VARNHAGEN v. ENSE 604
Verbot des Humboldt-Varnhagenschen Briefwechsels aufgehoben hatte.Der Polizeipräsident legte also dem Könige dar, wie wenig Aufmerk-samkeit Varnhagens Tagebücher nur mehr fänden; schon der hohePreis verhindere ihre Verbreitung; ein Verbot werde nur den Absatzheben. Am 1. August 1868 entschied König Wilhelm (de dato BadEms), daß eine Beschlagnahme des 9. Bandes nicht erfolgen solle.
Band 10 blieb daraufhin behördlich unbeachtet. — Dagegen erregteBand 11 im Polizeipräsidium wieder große Entrüstung wegen der „ge-hässigen Expektorationen gegen die Männer der Kreuzzeitungspartei(v. Gerlach und Wagner), die Höfe, Kammern, das neuentstandeneHerrenhaus, das damalige (1854/55) Staatsministerium". Minister-präsident v. Manteuffel und Finanzminister v. d. Heydt würden „mitKot beworfen", der Prinz von Preußen und Prinz Karl persönlich ver-letzt, „obgleich bei der Aussprache über den Ersteren ein gewisses.Gefühl von Pietät noch bewahrt" zu sein scheine. Die Verwaltung desPolizeipräsidenten Hinckeldey, seine Kanzleiräte Jacoby und LektorPonge, würden angeschwärzt. „Den Höhepunkt der Invektiven" er-reiche das Werk in den Urteilen über Friedrich Wilhelm IV. EineBeschlagnahme sei also durchaus gerechtfertigt. Gleichwohl stellte diePolizei dem Minister des Innern, Grafen v. Eulenburg, die Entschei-dung an heim (22. Juli 1869) ; nach einem Monat (24. August) kam dieAntwort: keine Beschlagnahme! Geh. Rat Goltz im Polizeipräsidiumerklärte übrigens den Band trotz allem als interessant, wegen seiner„plastischen Schreibweise" und besonders wegen der Schilderung Bet-tina v. Arnims: „Während Varnhagen alle Welt exploitirte, scheintBettina es verstanden zu haben, ihn auszubeuten." — Die gleiche Ent-scheidung des Ministers erfolgte am 5. Juli 1870 über Band 12, überden der Polizeipräsident am 5. Mai berichtet hatte: Die Beleidigungendes jetzt regierenden Königs seien seltener geworden, dagegen fehlees nicht an Schmähungen des vorigen, und der Band strotze von Be-amtenbeleidigungen, da er den Depeschendiebstahl und den bekanntenKonflikt des Polizeipräsidenten v. Hinckeldey mit einer Anzahl preu-ßischer Offiziere behandle. — Zu den beiden letzten Bänden, die imDezember des Jahres 1870 erschienen, bemerkte schließlich der Geh.Reg.-Rat Goltz im Polizeipräsidium, die Schmähungen des jetzigenKönigs habe „die Weltgeschichte in so eclatanter Weise widerlegt, daßes fast geboten erscheine, diesen Beweis geringer Menschenkenntnisdes gerade auf seine Erfahrung so prahlerisch eitlen Verfassers derLesewelt nicht zu entziehen". Daraufhin wurden auch Band 13 und 14vom Minister am 18. Januar 1871 freigegeben.
Seit dem Erscheinen des Briefwechsels Humboldt-Varnhagen wurdealles, was den Namen Ludmilla Assing trug, von der Berliner Polizeisorgfältig beobachtet. 1863 übersetzte sie zwei Schriften von PieroCironi, „Die nationale Presse in Italien von 1828—1860 und Die