle diese so gemaßregelten indischen Fürsten behielten im Innern ihres Landes volle Gewalt u. das Recht, Truppen zu halten, verloren jedoch das Recht, nach außen hin selbständige Verbindungen zu treffen u. durften ohne Erlaubniß der Briten keine Europäer in Dienst nehmen. Trotz dieser Siege waren durch üble Verwaltung die Finanzen der Englisch-ostindischen Compagnie in eine traurige Lage gekommen. Die Einkünfte, obgleich von 7 Will, auf 15 Milk. Psd. gestiegen, deckten die Verwaltungskosten nicht, Schulden wurden gehäuft, die Armee hatte seit mehreren Monaten keinen Sold bekommen: der General- Gouverneur Wellesley wurde daher abberufen u. da sein Nachfolger, Lord Cornwallis, kurz nach seiner Ankunst starb, die Verwaltung interimistisch durch Barlow geführt, welcher den Frieden mit Holkar schloß. 1807 wurde Lord Minto Generalgouverneur. Sogleich nach seiner Ankunft mußte er einen Aufstand der eingeborenen Truppen der Compagnie (Seapoys) in Madras stillen; 1808 besetzte er im Einverständniß mit der portugiesischen Regierung Goa, so auch Tranqnebar und die anderen dänischen Besitzungen in Ostindien ohne Widerstand, 1810—1812 wurden den Holländern 700 Indien. jämmtliche indische Colonien entrissen. An Mintos Stelle trat 1813 der Marquis von Hastings, welcher sich bald in einen Krieg mit den Mahralten und seit 1814 mit Nepal verwickelt sah. Nach mehreren Wechselfällen wurde Nepal (s. d.) 1815 zum Frieden u. zur Abtretung von Garwhal und Kamaon an die Compagnie gezwungen. Infolge der Bestimmungen des ersten Pariser Friedens wurden den Franzosen 1815 Pondichery und die übrigen Orte, den Portugiesen Goa u. Diu, den Dänen die Nikobaren, den Holländern die Inseln im Archipel (aber nicht Ceylon) zurückgegeben. Der Frieden mit Nepal Lauerte nur kurze Zeit; eine Regierungsveränderung trat dort ein, u. der neue Radscha verbündete sich mit dem Scindiah u. dem Radscha von Nagpur gegen die Engländer. Nepal wurde 1817 nach einem kurzen Kriege zur Ruhe gezwungen; die Mahrattenfllrsten, der Peisch- wa, Scindiah, Bhunsla u. Holkar, welche mit den räuberischen Pindaris die britischen Länder beunruhigten, einer nach dem andern zur Unterwerfung gebracht. Der Peischwa, 1817 bei Pnnah, 5. Nov. bei Kirki u. 1818 bei Knrknm geschlagen und in letzter Schlacht gefangen, mußte sein ganzes Gebiet abtreten, wovon den"größten Theil die Briten be> hielten, u. wurde mit einer Pension nach Bengalen verwiesen. Ebenso ging es dem Holkar, welcher, von dem General Hislop bei Mahidpur besiegt, zwei Drittel seines Landes abtreten mußte u. mit dem Überrest englischer Vasall wurde (vgl. Inder). Der Scindiah von Gwalior, der gleich zu Anfang des Krieges seine Verbündeten verließ, mußte drei Festungen abtreten und kam ganz unter britische Oberhoheit; der Radscha von Berar wurde besiegt u. ebenfalls seiner Staaten beraubt. Die übrigen Mahrattensürsten mußten ihr Geschütz abliefern u. ihre Truppen entlassen. So war die Unterwerfung der Mahratten vollendet, und als Hastings 1823 I. verließ, war Englands Oberherrschaft über ganz Vorderindien, mit Ausnahme des Pen- dschab, von Sindh u. einigen anderen unbedeutenden Staaten, so gut wie gesichert. Hastings' Nachfolger war Lord Amherst (1823 bis 1828), welcher 1824 in einen Krieg mit den Birmanen verwickelt wurde und denselben 1826 durch den Frieden zu Jandabo, in welchem die Engländer bedeutende hinterindische Districte erwarben, glücklich beendigte (s. Birma S. 455). Ihm folgte Lord Bentinck (s.d. 6) (1828—35), dessen Verwaltung durch segensreiche Reformen, namentlich Bekänrpfung des Aberglaubens, ausgezeichnet war. Unter seinem Nachfolger, Lord Auck- land (1836—42), nahm die indobritische Politik wieder einen aggressiven Anlauf. Die drohende Stellung, welche die Russen sich in Ceutral-Asien geschaffen hatten, schien es nothwendig zu machen, Len britischen Einfluß über die westlich vom Indus gelegenen Länder auszudehnen, um Rußland zuvorzukommen, u. die Thronstreitigkeiten, welche seit vielen Jahren in Afghanistan (s. d. S. 231) bestanden, gaben den willkommenen Anlaß, sich dort einznmischen. 1839 zog eine britische Armee durch den Bolanpaß, besetzte "Kandahar, Ghasna u. Ka- bul und zog dann mit Hinterlassung von Besatzungen dort u. in Dschellalabad durch den Khaiber- paß zurück. Bald zeigten sich jedoch überall Spuren der Empörung. Die Gildschi-Fllrsten sperrten den Khaiberpaß u. das zu ihrer Züchtigung aus- gesendete Corps unter Sale mußte zufrieden sein, mit großem Verlust Dschellalabad zu erreichen. In Kabul selbst entstand 2. Nov. 1841 ein Aufruhr, gegen den die Besatzung nicht hinreichend Vorkehrungen getroffen hatte; obwol ein Vertrag ihr ungehinderten Abzug nach I. zusagte, wurden fast alle auf dem Marsch niedergehauen, die höheren Offiziere u. Beamte theils ermordet, wie Barnes, theils gefangen genommen, wie Elphinstone. Das ebenfalls hart bedrängte Corps in Dschellalabad wurde durch die Verstärkungen unter Pollock geschützt. Zur Rettung der noch übrigen Garnisonen u. zur Wiederherstellung des Ansehens der englischen Waffen, traf der neue Generalgouverneur, Lord Ellenborough, energische Maßregeln. Die 1000 Mann starke Garnison von Ghasna hatte capituliren müssen und war ebenfalls gegen den Vertrag größtentheils vernichtet worden; General Nott in Kandahar war schwer bedrängt. Mitte des Jahres 1842 begannen die Operationen wieder. Am 10. August brach Nott mit 7000 Mann von Kandahar aus gegen Ghasna und General England mit 4000 Alaun von Kandahar nach Quettah auf. Zu derselben Zeit verließ Pollock Dschellalabad u. wendete sich gegen Kabul, schlug 23. Aug. die Afghanen, welche ihm den Weg verlegen wollten, u. erreichte, nachdem er 13. Sept. Akbar Khan bei Teschin gänzlich geschlagen hatte, Kabul 16. Sept. 1842, welches er sogleich besetzte. Eben so glücklichen Erfolg hatten Nott u. England. Elfterer schlug die ihm sich entgegenstellenden Afghanen u. eroberte Ghasna 6. Sept., u. England drang siegreich durch den Bolanpaß u. besetzte 19. Sept. DaLar. Da der Zweck des Feldzuges hiermit erreicht war, so zogen die Briten, unter starker Plünderung von Kabul (s. d.), sich 1843 an den Indus zurück. Bon den anderen zwischen Afghanistan u. den britischen Besitzungen liegenden Staaten hatte sich nur Sindh in dieser Periode schwierig bewiesen und den britischen Residenten, Major Outram, im Febr. 1843 angreifen lassen und vertrieben. Um diese Unbill zu rächen, griff General Napier die Fürsten von Sindh bei Miani 17. Febr. an, sprengte sie gänzlich auseinander u. eroberte Haidarabad. Zwar versuchte der Belu- tschenhäuptling Schir Mohammed noch einmal das Glück der Waffen, wurde aber im März u. Juni völlig geschlagen und nach Bclutschistan zurückgedrängt. Schon vorher war Lurch Proclamatiou des Generalstatthalters Ellenborough v. 13. März Sindh zu den Besitzungen der Ostindischeu Compagnie gezogen worden. Inzwischen bereiteten sich schon wieder anderwärts Verwickelungen vor, die zu einem neuen Kriege führten. In dem Mahrattenstaate Gwalior war es 1843 zu inneren Streitigkeiten gekommen, die das Einschreiten der Engländer und die Aufstellung eines Heeres an der Grenze »er- anlaßten, u. als die Mahratten sich zum Widerstande erhoben, zum Ausbruche des Krieges führten. Ende 1843 siegten die Briten bei Maha- radschpur unter General Sir Hugh Gough, bei Punniar unter General Ärey, u. 3l.Dec. erklärte sich der Maharadscha zur Annahme jeder Frie- Indien. 701 densbedingung bereit, worauf Gwalior 2. Jan. 1844 ohne Widerstand übergeben wurde. Die noch schlagfertigen Mahratten boten ihre Dienste für das neu zu bildende Contingent an. Gwalior verlor seine Unabhängigkeit, mußte mehrere Gebietsstrecken abtreten, die gesammte Artillerie wurde ausgeliefert, das Heer unter den Befehl englischer Offiziere u. die Verwaltung unter einen englischen Residenten gestellt. In diese Zeit fallt auch die Erwerbung der dänischen Besitzungen, welche durch Vertrag für 3,375,000 Ll an die Englisch-Ostindische Compagnie verkauft wurden. Auch das Pendschab (s. d.), dessen blühende Fluren durch die Jahrh. durch dauernden Kämpfe der Afghanen u. des Moguls verheert, jetzt in eine Anzahl Sikhstaaten, wie Deradschat, Patiala rc. zerfielen, konnte seinem Schicksal der Einverleibung nicht entgehen. Seit dem Tode des Rund- schit Singh, welcher niit den Engländern mehrfache freundschaftliche Verträge (1809, 1831, 1835) abgeschlossen hatte u. 27. Juni 1839 gestorben war, hatte die Geschichte dieses Landes durch raschen Thronwechsel, Palastintriguen, Ausstände und Ermordungen einen echt orientalischen Charakter erhalten. Unter den Parteikämpfcn war zugleich die Erbitterung gegen die Engländer gewachsen, und als die Empörung mit der Ermordung des Bruders der Regentin, Dschowahir Singh, 21.Sept. völlig gesiegt hatte, wurde der Kriegsruf gegen England lauter als je. Lord Ellenborough war inzwischen durch die Direktoren der Ostindischen Compagnie, ohne Zustimmung der Regierung, im April 1845 abberusen und Sir Henry Hardinge an seiner Statt als Generalstatthalter eingesetzt worden. Am 12. Der. überschritten 10,000 Mann der Sikh (s. d.), der kriegerischen herrschenden Klasse im Pendschab, den Setledsch unweit Firozpur u. konnten erst 21. Der. bei Firuzschah unter großen Verlusten der Engländer über den Strom zurück- gedrängt werden. Schon im Jan. 1846 drangen sie von Neuem vor, wurden jedoch 28. Jan. von Sir Harry Smith bei Alliwal geschlagen u. wieder über den Fluß zurückgeworfen. Eine noch größere Niederlage brachten ihnen 10. Febr. Sir Hugh Gough und Lord Hardinge bei Subrahan bei. Am 14. Febr. wurde hierauf der Setledsch von den Briten überschritten, 22. Febr. rückte die britische Armee in Lahore ein, worauf 9. März der Friedensvertrag zu Stande kam, wonach der unmündige Maharadscha Dhalip-Singh das Land südlich vom Setledsch, die Gebirge und Ebenen zwischen dem Bias u. Setledsch und, anstatt der Zahlung der Kriegskostenentschädignng, das Land zwischen Bias u. Indus einschließlich der Provinzen Kaschmir u. Hazara abtreten u. alle Anordnungen der Briten über diese Länder im Voraus anerkennen mußte. Der größte Theil dieser Länder wurde an den Fürsten aus Dschamu, Gholab Singh, als erbliches Lehnsfürstenthum durch den Vertrag von Amritsir (16. März 1846) übertragen (vgl. Kaschmir). Da dieser seinen Besitz wegen eines von dem Scheikh Jman Eddin in Kaschmir erregten Aufstandes nicht antreten konnte, wurde ihm britische Hilfe zu theil u. er Ende des Jahres eingesetzt. Der übrige Theil des Pendschab war dem unmündigen Maharadscha Dhalip Singh übergeben u. es wurde auf Andringen der Sikhfürsten selbst festgesetzt, daß bis zu seiner Großjährigkeit eine britische Armee von 10,000 Mann mit einem Commissar (Oberst Lawrence), der zugleich die Rolle eines Veziers übernahm, in Lahore bleiben sollte, um die Ruhe des Landes aufrecht zu halten. Der Oberstatthalter, in der Ansicht, daß nun auf Jahre Friede herrschen würde, reducirte die Armee beträchtlich. Indessen schon 1848 brach ein neuer Ausstand der Sikh aus. Zunächst in Multan durch den Sawan (so v. w. Statthalter) Malradsch. Zwei englische Offiziere wurden April 1848 meuchlerisch ermordet, die Festung Multan gegen die wiederholten Angriffe des englischen Heeres siegreich behauptet. Im Sept. war auch der nördliche Theil des Pendschab, Peschawar u. Hazara, unter Tschattar Singh in voller Empörung; Unterstützung durch die Afghanen wurde erwartet. Es bedurfte zur Niederwerfung bedeutender Streitkräfte der Engländer. In drei für indische Verhältnisse beispiellos verlustvollen Schlachten, bei Ramnaggar am Tschinab 22. Nov., bei Sadalapur an diesem Flusse 25. Dec. 1848 u. bei Tschillianwalah od. Rassalnaggar 13. Jan. 1849, behaupteten sie das Schlachtfeld; 22. Jan. fiel Multan wieder in ihre Hände; 21. Febr. endlich fiel die Entscheidung gegen die Sikh bei Gu< dschrat. Die Sikhfürsten kamen um Unterwerfung ein; die Afghanen, welche unter Dost Mohammed durch den Khaiberpaß vorgedrungen waren u. Attok am Indus besetzt halten, zogen sich ohne Gesecht zurück. Hierauf verkündigte eine Procla- mation des Generalstatthalters, Earl os Dal- housie (seit Januar 1848), aus Firozpur vom 29. März die Einverleibung des Pendschab in das Jndobritische Reich; der bisherige Maharadscha Dhalip Singh erhielt eine jährliche Pension und Puna in der Präsidentschaft Bombay als Aufenthaltsort angewiesen. Das Jndobritische Reich hatte mit dieser Einverleibung eine feste Gestalt gewonnen, indem es hierdurch nun natürliche Grenzen, im N. den Himalaja n. Hindukusch, im W. die Gebirge westl. des Indus, erhalten u. zugleich die vollständige Beherrschung des Indus, dieser wichtigsten Handelsstraße des nördlichen u. westlichen J-s, erlangt hatte. Nach Beendigung des Sikhkrieges herrschte nun eine geraume Zeit tiefe Ruhe; die Regierung wandte sich der Ordnung der inneren Angelegenheiten zu. Der eingerissenen Sittenlosigkeit der Offiziere steuerte energisch der Oberbefehlshaber Sir William Gomm, der vielfach beklagten Bestechlichkeit der niederen Beamten wurde entgegenzutreten versucht. Auf dem Gebiete der Bolks- wirthschaft war die Regierung seit 1850 ungemein thätig in Bezug auf Anlegung großer zusammenhängender Strecken von Eisenbahnen u. Telegraphen von Calcutta u. Bombay aus, Erleichterung und Beschleunigung des Verkehrs durch Dampfschiffe mit Europa über Ägypten, mit China, mit Australien, Verbesserung des Postwesens im Innern, Beförderung des Anbaues neuer landwirth- schaftlicher Erzengnisse, Abbau mineralischer Schätze, namentlich in dem ueuerworbenen Pendschab, welches Kohlen, Gips, Soda, Steinsalz, Schwefel, Alaun, Blei, Kupfer u. Gold in Fülle liefern kann. 702 Indien. Hier wurde auch im Jahre 1851 der Bau vou Kanäle» begonnen, welche sich über eine Länge von 90 Meilen ausdehnen, u. für Bewässerung von Feldern, Wiesen u. Gärten Sorge getragen. Unter allen Beiträgen außereuropäischer Industrie zur Londoner Ausstellung vom Jahre 1851 behaupteten die aus I. den ersten Rang. Außer prachtvollen Edelsteinschmuckgegenständen hatte die Ostindische Compagnie die ausgesuchtesten Erzeugnisse indischen Kunstfleißes ausgestellt: Teppiche aus Sammet u. Goldbrokat, Prachtsessel mit wunderbarem Schnitzwerk an den Rück- u. Armlehnen; Kaschmirshawls, kunstvolles Töpsergeschirr, eine große Anzahl der verschiedenartigsten Tücher, Gewebe rc. In Bezug ans die auswärtigen Verhältnisse wurde die Ruhe durch die räuberischen Angriffe kriegerischer Völkerschasten an der nördlichen und nordwestlichen Grenze, wie der Asridi, getrübt, welche einige Expeditionen nothwenig machten, u. zu deren besserer Beaufsichtigung das Thal Dun Aug. 1852 besetzt wurde. Der Nizam von Haidarabad (s. d.) wurde, da infolge seiner schlechten Verwaltung die von ihm zu zahlenden Tributgclder zu unregelmäßig einliefen, 1853 zur Abtretung von Berar als vorläufigen Pfandes für die Zahl ung gezwungen, welches seitdem unter direkter britischer Verwaltung geblieben ist. An der Küste von Malabar waren fortdauernd Aufstände der fanatischen Secte der Moplah zu bekämpfen. Wider ihren Willen wurde die Ostindische Compagnie im Herbst 1851 in einen neuen Krieg mit Birma verwickelt, welcher mit der am 20. Decbr. 1852 erfolgenden Einverleibung der Provinz Pegu in die brit. Besitzungen beendigt wurde; s. Birma S. 455. Im April 1852 begannen die Verhandlungen über die ostindischen Verhältnisse im Parlamente, da den 30. April 1854 der im Jahre 1833 erneuerte Freibrief der Ostindischen Compagnie erlosch. Durch Gesetz von 1853 wurde dann die Zahl der Mitglieder des Direktoriums auf 18 herabgesetzt, wovon 6 die Krone ernannte; die Ernennung zum Mitglied des dem Generalgouverneur in I. beigegebenen Staatsrathes, welche bisher dem Direktorium allein zustand, von nun an von der Zustimmung der Krone abhängig gemacht; der Präsidentschaft Bengalen, welche bisher vom Generalgouverneur neben den allgemeinen Geschäften verwaltet wurde, ein besonderer Gouverneur gegeben u. der Freibrief der Compagnie nicht erneuert, sondern die neuen Bestimmungen als Norm festgesetzt, welche jeder Zeit auf dem Wege der Gesetzgebung abgeändert werden konnten. Dabei war die Finanzlage keine erfreuliche. Die Kriege hatten ungeheure Summen gekostet, ohne Ersatz zu gewähren, so daß die Schuldenlast schon 1. April 1851 mehr als 46 Mill. Pfd. St. betrug. Im Laufe des Jahres 1854 wurden das Fllrstenthum Dschhansi u. das Vasallenkönigreich Nagpur, dessen Radscha ohne Erben starb, einverleibt. Im Juli 1855 brach ein bedeutender Aufstand der Sonthal, eines wandernden, Viehzucht treibenden Stammes, der an der westlichen Grenze saß, wegen harter Be- drücknngen aus, der in den Gebirgen von Cuttack sich ein Jahr lang hiuzog. Zu gleicher Zeit trieben zahlreiche Räuberbanden im Nizamstaate ihr Unwesen, und es erhoben sich von Neuem Stimmen, welche die Nothwendigkeit darlegteu, die Vasallenstaaten Audh, Baroda und den des Nizam dem Jndobritischen Reiche einzuverleiben, um den Landfrieden herzustellen. Das kleine Vasallenland Tandschur wuchs dem englischen Gebiete durch Erlöschen des einheimischen Fürstenstammcs zu. Ferner wurden die Lakkadiven-Jnseln unter de' mohammedanischen Königin Bibi zur Sicherstellung gegen die Moplah zu Anfang des Jahres 1855 von den Engländern besetzt. Im Jahre 1857 endlich wurde der Fürst von Audh abgesetzt und sein Reich unter direkte englische Verwaltung gestellt, zugleich die letzte der großartigen Gebietsvermehrungen, welche sich unter Lord Dalhousie vollzogen hatten. Großartiges war zu gleicher Zeit im Innern geschehen; die Anlage der Telegraphen u. Eisenbahnen schritt mit Energie vorwärts, der Ganges-Kanal war 8. April 1854 eröffnet worden, die Schiffbarmachung des Goda- vary eifrig gefördert, Dampfschifffahrt auf den größeren Strömen eingerichtet u. der Handel nach außen durch Verträge u. mehrfache Erleichterungen, wie Abschaffung der Transitzölle u. der Schifffahrtsabgaben an der Küste, gesteigert worden. Trotz alledem wurden verschiedenartige Symptome von Unzufriedenheit unter den Eingeborenen laut u. 1855 eine lange Reihe von Beschwerden beim Parlament eingereicht. Die gewaltsame Entsetzung so vieler einheimischer Fürsten, wobei natür- lich viele Privatrechte gekränkt wurden, das drückende Salzregal, die Unregelmäßigkeiten und Erpressungen bei der Steuererhebung, bes. in der Präsidentschaft Madras, wo die Anwendung der Tortur von Seiten nicht allein einheimischer, sondern auch englischer Beamten dabei constatirt wurde, kurz die drückende Lage eines großen Theils der Eingeborenen, die für die finanziellen Verlegenheiten der Compagnie anfkommen sollten und durch die Schroffheit n. Ignoranz der meist nur aus Gunst ernannten englischen Beamten in ihren nationalen Anschauungen oft auf das Empfindlichste berührt wurden, gaben Anlaß genug dazu. Im Parlament wurde die Abstellung der Mißbräuche auch eifrig befürwortet u. eine Untersuchungs-Commission eingesetzt, ohne daß es vorläufig zu einem Resultat gekommen wäre. Am 1. April 1856 trat der neue Generalgouverneur Viscount Canning sein Amt bei voller Ruhe an. Die Besetzung Herats (s. d.) Ende d. I. durch die Perser rief einen Krieg gegen diese hervor. Am 13. Nov. verließen die dazu bestimmte englische Armee und Flotte unter Outram und Leake den Hafen von Bombay, besetzten am 4. Dec. die Insel Kharak nordwestlich von Abuschehr, landeten am 7. in der Halilabai, erstürmten am 9. die Feste Abuschehr und bemächtigten sich am 10. der Stadt, die in einen Freihafen unter britischer Hoheit verwandelt wurde. Schon während dieses Krieges empörte sich 25. Febr. 1857 Las 12. Regiment Seapoys zu Berhampur u. 6. März zu Madras das 54., Loch wurden beide mit Leichtigkeit besiegt, so daß die Engländer noch nicht die Gefährlichkeit dieser Bewegungen sahen. Am 8. Febr. wurden die Perser bei Khusbad geschlagen, 26. März die Festung Mvhammenah am Schatt-el-Arab erobert. Im Indien. 703 April 1857 kam schon der Friede zn Stande, wonach die Perser Herat räumten, wogegen die Engländer alle eroberten Punkte aufgaben. Dieser Friede war ein Glück für das Indo- britische Reich, denn es offenbarte sich immer mehr, i daß unter den Mohammedanern in ganz I. eine ^ Verschwörung mit dem Zwecke bestand, die englische Herrschaft zu vernichten; die zahlreichen in ihren Rechten gekränkten Großen u. abgesetzten Fürsten waren die Rädelsführer. Es trieben sich bei den Seapoyregimentern Aufhetzer herum, und l eine gewisse Art Kuchen aus Atta, einer in Bengalen wachsenden Getreideart, gebacken, wurde als - geheimnißvolles Sinnbild der Empörung von Ort zu Ort geschickt. Zu dem anfänglich vorhandenen Grunde od. gebrauchten Vorwände der Unzufrie- denheit der Truppen, daß die Clauscl ihres Eides, t der sie ausschließlich zum Dienste innerhalb der indischen Grenzen verpflichtete, gestrichen wurde, kam hinzu, daß inan ein neues Gewehr, die En- fieldbllchse, einführte und den Soldaten gefettete Patronen dazu gab. Die Sendlinge redeten den Seapoys ein, daß diese Patronen, um die Religion zu verspotten, mit Rinds- und Schweinefett, das erstere den Hindu, das letztere den Mohammedanern ein Gräuel, bestrichen worden seien. Einzelne Meutereien und Mißhandlungen englischer Offiziere häuften sich; der erste massenhafte Aufstand der Truppen, das grausenhafte Schauspiel des Brennens und Mordens aller Europäer u. Christen, kam aber erst 10. Mai 1857 in Mi- rat vor, einer 11 Stunden von Delhi entfernten Stadt. Die Verschwörer hatten die Zeit der heißen Winde u. die darauf folgende Regenperiode zum Losbrechen gewählt, wo kriegerische Bewegungen und Feldzüge nur mit dem größten Menschenverlust ausführbar sind. Unglücklicherweise bildeten die Truppen des Jndobritischen Reiches kein einziges zusammenhängendes Heer; sie gehörten 3 - gesonderten Hauptabtheilungen und mehreren kleinen Truppenkörpern an, nämlich dem Heere von Bengalen, dem von Madras und dem von Bombay u. den leichten Truppen vieler einheimischer Fürsten; der größere Theil der einheimischen Truppen, unter denen viele Mohammedaner u. Brah- minen standen, wandte die Waffen nun gegen die eigene Regierung. Was die Ursachen dieses weit reichenden und die englische Herrschaft in ihren Grundfesten bedrängenden Aufstandes betraf, j so lagen sie unstreitig in den eben geschilderten § drückenden inneren Verhältnissen, zu denen noch der falsche Eifer der englischen Missionäre und ! manche zweckmäßige, aber zu schnell ausgeführte i Reformmaßregel, wie die Eingriffe in die Kasten- > ordnung, die Beseitigung der Vorrechte der Brah- minen sich gesellten. Die Eingeborenen sahen in allen diesen Maßregeln nur Eingriffe in ihre Rechte und wurden dadurch noch mehr zur Ver- rheidigung ihrer angestammten Religion aufgereizt. Sie fühlten sich dabei noch durch die Rohheiten bestärkt, deren sich die Engländer oft gegen sie schuldig machten. Eigentlich war der 22. Mai als der Tag bestimmt worden, an welchem die ! bengalischen Truppen insgesammt sich erheben u. ! ihre Offiziere und alle Christen ohne Unterschied ermorden sollten, u. nur zufällige Umstände ver- anlaßten den Ausbruch an verschiedenen Tagen. Die Meuterer von Mirat eilten nach Delhi, welche Stadt sehr klug zum Sammelplätze ersehen worden war, da in ihr sich die größten Militärmagazine der nördlichen Provinzen befanden. Auch war sie mit den großen englischen Kriegsschiffen nicht erreichbar, u. im entscheidenden Augenblicke fehlte es dort an europäischen Truppen. Die Regimenter standen eben in Parade, als die Empörer aus Mirat ankamen, u. wurden gegen sie geführt, aber sie schossen ihren Kameraden über die Köpfe hinweg, warfen sich im nächsten Augenblicke auf ihre Offiziere und ermordeten diese. Dasselbe Loos hatten alle Europäer, die sich nicht durch die Flucht retten konnten. Der alte Titu- lar-Großmogul in Delhi wurde aus seiner Vergessenheit hervorgezogen und wieder zum Kaiser ausgerufen. Der Aufstand verbreitete sich sogleich weiter, nach Benares u. Allahabad, nach Lakhnau (Lucknow) uud Cawnpore, Bareilly und Muttra, Dschhansi u. Inder, nach Aurengabad u. Campti bei Nagpur, über das ganze Audh und über alle Garnisonen Nohilkands. Überall dieselben Scenen. In Cawnpore, wo General Hugh Wheeler befehligte, empörten sich die Truppen nebst den Einwohnern am 3. Juni. Der General zog sich mit einigen Treugebliebenen und der englischen Bevölkerung, Frauen u. Kindern in eine befestigte Kaserne zurück, wo er sich drei Wochen lang hielt und zuletzt fiel. Am 27. Juni ergaben sich die Engländer au den Anführer der Aufständischen, Nena-Sahib, worauf die Seapoys sie sämmtlich mit Frauen u. Kindern ermordeten, obwol ihnen in einer förmlich abgeschlossenen Capitulation das Leben zugesagt worden war. Aus England wur- den, sobald der Ernst der Lage bekannt war, zahlreiche Hilfstruppen, zum Theil ans dem schnellsten Wege über Ägypten gesandt und General Colin Campbell zum Oberanführer bestimmt. Unterdessen rächte Oberst Havelock die Blutscenen von Cawnpore, indem er die unter Nena-Sahib entgegen rückenden Empörer wiederholt im Juli besiegte, ihnen das Geschütz abnahm u. Cawnpore wieder besetzte. Vor Delhi hatte sich auch ein englisches Belagerungscorps versammelt, welches sich in einem verschanzten Lager während Juni und Juli siegreich gegen die Übermacht der Aufrührer ver- theidigte. Am 1. Juli brach der Aufstand auch in Mhau u. Jndor aus. In Agra mußten sich am 5. Juli die englischen Truppen in die Festung zurückziehen. Dagegen wurde am 17. Juli Nena-Sahibs Streitmacht von General Havelock auseinander gesprengt, welcher hierauf Bithur besetzte u. am 19. Juli zerstörte. Am 20. wurde ein Regiment Seapoys, welches in Lahore sich empörte, vernichtet. Am 23. Juli meuterten drei einheimische Regimenter zu Diuapur und warfen am 29. Juli 400 Mann Engländer u. Sikh mit dem Verluste der Hälfte ihrer Mannschaft zurück. Am 29. u. 30. Juli trug Havelock einen großen Sieg über ein 10,000 Mann starkes Rebellencorps bei Unao u. Busserutgandsch davon, worauf beide Orte, sowie sämmtliche feindliche Kanonen von den königlichen Truppen mit Sturm genommen wurden. Inmitten dieser Kämpfe tauchte die schon lange schwebende Frage wegen Umwandlung des Reiches 704 Indien. der Ostindischen Gesellschaft in eine großbritannische Colonie nach dem Muster Ceylons wieder auf, u. am 3. Aug. 1857 vereinigten sich die Einwohner von Calcutta zn einem Gesuche an das britische Parlament, daß es die nöthigen Maßregeln ergreifen wolle, die Regierung des Indisch-britischen ReichesderOstindischenHandelsgesellschaft zu entzie- hen n.daslir die unmittelbare Negierung der Königin von England einzusühren, mit einer öffentlichen Gesetzgebenden Versammlung, den Bedürfnissen des Landes angemessen u. mit der britischen Oberherrschaft verträglich, mit königlichen Gerichtshöfen, geleitet von Rechtskundigen von Fach u. mit der englischen Sprache als Gerichtssprache. General Havelock bei Bithur den 16. August, sowie General Nicholson bei Musafsarnaggar. nördlich von Delhi, erfochten neue Siege über die Aufrührer, bis endlich am 14. Sept. unter General Archibald Wilson der Sturm auf Delhi begann, der in einen Straßenkampf überging, worauf am 20. Sept. die Einnahme der Stadt erfolgte und am folgenden Tage der Feind gänzlich daraus vertrieben wurde. Der alte Mogul fiel dabei in englische Gefangenschaft. Fast zu gleicher Zeit (den 25. Septbr.) hatte sich Havelock der Stadt Lakhnau, der Hauptstadt von Audh, genähert, entsetzte die Festung u. nahm unter fortwährenden heftigen Kämpfen bis zum 30. Septbr. die Ver- schanznngen des Feindes u. einen großen Theil der Stadt, mußte sich aber wegen Unzulänglichkeit seiner Streitkräfte ebenfalls in die Festung zurückziehen. General Colin Campbell war nun im October in I. angekommen u. hatte den Oberbefehl übernommen; er rückte über Cawnpore u. Alnmbagh zum Entsätze Lakhnaus heran, was er am 17. Nov. erreichte. Da indessen die großen Verluste das Heer zn stark geschwächt hatten, räumte er es u. zog sich auf Allahabad zurück. Auf dem Rückzüge starb Havelock an der Cholera. General James Ontram wurde mit 3500 Mann u. einer starken Artillerie in Alumbagh zurückgelassen, während Campbell eiligst Cawnpore zu erreichen suchte, um die in Lakhnau geretteten Frauen, Kinder u. Verwundeten nach Calcutta zu senden. In Cawnpore war der Brigadier Wyndham zurückgelassen worden, um das empörte Contingent des Staates Gwalior zu beschäftigen. Der dortige Mahrattenfürst (Maharadscha) Scindiah blieb mit der Hauptstadt den Engländern treu, seine Truppen jedoch fielen von ihm ab u. stellten sich unter den Befehl Tantia Topis, eines ehemaligen Artilleriehauptmanns, der nachmals den Titel Peischwa annahm; ein Trupp derselben erschien am 26. Nov. plötzlich bei Calpi, wurde zwar an diesem Tage von Wyndham zurllckgedrängt, griff aber am folgenden Tage von Neuem an, verbrannte das Lager der Engländer und trieb diese selbst in die Stadt. Ein Angriff der Rebellen am 28., wobei Wyndham fiel, wurde zurückgeschlagen. An dem- selben Tage erreichte Campbell Cawnpore, griff am 6. Decbr. die Truppen Tantia Topis an u. schlug dieselben vollständig; General Hope Grant verfolgte die Flüchtigen und nahm ihnen am 9. ihr sämmtliches Geschütz ab. Indessen verbreitete sich, besonders da Havelock und Campbell vergeblich die Eroberung von Lackhnau, versucht hatten, unter den Eingebornen der Glaube an das Gelingen des Aufstandes immer mehr. Über- dieß fehlte es dem Oberfeldherrn an ausreichender Mannschaft. Seit den letzten Tagen des October kamen zwar täglich neue Regimenter aus England in Calcutta an, aber sie hatten noch 200 Stunden Weges bis zum Kampfplatz znrückzulegen. Es gelang jedoch Campbell, die Aufständischen in Audh vom nordwestlichen und von Mittelindien abzuschneiden und den freien Verkehr zwischen Cawnpore und Agra und Delhi, sowie zwischen Allahabad u. Benares u. Calcutta herzustellen, indem er das Land zwischen dem Ganges und Dschnmna, an welcher. Lakhnau liegt, unterwarf u. die Empörer von Farrakhabad besiegte. Auf diese Weise wurden die feindlichen Truppen in Audh und Rohilkand von den Insurgenten im Lande der Mahratten u. der Radschputen, sowie von denen in Bundelkund getrennt. Der Radscha von Nepal kam dabei den Engländern mit 9000 Mann zu Hilfe. Immerhin war die Lage der Engländer bei Beginn des Jahres 1858 noch eine sehr mißliche. Die Prov. Pendschab war infolge der energischen Maßregeln des Gouverneurs Lawrence noch in ihrem unbestrittenen Besitz; auch rings um Delhi bis an die Ufer des Setledsch war Alles unterworfen; aber im O. in Rohilkand hatten sie Nichts mehr und im ganzen Königreiche Audh nur noch Alumbagh. Im S. von Delhi gehorchten ihnen nur noch Cawnpore, Agra u. das Duab. Das ganze Land der Radschputen stand gegen sie unter Waffen; im Lande der Mahratten waren die beiden Hauptfürsten, Scindiah u. Holkar, treu geblieben, aber Scindiah war auf seine Hauptstadt beschränkt u. hatte seine eigenen Truppen u. die Einwohner von Holkar entwaffnen müssen, Bundelkund östlich von den Mahratten u. südlich vom Ganges hatte sich fast gänzlich befreit; sämmtliche englische Beamten hatten sich in die Festung Sangor flüchten müssen, wo sie eng belagert wurden. Die Präsidentschaft Madras war ganz frei von dem Aufstande geblieben, u. in der Präsidentschaft Bombay hatten nur einzelne kleine Abtheilungen sich verleiten lassen, die entweder nach dem N. entkamen oder niedergemacht wurden. Am 25. Jan. brach endlich das britische Heer unter Colin Campbell auf, um den Hauptsitz der Empörung, Lakhnau und Audh, wieder zn erobern, während an verschiedenen anderen Punkten theils die Engländer, theils die indischen Bundesgenossen Siege erfochten. Es bedurfte noch blutiger Kämpfe, ehe er am 9. März vor der Stadt ankommen konnte, die er nach wiederholten Stürmen endlich am 19. eroberte. Der Rest des Feindes floh nach Rohilkand u. Bundelkund. Bald folgten andere feste Stützpunkte des Aufruhrs; am 5. April Dschhansi, am 30. März Kotah am Tschumbul, am 15. April Rakschur. Der Aufstand fing an, auf engere Grenzen beschränkt zu werden. In Mittelindien besiegte Sir Hugh Rose die Empörer in mehreren Schlachten, entscheidend am 22. Mai bei Calpi, eroberte am 17. Juni Stadt u. Festung Gwalior und setzte den geflohenen Scindiah wieder in sein Reich ein. Im N. verfolgte der Oberbefehlshaber selbst die flüchtigen Rebellen, nahm am 1. Mai Jnd'cn. 705 Schadschahanpur, am 6. u. 7. Bareilly inRohilkand u. säuberte dieses Land, worauf ein großer Theil Aufrührer sich nach Audh wieder zurückwandte. Die Regenperiode während des Sommers unterbrach auf mehrere Monate die Operationen. Obgleich die Empörer immer noch eine bedeutende Macht in einzelnen Plätzen hatten, hielt sich die Negierung doch wieder für sicher genug, um die Förderung der Telegraphie, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen n. anderer Friedenswerke wieder auszunehmen. Die große Peninsularbahn wurde zwischen Bombay ü. dem Bezirk Puna dem Betrieb übergeben. Im August empörten sich in Multan zwei bewaffnete Regimenter Seapoys, die sämmtlich niedergemacht wurden. Im October wurde der Großmogul zu ewiger Gefangenschaft verurtheilt u. zuerst nach Ealcutta, dann nach Rangun in Hinterindien ab- gesührt. Nicht weniger bedeutungsvoll als diese kriegerischen Ereignisse waren für das Indisch-britische Reich die Beschlüsse des Großbritannischen Parlaments, welche die Herrschaft der Ostindisch en Hand elscompag nie beendigten. Durch Gesetz vom 2. Aug. 18S8 wurde die Ostindische Compagnie durch einen Minister der Krone (Staatssekretär) nebst einem Vicepräsidenten u. einer indischen Rathskammer von 18 Mitgliedern (wovon 9 durch die Krone ernannt, 4 durch Offiziere oder Beamte, die in Indien 10 Jahre gedient, und 5 durch Parlamentswahlen gebildet) ersetzt. Die Räthe haben nicht die Macht, gesetzlichen Maßregel» ihre Zustimmung zu verweigern, u. ihre Amtsdauer ist sechsjährig. Dieser Entwurf, von beiden Häusern angenommen, erhielt durch die Königin Gesetzeskraft u. 1. Nov. wurde in ganz I. vermittelst einer königl. Pro- clamation den neuen Unterthanen diese Veränderung bekannt gemacht. Ostindien wurde ein Theil des Britischen Reiches unter der Negierung der Königin. Im Übrigen blieb Alles ziemlich unverändert. Zum ersten Vice- könig, mit dem indischen Titel Nabob-Vezier, ernannte die Königin den bisherigen Generalgouverneur Viscount Canning. In der Proklamation wurde zugleich Allen', die sich bis zum 1. Jan. 1859 unterwerfen würden, wenn sie zu ihrer Heimath u. zu ihren friedlichen Berufsgeschäften zurückkehrten, volle Amnestie verkündet. Ausgenommen sollten nur die Mörder britischer Un- terthanenseiu. EndeOctoberhattendieKnegsopera- tionen gegen die Eingeborenen wieder begonnen; der Schauplatz des Kampfes war verhältnißmäßig klein geworden. Es waren einestheils der sumpfige Bainswarrabezirk unmittelbar an den Ufern des Ganges im S. von Audh, anderseits die gebirgi- gen u. morastigen Gegenden im N. dieses Landes bis an die Grenze von Nepal. In mehreren Tressen von Colin Campbell (nunmehr zum Lord Clyde erhoben) geschlagen, zerstreuten sich die Rebellen in einzelne Trupps, die allmählich zersprengt wurden, so daß am l.Jan. 1859 Audh als wie- der unterworfen betrachtet werden konnte. Damit war der Kampf im Wesentlichen beendigt, wenn! auch noch Jnsurgenteumassen unter der Begum- (Königin-Wittwe) von Audh, Nena-Sahib und! Lantia Topi hernmschweiftcn, die sich hauptsäch- Pierers Unwersal-Eonversations-Leriton. 6. Aull. X. lich nach Nepal gezogen hatten. Lantia Topi wurde 7. April 1859 durch den Verrath eines Freundes gefangen u. 18. April nach kriegsgerichtlichem Urtheil an den Galgen geschlagen; Nena Sahibs ist man trotz aller Anstrengungen nicht habhaft geworden. Die Stadt Lakhnau, die während der Belagerung des festen Schlosses u. bei der Erstürmung durch die Engländer große Verheerungen erlitten hatte, war- im Frühjahr 1859 im völligen Neubau begriffen. Die Mäßigung des Vicekönigs trug sehr viel zur vollständigen Beruhigung des Landes bei. Die schwierigste Aufgabe der Negierung war vorläufig die Regelung der Finanzen, die infolge der enormen Kriegs- ausgabeu in vollständige Verwirrung gerathen waren. Durch Einführung neuer Stenern, wie der Stempeltaxe u. Gewerbesteuer; Verdoppelung u. Verdreifachung der Zölle, deren Ertrag der stetig zunehmende Handelsverkehr jährlich steigerte, ist es gelungen, ein ungefähres Gleichgewicht des Budgets herzustcllen. Die vielen Annexionen der vergangenen Jahrzehnte gaben Anlaß zu veränderten Eintheilungen des Landes u. Schaffung neuer Provinzen, wie des Pendschab u. der Centralprovinz, u. zur Errichtung besserer Controls der einheimischen Fürsten in besonderen Agenturbezirken von Radschputana u. Ccntralindien, die noch mehrfach umgeändert worden sind, ehe die oben (III) dargestellte Eintheilung hcrgestellt war. Durch Heranziehen vornehmer einheimischer Elemente zu Verwaltungs- u. Justizämrern, durch die Bevorzugung der großen Grundbesitzer in der Selbstverwaltung der kleineren Bezirke suchte die Regierung die Eingeborenen fester an die bestehende Regierung zu ketten u. mit den neuen Verhältnissen zu versöhnen. Durch außerordentliche Ereignisse ist das Reich weder nach außen noch im Innern nach dem Aufstand gestört worden. Den März 1862 abtretenden Vicekönig Canning (s. d. 2) ersetzte Lord Elgin und nach dessen baldigem Tode, 28. Novomber 1863, trat der Gouverneur des Pendschab, Sir John Lawrence (später zum Lord of Pnnjab erhoben) 1864 an die Stelle. Diesem folgte 1869 der Graf Mayo, der 8. Febr. 1872 bei einem Besuch der Andamanen-Jnscln von einem Sträsling ermordet u. durch Lord North- brook (früher Thomas George Baring, s. d.) ersetzt wurde. Nach dessen freiwilligem Rücktritt 1876 hat Lord Lhtton die Stelle eingenommen. Die Regierung ist nach allen Seiten hin bemüht gewesen, Lurch Vermehrung der Verkehrsmittel den Wohlstand des Landes zu heben; daß in dieser Beziehung aber immer noch viel zu thuu ist, haben die großen Calamitätcn, welche die durch die Trockenheit u. die damit verbundene Mißernte des Reises herbeigeführte zweimalige Hungers- noth 1874 in Bengalen u. Orissa, 1877 in Bezirken von Madras und Bombay, in Haidarabad und Maisur verursachte und wobei Tausende von Menschen trotz aller Vorkehrungen den Tod fanden, gezeigt. Ebenso eifrig ist sie bemüht, die Zahl der Haudelswege u. Handelsgebiete für I. zu ver- - mehren. Die Armee besteht wieder zum größeren ftLheile aus Eingeborenen, die auch außerhalb J-s, wie schon früher 1800 in Ägypten u. 1839 i» Band. 45 706 Jndienncs — Jndmerentismus. Afghanistan, 1860 in Chma u. 1867—68 in Abessinien, mir Erfolg verwendet wurden. Nach außen hin machten die Räubereien der Bhotija einen Feldzug gegen den Himalaja »Staat Bhotan 1863—64 nothwcndig, der mit der Einverleibung einiger Grenzdistricte zwischen Assam u. Bhotan im F-rie- den vom 11. Nov. 1865 endigte. Ferner erforderten die im O. in Len Gebirgen Assams wohnenden räuberischen Stämme der Garro, Daphla und Naga mehrfache kleinere Expeditionen, um Ordnung zu stiften; ebenso die Asridi im W. an dem Khaiberpaß. Die schlechte Verwaltung des Guicowar von Baroda machte 1875 dessen Absetzung im ordentlichen Gerichtsverfahren u. Ersetzung durch einen Verwandten nöthig. Eine besondere Sorge der englischen u. indischen Staatsmänner ist die Feststellung einer gesichertenWcstgrenze, besonders nachdem Rußland so ungeheure Fortschritte in Cen- tralasien gemacht u. durch die starken Eroberungen den indischen Landen verhältnißmäßig näher gerückt ist. Bis in die letzte Zeit haben die vielfachen diplomatischen Verhandlungen weder einen sichtlichen Erfolg gehabt, noch ist einer der vielen gemachten Vorschläge zur Ausführung gekommen; das Verhältniß mit dem Emir von Afghanistan, dem Lande, dessen Stellung in dieser Frage die entscheidende ist, ist trotz aller Abmachungen ein schwankendes u. vollständig unbestimmtes. 1877 ist für alle Fälle die schon früher vertragsmäßig sestgestellte Besetzung von Kelat (s. d.) in Belu- tschistan beabsichtigt. Welchen Werth die englische Regierung daraus legt, die Eingeborenen mit der englischen Regierung eng zuverkelten ».die vorzüglich unter den Mohammedanern immer noch vorhandene Währung zu beschwichtigen u. wie sie es auch durch äußere Mittel zu erreichen strebt, zeigen einmal die Reise des Thronerben, des Prinzen von Wales, 1875—76, bei der fast alle indische» Fürsten persönlich zur Vorstellung erschienen, dann die Annahme des Titels Kaiserin von Indien (Lmxress ok Inckia, Laisor-i-IIinck) von Seiten der Königin Victoria, die am 1. Januar 1877 unter großen Feierlichkeiten in dem alten Sitz der Moguls, in Delhi, proclamirt u. sofort dem ganzen Lande mitgetheilt wurde. V. Literatur. Aus der sehr reichhaltigen Menge der über I. erschienenen Schristen seien hier hervorgehoben zur physischen Geographie u. znr Ethnographie: als grundlegendes Werk die Bände 1—5 von Ritters Asien ; dann die Forschungen der Gebrüder v. Schlagintweit, Lssuits ok -r Mission bo Inckia anck lli^ir ^.sia, 3 Bde., Lsud. 1854—56; H. v. Schlagintweit, Reisen in I. u. Hochasien, 3 Bde., Jena 1869—74; Tiefsentha- ler, Historisch-geograph. Beschreibung von Hindo- sian, Berl. 1783; Heber, Narrative ok a zourns/ ste., 3Bde., Lond. 1828; Graul, Reise in Ost°J., 5 Bde., 1854—56; Latham, LtiurolsZ^ ok Inckia, Lond. 1859. Zur alten Geschichte u. Alterthumskunde: Lassen, Indische Alterthumskunde, 2. Ausl., 4 Bde., Lpz. 1867 fs., das Hauptwerk (bis zum Einfall der Mohammedaner), worin sich die Literatur vollständig angegeben findet; außerdem die Forschungen von A. Weber in den Indischen Studien, Indischen Skizzen und Indischen Streifen; v. Bohlen, Das alte Indien, 2 Bde., Köuigsb. 1830; zahlreiche englische Schriften, dar. Prinsep, Lssazrz ok Inckian antiguities, 2 Bde., Lond. 1857; Muir, Original Lansürit Toxts, 5 Bde., 2. Ausl., Lond. 1868 ff.; Cnnningham, ^.iroisot dooxrapir^ ok Inckia, London 1873; Derselbe, AwodsoioMoai 8urvo/ ok Inckia, 5 Bde., Lond. 1875. Zur Geschichte der mohammedanischen Dynastien: Thomas, Tüs Oirroniolss ok tirs Laüran icivM ok Oeliri, Lond. 1871, u. die Übersetzungen der arabischen Quellen, so des Ferischta (s. d.). Vergl. Elliot, 8io§rayiiioak Inäox to tirs Liskorians ok Llo- irarumockan Inckia, Lond. 1853. Zur Geschichte der europäischen Niederlassungen über die Portugiesen das Hauptwerk: Barros, Asia, Lissab. 1678 ff., 24 Bde. u. ö.; über die Engländer: Will, Ilistor^ sk Lritisir Inckia, 9 Bde., Lond. 1857 ff.; Neumann, Geschichte des englischen Reichs in Asien, 2 Bde., Leipz. 1857; Thornton, Listorz- ok tirs Lritisir Linpirs in Inckia, 6 Bde., Lond. 1841 ff. Ge- sammtgeschichten geben: Elliot, Listor^ ok Inckia, 6 Bde., Lond. 1855; Wheelcr, Tiro iristor^ ok Inckia, London 1865 ff. (bis jetzt 4 Bde.); das Wichtigste: Käuffer, Geschichte Ostasiens, Leipzig 1857 fs. Über die Verhältnisse der ostindischen Compagnie sind die Werke von Thornton, Oa- osttssr ok Inckia, London 1857, u. Moutgomery Martin, Tirs Inckian Lmpirs, 3 Bde., Lond. 1861; Derselbe, Lritisir Inckia etc., Lond. 1857, die umfassendsten; vgl. ferner von Orlich, I. u. seine Regierung, Lond. 1852. Über die Verhältnisse des jetzigen Reichs gibt das periodisch dem engl. Parlament vorgelegte Ltatomsnt oxiribitinA tirs moral anä material Progress anck oonckition ok Inckia die beste Auskunft. Eine Zusammenstellung von Allem giebt Murray, Lanäbooic kor Inckia, 2 Bde., Lond. 1875. Bon den zahlreichen Darstellungen des großen Aufstandes ist eine ansführliche im 2. Bde. LeS Martinschen Werkes: Tirs Inckian Lmpiro. Thielemann, udiennes (fr.), so v. w. Calico. »different (v. Lat.), unentschieden, gleich- giltig; in der Chemie faßte man früher diejenigen Verbindungen als indifferente zusammen, welche weder Säuren, noch Basen, noch Salze sind, überhaupt keine ausgesprochene Neigung zu weiterer chemischer Vereinigung zeigen. Indifferentes Gleichgewicht, s. Gleichgewicht. Jndiffcrentismus (lat.), die Denkungsart, wonach der Mensch auch gegen wichtige, die höchsten Interessen berührende Angelegenheiten eine gewisse Gleichgiltigkeit behauptet. Bes. ist der I. ein religiöser, und dieser ein absoluter (universeller), wenn auf Religion gar kein Werth gelegt wird; od. ein relativer (particularer), wenn kein Unterschied in den verschiedenen Glaubeus- ansichten, bes. des Christenthums, gemacht u. der Religion nur moralischer Nutzen zuerkannt wird; ein kirchlicher, der keiner kirchlichen Anstalt oü. Einrichtung irgend euren Werth beilegt; ein con- fessioneller, welcher den Unterschied zwischen Len verschiedenen christlichen Confessionen als nichtssagend bezeichnet u. sich deshalb für unbeschränkte Toleranz erklärt; ein moralischer, welcher Len wesentlichen Unterschied zwischen Gut u. Bös leugnet; ein politischer, wenn es als gleichgiltig bezeichnet wird, unter welcher Staatssorm man 707 Indifferenz lebt; wissenschaftlicher, dem alle wissenschaftlichen Theorien u. Systeme gleich gelten; ästhetischer, der gegen das Schöne und das Häßliche, physischer, der gegen Lust u. Unlust gleichgiltig ist rc. Die christliche Ethik verwirft den I. als ein Zeichen eines trägen Verstandes od. eines für die höheren Interessen unempfänglichen Herzens, wobei allmählich das geistige Leben u. der sittliche Charakter in das Ordinäre versinkt. Indifferenz (v.Lat.).sov.w. Jndifferentisnms. Indifferenz;,nie, Jndifferenzpnnkt eines Magnetes, s. Magnetismus. Jndig (Indigo), ein seit 2000 Jahren bc- kannter Farbestoff (bei Plinins Inäivum, bei Vi- truvius öolor ivllieuo; im Hindustanischen Nil od. Anil, d. i. Blau). I. In Deutschland ist der I. erst seit Anfang des l 7. Jahrh. Handelsartikel geworden, wo die Holländer ihn in geringen Sorten aus Indien ernführten. Da hierdurch dem Waidbau Schaden geschah, so wurde seine Einfuhr bald (1650 n. 54) verboten; aber der vortheilhaftere I. verdrängte den Waid u. 1737 wurde das Verbot aufgehoben. Jetzt braucht Europa etwa 4 450 000 stA I. zu Färbereien auf Wolle, Baumwolle, Tuch, Leinen u. Seide, weniger zu Malerfarben. J.farbstoff liefernde Pflanzen sind besond. die Arten der Gattung InärAvkora (s. d.), und der Waid (siche Isatio), welcher frühzeitig im Abendlande angebant wurde. Der I. findet sich in den Pflanzen nicht fertig gebildet, sondern als Glycostd,Jndican(s.d.). DieCnlturderJ-pflan- zen geschieht in Indigo-Plantagen. Die Pflanzen werden etwa 2 bis 4 Fuß hoch u. sind bes. Verwüstungen von eigenenJnsectenausgesetzt,dieostin einer Nacht eine ganze Ernte vernichten. Von der 8.—10. Woche an werden die Pflanzen vor der Blllthe, jährlich bis 4mal, abgeschnitten; nach dem 2. od. з. Jahre werden sie ausgerissen n. die Äcker von Neuem bestellt n. besäet. Das abgeschnittene Kraut wird nun sorgfältig in Bündeln in eigenen Gebäuden (Jndigoterien) in ein mit einem Hahne versehenes Gesäß (Weichküpe, Gährungsküpe), gelegt, gegen das Anssteigen beim Anfquellcn durch aufgelegte Steine od. querüber befestigte Bambus stäbe u. Balken gesichert u. mit Wasser übergosfen. Nach einigen Stunden beginnt eine Gährnng, die Flüssigkeit wird grün u. es bildet sich auf ihr ein Schaum; bekommt dieser ein purpnrroth schillerndes Häutchen, od. bemerkt man, daß sich in einem Glase ein blauer Satz in Flocken anzusetzcn beginnt, so wird die dunkelgrüne Brühe in ein zwei' tes Gefäß (Schlageküpe oder Batterie) abgelasse» и. hier mit Schlagestangen H Stunde geschlagen, bis der blaue Farbstoff sich in kleinen Massen (Korn) leicht uiedersetzt; daraus wird die hell-weingelbe Brühe abgelasseu, die breiartige Masse durch Kochen mit Wasser in einem dritten Gefäße (Setz- kiipe) gereinigt, dann in Abtropfbottiche, endlich in leinene Säcke znm Ablaufen der Feuchtigkeit gebracht n. der I. in platten Kästen n. nachher in kleinen, backsteiuförmig geschnittenen Stücken an der Lust od. in einer Trocknenstnbe getrocknet. Der getrocknete I. wird endlich 8 Tage lang mit wollenen Tüchern bedeckt, damit er schwitzt, d. h. damit ein weißer Auslug herausgetricben wird; von diesem werden die Stücke durch Abbürsten ^ — ^Ndig. befreit u. verpackt. 500 LZ Blätter geben 1 lex I. In NAmerika gewinnt man den I. vortheil- hafter ohne Gährnng durch Aufguß der getrockneten Blätter mit lauem Wasser. Von den ost- indischen Sorten, welche durch die Holländer in den Handel kamen, ist der Java-J. der Vorzug- lichste; ihm zunächst steht der Bengalische I.; unter den amerikanischen hat der von Guatemala mit drei Untersorten: Illors (oberste, beste Schicht), 8obrs (mittlere), Orts (unterste Schicht), bes. die Sorte Tissat den Preis; auch der Do- mingo-J., sowie der Hispaniola ist gut; geringer wird der Louisiana- u. Martinique-J. geachtet; England bringt bes. als Spanisch-Flor eine vorzügliche Sorte; der schlechteste, Bastard- I., wird bloß zum Verfälschen der guten Sorten gebraucht. Der Werth des I. bestimmt sich nach der Tiefe u. dem Feuer seiner Farbe. Guter I. muß in ganzen Stücken, leicht ». locker, iin Bruche muschelig, ohne zu zerkrümeln, trocken, äußerlich blau, im Striche (mit dem Fingernagel) aber violett bis Knpfcrroth (gefeuerter I., Incki^o survrö), innerlich mit silberfarbenen Streifen (der Blume) durchzogen sein, auf Wasser schwimmen u. in Schwefelsäure sich ganz auflösen, ans glühenden Kohlen aber völlig verbrennen. Bergl. I- probe, J-färberei. II. Der I. des Handels enthält L) J-leiin (J-pflanzenleim), eine durch verdünnte Essigsäure ausziehbare, nicht klebrige, leicht in Wasser lösliche Masse. L) J-braun, voluminöse braune Masse, die aus dem mit Essigsäure ausgezogcnen I. mit Kalilauge ausgezogen u. aus dieser Lösung auf Zusatz von Schwefelsäure ausgesällt wird; ein Gemenge desselben mit J-blau u. etwas Alkaliist das sog. I-grün. 6) J-roth, ein Harz, welches man durch Anskochen des von J-braun n. J-leim befreiten J-s mit Alkohol u. Abdampfen des Auszugs erhält. Brauurothes Pulver oder schwarzbranner Firniß, unlöslich in Wasser, verdünnten Säuren und Alkalien, schwerlöslich in Weingeist, leichter in Äther mit dunkelrother, in conccntrirter Schwefelsäure mit gelber Farbe löslich. Beim Erhitzen in luftleerem Raume sub- liniiren farblose glänzende Nadeln (desoxydirtes J-roth), welche durch oxydirende Mittel wieder in J-roth verwandelt werden. Nach Entfernung dieser drei Stoffe u. etwa zufällig beigem engter Substanzen bleibt endlich der Hauplstoff zurück. Das O) J-blau (oxydirtes J-blau, Indigotin, Cörn- lin): OlgLioiölzO,, welchem nach den neuesten Untersuchungen die Structurformel znko»imt: Es läßt sich durch vorsichtige Sublimation des käuflichen J-s, sowie auf nassem Wege chemisch rein erhalten, indem man gepulverten I. mir Traubenzucker, Weingeist u. conccntrirter Natronlauge in einer verschließbaren Flasche zusammenbringt ». einige Zeit stehen läßt. Der Traubenzucker entzieht dem J-blan Sauerstoff ». führt es dadurch in J-weiß (s. III.) über, das sich in Alkali mit gelber Farbe löst. Gießt man die Flüssigkeit klar ab u. läßt sie an der Luft stehen, so nimmt das J-weiß wieder Sauerstoff auf u. verwandelt sich allmählich in J-blan, welches sich kristallinisch 45 * 708 Jndigblau — Jndigsärbcrci. abscheidet. Das snblimirte J-blau stellt purpurfarbene Krystallblättchen dar, das auf nassem Wege erhaltene ist von blauer Farbe, mit einem Stich ins Purpurrcthe. Es ist geschmack- u. geruchlos, unlöslich in Wasser, Alkohol, Äther, in verdünnten Säuren n. Alkalien. In neuester Zeit ist es Emmerling u. Engler gelungen, das I. synthetisch auf folgende Weise darznstellen: durch trockene Destillation gleicher Molecüle von benzoesaurem u. essigsaurem Kalk erhielten sie Acetophenon: O^^OO, welches sich durch Nitriren in Nitro acetophenon überführen ließ: )/ 00 . Dieses, mit Zinkstaub n. Natronkali sublimirt, lieferte Jndigoblan nach der Gleichung: Nitroacetophenon Jndigblau. III. Zersetzungsproducte des J-blaues, a) durch conc. Schwefelsäure: I. vereinigt sich mit Schwefelsäure in 2 Verhältnissen, u. zwar zu an) Phönicinschwefelsäure (J-purpnr, Purpurschwefcl säure, Aoiäs oultopurpmügns): OigAgblzOz.ALOz, welche in verdünnten Säuren unlöslich ist, sich bei 200° zersetzt u. rothe Dämpfe liefert, u. bb) I- blauschwefelsäure (Jndylinschwefelsänre, Cörulim schwefelsänre): 0,gH»iblzO,.2H80g, welche in ver dünnten Säuren löslich ist. Beim Versetzen einer Lösung von J-blau in Schwefelsäure mit Wasser fällt daher die Phönicinschwefelsäure heraus, während dieJ-blauschwefelsäure in Lösung bleibt. Durch Fällen der J-blauschwefelsäure mit Kalium- resp. Natriumcarbonat entsteht das indigblauschwefelsaure Kali resp. Natron, welches unter dem Namen I- carmin (Incki§o solubls) bekannt ist, das sich in 140 Thln. kaltem Wasser mit schöner blauer Farbe löst u. für die Färberei bes. wichtig ist, weil es keine freie Schwefelsänre enthält, wie die unreine J-blanschwefelsäure, u. sich ebenso gut wie die I- blauschwefelsäure mit thiecischer Faser verbindet (bes. auf Alaunbeize), b) Durch reducirende Mittel: J-blan liefert mit redncirend wirkenden Stoffen in alkalischen Flüssigkeiten znsammcngebracht unter Aufnahme eines Molecüls Wasserstoff J-weiß (reducirter I., Leucindiu): 6, gHi^sOy—_08—68_00^0°H« ein geruch- und geschmackloser, gelblich gefärbter Körper, der in Wasser unlöslich, in Alkohol und Alkalien aber löslich ist u. der sich unter Sauerstoffaufnahme an der Luft wieder zu J-blan oxy- dirt. Man gewinnt J-weiß aus der gelben Flüssigkeit, die man durch Stchenlassen von Indigo mit Kalk u. Eisenvitriol erhält, indem man sie in mit Kohlensäure gefüllte Gefäße mittels eines Hebers überführt n. mit kochender verdünnter Salzsäure versetzt. Es wird hierbei in weißlichen Flocken gefällt, die allmählich zu schimmernden Krystall- schnppen werden. Man wäscht sie bei abgehaltener Luft mit lnftfreiem Wasser ans u. trocknet sie im luftleeren Naume über Schwefelsäure. Starke NeLnctionsmittel, z. B. Zinn n. Salzsäure, bewirken eine weitergshendc Reduction des J-blaues und erzeugen einen mit Zinnoxydul verbundenen gelben Körper, der nicht mehr in J-blau zurück-! verwandelt werden kann. Beim Erhitzen mit Zinkstaub bildet sich aus dem J-blau Indol: ^ / N8-N8 ^ ^ ^°^/ 08 - 08 ^ 08 — 08 /^°"- o) Durch oxydirende Mittel, z. B. Salpetersäure od. Chromsäure wird J-blau zu Jsatin oxydirt: ct<02>—oton>— Beim Kochen mit Salpetersäure entsteht I- sänre, OJI^IIO^Ooo^, die auch Anilsäure heißt, u. schließlich Pikrinsäure, ä) Durch Chlor, sofern es trocken ist, wird J-blan nicht angegriffen, bei Gegenwart von Wasser aber in Chlorisatin, Bichlorisatin, Trichlorphenylsäure u. Trichloranilin verwandelt, s) Durch Kalilauge entsteht durch Kochen und bei Luftzutritt Anthranilsäure. Beim Erhitzen mit festem Kalihydrat auf 300° bildet sich unter Entwickelung von Ammoniak u. Wasserstoff Salicylsäure. Glatzel. Jndigblau, s. u. Indiz II v). Jndigblau- schwefelsäure, s. ebd. Jndigcarmin, s. u. Indiz. Jndigen, inländisch, einheimisch. Jndigcnat (v. Lat.j, das Eingeborensein einer Person in einem Lande n. insofern gleichbedeutend mit Staatsangehörigkeit, Staatsbürger- od. Un- terthanenrecht, bald jedoch auch mit Ortsangehörig- keit, wofür auch Jncolat gebraucht wird. Dasselbe wird durch die Abkunft von einheimischen Eltern, durch ausdrückliche Verleihung an Fremde (Naturalisation), Berufung Auswärtiger zu öffent» lichenÄmtern,Verheirathung miteinheimischen Männern erworben u. umfaßt alle Rechte der Staatsangehörigkeit. Das I. geht durch die Erwerbung des Unterthanenrechtes in einem anderen Lande n. durch Auswanderung verloren. In zusammengesetzten Staaten besteht neben dem I. des Einzelstaates noch das Bundes-J. —i. Jndigenr (v. Lat.), Dürftigkeit. Indigestion (v. Lat.), schwacher Grad von Ver» danngsstörung, verdorbener Magen. Kommt als acuter Zustand u. zwar nach Excessen im Essen n. Trinken, nach dem Genuß schwer verdaulicher Speisen, sehr kalter Getränke u. auch nach starker Durchkllhlung des Körpers vor. Druck u. Völle in derMagengrube, Stirnkopfschmerz, Brechneigung u. Widerwille gegen Speisen sind ihre Erscheinungen. Durch strenge Diät (Mehlsuppe, Gries- snppe, dünne Fleischbrühe u. s. w.) wird meist der Zustand leicht gehoben. Kunze. Inülgotes, InäiAitoo (äii), bei den alten Römern eingeborene, nach dem Tode vergötterte, Heroen, örtliche Schutzgotthciten, deren Verehrung mit einen bestimmten Orte in engem Zusammenhang stand; so Romulus, Aeneas. Jndigfärberei, die Kunst, Garne und Zeuge mit Jndig blau zu färben; man bringt dabei entweder den reducirten Jndig (Jndigweiß), mit der Faser zusammen u. läßt ihn sich wiederoxydircn, nach Lein Schema OlgA^O^-t-O^O,« 8 ^ 02 - 1 - 8,0 Jndigweiß Jndigblau (echtes Jndigblau oder Küpsnblau) oder man vereinigt Jndigblauschweselsäure mit dem Zeuge (Sächsisch Blau). 709 Judigqelb — ^ Jndistgelb, ein Zersetznngsproduct des Jndigs durch ätzende Alkalien. Jndiststriin, s. u. Jndig II 8). Jndistirka, etwa 1400 km langer, fast stets mit Eis bedeckter Fluß im Gouvernement Irkutsk in Sibirien, entspringt aus den Danrischen Gebirgen, nimmt die Arga und andere Flüsse auf und fällt in vier Armen zwischen vielen Inseln ins Nördliche Eismeer. lnäigitsmsnta (röm. Ant.), priesterliches Verzeichniß der sämmtlichen in der römischen Religion verehrten Gottheiten, worin nebst den Namen zugleich kurze Erläuterungen über das Wesen u. die Art der Anrufung derselben angegeben war. Reste davon sind uns nur in den Fragmente» Varros u. in den Auszügen Tertullians und Augustins ans diesem erhalten. Jndigleim (Jndigpflanzenleim), s. u. Jndig II L). Jndigniren (v. Lat.), anfbringen, empören; indignirt, empört, bes. über eine unwürdige Behandlung; Indignation, gerechter Unwille über eine unwürdige, uns selbst od. Anderen widerfahrene Behandlung. Indignität (v. Lat.), die Unwürdigkeit, dann jene aus dieser hervorgehende rechtliche Unfähigkeit einer Person in den Nachlaß eines bestimmten Erblassers zu succediren. Diese vom römischen Rechte aufgestellte u. noch heute bestehende Unfähigkeit ist meist Folge solcher Fälle, welche sich auf eine Jm- pietät des Erben gegenüber dem Erblasser znrück- sllhren lassen; während das Römische Recht eine lange Reihe solcher Fälle aufzählte, hat das preuß. Landrecht 9, das Sächs. Civilgesetzbuch 3 Fälle aufgestellt, in denen I. eintritt, d. h. dem Erben oder Vermächtnißnehmer als einem Unwürdigen zu Gunsten Anderer oder des Fiscus die ihm zuge- fallcne Erbschaft oder das Vermächtniß entzogen wird; das Entzogene heißt das Drspborrnm. — Indigo, so v. w. Jndig. Inäigokers L., Pflanzengattung aus der Familie der IwAum.-I'axiUollLesas-KaleAeLs (XVIII.3) Kräuter, Halbsträucher, seltener Sträucher, meist mit gefiederten Blättern, von zweischenkeligen Haaren mehr od. weniger dicht bedeckt; Hülse leder- oder pergamentartig, cylindrisch oder vierkantig od. flach. Viel über 200 Arten, welche in den wärmeren Gegenden beider Hemisphären verbreitet sind, besonders zahlreich im tropischen und südlichen Afrika. Wichtig: I. tino- ioris, L, halbstrauchig, mit gefiederten, vier- bis sünspaarigen Blättern, verkehrteirunden, unten etwas weichhaarigen Blättchen, stielrunden, etwas wulstigen, bogigen, herabgeschlagenen Hülsen; die Blüthen in aufrechten Trauben, klein, grüngelblich weiß mit rothen Flügeln; in Ostindien, jetzt überall zwischen den Wendekreisen cultivirt; im 17. Jahrh. wurden auch auf Malta gelungene Versuche mit Anpflanzung derselben gemacht. I. ^nil ebenso, aber die Blätter drei- bis vierpaarig, die Blättchen oval, unten schwach behaart, die Hülsen zusammengedrückt, nicht wulstig, in West- u. Ostindien; I. ar^sntsa L., in Arabien, Ostindien, NAfrika u. in Westindien cultivirter Strauch, mit scidenhaarigsilberweißen Ästen u. ein- oder zweipaarig gefiederten Blättern. Verwandte Indische Kunst. Arten sind noch I. Iruto8osns lIVrdA. am Cap, I. iürsnta L. /U. in Ostindien u. I. mierooarpa Deso. in Brasilien; ferner I. onnsaplr/lla T,., I. uniüora Hrre/ran. u, I. üsäz'saroickss - Ta»r., alle drei in Ostindien. Alle werden mehr od. weniger häufig zur Bereitung des Jndigs (s. d.) benutzt. Engler. Jndigoleim, s. u. Jndig II. Indigopflanze, s. InckiAokora. JndigoproSe. Bestimmung des Jndigblau- gehalts in käuflichem Indigo. Sie geschieht mittels Chlor oder durch Neduction. Indigotin, s. u. Jndig II v. Jndigpurpnr s. u. Jndig III. Jndigroth, s. ebd. II. 6). Jndigsänren, s. ebd. III. Jndiaweiß, f. u. Jndig III. Indikoplcustes, s. Kosmas. Jndircct (v. Lat.), nicht geradezu, mittelbar, durch einen Dritten. Jndirecte Steuern, s. Steuern. Jndiseernrbel (v. Lat.) nicht unterscheidbar. Indischer Archipel (Ostindische Inseln, Südasiatischer Archipel, Notasia) die Gesammtheit der Inseln zwischen Ostindien (im NW), Australien (im SW), den Indischen Ocean (im SW) u. dem Stillen Ocean (im NO), welche das Verbindungsglied AsiensmitAustralienbilden. Sie zerfallen ihrer geographischenLage nachindreiAbtheilungen; a) die äußere Reihe (im NO u. O), die Philippinen u. die Molukken init der Banda-, Amboina- u. anderen Gruppen; t>) Süd- u. Westreihe, die Kleinen Lounda - Inseln östlich von Java, die Großen Snnda-Jnseln Java u. Sumatra, die Nikobaren- u. Andamanen-Gruppe; e) die innere Gruppe, die Großen Snnda-Jnseln Celebes u. Borneo, u. die zahlreichen um diese herumliegenden Inseln, Das Klima dieser durchgängig gebirgigen oft vulcanischen, dabei mit üppiger Fruchtbarkeit u. den kostbarsten Erzeugnissen der tropischen Vegetation gesegneten Inseln ist ein feuchtes, tropisches, durch die Seewinde gemäßigtes. Nach Flora n. Fauna unterscheidet man eine westl. u. eine östl. Gruppe, welche durch das tiefe Meer zwischen Bali und Lombok, Borneo u. Celebes, Mindanao u. Halmahera geschieden werden; die erstere (Java, Borneo, Sumatra u. s. w.) bietet die Formen Hinterindiens, mit dem sie wahrscheinlich einst zusammenhing, die zweite (Celebes, Timor n. s. w.) die Australiens. Der Gesammt- flächenraum des Archipels wird auf 1,870,000 Hskw, die Gesammtbevölkerung auf 30 Mill. geschätzt, von denen der grötzte Theil Malaie» (s. d.), ungefähr 2 Mill. Chinesen u. einige Europäer sind. Die herrschende Religion ist der Islam; ans den Philippinen allein hat das Christenthum gesiegt. Der weitaus größte Theil des Archipels steht direct unter niederländischer Oberhoheit od. wenigstens Einfluß; der Osten (Philippinen) gehorcht Spanien; geringe Besitzungen nur haben die Engländer (im N. von Borneo) u. Portugiesen (im O. von Timor). Thi-l-m-mn. Indische Kunst. Sie bildet mit der ägyptischen, assyrischen, persischen u. phönikischen Kunst die große Gruppe der altorientalischen Kunst, welche im Gegensatz zu der einsachen Schönheit u. Stil- 710 Indische Literatur — Indische Religion u. Mythologie. reinheit der antiken Kunst den gemeinsamen Charakter quantitativer Erhabenheit u. phantastischen Formenreichthums zeigt. Im Besonderen kennzeichnet die I. K., im Unterschiede von ihren Verwandten, neben der oft ins Grotteske ausschweifenden Phantastik der Formen, eine eigenthümliche Weichheit derselben, die häufig bis zur Verschwommenheit geht. Das Bedeutendste leistet die I. K. in der Architektur (s. Baukunst) u. Bildhauerkunst (s. d.), welche letztere jedoch, ebenso wie die noch sehr primitive Malerei, wesentlich an die erstere gebunden ist. Man kann die ersten Spuren der J-n K. bis auf die Mitte des 10. Jahrh. v. Chr. verfolgen, während am Ende des 10. Jahrh. n. Chr. durch das Eindringen der mohammedanischen Macht der selbständigen Entwickelung des indischen Cnlturlebens u. damit auch ihrer eigentümlichen Kunst ein Ende gemacht wird. Innerhalb dieses fast 2000 Jahre umfassenden Zeitraumes bildet die Stiftung des Buddhismus im 6. Jahrh. v. Chr. eitlen auch für die Kunstentwickelung bedeutungsvollen Abschnitt. In den Gangesläudern, dein eigentlichen Stammsitze des Brahmanismus, hat sich das Wenigste von alten Monumenten erhalten, Mehreres in den südlicheren Gegenden, im Dekhan; namentlich bedeutende Felseubauten und Grottentempel, z. B. auf den Inseln Elephanta, Salsette, bes. aber bei Ellora, Karli, Dambnlu auf Ceylon u. A. Eines der merkwürdigsten Monumente dieser Art ist der Kailasa von Ellora. Dasselbe bildet einen weiten in der Felsmasse ausgehöhlten Hofraum, in dessen Mitte sich ein ebenfalls aus dem Stein herausgearbeiteter Tempel von 103 Fuß Länge u. 56 Fuß Breite erhebt, der im Innern in Säulenhallen u. besondere Gemächer sich gliedert. Statt der Säulen sind Reihen von Elephanten ausgemeißslt, die den Tempel zu tragen scheinen. Unter demSanc- tuarium des Tempels steigt in Absätzen ein pyramidaler Bau bis auf 80 Fuß Höhe empor. Alle Wäilde u. architektonischen Gliederungen sind mit bildnerischen Darstellungen, meist in Hochrelief, bedeckt, die sich auf die Vorstellungen der indischen Mythologie beziehen. Die buddhistischen Grottentempel befinden sich meist in den Ghatgebirgen u. unterscheiden sich von den brahmanischen Tempeln theils durch ihre ovale Form, theils durch ihre Bedeckung vermittelst eines Tonnengewölbes. Andere Tempel befinden sich auf dem central-indischen Hochlande, bes. bei Dhumnar u. in der Nähe der Stadt Bang, ferner an der Coromandelkllste bei Mahamalaipur, wo sich auch neben den Felsen- monumenten sog. Pagoden, d. h. ans Werkstücken erbaute Freibanten von bedeutender Ausdehnung befinden. Am berühmtesten sind die Pagoden (To- pen) von Madura, Siringam, Tranquebar u. Dscha- garnath. Ihre Grundform ist die der Pyramiden. In der Plastik finden sich neben den Hochreliefs der Tempelwände u. der Götterfiguren auch zuweilen Scenen des gewöhnlichen Lebens dargestellt. Die mythologische Symbolik, namentlich in der Zusammenstellung menschlicher mit thierischen Formen, sowie in der Verdoppelung von Gliedern, spielt bei den Götterdarstellnngen eine Hauptrolle. Die Gestalten zeigen indessen häufig eine feine Empfindung für Naturwahrheit, doch herrscht auch hier das Weiche u. Üppige gegen das Markige und Muskulöse vor. Die Malerei ist, wie bemerkt, unbedeutend u. wird fast nur zur Ausschmückung der Architektur verwandt. In kleineren Dimensionen gibt eS jedoch auch Malereien auf Pflanzenpapier von eigenthümlicher Anmuth, welche Scenen des geselligen Verkehrs, heilige Büßer, Festlichkeiten, Gauklerscenen und dergl. darstellen. Die Farben sind oft grell u. in bunter Weise behandelt. Als Abzweigungen der J-n K. sind die Monumente von Kabnlistan, Ceylon, Nepal, Java, sowie die chinesische Kunst zu betrachten. Sch-isl-r. Indische Literatur, s. Sanskrit-Literatur. Indischer Ocean (Indisches Meer), eines der fünf Hauptmeere der Erde, begrenzt im NW durch Afrika u. Arabien, im N. durch die Südküste von Asien, im O. durch Birma, die Halbinsel von Malakka u. die Sunda-Jnseln (obschon auch die östlich von diesen gelegenen Wasserflächen, wie das chinesische Meer, die Sunda- u. Sulu-See oft noch dazu gerechnet werden); im W. nimmt mau den Meridian des Vorgebirgs der Guten Hoffnung (36 " ö. L. v. Ferrv) als Grenze nach dem Atlantischen, im O. den Meridian des Caps Leeu- win (an der SWKüste von Australien, 132 ° ö. L.) als Grenze nach dem Stillen Ocean u. im S. den südl. Polarkreis (66 ° 30' s. Br.) als Grenze gegen das Polarmeer an. Der I. O. liegt in seiner Gesammtausdehnung auf der östl. Halbkugel u. wird durch den Wendekreis des Steinbocks (23° 30' s. Br.) in zwei verschiedene Hälften getheilt, von denen die nördl. auf drei Seiten von Landmassen eingeschlossen ist, 3 große Golfe (das roths Meer, den Persischen u. den Ben- galffchen Meerbusen) bildet und seiner reichen Giederung wegen stark befahren wird, während die südl. ganz offen, fast ohne alle Inseln u. Gliederung u. daher von geringerer Bedeutung ist. Von den Inseln sind die größten Madagaskar u. Ceylon, dann Bourbon, Mauritius, Sokotara; ferner finden sich von Gruppen dieAdmiranten, Seychellen, Comoren, Malediven, Lakkadiven,Audamanen, Nikobaren, Mergni-, Tschagos-Archipel im N. die vulcanischen Amsterdam». St. Paul im S. Auf ihnen u. darauf, daß es eine Durchgangsstraße nach Indien, China u. Australien bildet, beruht die Wichtigkeit dieses Meeres. Es gehört zum bei weitem größten Theil der Tropen- u. der südl. gemäßigten Zone, nur im NO. reicht er mit dem Rothen Meere u. dem Persischen Meerbusen in die nördl. gemäßigte Zone. Die Strömungen der nördl. Hälfte hängen von periodisch wehenden (von 6 zu 6 Monaten wechselnden) Winden ab, welche die diesem Tropenmeere eigenthümlichenModificationenderPassat- winde sind u. Monsune (s. d.) genannt werden; südl. vom Äquator verlieren dieselben ihre Regelmäßigkeit u. hören unterm 10° südl. Br. ganz auf, von wo an der gewöhnliche Passatwind mit der ihm entsprechenden West- u. Äquatorialströmung herrscht. In der südl. gemäßigten Zone treibt aus der OSeite eine Strömung von S. nach N. zu (nach Australien hin), auf der WSeite eine von N. nach S. um das Vorgebirg der Guten Hoffnung herum. Thiel-mann. Indische Religion u. Mythologie. Bei keinem Volke läßt sich die religiöse Entwickelung so vollständig von ihren ersten Anfängen an über ! l 711 Indische Religion u. Mythologie. ihren Höhepunkt hinweg bis zu ihrer Zersetzung verfolgen, wie bei den Indern, wenn auch die Quellen und Materialien zur allseitigen Kenntniß derselben nur erst theilweise vorliegen. In der ältesten Zeit, als die Hymnen der Veden entstanden, verehrten die alten Inder die Naturkräste, die man als himmlische Wesen auffaßte und mit Andacht und Ehrfurcht begrüßte. Sie lassen sich am zweckmäßigsten in Götter des Himmels, der Luft und der Erde eintheilen, da nach der alten indischen Naturanschauung Luft u. Himmel scharf geschieden waren. Zu den ersten gehört Aditi, die Personifikation des Unendlichen; Varuna, der Gott des Himmelsfirmaments; die Aditja (s. d.); Surja, die Sonne; Uschas, die Morgenröthe, u. der selten angernfene Vischnu; zu denen der Lust Indra (s.d.), der gefeiertste, Vaju, Rudra, die Marut, alles Wind- und Regengötter; zu denen der Erde endlich Agni (f. d.), Soma (s. d.), die Gandharva (s. d.) und andere seltener vorkommende. Erst mit der nach- vedischen Zeit, wo die Upanischad geschrieben wurden u. die Vedaerklärer ihre Werke verfaßten, beginnt auch eine höhere Auffassung des Glaubens, indem man zu dem Gedanken fortschritt, daß ein einziger unendlicher Urheber der Welt bestehe, Lurch welchen jene personificirt gedachten Urkräfte walten u. gegen welche sie nur als untergeordnete, vergängliche Wesen erscheinen. Dieser unendliche Urheber der Welt ist Brahma (s. d.), durch dessen Wort die Wesen der sichtbaren Welt in das Dasein traten. Diese Lehre von einem höchsten Schöpfer aller Dinge bildet die Grundlage zu dem spekulativen Pantheismus, der sich im Laufe der Zeit unter der Kaste der Brahmanen im Gegensätze zu dem Polytheismus der Volksreligion ausbildete. Durch Tugend, Schuldlosigkeit u. Andacht soll der Mensch seine Seele aus Erden läutern; denn nach dem Tode wird die Seele nach Maßgabe ihres früheren Betragens in einen neuen Körper versetzt. Zuletzt kehrt die völlig geläuterte Seele in den Schooß des Urwesens zurück, aus dem sie hervorgegangen war. In der vedischen Zeit ist noch jeder Hausvater Priester in seinem Hause; er zündet selbst mit Len Seinigen das heilige Opferfeuer an u. erfleht von Gott Segen für sich selbst, seine Familie, seine Heerden und Saaten, fleht um Unsterblichkeit als Lohn für seine guten Thaten n. um Verschonung mit den schädlichen Gewalten der Naturkräfte, u. bittet die letzteren auf seine Feinde zu richten. Eine Art von priesterlichen Vertretern der Gesammtheit (dieRischi) finden sich nur bei größeren Feierlichkeiten, Stammesopfern u. dgl.; dieselben pflegten von der Freigebigkeit der Fürsten für ihre Leistungen belohnt zu werden, wofür sie dann in frischem Dankesgefühl ein einfaches Loblied anstimmten. Zur Zeit der großen Epopöen erscheint das Pantheon der indischen Volksreligion bereits ziemlich abgeschloffen. Aus der großen Masse der als Götter verehrten Naturkräfte, Elemente u. Wesen, deren Geschichte in den Sagen u. Dichterwerken in ausgedehnten Kreisen von Mythen vorgetragen wird, ragten außer Brahma besond. 