Druckschrift 
1 (1924)
Seite
574
Einzelbild herunterladen
 

SPIELHAGEN 574

Und Goethes Xenienübermut setzte gleich noch ein besonderes, abererst später veröffentlichtes Distichon hinzu:

Eines wird mich verdrießen für meine lieben Gedichtchen :Wenn sie die Wiener Censur durch ihr Verbot nicht bekränzt.

SPIELHAGEN, FRIEDRICH (1829—1911).

„(Unsittliche Presse) Allgemeine sittliche Entrüstung er-regt augenblicklich in allen anständigen Kreisen ein im Feuilleton des.Berliner Tageblatts' soeben erscheinender Roman von Spielhagen, derin das Geschlecht der Ehebruchsromane gehört und in dem wahrhaftekelhafte Scenen vorkommen, wie z. B. in Nr. 163 des .Tageblatts'.Wie wir hören, liegt es in der Absicht, die Polizei auf diesen wider-lichen sittenlosen Quatsch aufmerksam zu machen."

Diese freundliche Notiz brachte am 16. April 1881 „Der Reichsbote'"(Nr. 86), das Berliner Organ der christlich-konservativen Partei, demder Hofprediger und Abgeordnete Adolf Stöcker nahestand, der Be-gründer der christlich-sozialen Partei und bekannte Antisemitenführer.Geistesverwandte Blätter, wie die „Post", sekundierten. Nach dieseröffentlichen Anklage bedurfte es kaum noch der förmlichen Anzeige,um die Berliner Polizei gegen den „widerlichen sittenlosen Quatsch"Spielhagens mobil zu machen. Am 22. April beschlagnahmte sie dievom „Reichsboten" bezeichnete Nummer 163, die bereits am 10. er-schienen, also kaum mehr aufzutreiben war — eine „retrospektiveväterliche Überwachung", über die sich ausländische Blätter, wie dasenglische „Athenäum", nicht wenig belustigten —, und die Akten gingenan die Staatsanwaltschaft. Am 3. Mai schon wurde der Feuilleton-rcdakteur des „Berliner Tageblatts", Dr. Oskar Blumenthal, gericht-lich vernommen; Spielhagen selbst war vorerst nicht erreichbar, erweilte in Karlsbad.

In jener Nummer 163, der 70. Fortsetzung seines Romans „Angela",hatte Spielhagen, wie das „Berliner Tageblatt" am 23. Mai schrieb,„das Eigenwesen einer der auftretenden Frauengestalten mit kühnerrealistischer Farbengebung zu charakterisiren versucht", und der ver-antwortliche Redakteur, der „blutige Oskar", wies die „unsaubernDeutungen", die jener Romanabschnitt seitens eines pietistischen De-nunzianten erfahren habe, mit Entrüstung zurück. Er erklärte beiseiner Vernehmung, einem Friedrich Spielhagen könne eine Redak-tion nicht das Pensum korrigieren, und versicherte, seit dem Erfolgvon Spielhagens Erstling „Clara Vere" (1857) seien alle seine No-vellen und Romane „ohne eine einzige Ausnahme von den Zeitungs-verlegern und Redaktionen ungelesen angenommen und veröffentlichtworden"!

Der Vorfall machte in Berlin gewaltiges Aufsehen, um so mehr, als