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1 (1924)
Seite
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6o7 WIENBARG

Gewürze aus Heines Küche bedient; er hat eine bewundernswertegraziöse Art, kleine Situationsbilder zu skizzieren, interessante Cha-rakterköpfe zu zeichnen, an Wissen und Vielseitigkeit ist er Heineüberlegen, und schon dieses erste größere Werk zeigt seine Empfin-dung für die spezifische Eigenart des Deutschtums gegenüber demHellenentum, die feste Basis seiner ganzen ästhetischen Weltanschau-ung. — 1832 ging er in seine deutsch-dänische Heimat zurück undhabilitierte sich als Privatdozent in Kiel. Im Sommer 1833 las er hierdas Kolleg, das ihn, als es Ostern 1834 unter dem Titel „AesthetischeFeldzüge" erschien, mit einem Schlage berühmt machte. So großenZulauf diese Vorträge hatten, so wenig konnten sie ihm durch diefreie Meinungsäußerung über akademische Einrichtungen und gleich-zeitige allgemeine Zustände die Gunst der Kollegen und der Regierungerwerben; der Alma mater sagte er in Gegenwart ihrer Schülerzahlins Gesicht, daß sie eine nüchterne, abschreckende, verknöcherte alteJungfer geworden. Und das wollte Professor werden? Die Kollegien-gelder waren bei der durchschnittlichen Armut der Kieler Studentengering. Sein Gesuch um eine Professur wurde abgeschlagen, aucheine Petition seiner Zuhörer fruchtete nichts. Er mußte diese Laufbahnaufgeben und wurde freier Schriftsteller.

Wienbargs „Ästhetische Feldzüge" sind der energischste Ausdruckeiner leidenschaftlichen Schönheitssehnsucht jener Zeit; sie sind eineins Deutsche übersetzte Verherrlichung des Hellenentums, als derhöchsten Vereinigung von Natur, Kunst und öffentlichem Leben, undein scharfer Hinweis auf die geistige und künstlerische Dürftigkeit zuAnfang der dreißiger Jahre. Sie sind keine Ästhetik im akademischenSinne, mit groß A und klein b, im Gegenteil, sie verabscheuen allediese systematischen Versuche; „flüchtige Ergüsse wechselnder Auf-regungen" nennt Wienbarg selbst seine Reden; jede ist wie eine Ode.Wer sind seine Helden? Aus der Weltliteratur: Goethe als Drama-tiker, Byron als Lyriker, Heine als Prosaist der jüngsten Epoche, dieeben auf dem Gebiet der Prosa, der angemessensten Form für denmodernen Geistesinhalt, ihre eigentliche Bedeutung erringen werde.Manche Anschauungen Wienbargs haben noch etwas von der Unklar-heit, die allem charakteristisch ist, was sich als neue Empfindungschüchtern hervorwagt; dabei sind sie aber getragen von einem majestä-tischen Stil, dessen Bilderreichtum mit dem stets weiten Gesichtspunktdes Gedankens wetteifert und durch echtes Pathos hinreißend wirkt.Man muß sich ein wenig in die Zeit versetzen können, um mit in dieBegeisterung auszubrechen, die wie ein Sturmwind die gewaltigenSegel Wienbargschen Stils über das Meer trieb. Es ist der Stil desForums, geboren aus tiefstem Enthusiasmus, geführt von einer üppigenPhantasie, der Stil der Überredung, eine gewaltige Wortoper vollgroßer Gedanken, fruchtbarer Probleme. Der nüchternen Skepsis des