2 Hauptgottheiten, Siva u. Vischnu (s. b.), hervor. Die Culte derselben entstanden zum großen Theil aus Anbequemung u. Verschmelzung der brahmanischen Anschauung mit den religiösen Vorstellungen der Urbewohner. Brahma ist nicht Gegenstand des Cultus, sondern nur der Contemplation. Bisweilen werden Brahma, Vischnu u. Siva als Tri- murti (d. i. Dreigestaltigkeit) dargcstellt u. abgebildet; Brahma repräsentirt in der Theorie das Schaffen, Vischnu das Erhalten, Siva das Zerstören. In dem Cultus überwiegt stets der Dienst eines Gottes, was meist auf locale Ursachen wird zurückgesührt werden können. Neben diesen zwei großen Volksgöttern Vischnu und Siva erscheinen im Glauben des Volkes u. den Sagen der Dichter noch eine große Anzahl von untergeordneten Göttern. Die bedeutendsten und angesehensten unter denselben, zum größten Theil aus dem alten Glauben in das System mit ausgenommen, sind die 8 Lokapala oder Welthüter, welche die 8 Theile der Welt beschützen u. denselben vorstehen. Sie sind: Indra, der oberste aller unteren Gottheiten, der Gott des himmlischen Firmaments, des Donners u. Blitzes, des Sturmes und Regens; Agm, der Gott des Feuers; Jama, der Gott der Unterwelt; Surja, der Gott der Sonne; Varnna, der Gott des Wassers; Purana oder Vaju, der Gott des Windes; Kuvera, der Gott des Reichthums; Soma oder Tschandra, der Gott des Mondes. Andere Gottheiten sind Kartikeja, der Kriegsgott; Ganesa, der Gott der Klugheit und Gelehrsamkeit; Kama, der Gott der Liebe; Ganga, die Göttin des Gangesstromes; Narada, der Götterbote. Jede Gottheit hat außerdem eine rechtmäßige Gemahlin. Die bedeutenderen dieser weiblichen Gottheiten sind: Sarasvati, Gemahlin des Brahma, Göttin der Beredtsamkeit, Beschützerin der Wissenschaften u. Künste, insbesondere der Musik (weshalb die Vina, die Leier, ihr Attribut); Gattin des Vischnu ist die Segenspenderin Sri, Lakschmi rc. genannt. Am bedeutendsten tritt aber die Gemahlin des Siva, mit ihren verschiedenen Namen Parvati od. Durga od. Kali (s. d.) u. Culten hervor; sie ist die furchtbare u. zerstörende Göttin n. ihr Cultus bei Weitem der verbreitetste. Außerdem gibt es noch eine Menge von Schaaren mythischer Wesen des Cultus u. der Poesie, Götter, Halbgötter, allegorische Gestalten, Weise der Vorzeit rc. Die bedeutendsten sind die 7 od. 10 Nischis, die Sänger der Veden, die in dem späteren Glauben zu den Heiligen der Vorzeit erhoben wurden. Unter ihnen der vornehmste Kayjapa mit den Gattinnen Disi und Aditi. Von der Diti stammen die Daitja (s.d.) od. Asura, die Dämonen (der Zerstörung), von der Aditi aber die Aditja (d. i. Gottheiten). Die Gandharvas sind die himmlischen Sänger u. Tänzer, die Apsarasas die himmlischen Nymphen, die Jakscha die Begleiter des Kuvera und Hüter der Schätze in den Bergen; die Rakschasa die dem Menschen wie allem Guten feindlichen Kobolde. Außerdem ist die Erde noch von einer Masse böser Geister bevölkert, die unter mancherlei Namen gefürchtet u. verehrt werden, wie die Pisatscha. Das ganze Leben aller 3 Welten (Götter, Erde u. Unterwelt) gilt im indischen Volksglauben nicht für ewig; es wird zerstört von Kala, dem Gott der Zeit, der in dieser Thätigkeit als Mahapralaja (d. i. große Auflösung) gefaßt u. ans grauenerregende Weise geschildert wird. Auch verschiedene Thiere sind Gegen- 712 Indische Religion u. Mythologie. stände einer heiligenVerehrung od. mit einer geheim- nißvollen Ehrfurcht verknüpften Anschauung. Besonders heilig galt schon in ältester Zeit der Stier; ein bedeutender Cnltus wird auch den Schlangen zu theil, aus deren Verbindung mit den Halbgöttern die Affen hervorgingen, die mit einer gewissen heiligen Scheu betrachtet werden. Bonden Thiercn, welche als Begleiter der Götter eine Art von Verehrung genießen, ist bes. der Vogel Garuda zu nennen. Unter den Bäumen ist vor Allen die Banane oder der Indische Feigenbaum geehrt. Als Grundlage der ganzen Entfaltung des religiösen Lebens im Brahmanismus werden die Veden betrachtet. Sie bilden die von Brahma selbst geoffenbarte heilige Schrift, deren Inhalt Sruti oder Sruta (d. i. Gehörtes) heißt. Ihnen zunächst steht an Heiligkeit das Gesetzbuch (Dhar- mayastra) des Manu. Doch stützt sich in Wirklichkeit Las religiöse Volksleben schon längst auf die Purana, welche sehr verschiedener Zeit augehören, u. der jetzt sehr verbreitete Cult des Siva u. der Kali insbesondere auf die Tantra. Nach indischer Anschauung äußert sich das religiöse Leben entweder in den äußerlich hervortretenden Handlungen des Lebens oder in der Erkenntnis;. Auf dieser Trennung beruht die Scheidung in eine Volksreligion n. eine Religion der Weisen. Die Volksreligion ist ein in zahllose freie Mächte zersplitterter Polytheismus, welcher durch die dunkel darin wehende Ahnung einer absoluten Freiheit und selbst einer Weltordnuug kaum im Zusammenhänge gehalten wird. Die religiösen Werke sind für das Volk das wahre Mittel des Heils; wer sie fromm übt, hat nach dem Tode auf eine gewisse Zeit den Genuß des Paradieses zu erwarten. Die Religion der Weisen ist rein contemplativ; sie lehrt einen Pantheismus, in welchem die Idee der Weltordnung vorherrscht; religiöse Werke haben nur dann Verdienst, wenn sie die Ausflüsse eines Gott wahrhaft ergebenen Herzens sind. Als Heilsmittel gilt für sie nur die Wissenschaft vom Göttlichen und ein vollständiges Aufgehen in Gott; letzteres ist die wahre Erlösung (mvkolrs.), und wer sie erreicht hat, dem droht keine Wiedergeburt mehr. In Bezug auf die Werke (üarma) sind die Verpflichtungen, die eine jede der 4 Kasten zu erfüllen hat, nicht ganz dieselben. Den Brahmanen sind 5 tägliche Religionswerke zur Pflicht gemacht, gewissermaßen die 5 Sacramente; das Studium der Veden; Opfer nach Vorschrift zur Ehre der Götter; Übung der Todtenfeier zur Ehre der Manen; Darbringung des Bali zur Ehre der Geister und Gastopfer zur Ehre der Menschen (brLirmja-Irnta). Nirgends hat sich das religiöse Bedürsniß so ausschließlich zur Herrschaft über alle anderen erhoben als in Indien. Opfer n. Gebete reihen sich für alle Vorkommnisse von früh bis Abend aneinander, sür jedes Vorkommniß des gewöhnlichen Lebens ist eine bestimnite Liturgie mit den speciellsten, peinlichst genauen Vorschriften festgesetzt. Gebete bieten schon die Veden sür jedwede Gelegenheit. Unzählig sind die Waschungen, welche dem Inder zur Pflicht gemacht sind; bei jedem Tempel findet sich zu diesem Zwecke ein Teich (tnrtlla,), heiliger sind jedoch die Waschungen im Ganges, bes. an den fünf Orten, wo er sich mit anderen Strömen vereinigt (s. u. Ganges). Die wichtigste Cultus- haudlung bilden die Opfer, welche bei unzähligen Gelegenheiten stattfinden und theils blutig, theils unblutig sind. Unter den ersten gilt in den großen Epopöen das Axvamedha oder Noßopfer für eins der feierlichsten. Blutige Opfer herrschen im Sivacult, namentlich im Cult seiner Gattin Kali vor, während der Vischnnismus nur unblutige (Wasser, Öl, zerlassene Butter, Früchte, Blumen rc.) kennt. Alle Sünden, unwillkürliche wie vorsätzliche, können durch Bußen getilgt werden. Solche Bußen schreibt das Religions- gesetz für jede Kaste u. für jede Sünde besonders vor; zwölftägiges, gänzliches Fasten sühnt alle Sünden. Die vorgeschriebenen müssen geübt werden, wenn der Sünder nicht die Folgen seiner Sünde bei seinem neuen Eintritt ins Leben erfahren will. Daher gibt es in Indien eine große Menge Büßer n. Einsiedler, die bes. in der Entsagung aller Genüsse u. in gänzlicher Ertödtung des Fleisches ein Verdienst suchen u. in mehrere Klassen zerfallen. Das System der Erkenntnis;, oder die Lehre der indischen Weisen stellt als höchstes Ziel des Menschen die Vereinigung mit Gott (cko^a, d. i. Verbindung) aus; diese Lehre ist in der Vedantaphilosophie weiter entwickelt. Die Befreiung nach dem Tode ist eine zwiefache. Die Seelen, welche nicht den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht haben, kommen in Brahmas Himmel (8var§a), wo sie eines unendlich höheren Glückes als in dem Paradiese des Indra genießen, aber nach einer bestimmten Zeit zu neuer Prüsnngs- existenz zurllckkehren müssen. Hat es aber der Mensch bis zum vollständigen Anfgehcn in die Gottheit gebracht, so geht die Seele ganz in der unendlichen Seele (Lckma) auf u. ist frei von jeder neuen Existenz, im Besitz der ewigen Seligkeit. Derjenige, welcher diese Verbindung mit der Gottheit zn erreichen strebt, hieß in alten Zeiten ein Jogin. Ein wesentliches Mittel zur Erreichung dieses Ziels sind die Bußübungen oder Tapas. Aus solchen Anschauungen entwickelte sich schon sehr früh in Indien das Anachoretenleben, welches in hoher Achtung steht, aber auch zur Entartung und den abscheulichsten Mißbräuchen führte. Zu bestimmten Zeiten (Festen) vereinigen sich alle Kundgebungen des religiösen Lebens, Opfer, Gebet rc. Das Opfer für alle Götter ist das Vaiyvadeva; es besteht darin, daß man zerlassene Butter (Ghce) in die Flamme des heiligen Feuers gießt, das beständig unterhalten werden muß. Die Brahmanen müssen es jeden Morgen und Abend darbringen u. zwar zuerst dem Gott des Feuers u. des Mondes, dann allen übrigen Göttern und Göttinnen. Alle einzelnen Feste haben etwas Besonderes u. werden auch in verschiedenen Gegenden unter Abweichungen gefeiert. Außer diesen allgemein indischen Festen hat jede bedeutendere Pagode noch bestimmte Festtage. Am häufigsten besucht werden die zu Dschagarnath, Benares, Allahabad, Dvarka, Somanath, Amarakantak, Ramisseran, der See Manasarovar, Gangotri, Madura u. Bindraban. Die Inder stellen ihre Götter bildlich dar, und 713 Indische Sprachen. .zwar in grottesken und abenteuerlichen Figuren, einige mit Thierköpfen (z. B. Ganesa), andere vielgliederig (z. B. Brahma mit vier Armen) in verschränkten Stellungen nnd ansgeschmückt; das Alterthum war in dieser Beziehung noch mäßig, während es die neuere Kunst in Indien in dieser Beziehung bis znr Monstrosität gebracht hat. Die Untergottheiten werden oft in Gestalt von Thieren dargestellt (z. B. Hannman als Affe, Mundi als Stier rc.), die zum Theil den oberen Göttern als Reitthiere dienen. Die Götterbilder haben ihren Stand in Tempeln, die znm Theil in ältester Zeit Grotten (Tempelgrotten) waren, die neueren heißen Pagoden; sie sind obelisken- od. pyramidenförmig gebaut, mit prächtigen Säulen, Statuen u. symbolischen Zierlathen geschmückt, mit großen Säulenhallen u. Galerien versehen u. von ungeheueren Hofräumen umschlossen, die zahlreiche Nebengebäude für die Tempeldiener gewähren. In den Vorhäfen derselben findet sich immer das Bild eines Untergottes, das den Eintretenden entgegensteht. Den Dienst versehen die Brahmanen, deren Einkünfte in dem Ertrag von Tempelgrund- stllcken u. freiwilligen Gaben bestehen. Über vie Lebensweise derselben s. u. Brahmanen; ihre jetzige Gliederung s. u. Indien. Den Cultus verherrlichen durch Gesang u. Tanz die zwei ersten Klassen der Bajaderen (s. d.), nämlich die Devadasi nnd Nataka. Von den oben angeführten Göttern werden seit dem 10. Jahrh. oder der Zeit, wo sich der Brahmanismus nach den heftigsten Kämpfen mit dem Buddhismus regenerirt hatte, nur Vischnu, Siva, die Kali u. einige wenige andere verehrt. Die zahlreichen Sekten, in welche das indische Volk jetzt religiös gespalten ist, fallen, soweit sie noch dem Brahmanismus angehören, in die 2 Hanpt- abtheilungen der Vaishnava (d.h. Vischnu-Verehrer) u. Aaiva (d. h. Siva-Anhänger). Auch sie spalten sich wieder in viele kleinere religiöse Parteien, so die letzteren in Sri-Vaishnava, Ramanandi, Madhavatschari (Madhvcr), Vallabhatschari; von den Siva-Verehrern sind die zahlreichsten die Lingaiten (s. d.); zu ihnen gehören auch die modernen Jogin (s. d.). Zu den Verehrern besonderer Götter gehören die Ganapatja, die Anbeter des Ganesa, und die Verehrer der Salti. Eine aus dem Vischnuismus entsprungene und zum Monotheismus neigende Sekte ist die der Kabir Panthi. Der Buddhismus (s. d.), welcher von 500 v. Ehr. bis gegen 800 n. Ehr. zahlreiche Anhänger in Indien zählte, ist gegenwärtig bis auf wenige Spuren vertilgt. Eine aus der Mischung brahmanischer nnd buddhistischer Lehren entsprungene Sekte ist die der Dschaina (s. d.); aus der Mischung von brahmauischen u. mohammedanischen im 15. Jahrh. entstanden die der Sikh; auch Mischungen christlicher und brahmani- jcher Lehren sind in neuerer Zeit mehrfach vorgekommen, so die der Brahmo-Samadsch oder (Br.-Samaj, s. d.). Die Spuren des alten Glaubens der Urbewohner finden sich im Bhutadienst (s. u. Bhuta). Vgl. außer den allgemeinen Werken über Indien besonders: Rhode, Über religiöse Bildung, Mythologie u. Philosophie der Hindu, Lpz. 1827, 2 Bde.; Wilson, On tlrs rsii§ious ssots ok tüs Hinäoos (in Lsiatüs ikssearoirs», 16. u. 17. Bd.); Cole- brooke, Niaeoiiansons sosaz's, Lond. 1837, 2 Bde.; Wnttke, Geschichte des Heidenthnms, 2. Ausl., Verl. 1855, 2. Bd.; A. Weber, Akademische Vorlesungen über Indische Literaturgeschichte, Berl. 1852; Derselbe, Indische Skizzen, ebend. 1857; Muir, Original Laoserib Vsxks, 2. Ausl., Lond. 1868, 5 Bde.; eine übersichtliche Darstellung gibt Wurm, Gesch. der ind. Religion, Bas. 1874. Thiel-maim.» Indische Sprachen heißen überhaupt alle Sprachen verschiedenen Stammes, welche in Vor- dcrindien gesprochen werden; in der neueren Sprachwissenschaft bloß diejenigen J-n S., welche dem Indogermanischen Sprachstamme zugehö'ren und eine der acht Hanptfamnien desselben bilden. Dieselben werden dann auch noch genauer mit dem Namen der Arisch-indischen Sprachen im Gegensatz zu den nichtarischen oder anarischen Sprachen des Dekhan (s. d.) zusammengefaßt. Dem Alter wie der Bedeutung nach an der Spitze der ganzen Familie steht das Sanskrit (s. d.), Lessen bewunderungswürdiges Lautsystem u. vollendeter, jede grammatische Modifikation umfassender Formenbau in den abgeleiteten Sprachen um so mehr verliert, je weiter diese der Zeit nach von dem Sanskrit entfernt sind. Bis zum 9. Jahrh. v. Ehr. verbreitete sich Sanskrit als Volkssprache über ganz Vorderindien bis zur südlichen Grenze des Mahrattenlandes. Weiter südlich drang es nicht als Volkssprache, sondern a'.s Cultursprache vor, wahrscheinlich aber noch nicht um diese Zeit. Vom 9. Jahrh. v. Ehr. beginnt das allmähliche Aussterben des Sanskrit und 3 Jahrhunderte später war cs als Volkssprache schon nntergegangen n. lebte nur noch in den Brahmaschulen fort. Etwa im 3. Jahrh. v. Ehr. wurde es von dem in Kanodscha regenerirten Brahmathum als heilige Sprache in das öffentliche Leben zurllckgefllhrt, gewann als Ausdruck aller höheren geistigen Entfaltung immer mehr Boden u. hatte sich in diesem Charakter gegen das 5. Jahrh. n. Chr. über ganz Indien verbreitet; ja sogar lange noch nach der Festsetzung der Mohammedaner war es fast das einzige Darstellungsmittel für höhere geistige Entwickelungen in der Literatur. — Aus dem aussterbenden oder ansgestorbenen Sanskrit bildeten sich die älteren Volksmundarten hervor, welche im Gegensatz zum Sanskrit mit dem Namen Prakrit (s. d.) bezeichnet werden. Im engsten Sinne heißt aber Prakrit derjenige Volksdialekt, welcher in den Dramen vor allen anderen gebraucht und von allen Zeugnissen als der von Maharaschtra, dem Mahrattcnlande, bestimmt wird. Ihm zunächst steht der Dialekt Curasenas, der fast die Herrschaft mit jenem theilte. Außer diesen beiden Hanptdialekten werden noch 8 andere, jedoch in beschränkteren! Umfange, gebraucht, zu denen dann noch eine Menge untergeordneter, den niedrigsten Volksklassen in den verschiedensten Gegenden Indiens eigenthümkche Dialekte kommen. Eine andere sehr alte Prakritmundart ist das Pali (s. d.), eine Volkssprache Mittelindiens, das sich mit der Buddhistischen Religion nach Ceylon u. Hinterindien verbreitete u. zur heiligen Schriftsprache des Buddhismus ward. Das Prakrit wie das Pali besitzen beide zwar noch znm größten 714 Indische Vogelnester — Indium. Theile den materiellen Inhalt des Sanskrit, haben aber in den Lauten mannigfache Veränderungen, weniger in den Formen und noch geringere Abweichungen in Bezug auf die Wortfügung er> fahren. Auf eine dritte Stufe der Umwandlung waren die indischen Volkssprachen bereits vor dem 10 . Jahrh. gelangt, infolge der Einflüsse fremder Sprachelemente wie Entartung des eigenen Volksgcistes. Seit dieser Zeit datirt im Allgemeinen die Entstehung der neueren indischen Volkssprachen, gleichsam die Enkelinnen des Sanskrit. Man führt deren gewöhnlich 26 auf, doch ist dieses ganze Gebiet der indischen Sprachforschung noch so wenig angebaut, daß man sich auf diese Zahl nicht stützen darf. Die wichtigsten derselben sind das Hindi (s. d.) im centralen Hindustan in verschiedenen auch literarisch angewandten Mundarten; als solche sind auch die Sprachen von Bikanir, Marwar, Dschaipnr, Udaipur, sowie das Haruti, Bradschbhaka, Malawi, Bundelakhandi u.das Magadha zu betrachten; das Bengalischein Bengalen, das Mahrattische, das Gudscherati, das Uriya in Orissa. Diese fünf neuindischen Sprachen arischen Stammes haben auch eine mehr oder minder selbständige Literatur aufznweisen. Nicht ist Lies der Fall bei folgenden Sprachen: dem Asamesischen, dem Maithila oder Tirhutiya, dem Nepalesischen, dem Kosalcsischen, dem Dogusi, dem Kaschmir:, dem Pendschabi, dem Sindh, dem Wuchi oder Multani, dem Kutschi, dem Knnkuna in der Umgegend von Bombay bis südlich nach Goa. An keine bestimmte Gegend gebunden ist Las Hindustani, dessen sich namentlich die Mohammedaner in ganz Vorderindien neben ihren eigentlichen Landessprachen bedienen (s. Hindustani- sche Sprache u. Literatur). Noch gehört zu den J-n S. die Sprache der Zigeuner; das Kami auf Java und Bali enthält zwar sehr viele indische Bestandtheile, zählt aber seinem Organismus nach zu den Malaiischen Sprachen. Nimmt man die Bezeichnung I. S. im weiteren Sinne des Wortes, so gehören dahin auch noch die grundverschiedenen, einen ganz anderen u. eigenthümlichen Sprachstamm bildendenDekhanischen od. Dravida-Sprachen (s.d.), unter denen Las Tamilische, das Telugu (oder Telinga), das Canaresische, das Malajalam oder Malavarische die bedeutendsten sind. Vielleicht gehört dazu auch das Singhalesische auf Ceylon, die Sprachen einzelner Völkerreste u. Stämme in den Gebirgen des Dekhan, den Vindhjaketten und dem Himalaja, sowie im äußersten Nordosten der Bengalischen Präsidentschaft. Am bekanntesten sind die Sprachen der Gonds, Bhils, Sonthal, und anderer Stämme in Centraliudien; im Nepalesischen und anderen Theilen des oberen Himalaja werden tibetanische Mundarten gesprochen; die Sprache der Khassia nordöstlich von Bengalen ist monosyllabisch u. weist nach Hinterindien hinüber. Bis 1835 war im Angloindischen Reiche, wie im Reiche des ehemaligen Großmogul, Las Persische die Sprache der Negierung u. der Diplomatie; seitdem ist das Hindustani, als die räumlich am weitesten verbreitete indische Sprache, an dessen Stelle getreten. Jetzt wird die Verbreitung der leicht zu erlernenden u. an den Höfen und in den Handelsplätzen von dem gebildeteren Theile des Volkes auch meist schon verstandenen englischen Sprache möglichst unterstützt. Vergl. Perry, Ou tks ^svAraxblcal äistridutüou ok tlls Principal Ian§ua§ss ok Inäia, Bombay 1853. Die eigenthümliche Schrift zunächst der arischen Indier, dann auch der Nichtarier Vorderindiens, eines Theils von Hinterindien, Tibets und des Indischen Archipels ist das Devanagari (s. d.), in Europa gewöhnlich auch Sanskritschrift genannt; nur das Hindustani hat das arabischpersische Alphabet angenommen. Doch hat das Alphabet bei den verschiedenen Völkerstämmen gewisse Umgestaltungen erfahren. Abgeleitet vom Devanagari, das vorzugsweise für das Sanskrit verwendet wird, sind die Alphabete der Bengalen, Orissaer (Uriya), Mahratten u. Gudscheratis, in denen auch häufig gedruckt wird. Für den ersten Blick etwas fremdartiger erscheinen die Schriften der Tamilen, Telinga, Canaresen, Malabaren u. Singhalesen, welche jedoch ebenfalls nur Abarten des altindischen Alphabets sind. Dasselbe gilt auch von der birmanischen, siamesischen u. javanesischen Schrift. Das Tibetanische läßt deutlich den indischen Ursprung erkennen. Auch in Japan wird eine aus dem Devanagari abgeleitete Schrift gebraucht, das sog. Bon-si. Indische Vogelnester, s. Indianische Vogel- Nester. Indiskret (v. Lat.), ohne einen Unterschied zu machen, unvorsichtig, rücksichtslos; unbescheiden; nicht verschwiegen, schwatzhaft; Jndiscretion, Nichtbeobachtung schuldiger Rücksicht. Indispensabel (v. Lat.), 1) unerläßlich; 8 ) s. Schnellpresse. Jndisponirt, übel aufgelegt, unpäßlich. Indisposition, Übellaunigkeit, Unpäßlichkeit. Indium, ein in seinen Eigenschaften dem Zink n. Cadmium ähnliches Metall (Zeichen ln, Atomgewicht 75,s). Es ist von weißer, der des Platins ähnlicher Farbe n. so weich, daß es auf Papier abfärbt. «Dpec. Gew. — 7 , 42 . An der Luft verändert es sich nicht; bei 175° schmilzt es, verflüchtigt sich aber weit schwieriger als Zink; bis zur Nothgluth erhitzt, verbrennt es mit violetter Flamme u. bräunlichem Rauche. In Säure löst es sich leicht auf; ans seinen Lösungen wird es durch Zink als Metall ausgeschieden. Das Metall sowie seine Verbindungen zeigen im Spectralap- parat zwei charakteristische Linien, eine intensiv blaue u. eine weniger deutliche violette; diese Eigenschaft führte zu seiner Entdeckung durch Richter n. Reich in Freiberg (1863) u. verschaffte ihm seinen Namen. Es findet sich in äußerst geringer Menge ( 0,1 °/o) in gewissen, namentlich sächsischen Zinkblenden u. in dem daraus darge- gestellten Zink. Man stellt es aus dem beim Auflösen dieser Zinksorten in verdünnter Schwefelsäure rückständigen Schlamme, der neben I. noch Kohle, Blei, Arsen, Kupfer, Cadmium, Zinn u. Eisen enthält, auf ziemlich umständlichen Wege dar (Annalen der Chem. und Pharm. Bd. 158, S. 372; Journal f. prakt. Chem. Bd. 107, S. 39). — Jndiumoxyd (Ii^Og) ist ein gelbes, nicht flüchtiges, unschmelzbares Pulver, das beim Erhitzen vorübergehend braun wird; es entsteht beim Verbrennen des Metalls, sowie beim Glühen Jndwwuciliftren — Jndogcrmanischc Sprachen. 71L von salpeters. od. kohlcns. I. — Jndiumchlorid bildet sich in Form von weißen, zer- fließlichen Krystallblättchen, wenn man I. in einem Strome von trocknem Chlorgase erhitzt. — Schwe- sclsanres I. (J-sulfat) erhält man als weißes, in Wasser leicht lösliches Pulver, wenn man I. in verdünnter Schwefelsäure löst u. die Lösung zur Trockne abdampft. Hetzer. Jndividunlisire» (v. Lat.), einzeln betrachten, auf eine Einzelheit anwenden, s. u. Individualität 2). Daher Jndividualisation, 1) Betrachtung im Einzelnen; 2) rhetorische Figur, wenn man einen Begriff und dgl in seine Arten od. Theile auflöst. Individualismus das Bestreben, das Individuelle als maßgebend geltend zu machen od. das > Allgemeine dem Individuellen unterzuordnen; dann auch diese Unterordnung selbst. Individualität (v. Lat.), 1) eigentlich was von einem Dinge od. Wesen nicht abgetrennt werden kann, wenn es nicht in seiner Existenz als besonderes Wesen aufhören soll, dann überhaupt 2) das Sein eines Wesens, sofern es als ein von dem Sein anderer Wesen geschiedenes sich darstellt. In so fern das Wesen für sich besteht u. Integrität hat, ist es ein Individuum. Die I. umsaßt die allgemeinen u. besonderen Merkmale, die einem Wesen zukommen, jedoch nennt man die Summe der letzteren gewöhnlich die I. od. die Eigenthümlichkeit eines Wesens. Organismen haben in ihrer Organisation die Bedingungen ihrer I., u. bei ihnen fällt der Charakter der I. mit dem ihres Lebens zusammen; bei Nichtorganismen knüpft sich die Vorstellung der I. an den Charakter, der zunächst den Begriff eines Objectes bildet, u. an dessen Zweck. Individuation (v. Lat.), bei den Scholastikern der Grund, wodurch etwas ein Individuum wird. Individuell (v. Lat.), 1) einzeln, für sich bestehend; 2) bes. einem Dinge untheilbar u. unzertrennlich angehörend, sein besonderes Wesen bildend, seine Eigenthümlichkeit ausmachend. Indochinesische Völker u. Sprache» nennt man mit einem gemeinschaftlichen Namen die Bewohner u. Sprachen Hinterindiens od. der Indochinesischen Halbinsel. In ethnologischer Beziehung gehören diese Völker, ausgenommen die Malaien ans Malakka, mit den Chinesen zu ein und derselben Rasse, auch tragen ihre Sprachen den monosyllabischen Charakter, allein nur die Gebiete von Annam od. Cochinchina erhielten ihre Cultur aus China, dagegen die Birmanen, Siamesen u. Laos wenigstens durch den Buddhismus ausJndien. Drei Völker, die Annamiteu, die Siamesen (Thai od. Shan) u. die Birmanen haben es zu einer gewissen Civilisation gebracht u. eine nationale Literatur anfzuweijen. Den Osten der Halbinsel bewohnen die Annamer od. Annamiteu, deren Sprache in drei Hauptdialekte zerfällt und die sich einerder chinesischen Schriftnachgebildetenideograph. Schriftgattnng bedient. Die Stromgebiete des Menam, des oberen Mekhong und des oberen Saludn werden von den Shauvölkern bewohnt, unter denen die Thai od. Siamesen u. die vielfach gespaltenen Laos die bedeutendsten sind. Den Westen endlich od. die Küstenlandschasten, sowie die Stromgebiete des Jrawaddi u. unteren Saluön bewohnen VölkerbirmanischenStammes (Mranma), unter denen die eigentlichen Birmanen jetzt die herrschenden sind. Die anderen Mranmavölker sind die Rakain in Arakau, die gesitteten Talain in Pegu, die Khyen in den Gebirgen von Arracan, die Karen in den Wäldern von Unterbirma, Pegu n. Tenasserim, die Dan und die Tavoy. Über die Verwandtschastsvcrhältnisse mehrerer kleinerer Völker, die im Norden Birmas, dem Inneren der Laosgebiete bis nach der chinesischen Provinz Jünnan hinein in ziemlich rohen Zustande leben, läßt sich bis jetzt nichts Bestimmtes angeben. So die Singh-pho am oberen Jrawaddi, Lawas (woraus der Name Laos), die Kuki und Naga im Nordwesten Birmas u. a. m. Die Khamti im nördlichen Birma gehören zu den Shanvöl- kern. Man vgl. Schotts akadem. Abhandlg. Über die s. g. Jndo-Chines. Sprachen, insonderheit die Siamische (Berl. 1856) und Die Cassia-Sprache im nordöstl. Indien (nebst Berichtigungen zu elfterer, Berl. 1859). Schott. Indo-europäische Telegraphen - Gesellschaft (Inäo - Luropoau lllelsArapü Oomxan^), eine 1868 gegründete u. 2. Jan. 1870 dem Verkehr geöffnete Telegraphen-Verbindung 1) zwischen London u. Teheran in Persien, wo sie zwei Anschlüsse nach JnLienfindet; Zwischenstationen in Emden, Berlin, Warschau, Schitomir, Odessa, Kertsch, Suchum Kaleh, Tiflis u. Tauris; 2) zwischeuLondou u. Indien über Suez u. Aden. Die Zeitdauer einer Depesche für die ganze Strecke beträgt H—3 Stunden; monatlicher Verkehr etwa 4000 Depeschen (April 1877: 4219). Schroot. Indogermanische Sprachen ist der gemeinsame Name einer großen Anzahl von durch Urverwandtschaft unter einander verbundenen Sprachen, die in ihren Verzweigungen sich über einen ansehnlichen Theil Asiens, fast ganz Europa, sowie von da aus nach Amerika und Australien und Theilen Afrikas verbreitet haben. Man hat sie auch unter dem sonst specieller aufgefaßten Namen ArischeSprachen, auch unter demJndoeuropäi- sche od. Japhetische Sprachen zusammengefaßt. Der weitverzweigte Sprachstamm spaltet sich in eine Anzahl Gruppen, deren Sprachen unter sich in näherer Verwandtschaft in Beziehung auf bestimmte lautliche u. formelle Verhältnisse stehen, bei allen Gruppen übrigens schon in den ältesten Zeiten in verschiedene, durch gewisse lautliche Eigenthümlich- keiten sich unterscheidende Dialekte zerfallen; diese Gruppen lassen sich mit Sicherheit unterscheiden: 1) die Indische mit dem alten Sanskrit an der Spitze, dem Prakrit u. Pali schon in alter Zeit u. die ganze Reihe nenindischer Sprachen in späterer folgen (s. Indische Sprachen). 2) die Iranische mit Zend u. Altbaktrisch als ältesten Zweigen bis zu der Sprache der heutige» Perser, Kurden u. A. (s. Iranische Sprachen). Zu ihr steht das Armenische (s. d.) in einem etwas weiteren Verwandt- schaftsverhältniß. Diese beiden asiatischen Zweige der J-n S-n werden oft auch unter dem gemeinsamen des Arischen (vgl u. Arier) znsammengefaßt; zwischen ihnen steht, nach beiden hin Anknüpfungspunkte bietend, das Afghanische (s. d.). 3) Die Griechische mit ihren Dialekten bis zum noch 716 Indogermanische Sprachen. heute lebenden Neugriechischen (s. Gricch. Sprache). 4) Die Italische' in zwei Hauptadtheilungen, dem zur Gelehrtensprache gewordenenLateinischcn u. dem Umbrisch-Samuitischen (s. Jtal. Sprachen); ans der lateinischen Vulgärsprache gingen in nachchristlicher Zeit die noch heute blühenden Romanischen Sprachen, Italienisch, Spanisch,Portugiesisch, Französisch n. A. hervor (s. Romanische Sprachen). 5) Die nur in noch geringen Resten erhaltene Keltische in den Abtheilungcn des Kymrischen u. Gaelischen (s. Keltische Sprachen). 6) Die Letto- slavische mit den beiden Hauptzweigen des Lettischen (Alipreußisch, Lettisch, Lithauisch) und des Slavischen (Altbulgarisch, Russisch, Polnisch, s. Slavische Sprachen). 7) Die germanische, zerfallend in den nordgermanischen u. südgermanischenZweig mit ihren zahlreichen Unterabtheilungen (s. Germanische Sprachen). Diesen wird noch mit minderer Sicherheit angereiht 8) die Thrako-illyrische, schon im Alterthnm frühzeitig ausgestorben u. bei dem Mangel an Denkmälern wissenschaftlich noch nicht näher bestimmbar, in welche die fast vollständig verlorenen Sprachen der Thraker, Dacier, Getcn, Makedonier, von illyrischen Stämmen der Veneter n. Libnrner u. die noch erhaltene aber in Betreff ihrer Stellung noch nicht mit völliger Sicherheit aufgeklärte Sprache der Albanesen (s. Alban. Sprache) gerechnet werden. Diese 7 od. 8 großen Sprachgruppen, deren jede wieder in eine Anzahl von znm großen Thsil erst in historischer Zeit gebildeten Einzelsprachen zerfällt, sind sämmtlich Abkömmlinge einer einzigen Muttersprache, deren allgemeiner Charakter nur noch ans der Gesammtheit ihrer Töchter sich aus wissenschaftlichem Wege reconstruiren läßt. Da die ältesten uns erhaltenen Denkmäler der einzelnen Gruppen sehr verschiedenen Zeiten entstammen (während die der indischen gegen 2000 v. Chr., die der iranischen u. griechischen bis 1800, die der italischen noch bis ungefähr 500 v. Chr. sich erstrecken, reichen die der germanischen u. slavischen nicht bis an Chr. Geb. u. kommen die der keltischen nicht bis über das 9. Jahrh. n. Chr.), so zeigen die einzelnen Gruppen u. in höherem Maße noch die einzelnen Sprachen sehr große Verschiedenheiten sowol in der lautlichen als formalen Gestaltung der Wörter, so daß die Erkennung von deren Verwandtschaft u. die Zurückführung auf die ursprünglich einheitliche Form nur auf streng wissenschaftlichem Wege möglich ist. Diejenige Gruppe, welche die meiste Ähnlichkeit mit der Ursprache bewahrt hat, ist das Sanskrit, namentlich in seiner ältesten Gestalt, den Veden, weßhalb sie auch oft irrthümlich für die Ursprache gehalten worden ist. Die Verwandtschaft beruht nicht etwa auf einem Gleichklang der Worte, der im Gegen- theil nur beweist, daß das betreffende Wort ans einer Sprache entlehnt worden ist (wie z. B. das den meisten europäischen Sprachen gemeinsame Elephant zunächst dem griechischen, ebenso Admiral dem arabischen rc.), sondern auf einem allen gemeinsamen rückwärts zu erschließenden Schatz von Sprachwurzeln, aus denen nach einem einheitlichen Gesetz die Wortformen sich bildeten, auf dem gemeinsamen Charakter der Wortbildung u. Flexibilität, indem die Bezeichnung des BeziehungS- ausdrncks durch Veränderung, d. h. Steigerung des Wurzelvocals u. die Anfügung von Bezieh- ungslanten, die urspr. selbst Wurzeln waren, geschieht u. auf einem gemeinsamen ursprünglichen Wortschätze, der nach bestimmten lautlichen Gesetzen in Len einzelnen Sprachgruppen verschiedene Formen angenommen hat. Während das Erste, die Gemeinsamkeit der Wurzeln, nur ein abstra- hirtes Resultat der Wissenschaft ist, so finden sich dagegen von dem zweiten, der nrsprllngl. gleichen Flexion, auch in den so abgeschlifsenen Formen der jetzigen Sprachen noch zahlreiche Spuren der einstigen Identität. Am deutlichsten kenntlich wird aber die urspr. Verwandtschaft bei Betrachtung des allen gemeinsamen Wortschatzes, namentlich in Bezug aus Zahlwörter, Pronomina u. eine Anzahl concre- ter Begriffe, so Verwandtschaftsnamen, Bezeichnung der Hansthiere u. Hausgegenstände, sowie der am meisten ins Auge fallenden Naturelemente, z. B.: Sanskrit: tvam, ckva, saxta, instar, Persisch: tum, äva, Irapta, matar, Griechisch: ov, üvo, aerra, Lateinisch: tu, äno, ssxbsm, ms-ter, Keltisch: tu, äan, ssebt, matstair Slavisch: tu, äiva, ssämi, matsr, Libanisch: tn, ciu. ssptzmi, motsr, Gothisch: tim, tva, sibnn, ? Neuhochdeutsch: än, srvsi, sieben, mutter. Der Indogermanische Sprachstamm ist durch die Ausdehnung seiner Produktivität, durch die ausgedehnte Fähigkeit der Wortbildung, durch die Eigenschaft, durch die Veränderungen des Wurzelvocals in Verbindungen mit den Affixen die feinsten Nüancirungen des Begriffs herauszubringen, der vollendetste unter den Sprachen der Erde; ihm sind auch nicht allein die reichhaltigsten sondern auch die am meisten sich der elastischen Vollendung nähernden Literatnrwerke entsprossen (vor Allen der indischen u. griechischen Gruppe). Einzelne Gruppen allerdings (so die keltische n. lettische), haben sich nie zu einer gewissen Höhe emporschwingen können u. fmd einem langsamen Absterben anheimgefallen. Über eine gewisse Verwandtschaft mit anderen Sprachstämmen, die namentlich mit dem Semitischen, in weiterer Beziehung also auch mit dem Hamitischen, behauptet wird, ist dis Untersuchung noch nicht so weit vorgerückt, daß ein sicheres Ergebniß dargestellt werden könnte (vgl. u. Sprache). Ebenso ist die Frage nach den näheren Verwandtschaftsgraden, in denen die einzelnen Gruppen der J-n S. stehen, noch dunkel u. der Gegenstand vieler widersprechender Ansichten. Sicher ist nur eine engere Gemeinschaft der indischen und iranischen (der speciell arischen oder indo-persischen) Gruppe, ziemlich sicher auch die der germanischen u. letto- slavischen, bestritten, ob die italische in näherer Verwandtschaft mit der griechischen (die allgemeine frühere Ansicht) od. der keltischen steht. Mit der Beantwortung dieser Fragen hängen zugleich die Hypothesen über den ursprünglichen Wohnsitz und die Wanderungen der sie sprechenden Völker zusammen (Näheres s. u. Jndogsrman. Völker). Die Erkenntnis) des gemeinsamen Baues der J-n S. wurde erst ermöglicht durch die Ende des vorigen Jahrh. beginnende Bekanntschaft mit dem Sanskrit n., nachdem schon mehrfach ahnungsvoll 717 Indogermanische Völker oder Judvgcrnianen. darauf hingewiesen war, zum erstenmal wissenschaftlich begründet durch Fr. Bopp in seinem Eon- jugationssystem, Berl. 1816, später in seiner Vergleichenden Grammatik, 3. Anfl., Berl. 1871 ff., 3 Bde. An ihnen hat sich die Wissenschaft der vergleichenden Sprachforschung entwickelt, die seitdem durch eine ganze Reihe Vertreter in feste Bahnen gelenkt worden ist. Ihr Organ ist sür Deutschland die Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung von Kuhn n. Aufrecht (Berl. seit 1851), mit der seit 1877 die früher separat erscheinenden Beiträge zur vergleich. Grammatik der Indischen, Keltischen und Slavischen Sprachen verschmolzen sind. Eine für weitere Kreise berechnete Darstellung des lautlichen u. grammatischen Systems der J-n S. findet sich bei Schleicher: Die deutsche Sprache, Stuttg. 1873. Thiele,»mm. Indogermanische Völker oder Jndoger- Manen (Arier, Jndoeuropäer, Japhetiten), ist der gemeinsame Name sür alle diejenigen Völker, deren gemeinsamer Ursprung u.somitnähere od. weitere Verwandtschaft durch die Verwandtschaft der von ihnen gesprochenen Sprachen (s. Jndogerman. Sprachen) bewiesen ist. Zu ihnen gehören der größte Theil der Bewohner Indiens, die Perser, Armenier, Kurden in Asien; die Bulgaren, Serben, Rumä- nier, Albanesen in der europäischen Türkei, die Nüssen, überhaupt die Völker Europas durchgängig mit Ausnahme der Magyaren, der Finnen, Ehsten, Liven u. Lappen u. der Türken, endlich die von Europa ans ausgewanderten Colonisten ».Eroberer in SAfrika, N- u. SAmerika n. Australien. Auch physisch unterstützt diese aus den gemeinsamen Ursprung der Sprachen gegründete Verwandtschaft der übereinstimmende Besitz der Rassenmerkmale der mittelländischen Völker, wenngleich, durch die Länge der historischen Entfaltung u. durch die vielen Kreuzungen bedingt, im Einzelnen starke Verschiedenheiten sich entwickelt haben. Daneben ist zu beachten, daß der Begriff der mittelländische» Rasse, zu der gewöhnlich die sprachlich verschiedenen semitischen u. hamitischen, sowie die kaukasischen Völker noch gerechnet werden, ein wissenschaftlich noch nicht genau abgegrenzter u. sestgestellter ist. Die wissenschaftlich durchgeführte Zurücksllhrung aller der von den J-n V-n gesprochenen Sprachen auf eine gemeinsame Ursprache liefert den Beweis, daß in einer längst vergangenen Epoche in irgend einem Theile Europas od. Asiens ein Stamm gelebt habe mit einer noch unvollkommenen Sprache u. mit einer noch in der Entwickelung befindlichen Cultur, von dem alle die meist in der Geschichte bedeutend hervvrtretenden Völker (zunächst nach Len großen Sprachgruppen zusammengefaßt die Inder, Jrauier oder Perser, Griechen, Italiker, Germanen, Letto-Slaven u. Germanen) mit ihren so reich entwickelten Sprachen herstammen. Neben diesem sicheren, allgemeinen Ergebniß sind jedoch über das Einzelne die Ansichten durchaus getheilt und hypothetisch. In den Traditionen aller der betreffenden Völker findet sich keine Andeutung einer alten Heiniath in einem anderen Lande, einer Wanderung in die historischen Wohnsitze; Zeit und Ort der Vorgeschichte zu bestimmen ist allein durch die Rückschlüsse der Sprachforschung, durch die Aufhüllung der Sprachgeschichte möglich. Liegt in Betreff der Zeit eine genauere Feststellung überhaupt außerhalb der Grenzen des Erreichbaren und muß man sich bescheiden, sie nicht unter das Jahr 3000 zu setzen, so sind in gleicher Weise in Betreff des Ortes die verschiedensten Ansichten ausgestellt u. angenommen worden. Nach der gewöhnlichen Annahme sucht man in Asien die Wiege der J-n V-familie u. schwankt dort zwischen der Hochebene Pamir, zwischen dem Lande an den Abhängen des Hindnknsch, zwischen dem alten Baktrien u. (vielleicht mit mehr Wahrscheinlichkeit) den Abhängen zu beiden Seiten des Kaukasus an dem Schwarzen u. Kaspischen Meer; neuere Forscher haben dagegen in Europa, in SRußland (Volhynien u. Podolien), auch im mittleren und westl. Theil von Deutschland den llrsitz zu entdecken versucht. Die Mehrzahl der Sprachforscher neigt der asiatischen Heimath zu, ohne daß bis jetzt übrigens der Sprachforschung es möglich gewesen ist, ein entscheidendes n. über unbestimmte Hypothesen hinausgehendes Urtheil zu fällen. Ebenso schwankend u. unsicher sind damit im Zusammenhang die Annahme über den Gang der Wanderung u. über den Zeitpunkt der Trennung, mit anderen Worten über die weitere od. engere Verwandtschaft der einzelnen Bölkerzmeige. Der früher gewöhnlichen Anschauung, nach der von dem gemeinsamen llrvolk zuerst die beiden asiatischen Zweige, die Jndoperser, sich trennten und nach O. zogen, während die europäischen, ansäng- lich noch vereint, später in zwei Hanptabtheilun- gen getheilt nach W. zu Europa bevölkerten, die einen, Kelten, daun Germanen, dann Slaven nördl. um Las Schwarze Meer gehend, die anderen, Italiker u. Griechen, über das Ägäische Meer u. von da weiter dringend — dieser Anschauung ist in neuerer Zeit, aus sprachliche Gründe gestützt, eine andere entgegcngetreten, welche zuerst ans den: Urvolke eine nördliche Abtheilnng, die Slavo- deutschen, die sich später in Germanen einerseits n. Slaven u. Letten anderseits spaltete, ansschei- üen läßt; ans der zurllckbleibenden südl. Abtheil- nng trennten sich daun zuerst die nachher in Inder u. Perser gespaltenen Jndoperser od. Arier u. die Gräko-Jtalo-Kelten und von diesen letzteren schieden zuerst die Griechen aus od. gingen später erst die Italiker u. Kelten zu besonderen Völkern auseinander. Darnach wäre die Wanderung der Kelten auf durchaus anderem Wege anzunehmen, wie überhaupt ihre Stellung eine wesentlich andere. Auch diese Hypothese hat vielen Widerspruch erfahren u. hat man in neuester Zeit vorläufig es aufgegeben, weitere Hypothesen ausznstellcn, einer methodischeren und genaueren Durchforschung des Sprachschatzes es überlassend, die näheren Verhältnisse festzusetzen. Neben der Thatsache, daß die Wanderung der einzelnen Stämme in das Land, in dem sie in historischer Zeit sich später zu historischer Bedeutung aufschwangcn, in vorhistorischer Zeit erfolgte, ist als fast allgemein angenommene Hypothese zu verzeichnen, daß eine nähere Verwandtschaft, somit eine spätere Trennung einmal zwischen Indern u. Persern, dann zwischen Letten (Lityanern) u. Slaven erweislich erscheint; weitere verwandtschastlicheBeziehungenzwischen denSlavo- letten u. Germanen, ferner zwischen Griechen u. 718 Indolent — Italikern sind, obwol vielfach behauptet, noch streitig u. dunkel. Ein bei weitem genaueres u. sichereres Bild läßt sich dagegen über den ältesten Cultnrznstand desJndogermanischenVolkes anfGrund desgemein- samen Wortschatzes geben. Ackerbau (der Bau von Gerste) und Viehzucht (das Pferd, Rind, Schaf, Schwein, Hund als Hansthiere), waren ihm schon bekannt u. dienten zur Beschäftigung; es verstand den Ban von Häusern und die Anfertigung von Ruderbooten u. kannte schon den Gebrauch des Speers u. des Bogens u. die Bearbeitung einiger Metalle. Gegen den Bär u. den Wolf wehrte es sich als gefährliche Thiere. Zeigt schon dieses einen über deu rohen Urzustand und das unstete Nomadenleben emporragenden Standpunkt, so »er- rathen die ursprüngliche geistige Anlage noch mehr die Durchführung des Zahlsystems bis zu 100, die in der früheren Feststellung der verschiedenen Verwandtschaftsgrade sich darlegende Entwickelung des Familienlebens u. der dem Geistigen sich nähernde Dienst personificirter Naturmächte. Von einem staatlichen Leben dagegen finden sich keine Spuren. Dies ist in flüchtigen Umrissen das Bild des Ur- volkcs, aus dem sich die mächtigsten Culturvölker der Erde entwickelt haben, deren Angehörige alle» Lings im Lause der Geschichte derartigen Einflüssen unterlegen sind, daß die jetzige Verwandtschaft fast nur noch auf den allgemeinen Grundlagen der uralten Gemeinsamkeit beruht, z. B. der Engländer u. der von ihnen beherrschten Inder (Weiteres über die geistige Anlage u. Sitten der einzelnen Völker s. d. Art. über diese). Aus der sehr- reichhaltigen Literatur vgl. bes. Pictet, Iwo Origi- nos Incko - blrrroxsennss, 2 Bde., Genf 1862; Whituey-Jolly, Die Sprachwissenschaft, München 1874 Thielemcmn. Indolent (v. Lat.), 1) unempfindlich, gefühllos, gleichgiltig; 2) träg. Indolenz, Gefühllosigkeit, Gleichgiltigkeit, Trägheit. Indol, s. u. Indiz II. v. b. Jndor (Jndore, Jndur), 1) den Engländern tributärer Vasallenstaat in Vorderindien, administrativ der Prov. Centralindien zugetheilt, gelegen in verschiedenen Parcellen in dem Stufenlande Malwa, von Zügen der Vindhja-Gebirges durchschnitten u. streckenweise von der Nerbndda u. dem Tschnmbul bewässert. Der Boden ist sruchtbar u. für Gewinnung von Getreide, Zucker, Tabak u.Opium sehr geeignet, aber noch verhältmßmäßig wenig angebaut; 21,000 dsirm mit 635,450 Ew., meist Hindu, zum Theil Gond u. Bhil. 2) Hauptst. darin, in einer 600 m hohen Ebene, Sitz des Fürsten u. englischen Residenten, schlecht gebaut u. schmutzig, etwa 15,000 Ew. — Der im Innern fast unumschränkte Fürst(Maharadscha) von I., der den Titel Holkar führt (daher sein Reich oft Staat des Holkar genannt wird) ist, wie seine vornehmsten Diener, ein Mahratte. Seine Familie setzte sich allmählich in den Besitz des bis dahin dem Großmogul gehorchenden Landes mit Mnlhar Rav, ursprüngl. einem Landmann, dann Soldat, der von Peischwa 1728 für seine Unterstützung mit einem Stück an der Nerbndda beschenkt wurde. Bis zu seinem Tode 1767 war er erfolgreich auf Vergrößerung bestrebt. Nach ihm herrschten blutige Thronstreitigkeiten, aus denen Dscheswant Rao Indossament. als Sieger hervorging, der im Besitz einer bedeutenden Macht 1802 den Peischwa bei Puna besiegte, sich 1803 eines Angriffs der Engländer unter Monson glücklich erwehrte, weit überfeinen Staat hinaus verheerende Plllndernngszüge machte u. erst durch die Schlacht von Farrakhabad 17. Nob. 1804 znrückgeworfen wurde. Der Vertrag von Amritsir 1885 ließ ihn in ungestörtem Besitz seines Territoriums. Erneute Palaststreitigkeiten nach seinem Tode führten zu weiterer Einmischung der Briten, welche nach dem Sieg bei Mahidpur 21. Der. 1817 durch den Vertrag von Mandesur 1818 den Staat zu einem Lehnsstaat mit der Verpflichtung eines bestimmten Tributs u. Stellung eines Contingents machten, die Aufnahme von Nichtbriten untersagten, die innere Verwaltung unberührt lassend. Gegenwärtig herrscht Mulkerdschi Holkar, 1852 erhoben, der sich während des indischen Aufstandes als zuverlässiger Anhänger der Engländer bewiesen hat. TM-mann. Judos (a. Geogr.), Fluß, so v. w. Indus. Jndoskythen, bei den Alten der Name für die nach Indien um Ehr. Geb. vordringenden Stämme turanischer Abkunft (s. Indien, Gesch. n. Juditchi.) Davon Jndoskythia Las Land am Indus. Indossament (Judossirnng, ital. Illäoaso), die Übertragung der auf Grund eines ausgestellten Wechsels dem übertragenden Wechselinhaber (Indossant) zustehendenWechselrechte auf einen Anderen (den Indossaten od. Indossatar). Das I. geschieht durch eine auf dem Rücken des Wechsels od. der Monge angebrachte vom Indossanten Unterzeichnete Erklärung: Für mich an Herrn N. (Name des Indossatars), zuweilen mit dem Zusatz: oder dessen Ordre. Doch ist nicht einmal der Name des Indossatars nothwendig, so daß die Ausfüllung desselben Demjenigen, welchem der Wechsel übergeben wurde, überlassen wird (Blanco- I., Inckosaamsotum in bianvo). Das I. ist keine bloße Cession des Wechsels, sondern bildet für sich einen eigenen Wechselvertrag, eine neue Tratte, die sich nur an den Inhalt der alten Tratte anschließt. Der Indossatar erhält dadurch zunächst gegen den Trassaten n. Acceptanten des Wechsels ganz die Rechte seines Indossanten, u. zwar ganz nach eigenem Rechte, so daß ihm Einwendungen, welche letzterem gegen die Person des Indossanten zustehen, nicht entgegen gestellt werden können. Dies erleidet nur eine Ausnahme bei dem I. in proonra oder zur Einkassirung, welches aber ausdrücklich bemerkt sein muß. Außerdem hat aber der Indossatar auch gegen den Indossanten u. alle Vormänncr desselben das Recht des Regresses, wenn der Wechsel seiner Zeit nicht eingslöst werden sollte, es müßte denn das I. mit dem besonderen Zusatze: Frei von Obligo, erfolgt sein, in welchem Falle dieser Regreß allerdings gegen den, welcher mit solcher Erklärung indossirte, wegfällt. Jeder Indossatar kann nämlich auch, wenn er den Wechsel nicht bloß als Procurist od. zur Einkassirung in Händen hat, auch weiter in- dossiren, u. damit noch mehr Personen in den Wechselvertrag aufnehmen. Eine Beschränkung der Zahl der J-e eines Wechsels kommt gemeinrechtlich nicht vor, nur in einzelnen Particularrechten 719 Jndossiren — Jndre-et-Loire. war früherhin eine solche Beschränkung vorgeschrieben. Bgl. Mg. Deutsche Wechselordnung Zs 9—17. Jndossiren, s. Indossament. Indra (Dewa-J., Dewandren, ind. Myth.), Haupt aller von der Trimurtis (Brahma, Vischuu, Siva) unabhängigen niederen Gottheiten, unter denen sich die 8 Welthüter (Lokapalas) besonders auszeichnen, welche die 8 Welttheile beschützen. Den Vorsitz unter ihnen führt I., der Herr des gesammten Himmelskreises mit allen seinen Ge- stirnen, woher auch seine vielen Beinamen, wie Sahasradris, d. i. tausendäugig, mit Bezug aus die Sterne, Vadschradharas, d. i. Donnerkeiltragend, Divaspatis, d. i. Herr des Himmels. Seine Wohnung u. Residenzstadt Amaravati, d. i. die Unsterbliche, mit einem prächtigen Palaste, Vaiadschyama, d. i. siegreich, und Garten Nar- üana, L. i. lieblich, wird im Osten gedacht; sein Vehikel ist der Elephant Airavata, zugleich Thürhüter des Himmels, oder der leuchtende Donner- wagen, gezogen von 10,000 Rossen und gelenkt von Matali; seine Waffe ist der Donnerkeil, sein Bogen der Regenbogen, genannt Jndrajudha, d. i. J-s Waffe; seine Gemahlin Jndrani heißt gewöhnlich Satschi. Abgebildet wird I. mit rother Farbe entweder mit seiner Gemahlin im Para- diese ruhend, oder auf dem leuchtenden Donnerwagen fahrend, od. aus seinem Elephanten reitend, den Leib mit Augen bedeckt, Donnerstrahl und Bogen in der Hand haltend. Als Oberhaupt der guten Genien lebt er in beständigem Kampfe mit den Asuras, den Götterfeinden oder Dämonen, n. muß ihnen oft unterliegen. «- Judragiri, der größte Fluß der Sunda-Jnsel Sumatra, entspringt im Hochland Menang-Kabau n. mündet an der OKüste in einem Delta. Sein fruchtbares Thal bildet einen Theil des einheimischen gleichnam. Reiches, das unter niederländischer Hoheit steht. Judraprastha, alte Hauptstadt der Pandu an der Jamuna, an der Stelle des heutigen Delhi (s. d.). Jndrapura, I) Berg auf der Westseite der Sunda-Jnsel Sumatra; 2500 m hoch; unweit davon am Meer das gleichnam. Vorgebirge und die Mündung des gleichnamigen Flusses, eines größeren der Westküste. 2) Das früher bedeutende Reich I. dort, mit der Hauptstadt gleichen Namens, ist jetzt der niederländischen Residentie Padang unterstellt. Jndrawati (Jnderaotee), linker Nebenfluß des Godavary in Vorderindien, der in den Ost- Ghat entspringt u. in südwestlicher Richtung durch eine wilde, waldreiche Landschaft fließt. Wegen Wasserfällen nicht schiffbar. Jndre, 1) ein 245 icm langer Nebenfluß der Loire im mittleren Frankreich; entspringt an der Südgrcnze des Dcp. Cher auf dem Plateau von Bonssac, tritt bald darauf in das Dep. I. ein, welches er in nordwestlicher Richtung durchfließt u. in 2 fast gleiche Hälften theilt, geht über in das Departement Jndre-et-Loire, wird von Loches an schiffbar und mündet in 2 Armen westlich von TourS. Nebenflüsse: Jgneraye, Vanvre, Jndrois ul a. 2) Departement im mittleren Frankreich, aus Nieder-Berry (d. i. aus dem westl. Theile dieser ehemaligen Provinz) u. aus kleinen Theileu von Orleanais u. Marche gebildet,' grenzt im N. an das Dep. Loir-et-Cher, im O. an Cher, im S. an Creuse u. Haute-Vienne, im SW. an Vienne u. im NW. an Jndre-et-Loire; 6795,g Hsüm (123,t HsM) mit 277,693 Ew. (auf 1 slslcm 41, in ganz Frankreich 68,g). Das Departement ist fast eben, hat schöne Wiesen u. Waldungen, doch im O. auch Heidegegend (kaz^s äs 6Iiamxa§ns), zwischen I. und Cher Snmpfland (?a^s äs Lrsnns, im Sommer mit schädlichen Ausdünstungen) und im S., wo einzelne Erhebungen bis zu 300 m Vorkommen, sandigen und an Kieselsteinen reichen, meist unfruchtbaren Boden (i?a^s äs Lois-Lürauä). Der Boden ist nur zum kleinsten Theile fruchtbar, liefert aber Getreide über den eigenen Bedarf. Flüsse: Creuse mit Bouz- anne, Jndre, Cher u. a. Nur die Orleansbahn durchschncidet das Departement mit 102 km. Vom Gesammtareal sind 372,039 Ira Ackerland, 91,882 da Wiesen, 17,556 ira Weinberge, 72,730 Im Waldungen und 72,665 Im Heiden. Prodncte: Getreide, Wein (von nur mittelmäßiger Qualität), Hanf, Kastanien, Obst, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Holz; Schafe, Rindvieh, Pferde, Schweine, Esel, Maulesel, viel Geflügel, namentlich Gänse und Truthühner, Wild; Eisen, lithographische u. Mühlsteine, Marmor, Kalk, Gips, Porzellanerde, Torf rc. Die Industrie liefert Eisen, Tuch, Leinwand, Strumpfwirkerwaaren, Baumwollen- u. Wollenzeuge, Leder, Pergament, Papier, Tabak, Porzellan, Töpfergeschirr rc. Der Gesammtwerth der industriellen Prodncte beträgt jährlich etwa 49 Will. Frcs. Volksbildung: 1872 gab es unter 100 Bewohnern über sechs Jahre 56,g Ununterrichtete, in ganz Frankreich 33,i. An höheren Lehranstalten bestehen im Dep. ein Lyceum, 2 Communal-Colleges u. 4 freie Se- cundärlehranstaltcn. Eintheilung in die vier Arrondissements Chateauroux, Jssouduu, La Chatre u. Le Blanc. Hauptstadt ist Chäteauroux. Das Departement umfaßt 23 Cantone und 245 Gemeinden gehört zum Erzbisthum Bourges, zum Appellhofe von Bourges und zur Akademie von Poitiers. H- Berns. Jndre-et-Loire, 1) Departement im mittleren Frankreich, gebildet aus der ehemaligen Provinz Touraine u. kleinenTheilenvon Orleanais,Poitou u. Anjou, grenzt im N. an die Dep. Loir-et-Cher u. Sarthe, im W. an Maine-et-Loire, im SW. u.S. an Vienne, im SO. an Jndre u. im O. an Loir- et-Cher; 6113,, Hjlcm (111,og lüM) mit 317,027 Ew. (auf 1 ssjüm 52, in ganz Frankreich 68,z). Das Departement ist meist niedrig, hat einige Höhrnzüge und auch einige Seen (im NW. die Seen von Rille u. a.) und Sümpfe. Es wird durchflossen von der Loire, die hier den Jndre, Cher, die Vienne mit der Creuse (mit Claise) u. die Brenne aufnimmt, u. durchschnitten von verschiedenen Linien der Orleansbahn (zusammen mit 238 üm). Der Boden ist ungemein fruchtbar, das Klima mild (deshalb Garten von Frankreich); doch gibt es auch einige Heidestrccken u. sonstige weniger fruchtbare Gebiete, wie die Heidefläche südwestlich von Nuchard und die traurigen Plateaus von Samte Maure zwischem dem Jndre 720 Jndrct — Jiiductivn und der Loire. Von der Bodenfläche werden 351,967 da als Ackerland, 35,347 da als Wiesen u. 36,126 da als Weinberge benutzt, 81,723 da sind Wald und 60,366 da Heiden. Producte: Wein (Bourgueil, Vouvray, St. Georges, Langeais, Jone u. a.), Getreide (nicht für den eigenen Bedarf des Depl ansreichend), Buchweizen, Mais, Hirse, Flachs, Hanf, Obst, Pflaumen (?rn- nsLux äs stonro), Nüsse, Kastanien, Maulbeeren, Gemüse, Hülsensrllchte, Melonen, Anis, Koriander, Fenchel; Pferde, Rinder, Schafe, Esel, Maulesel, Schweine, Ziegen, Seidenwllrmer, viel Geflügel, wilde Schweine, Hirsche, Rehe; Eisen, Mühlsteine, lithographische Steine, Kalk, Mergel, Thon. Die Industrie liefert Eisen, Stahl. Papier, Kerzen, Eisen-, Stahl-, Fayence- u. Töpserwaaren, eingemachte Früchte rc. Der Werth der industriellen Producte beträgt 'jährlich durchschnittlich etwa 42 Mill. Frcs. Der Handel ist lebhaft; die wichtigsten Ausfuhrartikel sind: Wein, Hülsenfrüchte, Hanf, getrocknetes Obst, Nüsse rc. Volksbildung: 1872 gab es unter 100 Bewohnern über 6 Jahre 43,g Ununterrichtete, in ganz Frankreich 33,An höheren Unterrichtsanstalten besitzt das Dep. ein Lyccnm, ein Communal-College und 4 freie Se- cnndärunterrichtsanstalten. Es bildet die Diöcese des Erzbischofs von Tours u. gehört zum Appellhofe von Orleans u. zur Akademie von Poitiers. Eintheilung in die drei Arrondissements Tours, Chiuon u. Loches, 24 Cantone u. 281 Gemeinden. Hauptstadt ist Tours. H. Berns. Jndret, Ort im Arr. Nantes des franz. Dep. Loire-Jnserieure, auf einer Insel in der Loire; hübsche moderne Kirche, Gießerei, Etablissement für Fabrikation von Dampfmaschinen für die sranz. Flotte (mit ca. 2000 Arbeitern); 1200 Ew. In üubm (lat.), in zweifelhaftem Falle. Jnduciren (v. Lat.), 1) hineinfllhren; 2) Jemand zu etwas bewegen; 3) täuschen, verleiten; 4) folgern; davon Jnductibel, täuschbar, an- sührbar. Induktion (v. Lat.) 1) (Epagoge, v. Griech.) Schlußart, welche von dem Besonderen auf das Allgemeine folgert, z. B. von der Bewohnbarkeit der Erde auf die Bewohnbarkeit der übrigen Weltkörper. Sie ist I. a, priori, wenn vom Allgemeinen zum noch Allgemeineren, z. B. von einem niederen Begriff zu einem höheren Begriff; I. a xosbsriori (I. primaria), wenn sie von einem Speciellen zum Begriff fortschreitet. Während die Schlüsse, welche vom Allgemeinen ans das Besondere folgern, eine logische Gewißheit gewähren, gewährt die I. nur Wahrscheinlichkeit. Eine Thatsache, welche einer durch I. gefundenen allgemeinen Regel widerspricht, nennt man eine Instanz; eine aus I. sich gründende Methode inductorisch; wesentlich auf diesem Verfahren beruhende Wissenschaften inductiv. 2) Die Einführung der Seele bei der Empfängniß in die sich dabei bildenden Körper, nach der Ansicht derer, welche meinen, daß die Seele vor dem Körper existire; daher Jn- Luctionssystem u. Jnducianer die Annahme dieser Meinung u. diejenigen, welche sie theilen; im Gegensatz zu Tradncianismus u. Traducianer; s. u. Seele. Induktion (elektrodynamische Vertheilung, Phys.), die Erregung eines elektrischen Stromes in einem geschlossenen Leiter, entweder durch die Einwirkung eines galvanischen Stromes (Volta-J.), od. durch die Einwirkung eines benachbarten Mag- neten (Magneto-J.), od. durch den Entladungsschlag einer Leydener Flasche, welcher durch einen benachbarten Draht geleitet wird (Elektro-J.). Die beiden erstgenannten Arten der I. sind von Fa- . raday entdeckt worden, daher man auch, nament- ^ lich bei der Anwendung zu medicinischen Zwecken, die so erregte Elektricität Faradismus u. das Behandeln mit solchen Strömen faradisiren ge- ' nannt hat; die dritte Art der I. ist bes. von Rieß, untersucht worden. ^.) Gesetze der I.: a) Volta-J. Wenn in der > Nähe eines geschlossenen Leiters ein elektrischer ^ Strom eine Änderung erfährt, so wird durch diese Änderung u. während deren Dauer in dem geschlossenen Leiter selbst ein elektrischer Strom hervorgerufen. Der elftere, hervorrufende Strom heißt der inducirende od. Hauptstrom, der zweite, durch ihn hervorgerufene, heißt der inducirte od. J-sstrom. Hat man zwei mit Seide über- sponnene Drähte neben einander in vielen Windungen um eine Rolle gewunden u. die Enden des einen durch einen Mnltiplicator verbunden u. ^ bringt man nun die Enden des zweiten, welchen wir den primären Draht od. die Hauptspirale nennen wollen, mit den Poldrähten einer galvanischen Batterie in Verbindung, so zeigt in dem Moment, in welchem der Strom im primären Drahte geschlossen wird, die Multiplicatornadel einen dem ursprünglichen entgegengesetzten Strom an, welcher die Windungen des secundären Drahtes, der Nebenspirale, durchläuft. Dieser J-sstrom ist aber nur von augenblicklicher Dauer, die Nadel kehrt nach einigen Schwingungen in ihre ursprüngliche Stellung zurück und bleibt in derselben, so lange der ursprüngliche Strom in unveränderter Stärke sortdauert. Sobald aber dieser unterbrochen wird, zeigt die Nadel des Mul- tiplicators abermals einen ebenfalls nur momentanen Strom an, der aber den secundären Draht in der gleichen Richtung wie der inducirende Strom durchläuft. Dieser letztere J-sstrom heißt Oefs- nungs ström, der bei Schließung des Hauptstromes (inducireuden Stromes) entstehende heißt Schließungsstrom. Wird der Strom im primären Draht, so lange die Kette geschlossen ist, verstärkt, so ist die Wirkung dieselbe, als wenn zu dem ursprünglichen noch ein neuer Strom hinzukäme: es tritt ein neuer J-sstrom ans, der den secundären Draht in einer der des Hauptstromes entgegengesetzten Richtung durchläuft; Schwächung des Stromes im primären bewirkt ebenso einen gleichgerichteten J-sstrom im secundären Drahte. Sind endlich die Drähte auf zwei verschiedene Rollen ausgewundcn, von denen sich am besten die eine in die andere hineinschieben läßt, und nähert man die Rollen einander, am besten, indem man die eine rasch über die andere schiebt, nachdem vorher der primäre Draht durch die Batterie, der secundäre durch den Mnltiplicator geschlossen worden, so entsteht in letzterem ein entgegengesetzt gerichteter, beim Entfernen der Rollen von einander ein gleichgerichteter J-sstrom. MMM Elektricitat VII. Fig. 7. Stiihrer's Mngnet-Elektrifirmaschine. Fig. I. Selbstmiterbrecher von Poggendorff. Fig. 3. Stöhrer's Funleninductor. Fig. 4—6. ExtrastromrAppavat. Fig. 2 . Dubois-Rcymond's Schlittenappnrat Pierer's Umversnl-Conversations-LeLikon. 6. Aufl. Zum Artikel: „Jnduction. Jnduction. 721 Verstärkung und des Hauptstromes rufen demnach, wie die Annäherung, einen diesem gleichgerichteten, Schwächung und Unterbrechung des Hauptstromes, wie Entfernung desselben, einen diesem entgegengesetzt gerichteten J--sstrom hervor. Me Änderungen des Hauptstromes lassen sich überhaupt aus Bewegungen desselben zurücksühren. Da nun anderseits überhaupt bei jeder Änderung der gegenseitigen Lage der beiden Drähte J-s- ströme entstehen, so muß sich noch eine ganz allgemein geltende Regel aufstellen lassen. Diese von Lenz (Pogg. Ann., Bd. XXXI) aufgestellte Regel besagt: Wenn sich ein geschlossener metallischer Leiter in der Nähe eines galvanischen Stromes bewegt (od. dieser eine ihrer Wirkung nach stets auf eine Bewegung zurückführbare Änderung erleidet), so wird in ihm ein elektrischer Strom erregt, welcher eine der seiuigen gerade entgegengesetzte Richtung haben müßte, um vermöge seiner Wechselwirkung auf den inducirenden Strom die Art Bewegung (od. auf eine solche stets zurückführbare Änderung) Hervorbringen zu können, welche wirklich stattgefunden hat. Diese Regel hat für alle überhaupt möglichen Fälle Giltigkeit. Da die Intensität der J-sströme, des. des Öffnuugsstromes (s. u. o), sehr groß ist, so kann man mit denselben namentlich auch solche Erscheinungen Hervorrufen, welche durch große Spannung der bewegten Elektricität bedingt sind, wie physiologische Wirkungen (z. B. elektrische Schläge) u. Funken. Die zu diesem Zwecke construirten I sapparate (s. u.) erfordern daher Einrichtungen, durch welche der Hauptstrom sehr rasch nach einander unterbrochen u. geschlossen werden kann. Diese Einrichtungen, Stromunterbrecher oder Jnterruptoren, Rheotome genannt, werden weiter unten bei Besprechung der J-sapparate beschrieben werden. I>) Extrastrom. Ein eine Drahtspirale durchlaufender Stroni ruft aber nicht nur in einem anderen geschlossenen Leiter, sondern auch im primären Drahte selbst J-sströme hervor, welche Extraströme genannt werden; in dem Moment der Schließung tritt im primären Drahte ein entgegengesetzt gerichteter Extrastrom (der Gegenstrom) auf, welcher sich durch eine momentane Schwächung des Hanptstromes zu erkennen gibt. Bei der Unterbrechung des Hauptstromes kann kein Extrastrom entstehen, wenn uicht die getrennten Enden des primären Drahtes noch durch eine Neben« schließung verbunden sind. Das Zustandekommen dieses bei Unterbrechung des Hauptstromes auftretenden, diesem in seiner Richtung eutgegenge- setzten Exirastromes kann am besten durch einen zuerst von Edlund angestellten Versuch nachgewiesen werden, dessen Anordnung aus nebenstehender Figur ersichtlich ist. ^ ist eine galvan. Batterie, 8 eine Drahtspirale, N N ist ein mit zwei von einander isolirten Drahtlagen versehenes Magnetometer; st? ist ein längeres, in die Leirung e s ein« geschaltetes Drahtstück, dessen Zweck sogleich an« gegeben werden wird. Der in dem galvan. Ele ment ^ erzeugte Strom geht (in der Richtung der unbefiederten Pfeile) nach o, verzweigt sich hier, so daß der eine Zweigstrom die Drahtrolle 8 durchläuft u. von da über I, A, n, i, Ir (ohne daß zwischen 1 u. ü die sich kreuzenden Drähte ein- Pier»rS Universal-Conversations-Lcrilon. 8. Aufl. X. ander berühren) nach d, der andere Zweigstrom durch den eingeschalteten Draht I über e, m, x ebenfalls nach d u. von hier, mit dem anderen Zweigstrom vereinigt,wieder nach dem Element L zurllckgeht. Der Strom geht also durch die äußeren Windungen des Magnetometers omx in der entgegengesetzten Richtung wie durch die inneren Ani, und es sollen beide Zweigströme durch den bei st? eingeschalteten Draht so genau ausgeglichen werden, daß ihre Wirkungen auf die Magnetnadel des Magnetometers sich vollständig ausheben. Wird nun der Strom bei g unterbrochen, so wird die Drahtspirale 8 durch die Drahtleitung k § n i Ir d pms o vollkommen geschlossen, so Laß der durch die Windungen der Spirale 8 in den bez. Nach- barwinduugen inducirte Extrastrom die Drahtleitung in der Richtung der befiederten Pfeile, die beiden Windungen des Magnetometers N also nun in derselben Richtung durchläuft. Es erfolgt dann auch die dieser Stromrichtung entsprechende Ablenkung der Magnetnadel. Wird nun der Strom wieder geschlossen, so wird die Magnetnadel momentan im entgegengesetzten Sinne abgelenkt u. dadurch das Auftreten eines den befiederten Pfeilen entgegengesetzt gerichteten Extrastromes bewiesen, welcher im Moment der Schließung in den Windungen von 8 durch die Nachbarwindungen inducirt wird. v) Die Quantität der bei den J-sströmen in Bewegung gesetzten Elektricität ist der Stärke des Hauptstromes u. der Drahtlänge (resp. dem Widerstand) der Nebenspirale (des secundäreu Drahtes) proportional. Die Spannung der bewegten Elektricität, die Intensität des J-sstromes ist aber um so größer, in je kürzerer Zeit die ihn erregende Aenderung des Hauptstromes verläuft. Da nun bei der Schließung des Hauptstromes ein demselben entgegengesetzter Extrastrom in der Hauptspirale entsteht, der Hauptstrom also eine merkliche Zeit braucht, um zu seiner vollen Stärke anzuwachsen, während bei der Unterbrechung der Hauptstrom fast momentan verschwindet, so ist leicht einzusehen, daß, wie die Beobachtung es bestätigt, die Intensität des Öffnungsstromes weit größer sein muß, als die des Schließungsstromes. Dem entsprechend hat man durch besondere Apparate, Dis- junctionen, in welchen entweder nur der Öffnuugs- strom od. nur der Schließuugsstrom zu Staude kommt, nachgewiesen, daß der Oefsnuugsstrom heftigere elektrische Schläge u. längere Funken gibt, Band. 46 722 Jnduction als der Schließungsstrom. Die elektromotorische Kraft, welche den J-sstrom in Bewegung setzt, ist der Intensität des Hauptstromes u. dem Quadrat des LeitnngswiderstandeS der Nebenspirale (also ungefähr dem Quadrat der Windungszahl derselben) direct u. der Dauer des J-sstromes umgekehrt proportional. Daher kan» man durch sehr langen u. dünnen Draht der Nebenspirale J-s- ströme erzeugen, welche ganz außerordentliche Spaunungserscheinungen Hervorrufen. ä) Magneto°J. Wird in eine hohle Rolle, die mit übersponnenem, durch einen Mnltiplicator geschlossenen Draht umwunden ist, ein Magnet hineingesteckt und dann wieder herausgezogen, so entstehen ebenfalls J-sströme, deren Richtung sich aus den unter a) angegebenen Regeln ergibt, wenn man, der Ampöreschen Theorie (s. Elektromagnetismus, S. 226) entsprechend, den Magneten von elektrischen Strömen umflossen denkt, welche, vom Südpol aus gesehen, im Sinne des Uhrzeigers kreisen. Wenn also z. B. die J-s- spirale aufrecht steht und der Magnet, mit dem Nordpol oben, dem Südpol unten, in die Spirale von oben hineingeschobeu wird, so wird dadurch ein J-sstrom erzeugt, welcher die Windungen der Spirale in der entgegengesetzten Richtung wie die Ampereschen Ströme, also von oben gesehen, wie der Uhrzeiger durchläuft; der J-sstrom, welcher beim Herausziehen des Magnets aus der J-s- spirale entsteht, hat natürlich die entgegengesetzte Richtung. Wenn ferner in der J-sspirale ein Cy- linder von weichem Eisen steckt, so werden J-s- ströme erzeugt, wenn der Eisenchlinder — durch Annäherung bezw. Entfernung eines Stahlmagneten od. Elektromagneten, od. auch durch Mag- netisiren bezw. Entmagnetisiren eines vor dem Eisenchlinder befindlichen Elektromagneten — mag- netistrt bezw. entmagnetisirt wird. Wenn endlich um einen durch einen Mnltiplicator geschlossenen Leiter ein Magnet (od. ein solcher Leiter um einen Magneten) rotirt, so wird dadurch in dem Leiter ein J-sstrom hervorgcrufen, welcher dem Strome entgegengesetzt sein muß, der die stattgehabte Rotation als elektromagnetische Rotation (vgl. elektrodynamische u. elektromagnetische Rotationsapparate) hervorgerufen haben würde. Alle diese Fälle von Magneto-J. lassen sich, unter Zugrundelegung der Ampereschen Theorie des Magnetismus, auf die oben unter a) angeführte Lenzsche Regel zurllck- führen. Über die Anwendung der Magneto-J. zur Erzeugung elektrischer Ströme s. d. Art. Mag- neto-elektrijche Maschinen. Auch durch den Erdmagnetismus können in einem geschlossenen rotirenden Leiter Ströme inducirt werden, was zuerst von Faraday beobachtet ist. Ein bes. wirksamer Erd-J-sapparat ist von Palmieri con- struirt worden. s) Die J-sströme werden verstärkt durch in die Höhlung der J-sspirale eingeschobenes weiches Eisen, namentlich durch ein eingeschobenes Bündel weicher Eisendrähte. Denn in dem weichen Eisen wird durch den Hauptstrom Magnetismus hervorgerufen, indem sich (nach der Ampöreschen Theorie) die Molecularströme des Eisens den Strömen der Windungen der Hauptspirale parallel u. gleichgerichtet stellen; diese Ampereschen Molecularströme wirken demnach gerade wie der Hanptstrom, verstärken also dessen inducirende Wirkung. Daß ein Bündel von Eisendrählen besser wirkt, als ein massiver Eisenchlinder, erklärt sich daraus, daß in der Masse des Eisencylinders (unabhängig von den Ampöreschen Molecularströme») durch den verschwindenden Hauptstrom gleichgerichtete Ströme inducirt werden, welche das Verschwinden des Magnetismus im Eisen verzögern, also dessen inducirende Kraft schwächen. Diese Ströme kommen aber nur in der zusammenhängenden Eisenmasse, nicht aber in einem aus einzelnen — daher am besten isolirten Eisendrähten zusammengesetzten Eisenkern zu Stande. Aus demselben Grunde wird die inducirende Wirkung geschwächt, wenn das Eisendrahtbündel von einer Hülle aus einem nicht magnetischen Metall umgeben ist. Ebenso wie durch ein Eisendrahtbündel wirkt ein schneckenför- mig zusammengewickeltes Eisenblech, dessen einzelne Windungen von einander isolirt sind, weil ein solches keinen geschlossenen Leiter darstellt. k) Auch der Entladungsstrom einer Leydener Flasche ruft, wie zuerst Masson gezeigt ^ hat, J-sströme hervor. Dieselben lassen sich am besten durch einen von Rieß construirten Apparat Nachweisen. Ein Kupferdraht ist in einer Ebene schneckenförmig so aufgewunden, daß die Windungen von einander isolirt sind. Ein zweiter, ebenso gewundener Draht wird dem ersten ganz nahe so gegenübergestellt, daß die Windungen bei- ! der genau parallel sind. An dem äußeren und inneren Ende dieser zweiten Drahtspirale sind , Leitnngsdrähte befestigt, die mit Handgriffen endi- j gen. Nimmt man jeden dieser Handgriffe in eine ! Hand, so empfindet man einen schwachen Schlag, sobald der Entladungsstrom einer elektrischen Flasche ! durchdieWindnngen der erstenTpiralehindurchgeht. L) Induktionsapparate (Jndnctionsmaschinen). a) Unterbrechungsvorrichtungen (Jnterrup- toren, Rheotome). Es ist schon oben bemerkt worden, daß man, um durch J-sströme recht merkliche Spannungserscheinnngen Hervorrufen zu , können, Einrichtungen anwenden müsse, welche ! geeignet sind, den Hauptstrom rasch nacheinander abwechselnd zu schließen u. zu unterbrechen. Der einfachste Stromunterbrecher ist das von Neef erfundene Blitzrad, welches im Art. Galvanismus I S. 683 beschrieben n. auf der Tafel Elektricität I VH. Fig. 5 u. 6 abgebildet ist. Das Blitzrad ^ muß mit der Hand gedreht werden; es ist sehr bald durch die selbstthätigen Stromunterbrecher ' verdrängt worden, die durch den Hauptstrom (od. auch durch einen besonderen galvanischen Strom) in Thätigkeit gesetzt werden. Der bekannteste ist der Wagnersche Hammer und der nach dem- > selben Princip wirkende, von Poggendorf verbesserte Selbstunterbrecher (s. Tafel Elektricität VII. Fig. 1). Die Poldrähte der galvanischen , Batterie werden in die beiden Klemmschrauben g, u. I, die Enden der Hauptspirale des J-s- apparates in ck u. s befestigt. Wenn nun z. B. der positive Poldraht in a befestigt ist, so geht der (positive) Strom von a durch einen in das hölzerne Grundbrettchen eingelassenen Metallstreifen in das Sänlchen d, u. die am oberen, horizontal nmgebogenen Ende desselben befindliche Schraube, Juduction, 723 von deren unterer, aus Platin bestehender Spitze auf ein Stückchen Platinblech e, das auf einen Metallstreifen p aufgelöthet ist; dieser Streifen wird durch eine metallene Feder o o, die in dem Säulchen ä befestigt ist, schwach gegen die Schraubenspitze angedriickt. Der Strom geht mm von o u. p durch das Säulchen ck in die Windungen der Hauptspirale, von dieser nach der Klemmschraube s u. von dieser in einen an derselben befestigten, mit Seide übersponnenem Kupserdraht, der um einen hufeisenförmigen Elektromagnet Ll herumgewunden u. endlich an der Klemmschraube 5 befestigt ist, von welcher der Strom endlich durch den negativen Poldraht nach der Batterie zurück- geht. Indem aber der Strom die Windungen des Elektromagnets durchläuft, wird dieser magnetisch n. zieht ein Stück weichen Eisens n an, welches auf der Feder o o befestigt ist und von dieser über den Elektromagnet schwebend gehalten wird. Indem aber der Anker n sich infolge dieser Anziehung nach unten bewegt, wird die Stromleitung bei o unterbrochen; der Elektromagnet wird also wieder unmagnetisch, der Anker wird durch die Elasticität der Feder n in die Höhe geschnellt u. der Strom dadurch wieder geschlossen; gleich darauf aber wird er durch die Wirkung des Elektromagnets wieder unterbrochen u. s. f., so daß ein fortwährender rascher Wechsel von Schließungen und Unterbrechungen stattfindet. Neuere Unterbrechnngsvorrichtungen, wie der von Fou- cault und der ähnliche von Stöhrer construirte Quecksilber-Jnterruptor, unterscheiden sich von der beschriebenen namentlich dadurch, daß bei ihnen die Schließung u. Unterbrechung durch abwechselndes Eintauchen und Herausziehen eines Platinstiftes in bez. aus Quecksilber oder Platin- Amalgam, das der rascheren Unterbrechung wegen mit einer isolirenden Schicht von Weingeist bedeckt ist, bewerkstelligt wird u. daß, bei größeren Apparaten wenigstens, der Jnterruptor durch ein bes. galvanisches Element in Thätigkeit gesetzt wird. k>)J-sapparate fürphysiologische u.Heilzwecke. Um J-sströme zu Heilzwecken anzuwen- üen (s. Elektrotherapie), dient am häufigsten der Dubois-Reymondiche Schlittenapparat, s. Tafel Elektricität VII. Fig. 2. Die Hauptspirale L ist in horizontaler Lage an dem vertical auf einem Grundbrett stehenden Brett dl befestigt; die Drahtenden derselben, x u. 5 , werden mit einer Unter- brechungsvorrichtnng und diese wieder mit einem oder mehreren den galvanischen Strom liefernden Elementen verbunden. Die J-sspirale L, auf einer hohlen Rolle ausgewickelt, in deren Höhlung die Hauptspirale gerade hineinpaßt, ist mittels eines Klotzes L auf dem in eine Vertiefung des Grundbrettes passenden Schlitten 8 so befestigt, daß sie sich leicht über die Hauptspirale n. wieder zurllck- schieben läßt. Ihre Drahtenden führen zu den Klemmschrauben x u. g, an welche Drähte mit metallenen Handgriffen oder sonstigen zur Application der J-sströme dienenden Apparaten ange- schranbt werden. Je weiter die J-sspirale über die Hauptspirale geschoben wird, desto mehr Windungen der elfteren sind der inducirenden Wirkung oer letzteren ausgesetzt, desto stärker sind also die J-sströme. Meist ist mit dem Schlittenapparat ein Jnterruptor fest verbunden. Durch ein in die Höhlung der Hauptspirale eingeschobenes Bündel von Drähten ans weichem Eisen pflegt man die J-sströme noch mehr zu verstärken. 0 ) Der Funkenindnctor ist ein in größerem Maßstabe ausgeführter J-sapparat, dessen J-s- ströme solche Spannung haben, um zwischen den Enden der J-sspirale Funken von beträchtlicher Länge zu geben. Größere Fnnkeninductoren wurden zuerst von Nuhmkorff, einem deutschen Mechaniker in Paris, ausgeführt und nach ihm nennt man die Fnnkeninductoren auch oft Ruhm- korffsche Apparate oder Maschinen. Die Nuhmkorffschen Apparate unterscheiden sich von dem Dubois - Reymondschen Schlittenapparat in mehreren Punkten: 1 ) Ihre Größe ist eine beträchtlichere, die J-sspirale ist 35—65 om lang. 2 ) Die Hauptspirale n. die Nebenspirale sind unmittelbar übereinander, aus dieselbe Nolle, gewunden; die Nebenspirale besteht aus vielen tausend Windungen eines nur ^ bis ^ mm dicken, sorgfältig mit Seide übersponneneu Kupferdrahtcs; die einzelnen Drahtlagen sind durch einen Schellack- Überzug sorgfältig von einander isolirt. 3) Die Drahtenden der Nebenspirale enden in auf Glas- füßen ruhenden Klemmschrauben, in welchen zugespitzte Drähte stecken, welche, mit den Spitzen gegeneinander gekehrt, in größeren oder kleineren Abstand gebracht werden können. Zwischen diesen Spitzen springen die Funken, und zwar, bei hinreichend großer Entfernung nur dem Öffnungsstrom ungehörige Funken, über. Die Drahtspitzen können aber auch weggenommen u. Lurch Leitungsdrähte, welche z. B. nach den Poldrähten einer Geislerschen Röhre führen, ersetzt werden. 4) Durch den zuerst von Fizeau angewendeten Con- densator wird die Wirkung des Fnnkeninductors noch bedeutend verstärkt. Derselbe ist nach dem Princip der Leydener Flasche oder der Franklin- schen Tafel constrnirt u. besteht ans einem langen, jederseits bis auf einen freien Rand mit Stanniol belegten, zusammengelegten Streifen Wachstaffet; jede Belegung ist mit einem der beiden Drahtenden der Hauptspirale verbunden, so daß die Stanniolbelegungen im Augenblick der Unterbrechung des Hauptstromes die Enden der Drahtwindung bilden; die beiden im Augenblicke der Unterbrechung noch in Bewegung befindlichen Elektricitäten treten in die Belegungen, wo sie sich gegenseitig binden, um im Moment der Schließung sich an der Berührungsstelle (e) des Jnterruptors wieder zu vereinigen. Dadurch wird die Zeit, die der Hauptstrom gebraucht, uni aus der Hauptspirale zu verschwinden, verkürzt, also (nach dem unter 0 ) Gesagten) die Spannung der Elektricität des Öffnungsstromes vergrößert. — Bei der Stöhrerschen Construction des Funken- inductors (s. Fig. 7 der Tafel Elektricität VII) sind die Haupt- u. die Nebenspirale vertical aufgestellt u. letztere ist aus drei kleineren Spiralen zusammengesetzt; das äußere Ende der unteren Abtheilung ist mit dem inneren der mittleren, u. deren äußeres Ende mit dem inneren Ende der oberen Abtheilung verbunden; I u. n sind Glas- säulchen, sic tragen die Drahtspitzen 8 u. t, zwischen welchen die Funken überspringen; die Klemm« 46 * 724 In änloi iuoilo — Indus. schraube von 1 ist mit dem äußeren Ende der oberen, die von n mit dem inneren Ende der unteren Abtheilung der J-sspirale verbunden. Der Condensator befindet sich hier wie bei dem Nuhmkorffschen Apparate in dem Kasten, der den Fuß des Apparates bildet. In derselben Weise, wie durch den Condensator, kann auch durch eine Leydener Flasche eineNebenschließung hergestcllt werden. Man kann aber auch das eine Drahtende der J-sspirale, z. B. das untere, mit der äußeren Belegung einer elektrischen Flasche od. Batterie, n. dann deren innere Belegung mit der entsprechenden Drahtspitze (t) verbinden, u. dann, indem man die Spitzen so weit stellt, daß nur der Öffnungs- snnke überspringen kann, eine konstante Ladung der Batterie erzielen. ä) Der Funke des Funkeninductors besteht aus einem hellleuchlendcn Lichtstreisen und einer denselben umgebenden, wenig leuchtenden Aureole. Die letztere kann durch einen starken Luftstrom auf die Seite geblasen werden; namentlich kann dieselbe auch abgelenkt werden, indem man Funken so zwischen den Polen eines kräftigen hufeisenförmigen Elektromagnets überspringen läßt, daß die Verbindungslinie der Pole auf der Richtung des Funkens senkrecht steht. Die Aureole bildet dann einen halbkreisförmigen Lichtbogen, u. zwar von solcher Stellung, daß der in ihr übergehende positive Strom mit den Molecular- strömen der Pole des Elektromagnets gleichgerichtet ist. Wenn man den (Össnnngs-)Funkeu innerhalb eines sehr luftverdünnten Raumes überspringen läßt, so kann der Abstand der Drahtspitzen ein sehr beträchtlicher sein (1 bis mehrere in). Der negative Pol erscheint dann von einem prachtvoll violcttblauen Lichtschein umhüllt, während vom positiven Pol bis nahe zum negativen sich ein prachtvoll purpurn gefärbter Lichtschein hinzicht, der quer in zahlreiche, gegen den positiven Pol etwas concave Schichten getheilt ist. Zur Anstellung dieses Versuches dienen die (zuerst von Gassiot, dann bes. ausgezeichnet von Geißler construirten) Geislerschen Röhren. Es sind dies gewöhnlich 30—70 cm, doch auch bis 2 m und darüber lange, beiderseits zugeschmclzene Röhren verschiedener Weite, die, mittels einer Ouecksilberlustpumpe fast luftleer gemacht, kleine Mengen verschiedener Gase u. Dämpfe enthalten; in den Enden sind kurze Platindrähte, auch Silber-, Aluminium- u. a. „Drähte (Elektroden), welche außen mit einer Öse endigen, eingeschmolzen. Je nach der Natur der Elektroden u. des in der Röhre enthaltenen Gases oder Dampfes erscheint der von der positiven Elektrode ausgehende Lichtschein, den man erhält, wenn man die Röhren anstatt der Spitzen des J-sapparates einschaltet, verschieden gefärbt. Vgl. Spektralanalyse. Der Magnetismus wirkt aus den Lichtstrom wie auf einen beweglichen Leiter, so rotirr also z. B. bei geeigneter Anordnung der Lichtstrom der Geisler- scheu Röhre um einen in derselben befestigten Stahlmagnet. e) Auch durch den Extrastrom werden, wie durch jeden J-sstrom, physiologische und therapeutische Wirkungen erzielt. Man hat hierzu eigene Extrastrom-Apparate conslruirt. Ein solcher ist in Fig. 4 der obengenannten Tafel abgebildet; er ist mit einer Unterbrechnngsvorrichtung fest verbunden, deren Einrichtung nach dem oben unter L. a) über den Poggeudorfsschen Jnterruptor Gesagten keiner weiteren Erklärung bedarf. Die beiden möglichen Anordnungen des Versuches sind durch Fig. 5 u. 6 schematisch erläutert, bei welchen der Übersichtlichkeit wegen als Jnterruptor ein Blitzrad gezeichnet ist. Bei der Anordnung von Fig. 5 geht der Extrastrom von der Spirale so direct in die beiden Handgriffe resp. den Körper des dieselben Haltenden, bei Fig. 6 geht derselbe auch durch das den Hauptstrom erzeugende galvanische Element lc, das in Fig. 5 von der Nebenschließung ausgeschlossen ist. — Vgleiche den Artikel Magneto-elektrische Maschinen. Wimmenauer Ll. In änloi jubklo (lat., in süßem Jubel), Anfang eines alten, dem Petrus Dresdensis ^geschriebenen Weihnachtsliedes, halb deutsch, halb lateinisch (I. ä. g., nun singet und seid froh); so v. w. in Saus u. Braus. Jndnlgenz (v. lat. IncknlAsntia), Nachsicht, Gnade; personificirt auf Kaisermünzen, sitzend, in der Rechten eine Opferschale, in der Linken einen Speer (auf einigen mit einer Mauerkrone auf dem Kopse), od. stehend, an eine Säule gelehnt, in der Rechten einen Stab, in der Linken ein Füllhorn; im römischen u. daher kanonischen Recht Straferlaß, Begnadigung; Ablaß; IncknI- govtias äiss (Ablaßtag), der grüne Donnerstag. Jndulgiren (v. Lat.), Nachsehen, durch die Finger sehen. Jndult (v. Lat.), Nachsicht, Bewilligung, Aufschub; so v. w. Lloratorinm, Anstandsbrief, s. u. Concurs; Gottesbrief (Inänltnmksnäals),Aufschub, welchen ein Reichsstand in Hinsicht der Zeit, in der er längstens um die Lehen beim Kaiser bitten mußte (1 Jahr, 1 Monat, 1 Tag) erhielt; (Lchens-J.) Aufschub des Empfangs der Lehen, bes. bei minderjährigen Vasallen; daher J-schein, ein lehnsherrlicher Schein über die gewährte I.; das von dem Papst an Kirchenglieder oder weltliche Fürsten ertheilte Recht, Jemand zum Genuß einer geistlichen Pfründe zu bestimmen; Messe, Jahrmarkt, weil nach Orten, wo der Ablaß gewöhnlich ertheilt wurde, viel Menschen strömten u. so Jahrmärkte entstanden, woher noch der Ausdruck I. od. abgekürzt Dult für Jahrmarkt, so in Kiel, aber auch in Oberbayern u. Schwaben, bes. München, Augsburg rc. Inäumontum (Bot.), Behaarung der Pflanzen. In äuplo (lat.), doppelt. Indus (^ckärder Griechen, entstanden aus dem sanskrit. sinälru, Fluß, neuind. sincklr), einer der beiden Hanptströme Vorderindiens, entspringt unter 32° n. Br. und 81" 30' ö. L., am NAbhang des Kailas-Gebirges in Tibet, in der Nähe der heiligen Seen u. durchfließt anfangs in nordwestl. Richtung unter dem Namen Sinh-khabab (Löwenmaul), verstärkt durch den Gartong, das südwestl. Tibet. Dann dieselbe Richtung beibehaltend, bahnt er sich unter Durchströmung der Landschaften La« dakh und Baltistan seinen Weg durch die tiefen Schlünde zwischen Himalaja und Karakorum, berührt Leh, wo er den reißenden ZanSkar ausnimmt, und Skardo, oberhalb dessen der 725 Jndusienkalk — Industrieausstellungen. Schayuk ihm zuströmt, neben denen noch zahlreiche andere Berggewässer, wie Dras, Gilgit, Jasin ihn verstärken u. biegt unter 74" 30< ö. L. durch die Ausläufer des Hindukusch gedrängt nach S. um, welche Richtung er fortan beibehält. Von der Biegung an strömt er in einem engen, noch wenig bekannten Thale zwischen Himalaja n. Hindukusch durch Dardistan, tritt in die indo-britische Prov. Pendschab, wo er bald bei Attok den mächtigen Kabul aufnimmt, ein, u. nähert sich bei Karabagh der Ebene, die er von nun an in einem breiten Flußbett ruhigen Laufes durchströmt. Bei Mithan- kot wird seine Wassermasse noch durch den Pand- schnad, der ihm die vereinigten Gewässer der Flüsse des Pendschab bringt, vermehrt. Bei Rohri unterhalb Schikarpnr zweigt sich der Ost-Narra ab, der direct slldl. strömend in der Kauri-Mllnd- ung das Meer erreicht, bald darauf fließt auf der anderen Seite der West-Narra ab, der, das Land Tschandkoh bewässernd, bei Sehwan sich wieder mit dem Hauptstrom vereinigt. Unweit dieses entsendet dieser wieder auf der OSeite den Fnleli (im UnterlaufGuni genannt), der gleichfalls in der Kauri- Mündung ausfließt. Bei Haidarabad endlich beginnt das eigentliche Delta, das eine Küstenlänge von 225 icm hat; außer zahlreichen Kanälen gelangt der Fluß in 13 Ästuarien, unter denen die von Bnggaur, Satha u. Vatho die bedeutendsten sind, zum Arabischen Meer. Die Gesammtlänge des Flusses wird ans 2925 Icm, das Stromgebiet auf 1,073,000 Hjkm angegeben. Das in dem oberen Laufe klare Wasser wird bei dem Eintritt in die Ebene trüb u. schlammig; der Wasserstaud ist sehr wechselnd, ebenso die Geschwindigkeit der Strömung. Die zahlreichen Glctscherzuflüsse bedingen einen durchschnittlichen Unterschied der Tiefe um 15 m, der sich zeitweise erheblich erhöht; der Fluß im oberen Lause durch Berge eingeengt, dehnt sich in der Ebene aufdurchschnittlich 70 nr Breite aus, die sich aber strecken- u. zeitweise auf 15 km erhöht. Vom März bis August fallen die regelmäßigen Überschwemmungen des Stromes in seinem unteren Laufe, die meilenweit das Land bedecken. Die Menge der in einem Jahr dem Meer zugesllhrten festen Stoffe beträgt 124 Will. ebw. Im Anfang der Überschwemmung sind Wasser u. Klima den Umwohnenden sehr ungesund. Der Fluß ist bei Attok, wo mächtige Stromschnellen austreten, schiffbar u. wird seit der Besitzergreifung des Landes Sindh durch die Engländer mit Dampfern befahren; für die Hebung der Schifffahrt wird von deren Seite durch Stromcorrec- tionen und Anlage von Stapelplätzen, wie Kar- ratschi u. Sakkar viel gethan. Das Delta, einst durch hohe Cultur berühmt, ist längst zu einem größtentheils wüstem Lande herabgesunken, dessen Bewohner, rohe Fischerstämme, einen großen Theil ihres Lebens aus dem Wasser verbringen. Die britische Regierung ist eifrig u. erfolgreich bemüht, durch ein ausgedehntes Kanalsystem die Wasser- maffen des Flusses für die Bewässerung dienstbar zu machen, was im Deradschat u. in Sindh schon von erheblichem Erfolg begleitet gewesen ist. — Der I. führt in seinem Laufe verschiedene Namen, so Aber Sind beim Zusammenfluß mit dem Schayuk, Attok bei dieser Stadt; Nilab (blauer Fluß) bei' Karabagh. Er war den classischen Geographen theilweise wol bekannt, die seine Quelle an den Indischen Kaukasus setzten u. ihm 7 Mündungen znschrieben; dieselben lassen sich jedoch, da der untere Lauf sein Bett in historischer Zeit mehrfach verändert hat, mit dem jetzigen schwer idcntificiren. Tlneleiuamr. Jndusienkalk, fast allein aus den Röhren von Phryganeenlarven zusammengesetzt. Diese, aus Sandkörnchen und Palndinenschalen zusammenge- kilteteu Röhren dienten den Larven zur schützenden Hülle. Oligocän der Auvergne. Inüuomm, 1) (Lamisis,, röm. Ant.) wollenes u. linnenes, des. von Frauenzimmern auf dem Leibe getragenes Unterkleid, vgl. Hemd; 2) (Bot.) das Schlcierchen, s. Farne. Inäustrial partnsrsblp, d. h. Theilnahme der Arbeiter am Reingewinn des Unternehmens (industrielle Theilhabcrschast, Bonussystei»), wurde zuerst von Henry Briggs, Sohn und Comp., Eigenthümern mehrerer Kohlengruben bei Normanton in Aorkshire, eingeführt, in Deutschland von W. Borchert jnu. (1868—73). Über andere Beispiele (Leclaire in Frankreich) und Vorläufer dieses Systems bringt Thorntons: Die Arbeit, deutsch von Schramm, Ausführliches. Das System der Gewinnbetheiligung bringt den Vortheil mit sich, das Interesse beider Parteien mehr zu verschmelzen, den Fleiß und die Umsicht der Arbeiter zu steigern; s. auch Art. Antheilbau. Contz-n. Industrie (r. Lat.), 1) Fleiß; 2) die Verarbeitung des in der Natur Vorgefundenen Rohmaterials zu Gegenständen des Lebensbedarses od. zur Erhöhung der Lebensannehmlichkeit (Comfort); im engeren Sinne wird unter I. der Fa- brikbctrieb (s. Fabrik, Hüttenwerk rc.) verstanden. Die Entwickelung u. Prosperität der I. hängt in erster Linie ab vom Rohmaterial, d. h. dessen Menge und Beschaffenheit, dann von den Verkehrs» erhältuissen, endlich von der richtigen Lheilung der Arbeit, sowie von dem Zeitraum, in welchem unter gegebenen Verhältnissen ein Quantum industrieller Products in erforderlicher Qualität und mit Gewinn für den Unternehmer hergestellt werden kann. Letzteres ist nur durch maschinellen Betrieb (s. Maschine rc.) unter Anwendung von Naturkräften (Wasser, Feuer, Dampf rc.) möglich. Sodann hängt die Entwickelung u. Prosperität der I. ab von der Beschaffenheit des Creditwesens, der Handels- n. Zollverhältnisse, sowie der Art der Fabrik- u. Gewerbegesetzgebung, endlich auch von der Art des Betriebes u. der Verwaltung. Zur Förderung der I. hat man inan- cherlei zweckmäßige Einrichtungen ins Leben gerufen, so bes. Gewerbevereine, Gewerbemuseen, periodische Ausstellungen (bes. I.