5) Es sei mir gestattet, einen hieraus bezüglichen Satz aus einemBriese Darwin's an mich hier wörtlich mitzutheilen. Er schreibt mirunter dem 10. December d. I. 1878 Folgendes:
„ Die Ansicht mancher Autoren, daß den Organismen eine angeboreneund plötzlich auftretende (spontausous) Tendenz zur Variation innewohne,scheint mir vollständig unhaltbar zu sein. Experimente, die ich in meiner„Oross anä 8slk l7srtili^utiou" gegeben habe, überzeugten smich noch viel-mehr, als ich es so schon war, von der Unrichtigkeit dieser Ansicht. Ichmöchte auch noch einige Worte hinzufügen, um zu betonen, daß man imhöchsten Grade vorsichtig sein sollte, ehe man behauptet, daß irgend eineEigenschaft oder Charakter ohne Bedeutung sei und daher auch nichtdurch natürliche Zuchtwahl gewonnen oder verändert worden sein könne.Als das Buch über den Ursprung der Arten zuerst erschien, führte Brommehrere solcher Fälle an, von denen ich 4 im Augenblick gewärtig habe.Erstlich die Gesetze der Phyllotaxie; aber es ist jetzt durch Schwendenergezeigt worden, daß diese eine Folge des Gedrängtseins der jungen Kno-spen bei ihrer Entstehung sind, was von offenbarer physiologischer Bedeu-tung für die Pflanze ist. Zweitens die Einkerbungen am Rande derBlätter; aber Reincke hat gezeigt, daß sie die Folge der Anwesenheitvon Drüsen in den ganz jungen Blättern sind, deren Teeret wahrschein-lich die Blätter beschützt, da die Drüsen später verschwinden. Drittensdie verschiedene Größe des äußeren Ohres in der Gattung der Mäuse;da wir aber jetzt wissen, daß sie als feine Tastorgane dienen, so kannes nicht Wunder nehmen, sie bei Arten mit verschiedenen Gewohnheitenungleich stark ausgebildet zu finden. Viertens die verschiedene Länge deiSchwanzes in demselben Genus; aber ein Herr, der solche Thiere inGefangenschaft hält und nichts von Bronn erfahren hatte, fchrieb mirvor einigen Jahren, daß er überzeugt sei, der Schwanz müsse bei diesenThieren während des Grabens und Bohrens von Nutzen sein durch Be-stimmung der einzuhaltenden Richtung.'
Die hier durch Darwin gegebene Liste derartiger morphologischenCharaktere, die noch vor Kurzem unerklärlich, d. h. ohne Bedeutung fürdas Leben ihrer Träger zu sein schienen, durch neuere Untersuchungenaber ihrer Unerklärlichkeit beraubt und damit zu physiologischen Charak-teren wurden, ließe sich leicht bedeutend vermehren. Dies hier zu thun,erscheint mir überflüssig, da es genügt, gezeigt zu haben, daß in vielenFällen die Bezeichnung eines Charakters als eines morphologischen, d. h.nutzlosen, lediglich ihren Grund in unserer unzureichenden Kenntniß vomLeben der Organismen hat.
Ein einziges Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung will ich in-dessen doch hier noch mittheilen, da es wenig bekannt sein dürste. Man