47
ich, ob die Sprachwissenschaft zu den Natur- oder Geisteswissen-schaften gehört, oder, wie sie wohl richtiger gestellt wird, inwie-fern die Wissenschaft von der Sprache Naturwissenschaft, in-wiefern sie andererseits Geisteswissenschaft ist. Denn daß siezum guten Theile eben beides zugleich ist, das fängt ja wohlgerade durch die Resultate der Leute von der „junggrammatischen"Richtung (wie man uns getauft hat) an, am trefflichsten dargethanzu werden.
Endlich habe ich noch den einen ganz besonderen Wunsch,daß mir folgende Absicht gleichsam nebenbei bei meinen voran-gehenden Darlegungen zu erreichen gelungen sein möchte.
Stricteste Befolgung der sprachlichen Lautgesetze und plan-mäßige Handhabung des Analogieprincips, diese beiden oberstenmethodischen Grundsätze der modernen Sprachwissenschaft, scheinenmir zwei Dinge zu sein, welche bei nicht wenigen Gelegenheitenauch die Praxis des grammatischen Sprachunterrichts auf denGymnasien und höheren Schulen ganz wohl gebrauchen könnte.Ich hoffe mich nicht zu täuschen, wenn ich voraussetze, daß meh-rere meiner zur Illustration der theoretischen Behauptungen ge-brauchten Beispiele darnach augethan sind, anschaulich zu machen,wie auch der praktische Schulmann besonders beim griechischenUnterrichte vielfach in der Schule die schönste Gelegenheit habe,echte sprachwissenschaftliche Methode zu üben, selbst ohne ein ei-gentlicher Sprachvergleiche! zu sein und in Sprachvergleicherei amungeeigneten Orte zu extravagiren. Bei dem Darlegen dereinzelsprachlichen Lautgesetze und beim Verfolgen sdcr Analogie-wirkungen in der sprachlichen Formenbildung braucht man ja sehrhäufig über den Rahmen der historischen Entwicklung der Einzel-sprache gar nicht hinauszugreifen.
Wenn im Nebligen meine Worte etwas dazu beitragen könnten,in weiteren Kreisen der Gebildeten die wohlwollende Zuneigungzur Sprachwissenschaft und sprachwissenschaftlichen Methode zu
(SSI)