- und Weltausstellungen), Gewerbeschulen. Zur weiteren Orientirung wird ans die in vorstehender Definition enthaltenen Stichworte verwiesen. Literatur: Buch der Erfindungen, 4. Ausl., Lpz. 1872 — 73, 6 Bde.; Karmarsch, Geschichte der Technologie, Münch. 1872; Haushofer, Der I» betrieb, Stuttg. 1874; Bourcart, Grundsätze der J-verwaltung, Zürich 1874. Schroot. Industrieausstellungen (Gewerbeausstellun- 726 Industriell - gen), überhaupt Ausstellungen von Gewerbspro- ducten; sie sind theils ständige, theils periodische u. bezwecken lediglich den Verkauf der ansgestellten Gegenstände; insbesondere diejenigen Ausstellungen von Gewerbsproducten, bei denen neben diesem Zweck auch der obwaltet: ein treues Bild von dem Zustande der Gewerbsthätigkeit eines Landes oder der gesummten Industrie der Erde zu bieten, Vergleiche zu gewinnen unter den Jndustrie- egeuständen und Gelegenheit zu weiteren Ver- iudungen zu bieten. Bei letzteren zieht man auch die Erzeugnisse der gesammten Künste und Wissenschaften hinzu, so daß sich dem Beobachter für jedes Land ein Gesammtbild der mechanischen u. geistigen Thätigkeit, in seinen charakteristischen Eigenschaften, seinen Vorzügen u. Mängeln rc. ergibt. S. d. Art. Weltausstellung. Schroot. Industriell (v. Lat.), gewerblich. Jndustriös, rührig in industriellen Arbeiten, geschickt darin, sodann erfinderisch. Jndustrieritter, ähnlicher Ansdruck wie Hochstapler. Industrieschulen, so v. w. Gewerbeschulen. Industrie-System, dasjenige volkswirthschaft- liche System, welches die Quelle des Volkswohlstandes nicht überwiegend in der Vermehrung der Geldschätze oder im Grund u. Boden, sondern in wcrthschaffender Arbeit sucht, u. für eine gedeihliche Entwickelung dieser Arbeit als Hauptbeding- nng unbehinderte Freiheit des Erwerbs u. Verkehrs, Beseitigung aller einer fessellosen Wirth- schaftsbewegung entgegenstehenden Hindernisse aufstellt. Dieses bereits in einzelnen Lehren heran- gebildcte System hat als solches der Schotte Adam Smith vervollständigt u. im Zusammenhänge ausgestellt 1776, u. dadurch eigentlich zuerst dieVolks- wirthschaftslehre wissentlich begründet. Lagai. Ineöltu (lat.), noch nicht heransgegebeneSchriften. Jneffabel (v. Lat.), unaussprechlich. Inskfabllis Deus, die Bulle, womit das Dogma von der Unbefleckten Empfängniß der Jungfrau Maria am 8. Dec. 1854 promulgirt wurde. In vkkootu (lat.), im Erfolg, in der That, der Wirkung nach. In slligw (lat.), im Bildniß; früher namentlich bei Exemtion von Strafen, wo der Verbrecher persönlich nicht erreichbar war, so i. s. verbrennen oder an den Galgen hängen. Jnept (v. Lat.), ungereimt, abgeschmackt; im Proceßwesen ist I. ein Schriftstück, in Sonderheit eine rechtliche Klage, wenn sie Widersprüche, Undeutlichkeiten u. überhaupt dein Proceßwesen Zuwideres enthält, u. daher vom Richter abzuweisen. Inertis (lat.), 1) Trägheit, Faulheit; 2) Unvermögen, entweder eines Organs, bes. wegen Erschlaffung u. Reizlosigkeit, als auch einer Flüssigkeit, des lebenden Körpers, wegen Mangels an gehöriger Mischung. Ines (span.), Jnez (portug.), so v. Agnes, bes. I. de Castro, s. d. In esss (lat.), im Sein, bes. im Wohlsein; daher in seinem vsss sein, in dem ihm besonders behagenden Zustande, in froher Laune sich befinden. Inexigibel (v. Lat.), nicht eintreibbar, bes. von Geldern. - Jnfantado. In expensas verurtheilen, in die Kosten ver- urtheilen. Jncxpresstbles (engl., die Unaussprechlichen), in England in neuerer Zeit umschreibender Ausdruck für Beinkleider, anstatt brssedss, das in der Einheit figürlich auch Steiß bedeutet, früher aber besonders von den kurzen Hosen gesagt wurde. In extenso (lat.), 1) seiner Ausdehnung nach; 2) ausführlich; 3) vollständig. Jnsallibel (v. Lat.), untrüglich, unfehlbar; daher Jnfallibilität, Unfehlbarkeit der Katholischen Kirche bei Aufstellung der Glaubenssätze durch Beistand und Leitung des Heiligen Geistes. Daß die Lehrentscheidungen, welche von der Ge» sammtheit der Bischöfe in Verbindung mit dem Papste von allgemeinen Concilien ausgehen, dem Jrrthume nicht unterworfen sind, ist, wie schon in der älteren u. mittelalterlichen Kirche, allgemeiner Glaube der Katholiken; ob der Papst in eigener Person unfehlbar sei, darüber herrschte eine Controverse. Die allgemeinste Meinung war, daß, wenn der Papst ex outüsäru, d. h. in seiner Eigenschaft als Oberhaupt der Kirche, eine Lehreutscheid- ung treffe, dieselbe untrüglich sei, u. führte man, jedoch nicht ohne starken Widerspruch unter Bezugnahme auf historische Vorgänge (z. B. Papst Ho- norius), dafür an, daß noch nie ein Papst eine irrige Lehre aufgestellt habe. Auf dem letzten Vaticanischen Coucil wurde die I. des Papstes 19. Juli 1870 zum Dogma erhoben, vergl. Ovuoilium S. 271. Außer der dort aufgeführten hierauf bezüglichen Literatur vergl. E. Banr, Bossuet u. die Unfehlbarkeit, Mannh. 1875. Infam (v. Lat), ehrlos, schändlich; daher Infamie, Ehrlosigkeit, s. u. Ehre; lut'amius ado- litio, Tilgung der Infamie durch einen Guaden- act des Regenten u. damit Wiederherstellung der verlorenen Ehre des Betreffenden, (lum inkumiu, mit Schimpf u. Schande, s. Relegation. Jnfama- tion, Beschimpfung, Entehrung. Inksns (lat.), 1) Kind, das noch nicht reden kann. 2) (Rechtsw.) Kind unter 7 Jahren, s. u. Alter. 3) Im Mittelalter der Sohn eines Dynasten n. anderer Edlen; daher Inkantutuvum, auch lukan- tuMum, Apanage. Jnfant, Titel der Prinzen des königl. Hauses in Spanien u. Portugal, mit Ausnahme des Kronprinzen, der in Spanien Prinz von Asturien, in Portugal sonst Prinz von Brasilien hieß. Die Prinzessinnen werden Infantin titulirt. Das einem Jufanten oder einer Infantin als Leibge- dinge angewiesene Gebiet hieß Jnfantado. Jnfantado, Herzog von, Sohn eines span. Granden und einer Prinzessin von Salm-Salm, geb. um 1773; wurde in Frankreich erzogen, ging aber 1793 nach Spanien u. errichtete in Catalo- uieu ein Regiment, welches er in dein Feldzuge in Catalonieu persönlich auführte, dann aber, wegen einer Wunde kampfunfähig, dem König schenkte. Feind des Friedensfllrsten, trat er mit dem Prinzen von Asturien (nachmaligem König Ferdinand VII.) in ein intimeres Verhältniß, wurde deshalb 1806 vom Hofe verwiesen, verwickelte sich später mit dem Prinzen in die Verschwörung vom Escorial so tief, daß der königl. Procurator auf die Todesstrafe für ihn antrug, die man jedoch, aus Furcht vor der WWM Jnfantados — Infanterie. 727 öffentlichen Meinung, nicht vollstreckte. 1808 Oberst der Garden und Generalcapitän von Neucastilieu geworden, begleitete er Ferdinand VII. nach Bayonne, eifrigst bestrebt, der Dynastie den Thron zu erhalten, trat aber, von Napoleon beschuldigt, das zwischen dem alten Könige u. seinem Sohne obwaltende Mißverhältniß zu unterhalten, als Oberster der Garden in Josefs Dienste u. Unterzeichnete 7. Juli 1808 die von Napoleon für die Spanier bestimmte Constitution. Indessen seiner Rolle hier bald müde, verließ er den Hof, stellte sich an die Spitze der Gegenpartei u. rief die Nation zu den Waffen gegen Frankreich, worauf ihn 12. Nov. 1808 Napoleon als einen doppelten Verräther ächtete. 1809 führte er ein Corps, das jedoch von Sebastian! zweimal geschlagen wurde, so daß die oberste Junta ihm den Befehl entzog. Er ging nun nach London, wurde aber Jan. 1811 von den Cortes zum Präsidenten des Regentschastsrathes von Spanien n. Indien ernannt, an den Prinz- Regenten von England in einer außerordentlichen Sendung geschickt u. kehrte 1812 nach Cadix zurück. Hier war er das Haupt der Partei der Servilen u. verlor deshalb seine Stellen, ja die Cortes verbannten ihn selbst aus Madrid, wohin er sich 1813 begeben hatte. Indessen der König be« rief ihn nach seiner Rückkehr zum Obersten der Garde und Präsidenten des Raths von Castilien, eine der einflußreichsten Stellungen. Die Revolution von 1820 nöthigte ihn, seine Stellen niederzulegen, u. beschuldigt, an der von den Garden im Juni im Palaste des Königs angezettelten Verschwörung theilgenommen zu haben, wurde er aus kurze Zeit verhaftet und dann nach Majorca verbannt, von wo er nach England gehen wollte; durch den Sturm verschlagen u. aufs Neue verhaftet, wurde er nach Madrid gebracht, wo ihm der König seine Freiheit gab. Stach der Wiederherstellung der Constitution 1820 legte er seine Stellen nieder u. wurde nach Jldefonso verwiesen, bald daraus jedoch nach Galicien geschickt, hier aber verhaftet u. nach Madrid zurückgebracht, weil man ihn im Verdacht hatte, an den Vorgängen des 7. Juli theil zu haben. 1823 trat er an die Spitze der von den Franzosen eingesetzten Regentschaft, u. als Ferdinand VII. frei wurde, erhielt I. den Oberbefehl über die Garde, wurde 1824 aber Generalcapitän der Armee. Unter Zea stand er an der Spitze der königl. Opposition, wurde an dessen Stelle 1825 erster Staatssecretär u. Präsident des Ministerialraths, verlor die Stelle jedoch im August 1826 wieder und ging nach der Verheirathnng Ferdinands VII. mit Marie Christine nach Paris; später kehrte er nach Madrid zurück u. st. daselbst 28. Nov. 1841. «ag-ü.- Jnfantados, s. Schafe. Infanterie (angeblich aus dem Span, von lutUuoisros, d. h. Kinder der Soldaten, die noch nicht Ritter waren u. daher zu Fuß Dienste leisteten; nach And. aus dem German, von kaut oder venb, d. i. junger Bursche, Knecht eines Ritters; endlich von einer span. Infantin, die eine größere Zahl Fußvolkes gegen die Mauren in den Kampf geführt haben soll, abgeleitet), derjenige Bestand- theil eines Heeres, welcher zum Gesecht zu Fuß bestimmt ist. Die I. ist die älteste Truppengattung u. bildet den Kern u. die Hauptmaste eines jeden Heeres; sie ist im Fern- u. Nahkampf, in geschlossener u. zerstreuter Ordnung, in der Offensive u. in der Defensive, ferner in jedem militärisch überhaupt benutzbaren Terrain zu verwenden, ist am wohlfeilsten u. leichtesten zu erhalten, aus- zurllsten n. zu ergänzen, sowie am schnellsten ans- zubilden, u. wird daher auch als die Hauptmasse der Heere bezeichnet. Im Alterthum war das Fußvolk mit Keulen, Bogen, Wurfspießen, Schwertern rc. bewaffnet. Zum Schutze gegen die feindliche Waffenwirkung bediente man sich der Schilde, Harnische u. Helme; doch war meist nur die besitzende Klasse mit diesen Schutzwaffen versehen, während die besitzlosen Sklaven ohne dieselben kämpfen mußten. So bildete sich schon früh ein Unterschied zwischen schwerem u. leichtem Fußvolk: ersteres, die Gewappneten, waren zum Entscheidungskampfe, letzteres, die Ungewappneten, waren mit Fernwaffen (Schlender, Wurfspieß, Bogen) bewaffnet u. daher mehr für den Einzelkampf bestimmt. Bei den Griechen zählten die Hopliten u. Phalangiten zum schweren Fußvolk, die Gym- neten od. Psilen zum leichten; Letztere waren wieder unterschieden in Akontisten (Speerschützen), Peltasten (Schildträger), Sphendoneten (Schleude- rer) und Toxoten (Bogenschützen). Bei den Römern gehörten die Triarier, Hastaten u. Princi- pen zum schweren, u. die mit einem leichten Wurfspieß bewaffneten Veliten zum leichten Fußvolk. Allmählich verwischt sich indessen dieser Unterschied, theils infolge veränderter socialer Verhältnisse, theils infolge des zunehmenden Gebrauchs von Fernwaffen, namentlich des Bogens. Im frühen Mittelalter ist die Reiterei die Hauptwaffe, Fußvolk kommt fast nur im Städtekrieg zur Verwendung, erst zu Anfang des 16. Jahrh. wird es wieder vermehrt u. im Feldkricge gebraucht; es war mit Hellebarte u. Spieß u. bald — wenn auch noch in beschränktem Maße — mit Feuerwaffen bewaffnet; hiernach unterschied man Pikeniere u. Handschützen od. Arquebnsiere, Elftere in tiefen Colonnen zum Eiitscheidungskampfe, Letztere in zerstreuter Ordnung zur Einleitung des Gefechts verwendet. Mit Verbesserung der Handfeuerwaffen nimmt auch ihr Gebrauch immer mehr zu: dis mit Musketen Bewaffneten werden Musketiere genannt; ihre Zahl wächst im Verhältnis) zu der der Pikeniere, welche nach Einführung des Bayonnetgewehrs allmählich verschwinden u. durch die mit diesem bewaffneten sogen. Füsiliere ersetzt werden. Eine besondere Gattung der I. waren die zum Werfen von Handgranaten bestimmten Grenadiere; der Gebrauch der Handgranaten im Feldkriege kam zwar bald wieder ab, die Bezeichnung Grenadier hat sich aber, wie auch die der Musketiere u. Füsiliere, bis auf die heutige Zeit erhalten, obwol bezüglich ihrer Bewaffnung und Verwendung damals, wie auch jetzt, keine Unterschiede bestanden. Die Einführung der Feuerwaffen mußte natürlich auch die bisherige Kampfesweise verändern; an Stelle der tiefgliederigen Colonne trat die Aufstellung in Linie u. es wurde für die Masse des Fußvolkes die Bezeichnung Linien-J. gebräuchlich. Die zerstreute Fechtart war für die I. gänzlich aufgegeben, schon die Organisation der 728 Infanterie. meist durch Werbung aufgebrachten Heere forderte ein Zusammenhalten in größeren Truppenkörpern, um dadurch die Disciplin besser erhallen und die Leitung im Gefecht ermöglichen zu können. Indessen machte sich doch das Bedürsniß geltend, für kleinere Unternehmungen, wie Begleitung von Transporten rc., besondere Truppen zu besitzen, zu welchem Zwecke Friedrich d. Gr. die meist aus Kriegsgefangenen zusammengesetzten sog. Freibataillone errichtete, welche, im Gegensätze zu der nur zum geschlossenen Gefecht bestimmten Linien-J., die leichte I. bildeten. Die von den Nordamerikanern im Befreiungskrieg entwickelte Taktik u. die hierauf während der Franz. Revolutionskriege erfolgte Annahme der zerstreuten Kampfesordnung machte eine Vermehrung der leichten I. erforderlich, die hauptsächlich zum Schützen- od. Tiraillenrdienst bestimmt war u. daher aus best ausgesuchten, körperlich gewandten u. gut schießenden Mannschaften bestehen sollte, während der übrige Theil der I. fast ausschließlich in geschlossener Ordnung im Gefecht verwendet wurde. In den meisten Armeen war leichte u. schwere I. in einem Bataillon vereinigt, und ^ Bataillons-Commaudeur. b Hauptmann. zwar waren in der Regel die Flügelcompagnien (Schützen- od. Voltigeur-Compagnien) speciell für den Tirailleurdieust bestimmt; in Preußen wurden hierzu die Mannschaften des 3. Gliedes, welche in der Gefechtsformation einen besonderen Schlltzen- zug pro Compagnie bildeten, verwendet; auch war das 3. Bataillon jeden Regiments ein leichtes sog. Füsilier-Bataillon. Eine besondere zur leichten I. zählende Truppengattung waren die Jäger (s. d. 4) od. Schützen: meist zu besonderen Unternehmungen, Detachirung, Bedeckung der Artillerie rc., verwendet; sie sind in besondere Truppenabtheilungen formirt, waren mit gezogenen Gewehren bewaffnet, während die übrige I. noch das glatte Gewehr führte. Diese Unterscheidungsweise der I. nach der taktischen Bestimmung erwies sich indessen in der Praxis des Krieges als nicht durchführbar, indem die augenblicklichen Gefechtsverhältuisse eben so häufig die Verwendung der schweren I. in zerstreuter, wie die der leichten in geschlossener Ordnung erforderlich machte. Mit der allgemeinen Einführung der gezogenen Gewehre fiel selbst für die Jäger die besondere Verwendung im Gefechte Bataillon in Linie. ^ Adjutant. ^ Lieutenants. » Unteroffiziere. Spielleute. 4 v Compagnie. IV. IN. n. I. > Züge. 817 j-6 1 b 4 13 f-L llj- » 0 — » , G » » > V > « >— G s. Comv. (unter- der Fahne), b ^ Ster . 1 cter (über der Fahne), p 2. Comp. m. >4ter Zug. »Ster „ 1 H. Schützenzug Compagnie-Colonnen. lll. IV. r i;..i > ' ' ^ 4. Zug s. _» II. Schützenzug ' » s. Zug — ! i. .. - » I. Schützenzug weg u. es gab eigentlich nur eine I., wenn auch die alten Benennungen, wie Grenadier, Musketier, Füsilier, Jäger rc., beibehalten sind. In der neuesten Zeit mußte, infolge der allgemein dnrch- gesührten Bewaffnung der I. mit den schnell schießenden u. weit tragenden Hinterladern, die Fecht- art geändert werden: die geschlossene Ordnung kann Bataillon in der Angriffs-Colonne. wegen der damit verbundenen Verluste im wirksamen Fenerbereiche nicht mehr angewendet werden, sie dient nur noch als Übergangsformation zum Gefecht, als Marschformation rc., während alle in erster Linie kämpfenden J-truppen in dichten Schützenschwärmen aufgelöst sind u. in dieser Formation auch der Entscheidungskampf geführt InCaiitig, — wird. Gegenwärtig bildet das Bataillon die taktische Einheit der I., es zerfällt in 4—6 Compagnien u. hat eine Stärke von 800—1200 Mann, 2— 4 Bataillone bilden ein Regiment, 2—3 Regimenter eine Brigade. In den höheren Truppenverbänden, den Divisionen, ist die I. zwar mit den anderen Waffen vereinigt, doch nennt man eine aus 2—3 J.-Brigaden, 1 Cavalerie-Regimeiit u. 3— 4 Batterien Artillerie rc. zusammengesetzte Truppenabtheilung gewöhnlich I.-Division. In allen europäischen Heeren ist die I. mit gezogenen Hinterladungsgewehren u. einem zugleich alsBayon- net benutzbaren kurzen Seitengewehr bewaffnet, mit Tornister, Brodbeutel, Kochgeschirr und Feldflasche ausgerüstet u. mit Waffenrock, Hose, Stiefel, Helm od. Käppi u. Mantel bekleidet, letzterer wird meist zusammengerollt am Tornister oder bandelierartig über die Schulter getragen. Patrontasche u. Seitengewehr werden an einem um die Hüfte befestigten sog. Leibriemen getragen. Die gewöhnliche Stellnngssorm eines deutschen I. Bataillons ist die Linie in 3gliederiger Aufstellung; dabei zerfällt das Bataillon in 8 Züge, jeder Zug in 2 Halbzüge u. diese in 2—4 Sektionen. Als Marschformation dient die durch Abschwenken der Sektionen hergestellte Sections - Colonne; vorzugsweise als Parade-Formation die Zug-Colonne und die Colonne in Compagniefronten, entweder geöffnet od. geschlossen. Beim Übergange zur Gefechtsformation wird aus dem 3. Gtiede jeder Compagnie ein dritter sog. Schlltzenzng gebildet u.die Compagnie-Colonnenformation, die 3 Züge einer Compagnie hinter einander, die 4 Compagnie-Co- lonnen eines Bataillons auseinander gezogen, nebeneinander angenommen. Als Bataillons-Colonne ist, aber in der Regel nur außerhalb des feindlichen Feuerbereichs, die sog. Angriffscoloune od. Colonne nach der Mitte noch im Gebrauch, wobei sich die beiden Flügelcompagnien so hinter den beiden mittleren Compagnien sormiren, daß die 1. hinter der 2., die 4. hinter der 3., sämmtliche Compagnien in Compagnie-Colonne, zu stehen kommt. Zum Gefecht werden die Bataillone des 1. Treffens in Compagnie-Colonnen auseinander gezogen; diese schicken Schützen, mindestens in der Stärke eines halben Zuges, vor u. folgen mit dem Reste als Unterstlltzungstrnpps, die je nach dem Terrain u. den Gcfechtsverhältnissen in Linie od. Colonne formirt sind. Nach Maßgabe der Entwickelung der feindlichen Kräfte wird die Schützenlinie ans den Unterstützungstrupps verstärkt. Trotz der weittragenden Gewehre soll das Feuer der Schützen im Allgemeinen erst auf Entfernungen von ca. 600 na eröffnet werden. Der Angriff wird meist durch das sog. sprungweise Vorgehen mit Heranschießen eingeleitet, auf etwa 2S0 m wird das eigentliche Feuergesecht geführt, u. nachdem durch dieses die Widerstandskraft des Feindes erschüttert u. das zweite Treffen herangekommen ist, erfolgt das allgemeine Vorgehen gegen die feindlichen Linien. Das zweite u., wenn nöthig, auch die Hinteren Treffen, sind ebenfalls in Linie oder Colonnen formirt u. haben im Allgemeinen diejenigen Formationen anzunehmen, bei denen die geringsten Verluste durch feindliches Feuer zu erwarten oder welche durch die Gestaltung des Jnfibulation. 729 Terrains bedingt sind. Die Treffenabstände müssen so bemessen sein, daß die Hinteren Treffen unter allen Umständen rechtzeitig zur Unterstützung der Gefechtslinie einzugreifen im Stande sind. Der Angriff der I. ist durch die neuen Feuerwaffen äußerst schwierig geworden u. wird meist nur mit gleichzeitiger Umfassung des Feindes ausführbar sein — u. doch ist die Offensive die einzige Kampfesweise, um die Entscheidung herbeiznfnhren —: nur eine vortrefflich disciplinirtc, ausgebildete und geführte I. wird im Stande sein, diese Schwierigkeiten zu überwinden; das ungestüme Darauflos- gehen allein kann bei der heutigen Bewaffnung keinen Erfolg mehr versprechen; dieser ist vielmehr nur durch eine gründliche u. sorgfältige, aus die Verhältnisse des Krieges basirre Friedensausbildung zu erhoffen. z- Inkantm (lat.), Kindheit; LvanZsIinm Inkan- tias LIrrlsti, Kindheitsgeschichte Jesu, s. u. Apokryphen. Inlaniwiälum (lat.), Kindermord. Jnfarct (v. Lat.), Verstopfung von Blutgefäßen durch eingeschwemmte Gerinnsel (so Lungen-, Milz-J. bei Herzkranken), von Harnkanälchen mit Harnsäuren Salzen (so beim Harnsäure-J. der Neugeborenen). Kunze. Jnfatignbel (v. Lat.), unermüdlich. Infatuation (v. Lat.), thörichte Einbildung, Vorliebe für Etwas. In kavdrsm (lat.), zu Gunsten, zu Gefallen. Insertion (v. Lat.), Infektionskrankheiten, s. u. inficiren. Inkori (lat.), die Unteren, die Unterirdischen, die Seelen der Verstorbenen; daher die Unterwelt. Interims, bei den Alten die Todtenopfer, welche den unterirdischen Gottheiten für die Seelen der Verstorbenen dargebracht wurden. Inkorior (lat.), unter, untergeordnet, kleiner, geringer, niedriger; Inferiorität, Unterordnung, untergeordnete Beschaffenheit, vgl. Superiorität. Infernal (v. Lat.), die Unterwelt betreffend, teuflisch, höllisch; daher Infernales, Secte im 16. Jahrh., welche die Höllenfahrt Christi leugnete, auch Hölle nur für einen bildlichen Ausdruck nahm, welcher böses Gewissen bedeute. Inlerum wäre hieß bei den Römern das Meer an der Westküste Italiens, von dem nach den Gegenden, die cs bespülte, dann wieder einzelne Lheile, das Tyrrhenische, Ligustische unterschieden wurden. Jnfibulation (v. Lat.), ein chirurgisches Verfahren, das darin bestand, daß ein Draht durch die Vorhaut gestochen und vor der Eichel zu einem so engen Ring zusammengedreht wurde, daß dadurch eine Erection unmöglich war. Es sollte der Selbstbefleckung Vorbeugen. Es sollen sich Andeutungen dieser Operation schon bei alten Schriftstellern, z. B. Celsus, finden. C. A. Weinhold in Halle machte in allem Ernst den Vorschlag, sich dieses Verfahrens unter Anwendung einer Plombe von Staats wegen zu bedienen und es bei männlichen Individuen vom 14. Lebensjahr an so lange anznwenden, bis sie die Mittel, um eine Familie zu ernähren, Nachweisen konnten, um einer Über- l völkerung u. Verarmung entgegenzutreten. Heute ! hat das Verfahren sowol in der genannten, als auch 730 Jnficiren - in medicinischer Beziehung nur noch ein geschichtliches Interesse. Jahn. Jnficiren (v. Lat.), einen Krankheilsstoff übertrage», anstecken; Jnfection, Ansteckung; Infektionskrankheiten, Krankheiten, die der Übertragung eines bestimmten, spccifischen Krankheitsgiftes ihre Entstehung verdanken. Ist dies Krank- heitsgist in einer anderen Person entstanden und von dieser auf eine gesunde Person übertragen u. hat bei letzterer die Krankheit der ersteren hervorgerufen, so heißt das Krankheitsgift ein Contagium und die Krankheit eine contagiöse (Scharlach, Masern, Pocken,Keuchhusten, Fleckfieber, Syphilis). Entstand Las Krankheitsgift außerhalb des thieri- schen Körpers durch eigenthümliche Verhältnisse des Bodens, der Luft, des Wassers, so nennt man dasselbe Miasma, u. wird dasselbe aufdenMen- schen übertragen, so entsteht eine miasmatische Krankheit (Sumpffieber, Malariasteber in seinen verschiedenen Formen). Von einer dritten Reihe von Krankheiten endlich nimmt man an, daß ihr Krankheitsgift nicht fertig in'' einem Menschen gebildet wurde, sondern zu seiner Reise erst noch einer Zeit bedarf u. im Boden od. Wasser gewisse Umänderungen durchmachen muß, wenn es bei Übertragung auf Gesunde wirksam werden soll; man nennt solche Krankheiten miasmatisch-con- tagiöse (Typhus, Cholera, Pest, gelbes Fieber). Je nach der Verbreitung unterscheidet man sporadische Jnfectionskrankheiten, wenn sie nur vereinzelt auftreten, endemische, wenn sie an einem Orte wegen seiner besonderen Beschaffenheit zu gleicher Zeit in Menge austreten und an demselben nicht aufhören, u. epidemische, wenn sie sich auf große Länderstrecken verbreiten, ihr Krankheitsgift aber von anderwärts eingeschleppt ist. Zu den sporadischen Jnfectionskrankheiten zählt man die Wuthkrankheit, die Milzbrandcar- bunculosis der Menschen, Len Rotz des Menschen, die Syphilis, den Tripper, den Chancre; zu den endemischen die kalten Fieber; zu den epidemischen die Diphthcritis, die Ollolsra asiatioa, den Typhus, das Fleckfieber, das Rückfallfieber, das gelbe Fieber, die Pest u. die sog. acuten Exantheme, wie Scharlach, Masern, Pocken, Nötheln, Varicellen. Vgl. Contagion u. Miasma. Kunze. Inliäslos (lat.), Ungläubige. In tiäom (lat.), zur Beglaubigung. Jnstltration,Dnrchsetzung der Gewebselemente eines Organs mit wässerigerFlussigkeit, mit Jauche, Urin, Blut od. faserstofsigen Ausschwitzungen. Die I. kommt vor bei wassersüchtigen Zuständen, bei Gefäßzerreißungen, bei Entzündungen, bei Operationen an den Harnwegen, bei brandigem Zerfall u. s. w. Kunze. In lins (lat.), am Ende, am Schlüsse. Infinit (v. Lat.), unbegrenzt, unendlich. Infinitesimalrechnung (v. Lat.), (Math.) Rechnung mit unendlich kleinen Größen, so v. w. höhere Analysis. Jnfinitlvus, die Form des Zeitworts, welche die Thätigkcit od. den Zustand, ohne Bezug auf ein Subject als abstracten Begriff darstellt, vom Substantivum dadurch verschieden, daß er Kleine seiner Flexionen annimmt, activ u. passiv n. mit Bezeichnung der verschiedenen Zeiten austritt und - Iviraotus. denselben Casus wie das Verb regiert, z. B. gehen, lesen, gelescn-werden, oelesen-haben. Im Lateinischen steht oft der I. bei den Geschichtschreibern anstatt eines erzählenden Tempus u. wird dann I. biatorious genannt. Eberhard. In1in7tum (lat.), das Unendliche. In flagranti (lat.), im Augenblick der Begehung einer That. Jnflammkren (v. Lat.), entzünden, reizen, erbittern. Inflation (v. Lat.), Ausblühung. Jnflatus (lat.), aufgeblasen. Jnfleetiren (v. Lat.), 1) beugen; 3) einen Vocal dehnen; mit einem Circumflex versehen. Inflexibel (v. Lat.), unbeugsam, unerschütterlich; daher Inflexibilität, Unbeugsamkeit. In- üsxibllia (Inflexible Wörter), nicht beugnngsfähige Wörter, s. n. Flexion. Jnflexion, Beugung. In Ilorlbus (lat.), in der Blüthe, im Wohlstände, in Saus n. Braus. Influenz, elektrische und J.-Elektricität s. Elektricität VI.; I., magnetische, s. Magnetismus; J-elektrisirmaschine, s. Elektricität 8. III. Influenza, 1) Grippe; 2) seuchenartlg verbreitete katarrhalische Leiden des Nespirations- u. Verdaunngsapparates, Brustfell- und Lungenentzündungen bei Pferden. Man vermuthet eine gemeinsame miasmatische od. contagiöse Ursache dieser verschiedenen Krankheitsformen. Die ältere Schule ließ den Rotz aus der I. hervorgshen, welche Anschauung im Volke noch allgemeine Verbreitung hat. Schmidt. Jnfluiren (v. Lat.), hinein fließen; Einfluß haben oder solchen üben. Jnforestation, Belegung eines Waldes oder sonstigen Grundstückes mit dem Forst- und Wildbann; s. Forst. Information, von Jnformiren, unterrichten, Belehrung, Unterweisung, Auskunft. Informator, Lehrer, bes. Hauslehrer. Jnformativproceß (v. Lat.), 1) strafrechtliches Vorverfahren, in welchem der Richter seine Untersuchung noch nicht gegen eine bestimmte Person, sondern nur auf das Objective u. auf solche Thatsachen, die einen Verdacht gegen eine bestimmte Person oder mehrere begründen können, erstreckt. 3 ) Die Untersuchung, welche der Confirmation eines katholischen Bischofs über das Vorhandensein der Wahlersordernisse vorausgeht. Sie wird durch einen päpstlichen Bevollmächtigten (meist ein einheimischer Bischof) am Wohnorte des Gewählten vorgenommen, worauf die Acten in Rom geprüft werden. Vgl. Lutterbeck, Der Jnformativproceß, Gießen 1850. Bezold. Jnformität (v. Lat.), Unförmlichkeit. In koro (lat., auf dem Markte), vor Gericht. InkortlÄum, der mittelste der drei Theile (Volumina), in welche die Glossatoren die Justinianischen Pandekten (s. u. Oorxus zuris) abzutheilen pflegten. Inkcs . . . (lat.), unter .... Jufraction, Zerbrechnng, Einbrechen, Bruch, Vertrags-, Gesetzesbruch; ursprünglich auch Bre- chen oder Schwächung des Geistes. Inkcaetur (lat.), eingeknickt, ein Pflanzentheil, 731 Jnfralapsnrier der mit einem Mal seine Richtung erheblich abändert. Jnfralapsarier und Supralapsarier nannte man bei den Reformirten die Anhänger der beiden entgegengesetzten Lehrweisen hinsichtlich der Prädestination, von denen die eine die Prädestination dem Falle überordnet, die andere unterordnct. Die Dordrcchter Synode ließ diese Frage unentschieden. Jnfrangibel (v. Lat.), unzerbrechlich. iLöffler. !a krauäsm ceeäüffrum (lat.), zum Schaden der Gläubiger; in krancksm IsAiv, absichtliche Umgehung des Gesetzes. Jnfrigidation(lat.), Abkuhlen-, Erkaltenlassen. Insul (Inkula), 1) (röm. Ant.) weißer, selten rother, wollener Hauptschmuck, entweder als Binde oder als Turban, mit an beiden Seiten herab- häugeuden Bändern; als Zeichen der Unverletzlichkeit getragen von Priestern, Bestalinnen, Schutz- stehenden, auch Opferthiere u. selbst leblose Gegenstände an heiligen Orten wurden damit behängt. Später nahmen auch die Kaiser u. hohe Staats- beamtete die I. als Jnsignie an. 8) Seit dem 7. Jahrh. u. heute noch in der kath. Kirche die Amtsmlltze der Erzbischöfe, Bischöfe und mancher Äbte (daher inkulatus), in der Farbe nach dem Meßgewand sich richtend, mit Borden und Juwelen geschmückt; sie besteht aus 2 hörnerartig nach oben spitz znlaufenden Theilen, mit nach hinten herabhäugendcn Bändern. 3 ) Die Bischoss- u. Prälatenwürde. Daher Jnfuliren, mit der Insul schmücken, d. h. zum Bischof od. zum Abt erklären, Vorrecht des Papstes. Löffler.* Jnfundiren (v. Lat.), 1) eingießen; 8) auf. gießen. Daher Jnfuudirbüchse, cyliudrischcs, mit einem Deckel versehenes Gesäß von Porzellan oder feinem Zinn, von verschiedener Größe, zu Ausgüssen vegetabilischer Stofse. Infusio», 1) (Med.) a) Einbringen arzneilicher Stofse in die Blutadern, z. B. einer Brech- weinsteinlösulig, wenn aus irgend einem Grunde eine Unmöglichkeit zu schlucken besteht. Gefährlich wegen Eintritt von Luft in die Blutadern, b) Einbringen von Wasser od. anderen Flüssigkeiten in den Darm, in die Harnblase, in den Magen durch einen Heberapparat. Der letztere besteht aus einem gewöhnlichen Trichter, an welchem ein etwa 4 m langer Gummischlauch mit einem Ausflußrohre befestigt ist; vor dem Ansätze des Ausflußrohres ist ein Äbstellhahn. Wird nun das Ausflußrohr in den Mastdarm eingesührt u. in den hochgehalteneu Trichter Wasser eiugefüllt, so nimmt der Darm eine große Menge Wasser auf. Es ist dadurch möglich, Darmverschlingungen u. hartnäckige Stuhlverstopfung zu heben. In die Blase werden durch den gleichen Apparat wechselsweise Flüssigkeiten eingesührt u. durch Senken des Trichters wieder entleert, so daß ein vollständiges Ausspülen der Harnblase erfolgt, eine Methode, die bei säulig zersetztem Harn von großer Wirksamkeit ist. Bon den Magenkrankheiten kommt die I., resp. Ausspülung des Magens, bes. bei Magenerweiterung in Anwendung. 8) Aufguß. Kunze. Jnfustonsthierchen, s. Infusorien. Infusorien (Jnfusionsthierchen, Aufgußthier- chen, Inkusoria), Thierklasse aus dem Typus der Urthiere oder Protozoen. Von den übrigen Ur- — Infusorien. thieren durch ihre bestimmte Körperform, sowie dadurch unterschieden, daß ihre Kürpersubstanz in eine Riudenschicht (Lntioula) u. ein inneres bewegliches, in beständiger Veränderung begriffenes, halbflüssiges, aus körnigem Protoplasma bestehendes Mark geschieden ist; auch besitzen sie noch eine Mundöfsnung. Ihr Name rührt her von ihrem plötzlichen u. massenhaften Erscheinen in wässerigen Aufgüssen (Infusionen) auf die verschiedenartigsten Stoffe. Diese vielfach bewunderte Erscheinung, welche früher der Urzeugung zugeschrieben wurde, erklärt sich durch die Leichtigkeit, mit der selbst in scheinbar abgeschlossene Flüssigkeiten Keime dieser mikroskopisch kleinen (0,ooi mm und weniger, bis höchstens 1 mm) Thiere gelangen können u. durch deren außerordentlich rasche Vermehrung. Die Körperform ist sehr verschieden: kugelig, eiförmig, walzen-, stab-, faden-, scheiben-, trichter-, glockenförmig u. s. w. Viel: sind durchsichtig, andere nicht. Die Cuticula ist mit verschiedenen Anhängen, wie Wimpern, lange, faden- oder peitschen- sörmige und eiustülpbare Geißeln, Borsten und Stacheln besetzt. Je nach dem Verhalten der Cuticula unterscheidet mau formveräudernde, formbeständige u. gepanzerte I. Von einein Sinuenleben zeigt sich außer dem Hautsinne nur noch ein Vermögen für Lichtempfindung, da die I. sich an der beleuchteten Seite des Gefäßes ansammeln, in welchem sie aufbewahrt werden; Gesichtsorgane fehlen. Von dem mit Wimperkranz umgebenen Mund ragt häufig eine Speiseröhre in das Mark. Mit dem durch die Wimperbewegung erzeugten Wasserstrome gelangeuNahrungsstosse in dieSpeise- röhre u. demnächst in das Innere des Protoplasmas u. werden dort durch die Zusammeuziehungen des Leibes umhergetrieben, bis endlich die unbrauchbaren, sichtbar veränderten Stofse durch eine besondere Öffnung wieder ausgestoßen werden. Bei den mnudlosen Amöben wird dagegen die Nahrung einfach von der Leibessnbstanz umflossen, ihres Nährstoffes beraubt u. endlich au einer beliebigen Körperstelle wieder ausgestoßen. Als innere Er- uährungsapparate kann man vielleicht Helle, mit Flüssigkeit gefüllte contractile Räume im Innern des Markes auseheu, welche sich rhythmisch zusammenziehen u. verschwinden, dann wieder sichtbar werden und sich ausdehnen. Die Athmung erfolgt durch die Haut. Die Fortpflanzung geschieht durch Knospung, Theilung, Schwärmspröß- linge u. durch Eier (Keimkugeln). Auf dem Wege der Theilung, welche mit Theilung des in den meisten I. vorhandenen Kernes beginnt, findet eine außerordentlich rasche Vermehrung statt; die Theilung einer Vorticelline dauert z. B. nur bis 1 Stunde, was, da jedes Theilganze sich sofort wieder theilen kann, binnen 24 Stunden schon 16 Millionen neue Individuen gäbe. Indem bei der Theilung od. Knospung oft keine vollständige Loslösung der Individuen von einander erfolgt, bilden sich Colonien od. Stöcke (z. B. beim Glockeu- thierchen, vgl. die Tafel Urthiere). Häufig geht der Theilung eine Einkapselung (Encystirung) voraus, namentlich wenn das Wasser, das Lebeus- element der Thiere, austrocknet. Die Theilindivi- duen wachsen dann heran, sobald die Kapsel durch Wasser zum Bersten gebracht wird. Schwärm- 732 Infusorienerde - sprößlinge entstehen auS Theilstücken des Kernes, durchbrechen die Wandung des Mutterthieres und werden frei; ihr ferneres Schicksal ist noch nicht vollständig aufgehellt. Erwähnenswerth ist auch ZK? Glockenthlerchen, VortiesN» wiorosiom». 1) Erwachsenes Thierchen: nt> Wimperbesatz, o Speiseröhre, ä conlracliler Raum, e bandsörmiger Kern, r contractiler Stiel, g und I, Äleinsprößlinge. — 2) Glockenthierchen in Längstheilung begriffen: a Siiel, d Kern, o Mundpartien der neuen Thiere. — 3) Borticelle L. nüt herangewachsenem Kleinsprößlinge L, a Kern, d contractiler Raum, o Speiseröhre, So Wimpcr- besatz; L hat einen Hinteren Wimperbesatz k entwickelt n, den vorderen eingczozen. — 4) Der KleinspriWng N in Fig. S hat sich abgelöst u. nach einigem freien Umherschwärmen festgesetzt; er wird jetzt einen neuen Stiel bilden und dann den Hinteren Wimperkranz verlieren. die Copulation (Syzygie). Dabei setzt sich ein durch Längstheilung entstandenes kleines Individuum, Kleinsprößling (Mikrogouidie) mit seinem Hinterende an ein größeres an u. verwächst nach und nach so innig mit demselben, daß es einer Knospe auf das vollständigste gleicht. Später trennen sich die verbunden gewesenen Thiere von einander, nachdem sie beide durch die Vereinigung frische Lebenskraft gewonnen (vgl. die Tafel Ur- thicre). I. werden allerorten gesunden, meist in süßem Wasser, selten in Seewasser. Sie entfalten eine außerordentliche, durch Wimpern u. Geißeln hervorgernfene Beweglichkeit. Einige sind wahre Raubthiere, indem sie ihre Beute lebend hinab- würgen, andere dagegen Schmarotzer, welche durch vorstreckbare Saugröhren den Leibesinhalt anderer Organismen aussaugen. Gewisse Arten (kori- äinium, kroroosntrnm) leuchten u. sind so Mitursache des Meerleuchtens. Directen Nutzen oder Schaden bringen die I. nicht. Eintheilung: 1. Ordnung: Wimper-J. (Inknsoria oilints.). Ihre Bewegungsorgane sind stets nur Wimpern. Glocken-, Kreisel- u. Hechelthierchen. 2.Ordn.: — St. Ingbert. Sauger (Ink. onotorm). In der Jugend mit Wimpern, später ohne Bewegungsorgane; schmarotzen saugend ans anderen I. Acineten. 3. Ordnung: Geißelwimper-J. (Ink. oiiiotlaAsiiatm). Als Bewegungsorgane ein Ring von Wimpern u. eine lange Geißel. Meist Seethiere. 4. Ordnung: Geißel-J. (Ink. ünAsUnta). Als Bewegungsorgan eine oder mehrere Geißeln. Monaden, Englena u. s. w.; doch dürsten viele hierher gerechnete Formen Schwärmsporen von Pflanzen, namentlich von Algen, sein. 5. Ordnung: Wnrzelfüßerähn- liche I. (Ink. rbixopocka). Bewegen sich mittels veränderlicher, ans- und einstülpbarer Fortsätze; Übergang zu den Wurzelfüßern. Amöben. Häufig werden auch noch die Spaltpilze: Laetorinm, Vibrio, Imptotbrix u. s. w., hierher gerechnet. Es ist indessen noch eine Streitfrage, ob diese Organismen zu den Thieren, od. zu Len Pflanzen (Algen od. Pilzen) zu rechnen sind, od. ob sie alSPflan- zenthicre eine Mittelstufe bilden, in welcher sich Thier- u. Pflanzenreich berühren, oder ob sie den Protisten zugezählt werden müssen. Die I. wurden von Leeuwenhoeck (1K75) entdeckt; den Namen hat ihnen Ledermüller gegeben; v. Gleichen, F. 0. Müller u. a. entdeckten viele neue Formen u. beobachteten ihr Leben. Ehrenberg (Die I. als vollkommene Organismen, nebst Atlas, Lpz. 1838), der die I. für höher organisirt hielt, als sie wirklich sind, auch manche pflanzliche (Diatomeen, Desmidiaceen, Bolvocineen) und höhere thierische Formen (Räderthiere) mit in ihren Kreis zog, hat den Grund zu ihrer genaueren Kenntniß gelegt, ans welchem neuerdings bes. Fr. Stein, Balbiani, Claparede u. Lachmann fortbautcn. Th-ms. Infusorienerde, s. Kieselguhr. Infnsorisch, durch Aufguß entstanden. Insu so rin m, Geräthschast zur Infusion. Jnfu- sum, Aufguß. In kutllrum (lat.), für die Znknnft. Inga UMck., Pflanzengaltung aus der Familie ImAuminosas-NiwoasLS-InAeas. Bäume und Sträucher des tropischen Amerikas mit gegenständigen, einfach paarig gefiederten Blättern und ziemlich großen, oft filzigen Blllthen in kugligen Dolden, Köpfchen oder Ähren; Hülse flach, vierkantig od. fast rund, gar nicht od. erst spät aufspringend. An 140 Arten. I. vorn Ilrttck. (sonst Nimosa I.), liefert die J-srucht, Hülsen, deren Samen mit süßem, eßbarem Muß umgeben sind; Westindien. I. Ikouilioi 1)6., in Peru, auch häufig wegen der weißes süßes Fleisch enthaltenden, als Leckerei beliebten Hülsen (Pacayfrucht) cultivirt. 1. Karibus Lhir., in Peru, die gequetschten Hülsen (Algarovilla) werden zum Schwarzfärben benutzt. I. eckuiis Tllbrä, mit eßbaren Hülsen. Engler. Jngävönen (a. Geogr.), nach der Eintheilung des Tacitus einer der S Hauptstämme der Germanen (s. d.), der die an der Küste wohnenden Völker begriff. Ingaimo (ital.), Betrug; per 1. betrllgerischerweisr. St. Ingbert, Stadt im Bez.-Amt Zweibrück m des daher. Kreises Pfalz (Nheinpsalz), Haupte, i des gleichnam. Kantons von 14,920 Menschen, am Rohrbach, Station der Pfälzischen Ludwigsbahn (Homburg-St. I. u. künftig auch St. J.-Saar- brücken); Bcrgamt, Landgericht, Lateinische Schule, 733 Jngeborg — bedeutender Steinkohlenbergbau (ärarialische Gruben), Eisenerzgruben, Krämersches Eisenwerk (mit durchschnittlich 600 Arbeiter»), Hohöfen, Puddel-, Walz- u. Drahtwerk, Maschinenfabrik, Rußhütten, Glasfabriken; 1875 9220 Ew., wovon 6920 im Orte. St. I. war vor der franz. Revolution im Besitze des Fürsten von der Leyen. Jngeborg, Königin von Frankreich, s. Philipp II. August. Jngelsingcn, Stadt im Oberamte Klinzelsan des Württemberg. Jagstkreises, am Kocher; Schloß, Baumwollenweberei, Weinbau, Ruine der im Bauernkriege zerstörten Burg Lichteneck; 1460 Ew. Früher Hauptort einer Standesherrschaft u. Residenz des Fürsten von Hohenlohe-Ähringen (sonst Hohenlohe-J.); kam 1806 unter württembergische Hoheit. Ingelheim, 1) Oberingelheim. Flecken im Kreise Bingen der großherzogl>hess. Prov. Rhein- Hessen, an der Selz, mit Mauern umgeben; uralte evangcl. Kirche mit vielen Denkmälern, kath. Kirche,Synagoge,Papierfabrik, Burgreste,Weinbau (Jngelheimer, guter Rothwein); 1871: 2675 Ew. Oberingelheim, ehemals ein Reichsdorf, wird schon 760 erwähnt. 2)Niederingelheim, Marktflecken in demselben Kreise, 1 km vom vorigen, Station (I.) der hessischen Lndwigsbahn; Überreste des Kaiserpalastes, viel Weinbau, mehrere Fabriken; 1871: 2441 Ew. N.-J. ist Geburtsort von Sebastian Münster. — Karl der Große erbaute hier in Niederingelheim, das nach der Sage sein Geburtsort sei» soll, zwischen 768 und 774 eine durch seltene Pracht berühmte Pfalz, welche 100 Säulen von Granit u. Marmor (zum Theil aus Ravenna) u. viele Sculpturen n. Mosaikarbeiten, meist Geschenke des Papstes Hadrian I., schmückten. Er hielt hier 774 einen Reichstag, wo Herzog Thassilo II. entsetzt wurde. Hier wurde am 31. Dec. 1105 Heinrich IV. von seinem Sohn Heinrich zur Thronentsagung gezwungen. Auch viele Kirchen- versammlnngen wurden daselbst gehalten. Friedrich I. ließ den Palast wieder Herstellen; Karl IV. bewohnte ihn zuletzt u. verpfändete ihn 1356 an Knrpfalz. Öfters wurde er, des. während des Krieges zwischen Diether von Isenburg u. Adolf von Nassau, von den Mainzern und zuletzt 1689 von den Franzosen zerstört. 1831 stürzten die letzten Trümmer ein, u. jetzt sind nur noch wenige Reste des Palastes übrig. Von den Bewohnern wird die Stelle, wo einst der Palast stand, noch heute der Saal genannt. Vgl. Hilß, Der Reichspalast zu I., Mainz 1868. H- Berns. Jngelmünster, Flecken im Arrond. Cortryk (Courtray) Ler belg. Prov. Westflandern, Station der belg. Societe; Leinwand- ».Teppichwebereien, Spitzenklöppelei, Handel, Salzraffinerie; 5287 Ew. Jngemann, Bernhard Severin, geb. 28. Mai 1789 zu Torkildstrup auf Falster, wurde 1822 Lector der Ästhetik und Dänischen Sprache in Soröe, war 1843—49 Director Ler dortigen Akademie u. st. das. 24. Febr. 1862 . I. gehört entschieden zur romantischen Schule. Als Dichter trat er zuerst 1811 mit lyrischen Versuchen auf, 1814 lieferte er ein großes romantisches Epos, Die schwarzen Ritter, u. von 1815 an eine Reihe weinerlicher romantischer Dramen, die damals sehr - Ingenieure. gefielen, bes. Lianen, 1815, Naaanisllo, 1815. Später schrieb er mittelalterliche Romane, die sehr gelesen sind, doch ohne besonderen literarischen Werth: kValäsmar Jsisr, 1826; Brik LIsnvscks Barockem, 1828; Lsn^ Brik oA äs Brocklöso, 1833; kriocks Otto, 1835; ferner epische Gedichte (Lon-r IValäsmar, DrormmA, Nar§rota), viele Erzählungen u. Novellen (z. B. Bancksb^börnsne), Kirchenlieder rc. Gesammelte Werke, 41 Bde. in 4 Abtheilungen, erschienen seit 1843; die einzelnen Abtheilungen n. Bände wiederholentlich. Manches ist ins Deutsche übersetzt (die mittelalterlichen Romans von Kruse, 1827 ff.). In gonsrs (lat.), im Allgemeinen, generell. Jngenerirt, angeboren. Jngenhonft, Johann, berühmter Naturforscher, geb. 1730 in Breda in Holland, war anfangs Arzt daselbst, dann in London, wo seine hervorragenden Talente allgemeine Aufmerksamkeit erregten. Aus Wunsch der Maria Theresia kam er nach Wien, um die kaiserlichen Prinzen und Prinzessinnen zu impfen. Er wurde daraus Leibarzt n. namentlich von Joseph II. in der hervor- tretendsten Weise ausgezeichnet. Dennoch ging er nach Holland zurück, bereiste dann Frankreich u. Deutschland u. ließ sich endlich in Bowood nieder, einem Landhause des Marquis von Lansdowne bei London, wo er 7. Sept. 1799 st. Er zeigte, daß sie Pflanzen im Sonnenlicht Sauerstoff, im Dunkeln aber Kohlensäure absondern; führte auch zuerst den Gebrauch des kohlsnsauren Gases in der Medicin ein. Er schr.r Bxporimonts npon vsAs- tablss, London 1778 (deutsch von Scherer, Wien 1786 , ins Französische von ihm selbst 1780, 87, 89); Nene Versuche u. Beobachtungen über verschiedene Gegenstände der Physik (deutsch von Molitor, Wien 1782 und 1784, lateinisch von Scherer, ebd. 1795); Bvsa^ontlasloock vlplanbs, Lond. 1796 (deutsch von G. Fischer, Lpz. 1798). Vermischte Schriften, Wien 1784. Thamhayn. Ingenieure (franz.) hießen früher diejenigen Techniker, welche die Militärbankunde verstanden n. die Kriegsmaschinen anfertigten. Später wurden, als diese Kunst auf die Kriegsbaumeister überging, auch die letzteren so genannt. Jetzt unterscheidet man Militär- u. Civil-J., 1) Mili- tär-J., a. der Landarmee, ein sich mit der Erbauung u. Instandhaltung von Festungswerken beschäftigender Öffizier, welcher im Kriege zugleich den Angriff u. die Vcrtheidignng der Festungen, so wie alle pionier-technischen Arbeiten im Felde zu leiten hat. Im 15. u. 16. Jahrh. waren die I. meist Italiener, später auch Franzosen, u. Heinrich IV. ließ zuerst durch Sully 1603 I. in ein besonderes Ooixv ckn sssnio (J.-Corps) vereinigen und denselben den Bau u. die Aufsicht über die Festungen übertragen. Demnächst standen auch in Deutschland, den Niederlanden u. anderen Staaten gute I. auf. In Preußen bildeten sich unter Friedrich Wilhelm I., in Sachsen unter August II., in Rußland unter Peter I., in England u. Holland unter Wilhelm III. Corps, die bald als J.-Corps, bald als Pontonier- und Mineurcorps bezeichnet sind. In England behielt das Corps längere Zeit einen gemeinschaftlichen Chef mit der Artillerie. In Schweden war schon unter Gustav Adolf J.-Corps 734 Ingenieure. in Generalstab vereinigt worden u. man sprach daher hier von Feld-J-n, welche die Generalstabsarbeiten, u. von Festungs-J-n, welche den Bau u. die Belagerung von Festungen u. die Anlage von Feldschanzen leiteten. Jetzt haben alle größeren Heere eigene J.-Corps. Das J.-Corps in Deutschland besteht nur ans Offizieren, und sind die bei den Pionier-Bataillonen stehenden Offiziere, excl. derjenigen des Württembergischen Pionier- Bataillons Nr. 13, J.-Osfiziere. Die I.-Geographen, welche ausschließlich zu Vermessungen u. topographischen Aufnahmen, zur Aushilfe für die Offiziere des Generalstabes bestimmt sind, gehören nicht zum J.-Corps, ebenso auch nicht die Marine- I. Der Friedensetat des Preuß. J.-Corps beträgt 601 Offiziere (der des Sachs, ungefähr 20 Offiziere, der des Bayerischen ungefähr 100 Offiziere), welche theils zur Dienstleistung in den Festungen u. bei den höheren Stäben, theils bei den Pionier- Bataillonen commandirt sind. An der Spitze steht ein General-Jnspectenr des J.-Corps und der Festungen, dem ein Oberst als Chef des Stabes, ein Stabsoffizier und zwei Hauptleute als Adjutanten beigegeben sind. Das J.-Corps zerfällt in das J.-Comite u. vier J.-Jnspectionen. Das srstere hat einen General als Präses, zwei Obersten als Abtheilungschefs u. 12 Majors u. Haupt- leute als Secnonschefs und Assistenten. Dasselbe bearbeitet alle generellen Entwürfe für Neuau- lagcn von Festungswerken, prüft Erfindungen aus dem Gebiete der I.- und Pioniertechnik, entwirft neue Reglements u. Dienstvorschriften u. hält die Kenntniß fremder Festungen aus dem Laufenden. Jeder J.-Jnfpection, mit einem General als Jn- specteur an der Spitze, untersteht eine Pionier- Jnspection u. zwei Festnngs-Jnspectiouen, deren Jnspecteure Obersten sind. Einem Pionier-Jn- specteur sind 3 bis 4 Pionier-Bataillone, einem Festungs-Jnspecteur 4 bis 7 Festungen zur Beaufsichtigung unterstellt. Ein Pionier-Bataillon, von dem jedes Armee-Corps eines besitzt, besteht im Frieden aus 4 Compagnien, von denen die 3 ersten als Feldcompaguien eine völlig gleiche Ausbildung erhalten, und zwar im Pontonieren, im allgemeinen Pionier-Dienst, im Sappiren u. im Feldmineurdienst. Die vierte (Mineur-)Com- pagnie wird hauptsächlich im Miniren, Sappiren und dem allgemeinen Pionier-Dienst ansgebildet, um vorzugsweise beim Angriff u. der Vertheidig- ung der Festungen verwerthet zu werden. Die drei ersten Compagnien werden dem ins Feld rückenden Armee-Corps zugetheilt. Dazu treten im Kriege noch zwei Divisions-Brückentrains u. ein Corps-Brückentrain nebst Begleitcommando, die beiden elfteren führen auf je 14 Fahrzeugen das Material für je eine Brücke von 39 m Länge, der letztere auf 33 Fahrzeugen dasjenige für eine Brücke von 132 m Länge mit sich, so daß aus dem gesammteu Brückenmaterial eines Armee- Corps eine Brücke bis zu 210 m Länge in Maxims geschlagen werden kann. Aus der Mineur- compagnie und den im Falle der Mobilmachung hinzutretenden Reserven werden drei Festnngs- Pionier-Compagnien gebildet, welche beim Festungskriege Verwendung finden. Außerdem bildet bei der 'Mobilmachung jedes Pionier - Bataillon eine Ersatz-Compagnie zur Ausbildung des Nachschubes für die ins Feld rückenden mobilen Compagnien, zwei Bataillone aber an Stelle der Fest- ungs-Pionier-Compagnien eine Anzahl von Feld« Telegraphen-Abtheilungen, um die Hauptquartiere der Armeen und der Armee-Corps untereinander und mit den nach der Heimath führenden Linien telegraphisch zu verbinden u. zerstörte Telegraphenleitungen wieder herzustellen. Außer dem Brückenschlägen u. den Arbeiten beim Angriff u. der Ver- theidigung der Festungen fällt den Pionieren im Kriege zu: Die Herstellung und Zerstörung aller Arten von Communicationen, die Vertheidigungs- einrichtung von Terrainbedeckungen wie Gehöften, Ortschaften, Wäldern, die Herstellung von Anstauungen, das Ableiten von Gewässern rc. Den I.- Offizieren muß daher außer dem technischen Wissen auch die Kenntuiß der Taktik der übrigen Waffen inuewohnen, damit die von den Pionieren geschaffenen Anlagen den Waffengebrauch derselben möglichst begünstigen. In den Festungen ist der Platz-Ingenieur oder Festungsbau-Direktor der Leiter des gesammten localen Festuugsbauweseus, der zu seiner Hilfe und zur speciellen Aufsicht bei den einzelnen Bauten bald mehr bald weniger J.-Ofsiziere (Postenosfiziere) u. Wallmeister unter sich hat. J.-Schulen (J.-Akademien) zum Unterricht der angehenden I. in den Wissenschaften, deren sie zu ihrem Dienst bedürfen, wurden 1742 in Sachsen, 1747 in Wien, 1750 in Meziöres, 1788 in Potsdam gestiftet und mit der letzteren 1816 die Artillerieschule verbunden. Beide wurden dann als vereinigte Artillerie- u. I.-Schule nach Berlin verlegt. Hier werden unter Anderem gelehrt niedere und höhere Mathematik, Chemie, Physik u. Zeichnen, von den angewandten Wissenschaften dis Kriegsbauknnst (Fortification) für Land- uud Wasserbauten, die bürgerliche Baukunst zur Anlage von Kasernen, Magazinen, zur Errichtung von Futtermauern, Gewölben, Gründungen, ferner Wege- u. Brückenbau, der Dienst der Feldpionier- u. Mineurcompagnien, die Lehre vom Angriff u. der Vertheidigung der Festungen, die Geschichte des Festungskrieges, Artillerielehre, Taktik rc. Vgl. Gesch. des Jngenieurcorps u. der Pioniere in Preußen von Udo v. Bonin, Generalmajor z. D., Berl. 1877. b. Die Marine-J. (seit 1854) sind höhere Militärbeamte mit allgemeinem Offiziersrang, welche die Hoch- u. Wasserbauten in den Marinchäfen, die Neu- u. Reparaturbauten der Kriegsschiffe u. aller dazu erforderlichen Werkstattsanlagen rc. leiten (vgl. Werfte). Ihrer Beschäftigung nach werden sie eingetheilt in Schiffbau-, Maschinenbau- u. Hafenban-J.; dem Range nach in Direktoren, Ober-J., I. u. Unter-J., nur bei den Hafenbau- J-n fehlen die beiden unteren Chargen, statt deren staatlich geprüfte Banmeister u. Bauführer fnnc- tioniren. Aus den beiden oberen Chargen recru- tiren sich die Admiralitätsräthe und Vortragenden Räthe bei der kaiserl. Admiralität in Berlin für die betr. technischen Dieustzweige. Die Vorbildung der Marine-J. muß eine sehr umfangreiche sein; sie erhält mit der Absolvirung der Gewerbe-, bcz. Bauakademie in Berlin nur einen vorläufigen Abschluß; eingehende Studien der zerstreuten maritimen, technischen Literatur Englands, Frankreichs, 735 Jngemeurkunst — Jnglis. ^ Rußlands und Italiens ergänzen dieselbe; mehr- r> jährige Beschäftigung in der Privatpraxis als I. t! oder bei praktischer Handarbeit geht fast überall t der Anstellung voran. Die so ausgebildeten I. ! heißen während ihrer remuneratorischen Beschäf- j tignng bei der Marine bis zur definitiven An- ks stellung als Unter-J. Ingenieur-Aspiranten. ! Zn dem Stabe größerer Geschwader werden be- ' Hufs Wahrnehmung der technischen Vorkommnisse " Schiffs- u. Maschinenbau-J. coinmandirt. Augen- j blicklich zählt das Marine-Jngenieurcorps 8 Di- j rectoren, 11 Ober-J., 22 I., 18 Unter-J. — > Die Marine-Maschinen-J. (seit 1870) gehen s aus den Ober-Maschinisten hervor, haben also eine i mehr praktische Ausbildung bei den in der Marine i vertretenen speciellen Maschinentypen, sowie in dem Dienst an Bord durchgemacht, müssen aber vor ! ihrer Ernennung einen ziemlich umfangreichen ( theoretischen Cursns mit entsprechendem Endexamen k durchwachen n. unterliegen auch den Bestimmungen ; über die Wahl der Offiziere. Die Marine-Ma- ss schinen-Ober--J. haben Hauptmanns-, die I. Pre- ! mier-Lieutenants-, die Unter-J. Seconde-Lieute- s nantsrang. Jedes größere Kriegsschiff erhält einen ! Maschinen-Jngenieur an Bord, der dir volle Verantwortlichkeit für die Maschine u. das Commando > über das Maschinenpersonal hat. Dem Geschwa- s der-Stab gehört ein Maschinen-Ober-Jngenienr I an. Die Maschinen-J. der deutschen Marine zählen gegenwärtig 2 Ober-J., 3 I., 8 Unter-J. - 8) Civilpersonen,daher Civil-J., im Gegensatz von Militär-J-n, deren Beschäftigung denen des J.-Offiziers ähnlich ist, insofern die reine u. angewandte Mathematik dieGrundlage ihrerWissen- schaft bildet; so nennt man I. die Baumeister für Wege- u. Wasserbauten; ebenso diejenigen Civil- '/ I., welche sich mit der höheren Mechanik, dem Bau von Dampfmaschinen, von Telegraphenapparaten rc. beschäftigen. Eisenbahn-J. nennt man diejenigen , welche die Bauten zur Anlage von Eisen- f bahnen leiten; Betriebs-J. diejenigen, welche für i die Instandhaltung u. den Betrieb fertiger industrieller Anlagen sorgen. 1 ) l. 1 )d.Fch. S)Gieseler. Jngcnieurkunst, 1) die Befestigungskunst, s. s d.; 2) die Lehre vom Festnngskrieg, s. d. ^ Ingenium (lat.), angeborene Geistessähigkeit, natürlicher Verstand, Genie; daher Ingeniös, j scharfsinnig, erfinderisch. - Ingdnu (franz.), naiv, einfach, ohne Künstelei; f also offenherzig, aufrichtig; namentlich von Mäd- i chen unschuldig-harmlos. ; Jngemlltät (v. Lat.), 1) der Stand eines in i rechtmäßiger Ehe von freigeborenen Menschen Er- f zeugten, eines Freigeborenen (InZsmms); 2) edle H Denkungsart, Aufrichtigkeit, Offenheit. ' Jngeriren (v. Lat.), hineinsühren; sich inge- riren, fich in etwas mischen. Jngermanland, s. Jngrier. Jngersheim, Flecken im Kreise Rappoltsweiler - des Regbez. Ober-Elsaß (Elsaß-Lothringen), am Fuße des Wasgau-Gebirges und an der Fecht; t Spinnerei, Fabrikation von Spindelröhrchen, Z Pottaschefiederei, Weinbau; (1875) 2388 Ew. H Ingestion (v. Lat.), Einbringung von Nahr- ( ungsnnttelu u. anderen Stoffen durch den Mund in ^ denKörper. InAssta(IvAorsväa),dieseStoffe selbst. Jngham, County im nordamerikan. Unionsstaate Michigan unter 42° n. Br. u. 84° w. L., 25,268 Ew., C-sitz Mason. Jnghirämi, alte toskanische Familie, deren Glieder seit der glänzenden Zeit der Mediceer durch Wissenschaft u. Kriegsthaten sich ausgezeichnet haben; bes. bekannt sind: 1) Tommaseo, geb. 1470 zu Volterra, zeichnete sich als Redner u. Dichter ans, spielte selbst in den von Cardinal Riario in Rom veranstalteten Aufführungen Seneca- scher Stücke, bes. die Rolle der Phädra m Hippolyt so, daß er den Beinamen Phädra erhielt, wurde, zuvor schon von den Päpsten Alexander VI. und Leo X. in aller Weise geehrt, vom Kaiser Maximilian als Dichter gekrönt u. zum Lomes Palatinos ernannt und starb, von seinen Zeitgenossen Erasmus, Bcmbo rc. gerühmt, 1516 in Rom. Von seinen lateinischen Schriften, Gedichten und Reden existiren nur noch 7 Reden; die Apologie Ciceros, Römische Geschichte, Commentare zu Horaz' ^.rs pootkoa, sowie seine Gedichte sind verloren gegangen. 2) Curzio, geb. 1614 zu Volterra, st. 1655; ist Herausgeber der Vtrus- oarnm antignitatnm IraAmsnta rc., Frkf. 1637, nachher als unecht erwiesen durch Leo Allatius. 3) Francesco, italien. Kunstforscher, geb. zu Volterra 1772, starb zu Florenz 17. Mai 1846; bildete sich an der Kriegsschule zu Neapel, ward dann Bibliothekar in Florenz und gründete dort eine Druckerei (i?oU§raüa Viesolana). Hauptwerke: Llonumsnti Ltrusoiri, Flor. 1820—27; Oatsria Omoriea, ebd. 1831—38; Viktors cisi vasi tittiU, ebd. 1831—37; Llusoo Vtruseo Ltiiusino, ebd. 1833; lattora cii Vtrnsoa oro- äisiouo, ebd. 1838—39; Ltoria cisUa losoana (unvollendet), 1841—45. 4) Giovanni, Astronom, Bruder des Vor., geb. 16. April 1779 zu Volterra; war Prof, der Astronomie am ikimeniani- schen Institut und Director der Sternwarte zu Florenz, sowie Professor der Astronomie am Col- legio San Giovannino von der frommen Schule in Florenz u. zuletzt Provincial des Ordens, u. st. Las. 15. Aug. 1851. Er hat große Verdienste um die Förderung der mathematischen Wissenschaften u. gab eine sehr gute Karte von Toscana 1830 heraus; ferner lMsmoricki ckell ooeuitamons äolis pioools stelle sotto la Irma, Flor. 1809—30; Vtksmoricki äi Voners e Oiovs, 1821—24; war auch Mitarbeiter von Zachs Monatl. Corr. u. Astron. Nachrichten. 1) 2) Lagai. S) Regnet, i) Specht. Jnglis, 1) Robert Harry, Baronet I., brit. Staatsmann, Sohn des ehemaligen Directors der Ostindischen Compagnie Hughes I., geb. 12 . Jan. 1786, studirte in Oxford, wurde 1808 Anwalt, 1818 Mitglied des Juristischen Collegiums von Lincoln u. erhielt im Laufe seiner langjährigen Wirksamkeit mehrere höhere Ämter an der Oxforder Hochschule. Von 1824—1854 saß er, u. zwar seit 1828 für die Universität Oxford, im Unterhause; ein consequenter Anhänger der hochkirchlichen Partei, einer der Führer der Tories, Gegner der Katholiken- u. Juden-Emancipation, zugleich der Parlameutsreform, der Aufhebung der Kornzölle u. seit 1850 Bekämpfer der Wirksamkeit des Cardinals Wiseman. 1850 wurde er von der Königlichen Akademie der Wissenschaften zum 736 Ingolstadt Professor der Alterthumskunde ernannt, zog sich im Jan. 1854 von seinem Parlamentssitze zurück u. starb 5. Mai 1855 zu London. 2 ) Henry David, engl. Schriftsteller, geb. 1795 zu Edin- burg, studirte die Rechte, widmete sich dann aber ganz literarischen Arbeiten u. hat namentlich durch seine Reisewerke sich einen Namen gemacht; starb 1835 in London. Er schr.: Düs nsv 611 Lias (daher auch unter dem Namen Gil Blas bekannt); Laiitarx valles in manx lanäs; 8 pain in 1830, 2 Bde.; Izwol vitli a planes at La- varia, Lond. 1833 (deutsch Lpz. 1833), 2 Bde.; Lvltrisrlsnä, Konti» okLranos ancl tüsLzwönsss; lllravs1sinHorva/,8oIavsäsn anäLsnmarle, 1829; Lirannol Islands, Lond. 1834; Irsland in 1834, ebd. 1835; deissz?, 6 nsrnss^, 2 Bde., rc. Lagai.' Ingolstadt, 1) unmittelbare Stadt mit 38 ,15 Hjlcin, u. seit 1834 Festung ersten Ranges, an der Donau und von der Schütter durchflossen; an den bayerischen Staatsbahnen 1 ) München- Würzburg, 2) Regensburg-Augsburg, 3) I.- Donanwerth (demnächst bis Ulm). Die wichtigsten Gebäude sind: das alte Residenzschloß der bayer. Herzoge von Bayern-J. (jetztHauptzeughaus), die große gothische Pfarrkirche zu Unserer lieben Frau mit den Gräbern der Herzoge Stephan und Ludwig des Höckerigen, des Or. Eck u. Feldherrn Mercy rc., ein Ueberrest des ehemaligen Jesuiten-Colleginms, längere Zeit als Kaserne benutzt, das frühere Uni- versitätsgcbäude, nun längst den Volksschulen ein- geräumt, die neue evang. Kirche, das neue Zeughaus, das Militär- u. das Civilkrankenhans, das neue Waisenhaus. I. ist Sitz eines Festungs- gouvcrnenrs, hat mehrere kath.u. 1 evang. Kirche, 2 Klöster, eine Latein-, Gewerbe- u. Fortbildungsschule und einen (1865 gegründeten) Historischen Filialverein. An der 1472 gestifteten Universität, die 1800 nach Landshut u. 1826 nach München verlegt wurde, lehrten Conr. Celtes, Reuchlin, Eck, Canisius, Peteru. Philipp Apian, Urbanus, Armatin, Regius u. Weishaupt, der hier 1 . Mai 1776 den Illuminatenorden stiftete. Die Gewerbe bestehen in Bierbrauerei, Wachsbleicherei, Getreidehanüel. Die Zahl der Einwohner belief sich 1875 auf 14,474 Köpfe, einschließlich der 4526 Mann starken Garnison. — Schon im Anfang des 9. Jahrh. war I. (Aureatum, späterhin Auri- oder Chry- sopolis) eine königliche Billa; Kaiser Ludwig der Bayer erhob sie zur Stadt u. mehrere bayerische Herzöge residirten hier; 1270 wurde es befestigt; 1392 wurde I. Sitz der Linie Bayern-J., welche Stephan II. gründete und die mit Ludwig dem Bärtigen 1447 ausstarb. 1472 gründete Herzog LudwigderReichevon Landshutdie Universität; 1504 kam I. au Bayern-München u. Herzog Wilhelm IV. ließ es seit 1539 befestigen. 1546 Lager der kaiserl. Armee unter Karl V. bei I., Anfang Sept. von dem SchmalkaldischenBunde beschossen; 1632 vonGustav Adolf von Schweden blockirt, wo der Markgraf Christoph von Baden an seiner Seite erschossen wurde u. Lilly an seiner bei Rain erhaltenen Wunde in der Stadt starb; im Spanischen Erbsolgekricge 1704 von dem Markgrafen von Baden belagert; 1743 wurde I. von den Franzosen an die Österreicher übergeben; im Juni 1800 den Franzosen cingeräumt u. von diesen die Festungswerke ge- — Ingres. schleift; seit 1825 wurden dieselben im großartigsten Maßstabe unter König Ludwig I. wiederhergestellt. Vgl. I. N. Niederer, Xnnalss InAoIstad acmdsm., Jngolst. 1792, 4 Bde.; Derselbe, Geschichte des königlichen Meierhofes I., ebd. 1807; Gerstner, Gesch. der Stadt I., Münch. 1853; CarlPrantl, Geschichte der Universität Ingolstadt, München 1872. Arendts. In geanülls (lat.), in kleinen Körnern. Jngrasfia, Joh. Phil., berühmter Anatom n. Arzt des 16. Jahrh., geb. zu Rachalbuto bei Palermo, studirte in Padua, wurde 1537 Professor der praktischen u. theoretischen Mediciu u. Anatomie in Neapel, wirkte hier so glänzend, daß seine zahlreichen Schüler ihm eine Statue errichteten, mit einer ihn als Wiederhersteller der wahren Medicin und Anatomie preisenden Inschrift, ging 1560 nach Palermo zurück, wurde 1563 Protomedicus von Sicilicn und den anliegenden Inseln, erwarb sich die größten organisatorischen Verdienste während der Pest 1575 u. einen solchen Ruf als Arzt, daß er der Sicilische Hippokrates genannt wurde. Er starb 6 . Novbr. 1580 als einer der ersten Anatomen, bes. Ostrologen u. Entdecker des Steigbügels im Ohr. Lhamhoyn. In geatlam (lat.), zu Gefallen, zu Gunsten. Ingredienzen (Jngredientien, v. Lat.), in Mischungen die einzelnen Stoffe, welche dieselben bilden. Jngremiation (v. Lat.), die Aufnahme in eine, bes. geistliche Körperschaft. Ingres, Jean Auguste Dominique, berühmter sranzös. Historienmaler, geb. zu Montauban (südwestl. Frankreich) 29. Ang. 1780 (nicht 15. Sept. 1781), starb zu Paris in der Nacht vom 13./14. Januar 1867. I. war der Sohn eines Zeichen- u. Musiklehrers, erhielt früh Unterricht nach beiden Seiten hin, malte dann bei David das Bild: Achilleus empfängt in seinem Zelte die Gesandten Agamemnons, ganz im Stile des Meisters, verrieth aber darin doch schon sein außerordentliches Talent, ging 1806 nach Rom u. machte sich dort den Antiken gegenüber ganz von Davids Einfluß los. So entstanden seine Venus Anadyomene (erst 1848 vollendet), eine Badende und ein Oedipus vor der Sphinx, voll von feiner griechischer Empfindung. Darauf studirte er Rafael. Seine Kunst hatte nichts mit den Interessen seiner Zeit gemein; selbst in den bedrängtesten Verhältnissen des Jahres 1814 machte er dem Zeitgeschmack kein Zugeständniß. Im Salon von 1819 erregten eine Odaliske und Angelikas Befreiung durch Rüdiger großes Aufsehen, aber auch scharfe Angriffe. Günstigere Aufnahme fand 1824 sein Gelübde Ludwigs XIII., nun Altarbild im Dom zu Montauban, nach Rafaels Muster. I. hatte sein Ziel früh erreicht u. dann blieb sich seine Kunst fast zwei Menschenalter hindurch gleich, unempfänglich für die tieferen Bewegungen des modernen Geistes. Seine Stoffe entnahm I. der antiken Sage u. Geschichte, seltener der christlichen, endlich noch der durch ihre eigene Schönheit wirkenden Einzelgestalt. Doch malte er auch historische Genrebilder ans der neueren Geschichte, namentlich aus der Renaissance. Seine Apotheose Homers, ein Plasondbild des Louvre, gilt als eins seiner 737 Jngrier - besten Werke. Ihr folgte das Martyrium des hl. Symphorian (vollendet 1833) in der Kirche zu Autun. Seinen größten Erfolg aber verdankte er seinem historischen Genrebilde: Stratonike, die Gemahlin des Königs Seleukos von Syrien. I. hat über 700 Bilder (darunter auch Skizzen und Studien) u. über 100 kleinere Portraits geschaffen. Indessen überall fehlt Rhythmus u. freie Lebendigkeit der Anordnung, überall verräthsich Armuth an Erfindung, Mangel an schöpferischer Mannigfaltigkeit der Phantasie und Ungelenkigkeit der Gruppirung; leider besaß I. auch keinen Sinn für das Leben der Farbe. Doch zeigen seine durch tüchtige Zeichnung hervorragenden Werke den Reiz des Charaktervollen u. Eigenartigen. Seine Stärke liegt in der Einzelfigur, namentlich im Portrait. Anderseits schilderte er den Reiz des weiblichen Körpers mit sinnlicher u. doch reiner Anmnth in uuverhüllter Nacktheit. Seine Quelle (1856 vollendet) erscheint als wahre Apotheose des Mensch- lichen Leibes. 1834 ward er Direktor der römischen Akademie. Februar-Revolution u. Zweites Kaiserreich kräftigten sein Ansehen; 1855 erhielt er das Großoffizierkreuz der Ehrenlegion u. 1862 ward er Senator, die größten Ehren, die in Frankreich dem Verdienste zu Theil werden können. Vergl. Blanc, I., so, vis eb sss ouvra^ss sbo.; Delaborde, I., sa vis, 8S8 travanx etc., beide Par. 1870. R-gnet. Jngrier, Jschoren, die alten Bewohner der früher schwedischen Prov. Jngermanland, die jetzt einen Theil des ruff. Gouv. Petersburg bildet; sie sind finnischen Stammes (nach Petermanns Mittheil., 1877, Taf. I, Finno-Karelier), haben jedoch bei ihrer engen Vermischung mit den sie beherrschenden Völkern großeutheils auch deren Sitten u. Sprachen angenommen. Jngrossiren (v. Lat.), l.) eine Schrift ins Reine u. in die gehörige Form bringen; 2) ins Hypothekenbnch eintragen; daher Jngrosjatiou, Jngrossator rc. ln grosso (ital.), im Großen, Ganzen. lnguon (Plur. InKrrina), die Leisten; Ingnrnalis, was sich auf die Leistengegend bezieht; Iksgio in- xmnalis, die Leistengegend, die Gegend, an der der Samenstrang resp. das runde Mutterband ans der Bauchhöhle heraustritt, d. i. ungesähr die Falte, die in der Beugung zwischen Oberschenkel u. Rumpf entsteht. Jnguiomar, Cheruskerfllrst, Oheim Hermanns, verband sich mit diesem 15 n. Ehr. gegen die Römer u. wurde im Sturme ans Cäcinas Lager verwundet. In der Schlacht von Jdistavisns gegen Germanicns schlug sich I. durch, befehligte dann, da Hermann verwundet war, die Cherusker allein u. ging im Kriege Hermanns gegen Marbod 17 zu Letzterem über. Jngul, 341 km langer Nebenfluß des Bug im ruff. Gouv. Cherson, entspringt nordwestlich von Jelisawetgrad, fließt nach S. u. mündet bei Nikolajew; nur für kleinere Fahrzeuge schiffbar. Jnguletz, 556 üm langer Nebenfluß des Dujepr im ruff. Gouv. Cherson, entspringt unweit der Grenze des Gouv. Kijew u. fast nördlich von Jelisawetgrad im Walde Nerubaja, fließt zuerst in östlicher, dann in südlicher Richtung u. Mündet oberhalb der Stadt Cherson. Hlererö Nutoerjal-Lüiwersatious-LekNou. v Aust. X. ; - Inhaber. Jngur (Sigania der Alten), Küstenfluß des Schwarzen Meeres im ruff. Gouv. Kntaks (Trans- kaukasien), entspringt südöstlich vom Elbrus und mündet nördl. von Redut-Kaleh bei Anaklea, nachdem er zum Theil die Grenze zwischen Abchasien u. Mingrelien gebildet hat. Am I. siegte 7. Nov. 1855 Omer Pascha über eine russische Abtheilung u. erzwang sich den Übergang über den Fluß. Inguschen, ein Stamm des Kaukasus, an den Flüssen Sundscha u. Sandschir wohnhaft, mohammedanischer Religion. Ingweiler, Stadt im Kreise Zabern des Reg.- Bez. Unter-Elsaß (Elsaß-Lothringen), an der Moder; Fabrikation von Strumpfwaaren n. Streichhölzer», Gerberei, Bleicherei; 1871 2249 Ew. Ingwer, Pflanzengaltung, s. AinAibsr. Man unterscheidet im Handel verschiedene Sorten der Wurzel u. des J-s: bengalischer, chinesischer (die beste Sorte) u. weißer I. von Jamaika stammend, außerdem Barbados-J. Der I. wächst wild in Ostindien, Madagaskar, Westasrika. In Amerika wird er auf den Antillen, Cayenne und Guiana gebaut; auch in unseren Gegenden kann der I. gezogen werden. Die frische Jngwerwurzel besteht aus mehreren mit einander verbundenen Ästen, so daß sie zuweilen handförmig erscheint, ist knollig, glatt, knotig und geringelt, äußerlich aschfarben, oder jung, weiß, auch wol röthlich; ihr Fleisch ist nach Verschiedenheit des Alters bald zarter und grünlich, bald faseriger. Man unterscheidet weißen u. schwarzen (braunen) I.; elfterer ist der bessere. Der Geschmack des J-s ist scharf u. brennend, er wirkt wie Pfeffer, aber milder; die frische Wurzel wird auch mit Zucker oder Syrup eingemacht. Jeder gute I. dars nicht hornartig oder holzig-faserig, sondern muß ziemlich hart, dicht und nicht staubig und wurmstichig sein; am Bruche ist er harzartig glänzend. Matzet? Jugweröl, durch Destillation der Wurzelknollen von AnKibsr olüoinals erhaltenes brennendgewürzhast schmeckendes Öl, vom Gerüche des Ingwer, welches bei 246° siedet u. nach Papousk die Formel OgoüissOs haben soll. Jungck. Inhaber, 1) der eine Sache inne, in seiner Gewalt hat, gleichviel ob recht- oder unrechtmäßig. Jnhaberpapiere, Papiere aus de» Inhaber (an portsur), Schuldurkunden, deren bloßer Besitz den Inhaber dem Aussteller derselben gegenüber berechtigt, die Lösung der Schuld zu fordern, im Gegensatz zu den Papieren auf Namen (au nom), das sind Schuldurkunden, welche aus den Namen oder an die Ordre eines bestimmten Gläubigers lauten u. eben nur diesem das Recht der Forderung geben. Vgl. Kuntze, Lehre von den J-papieren, Lpz. 1857; Unger, Rechtliche Natur der J-papiere, ebd. 1857; Poschinger, Die Lehre von der Befug- niß zur Ausstellung von J-papieren, Münch. 1870. 2) I. oder Chef eines Regiments, in den meisten Armeen eine Ehrenstellung, die fürstlichen Personen oder verdienten Generalen verliehen wird u. womit das Recht verbunden ist, die Uniform des betr. Regiments zu tragen. Früher hatte in einigen Armeen der I. auch noch andere Gerechtsame, wie z. B. die Ernennung der Offiziere bis zum Haupi- mann rc., was jedoch jetzt meist abgeschafft ist. iZaud. 