Druckschrift 
1 (1924)
Seite
582
Einzelbild herunterladen
 

SUDERMANN 582

Präsident v. Richthofen durch seine aphoristisch-prägnante Prägunggeflügelt machte. Der Dezernent Reg.-Rat Hoppe war milderen Sin-nes. „Wenngleich zugegeben werden muß," entgegnete er, „daß derInhalt des vorliegenden Stückes, welcher in dem Nachweis gipfelt, wieein junger lebensfrischer, auf der Höhe seines Schaffens stehenderKünstler durch ein Weib, und noch dazu durch eine in beständigemEhebruch lebende verheiratete Frau zugrunde gerichtet wird, im Hin-blick auf die beabsichtigte öffentliche Darstellung des Stückes nichtunbedenklich erscheint, daß ferner der Dichter bei der Behandlungseines Stoffes vielfach recht stark naturalistisch aufgetragen hat (icherinnere an die Schlußszene des 2. Aktes, vor allem an Szene 16 und 17des 3. Aktes, den ganzen 5. Akt), glaube ich doch nicht, daß sich eineeventuelle Versagung der nachgesuchten Aufführungserlaubnis recht-fertigen ließe." Er genehmigte daher die Aufführung mit Ausnahmeetlicher auch ihm anstößig erscheinenden Stellen. Als aber dem Poli-zeipräsidenten v. Richthofen die Verfügung zur Unterschrift unter-breitet wurde, bekannte sich dieser zu der Ansicht seines Lektors undversagte die Genehmigung. Die entsprechende Order war eben aus-gefertigt, als Blumenthal auf dem Kampfplatz erschien und, von demDezernenten an den Präsidenten selbst verwiesen, mit diesem eine injeder Beziehung denkwürdige Unterredung hatte, deren WortlautBlumenthal also wiedergibt:

Blumenthal: „Ich höre soeben, Herr Präsident, daß mir dreiTage vor der ersten Aufführung Sudermanns Drama ,Sodoms Ende'verboten werden soll?"

v. Richthofen: „Das stimmt!"

Blumenthal: „Und daß Sie persönlich das Verbot verfügthaben ?"

v. Richthofen: „Stimmt auch!" (Herr v. Richthofen gehörte,wie Blumenthal erläuternd hinzufügt, zu jenen Beamten, die, imGrunde wohlwollend und urban, ihrer Autorität eine etwas barscheund knappe Diktion im Verkehr mit dem Publikum schuldig zu seinglauben.)

Bluraenth a 1: „Ja, aber bedenken Sie die Situation eines Bühnen-leiters, Herr Präsident! Vierzehn Tage angestrengter Bühnenproben. . . ein Gastspiel mit Joseph Kainz für diese Novität abgeschlossen . . .der ganze Spielplan der nächsten Wochen darauf gebaut . . . selbstver-ständlich kein Ersatzstück vorbereitet . . . die Erfolge des früherenRepertoires ausgeschöpft . . . das Haus für die ersten drei Vorstel-lungen schon vollständig ausverkauft . . . und nun diese Ratlosigkeitauf der Höhe der Saison, in der besten Zeit des Theaterjahres . . ."

v. Richthofen: „Alles sehr traurig! Aber die Behörde kannauf Privatinteressen keine Rücksicht nehmen."

Blumenthal: „Aber warum das Verbot? Warum?