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1 (1924)
Seite
606
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WIENBARG 606

auch nur kurze Zeit, als ein hell funkelnder Stern hoch über ihnen.Ein Landsmann Hebbels, schien er in seinen halkyonischen Tagender Typus deutscher Urkraft, ein Nachkomme der wetterfesten Dith-marschen; er galt unbestritten als der reichste an Wissen, der frei-gebigste an geistigen Anregungen, als Titan in künstlerischem Wollen;als Mensch und Schriftsteller jeder Zoll ein Mann und ein Prophet.Und gerade seine Kraft zersplitterte sich am ersten und zerplatzte wieeine farbenschillernde Rakete in wenige leuchtende Funken. Dennochist Wienbarg keiner von den Verkannten. Die Zeit war gegen ihnnicht undankbarer als gegen andere; aber sie schätzt nur den uner-schöpflich Gebenden, sie vergißt allzu schnell den, dessen spendendeHand versiegte. Was Wienbarg den Besten seiner Zeit geben konnte,wurde dankbar empfangen. Der Nimbus eines Johanrfes umgab ihn;daß er noch mehr sein könne, war sein inbrünstiger Glaube. Manlauschte ihm; das Echo seiner Worte klingt vor, sobald wir unser Ohrgewöhnen an das Stimmengewirr jener Tage; es ist die Zeit nach derJulirevolution 1830—1835. Es gehörte schon ein tüchtiges Organ dazu,den Lärm dieser Zeit zu übertönen. Die Posaune am Grabe Goetheshallte noch immer nach. Ein heller, freudiger Klang plötzlich — Wieu-bargs „Ästetische Feldzüge" — ein sonnenheller Schwertblitz, 1834.Die Walküren trugen den Kämpfer schon vor der Schlacht nach Wal-hall. Das Schwert sank ihm aus der Hand. Es ist eine ganz gemeineTatsache, die dieses glänzende Eintagsschicksal erklärt: Wienbargwurde geisteskrank, schon Mitte der dreißiger Jahre setzt die Er-weichung seiner Kraft ein, nach Jahrzehnten stumpfen Dahinlebensstarb er im Irrenhause. Das Schicksal eines Hölderlin, Lenau, Nietz-sche, Panizza — so vieler andern fällte auch ihn.

Ein ausführliches Lebensbild Wienbargs gab ich in meinem Buche,.Jungdeutscher Sturm und Drang". Gleich Gutzkow und Laube warauch Wienbarg als mittelloser Student in Kiel und Bonn der Theologieuntreu geworden. 1829 hatte er in Marburg promoviert, 1830 verkehrteer in Hamburg mit Heine und dessen Kreis. Eine kurze Vorrede zueiner Pindarübersetzung, die Wienbarg 1830 als erstes Büchlein her-ausgab, wurde Anlaß zu dem Wort Heines: er beneide ihn um seineProsa. Um zu leben, trieb sich auch Wienbarg hier und da als Haus-lehrer umher. So kam er 1831 nach Holland und erntete von diesemAufenthalt als literarische Frucht sein zweibändiges Werk „Hollandin den Jahren 1831 und 1832" (Hamburg, Hoffmann & Campe. 1833) ;es gehört zu den besten Reisewerken jener Zeit, ist mit Geist, Beob-achtungsgabe und Witz geschrieben, zeigt souveräne Beherrschungdes Stoffes ebenso wie tadellose stilistische Form. Heines Einflußdarauf ist unverkennbar, aber nur ein Augment einer durchaus selb-ständigen Persönlichkeit, die wieder auf den Dichter der „Reisebilder"zurückwirkte. Wienbargs Darstellung fesselt, auch wenn sie sich keiner