47 738 Jnhafen — Jnhafen, so v. w. Binnenhafen, s. u. Hafen. Jnhaftiren (v. Lat.), verhaften, in Arrest bringen, s. Verhaftung. Inhalation (v. lat. iukalärs, Hänchen), das Einathmen von Dämpfen, die Arzneistoffe enthalten, um heilend auf Krankheiten der Rachen- u. Kehlkopshöhle u. selbst der Luftröhre einzuwirken. Gewöhnlich werden Kochsalzlösungen bei katarrhalischen Zuständen zur Beförderung der schleimigen Absonderung, Zink- oder Gerbsäure- lösnngen zur Minderung der Absonderung, mit Wasser verdünnter lügu. korri sosguiolilor. zur Stillung von Blutungen aus den Luftwegen angewendet. Die dabei gebräuchlichen Siegelschen Apparate sind bei jedem chirurgischen Instrumentenmacher zu haben. In den letzten Jahren hat man durch den Waldenburgschen oder Weilschcn Apparat, bei welchem man in verdünnte Luft ausathmet, während man comprimirte Luft ein- athmet, versucht, die Staunngsluft bei Emphysem der Lungen rc. ans den Lnngen zu schaffen und dadurch asthmatische Beschwerden gebessert u. selbst gehoben. Kunze. Jnhalationskur (Atinidiatrik), Heilmethode mittels Inhalation. Inhalt (Math.) einer Fläche oder eines Körpers (Flächeninhalt bez. Körperinhalt, Volumen) ist deren räumliche Ausdehnung, insofern sie durch Vergleichung mit einer Flächen- bez. Raumeinheit gemessen wird. Jnhambane, Stadt auf der Sofala-Küste im östlichen Südafrika, liegt an der Mündung des gleichnamigen Flusses in die gleichnamige Bai, mit gutem Hasen (Port I.), und treibt lebhaften Handel; 1200 Ew. Jnhiiriren (v.Lat.), 1)sich an etwas anhängen; 2) fest auf etwas bestehen. Daher Jnhärenz, Anhängung, das Zufällige an einem Andern, Beharrlichkeit. In kordis (lat.), im Grase; scherzhaft von Dingen, welche noch verborgen sind; von Leuten, die noch nicht sind, was sie gern werden wollen. Jnhibiren (v. Lat.), anhalten, hemmen, Einhalt thun, untersagen, verbieten; daher Inhibition, Einhalt, gerichtliches Verbot mit Strafauslage. Indibitorikiles (Indibitoriiim), das schriftliche Verbot, wodurch das Verfahren des Unterrichters bei eingewendeten Rechtsmitteln bis aus Weiteres sistirt wird, s. n. Appellation. ln koc casu, in live psssu (lat.), in diesem Falle, unter diesen Umständen. ln lionörom (lat.), zu Ehren. Jnhumanation (v. Lat.), die Menschwerdung Christi. nhumatlon (v. Lat.), die Beerdigung. Ntgo (span.), so v. w. Ignaz. Daher Jni- giften (Jniqiten), so v. w. Jesuiten, als Schüler des Ignaz Loyola. In lnkinTtum (lat.), in das Unendliche fort. In instant! (lat.), im Augenblick. In integrum restitutio (lat.), Wiedereinsetzung in den vorigen Stand; s. Restitution. Initls (lat., Plural von Initium), I.) Anfang; daher Initial, am Anfänge, anfangend; Initialbuchstaben, Anfangsbuchstaben, vgl. Versalien; Jnitiarii, Ketzersecte im 4. Jahrh., Nachkom- Jnjunction. men der Eunomianer, welche behaupteten, daß Christus zwar mit dem Vater von Ewigkeit her Gott, nicht aber von Ewigkeit her Sohn Gottes gewesen sei, sondern erst in der Zeit angefangen habe, dies zu sein; 2) Anfangsgrllnde; 3) die ersten Mysterien; daher Jnitiiren, in Mysterien einweihen; Iuitiation, Weihe, Einweihung, feierliche Einführung. Initiative (v. Lat.), das Recht, etwas anzu- tragen, vorzuschlagen; Einleitung zu einer Sache; I. haben — den Trieb u. die Befähigung, neue Anlagen, Unternehmungen rc. zu erdenken u. ins Leben zu rufen. Nach den Begriffen des constitutio- nellen Staatsrechls das Recht, der Volksvertretung einen Gcsetzesentwurf zur Berathung vorzulegen. Früher theils stillschweigend, theils ausdrückliches Vorrecht des Landesfllrsten, ist daS Recht der I. seit 1848 inDeutschland allgemein durch dieVerfassimgen der Volksvertretung gewäbrt. In England besteht es bereits seit Heinrich VI. für das Parlament, in Frankreich ist es nach mannigfachem Wechsel seit Feststellung der republikanischen Verfassung den Kammern gewährt; ebenso haben fast sämmt- liche constitutionelle Staaten Europas der Volksvertretung verfassungsmäßig das Recht der I. gegeben. Bergl. Murhard, Die I. bei der Gesetzgebung, Kassel 1833. Lagai. Insertion (v. Lat.), Einspritzung. 1) In der Anatomie bedient man sich der I., um Hohlränme (namentlich Gefäße, doch auch z. B. die Harnröhre rc.) mit erstarrenden Massen zu füllen und auf diese Weise in ihren Formen anschaulicher zu machen. Als J-smassen benutzt man meistens Körper, die in der Wärme flüssig sind u. in der Kälte erstarren, wie Wachs, Leimlösung rc.; in » selteneren Fällen benutzt man das Quecksilber. Man läßt den zu injicirenden Theil längere Zeit in heißem Wasser liegen und spritzt alsdann die vorher erwärmte J-smaffe ein, unter langsamem u. gleichmäßigem Druck, damit die Masse überall eindringt, ohne die Wände des anzufüllenden Hohlraums zu zerreißen. Gute J-en von Gefäßen erfordern einen hohen Grad von technischer Geschicklichkeit. Das Quecksilber läßt man, da es flüssig bleibt, einfach durch seine Schwere entfließen. 2) In der praktischen Medicin bedient man sich der I., um medikamentöse Substanzen - in Hohlränme einzubringen; theils um örtliche ^ Katarrhe zu beseitigen, z. B. in der Harnröhre, Blase, Ohr, Fisteln rc., theils um zu Heilzwecken Entzündung zu erregen z. B. bei Hydrocele rc. 3) In der neueren Zeit wendet man die sogen, subcutane J. an, um medicamentöse Stoffe dem Körper einzuverleiben, die man in den Magen nicht bringen kann oder will. Man benutzt dazu die Pravazsche Spritze, eine kleine, in ihrem Inhalt genau abgemessene Spritze, deren durchbohrte Spitze in eine zweischneidige Nadel ausläuft. Man » sticht die Spitze in das Zellgewebe unter der Haut * ein n. injicirt die genau berechnete Dose des Me- dicamentes. Die Resorption desselben findet schneller und exacter stall, als von der Schleimhaut des Magens. Injektor, so v. w. Dampfstrahlpumpe. Jnjunction (v. Lat.), Auflage, gerichtliche Aufgabe, Befehl. ! Injurie. 739 Injurie (v. lat. injuria), Beleidigung, Ehren- kränkung, Ehrenverletzung. Durch diese im Allgemeinen identischen Begriffe wird diejenige rechtswidrige Handlung bezeichnet, welche die Persönlichkeit eines Anderen durch Kundgebung der Nichtanerkennung antastet. Sowol im altgermanischen, als im altrömischen Rechte bestand die Handlung u. a. u. wie es scheint beinahe vorzugsweise in einer thätlichen Einwirkung auf den Körper des Jnjuriirten (Realinjurien). Eine strenge Scheidung derselben von den leichten Körperverletzungen fand so wenig damals statt, als dies noch nach dem heute geltenden Reichsstrafgesetze der Fall ist. Es kam u. kommt daraus an, ob die thätliche Einwirkung auf den Körper des Anderen mehr die Merkmale einer gewöhnlichen Körperverletzung an sich trägt od. ob die darin sich kundgebende Nichtachtung überwiegt. So erklärt sich auch z. B. die eigenthümliche Bestimmung des Longobardischen Rechts, daß eine Ohrfaige doppelt so hoch, als ein Fanstschlag gebüßt werde. Ging nun auch hierin das Römische und Germanische Recht von demselben Gesichtspunkte aus, so war doch im Übrigen u. gerade bezüglich der Grundanschauung zwischen dem Römischen und dem Germanischen Rechte eine große Verschiedenheit gegeben. Das Römische Recht kannte kein specielles Recht auf Ehre, das Germanisch-deutsche Recht dagegen ging gerade von einem solchen aus. Nach Römischem Recht lag die I. vor, wenn eines der unter dem Begriffe sxiLtimatio zusammengefaßten Rechte des römischen Bürgers durch eine rechtswidrige Handlung verletzt wurde. Ihr gegenüber aber wurde bei der nicht besonderen Empfindlichkeit der Röm. Gesetzgebung in Bezug auf I. nur eine privatrechtliche Behandlung der Materie für ausreichend erachtet, zur Anstellung der J-nklage aber der Vorsatz die sxiotimatüo des Bürgers zu verletzen (animus injurianäi) verlangt. Durch weitere Einschränkung konnte die ursprünglich ganz allgemeine Klage nur mehr angestellt werden, wenn nicht andere specielle Klagen gegeben waren u. bildeten bes. jene Tätlichkeiten mit der Absicht, die ox- ivtlmatio des Bürgers zu beeinträchtigen, noch einen Hauptgegenstand der J-nklage. Die Zwölf Tafeln hatten hiefür einen Bußtarif aufgestellt. Der Prätor führte eine Klage auf Anerkennung einer Privatstrafe ein. Der Beschädigte sollte die Höhe derselben selbst schätzen, dem Richter aber ein Ermäßigungsrecht zustehen (aetüo ivjnriarnm asotlmatoria). Um ergiebigeren Schutz gegen Nichtachtung der Persönlichkeit zu bieten, wurde unter Sulla und noch in ausgedehnterem Maße unter den Kaisern eine Criminalklage wegen ge- wisser J-n gewährt, u. endlich fand die Römische Rechtsentwickelung ihren Abschluß in dem Grundsätze, daß der Jnjuriirte die Wahl hatte, ob er eine Criminal- od. eine Civilklage anstelle» wollte. Im Germanisch-deutschen Rechte ist die Ehre der Ausdruck des aus den Augen Anderer reflectirten positiven sittlichen Werthes, wodurch die sociale Stellung eines Menschen bedingt wird (Köstlin). Das Recht auf Ehre wird daher durch Alles verletzt, was geeignet ist, diese sociale Stellung anzutasten, also auch durch Äußerungen (Verbal- od. Jdeal-J-n). Bei der Verschiedenheit der socialen Stellung im älteren Deutsche» Rechte war von einer abstracten Gleichheit in Bezug auf Ehre keine Rede. Die höheren Stände griffen zum Zweikampf, weil nach Ansicht der Standesgenossen nur durch diesen die angegriffene Ehre wiederher- gcstellt werden könnte, während den Bestrebungen der übrigen Stände, bes. der mittleren, auf Ausrottung der Selbsthilfe u. einen höheren Schutz der Ehre, als in der Germanischen Buße u. Wedde gegeben war, die Gesetzgebung nicht nur durch Androhung von Körper-, Freiheits- und Ehrenstrafen, sondern auch durch Ausbildung eines eigenthllmlicheu Systems von Nebcustrafen nach- kam. Als die empfindlichsten derselben erscheinen Ehrenerklärung, Widerruf u. Abbitte u., bezeichnend für die deutsche Auffassung im Gegensätze zu der römischen, hielt man gerade an diesen Neben- strafen, weil den handgreiflichsten Mitteln, die verletzte Ehre wiederherzustellen, mit großer Hartnäckigkeit fest. Das Eindringen des Römischen Rechts, wenn auch durch die von der deutschen Auffassung der Ehre wesentlich beeinflußte Darstellung der italienischen Criminalisten in dieser Beziehung modificirt, führte zu mannigfachen Schwierigkeiten, denen weder die Peinliche Halsgerichtsordnung, noch die späteren Reichsgesetze mit Erfolg zu begegnen wußten. Es bildete sich erst nach und nach ein Gemeines Recht, nach welchem es im Allgemeinen lediglich von dun Beleidigten abhing, ob er die Beleidigung überhaupt vor Gericht bringen wollte oder nicht, und im elfteren Fall, ob er eine Civilklage auf eine in seinen eigenen Sack fallende Privatstrafe od. den Antrag auf criminelle Bestrafung stellen wollte. Die öffentliche Bestrafung war eine arbiträre. Jene Nebenstrafen der Abbitte, des Widerrufs und der Ehrenerklärung und ihr Vollzug wurden durch den Gerichtsgebrauch verschieden geregelt. Einzelne ältere Deutsche Strafgesetzbücher, z. B. daS bayerische von 1813, hielten im Allgemeinen noch hieran fest. Endlich aber beseitigten die neueren, bes. das preußische Strafgesetzbuch von 1851 u. das neue bayerische von 1861 die Nebenstrafen ganz u. die gemeinrechtliche J-nklage auf Privatstrafe beinahe vollständig, wenn sie auch die Verfolgung einer in die Staatskasse fließenden Geldstrafe od. die Einklagung eines infolge der Beleidigung erlittenen Vermögensverlustes (welche wol zu scheiden ist von der früheren Klage auf eine Privatstrafe) nach wie vor noch auf dem Civilproceßwege zuließen (beides noch heut zu Tage in Preußen, letzteres in Bayern). — Einflußreich für die neueste deutsche Gesetzgebung wurde besonders das französische Strafgesetzbuch, welches die Scheidung von Beleidigung und Verleumdung durchführte. Das Deutsche Reichsstrafgesetzbuch vom 15. Mai 1871 hat der Beleidigung in einem besonderen Abschnitt (14) die ZZ 185—200 gewidmet. Die Beleidigung des Kaisers u. des Landesherrn, der deutschen Bundesfllrsten und der Fürsten befreundeter Staaten u. ihrer Gesandten sind als besondere Reale ausgestellt und in den vorausgehenden Abschnitten 2—4, Z 94—104, abgehandelt. Im Deutschen Militarstrafgesetzbuch vom 20. Juni 1872 wurden im 6. Abschnitt, 47» 740 Imune. welcher von strafbaren Handlungen gegen die Pflichten der militärischen Unterordnung handelt, u. im 7. Abschnitt, welcher den Mißbrauch der Dienstgewalt enthält, gewisse Arten von Beleidigungen als besondere militärische Reale ausgestellt (s. ü.). Das R.-Str.-G.-B. hat die Feststellung von Begriff u. Thalbestand der Beleidigung der Wissenschaft überlassen. Hiernach aber gelten als Mittel, eine Beleidigung zu begehen: Wort, Schrift, bildliche Darstellungen, Zeichen od. Geberden, z. B. auch Katzenmusiken, Thällichkeiten, u. zwar nicht nur thätliche Einwirkungen ans den Körper des Anderen, Tätlichkeiten im engeren Sinn, sondern auch andere, z. B. Fenstereinwersen. Die Willens« Achtung betreffend, so ist, da das Bewußtsein bei der Beleidigung ja ohnehin begriffsgemäß dahin gerichtet sein muß, daß durch die Äußerung oder sonstige Handlung die Ehre des Anderen beleidigt werde, wenn trotzdem die Äußerung oder Handlung vorsätzlich gethan wird, in dieser Ge sammtwillensrichtung der hier erforderliche llolus od. der aiümus injnrianchi gegeben. Die Handlung oder Äußerung muß, wenn sie den Thatbe- stand einer Beleidigung bilden soll, rechtswidrig sein. Was zu thun man ein Recht od. sogar die Pflicht hat, kann also keine Beleidigung bilden. Dahin gehört das Recht der häuslichen od. Schul- zncht, ferner (wie Z 193 ausdrücklich hervorhebt) das Recht der Kritik, der Vertheidigung von Rechten, der Wahrnehmung von Interessen, der Dis- ciplin u. dgl. Auch das Recht die Wahrheit zu sagen bleibt unbenommen, nur muß man, wenn sich aus dem Geäußerten für den Anderen nach- theilige Folgen ergeben können, den Beweis der Wahrheit führen. Mißbraucht darf aber keines der voranfgesührten Rechte dazu werden, um durch die gewählte Form od. Lurch Benutzung der Um- stände schon an u. für sich die Ehre des Anderen zu kränken. Hierin läge eine Überschreitung, für welche jene Rechte nur als Deckmantel benützt würden. Durch ein n. dieselbe Äußerung können mehrere Personen beleidigt werden u. es liegen sodann ebenso viele Beleidigungen als beleidigte Personen vorhanden, vor. Diese Personen aber müssen genau, wenn auch nur durch einen generellen Begriff, kenntlich gemacht sein. Eine juristische Person als solche kann nicht beleidigt werden, wol aber die Mitglieder einer Corporation. Mittelbare Beleidigungen, z. B. Beleidigung des Ehemannes durch Beleidigung der Ehefrau, sind dem D. R.- Str.-G.-B. fremd (über die Strafantragstellung des Ehemannes in diesem Falle s. unten). AmtZ- beleidigung als eine besondere Art von Beleidigungen kennt das R.-Str.-G.-B. ebenfalls nicht. WaS nun die einzelnen Arten der Beleidigung (im weiteren Sinn) u. ihre Bestrafung betrifft, so wird die einfache Beleidigung (Beleidigung im engeren Sinn) mit 600 LI oder mit Haft (l Tag bis 6 Wochen) oder mit Gefängniß (von 1 Tag) bis zu 1 Jahr bestraft. Die thätliche Beleidigung wird bestraft mit Geldstrafe bis zu 1500 LI od. mit Gefängniß bis zu 2 Jahren. Während bei der einfachen Beleidigung der Angegriffene durch die verschiedenartigsten Ausdrücke und Bezeichnungen direct als ein unehrenhafter, der allgemeinen Achtung nicht weither Mensch hingeflcllt wird, kann dies auch indirekt, n. zwar dadurch geschehen, daß in Beziehung auf Jemand Thatsachen behauptet od. verbreitet werden, welche, ihre Wahrheit vorausgesetzt, geeignet sind, denselben verächtlich zu machen od. in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen oder dessen Credit zu gefährden. Das Behaupten solcher Thatsachen fällt zwar auch unter den allgemeinen Begriff der Beleidigung, bildet aber eine besondere Art derselben, welche immerhin allgemein als Verleumdung bezeichnet werden könnte u. noch vom preuß. Strafgesetzbuch als solche bezeichnet worden ist. Das Deutsche R.-Str.-G.-B. hat nur dann eine Verleumdung oder verleumderische Beleidigung statuirt, wenn jene Behauptung od. Verbreitung ehrenrühriger u. creditgesährdender Thatsachen gegen besseres Wissen, d. h. trotz des Wissens von der Unwahrheit der Nachrede geschehen ist. Die Strafe ist Gefängniß (von 1 Tag) bis zu 2 Jahren, bei mildernden Umständen Geldstrafe bis 900 LI. Ist daS Moment: gegen besseres Wissen, bei ehrenrührigen Behauptungen nicht gegeben, so wird die Handlung, vorausgesetzt daß der Beweis der Wahrheit nicht erbracht wird, als Beleidigung bestraft, d. h. mit den auf die einfache Beleidigung gesetzten Strafen belegt. Für beide Fälle hat das R.-Str.-G.-B. noch eine ganz besondere gemeinsame Bestimmung getroffen. Während nämlich im Allgemeinen auf die Beleidigung (im weiteren Sinn) vom Deutschen N.- Str.-G.-B. nur eine öffentliche Strafe, insbesondere eine in die Staatskasse fallende Geldstrafe angedroht ist, soll in diesen beiden Fällen auch dem durch die Behauptung oder Verbreitung der ehrenrührigen Thatsache Verleumdeten oder Beleidigten auf dessen Verlangen vom Strafrichter eins Buße bis zum Betrage von 6000 LI. zner- kannt werden können, welche Buße wenigstens zum Theil den Charakter einer Privatsatissaction trägt, wenn sie auch zum anderen Theil an Stelle der civilrechllichen Entschädigung treten soll, welch letztere auch heute noch auf dem Wege der Civil- proceßklage geltend gemacht werden kann. Das R.-Str.-G.-B. räumt aurdrücklich die Wahl zwischen den beiden Wegen ein. Beleidigung eines Verstorbenen: das verleumderische Beleidigen des Andenkens eines Verstorbenen bedroht das Deutsche R.-Str.-G.-B. mit Gefängniß bis zu 6 Monaten; bei mildernden Umständen kann Geldstrafe bis 900 Ll eintreten. Eine öffentliche Beleidigung liegt vor, wenn die Beleidigung in solcher Weise begangen wurde, daß sie von einer unbestimmten Zahl von Personen wahrgenommen werden konnte. Allemal ist die Öffentlichkeit der Beleidigung gegeben, wenn dieselbe durch Verbreitung von Schriften, Abbildungen od. Darstellungen, also durch die Presse begangen wurde. Allgemeine Folge der Öffentlichkeit ist, daß im Strafurtheil zugleich dem Beleidigten die Befug- niß zugesprochen wird, die Verurtheilung ans Kosten des Schuldigen öffentlich bekannt zu machen. In beiden Fällen der Behauptung od. Verbreitung ehrenrühriger Thatsachen wirkt die Öffentlich, keit auch als StraferhöhungSgrund. — B eleidi g- ungen, begangen von Militärpersonell gegen Vorgesetzte oder im Dieustrang Höhere, werden. 741 In ms VOLNtio - Inn. wenn außerdienstlich, mit Freiheitsstrafe bis zwei Jahren, wenn im Dienste bis 3 Jahre», wenn Lurch die Presse bis 5 Jahren bestraft; gleiche Dauer der Strafe tritt ein, wenn die Beleidigung eine verleumderische war. Wird ein Untergebener beleidigt, so tritt Freiheitsstrafe bis 2 Jahren, bei Verleumdung bis 5 Jahren ein (Militär-N.- Str.-G.-B. ZZ 91 und 121). Wechselseitige Beleidigungen liegen vor, wenn die begangene Beleidigung Veranlassung wurde, daß der Beleidigte in der durch die Beleidigung verursachten Erregung den Beleidiger wiederum beleidigte. Dieselben müssen in demselben Verfahren verhandelt werden u. können, wenn die Retorsion auf der Stelle erfolgte, gegenseitig ausgerechnet werden. Auch im R.-Str.-G.-B. sind noch einzelne Re- miniscenzen an die alte privatrechtliche Natur der Beleidigung erhalten. Es darf nämlich jede Beleidigung nur auf Antrag verfolgt werden. Berechtigt zur Stellung des Antrags ist nur der Beleidigte, bei Beschimpfung des Andenkens Verstorbener die Eltern, Kinder u. der Ehegatte derselben. Neben den Beleidigten selbst räumt das Gesetz ausnahmsweise bei Beleidigung von Ehe. fronen u. unter väterlicher Gewalt stehenden Kindern auch dem Ehemann u. Vater, bei Beleidigung von Beamten od. Behörden auch dem amtlichen Vorgesetzten ein selbständiges Antragsrecht ein. Selbst wenn der Strafantrag bereits gestellt ist, besteht noch ein Privat-Verzeihungsrecht fort. Der Strafantrag kann nämlich in allen Fällen der Beleidigung bis zur Verkündung eines ans Strafe lautenden Erkenntnisses wieder zurllckge- nommen werden. Bei Beleidigung einer gesetz- gebenden Versammlung des Reiches oder eines Bundesstaats od. einer anderen politischen Körperschaft bedarf cS keines Antrags, allein die Verfolgung darf nur mit Ermächtigung der Körper- schüft eintreten. Ein weiterer Anklang an die frühere privatrechtlicheNatur ist—abgesehen von der wenigstens theilweise aufrecht erhaltenen civilprocessualen Verfolgung n. außer den schon dargestellten singulären Bestimmungen über Zuerkennnng einer Buße u. über Befugnißertheilung zur öffentlichen Bekanntmachung des Strafurtheils — die dem Be leidigten bei allen Beleidigungen gewährte Pri- vatgenugthuung, daß ihm auf Kosten des Schuldigen eine Ausfertigung des UrtheilS erthcilt wird. Vgl. Weber, Ueber J-n u. Schmähschriften, 1820; Küstlin, Abhandlungen, heransgeg. von Geßler, 1858; Hälschner, System rc., 1868; John, Kritiken, Entwurf eines Strafgesetzbuchs u. in Holtzen- dorfss Nechtslexicon, 2.A., 1875; Dochow im Handbuch rc. Holtzendorffs, Bd. III., 1874; Rubo, Zur Lehre von der Verleumdung, 1861. Bezold. ln jus vooailo (röm. Recht), Aufforderung des Beleidigten an den Beleidiger, sich vor Gericht zu stellen und auf die Klage sich cinzulassen. Inka, Titel der alten Beherrscher von Peru u. a. südamerikan. Staaten; Jnkastraße s. u. Cuzco 2). Jnkerman (Jnkjerman), Flecken im russ. Gouv. Taurien, auf der Halbinsel Krim am östlichen Ende der Bucht von Sewastopol und an der Mündung der Tschernaja, «Station der Losowo-Sewastopol- Eisenbahn. Früher war I. eine Genuesische Fest. ung, u. noch sind zahlreiche Ruinen der ehemaligen Stadt vorhanden, deren Häuser ganz in den Felsen eingehauen waren. In der Nähe die Ruinen von Ktenus u. der um 500 V. Ehr. gegründeten Stadt ChersonesoS (später Cherson). Während der Belagerung Sewastopols hier 5. Nov. 1854 Sieg der Engländer u. Franzosen über die Russen. H- Berns. Jnlagcr (Rechtsw.), so v. w. Einlager. Inlaut, ein in der Mitte einer Silbe stehender Vocal, s. u. Laut. Jnlet (engl.), 1) kleine Meeresbucht; 2) Bettstoff für Federkissen. In looo (lat.), am Ort, an der Stelle. In msjorsin »ei glorisni (lat.), zu größerem Ruhme Gottes. In manu (lat.), in der Hand. In marglno (lat.), am Rande. In moäias res (lat.), mitten in die Sache hinein, ohne Einleitung u. Umschweife, direct zur Sache. In meäio (lat.), in der Mitte. In mora sein, 1) säumig, in Verzug, in Rückstand sein. 2) Schuld an einer Verzögerung sein. Inn (bei den Alten Oeuns, romanisch On genannt), Fluß in der Schweiz, Tirol, Bayern u. Oberösterreich, entsteht im Schweizerkanton Graubünden aus 2 Bächen, von denen der eine aus dem Lnnghino- see an der SOSeite des Septimer von NW. und der andere vom Gletscher des Val Fedoz von S. her in den Silser-See fließt. Der vereinigte Bach, Sela genannt, fließt dann durch den Sil- vaplana-, Campfeer- u. St. Moritzer-See, erhält nun den Namen I. und durchströmt zwischen den beiden Centralketten der Rhätischen Alpen bis Finstermünz sein oberes Längenthal, das hohe, enge und steile Engadin, durch viele Gletscher- u. Bergwässer verstärkt. Bei Finstermünz betritt er in einem engen Felswege sein oberes Querthal, welches, von Ladis an mit Nordwestrichlnng, das Ostende der nördlichen rhätischen Centralkette durchschneidet. Bei Landeck nimmt er wieder Nordostrichtung u. beginnt sein unteres Längenthal (Oberinnthal bis Zirl, dann Unterinnthal), welches zwischen den Tiroler und Algäuer Alpen liegt. Bei Kufstein betritt er sein unteres Querthal u. durchbricht in einem breiten, nicht tief eingeschnittenen Bette die Vorhöhcn der Alpen. Bei Nosenheim, wo er bereits 1500 m breit ist, verläßt er das Alpenland und tritt auf die schwäbisch-bayerische Hochebene, auf welcher er mit nordöstlicher Haupt- richtnng in 2 großen Bogen in schnellem Laufe u. breitem, inselreichem Bette der Donau zneilt, in die er bei Passan, stärker als die Donau selbst, einmündet. Aus seinem 510 Irin langen Laufe nimmt er, außer vielen kleinen Bergwässern, rechts den Ötz, Sill, Ziller, Alz u. Salzach, links die Mang- fall, Isen, Nott u. a. auf u. ist sehr wasserreich. Seine Schiffbarkeit beginnt schon bei Innsbruck, für größere Schiffe aber erst bei Hall. Der Wasserspiegel desJ.liegt im Silser-See 1790 m, bei Finstermünz 978, Landeck 837, Innsbruck 575, Rosenheim 431, Braunau 321 und an der Mündung, wo seine Breite 292 m beträgt, 281 m hoch. Sein Stromgebiet umfaßt 46,858 Uslcm (851 IHM). H- Berns. Inn (engl.), Gast-, Wirthshaus, Hotel; vgl. l-s ok Oonrb. 742 In natura. — Jnnocentius. In natücn (lat.), 1) leibhaftig. 2) in der Art, wie der Name etwas bezeichnet, z. B. Getreide i. u. liefern, wirkliches Getreide, nicht dem Welche nach an Geld. nnere Mission, s. u. Mission, unerösterreich, wurden früher die österreichischen Länder Steiermark, Kärnten, Krain, Triest, Görz und Gradisca genannt, im Gegensatz zu Böhmen und den Vorderösterreichischen Landen, Breisgau, Frickthal, Falkenstein rc., abgesehen ohnehin von Burgund, Ungarn rc. Jnncr-Nhoden, s. Appenzell. Innerste, Fluß in der preuß. Provinz Hannover, entspringt ans dem Oberharz unweit Klausthal, durchfließt die Lauddrostei Hildesheim (Braunschweig bei Langelsheim), verstärkt sich durch die Nette u. Lamme u. mündet nach 75 km langem Laufe bei Sarstedt in die Leine. Jnncr-Szolnok (Belsö-Szolnock), Comitat im Großfürstenthum Siebenbürgen, im Lande der Ungarn, grenzt im N. an das Ungar. Comitat Marmaros, im NW. an das Ungar. Comitat Szathmär, gegen W. an das Ungar. Com. Mittel- Szolnok, im S. an das siebenbürg. Comirat Do- boka und im O. an die Districte Bistritz u. Na- szöd; 3340 mkm (60,SS ÜHM) mit 138,304 Ew. (auf 1 (Dkm 41, in ganz Siebenbürgen 38). Das Comitat ist fast ganz gebirgig durch das Läpos- Gebirge u. wird vom Kleinen u. Großen Szanios, die sich hier bei Dees vereinigen, durchflossen. Die meisten Thäler sind fruchtbar. Die Erwerbsquellen der Bewohner bilden hauptsächlich Acker- u. Weinbau, Viehzucht u. Bergbau auf edle Metalle u. Eisen; auch gibt es im Comitate bedeutende Salzwerke. Eintheilung in 7 Stuhlbezirke. Hauptort ist Dees. H- Berns. Innervation (v. Lat.), Fortleitung des Ner- venagens, geschieht in manchen Nervenfasern von den Centralorganen nach der Peripherie (centri- fugale I.), so in den Nerven, die die Zusammenziehung der Muskeln und die Secretion gewisser Drüsen Hervorrufen; in anderen umgekehrt (cen- tripetale I.), so in den Empfiudungsnerven. In nexu (lat.), in Verbindung, im Zusammenhänge. Jnnirhen, Marktflecken im Bez. Lienz der gefürsteten Grafschaft Tirol und Vorarlberg (Österreich), im Pusterthale an der Drau, Station der Österreich. Südbahn; 5 Kirchen, darunter die merkwürdige Stiftskirche (ein ehrwürdiges Gebäude in romanischem Stile aus dem 12. Jahrh.), Collegiatstift (1142 gestiftet, 1785 aufgehoben u. 1816 wiederhergestellt), Franciscanerkloster, er- giebige Handschuhsabrikation, Sauerbrunnen, im nahen Sextenthale ein Wildbad mit 3 Mineralquellen; 906 Ew. — I. steht auf der Stelle des römischen Aguntum, das im Anfänge des 7. Jahrh. von den Wenden zerstört wurde. Bis 1803 gehörte I. zum Hochstift Freising, kam dann an Österreich, 1805 an Bayern, 1811 an Jllyrien und 1814 wieder an Österreich. H- Berirs. Jnnocent (v. Lat.), 1) unschuldig; 2) unschädlich. Jnnocentius (Jnnocenz, lat. Name, d. i. der Unschuldige). I. Päpste. 1) St. I. I., von Albano gebürtig, folgte 402 als (41.) röm. Bischos auf Anastasius I., Gegner der Donatisten, aber ein Gönner und Vertheidiger des Chrysostomus, wirkte mit großer Energie für die Anerkennung der Suprematie des römischen Bischofsstuhles entschied gegen die Makedonianer und Pelagianer u. erneuerte das Verbot der Priesterehe; er starb 12. März 417 u. wurde canonisirt; sein Tag der 28. Julius. Decrete von ihm in der Sammlung des Dionysius Exiguus und Briefe, am vollständigsten in Schönemauns kontlüoium Rom. spistoias Asnuinas. 2) I. II. (Gregorius Papareschi), Römer aus der Familie der Guidoni, Abt des Benedictinerklosters St. Nicolai zu Rom und seit 1118 Cardinal-Diakon, wurde von einem Theile der Cardinäle nach Honorius II. 1130 zum (170.) Papst ernannt, während die anderen Peter Leonis als Anaklet II. wählten. I. floh nach Frankreich, kehrte aber auf Verwendung Bernhards von Clairvaux von Ludwig VI., vom Concil zu Etampes und bald darauf von Heinrich II. von England und dem deutschen König Lothar, ja 1134 von der Synode zu Pisa anerkannt, 1136 mit dem Kaiser nach Rom zurück und wurde nach Anaklets Tode 1138 allgemein als Papst anerkannt. 1139 hielt er die (2.) allgemeine Lateransynode, von welcher Peter von Bruys u. Arnold von Brescia verdammt und Roger von Sicilien in den Bann gethan wurden. Dieser eroberte Apulien u. Capua u. sein Sohn nahm den Papst sammt den Car- dinälen gefangen, so daß I. Roger vom Bann lösen und als König anerkennen mußte. Seine unruhige Regierung schloß mit seinem Tode 23. Sept. 1143. 3) I. (III. sLando Sitinos), angeblich ein Frangipani, wurde 1178 als vierter Gegenpapst Alexanders III. von einigen Schismatikern gewählt u. als I. III. geweiht. 1180 kam er in Palombara in Alexanders Gewalt u. wurde iu ein Kloster zu Cava gesteckt. 4) I. III. (Lothar, Graf von Segni), war 1161 iu Anagni geboren. Nachdem er in Paris und Bologna seine Studien vollendet hatte, wurde er 1187 Subdia- conus, 1190 Cardinaldiakon und nach dem Tode Cölestins III. 8. Jan. 111V zum (182.) Papste gewählt. Durch Talent, Kenntniß, Klugheit und Mnth ausgezeichnet, herrschte er mit der Gewalt eines Alleinherrschers über Kirche und Staat in fast allen Ländern. Das Resultat seiner Bemühungen um die Kreuzzüge war die Gründung eines Lateinischen Kaiserthums, welches I. seinen Zwecken angemessen zu gebrauchen suchte. In Deutschland war Friedrich, Sohn des Kaisers Heinrich VI., noch vor seiner Taufe als seines Vaters Nachfolger im Reiche anerkannt worden; aber J. scheute die Vereinigung so vieler Kronen auf einem Haupte, belehnte Friedrich mit Sicilien und wurde dessen Vormund (1198), wodurch er die Versöhnung de» Gneisen u. Ghibellinen vorzubereiten suchte. In dem Streit Philipps von Schwaben u. Ottos IV. um die deutsche Kaiserkrone nahm I. die Partei des Letzteren. Als aber Otto seine Ansprüche aus Italien geltend machte, that ihn I. in den Bann und erhob dessen Mündel Friedrich II. auf den Kaiserthron (1212). In Frankreich zwang er Philipp August durch Bann und Jnterüict, seine verstoßene Gemahlin Jngeborg wieder anznnehmsn (1201). 1204 machte Peter von Aragonien sein Jnnocentius. 743 Reich vom päpstlichen Stuhlzins bar und ebenso Sancho I. von Portugal. England unterwarf I. dem römischen Stuhl, indem er den die päpstliche ff Wahl des Cardinals Stephan Langton zum Erz- ff bischof v. Canterbury verwerfenden König Johann > 1209 in den Bann that, nachdem 1208 bereits das j Jnterdict über England ausgesprochen war, 1212 h selbst dessen Absetzung decretirte; da beugte sich !? Johann, that Buße und erhielt 1213 sein Reich I, als päpstliches Lehen und gegen Tribut zurück. . Einen Makel wirft auf den für seine Zeit so s mächtigen Mann seine grausame Verfolgung der Albigenser u. das von ihm 1198 eingesetzte Ketzer- gericht. Am Ende seines Lebens versammelte I. noch einmal die Repräsentanten der Kirche auf der vierten Lateransynode (1215) um sich, auf ! welcher 70 Kanones über die Glaubenssatzungen j (Lehre von der Transsubstantiation u. der Ohren- i beichte), die wichtigsten Rechts- und Disciplinar- § Verhältnisse nach ihrer neuen Gestaltung anfge- s stellt, die beiden neuen Orden der Dominicaner s u. Franciscaner bestätigt und viele andere den l Glauben u. das Leben der Kirche betreffende Verordnungen erlassen wurden. I. st. 16. Juli 1216. Seine Opera, erschienen Köln 1575, Vened. 1578; ^ seine Briefe, von Baluzius herausgeg., Paris 1682, 2 Bde., seine Diplomat«, all res Drauei- s oas spsotantia von Brequiguy und Laporte du Theil, Par. 1791, 2 Bde. Vgl. F. Hurter, Geschichte I. III. u. seiner Zeitgenossen, Hamburg 1834 ff., 4 Bde., 3. Ausl. 1845 f. 5) I. IV. ! (Sinibald), aus der edlen genuesischen Familie Fiesco von Lavagna, war erst Professor der Rechte 1 in Bologna, wurde nachher Cardinal und nach I Cölestins IV. Tode und einer 19monatlichen Er- I ledigung des päpstlichen Stuhles 24. Juni 1243 6 zum (186.) Papst erwählt. Als Cardinal stets H für Kaiser Friedrich II. günstig, wurde er als k Papst dessen Todfeind; ein eingeleiteter Vergleich u zwischen Kaiser und Papst kam nicht zu Stande, ü u. I. floh 1244 vor dem Kaiser nach Lyon, wo I er bis 1250 blieb; er schrieb dahin ein Concil I aus (1245), welches den Kaiser mit dem Bann I belegte und ihn, wiewol vergebens, des Reiches 1 für verlustig erklärte. Als Friedrich 1250 gestorben war, zog sein Sohn und Nachfolger Kon- I rad gegen I. und erhielt die Rechte der Hohen- staufen, bis auch er 1254 starb. Manfred, der Vormund des zweijährigen Konradin, unterwarf sich dem Papste, welcher die Rechte des Thronerben zu achten versprach, u. I. nahm Besitz von Sicilien. Da aber bald die wahren Absichten des Papstes hervortraten, rückte Manfred gegen das päpstliche Heer und schlug dasselbe 2. Dec. 1254. Fünf Tage daraus st. I. in Neapel, wo er in der Kathedrale begraben liegt. I. trat dem Meister des Deutschordens Konrad, Landgrafen von Thüringen, das Eigeuthumsrecht auf Preußen ab u. verlieh auf dem Concil zu Lyon den Cardi- nälen den rothen Hut. Er war einer der besten Rechtsgelehrten seiner Zeit, Dator st or§annm veritatis genannt, u. schr.: L,pparatus snxor V lidros äsorotalium, Straßb. 1478, Fol., u. ö.; ^.poloAvtious (Bertheidignng der Gerichtsbarkeit des apostolischen Stuhles über das Reich); seine (109) Briese stehen im 7. Bd. von Baluzes Llis- eollan.; Lebensbeschreibung von Nie. de Lurbü im 3. Theile von Muratoris Lvriptorss rsr. ital, 6) I- V. (Peter von Tarantasia), geb. zu Montier in Savoyen, war Dominicaner u. Provinzial seines Ordens, wurde 1272 Erzbischof von Lyon, später Cardiualbischof von Ostia und 21. Jan. 1276 nach Gregor X.. Papst (der 191.), st. aber schon 22. Juni d. I.; er schr.: Oommsut. in lidr. ssntsntiarnm, Toulouse 1652, 3 Bde., Com- mentar über die Briefs Pauli, Köln 1478, Antw. 1617 u. m. a. 7) I. VI. (Stephan Shiberl), aus Brissac in Limousin, wurde Bischof in Noyon, 1340 in Clermont, 1342 Cardinal-Bischof von Ostia u. Großpönitentiar u. 18. Dec. 1352 als Nachfolger Clemens' VI. zum Papst (der 205.) erwählt; er residirte in Avignon, während der Cardinal Albornoz den italienischen Großen den Kirchenstaat wieder abrang und verwaltete. Ein rechtskundiger, sittenstrenger Fürst beschränkte er die unter den Avignonschen Päpsten angemaßten Befugnisse der Cardinäle, sowie die Aunaten, strebte die angehäuften Pfründen auf wirklichen Kirchendienst znrückznführen, arbeitete auf Ersparungen an seinem Hofe und suchte wo möglich Kirchenzucht wiederherzustellen; er st. 12. Sept. 1362. 8) I. VII. (Cosmo Megliorati), geb. 1339 in Sulmone in den Abruzzen, erst Bischof in Bologna, unter Urban VI. Ausseher über die Apostolische Kammer und von diesem zur Eintreibung der päpstlichen Einkünfte nach England gesandt, wurde er nach seiner Rückkehr 1389 Cardinal u. nach Bonifa- ciuS' IX. Tode, 17. Oct. 1404, zum Papst (der 210.) erwählt, während in Avignon Benedict XIII. Papst war, der vergeblich mit ihm über Wiederherstellung des Kirchensriedens verhandelte. 1405 mußte er bei einem vom König Ladislaus von Neapel angeschllrten Volksaufstande aus Rom entfliehen, wurde aber bald wieder zurückgerufen, that den König in den Bann, st. aber schon 6. Nov. 1406. 9) I. VIII., Genuese (Giov. Bat- tista Cibo), geb. 1432, stand, nachdem er einige Zeit am Hofe zu Neapel gewesen war, in Rom in Diensten des Cardinals Philipp von Bologna, wurde dann Bischof von Porto, 1473 Cardinal u. 1484 nach Sixtus IV. Papst; als solcher (der 221.) führte er bis 1492 zwei Kriege gegen den König Ferdinand von Neapel u., während er die Christenheit zu einem Kriege gegen die Türken aufforderte, hielt er im Interesse des Sultans Bajesid II. dessen Bruder Dschem gegen ein Jahresgehalt von 40,000 Dukaten in Hast. Den größten Theil seiner Regierungsthätigkeit verwendete er darauf, seine 16 Kinder (daher spottweise Datsr xatrias genannt)möglichstznbereichern. Erst.25.Juli 1492. 10) I. IX- (Antonio Facchinetti), ans adeliger Familie in Bologna, geb. das. 1519, wurde unter Pius IV. Bischof von Nicastro, unter Gregor XIII. Patriarch von Constantinopel, 1583 Cardinal u. folgte 29. Oct. 1591 auf Gregor XIV. als (238.) Papst, st. aber bereits 30. Dec. d. I. 11) I. X. (Giambatista Pamfili), geb. 7. Mai 1574 in Noni, war Nuntius in Neapel und dann dem Cardinal Franz Barberini als Datarius nach Frankreich beigegeben, wo er später als Patriarch von Antiochien und Nuntius blieb, bis er 1629 Cardinal wurde; als Nachfolger Urbans VIII. 744 Jnnominatcontract — Innsbruck-. ward er 15. September 1644 zum Papst (244.) gewählt. Er ließ sich ganz von seiner Geliebten Olympia Maldachini, der Wittwe seines Bru- derS, beherrschen und wurde deshalb von seinen Spöttern im Weiberrocke dargestellt. Seine Feindschaft gegen die Barberini, denen er seine Wahl zu verdanken hatte, führte zu einer Einmischung der Franzosen, welche ihn zwangen, diese Familie wieder in den Besitz ihrer Güter und Würden einzusetzen. In einer Bulle vom 26. November 1648 verdammte er den Westsälischen Frieden und 1658 fünf Sätze aus dem Werke Corn. Jansens. Seine Einkünfte suchte er. durch alle möglichen Mittel, namentlich durch den Ämter- verkauf, zu vermehren, schrieb auf 1650 das Uni- vorsals maxrmningns subriasnin aus u. begann durch das Kornmonopol der päpstlichen Kammer den römischen Ackerbau zu vernichten. Er st. 7. Jan. 1655. 12) I. XI. (Benedict Odescalchi), 1611 in Como geb., studirte in Genua, Rom n. Neapel die Rechtswissenschaften, diente dann im Dreißigjährigen Kriege alz Soldat in Deutsch- land und Polen, widmete sich später dem geistlichen Stande, wurde apostolischer Protonotarius, Präsident der Apostolischen Kammer, Commissarius in der Marca di Roma u. Gouverneur vonMa- cerata, 1647 Cardinal, nachher Legat von Fer- rara u. Bischof von Novara, endlich als Nach- folger Clemens' X. 21. Sept. 1676 zum Papst (248.) gewählt. Er ergriff kraftvolle Maßregeln zur Herstellung strenger Sitte in der Kirche und im Staate, suchte den Finanzen aufzuhelfen und sprach sich in einer Bulle vom 2. März 1679 gegen die Moral der Jesuiten aus, deren heftiger Feind er war. Die Streitfrage über die Ausdehnung der Regalien bei Besetzung vacanter Bis- thümer in Frankreich entschied die deshalb von Ludwig XIV. 1681 zusammenberufene allgemeine Versammlung französischer Bischöfe und Barone zu Gunsten der Krone; die Aufhebung der Qua» tierfreiheit (des Rechtes der Gesandten, ihre Qua» tiere als Asyle geltend zu machen) führte zu neuem Streite mit dem französischen Hofe, der erst unter seinem Nachfolger erledigt wurde. Im Übrigen leistete er Ludwig XIV. gegen die Huge- notten wesentliche Dienste. I. st. 12. Aug. 1689. Vgl. Phil. Bonamici, De vrta ob rsbns Zsstro O.XI., Rom 1776, übersetzt von Le Bret, Franks. 1791. 13) I. XII. (Antonio Pignatelli), edler Neapolitaner, geb. 1615 in Neapel; früh Prälat des römischen Hofes, ward er erst Bischof von Faenza, Legat von Bologna u. Cardinal u. 1691 der Nachfolger Alexanders VIII. auf dem päpstlichen Stuhle (der 250. Papst). Er verbot das Nepotenwesen und das Lottospiel, verbesserte die Klosterdisciplin, schasste viele Mißbräuche in der Kirche ab, beendigte den Streit mit Frankreich in Bezug auf die Landeskirche u. st. 29. Sept. 1700. 14) I. XIII. (Michel Angela Conti), Sohn Karl Contis, Herzogs von Poli, geb. 1655 in Nom; wurde 1693 Gouverneur von Viterbo, 1695 Erzbischof von Tarsus u. Legat in der Schweiz, 1698 in Lissabon, 1706 Cardinal u. 8. Mai 1721 nach Clemens XI. Papst (252.), ein wahrer Wohl- thäter seines Landes, eifrig für Kirchenzucht, haushälterisch, Feind des Nepotismus, ein entschiedener Feind der Jesuiten, an deren Aufhebung er bereits dachte; er st. 7. März 1724. Vgl. Mayer, Die Wahl I.' XIII., Wien 1874. «agai.' Jnnominatcontract (Oontraatns innoml- nainbrsalis), ein unbenannter Vertrag, dem römischen Rechte eigen, bei welchem der Grund der Klagbarkeit dadurch gegeben wurde, daß von der einen Seite etwas hingegeben oder geleistet wurde, wodurch der andere Theil die Verpflichtung zu einer anderen Gegenleistung übernahm. —i- In nomms (lat.), im Namen, im Auftrag, in Vollmacht. Innovation (v. Lat.), Erneuerung; (Bot.) das Treiben frischer Triebe; auch neuer oder Jahrestrieb. Innsbruck (Jnnspruck, im Volksmunde Spruck), Hauptstadt der gefürsteten Grafschaft Tirol und Vorarlberg (Österreich), liegt reizend auf beiden Ufern des Inn, über den hier eine eiserne Brücke, eine Kettenbrücke, ein eiserner Brückensteg u. eine Eisenbahnbrücke führen (I. ist Station der Österreich. Slldbahn), unweit der Mündung der reißen- den Sill, zwischen 2-3000 in hohen, zerrissenen n. schroffen Kalkselswänden (Solstein, Braudjoch, Frauhlltt, Sattelspitzen) im N. u. dem Patsche» kofel, Waldrastcrspitz u. Sailespitz im S., am Beginne des Unterinnthals, das hier am breitesten ist, 569 in ü. d. Meere u. besteht aus der eigentlichen Stadt (der Altstadt) und aus den Vorstädten Mariahilf, St. Nicolaus und Dreiheiligenoder Kohlstadt, zu denen auch noch die sich unmittelbar an I. anschließenden Ortschaften Willen und Hötting gezählt werden müssen. I., da» 5 öffentliche Plätze besitzt, unter denen der Rennplatz mit dem benachbarten Hofgarten reizende Gartenanlagen bieten, ist ein freundlicher, sehr reinlicher, mit guten Trottoirs versehener Ört. Von der Stadtbrücke bis zum Beginn der Neustadt sind sie mit Arkaden (Laubengängen) versehen; die neueren Stadttheile haben breite, schöne Straßen, Trottoirs u. manche ansehnliche Gebäude. Unter den vielen Kirchen nimmt wegen ihrer Kunstwerke die Franciscane» oder Hoskirche zum heil. Kreuz die erste Stelle ein, die nach dem letzten Willen Maximilians I. unter Ferdinand I. durch Thuring u. Marc, della Bolla im Renaissance-Stile 1553 bis 1563 erbaut wurde. In der Mitte des Hauptschiffs steht das prächtige Grabdenkmal Maximilians I. (sein Körper ruht zu Wiener-Neustadt), ein Sarkophag aus Marmor, auf dessen Deckel der Kaiser in seinem vollen Örnate, von L. dcl Duca lebensgroß aus Erz gegossen, betend kniet, n. dessen Seitenflächen 24 herrliche Marmor-Reliefs (meist vonAlexanderColins ausMecheln),disHaupt- begebenheiten aus Maximilians Leben darstellend, zieren. Dasselbe umstehen 28 eherne Kolossal- Standbilder von Regenten, Helden u. fürstlichen Frauen (meist aus dem Hanse Habsburg), zwischen 1513 u. 1583 von Peter Bischer, den Brüdern Stephan u. Melchior Godl n. Gregor Löffler gearbeitet. In der Silbernen Kapelle, so genannt wegen eines silbernen Standbildes der heil. Jungfrau n. der aus gleichem Metall getriebenen Darstellungen der Lan- retanischen Litanei am Altar, stehen 23 Erz-Statn- etten von dem Hanse HabZburg verwandten Heiligen und befinden sich die Grabmäler des Erzherzogs 2 Inns ol oourl. 745 Ferdinand, des zweiten Sohnes Ferdinands I., u. seiner ersten Gemahlin, Philippine Welser von Augsburg, von Alex. Colins gearbeitet. Der Kapellentreppe gegenüber befindet sich die Grabstatte u. das Denkmal Andreas Hofers, daneben die Gräber von Spcckbacher u.Haspinger mit Gedenktafeln u. auf der anderen Seite ein 1845 enthülltes Denkmal für alle Tiroler, welche seil 1796 für die Landesvertheidigung fielen. Andere sehens- werthe Kirchen sind: die Pfarrkirche zu St. Jakob (1717 neu aufgeführt), in italienischem Stile, mit einem prächtigen Hochaltar (Marienbild von L. Cranach d. Alt.) u. dem Grabmal des Deutschmeisters Erzherzog Maximilian (gest. 1618); die Jesuiten- od. Universitätskirche (1640 erbaut), mit der Gruft mehrerer Tiroler Landesfürsten; die Serviteukirche (1614 erbaut) und die Kirche des heil. Nepomuk (1753 erbaut) mit schönen Gemälden u. Freskomalereien. Ein Denkmal Walthers v. d. Bogelweide wurde im Mai 1877 ausgestellt. Hervorragende öffentliche od. Privat-Gebäude sind noch: die kaiserliche Burg, 1766—70 im Zopfstil ausgefllhrt, mit den sog. kaiserl. Prunkgemächern, darunter der Riesensaal u. die Hoskapelle, letztere von Maria Theresia an der Stelle erbaut, wo 1765 ihr Gemahl Franzi, verschied; die ehemalige Fürstenburg, 1425 von Friedrich mit der leeren Tasche erbaut, jetzt städtisches Eigentbum, mit dem goldenen Dachl, einem reichen spätgothischeu Erker mit stark vergoldetem Kupferdache; das Rath- hanS, die Universität, daS Museum (Ferdinandeum, von Privaten errichtet u. unterhalten), das Theater, die Klosterkaserne, das Landhaus, das große Spitalgebäude, mehrere Schulgebäude, das Schloß Büchseuhausen, das Trappsche, Sarnthein- sche u. Tanncnbergsche Haus (Post), das Sparkassengebäude, das Pädagogium u. A. Der kaiserlichen Burg gegenüber, aus dem Rennplätze, steht ein kleines Reitcrbild aus Erz (von Claudia von Medici ihrem Gemahl, dem Erzherzog Leopold V., errichtet), in der Mitte der Maria-Theresia-Straße die Annensäule aus Marmor (ein Votivdenkmal der tirol. Landstände für die Räumung deS Landes von den bayer. Truppen 1703) u. am südl. Ende dieser breiten Straßen eine Triumphpforte (zur Feier der Vermählung des Kaisers Leopold II. mit der span. Infantin Maria Ludovica von den Bürgern J-s 1765 beim Einzuge der Kaiserin Maria Theresia u. ihres Gemahls Franz I. errichtet). Auf dem Margarethenplatze ist 1877 zur Erinnerung an die 500jährige Vereinigung Tirols mit Österreich ein schöner gothischcr Brunnen aus röthlichem Marmor mit der Erzstatue des Erzherzogs Rudolf IV. errichtet worden. Höhere Unter ri cht s a n st alt e n: Leopold - Franzens- Univer- sität (vom Kaiser Leopold I. 1673 gegründet, 1810 von der bayer. Negierung aufgehoben, 1826 mit 2 Facultäten, einer juridischen u. einer philosophi- schen, wiederhergestcllt, 1857 um eine theologische, von Jesuiten geleitete Facultät vermehrt u. 1869 durch die medicinische ergänzt), mit Bibliothek von 61,000 Bänden, anatomischem Museum, physikalischem und Naturaliencabinet, botanischem Garten rc. und etwa 600 Studenten; Obergymnasium, Oberrcalschule, Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen rc. I. hat 8 Klöster (mit Willen 10), darunter ein Jesnitencollegium (1839 restaurirt), ein Capuzinerkloster (1598 gegründet, das erste dieses Ordens in Deutschland), ein Jnstitutshaus der Barmherzigen Schwestern (seit 1839) u. ein Kloster der Ursuliuerinnen (1689 gegründet); ferner ein weltliches, adeliges Dameu- stift, von Maria Theresia 1765 gestiftet. I. ist Sitz der Statthaltern, des Tiroler Landtags, des Oberlandes-, eines Landes- und eines städtischen delegirten Bezirksgerichts, der Finanz-Landesdirec- tion, eines Hanptzollamtes erster Klasse, einer Handels- n. Gewerbekammer, eines Platzcomman- dos, einer Geniedirection rc. u. hat: Filiale der österr. Nationalbank, bedeutende Sparkasse, Land« wirthschaftlichenVerein, zahlreiche, gut dotirte Wohl- thätigkeitsanstalten, mehrere gemeinnützige Vereine, Fabriken für Maschinen, Seidcnband, Handschuhe, Tuch, Schaswollwaaren, Kattun, Strohhüte, Nägel rc., Glockengießerei, Seidenweberei, Baum- wolleuspinnerei, Anstalt für Glasmalerei, verbunden mit einer Glasfabrik, sehr bedeutenden Transithandel. 1869 hatte I. ohne Militär 16,324 Ew., mit Willen (2575 Ew.) u. Hötting (3484 Ew.) zusammen 22,383 Ew., mit Pradl und Militär 1875 ca. 25,000. In der Nähe das Schloß Ambras (s. d.), der Berg Jsel (s. d.), die Lanser Köpfe, der Patscherkofel und die Weiherburg , sämmtlich mit herrlicher Aussicht. I. entstand bei einem Übergangspunkt über den Inn u. hieß im Alterthum ack Osaum od. (^.sni) kons od. Osnipontnm. Schon' unter Kaiser Friedrich I. war I. ein ansehnlicher Ort; 1234 erhielt er vom Herzog Otto I. von Meran Stadtgerechtigkeit: nach der Besitznahme Tirols durch die Österreicher (1363) wurde I. Landeshauptstadt und Sitz der österr. Herzöge, welche auch Las Schloß erbauten; Friedrich mit der leeren Tasche erwählte zuerst I. zu seiner bleibenden Residenz. Kaiser Maximilian I. hielt sich häufig hier auf. 1485 schloß hier Herzog Sigmund von Österreich ein Bllndniß mit dem Grafen Eberhard dem Älteren von Württemberg. 1655 trat in der dasigen Franciscanerkirche die Königin Christine von Schweden zur katholischen Consession über. 1703 wurde I. von den Bayern erobert, aber bald wieder verlasse». Am 5. Nov. 1805 ward es von den Franzosen besetzt; 1809 öfters von den Österreichern u. Tirolern genommen und von den Bayern und Franzosen wieder besetzt; 12. April 1809 zwischen Tirolern und Bayern u. Franzosen blutiges Gefecht um die über den Inn führende Holzbrücke u. am Berge Jsel. S. Öesterreichischcr Krieg von 1809. Vergl. Pri- misser, Denkwürdigkeiten von I., 1.1816; Zoller, Geschichte u. Denkwürdigkeiten von I., 2. Ausl., ebd. 1828; Historisch-topographisch-statistisches Gemälde J-s, ebd. 1839; B. Weber, I. und seine Umgebungen, 1842. H- Berns. Inns ok eourt (engl.), Gerichtscollegium, in England ursprünglich Rechtsschulen (Rechtscorporatio- uen, da Inn früher die Wohnung der Edelleute bezeichnete u. diese ausschließlich zum Nechtsstudium zugelaffen wurden); Niemand, der nicht in diesen I. eine gewisse Reihe von Jahren Vorlesungen gehört, wurde zur Praxis zugelassen. Jetzt ist der Jurist wol auch verpflichtet, in die I. sich ein- schreibeu zu lassen, aber dieselben sind nur freie 746 In mioo — Vereinigungen der Nechtsgelehrten u. der die Rechte Studirenden, in London 4, die sich im Besitze sehr bedeutenden Vermögens u. großartiger Gebäude- Complexe befinden, selbst I. genannt. Mit ihnen verbunden sind die Inns ob Odanoerx, in welchen sonst die Kanzleibeamtcn gebildet wurden n. welche, wenn nicht cingegangen, jetzt meist von Sachwaltern bewohnt werden. — In nuce (lat., in einer Nuß), ganz zusammen- gedrängt, kurz beisammen. Jnnuit, Januit, Pluralform von in-nn der Mensch; so nennen sich selbst die Eskimos (Aschkimeg der Oschibewä, d. h. Rohfleischesser). Die I. lebten um 1000 n. Ehr. noch ziemlich südlich au der Atlantischen Küste Amerikas u. kamen noch Anfang vorigen Jahrh. nach Neufundland. Erst Mitte 14. Jahrh. wunderten sie in Grönland ein. Mit Absetzung der Schädelform stimmen sie in Len maßgebenden Körpermerkmalen mit den nordasiatischen Völkerschaften überein. Obgleich sie sich in Grönland stark mit Germanenblnt mischten, sind doch noch die Schiefstellung der geschlitzten Augen u. die breiten, flachen Gesichter zu erkennen. Ihr Stamm ist im Aussterben. Ihre Sprache bediem sich zur Sinnbegrenzung nur der Suffixe, zugleich aber kann sie einen vielgliedrigen Satz in nur ein Wort zusammenfassen. Soyaux. Innung, s. Zunft. Ino, s. Athamas. Inoosrpus Adrsk., Pflanzengatt, aus der Fam. vapiinoickeas (X. 1). Art: I. oäuIisA'o»'sk.,Banm aus den Molukken, neuen Hebriden nnd Freundschaftsinseln; die großen, nieren- od. eiförmigen, znsammengedrückten Steinfrüchte werden genossen; der Absud der Rinde ist wirksam gegen die Ruhr. Inoosramus §ow.(6atiI1u3 u. UzchiloickssLroArr., Fasermuschel), fossile Muschelgatt., zur Fam. der Hammermuschcln (Nalksiäa). Austernartige Muscheln von unregelmäßiger fast dreieckiger Gestalt n. ungleichschaligem Bau. Die Schalen sind blättrig nnd haben spitzige, stark gekrümmte und einander gegenüber gestellte Buckeln; das hinten gelegene gerade Schloß ist mit vielen Einschnitten versehen, der Muskeleindruck liegt hinten. Sie begannen im Lias, sind in der Kreide stark vertreten, gehen jedoch über diese Formationen nicht hinaus. Im Jura finden sich die Arten: I. xol/ploons Lomer; I. amxAäaloiäss, I. äudius, I. ^rxpüai- ckss; in der Kreide: I. snloatus I?arL./ I. Lron§- niarti §orv.; I. (OatüUns) I/amarLii; I. striatus Mrmt,/ I. ladialns (I. mxiüloiäss Alant./ I. xrodlsmatüous ck'Ob.); I. Lrispi Alant. / I. 6n- vieri iNnv. Lehmann. Inokulation (v.Lat.), 1) Einsetzen eines Auges, s. Oculiren; 2) so v. w. Impfen. Jnoffensiv (lat.), nicht beleidigend, harmlos. Inopportun (lat.), ungelegen, unpassend, in nicht geeigneter Zeit. In optima korms (lat.), in bester Form. In original, (lat.), im Original, in der Urschrift. Jnosit (Phaseomannit), LgRigOo-l-2 8^0, Muskelzucker, eine nicht gährungsfähige Zuckerart, findet sich in der Flüssigkeit thierischer Muskeln, namentlich des Herzmuskels, in dem Gewebe der Lunge, Milz, Leber, der Nieren, in dem Gehirn u. tritt bei manchen Nierenkrankheiten im Harne! In puiioto. auf. Auch in zahlreichen Pflanzen, in grünen Bohnen, in den unreifen Bohnen, im Weinlaube, im Spargel rc. ist er nachgewiesen worden. Mt etwas Salpetersäure bis fast zur Trockne verdampft und nach Zusatz einer ammoniakalischen Chlorcalcium-Lösung abermals zur Trockne gebracht, gibt Jnosit eine lebhaft rosenrothe Färbung. Broglie. Jnowrazlaw, 1) Kreis im preuß. Regbez. Bromberg; wird auf eine Strecke von 1,2 M von der Ostbahn (Bromberg-Thorn), in einer Länge von 8 M von der Posen-Thorn-Bromberger Bahn durchschnitten; 1711 (30,t2ÜI!M) mit (1875) 76,753 Ew. 3) (poln. Jnowroclaw, in den ältesten deutschen Urkunden Jung-Leslau) Kreisstadt darin, ans einer Anhöhe, in der fruchtbarsten Gegend der Provinz (Kujavien), Knotenpunkt der Posen-Thorn-Bromberger Bahn; 2 Kirchen, Synagoge, königl. Gymnasium, Eisengießerei und Maschinenfabrik, 2 Dampfmühlen, lebhafter Handel, Biehmärkte, Garnison; (1875) 9169 Ew. 1871 ist hier ein unerschöpfliches Salzlager erbohrt worden. Seit 1872 ist in der Nähe der Stadt eine fiscalische Saline im Betriebe, die jährlich ca. 4 Mill. Centner Salz fabricirt; 1876 ist hier ein jodbromhaltiges Soolbad eingerichtet; in der Anlage befinden sich ein Steinsalz- u. ein Schwefelkiesbergwerk. — Die Stadt wird 1185 zuerst urkundlich erwähnt; sie wurde 1239 durch Swanti- polk (Swixtopelk) von Pommern verwüstet, 1258 u. 1269 von den Großpolen belagert, 1332 von den Deutschen Ordensrittern erobert, 1342 wieder an den letzten Piastenkönig Kasimir herausgegeben. 1396 Zusammenkunft der Polen mit den Ordensrittern. 1430 von einem Deulschordensheere niedergebrannt. Nach der preußischen Besitzergreifung 1772 leistete der Netzdistrict 22. Mai 1775 zu I. die Erblandeshuldigung. In paoe (lat.), in Frieden; vgl. Regniesoab. In parsntliesi (lat. n. gr.), in Parenthese, nebenbei, beiläufig. In partlbus intickellum, auch abg. in partüdns, d. i. in Theilen, Gegenden od. Gebieten der Ungläubi- igen, für den ungläubigen Theil, seit dem 13. Jahrh. Benennung der Weihbischöfe, welche, ob- wol wirklich Bischöfe, dennoch keinen Sprengel haben u. den Titel von Gebieten erhalten, in welchen die römisch-katholische Religion keine Anhänger mehr zählt. In perpetüam rei memoriam (lat.), zum ewigen Gedächtniß. ln psrpetüum (lat.), auf immer. In persüna (lat.), persönlich, selbst. In petto (ital.), im Sinne, auf dem Herzen haben, ohne die Sache zu nennen, od. den Namen auszusprechen. In pontikioalibus (lat.), 1) in priesterlicher voller Kleidung; 3) in Amtstracht. ln praekixo termino (lat.), in der anberaumten Frist. ln praxi (lat.), 1) in der Ausübung; 3) im Gerichtsgebrauch, in der Rechtsanwendung; 3) im wirklichen, praktischen Leben. ln promptu (lat.), in Bereitschaft, bei der Hand. In punoto (lat.), hinsichtlich; daher: i. x. xunoti I(i. x. soxi), hinsichtlich der Keuschheit. 747 Io pniris vaturalibus — Inquisition. ln puris nstueallbus (lat.), in reinem Naturzustände, ohne alle Kleidung. Inquilmus (lat.), 1) Einwohner eines Orts ohne Eigenthumsrecht, oder ohne Bürgerrecht; Miekh- mann, Hansgenoß; 2) (Bot.) einheimisch geworden, eingebürgert. Jnqüirircn (v. Lat.), untersuchen, ausforschen. Inquirent, der Untersuchungsrichter, s. u. Cri- minalgericht I. ä) a). Jnquisit, der in Untersuchung Begriffene, bes. wenn er über Jnquisitio« nalartikel vernommen werden soll, s. u. Articulir- tes Verhör. Inguisitio generalis, I. spsolalis, so v. w. General- u. Specialuntersuchnng, s. u. Criminalproceß u. Articulirtes Verhör. Inquisition (v. Lat., Untersuchung, Ingnisi- tio llasrstieas pravibatis, Ketzergericht, Lanotnm oktioium, Heiliges Officium), in der Katholischen Kirche Glaubensgericht zur Entdeckung und Bestrafung der Ketzer u. Ungläubigen. Sie nahm ihren Anfang schon durch die Kaiser Theodosius d. Gr. und Justinian, welche zur Ausforschung der Ketzer Ingrnsitorss anstellten und die Entdeckten der Kirche zur Bestrafung überlieferten, zu der indessen auch oft noch eine bürgerliche kam. Daraus bildete sich nach und nach ein förmliches geistliches Gerichtswesen: seit dem 12. Jahrh. wurde durch die Verordnungen des Papstes Lucius auf der Synode zu Verona die I. zur allgemeinen Kirchenangelegenheit durch die Entstehung u. Ausbildung der Sendgerichte u. endlich durch das 4. Lateranconcil 1215 zur bleibenden Einrichtung, welche das Concil von Toulouse 1229 bestätigte und vollendete. Darnach stellten die Bischöfe in ihrem Bezirke einen Geistlichen und zwei od. drei Laien von gutem Rufe auf, die auf das Sacra- ment zur Aufspürung der Ketzer in ihrem Bezirk u. zu deren Einlieferung verpflichtet wurden. Da die Bischöfe indessen bei den Bestrafungen mehr zur Milde geneigt waren, so ernannte Gregor IX. 1232 u. 1233 die Dominicaner in Deutschland, Aragonien, Lombardei u. SFrankreich zu beständigen Inquisitoren u. machte sie ganz unabhängig von den Bischöfen. So wurde die I. ein päpstliches Gericht. Damit die Kirche sich nicht selbst mit Blut zu beflecken schien, mußten die weltlichen Fürsten sich zur Ausführung ihrer Maßregeln verpflichten, u. Ludwig IX. von Frankreich gab 1228, Raimund VII. von Toulouse 1233, Kaiser Friedrich II. von Deutschland 1234 die dazu uöthigeu Gesetze. Darnach konnte Einer schon auf Verdacht der Ketzerei verhaftet werden, Mitschuldige und selbst Verbrecher galten als giltige Zeugen, die Zeugen wurden dem Angeklagten ver- schwiegen, die Geständnisse durch Tortur erzwungen, die erst von der weltlichen Obrigkeit, dann wegen der Geheimhaltung bald von der I. selbst angewendet wurde. Strafen waren: Verlust der bürgerlichen u. kirchlichen Rechte, Confiscation des Vermögens, lebenslängliche Gefangenschaft u. der Tod, meist mittels Feuer. So bestand die I. zuerst besonders in Süd- Frankreich (gegen die Albigenser); aber bald empörte sich das Volk gegen sie und, wenn auch nach kurzer Aushebung wieder errichtet, ging das Gericht Loch schon im 14. Jahrh. in Frankreich ein und Versuche, es gegen die Hugenotten wieder einzurichten im 17. Jahrh. waren erfolglos. Auch in einigen anderen Ländern konnte sie nicht recht festen Fuß fassen. In Deutschland wüthete zwar von 1231 —33 ein Konrad von Marburg, dann ein Walter Karling u. Andere in den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrh. u. endlich 109 Jahre später die Inquisitoren Heinrich Krämer u. Jakob Sprenger gegen die Hexen, aber die Reformation brach die Macht der I. in Deutschland gänzlich, u. die Versuche zu ihrer Erneuerung durch die Jesuiten, bes. um die Fortschritte der Reformation zu hemmen, so namentlich in Bayern, wo 1599 ein förmliches J-sgericht eingesetzt wurde, waren von kurzer Dauer. In den Niederlanden wurde sie durch Karl V. u. Philipp II. zur Unterdrückung der Reformation eingesührt, gab aber dort zur Empörung u. zum Abfall der Niederlande von Spanien Anlaß. In Italien führte die I. 1235 Papst Gregor IX. ein. Die Republik Venedig, Gegnerin einer unmittelbar vom Papste abhängigen I., errichtete eine eigene, welcher der päpstliche Nuntius, aber unter Beisitz des Patriarchen, des Inquisitors u. drei weltlicher Richter, präsidirte. In Neapel verhinderten die Mißhelligkeiten mit dem Papste, dann die Päpste selbst, da sie eine von ihnen unabhängige I. nicht genehmigen wollten, die Einführung der I. In Rom wurde sie durch Paul III. 1534—49 als Congregation des heiligen Officiums begründet und von Sixtus V. erweitert. Von Napoleon 1808 aufgehoben, wurde sie 1814 von Pius VII. wiederhergestellt, verfolgte noch 1852. die Eheleute Madiai in Toscana wegen Ueber- tritteS zum Protestantismus, ist aber seit I85ll überall in Italien, seit 1870 auch in Rom aufgehoben. In Polen von Papst Johann XXII. 1327 eingesührt, konnte die I. sich nicht lange halten, und in England war es unmöglich, sie eiuznführeu. Um so größeren Erfolg hatte die I. in Spanien, wo sie bes. auf Betrieb des Erzbischofs von Sevilla, Pedro Gonzalez von Meu- voza, des Frauciscaners Jimenez u. des Dominicanerpriors Torquemada von Ferdinand und Jsabella, zugleich als Mittel, die mächtigen Reichs« stände niederzuhalten, mit Wohlgefallen ausgenommen u. 1480 durch den Reichstag in Toledo eingesührt wurde. Veranlassung dazu gaben bes. die vielen Juden u. Mohammedaner, welche zu Ende des 14. Jahrh., zum Christenthum geuöthigt, insgeheim ihrem Glauben treu geblieben waren. Thomas de Torquemada, seit 1483 Großinquisitor in dem Generalinquisitoriat zu Sevilla, ließ binnen 14 Jahren seiner Amtsthätigkeit 8800 Ketzer lebendig, 6500 in efgAis verbrennen, über 90,000 mit anderen Strafen belegen. Seine Nachfolger Diego Deza (1499—1506) u. Franz Ji- menez de Cisneros (1507 —1517) setzten sein blutiges Werk in ähnlicher Weise fort. Das Verfahren der I., wie es bes. von Nicolaus Eymeri- cuS, Großinquisitor in Aragonien, festgestellt wurde, war darauf berechnet, durch ein gänzlich willkürliches Verfahren, wobei Niemand vor Verdacht sicher war u. fast jeder Verdächtige unentrinnbar der Verurtheilung verfiel, blinden Schrecken zu verbreiten. Die sorgfältig mittels der Probe der Oasa Umxia (d. h. dem Nachweise der Abstammung 748 Inquisitor - von alten u. echten Christeneltern) ausgewählten niederen Beamten (familiäres) waren Werkzeuge eines raffinirten Deuunciations- u. Spionirsystems, u. wußten die Flucht Verdächtiger fast immer zu verhindern. Wer auf die Ladung der I. nicht erschien, galt ohne Weiteres als schuldig. Zeugen wurden nie genannt und Jedermann als Zeuge angenommen. Durch Folter in ihren verschiedenen Graden wurden Geständnisse erpreßt u. durch verfängliche Fragen der Angeklagte verwirrt. Eine Vertheidigung war nur zum Schein zugelassen. Auch Reuige od. solche, die nicht verurtheilt wurden, hielt man doch in beständigem Schrecken durch Belauerung u. strenge Büßungen. Das Bußkleid, (Laubsuito, ital. Lbidello), ein Rock ohne Aermel, vorn u. hinten mit einem rochen Andreaskreuz, über einem schwarzen Unterkleid, sollte sie auch im öffentlichen Verkehr alsbald kenntlich machen. Neben den kirchlichen Strafen wurden, obwol die I. stets heuchlerisch die Obrigkeit zu bitten Pflegte, die Verurtheilten nicht am Leben zu strafen, als bürgerliche Strafen verhängt: enges Gesängniß in kleinen Behältern nur mit einer Öffnung oben, die sog. Einmauerung, Verbrennung, gemildert durch vorangehende Erdrosselung oder verschärft durch Anbrennen mit Stroh (das Bartmachen). Meist wurde eine Anzahl Verurtheilter zusammen verbrannt (s. Auto de Fe). Da das Vermögen der Verurtheilten der I. zufiel, so läßt sich denken, wie schändlich demoralisirend solche Gerichte wirken mußten. Mochte in Spanien auch der Volksgeist und politische, absolutistische Berechnung der Regierung die I. begünstigen, so hat doch eben die I. hauptsächlich Spanien zu Grunde gerichtet. Schon seit Anfang des 18. Jahrh. war zwar die I. eingeschränkt worden u. die Autos de Fe seltener, aber doch wurde sie erst durch ein Edict Joseph Napoleons aus Madrid 4. Decbr. 1808 ganz aufgehoben. Bis dahin waren seit Einführung der I. in Spanien 31,912 Processirte lebendig, 17,659 in ekÜAi« verbrannt und 291,456 mit anderen schweren Strafen belegt worden. Als Ferdinand VII. 1814 den Thron wieder bestieg, führte er die I. wieder ein; doch war es einer der ersten Ausbrüche der Volkswuth, die sich bei der Revolution 1820 zeigte, daß man den J-s- palast zerstörte, u. die Cortes hoben die I. wieder auf. Die politische Restauration griff übrigens immer wieder, sobald sie die Gewalt in die Hand bekam, zu einer gewissen Art I. zurück, u. noch 1857 wurden Protestanten verfolgt. In Portugal wurde die I. unter spanischer Herrschaft 1557 cingeführt. Johann von Braganza suchte nach Befreiung des Königreichs (1640) sie aufzuheben, konnte es aber nicht ganz durchsetzen, kam dasür auch nach seinem Tode in den Bann. Erst im 18. Jahrh. wurde ihre Gewalt durch König Joseph u. den Minister Pombai beschränkt, indem Mittheilung der Anklagepunkte, der Namen der Zeugen, Gestattung eines Sachwalters verordnet wurde u. kein Urtheilsspruch ohne Bestätigung des kgl. Rathes vollzogen werden durfte. Ain ärgsten wü- thete die portug. I. aber in Ostindien, bis endlich Johann VI. sie in seinen sämmtlichen Staaten, also auch in Brasilien, anfhob u. ihre Acten verbrennen ließ. Treffend ist Hases Urtheil: „Die - Jnschallcih. I. wurde für die Hierarchie ein Mittel der Verzweiflung, um sich bei dem Verfalle ihrer wahren Grundlagen durch Gewalt u. Schrecken zu erhalten." Vgl. Nicol. Eymericus, virsstorium in- guisitorum, Barc. 1503, Nom 1578 u. ö.; mit Commentar von Pegna, Ven. 1607; Plüm, Ursprung u. Absichten der I.; Sammlung der Instructionen der spanischen I. von Maurique, 1630, deutsch von Reuß, nebst Entwurf der Geschichte derselben von Spittler, Hann. 1788; Cramers Briefe über die I., Leipz. 1784 — 85, 2 Bde.; Llorente, Listoirs eritigus äs i'inguisitiou äLs- puAns, Par. 1815 — 1817, 4 Bde., deutsch von I. K. Höck, Gmünd 1820—22, auch im Auszuge deutsch von Guolit; Herculano, Du ori§sm s ostablseimonto äu inguisixao om kartuAal, 2 Bde., Lissab. 1854—56; Baumstark, Jsabella von Castilien u. Ferdinand von Aragonien, Freiburg 1874; Albanese, I/ingnisimons reiigiosn neiin rsxubiiea äi Vsnsma, Ven. 1875; Benrath, Aus den Acten der röm. I., Augsb. Allgem. Ztg., 1877. Löffler. Inquisitor, so v. w. Inquirent; Richter bei der kirchlichen Inquisition. Daher inquisitorisch, untersuchend; inquisitorisches Verfahren, die Wirksamkeit des Gerichtes nach den Grundsätzen des Jnquisitionsprocesses od. Unter» suchungsprocesses (s. u. Criminalproceß), im üblen Sinne das Verfahren nach Art der kirchlichen Inquisition. 1. kl. kl. I., 1) Abkürzung für ässns Hurarsuus Rer änäusorum (Jesus von Nazareth, König der Juden), angeblich Ueberschrift, welche Pilatus über das Kreuz Jesu setzen ließ; 2) Erkennungszeichen der italienischen Carbonari als Abkürzung für susturu nsears rsZos Ibulias (es ist recht, die Könige Italiens zu tödten). Jnrotulation der Acten, Zurechtstellung der Acten beim Untergericht zur Versendung an das Obergericht. Ins (franz. Anet), Kirchdorf im Bez. Erlach des schweiz. Kantons Bern, zwischen dem Vieler-, Mnrtener u. Neuenburgcr-See, mit herrlicher Aussicht auf die 3 Seen, sowie auf die ganze Alpen- kctte vom Titlis bis zum Montblanc; 1415 Ew. In saläo bleiben, noch schuldig bleiben. Jnsalire» (v. Lat.), einsalzen. Jnsalivation (v. Lat.), Einspeichelung, Vermischung der Speisen beini Kauen mit dem Se- cret der Speicheldrüsen. In salvo (lat.), in Sicherheit. Inssnla (lat.), Geisteskrankheit, Wahnsinn, s. d. Insuirus wsntis, geisteskrank. Jnsar (Jußar), Kreisstadt im russischen Gouv. Pensa, an der Jnsara u. Jssa; 4 Kirchen, wohl- thätige Anstalt; 3604 Ew. Im Kreise der Stadt viele große Branntweinbrennereien. Insassen, früher seßhafte Unterthanen, an einem Orte geduldet u. geschützt, doch ohne höhere Bürgerrechte. In der Neuzeit wurde das Institut mit seinen früheren Beschränkungen beseitigt. Jnsceniren, in Scene setzen, eine dramatische Arbeit zur Bühnendarstellung einrichten. Jnschallah, Ju-scha-allah (arab., wenn Allah es will), Ausruf der Ergebung der Mohammedaner in die göttliche Fügung. 74S Jn-schan — Jn-fchan (Silbergebirge), auch Ongjam oder Garviam genannt, ein Alpengebirge in Hinter- Asien znm Ahingan-System gehörig. Humboldt erklärt I. für die östliche Fortsetzung des großen Gebirges Thian-schan, obwol jenes einige Grade südlicher als dieses liegt. I. liegt von Thian-schan 50—100 geogr. M nach Osten entfernt, so daß hier also eine Lücke im Gebirgssysteme ist, durch welche der östliche und westliche Theil der großen Wüste Gobi sich verbinden. Im NW. des Gebirges, das bis zum eigentlichen Chingchau-(Khingan-) Gebirge reicht, liegt der rauheste Theil der Wüste. Das Gebirge ist sehr steil u. reicht in mehreren Ketten bis über die Schnee-Grenze hinaus. Man setzt die Heimath des einst furchtbaren, erobernden Volkes des Hiongnu (s. d.) hierhin. H-in-m-mn. Inschrift (gr. , xTrr/gap^, lat. litulns, Insoriptio), eingegrabeue, aufgemaltc od. aufgesetzte Schrist auf Bau- od. anderen Kunstwerken od. Denkmälern, welche gewöhnlich deren Zweck und Bestimmung angibt. Von I. unterscheidet man im engeren Sinne Aufschrift, d. h. schriftliche Aufzeichnung zufälligen od. praktischen Inhaltes auf Kunstwerken, Geräthschaften, Wänden u. s. w. Im gewöhnlichen Sprachgebranche wird indessen dieser Unterschied nicht beobachtet n. man nennt I. schlechthin jede eingehauene, gemalte od. aufgesetzte Schrist in Stein, Metall, Thon, Glas, Leder oder verwandten Stoffen. J-en sind ent weder öffentliche od. Privat-J-en, entweder prosaisch od. metrisch abgefaßt, entweder in einer od. bei gemischten Bevölkerungen od. auch nach erfolgtem Sprach- u. Schriftwechsel in verschiedenen Sprachen od. Schriftweisen (Insoriptionss dilinAnss, bri- UnAnss). Sie sind wichtig sowol für Geschichte n. Cnltur, als auch speciell für Sprache n. Schrist. Daher ist die J-enkunde (Epigraphik) ein besonderer Theil der Philologie, welcher die Schrift- züge nach ihrem verschiedenen Alter u. ihren Abänderungen, die znm öffentlichen Gebrauch eingeführten Formel» und den besonderen auf J-en gewöhnlichen Stil (Lapidarstil) kennen, ferner den Unterschied der Wichtigkeit zwischen öffentlichen u. Privat-J-en würdigen, den Inhalt der J-en mit der sonst bekannten Geschichte der Personen und Zeiten vergleichen u. die Beweise u. Erläuterungen, die sich aus ihnen ergeben, richtig würdigen lehrt. Vgl. Oudendorp, Vs vstsrnm irworiptio- num st monnmsntornm nsn, Land. 1745; Zaccaria, Institnmons anticfnario-Iapiä.. Venedig 1770, 2. A. 1793; Mafsei, ^rtis orrt. lapiäarias gnas exstaut, Lucca 1785 f.; Orelli, Inssriptio- nnm lat. oollsetio, 1. 2., Zürich 1828; 3. v. Henzen, 1856; Zell, Handbuch der röm. Epigraphik, Heidelb. 1840, 52 u. 57; Wilmans, vxsm- pls, insoriptionnm lat., Berl. 1873; Franz, VIs- insnta spiArapdioss grasoas, Berlin 1840. Das Sammeln und Studiren griechischer J-en begann schon im Alterthum; lateinische wurden zuerst im Mittelalter gesammelt durch den sog. Lnon^mns Vinsieäionsis im 8. Jahrh. u. vermuthlich durch Cola di Rienzi im 14. Jahrh. Im 15. Jahrh. haben sich um die J-enknnde des. verdient gemacht: Poggio u. Cyriacus von Ancona. Zuerst gedruckt wurden J-en aus Ravenna, durch Spreti (Venedig 1489), aus Augsburg durch Peutinger - Inschrift. 1505, anS Mainz durch Hnttich 1520, anS Rom durch den Buchdrucker Mazocchi 1521. Dann folgten allgemeinere Sammlungen, in denen man gewöhnlich griech. und lat. J-en vereinigte, von Apianns n Amantins, Jngolst. 1534; Lmstins e. auotaris I-ipsii, Lcyd. 1LSS; I. Gruter und Scaliger, Mrssanrns rnveriptionnm, Heidelberg 1603, 1616, n. A. von Grävins und Burmann, lnseriptionss ant. totinv orb. rom., Amst. 1707 Fol.; Dom, Insei'iptionos ant.. von Gori Hrsg., Flor. 1731 Fol.; Salvini u. Gori, Inoeriptionss ant. in nrdibns vtrnrias, Flor. 1743, 3 Bde. Fol.; Muratori, dlovns tdesanru» retsrirm in- soriptiannm, Mailand 1739—42, 4 Bde. Fol., Supplemente dazu von Donati, Lucca 1766; Erklärungen u. Verbesserungen in Hagenbuch, Vpi- stolas opi§r., Zürich 1747; Sammlung griechischer J-en von Corsini, lasoriptionss attiorro, Flor. 1752; R. Chandler, Inroriptronss ant. in tlsia minori st üraseia prasssrtim ^.tirsnis eol- isotas, Lond. 1774 Fol.; Böckh. 6orpns insorip- tionnm Ar., Berl. 1824 — 59 (fortgeführt durch E. Curtius u. Franz). Durch dieses Werk erhielt die griech. Epigraphik außerordentliche Förderung; eine neue Bearbeitung ist von der Berliner Akademie begonnen: Vorpns insoript. Ltti- oarum, I. 1873 von Kirchhofs; II. 1 . Theil 1877 von Köhler. Das Studium der lateinischen J-en hat seit dem Ende des 18. Jahrh. einen großen Aufschwung genommen durch Marini, Borghesi, Th. Mommsen, Ritschl, Henzen, Reiner, Rosst, Hübner u. A. Nachdem ein ähnlicher Plan der Pariser Akademie gescheitert war, hat die Berliner Akademie die Herausgabe eines Oorpns in- sorivtionnm latioarum begonnen, von welchem erschienen sind: Bd. 1, J en der Republik, daneben Urisoas latinitatis monnmevta opiArapirioa, Fac- similes, v. Ritschl; 2. Spanien; 3. Orient und Donauländer; 4. Pompeji; 5. (1. Theil) Ober- Italien; 6. (1. Theil) Nom; 7. England, Berl. 1862—76. Die in italischen Dialekten abgefaßten J-en haben Bearbeitung gefunden durch Breal, Bücheler, Corssen, Huschke, Kirchhofs, Mommsen u. A. Unter den Bearbeitungen der christlichen J-en zeichnen sich aus: Rossi (f. Rom), Hübner (f. Spanien u. England). Vgl. Akademie II. 0. b., S. 327. Nicht weniger wichtig in sprachlicher u. geschichtlicher Beziehung sind die allmählich zur Entdeckung und Entzifferung kommenden J-en des alten Orients. Hier sind zu nennen die altpersischen, babylonischen, assyrischen (s. Babylonien, Assyrien n. Keilschrift), die zahlreichen ägyptischen (s. Hieroglyphen), die jährlich anschwellende Masse der indischen, zum größten Theil in indischen Dialekten, nur in geringem im Sanskrit abgcfaßt, von Lenen aber nur wenige über die Zeit v. Ehr. G. hiu- ausgehen, die Hauptmasse aus der Zeit seit dem 4. Jahrg. n. Ehr. stammt. Himjaritische I en finden sich in SArabien, an Felswänden eingehauen; sie sind historischen Inhaltes. In NAsrika u. Phö- nilien hat man viele finnische od. phönikische J-en gefunden; sie sind vielfach zweisprachig (phönikisch- !griechisch); in Palästina solche, die zur Aufhellung der palästinensischen Dialekte dienen. Überhaupt ist die Kenntniß einer ganzen Reibe von 750 Jnscribiren Sprachen allein auf die Entzifferung von J-en basirt (so der phrygischen, lykischen u. v. a.). Auch in Skandinavien finden sich J-en, mit Runenschrift geschrieben, des. aus Grabsteinen, Särgen, Glocken, Gefäßen und Gegenständen zum Privatgebrauche. Brambach. Thielemann. Jnscribiren (v. Lat.), einschreiben, einzeichnen; so v. w. immatriculiren; daher Jnscrip- tion (Inoorixtio), 1) Inschrift, Ausschrift; 2) Einzeichnung. Jnsecten (Kerfe, Kerbthiere, Insseta Irsxa- poäa.) (Siehe die Tafeln.) Klasse der Glieder- thiere; von den übrigen durch ihre drei, der Orrs- bewegnng dienende Beinpaare geschieden. — Ihr Körper besteht aus Kopf, Rumpf n. Gliedmaßen. Die obere Seite des Kopfes trägt die meist großen, zusammengesetzten Angen n. die Mihler. Letztere dienen außer als Tastorgane namentlich auch als Geruchsorgane; sie besitzen bald gleichmäßig, bald ungleichmäßig gestaltete Glieder u. sind ihrer Form nach am häufigsten borsten-, faden-, schnur- förmig, gesägt, gezähnt, kammförmig, keulenartig, geknöpft, gelappt, gebrochen. Der Mund ist von Gliedmaßen umgeben, welche zu Mundwerkzeugen umgestaltet sind. Die Oberlippe (Lefze, Indium) ist eine am Kopfschilde meist beweglich eingelenkte Platte, welche die Mundöffnung von oben bedeckt. Unterhalb derselben ist rechts u. links je ein Oberkiefer (Kinnbacken, mnuckibuln) angebracht: in der Regel zangenartig gegen einander gestellte ungegliederte Kauplatten, welche bei der Zerkleinerung der Nahrung sehr kräftig wirken. Die Unterkiefer (Kinnlade, maxillas) sind meist complicirt gebaut u. daher zu vielseitigerer aber schwächerer Leistung geeignet als die Oberkiefer. An jedem der beiden Unterkiefer hat man ein kurzes Grundglied (oaräa) u. einen Stiel (Stamm, sbixso) unterschieden; am oberen Rande des Stieles sitzen zwei zum Kauen dienende Platten: innere u. äußere Lade, u. neben der letzteren noch eine Schuppe, auf welcher ein mehrgliederiger Kiefertaster (Taster, Freßspitze, xalpus maxillario) anffitzt. Die an der Kehle sitzende Unterlippe (Indium) besteht in der Regel aus einer einfachen, mit zwei seitlichen Lippentastern versehenen Platte, Zunge (11§u1n). Zu den Seiten der letzteren finden sich oft noch Nebenzungen (xarLZIossns) vor. Die Mundwerkzeuge der I. zerfallen in: n) kauende (beißende), welche am meisten die vorhin geschilderte Zusammensetzung besitzen (Käfer, Netz-u. Geradflügler); d) leckende, bei denen Unterkiefer u. Unterlippe beträchtlich verlängert sind und zum Lecken (nicht zum Saugen, da sie keine durchbohrte Röhre bilden) dienen (Hautflügler); o) saugende, bei welchen die Unterkiefer zu einem Säugrüssel gestaltet sind, während die übrigen Theile mehr oder minder verkümmern (Schmetterlinge); ä) stechende mit einem ebenfalls in der Regel aus der Unterlippe hervorgegangenen Saugapparat u. daneben dolchförmigen Waffen, womit sie sich Zugang zu den aufzusaugenden Stoffen verschaffen (Fliegen, Schna- belkerfe). Natürlicherweise sind die Grenzen dieser vier Arten durch Übergangsformen verwischt. Die Brust (tlrorax) besteht aus drei Abschnitten: Vorder-, Mittel- u. Hinterbrnst (kro-, Lloso-, u. Aotatüorax). Aus dem Rücken der Mittelbrust — Jnsecten. hebt sich oft eine dreieckige Platte als Schildchen (oontellum) ab, auf welches nicht selten ein ähnliches, aber kleineres Hinterschildchen (postsontsUnm) Das Hautsielet des Maikäfers, k Kopf mit den Fühlern 1 u. den Augen u; vd Vorderbrust; rnd Mittclbrust; lrv Hinterbrust, s Schenkel, Sb Schienbein, t Fuß; NI Hinterleib, mit 2 kreisförmigen Athemöffnungen auf jedem der S vorderen Ringel. der Hinterbrust folgt. An der Bauchfläche eines jeden dieser Brustringe lenkt sich ein Paar Beine ein. Jedes Bein ist aus fünf Abschnitten zusammengesetzt: 1. einem kugeligen Hüstgliede jooxa), 2. einein sehr kurzen Ringe, Schenkelring (tro- otmntor), 3. einem langgestreckten Schenkel (ksmur), 4. einem ebenfalls langgestreckten, an der Spitze mit beweglichen Dornen bewaffneten Schienbeine (tibia), 5. dein Fuße (tarsno). Letzterer wird in der Regel aus einer Reihe von hintereinander liegenden Gliedern zusammengesetzt, deren letztes mit beweglichen Klauen (Fußklauen), auch wol mit lappenförmigen Anhängen, Afterklauen, endet. Nach der Art des Gebrauches u. des Baues unter- schewet man die durch große Länge u. Feinheit aller Glieder ausgezeichneten Schreitbeine, die mit großen, walzigen Hüften u. breiten, gezähnten Schienen versehenen Grabbeine, die durch stark verdickte Schenkel ausgezeichneten Springbeine, die flachgedrückten, mit Haaren besetzten Schwimm- od. Ruderbeine, die Raubbeine mit messerartig gegen die Schenkel einschlagbaren Schienenbeinen, die Laufbeine u. s. w. Mittel- u. Hinterbrnst sind bei den vollständig entwickelten Thieren sehr oft noch mit je einem Paare von Flügeln, Vorder- u. Hinterflllgel, versehen. Substanz, Gestalt u. Form der Flügel ist eine sehr verschiedenartige. Die Vorderflügel sind oft pergamentartig (Geradflügler u. Wanzen), oft hornig und dann, als sogenannte Flügeldecken (olMa), mehr zum Schutze des weichen Rückens als zum Fliegen bestimmt (Käfer), zuweilen sind sie auch nur an der Spitze häutig, sonst aber hornig (Halbflügler). Hornige u. pergamentartige Vorderflllgel sind in der Regel kleiner, häutige Vorderflügel dagegen größer als Honigbiene. Getreide-Rüsselkäfer. Spanische Fliege nebst Larve. Getreidelaufkäfer nebst Larve. Baum-Wanze. Cochenille-Laus; a Männchen u. d Weibchen. Zum Artikel: „Jnsecten? Md . ! ü ä> IW l!' Die Verdauungswerkzeuge eines Naubkäsers. a Mund; darauf folgt die walzenförmige Speiseröhre mit einer kropfartigen Anschwellung, dann der Kaumagen d, hierauf der Chylnsmagen, dessen erster Theil mit zahlreich hervorragenden Blindsäckchen besetzt ist und daher zottig erscheint; i: Harnkanäle (Malphigische Gefäße), s Fortpflanzungsorane. Vergrößert. Der achtzähnige Fichtenborkenkäfcr; Lostrxollus t^pOLrapdus. I. Käfer in natürlicher Größe und vergrößert. II. Brutcolonie desselben Käfers, nebst zwei kleineren Brutcolonien von Lostr^allirs ollaloograxllus. Natürliche Größe. II. N Die Maulwurfsgrille oder Werre. Pierer's Universal-Conversations-rexiko». S. Aufl. Insekten II l ll M Das zusammengesetzte Auge der Insekten. I. Schematischer Durchschnitt durch dasselbe, a facettirte Horn-- haut; d Krystallstäbchen; o Sehnerv; ä Ganglienanschwellung desselben. II. Einige Hornhautfacetten von oben gesehen. III. Krystallstäbchen sd) nebst den zugehörigen Hornhautfacetten ss.) aus dem Auge eines Kasers. Stark vergrößert. Der Giftstachel der Honigbiene, a die auseinanderqebreitete Haut des Leibesendes; b zwei (jederseits eine) rinnenförntige Hüllschuppen, welche zusammen eine Art von Scheide bilden, worin der eigentliche Stachel eingeschlossen wird; oSchiene, in welcher zwei hornige, steife Borsten L liegen, deren Enden an der äußeren Seite 9 bis 12 sehr spitze, rückwärts gekrümmte Säaezähne zeigen. Die Borsten stoßen mit ihren inneren, rechtwinklig abgebogenen Schenkeln x an die hornigen Stützberne e und I. Werden die Borsten durch letztere vorgeschoben, dann treten sie aus der Spitze der elastischen Schiene aus u. verursachen eine Wunde. In letztere fließt gleichzeitig durch die Schiene hindurch ein Tröpfchen Gift, welches in den Giftdrüsen bereitet, durch i nach der Giftblase geführt u. dort aufbewahrt wurde. Sehr stark vergrößert. II. Die Wanderheuschrecke, a Weibchen; l> Nymphe. uatiirl. Größe. MM Der kleine Pappelblattkäfer; lüna treuaulas. I. Larve; II. Puppe; III. Käfer. Alles vergrößert. Zum Artikel: Insetten. 