WIENBARG 608
Alters mochte manches als Phrase erscheinen, aber der Jugend mußtendiese Feldzüge ein Lebenselement, ein neues Evangelium werden.„Dem jungen Deutschland" sind sie ja auch gewidmet, „nicht demalten", und von dieser prächtigen Dedikation ist die Bezeichnung„Junges Deutschland" geflügelt geworden, der nom de guerre für eineGruppe von Schriftstellern, die ihn noch heute tragen. Wienbarg dachtedabei sicher nur an die akademische Jugend; aber er war schon ge-nügend Journalist, um den pikanten, an politische Erscheinungentastenden Reiz dieser Bezeichnung zu empfinden; wie Heinrich Laubeversichert, wählte er sie im Hinblick auf die frische literarische Be-wegung, die durch die neue Redaktion der „Zeitung für die eleganteWelt" seit 1833 fühlbar geworden war. Nach einer anderen Traditionsoll der Verleger Julius Campe die Widmung veranlaßt haben. DerErfinder des Ausdrucks ist Wienbarg nicht gewesen, Gutzkow undLaube brauchten ihn weit früher, aber er verschaffte ihm durch jeneWidmung die allgemeine Geltung, er „stickte" ihn, wie er selbst sagt,auf die Fahne der jungen Literatur. Das Geschrei Menzels sorgte danndafür, daß dieses Losungswort in aller Munde kam und zum litera-rischen „Ekelnamen" wurde.
Es ist gewiß kein Verdienst, ein Schlagwort auszugeben; aber dieseParoleausgabe seitens eines ästhetischen Buches, das auf einer deut-schen — wenn auch damals noch dänischen — Universität entstandenwar, mußte doch einige Berechtigung in sich bergen. So war es auch.Wienbargs „Ästhetische Feldzüge" waren das flatternde Panier, aufdessen Erhebung die Generation von 1834 wartete; sie gaben die Um-risse für eine Literatur, die ihr Wachstum und ihre Reife am eigenenLeibe zu fühlen begann; sie weckten das Zusammenhang- und regellosVegetierende zum Bewußtsein. Die „Ästhetischen Feldzüge" waren einTaumel, der ihren Autor und seine Hörer und Leser erfaßte; ein inder Nacht spukhaft auftauchender Dionysoszug, den aber nur das ge-heiligte Auge der Jugend sah; die anderen hörten nur wirren Lärm.Daher auch die Widmung an das „Junge Deutschland"; diese Vor-rede schließt mit den Worten: „Ist aber eine Silberlocke unter deinerSchaar, ein Greis mit jugendlichem Herzen, ich küsse ihm Auge undStirn und wünsche auch mir einen warmen Frühling unter der Eis-decke künftiger Jahre." Man lese diese Worte nur einmal laut; manwird sofort empfinden: sie sind ein Akkord von bezaubernder Wir-kung, und dieser Akkord ist das Grundmotiv dieser ganzen Feldzüge;Siegfrieds Hornruf, der durch jedes Kapitel schmettert; reckenhaftwar Wienbargs Gestalt, jeder, der ihn kennen lernte, suchte diesenVergleich aus dem urgermanischen Mythus; selbst ein bestimmtesMjljeu, einen Hintergrund gab man ihm wie einer Gestalt der Sage:die freie Höhe des Meeres, dessen Schönheit er immer wieder denDeutschen predigte.