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1 (1924)
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6o 9 WIENBARG

Ein Schönheitsrausch war es, der den Kieler Dozenten erfaßt hatteund dem die gleichzeitige Jugend sich jubelnd in die Arme warf;natürlich gab es auch Nüchterne aus Prinzip. Aber die Schaffendenfrohlockten. Da war Empfindung, die an Gestaltung grenzte, Grund-sätze, die selbst schon Poesie waren, Worte, die das Geheimnis derSchönheit nicht lüfteten, sondern vertieften. Es war ein Ruf, einSchrei nach Schönheit, den die Menschheit in gewissen Absätzen aus-stößt; Wienbarg war ihr Organ. Daher war seine Sprache auch soverständlich; ohne diese Sprache sind diese Feldzüge und ihr litera-rischer Erfolg nicht zu denken ; der gleiche Fall bei Friedrich Nietzsche,anderthalb Menschenalter später. Aber beide verbindet noch mehr.Wienbarg versuchte schon zum Entsetzen aller Moralisten sehr ener-gisch eine Umwertung bestehender Werte; man lese nur die elfte undzwölfte seiner Vorlesungen, wo er das Vague aller Moral a priori nach-weist; er zitiert Beispiele, die aus modernen Dramen zu stammenscheinen. Moral und Schönheit sind bei ihm nur eins, vereinigen sichzur schönen Humanität Herders, die ihn das Wort finden läßt: „DasLeben ist des Lebens höchster Zweck." Wissenschaft des Schönenals abgegrenzten Bezirk kennt er nicht; Ästhetik weitet sich ihm zurWeltanschauung; Leben und Dichtung fließen bei ihm ineinander wiebei Homer und dem Nibelungenlied, das eine der andern Inhalt, dieandere des einen Form. Wienbargs erster schriftstellerischer Versuchwar die Übersetzung einer Ode Pindars. Griechenlands heiter blauenHimmel hätte er über Deutschland ausspannen mögen, damit deutscheUrart zu gleicher Blüte gedeihe, wie einstmals die der Hellenen. Erlebte in der Antike, ihrer Philosophie, ihrer Kunst, aber er empfandDeutschland als Eigenwesen, dem nichts Fremdes aufzupfropfen sei,nur die freie Entwicklung fehle. National ohne Deutschtümelei, sowollte er deutsches Leben und deutsche Kunst haben, erblühend ausder ungefesselten Gegenwart ebenso üppig wie das Mittelalter; aberer war ein Feind der Romantik, die die Vergangenheit in die Gegen-wart hinüberziehen wollte. Er war sozial durch und durch; Zeitgeist,Empfinden der Gegenwart verlangte er für jede künstlerische Tätig-keit. Verknöcherte Tradition war ihm verhaßt, er war Protestant auffast allen Gebieten, gegen alle Unnatur und Willkür, gegen den Druckdes freien Menschengeistes, gegen totes und hohles Formelwesen,gegen Ertötung des jugendlichen Geistes auf unseren Schulen, gegendas handwerksmäßige Treiben der Wissenschaften auf den Universi-täten, gegen Beamtenschlendrian im Leben, Duldung des Schlechten,weil es herkömmlich und historisch, gegen die Reste der Feudalität,die ganze feudal-historische Schule, die „uns bei lebendigem Leibe ansKreuz der Geschichte nageln will", und vor allen Dingen gegen den„Geist der Lüge, der tausend Zungen spricht und sich mit tausendRedensarten und Wendungen eingeschlichen hat in alle unsere mensch-

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