751 Inletten. > ihre Hinterflügel. Die häutigen Flügel sind mit ! Schuppen bedeckt, wie bei den Schmetterlingen, s oder sie bleiben nackt, glasartig und zeigen dann > eine deutliche Felderung, welche von in bestimmter Weise angeordneten Adern oder Rippen herrührt. I Letzteres sind zur Aufnahme von Blutflüssigkeit, Nerven u. Tracheen bestimmte Hohlräume. Die Hinterflügel sind bei den Zweiflüglern zu Schwingkölbchen (baltsrss) verkümmert. Viele I., namentlich Weibchen, sind flügellos. Der Hinterleib (abäomsn) besteht in der Regel aus neun (bei den Geradflüglern aus eils) Leibesringen: doch sind die letzten Ringe oft zu Giftstacheln, od. zu Scheiden, Stacheln, Nähren, mittels derer die Eier an ihre bestimmten Orte abgelegt werden, umgestaltet. Die Haut ist oft, insbesondere bei den Larven, eine zarte Membran, häufiger aber ein fester Panzer, welcher als äußeres, chitinöses Skelet, Hantskelet, den inneren Muskeln zum Ansätze dient. Das Nervensystem besteht aus Gehirn, Schlundring u. Bauchmark. Letzteres verläuft meistens unter dem Darmkanale u. besteht aus Paaren von Nervenknoten (Ganglien), welche durch Nerven- fäden mit einander verbunden sind und so etwa das Bild einer Strickleiter darbieten. In den speciellen Fällen erleidet die Gliederung der Bauchganglienkette große Verschiedenheiten, ja dieselbe kann sich sogar zu einer ungegliederten Ganglienmasse unter dem Schlunde znsammendrängen. DaS Gehirn ist eine größere auf dem Schlunde aufliegende Nervenmasse, welche sich durch einen den Schlund umgebenden Ring, Schlundring, mit dem vordersten, meist im Kopfe gelegenen Ganglion des Bauchmarkes verbindet. Aus dem Gehirn entspringen die Sinnesnerven, während die Ganglien der Bauchkette Nerven an Muskeln, Beweg- ungsorgane u. Körperbedeckung entsenden. Damit verbindet sich ein Eingeweidenervensystem, welches besondere im Gebiete des Darmkanals verbreitete Ganglien u. Nerven besitzt. Von Sinnesorganen sind die Augen hoch entwickelt u. allgemein verbreitet, sie fehlen nur bei wenigen, meist schmarotzenden Formen. In ihrer einfachsten Gestalt heißen sie einfache Augen (Punktangen, ooolli, stsmmata); solche finden sich bes. bei den Larven, oft auch neben zusammengesetzten Augen, dann meist zu dreien. An ihnen bildet die allgemeine Körperhant durch bloße Verdickung eine Art Linse, zu welcher die glasartige Nervenendigung herantritt. Ost sind viele einfache Angen aus einen Punkt zusammengcdrängt: zu- sammengehäuste Augen. Die zusammengesetzten Augen, wie sie namentlich bei den I. Vorkommen, besitzen eine in scharf umgrenzte, vier-, fünf- od. sechseckige Felder (Facetten) getheilte äußere Haut (Hornhaut). Die einzelnen Facetten sind gewölbt u. bilden die Linsen. Unter der gemeinsamen Hornhaut liegen, eingebettet zwischen Streifen u. - Röhren eines dunkeln Farbstoffes, als wichtigste Bestandtheile, Nervenfasern u. sogenannte Krystall- stäbchen (Krystallkegel.) Letztere ruhen mit ihren nach innen gekehrten Spitzen zwischen den feinen Nervenfäserchen, in welche die pinselartig zer- spaltenen Nervenfasern zerfallen. Indem somit auf jede Nervenfaser ein Bildchen des von dem Thiere erschauten Gegenstandes fällt, erscheint das zusammengesetzte Auge als eine Anhäufung sehr vieler (bis 10,000) einfacher Augen, welche von einer gemeinsamen Hornhaut umgeben sind. — Gehörorgane sind bei manchen I. gewiß vorhanden, aber noch nicht mit Bestimmtheit als solche nachgewieseu. — Sitz des Geruchorganes sind die Fühler, doch ist es auch hier noch nicht über allen Zweifel erhaben, was denn die Gernchs- organe seien. Tastorgane sind theils die Fühler u. Tasten der Mundwerkzeuge, theils Borsten u. Haare der Haut, auch wol die Enden der Gliedmaßen. Der von den Mundwerkzeugen umstellte Mund führt in der Regel in eine enge, kurze Speiseröhre, in deren vorderen Theil einige Speichel- od. Spinndrüsen einmnnden. Bei vielen saugenden I. ist dagegen die Speiseröhre lang und in einen Saugmagen erweitert, bei noch anderen findet sich eine kropsartige Anschwellung. Der auf die Speiseröhre folgende Nahrungsschlauch zerfällt in einen Chylnsmagen, welcher die Functionen von Magen u. Dünndarm der höheren Thiere zu versorgen hat, u. in einen Darm. Oft, namentlich bei Raub - I. aus den Ordnungen der Käser u. Netzflügler, schiebt sich zwischen Speiseröhre und Chylnsmagen ein inwendig mit Zähnen, Leisten u. Borsten versehener, kräftiger Kanmagen ein. Hier zerfällt dann auch der Chylnsmagen noch in mehrere Regionen, deren erstere durch zahlreiche Blindsäckchen ein zottiges Ansehen erhält. Am Ende des Chylusmagens münden die als Nieren betrachteten Malpighischen Gefäße in das Nahrungsrohr. Fernere Absonderungsorgane sind: a) Wachsdrüsen, meist gruppenweise unter warzigen Erhebungen der Haut liegend, scheiden das Wachs ans, welches beispielsweise den Leib der Pflanzenläuse wie mit Puder od. seiner gekräuselter Wolle bekleidet; bei den Bienen sind es cylindrische Organe, welche einen hautartigen Beleg auf den Bauchplatten des Hautskclettes bilden n. durch dieses sogenannte Wachshäutchen hindurch dünne, weiße, gleichsam zwischen den Bauchringen sich erhebende, halhkreisartige Wachsplättchen ausscheiden; b) Spinndrüsen meist zwei schlauchförmige, hinter dem Munde sich öffnende Drüsen, eine besondere Form der Speicheldrüsen, kommen ausschließlich bei den Larven vor; ihr flüssiges Abscheidungsproduct erhärtet an der Luft zu Fäden, welche zur Anfertigung von Geweben n. Hüllen (CoconS), u. so den Larven, namentlich aber den Puppen, zum Schutze dienen; o) Giftdrüsen kommen bei den Weibchen vieler Hautflügler vor; sie sind zwei einfache od. verästelte Schläuche, deren Abscheidungsproduct, Ameisensäure, sich in einer Giftblase ansammelt u. gelegentlich ergossen wird, häufig in Wunden, welche von einem Stachel (Giftstachel) verursacht wurden; ä) Riechstoffdrüsen, unter der Körperhant gelegen, sondern, meist zwischen den Gelenkverbindungen, stark riechende Säfte ab, wie z. B. bei den Wanzen. Das Blut erfüllt die ganze Leibeshöhle. In der Mitte des Rückens des Hinterleibes liegt das Rückengefäß; dasselbe zerfällt in mehrere hinter einander liegende Kammern u. wird durch dreieckige, sogenannte Flügelmnskeln in pulsirende 752 Jnsectcu. Bewegung versetzt. Das Blut tritt durch seitliche Oeffnungen (Osticn) in dieses herzartige Organ ein u. strömt durch eine bis in den Kops verlängerte Pulsader in die Leibeshöhle aus. Der Stoffumsatz im J-körper ist oft ein so bedeuteilder, daß die I. warmes Blut besitzen, wie dies namentlich von den Bienen bekannt ist. Die Athmung erfolgt durch Tracheen. Dies sind cylindrische, baumartig verästelte, durch reisen- od. spiralförmige Verdickungen ausgezeichnete (gleichsam mit einem staden spiralig umwickelte) Röhren, Lurch welche die Luft in alle Theile des Körpers geleitet wird. Ihre Hauptstämme beginnen in der Regel (bei den sogenannten Lungen- tracheeu) an der Körperhaut mil einem Athemloche (sti§ma). Die Atheinlöcher sind au ihrem Rande gewöhnlich dicht mit Haaren besetzt, u. können häufig willkürlich geöffnet u. verschlossen werden, wobei ein Muskel den Verschluß herbeisührt, während die federnde Wirkung besonderer Hornringe od. Bogen von selbst das Ocfsnen besorgt. Sie finden sich meist zwischen je zwei Leibesab- schnitten, indessen nie zwischen Kopf u. Mittelleib so wie zwischen den beiden letzten Hinterleibsabschnitten; ihre Zahl u. Anordnung ist sehr verschieden. Bei den im Wasser lebenden Larven sind die Tracheen oft nicht mit Aihmlöchern versehen; dann wird die Luft ans dem Wasser durch feine, auf der Körperoberfläche od. auf besonderen kiemenartigen Anhängen ansgebreitete Tracheenzweige aufgenomme», u. von da zur weiteren Verbreitung in die großen inneren Tracheenzweige übergefllhrt (Kiemcntracheen). Die Tracheen besitzen, namentlich bei guten Fliegern, sackartige Erweiterungen, welche nach Belieben, ballonartig, mit Lust angcslillt werden können; doch bedarf es dazu besonderer Athcmbewegnngen (vom Volk vielfach Zählen genannt), welche bekanntlich bei dem Maikäfer vor dein Auffliegen leicht beobachtet werden können. In nächster Beziehung zur Ernährung steht der sogenannte Fettkörper: ein System fettartiger, glänzender Lappen u. Ballen, welche namentlich während der Larvenperiode im Körper vertheilt sind n. bei der Ausbildung des vollkommenen J-s Verwendung finden. Ihm schließen sich die Leuchtorgane der Leuchtkäfer an: zarte, an der Bauchseite des Hinterleibes vertheilte, reichlich von Tracheen u. Nerven durchzogene Platten, deren bekannte Lichlcrscheinnngen hervorgerufen werden durch einen Stofsumsatz, der zwar von dem in Tracheen hcrbeigefithrten Sauerstoffe abhängig ist, aber unter dem Einflüsse der Nerventhätigkeit steht. Die meisten I. pflanzen sich durch Eier fort; einige gebären lebendige Junge, indem sie ihre Eier bis zum Ansschlüpfen der Brut in sich herumtragen, diese sind ovovivipar (d. h. durch Eier lebendig gebärend), wie z. B. die Flcisch- sliege. Die Entwickelung erfolgt in der Regel mittels Verwandlung (Metamorphose); nur die flügellose», theilweise parasitische» Formen gehen in ihrer fertige» Körperform aus dem Eie hervor: verwandlungslose I. (iusaota amstadola). Bei den einer Verwandlung unterworfenen I. (i. motaboka) ist diese sehr verschiedener Art; darnach unterscheidet man eine vollkommene und eine unvollkommene Verwandlung. Im ersteren Falle- wird der Übergang der aus dem Ei hervorge- gangenen Larven in das geflügelte Jnsect durch ein ruhendes, der Nahrungsaufnahme entbehrendes Puppenstadium vermittelt, während dies bei der unvollkommenen Verwandlung nicht der Fall ist. Bei der unvollkommenen Verwandlung be- zeichnet man das der vollkommenen Entwickelung vorangehende Stadium als Nymphenzustand (n^mplia). — Das Auftreten mehrfacher Larvenstadien mit dazwischen eiugeschobenen Ruheperioden, wie es bei den als'Maiwürmer bekannten Käfern vorkommt, hat man noch als Überverwandlung (Hypermetamorphose) bezeichnet. — Bei der Verwandlung sind die aus den Eiern hervor- geheuden Larven oft gliedmaßenlos, unbehilflich u. heißen dann Maden, wie bei den Fliegen; andere besitzen dagegen außer den Füßen an ihren Brust- gliedern auch noch an den Hinterleibsringen stnmmelartige Bewegungsorgane, sogen. Afterfüße, sie heißen Raupen, wie bei den Schmetterlingen; die übrigen Larven führen schlechthin den Namen Larven, die der Maikäfer speciell Engerlinge. Es ist die Aufgabe der Larve, viel zu fressen u. in ihrem Fettkörper Material für ihre endgiltige Ausbildung anznsammeln; ist dies ge. schehen, so schickt sie sich zur Verpuppung an. Viele verfertigen sich dann ein Gespinnst, in welchem sie nach Abstreifung ihrer Haut in das Stadium der Puppe (pnpa s. osirz'salis) eintreten. Liegen dabei die äußeren Gliedmaßen der Puppen- hülle fest an, so heißt die Puppe bedeckt (pnp» obtsata, z. B. bei den Schmetterlingen), im Gegensätze zur freien Puppe (puxa lidsra, z. B. bei den Käfern), bei welcher die Gließmaßen bereits frei vom Rumpfe abstehen. Bleibt endlich die Puppe auch noch von der letzten Larvenhanr umschlossen, wie bei manchen Fliegen, so heißt sie eingeengt (pupa voaretata). Die Aufgabe des Pnppenlebens besteht in Umgestaltung u. Vollend- nng der inneren Organisation. Ist diese erfüllt, dann sprengt das fertig gebildete, aber noch weiche Jnsect (imLAo) die Puppenhaut, arbeitet sich mit Fühlern, Flügeln und Beinen hervor, breitet die zusammen gefallenen Theile aus einander, erhärtet in kurzer Zeit u. ist zu allen seinen Lebens - thätigkeiten, namentlich auch zur Fortpflanzung befähigt. Männchen und Weibchen sind in ihrer allgemeinen Gestalt meist nicht wesentlich von einander verschieden, doch kommt es zuweilen auch zu einer ausgeprägten Zweigestaltigkeit, Dimorphismus, wie z. B. bei dem großen Frostspanner. — Zuweilen, z. B. bei Hessenfliege und Weizenmücke, kommt es vor, daß schon die Larven fortpflanzungssähig sind, man hat dies Jngend- brut (pasckoAonWis) genannt. Hieran schließt sich die Jungfernbrut (parblronoAgnosio), wie sie sich z. B. bei den Bienen findet. Dabei entwickeln sich die Eier nach Art von Keimen doch ohne Be. sruäitnng der Eier durch den Samen der männlichen Thicre. Bei einigen I. findet ein Generationswechsel (s. d.) od. doch eine diesem sich eng anschließende Weise der Fortpflanzung statt; eine verwanbte Erscheinung, der Entstehungswechiel (Heterogenie), charakterisirt durch die Aufeinander- folge verschiedener, unter abweichenden Ernähr- 753 Jiisectcn. ungSverhältinffen lebender Generationen vollständig entwickelter, eierlegender Formen findet sich z. B. bei den Nindenläusen, bei welchen eine schlankere u. geflügelte Sommergeneration u. eine flügellose überwinternde Herbst- u. Frllhlingsgeneration ab- wcchseln. Die Fortpflanzung mancher I., z. B. diejenige der Blattläuse, kann als Generationswechsel n. auch als Heterogenie anfgefaßt werden. Als besondere Eigenthürnlichkeit ist hier noch zu erwähnen, daß die volle Entwickelung oft unterbleibt, so bei den zur Fortpflanzung unfähigen, sogen. Geschlechtslosen od. Arbeitern der Bienen, Ameisen u. Termiten. — Die Männchen sind fast durchweg schlanker, beweglicher, mit vollkommeneren Sinnesorganen ausgerüstet, durch größere Augen n. Fühler sowie durch schönere Färbung ausgezeichnet als die Weibchen. Zu erwähnen sind noch die Lautäußerungen der I., welche oft als Äußerung innerer Stimmungen aufzufassen sind. So finden sich bei den männlichen Singzirpen (6ioaäa) an der Basis des Hinterleibes und bei den männlichen Grillen und Heuschrecken an der Basis der Vorderflllgel eigen- thümliche Stimmorgane, während die Feldschrecken durch Reiben der Schenkel der Hinterbeine au einer Firste der Flügeldecke ähnliche zirpende Töne Hervorrufen. Zahlreiche Käfer erwecken durch Reibung bestimmter Körpertheile gegen einander knarrende Töne, so die Maikäfer durch Reiben von Vorder- u. Mittelbrust. Bei vielen I. befindet sich hinter den Athemlöchern, namentlich der Brust, eine Höhle und in dieser elastische Blättchen, welche durch die ausströmende Lust in Schwingungen versetzt werden und dann nach Art der Zungen einer Harmonika bestimmte Töne Hervorrufen. Hierzu gesellt sich noch das Summen im Fluge befindlicher I., welches durch die Schwingungen derFlügel erzeugtwird. Die Lebensweise der I. ist eine so mannigfaltige, daß sich ein allgemeines Bild derselben nicht geben läßt. Ihre Nahrung ist theils eine vegetabilische, theils eine animalische. Bei weitem die meisten phanerogamen u. sehr viele kryptogame Pflanzen nähren eine od. mehrere, oft über 100 J-arten; kein Pflanzentheil, von der äußersten Wurzelfaser bis zu den Bllithen u. den Früchten, ist von ihren Angriffen, namentlich von denen der Larve, verschont: sei es, daß derselbe völlig verzehrt, oder, wie Wurzeln und Stengel, nur ansgehöhlt, oder, wie die Blätter, von Gängen minirt, oder endlich zu Gallen verunstaltet wird. Daß viele I. als Blutsauger, andere als Schmarotzer lästig werden, daß manche als Pelz-, Federn- od. Stoffeverderber großen Schaden anzurichten vermögen, ist bekannt. Da die Zahl der J-arten jene der phanerogamen Pflanzenarten ungefähr um das Bierfache übertrifft, so würden die pflanzenfressenden I. die gefährlichsten Feinde aller Cultur sein, wenn ihrem Treiben nicht in ausreichender Weise gesteuert würde. So sind unter den Säugethieren die J°freffer und unter den Vögeln hauptsächlich Sing- u. Klettervögel auf J-nahrung angewiesen; noch mehr vernichten gewisse Mitglieder der I. selbst, u. zwar theils Ranb-J., besond. aber die während ihrer Larvenperiode im Inneren anderer I. schmarotzenden Fliegen, Schlupfwespen rc. Aber auch viele mikroskopische Pilze treten in dem all- PierirZ Umversal-Crmvsrsations-Lexilim. 6. Aufl. X. gemeinen Kampfe um das Dasein als Feinde der I. auf u. vernichten dieselben schaarenweise. Ist so der Schaden, den die I. anstiften, auf ein bestimmtes Maß zurückgeführt, so ist anderseits der Nutzen, den sie bringen, unberechenbar; schon ist der directe Nutzen, den vor allem der Seidenspinner, die Honigbiene, die spanische Fliege, so wie die Cochenillelaus gewähren, ein sehr bedeutender, unendlich größer indessen ist der indirekte, den sie durch Übertragung des Blüthenstaubes aus einer Blllthe in die andere Hervorrufen (s. Befruchtung). Schließlich ist auch die Nolle der I. in dem allgemeinen Stoffwechsel in der Natur kein zu unterschätzender, indem sie durch umfassendes Eingreifen ebensowol die Verwitterung abgestorbener Pslanzenreste begünstigen, als verwesende thierische Stoffe bei Seite schaffen. Bewundernswerth sind die instinctiven Handlungen der I.; dieselben beziehen sich zunächst au! die Erhaltung des Individuums, indem sie Mittel u. Wege zum Erwerbe der Nahrung u. zur Ber- theidigung bieten, namentlich aber auch auf die Erhaltung der Art, indem sie als sogen. Kunsttriebe Sorge um die Brut äußern. Die einfachste Brutpflege besteht darin, daß die Weibchen ihre Eier an Orte ablegen, an denen reichliche Nahrung für die Brut vorhanden ist. Interessanter ist schon die Thätigkeit derer, welche diese Nahrung erst zu Ballen formiren (Mistpillenkäfer), od. vergraben (Todtengräber). Höhere Triebe zeigen diejenigen, welche im Interesse ihrer Brut besondere Bauten anfertigen (Rosenbiene), am höchsten aber diejenigen, welche sich in großen Massen zu gemeinsamem Wirken znsainmenschaaren, so einen Thierstaat mit ausgeprägter Arbeitstheilung ihrer männlichen, weiblichen und geschlechtslosen Individuen zeigen und die kunstreichsten Bauten ausführen, wie dies bei Bienen, Wespen, Ameisen, Termiten der Fall ist. In den gemäßigten u. kalten Zonen ruht das J-leben während des Winters, u. zwar theils in Eiern, theils im Larven-, Puppen- u. vollkommen ausgebildeten Zustande. Die ansgebildeten I. suchen sich zum Winterschlafe geeignete Orte in Ritzen, unter Steinen, Moos, zwischen Blättern, in Erdlöchern, in Gebäuden. Nur wenige bleiben den Winter hindurch munter. Umgekehrt ruht in der Tropenzone der größte Theil während der trockenen Jahreszeit, während sich zur Regenzeit das üppigste J-leben entfaltet. — I. finden sich überall, nur nicht im Meere. Auf dem Lande haben sie erst da ihre Grenze, wo überhaupt alles Leben aufhört, man trifft sie daher sowol in polaren Gegenden, wie an den Grenzen des ewigen Schnees der Gebirge; freilich sinkt nach den Polen hin ihre Mannigfaltigkeit in gleichem Maße, wie sie nach dem Äquator zu nicht bloß größeren Fornienreichthum, sondern auch riesigere Gestalten, schöneren Glanz, Farbe u. Zeichnung aufzuweisen haben. Die Zahl der J-arten ist auf mindestens eine Million geschätzt worden. Wenngleich sich deren Verbreitung noch lange nicht übersehen läßt, so bindet sich die Verbreitung der Pflanzenfresser doch in sehr bemerkenswerther Weise an das Vorkommen bestimmter Pflanzengruppen. Nur wenige Arten, namentlich Käfer, Schmetterlinge u. Gerad- Band. 48 754 Insektenfressende Pflanzen — Insektenfresser. flügler, find kosmopolitischer Natur und über die verschiedensten Länder verbreitet; dies mag theils auf Verschleppung durch Colonialwaaren, Hölzer, lebende Pflanzen, theils auch auf Übersiedelung der Art selbst, wie bei der Honigbiene, bei schmarotzenden I. auch aus der Verbreitung ihrer Wirthe beruhen. Manche Arten wandern, einige einzeln, wie der Oleanderschwärmer, andere in Schaaren, wie die Wanderheuschrecken. Fossile I. treten schon in der Steinkohlenforma- tion auf, hier jedoch nur einzelne Käfer-, Hautflügler- u. Netzflttglerarten. In der Juraformation nimmt deren Zahl bedeutend zu, u. es sind hier bereits alle Ordnungen vertreten mit Ausnahme der Schmetterlinge, welche erst in der Tertiärzeit erscheinen. Besonders reich u. schön erhalten sind die Einschlüsse im Bernstein u. die Abdrücke des lithographischen Schiefers. Man theilt die I. in sieben Ordnungen ein: L,) Nager: Mundwerkzeuge vollkommen ausgebildet, Oberkiefer meist stark entwickelt. I. Vorder- Lrust klein, ringförmig, auf dem Rücken mit der Mittelbrust fest verwachsen; Mundtheile kauend u. leckend; Flügel häutig von wenig Adern durch- zogen; Verwandlung vollkommen; 1. Ordnung: Hautflügler, Lxmonoptsra. II. Vorderbrust frei; Mundtheile beißend, a) Verwandlung vollkommen. a) Vorderflügel hart, schildförmig, kürzer als die längeren, von wenigen Adern durchzogenen, eingeknickten und unter die Flügeldeckel zurückgezogenen Hinterflügel; 2. Ordnung: Käfer, 60I00- pisra. /S) Alle vier Flügel häutig, meist von vielen Adern durchzogen; 3. Ordnung: Netzflügler, Nouroxtora. b) Verwandlung fehlt od. unvollkommen; 4. Ordnung: Geradflügler, Ortirsptera. L) Sauger: Mundtheile mit langem Rüssel, oft mit Stechwerkzeugen versehen. I. Mundtheile saugend; Vorderbrust klein, ringförmig, auf dem Rücken mit der Mittelbrust verwachsen; Verwandlung vollkommen, a) Flügel meist mit staubähnlichen Schuppen bedeckt; Rüssel in der Ruhe spiralig aufgerollt; 5. Ordnung: Schmetterlinge, I.spiäoptoig.. b) Vorderflügel nackt; Hinterflügel zu Schwingkölbchen umgestaltet; Mundtheile saugend, oft stechend; 6. Ordnung: Zweiflügler, vixtsra. II. Mundtheile stechend, mit gegliedertem Schnabel versehen; Vorderbrust meist frei; Verwandlung unvollkommen; 7. Ordnung: Schnabelkerfe, Rzmolrotg. (s. Hemi- ptsra). Thonw. Insektenfressende Pflanzen (auch fleischfressende Pflanzen) werden in neuerer Zeit einige Pflanzen genannt, welche die Fähigkeit besitzen, Jnsecten oder andere kleine Thierchen zu fangen, eine dieselben zerstörende Flüssigkeit auszusondern u. das Product der Zersetzung aufzusaugen. Zu diesen Pflanzen gehören namentlich die Arten aus der Familie der Öro8sraosg.s: vionasa, Drosera, DzMs, ^.lärovanäia, ferner DinAnionIa, 8arra- venia, Dtrioularia. DaS Fangen der Jnsecten beruht einerseits auf der Reizbarkeit einzelner Pflanzentheile, so der Blätter von Dionasa, der Drüsen tragenden Borsten von Drossra, der Haare von ^Istrovandia, anderseits ans der klebrigen Beschaffenheit der fangenden Theile, eine Eigenschaft, welcher außer einzelnen der genannten Pflanzen noch unzählige andere, bisher nicht als insektenfressend bezcichnete Pflanzen die Fähigkeit verdanken, kleine Thiere festzuhalten, bis dieselben abgestorben sind. In neuerer Zeit ist durch die Untersuchungen und Publikationen Darwins (In- seotivorous plant», London 1875) die Aufmerksamkeit des großen Publicums auf diese Erscheinungen hingelenkt worden u. haben vielfache Übertreibungen in öffentlichen Blättern sowol dazu beigetragen, bei den Unkundigen falsche Vorstellungen von den wirklichen Vorgängen zu erwecken, als auch bei Fachgelehrten, die nicht selbst die Erscheinungen geprüft hatten, die Mittheilungen Darwins u. a. zu discreditiren. Am Eingehendsten studirte Darwin den Vorgang des Jnsectenfanges, über den überhaupt kein Zweifel bestehen kann, u. den des Verzehren? der gefangenen Thiere bei Drosera. Sobald ein Gegenstand lebend oder leblos auf die Blattfläche eines Droserablattes gelangt u. dieselbe nicht bloß vorübergehend berührt, so biegen sich infolge des dadurch verursachten Reizes die ringsum stehenden Drüsen tragenden Borsten, Tentakeln genannt, über den reizenden Gegenstand; ist derselbe stickstoffhaltig, also z. B. Fleisch oder Eiweiß, so bleiben die Tentakeln auf demselben liegen; dasselbe wird durch Tropfen stickstoffhaltiger Flüssigkeiten bewirkt. Infolge der Reizes ist die Secretion der an den Tentakeln befindlichen Drüsen eine stärkere u. zugleich zeigt das Secret jetzt eine viel stärker saure Reaktion als sonst. Da nun die stickstoffhaltigen Substanzen allmählich aufgelöst werden u. gleichzeitig in den Zellen des Tentakels Aggregationen (Anhäufungen kleiner Körnchen) im Protoplasma beobachtet werden, so liegt es nahe, diesen Vorgang als Verdauung zu deuten; es erinnert diese Aufnahme organischer Substanz durch Blätter an die Aufsaugung des Sameneiweißes durch die Keimblätter bei vielen keimenden Pflanzen. Jedoch darf man nicht aus diesen Thatsachen den Schluß ziehen, daß die genannten Pflanzen ausschließlich aus die Jnsectennahrung angewiesen seien, bevor nicht durch Versuche festgestellt ist, daß dieselben ihren Stickstoffbedarf nur durch Verzehrung thierischer Stoffe befriedigen. Bei Qionasa wenigstens ist es gewiß, daß dieselbe besser gedeiht und sich kräftiger entwickelt, wenn sie unter der Glasglocke wächst und Jnsecten von ihren reizbaren Blättern ferngehalten werden; Darwin aber bleibt trotzdem das große Verdienst, zuerst durch zahlreiche Beobachtungen festgestellt zu haben, daß mehrere Pflanzen noch im ausgewachsenen Zustande die Fähigkeit besitzen, stickstoffhaltige Substanzen durch ihre Blätter aus- zunehmeu. Engler. Jttseetenfresser (Inseotivora), Ordnung der Säugethiere, charakterisirt als Sohlengänger mit bekrallten Zehen u. mit vollständig bezahntem Gebiß, welches neben den Schneidezähnen kleine Eckzähne und scharfspitzige Backzähne besitzt. Kleine, aber kräftig gebaute Thiere, die durch ihren Bau und ihre Lebensweise eine vermittelnde Stellung zwischen den Fledermäusen und den Raubthieren einnehmen, sich aber durch ihre äußere Erscheinung den Nagcthieren anschließen. Die Schnauze ist zugespitzt, oft rüsselartig verlängert und zum Wühlen eingerichtet. Die Ohrmuscheln sind bald 755 Jnscctcnpulver — Insel. sehr groß, bald verkümmert; letzteres gilt auch von den kleinen, mitunter sogar unter dem Pelze versteckten Augen. Sie treten mit der ganzen Fußsohle ans, ihre Vorderfüße sind kräftig gebaut, oft mit breitkralligen Grabfüßen versehen. Alle haben ein Schlüsselbein. Es sind wahre Raub- thiere, freilich infolge ihrer geringen Körpergröße auf kleinere Thiere, Mäuse, Würmer u. Jnsecten, angewiesen; selten nähren sie sich auch von Pflanzenkost. Ihre große Gefräßigkeit, wozu mitunter noch «ine augenfällige Mordlust hinzutritt, macht sie, die mit Unrecht viel verfolgten, zu sehr nützlichen Thieren, deren Nutzen den durch Wühlen hervorgerufenen Schaden reichlich aufwiegt. Es sind nächtliche, vorzugsweise der gemäßigten Zone der nördlichen Halbkugel angehörende Thiere; sie fehlen in SAmerika u. in Australien. Im Winter- verfallen die bei uns einheimischen in einen andauernden Winterschlaf. Hierher die Familien der Igel, Spitzmäuse u. Maulwürfe. Thoms. Insektenpulver (Kaukasisches, Persisches), sind die gepulverte» Blüthen des in Persien u. im südlichen Georgien wachsenden Ltirz-santiismum ro- soum (k^rstiirum rosoum Lrsb). Das Pulver wird in Betten, Kleiderschränke, Möbel rc. zur Abhaltung u. Vertreibung vouJusecten gestreut. Insektenstich, der durch den Stich verschiedener Jnsecten erzeugte örtliche Entzllndungszustaud. Kalte Umschläge u. Waschungen mit verdünntem Salmiakspiritus beseitigen meist die Entzündung in kurzer Zeit. Tödtlich aber kann der I. werden, wenn die Thiere, zumal Fliegen, auf milzbrandkranken Thieren oder sonstigen faulenden animalischen Stoffen gesessen haben und so das Gift in die Wunde übertragen. Insel (lat. insnla), ein ganz von Wasser umflossenes zusammenhängendes Laudstück, zum Unterschiede von dem Festlande od. Continent. Da aber nach den neuesten Forschungen die Conrineute im hohen Norden keinen Continentalzusammenhang haben, so wären demnach auch sie streng genommen als von Wasser umflossenes, isolirtes Land zu den J-n zu rechnen. Aber mit dem Namen I. bezeichnet man im Gegensätze zu den Conti- nenten diejenigen kleineren Festlandsstücke, bei denen bis zur Mitte hin der Einfluß des Meeres in klimatischer u. anderen Beziehungen zu spüren ist. (Neu-Holland ist also nicht I. zn nennen.) Die größten J-n der Erde sind Nen-Guinea, Borneo, Madagaskar u. Grönland. Es gibt auf der Erdoberfläche 2,420,970 UM Festland und 140,609 UM J'N,d. i. einVerhältniß von 17,2-1. Die J-n machen also etwa ^ der Erdoberfläche aus (Kloeden). Ein sonst vom Meere umflossenes, aber auf einer Seite mit dem Festlande zusammenhängendes Laudstück nenntman eineHalb - I. — Man scheidet die Inseln nach Lage u. Gestalt in 2 Arten (was in ihrer Entstehungsweise begründet liegt): 1) Continental- od. Gestade- od. Kü- sten-J., meist von langgestreckter, schmaler Gestalt, sie entfernen sich in der Regel nicht bedeutend von den Küsten der Continente u. die einander gegenüberliegenden Enden laufen meist in Spitzen aus; 2) oceanische od. pelagische od. Meeres-J., in ihrem Haupt-Typus von kreisrunder od. elliptischer Gestalt. Die ersteren, Continental-I., liegen gewöhnlich reihenweise geordnet, mit gleichgerichteter Längenachse; die Richtung ihrer Anordnung ist entweder der benachbarten Küste parallel, und sie sind dann begleitende I. (Nordsee, australischer Binnengllrtel), oder sie erscheinen als Fortsetzung der Bergket-en des Festlandes (Kykladen bei Grie- chenland). Mit ihrer Hauptausdehnung stimmt dann auch die Richtung der sie durchsetzenden Bergketten überein. Man denkt sie sich als losgerisseue Trümmer der nahen Continente und schließt dies aus der Übereinstimmung in geologischer Bezieh- ung u. bes. aus der Flora und Fauna. Frisch abgetrennte I. haben die Flora u. Fauna des benachbarten Festlandes ohne eigenthttmliche Arten; doch sind dieselben in Verarmung begriffen oder ihr entgegen gehend. Auf solche Weise läßt sich nach Eduard Forbes Nachweisen, daß Großbritannien u. Irland wiederholt mit dem europäischen Festlande zusammengehangen haben und ebenso wiederholt durch locale Senkungen davon getrennt wurden. Aus der (der Verarmung entgegeuge- henden) Flora u. Fauna kann man sogar schließen, daß Irland früher als Großbritannien losgelöst ist. Natürlich zählen auch die Schären (s. d.) u. J-n an den fjordenreichen Küsten zn den Kllsten- J-n. Ist die Abtrennung (der kontinentalen J-n) schon in der geologischen Vorzeit geschehen, so daß sich die organischen Formen bereits typisch verändert haben, so werden solche (I.) von O. Peschel als alte Continental-J-n unterschieden. Madagaskar mit den Seychellen n. Ceylon endlich unterscheidet er als zusammengeschrumpfte Welt- th eil e. Aufdiesen Überbleibseln früherer Continente sind die Flora u. Fauna reich an endemischen u. alter» thllmlichen Arten, wie ja auch Sclater deshalb den hypothetischen Continent des indischen Oceans nach den auf den dortigen eigenthümlichen Lemuren (Lenins I. 8 32) Lemuria (s. d.) genannt hat. — Wenn die kontinentalen J-n die Küsten der Couti- nente mit einander in Verbindung setzen, wie es die Sunda-J-n, Formosa, die Philippinen n. Molukken, Antillen, Meuten rc. thun, so sind sie verbindende J-n. — All das von diesen J-n Gesagte paßt auf die runden J-n nicht, welche gerade als unabhängige, selbständige Erhebungen aus dem Meeresboden oceanische oder Meeres-J. genannt werden. Hierzu gehören bes. die zahlreichen J-gruppen des Großen Oceans. Diese runden J-n scheidet man wieder inhohe u. niedrige J-n. I. Die hohen J-n sind die zahlreicheren. Sie sind eigentlich nur aus dem Meere (von Festländern entfernt,namentlich ansdenaußertroplschen Meeren), oftbiszuansehnlicherHöhehervorragendeBerge v ul-' canischer Entstehung n. gleichen einander überall in ihrer Gestalt u. Zusammensetzung. Bisweilen erkennt man an ihnen eine kettenförmige Anordnung entsprechend der Richtung der Spalte, ans der sie aufgestiegen sind; so die Reihe St. Helena bis Fernando do Po (H. Guthe). Von diesen hohen J-n haben wir meist ein stufenweises Abfallen zn größeren Tiefen zu denken, so daß solche einzeln stehende Berge oft zu den bedeutendsten Erhebun- gen der Erdrinde gehören, wie der Pic«. Teneriffa (Pico de Teyde 12,200'—3960 m nach v. Seydlitz) u. Mauna Noa od. Loa (auf Hawaii im Archipel der Sandwich-J°n 12,909' —4194 m), zu deren wirk- 48 * 756 Inseln des grünen Vorgebirges — Jnsinmrcn. sicher (sichtbarer) Höhe man ja eigentlich noch die ganzeTiefedesMeereszählenmuß. II. Dieniedri- gen J-n, fast ausschließlich innerhalb der tropischen Meere aufsteigend, haben nicht minder ein übereinstimmendes Gepräge als die hohen J-n u. sind ein Werk des Baues der Korallenthiere (s. Korallen- J-n), u. es steigen dieselben nicht, wie man früher glaubte, aus unergründlichen Tiefen des Oceans, sondern auf Seehochländern und Untiefen empor. — Die Korallen-J-n sowie die vulcanischen I. jüngeren Ursprungs haben eine arme, dürftige Mischlingsflora u. -Fauna, die sich aus den ersten'Blick als solche verräth n. durch Besiedelung von den nächstgelegenen J-n u. Landstrecken erklären läßt. Hierbei sind die niederen Korallen-J-n noch ärmer an Thieren u. Pflanzen, als die höheren vulcanischen J-n. Beiden fehlen eigenthüm- liche, sonst nirgends vorkommende Arten. Auf Len Keelings-J-n z. B. kommen nur 20 Pflanzenarten vor, welche 19 verschiedenen Gattungen und 16 Familien angehören. Alte J-vnlcane hingegen haben bereits eine reichere Flora und Fauna mit zahlreichen endemischen Arten, z. B. Madeira, Ascension, St. Helena, die Galapagosgruppe, die Fidschi-J°n, Mascarenen rc. Sind solche J-n außerdem geräumig n. schon sehr lange gehoben, dann bilden ihre Organismen eigene Pflanzen- u. Thierprovinzen, wie Japan, die Philippinen, Neuseeland. Die Jsolirung hat bei den hohen J-n wie bei hohen Berggipfeln theils erhaltend, theils in um so höherem Grade verändernd eingewirkt (vr. Alois Pokorny).—Rings vonWasser umflossene Landstücke in Gewässern des Festlandes pflegt man auch wol J-n zu nennen (Binnen-J-n), obwol dann natürlich die obige Erklärung nicht anwendbar ist (wenn schlechtweg von einer I. gesprochen wird, so versteht man eine Meeres-J.). Sie sind aus dem Wasser hervorragende Felsen, die mit der Zeit mit Humus bedeckt sind, häufiger aber, bes. in Flüssen, Ablagerungen von Gerötle, Kies oder Sand, od. sie sind auch vom Ufer losgerissene, an seichten Stellen hängengebliebene Landstllcke. Auch schwimmende J-n bilden sich zuweilen in der Nähe des festen Landes aus Zusammenhäufung von Torf, Holzmassen, Wurzeln u. dgl. u. bilden allmählich einen Boden für Schilf u. Gras. Diese lösen sich aber auch oft wieder auf od. setzen sich wieder an das feste Land an. — Anhäufungen von Sand allein, welche über die Wasserfläche hervortrcten, u. Erhebungen von nacktem Gestein haben zwar gewissermaßen auch den Charakter einer I., werden aber in Meeren u. Strömen nicht als J-n, sondern als Sandbänke u. Klippen bezeichnet. — Eine kleine I. nennt man auch Eiland, eine kleine durch Anspülung entstandene I. heißt auch Holm. Flache Fluß-J-n, den Überschwemmungen ausgesetzt, nennt man Aueu. Werder od. Wörth (durch zwei Flußarme gebildet); jene sind meist mit Wald u. Gebüsch, diese mit Graswuchs bedeckt.—Für J. -Namen auf den Karten u. auf Reisen mag zur Erklärung dienen, daß I. heißt: auf angelsächsisch saZe, ix-sotb, eglanä; arabisch äsoiisslrslr; ber- berisch taäsobsirt; chinesisch tsdmv, tscbn; dänisch Iiolm, ö; finnisch saari, salo; friesisch c>Ao; hin- dnstanisch tapu, ckip; isländisch oz-, stölini; lappisch knoio; lettisch salla; malaiisch pülarv, gewöhnlich xulo; portugiesisch llim; russisch ostrorr; sanskrit ävlpa; schwedisch ö; spanisch isla; türkisch acka (äsolrssirötr); ungarisch smZst. Vgl. vorstehende Angaben bei Kloeden, H. Gnthe u. Mann, Hoch' stetter u. Pokorny. Heincmann. Inseln der Seligen (ll/axapw-- »-yao-), s. Griech. Mythol. VI., S. 491. Inseln des grünen Vorgebirges, so v. w. Capverdische Inseln. Inseln über dem Winde «.Inseln nnter dem Winde, s. Antillen. Jnselsberg, Bergspitze des nordwestl. Thüringer Waldes, 916 m hoch, auf der Grenze von Gotha und dem preuß. Kreise Schmalkalden, auf der Spitze 2 Gasthäuser u. ein Signalthurm; stark besucht wegen der ausgezeichneten Fernsicht, die weit über Thüringen bis zum Meißner in Hessen n. dem Brocken reicht. Insensibilität (v. Lat.), Unempfindlichkeit. Jnseparabcl (v. Lat.), unzertrennlich. Insöparadles, s. Papageien. Jnseriren (v. Lat.), 1) einschieben, einschalten, beilegen; in ein öffentliches Blatt rücken od. rücken lassen. Insertion, das Einrücken; Inserat, die eingerückte Anzeige, Bekanntmachung selbst. 2) das Anfügen von Muskeln an einen Knochen od. anderen Theil, um ihn zu bewegen. Jnsertionspunkt (Bot.), s. Blatt II. Ins Freie fallen, Freisall, die Entziehung der Bergbauberechtigung von Seiten des Berg» amteS. Insgemein, heißen verschiedenartige Ausgaben, welche beim Buchhalten in keines der gewöhnlichen Ausgabecapitel gebracht werden können u. ein bes. Capitel ausmachen. Jnsidien (v. Lat.), Hinterhalt; Nachstellung; daher Jnsidiös, heimtückisch, hinterlistig. Insignien (v. Lat.), Kennzeichen, Merkmale; Andeutungen der Macht, der Würde, und des Standes, so bei Fürsten, Krone, Scepter, bei Rittern Helm, Schild, Schwert rc., bei Priestern Stab, Insul, Kelch; für die Gewerke aus diesen selbst entnommene Abzeichen. Insinuant (v. Lat.), einschmeichelnd, einneh- inend, sich empfehlend. Insinuation(v.Lat), eigentlich Einschmeichel- ung, Einflüsterung; im Rechtsw. Einhändigung obrigkeitlicher Decrete, Zufertigungen od. Ladungen an die Bctheiligten. Die I. muß in der Regel demjenigen, au den sie gerichtet ist, selbst, od. an dessen Bevollmächtigten geschehen, in seiner Abwesenheit an die Hausgenossen, ev. durch Anschlag an die Thüre. Über die Behändignng, die meist durch verpflichtete Gerichtsdiener od. Boten geschieht, kommt Bericht zu den Acten (Referat). Vom J-stag, dem Tage der Einhändigung an, wird die Frist, innerhalb welcher einer bestimmten gerichtlichen Aufforderung Folge geleistet werden soll, oder von einem Parteibefugniß Gebrauch zu machen nachgelassen ist, berechnet. J-smanda« tar, der von einer auswärtigen Partei am Ge- richtSsitze zur Entgegennahme von J-en aufgestellte Bevollmächtigte. Jnsinniren (v. Lat.), 1) beibringen; 8) einhändigen, gerichtlich zustellen; 3) sich insinuiren, sich beliebt machen. 757 Jnftpid — Jnspirationsgemeinden. Jnfipid (v. Lat.), fad, geschmacklos, abgeschmackt. Jnsistiren (v. Lat.), stehen bleiben, beharren; auf etwas bestehen, dringen. Jnsociabcl (v. Lat.), ungesellig. Insolation, unmittelbare Bestrahlung durch die Sonne; Sonnenstich. Insolent (v. Lat.), ungebührlich, übermüthig, frech, unverschämt; daher Insolenz, Ungebuhr- lichkeit, Unverschämtheit. In soUlium (lat.), so v. w. solidarisch. Jnsolubcl (v. Lat.), unauflöslich; daher Jn- solubilität, die Unauflöslichkeit. Insolvent (v. Lat.), zahlungsunfähig; daher Insolvenz, Zahlungsunfähigkeit, s. u. Bankerott. In spe (lat.), in der Hoffnung, zukünftig. In spoels (lat.), 1) insonderheit; 3) besonders; 3) im Einzelnen. Jnspectcnr (fr.), 1) s. Jnspectiou 4); 2) höherer Offizier, meist General, dem die Aufsicht über einen Theil des Heeres, über Specialwaffen od. über besondere Heercseinrichtungen übertragen ist, die bezüglichen Militärbehörden, sowie die nn- ter einem I. stehenden Truppen werden als Inspektion bezeichnet. Im deutschen Neichsheere cxistiren derartige Inspektionen für die Artillerie, für die Festungen, die Pioniere, die Jäger, den Train, die Militärschulen, die Gewehrfabriken, das Remonte- u. Beterinärwesen rc. Bestehen innerhalb derselben Waffe, wie z. B. der Artillerie, oer Festungen u. Pioniere rc., mehrere Inspektionen, so stehen diese unter einer General-Jnspection, der ein General-J. (s. d.) vorsteht. Die Armee-Jn- spectionen find keine Commandobehördeu, sondern lediglich zu dem Zwecke errichtet, die taktische Ausbildung der Armee-Corps gelegentlich größerer Truppenübungen zu beurtheilen. S- Jnspection (v. Lat.), 1) das Besichtigen, so luspsetio oenlaris, s. Besichtigung; 2) (Med.) Besichtigung eines Kranken, um aus seinem Äußeren auf innere Kraukheitsznstände zu schließen; 3) die Aufsicht; 4) ein Bezirk oder eine Anzahl von Anstalten, Personen rc., worüber Jemand die Aufsicht hat (Inspektor), so eine Anzahl Kirchen und Prediger, welche ein Oberer beaufsichtigt, eine gewisse Anzahl Schüler, welche ein Lehrer speciell unter sich hat; 5) s. Inspekteur 2). InspsrÄa (lat.), unverhoffte Dinge. Jnspersio» (v. Lat.), i) das Bestreuen, Be- sprengen; 2) die Bespritzung. Jnspicient, Aufseher, u. a. der Theaterbeamte, welchem die Anordnung des zu jeder Vorstellung u. Probe nöthigen Materials obliegt/ Jnsprcirung, Besichtigung einer Truppe durch einen höheren Befehlshaber, zum Zweck der Prüfung der taktischen Ausbildung, sowie des gesamm- ten Dienstbetriebes. J-en, die speciell den Zweck haben, die Bekleidung, Ausrüstung rc. sowie die Verwaltung der Truppen zu controliren, werden gewöhnlich ökonomische Musterungen genannt. Inspiration (v. Lat.), das Einathmen. In der Theologie die Entstehung der h. Schrift aus Einhauchung, Eingebung des heil. Geistes. Der Ausdruck stammt aus 2. Tim. 3,16, wo die Vulgata Aeorrr-LvoroL mit mopiiatus übersetzt. Das Bewußtsein, in welchem die alttest. Propheten aus dem Geiste Gottes heraus mit göttlicher Autorität zn reden behaupteten, wird nach der Sammlung des alttest. Kanon von der jüdischen Gemeinde ans das Ganze desselben übertragen, so daß dabei die Anschauung heidnischer Manük mitwirkt. Auch die neutest. Schriftsteller haben diese Vorstellung vom A. T. u. Paulus schreibt sich öfters Offenbarungen von derselben Qualität wie die der alttest. Propheten zu. So wurde frühe schon der Sammlung des neutest. Kanon dieselbe auf I. ruhende Autorität beigelegt. Doch ist die J-Zlehre erst von der lutherischen und reformirten Orthodoxie des 17. Jahrh. in voller Strenge ansgebildet worden. Noch Luther u. Calvin erlauben sich die freiesten Urtheile über einzelne Schriften der Bibel. Aber im Gegensatz gegen die römische Traditionslehre glaitbte man nur in einer ganz mechanisch in allen Theilen vom h. Geist eingegebenen h. Schrift die gehörig gesicherte religiöse Autorität zu besitzen. Die historisch-kritische Bibelforschung seit Seniler setzte nun aber an die Stelle dieser Theorie die rein geschichtliche Auffassung und Würdigung der biblischen Schriften und sucht ihren J-scharakter eben nur in dem verschiedenen Maße, in welchem die Verfasser persönlich vom christlich-religiösen Prinzip erfüllt und durchdrungen sind. Die beste neuere Schrift über diesen Gegenstand, übrigens z. Th. noch in der älteren Anschauung befangen, ist: Rothe, Zur Dogmatik, Gotha 1863. Zur Geschichte der J-slehre Vgl. Delitzsch, Os insp. scripb., Lpz. 1871. Löffler. Jnspirationsgemeinden. Nach dem unglücklichen Ausgange des Religionskampfes in Len Cevennen kamen 1704 viele Anführer u. außerordentliche Propheten der Reformirten, bes. Elie Marion, Durande Fage, Jean Cavalier u. Jean Mut, nach England u. Schottland u. predigten gegen Frankreich u. das Papstthnm als den Antichrist. Indessen schon im folgenden Jahre, weil sie sich bei einer versuchten Todienerweckung com- promittirten, von der bischöflichen anglikanischen Kircheugemeinschaft ausgeschlossen, waren sie ge- nöthigt, eine besondere Secte zn bilden, u. Allut u. Marion wandten sich mit ihren Anhängern zu den französisch resormirten Gemeinden in den Niederlanden, wo sie aber nur wenig Einfluß ausüben konnten. Desto größer wurde ihr Ansehen bei den Pietisten und Separatisten in Nord- und Westdeutschland, namentlich in Halle (1713) und Berlin (1714), wo sie besondere Gemeinden bildeten. Von Halle aus verpflanzte sich dieses Jn- spirationswesen durch die Gebrüder Pott, welche auch die Gabe der Inspiration besaßen, in die Wetterau, welches Reichsländchen die Grafen Wittgenstein theils aus finanziellem Interesse, theils ans Steigung zur Mystik allen wegen des Glaubens Verfolgten geöffnet hatten. Die dortigen Separatisten, an ihrer Spitze E. L. Gruber in Himbach bei Hanau (geb. 1665, st. 1728), A. Groß in Frankfurt, der Sattler I. F. Rock in Himbach u. der Einsiedler E. Chr. Hochmann in Schwarzenau bei Berleburg (geb. 1670, st. 1721), schlossen sich mit den Jnspwirten zu einer Gemeinde zu- sammen. Ihre 1716sestgestellte Gemeindeordnung bestand in den sog. 24 Regeln der wahren Gottseligkeit u. des heiligen Wandels, deren Grund- 758 Jnspiriren - läge eine Aussprache Joh. Ad. GruberS bildete. Die Gabe der Inspiration erlangten unter ihnen bis 1719 acht Mitglieder; diese durchzogen, um neue Mitglieder zu gewinnen, die ganze Wetterau n. das Wittgensteinsche, die Schweiz u. ganz Westdeutschland, des. Württemberg, die Pfalz, das Elsaß, auch Ost- u. Norddeutschland bis nach Sachsen u. Böhmen, u. brachten säst überall Gemeinden zusammen. Indessen schwand doch'allmählich die Begeisterung, und seit 1719 war Rock das einzige Werkzeug, stand auch bis an seinen Tod (1749) au der Spitze der Gemeinden. Von dieser Zeit an begann der Verfall der I. Rock gericth in Streit mit Zinzendorf, mit dem Separatisten Kaiser u. schadete dadurch seiner Sache viel. Andere, wie Gruber, Gleim, Mackiuet, wauderten nach Amerika aus. u. trotzdem, daß der frühere Hosprediger Kämpf ihnen beitrat u. Tersteegeu u. Otinger ihnen geneigt waren, nahm ihre Sache immer mehr ab. Seit 1816 lebte der Jnspirationsgeist wieder auf. Die alten Gemeinden in der Wetterau, der Pfalz und im Elsaß reorganisirten sich, wauderten aber infolge des Druckes der hessischen und preußischen Obrigkeit, etwa 800 Seelen stark, 1843 nach Ebenezer bei Buffalo in New-Iork aus, wo sie eine Gemeinde errichteten, die sich mit Ackerbau u. Tuchfabrikation beschäftigt, in einer Art von Gütergemeinschaft lebt, von dem Werkzeug Christ. Metz geleitet wird u. gegen 2000 Seelen beträgt. Auch nach Canada haben sie Colonien ausgesendet u. sich seit 1854 nach dem Staate Iowa gewendet. Ihre Eigenthümlichkeit besteht in dem die Zeit ihrer Entstehung überhaupt kennzeichnenden Widerwillen gegen das offizielle, in Orthodoxie erstarrte Kirchenthum u. in der Überschätzung ekstatischer, uaturartiger Wirkungen der religiösen Erregung, der sogenannten Einsprachen (des heil. Geistes) u. Aussprachen, kurzer ausgestoßener Reden unter couvulsivischen Zucknngcn. Dem religiösen Gemeinschaststrieb sollten bes. ihre Liebes- vd. Streitermahle dienen, bei welchen durch Askese die Aufregung aufs Höchste gesteigert wurde. Vgl. M. Göbel, Geschichte der wahren I. von 1688 bis 1854 (in der Zeitschrift für histor. Theologie 1854 f.). Löffler.» Jnspiriren (v. Lat.), einhauchen, einflößen, begeistern; durch Inspiration erleuchten; daher Jnspirirte, vgl. Jnspirationsgemeinden. In spiritualllms (lat.), in geistlichen Dingen. Jnstallircn (v. Lat.), bestallen, einsetzen; daher Installation, Einweisung in ein Amt, bes. in ein geistliches, an Ort u. Stelle der Wirksamkeit des Berufenen, in Stiftskirchen mit Anweisung eines besonderen Platzes (Ltallus) im Capitel u. im Chor. Sie geschieht unter entsprechenden Feierlichkeiten u. mit symbolischen Gebräuchen u. wird in Stiften von dem Dechanten, in Pfarrkirchen von einem bischöflichen Bevollmächtigten in Gemeinschaft mit dem landesherrlichen Commissar vollzogen; vgl. Investitur. Instanz (v. lat. Instantia), einzelne Erfahrung; im Gegensatz von Jnduction u. Objection, doch oft mit letzterem identisch; Abschnitt des pro- cefsualen Verfahrens, so daß man z. B. das erste Verfahren die erste I., das Beweisverfahren die Bcweisinstanz rc. nennt; die Gradation ein- - Insterburg. ander untergeordneter Gerichte, insofern dieselbe Sache vor diesen mehreren Gerichten nach u. nach zur Entscheidung gebracht werden kann, gemäß der zur Erhöhung eines wirklichen Rechtsschutzes bestehenden Einrichtung Schutz des wahren Rechts, daß man in den meisten Justizsachen nicht bei dem Ausspruche des zuerst competenten Gerichts sich zu beruhigen braucht, sondern auf die Entscheidung eines höheren Gerichts provociren darf (Jnstanzenzug); vergl. Appellation, Civilproceß, Criminalgericht, Gericht u. Gerichtsbarkeit. Jn- stanzenentbindung , das Erkeuntniß wider einen Angeschuldigtcn, daß bei nicht vollständig erbrachtem Beweis seiner Schuld vorläufig weitere Unter- suchungsvorschritte gegen ihn zu unterlassen seien; s. u. Absolution u. Criminalproceß. Instar Omnium (lat.), so gut, wie Alle, statt aller Anderen. In statu quo, im gegenwärtigen Zustande. Jnstauriren (v. Lat.), etwas von Neuem wieder aufangen. Justauration, Erneuerung. Inster, 75 km langer Fluß im prenß. Neg.-- Bez. Gumbinnen, entspringt nordöstlich von Pill- kallen und vereinigt sich bei Insterburg mit der Angerapp, worauf der durch diese Vereinigung gebildete Fluß den Namen Pregel erhält. Insterburg, 1) Kreis im preußischen Regbez. Gumbinnen, eben u. sorgfältig augebaut, im SO. u. NO. stark bewaldet, durchflossen von Angerapp, Pissa u. Inster, durch deren Zusammenfluß der Pregel entsteht; durchschnitten von der Prenß. Ostbahn u. der Tilsit-Jnsterburger, Jnsterburg- Thorner und Insterburg-Prostkener Eisenbahn; 1200 ffIcm (21,^ IHM) mit (1875) 68,628 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Angerapp u. Inster (Pregel), Station der oben genannten Eisenbahnen; Appellations-, Kreis- u. Schwurgericht, Handelskammer, 2 evangel. Kirchen, Gymnasium, Realschule erster Ordu., höhere Töchterschule, Krankenhaus, Strafanstalt, Landwirthschaftlicher Kreis- u. Ceutralvercin für Lithauen u. Masuren, landwirth- schaftliche Versuchsstation, Vorschuß«, Consum- u. Sparverein und andere Vereine, Marstall des LilhauerLandgestüts; Flachsspinnerei, Eisengießerei, Maschinenfabrik, Fabriken für Schuhwaaren, Ce- ment rc., Färberei, Kürschnerei, Gerberei, Bierbrauerei, Dampfsägemühle, Knochen- u. Gipsmühle, Pferde- u. Rindviehmärkte, Schifffahrt, Handel mit Getreide, Leinsamen, Holz rc.; Freimaurerloge zum preuß. Adler,Garnisou(Ulaucn); 1875:16,380 Ew. — I. ist Geburtsort des Dichters u. Schriftstellers Jordan. Dabei das schenswerthe Schloß Georgenburg u. 8 km davon, bei Szielaitschen, Denkmal des Generals Barclay de Tolly. — I. war anfangs ein Schloß, 1336 von dem Deutschen Orden an der Inster erbaut u. Sitz einer Comthurei: 1525 wurde die Comthurei aufgehoben u. I. Sitz eines Amtes. Der hierbei entstandene Ort wurde 10. Oct. 1583 vom Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg zur Stadt erhoben u. erweiterte sich namentlich dadurch, daß im 17. Jahrh. viele schottische Familien des Handels wegen sich hier uieder- ließen. 1678 wurde I. von den Schweden eingenommen; 1690 großer Brand u. 1709—11 schreckliche Seuche. Vgl. Koßmann, Hist.-statist. Notizen über die Stadt I., Jnsterb. 1844. H- Berns. 759 Jnstigiren — Jnstigiren (v. Lat.), anregen, antreiben; auf« stiften, aushetzen; verführen; daher Jnstigation, Ansstiftuna, Verleitung, Verführung. JnstiÜiren (v. Lat.), 1) eintröpfeln; 8) einflößen; daher Instillation, Einflößung. Instinkt, 1) der aus der unbewußten Vorstell, ung eines Zwecks entspringende u. daher willenlos u. als innerer Zwang wirkende Trieb organischer Naturwesen. Der Zweck ist Erhaltung der Gattung durch Erzeugung. Ernährung und Ver- theidigung der dieselbe'repräsentirenden Individuen. DerJ.ist daher theilsFortpflanzungs-(Begattungs-) Trieb,Nahrungstrieb,Selbsterhaltungstrieb. Hierzu kommen noch bei den höheren Thiergattungen se- cundäre Triebe, die mit den genannten in Beziehung stehen, wie der Trieb der Vögel, Nester zu bauen, der Wanderungstrieb einiger Arten derselben, der Trieb der Bienen, Zellen zu bauen rc., dessen objectiv-vernünftige und vollkommen zweckmäßige Äußerungsweise die höchste Bewunderung erregt. 3) Sofern der Mensch durch den körperlichen Organismus mit dem Thierreich znsammen- hängt, hat auch in seinem Seelenleben der I. seine große Bedeutung. Gegenüber den aus bewußter Reflexion entspringenden Willensäußeruu- gen gibt es auch hier eine große Menge von unwillkürlichen Seelenbcweguugen, welche mit denen des Thieres im Princip identisch sind, wie der Begattuugs-, der Selbsterhaltungstrieb, der Geselligkeitstrieb, der Ernährungstrieb, besonders aber der Kuusttrieb; doch besitzen sie nicht, wie die entsprechenden Triebe des Thieres, die unbedingte Kraft eines inneren Zwanges, sondern sind durch die höhere Kraft des Bewußtseins gebändigt und sittlich veredelt. Dafür fehlt ihnen aber auch — außer, wo die bewußte Reflexion in Unthätigkeit versetzt ist — die wenn auch nicht absolute Sicherheit des thierischen J-s. Schmeißfliegen legen z. B. ihre Larven auch in die einen dem faulen Fleische ähnlichen Geruch verbreitenden Blüthen der 8ta- polia üirsuta. Was der I. der Thiere eigentlich sei, ob etwas durchaus Blindes, oder eine mit Denkthätigkcit verbundene Eigenschaft, ist eine der heftigsten Streitfragen moderner Naturforschung. Ohne Zweifel liegt aber auch hier die Wahrheit in der Mitte. Das Centralorgan der hierher gehörigen Thätigkeit ist das Rückenmark, u. wissenschaftlich spricht man weniger von instinctiven Handlungen, als von Reflexbewegungen (s. d.), d. h. von unwillkürlichen Bewegungen, welche auf Reizung von Empfindungsnerven entstehen. Doch ist man auch über diese Erscheinungen noch außerordentlich wenig aufgeklärt. Im Kunsttrieb verbindet sich ebenfalls ein unbewußt schöpferisches Element mit einem bewußt gestaltenden, und wo die Verbindung beider intensiv einen hohen Grad erreicht, erhält der künstlerische I. die Bedeutung des Genies (s. Genie). Die Fragen wegen des J-s sind bes. durch Darwins Forschungen neu u. allgemeiner angeregt u. gefördert worden. Instinktiv, mit unbewußtem nothwendigem Triebe wirkend. In rtirpes (lat.), nach Stämmen. Institor (lat.), in Rom Kleinhändler, der entweder als Factor oder Agent größerer Kaufleute, oder auch für eigene Rechnung sowol im Laden - Instrument. (taberna), als im Herumziehen Geschäfte betrieb. Bei der Mißachtung, in der Las Gewerbe stand, betrieben es nur Freigelassene u. geringe Leute. Institut (v. Lat.), in der allgemeinen Bedeutung Einrichtung, Anstalt überhaupt; im engeren Sinne Anstalt für einen bestimmten Zweck, ;. B. Kunst, Wissenschaft, Staat, Kirche; so I. äs §rauos (I. von Frankreich) rc.; dann Anstalt zur Erziehung überhaupt (Erziehungs-J.), oder zur Erziehung für einen bestimmten Zweck, z. B. Militär-, Forst-, landwirthschaftliche Handlungsinstitute rc. Das I. unterscheidet sich von der Schule dadurch, daß die Zöglinge darin wohnen u. daß mit dem Unterricht die Familienerziehnng verbunden ist. J-e sind eine Erfindung der neueren Zeit u. wurden nach Lackes u. Rousseaus vorbereitenden Ideen, bes. von Basedow u. den sog. Philanthropen ins Leben gerufen, so von Salis, Bahrdt, Campe, Salzmann, Fellenberg rc. Ansangs sehr günstig ausgenommen, verloren sie bald wieder die Gunst des Pnblicnms, da man in den Unterrichtsanstalten des Staates oder der Gemeinde zumeist eine gründlichere Bildung geboten erachtete. Institution (v. Lat., Institutio), Einsetzung, Einrichtung, bes. die politischen Einrichtungen eines Staates, welche die Rechte und Freiheiten der Staatsbürger der Regierung gegenüber garantiren sollen; Beförderung zu einem Amte oder einer Kirchenpfründe; die wirkliche Verleihung einer Pfründe nach vorgängiger Präsentation, von einem anderen dazu Berechtigten, im Gegensatz zur 6ok- latio im engeren Sinne. InsMuiionos, Belehrungen, Erörterungen; so I. tirooloAias edrisbianas s. äoZmatüoas, Lehrbuch der kirchlichen Dogmatik; lustitutiouss, der erste Theil des Oorpus juris (s. d. S. 408 u. 409). Jnstradire» (v. Jtal.), den Weg weisen, auf die rechte Bahn bringen. Im Postwesen für ein zur Beförderung übergebenes Stück die Route anweisen; beim Militär Soldaten auf Marschroute rc. nach einem Orte weisen. Instruction (v. Lat.), von instruiren, unterrichten, einrichten, belehren, unterweisen; Unterricht, Belehrung, Anweisung; Verhaltungsbefehl; Vorschrift, besonders schriftliche, nach welcher der, dem ein Geschäft aufgetragen ist, handeln muß; auch Auftrag selbst; Verhandlung des Anwalts mit dem Clienten, um sich über die faktischen Verhältnisse, Beweismittel rc. eines Processes Auskunft zu verschaffen. I. des Processes, dieAus- mittelnng und Feststellung der Punkte, welche eigentlich Streitgegenstand der Parteien sind, oder (im Criminalproceß) die Hauptmomente der Untersuchung bilden. Instructionsmaxime, so v. w. Untersuchnngsprincip. Instruktiv (v. Lat.), belehrend, unterrichtend; lehrreich. Jnstructor, Lehrer, Erzieher. Instrument, 1) zunächst Werkzeug, Handwerkszeug; 2) (Musik) jeder Mechanismus, wodurch Töne hervorgebracht werden. Ausgeschlossen ist der vollkommenste Mechanismus, die menschliche Stimme (daher Vocal u. Instrumentalmusik), sowie, streng genommen, die meisten Schlag-, Kling- und Klapper-J-e, welche nur Geräusch, aber keine Töne von sich geben. Die Eintheilung der J-e geschieht in monodische, melodische, weil sie gleichzeitig 760 Instrument — Instrumentalmusik. nur einen Ton geben, oder hauptsächlich zum einstimmigen Spiele gebraucht werden (Blas- n. Bogeninstrumente), u. in harmonische, polyphone J-e, wozu die Orgel, das Klavier, die klavierähnlichen J-e, die Harfe, Laute, Guitarre rc. gehören. Der Ton der Blasinstrumente entsteht dadurch, daß die in der Röhre befindliche Luft durch einen von außen eindringenden Luststrahl in Vibration gebracht wird; dies geschieht theils ohne Mundstück, wie bei der Flöte, Orgelpfeife, theils durch ein Mundstück, wie bei der Oboe rc. Der Ton der Saiten-J-e entsteht durch Schlagen, Streichen, Reißen der Darm- oder Metallsaiten, selbst durch einen Luststrom, wie bei der Äolsharfe. Die meisten Schlag-, Kling- u. Klapper-J-e dienen zur Verstärkung u. zum Hervorheben des Rhythmus, während allerdings Pauken, Glasglocken u. Holzspiele bestimmte Töne ermöglichen. Die ältesten J-e waren Schlag- u. Kling-J-e u. dürsten die Chinesen u. Japanesen in erster Reihe zu nennen sein, bei denen die J-e frühzeitig eine gewisse Ausbildung erlangt haben. Die Zahl der nach und nach aufgekommenen J-e, von denen die meisten verschwunden sind, füllt viele Seiten und ist eine erschöpfende Geschichte derselben bei der Unzuverlässigkeit der bezüglichen Nachrichten unmöglich. Heutzutage beschränkt man sich ans eine verhältuißmäßig geringe Anzahl musikalischer J-e, von denen die meisten auf eine hohe Stufe der Vollendung gelangt sind. Siebenrock. Instrument (Ivstrumsntnin), in der Rechtswissenschaft die Urkunde über ein Rechtsgeschäft, u. daher die dabei zngezogenen Zeugen, J-s-Zeugen. Instrumentalis, grammatischer Casus,s.Casus, S. 560. Instrumentalmusik, bloß durch Instrumente hervorgebrachte Musik. Ursprünglich diente die I. lediglich zur Begleitung des Gesanges, doch finden sich schon mehrere Jahrhunderte vor Christus Beispiele solistischer Anwendung, u. steigerte sich die virtuose Behandlung, je weiter die Verbesserung der Instrumente gelangte. Wirkliche Selbständigkeit erreichte die I. mit dem Eintritt der Oper. Anfänglich stand sie dem Gesänge auf Grundlage eines bezifferten Basses nur nothdürftig begleitend zur Seite, gewann aber bald höhere Bedeutung und erhob sich durch Monteverde (1643) auf den Standpunkt eines ziemlich geordneten Orchesters, bestehend aus Clavicembalo, Flöten- u. Rohrwerken, Len verschiedenen Saiteninstrumenten und Doppelharfe, das sich ziemlich lebhaft an der Handlung betheiligte und eigene Zwischenspiele ausführte. Cavalli, Schüler Monteverdcs, führte das Begonnene weiter und machte die Toccata-Ouverture u. das Ballet zu wesentlichen Bestandtheilen der Oper. In Deutschland, wo Prätorius wirkte, war die I. gleichfalls auf eine gewisse Höhe gelangt. Es wurde besonders die vierstimmige Trompetenmusik, aus welcher die Militärmusik hervorging, bevorzugt u. nach n. nach an allen Höfen ins Leben gerufen. Zn großer Geltung brachte Lully die I. in Frankreich, u. schon bei ihm wurde das Saitenquartett zur Grundlage des ganzen Orchesters. Die Technik der ausführeuden Musiker stieg höher und die verschiedensten Formen der Musikstücke wurden gepflegt: Concerte, Duette, Quartette rc. Bedeutendes leisteten unter And.: Alessandro Scarlatti, Buononcini, Corelli, Tartini, Dom. Scarlatti, Boccherini; in Deutschland Kuhnau, Teleman rc. Einen bedeutenden Aufschwung veranlaßte Joh. Seb. Bach, der ausgerüstet mit eminenten Kenntnissen, bereits verschiedene Effecte anwandte; weiterhin erwarben sich Bachs Kinder, sodann Händel und Gluck wesentliche Verdienste, von denen besonders der Letztere den Instrumenten größere Selbständigkeit eroberte u. das Orchester (z. B. durch Einführung der Posaunen) erweiterte. Der eigentliche Schöpfer der Symphonie und Kammermusik, welcher dem Orchester die Zunge gelöst, ist Josef Haydn. Er schaltete mit voller Freiheit über den technischen Apparat u. schuf eine sehr große Zahl verschiedener Werke auf dem Gebiete der I., von denen sich viele durch die Anmuth u. Mannigfaltigkeit ihrer Gedanken den Reiz der Jugendlichkeit bis heute bewahrt haben, wie denn auch seine Symphonien, Quartette rc. im Wesentlichen Muster dieser Gattungen geblieben sind. Mozart vervollkommnte die Haydnsche I., bis endlich Beethoven dem bisher Gedichteten die Krone der Vollendung aussetzte u. die I. zu einer Bedeutung erhob, die im großen Ganzen bis auf die neueste Zeit unerreicht geblieben ist. Mit genialer Meisterschaft sehen wir bei ihm die gewohnten Formen erweitert, die Instrumente gleichsam zu frei handelnden Individuen geworden und die mit aller Souveränetät beherrschten großartigen Formen statt bloßen Tonspiels mit einer in logischer Con- sequenz durchgesührten Idee ausgesllllt. Seine Jnstrumeutalcompositionen bieten einen innerlichen Proceß dar, der sich mit dramatischer Lebendigkeit vor uns entfaltet; so z. B. die Symphonie erolon, welche einem Helden in die Schlacht folgt, trauernde Weisen um die Gefallenen anstimmt, die Heimkehr der Krieger n. das Fest des Friedens bezeichnet, so die neunte Symphonie, welcher ein im großartigsten Sinne aufgefaßter Kampf der nach Freude ringenden Seele zu Grunde liegt u. worin Beethoven die Vocalmusik, frühere Herrscherin, zur Mithilfe herbeiruft. Die nachfolgenden Meister der I. sind größtentheils Epigonen Beethovens, oder haben nur nach gewisser Seite Neues geliefert, z. B. Nies, Schubert, Mendelssohn, Schumann rc. Eine wirkliche Erweiterung des Beethovenschen Orchesters geschah durch Berlioz, bei dem die Idee als das Bestimmende vorangestellt ist, und der neben wirklichen Poesien, in denen frappante Wahrheit des Ausdrucks mit glühender Farbenpracht der Instrumentation gepaart ist, auch rein äußerliche Effecte, musikalische Zerrbilder geliefert hat. Eiueu weniger extremen, vielmehr dichterisch-musikalischen Standpunkt suchte Liszt in seinen symphonischen Dichtungen festzuhalten; doch läßt sich noch nicht beurtheilen, in wie weit derartige Bestrebungen zu einer weiteren Epoche der I. führen dürften. — Eine besondere Stelle nimmt die virtuose I. ein, welche zu allen Zeiten ausgezeichnete Repräsentanten gezählt hat. In neuerer u. neuester Zeit macht sich das Bestreben bemerkbar, die technische Virtuosität nur ini Dienste geistvoller Interpretation glänzen zu 761 Jnstrumentiren kaffen u. ist namentlich daS Klavierspiel zu einer Großmacht geworden. Sieb-nrock. Jnstrumentiren, ein Mnsikstlick für eine geringere oder größere Zahl verschiedenartiger Instrumente ausführbar machen. Zur Kunst der Instrumentation wird gründliche Kenntniß der einzelnen Instrumente in Bezug auf ihre Leistungsfähigkeit, Klangwirkung u. auf ihre zweckmäßige Gruppiruug, sowie umfassendes Studium ausgezeichneter Werke dieser Gattung vorausgesetzt. Die vereinigte Darstellung aller Stimmen auf dem Papier, wobei die Holzblasinstrumente, Blechinstrumente, Violinen rc. je eine Abtheilung (Chor) für sich ausmachen, nennt man Partitur. Siebenrock. Insubordination (v. Lat), 1) Ungehorsam, Widersetzlichkeit, Auflehnung gegen Befehle od. gegen Ordnung u. Gesetz, s. u. Amtsverbrechen,' bes. 2) Vergehen gegen die militärische Subordination (s. d.). Jnsnbrer (a. Geogr.), kelfjscher Volksstamm im transpadanischen Gallien zwischen dein Ticmus u. Lacus Larius init der Hauptstadt Mediolauum, nächst den Bojern die zahlreichste und mächtigste Völkerschaft in Oberitalieu, wurden sie nach langem Kampfe mit den Römern 222 v. Chr. unterworfen. In suooum et sangumem bertiren (lat.), etwas in Saft u. Blut verwandeln, ganz in sich aufnehmen. Jnsnfficienz, Nichtgenügendseiu; so spricht man von I. der Herzklappen, wenn sie wegen krankhafter Beschaffenheit nicht schließen und das Blut zurücktreten lassen, von I. der Athmung, wenn die Athemzüge nicht tief genug sind, um einen gehörigen Gasanstausch in den Lungen zu bewirke», von insufficienter Nahrung rc. Insuls (lat.), Insel; (röm. Aut.) ein Complex mehrerer Häuser, um welche herum ein Weg führte; ein von dem Hauptgebäude abgesondertes, aber zu demselben gehöriges Gebäude, dessen einzelne Theile vermiethet wurden. Daher lnsüla- rius, der Sklave, welcher mit der Aufsicht über die I. betraut war u. die Vermischung u. Ein- kasfirnng des Miethgeldes besorgte. Insulaner Weine, Weine von den griech. Inseln. Insult (Insultation, v. Lat.), 1) muthwilliger Angriff; 2) Beschimpfung; 3) Beleidigung. Jn- fultiren, übermüthig begegnen, verhöhnen, beschimpfen, beleidigen. Insurgenten (v. Lat.), Aufwiegler, Empörer; bis 1848 ungarische Landmiliz (das allgemeine Aufgebot des Reichsadels zur Vertheidigung der Grenzen). Jnsurgiren, zum Aufstand reizen, od. auch sich empören. Jnsurrection, so v. w. Aufstand, Ausruhr. ln suspenso lasten (lat., ital. in sosxsso), im Ungewissen, in Zweifel, od. vorerst in der Schwebe lassen (spätere Entscheidung Vorbehalten). Jntabnlatio» (v. Lat.), 1) Eintragung in eine Tafel, Einschreibung in eine Liste, ein Register, bes. in ein gerichtliches Urkundenbuch; 2) (Bank.) Täfelwerk. Jntact (v. Lat.), 1) unberührt, unversehrt, unbeschädigt; 2) unschuldig, rein, vorwurfsfrei; 3) — Intellekt. von Truppen, die in einer Schlacht noch nicht im Gefecht gewesen und daher noch frisch sind. Jntaglio (v. Ital.), geschnittener Stein, s. u. Camee. In tsntum (lat.), so weit es zureicht. Jntarstatura (ital.), Holz-, Perlmuttcrmosaik; Künstler darin Jntarsiatore. Integer, 1) ganz; 2) unbescholten, vor jedem Vorwurf gesichert. Daher Integral, ein Gau- zes ausmachend, selbständig, für sich bestehend, s. u. Integralrechnung. Integralen, holländ. Staatspapiere. Integralrechnung (Math.), ein Theil der höheren Analysis. Im Art. Differentialrechnung, auf den verwiesen werden muß, ist auseinandergesetzt, daß man zu jeder gegebenen Function eine entsprechende, die sog. abgeleitete Function, finden kann. Die I. lehrt die umgekehrte Rechnung ausführen, nämlich aus einer gegebenen Function eine andere der Art zu finden, daß jene die abgeleitete Function der gefundenen ist. Weil die gesuchte Function als die ursprüngliche, und die gegebene als aus jener durch Differentiation entstanden angesehen wird, folglich durch die Rechnung gewissermaßen der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt wird, heißt die gesuchte Function das Integral (v. lat. IntsZor, unberührt, unverletzt) der gegebenen; das Integral einer Function oder einer Gleichung (in welcher Differentiale Vorkommen) suchen, heißt die Function oder die Gleichung integriren, die dazu uöthige Rechnung Integration. Die I. lehrt die Ausführung der Integrationen, die auf sehr verschiedene Weise erfolgt, in sehr vielen Fällen nur angenähert u. oft noch gar nicht möglich ist. Daher, daß manche einfache Integrationen durch Summiruug einer unendlichen Reihe unendlich kleiner Glieder ausführbar sind, daß dann also das Integral sich als eine Summe darstellt, stammt das Integralzeichen /, welches aus einem latcin. 8 (summa) entstanden ist, dem zu integrirenden Ausdruck vor- gesctzt u. gelesen wird: Integral von, od. Integral ans. Das Integriren ist dein Differentiiren entgegengesetzt, ähnlich wie das Multipliciren dem Dividiren; die I. ist von der Differentialrechnung deßhalb nicht wol zu trennen, u. die betr. Lehrbücher erstrecken sich auch meist auf beide. Aufgaben, welche mit Hilfe der I. gelöst werden, sind z. B. die Rectification von Kurven, die Bestimmung des Inhalts krummflächig begrenzter Körper. Zuerst in ein System gebracht wurde die I. durch Joh. Bernoulli. Noch immer beschäftigt ihre weitere Ausbildung fast die gesammte höhere Analysis. Buchrucker. Integrität (v. Lat.), der Zustand des Ganzen, in seiner Verbindung Ungelösten, bes. sofern die Bestimmung und die Vollkommenheit eines Gegenstandes daraus gegründet ist. I. vindicirt man der Heiligen Schrift des N. T., insofern sie unverstllmmelt und unverfälscht (weder interpolirt noch mutilirt) ist sowol in Bezug auf Inhalt als auf Umfang. I- des Charakters, anerkannte u. erprobte Rechtschaffenheit. Integument, s. Blllthe VIII. Intellekt (v. Lat.), 1) (Philos.) so v. w. Verstand, Einsicht, Erkenntniß, letztere als Thätigkcit 762 Jntemperanz - gedacht. Physiologisch ist der I. die in fortlaufender Stufen- oder Reihenfolge auf Eindruck, Gefühl u. Empfindung sich entwickelnde Re- flexthätigkeit des Gehirns (vgl. die drei genannten Stichworte). Indem sich in dieser Weise Urtheil u. Berechnung bilden, ist auch die Maßgabe des Verhaltens u. Handelns geboten, od. mit anderen Worten, der Willensthätigkeit die Richtung angewiesen. Selbstverständlich ist der I., wie der Wille, abgesehen von den im Eindruck (Außenwelt) schon enthaltenen Einflüssen u. Umständen, in hohem Grade abhängig vom Triebe (s. d. Art.), wie sie beide endlich auch von Gesichtspunkten beeinflußt werden, welche sich (speciell beim Menschen) aus Bildung u. Moral ergeben. Denn der I. ist nicht etwa eine specielle Eigenthümlichkeit des Menschen, er läßt sich vielmehr verfolgen bis zu den niedrigst- stehenden Formen der Thierwelt. Er ist in Wahrheit in der animalischen Welt eine der ersten Erfordernisse des organischen Daseins und ein solcher Organismus, der keinen Jntellect besäße, würde bald den Gefahren erliegen, von denen er von allen Seiten bedroht ist (Kampf um das Dasein). Man kann sich daher den I. zunächst entstanden denken aus dem mächtigsten Triebe, dem der Selbsterhaltung; sortgebildet wird er daun zu höheren Stufen durch den Kampf um das Dasein, in den jedes organische Gebilde hineingezogen ist, ferner durch das Gefühl der Lust u. Unlust, und endlich durch das Interesse in feinen tausendfachen Gestaltungen. Hand in Hand damit geht im Allgemeinen auch eine höhere Ausbildung der Organismen, während Einseitigkeit (s. d. Art.) für beide Theile Entartung u. Verfall bedeutet. Von der Art u. Beschaffenheit des J-s hängt untrennbar die Art u. Beschaffenheit des Denkens (s. d. Art.) u. des Handelns ab. Int ellectuell, was sich auf den I. bezieht, davon ausgeht; intelligent, mit I. begabt; Intelligenz, die Fähigkeit des J-s, das J-vermögen ; dann auch ein mit einem gewissen Grade von I. begabtes Wesen. Jntelligibel, verständlich, faßlich, bes. durch reineDenkthätigkeit. Intellektualismus (In- kellectualphilosophie), philosophisches System, welches, im Gegensatz zum Empirismus u. Sensualismus, alle Erkenntuiß aus der bloßen Thätigkeit des Verstandes od. der Vernunft ableitet. 2) (Rechtsw.) Jntellectuelle Theilnahme im Gegensatz der physischen Theilnahme, bei einem Verbrechen die Mitwirkung, welche ein Gehilfe dem eigentlichen Thäter des Verbrechens durch intellectuelle Mittel, durch Ertheilung von Rath und Anschlag, leistet. Jntellectueller Urheber, im Gegensatz des physischen, derjenige, welcher in dem Thäter des Verbrechens den verbrecherischen Entschluß durch Befehl, Auftrag, Nöthigung, Unterricht rc. zur Reife gebracht hat, s. u. Lonoursuo 5). r) Schroot. Jntemperanz (v. Lat.), Unmäßigkeit. Jntempestiv (v. Lat.), zur Unzeit. Intendant, Ausseher, Verwalter, auch so v. w. Director, Leiter einer Anstalt, eines Instituts: Theater-J., Mufik-J. rc. Der oberste Verwalt- nngsbeamte eines Heeres od. einer Heeresabtheilung, hiernach unterscheidet man General-, Armee-, Corps-, Divisions-J-en; sie sind entweder Offiziere oder höhere Militärbeamte, theilS mit, theils ohne — Jnterainna. militärischen Rang; sie sind die Vorsteher der militärischen Verwaltungsbehörden, die Intendanturen genannt werden und von welchen alle Kaffen-, Verpflegungs-, Bekleidungs-, Kaserne- ments- u. s. w. Angelegenheiten refsortiren. Im deutschen Heere bestehen bei jedem Armee-Corps eine Corps-, bei jeder Division eine DivisionS- Jnteudantur, welchen eine Anzahl Jntendantur- NLthe, -Secretäre u. s. w. beigegeben sind. Die Intendanturen unterstehen sowol direct dem Kriegsministerium (Militär-Ökonomie-Departement), als auch dem betreffenden General-, resp. Divifions- Commando, bei welchen die J-en Vortrag über alle Verwaltung und Ökonomie der unterstellten Truppen betreffenden Angelegenheiten haben. Den mobilen Truppcnverbänden werden Feld-Intendanturen zugetheilt, während die stellvertretenden oder Proviuzial-Jntendanturen alle Militär-Verwaltungsangelegenheiten des heimathlichen Corpsbezirkes besorgen. Die deutsche Marine-Intendantur wurde in den Anfängen der preuß. Marine von der Intendantur des 2. ArmeecorpS verwaltet, 1854 als Marine-Jntendantur-Abtheil- uug der Intendantur des 3. Armeecorps attachirt, 1856 befand sie sich bereits als Marine-Stations- Jntcndautur der Ostsee in Danzig, von wo sie 1862 als Marine-Intendantur nach Berlin übersiedelte, um endlich 1872 getheilt zu werden in die Stations-Intendantur der Marine-Station der Nordsee zu Wilhelmshaven und in die der Ostsee zu Kiel. Die abschließenden Geschäfte der Marine- Intendantur gingen auf das neuerrichtete Decernat sür Rechnungs-Revision über, dem der einzige deutsche Mariue-J. vorsteht. Vorsteher der Stations-Intendanturen sind Marine-Jntendantur- Näthe mit dem Charakter als Stations-J-en; auf bedeutendere Geschwader wird jetzt auch ein Marine-Intendantur-Rath als Geschwader-J. com- mandirt. z- Fest. Intendantur, s.u.Intendant. Intendanz, die Verwaltung, dann das Amt eines Intendanten. Jntendiren (v. Lat.), 1) ausstrecken, spannen; 2) anstrengen; 3) bezwecken. Jntension (v. Lat.), Anspannung der inneren Kraft, welche, sofern man sie mit einer anderen vergleicht, zur intensiven Größe wird, im Gegensatz von extensiver (räumlich ausgedehnter) Größe. Intensives Gefühl, ein lebhaft erregtes Gefühl. Intensive Willenskraft, Eigenheit eines selbständigen Charakters. Intensität (v. Lat.), 1) Zustand der Angespanntheit ; 2) Wirksamkeit, Stärke, Kraft. Intensiv, s. u. Jntension. Jntensivum, ein Zeitwort, welches eine Verstärkung oder ein Beharren bei einer Handlung ausdrückt. Jntensivtvirthschaft, s. Betriebssysteme. Intention (v. Lat.), Absicht, Zweck; daher Intentioniren, beabsichtigen. JntentivnaliZ- mus, Glaube, daß der Zweck (Intention) die Mittel heilige. Intor (lat.), unter, zwischen, während. Jnteramna (a. Geogr.), 1) Stadt in Umbrien am Nar; Vaterstadt des Geschichtschreibers Taci- tus und der Kaiser Tacitns und Flvrianus; jetzt Terni. 