Druckschrift 
1 (1924)
Seite
599
Einzelbild herunterladen
 

599 VARNHAGEN v. ENSE

Papiere vermachte mit der ausdrücklichen Bestimmung, darüber ganznach Gutdünken zu verfügen. Dieses Dokument brachte die Gegnerzum Schweigen, und diese wußten nun, was sie von weiteren Ver-öffentlichungen aus Varnhagens Nachlaß zu erwarten hatten. — Wennübrigens andere Zeitgenossen von den in ihren Händen befindlichenBriefen Varnhagens selbst den gleichen Gebrauch machten, war seineNichte über den Druck vertraulicher Äußerungen empfindlich; so be-eilte sich die Schriftstellerin Amely Bölte, 1860 die an sie gerichtetenBriefe herauszugeben („Briefe an eine Freundin"), und als sie Lud-millas Einwendungen gegen gewisse Einzelheiten mit einem Hinweisauf den Band Humboldt-Varnhagen ablehnen zu müssen glaubte, ant-wortete ihr Ludmilla: Wenn in diesem Buche Personen durch vertrau-liche Mitteilungen bloßgestellt seien, „so war es in ihrer Beziehungzum Staat, zur Literatur etc., kurz in dem Gebiete, das der Öffentlich-keit angehört".

Schon 1861 begann Ludmilla Assing mit der Herausgabe der „Tage-hücher von K. A. Vamhagen von Ense". 14 Bände davon erschienen,ohne daß der Text auch nur annähernd vollständig darin erschlossenwäre; weit mehr als die Hälfte ist fortgelassen, und in der Auswahldes Gebotenen ist die Herausgeberin keineswegs immer glücklich, wo-bei allerdings zu berücksichtigen ist, daß der Gesichtspunkt der sech-ziger Jahre ein völlig anderer war als der eines spätem Zeitalters. Ber-liner Blätter, wie die „Tribüne", wollten damals wissen, eine „bekanntejuristische Persönlichkeit" (der Assessor Hiersemenzel ?) habe dieAuswahl des Stoffes vorgenommen; übrigens existiere noch ein ge-heimes Tagebuch Varnhagens in französischer Sprache, das aber inanderen Händen sei. Jedenfalls war das eine Zeitungsente oder eineabsichtliche Falschmeldung, um etwaige Schritte der Polizei als völligvergeblich hinzustellen. Es konnte auch nicht ausbleiben, daß Lud-milla, als sich diese Veröffentlichung zu einer Staatsaktion auszu-wachsen begann, bei der Redaktion der späteren Bände weit stärkernoch durch persönliche und politische Gründe bestimmt wurde. Siebemühte sich auch einer gewissen Diskretion, indem sie eine Fülle vonPersönlichkeiten nur mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen an-deutete, wodurch der Reiz des Buches zunächst noch gesteigert wurde:man riet hin und her, vermutete, entzifferte, richtig und falsch. EinMenschenalter später wurden diese Lücken für die geschichtliche undliterarhistorische Forschung — besonders die letztere ist durch Lud-millas Auswahl des Textes am meisten zu kurz gekommen — ein ärger-licher Mißstand, denn, wie man auch die Art und den Zweck dieserNiederschriften beurteilen mag, so viel steht fest, daß sie als Ganzeseine durchaus einzigartige Auskunftei über mehr als ein halbes Jahr-hundert deutscher Geschichte in allen ihren Ausstrahlungen bilden undoft die alleinige Quelle sind über Einzelheiten, die kein Aktenstück