Druckschrift 
Bd. 10 (1877) Hansen - Jokuhama
Entstehung
Seite
337
Einzelbild herunterladen
 

Historienmalerei.

337

zunächst Italien mit seinen verschiedenen, sich inStil u. Technik jetzt bestimmt von einander un-'terscheidenden Schulen, und im Anschluß daranFrankreich und Spanien, sodann die Niederlande'u. Deutschland mit der Schweiz in Betracht. Auchin den letzteren beiden Richtungen der H. sind be-stimmte Schulen zu unteAcheiden. 1) In Ita-lien bildet Fiesole am Ausgange der vorigen Pe-riode den Umschwung in der Auffassnngs- u. Be-handlungsweise der religiösen Motive, indem erdie bis dahin noch immer vorwaltende conventio-nelle Starrheit in der Composition u. figürlichenGestaltung durch seine tiefe n. begeisterungsvolleEmpfindung für den idealen Inhalt der christlichenTradition erweichte n. die äußerliche Strenge desStils durch die Anmuth seiner Gestaltung u. durchdie Innigkeit seines Ausdrucks milderte u. beseelte.Hierzu trat, Lurch das Wiederaufleben der Kenntnißdes Alterthums hervorgerufen, eine den künstler-ischen Geschmack überhaupt wesentlich reinigende Ten-denz auf antike Formenschönheit hinzu, daher diesePeriode, namentlich in dem ersten Viertel des 16.Jahrh., geradezu als die Wiedergeburt (Renais-sance) der Antike bezeichnet worden ist. n) Inerster Reihe steht auch in dieser Zeit wieder dieFlorentinische Schule; namentlich waren es,neben Fiesole und Masaccio di San Gio-vanni (1402 — 43), die noch am Ausgange dervorigen Periode stehen, Gozzoli u. Ghirlan-dajo (1451 — 95), in denen sich bereits das Be-streben zeigt, die religiösen Motive aus dem Be-reichs abstracter Dogmatik in das Anschauungs-gebiet menschlicher Empfindung und natürlicherRealität herabzuziehen. Mit diesem Bestreben nachPopularisirung der religiösen H. verbindet sich nunschon auch das Bednrfniß einer strengeren wissen-schaftlichen Begründung der formalen Gestaltungs-gesetze, namentlich hinsichtlich der Perspective (durchPaolo Ucello) und der Anatomie des menschlichenKörpers (Lurch Bsrocchio, 1432—88); Bestrebun-gen, welche durch Botticelli, Filippo Lippi, LucaSignorelli u. A. gefördert u. in zwei Hauptmei-stern, Michel Angelo Buonarotti und Leo-nardo da Vinci, ihren Culminationspunkt er-reichten. Hiermit ging die Abweisung der Fesselndes dogmatischen Schematismus Hand in Hand:es ist jetzt mehr die poetische Wahrheit der christ-lichen Tradition, auf deren künstlerisch vollendeteGestaltung sich der begeisternngsvolle Drang jenerunerreichten Heroen der Kunst richtete; eine wahr-hafte Befreiung und Verselbständigung der Kunst:sie diente nicht mehr der Kirche, sondern die Kircheu. ihr Dogma mußten Lurch Darleihung religiöserMotive zur Verherrlichung der Kunst dienen. Dasaußerordentliche Interesse, welches die ganze vor-nehme Welt, einschließlich der Päpste u. Fürsten,den Leistungen der Kunst widmete u. das sich inPraktischer Förderung derselben in ausgedehntestemMaße bethätigte, trug natürlich viel zu dem ge-waltigen Aufschwung aller Künste, namentlich aberder H. bei. In Florenz zeigt sich auch zum erstenMale ein Anfang zur profanen H. Die (nichtmehr vorhandenen) Cartons zur Geschichte desPisaner Krieges gaben den ersten Anstoß zu einergrößeren Vertiefung in den ideellen Inhalt derH. u. blieben lange Zeit der nachstrebenden Künst-Pierers Aniversal-Coiiversatwns-Lexiton. 8. Ausl. X.

lerwelt unerreichbare Vorbilder großartigster Com-position. Unter den Schülern Michel Angelos, indessen Werken vorzugsweise das Element groß-artigster Formengestaltung und erhabenen Jdeen-reichthums-zur Geltung kam, zeichneten sich imGebiete der H. aus: Daniele da Volterra,MarcelloVenusti, Sebastiane delPiombou. A., unter denen Leonardos: Lnini, Cesareda Sesto, Gandenzio Vinci, deren Werkehauptsächlich in der Galerie der Brera in Mai-land vertreten sind. Neben ihnen u. den beidenHanptmeistern waren in Florenz noch thätig:Andrea del Sarto, Bartolommeo dellaPorta, Lorenzo di Credi u. A., welche selb-ständige Wege gingen, während die späteren Nach-folger Michel Angelos, wie Vasari (1512—74),Salv iati (1510 — 63) n. A., theils nur die äußer-liche Manier des Meisters nachahmten, theils ingeistlose Übertreibung verfielen. i>) In der Schulevon Padua zeigt sich die Hinneigung zur Antikenoch mehr als in der florcntinischen H. Begründet durch Francesco Squarcione (1394 bis1474), gipfelte ihre Hauptthätigkeit in AndreaManiegna (1431 — 1508), der sich später inMantua niederließ, während seine Schiller zuFerrara eine neue Schule gründeten, deren Haupt-zug eine gewisse barocke Stilrichtung war, wie siesich in den Werken Lorenzo Costas, DossoDossis und Garofalos kundgibt, o) In Ve-nedig hatte sich bis zur Mitte des 15. Jahrh.der Byzantinismus, gemischt mit germanischenElementen, am längsten erhalten, bis durch diebeiden Paduaner Bellini, später durch dis Ma-lerfamilisn der Vivarini u. Mnrano, nament-lich aber durch Lima da Conegliano (um 1500),di« Tendenz auf heitere Lsbensfülle der Gestal-ten und glänzende Pracht des Colorits, anfangsnur in Anwendung ans religiöse Motive, dannaber auch auf profane Sujets übertragen, in denVordergrund trat u. den specifischen Charakter derVenetianischen Schule für alle Zeit bestimmte. Inihr vollzieht sich zuerst u. vorzugsweise eine Ab-wendung von der religiösen Malerei u. eine Hin-wendung zu Motiven, die dem realen Leben ent-nommen sind, verbunden mit Schönheit u. Frischedes Colorits u. plastischem Formenreichthum. DerCultus des schönen Fleisches, überhaupt des Stoff-lichen, begünstigt durch den auf Sinnenreiz undLebensfreude gerichteten Geschmack der venetian-ischen Nobili, wurde vom Anfang des 16. Jahrh.an der Hauptcharakter der venetianischen Malerei,und wenn selbstverständlich auch noch immer reli-giöse Sujets einen Hauptbestandtheil der venetian-ischen H. bildeten, so wurden doch auch diese fastganz im Geschmack der damaligen Modetendenzbehandelt. Zu den bedeutendsten Vertretern dieserRichtung gehört Giorgione (1477—1511), nebstseinen Schülern Giovanni da Udins und Torbido,gen. ilMoro; der Hauptmeister aber ist TizianoVecellio (1487 — 1576), in dessen Werken sichdie venctianische H. zur höchsten Schönheit desColorits entwickelte. Ihm schließen sich, mehr u.mehr dem Realismus verfallend, an: Palma'Vecchio, Lorenzo Lotto, Pordenone, Bor-gens, bes. aber Paolo Veronese (1528 — 88)! und Tintorert (Jacopo Robusti, 1512 — 94),Band. 22

1