2) I. Livinas, in Latium, am CasinuS, 763 Inter ariüL silsnt le^sg römische Colome, die aber bald verfiel, vielleicht das jetzige Teramo. Inter srms rilent leger (lat.), während des Krieges schweigen die Gesetze, d. h. im Kriege werden dieselben nicht beachtet. Intereslsris (lat.), eingeschaltet; I. annus, Schaltjahr; I. ckiss, Schalttag. Bei den Ärzten Tage, welche weder zum Arzneigebrauch, noch zu Krisen günstig find, nämlich der 3., 5., 9., 13. und 15. Jntercalation, Einschaltung. Jntercediren (v. Lat.), 1) dazwischen treten; 8) ins Mittel treten, sich verwenden; daher Intsr- eoäonäo, durch Verwendung, durch Fürsprache. Jntcrcellulargnng, s. Gewebe. Jntcrcellularranm, s. Gewebe. Jntercellularsubstanz, s. Gewebe. Jnterception (v. Lat.), Aufsaugung, Unterschlagung. Jntereession (v. Lat.), das Dazwischentreten, Vermittelung; Interosrsio Odrirti, Fürbitte Jesu für die Seinen bei Gott, ein Theil seines hohen- priesterlichen Amtes. I. sanotorum, Fürbitte der Heiligen. Im Rechtsw esen die Übernahme einer Verbindlichkeit für einen Andern, neben demselben oder statt desselben, wodurch der Übernehmende (Jntercedent, Jntercessor) sich der Gefahr anssetz!, anstatt desjenigen, welchen die Schuldverbindlichkeit eigentlich angeht, vom Gläubiger in Anspruch genommen zu werden und aus seinem Vermögen Zahlung leisten zu müssen. Die I. ist a) eine kumulative, wenu der Jntercedent »eben den eigentlichen Schuldner gestellt wird, so daß der Gläubiger seine Forderung gegen den einen oder andern richten kann. Dies ist der Fall bei der Bürgschaft (s. d.), vem Oonsiitutum üoditi alisni (s. u. Dcmstitubum) und der Psandbestellung für eine fremde Schuld, wodurch man diese ohne persönliche Verbindlichkeit gewissermaßen aus seine Sache übernimmt; d) eine privative, wenn der Jntercessor die Obligation statt des Andern übernimmt, so daß der Gläubiger nunmehr gegen den Letzteren keine Forderung mehr hat. Dahin gehört die Übernahme einer fremden Schuld durch Expromission (s. d.), durch Eingehung eines Com- promisses für den Schuldner u. die Litiscontestation od. Übernahme der Defenswn gegen eine Schuld- klage für einen Andern. Im Staats- u. Völkerrecht die Verwendung eines Staates bei einem andern für Uuterthauen eines der beiden Staaten, oder auch eines dritten, um ihnen zu gerechten Forderungen zu verhelsen, sie gegen Beleidigungen oder Unrecht zu schützen, oder auS der Kriegsgefangenschaft zu reclamircn rc., sowie auch zu Gunsten der Uuterthauen des fremden Staates überhaupt. — Jntercident (lat.), dazwischenfallend, unterbrechend. Jntcrcision (v. Lat.), Durchschnitt, Einschiebsel, Zimschensatz, Unterbrechung. Intsrcolumnlum (lat., Bank.), der Raum zwischen zwei Säulen, Säulenabstand. Interkostal (v. Lat.), zwischen den Rippen gelegen, z. B. J-raum, J-nerv rc. Interkostalneuralgie (ibsevralAia intsroo- stalio), in Anfällen auflretende, meist den 5.—8. Jntercostalraum blitzartig von der Wirbelsäule nach — Interessenvertretung. dem Brustbeine durchschießende heftige Schmerzen auf einer Körperseite, die durch leichte Berührung, wie durch das Anstreifen der Kleidungsstücke, er- regt, durch derben Druck aber gemindert werden. Nicht selten besteht gleichzeitig der Gllrtelausschlag. Als Ursachen beobachtet man nervöse, geschwächte Constitution, Lungentuberculose, Wirbelkrebs und dergl. Sehr häufig sind die Ursachen nicht zu erkennen. Kun». Interdikt (v. lat. Intsräietum), 1) im Römischen Recht ursprünglich ein Befehl, Gebot (Dg- orstum) od. Verbot (I. im engeren Sinne), welchen der Prätor bei gewissen Nechtsirrungeu sofort aus Antrag einer Partei erließ, der aber, wenn der Gegner Widerspruch entgegensetzte, nur zur Einleitung und Grundlage eines weiteren Verfahrens diente. 2) Das kirchliche I. ist einegenerelle Excommunication, vermöge welcher entweder für einen Ort, an dem eine gewisse Person erscheint (personales I.), oder für eine einzelne Kirche, eine Stadt, ein Land an sich (locales I.) die Verwaltung der Sacramente, die Feier des Gottesdienstes u. das kirchliche Begräbniß verboten wird. In Gefahr kann jedoch Taufe n. Firmung, das Bnßsacrament aller am J-e Unschuldigen, die Eucharistie in der Todesgefahr gespendet werden. Die Geschichte hat solcher J-e eine längere Reihe aufzuweisen. Wegen der großen Nachtheile aber für Kirche, Glauben und Sitte ließen die Päpste Gregor IX.., Junocenz III. (der übrigens das I. am meisten und allgemeinsten zur Anwendung brachte) u. IV. u. des. Bonifacius VIII. Milderungen in Einzelnfälleu eiutretcn, und das Baseler Concil gestattete das I. über eine Provinz oder Stadt nur wegen eines großen Verbrechens der Stadt od. ihrer Obrigkeit, aber nicht wegen einer einzelnen Person. Seit dem 17. Jahrh. wurde das I. in größerem Umfang nicht mehr verhängt. 2 ) Löffler.« Intoräiotlo (lat.), Untersagung. Interesse (lat.), 1) die lebhafte Theiluahme au einem Gegenstand, insofern er einen Bezug auf uns selbst hat; daher Jnteressireu, Theil- nahmeerregen; Jnteressirt, die Denk-u. Handlungsweise, nach welcher ein äußerer Gegenstand nur auf den eigenen Vortheil oder das sinnliche Interesse bezogen wird; Interessant, was I. erregt; Interessent, der au einer Sache Interesse nimmt; Theilhaber an Etwas. 2) Im Nechtswesen istJ., iä guoä mbcrost, der Nutzen od. Schaden, den Jemand bei der Handlung eines Andern, oder bei einem Ereignisse hat, u. ist hier wiederum das I. ein rechtliches, wenn der Handelnde verpflichtet war, die Handlung selbst als schädlich zu unterlassen, oder doch mit Vorsicht zu üben. Das I. saßt in sich: die Erhaltung des Bestehenden, Rückgabe oder Ersatz des Werthes einer weggenommenen od. beschädigten Sache, sodann den positiven Verlust, der außer diesem Werthe noch erwuchs, Damnum emergens, u. endlich den Gewinn, der bei Unterlassung der beschädigenden Handlung zu machen gewesen wäre. 3) J-n, so v. w. Zinsen. — Interessenvertretung. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die Einzelnen, die Corporationen u. überhaupt die in irgend einer Weise gemeinsam 764 Interferenz. Betheiligten ihr Interesse vertreten u. dasselbe z» wahren suchen. Der vorstehende Ausdruck hat jedoch insofern eine specifisch politische Bedeutung bekommen, als es sich uni eine staatlich organisirte permanente Vertretung gewisser Klassen u. Stände als solcher sowol bei den Regierungen, als auch insbesondere auf den Landtagen handelt. Die Entwickelung des Feudalismus war es, welche eine solche I. zur Ausbildung brachte und zwar nicht zu Gunsten derjenigen, die eines besonderen Schutzes am meisten bedurften, d. h. nicht zu Gunsten der Unterdrückten, der Hörige», der in der Regel nach den Launen ihrer Gebieter Mißhandelten, sondern im Gegentheil, znm Vortheil der Bevorrechteten, der Unterdrücker, der herrschenden Klassen. Sie waren es, welche im Mittelalter u. bis zur Neuzeit herab ihre I. schufen u. aufrecht erhielten, nicht zum Besten der Gesammtheit der Staatsangehörigen, sondern zur Wahrung u. Ausbeulung ihrer Privilegien. So entstanden, nachdem die Masse der ursprünglich gleich-freien u. gleich-berechtigten Angehörigen der in der Völkerwanderung siegreichen Stämme mehr u. mehr in Hörigkeit und Leibeigenschaft herabgebracht war, allmählich die alten Landstände. Die Vertretungen der allein noch Freigebliebenen, des Adels, dann der Geistlichkeit, woneben nur die Bewohner gleichfalls privilegirter Städte, und in diesen namentlich die Zünfte, welche sich nicht minder Privilegien in ihren Orten erkämpft hatte», eigene Repräsentationen anfstellen konnten (es herrschte damals eine Hörigkeit der Werkstätte, einigermaßen ähnlich der des Feldes; für den Gesellen war es oft eben so schwer, Meister zu werden, als für den leibeigenen Bauer, die Emanci- pation zu erlangen). Es gehört zu den vielen n. hohen Verdiensten der ersten sranz. Revolution, dieses Stände-, d. h. Privilegien- u. Vorrechtswesen principiell gebrochen, u. dafür ein unendlich Höheres, das gleiche Recht Aller, wenigstens principiell, an dessen Stelle gesetzt zu haben. Damit mußte denn auch die Vertretung Aller in den Lan- desversammlungen die gleiche werden. Wie sehr u. wie lange sich auch Herkommen, Vorurtheil u. Sonderinteresse (Egoismus) dagegen sträubten, namentlich in Demschland, ließ sich die Anerkennung des Grundsatzes, wenn auch unter gar mancherlei Beschränkungen, schließlich doch nicht vermeiden. Man machte nun allerdings einen Unterschied nach dem Geldvermögen, indem man einen Census einführte; allein abgesehen davon, daß die Bedürfnisse der Staaten im Allgemeinen weit mehr durch indirecte als durch directe Steuern aufgebracht werden, welche ersten vorzugsweise aus den Minderbesitzenden lasten, müssen diese infolge der allge- meinen Wehrpflicht, die drückendste aller Leistungen, den Militärdienst, mindestens eben so sehr wie die Reichen tragen, so daß auch diese Unterscheidung logisch unhaltbar erscheint. Dies Alles hat jedoch das wiederholte Austauchen des Verlangens nach I. nicht abgewendet. Allerdings wird eine solche nicht mehr in der früheren Weise begehrt; Adel u. Klerus sollen nicht aufs Neue privilegirt werden, dagegen aber die Großgrundbesitzer und die einzelnen gewerblichen Stände, Brnchtheile des früher sog. Dritten Standes. Das Verlangen sucht sich um so mehr geltend zu machen, wenn wirthschaftlich ungünstige Zeiten Hereinbrechen, od. wenn reactionäre Strömungen zur Herrschaft gelangen. Eine Verwirklichung ist aber, wie die Dinge liegen, kaum mehr möglich, und wäre sie es, so würde das Ergebniß znm Unheil Aller gereichen. Was man erstrebt, würde zu einer Art potenzirten Zunftwesens führen. Jeder Stand, ja jedes einzelne Gewerbe könnte consequenter Weise seine eigene Standesvertretnng auf den Landtagen fordern; es gäbe kollain omnium contra, ornnos. Wo wäre die Grenze, wenn es sich um Normirung der zu vertretenden Stände handelte, und wer bestimmte das proportionale Ver- hältniß der einzelnen Klassen und Stände? Der Widerstreit entgegengesetzter Interessen wäre nicht aus der Welt geschafft, sondern er würde nur geschärft u. desto erbitterter entbrennen. Die Mißstände, über die man, u. zwar mitunter nicht ohne Grund, klagt, lassen sich nun einmal auf diese Weise nicht heben, dazu bedarf es des Auffindens anderer Mittel. Selbstverständlich ist es dabei, daß das Gesagte nicht ansschließt ein Geltendmachen berechtigter Interessen durch Gewerbs- u. Handelskammern, durch Vereine von Industriellen der verschiedenen Zweige n. s. w., nur darf die Entscheidung in eigener Sache, namentlich eine maßgebende Gewalt, keinenfalls in die Hände Derjenigen gelegt werden, welche eigens als Wortführer der betreffenden Klasse aufgestellt sind; dies hieße geradezu die allgemeinen Interessen den Sonderinleresseu unterordnen und zum Opfer bringen. K°lb. Interferenz (v. engl, to intcrlsrs, Zusammenwirken, sich vermischen), die durch das Zusammentreffen zweier od. mehrerer Wellensysteme hervorgebrachte Verstärkung od. Schwächung ihrer Wirkung. Der Ausdruck stammt von dem engl. Physiker Aonng her u. ist fast in alle neueren Sprachen übergegangen. Tie I. - Erscheinungen zeigen sich bei allen Arten von Wellen, so beim Schall, Licht, strahlender Wärme u. s. w. und haben namentlich bei der Lehre vom Licht insofern eine sehr wichtige Bedeutung, als durch sie insbesondere die moderne Auffassung des Lichts gestützt wird, nach welcher dieses als eine oscillirende Bewegung der Äthertheilchen in einer zur Richtung des Strahles rechtwinkligen Ebene betrachtet wird. Wenn sich zwei Schall- od. Lichtwellen gleicher Länge (d. h. gleich hohe Töne resp. gleiche Farben) nach einer u. derselben Richtung od. wenigstens nahezu in einer u. derselben Richtung fortpflanzen, so wird, wenn kein Phasenunterschied stattfindet, d. h. wenn ein Wellenberg resp. Wellenthal der einen mit einem Wellenberge resp. Wellenthale der anderen Welle zusammentrifft, eine Verstärkung des Tones resp. des Lichtes stattfinden; ist aber ein Phasennnterschied vorhanden, so können sich die Wirkungen schwächen u. unter Umständen gänzlich aufheben. Läßt man z. B. einen Ton durch einen sich verzweigenden Kanal gehen, so daß.die Tonwellen, wenn sie wiederznsammeutreffen, verschiedene Wege durchlaufen haben, so wird im Allgemeinen ein Phasenunterschied u. somit I. eintreten. Am günstigsten ist offenbar der Fall, wo der Phasennnterschied */? Wellenlänge beträgt, Optik II Fig. I. Fresnels Spiegelapparat. Fig. 2. Schematische Darstellung der Interferenz zweier Lichtwellenspsteme. Znm Artikel: „Interferenz/ P. U.-C.-L. s. Aust. 765 Interferenz. da dann ein Wellenthal mit einem Wellenberge zusammentrisst, u. der Ton unter Umständen znm Schweigen gebracht wird. Man überzeugt sich hiervon sehr leicht vermittelst deS Quinckcschen Apparates. Zwei gabelförmige Glasröhren sind mit ihren Enden einmal durch eine» kurzen und ferner durch einen langen Kautschuckschlauch derart verbunden, daß die Differenz der Wege gleich der halben Wellenlänge des Stimmgabel - a ist. Bringt man nun das eine Ende des Apparates in den Gehörgang, während man an dem anderen eine Stimmgabel zum Tönen bringt, so hört man den Ton der Stimmgabel nicht, nimmt ihn aber sofort wahr, wenn man den einen Weg durch Zusammendrücken des KamschuckschlaucheS ver- ,-hließt. Aus I. der Schallwellen beruhen u. a. noch die Schwebungen od. Stöße (Lattsmonk), welche wir hören, wenn zwei nahezu, aber nicht mz gleiche (od. auch consouirende) Töne unser Ohr treffen, sowie die Lombinationstöne (s. d.). Die J.-Erscheinuugen des Lichtes wurden zuerst von Gr> .'.aldi beobachtet, der 1665 in seiner Ab- Handlung: kliz-sieo - Uabüssis äs Inmins den Satz aus,prach, daß Licht zu Licht gebracht Dunkelheit erzeugen könne. Aber erst Doung (1802) benutzte >>' von Grimaldi u. ihm selbst in ver- vollkomniueter Weise gemachte Beobachtung zum Nachweis der Richtigkeit der Wellentheorie des Lichtes. Er ließ durch zwei sehr seine u. einander sehr nahe Öffnungen vermittelst sarbiger Gläser homogenes Licht, d. h. Licht von einer Farbe in ein dunkles Zimmer fallen u. fing beide Bilder in ihrem Durchschnitt mit einem weißen Schirme auf. Er beobachtete hierbei Helle u. dunkle Streifen, die sofort verschwanden, wenn eine der Öffnungen geschlossen wurde. Diese Erscheinung erklärte Ssoung dadurch, daß der Phasennnterschicd der beiden Lichtwellen an den dunkelsten Stellen ein ungerades Vielfaches (V-, V-, .) einer halben Wellenlänge, an den hellsten Stellen ein gerades Vielfaches (°/z, 2/z, 4/2 .) einer halben Wellenlänge betrage. Fresnel benutzte bei dem nach ihm benannten Fresnelschen Jnterferenzversnche (1815) zwei unter einem Winkel von nahezu 180° geneigte Spiegel von schwarzem Glase oder Metall (s. Tas. Optik II. Fig. 1.), auf die er homogenes Licht fallen ließ. Er erhielt so zwei nahezu nebeneinander liegende Bilder. Betrachtete er dann den Durchschnitt der von den Bildern zurückgeworfenen Lichtstrahlen, so sah er auf dem Schirme abwechselnd Helle u. dunkle Streifen; letztere ver- schwanden sofort, wenn er einen der Spiegel bedeckte. Das Zustandekommen dieser J-streifen erläutert die schematische Fig. 2 der soeben citirten Tafel, k ist ein leuchtender Punkt, u. L6 die (in der Fig. unter einem zu großen Winkel zusammenstoßendeu) Spiegel, N u. N die beiden Spiegelbilder von sie sind die Mittelpunkte von Kreisen, welche die Äthertheilchen von gleicher Schwingungsphase verbinden, u. zwar streben die einer ausgezogenen Kreislinie angehörigen Ather- theilchen alle nach der einen, die einer punktirten Kreislinie angehörigen Theilchen nach der entgegengesetzten Seite hin sich zu bewegen. In den Punkten b, u, L stimmt die vom Lichtpunkte Ll erregte Bewegung eines Äthertheilchens mit der von erregten überein, beide Bewegungen unterstützen einander also, so daß das betreffende Äther- theilchen in verstärkte Oscillation geräth, daß also an diesen Punkten das Licht verstärkt wird; in L- s, b, r dagegen ist die Bewegung, die ein Äthertheilchen unter der Wirkung von N zu machen strebt, derjenigen entgegengesetzt, zu der es von dl erregt wird; hier heben beide Bewegungsantriebe einander auf, so daß in diesenPunkten die Athertheil- chenin Ruhe bleiben, od. daß hier Dunkelheit erzeugt wird. Anstatt des S)ounglchen J-spiegels dient auch das Pouilletsche J-priSma, ein Prisma von sehr stumpfem Winkel; Las von einem Lichtpunkte kommende, durch die beiden den stumpfen Winkel einschließenden Flächen austretende Licht erscheint dann so, als ob es von zwei etwas von einander entfernten Lichtpunkten herkäme. Die Abstände oer Hellen J-streifen sind für verschiedenfarbiges Licht verschieden, u. zwar um so kleiner, je näher die Farbe dem violetten Ende des Spectrums liegt. Bei Anwendung weißen (od. sonst zusam- mengesetzten) Lichtes erscheinen daher die J-streisen farbig gesäumt. Aus I. des Lichtes beruhen u. a. Sie Farbenerscheinungen an dünnen Blättchen durchsichtiger farbloser Körper. Ein Theil des dieselben treffenden Lichtes wird nämlich an der vorderen Fläche reflectirt, ein Theil aber wird daselbst gebrochen, tritt in die Schicht ein u. wird an deren Hinterer Fläche zum Theil wieder reflec- tirt, zum Theil gebrochen u. tritt aus der Schicht ins umgebende Mittel aus; der reflectirte Theil gelangt an die vordere Fläche, wo er wieder zum Theil gebrochen wird u. austritt, zum Theil wiederum ins Innere der Schicht reflectirt wird, u. s. w. Daraus ergibt sich, daß von jedem Punkte der Vorderfläche der dünnen Schicht unzählige Strah- len in derselben Richtung zurückkommen: Ein in viesem Punkt reflectirter Strahl, ferner ein Nach- barstrahl, der an der Hinteren Fläche reflectirt wurde; ein zweiter Nachbarstrahl, der dreimal, u. zwar zuerst an der Hinteren, dann an der vorderen und zuletzt wieder an der Hinteren Fläche reflectirt ist, endlich ein 5mal, 7mal u. s. w. reflectirter Strahl. Alle diese Strahlen werden nun interferiren. Der Einfachheit wegen betrachten wir indessen nur die beiden ersten intensivsten Strahlen. Die Schwingungsphasen dieser beiden Strahlen werden aber im Allgemeinen verschieden sein, und zwar aus zwei (Ursachen. Der letztere Strahl hat erstens einen größeren Weg zuruck- gelegt als der erstere, nämlich den Weg von der vorderen Fläche der Schicht durch diese nach der Hinteren u. wieder zurück, bei senkrechtem Auffallen also die doppelte Dicke der Schicht, er ist also dem entsprechend in seiner Schwingungsphase gegen den elfteren verzögert; dazu kommt zweitens, daß der eine der beiden Strahlen an einem optisch dünneren, der andere an einem optisch dichteren Mittel reflectirt wurde, was, da die Schwingungs- richtung bei Reflexion an einem optisch dichteren Mittel (nach Fresnel) umgekehrt wird, einer aber- maligen Verzögerung des einen Strahles um seine halbe Wellenlänge gleichkommt. Ist daher z. B. die Dicke der Schicht V« der Wellenlänge des rochen Lichtes, so wird, bei senkrecht auffallendem rothem Lichte, der Gangunterschied beider Strah- 766 IntSI-AV - len aus der erstgenannten Ursache eine halbe u. aus der zweiten noch eine halbe, im Ganzen also eine ganze Wellenlänge (des rothen Lichtes) betragen, beide Strahlen also in gleicher Schwingungsphase sich befinden, folglich einander unterstützen; beträgt dagegen die' Dicke der Schicht H Wellenlänge, so wird der Gangunterschicd 1 -j- H Wellenlängen betragen, beide Strahlen befinden sich in entgegengesetzten Schwingungsphasen ».vernichten einander; die erstere Schicht wird also bei auffallendem homogen rothem Lichte hell, die zweite dunlel erscheinen; bei auffallendem weißem Lichte wird die letztere Schicht die Mischfarbe aller nicht ausgelöschten Strahlen, die Complementärfarbe des ausgelöschten Roth, also eine grüne Farbe, zeigen. Hat die Schicht an verschiedenen Stellen eine verschiedene Dicke, so wird sie bei homogenen! Licht an einzelnen Stellen dasselbe anslöschen, an anderen nicht; bei weißem Lichte wird sie an den verschiedenen dicken Stellen verschiedene Farben zeigen. Ist insbesondere an einer Stelle die Dicke der Schicht Null (verschwindend klein), so kommt für den Phasenunterschied bloß die zweite der oben genannten Ursachen in Betracht, derselbe ist gleich einer halben Wellenlänge; die Stelle erscheint demnach dunkel. Bei durchsalleudem Lichte finden analoge Erscheinungen statt; das die Schicht treffende Licht geht theils durch dieselbe hindurch, nachdem cs einfach an beiden Grenzflächen der Schicht gebrochen ist, theils wird es, nachdem es an der Hinteren Fläche gebrochen worden, an der vorderen reflectirt, geht also in die Schicht zurück, um an der Hinteren abermals (theilweise) reflectirt u. dann an der vorderen wieder gebrochen zn werden rc.; auch hier betrachten wir nur die beiden ersten Strahlen. Dieselben zeige» ebenfalls eine verschiedene Schwingungsphase, was wieder zu einem Theil aus dem von dem einen zurück- gelegten größeren Weg beruht; da aber in diesem Fall der eine Strahl zweimal gebrochen ist und zwar beide Male an einem u. demselben Mittel, so entsteht durch diese zweite Ursache entweder gar kein weiterer Phasenunterschied, oder der einer ganzen Wellenlänge entsprechende; woraus folgt, Laß die beiden Strahlen bei durchfallendem Licht immer dann sich verstärken, wenn sie sich bei auffallendem Lichte ausheben u. umgekehrt, sowie daß die Farben der dünnen Schicht bei durchfallendem Lichte die Complementärfarben derjenigen bei auffallendem sind. Hervorragende Erscheinungen dieser Art sind die NewtonschenFarbenringe, welchedadnrch hervorgebracht werden, daß man auf eine ebene Glasplatte eine schwach convexe Linse (Uhrglas) legt u. den so erhaltenen Apparat bei auffallendem Licht von einem schwarzen Grund betrachtet. Bei homogenem Licht sieht man um den dunklen Berührungspunkt beider Gläser Helle concentrische Ringe, deren Durmesser sich wie /l : s/ll : f/ü rc. verhalten, abwechselnd mit dunklen Ringen, deren Durchmesser im Verhältniß /2 : f /4 : s/s rc. stehen. Bei Anwendung weißen Lichtes bilden sich farbige Ringe, deren Farben, vom schwarzen Mittelpunkt an, in einer bestimmten Ordnung auf einander folgen (schwarz, blaugrau, weiß, gelb, orange, roth; violett, blau, gelbgrün, gelbroth; purpur, - Interim. indigblau, grün, gelb, rosa, karmoisin; blangrün, gelbroth, schwarzroth rc.) Auch bei dnrchfallendem Licht werden ähnliche Ringe beobachtet; sie zeigen bei homogenem Licht Helle Ringe an Stelle der dunkeln n. umgekehrt, bei weißem Licht an Stelle der oben genannten Farben deren Complementärfarben. — Auf analoge Weise erklären sich die Nobilischen Farbenringe, welche man erhält, wenn man auf einer blanken Silberfläche einen großen Tropfen einer Lösung von essigsanrem Kupferoxyd ausbreitet u. einen zugespitzten Zinkstab durch die Mitte des Tropfens stellt, so daß er das Silber berührt; Zink, Silber u. die Lösung bilden eine galvanische Kette, u. es entsteht ein Strom, der vom Silber unmittelbar ins Zink n. von diesem durch die Flüssigkeit ins Silber geht; die Flüssigkeit wird daher zersetzt und eS lagern sich auf dem die negative Elektrode bildenden Silber dünne Schichten Kupfer ab, welche concentrische Farbcnringe zeigen; man erhält dieselben Ringe noch schöner, wenn man das Silber mitdemnegativenPol einer galvanischen Säule verbindet u> einenden positiven Pol bildenden Platindraht so in den Flllssigkeitstropfen taucht, daß er das Silber nicht berührt. Auch eine Lösung von essigsanrem Bleioryd gibt Nobilische Farbenringe, die sich niederschlagende Schicht besteht dann (s. Elektrolyse) ans Bleisuperoxyd. Man verwendet die mit essigsanrem Bleioxyd erzeugten Farbenringe zur Verzierung metallener Luxusgegenstände, wie Tischglocken u. dgl. — Analoge Farbenerschein- uugen sind die Farben von Seifenblasen, die Farben auf der Oberfläche faulen od. fettigen Wassers, auf blinden Glasscheiben, die Farben der Perlmutter, die Farben, welche durch dünne Oxydschichten auf „angelassenen" Metallen erzeugt werden rc. Die I. der strahlenden Wärme wiesen zuerst Fizeau u. Foncault durch ein dem Fresnel- scheu Spiegelversnch ähnliches Verfahren nach, wobei sich durch Beobachtung mit einem Weingeist-Thermometer deutlich zeigte, daß die Temperatur in den Hellen Streifen bedeutend höher war, als in den dunkeln. Später stellten namentlich Seebeck u. Knoblauch nach anderem Verfahren Versuche an, die ebenfalls die I. der strahlenden Wärme zeigten. In tergo (lat.), auf dem Rücken, auf der Rückseite. Intöriour (franz.), das Innere, Innenansicht von Bauwerken rc. Interim (lat., d. i. einstweilen), 1) zur Zeit der Reformation gegebene Verordnung, wie cs mir den streitigen Punkten in der Religion gehalten werden sollte, bis ein Concil die Streitigkeiten in der Kirche entschiede. 1541 legte auf dem Reichstag zu Regensburg Granvella, der kais. präsidirende Minister, eine wahrscheinlich vom Canonicus Joh. Gropper verfaßte Schrift vor, auf Grund deren man sich in dem zwischen Joh. Eck, Jul. Pflug u. Joh. Gropper katholischerseits, u. Melanchthon, Bucer und Joh. Pistorius protestantischerseits gehaltenen Colloquium über die Lehren von der Vollkommenheit der menschlichen Natur vor dem Falle, über die Willensfreiheit, die Erbsünde und Rechtfertigung einte, über die Sacramente u. die Gewalt der Kirche aber auseinander ging. Der Kaiser erklärte darauf im Reichstagsabschiede 29. 767 IllterilllistiourQ Juli 1541, daß bis zur Fortsetzung der Verhandlungen auf einem Concil, die Protestanten einstweilen die verglichenen Artikel nicht überschreiten, noch dagegen austreten sollten. Nach diesem Regensburger I. versuchte Karl V. eine zweite einstweilige Ausgleichung des Religionsstreites auf dem Reichstage zu Augsburg durch das Augsburger I. vom 15. Mai 1548, welches von kath. Seite Jul. Pflug u. Michael Sidonius (Holding), von prot. Seite Joh. Agricola aufgestellt, den Protestanten den Kelch, die Priesterehe und anderes weniger Wesentliche zngestand, aber weder die Katholiken noch die Protestanten befriedigte. Während es in Süddeutschland durch die dort herrschende kaiserliche Übermacht aufrecht erhalten wurde, lehnte Norddeutschland dasselbe theilS entschieden ab, theilS milderte es daran. Da suchte Kurfürst Moritz von Sachsen zu vermitteln und durch seine Bemühungen kam aus dem Landtage zu Leipzig das Leipziger I. vom 22. Dec. 1548 zu Stande, verfaßt von Melanchthon, Bugenhagen, Paul Eber, Georg Major u. Pfeffinger. Dasselbe gestand den größten Theil des kath. Ceremoniels als gleichgiltig (aäiaxboron) zu, erkannte auch die päpstliche und bischöfliche Gewalt, sofern sie nicht mißbraucht würde, an und zerfiel in das große u. das kleine I.; letzeres, aus einer Berathung der kursächsischen Theologen zu Celle hervorgegangen, diente dem großen zur Grundlage, das auf einem neuen Landtage aufgestellt wieder mehrere Gebräuche der kath. Kirche anfnahin und damit den Unwillen der strengen Lutheraner auss Äußerste reizte. Der deshalb entstandene Streit wird als der interimistische od. adiaphoristi- sche bezeichnet. Durch den Passauer Vertrag 1552 u. noch mehr durch den Augsburger Reli- gionssrieden 1555 wurden alle J-s ansgehoben. tntsrimistleum (lat.), jede provisorisch eintrctende Maßregel; insbesondere I. äsorstnm (Jnterims- decret, JnterimSbescheid, Provisorium), gerichtliche Verfügung, durch welche über das Verhältniß des Streitgegenstandes während der Verhandlung des überdenselben entstandenenProcesseS bestimmt wird. Interimistisch (v. Lat.), einstweilig. Jnterimsschein. der Schein, welchen em Schuldner über eine eigentlich fällige, aber vom Gläubiger noch gestundete Leistung einer Schuld einstweilen ausstellt; ist derselbe in Wechselform, so heißt er JnterimSwechsel; s. v. w. Inter- imSactie, d. i. der auf einzelne Actieneinzahlungen vorläufig ansgestellte Schein, gegen welchen nach voller Einzahlung des ganzen Betrages die wirkliche Actie eingetauscht wird. Jnterimswirthschaft, die in vielen Gegenden Deutschlands ber den Bauerngütern sich findende Einrichtung, nach welcher, wenn bei Vererbung des Gutes der Anerbe noch nicht das zu dessen Uebernahme erforderliche Alter erreicht hat, die Bewirtschaftung durch einen Stellvertreter cintritt, dem dann aber in Beziehung auf diese alle Rechte und Verbindlichkeiten krast selbständiger Berechtigung wie dem wirklichen Bauer zukommen. Außerdem kani die I. aber auch in der Weise vor, daß der Vormund mit Zustimmung der Ober- Vormundschaft u., wenn das Bauerngut in einem Unterthänigkeitsverhältnisse stand,mit Genehmigung — Jntermission. des Gutsherrn einen JnterimSwirth bestellte. Derselbe genießt mit Ausschluß einer Veräußerung oder Verpfändung alle Recht- eines wirklichen Eigentümers. Die I. endigt mit dem Ablauf gewisser Jahre (Mahljahre), welcher regelmäßig mit dem Eintritt der Volljährigkeit des Erben zu- sammenfällr, außerdem mit dem Tode oder einge- tretenerWirthschaslsunsähigkeitdesJnterimswirths, nicht aber mit dem Tode des Anerben, weil dem Jnteriniswirth ein Recht auf Aushaltung der be- stimmten Wahljahre zusteht. In neuerer Zeit werden solche Güter gewöhnlich bis zur Großjährigkeit des Erben verpachtet. Rhode. Interjektion, Empfindungswort, Laut, womit der Mensch Empfindungen der Freude, der Verwunderung , der Furcht, des Schmerzes rc. ausdrückt, z. B. o, ah, ach, weh rc. Jnterlaken (von Inter laons, d. i. zwischen den Seen), Dorf im gleichnam. Bez. des schweiz. Kantons Bern, in der Niederung zwischen dein Thuner- u. Brieuzer-See, dem Bödeli (s. d.); Station (See-Station am Thuner-See) der BLdeli- bahn; bildet mit dem angrenzendenDorse Aarmühle (zusammen 1313 Ew.) u. dem Städtchen Unterseen (1580 Ew.) eine zusammenhängende, laugge- streckte Ortschaft, zur Gsm. Aarmühle gehörig. Die außerordentliche Milde des Klimas und die reizende, großartige Umgebung haben I. zu einem weltberühmten Sommeraufenthalte von Fremden aller Nationen (jährlich 20—30,000) gemacht, zugleich ist der Ort auch wegen seiner günstigen Lage ein gutes Standquartier für Ausflüge in die Thäler und auf die Berge des Berner Oberlandes. I. hat auch eine berühmte Molkenkuranstalt. Vgl. Meher-Ahreus, I. als klimatischer Kurort, Bern 1869; Gelpke, I. in historisch-klimatischer u. ästhetischer Beziehung, ebd. 1870. Interlinear (v. Lat.), zwischen die Zeilen gesetzt; Jnterlinearversion, Übersetzung einer Schrift, welche zwischen den Zeilen des Textes steht u. zwar so, daß über jedem einzelnen Wort das demselben entsprechende der Übersetzung steht. Interlokut (Jnterlocutorisches Urtheil, Illtor- loentorium, lat.), ein Zwischenerkenntniß, welches den Proceß nicht definitiv entscheidet, sondern die Entscheidung von dem Urtheil über eine Vorfrage, z. B. über den Beweis (Beweisinterlocut), abhängig macht. Interluäes (Inteiluäinm, Mus.), Zwischenspiel. Interlunium (Astron.), Neumond. Intermaxillarknochen (Jntermaxillarbein, Intsimarillars os), der Zwischenkiefer. Jntermedium (lat.), Zeitraum zwischen zwei Terminen. Intermezzo (v. Jial.), 1) was zwischen zwei Dinge tritt. 2)selbständiges Zwischenspiel, bestehend in einer kleinen dramatischen Darstellung resp. Singspiel, von einfachster Handlung, einem heiteren Charakter n. von 2 od. 3 Personen gespielt, das zwischen die einzelnen Acte theatralischer Vorstellungen, meist zur Ausfüllung, hiueiugeschoben wird. In tormmia bleiben (lat.), Maß n. Ziel halten. In termwo, am gesetzten Termine. Jntermission (v. Lat.), Unterbrechung; Absatz; vonJntermittireu, dazwischeustellen, aussetzen, Pause machen. 768 Intern — Interpellation. Intern (lat.), innerlich, Zögling einer Er- ziehungs- u. Unterrichtsanstalt, der in derselben zugleich auch Wohnung u. Kost erhält, im Gegensatz zu den Externen, die nur den Unterricht daselbst genießen. Interne Angelegenheit ist eine solche, welche die Angehörigen eines gewissen Verbandes, Kreises rc. unter sich zu besorgen n. zu entscheiden haben, ohne daß den Außerhalbstehenden ein Recht der Einmengung zustände. International (v. Lat.), die wechselseitigen Beziehungen zwischen verschiedenen Nationen betreffend, in neuester Zeit gleichbedeutend mit völkerrechtlich; daher Internationales Recht, so v. w. Völkerrecht, Internationale Privatrechte, Privatrechte, in welchen verschiedene Rechte übercinstim- men; Internationaler Verkehr, der Handel mit dem Ausland in Beziehung zum inneren Handel. Internationale Arbeiterassociation (in- ternationals rvorlling msn's Lsoodabiou). Dieselbe ist eine der Organisationen, vermittelst deren hervorragende Vertreter des Socialismns n. Com- munismus, namentlich Karl Marx und Friedr. Engels in London, das wirthschaftliche Gebäude der Zukunft nach ihren Anschauungen zu verwirklichen suchen. Ausgehend von dem Streben, möglichst alle Arbciterkräfte zu vereinigen, n. dadurch eine nnwiderstehbare Macht zu schaffen, forderten die genannten Führer zu einer Verbindung auf, welche sich nicht aus einzelne Länder und Nationalitäten beschränken, sondern ini Gegentheil, diese Hemmnisse der allgemeinen Menschenverbrüderung beseitigend, alle Diejenigen umfassen sollte, welche das Bedürfnis) der Herstellung einer neuen Grundlage der gejammten bürgerlichen Gesellschaft erkannten, ohne Rücksicht aus Verschiedenheit der Nationalität n. Religion. Die Herrschaft des Capitols sollte gebrochen und ein Zustand geschaffen werden, in welchem der (schon zu Anfang der 1830er Jahre von den St. Simonisten in Frankreich verkündete) Grundgedanke: Jedem nach seinen Leistungen u. nach seinen Bedürfnissen, Verwirklichung fände. Im Jahre 1849 erschien die erste öffentliche Aufforderung zu einein in Brüssel abzuhaltenden Internationalen Arbeitercongreß. Derselbe kam jedoch nicht zu Stande. Die Weltausstellung in London von 1862 bot Gelegenheit zu einem Meinungsaustausch in der Sache zwischen englischen u. franz. Arbeitern; doch erst im Sept. 1864 gelangte man auf einem Meeting in St. Martins Hall (London) zur Constituirnng, Annahme von Statuten u. Bildung eines Gcneral- rathes als Vorstand. In demselben waren die bedeutendsten Kulturländer vertreten, der Engländer Odger erhielt die Präsidentschaft, Marx vertrat Deutschland. In allen Ländern sollten Sektionen gebildet und in stetem Verkehre mit dem Generalrath gehalten werden, außerdem jedes Jahr im Sept. ein allgemeiner Congreß erfolgen. Solche Kongresse fanden denn auch statt: 1866 in Genf, 1867 in Lausanne, 1868 in Brüssel, 1869 in Basel, wobei bis zu 100 Vereinen vertreten erschienen. Im Kriege von 1870 erblickten sowol die sranz. als die deutschen Mitglieder der J-n A. ein Unheil, nur geeignet, den verderblichen Völkerhaß aufs Neue anzuschüren; im Gegensätze zu allen chauvinistischen Strebungen, sprachen sie sich, da wie dort bekanntlich erfolglos, für den Frieden aus. Daß später Mitglieder der J-n A. sich an dem Communeaufstand in Paris bctheiligten, ist constatirt; wie weit die Association als solche mitwirkte, ist uns jedoch unbekannt. Nachdem die Cougreßsitzung von 1870 des Kriegs wegen ausgefallen u. auch 1871 nur durch eine Delegirten- conserenz in London ersetzt war, erfolgte 1872 die Wiederaufnahme der Kongresse, zunächst im Haag, wo sich aber sofort eine unheilbare innere Spaltung kundgab, die sich besonders in dem Ge- gensatze manisestirte, ob der Generalrath forterhalten oder abgeschafft werden solle. Die Parteien zeigten sich nahezu gleich stark: 26 gegen 23 Stimmen (Vereine). Marx setzte die Beibehaltung der bestehenden Organisation u. die Verlegung des Generalrathes nach New-Aork durch, veranlaßte damit aber den Austritt der Minorität, der Föderalisten. So kam es, daß 1873 beide Parteien an verschiedenen Tagen, wenn auch beide zu Genf, getrennte Kongresse abhielten, die Föderalisten am 1., die Unitarier am 8. Sept. Verschiedene Bemühungen zur Wiedervereinigung blieben nicht nur erfolglos, sondern es zeigte sich, wie in solchen Fällen unter nahestehenden Parteien gewöhnlich, eine tiefe, vorerst unbesiegbare gegenseitige Erbitterung. Vgl. Villetard, Listoirs äs I'Intornationals, Paris 1872; unter deutschen Schriften die Eichhoffsche Broschüre u. Schüler von Libloy, Der Socialismus und die Internationale, Lpz. 1874. Kolb. Jnternirung (Juterniren, v. Lat.), Verweisung ins Innere eines Landes oder an einen bestimmten Ort, eine Maßregel der Negierungen gegenüber politisch gravirt Erscheinenden, als eine mildere Art der Haft, auch gegen auf neutrales Gebiet übergetretene Lruppentheile kriegführender Mächte. Internoäium (lat., Zwischenknoten, Stengelglied), der Theil eines Stammes od. Astes, der zwischen zwei Knoten oder überhaupt zwischen je zwei übereinanderstehenden Blättern oder Blattkreisen liegt; bei dem gegliederten Stengel so v. w. Glied (L.r- tioulus). Die Jnternodien sind entweder gestreckt (elonAata) qder gestaucht, verkürzt (abbrsviata), so daß die Blätter einen unechten Quirl bilden oder sich dachziegelartig decken. Engter. Jnternuntilus (lat.), Botschafter, Geschäftsträger; in Sonderheit Gesandter zweiten Ranges, welchen der Papst an Republiken u. Höfe sandte, wo wegen Geringfügigkeit der Geschäfte kein Nuntius nöthig war. Dann, da Österreich mit der Pforte früher nur Waffenstillstand schloß u. daher nur einen einstweiligen Geschäftsträger dort unterhielt, früher der österr. Gesandte an der Pforte, jetzt der wirkliche Gesandte daselbst. Jnternun- tiatur, diese Würde und die Dauer derselben. Interosseus(lat.), zwischen Knochen gelegen. Inter- osssas artorias rc., s. Zwischenknochenarterien rc. Interpellation (v. Lat.), Unterbrechung; Einrede, Einspruch, Erinnerung des Schuldners Seitens des Gläubigers zur Erfüllung der obliegenden Verbindlichkeit. Im parlamentarischen Leben eine innerhalb der Versammlung an die anwesenden Rcgierungsvertreter gestellte dringliche Anfrage über gewisse Regierungsacte oder andere Vor- 769 luter xociila. - ganze zum Zwecke nöthiger Aufklärung. Das J-s-Recht ist durch alle Verfassungen gewährt, dagegen kann aber auch die Regierung, wenn die Anfrage die auswärtigen Angelegenheiten betrifft, durch gewisse Rücksichten auf die anderen Staaten rc. ihre Nichtheantwortung der I. entschuldigen. Im klebrigen muß selbstverständlich der fragliche Gegenstand ein der Mitwirkung der Volksvertretung gesetzlich zukommender sein. Lagai. Inter povüls (lat., zwischen den Bechern), beim Trinken. Interpolation (v. Lat.), Einschaltung. 1) In der Handschriftenkunde u. philologischen Kritik eine auf willkürlichein oder betrügerischem Verfahren beruhende Veränderung, d. i. Verfälschung des ursprünglichen Textes. Die als solche durch die Kritik entdeckten Stellen werden gewöhnlich durch s 1 (Ünoini) bezeichnet. Das Geschäft der I. ward schon im Alterthum betrieben, von jüd. n. christl. Gelehrten u. später namentlich von den Grammatikern fortgesetzt. 2) (Math.) Kennt man die Werthe einer Function für eine Anzahl bestimmter Werthe der Veränderlichen, nicht aber die Function selbst, so kann man aus jenen Werthen die Werthe der Function für andere Werthe der Veränderlichen, welche zwischen den oben erwähnten liegen, genau oder wenigstens angenähert berechnen; das hierzu dienliche Verfahren heißt I., interpoliren. Man wendet Labei verschiedene Methoden an; die sog. Lagrangesche J-Sformel lehrt die Function selbst, wenn sie eine algebraische ganze u. rationale ist, aus einer genügenden Anzahl von Werthen derselben finden. Die I. kommt insbesondere zur Anwendung in der Astronomie, wo es gilt, aus gewissen für bestimmte Zeitmomente beobachteten oder vorausberechneten Stellungen eines Gestirns den Ort desselben für jeden beliebigen zwischenliegenden Moment zu erfahren. Jnterponiren (v. Lat.), 1) dazwischen legen oder stellen. 3) ein Rechtsmittel einlegen; dah. Jnterponent, der ein solches Rechtsmittel einlegt. Jnterposition, 1) Dazwischenstellung. 3) Stellung eines Wortes zwischen zwei zusammen- gehörenden, z. B. 'InIIü xroksvto slagusntla. 3) Einlegung eines Rechtsmittels, s. Appellation. Interpret (v. Lat.), Dolmetscher, Ausleger. DaherJnterpretireu, auslegen, erklären; Interpretation, Ausfindung und Darstellung des wahren Sinnes einer Schrift oder einer einzelnen Stelle, daher so v. w. Auslegung, Erklärung. Die I. classischer Schriftsteller ist entweder eine grammatisch-historische, d. h. eine den Sinn nach dem Wortverstande u. den Umständen, unter welchen sich der Schreibende befand, durch Sprach- und Geschichtsforschung aufhellende und nachweisende oder eine allegorische, welche in der Stelle außer dem eigentlichen Sinne noch einen vom Verfasser versteckt hiueingelegten zu finden meint. Die I. der Heiligen Schrift, s. u. Exegese und Hermeneutik. Die Juridische I. (Rechtsauslegung, IntorxrstsLo jniis), bezieht sich a) auf die I. des Sinnes der Gesetze u. ist entweder as) eine gesetzliche (I. IsZalis), wenn sie durch einen neuen Rechtssatz gegeben wird, u. zwar I. autRsntica, durch ausdrückliche im Wege der Gesetzgebung erlassene Bestimmung über das, PiererS Univeri'al-Conversations-Lekikon. k. Ausl. X. - Jnterpunction. was als Vorschrift des Gesetzes zu betrachten ist, oder I. nsualis, wenn ein gewisser Sinn des Gesetzes sich durch gewohnheitsrechtliche Übung festgestellt hat; bd) eine gelehrte, künstliche ( 1 . ckootrlnalis), wenn auf wissenschaftlichem Wege gefunden. Den Inbegriff der Grundsätze, welche hierbei auzuwenden sind, hat man Juristische Grammatik genannt. DieJ. ist hierbei entweder eine wörtliche (I. Arammatiea), wenn der Sinn aus den Worten nach den Regeln der Sprache ausgemittelt wird, wozu die kritische (I. oritioa) gehört, wenn sie die Berichtigung des Textes zum Gegenstand hat; oder eine philosophische (l. loAioa), wenn der Sinn des Gesetzes nach inneren Gründen, nach dem Geist des Gesetzes ermittelt wird, eine erklärende (erläuternde) I. (I. cko- olarativu), wenn sie nur Zweideutigkeiten löst u. das Gesetz nur anwendet auf Fälle, welche in demselben genannt sind. Unter mehreren Bedeutungen ist die gewöhnliche anzunehmen, u. die zurZeit derAbfassung des Gesetzes gebräuchliche verdient den Vorzug. Über wahrhaft zweideutige Gesetze kaun nur der logische Ausleger entscheiden. Im Allgemeinen beruht die I. auch im Civil- u. im Criminalrecht auf denselben Grundsätzen, u. ein Strafgesetz, welches zwar nicht von einem bestimmten Fall ausdrücklich spricht, jedoch vollkommen auf ihn paßt, darf auch auf diesen ange- wendet werden, b) Bei I. von Rechtsgeschäften gelten im Ganzen die nämlichen Grundsätze, wie bei I. der Gesetze; nur kann bei zweiseitigen Verträgen der eigenen Auslegung der Vertragsschließenden, wenn sie nicht übereinstimmen, nicht so viel Gewicht beigelegt werden. Lagai.» Interpunktion (v. Lat.), die der Deutlichkeit wegen durch bestimmte Zeichen (Jnterpunctionen, Interpunktionszeichen) bewirkte Abtheiluna der Sätze einer Schrift und die Kunst, diese Avtheil- ungszeichen richtig auzuwenden; bei den Römern wird so auch die Trennung der Satzglieder durch Pausen genannt. Die J-szeichen sind jetzt: Komma, Semikolon, Kolon, Punkt, Fragezeichen, Ausruf- nngszeichen, auch Gedankenstriche, Parenthese, Theilungs- und Anführungszeichen u. Apostroph. Bei den Semiten ist die I. eine sehr unvollkommene; einen Ersatz dafür haben die Hebräer in den sog. Accenten. Die Griechen u. Römer halten sie sür den gewöhnlichen Gebrauch uur in ungemein beschränktem Umfange. Die alexandriuischen Grammatiker dagegen bildeten eine feine Theorie der I. aus; besondere Verdienste darum haben Aristophanes von Byzanz u. später Nikauor. Über die griechische I. vgl. Krüger, Gr. L>pr. 8 5, 10, bes. A. 3; Kühner, Ausf. Gramm. I, 1 8 92 S. 275 ff.; Hofsmann, H. 21, 22, Clausthal 1864, S. 89 ff. In den erhaltenen alten Handschriften fehlt die I. oft ganz oder ist eine sehr primitive; in den jüngeren ist sie meist sehr willkürlich. Das Fragezeichen kommt erst seit dem 9. Jahrh. in Gebrauch. Zur Zeit Karls des Großen waren die J-szeichen verkommen, weshalb er sie durch Alcuin u. Warnefried wieder Herstellen ließ. Sie bestanden anfangs nur in Einem, auf dreifache Art angebrachten Punkte (gr. daher in der Diplomatik Stigmeologie, Jnterpunctionslehre) und bisweilen noch in einem Striche, die aber Band. 49 770 IntorrsAmiui beide, verschiedenartig gestellt, verschiedene Bedeutung hatten. Eine festere Methode der I. wandte zuerst gegen Ende des 15. Jahrh. die venetianische Buchdruckerfamilie Manuzio an. Vgl. u. a. Weiske, Die I., Lpz. 1837 (Es mag hier noch die Eigen- thümlichkeit der Spanier erwähnt werden, Fraqe- und Ausrufungszeichen sowol vor Beginn des Satzes, u. zwar hier umgekehrt, als nach Beendigung desselben in gewöhnlicher Weise zu setzen; z. B. „z 6uä1 seria Io missria äs 1a siasa §s- nsral äs la poblaviou?" Ebenso und am Schluffe „!«). , Eberhard. Interregnum (lat.), in Rom die Zeit zwischen dem Tode des einen und der Wahl eines neuen Königs. In dieser Zeit versah seinen Dienst ein von u. aus den Patriciern gewählter Stellvertreter (luisrrox), dessen Regiment 5 Tage dauerte, worauf ihm ein anderer Jnterrex folgte, unter dein oder dessen Nachfolgern erst die Königswahl erfolgte. Auch zur Zeit der Republik kamen In- torrsASS vor, wenn beide Consuln gestorben waren od. abgedankt hatten oder die Wahlcomitien zu halten behindert waren; während seiner Regierung feierten alle Gerichtshöfe. In Wahlreichen der Zeitraum vom Abgänge des bisherigen Herrschers bis zur Wahl eines Nachfolgers, wo die Herrschergewalt einstweilen in andere, durch das Gesetz bestimmte Hände gelegt wird. Das große I. in Deutschland, die Zeit vom Tode Kon- rads IV. 1254 bis zur Wahl Rudolfs I. von Habsburg 1273. Interrogativ» (v. Lat.), Frage, Befragung. Interrogationes in jurs (lat.), im älteren röm. Proceß Fragen, welche der Kläger dem Beklagten vor dem Prätor vorlegen konnte, um über gewisse Punkte, welche zur Vorbereitung und Aufstellung seines Anspruches diensam sein konnten, Auskunft zu erhalten, die dann auch dem Richter in einem Zusatz der Formula zur weiteren Instruction übergeben wurde. Eine solche Klage hieß dann lu- torroMboria aotio. Jnterrogiren (v. Lat.), 1) fragen; daher Jnterrogativum, das Fragpronomen, s. unter Pronomen; 2) verhören; daher Intsrro§aboria, so v. w. Fragstücke im articulirten Verhör. Jnterrumpiren (v. Lat.), unterbrechen; daher Interrupt, unzusammenhängend, unterbrochen; Interruption, Unterbrechung, in der Rhetorik eine Art der Ellipse u. des Anakoluthons, wenn man aus Afsect die Rede unterbricht. Interstitium (lat.), Zwischenraum, bes. nach kanonischem Recht eine Frist, welche ein Priester warten muß, ehe er von der einen Weihe zu der nächst höheren Weihe aussteigen kann. Jnterusnrium (lat.), 1) der Unterschied zwischen dem zukünftigen Werthe eines Capitals (d. h. demjenigen, den es bekommt, wenn es auf gegebene Zeit zu bestimmten Procenten ausgeliehen worden ist), u. dem baaren, ursprünglichen Werthe. 2) (Oommoäum rsprasssutabiouis) die Vergütung, welche der Schuldner von dem Gläubiger verlangen kann, wenn er demselben die unverzinsliche oder mit geringeren als den landesüblichen Zinsen zu verzinsende Schuld vor Ablauf des Fälligkeitstermins zurückerstattet hat. Auch wider den Willen des Gläubigers kann zuweilen die Be- — Intervall. rechnung des I. eintreten, in so fern Jemand rechtlichen Anspruch darauf hat, doch ist der Gläubiger nicht verbunden, ein Object von geringerem Werthe zur Ausgleichung des dem Schuldner entgehenden Nutzens anznnehmen. Für die Berechnung des I. bestehen 3 Methoden: a) Nach der Pinkardischen od. Carpzovischen Methode soll der Gesammtbetrag der Zinsen, welche bis zu der bestimmten Zahlungszeit hätten gegeben werden müssen, von dem Capital selbst abgezogen, und daher ein gleichgezahltes, nach 10 Jahren aber erst zahlbar gewesenes Capital von 800 Thlrn., bei Annahme einer Verzinsung zu 5 Procent, um 400 Thlr. gekürzt werden, b) Die Hosmann- sche und o) Leibnizische Methode kommen darin überein, daß nach beiden ein Capital gesucht werden muß, welches mit Zurechnung der für die Zwischenzeit erwachsenden Zinsen desselben dem später zu erlangenden Capitale gleich sein würde; sie weichen jedoch darin von einander ab, daß nach jener bloß einfache Zinsen, nach dieser aber Zinseszinsen in Rechnung gebracht werden. Theoretisch richtig ist nur die Leibnizische, welche auch in Preußen gesetzlich anerkannt ist. Die Hof- manusche, auch von Vangerow angenommene Methode ist jedoch die gewöhnliche u. läßt sich dadurch rechtfertigen, daß der Gläubiger nicht zu jeder Stunde Gelegenheit hat, das Capital alsbald wieder auszuleihen. Wenn daher L. an den L 200 Thlr. in 10 Jahren zu zahlen hat u. sie in 5 Jahren schon bezahlt, so ist das Verhältniß folgendes: (200 Thlr. Capital u. 50 Thlr. Zinsen auf 5 Jahre; also) 250 Thlr.: 200 — 200: x (160 Thlr.). Vgl. Zachariä, Über die richtige Berechnung des I., Greifsw. 1831; Keil, Das I., Jena 1854. Intervall (v. Lat.), 1) Zwischenraum; 2) die Zwischenräume der neben einander stehenden Bataillone, Züge rc., s. u. Distanz 3); 3) (Astron.) die zwischen zwei Beobachtungsmomenteu (z. B. den Antritten eines Gestirns an zwei zunächst stehenden Verticalfäden eines Mittagssernrohrs) verfließende Zeit; 4) die Distanz zweier parallelen Fäden eines Fadenmikrometers; 5) bei periodischen Krankheitsfällen, wie beim Wechselfieber, die ruhige Zwischenzeit; 6) der Raum, von einem Ton zum anderen. Bei der Bestimmung der J-e wird der Ausgangston als erste Stufe angenommen und der höhere Ton nach der Zahl der dazwischen liegenden diatonischen Stufen (d. i. Tonfolge irgend einer Dur- od. Lloll-Tonleiter) bezeichnet. Die Zählung der J-e geschieht daher folgendermaßen: 1 1 1 2 1 3 1 4 " Prime Secunde Terz Quarte Lwisomis 1 s 1 6 1 7 1 8 A — j ^ Quinte Sexte Septime Octave Intervention — Inter vivos. 771 Die J-e über derOctave, zweifache I., werden fetten bes. genannt (wie Decime, Duodecüne), sondern bekommen die Namen ihrer unteren Octaven, als deren Wiederholung sie betrachtet werden; doch machen gewisse theoretische Gründe Ausnahmen nöthig. Die chromatische Erhöhung od. Erniedrigung irgend eines Tones der Tonleiter bringt keine Veränderung seiner Stufenzahl hervor — daher immer dieselbe Bezeichnung Prime, Secunde rc. — bedingt aber eine nähere Bestimmung. Dadurch entstehen: reine u. übermäßige Primen, z. B. o—o, o—ois; große, kleine, übermäßige Sekunden, z. B. o—ä, «—äss, o—äis; große, kleine, verminderte Terzen, z. B. o—6, o— 08 , ois—es; reine, übermäßige, verminderte Quarten, z. B. o—1, o—üo, ois—k; reine, übermäßige, verminderte Quinten, z. B. e—A, o—-Zis, eis—große, kleine, übermäßige Sexten, z. B. o—a, o—as, e—ais; große, kleine, verminderte Septimen, z. B. o—ll, o—b, eis—b; reine od. verminderte Octaven, z. B. e—o, ois—e. Bei der Umkehrung der so gefundenen J-e bleiben die reinen J-e rein, die großen werden klein, die kleinen groß, die übermäßigen vermindert und die verminderten übermäßig. Endlich werden die J-e noch in con- sonirende J-e, d.i. die reinen Primen, Quarten, Quinten und Octaven (vollkommene Conso- nanzen) u. die großen u. kleinen Terzen u. Sexten (unvollkommene Consonanzen) n. in dissonirende J-e, d. i. große u. kleine Secunde, große u. kleine Septime u. sämmtliche übermäßige n. verminderte J-e, eingetheilt. Si-b-nroS. Intervention (v. Lat.). Im Rechts wesen die Handlung, durch welche Jemand (Intervenient) unaufgefordert in einen schon anhängigen Rechtsstreit sich einmischt (intervenirt), weil er an dem Ausgange desselben vermöge eines gegenwärtigen, schon bestehenden Rechtsverhältnisses ein Interesse hat. Nimmt der Intervenient Las zwischen den Parteien streitige Object selbst u. für sich allein in Anspruch u. sucht er deren Ansprüche an dasselbe ganz zu vernichten (Hauptintervention, I. xrinoixalis), so kann das Interesse hier nur in einem Klagrechte bestehen, welches Veranlassung zu einem besonderen Streite hätte werden können, wenn nicht über den nämlichen Gegenstand schon ein Streit ausgebrochen wäre. Sie ist in jeder Lage der Hauptsache zulässig, wenn der Intervenient beweist, daß ohne Nachtheil für ihn die Verhandlung der Hauptsache nicht fortgesetzt werden kann. Die Hauptsache ruht dann in der Regel bis nach der rechtskräftigen Entscheidung über das behauptete bessere Recht, u. selbst die bereits erkannte Hilfsvollstreckung wird durch sie gehemmt, wenn ein unersetzlicher Schaden zu befürchten wäre, od. der Sieger keine Sicherheit wegen der etwaigen Wiedererstattung leisten kann. Schließt sich dagegen der Intervenient nur einem der streitenden Theile an, um diesem zum Sieg zu verhelfen u. dafür zu sorgen, daß zu der Erreich, ung des gemeinsamen Zweckes nichts versäumt werde, so muß er bei dieser Art der I. (Nebenintervention, I. aeoossoria) Nachweisen, daß entweder sein Recht an der streitigen Sache od. sein Anspruch an eine Partei durch deren Sieg bedingt ist, od. derselbe einem Theile im Falle des Un- terliegens als Bürge oder als Verkäufer, wegen Eviction, haften muß. Der Intervenient muß hier die Sache in der Lage aufnehmen und fortsetzen, in der sie sich zur Zeit seines Beitritts befindet, u. wird nach der rechtskräftigen Entscheidung nicht mehr zugelassen. Die völkerrechtliche I. ist die Einmischung eines Staates in die Angelegenheiten eines anderen, insbesondere in die inneren Verhältnisse des letzteren, llnerörtert kann hier bleiben die Frage des Rechts der I. von Dritten bei ausgebrochenen Streitigkeiten unter anderen selbständigen Staaten. In solchen Fällen wird, so lange nicht das Priucip Völker, rechtlicher Schiedsgerichte allgemeine Anerkennung erlangt, jeder Staat, soweit er nicht durch specielle Verträge gebunden ist, nach seinem Ermessen handeln, u. es werden allgemeine theoretische Normen kaum aufzustelleu sein. Anders bei J-en in die inneren, besond. Verfassungsangelegenheiten eines staatlichen Gemeinwesens. Naturgemäß hat jeder Staat das Recht, seine inneren Verhältnisse nach seinen Bedürfnissen, über welche keinem Anderen eine Bestimmung zusteht, frei selbst zu ordnen. Damit ist das Recht der I. einer anderen Macht ausgeschlossen. Gleichwohl hat der Besitz einer größeren Macht in allen Perioden der Geschichte zu Einmengungen in die Verhältnisse Schwächerer geführt. Es war einfach Mißbrauch der Gewalt, principiell nicht verschieden von dem sog. Rechte der Eroberung. Solche Einmengungen haben wol kaum jemals zum Guten geführt, u. zwar in der Regel nicht bloß in dem Lande, welches die I. erdulden mußte, sondern, wenigstens mittelbar, auch in dem, welches sie aussührte. Von der Zeit des Pillnitzer Vertrages, besond. aber von Gründung der Heil. Allianz an, war die I. im absolutistisch-mouarchischen Interesse förmlich zu einem Systeme ausgebildet (I. Österreichs in Neapel u. Piemont 1821, Frankreichs in Spanien 1823, Österreichs 1833 u. 1849 in den verschiedenen ital. Staaten, Frankreichs 1849 in Rom rc.). Nach der franz. Julirevolution ward dagegen das Nichtinterventionsprincip vielfach verkündet, nachdem England zuvor schon jenem J-sprincip die Anerkennung versagt hatte (als I. in der engeren Bedeutung kann es nicht angesehen werden, wenn England, Frankreich u. Rußland 1827 den Griechen, 1832 Frankreich den Belgiern Hilfe gewährten, da diese sich bereits thatsächlich als selbständige Gemeinwesen constituirt hatten). Man hat wol eine Menge von Möglichkeiten ausgedacht, in denen ein Abweichen vom Nichtinterventionsprincip gestattet sein soll. Läßt man jedoch solch» Ausnahmen zu, so wird cs nie an Hofjurisien fehlen, welche auch die frivolste Einmischung zu vertheidigen wissen werden. Sehr gut hat dies H. v. Rotteck (der Sohn) nachgewiesen in: Das Recht der Einmischung in die inneren Angelegen- heiten eines fremden Staates, Freib. 1845. Vergleiche außerdem die verschiedenen Werke über das Völkerrecht von Vattel, Bluntschli, Heffter und Anderen. Jnterversion (v. Lat.), so v. w. Unterschlagung: Jntervertiren, unterschlagen. Inter vivos (lat.), unter Lebenden, bei Lebzeiten. 49 * 772 Jntestabel — Inti-r Jntestabel (v. Lat.), unfähig, ein Zengniß ab- zulegen od. ein Testament zu machen. Jntestaterbfolge (Luooessio ad iutsstato, 8. legitim», Iloiöäiias justa), die Erbfolge in der Verlasseuschast desjenigen (Intestatus), der entweder ohne Hinterlassung eines von ihm selbst od. für ihn von einem anderen dazu Berechtigten getroffenen giltigen Testaments gestorben ist, so daß nun durch die unmittelbare Verordnung der Gesetze die Erbfolge bestimmt wird. Der in eine solche I. Eintreteude heißt Jntestaterbe, s. u. Erblichkeit u. Erbrecht. Intestinum (v. Lat.), das Eingeweide; im anat. Sprachgebrauch vornemlich die Eingeweide der Unterleibshöhle, speciell der Darm. In tkssi (lat.), im Hauptsätze; in der Behauptung; in der Regel; Gegensatz in bxpotbösi, in der Anwendung, im vorliegenden oder in dem theoretisch unterstellten Fall. Inthronisation (v. Lat. u. Gr.), Erhebung auf den Thron; bes. die feierliche Besitznahme des Throns in der Hauptkirche, durch einen neu con- secrirten Papst, Metropolitan od. Bischof; I. des Tisches, Wiedereinweihung eines profanirten Altars. Intim (v. Lat.), vertraut; Intimus, Vertrauter. Intimität, Vertraulichkeit. Jntimatio« (v. Lat.), amtliche Zufertigung, die vorläufige Verkündung an den Jnquifiten; Jntimiren, gerichtlich aukündigen. Jntimidire» (v. Lat.), einschüchlern; Jnti- midation, Einschüchterung. Inline, s. Blüthe VII. Jntitulation (v. Lat.), Ausschrift, die man einem Acte, Titel, den man einem Buche gibt. Jntolerabel (v. Lat.), unerträglich, nicht zu dulden. Intolerant, nicht duldsam, u. Intoleranz, Unduldsamkeit gegen Andersdenkende, bes. Andersgläubige. Jntoniren (v. Lat.), den Ton angeben, an- stimmen; vor dem Altar singen. Daher Intonation, die Art und Weise, wie man einen Ton zum Ansprechen bringt; dann kurzer Spruch, welchen der lutherische Geistliche am Anfang und beim Schluß des Gottesdienstes am Altäre vor der Collecte singt od. spricht, u. welcher vom Thor und der Gemeinde beantwortet wird, z. B. das Gloria, der Herr sei mit euch rc., s. Antiphonie u. Collecte 3). Die Intonationen bilden einen Theil der Liturgie und stehen deshalb in den Agenden. Intoxikation (v. Lat. u. Gr.), Vergiftung. Intra (lat.), innerhalb, inwendig. Intra, rasch aufblüheude Stadt im Bez. Pal- lauza der ital. Prov. Novara, am Lago Maggiore zwischen den Mündungen zweier Bergwässer, des S. Giovanni u. des S. Bernardino; schöne Kirche mit hübschen Fresken, hohe Häuser und Paläste, großer Marktplatz; Fabrikation von Glas Hüten, Baumwollenzeugen, Spiegeln und G. waaren, Färberei, lebhafter Handel; Hak? i mit Leuchtthurm (12 m hohe Grauitsäule mit .'-ruem Kranzgeländer); 1871 4821 Ew. Jntraetabel (v. Lat.), Intraitatis (fr.), nicht z» behandeln, unlenksam, störrig. Intraüav jus (lat.), Recht des Eintritts, das alte , xriva-tos Recht der Landesherren, von ihren Unterthanen einen feierlichen Empfang zu verlangen, wenn sie das betreffende Gebiet zuerst betraten. Jntrade (v. Ital.), Einleitung zu etwas; das Zusammenschmettern eines Trompeterchors, welches sich am Ende zu dem Dominantaccorde vereinigt, während dessen die Oberstimme einen Triller macht und dann die I. in den Hauptaccord schließt; Jntraden, Staats- u. landesherrliche Einkünfte. Intra muros (lat.), innerhalb der Mauern. Daher Jntramuran, was innerhalb Manern oder eines umschlossenen Raumes liegt oder geschieht; so Jntramuranhinrichtuug, Vollzug der Todesstrafe hinter Mauern. Sogar von denVer- theidigern der Todesstrafe konnte nicht in Abrede gestellt werden, daß die Öffentlichkeit der Hinrichtungen die bedenklichsten Nachtheile mit sich brachte, indem nicht nur der Menschenznsammenfluß selbst zu Skandalen aller Art führte u. reichliche Gelegenheit zur Begehung von Verbrechen bot, sondern da auch die Einwirkungen auf das große zuschauende Publicum nachhaltig ungünstige waren und insbesondere der blutige Act statt abschreckend zu wirken, das menschliche Gefühl und die Achtung vor Menschenleben abstumpfte u. die Rohheit u. Brutalität steigerte, ja zuweilen dadurch, daß sich die verbrecherische Eitelkeit durch einzelne Vorgänge geschmeichelt fühlte, ein Sporn zur Begehung todeswürdiger Verbrechen geschaffen wurde. Man kam daher in NAmerika auf den Gedanken, die Todesstrafe heimlich zu vollziehen. Jedoch stellte sich dem wieder ein anderes Bedenken entgegen. Diese Heimlichkeit könnte, so fürchtete mau, ein ähnliches Mißtrauen in den Gang der Justiz civilisirter Staaten erzeugen, wie solches gegenüber der türkischen Justiz besteht. Man entschloß sich daher zu einem Ausweg. Die Hinrichtung wird hiernach vollzogen in einem von allen Seiten vollständig umschlossenen, gegen jedes Herein- schauen geschützten Raume unter freiem Himmel, insbesondere in dem Hofraume des Gefängnisses, u. nur in Gegenwart der die Hinrichtung leitenden Gerichtscommission mit einem staatsanwalt- schaftlichen Beamten u. einem Gerichtsarzte und einer beschränkten Zahl (etwa 24) amtlich geladener Urkunds-Personen aus dem Bürgerstande. Während des Actes wird eine eigens hiefür bestimmte Glocke geläutet. Die in solcher Weise gesetzlich geordnete Hinrichtungsart wird Jntra- muranhinrichtung genannt u. hat ihren Weg von NAmerika nach Deutschland gefunden, wo sie in den meisten Staaten, zuerst in Sachsen-Altenburg, eingefiihrt wurde. Das Deutsche R.-Str.-G.-B. hat es hierbei lediglich belassen, indem es seinerseits über den Vollzug der Todesstrafe keinerlei Be^immung traf. Bezold. Intransigenten, Name für politische Parteien, ne sich nicht vergleichen (transi§er, franz.), den bestehenden Zuständen nicht fügen wollen; Unversöhnliche. Intransitlvum (lat.), Verbum, das eine Thätig- keit ausdrückt, aber keinen Accusotiv regiert, z. B. gehen. Intra privÄos parietos (lat., innerhalb der Privatwände); im häuslichen Kreise; unter vier Augen. 773 Jntrigue - Jntrigue (fr.), verschmitztes, ränkevolles Benehmen um irgend Etwas durchzusetzen, Knotenschürzung; Verwickelung; Verwirrung; List, Kniff; die Verschlingung der Fäden im Drama, wodurch die handelnden Personen in ihren Plänen gehindert u. anfgehalten werden. Daher Jntriguenstücke, solche, in denen die I. den Mittelpunkt bildet, im Gegensatz zu den Charakterstücken, in welchen sie nur zur Hervorhebung der Charaktere dient. Jn- triguiren, eine Verwickelung anzetteln. Jn- trignant, ränkevoll, hinterlistig, Ränkemacher. (Theaterw.) jede Person eines Stückes, welche mit List oder Bosheit in die Handlung eingreift. In triplo (lat.), dreifach. Jntrodueiren (v. Lat.), einführen; Eingang verschaffen; einsetzen; daher Introduktion, Einleitung (ital. Illtroärwionö), Satz von langsamem, ernstem Charakter, der die Aufmerksamkeit des Hörers spannen nnd ihn in die zum Folgenden nöthige Stimmung versetzen soll; der erste Satz einer Oper nach der Ouvertüre. Introitus (lat.), Eingang, Einleitung zu etwas; (Kircheuw.) Eingang vor den Collecten, Episteln »i. Evangelien, womit sonst der Gottesdienst begann, bes. der Anfang der Messe, s. d. Intsis (1°. 2Vr.), Pflanzengatt, der Fam. Iw- xuminosss-Oaesalpiniaesus. Art: I. amboiusu- sis V. V 7 r., großer Baum in Ostindien, von dem das Eisenholz (s. d.) kommt. Engl-r. Intuition (lat.), die allgemeine Anschauung überhaupt, (Philos.) im Gegensatz zur Reflexion das innerliche, von bewußter Verstandesthätigkeit unabhängige Anschauungs- u. Ahnungsvermögen, welches ein wesentliches Element der künstlerischen Phantasie bildet; daher intuitiv, im Gegensatz zu reflexiv, aus der inneren Anschauung entspringend. Jntumeskire« (v. Lat.), aufschwellen; daher Jntumescenz (Jnturgenz),Aufschwellung, s.Ge- schwulst. Jntussuseeption, s. Zelle. Inuls L., Pflanzengatt, aus der Fam. Oom- positae-Iuuloiäoas (XIX. 2), mit dachiger Hülle, weiblichen, zungensörmigen, gleichfarbigen Rand- u. zwitterigen rührigen Scheibenblüthen, geschwänzten Staubbeuteln, schnabelloser Achene, mit haari- gem Pappns n. nacktem Fruchtboden; Blüthen gelb od. weiß. Arten über 50, in Europa, Asten u. Afrika. X. üorvisartia, mit eiförmigen, blattartigen äußeren u. spatelsörmigen inneren Hüllblättern u. mit kahlen Früchten: 1) I. tlsieulum L. (Alant). L. Lniuulg., mit lanzettlichen oder linealischen, an der Spitze krautartigen Hüllblättern. 2 ) I. Asrmauioa mit kriechender Grundachse, aufrechten Stengeln, länglichen, am Grunde herzförmigen Blättern n. kurzen, die Scheibenblüthen kaum überragenden Randblüthen; auf sonnigen Hügeln selten. 3) I. saiieina T,., der vorigen ähnlich, aber die Randblüthen viel länger als die Scheibenblüthen; nicht selten in Laubwäldern u. auf Wiesen. 4) I. üirta X,., von der vorigen durch abstehende rauhe Behaarung u. die äußeren Hüllblätter verschieden, welche bei jener kürzer als die inneren, hier aber ebenso lang wie diese sind. 5) I. dritauuioa cks/., der vorigen ähnlich; aber mit aufrechtem, behaartem Stengel u. - Invalide. mit kurzhaarigen Früchtchen; ziemlich häufig auf Wiesen u. in feuchten Gebüschen. I. Oon^a LLk., mit aufrechtem, filzigem, oberwärts sehr ästigem Stengel, länglich eiförmigen, sitzenden oberen Blättern, kurzen, an der Spitze abstehenden, äußeren Hüllblättern u. mit röthlichen Randblüthen; auf sonnigen Hügeln, in Gebüschen u. an Wegrändern. Seltenere, mehr locale Arten sind: I. oritdmoiäes T,., auf Salzboden;, I. sgnarrosa D., in Südtirol; I. susilolia L., in Ästerreich. Engter. Inulin, 6 g 11,0 O 5 , ein der Stärke nnd dem Rohrzucker isomerer Stoff, der sich im Zellsafte einiger Algen, Compositen u. wol auch noch anderer Pflanzen gelöst findet u. durch Abkühlung, Austrocknung, Einwirkung von Alkohol sich in Form eigenthümlicher, mikroskopischer, kugeliger Krystallaggregate, sog. Sphärokrystalle, aus seiner Lösung abscheidet. Es ist in kaltem Wasser schwer, in warmem von 50° u. darüber, sowie in Kalilauge, Salpetersäure u. Salzsäure leicht löslich, dagegen in Alkohol unlöslich; Jodlösnng färbt es nicht; verdünnte Schwefelsäure oder Salzsäure fuhren das I. beim Kochen in Zucker über. Jnnndiren (v. Lat.), überschwemmen; daher Inundati 0 n, Überschwemmung. In Universum (lat.), überhaupt. In usu (lat.), im Gebrauch; in usum, zum Gebrauch; daher Ausgaben in usum vslxdini, zum Gebrauch des Dauphins; diesen Zusatz erhielt der Titel der Ausgaben von römischen Classikern, die von verschiedenen Philologen, in Auftrag Ludwigs XIV., für den Dauphin besorgt wurden. Besondere Vorschrift war, alle anstößige Stellen wegzulasscn. Inuus, s. Affen, Seite 224 unter Meerkatzen. Inv., Abbrev. für Iuvenil (s. d.). Jnvagination (v. Lat.), s. Darm-Jnvagination. Jnvalcsciren (v. Lat.), stark werden, zunehmen. Invalide, jede im activen Militärdienst nnd für die Fortsetzung desselben untauglich gewordene Militärperson, für deren fernere Unterhaltung od. Unterstützung der Staat zu sorgen verpflichtet ist. Man unterscheidet Halb-J., die noch zum Garnisondienst tauglich u. daher beiden Landwehrbezirks- Commandos, den Traindepots u. s. w. beschäftigt werden u. meist neben ihrer Pension noch eine entsprechende Zulage beziehen, u. Ganz-J., welche zu jedem militärischen Dienst unbrauchbar sind. Im Deutschen Heere find die Versorgungsan- fprüche der J-n durch das Gesetz, betreffend die Pensionirung u. Versorgung der Militärpersonen rc. vom 27. Juni 1871 geregelt. Hiernach erhält jeder Offizier nach einer mindestens 10jährigen Dienstzeit, im Falle der Dienstuntauglichkeit eine lebenslängliche Pension, die nach vollendetem 10. Dienstjahre V» seines Diensteinkommens beträgt u. mit jedem weiteren Dieustjahre um Vs» steigt, jedoch den Betrag von des Einkommens nicht übersteigen kann. Bei einer infolge der Ausübung deL Dienstes vor dem 10 . Dienstjahr eingetretenen Dienstunsähigkeit tritt gleichfalls Pensionsberechtigung ein. — Bei einer nachweislich durch den Krieg eingetretenen Invalidität wird eine entsprechende Pensionserhöhung u. im Falle einer schweren Verstümmelung od. des Verlustes eines Gliedes eine s. g. Verstümmelungszulage 774 Jnvalidmkassen — In vsi-ks. schwören gewährt. — Die Personen des Soldatenstandes haben Anspruch auf J--npenfion, wenn sie infolge einer Dienstbeschädigung od. nach einer Dienstzeit von mindestens 8 Jahren zum ferneren Militärdienst untauglich werden. Die Pensionen zerfallen für jede Rangstufe (Feldwebel, Sergeant, Unteroffizier, Gemeiner) in 5 Klassen, u. Mgen mit der Dienstzeit resp. mit dem Grade der, durch Dienstbeschädigung hervorgerusenen, beschränkten Erwerbsfähigkeit. Neben der Pension haben Ganzinvalide Anspruch auf Versorgung im Civil- dienst u. erhalten, im Falle einer Verstümmelung od. einer im Kriege erlittenen Dienstbeschädigung, die Verstümmelnngs- resp. Pensionszulage, welche letztere auch dann gewährt wird, wenn die Ganzinvalidität nach einer 18jährigen Dienstzeit eintritt. Die Aufnahme in das Jnvalidenhan s zu Berlin od. in eine der Jnvalidencompagnien erfolgt an Stelle der Pension u. zwar werden nur diejenigen Ganz-J-n ausgenommen, welche die Aufnahme wünschen u. besonderer Wartung n. Pflege bedürftig sind. Im preuß. Kriegs-Mini sterium werden die J-n-Angelegenheiten durch ein besonderes Departement bearbeitet. — Der Ausdruck I. wird übrigens auch auf Civilpersonen, die arbeitsunfähig geworden, angewendet. s- Jnvalidenkassen, ein besonderer Zweig der Hilsskassen (s. d.), speciell bestimmt, Arbeitern, nachdem dieselben diesen Instituten beigetreten u. während einer bestimmten Zeitdauer regelmäßige Geldbeiträge an sie geleistet, im Alter od. auch im Falle von — Arbeitsunfähigkeit nach sich ziehenden — Körperverletzungen, fortdauernde Unterstützungen zu gewähren n. sie vor den dringendsten Nahrungssorgen zu sichern. Die ältesten Anstalten dieser Art dürften die Knappschaftskassen der Bergleute sein. Die I. bilden somit einen Zweig des Assecurauz- od. Versicherungswesens (s. d. letzte). Ihre hohe Nützlichkeit steht außer Zweifel, n. cs haben, außer den Arbeitern selbst, insbes. auch die Eigenthümer industrieller Etablissements ein großes Interesse an deren Znstandebringnng u. Erhaltung, so daß ihnen, außer der Humanität, selbst ihr materieller Vortheil gebietet, solche Institute durch ansehnliche u. regelmäßige Beiträge zu unterstützen. Ohne derartigen Rückhalt ist eine nachhaltige Begründung von I. schwierig, nicht nur weil die Arbeiter sich wol selten im Falle befinden, so bedeutende Wochen- od. Monatsbeiträge zu entrichten, wie erforderlich, um später Unterstützungen in befriedigender Ausdehnung nachhaltig zu gewähren, sond. auch aus dem weiteren Grunde, weil es zur Zeit noch an dem verlässigen statistischen Materiale mangelt, um die Ziffer, einerseits der nöthigen Einzahlungen, anderseits der zulässigen Größe der Unterstützungen, insbes. nach der Verschiedenartigkeit der einzelnen Arbeitszweige, zum Voraus genau bemessen zu können. Dabei kommt zu berücksichtigen, daß eine zu kärgliche Zutheil- ung au die Invaliden ein Unrecht gegen diese sein, dagegen zu ansehnliche Gaben den Bankerott der Anstalt zur unabwendbaren Folge haben würden. Der letzterwähnte Fall ist bei nicht wenigen Hilfs- (nicht bloß Invaliden-) Kassen wirklich schon eingetretcn. Von einzelnen Instituten dieser Art nennen wir die Deutschs Verbandskasse für Invaliden der Arbeit (deren rechnerische Basis jedoch manche Angriffe erfuhr) u. die Oaisss äss Rstraitss pour In VisiUssss in Frankreich (letzte Staatsanstalt), dann einen Theil der ssrisnäl^ gocistiso in England. Kolb. Juvariabilitiit (v. Lat.), Unveränderlichkeit. Invasion (v. Lat.), feindlicher Einfall in das Land od. sonstiges Besitzthum eines Dritten; daher Invasionskrieg, Angriffskrieg durch Einfall in ein Gebiet. Invoola ot Rata (lat.), alle beweglichen Sachen, die in ein gemiethetes Haus od. erpachtetes Landgut vom Miether od. Pachter hineingebracht werden. Gemeinrechtlich hat der Bermiether n. Verpachter eines Landgutes an denselben eine stillschweigende Hypothek. Jnveetiren (Jnvectiviren v. Lat.), schmähen, beleidigen, schimpfen; daher Jnvectiven, Anzüglichkeiten, Schmähungen. InvZnit (lat., hat es erfunden), unter Kupferstichen (abbrev. wv.) bei dem Namen dessen, der die Idee zu dem Gemälde gefaßt hat. Jnventarkenbuch, Buch, welches die Reinschrift des Status, der über Activa u. Passiva entworfen ist, enthält, s. u. Buchhaltung. Jnventarium (lat.), die einzelnen Sachen, welche zu einem bestimmten Vermögenscomplex gehören in Fabriken, Landgütern u. dgl. rc.; dann Verzeichniß derselben. Im Handelsrecht bezeichnet man mit I. das Verzeichniß der sämmt- lichen Vermögensstllcke u. Schulden eines Kaufmanns. Ein solches muß nach dem Handelsgesetzbuch beim Beginn eines Geschäftes, so wie jedes Jahr, mindestens alle 2 Jahre, ausgenommen werden n. ist darin der Werth aller Vermögensstücke, auch der zweifelhaften Forderungen, anszu- fertigen; ebenso ist die Ausnahme des I. bei Eröffnung eines Concurses, Liquidation einer Handelsgesellschaft vorgeschrieben. Von großer Wichtigkeit ist das I. bei Landgütern, wenn dieselben in andere Hände übergehen, als Verzeichniß sämmt- licher zum Landgute gehörigen Gegenstände, des sogen, lebendigen J-s, das ist des Viehstandes, n. des tobten J-s, d. i. der Acker- u. Wirthschafts- geräthe u. führt das Verzeichniß hiernach den Namen Fundbuch, Fundregister. Ein eisernes I. ist ein solches, das vom Inhaber stets ans demselben Stande erhalten, also bei etwaigem Abgang sofort neu ergänzt werden muß. Lens- üoinm invsntarii, s. Lsusüeiuiu 1). —i- Invention (v. Lat.), das Finden, Auffinden, Erfindung, Kunstgriff. Daher Jnventiös, erfinderisch. Juventiren (v. Lat.), ein Jnventarium entwerfen. Inventur, die Aufnahme eines Jn- ventariums. Jnverary, 1) Grafschaft in Mittelschottland, so v. w. Argyle; 2 ) Hauptstadt darin, am Loch Fyne, Schloß des Grafen von Argyle mit Waffenhalle, Bibliothek u. Park, Denkmal zur Erinnerung an die ungesetzliche Hinrichtung der 17 Camp- bells durch Jakob II. (1685); Häringsfischerei; 905 Ew. In verbu msgistri schwören (lat.), die Lehrsätze des Lehrers unbedingt annehmen, blind glauben. 775 Jnvergiren - Jnvergiren (v. Lat.), neigen; daher Jnver- genz, Neigung. Jnverneß, 1) Grafschaft in Nordwest-Schottland, besteht aus einem kontinentalen Theile, der im W. an den Atlantischen Ocean (Caledonisches Meer), im N. an Roß, im O. an den Moray Firth, Nairn, Elgin, Banff u. Aberdeen u. im S. an Perth grenzt, u. einem bedeutenden Theil der Hebriden (s. d.); 11,021,22 LUKm (200,15, IHM) mit 87,531 Ew. (auf 1 Hstcm 8, in ganz Schottland 43). Der continentale Theil der Grafschaft wird durch das Thal Glenmore mit den durch den Calcdonischen Kanal verbundenen Seen Neß u. Lochy von SW. nach NO. durchschnitten u. ist ein fast dnrchgehends gebirgiges, romantisches, meist nicht anzubauendes Land. Die Gebirge, in welchen Gneiß, Granit, Micaschiefer u. andere metamorphische Gesteine vorherrschen, sind größtentheils mit Heideflächen u. Torfmooren bedeckt u. enthalten an Seen reiche GlenS. Durch den S. der Grafschaft erstrecken sich die Gram- pians mit dem 1343 m hohen Ben Nevis (dem höchsten Berge Großbritanniens) u. dem 1113m hohen Ben Alder (am Loch Etricht). Von letzterem Berge erstrecken sich die Monagh-Lea od. Monadh Liadh Mountains in nordöstlicher Richtung n. trennen den oberen Spey von dem Findhorn River, dem Loch Neß n. Loch Lochy. Im NW. des Glenmorethals sind die höchsten Berggipfel: Ben Attow (1219 m), Main Suil (1177 m) u. Scourna Lapich (1150 m). Die Westküste ist sehr zerklüftet. Flüsse: Spey, Neß, Spean rc. Seen: Loch Neß, Loch Oich, Loch Lochy, Loch Siel u. m. Der Caledonische Kanal verbindet durch Loch Neß, Oich u. Lochy die Nordsee u. den Atlantischen Ocean; demselben entlang führt eine Eisenbahn. Im Gienmorethal u. seinen Neben- thälern, namentlich im Glen Morrison, findet sich noch ziemlich viel Wald (Tannen, Birken, Eichen rc.); im Ganzen sind jedoch kaum 4,5 der Oberfläche der Grafschaft bewaldet und nur stark 7 °/o derselben Acker« u. Wiesenland. Die Hanpt- erwerbsquelle der Bewohner bildet die Viehzucht, besonders die Schaf- u. Rindviehzucht (1875 gab es in der Grafschaft: 8844 Pferde, 52,739 Stück Rindvieh, 735,884 Schafe u. 3981 Schweine); andere Erwerbsquellen sind: Vogelfang, Fischerei, Wollen-u.Leinenweberei(hauptsächlichv.denWeibern betrieben). An Mineralien kommen Kalk, Marmor u. Schiefer reichlich vor, auch Eisen u. Blei, werden jedoch nicht ausgebeutet. Die Sprache ist vorherrschend gaelisch (celtisch), nur in den höheren Ständen englisch. 8) Hauptstadt der Grafschaft an der Mündung des Neß in den Moray Firth, eine gut gebaute Stadt; 12 Kirchen, Gerichtshof, Lateinische Schule mit Bibliothek u. andere höhere Schulen, 6ao11o Looist^ (zur Erhaltung der gaelischen Sprache), Handwerker-Institut, Krankenhaus, Besserungsanstalt, Gefängniß, Tuch u. Hanffabriken, Gerberei, Salmenfischerei, bedeutender Handel, namentlich mit Wolle u. Schafen; 14,510 Ew. — Der Hafen ist für Schifte von 250 Tonnen zugänglich; zu demselben gehören 133 Schiffe von 10,680 Tonnen Gehalt. Im 6. Jahrh. n. Ehr. war I. die Hauptstadt des Pik- tenreiches. Dabei die Trümmer eines Schlosses, - Investitur. wo nach der Sage Duncan durch Macbeth fiel, und auf dem 350 m hohen Craig-Patrick ein Vitrified-Fort. Bei I. im Februar 1746 Gefecht zwischen dem Prätendenten Karl Eduard gegen General London; Elfterer Sieger. H- Berns. Inversion (v. Lat.), 1) Umkehrung, Umwend, ung, Beugung, Umstülpung. 8) Abweichung von der natürlichen Stellung der Worte, z. B. des Mannes Pflicht, für die Pflicht des Mannes; meist so, daß sie einen anderen Sinn zu geben scheinen; auch so, daß die Aufmerksamkeit auf einen bes. hervorzuhebenden Begriff geleitet wird; z. B. Errungen, früh errungen hat er seine Palme, der treue Streiter. 3) — Allegorie; 4) eine, aus zwei od. mehreren Unterabtheilungeiö zusammengesetzte u. in Linie stehende Truppenabtheiluug befindet sich in der I., wenn die normalmäßige Reihenfolge der Unterabtheilungen in der Weise verändert ist, daß z. B. der rechte Flügelzug einer Compagnie auf dem linken, der linke Flügelzug dagegen auf dem rechten Flügel steht, die Züge in 'sich aber rangirt sind. Innerhalb der taktischen Einheiten vermeidet man beim Exerciren u. Manöveriren möglichst die I. 5) (Math.) s. Combinations- lehre S. 229. 2 > Eberhard. 