ö , - WIENBARG
Treitschke in seiner „Deutschen Geschichte" obenhin versichert, voneiner ernsthaften Verfolgung sei keine Rede gewesen, so strafen ihndie Akten und die sich daraus ergebenden Tatsachen Lügen. Auch darfdie völlige Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz bei einem Mannewie Wienbarg, den sein Talent zum Schriftsteller bestimmte, der seineLebensaufgabe tief erfaßte, sich allen Ernstes gleich einem Evangelisteneiner hohen Mission im Dienste einer höheren Macht ebenso bewußtwar, wie Friedrich Wilhelm IV. seines Gottesgnadentums, und diejournalistische Gelenkigkeit seiner jungdeutschen Mitstreiter, vor allemdie phänomenale Anpassungsfähigkeit eines Gutzkow durchaus nichtbesaß, nicht schwer genug genommen werden. Daß ein Talent wiedas Wienbargs in Armut und Elend verkam, war gewiß ein düsteresVerhängnis, das mit dem achselzuckenden Urteil „eigene Schuld" nichtabzutun ist. Es stürzte der Katastrophe zu, als die sämtlichen Macht-haber des „Bestehenden", als die kurzsichtigste Staatsweisheit einenregelrechten Vernichtungskampf gegen einen Autor begann, für dessenin die Zukunft ragende Bedeutung keine dieser Bureaukratenscelendas geringste Verständnis besaß. Von einem Verantwortungsgefühlgegen die schöpferische Literatur regte sich nichts; wenn sie sich nichtzur Dienerin des zufälligen Staates hergab, kannte dieser gegen sie nurden Knüppelkomment. Wienbargs Hauptwerk, die „Aesthetischen Feld-züge", durfte in Preußen nicht verkauft oder verliehen, nicht einmalangezeigt werden, und der Absatz in Preußen entschied den Erfolgeines Buches. Auch Bayern und andere Bundesstaaten dürften Ver-bote dagegen erlassen haben, doch ist bislang der Nachweis nicht zuführen. Die „Wanderungen durch den Thierhreis" gerieten mitten inden Strudel des Jahres 1835 hinein. Der erste Eifer der aufgestörtenPreßpolizei warf sich auf dies Buch, dessen Gefährlichkeit heute nie-mand mehr wird begreifen können. Preußen hatte es schon am 28. Sep-tember verboten ; als Baden am 24. November eine allgemeine Warnungvor den jungdeutschen Schriften losließ, nannte es neben Gutzkows„Wally" Wienbargs „Wanderungen"; Hessen ließ sie am 12. Dezemberkonfiszieren, ebenso Schleswig-Holstein, die Heimat des Verfassers,sogar Württemberg; in dem bayrischen Reskript gegen das „JungeDeutschland" vom 14. Dezember sind neben den „Ästhetischen Feld-zügen" auch die „Wanderungen" hervorgehoben, am 21. Januar 1836folgte ein besonderes Verbot gegen sie, am 30. Januar 1836 auch gegendie Flugschrift „Menzel und die junge Literatur", die bei Carl Löwen-thal in Frankfurt erschienen war, dessen sämtliche Veröffentlichungenvon mehreren Bundesstaaten kurzerhand verboten waren, soweit sienicht ausdrücklich nach scharfer Prüfung erlaubt wurden. NachdemPreußen am 14. November mit dieser drakonischen Verfügung vor-angegangen war, sandte Löwenthal (23. Nov.) drei seiner Verlags-werke nach Berlin zur Prüfung ein, wobei er feierlich versprach, nie