4 ) z. Invertzucker ist ein optisch unwirksames Gemenge von gleichen Molecülen Trauben- oder Rohr- und Fruchtzucker, findet sich in manchen Pflanzen fertig vor. Jnverury, Stadt in der schott. Grafschaft Aberdeen, am Ende des Aberdeenkanals, Eisenbahnstation; Viehzucht u. Getreidehandel; 2959 E. Jnvestigiren (v. Lat.), 1) der Spur nachgehen; 3) aussorschen; daher Jnvestigabel, was sich aussorschen läßt. Investigation, Nachforsch, ung nach einem Verbrecher durch die Obrigkeit. Investitur, Einkleidung, Einsetzung, Einführ, ung in ein Amt, in das Eigenthumsrecht an einem Grundstück, sodann so v. w. Belehnung, im Kirchenrecht die Belehnung des Bischofs mit Ring u. Stab. Das Recht, die von den Gemeinden od. dem Klerus gewählten Bischöse zu bestätigen u. ihnen die zu ihren Ämtern gehörigen Pfründen zu verleihen (Jnvestiturrecht), entstand in der Zeit, wo den Kirchendienern liegende Gründe zum Einkommen angewiesen waren.,. Die I. eines Bischofs od. zuweilen auch der Äbte geschah durch Überreichung von Jnvestiturzeichen, eines Ringes u. Hirtenstabes (oft auch eines Bnches, einer Mütze u. dgl.), zur Versinnbildlichung der engen Verbindung des Bischofs mit seiner Diöcese u. der Würde u. Hirtensorgfalt desselben. Bis ins 11. Jahrh. übten Kaiser u. Könige in Deutschland dieses Recht; Gregor VII. vindicirte es dem Päpstlichen Stuhl; sein Bruch mit Heinrich IV. dieserhalb veranlaßte den J-streit, welcher erst unter Calixtus II. 1122 durch das Wormser Concordat beigelegt wurde, so daß der Kaiser die I. mit Ring u. Stab dem Papst abtrat, dieser aber ihm die Belehnung der Bischöfe durchs Sccpter überließ. Die Reformation eignete den Fürsten das Bestätigungsrecht zu, die es in evangelischen Ländern denn auch jetzt wirklich üben, ohne jedoch die alten symbolischen Gebräuche beibehalten zu haben. Die Bischöfe der Katholischen Kirche werden, je nachdem es die Concordate bestimmen, 776 Jnveteriren vom Fürsten od. vom Papst bestätigt, s. Confir- ination. In der Evangelischen Kirche erfolgt die I., d. i. die feierliche im fürstlichen Auftrag durch einen oberen Geistlichen vorzuuehmende Einführung der Geistlichen in das Amt, mittels einer, vor der anvertrauten Gemeinde gehaltenen Vorstellungsrede, Überreichung der Bestätigungsurkunde n. Abnahme des Handschlags. Die Sultane der Türkei erhalten die I. durch Umgürtung mit dem Schwerte Osmans von Seiten des Scheikh ul Islam in der Moschee Eyub. Lagm." Jnveteriren (v. Lat.), veralten, verjähren, entwurzeln. In via (lat.), im Wege; In via sxeeutionis, im Wege gerichtlicher Hilfsvollstreckung; In viajuris, aus dem Wege des Rechts. Invlcem (lat.), wechselweise, Eins nach dem Andern. Jnvigiliren (v. Lat.), wachsam sein, aufpassen, nachforschen. Jnvineibel (v. Lat.), unüberwindlich. Jnviolabel (v. Lat.), unverletzlich. Jnvisibel, (lat.) unsichtbar. Invitu klinerva (lat., wider Willen der Minerva), ohne Fähigkeiten od. ohne dazu aufgelegt, gelaunt zu sein, ein literarisches Werk unternehmen, studiren rc. Jnvitatorium (mittellat.) Das Zeichen zum Gottesdienst, des. zum Frühgottesdienst in den ' Klöstern, dann, von da übertragen ans den öffentlichen Gottesdienst, die Antiphoiiie, s. d. Jnvitiren (v. Lat.), einladen; daher Invitation, Einladung. Jnvocation (v. Lat.), Anrufung, Auflehen. Invacavit (lat.), der erste Fastensonntag, vom 15. Vers des 91. Psalms (Invoeavlt ms sto.), womit an demselben in der alten Kirche der Gottesdienst begann. Auch Weißer Sonntag. In der Griech. Kirche Fest der Orthodoxie zum Ge- dächtniß an den Bilderdienst-Sieg. Invoice, (engl., aber aus dem franz. onvoi) specific. Waarenrechnung, Factur. Involucollum (Bot.), s. Hüllchen. Involucrum (Bot.), s. Hülle. Involution (v. Lat.), 1) Einwickelung; 2) Rückbildung des Körpers im abnehmenden Alter; 3) (Math.) bei Einigen die Umformung eines Polynoms in ein Product mehrerer Polynome, sowie man umgekehrt die Entwickelung eines solchen Products in ein Polynom eine Evolution nennt. In der Combinationslehre der Inbegriff von Complexionen niederer Klasse, aus denen mau nach dem involutorischen Verfahren die Complexionen höherer Klasse ableitet. Vgl. Com- binationslehre. Jnvolvkren (v. Lat.), einwickeln, einhüllen, in sich einschließen, umfassen, begreifen; daher In- volvsutia, einhüllende Mittel, Jnvulnerabcl (v. Lat.), unverwundbar. Jnzago, Kirchdorf im Bez. u. der ital. Prov. Mailand, große Kirche, hübsche Landhäuser, Spital; 3135 Ew. (Gemeinde 4153). Jnzersdorf, Dorf im Erzherzogthum Oesterreich unter der Enns, am Fuße des Wieuerberges, auf welchem man bei der steinernen Säule Spin- nnkreuz (Spinnerin am Kreuz) die schönste Ansicht — Joachim. von Wien hat, Station der Oesterreich. Südbahn (Wien-Pottendorf); Terracottawaaren-, Rosoglio- u. Essigfabrikation, Druckwaarenfabrik, großartiges Etablissement der Wienerberger Ziegelfabrik- und Baugesellschaft; 1869: 7504 Ew. H- Berns. Jnzicht, 1) so v. w. Beschuldigung od. In- ckioium, s. u. Jndicien; 2) so v. w. Injurie. Inzucht, die Paarung der nächsten blutsverwandten Thiere miteinander. I. im engeren Sinne ist gleichbedeutend mit Verwandtschaftszucht: Familienzucht; I. im weiteren Sinne ist Vereinigung von Kreuznngsproducten zu einer gesonderten Zucht unter Fernhaltung anderen Blutes. I. im weiteren Sinne ist eine billige u. zweckmäßige Züchtungsmethode, um vorhandenes Vieh hinsichtlich seiner Körperformen u. seiner Nutzung zu verbessern. Zu lange getriebene Verwandtschaftszucht führt bei einigen Thieren früher, bei anderen später zu Entartung. Rhode. Jo, 1) Tochter des Jnachos (od. des Jasos, Peiron, oder Arestor) und der Peitho (Argsia, Jsmene, Kalirrhoe rc.). Priesterin der Hera in ihrer Vaterstadt Argos; von Zeus geliebt, wich sie ihm aus, wurde aber von ihm in einer Wolke umarmt u., um sie den eifersüchtigen Nachstellungen der Hera zu entziehen, in eine Kuh verwandelt. Hera, argwöhnisch, erbat sich die Kuh zum Geschenk und übergab dieselbe dem hundert- äugigen Argos zur Hut. Auf Befehl des Zeus tödtete Hermes den Argos, Hera aber machte die Jo wahnsinnig, ließ sie von einer Bremse verfolgen u. trieb sie über die ganze Erde hin; erst in Ägypten erhielt sie ihre menschliche Gestalt wieder u. gebar den Epaphos. Die Jdentificir- ung Jos mit der Isis hat ihren Grund in der beiden gemeinsamen Kuhgestalt. 2) s. Asteroiden, Nr. 85. Joab, Schwestersohn u. Feldherr Davids, dessen Feldzüge er mit Auszeichnung führte. Durch Meuchelmord beseitigte er dessen gegnerische Führer, wie Abner u. Amasa; ebenso ermordete er dessen aufrührerischen Sohn Absalon. Da er sich nach Davids Tode auf die Partei der Adonia schlug, wurde er auf Salomos Befehl von Benaja im Tempel erschlagen. Joathas, so v. w. Joahas. Joachim (hebräischer Name, so v. w. Jojakim), 1) St. I., Gatte der Sta. Anna und Vater der heiligen Jungfrau; er starb noch, bevor sie Jesum gebar; sein Tag ist der 20. März. 2) I. I. Nestor, Kurfürst von Brandenburg, Sohn Johanns des Großen, geb. 21. Febr. 1484, folgte 14S9 seinem Vater u. regierte nach allen Seiten fördernd u. helfend, Stifter der Universität Frankfurt a. d. Oder u. des heute noch gütigen Familien- u. Erbrechts, der 6oustitutio lloaoüimica. Er war ein Feind der Reformation, so daß seine der Lehre Luthers auhängende Gemahlin, Elisabeth von Dänemark, vor ihm fliehen mußte. Er st. 11. Juli 1535 zu Stendal, nachdem er noch die Grafschaft Ruppin mit der Mittelmark vereinigt u. die Erbberechtigung auf Pommern erlangt. 3) I. II., sohn des Vor., geb. 15. Jan. 1505, befehligte 1529 u. 1533 gegen die Türken in Ungarn mit Glück, folgte seinem Vater 1535 in der Alt- und Mittelmark, nahm 1539 die Lutherische Lehre an 777 Joachim ----- Joanne. und führte sie in seinem Lande' ein, vertheidigte aber, Ruhe u. Frieden über Alles liebend, ihre Sache nur mit ganz geringem Eifer. Durch seine Verschwendungssucht schädigte er die Finanzen des Landes schwer, sorgte aber für dessen künftige Vergrößerung durch den Abschluß der Erbverbrüderung mit den Schlesischen Herzogen u. den Erwerb der Anwartschaft auf Preußen. Er starb з. Jan. 1571 zu Köpenick. 4) I. Friedrich, Enkel des Vor. u. Sohn des Kurfürsten Johann Georg, geb. 27. Jan. 1546, wurde 1553 Bischof von Havelberg und 1555 zu Lebns, that 1565 Kriegsdienste in Ungarn, wurde 1566 Administrator des Erzbisthums Magdeburg n. vermählte sich als solcher (der erste protestantische Prälat, der dies that) 1570 mit Katharina, Tochter des Markgrafen Johann von Brandenburg-Küstrin, и. (nach deren Tode 1602) 1603 mit Eleonore, Tochter des Herzogs Mbrecht Friedrich von Preußen. Nach seines Vaters Tode 1508 überließ er das Erzbisthum seinem Sohne Christian Wilhelm u. übernahm die Regierung des Kurfürstenthums Brandenburg; er sorgte für sein Haus durch den Geraer Familienvertrag 1598, sowie durch Anbahnung des Erwerbs der Jülich-Kleveschen Erb- schast u. stiftete in Joachimsthal 1607 eine Fllr- stenschule; er st. 1608 auf der Reise von Köpenick nach Berlin in seinem Wagen. 5) I. Napoleon Mnrat, s. Murat. Lag->i.* Joachim, Joseph, berühmter Violinvirtuos, geb. 15. Juli 1831 zu Kittsee bei Preßburg in Ungarn, von jüdischer Abkunft, lernte auf demCou- servatorium in Pest, in Wien bei Böhm, ».wurde dann bes. in Leipzig unter David u. Mendelssohn ausgebildet, wo er auch von 1845 als Lehrer am Conservatorium und beim Gewandhaus-Orchester Anstellung erhielt. Im Jahre 1850 wurde er Concertmeister in Weimar und 1854 Concert- Director bei der Hofkapelle in Hannover, wo er sich taufen ließ. Im I. 1866 gab er diese Stelle auf u. siedelte nach Berlin über; hier betheiligte er sich an den öffentlichen Concerten und leitete einen Quartettvercin; 1869 wurde er Director der neuen Akademie für Musik in Berlin. I. hat viele Concertreisen gemacht u. seinen Ruhm überallhin verbreitet. Sein Spiel besitzt in Schönheit des Tons, fertiger Technik u. tiefer Empfindung des Vortrags die größte Vollendung; bes. hinreißend, versteht er Bachsche Werke, Beethovens u. Mendelssohns Concerte vorzutragen. Er wurde schon mehrfach zur Leitung großer Musikfeste berufen; die Universität Oxford ernannte ihn 1877 zum Doctor der Musik. Schrieb auch Compositionen, worunter das ausgezeichnete Concert in ungarischer Weise. Seit 1863 ist er mit Amalie Weiß, einer ausgezeichneten Altistin, damals am hannov. Theater, verheirathet. Siebenrock. Joachimsorden, gestiftet 20. Juni 1755 von 14 Herzogen, Prinzen, Grafen, Rittern und Edeln, an deren Spitze Prinz Christian Franz von Sachsen Kobnrg als erster Großmeister stand. Er hieß anfangs Providenz-, dann Jonathansorden, endlich I., mit der Bestimmung, den reicheren Mitgliedern Gelegenheit zum Wohl- thnen, den weniger bemittelten Unterstützung zu bieten. Seit 1820 ist der I. nicht mehr erwähnt. Joachimsthal, I) Bergstadt u. Hauptort im glenbnam böhm. Bezirk (Österreich), am Weseritzbache in einem Thale des Erzgebirges; Berg- u. Hüttenverwaltung, Dechanteikirche, Volks- und Bürgerschule, Schloß Freudenstein, Bergbau auf Silber, Wismuth, Nickel, Blende, Spitzenklöppclci, ärarischc Urangelbfabrik, Cigarrenfabrik, Fabrikation von Handschuhen u. Korkstöpseln, Bergbau (1874: 8095 kA Silbererz, 105„ leg- Silber, 921 kg Nickelspeise, 1417 lex Wismuth und 5191 I-§ Uranerz); 1869: 6586 Ew., wovon 5328 im Orte. — Von hier haben die Thaler (Joachimsthalcr) den Namen. Die 1516 entdeckten Silbergruben, die einst die Stadt reich gemacht, waren seit längerer Zeit sehr heruntergekommen. Am 31. Mär; 1873 brannte die Stadt fast gänzlich ab. In der Nähe Zinn- und Bleigruben. Vergl. Vogl, Gangverhältniffe und Mineralreichthum von I., Teplitz 1856; Laube, Aus der Vergangenheit J-s, Leipz. 1875. 2) Stadt im Kreise Angermllude des preuß. Regbez. Potsdam, zwischen dem Grim- nitz- u. Werbellin-See, Ziegelei u. Kalkbrennerei; 1875: 2076 Ew. — In I., das seit 1604 Stadt ist, wurde vom Kurfürsten Joachim Friedrich 1607 eine Fürstenschule gegründet. Nachdem diese in der Nacht vom 4. auf 5. Jan. 1630 von kursächsischen Soldaten zerstört worden war, wurde sie 1650 durch den großen Kurfürsten zu Berlin als J-sches Gymnasium wiederhergestsllt. Westl. vom Werbelliner See die Schorfheide mit dem Jagdschloß Hubertusstock. H- Berns. Joahas (Joachas), 1) König von Israel, s. Hebräer, S. 94. 2) König in Juda, s. Hebräer, S. 95. loaüller (fr.), Juwelier; seine Kunst u. Handel; lloaillisrls, Juwelierkunst u. Juwelenhandel. Joaläos, Sohn des Jphikles, treuer Gefährte des Herakles, nahm an dem Argouautenzuge und der kalydonischen Jagd theil und unterstützte den Herakles bei der Tödtung der Lernäischen Hydra, wurde von diesem mit Megara, der Tochter Kreons, vermählt. I. tödtete den Eurystheus; war beim Tode des Herakles auf dem Öta zugegen u. errichtete diesem auf seinen Wunsch den Scheiterhaufen. Er starb in Theben, wo ihm zu Ehren die Joläa gefeiert wurden. Die phönikische Heraklessage ließ ihn in Sardinien Colonien gründen. Prcutz. Joanna (Joana, Johanna, Andschuan, bei den Eingeborenen Hinznan, Nzuana), die blühendste Insel der Comoren (s. d.); vulcanisch, gebirgig, gut bewässert, üppige Vegetation, 373,, dstem (6„, HW); 12,000 Ew.; Hauptort: Domoni. Joaune, Adolphe Laurent, franz. Schriftsteller, geb. 15. Sept. 1813 zu Dijon, kam 1827 nach Paris, studirte Jura, wurde 1836 Advocat, wandte sich aber seit 1839 ganz der Schriftstellerei zu. Seit 1833 lieferte er literarische, geschichtliche u. juristische Artikel für Zeitschriften, namentlich 1838—1850 für die Rovns britsnnigus. 1843 gründete er mit Charton und Pauline die Illustration u. schrieb für dieselbe bis 1852. Von seinen zahlreichen Werken sind hervorzuheben: Uebersetzung der List. Asnsralos äss vo/aAss von Desborough-Cooley, 1840—41, 3 Bde.; von Onkel Toms Hütte re. Bes. berühmt sind seine Itinäraiiss (Oniäss-lloarme der Schweiz, des Jura 778 Joannes - und des Schwarzwaldes 1841, Schottland 1852, NDeutschlands 1854, von SDeutschland 1855 rc., im Ganzen 120 Bde. (in kürzerer Fassung: Ouiäes- viamants, seit 1866). Großartig angelegt ist auch sein viotüonnairs äss oommunss äs Uranos, 1864, 2. Ausl. 1869, und das Itmörairs Asnsral äs In Kranes, 1865 ff. Außerdem verfaßte er zahlreiche geograph. Darstellungen französischer Departements. Volch-rt. Joannes, s. Marajo. Joannez (Joannes), Vicente, berühmter span. Historienmaler, geb. 1523 zu Fuente la Higuera, gest. 1579, bildete sich wol nach Rafael, war ties religiös und gab diesem Gefühl auch in seinen Werken innigen Ausdruck. Hauptwerke: Die Taufe Christi, im Dom zu Valencia; Das Abendmahl, ebenda; Madonna mit dem Kinde, in S. Dominica; Christus, in S. Francisco, sämmtlich in Valencia, wo er den größten Theil seiner Werke schuf; Altarwand in der Pfarrkirche zu Bocairente. Regnet. Joarmina, Stadt, so viel w. Janina. Joannitius, Johannitius (Honein Ebn Jshak), geb. 809 zu el Hira in Syrien; Nestoria- ner, studirte in Bagdad, wurde Famulus Mase- weihs, besuchte dann, von diesem verdrängt, die griechischen Städte u. Basra, wo er sich noch in der arabischen Sprache zu vervollkommnen suchte, wählte darauf Bagdad zu seinem beständigen Wohnsitze, wo er auch medicinische Vorlesungen hielt u. wurde zuletzt Leibarzt des Khalifen Mutawakkil. Unter den 33 dem I. zugeschriebenen Werke» verdienen erwähnt zu werden: die arabisch geschriebene Einleitung in die Medicin, auch ins Hebräische u. ins Lateinische übersetzt unter dem Titel: äoannitii isa§oAö in arten» parvam Kalkül, Vened. 1483, 1487, Leipz. 1490 u. Straßb. 1534, sowie das I-oxioon Lzu-.-^rabivum u. die Kranunatlsa Lärmes,. Das größte Verdienst erwarb sich aber I. durch seine Uebersetzungen griechischer Werke, wie des Hippokrates, Galenos, Dioskorrdes, Aristoteles, Ptolemäos u. a., wozu er auch jungen Leuten Anweisung gab, besonders seinen Söhnen Jshak und David und seinem Neffen Hobeisck>, deren Arbeiten er durchsah. Er st. 873. ' »- Joäo, portug. Form für Johann. S. Joäo (I. da Foz), Stadt im District Oporto der portug. Prov. Eutre Douro e Minho, an der Mündung des Douro; Fort und Leuchtthurm, beliebtester Sommeraufeuthalt der Bewohner von Oporto, stark besuchte Seebäder; 3000 Ew. S. Joäo del Rey, Stadt in der brasilianischen Provinz Miuas Geraes; gut gebaut, mit schönen Kirchen, Collegio rc.; Vieh- u. Getreide- Handel; 9000 Ew. — Die ehemal. Goldwäschereien sind nur noch unbedeutend. Joas, 1) König in Israel, s. Hebräer, S. 94. 2) I., König in Juda, s. Hebräer, S. 95. Job, 1) gemeine Aussprache für Jakob; 2) so v. w. Hiob. Jobber (engl.), an der englischen Börse die niederen, waghalsigen, hazardmäßig auftretenden Speculanten in Actien u. Staatspapiereu, namentlich die dabei das Differenzgeschäst betreibenden; der I. gilt nicht als ordentlicher Geschäfts- - Jochmus. mann u. ist die Bezeichnung nur im verächtlichen Sinn in Gebrauch. Jobel (hebr. Aut.), s. u. Jubelfest. Jobstade, komisches Heldengedicht von K. A. Kortüm, s. d. Jobst, 1) Abkürzung für JustuS; 2) für Jo- docus. Joch , hölzernes Geschirr zum Anspannen der Zugochsen; daher I. Ochsen, so v. w. ein Paar Ochsen; auch bedeutet I. (Juchert) ein Stück Feld, das man mit 2 Ochsen pflügt; in der Botanik bezeichnet I. ein Paar Fiederblättchen; in der Architektur (äuAum) Gestelle senkrechter Pfähle (Jochhölzer), die oben durch ein Querholz (J-träger) vereinigt sind; bei hölzernen Brücken (Brücken-J.) sind die senkrecht stehenden Pfähle meist durch schräg darüber gelegte unter einander verbunden; zuweilen sind die J°pfähle nicht eingerammt, sondern unten in Schwellen (J-schwellen) eingezapft;, der Raum zwischen den Jochhölzern heißt Joch- spannung. (Seew.) Joch des Steuerruders, eine Vorrichtung, welche die längsschifss eingesteckte Ruderpinne durch zwei querschifss au dem Ruderschaft angebrachte Arme ersetzt, wo die Ruderpinne durch Kajütseinrichtungen, Schraubenbrunnen u. dgl. unmöglich gemacht wird od. (in Booten) dem Steuernden das ungestörte Sitzen in der Mitte behindert. Das Steuerreep wird daun an den äußersten Punkten der Joch arme befestigt. Jochbein, Jochbogen (Anat.), s. Gesichtsknochen 6). Jöcher, Christ. Gottlieb, geb. 20. Juli 1694 zu Leipzig, studirte daselbst seit 1712 zuerst Medicin, dann aber durch den Theologen Gottfr. Olearius dazu bewogen und unter dessen Leitung Philosophie, Theologie und Kirchengeschichte, erlangte 1714 die Magisterwürde, trat an der Universität mit Beifall als Lehrer auf u. wurde 1715 Assessor der philosophischen Facultät u. 1716 Bac- calaureus der Universität. Auch bei der Regierung fanden seine Bemühungen solche Anerkennung, daß er 1721 zum Mitglied des großen Fürstencollegiums ernannt wurde. Von 1720 an übernahm er auch die Redaction der von Nabener herausgegebenen: tentschen L,ota> Druäitoruw, nahm auch an den lateinischen Lota kÄuäitorum, damals der gediegensten kritischen Zeitschrift, eifrigen Antheil. 1730 erhielt er eine ordentliche Professur in der philosophischen Facultät, 1732 die Professur der Geschichte u. 1735 die Aufsicht über die Universitätsbibliothek. Er starb 10. Mai 1758. Von seinen zahlreichen Schriften ist nur sein Gelehrten-Lexikon noch nicht vergessen, welches nach dem ersten unvollkommenen Versuche (1715) als: Allgemeines Gelehrten-Lexikon, 1750—51, in 4 Bdn. erschien u. von Adelung 1784 in 2 Bdu. genauer, von Rotermund aber 1810—1822 unkritisch u. fehlerhaft fortgesührt worden ist. Ein vollständiges Verzeichniß von J-s literarischen Arbeiten findet man in Adelungs Fortsetzung des Gelehrten-Lexikon, Bd. 2. Vgl. Ernesti, Llsmo- ria. Oll. K. äöollsri, Lpz. 1758. Eichhoff. Jochmus, August Giacomo, Freiherr von Cotiguola, 1849 deutscher Reichsminister, österr. Feldmarschall, geb. 1808 in Hainburg, lernte als 779 Jockey Kaufmann, trat aber 1827 als Philhellene in die neugebildete griechische Armee und war bereits 1828 Hauptmann u. Adjutant des Oberbefehlshabers General Chnrch. 1832 als Hauptmann des Generalstabes im Kriegsministerium angestellt, wurde er zu verschiedenen diplomatischen Missionen verwendet, kämpfte auch gegen die Moreoten n. leitete die Befestigung von Sparta. Der carlistische Krieg lockte ihn 1835 nach Spanien, wo er auf Seite der Königin kämpfte u. Mai 1837 Brigadegeneral, Juni desselben Jahres von Espartero zum Chef des Generalstabs der Nordarmee ernannt wurde. Ende 1838 nach England zurückgekehrt, wurde er von Palmerston nach Constantinopel gesandt, um mit Lord Ponsonby den Plan für den Krieg in Syrien zu entwerfen, ging dann 1840 nach Syrien, wurde von der Pforte zum Divisionsgeneral u. Pascha mit 2 Roßschweisen ernannt u. Chef des Generalstabes des combin. türk.-engl.-österr.Heeres u. beendete seit Dec. 1840 an der Spitze der Operationsarmee bis Febr. 1841 den Feldzug. Bis Anfang 1848 dann dem türk. Kriegsministerium zugetheilt, kehrte er 1849 nach Deutschland zurück u. trat 17. Mai 1849 in das Reichsministerium als Minister des Äußeren u. der Marine. Nach dem Rücktritt des Reichsverwesers zog auch I. sich ins Privatleben zurück. Im Mai 1859 wurde er österr. Feldmarschalllieutenant, ohne jedoch in Activität zu treten, u. nach dem Friedensschlußvon Villafranca erhob ihn der Kaiser Franz Joseph in den Freiherrnstand. Hauptwerk: Der Syrische Krieg und der Verfall des Osmanenreiches seit 1840, Franks. 1856. Jockey (engl., von üaolc, dem Verkleinerungs- Worte von llolln), eigentlich Reitknecht und zwar der bes. zum Wettrennen geschulte u. bei denselben reitende, dann auch der ZportinZ üsntlsman, jeder, der sich dem Vergnügen der Rennbahn hingibt, woher deren Vereine I.-Clubs. Endlich Pferdehändler, hier jedoch in Verbindung mit Ilorss-j. mit dem Nebengrifs von Betrüger, Preller beim Pferdehandeln. Jocös (v. Lat.), scherzhaft, üooosa, scherzhafte Dinge. loorisss (fr.), Einer, der sich als Tölpel leiten läßt, mit den gleichgiltigstcn Dingen oder den niedrigsten Diensten in der Haushaltung beschäftigt, Einfaltspinsel, Topsgncker; dann lustige Figur der französischen Straßenkomödie; ein Lummer tölpischer Bedienter aus der Provinz, begleitet er meist einen Tausendkünstler oder Taschenspieler, welcher das Publicum durch tölpelhafte Possen anlockt, trägt meist abgeschabten Rock, eineZopfperrücke mit gen Himmel stehenden Zopf rc. loous (lat.), Scherz, Schäker, Kurzweil; daher Jocusstab, Stab mit einem Brnstbilde, welches die Freude, od. auch oft ein Zerrbild mit Schellenkappe vorstellt, Narrenstab, llsei «anoa, xor joouin, Scherzes halber. Jod, Buchstabe, s. u. I. Jod (Jodine, v. gr. kcockyr, veilchenblau), nicht- metallisches chem. Element ans der Gruppe der Haloide. Chem. Zeichen ü, Atomgewicht 127. Es bildet bei gewöhnlicher Temperatur schwarze metallische Blättchen von schwachem, chlorähnlichem Gernche, welche leicht zerrciblich u. ziemlich schwer — Jod. sind (spec. Gew. 4,^). Es verdampft langsam schon ber gewöhnlicher Temperatur, schmilzt bei 107°, siedet bei 180° n. verwandelt sich dabei in tiefvioletten Dampf (daher sein Name). Derselbe hat ein sehr hohes spec. Gew. (8„ für Luft — 1, 127 für Wasserstoff — 1 ) und verdichtet sich bei geringer Abkühlung leicht zu diamantglänzenden kleinen Krystallen. Das I. hat einen herben, scharfen Geschmack, wirkt stark ätzend, abe> nicht bleichend u. färbt die Haut vorübergehend braun. In reinem Wasser ist es äußerst wenig löslich; Wasser, welches gewisse Salze (Salmiak, namentlich J-kalium) od. auch J-wasserstoff enthält, löst es weit leichter mit brauner Farbe auf; Alkohol löst es, reichlich mit brauner Farbe (J-tinctur), ebenso Äther; Schwefelkohlenstoff gibt eine violette, Chloroform eine rothe Lösung. Stärkekleister wird selbst durch kleine Mengen I. intensiv blau ge- färbt u. dient deshalb zum Nachweis desselben,- die dabei entstehende Verbindung (J-stärke) wird beim Kochen farblos, nimmt aber beim Mühlen ihre blaue Farbe wieder an. J-verbindungen wirken auf Stärkekleister erst dann, wenn aus ihnen (durch eine kleine Menge rother rauchender Salpetersäure) das I. frei gemacht ist. In seinem chem. Verhalten ähnelt das I. sehr dem Chlor, Brom n. Fluor, doch zeigt es ein weit geringeres Vereinigungsbestreben. Mit Metallen liefert es die oft schön gefärbten J-metalle. — Freies I. findet sich in der Natur nicht, Verbindungen desselben, namentlich mit Natrium und Magnesium, um so häufiger, freilich immer nur in äußerst kleinen Mengen, so in Meerwasser. Aus ihm geht es in viele Seethiere, Badeschwämme, Seesterne, Seekrebse, viele Fische (daher I. im Leberthran) über. Die Seepflanzen, namentlich Algen, speichern es in ihren Zellen in so großer Menge auf, daß es in der Asche derselben mit Leichtigkeit nachgewiesen werden kann. In Begleitung von Chlor- n. Bromverbindnngen finden sich J-verbindnugen in vielen Soolquellen (Adel- heidguelle zu Heilbronn), in den oberen Schichten der Steinsalzlager, im Chilisalpeter, mehreren Mineralien (Phosphorit), selbst in den Steinkohlen u. im Torfe. Dian will es sogar im Regen- n. Quellwasser, in vielen Landpflanzen, im Thierkörper, selbst in der atmosphärischen Luft gefunden haben, jedoch bedürfen diese Vorkommen sehr der Bestätigung. Man gewinnt das I. ans der Asche der Secpflanzen (Kelp in Schottland, Varec in der Normandie), indem man dieselbe mit Wasser anslaugt, aus der Lauge durch Eindampfen die schwerer löslichen Salze abscheidet u. die Mutterlauge, J-lauge, welche die J-verbindungen enthält, mit Braunstein und Schwefelsäure destillirt. Die Dämpfe leitet man in eine Reihe mit einander verbundener thönerner Vorlagen, in denen sich das I. in Schüppchen ansammclt. Nach einem anderen Verfahren zersetzt man die jodhaltige Mutterlauge Lurch Einleiten von Chlorgas, wodurch I. als schwarzes Pulver abgeschieden wird. Da beim Einäschern der Seepflanzen I. verloren geht, so hat man in neuerer Zeit versucht, dieselben mit überhitzten Wasserdämpfen zu Lestilliren, die rückständige Kohle auszulaugen n. die Lange in der oben angegebenen Art zu verarbeiten. In 780 Jvd u. Jodvrciparate — Jodsäiiresalze. Peru stellt man jetzt aus der Mutterlauge des Chilisalpeters jährlich gegen 600 Ttr. I. dar. Die Gesammtproduction, an der nur noch Schottland, Irland u. Frankreich theilnehmen, beläust sich auf 4—5000 Ctr. jährlich. Raffinirtes I. gewinnt man durch Sublimation größerer Mengen von rohem I. Mau verwendet das I. in verschiedenen Formen als Heilmittel, ferner in großen Mengen in der Photographie (J-kalium) n. zur Fabrikation gewisser Theerfarben. Es wurde 1811 von Courtois in Paris entdeckt u. von Gay-Luffac als Element erkannt. Hetzer- Jod u. Jodpräparate (Pharm.). Das Jod (lloänw) ist ein höchst krästiges, bes. auf das Drüsensystem wirkendes, deshalb gegen entzünd- ungslose Drüsengeschwülste, gegen Kröpfe, verhärtete Gekrösdrüsen rc. innerlich u. äußerlich angewendetes Mittel. Seine Anwendung erfordert die größte Vorsicht, da es giftig ist (s. Jod-Dyskrasie). Außer Jodtinctur (s. d.) istJodkalinm (La- linm ioäatnw, s. Kaliumjodid) officinell; daraus wird durch Zusatz von unterschwesligsaurem Natron, Lösen in Wasser u. Zusammenreiben mit Schweinefett die Jodkaliumsalbe (IIvAnsutum Lalii ioäati) bereitet; ferner Jodblei (klnmdnm ioäa- tum, s. Bleijodid), reines u. zuckerhaltiges Jod- eisen (§errnm ioäabnin u. §. i. saeollaratum), Quecksilberjodür und -jodid (s. d., Sxärar^rnm loäatnm u. diioäatwm); endlich Jodoform (s. d., llockotorminm) n. Jodschwefel (Lnlknr ioäatnm), durch Znsammenschmelzen von Jod u. Schwefel dargestellt. .. Jodäthyl, s. Äthyljodid. Jodate, s. Jvdsäuresalze. Jo Davits?, County im nordamerik. Unionsstaate Illinois, unt. 42° n. Br. u. S0° w. L.; 27,820 Ew.; Countysitz: Galena. Jodblei, s. Bleijodid. Jodchlorid, s. Chlorjod. Jod-Dyskrasie (chronische Jodvergiftung), die durch längere Zeit fortgesetzten arzneilichen Ge- brauch des Jods bedingten Störungen der Gesundheit, wie: heftiger Schnupfen mit Schmerz in den Stirnhöhlen, fleckige u. knotige Hantaus- schläge, Schwinden gewisser drüsiger Organe, namentlich der weiblichen Brüste, der Hoden, Abmagerung. Aussetzen des Jodgebrauches führt meist bald die Heilung herbei. Kunze. Jodelle, Etienne, Sieur de Lymodin, sranz. Dramatiker, geb. 1532 in Paris; er schr. die ersten französischen, den altclassischen Mustern nachgebildeten, regelmäßigen Lust- u. Trauerspiele (z. B. Eugene, Kleopatra, Dido) und gehört zu dem französischen Siebengestirn (Pleiade). Bei der Aufführung seiner Kleopatra spielte er selbst die Titelrolle. Ungeachtet I. in der Gunst Karls IX. u. Heinrichs III. stand, st. er doch in großer Armnth, Juli 1573. Seine Oeuvres st lileianAes xoetiguvs, gesammelt von de la Motte, Paris 1574, Lyon 1597. Er war auch Maler, Bildhauer u. Architekt. Jodeln, cigenthümliche Gesangart der Alpenbewohner, bes. der Tiroler, besteht darin, daß der Sänger ans der Bruststimme in die höheren Töne des Falsets überschlägt. Jodide, Jvdmetalle, Verbindungen von Jod mit Metallen. Die I. der schweren Metalle sind meist lebhaft gefärbt u. unlöslich, die der übrigen ungefärbt u. löslich; die ersteren erhält man durch Wechselzersetzung, die letzteren entweder direct durch Zusammenbringung der Elemente bei Gegenwart von Wasser od. durch Einträgen von Jod in eine Lösung der betr. Metallbase. Bildet ein Metall mit Jod zwei Verbindungen, so heißt die Jodärmere das Jodür. Hetzer. Jodine, so v. w. Jod. Jodit, so v. w. Jodsilber. Jodkalium und die übrigen Jodmetalle, s. Kaliumjodid u. s. w. odmercur, so v. w. Coccinit. odöeus (Jobst) von Mähren, Sohn des Markgrafen Johann Heinrich u. somit Enkel des Königs Johann des Blinden von Böhmen aus dem Hause Luxemburg, ein ebenso gelehrter als habsüchtiger Fürst, erhielt 1375 gemeinschaftlich mit seinem Bruder Prokopius die Markgrafschaft Mähren, für sich 1383 Luxemburg von Kaiser Wenzel und 1388 von Kaiser Sigismand Brandenburg für 20,000 Fl. verpfändet. Nach dem Tode des Kaisers Ruprecht wurde I. von einigen Kurfürsten 20. Septbr. 1410 gegen Sigismund zum Kaiser erwählt, starb aber schon 8. Januar 1411, 3! Monate nach seiner Wahl, ohne gekrönt worden zu sein. Jodoform, 01,8, krystallisirt in gelben Blättchen, löslich in Alkohol und Aether, besitzt einen safranähnlichen Geruch, schmilzt bei 119° 0., de- stillirt mit Wasserdämpfen über. Das I., eine dem Chloroform analoge u. zu medicinischer Anwendung empfohlene Verbindung, entsteht durch Einwirkung von Jod u. kohlensaurem Alkali auf Alkohol. Jodoigne (flämisch Geldenaecken), Marktflecken im Arr. Nivellcs der belg. Prov. Brabant, an der Großen Gerte; Trümmer des 1578 niedergerissenen Schlosses der Herzöge von Brabant; Gymnasium, Wollenspinnerei u. -Weberei, Tabak- fabrikation, Bierbrauerei; 3823 Ew. Inder Nähe bei Ramillies 23. Mai 1706 Schlacht zwischen Villeroi n. dem Herzog Marlborough. Jodphosphor, s. Phosphorjodid. Jodsäure, chem. Verbindung von Jod mit Wasserstoff und Sauerstoff (WO,); weiße, tafel- förmige Krystalle von stark saurem Geschmack, die in Wasser n. Säuren leicht löslich' sind; bei 170" verwandelt sie sich unter Abgabe von Wasser in J-anhydrid (1,0z), welches beim weiteren Erhitzen in Jod u. Sauerstoff zerfällt. Sie wirkt fest u. in Lösung stark oxydirend, indein sich Jod abscheidet; mit brennbaren Körpern (Schwefel, Phosphor, organische Substanzen) gemischt verpufft sie beim Erwärmen. Man stellt sie dar durch Erhitzen von Jod mit Salpetersäure, wol unter Zusatz von chlorsaurem Kali, leichter durch Zersetzen von jodsaurem Baryt mittels verdünnter Schwefelsäure. Eine wässerige Lösung derselben erhält man durch Einleiten von Chlorgas in Wasser, in welchem sein zerriebenes Jod suspendirt ist. Hetzer. Jodsäuresalze (Jodate) entstehen, wenn der Wasserstoff der Jodsäure durch ein Metall ersetzt wird. Sie sind in Wasser schwer od. gar nicht löslich u. verhalten sich im Allgemeinen wie die 78L Jodsilbcr Chlorsäuresalze. Beim Erhitzen verlieren sie Sauerstoff u. verwandeln sich in Jodid od. Oxyd. Mit brennbaren Körpern erhitzt, verpuffen sie lebhaft. Das jodsaure Kali (jods. Kalium, Kaliumjodat) bildet farblose, kleine, körnige, in kaltem Wasser schwer lösliche Krystalle. Es entsteht, wenn man eine Lösung von kohlensanrem Kali in der Siedhitze mit Jodsäure neutralisirt od., neben leicht löslichem Jodkalium, beim Einträgen von Jod in Kalilauge. Jodsaurer Baryt (jods. Baryum, Baryumjodat) ist weiß, in Wasser sehr schwer löslich. Er scheidet sich ab, wenn man durch eine Lösung von Jodbaryum Chlorgas leitet od. wenn man zu einer Lösung von jodsaurem Kali essigsaure Baryterde gibt. Hetzer. Jodsilber (Jodit, Jodargyrit), Mineral, erscheint in dünnen biegsamen, hexagonalen Blättchen u. Platten, auch derb u. eingesprengt; Härte 1—2, spec. Gew. 5,^—5,^; perlgrau, gelblichgrau bis grünlichgelb, auch citronengelb, fett- bis diamantglänzend; bei Mazapil in Mejico, in Chile u. in Guadalajara in Spanien. Jodstärke, s. Jod. Jodstickstoff, chemische Verbindungen, die entweder aus Jod u. Stickstoff (Mg), od. aus Jod, Stickstoff u. Wasserstoff (MI,, Jodamid) bestehen. Beide Körper sind schwarz, pulverförmig u. ex- plodiren im trockenen Zustande mit größter Heftigkeit bei der leisesten Erschütterung, oft auch ohne jede äußere Veranlassung; unter Wasser zersetzen sie sich allmählich. Man erhält sie durch Digestion von sein zerriebenem Jod mit Ammoniak oder durch Fällung einer alkoholischen Jodlösung mit einer wässerigen od. alkoholischen Lösung von Ammoniak, Abfiltriren und vorsichtiges Trocknen des in kleine Stücke zerrissenen Filters. Hetzer. Jodtinktur, Pinetnra stoäi, Auflösung von Jod in Alkohol; gelbbraun, zersetzt sich langsam unter Bildung von Jodwasserstoff. Wichtiges Heilmittel. Jodiire, s. Jodide. Jodwasserstoff, chem. Verbindung von Jod U. Wasserstoff (IL), dem Chlorwasserstoff sehr ähnlich; farbloses, stechend sauer riechendes, an feuch- ter Luft dicke Nebel bildendes Gas, welches sich bei etwa —30° in eine farblose Flüssigkeit, bei —50° in eine eisähnliche Masse verwandelt. Von Wasser wird es in großer Menge absorbirt. , Er hat nur geringe Beständigkeit, so zersetzt sich seine wässerige Lösung, die man am zweckmäßigsten durch Einleiten von Schwefelwasserstoff in Wasser, in welchem Jod suspendirt ist, darstellt, an der Luft von selbst unter Abscheidung von Jod, indem der Wasserstoff durch den Sauerstoff der Luft oxy- dirt wird. H°tz°°- Joel, Sohn des Petuel, Prophet im Reiche Juda unter Usia; er ruft während einer Heuschreckenplage zur Buße, spendet Trost und Hoffnung; behandelt von Holzhausen, Götting. 1829, Credner, Der Prophet I., übers, u. erklärt, Halle 1831; dann bei Ewald, Hitzig, Meier. Joel, Michael, zuerst öffentlicher Lehrer an dem Fränkelschen Rabbincrseminar in Breslau, daun Rabbiner, hervorragend als Prediger und Forscher in religionsphilosophischem Fache. Er schr. u. A.: Lcwi ben Gerson als Religionsphilo- — Johann. soph; Beitrag zur Geschichte der Philosophie und der philosophischen Exegese des Mittelalters, Bresl. 1862; Verhältniß Albert d. Gr. zu Moses Mai- monides, ebd. 1863; Spinozas Theologisch-politischer Traktat, auf seine Quellen geprüft, ebd. 1870; Zur Genesis der Lehre Spinozas, mit besonderer Berücksichtigung des kurzen Tractats: Von Gott, dem Menschen u. dessen Glückseligkeit, Brest. 1871. Fürst. Joga-Philosophie, eines der 6 Systeme der indlstchen Philosophie, s. Sanskrit-Literatur. Jogin (Gosain, Doghi), indische Bettelmönche, die Nachfolger der alten indischen Büßer, ähnlich den Fakirn (s. d.) u. gleich diesen eine Pest des Landes. Sie verehren bes. den Siva, als Stifter ihrer Secte betrachten sie Gorakhnata im 15. Jahrh. St. Johann, 1) St. I. unter dem Felsen, Kirchdorf im böhm. Bezirk Beraun (Österreich), in einem pittoresken Thale am Bache Kaffchitze; Schloß, ehemaliges Benedictinerkloster mit der Höhle des St. Johann, Baumwollenspinnerei; wird wegen seiner schönen Lage stark besucht. 2) Marktflecken u. Hauptort des gleichnamigen Bez. des Herzogthums Salzburg, an der Salzach, Station der Kaiserin Elisabeth-Bahn; Bruder- u. Siechenhaus; Nagelschmieden; ca. 1000 Ew. 3) Stadt im Kreise Saarbrücken des prenß. Regbez. Trier, anderSaar, Saarbrücken gegenüber, Station der Saarbrücker u. der (1877 in der Herstellung begriffenen) St. Jngberter Eisenbahn; Maschinen- u. Drahtseilfabriken, Fabrikation von Thonwaaren, bes. von Röhren zu Wasserleitungen, Färberei, Gerberei, Bierbrauerei rc.; 1875: 10,940 Ew. — In der Nähe am Hallberge ein großes Eisenhüttenwerk. — Auf dem Saarkanal starke Verschiffung von Steinkohlen nach Frankreich. H- Berns. Johann, Abkürzung für Johannes (s. d.), sranz. Jean, ital. Giovanni, portug. Joäo, span. Inan, engl. John, Holland. Jan, russisch Iwan. I. Könige: 1)J. von Luxem bürg, der Blinde, König von Böhmen, ältester Sohn des Kaisers Heinrich VII. u. der Margarethe von Brabant, geboren 1295; wurde als Gemahl der Elisabeth, jüngeren Tochter des Königs Wenzel II. von Böhmen, welche er 1310 geheirathet hatte, 1311 König von Böhmen. In dem Kaiserstreit zwischen Ludwig dem Bayer und Friedrich von Oesterreich stand er auf des elfteren Seite, nahm besonderen Antheil an der Schlacht bei Mühldors, unterstützte König Philipp von Frankreich 1324 in Lothringen u. 1328 gegen die Flamänder, half 1329 den Deutschen Rittern gegen die Lithauer, wo er ein Auge einbüßte, u. kam im selben Jahre noch nach Frankreich, wo ihn König Philipp VI. zum Statthalter von Gascogne machte. Dazwischen erweiterte er die Grenzen Böhmens durch den Erwerb des Herzogthums Breslau. 1330 stritt er in Italien u. 1333 wieder, nachdem er sich dem Kaiser gegenüber von dem Verdachte, nach der Krone zu streben, gereinigt hatte, brach aber mit ihm völlig, als derselbe die Erbschaft von Kärnten u. Tirol dem Hanse Luxemburg streitig machte. Obgleich 1340 auch auf seinem zweiten Auge erblindet, machte er den Feldzug der Franzosen gegen die Engländer mit und fiel 26. Aug. 1346 bei Crecy. I. war ein ebenso tapferer 783 Johann. als redlicher Charakter, dabei aber unstet, ein Freund des Krieges u. Streites und damit ein schlechter Haushalter. Nach dem Tode Elisabeths (st. 1330) vermählte sich I. in zweiter Ehe mit Beatrix, Tochter des Herzogs Ludwig von Bourbon; ihm folgte in Böhmen sein älterer Sohn aus erster Ehe, Karl, in Luxemburg sein Sohn zweiter Ehe Wenzeslas. Vgl. Schotter, I., Graf von Luxemburg und König von Böhmen, 2 Bde., Luxemb. 1865. 3) I., König von Dänemark, s. 14). 3) I. ohne Land, König von England, dritter Sohn Heinrichs II., geb. 24. Dec. 1166 zu Oxford, ein ebenso treuloser u. habsüchtiger als grausamer n. wollüstiger Mensch. Der besondere Liebling seines Vaters, empörte er sich mit seinem Bruder Richard Löwenherz gegen diesen. Während Richards Kreuzzug suchte er sich mit Hilfe Frankreichs auf den englischen Thron zu erheben, mußte aber der Festigkeit der Regentschaft u. der Großen weichen. Nach dem Tode des Bruders (1199), der ihm verziehen u. für den er gegen Frankreich kämpfte, sollte eigentlich Arthur, Sohn seines älteren Bruders Gottfried, König werden, allein I. gewann die Großen des Reiches, so daß diese ihn auf den Thron beriefen. Durch seine Heirath mit Jsabella von Angoulbme kam er mit seinen Vasallen in Frankreich in Conslict, u. als König Philipp für Arthurs Rechte cintrat u. in die Normandie einfiel, nahm I. den letzteren gefangen u. ermordete ihn mit eigener Hand. Darauf fielen seine Vasallen von ihm ab u. er verlor fast alle Besitzungen in Frankreich. Sein Widerstand in der Wahlsache des Erzbischofs von Canterbury gegen den Papst brachte über England das Interdikt, über ihn selbst den Bannfluch, den er dadurch von sich abwälzte, daß er sein Reich unter den größten Demüthigungen von dem Papst in Lehn nahm. Als darauf der unzufriedene Adel u. Klerus sich gegen ihn empörte u. I. bei Windsor 19. Juni 1215 zum Erlaß der LlaZus. oflarta zwang, ließ er diese von dem Papste verdammen u. rief dadurch neuen Bürgerkrieg hervor, in welchem er so entsetzliche Grausamkeiten verübte, daß der Adel Ludwig, den Sohn Philipps II. von Frankreich, auf den Thron berief. Während diesem der größere Theil Englands zufiel, st. I. 19. Oct. 1216; s. England (Gesch.); er war vermählt zuerst mit Alix, Gräfin von Mortain, dann mit Hadwise von Gloucester, von der er sich scheiden ließ, und 1200 mit Jsabella, Gräfin von Angouldme; Heinrich III., Sohn der Letzten, folgte ihm. 4) I. II. der Gute, König von Frankreich, Sohn Philipps VI., geb. 1319 u. folgte seinem Vater 1350. In dem 1355 ausgebrochenen Kriege mit England nach Ablehnung des gebotenen Waffenstillstandes verlor er in der Schlacht bei Maupertuis 19. Sept. 1356 Sieg u. Freiheit, die er erst gegen Abtretung mehrerer Provinzen u. ein Lösegeld von 3 Mill. Goldstücken durch den Frieden von Bretigny 1360 wieder erhielt. Indessen 1364 kehrte er nach England in Gefangenschaft zurück, da sein als Geisel daselbst znrückgelassener Sohn Ludwig von Anjou von dort entwich, und starb hier, als Gast behandelt, 8. April 1364; ihm folgte sein Sohn aus erster Ehe, Karl V. 8) I. II., Kasimir, König von Polen, zweiter Sohn Sigismunds III., geb. 1609; wurde nach längeren abenteuerlichen Reisen in Holland, Deutschland, Frankreich u. Italien 1640 Jesuit u. bald daraus Cardinalpriester, kehrte jedoch 1646 wieder in weltliche Verhältnisse zurück n. nahm nach dem Tode seines Bruders Wladi- slaw VII. 1648 die Krone an u. vermählte sich mit dessen Wittwe, Luise Marie von Gonzaga. In dem wegen J-s Ansprüchen auf die schwedische Krone erhobenen Kriege mit Schweden und Brandenburg unglücklich, mußte er im Frieden von Oliva 1660 auf die Oberlehnshoheit über OPreußen verzichten, und nach langen Kämpfen mit Rußland entschloß er sich, endlich der inneren Zwistigkeiten müde, 18. Septbr. 1668 die Königskrone niederznlegen. 1669 ging er nach Frankreich in die Abtei St. Germain des Pres, die ihm Ludwig LIV. gegeben hatte, wo er 16. Dec. 1672 starb. Er zählte zu den gebildetsten Männern seiner Zeit. 6) I. III. Sobieski, König von Polen, jüngster Sohn Jakobs, Ca« stellans von Krakau, geb. 2. Juni 1624 zu Olasko in Galizien; widmete sich, nachdem er eine treffliche Erziehung erhalten, dem Kriegshandwerke, zeichnete sich gegen die Türken und Russen aus, wurde 1665 Krongroßmarschall und 1667 Kron- großfeldherr u. Wojewode von Krakau und nach seinem Siege bei Choczim 11. Novbr. 1673 an Stelle des 10. Nov. verstorbenen Michael Korybut 21. Mai 1674 zum König von Polen erwählt. 1676 ließ er sich mit seiner Gemahlin Maria Casimira, einer Tochter des Marquis Lagrange d'Arquien u. Wittwe des Wojewoden Johann Za- moiski, in Krakau krönen. Er war 12. Septbr. 1683 der Retter Wiens, mußte aber nachher seinen Stern erbleichen sehen und st. 17. Juni 1696 in Warschau, vom Schlage getroffen. Vgl. Salvandy, Histoirs ckn roi I. 8. ob än ro^anms äs ko- IvAns, 5. A., Paris 1855. 7) I. I., König von Portugal, der Bastard (Vater des Vaterlandes), natürlicher Sohn Peters des Grausamen u. der Therese Lorenzo, geb. 1357, Großmeister des Aviz- ordens; wurde 1383, nach dem Tode seines legitimen Bruders Ferdinand, von den portugiesischen Ständen zum Regenten erwählt, erstach eigenhändig den Günstling des Königs u. der verwittweten Königin, Grafen Aveiro, trat dann die Regierung an u. führte dieselbe, gegen Castilien u. die Mauren mit Glück kämpfend, ruhmreich bis 1433. 8) I. II., der Vollkommene (der Strenge), König vonPor- tugal, Urenkel des Vor. u. Sohn Alfons' V., geb. 1455; folgte seinem Vater 1481 u. regierte, durch seine Bildung u. Energie gleich ausgezeichnet, bis zu seinem Tode 1495. Da sein einziger Sohn Alfons vor ihm, 1491, gestorben war, folgte ihm sein Schwager Emanuel. 9)J. III-, König von Portugal, Neffe des Bor., Sohn Emanuels, geb. 1502; folgte seinem Vater 1521 und regierte im Allgemeinen rühmlich bis 1557, wo er starb. Er war Freund u. Förderer von Wissenschaft u. Handel, legte den Grund zur Colonistrung Brasiliens, stellte die Universität Coimbra wieder her, nahm aber die Jesuiten ins Land u. führte die Inquisition ein. Die Krone bereicherte er durch Vereinigung der Güter des Aviz- u. St. Jago-Ordens mit derselben. Seine 6 Söhne ans der Ehe mit Katharina von Österreich waren alle vor ihm ge- 783 Johann. storben, weshalb ihm sein Enkel Sebastian folgte. 10 ) I. IV., der Glückliche, Herzog von Bra» ganza, König von Portugal, Sohn Theodors, Herzogs von Braganza, u. der Katharine, Tochter des Jnfanten Eduard u. Enkelin des Königs Ema- nnel, geb. 1604; gelangte durch eine Verschwörung des portug. Adels gegen Spanien 1640 auf den portug. Thron u. regierte bis 1656, wo er starb. Daß er, schwach u. talentlos, die Krone behaupten konnte, hatte er nur der Schwache Spaniens zu danken. Vermählt war I. mit Luise Guzman, Schwester des Herzogs von Medina- Sidonia, von welcher er 2 Söhne hinterließ, welche ihm als Alfons VI. und Peter II. nach einander folgten. 11 ) I. V., König von Portugal, Enkel des Vor., Sohn Peters II. u. der Elisabeth von Bayern, geb. 1689; folgte 1707 seinem Vater, überließ aber, ohne die im Utrechter Frieden ihm gebotenen Vortheile auszunützen, die Negierung ganz der Geistlichkeit, um sich ganz religiösen Übungen, geistlichen u. kirchlichen Stiftungen hinzugeben, weshalb ihm der Papst 1748 den Titel Lsx Läslissimus ertheilte. Er st. 1750. Vermählt war er seit 1708 mit Maria Anna Josephe Antoinette, Tochter des Kaisers Leopold I. (st. 1754); sein Nachfolger war sein ältester Sohn Joseph. 12 ) I. VI., König von Portugal, Enkel des Vor. von mütterlicher Seite, Sohn Pedros III. u. der Maria, Tochter des Königs Joseph I. von Portugal, geb. 13. Mai 1767, seit 1788 Prinz von Brasilien. Bei der Geisteskrankheit der Königin, seiner Mutter, wurde er 1792 znm Direktor der Regierung von Portugal erklärt u. 1799 als Prinzregent proclamirt. 1807 von den Frau- zvsen aus Portugal vertrieben, ging er nach Brasilien, von wo er, seinen Sohn Dom Pedro als Vicekönig in Brasilien zurücklassend, nach dem Tode seiner Mutter 1816 König, 1821 nach Lissabon zurückkehrte u. die Verfassung der Cortes anerkannte. Indessen schon 1823 beseitigte er dieselbe, ohne damit die Absolutisten, an deren Spitze die Königin u. Dom Miguel, sein zweiter Sohn, standen, zu befriedigen, so daß er nur durch Verbann- ung der Beiden sich selbst retten konnte. 1825 mußte er Brasiliens Unabhängigkeit anerkennen. Nachdem er seine Tochter Jsabella zur Regentin ernannt, st. er 10. März 1826. I., der eine mönchische, höchst mangelhafte Bildung genossen, auch früh schon an Trübsinn litt, stand ganz unter dem Einflüsse Englands. Er war vermählt seit 1798 mit Carlotta Joaquima, Tochter des Königs Karl IV. von Spanien, von der er 3 Söhne u. 4 Töchter hatte. 13 ) I. Nepomuk Maria Joseph, König von Sachsen, jüngster Sohn des 1838 verstorbenen Prinzen Maximilian aus dessen erster Ehe mit Prinzessin Ka- roline von Parma, geb. 12. Dec. 1801. Nach gründlichen juristischen und staatswissenschaftlichen Studien trat er in seinem 20. Jahre als Mitglied in das geheime Finanzcollegium ein, machte 1822 mit seinem Bruder Clemens eine Reise nach Italien u. übernahm 1830, bei der Neugestaltung der Dinge in Sachsen, das Generalkommando aller Lommunalgarden des Königreichs Sachsen, welches er bis 1846 führte. Daneben war er Mitglied des Geheimen Raths und nach dessen Auflösung Vorsitzender im Staatsrath und bis zum Frühjahre 1831 Präsident des Finanzcollegiums. Vielseitigen Antheil nahm er bei Ausarbeitung der Landesverfassnngsurkunde vom 4. Sept. 1831 u. später als Mitglied der Ersten Kammer an den Arbeiten derselben. Nach dem Tode seines Vaters, 1838, unternahm er abermals eine Reise nach Italien; er präsidirte dann 1852 u. 1853 der ersten und zweiten Versammlung deutscher Geschichts- u. Alterthumsforscher in Dresden u. Nürnberg, und bestieg nach dem jähen Tode seines Bruders, des Königs Friedrich August II., 10. Aug. 1854 den sächsischen Königsthron. Mit vollstem Eifer gab er sich nun den Negierungsgeschäften hin, u. auf allen Gebieten des staatlichen, materiellen u. geistigen Lebens griff er fördernd ein, so daß ihm das Königreich Sachsen ein gutes Theil seiner günstigen Verhältnisse zu danken hatte. In der deutschen Politik stellte er sich aus den bundesgemäßeu Standpunkt. Infolge des verhängnißvollen Bundesbeschlusses vom 14. Juni 1866 verließ er mir seiner Armee das Land, welches, während er an der Seite Österreichs kämpfte, von den Preußen besetzt wurde. Nach dem Friedensschlüsse vom 21. Oct. kehrte er aus Österreich, wo er inzwischen theils in und bei Wien, theils in Teplitz gelebt, 7. Nov. 1866 nach Dresden zurück, mit wahrer Begeisterung empfangen, und schloß sich nun der neuen Wendung der Dinge in Deutschland mit derselben Treue an, mit der er zuvor am Bunde festgehalten. Allgemein betrauert, st. König I. 29. Öct. 1873 zu Pillnitz. Durch seine Mutter früh schon in die italienische Literatur eingesührt, widmete er sich deren Studium mit der unermüdlichen Thätigkeit des Gelehrten, u. als Frucht derselben erschien von ihm unter dem Pseudonym Philalethes zuerst die Übersetzung der ersten zehn Gesänge von Dantes Hölle, dann mit kritischen u. historischen Erläuterungen die ganze Göttliche Komödie, Lpz. 1839—49, 3 Bde., n. Ausl. 1865. I. war seit 21. Nov. 1822 mit der Prinzessin Amalie von Bayern vermählt, die ihm 9 Kinder gebar, von denen nur noch 2 Söhne, König Albert u. Prinz Georg, u. eine Tochter am Leben sind. Vgl. Gießler, König I. von Sachsen, Pirna 1874. 14 ) I. II., König von Schweden, auch von Dänemark und Norwegen, ältester Sohn Christians I., geb. 1455; folgte seinem Vater 1481, hatte aber fortwährend Kämpfe zu bestehen, erst gegen den Reichsverweser Sten Sture, dann gegen die Dithmarschen, ward 1501 von Sten Sture aus Schweden vertrieben; in Dänemark n. Norwegen erhielt er sich nur durch Härte gegen den Adel: er st. 21. Febr. 1512. 18 ) J. III., König von Schweden, Gustav I. Wasas zweiter Sohn, geb. 1537; erhielt das Herzogthum Finnland als Kronlehn, wurde aber, als sein Bruder Erich XIV. den Thron bestieg, von diesem 1563—67 in Gewahrsam gehalten. Frei geworden, bemächtigte er sich des wahnsinnigen Königs n. bestieg mit Einwilligung der Reichsstände 1568 den schwedischen Thron. Unter dem Einflüsse seiner katholischen Gemahlin trat er 1580 insgeheim zur Katholischen Kirche über, in der er auch seinen Sohn Sigismund erziehen ließ, mußte aber, um den deshalb entstehenden Schwic- 784 Johann. rigkeiien auszuweichen, seinem lutherisch gebliebenen Bruder Karl Antheil an der Regierung geben. Er st. 17. Nov. 1592. II. Andere Fürsten. 16) I. Georg II., Fürst von Anhalt-Dessau, bedeutender Feldherr u. Diplomat, Sohn des Fürsten I. Kasimir, geb. 7. Nov. 1627; er stand erst in schwedischen Kriegsdiensten, trat dann in die des Kursürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der ihn zum General der Cavalerie und Statthalter der Mark Brandenburg ernannte; 1658 machte er den Feldzug in Holstein mit u. folgte 1660 seinem Vater in der Regierung, nahm aber auch ferner als brandenburgischer Feldmarschall an den Kriegs- creignissen theil, ging wiederholt im Aufträge des Kurfürsten als Gesandter an den kaiserlichen Hof, wohnte der Entsetzung Wiens bei u. st. 17. Aug. 1693. 17) I. der Unbarmherzige, geb. 1373, jüngster Sohn des Herzogs Albert II. von Bayern; erhielt mit seinem mittleren Bruder Straubing zum Antheil, der ältere, Wilhelm, dagegen die Grafschaft Holland, erbte nach des zweiten Bruders Tode 1388 ganz Straubing u. wurde 1390 Bischof von Lüttich, mit dem er fortwährend in Streit lag und das er mit seinen Verbündeten, namentlich dem Herzog von Burgund, schwer heim« suchte u. um alle seine Privilegien brachte. Um seines 1417 gestorbenen Bruders Wilhelm Grafschaft Holland zu bekommen, leistete er auf das Bisthum Verzicht, hcirathete des Kaisers Sigismund Nichte, Elisabeth von Luxemburg, u. bewog diesen dadurch, ihm die Grafschaft Holland zuzn- sprechen, das er gegen Jacobäa von Holland be- hauptete. Erst.1424. 18) I. derUnerschrockene, saus xsrrr, Herzog von Burgund, Sohn Philipps des Kühnen und der Margaretha von Flandern, geb. 1371; als Graf von Nevers noch leistete er mit dem franz. Kreuzheere dem König Sigismund von Ungarn Hilfe gegen die Türken und kämpfte 1396 bei Nikopolis. 1404 folgte er seinem Vater in der Regierung und mengte sich nun in seinem Hasse gegen den Herzog Ludwig von Orleans, den Regenten von Frankreich unter dem wahnsinnigen König Karl VI., in die französischen Angelegenheiten u. bemächtigte sich selbst nach Ermordung des Orleans der obersten Leitung derselben und der-Erziehung des Dauphin seit 1407. Seiner- Macht 1413 beraubt, verbündete er sich mit Heinrich V. von England u. bemächtigte sich 1418 der Stadt Paris, ein furchtbares Blutbad unter den Armagnacs anrichtend. Indessen als er einer Aufforderung zu einer Unterredung mit dem Dauphin Folge leistete, wurde er aus der Brücke vonMon- tereau von dessen Begleitern 10. Sept. 1419 ermordet. 19) I-, Fürst von Rumänien, s. Alexander 15). 20) I. der Beständige, Kurfürst von Sachsen, aus der Ernestinischen Linie, Sohn des Kursürsten Ernst, geb. 30. Juni 1467; als sein Vater starb, noch minderjährig, wurde er am Hose des Kaisers Friedrich III. erzogen, kämpfte unter Maximilian I. in Ungarn, auch in Geldern u. in Italien, erhielt nach seiner Mündigsprechung die Mitregicrnng mit Kurfürst Friedrich dem Weisen über die Meißner Lande und wurde nach dessen Tode 1525 Kurfürst. Ein Freund der Resormalion, schloß er nach Beendigung der Bauernkriege 1526 mit dem Landgrafen von Hessen das Torgauer Bündniß, protestirte 1529 mit in Speicr gegen die Ächtung der Protestanten, übergab 25. Juni 1530 die Eonsession in Augsburg n. wirkte für Las Zustandekommen des Schmalkaldenschen Bundes. Er st. 16. Aug. 1532 zu Schweinitz bei Wittenberg. I. war vermählt 1499 mit Sophie von Mecklenburg (st. 1503) u. 1513 mit Margarethe von Anhalt-Köthen; sein Nachfolger war sein Sohn aus erster Ehe, 21) I. l Friedrich I. der Großmüthige, Kurfürst von Sachsen, geb. 30. Juni 1503 in Torgau. Vermöge des väterlichen Testaments sollten I. F. u. sein damals noch unmündiger Bruder I. Ernst die Negierung, mit Ausnahme des Knrkreises, gemeinschaftlich führen. 1535 wurde er mit der Kurwürde belehnt, nachdem er sich mit dem Kaiser u. dessen Bruder Ferdinand im Frieden zu Kaaden ausgeglichen. 1542 theilten die beiden Brüder n. I. Ernst erhielt außer einer Rente die Pflege Koburg. I. F. führte mit seinem Vetter Moritz 1542 den Fladenkrieg (s. d.). Er war ein eifriger Protestant u. als Theilnehmer u. Hauptfllhrer des Schmalkaldenschen Bundes wurde er, nachdem er vom Kaiser Karl V. in die Reichsacht erklärt worden war, 20. April 1547 bei Mühlberg geschlagen u. gefangen, zum Tode verurtheilt, das Urtheil jedoch in Gefangenschaft u. den Verlust der Kur für sein Haus verwandelt, welche nun die Albertinische Linie erhielt; 5 Jahre lang wurde er dem kaiserl. Hoflager nachgeführt. Erst als Kurfürst Moritz feindlich gegen den Kaiser auftrat, entließ dieser I. F. seiner Haft, Sept. 1552, der nun in die ihm durch die Wittenbergische Capitulation gelassenen Länder zurückkehrte. Nach dem Tode des Kursürsten Moritz 1553 erneuerte I. F. vergebens seine Ansprüche auf die Kur, doch erhielt er 1554Mehreres durch den Naumburger Vertrag. Seinen ohne Nachkommen gestorbenen Bruder I. Ernst beerbte er 1563, gründete die Universität Jena in der Gefangenschaft durch seine Söhne u. st. 3. März 1554 in Weimar; er war mit Sibylle von Kleve vermählt, die wenige Tage vor ihm starb. Am 15. Aug. 1858 wurde seine Erzstatue auf dem Markte in Jena ausgestellt. Vgl. Burkhardt, Die Gefangenschaft J-s des Großmüthigen, Wien 1863. 22) I. Friedrich II. der Mittlere, Herzog von Weimar und Gotha, ältester Sohn des Vor., geb. 8. Jan. 1529 in Torgau; bei Mühlberg verwundet, rettete er sich mit 400 Mann nach Gotha. Er stiftete 1552 die Universität Jena, übernahm die Verwaltung der Länder, die ihm und seinen Brüdern, I. Wilhelm u. I. Friedrich III., in der Wittenberger Capitulation 1547 verblieben, n. 1557 die Gesammtregierung für sich u. seine Brüder auf bestimmte Zeit. Nach dem Tode I. Friedrichs III. theilte er 1565 mit I. Wilhelm und wählte Weimar mit Gotha, während er seinem Bruder Ko- bnrg ließ. Da er den geächteten Wilhelm v. Grum- bach in Gotha aufnahm, wurde er selbst 12. Dec. 1566 in die Acht erklärt, von dem Kurfürsten August von Sachsen in Gotha belagert u. 17. April 1567 gefangen; er wurde erst nach Dresden, dann nach Wien gebracht u. zu ewigem Gefängniß verurtheilt, welches er in Wienerisch. Neustadt, seit 1595 in Steier erlitt, wo er 9. Mai 1595 starb. Seine Gemahlin, Elisabech von der Pfalz, erhielt seit 1572 die Erlaubniß, seine Gefangenschaft mit ihm zn theilen, in welcher sie 8.Febr. 1591 starb. Seine Söhne waren I. Kasimir u. I. Ernst. Vgl. Beck, I. F. der Mittlere, Weim. 1858, 2 Bde. 23) I. Wilhelm, Bruder des Vor., zweiter Sohn des Kurfürsten I. Friedrich des Großmllthigen; geb. 11. März 1530 in Torgau, während der Gefangenschaft seines Vaters unter der Vormundschaft des Vor., übertrug er diesem 1557 durch Vertrag die Regierung auf 4 Jahre, zog d^n König Heinrich II. von Frankreich zu Hilfe u. erhielt dafür die Herrschaft Chatillon an der Seine, kehrte jedoch 1558 zurück. In dem Theilungsvergleich mit seinem älteren Bruder, I. Friedrich, 1565, übernahm er die Regierung des fränkischen Theils u. verlegte seinen Sitz nach Koburg Er mußte die Acht an seinem Bruder vollstrecken helfen u. erhielt dafür vom Kaiser die Länder des geächteten Bruders zugesprochen. I. W. st. 1572 zu Weimar. Er ist der Stammvater des älteren Alten- bnrgischen u. neuen Weimarischcn Hauses. 24) I. Georg I. Kurfürst von Sachsen, aus der Albertinischen Linie, zweiter Sohn des Kurfürsten Christian I. n. der brandenburg. Prinzessin Sophie, geb. 5. März 1585; folgte seinem Bruder Christian II. 1611, nachdem er schon früher an der Regierung Antheil gehabt, besond. das Stift Merseburg verwaltet hatte, n. erhielt 1616, als sein jüngerer Bruder August starb, die Administration des Stiftes Naumburg. Ganz in den Händen seines Hofpredigers Ho'ö von Ho'snegg, spielte er im Dreißigjährigen Kriege eine zweideutige Haltung, die über sein Land schweres Elend brachte: erst aus Abneigung gegen den reformirten Kurfürsten von der Pfalz auf Seiten des Kaisers, versuchte er dann eine selbständige Mittelmacht zu bilden, schloß sich 1631 den Schweden an, entsagte aber durch den Prager Frieden 1635 der ferneren Theilnahme am Kriege; dadurch machte er sich die Schweden wieder zu Feinden, die nun Sachsen hart bedrängten u. mit ihm 27. Aug. 1645 den Waffenstillstand zu Kötzschenbroda schlossen. I. G. hatte, wenn auch in gewissem Grade bieder, zn wenig festen Willen u. Sinn, für sein schwer heim- gesuchtes Land etwas zn thun; er st. 8. Oct. 1656 in Dresden; vermählt war er seit 1604 mit Sibylle Elisabeth von Württemberg (st. 1606) u. seit 1607 mit Magdalene Sibylle von Preußen (st. 1659); außer seinem Nachfolger in der Kur (s. de» Folgenden) stifteten noch 3 seiner Söhne die Nebenlinien Sachsen-Weißenfels, Sachsen-Merseburg n. Sachsen-Zeitz. 25) I. Georg II., Kurfürst von Sachsen, ältester Sohn des Vor., geb. 3l. Mai 1613, ein unentschlossener, unselbständiger Fürst, folgte seinem Vater 1656, kam aber erst durch den Dresdner Hauptvergleich 1657 in den Besitz der ihm von seinem Bruder bestrittene» Regierung. 1657 u. 1658 führte er das Neichs- vicariat u. st. 22. Aug. 1680 in Freiberg, wohin er der Pest wegen geflohen war. Vermählt war er seit 1638 mit Magdalene Sibylle von Brandenburg-Bayreuth (st. 1687). Sein Nachfolger im Knrstacike war sein Sohn 26) I. Georg III., geb. 20. Juni 1647, ein energischer Mann, aber zn sehr Freund des Kriegs; machte mehrere Feld- tplerer-Ninvcrsal-CoiiversationS-Lexikon. 6. Tlnfl. X. INN. 785 zllge gegen Frankreich mit, unterstützte den Kaiser 1683 n. 1686 gegen die Türken, sandte den Ve- uetianern Hilfstrnppen nach Morea und begann 1688 den Krieg gegen Frankreich; er st. während desselben 12. Sept. 1691 in Tübingen; er war vermählt 1666 mit Anna Sophia von Dänemark und hatte zum Nachfolger seinen Sohn 27) I. Georg IV., geb. 18. Oct. 1668 in Dresden; er erhielt 1668 von seinem Großvater, König Friedrich III. von Dänemark, die Zusicherung der Erbfolge in Dänemark und Norwegen, im Falle der Mannesstamm ausstllrbe, u. den Titel: Erbe von Dänemark u. Norwegen. Wegen seines Verhältnisses zu Magdalene Sibylle von Ncitschütz wurde er zur Armee gegen die Franzosen geschickt, setzte aber dasselbe nach Antritt der Regierung fort u. ließ sich durch sie von Brandenburg ab zu Österreich hinwenden. Als er 1692 die verwittwete Markgräfin von Ansbach, Eleonore Erdmuthe Luise von Sachsen-Eisenach heirathen mußte, empfing er sie an der Seite seiner Geliebten, die er 1693 zur Gräfin von Rochlitz erhob und der er schon nach 13 Tagen 27. April 1694 an den Blattern im Tode folgte. 28) I. Adols II., Sohn des I. Adolf I., Herzogs von Sachsen- Weißenfels, geb. 4. Sept. 1685; diente erst in Holland unter Heinrich von Nassau, dann in der Armee Augusts I. von Polen u. Sachsen, in der er rasch avancirte, führte 1734 als Generalmajo den Danzig belagernden Russen ein Corps Sachsen zu, wurde 1735 Feldmarschall u. folgte 1736 seinem Bruder Christian. Im Österreichischen Erbfolgekriege 1742 führte er das sächsische Heer nach Böhmen u. Mähren, auch befehligte er 1744 die 22,000 Mann, welche König August III. im zweiten Schlesischen Kriege der Kaiserin Maria Theresia zu Hilse schickte. Wol half er die Preußen ans Böhmen vertreiben, erlitt aber mit den Österreichern unter dem Herzog Karl von Lothringen 1745 die Niederlage bei Hohenfriedberg durch König Friedrich II. von Preußen, worauf er sich nach Böhmen zurllckzog. Als er 16. Mai 1746 kinderlos in Leipzig starb, erlosch mit ihm die Weißen- fester Nebenlinie u. das Herzogthum Sachsen-Weißenfels fiel an Sachsen. 29) I. von Österreich, s. Juan d'Austria. . 30) I. Baptist Joseph, Erzherzog von Österreich, dreizehntes Kind u. neunter Sohn des Kaisers Leopold II. u. der Infantin Marie Luise von Spanien, geb. 20. Jan. 1782; studirte Naturwissenschaften, Geschichte und die Kriegskunst u. mußte schon 1800, nachdem der Erzherzog Karl abgetreten war u. Kray mehrere Unfälle erlitten hatte, den Oberbefehl über das österreichische Heer in Deutschland übernehmen, drang mit demselben nach Bayern vor, wurde jedoch 3. Der. bei Hohenlinden u. 16. Dec. bei Salzburg von Moreau geschlagen. 1805 wirkte er für die Volkserhebung in Tirol, befehligte dort mit Ruhm das österreichische Heer u. vereinte sich später mit dem Erzherzog Karl, um mit demselben nach Wien vorzudringen. Die Schlacht bei Austerlitz vereitelte dies. 1809 führte er das Heer von Jnner-Österreich, das bestimmt war, in Tirol u. Italien zu operiren, siegte 16. April bei Sa- lice, drang bis zur Etsch vor, verlor aber 8. Mai die Schlacht an der Piave u. 14. Juni bei Naab Sand. 50 786 Johann. u. sollte sich bei Wagram mit dem linken Flügel des Erzherzogs Karl vereinigen, kam jedoch zu spät. Nach dem Wiener Frieden wurde er Di- rector der militärischen Erziehungsinstitnte. 1815 befehligte er die österreichische Reserve am Oberrhein u. belagerte Hllningen, das er 26. Aug. zur Capitulation nöthigte, ging dann nach Paris u. London n. kehrte 1816 nach Wien zurück, wo er den Sommer zu Theresenberg bei Wiener-Neustadt lebte. Darauf wendete er sich, in Ungnade gefallen, nach Steiermark u. lebte auf dem von ihm angelegten Brandhof, wo er zur Veredlung des Volksgeistes, zur Entfaltung der Industrie, bes. der Eisenproduction, u. zur Entwickelung des Ackerbaues viel beitrug. Als Kaiser Ferdinand I. infolge der Ereignisse am 15. Mai 1848 Wien verließ u. nach Innsbruck ging, wurde I. als Reichsverweser nach Wien berufen, aber am 19. Juni zum deutschen Reichsverweser gewählt, welches Amt er am 5. Juli an- u. den 12. Juli 1848 in Frankfurt übernahm, jedoch schon den 20. Decbr. 1849 wieder niederlegte. Er kehrte dann nach Steiermark zurück, nahm 1850 die Wahl zum Bürgermeister in Stanz an u. st. 10. Mai 1859 in Gratz. Der Erzherzog zählte zu den populärsten Prinzen auch über die Grenzen Österreichs hinaus u. that namentlich sehr viel für Steiermark, das gar manche Stiftung von ihm aufzuweisen hat. Er war seit 1827 morganatisch vermählt mit Anna Plochl, Tochter des Postmeisters Plochl zu Aussee in Steter- mark, geb. 6. Jan. 1804, vom Kaiser Franz II. 1834 zur Freiin v. Brandhof, vom Kaiser Franz Joseph 1850 zur Gräfin von Meran erhoben. Von dieser hatte er einen Sohn, Franz, geb. 11. Nov. 1839, seit 1845 zum Grafen von Meran erhoben. 31) I. Parricida, auch I. ohne Land, od. I. von Schwaben, Sohn des Herzogs Rudolf von Schwaben, Enkel Rudolfs von Habsburg, geb. um 1283; zum Theil am Hofe seines mütterlichen Oheims, Wenzel, erzogen, forderte er, mündig geworden, mehrmals von seinem väterlichen Oheim, Kaiser Albrecht I., seinen Lan- desantheil, bes. die seiner Mutter verschriebene Grafschaft Kyburg, wurde aber stets wegen seiner zur Regierung noch nicht reifen Jahre und das letzte Mal bis nach geendigtem böhmischen Feldzuge, an dem er theilnehmeu sollte, abgewiesen. Als Albrecht 1308 während seines Aufenthaltes im Aargau über die Reuß gehen wollte, drängte sich I. mit seinen Helfershelfern, Rudolf von Wart, Walter von Eschenbach, Ulrich von Palm u. A., in das Schiff des Kaisers u. trennte denselben so von seinem übrigen Gefolge. Am anderen Ufer angekommcn, ritten sie mit Albrecht fort und ermordeten ihn zwischen Windisch und Brugg. I. floh zum Papst Clemens V. nach Avignon und flehte um Ablaß, ward aber mit den anderen Mördern von Albrechts Nachfolger zum Tode ver- urtheilt. I. st. wahrscheinlich in einem italienischen Kloster. III. Päpste: 32) St. I. I., ein Tusker von Geburt, wurde 523 zum Römischen Bischof (54.) gewählt, von dem Ostgothenkönig Theoderich an der Spitze einer Gesandtschaft nach Constantinopel geschickt, um sich daselbst bei dem Kaiser Justin ik. für die Arianer zu verwenden, nach seiner Ruckkehr aber in Ravenna in den Kerker geworfen, wo er 526 starb. Er wurde canonisirt; sein Tag ist der 27. Mai. 33) I. II., ein Römer, mit dem Beinamen Mercurius, war 532—535Römst scher Bischof (der 57.); er nahm im Streite der Monophysiten (Theopaschiten) für die Orthodoxen Partei. 34) I. III., ein Römer, saß 560—573 auf dem päpstlichen Stuhle (der 62. Papst). 35) I. IV., geb. zu Salona in Dalmatien, regierte (als der 73. Papst) 640—642; er verwarf die Ekthesis des Kaisers Hcraklios u. verdammte 641 auf einer Synode zu Rom die Monotheleten. 36) I. V., aus Antiochien, war, nachdem er als Legat dem 6. ökumenischen Concil beigewohnt, 685—686 Papst (der 83.); die ihm zugeschriebe- neu Schriften sind unecht. 37) I. VI., ein Grieche, regierte 701—705 (der 86.); er bewog den Herzog Gisulf von Beneveut zur Rückgabe der von dem Exarchat losgerissenen Städte. 38) I. VII., ein Grieche, 87. Papst 705—707; Kaiser Justinian II. schickte ihm die Kanones der Trul- lanischen Synode zur Prüfung, I. aber enthielt sich jeglicher Erklärung darüber. 39) I. (VIII.) ist die von der Fabel eingeschobene Päpstin Johanna, s. Johanna 6). 40) I. VIII., ein Römer (der 107. Papst), bestieg 872 den Röm. Stuhl u. behauptete auf den Synoden zu Ravenna (877) u. Troyes (878) die Unabhängigkeit der Bischöfe von der weltlichen Macht, wie er für den päpstlichen Stuhl auch die Macht über die weltlichen Herrscher beanspruchte. 876 krönte er Karl den Kahlen gegen die Ansprüche Ludwigs des Deutschen zum Kaiser; mit Karlmann zerfallen, wurde er von diesem 878 in Rom gefangen, worauf er, kaum frei, dessen Anhänger in den Bann that u. Ludwig den Stammler zum König von Frankreich krönte. Mit der griechischen Hierarchie lag er fortwährend im Streite. 882 ward er, nachdem das von einem Verwandten ihm beigebrachte Gift nicht rasch genug gewirkt, erschlagen. 41) I. IX., ein Benedictiuer aus Tivoli, war 898—900 Papst (der 111.); er gestand zu seinem Schutz gegen die Anmaßungen der römischen Großen dem italienischen Kaiser Lambert eine Mitwirkung bei der Papstwahl zu. 42) I. X., durch die Gunst der Theodora Bischof von Bologna, dann Erzbischof von Ravenna u. schließlich 914 Papst (der 120.). Er zog selbst an der Spitze eines Heeres gegen die Sarazenen und zerstörte 916 deren Burg am Garigliano. Die Tochter der Theodora, Marozia, u. deren Gemahl Alberich, Markgraf von Toscana, ließen ihn 928 im Ge- fängniß ersticken. 43) I. XI. (der 127.), Sohn der Marozia u. des Papstes Sergius III., kam durch seine Mutter 931 auf den päpstlichen Stuhl, wurde aber 932 durch seinen Halbbruder Alberich gestürzt u. starb 936 im Kerker. 44) I. XII., vorher Octavian, Sohn des römischen PatricierS Alberi, Enkel der Marozia und Neffe J-s XI., wurde 956 als 18jähriger Jüngling Papst (der 130.) n. führte eine wahrhafte Maitressenwirth- schast auf dem päpstlichen Stuhle. Er war der Erste, welcher bei seiner Erhebung den früheren Namen änderte. Gegen König Berengar II. von Italien und dessen Sohn Adalbert rief I. den König Otto I. zu Hilfe u. krönte denselben 962 ! ! s j > i i Johanna. 787 zum Kaiser. Als Kaiser machte aber Otto seine oberherrliche Gewalt geltend, und so begann der langjährige Kampf zwischen Kaiser u. Papst. Die Veranstaltung einer Synode durch den Kaiser 962 hielt der Papst für einen Eingriff in seine Rechte, verband sich, wider daS gegebene Versprechen, mit Berengars Sohn Adalbert, floh aber mit diesem vor Otto, welcher 963 in Rom einzog, auf einer Synode daselbst den Papst entsetzen u. Leo VIII. erwählen ließ. Aber nach dem Abzug des Kaisers kehrte I. mit Unterstützung des römischen Adels wieder zurück u. ließ aus einer Synode 964 die Beschlüsse der Kaiscrsynode widerrufen, starb jedoch in demselben Jahre, 14. Mai. 45) I. XIII., ein Römer, vorher Bischof von Narni, wurde 965 zum Papst gewählt (der 135.), aber erst nach des Kaisers Otto I. Zustimmung geweiht. Er mußte bei einem Volksaufstande aus Rom entfliehen, hielt sich beim Grafen Panduls von Capua auf u. kehrte nach einem Jahre wieder nach Rom zurück. Dem Kaiser folgte er 967 nach Ravenna u. hielt daselbst eine Synode; er st. 972 u. soll die Glockentaufe eingeführt, haben. 46) I. XIV., vorher Peter, Bischof von Pavia u. Kanzler des Kaisers Otto II.; seit 983 Papst (der 143.); allein Bonisacius VII., sein Gegner, ließ ihn auf der Engelsburg festnehmen, wo er 984 starb. 47) I. XV. (XVI.), ein Römer, regierte 985—996 (der 144.); er mußte vor I. Crescentius, welcher Rom beherrschte, nach Toscana fliehen; unter ihm fand die erste Canonisation statt, die des Bischofs Udalrich von Augsburg. 48) I. XVI. eigentlich Philagathos, ein Grieche aus Calabrien, war Bischof von Piacenza gewesen und wurde von I. Crescentius 997 als Gegenpapst gegen den in die Verbannung gesandten Gregor V. aufgestellt, 998 aber von Otto III. gefangen genommen u. verstümmelt. 49) I. XVII., ein Römer aus der Mark Ancona, mit dem Beinamen Sicco, regierte von Juni bis December 1003 (der 148.). 50) I. XVIII. (XI^.), ein Römer, vorher Fasanns genannt, 1003—1009 Papst (der 149.). 51) I. XIX. (XX.), aus dem Geschlechts der Grafen von Tus- culum, Papst 1024—1033 (der 152.), erkannte für die Patriarchen von Constantinopel den Titel Oekumenische Patriarchen an; König Knut der Große kam bei einer Wallfahrt nach Rom mit ihm wegen Vertheilung der Pallien u. der Zahlung deS Zehnten u. des PeterspfenniHs überein. 58) I. XXI. (eigentlich XX., nahm aber die sagenhafte Päpstin Johanna fs. d. 6s in die Zahl der Päpste aus und nannte sich selbst I. XXI.), vorher Petrus Juliani, geb. in Lissabon, war seit 1275 Cardinalbischof von Tusculnm u. wurde 1276 zum Papst gewählt (der 193.). Seine Bemühungen, einen Kreuzzug zu veranstalten, waren erfolglos; er soll 16. Mai 1277 von einer einstürzenden Decke in seinem neuerbauten Palaste zu Viterbo erschlagen worden sein. 53) I. XXII., geb. 1244 zu Lahors in Frankreich als Jakob von Ossa (oder Ense), wurde Kanzler Roberts, des Sohnes Karls II. von Neapel, später Bischof von Frejus, 1310 Erzbischos von Avignon und Cardinalbischof von Porto u. 7. Aug. 1316 zum (202.) Papst gewählt; gegen sein früheres Versprechen residirte er in Avignon. Er erklärte sich gegen die Wahl Ludwigs des Bayern und that diesen, als derselbe glücklich gegen Friedrich von Österreich war, 1324 in den Bann. Ludwig, welcher 1328 nach Italien gezogen war, setzte I. ab u. Nikolaus V. an seine Stelle; allein als der Kaiser Italien verlassen hatte, nahm die Partei J-s den Gegenpapst gefangen, u. I. trennte durch eui Edict Italien gänzlich vom Deutschen Reiche. Er hatte sich Lurch Bedrückungen ungeheure Reich- thümer erworben, und der Annatenniißbrauch gelangte durch ihn zu einer solchen Höhe, daß er später irrthümlich für dessen Begründer galt; er st. 4. Dec. 1334. Er gab die Extravaganten u. dlc Clementinen heraus, die beiden letzten Theile des 6orpus jur. oanon. Wege» seiner Meinung, daß die Seligen bis zum allgemeinen Gericht u. der allgemeinen Auferstehung schliefen und dann erst Gott schauen würden, gab er sogar Gelegenheit zum Vorwurf der Ketzerei. 54) I. XXIII., ein Neapolitaner, welcher vorher Balthasar Cossa hieß, zu Bologna die Rechte stndirte, unter Bo- nifacius IX. Kämmerer, dann Protonotar, 1402 zum Cardinal erhoben u. 1410 nach dem Tode Alexanders V. zum (213.) Papst gewählt wurde, ein Mann von großem weltlichen Talent, aber ohne geistlichen Charakter. Er lud Hus, als dieser sich gegen den Kreuzzug erklärte, welchen I. gegen den König Ladislaus von Neapel predigen ließ, nach Nom vor u. that ihn auf sein Nichterscheinen in den Bann. Gegen Ladislaus suchte er Schutz beim Kaiser Sigismund, der zum Preis dafür ein Concil verlangte zur Beseitigung deS päpstlichen Schisma u. zur Reformation der Kirche. Das darauf berufene Concil zu Konstanz, 1414, auf welchem I. in eigener Person erschien, bewog die drei damals existirenden Päpste zur freiwilligen Abdankung; auch I. versprach es, floh aber 21. März 1415 gegen seinen Eid aus Konstanz nach Schaffhausen, wo er seine Zugeständnisse als erzwungen zurücknahm u. das Concil für aufgelöst erklärte. Ein Criminalproceß wurde hierauf gegen ihn eingeleitet u. er wegen 70 grober Schand- thaten 29. Mai 1415 abgesetzt. Bei Freiburg festgenommen, wurde er auf Schloß Gottleben bei Konstanz, dann in Heidelberg gefangen gehalten, kaufte sich 1419 los, erlangte von Martin V. Begnadigung, wurde Cardinalbischof von Tusculnm u. Decan des Cardinalcolleginms u. st. 22. Nov. 1419 zu Florenz. He»n--Am Rhyn. Lagai. Johanna (span. Joana, sranz. Jeanne ital. Giovanna, engl. Jenny). 1) I. Henriquez, Tochter Don Friedrichs, Großadmirals von Ca- stilien, heirathete 1447 den verwittweten König von Navarra, dann Johann II. von Aragonien, dem sie Ferdinand den Katholischen gebar u. den sie fast vollständig in ihrer Gewalt hatte. Da die Catalonier sie in Verdacht hatten, ihren Stiefsohn, den Prinzen Karl von Viana, 1461 vergiftet zu haben, mußte sie mit ihrem Sohne 1462 fliehen u. wurde in der Burg Gironela von ihnen belagert. Vom Grafen von Joix entsetzt, begleitete sie nachmals noch oft Ferdinand ans seinen Zügen gegen die aufständischxn Catalonier n. Castilianer. I. st. 1468. 2) I-, Königin von Castilien u. Aragon, Tochter u. nach dem Tode ihres Bruders Johann und ihrer Schwester Jsabell» 50 * 788 Johanna — einzige Erbin Ferdinands des Katholischen von Aragon u. Jsabellens von Castilien, geb. 1479; vermählt 1496 mit dem Erzherzog Philipp von, Österreich, welchem sie Karl V. u. Ferdinand 1. gebar, verfiel aber, von ihrem Gemahl, den sie mit spanischer Leideuschast liebte, ost durch Untreue hintergangen, in stillen Wahnsinn n. starb 1555. '-j) I., Königin von Frankreich, Erbtochter Heinrichs I. von Navarra, geb. 1270, vermählte sich, seit früher Jugend mit ihrer Mutter Blanca von Artois am Hose Philipps III. von Frankreich lebend, 1284 mit Lessen Sohn Philipp IV. dem Schönen, wodurch Navarra an Frankreichs Krone kam. Als der Graf von Bar 1297 in ihr Hei- rathsgut, die Grafschaft Champagne, eingefallen war, zog sie in Abwesenheit ihres Gemahls selbst gegen ihn zu Felde, schlug ihn bei Comines und nahm ihn gefangen. In Paris stiftete sie das Collegium Navarra. April 1305 in Vincennes sierbend, hinterließ sie 7 Kinder, von denen die 3 ältesten Söhne nacheinander Könige von Frankreich wurden. 4) I. I., Königin von Neapel u. Sicilien, geb. 1326, Erbtochter des Herzogs Karl von Calabrien, welcher I. gern die Erbschaft sichern wollte u. sie daher in einem Alter von 7 Jahren an Andreas, den 7jährigen Sohn des Königs von Ungarn, vermählte, welcher Ansprüche auf den Thron von Neapel hatte. 1343 folgte I. ihrem Großvater Robert, an dessen leichtfertigen Hofe sie erzogen ward, u. nachdem sie ihren ebenso brutalen als ehrgeizigen Gemahl Andreas, der sich ebenfalls zum König von Neapel krönen lassen wollte, 1345 zu Aversa hatte erdrosseln lassen, heirathete sie 1346 ihren Geliebten, Ludwig von Tarent, nach dessen Tode 1362 Jakob von Aragon, König von Mallorka, u. nach dessen Tode 1376 Otto von Brannschweig. Ohne Ansehen, unter fortwährenden inneren Streitigkeiten regierte sie mit Unterbrechung bis 1382, wo sie 12. Mai in dem Schlosse Muro von ihrem angenommenen Sohne, Karl Durazzo, mit welchem sie sich entzweit und darauf Ludwig von Anjou adoptirt hatte, gefangen u. in Federbetten erstickt, nach Anderen enthauptet wurde. 5) I. II., Tochter Karls von Durazzo, geb. 1371; vermählte sich mit Wilhelm von Österreich, welcher schon 1406 starb, worauf sie an den Hof ihres Bruders Wladislaw (Ladislaus) zurückkehrte, hier Zeugin von dessen Ausschweifungen wurde u. bald dessen Beispiel nachahmte. 1414 folgte sie ihrem Bruder u. vermählte sich nun mit Jakob von Bourbon, Grafen von La Marche, der aber bald, wegen seiner Gewaltthätigkeit verhaßt, den Hof verlassen mußte, nachdem er den Günstling J-s, Pandolfo Alope, hatte enthaupten lassen. I. überließ die Regierung ganz ihren Günstlingen Sforza und Caraccioli u. st. 2. Febr. 1435. 6) Die angebliche Päpstin I. soll eigentlich Gilberta oder Agnes geheißen haben, die Tochter eines englischen Missionärs gewesen u. in Ingelheim (oder -n Mainz) geboren, mit einein Mönche aus dem Kloster Fulda entflohen sein, zu Athen griechische Literatur studirt haben, dann von ihrem Geliebten nach Rom gebracht, ihr Geschlecht verbergend, den Namen Johannes Anglicus geführt, eine Schule angelegt, viele Große gewonnen und sich - Johannes. 854 zum Papste aufgeschwnngen und den Namen Johann VIII. (zwischen Leo I V. u. Benedict III., also in der Zeit zwischen 847 u. 855) angenommen haben. Von einem Hosofficianten schwanger geworden, soll sie bei einer Procession durch un- vermnthete Gcburtswehen ihr Geschlecht verrathen haben, bei der Niederkunft unfern des Colosseums 856 gestorben u. vom Volke zerrissen, nach And. sogleich begraben worden sein. Diese Erzählung, zuerst in dem Chronikon des Marianus Scotus vom 11. Jahrh. mitgetheilt, aber dem gleichzeitigen Bibliothekar Anastasius, sowie anderen Zeitgenossen u. den nächsten Jahrhunderten gänzlich unbekannt u. von Clemens Sylvius zuerst widerlegt, hält man seit Blondels Widerlegung (tzus- stion oi uns Ismwo a sts nssws sn sisAs papal cks Lome sntro I-eon IV. st Lsuoit III., Anist. 1649; lounns, kaplssa sts., ebd. 1657) für eine Fabel (W. Smets, Das Märchen von der Päpstin I., Köln 1829), was auch durch die historisch erwiesene Thatsache bestätigt wird, daß Benedict III. 855 unmittelbar auf Leo IV. folgte. Die Fabel ist wahrscheinlich eine Satire auf das Weiberregiment unter den Päpsten Johann X., XI. u. XII. (919—963). Vgl. Bianchi-Giovini, Dsavas sritleo cks^Ii ntti e äoenmsnti äsila kapossa diovavna, Mailand 1845; Döllinger, Die Papstfabeln, München 1863. 1)—S) Lagal.- t>) Henns-Am Nhyn>* Johanna, s. Asteroiden, Nr. 127. Johannard, Jules, Arbeiter u. Mitglied der Pariser Commune, geb. 1843 zu Beauine; trat mit der Internationale in Verbindung und war einer ihrer bedeutendsten Agenten in Paris. Deß- halb auch zu einem Jahre Gefängniß verurtheilt, erhielt er durch die Septemberrevolution 1870 seine Freiheit, wurde 16. April 1871 Mitglied der Commune u. einen Monat später Comman- dant der 2. Armee, als welcher er mit zu den Anordnern der Brandstiftungen in Paris gehörte. Nach der Niederwerfung der Commune entkam er glücklich ans Paris. Johannes (s. Johann), v. Hebr. Jehochanan, demJehovah gnädig ist; gr.Joannes. I. Biblische Personen: 1) Vater des Matathias, Stammvater der Makkabäer. 2) St. I. der Täufer, Sohn des Priesters Zacharias u. der Elisabeth, auf dein judäischen Gebirge geboren, das einzige Geschichtliche aus der sagenhaften Kindheitsgeschichte desselben in Luc. 1, 2. Er trat 33—34 als Bußprediger in der Wüste am Jordan auf u. taufte die von seiner Predigt Ergriffenen zum Zeichen ihres Vorsatzes, sich von Sünde zu reinigen. Seine Büßpredigt war nach den sicher echten synoptischen Berichten auf ernstes Halten des Sittengesetzes im Gegensatz zur bloßen Cere- monialgerechtigkeit u. jüdischem Nationalstolz gerichtet. Da er seine Büßpredigt durch Hinweisung auf das nahe Gottesgericht schärfte, ist wahrscheinlich, saß cr auch das Messiasreich, wol schwerlich ohne den persönlichen Messias, verkündigte. Ob er in nähere persönliche Beziehung zu Jesus von Nazareth trat, ist nach vielen Spuren höchst zweifelhast. Ließ sich auch Jesus von ihm taufen, so folgte doch kein näheres Verhältnis) beider nach. Jesus trat nach Marc. 1, 14, Matth. 4, 12 erst 789 Johannes. nach der Gefangennehmmig I.' durch Herodes AntipaS in Galiläa hervor. Möglich ist, daß I. »n Gefäuguiß die Matth. 11. 1 ff. erzählte Frage an Jefum richtete ». darauf die, äniginatische Antwort desselben erhielt. Erst Äußerungen Jesu, wie die Matth. 11,16,10 ff. erzählten, mögen Anlaß zu den mit der Zeit sich steigernden Berichten über die Nähe des Verhältnisses beider gegeben haben. Der Anlaß zur Gesangennehmung und Hinrichtung des Täufers wird von Josephns so erzählt, Herodes habe die von ihm veranlaßte Volksbewegung gefürchtet. Ob die Erzählung der Synoptiker über den Anlaß zu seiner Hinrichtung historisch ist, wird aus manchen Gründen bezweifelt. Immerhin ist soviel sicher daran richtig, daß Herodes jene Volksbewegung durch I. hauptsächlich deßwegen haßte, weil seine Heirath mit He- rodias, die auch sonst für ihn verhängnißvoll wurde, im Volke starte Mißbilligung fand. Ihm zu Ehren wird gefeiert: der 24. Sept. als Tag der Empfängniß I. des Täufers; der 24. Juni als Johannistag, sein Geburtstag; der 29. Äug. Gedächtniß seiner Enthauptung. Er war von Alters her der Schutzheilige der Bauleute in England; in Bezug daraus stehen die Johannismaurerei, die Johannisloge, das Johannisfest, s. u. Freimaurerei l.; manche Logen feiern auch den 27. Der. ein Fest zu Ehren Johannes des Evange listen, u. nennen dieses das Winter-, jenes das Sommer-Johannisfcst. Über ihn s. Literatur zu Jesus Christus. 3 ) St. I. derApostel, Sohn des Zebedäus u. der Salome, mit seinem Bruder, dem älteren Jakobus, ursprünglich ein Fischer, einer der zuerst berufenen Jünger Jesu Christi; er u. sein Bruder erhielten von Jesu den Namen: Donners Kinder. „ Dementsprechend erscheint I. in der synoptischen Überlieferung als ein Mann voll stürmischen Eifers, der Feuer auf die Samariter regnen lassen will, weil sie Jesum nicht aufnahmen, der einem Menschen das Teufelaustreiben imNamen Jesu verbietet, weil er diesem nicht Nachfolge. Mit Petrus u. Jakobus bildet I. den engsten Kreis der vertrautesten Jünger Jesu unter den zwölf Aposteln, ist mit diesen zugegen bei der Auferweckung der Jairus Tochter, bei der Verklärung, in Gethsemane. Nach der Apostelgeschichte ist er mit Petrus besonders thätig bei der Gründung der Jernsalemischen Christengemeinde, n. auch Paulus erwähnt ihn um 50 noch im Galaterbrief als einen der Säulenapostel in Jerusalem mit Petrus u. Jakobus, dem Bruder des Herrn. Nach einer Notiz des Papias, bei Georgios Hamartolos (9. Jahrh.) erhalten, wurde I. von Juden, also wahrscheinlich in Palästina, getödtet. — Dieser I. der Apostel wird seit 170 ungefähr ganz allgemein als der Verfasser der sog. Apokalypse I. angesehen, wofür nicht nur das hohe Alter dieser Tradition, sondern auch der judenchristliche Cha. rakter der Apokalypse, der darin sich äußernde Fenergeist zu sprechen scheint. Die Tübinger Schule hält großentheils (neuerdings bes. Hilgenfeld) an dem apostolischen Ursprung der Apokalypse fest. Doch spricht Manches auch dagegen, daß vor 170 keine Spur von einem ephesinischen Aufenthalt des Apostels I. sich findet, daß die Apostel alle in der Apokalypse als schon gestorben, ihre Namen als auf die Zwölf Gründe des neuen Jerusalem geschrieben vorausgesetzt werden. So ist neuerdings die Annahme immer allgemeiner geworden, daß nicht der Apostel, sondern der Presbyter I., nach einem bei Eusebius erhaltenen Fragmente des Papias verschieden vom Apostel, aber ein Jünger Jesu, den Papias noch persönlich kannte, Verfasser der Apokalypse sei. Um 66 von Palästina nach Ephesus übergesiedelt, schrieb er die auf Patmos empfangene Offenbarung Jesu Christi Herbst 68 bis Januar 69. Ihr Inhalt ist ein merkwürdig abgerundetes, einheitlich nach festem Zahlensystem geordnetes Tableau von Visionen, dessen Ziel der Sieg des Christen- thums über das Römische Reich und das christusfeindliche Jndenthnm ist. Dieser Erfolg wird in der nächsten Zeitnähe von der Parusie Christi erwartet, die alsbald dem Auftauchen des Antichrist in dem wiederbelebten Nero folgen werde. Des Letzteren Name enthält die Zahl 666 in Offenbarung 13, 18. Ueberall fühlt man in diesem Buch die ungeheure Spannung durch, in welche auch die christlichen Gemeinden durch den jüdischen Krieg u. die KLmpse um den römischen Kaiserthron nach Neros Tod versetzt waren. Übrigens erwartet der Apokalyptiker die Erhaltung deS Jernsalemischen Tempels in der bevorstehenden Katastrophe. — Das sog. Evangelium I. ist, wie jetzt fast allgemein zugestanden wird, keinesfalls ein Werk des Verfassers der Apokalypse, sei dieser nun der Apostel, oder der Presbyter. Bei der großen Verschiedenheit der Richtung, des Inhalts, des Stils ist Identität der Verfasser ganz unmöglich. Das Evangelium I. ist daher unzweifelhaft das Werk eines Unbekannten, und zwar in Kleinasien in der Blüthezeit der Gnosis 130—150 versaßt. Das Evangelium selbst macht keinen Anspruch, von dein Apostel verfaßt zu sein, sondern beruft sich nur auf die Gewährschaft eines Jüngers Jesu, den dieser lieb hatte, der beim letzten Mahl an seiner Brust lag, Zeuge seines Todes war. Als dieser Jünger soll freilich der Apostel I. errathen werden, u. mit der Autorität dieses Namens deckt sich das Evangelium, zugleich um dainit seine über den Petrus u. Paulus hin- ausgehende, beide in höherer Einheit zusammenfassende Tendenz zu bezeichnen. Das im Evangelium erhaltene Bild des I.' stimmt freilich nirgends zum synoptischen I. Eher dürften darin mündliche Traditionen von jenem Presbyter I. her enthalten sein, der also frühe schon mit dem Apostel verwechselt wurde. Die Tendenz dieses Evangeliums (über dessen historischen Werth vgl. Jesus Christus) ist die antiguostische, antidoketische. Der doketischen Gnosis gegenüber wird aller Nachdruck gelegt aus die wahre Menschheit des geschichtlichen Jesus Christus, dessen höhere Würde mit dem aus Philo entlehnten Logosbegriff bezeichnet wird. Das Evangelium zeigt die Geschichte Jesu Christi der Hauptsache nach auf Grund der synoptischen, in idealer Verklärung, so daß darin mit Auswahl solche Züge hervorgehoben sind, die den fleischgewordenen Logos als Licht u. Leben der Mensch- heit anschauen lassen, indem er Gott als den Vater offenbart u. den Geist sendet. So wenig sich das Evangelium als streng historische Gejchicht» 790 Johannes. quelle verwerthen läßt, so sehr hat es seinen unschätzbaren Werth in der tiefen und wahren Erfassung der christlichen Grundideen. — Von den Johanneischen Briefen ist der 1. ohne Zweifel von demselben Verfasser wie das Evangelium. Wird dort der Gnosticismus mittels des ideali- sirten Geschichtbildes Jesu Christi bekämpft, so eschieht dies hier didaktisch-polemisch durch die tachweisung, wie der gnostische Libertinismus den sittlichen Grundforderuugen des Christenthums (1, 1, 3, 10), die gnostische Sectirerei der christlichen Bruderliebe (3,11—4,13) widerspreche, die gnostische Verläugnung Jesu als des im Fleische gekommenen Christus aber Abfall von Gott selbst sei (4, 14 bis Schluß). Wahrscheinlich ist der 1. Brief erst nach dem Evangelium verfaßt, da er dieses in mehreren Stellen voraussetzt. Der 2. Brief an eine räthselhafte Kyria, der 3. an einen Casus, nach der Ueberschrist von dem Presbyter verfaßt, sind ohne Zweifel von demselben wie der 1. Brief, obwol einige Stellen wie eine matte Nachahmung des letzteren lauten. — Aus der überaus reichhaltigen Literatur über die Johanni- schen Schriften sind hervorzuheben: zu dem Evangelium u. den Briefen: Lücke, Commentar, Bonn, 3. Ausl., 1843—56; Tholuck, 7. Ausg., Hamb. 1857; Bretschneider, krobakMg,, Lpz. 1820; Baur, in den Kritischen Untersuchungen über die kanonischen Evangelien, Tübing. 1847; Schölten, Das Evangelium I., deutsch von Lang, Berl. 1867; Luthardt, Evangelium I., 2. Ausl., Nürnb. 1875; Hilgenseld, Das Evangelium und die Briese I. nach ihrem Leyrbegriff, Halle 1849; Wittichen, Der geschichtliche Charakter des Evangeliums I., Elbers. 1869; Commentare von Heugstenberg, Berl. 1862; Ewald, Gotting. 1862; Bäumlein, Stuttg. 1863; Godet, deutsch Gotha 1872; Düster- dieck, Briese, Gott. 1852. Zur Apokalypse: Bengel, neue Ausg., 1834—1835, 1858; Herder, Mara- natha, 1779; Lücke, 1851—52; Düsterdieck, 1859; Blank, herausgeg. von Hoßbach, 1862. Vergl. die neutest. Gesammtcommentare von Olshausen, Mayer, De Wette. 4) I. Marcus, Sohn der Maria, in deren Haus die ersten Christen zu Jerusalem sich versammelten, kam durch sein Geschwisterkind Barnabas in Verbindung mit Paulus und begleitete ihn aus seiner ersten Missionsreise. Seine Weigerung, die Reise fortzusetzen, führte zum Zwiespalt zwischen Paulus und den beiden. Im Briefe an Philemon, Col. und 2. Tim. erscheint er wieder als Begleiter des Paulus, im 1. Petrusbriefe als der des Petrus. 5) I., der jüdische Hohepriester, Apostelgesch. 4. 6. II. Regierende Fürsten. Kaiser a) Von Rom: 6) I., kaiserlicher Oberhofnotar, wurde im August 423 n. Chr. nach Honorius' Tode aus Veranlassung der höchsten Hosbeamten zum Kaiser ausgerufen, allein schon 424 von einem Heere des vströmischen Kaisers Theodosius II. geschlagen u. zu Ravenna enthauptet, b) Des Byzantinischen Reichs: rra) In Constantinopel: 7) I. I., Tzimiskes, Feldherr des Kaisers Romanus II. in Armenien, trat 969 an die Spitze einer Verschwörung gegen seineu Vetter Nikephoros Pho- kas, den zweiten Gemahl der Wittwe des Romanos, Theophano, der mit ihr den Thron erhalten hatte, ermordete denselben und wurde selbst Kaiser; er bestand eine Reihe ruhmvoller Kämpfe gegen dis Russen, Bulgaren und Sarazenen und starb 976, angeblich von seinem Oberkämmerer dem Eunuchen Basilios vergiftet. 8) I. II. KomnenoS (Kalo-J.), Sohn des Alexios I., Komnenos, geb. 1088, folgte 1118 seinem Vater als Kaiser; dieser ausgezeichnete Mann führte glückliche Kriege gegen die Seldschuken und Petschenegen und starb 1143. Ihm folgte sein Sohn Emanuel I. von Irene, Tochter des Königs Geisa von Ungarn. 9) I. VI., Kantakuzenos, Freund des Andro- nikos III., der ihm bei seinem Tode 1341 seinen Sohn I. (Paläologos V.) in vormundschaftliche Pflege übergab, au dessen Stelle der durch Hos- intriguen bedrohte Kantakuzenos nach einem seit 1342 wüthenden inneren Kampfe im Jahre 1347 sich zu Didymoteichon in Thrakien zum Kaiser ausrufen ließ; doch gab Kantakuzenos dem I. Paläologos seine Tochter u. Theiluahme an der Kaiserwürde. Zerfallen mit seinem Nebenkaiser, ernannte er nachher seinen Sohn Matthäos znm zweiten Kaiser, kriegte drei Jahre mit I. Paläologos, wurde aber 1355 so sehr in die Enge getrieben, daß er abdankte u. als Mönch Joseph in das Manganakloster trat. Sein Leben hat er endlich bei seinen Söhnen zu Misithra in Lakonien 15. Juni 1383 beschlossen. Er schr. eine Hivtorin L^antma, von 1320—57, herausgeg. Par. 1645, 3 BLe.; auch im 17. Bde. der Pariser u. im 15. Bde. der Venetischen Sammlung der Byzantinischen Schriftsteller u. von Schopen, Bonn 1828 bis 1831, 2 Bde. 10) I. V., Paläologos (Kalo-J.), Sohn des Andronikos III., geb. 1332 u. folgte 1341 seinem Vater; er hatte bis 1355 an dem Vorigen einen Nebenkaiser, nachdem dieser abgedankt hatte u. dessen Sohn Matthäos 1356 zu demselben Schritte genöthigt worden war, regierte I. allein; gegen die Türken suchte er 1369, wiewol vergebens, in Nom beim Papst Urban V. Hilfe; von seinem Sohn Andronikos, endlich auch durch dessen Sohn Johannes (VII.) wiederholt bedrängt, starb er 1391. 11) I. VIII. Paläologos, Enkel des Vorigen und Sohn Ema- nuelS, geb. 1390, folgte 1425 seinem Vater; die Bedrohungen seines Reichs durch die Türken nöthigten ihn zur Union mit dem römischen Papste auf dem Concil zu Florenz, 1438, um von dort Hilfe gegen die Ungläubigen zu erhalten; aber die Union scheiterte an der Abneigung der Griechen, und Hilfe kam vom Abendlands nicht. Nur die kluge Mäßigung des Kaisers erhielt noch den Rest des Reichs gegenüber den Osmanen; I. st. 1448; er war dreimal vermählt, ohne Kinder zu hinterlassen; db) JnNikäa: 12) I. III. Dukas Va- tatzes, geb. 1193, Gemahl der Irene, der Tochter der Theodoros I. Laskaris; folgte 1222 seinem Schwiegervater als Kaiser von Nikäa; er kriegte glücklich gegen die Lateiner u. die Bulgaren, eroberte 1246 das griechische Reich der Angelas von Thessalonika u. st. 1254. 13) I. IV. Laskaris, Enkel des Vor., Sohn Theodors II. Laskaris, kam 1259 unmündig auf den Thron, wurde durch Michael Paläologos verdrängt u. geblendet (1261). 14) I. II-, Kaiser von Abessinien, Nachfolger Theodoros II., früher einer seiner Vasal- 791 Johannes. len, bestieg 21. Jan. 1872 den Thron, nachdem er seinen Nebenbuhler Gobaze 11. Juli 1871 bei Adua besiegt; machte es sich seitdem zur Ausgabe, den Annexionsversuchcn des ägyptischen Vicekönigs Ismail Pascha (s. d.) in seiner Nachbarschaft Schranken zu setzen. Dies gelang ihm auch unter kluger u. energischer Benutzung der Verhältnisse vollständig. Er nahm europäische Offiziere in Dienst, verschaffte sich Hinterlader u. scheint auch den religiösen Fanatismus in Anspruch genommen zu haben. Infolge seiner fortwährenden, mit Räubereien verbundenen Einfälle in das ägyptische Gebiet, ließ der Khedive Sept. 1875 endlich reguläre Truppen, etwa 2500 Mann in Hamaseu einrücken, die aber 16. Oct. am Mareb vollständig aufgerieben wurden. Eine zweite 20,000 Mann starke Expedition der Ägypter wurde 26. März 1876 in derselben Gegend total geschlagen. Von weiteren Expeditionen mußte der Khedlve insolge seiner finanziellen Mißverhältnisse absehen u. sogar erfahren, daß seine Friedensvorschläge im März und April 1877 von I. zurllckgewiesen wurden, obwol diesem der alte Krebsschaden der abess. Geschichte, Empörungen der Statthalter, schon seit einem Jahre große Verlegenheiten bereitet. Anfangs Juni endlich nahm er die ägyptischen Frie- deusanerbietungen an. III. Patriarchen von Constantinopel: 15 ) I. III. mit dem Beinamen Scholasticus, geb. zu Anfang des 6. Jahrh. in Sirimis bei Antiochia, wurde Rechtsanwalt, dann Presbyter in Antiochia, 565 Patriarch von Constantinopel und st. 578. Er veranstaltete zuerst eine größere 6o1- Isobio vanonum. 16 ) I. IV., der Faster (Je- jnnator, auch von seinem Geburtslande Kappadox genannt), stammt aus niederer Familie, wurde 585 Patriarch; zeichnete sich durch große Frömmigkeit, Wohlthätigkeit, strenge Askese, bes. im Fasten aus; er war der Erste, welcher sich einen ökumenischen Patriarchen nannte u. gerieth hierüber mit dem römischen Bischof Gregor I. in Streit. Er st. 2. Sept. 595; die Griechische Kirche nahm ihn unter die Heiligen auf. Ob er die ihm zugeschriebenen Schriften asketischen Inhalts verfaßt hat, ist zweifelhaft. IV. Heilige, Bischöfe, Geistliche, Missionäre, Schwärmer, Dichter, Gelehrte rc. 17 ) I. der Presbyter, nach den Angaben des Papias ein Schüler Jesu, welcher wahrscheinlich zu dem weiteren Kreise derselben gehörte, Lehrer des Papias war u. in Ephesos lebte, s. u. I. 3). 18 ) I. Philopon os (I. Alexandrinos, I. Gram- maticus gen.), aus Alexandrien gebürtigt, lebte zu Endedes5.u.während der erstenHälstedes6.Jahrh. n. Ehr., war christlicher Philosoph, Monophysit u. galt, als Tritheit n. weil er die Auferstehung als eine Schöpfung beschrieb, sllr einen Ketzer. Er war ein scharssinniger Ausleger des Aristoteles u. hinterließ mehrere philosophische und grammatische Schriften. 19 ) I. Bischof von Asia (Ephesos), aus Amida, im 6. Jahrh. unter den Kaisern Ju- stinus II., Tiberius u. Mauritius: er war Mo- nophysit u. in die kirchlichen Kämpse seiner Zeit verflochten; er schr. in syrischer Sprache die Kir- cheugeschichte seiner Zeit; die Handschrist von dem 3. Lheilc derselben wurde in einem Kloster der Nitrischen Landschaft inllnterägypten (nicht fern von Alexandria), aufgefunden und herausgegeben von W. Cureton, Oxs. 1853. 20 ) I. von Lamas- kus, auch I. Chrysorrhoas wegen seiner Be- redtsamkeit genannt, geb. um 700 in Damaskus; war der Sohn des Sergius, eines Staatsbeamten des Khalifen Abdul Malik, wurde unter dem Namen Al-Mansur Schatzmeister des Khalifen u. trat im Bilderstreite gegen den Byzantinischen Kaiser Leo den Jsaurier eifrig für den Bilderdienst ein. Dieserwußteihn dafür ans seinerStellung bei seinem Fürsten zu vertreiben. Verabschiedet theilte er sein Vermögen an die Armen aus, ging 730 nach Jerusalem u. wurde in dem Kloster Saba Mönch. Später vertheidigte er als Presbyter zur Zeit des Kaisers ConstantinV.Kopronymos unerschrocken die Bilder wieder u. st. 754. Tag der 6. Mai (bei den Griechen 29. Nov.). Er schr.: 77Y/H /r-waewr, zu welchen die drei Werke gehören: eine Dialektik nach Aristoteles und Porphyrios mit Anwendung ans die Mysterien des christlichen Glaubens; eine Darstellung der Ketzerei bis zum Bilderstreit, u. eine Dogmatik, welche noch jetzt in der griechischen Kirche normative Geltung hat; vgl. Lenström, Vs sxpositnons üäsi ortllväoxas austors I. v.. Upsala 1839); außerdem eine moralische Schrift, Erklärung der Paulinischen Briefe, Homilien u. mehrere geistliche Lieder; seine theologischen Werke sind herausgegeben von Mich. Lequien, Paris 1712, 2 Bde., Fol. Auch wird ihm der Roman Barlaam u. Josaphat zngeschrieben. 21 ) I. von Salisbury (ä. 8arg8bsrisnsis), einer der größten Denker seiner Zeit u. vertrauter Freund des Thom. Becket, geb. 1110 in Salisbury, wurde 1156 als Kaplan des Erzbischofs Theobald von Canterbury an den Papst Hadrian IV. geschickt, gegen den er sich offen über die Gebrechen der Kirche und des Papstthumes äußerte. Nachdem er später seinem Freunde Thom. Becket ins Exil gefolgt war, kehrte er 1170 nach England zurück, wurde 1176 Bischof von Chartres u. st. 1182. Er war Realist und schr.: kslioratisns s. äs miM swrialium st vs- stiAÜs piülasopiiorum, Leyd. 1677; LlsbalvAisus, ebend. 1610; Untirstieus (Hutbstivus) äs äoZ- mats plälosoptzorum, heransg. von Chr. Petersen, Hamb. 1843; Vita as Passiv 8. I'iwmas (eine Lebensbeschreibung Thom. Beckets) u. a. Seine Werke herausg. von I. A. Giles, Lond. 1848, 5 Thle. Vgl. H. Reuter, I. von Salisbury, Berl. 1842, und Schaarschmidt, I. Saresberiensis nach Leben u. Studien, Schriften u. Philosophie, Lpz. 1862. 22) I. dcrPriester (Prsstoxans, vrstrs Isan), nach der vielfach sagenhaften Überlieferung des späteren Mittelalters der Name eines christlichen Fürsten im östl. Asien, welcher mitten unter heidnischen Völkern herrschte und sonst auch Inäorum rsx genannt wurde. Diese Kunde brachte der Bischof von Gabala 1145 nach Europa u. sie findet sich zuerst bei Otto von Freising. Auch Marco Polo u. Ruisbroek gedenken der Existenz dieses Herrschers, die immer mehr mit Sagen ausgeschmuckt wurde. Später versetzten die Portugiesen, welche im 15. Jahrh. von .einem christlichen Fürsten in Afrika hörten, welcher sich Ogane (der Negus von Abessinien) nenne, dies Reich nach dem sabelhaften Aethiopien. Diese Überlieserung ist vielfachen 792 Johannes vom Lateran Erklärungen unterworfen worden; einestheils hat man in ihm das Haupt des Thomaschristen in Indien erkennen wollen, welches 1402 eine Gesandtschaft nach Venedig schickte; andere halten den Namen für eine Verdrehung des mongolischen Titels Unkkhan und lassen die christliche Religion u. das Reich zweifelhaft. Neuerdings hat G.Oppert in einer ausführlichen Untersuchung (der Presbyter I. in Sage u. Geschichte, Berl. 1870) den Namen auf Len Korkhan, den Herrscher des Reichs von Karakitai mit der Hauptstadt Kaschgar in Tur- kestan, welches von Jeliutasche im 12. Jahrh. gegründet wurde u.worin wahrscheinlichdas nestorian. Christenthum herrschte, znrnckgeführt. 23) I. von Fidenza, s. Bonaventura. 24) I. Burilsanns, s. Buridan. 25) I. von Nepomuk, s. Nepomuk. 26) St. I. Capistranus, f. Capistrano. 27) I. Columbinus, geb. in Siena, Magistratsperson daselbst, stiftete 1354 die Jesnaten (s. d.). 28) I. von Ravenna (eigentlich I. Malpaghino), berühmter Humanist, geb. 1352 in Ravenna, kam 1365 zu Petrarca nach Padua als Vorleser und Schreiber, bereiste dann Italien, lehrte, nach Padua zurückgekehrt, Philosophie n. Philologie und ging dann nach Florenz; er scheint 1420 gestorben zu sein. 29) I. von Turrecremata (Torque- mada), geb. 1389 in Valladolid (od. Turrecremata), Prior des Dominicanerordens in Valladolid und dann in Toledo. Vom Papst Eugen IV. wurde er zum Nuvistor saori palatii ernannt und auf das Baseler Concil geschickt, ging von dort nach Ferrara u. wurde 1439 Cardinal; er st. 26. Sept. 1468 in Rom. Er ist der Stifter der Looietas annnnoiatas, welche jährlich am Feste Mariä Verkündigung eine Anzahl römischer Jungfrauen für ihre Verehelichung aussteuerte. Er hinterließ zahlreiche theol. Schriften verschiedenen Inhalts. 30) I. von Avila, geb. um 1500 zu Almodovar bei Campo im Erzbisthum Toledo, wirkte, vom Erzbischof von Sevilla zurückgehalten, statt als Missionär nach Indien zu gehen, als feuriger beredter Prediger in Andalusien; höhere geistliche Würden, die man ihm zudachtc, schlug er aus n. blieb auch den Verfolgungen der Inquisition gegenüber standhaft. Starb zu Montilla 10. Mai 1569. Seine Werke herausgeg. von Schermer, Regensb. 1856. 31) I. von Gott (I. a Oso, ckoan cks visu, eigentlich I. Ciudad), geb. zu Monte Moronovo in der portugiesischen Provinz Alcmtejo 1495; Schüler des I. von Avila. S. Barmherzige Brüver. Er st. 1550 und wurde 1680 kanonisirt. Lebensbeschreibung von Wilmcr, deutsch Negensburg 1856. 32) I. Secundns (eigentlich Jan Nicolai Everard), neulateinischer Dichter, geb. 14. Nov. 1511 im Haag, Secretär des Erzbischofs von Toledo, folgte dem Kaiser Karl V. nach Tunis und st. 24. Sept. 1536 als Secretär des Bischofs von Utrecht. Seine in jeder Beziehung ausgezeichneten Gedichte sind in neuerer Zeit von Boscha, Leyd. 1821, 2 Bde., herausgegeben. 33) I. von Soest, eigentlich I. Gru- melkut, deutscher Dichter, geb. 1448 zu Unna in Westfalen, wurde auf Kosten des Herzogs von Kleve im Gesänge ausgebildet, 1471 Singnreistcr am knrfürstl. Hofe in Heidelberg, prakticirte nachmals als Arzt n. st. in Frankfurt a. M. 1506. Sein — Johanngeorgenstadt. bedeutendstes Werk ist die Bearbeitung des nieder- länd., von Heinrich von Aken verfaßten poetischen Romans von den Haimonskindern, wahrscheinlich um 1480. 34) I. von Victring, Abt des Ci- stercienserklosters Victring in Klagenfurt, 1314—47, schrieb eine, die Zeit von 1217—1343 auf Grund originaler Quellen umfassende, höchst werthvolle Chronik in 6 Büchern, herausgeg. in Böhmers Kontos rsrnm dorm. I.; vgl. Fournier, Abt I. von Victring, Berl. 1875. V. Künstler. 35) I., einer der ältesten italienischen Maler; schmückte seit 960, auf Befehl des Kaisers Otto III., der ihm ein italienisches Bisthum verlieh, die Kirchen u. kaiserlichen Paläste in Aachen mit Freskomalerei u. st. in Lüttich in dem von ihm gegründeten Andreaskloster; seine Gemälde waren noch 1612 erhalten. 36) I. von Udine (Giov. Nanni da Undine, auch Ricama- tore), ital. Decorations-, Thier- u. Porträtmaler, geb. 1494 in Undine, starb in Rom 1564; war Schüler und Gehilfe Rafaels in den Loggien des Vatikan, später Schüler Giorgiones u. leistete namentlich, wie heute noch in den Loggien ersichtlich, in der Arabeske Vortreffliches. An der Vertheidig- nng Roms gegen das deutsch-spanische Heer 1527 thätigen Autheil nehmend, soll er den Connetable von Bourbon durch einen Schuß getödtet haben. 1-5) 15) 16) Lg-SS) Löffler. S-1S) 17-so) Herhberg. 11) Schroot. LI) Specht. LS) Thielemann. SS) SL) Lagai. S5) S6) Regnet. Johannesbad (Johannesbrunn), Badeort im böhm. Bezirk Trautenau (Österreich), unweit der schlesischen Grenze an der Südseite des Riesengc- birges in einem von dichtbewaldeten Bergen umgebenen, nur gegen S. und SO. offenen, höchst romantischen Thale, 614 m ü. d. Meere. I. besitzt eine indifferente alkalisch-salinische Therme von -i- 23,25° L. Temperatur, die vorwiegend Kalkerde, Soda u. Magnesia, auch etwas kohlensaures Eisenoxydul enthält, u. die zu Bädern besonders bei Blutmangel, Nervenschwäche u. den verschiedenen Folgen der auf Blutarmnth begründeten Zustände angewandt wird. Die in der Nähe entspringende Eisenquelle von 4- 6° L. Temperatur, welche in ihrem Gehalte an freier Kohlensäure, Sauerstoff und Stickstoff wechselt, wird auch zum Trinken benutzt. Die mittlere Temperatur des Jahres beträgt -s- 8 bis -p- 10° K., die des Sommers -I- 20 bis -4- 22° R. Die Saison dauert von Mitte Mai bis Mitte Septbr. Vgl. Pauer, I., 3. Aust., Wien 1875; Kopf, Der Kurort I., das. 1875. H. Berns. Johannes vom Lateran, päpstlicher Ci- vilv erdienstorden des heiligen I. v. L., gestiftet 1560 von Papst Pius IV., zur Belohnung bürgerlicher Tugenden; wird nicht mehr vergeben, ohne aufgehoben zu sein. Johanngeorgenbad, Bad bei Bergqießhübel (s. d.). Johanngeorgenstadt, Bergstadt in derAmts- hanptmannschaft Schwarzenberg u. der königl. sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau, am Schwarzwasser; Gerichtsamt, Oberförsterei, seit 1865 Denkmal des Kurfürsten Johann Georg I., bedeutende Fabrikation von Glacehandschuhen u. Schatullen, geringe Spitzen- u. Zwirnklöppelei, Stickerei, Knnsttisch- 793 Johannisbeeren rei, Bandweberei, Fabrikation von Cigarren, Holzessig, Zinnschmelzhlltte; 1875: 4209 Ew. In der Nähe am Fastenberge, am Pechhöfer n. bei Jugsl Eisenerzgruben. — I. ist erst 1654 von protestantischen Bergleuten, welche ihrer Religion wegen aus Böhmen vertrieben worden waren, am Fastenberge angelegt u. nach dem damaligen Kur- fürsten Johann Georg I. benannt worden. Der ergiebige Bergbau, anfänglich auf Zinn u. Silber, veranlaßte 1662 die Errichtung eines Bergamtes, dessen Sitz später nach Schwarzenberg, endlich nach Freiberg verlegt worden ist. 1867 wurde I. durch eine große Feuersbruust verheert. Vgl. Engelschall, Chronik von I., Lpz. 1723. H- Berns. Johannisbeeren, 1) Gemeine I.; die Früchte des im nördl. Europa an schattigen Orten wild wachsenden Johannisbeerstrauchs (kibss rubrum L.). Durch die Cultur sind mehrere Sorten entstanden, welche sich durch die Größe, Farbe u. Reifezeit der Früchte unterscheiden. Die groß- frllchtigen holländischen rothen, Hellrothen u. weißen sind die am meisten verbreiteten; die rothen und weißen Kirsch-J. haben Beeren von der Größe einer mäßigen Kirsche; ebenso sind manche neuere Sorten, z. B. die rothe Versailler, tzussn Viotoria u. a. ausgezeichnet. Zum Wirthschaftsgebrauch sind die rothen Sorten ihrer schönen Farbe wegen am beliebtesten; die weißen u. gelben sind durchgängig etwas süßer, die roth und weiß gestreifte, hat kleine, ziemlich saure Früchte. Die I. gedeihen leicht in gutem lockerem, nicht zu schwerem Garteuboden, lassen sich durch Stecklinge n. Ableger vermehren u. werden als Sträucher, Pyramiden, kleine Kroneubäumchen, mitunter auch am Spalier gezogen. Die reisen Früchte werden roh u. eingemacht genossen; der ausgepreßte J.-Sast wird für sich od. mit Weinessig als J.-Essig od. mit einer größeren Menge Zucker eingekocht als J.-Gelee oder J.-Syrup zu Saucen und als erquickendes Getränk mit Wasser benutzt; besonders angenehm ist der durch Gähruug mit Zucker erhaltene J.-Wein. Die I. enthalten viel Schleim- zucker mit Citronen- u. Apfelsäure u. werden auch in den Apotheken zur Bereitung des 8/rupus Libssii verwendet, eines vortrefflichen Erquickungsmittels bei Fiebern, welches die Hitze lindert, den üblen Geschmack verbessert und bei Steigung zu fauligen Zersetzungen besonders dienlich ist. 2) Schwarze I. (Ahl- oder Wanzenbeere, Muskatellerbeere, franz. Oassis), die Früchte von üibss ni^rum L.; sie sind ihres eigenthümlich starken Geschmacks wegen weniger beliebt, aber ausgezeichnet zu Wein, allein oder als Zusatz zu jedem Obstmost, welchem sie einen feinen Musiateller- geschmack verleihen u. zur Bereitung eines feinen Liqueurs. Die Cultur ist dieselbe wie bei der gemeinen I.; es sind dadurch einige Sorten ent- standen, z. B. die großfrüchtige Victoria, eine mit großen Trauben u. eine andere mit gelben süßen Früchten. Wolde. Johaunisverg, 1) s. u. Jauernig. 8) Dorf im Kreise Fulda des prenß. Regbez. Kassel, am Gieselbach; Schloßgebäude von der 1803 aufgehobenen Propstei. Hier am 30. Aug. 1762 Sieg der Franzosen unter Estrees über die Wirten unter dem Erbprinzen von Braunschweig. 3) (Bischoss- — Johaunisburg. bsrg) Kirchdorf im Kreise Rheingau des prenß. Regbez. Wiesbaden, Station Geisenheim der Nas- sanischen Eisenbahn; klimatische Kuranstalt, Luch- drnckmaschinenfabrik, Kunsttischlerei, Pianoforte, fabrik, Weinbau (auf 85 bas: 1100 Ew. Dabei aus einem 2l3 m hohen Hügel das prächtige Schloß I. mit Kapelle (darin das Grabmal des Sagen- dichters Nie. Vogt), zu welchem 16 Im Weinberg auf dem sauft nach SW. abfallenden Schloßberge gehören, welche den kostbaren Schloß Johannisberger Wein liefern. I. war sonst eine Benedic- tmerabtei, 1109 vom Erzbischof Rudhard II. von Mainz gestiftet. Nachdem sie 1552 von Albrecht Alcibiades von Brandenburg verbrannt worden war, wurde sie 1567 ausgelöst. Die Umgegend, schon längst zu Weinbergen benutzt, kam in der Mitte des 16. Jahrh. ais Pfand an den Neichs- pfeunigmeister Hubert von Bleymann. 1716 trat das Fürstbisthum Fulda in das Pfandrecht ein u. ließ aus den Trümmern der Abtei 1722—32 das Schloß erbauen. 1802 kam I. unter der Hoheit des Herzogs von Nassau an Nassan-Ora- uien, wurde aber 1807 von Napoleon I. dem Marschall Kellermanu als Krondomäne zur Benutzung übergeben, 1816 dem Fürsten Metternich als Dotation geschenkt. Im Frühjahr 1848 wurde I., um es der Verwüstung während der erste» politischen Aufregung zu entziehen, zum Nationaleigeuthum erklärt, aber bald darauf dem Fürsten Metternich wieder znrückgegeben. Da jedoch derselbe an Nassau keine Steuern entrichtet hatte u. sich dessen auch weigerte, so wurde von einem, zur Schlichtung des Streites von dem österreichischen und nassau- ischen Staatsministerium niedergesetzten Compro- mißgericht anfangs 1851 bestimmt, daß das Schloß I. sammt Appertinenzien, mit dem Jahre 1851 aufangend, dem Herzogthum Nassau steuerpflichtig sei. H- Berns. Johannksblume, ist 1) 2/porioum port'o- ratum; 3) lülrrz-santsisinnm I-snoantlrsmum; 3) Lrniea montana; 4) Oalrum vsrum. Johannisblut, s. Cochenille, Bd. V. Johannisbrvd (Liligua älllois, im N. T. Keration, arabisch Kharnub), Früchte von Lsra- touis. oiliqua D. (Johaunisbrodbaum); in Palästina sonst Speise der Armen und Schweinesutter u. die Bohnen als kleines Gewicht dienend, wie den» auch der Karat nach den Johannisbrodbohnen genannt ist. Jetzt wird es in der Levante und SEuropa häufig genossen, auch dient es zur Bereitung eines weiuartigen Getränkes, die schlechteren Früchte zur Viehfütterung. In Europa offici- nell als demulcirendes Mittel gegen Sodbrennen rc.; auch Leckerei für Kinder. In neuester Zeit wurde es auch in England als Viehfutter empfohlen u. verwendet; die Samen geben ein Kaffeesurrogat. Neapel u. Sicilien bringen das meiste I. in den Handel; es geht von da nach Genna, Venedig, Triest, Fiume, England u. Holland. Wegen ihres honigsüßen Fleisches hält sich dies- Frucht nicht lauge, wird vielmehr leicht wurmstichig u. endlich ungenießbar. Engter.» Johannisburst, 1) Kreis im prenß. Regbez. Gumbinnen, enthält viele Seen, darunter den Spirdingsee, den größten Landsee in Preußen, u. die Johannisburger Wildniß, die größte zusammen- 794 Johannischristcn - hängende Waldung (etwa 100 km lang und 45 Lna breit); 1676,g- LZüm (30,„ UM) mit (1875) 44,797 Ew. 2) Kreisstadt darin, am Ausflusse des Pischflusses aus dem Nosch-See; Hauptzollamt; Fischfang, Getreidehandel; 1875: 2780 Ew. Das 1345 erbaute, einst sehr wichtige Schloß I. liegt nordöstlich, unweit des Nosch-Sees. Der 6 lcm lange Johannisburger Kanal, 1764 bis 1766 angelegt, verbindet I. mit dem Spirding- See. H- Berns. Johannischristen, s. u. Johannisjllnger. Johannis Empfängnis), der 24. September; Johannis Enthauptung, der 29. August; Johannisevangelium, s. Johannes 3). Johannisfest, 1) so v. w. Johannistag 1); 2) (Freim.) das in allen Logen der Johaunis- maurerei gefeierte Bundesfest. Johannisfeuer, der bei den germanischen Völkern u. auch anderwärts, so in Spanien u. Portugal, übliche Gebrauch, Feuer in der Nacht vom Johannistage anzuzünden und unter allerlei abergläubischen, bes. auf die Fruchtbarkeit, auch die geschlechtliche, bezüglichen Ceremonien darüber zu springen. Im 15. u. 16. Jahrh. betheiligten sich an dieser Feier noch die höheren Stände u. selbst Fürsten. Sie wird für ein Überbleibsel eines dem Freyr gewidmeten Festes gehalten. Schroot. Johannisjünger, Anhänger Johannes des Täufers, hielten sich zusammen, auch als ihr Meister Lurch seine Gefangeunehmung von öffentlicher Thätigkeit getrennt war. Sie verkehrten mit ihm im Gefangniß, begruben seinen enthaupteten Leichnam, stritten gelegentlich mit den Jüngern Jesu über das Fasten und beobachteten eifrig die von Johannes gelehrten Gebetsübungen. Die Art, wie das 4. Evang. das Verhältniß Jesu u. des Täufers auffaßt, auch die, freilich schwankende und nebelhafte Erzählung von den J-n in Ephesus (Apostelgesch. 19, 1 ff.) läßt darauf schließen, daß der Kern derselben später in der christlichen Gemeinde aufging, daher sie aus der Geschichte verschwinden. Über die Johannischristen, mit welchen der Karmelitermissionar Ignatius a Jesu während des 30jährigen Krieges die gelehrte Welt bekannt machte, ist erst neuestens durch Chwol- sohn (Die Ssabier und der Ssabismus, Petersb. 1856) und Petermann (Deutsche Zeitschrift für christl. Wrfsensch. und christl. Leben, 1854, 1856, Herzogs Realencycl. IX. 318 ff.) Licht verbreitet worden. Darnach find zu unterscheiden die älteren, am Zusammenfluß des Euphrat u. Tigris wohnenden, aramäisch redenden, halbchristlichen Ssabier (voui aram. reimt, waschen, sogenannt wegen ihrer Waschungen), die seit alter Zeit unter diesem Namen vom Islam geduldet wurden. Von ihnen sind noch etwa 500 übrig. Sie verehren den Äon, Naväa äooimjjs, Wort oder Kraft des Lebens (daher Mendäer), u. huldigen einem aus verschiedenen Religionen gemischten Gnosticismus, dessen Urheber nach ihren heiligen Schriften Johannes der Täufer als Erneuerer der reinen Ur- rcligion sein soll. Mit Sterudienst haben sie nichts zu schaffen, hängen auch nicht mit den alten J-n zusammen. Von ihnen verschieden find die heidnischen Ssabier, Anhänger der alten Landesreligion bei Haran, welche diesen schon in Koran - Johamnterordcn. vorkommenden Namen annahmen, um sich gegen die Verfolgungen des Islam zu schützen. Sie trugen einen neuplatonisirenden Monotheismus zur Schau, find übrigens seit dem 12 . Jahrh. verschwunden. Das h. Buch der christlichen Mendäer, Kolasta, ist von Dr. Euting 1867 autographisch veröffentlicht worden. Löffler. Johanniskäfer, 1) s. Leuchtkäfer; 2) so v. w. Brachkäfer. Johanniskraut, ist n^xsrioum, bes. n. xgr- koratum. Johannislauch, s. u. Jacobszwiebel. Johannisorden, 1) verschiedene Orden, Con- gregatiouen, Brüderschaften u. Einsiedler, zu denen die Johanniter, Johanniterinnen, Johannbonitenrc. gehören; bes. aber 2) Geistlicher Ritterorden von St. Johannes u. St. Thomas, gestiftet im 12. Jahrh. zu Ptolemais in Syrien, verbreitete sich über Italien u. Spanien, wo er gegen die Mauren focht, wurde nach Verlust Palästinas den Johannitern einverleibt, lebte jedoch unter dem Namen des St. Thomasorden noch einige Zeit fort. Johannistag, I) der 24. Junius, Johannes dem Täufer zu Ehren kirchlich gefeiert (Johannisfest), Abschluß des 2. Quartals; 2) der 27. Dec., als Namenstag Johannis des Evangelisten, an welchem die Johannisweihe, Weihe von Wein, welcher nun frei von aller Vergiftung bleiben sollte, weil jener Heftige ohne Schaden Gift getrunken habe. Da der Evangelist Johannes von Jesu vor Anderen geliebt war, so wurde sein Ge- dächtniß durch Anbieten eines freundschaftlichen Bechers an diesem Tage erneuert; daher der St. Johannistrunk (St. Johannissegen, Johannis- liebe). Ein solcher Trank wurde auch zuweilen dem Neuvermählten Ehepaar zu trinken gegeben u. ihnen dabei Johannisliebe gewünscht. Johanniswnrm, s. Leuchtkäfer. Johanniter, so v. w. Mitglieder des Johanniterordens. Johanniterinnen (Hospitaliterinnen vom Orden des St. Johannes von Jerusalem), im 13. Jahrh. in Frankreich gestiftet, besaßen mehrere Hospitäler (zu Beaulieu, St. Martin, Toulouse, Fienx) u. standen unter dem Großpriorat von St. GilleS. 1610 wegen zu freien Lebens von der Gräfin von Vaillac reformirt, begaben sie sich 1624 in den Schutz des Johanniterordens u. erhielten 1644 neue Satzungen. Sie wurden 1789 aufgehoben. Johanniterorden, geistlicher Ritterorden. Um den Bedrückungen zu entgehen, welche die Pilger im 11. Jahrh. in Palästina leiden mußten, erkauften 1048 mehrere Kaufleute aus Amalfi von dem Khalifen von Ägypten die Erlaubniß, in Jerusalem bei dem Grave Christi eine Kirche u. ein Mönchskloster nach den Regeln St. Benedicts zu erbauen. Bald verbanden die Mönche ein Hospital (daher Hospitaliter) damit; sie weiheten dabei eine Kapelle dem St. Johannes u. hießen davon Johanniter. Der erste Vorsteher war Gerhard Tonque (aus der Provence, st. 1118 oder 1120); Gottfried von Bouillon schenkte dem Hospital große Güter und der Papst Paschalis II. bestätigte 1113 die neuen Stifte u. bestimmte, daß die Hospitalbrüder künftig unabhängig sein u. ihre 795 Johamüterorden. Superioren selbst wählen sollten. Auf Gerhard folgte Raimund von Puh (R. de Podio); er nannte ! sich Ordensmeister, wandelte Len Orden in einen geistlichen Ritterorden um, indem er zu dem Mönchsgelübde noch die Verpflichtung der Mitglieder zum Kampfe gegen die Ungläubigen sägte, theilte denselben in drei Klassen (Ritter zur Kriegführung, Capellane zum geistlichen Dienst und Dienende Brüder zur Krankenpflege u. zum Pilgrimgeleit) u. verordnte die Cecemonien bei der Aufnahme ! in denselben. Er wurde 1120 (1118) vom Papst bestätigt. Durch das Testament des Königs Alfons von Aragon mit den Tempelherren u. den Rittern des heiligen Grabes zu Erben der Dynastie von Aragon eingesetzt, erhielt der Orden durch Vertrag mit dem Grafen von Barcelona zur Abfindung einstweilen bedeutende Besitzungen in Spanien nebst Befreiung von der Lehnshoheit. Nach der Eroberung Jerusalems durch den Sultan Saladin , von Ägypten, 1187, verlegte der Orden seinen ! Sitz u. das Hospital nach der Festung Margat in Phönikien und wenige Jahre darauf nach Ptole- mais. Aber auch diese Stadt ging 1291 unter dem Großmeister Jean de Villiers den I. verloren, indem der Sultan von Ägypten es eroberte, u. der Orden verlegte nun seinen Sitz > nach Cypern, wo er vom König die Stadt Limisso f erhielt, 1309 aber nach der unter dem Großmeister ! Fulco von Villaret eroberten Insel Rhodus, daher sich die Ritter nun Nhodiser nannten. 1311 wurden ' die Reste der Güter des aufgehobenen Tempelherrnordens durch päpstliche Bulle dem I. übergeben, und 1485 schenkte der Papst dem I. auch die Güter der aufgehobenen Ritterorden des heiligen Grabes u. des St. Lazarus von Jerusalem. Nach wiederholten zurückgeschlagenen Versuchen der Türken, Rhodus zu erobern, griff Suleiman II. 1522 die Insel mit 300,000 Mann an. Tapfer wehrten sich die Johanniter, allein durch Verrath des Ordenskanzlers Andreas von Amaral wurde die Gegenwehr vereitelt, und die Übergabe von Rhodus an die Türken erfolgte den 24. Dscbr. l 1522. Der Großmeister Villiers ging am 1. Jan. 1523 mit 50 Fahnen Rittern nach Candia ab n. von da nach Sicilien u. Rom. 24. Marz 1530 verlieh Karl V. den Johannitern Malta, Gozzo, Comino, sowie Tripolis in Afrika als Lehn, wogegen sie versprachen, ewigen Krieg gegen die i türkischen Seeräuber zu führen, den König von ' Spanien stets als Patron über den Bischof von Malta auznerkennen und die neu erhaltenen Besitzungen an Neapel abzutreten, wenn sie Rhodus wieder eroberten hätten. Sie bauten sich nun in Malta an u. nannten sich Malteserritter. Unter dem Großmeister Claudius de la Sangle (starb 1557) ging Tripolis an Suleiman II. verloren. Nachdem unter Johann de la Valette (st. 1568) der Sultan 1565 Malta vergebens vier Monate lang belagert hatte, befestigten die Ritter die Insel neu n. der Großmeister legte den Grund zur Stadt la Valette; sein Nachfolger, Peter del Monte (st. 1572), verlegte den Sitz des Ordens dahin und ! nahm 1571 an der Schlacht von Lepanto theil. Infolge der Reformation verlor der Orden seine Besitzungen in den protestantischen Ländern, und während er sich umsonst bemüht, für Liesen Verlust Ersatz durch Erwerb in überseeischen Ländern zu erlangen, schwächten innere Zwistigkeiten seine Kraft u. damit seine Macht, wenn auch Perioden eintraten, in denen die Ritter ihre alte Tapferkeit gegen den Halbmond bewährten. Nochmals unter dem Großmeister Emanuel Maria, Prinzen von Rohan, 1775—1797, erhob sich der Orden auch zu einer geistigen Blüthe, aber es war das letzte Auflodern. Infolge der Revolution in Frankreich wurden auch dort alle Ordensgüter n. später, nach 1796, auch im nördlichen Italien eingezogen. 1798 erschien die französische Flotte unter Bonaparte ans dem Zuge nach Ägypten plötzlich vor Malta und eroberte diese Insel 10. Juni dieses Jahres durch BerräthereieinigerRitter. FerdinandvonHompesch, der erste Deutsche im Großmeisterthum u. zugleich der letzte Großmeister, ging nach Triest. Da der Kaiser Paul I. von Rußland aber die Übergabe der Insel laut mißbilligte, so wurden die Blicke des Ordens ans diesen Monarchen geleitet, und man wählte ihn, da man das Großmeisterthum als erledigt betrachtete, den 16. Dec. 1793, jedoch, weil der Kaiser griechischer Confession war, nicht ohne Widerspruch des Papstes. Der Kurfürst Max Joseph von Pfalzbayern hob deshalb den Orden 1799 in seinen Staaten völlig ans u. zog Idesseu Güter ein. Nach u. nach fand, bes. infolge der Rheinbundacte und des Friedens von Preßbnrg 1805—07. die Einziehung der Güter des Ordens in allen Staaten Deutschlands u. des Continents von Italien statt. Auch Preußen hob 1810 und 1811 den ganzen Orden in seinen Staaten auf u. zog dessen Güter ein, u. der König stiftete dafür einen Gnadenorden gleichen Namens. Die einzigen Trümmer des J-s waren außerdem noch das Großpriorat in Böhmen u. zwei dergleichen in Rußland; Sitz des Capitels war Catania in Sicilien. Nach dem Tode des Kaisers Paul I. ernannte der Papst nacheinander mehrere italienische Edelleute zu Großmeistern. Seit 1805 aber ist ein solcher nicht wieder erwählt worden. Der Orden machte, nachdem Malta an England abgetreten, Versuche, von den Griechen eine Insel abgetreten zu erhalten, ohne jedoch zum Ziele zu kommen. Das Ordenscapitel verlegte der Papst 1826 von Catania nach Ferrara, u. 1834 berief er die Ordensbehörden nach Rom, wo das Capitel noch jetzt seinen Sitz hat. Verschiedene Pläne, dem Orden ein neues Besitzthum zu erwerben u. ihn wieder zu beleben, schlugen fehl. Der Orden, der früher 8 Zungen zählte, hat jetzt nur noch zwei: die deutsche und die italienische, erstere vertreten durch das Großpriorat in Böhmen (gegenwärtig 12 Großcapitulare, 3 Profeßritter, 15 Justizritter n. die Priestercommende in Prag mit 30 Priestern u. 2 Klerikern umfassend), letztere durch die Großpriorate Rom, Neapel u. Venedig. Sodann zählen zum Orden noch die aus jüngster Zeit erst datiren- den Associationen von Ehren- n. Devotionsrittern in Preußisch-Schlesien u. in Westfalen. Als souveräner I., dessen Angelegenheiten unter dem Protectorat des päpstlichen Stuhles der in Rom residirende Ordens-Statthalter — Bailli — (seit 14. Februar 1874 Fra I. B. Ceschi a Santa Croce,k. k. österr. wirkt. Geh.-Rath u. Kämmerer), u. zwar in Verbindung mit einem aus den Ver- 796 Johaliiutcroiden — Johaiuwt. tretern der verschiedenen Großpriorate gebildeten Ordensrathe besorgt werden, hat derselbe auch einen eigenen Gesandten am österr. Hofe. Hauptzweck des I. ist jetzt (wie auch des Ordens St. Johannes vom Spital zu Jerusalem — Ballei Brandenburg —) die Organifirung die Sanitätswesens. Die Decoration besteht jetzt aus einem weißen Malteserkreuz mit dem österr. Doppeladler n. der Kaiserkrone bei dem Priorat Böhmen, mit den bonrbonischen Lilien bei den italienischen Prioraten. Der I. zerfiel zur Zeit seiner Bliithe in drei Hauptklassen: s) Ritter, welche die Waffen führten; d) Gehorsamsbrüder, eigentliche Geistliche, welche Diakonen u. Caplane waren u. ans 10 Jahre angenommen wurden; e) Dienende Brüder (Waffenträger, 8srvsnkr ck'srmr), welche die Pilger geleiteten u. Kranke in den Spitälern warteten, lim Gerechtigkeitsritter (Osvsllrsrr cki Amskrms) zu werden u. zu Ordensämtern zu gelangen, war Beweis des Adels, in Malta von 8, inDentschland von 16 Ahnen nöthig; ausgenommen waren die natürlichen Söhne von Fürsten. Das Capitel konnte bei einigem Mangel von Ahnen dispensiren, u. solche Ritter hießen dann Gnadenritter (Osvsllrvrr cki Arsois), sie konnten jedoch keine Ordensämter erhalten. Mit dem 17. Jahre konnte der Novizenstand angetreten und mit dem 18. Profeß gethan werden, was unter Beobachtung verschiedener Ceremonien geschah. Der Orden nahm auch Protestanten u. im letzten Jahrhundert Personen von griechischer Confejsion ans. Ord ens- tracht: schwarz, mit einem weißen, leinenen, achtspitzigen Kreuz auf dem Mantel u. auf der Brust. Im Kriege sollten die Ritter einen rothen Waffenrock mit schlichtem Kreuz aus der Brust und dem Rücken tragen. Auch die Geistlichen u. Dienenden Brüder trugen das Kreuz, jedoch nur auf Erlaub- niß des Großmeisters. Vornehmster Beamter des Ordens war der Großmeister des heiligen Hospitals zu St. Johann zu Jerusalem u. Guardian der Armen Jesu Christi, von den auswärtigen Mächten ^iks^rs siniirsnkrssiras angeredet u. mit sehr bedeutender Dotation (6000 Scudi aus der Ordenskammer u. die Gefälle von den 3 Inseln) ausgestattet. Er hatte das Capitel zur Seite, welches aus acht, aus den verschiedenen Zungen (Nationen, Provinzen) gewählten Abgeordneten bestand. Mitglieder des Capitels hießen Großkreuze. Jede Zunge zerfiel in mehrere Priorate, diese wieder in Balleien u. diese in Comthureien oder Commendeu. Man rechnete, daß vor der französischen Revolution 3000 Malteser existirten. Wappen des Großmeisters und des Ordens ein silbernes, achteckiges Kreuz in rothem Feld, oben mit einer Herzogskrone u. von einem Rosenkranz umgeben; unten hing an demselben ein kleineres Malteserkreuz. Die Umschrift war: krc> kicks. Bgl. Villeneuve-Bargemont, Llonumens irlstorr- gnss ckss Llrsrrä-insttros cks I'orärs äs 8k.-ckss.ir cks cksinsaisili, Par. 1829, 2 Bde.; Falkenstein, Geschichte des J-s, Dresden 1833, 2 Bände; Lambruschini, Itnoio äolli esvsiisrr vks. rivovnki nsils längns ck'Iksiis cksl oräins (cksroscck., 1843; Witzleben, Gesch. des ritterl. Ordens St. Johann d. Spital zu Jerusalem, Berl. 1859. H-nne-Am Rhyn. johailniterorden (Orden des St. Johannes vom Spital zu Jerusalem), königlich preußischer Orden, 23. Juni 1812 vom König Friedrich Wilhelm III. als Zeichen für ehrenvolle Dienstleistung u. Beweis königlicher Gnade an der Stelle und zum ehrenvollen Andenken der durch Edict vom 10. Oct. 1810 u. Urkunde vom 23. Jan. 1811 aufgehobenen Ballei Brandenburg des J-s gestiftet. Der König ist Protektor u. ernennt aus der Zahl der königlichen Prinzen einen Groß- od. Herrenmeister u. eine unbeschränkte Anzahl Ritter. Durch Cabinetsordre des Königs Friedrich Wilhelm IV. vom 15. Oct. 1852, pnblicirt 5. Jan. 1853, erhielt der Orden eine seiner ursprünglichen Stiftung entsprechende gemeinnützige Bestimmung, indem die Herstellung der Ballei Brandenburg des evangelischen St. J-s (unbeschadet der früher erfolgten Einziehung der Güter desselben als Staatsgüter) mit dem Centralpunkt Sonnenburg, dem ehemaligen Sitz des Herrenmeisterthums, angeordnet wurde. Die Ordensmitglieder zerfallen in 1) Commendatoren (Comthure) und Ehren- commendatoren, die mit den OrLensbeamten unter Vorsitz des Herrenmeisters das Ordenscapitel bilden; 2) Rechtsritter, welche nach Ablegung des Ordensgelübdes in der Kirche zu Sonnenburg den Ritterschlag u. die Insignien empfangen haben; 3) Ehrenritter, welche sich zum Zwecke des Ordens bekennen und jährlich 36 U n. ein Eintrittsgeld von 900 N bezahlen, aus welcher Summe die Zwecke des Ordens, Pflege Kranker u. Siecher, erfüllt werden. Die Mitglieder, über deren Aufnahme das Ordenscapitel entscheidet, müssen von Adel sein. Die Ordensgelübde bei der Aufnahme sind: dem Bekenntniß der Evangelischen Kirche treu anzuhängen, die alten stiftungsmäßigen Zwecke des J-s stets anzuerkennen, dem König von Preußen stets treu, gewärtig u. gehorsam zu sein, sich nie einer entehrenden Beleidigung auszusetzen u. den Oberen im Orden stets willigen Gehorsam zu leisten. Dem preußischen Orden, der in Pro- vinzialgenossenschasten zerfällt, schließen sich die anßerpreußischen Genossenschaften an. Ordenszeichen: goldenes, achtspitziges, weiß emaillirtes Kreuz, in den vier Winkeln der preußische schwarze Adler mit der Krone; das Zeichen wird am schwarzen Bande um den Hals, das einfache weiße Ordenskreuz auf der linken Seite des Kleides getragen; Ordenskleidung: scharlachrothe Uniform mit weißem Kragen u. weißen Aufschlägen, goldenen Litzen n. gelben Knöpfen, weiße Beinkleider und goldene Epauletten mit dem Ordenskreuz; der Groß- od. Herrenmeister trägt ein größeres Kreuz an breitem Band. Jetziger Herrenmeister ist seit 18. Mai 1853 der Prinz Karl von Preußen. Vgl. A. von Winterfeld, Geschichte des ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem, Berl. 1859. «»gm. Johannot,deut. Künstlerfamilie: 1) Charles, Kupferstecher u. Maler, gcb. zu Frankfurt a. M. 1793, st. zu Paris 1825; illustrirte das Leben der hl. Genovefa u. die Werke Bouillys. 2) Alfred, Bruder des Vorigen, ebenfalls Kupferstecher und Maler, geb. zu Offenbach 21. März 1800, st. zu Paris 7. Decbr. 1837 ; illustrirte Walter Scott, Byron, Cooper u. malte später u. A.: Die Verhaftung Jeans de Crespierre (1833), Karl V. 797 Johann von Lchdcn — Johnson. König Franz I. im Gefängniß besuchend (1834), Heinrich II., Katharina von Medici u. ihre Kinder (1835), Maria Stuarts Abreise aus Schottland (1836), Die Schlacht bei Prattelen rc. 3) Tony, Bruder der beiden Vorigen, Kupferstecher u. Maler, geb. zu Offenbach 9. Nov. 1803, starb zu Paris 4. Aug. 1852; illnstrirte Moliere, Don Quijote u. Goethes Werther u. widmete sich seit 1831 der Malerei romantischer Richtung. Haupt- bilder: Tod des Connetable du Guescliu (fiir den Herzog von Orleans, 1834); Die Schlachten bei Rosebecque u. bei Fontenay; Die Erstürmung des Engpasses von Meandre u. Der Besuch der Königin Victoria von England im Schlosse Eu; Der Tod des hl. Paulus; Eine Plünderung im 16. Jahrh. u. Die Freuden des Herbstes. Regnet. Johann von Lehden, s. Bockold. John, 1)Joh. Friedrich, deutscher Chemiker, geb. 10. Jan. 1782 zu Anklam; war 1804—06 Professor in Moskau, wo er die Los. äs iölatura- liston äs Llosoou gründen half und zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in deren Journal stiftete, dann Professor der Chemie und Pharmacie i» Frankfurt a. O., dann in Berlin, wo er zuletzt privatisirte u. 5. Marz 1847 starb. Seine chem. Arbeiten behandelten meist Fragen aus derPflan- zenchemie u. einzelne derselben sind gekrönte Preis- schriften (Über die Ernährung der Pflanzen und den Ursprung der Pottasche, Uber Kalk u. Mörtel u. a. m.s. 2) Franz Frhr. von, berühmter österreichischer General, geb. 20. Rov. 1815 zu Bruck an der Leitha. Ans der Militär-Akademie in Wiener-Neustadt gebildet, seit 1845 im General- stab Radetzkys, zeichnete er sich als Hauptmanii 1843 in Italien besonders aus. 1859 sehen wir ihn als Oberst u. Generalstabschef des 6. Armeecorps in Südtirol u. ein Jahr später als General- major u. Generalstabschef der italienischen Armee unter Benedek. In gleicher Eigenschaft bewies er unter Erzherzog Albrecht im Jahre 1866 bei Custozza soviel strategisches Talent, daß er zum Feldmarschalllieutenant ernannt wurde. Als Reichskriegsminister führte er 1867 die Heeresreform (allgemeine Wehrpflicht) durch, trat indessen 1868 schon wieder ab. Im Jahre 1869 wurde er Landescommandirender in Graz, dann Feld- zeugnieister u. Chef des Generalstabes, um dessen Reorganisation er sich ebenfalls Verdienste erwarb. Seit 1867 war er auch ständiges Mitglied des Herrenhauses. Er st. 25. Mai 1876 zu Wien. 3 ) Eugenie, Romanschriftstellerin unter dem Namen Marlitt, geb. 5. Dec. 1825 zu Arnstadt in Thüringen, wo ihr Vater Kausmann, aber fast nur mit Malerei sich beschäftigte; ein musikalisches Talent und mit einer schönen Stimme begabt, wurde sie in ihrem 17. Jahre von der Fürstin von Schwarzbnrg - Sondershausen als Pflegekind angenommen u. zur Ausbildung ihres Talentes aus drei Jahre nach Wien gesandt; indessen zwang sie ein Gehörleiden, der Bühne, die sie bereits mit Erfolg betreten, zu entsagen und kehrte sie nun als Vorleserin an den Hof der Fürstin zurück, wo sie wie als Reisebegleitern, derselben sich Welt- u. Menschenkenntniß sammelte. 1863 schied sie aus dieser Stellung u. wählte nun ihre Vaterstadt wieder zum Aufenthalt, wo sie in der Familie ihres Bruders, Oberlehrers an der dortigen Realschule, lebt. Sie trat als Schrift- stellerin 1865 zuerst unter dem Pseudonym E Marlitt in der Gartenlaube mit der Novelle: Die Zwölf Apostel (ersch. Lpz. 1865) auf, der dam, in rascher Folge die Romane n. Novellen: Goldclse, Lpz. 1867, 4. Aufl. 1869 ; Blaubart, 1866; Das Geheimuiß der alten Mamsell, ebd. 1868, 2 Bve.; Die Neichsgräfiu Gisela, ebd. 1870, 3. A. 1872; Heideprinzeßcheu, 1871; Die zweite Frau, ebd. 1873; Im Hause des Commercienrathes (Gartenlaube Jahrg. 1876); auch: Thüringer Erzählungen, ebd. 1869, nachfolgten. 4) Richard Eduard, Cri- minalist, wurde geb. 17. Juli 1827 zu Marien- werder, Sohn eines Justizrathes a. D.; stndirte in Leipzig, Berlin u. Güttingen u. habilitirte sich 1853 in Königsberg, wo er 1856 außerordentlicher n. 1859 ordentlicher Professor wurde; 1868 ging er nach Kiel, 1869 nach Göttingen u. Michaelis 1870 als Rath an das Oberappellationsgericht nach Lübeck, von wo er jedoch 1876 wieder nach Güttingen zum Lehrstuhl zurückkehrte. Von 1862 bis 1867 Mitglied des preuß. Abgeordnetenhauses, gehörte er zu den ersten Mitgliedern der nationalliberalen Fraction. Schriften : Das Strafrecht in Norddeutschland zur Zeit der Rechtsbllcher, Lpz. 1858 ; Über die Nemede der altdithmarschen Nechts- qnellen, Kgsberg. 1860; Die Lehre vom fortgesetzten Verbrechen u. von der Verbrechensconcur- renz, Berl. 1860; Kritik des preuß. Gesetzentwurfs über die Verantwortlichkeit der Minister, Leipz. 1863; Über Strafanstalten, Berl. 1865; Kritiken strafrechtl. Entscheidungen des preußischen Obertribunals, Berl. 1866; Über die Todesstrafe, ebd. 1867; Entwurf mit Motiven zu einem Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund, ebd. 1868; Das Strafrecht in Norddeutschland (Beurth. und Entw. eines Strafgesctzbtiches für den Norddeutschen Bund in Form eines revidirten Entwurfs), Gött. 1870. Die Verbrechen gegen den Staat in Holtzendorffs Handbuch des Strafrechts und eine Reihe von Darstellungen für Holtzendorffs Ency- klopädie u. Nechtslexikon. D r. 2 ) Teicher. s; i) Lagal. S. John, S. Johns, s. Saint I. rc. John Bull, so v. w. Bull 1). Johnson, 1) Benjamin, s. Jonson. 2) Samuel, berühmter englischer Schriftsteller und Lexikograph, geb. 28. Sept. 1709 zu Lichfield in Staffordshire; stndirte seit 1728 in Oxford, wurde 1731 Unterlehrer an der Schule zu Markct-Bos- worth in Leicestershire n. errichtete in Birmingham eine Erziehungsanstalt. Unter seinen Schülern befand sich Garrick, den I. 1737 nach London begleitete, wo er sich, längere Zeit in dürftigen Umständen, von literarischen Arbeiten nährte und 15. December 1784 starb. Er schrieb: Donäon, 1738 (eine Satire); Die Debatten des Senats zu Lillipnt (commentirte Auszüge aus den Reden der berühmtesten Parlamentsmitglieder); Inks ok Riobarä Lava^s, Lond. 1744 ; Dictionary ob tiw DnAlisb lanAuaAS, ebd. 1755, 2 Bde., neueste Auslage von Latham, ebd. 1864, 3 Bde., ein Wert von hoher Bedeutung für die englische Literatur u. die Frucht 7jähriger Arbeit; Listorz- ok Uaz- selas, ebd. 1759 (politischer Roman, deutsch von Bärmann, Hamb. 1840, 2 Bde.); rtiv Uvss ol 798 Johnson - tim inost eminent Rn^Iisü xoets (deutsch von Blankenburg, 2 Bde., Menb. 1781), und Lsts lälsr; Werke, Land. 1788, 12 Bde., ebd. Auch übersetzte er Popes Messias in lateinischen Hexametern u. redigirte die Zeitschriften Mrs Rambler, 1750 f., 2 Bde., n. Ausg. Alswick 1816. Vgl. I. Boswell, Rite ok ll., 3 Bde., Lond. 1791, neueste Aufl., ebd. 1874, mit Anmerk. vonPercy Fitzgerald; Macaulay, LioAraxbioal Rssaxs: 8. st-, Lond. u. Lpz. 1857 (deutsch von Holtzendorff, Berl. 1857). Johnson, Andrew, 17. Präsident der Ver. Staaten von NAmerika, geb. 29. Der. 1808 zu Raleigh in NCarolina; von niedrigster Herkunft u. dazu früh Waise, genoß er, wie es heißt, keinen Schulunterricht u. ward, kaum 10 Jahre alt, bei einem Schneider in die Lehre gegeben. Indessen voll geistiger Kraft, lernte er lesen u. schreiben u. war fleißig bei seinem Handwerk, verheirathete sich mit 20 Jahren u. ließ sich als Meister 1826 in Greenville, einer kleinen Stadt in Tennessee, nieder, wo er anfing, sich Vermögen u. einen Namen zu machen. 1828 war der autodidaktische Schneider schon Alderman von Greenville; 1830 traf ihn die Wahl znm Mayor. Diese Stellung gab ihm Gelegenheit, seine Redefertigkeit zu zeigen, u. so wurde er 1835 in den Gesetzgebenden Körper von Tennessee gewählt. Von nun an war seine politische Laufbahn eine ununterbrochene; seine rauhe, aber wirksame Rednergabe machte ihn der demokratischen Partei, der er sich angeschlossen, nützlich und 1841 ward er in den Senat des Staates Tennessee u. 1843 in den Congreß gewählt, wo er sich zehn Jahre behauptete. Die Annexion von Texas fand in ihm einen warmen Fürsprecher. Von 1853—57 war er Gouverneur von Tennessee u. von 1857—63 saß er im Senat der Vereinigten Staaten. Bis zu dieser Zeit strictester Demokrat, trat er, als der Bürgerkrieg 1861 drohte, der einzige südliche Senator, für Aufrechterhaltung der Union auf u. enthüllte 5. Febr. die Pläne der Secessionisten. In die Heimath zurückgekehrt, war es ihm indessen nicht möglich, den Abfall Tennessees aufzuhalten. Aber Lincoln erkannte seine Bemühungen an u. ernannte ihn März 1862 mit dem Rang eines Brigadegenerals zum Militärgouverneur von Tennessee u. aus dieser Stellung wählten den alten Demokraten die Republikaner 1864 zum Vicepräsidenten. Als solcher machte er sich durch seine Wnth gegen seine früheren Partei- genossen bemerkbar, und als er am Tage nach Lincolns Ermordung, 15. April 1865, als Präsident vereidigt ward, erwarteten sie das Schlimmste von ihm. Wenngleich I. sich häufig zu unwürdigem Ungestüm u. zu Prahlerei Hinreißen ließ, so besaß er doch ein schlaues Verständniß für politische Schwierigkeiten n. sehr schnell überzeugte er sich, daß der damals in der Verwaltung herrschende radikale Flügel der republikanischen Partei zu schnell u. zu weit ging. Mit aller Kraft seines hitzigen Temperaments u. seines herrischen Willens trat er derselben entgegen, kam aber dabei mit der Majorität des Congresses oft in Conflict, der durch die Entlassung des auf Seiten des Congresses stehenden Kriegsministers Stanton auf die Spitze getrieben wurde: der Senat erklärte die Absetzung Stantons für ungesetzlich und das Re- - Johnston. Präsentantenhaus nahm 22. Febr. 1868 eine Re- solution au, den Präsidenten in Anklagezustand zu versetzen. Der Proceß begann23.März vordem Senat, aber die zur Verurtheilung nöthige Zweidrittelmajorität kam nicht zu Stande, ebensowenig 26. Mai bei der Abstimmung über die Artikel 1 und 2 der Anklage; es folgte demnach die Freisprechung J-s n. der Senat vertagte sich auf unbestimmte Zeit. Am 4. März 1869 ging seine Amtsperiode zu Ende. Seit jener Zeit mischte er sich nur wenig in die Politik bis zu der Wendung in der politischen Strömung, welche in den letzten zwei Jahren eintrat. Er ward vom Senat als ein Candidat für die Gouverneurschaft verworfen u. unterlag 1869 im Wahlkampfe in Tennessee für den Senatorposten nach Washington. Doch seine Zeit war nahe. Er hatte aus der Concession politischer Macht an die emancipirten Neger, und ans dem übertriebenen Vertrauen in eine erfolgreiche Soldateska gefährliche Folgen vorausgesagt. In der Geschichte der jüngsten Unruhen im Süden sah er die Bestätigung aller seiner Befürchtungen u. wiederum suchte er jetzt als ein heftiger Gegner Grants, od. besser des Grautismus, die Stimmen des Volkes von Tennessee als Bundessenator, die ihm denn auch im Januar 1875 wurden. Kaum aber hatte er sich wieder in die vordersten Reihen der Politiker seines Landes gestellt, als er 31. Juli 1875 nach kurzer Krankheit starb. Freund und Feind werden ihm das Zeugniß eines rechtschaffenen, unbestechlichen Mannes zuerkennen, dem es, wenn auch oft'an Takt, Feinheit u. Menschen- kenntniß, doch nicht an unbeugsamem Muth und politischer Einsicht fehlte. Bartling. Johnson, Counties im Nordamerika». Unionsgebiet : 1) in Arkansas unter 35" n. Br. u. 93" w. L.; 9152 Ew.; Countysitz: Clarksville; 2) in Georgia u. 32° n. Br. u. 82°w. L.; 2964 Ew.; C-sitz: Wrightsville; 3) in Illinois u. 37"n. Br. u. 88"w.L.; 11,248 Ew.; C-sitz: Vienna; 4) in Indiana u. 39° n. Br. u. 85° w. L.; 18,366 Ew.; C-sitz: Franklin; 5) in Iowa u. 41°n. Br. u. 91° w. L.; 24,898 Ew.; C-sitz: Iowa City; 6) in Kansas u. 39" n. Br. u. 95°w. L.; 13,684 Ew.; C-sitz: Olathe; 7) in Kentucky u. 38°n. Br. u. 83° w. L.; 7444 Einw.; C-sitz: Paintville; 8) in Missouri unter 39° n. Br. u. 94° w. L.; 24,648 Ew.; C-sitz: WarrcnSburgh; 9) in Tennessee u. 36" n. Br. u. 82° w. L.; 5852 Ew.; C-sitz: Taylorsville; 10) in Texas u. 32° n. Br. u. 97° w. L.; 5928 Ew.; C-sitz: Cleburn. Johnston, Fabrikort in der schottischen Grafschaft Renfrew, Eisenbahnstation; Baumwollen- manufacturen, Messing-u. Eisengießerei, Maschinenfabrik; 1871: 7538 Ew. In der Nähe Stein- kohlengruben. Johnston, County im nordamerikan. Unionsstaat Nord-Carolina u. 35° n. Br. u. 78° w. L.; 16,897 Ew.; Countysitz: Smithfield. Johnston, 1) James Fiulay Weir, engl. Chemiker, geb. 13. Sept. 1798 zuPaisley; wurde 1833 Professor der Chemie u. Mineralogie an der Universität zu Durham, dabei 1844—49 Lector u. Chemiker bei der L§rionR. Oilsmiotrx 71s-o- oiation ok Leotlanä, auch Mitglied der Rox. 8oo. zu London u. Edinburg. Er st. zu Durham 18. 799 Johnstown — Jojcichin. Sept. 1858. Seine Schriften, von welchen die Chemie des täglichen Lebens u. a. auch in verschiedenen deutfchenBearbeitungen erschienen, haben meist die damals durch Liebig angeregten Fragen der Ackerbauchemie zum Thema. Zahlreiche Abhandlungen finden sich in Brewsters Journal, im Girant. ckoura. ok^.Ariealb. (Edinburg) n.imckoura. okR.LAriauIt.Sooisiz-(1840—1853). ^Alexander Keith, ausgezeichneter engl. Kartograph, geb. zu Kirkhill in Schottland 28. Dec. 1804; stndirte anfangs Medicin, trat aber dann in das Atelier eines Graveurs ein, bereiste Europa, Ägypten u. Palästina, widmete sich der Geographie u. Kartographie u. st. S. Juli 1871 zu Ben Nhydding. Er veröffentlichte: lLtts national alias, Edinburg 1843 u. ö., ferner unter Mitwirkung von H. Lange u. A. Petermann: Mis plrMoal alias, ebenda 1848, 2. Ausl. 1856, kleinere Ausg. 1850; 6oo- Araxttioal äiotionar^, Lond. 1850; Roxal alias ok in ackern ^svAiaxlix, 1855 (eines seiner Hauptwerke); ^llas ok tilg Huiteä Stalss ok Norltt Lmerioa, 1857; außerdem eine Anzahl von Schulatlanten, Wandkarten u. einen physischen Erdglobus. Er war Mitglied, resp. Ehrenmitglied fast aller geograph. Gesellschaften u. Inhaber der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen. i> r. s) Schroot. Johnstown, 1) Stadt. Bezirk und Sitz des Fulton County im nordamerikanischen Unionsstaate Nero-Jork an einer Zweigbahn der Linie Albany Buffalo; 12,273 Einw. 3) Stadt im Cambria County in Pennsylvanien an der Mündung des Stony Creek in den Conemangh River u. an der Pennsylvania Eisenbahn ;großeEisen-u. Stahlwerke; 6024 Ew. Von hier zweigt sich der Westarm des Pennsylvania Kanals nach Pittsburg ab. Schroot. Jöhstadt (Josephstadt), Stadt in der Amts- hauptmannschast Annaberg der königl. sächsischen Kreisyauptmannschaft Zwickau, am Schwarzwaffer, 749 m ü. d. M., in rauher Gegend; Gerichtsamt, Obersörsterei; Spitzenklöppclei, Bandweberei, Grenzhandel; 1875 : 2255 Ew. Geburtsort des geistlichen Liederdichters I. A. Cramer. In der Nähe an der Presinitz das Dorf Schmalzgrube (299 Ew.) mit Hammerwerk. Um 1540 verwandelte Herzog Heinrich von Sachsen das Dorf Giß- dorf in den Bergflecken I., welcher erst 1655 Stadtrechte erhielt. 1700, 1848, im Juli und Sept. 1854 und 26. Mai 1856 wurde I. durch Feuersbrünste verheert. H- Berns. JoigNy, Stadt u. Hauptort in dem 9 Cantone u. 108 Gemeinden mit 96,378 Ew. umfassenden gleichnamigen Arr. des franz. Dep. Yonne, an der Yonne; Station der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; Friedens- und Handelsgericht, mehrere Kirchen, darunter die Kirche St. Andre aus dem 11. und 12. Jahrh., Communal-College, Civil- u. Militärhospital, Departementsgefängniß, Fabrikation von Tuch, Leinwand, Jagdgewehren, Branntwein rc., Gerberei, Weinbau, bedeutender Handel mit Wein u. Holz, 6 Jahrmärkte; 6400 Einw. H- B-rns. Joinville, 1) Stadt im Arr. Vafsy des franz. Dep. Haute-Marne, an der Marne, Station der Ostbahn; Friedensgericht, alte sehenswerthe Kirche (Notre-Dame), Hospital, Communal-College; Hohlsten, Eisengießereien, Fabrikation von Meffer- schmiedewaaren, Droguets, Wollen» und Halbwollenzeugen, Hüten rc., Gerberei, Wachshandel; 3811 Ew. JnderNähe stand das 1790 zerstörte Stammschloß der Herzöge von Guise, in welchem 1584 die Ligue geschlossen wurde. I. war bis zur Revolution der Hauptort eines gleichnamigen Fürstenthnms u. nach demselben erhielt der dritte Sohn Ludwig Philipps den Titel eines Prinzen von I. Vgl. Fe-wl, Notes disloriguss sur In vills st Iss scigneurs cks ck., 1835. 3) Insel oder Land in dem südlichen Eismeere, südlich von den Süd-Shetlandinseln, am27. Febr. 1838 von D'Urville entdeckt. H. Berns. Joinville, Jean de I., geb. um 1224 in der Champagne, war 1241 Truchseß Thibauts von Champagne, nahm 1241 das Kreuz, ging 1248 mit Ludwig IX. nach Ägypten und kehrte 1254 mit ihm zurück. 1270 lehnte er es ab, ihn nach Tunis zu begleiten. 1309 widmete er Ludwig X. seine berühmte, auf Bitten Johannas von Navarra geschriebene Nistoirs cks Saint Louis (die beste Ausgabe ist von N. de Wailly, Paris 1867, U. ö.). I. st. 1317. Bolchert. Joinville, Franz Ferdinand Philipp Louis, Maria von Orleans, Prinz v. I., geb. den 14. Aug. 1818, dritter Sohn Louis Philipps, Königs der Franzosen, widmete sich seit 1834 dem Seewesen, wurde 1836 Schiffslieute- nant, 1839 Commandant der Fregatte Belle-Poule, auf welcher er 1840 die Asche Napoleons von St. Helena nach Europa überführre; commandirte 1844 die französische Expedition nach Marokko, bom- bardirte 6. Aug. 1844 Tanger u. 15. Aug. Mo- gador u. besetzte Hafen u. Insel. 1846 wurde er Viceadmiral n. Oberbefehlshaber der Mittelmeerflotte und befand sich beim Ausbruche der Februarrevolution mit seinem Bruder Aumale in Algier. Beide ließen die Republik ausrusen und begaben sich über Gibraltar nach England zur vertriebenen Königsfamilie. 1861 ging er mit seinem Sohne, dem Herzog von Penthievre und seinen Neffen dem Grafen von Paris und dem Herzog von Chartres nach Amerika und machte dort im Stabe Mac Clellans den Feldzug von 1862 mit. Im deutsch-französischen Kriege bot er Frankreich seine Dienste, wurde aber vom Kaiser und der Republik abgewiesen, und als er unter falschem Namen in die Armee Chanzys sich hatte aufnehmen lasten, durch Gambetta ausgewiesen. Nach Aufhebung der Verbannungsdecrete, Dec. 1871, trat er in die Nationalversammlung, in die ihn das Dep. La Manche deputirt hatte, erkannte auch die Republik an, betheiligte sich aber wegen seiner Schwerhörigkeit sehr wenig an den gesetzgeberischen Arbeiten derselben. Er hat verschiedene Aufsätze und Abhandlungen für die Rsvus ckss Oeur Llouckss geschrieben, die als Lluckss sur 1a marins, Par. 1859 erschienen, auch den amerikanischen Bürgerkrieg u. die Schlacht bei Sadowa beschrieben. Er ist seit 1843 vermählt mit der Prinzessin Franzisca von Brasilien. dagai. Jojachin (Jechonja), folgte, 18 Jahre alt, seinem Vater Jojakim 596 (598), ergab sich aber, nachdem er 3 Monate regiert, an Nebukadnezar, der Jerusalem belagerte, u. ward mit 10,000 Kriegern, Vornehmen, allen Schmieden u. Maschinenarbeitern nach Babel geführt, war dort 37 Jahre 800 Jojakim — Jokuhama. im Gesängniß, bis Evil Merodach, König von Babel, ihn aus dem Gefängniß entließ, und an seinen Hof zog. Fürst. Jojakim (früher Eljakim), ältester Sohn des Josia, folgte seinem Bruder Joahas als König von Juda, 607—596(608—598), von Necho, ägyptischem König, eingesetzt, welchem er eine bedeutende Schatzung zahlen mußte. Nach Nechos Niederlage bei Karkeinisch war I. Basall Nebukadnczars. Wie vorher den ägyptischen, so begünstigte er nun den babylonischen Götzendienst; er verfolgte die Propheten, namentlich den,.Jeremias, ließ den Propheten Nria, der nach Ägypten geflohen, sich von Necho ausliefern und hinrichten. Er fiel wieder von Babels König ab, worauf chaldäische, am- monitische u. moabitische Streisschaaren sein Land verwüsteten. I. war verschwenderisch, baulustig, grausam und sittenlos. Fürst. Jökai, Mör (Maurus), bedeutender und sehr beliebter ungarischer Romanschriftsteller, Publicist u. Politiker, geb. 19. Febr. 1825 in Komorn, besuchte zuerst das resormirte Gymnasium seiner Baterstadt, setzte seine Studien dann in Preßburg, Papa u. Kecskemet fort, wurde 1846 Advocat, beschäftigte sich in seinen Mußestunden erfolgreich mit Malerei, widmete sich aber bald ausschließlich der heimischen Literatur, redigirte vor der Revolution die Monatsschrift IRottzspsk (Lebensbilder), u. betheiligte sich, in Pest lebend, an mehreren Journalen; er schr.: HötüöMapoir (die Wochentage); Vackvirä^oü (Blumen der Wildniß); die Türkeuwelt in Ungarn; Geschichte des Ungarn-Volkes u. über 200 Bände Romane u. Novellen, wovon viele ins Deutsche u. in andere europäische Sprachen übersetzt sind. Auf der Bühne hatte er Erfolg, so neuerdings (1877) mit seinem Schauspiel: Die schöne Michaele. Die Freiheitsbewegung von 1848—49 sah ihn als einen der begabtesten Stimmführer; zu Anfang d. I. 1849 floh er mit der ungar. Regierung nach Debreczin, wo sich der Reichstag wieder versammelte; hier redigirte er die in feurigem Patriotismus geschrieb«ien Lstä I-apoli (Abendblätter), die sich aber sehr verständig von dem Radicalismus der meisten Abgeordneten fernhielten u. Mäßigung predigten. Nach Wiederherstellung der Ruhe kehrte er nach Pest zurück und entfaltete s.owol als Redacteur des Non (Vaterland), des Votöicös (Komet, humoristisches Wochenblatt), des lAurmoiräö (der Wahrhafte, populäre Zeitschrift), wie auch als Schriftsteller und Deputirter eine enorme Thäligkeit und gediegene Schaffenskraft. Seit 1860 ist er Mitglied der hochverdienten Kis- faludygesellschaft; 1861 nahm ihn die ungar. Akademie als solches in ihre schönwissenschaftliche Abtheilung auf. I. ist bei seinengroßen persönlichen Vorzügen zur Zeit der gefeiertste u. anerkannteste Schriftsteller der Magyaren. Magyarisch u. deutsch erschienen die bedeutenderen Novellen u. Romane: Die weiße Rose, Pest 1854; Ein ungar. Nabob, ebd. 1856; Schwarze Diamanten, ebd. 1870; Wie man grau wird, Pest 1872; Die Narren der Liebe, Berl. 1873; Der Goldmensch, ebd. 1873; Der Roman des künftigen Jahrhunderts, ebd. 1876; Mein, Dein, Sein, ebd. 1876,5 Bde. Booch-Arlossy. Jokaste, s. Ödipus. Jäkel (Jöknll), in Norwegen s. v. w. Eismasse, Gletscher. Joklama (türk.), Zollrevision, das Zollamt; J-naziri, oberster Zollrevisor. Joko, Name, welcher häufig, ohne wissenschaftlich oder sonst gebräuchlich zu sein, verschiedenen Affen, z. B. dem Orang-Utang, beigelegt wird. Joktanrden, die alten Volksstämme, welche Jemen und das Glückliche Arabien bewohnten u. deren Stammvater Joktan (bei den Arabern Kach- tan) angeblich vor Abrahams Zeit über den Euphrat einwandert«; s. u. Arabien S. 797. Joktheel, früher Sela (d. h. im Hebräischen Feld, daher auch Petra), einst Hauptort der Edomiter auf der Peträischen Halbinsel (Arabien), liegt längst in Trümmern. Eratosthenes bezeichnet Petra um 250 v. Ehr. als Haupthandelsstation zwischen Ägypten und Babylonien; unter Trajan wurde es (105 n. Ehr.) dem römischen Reiche einverleibt. Bon da an waren Name und Lage Petras in der Geschichte verschwunden; erst Burck- hardt entdeckte es 1812 wieder. Arendts. Jokuhama (Uokohama), Hafenstadt in Japan, an der gleichn. Bai, mit Kanagawa und Tokio (Jedo) durch eine 30 Lm lange Eisenbahn verbunden, mit (1872) 61,553 Ew., aber beständig steigender Bevölkerung. I. ist jetzt der wichtigste Ausfuhrhafen Japans und, seit 1858 den Europäern eröffnet, aus einem kleinen Dorf zu dem jetzigen Umfang gestiegen, weßhalb auch die Stadt manche europäische Einrichtungen bietet. 1874 liefen 358 fremde (meist englische u. amerikanische) Schiffe hier ein. Die einen tiefen Grund bietende Rhede ist den Taifunen ansgesetzt. Der Werth der Einfuhr bezifferte sich 1874 auf 16,716,000 Dollars, der der Ausfuhr (hauptsächlich Thee u. Seide) auf 12,579,000 Doll. I. ist der Sitz der Behörde des japan. Bezirks Musassi und 8 auswärtiger (darunter auch eines deutschen) Consuln. Hier erscheinen auch die Berichte der deutschen Gesellschaft für Ostasieu. Thielemann. Berichtigung. Der Art. Hydrographie hat aus Versehen einen falschen Schlußsatz erhalten; derselbe muß heißen: Vorsteher desselben ist der Capitän zur Lee Frhr. v. Schleinitz, welcher sich des. als Lommandant der Corvette Gazelle ans ihrer Kerguelen-Expedition sl874—7«s Verdienste um die H. erworben hat. Verzeichnis -er Illustrationen zum zehnten Band. Lcrt-a: Hessen-Nassau. Jerusalem zur Zelt Christi.. .... . ru seinem heutigen Zustande. Indianer-Reservationen '. Indien. § asela: Hüttenkunde H. . . . ... Äiechanik V. Seite 264 62>i 626 Elektricität VII Jnseclen I. II. Optik II. . . 670 674 391 ygrometer yperbel . ,nduction. Jnfu'vrien 524' Jnseclen Zm -rt: Seite 720 750 764 52* 5 ri 71 (t