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1 (1924)
Seite
572
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SCHILLER 57 2

noch, als die Furcht vor der Revolution (vgl. darüber mein Buch „HierZensur — wer dort?" S. ioiff.) die Regierung nervös machte undallenthalben die Zensurschraube stärker angezogen wurde. „In Deutsch-land fängt man große Anstalten an," schrieb Schiller am 26. November1792 an Körner, „und es geht wie immer über die Freiheit der Par-ticuliers her. In Göttingen werden alle Briefe und Packete, worin manetwas zu finden glaubt, erbrochen, worüber viel Klagen geführt wer-den. Bei uns ist es noch auf dem alten Fuße, und Brutalitäten habenwir von unserer Regierung nicht zu erwarten." Und am 1. November1794 versicherte er seinem Jugendfreund Ferd. Huber, der als poli-tischer Schriftsteller sich in Jena niederlassen wollte: „In politischerRücksicht hättest Du übrigens (bey der nöthigen Behutsamkeit ver-steht sich) gar nichts zu besorgen." Dieser „Behutsamkeit" befleißigtesich auch Schiller selbst, und wenn es ihn auch hin und wieder trieb,als politischer Schriftsteller aufzutreten, so gab er dann doch demwarnenden Einfluß seines Freundes Körner nach. So im Dezember1792, als er für den gefährdeten König von Frankreich, Ludwig XVI.,seine Stimme erheben wollte, und auch der „Bürgerbrief", den imnächsten Jahr, nach der Hinrichtung des Königs, die Französische Re-publik dem Dichter der „Räuber" ausstellte, den er jedoch erst 1798erhielt, als Danton und Roland, die ihn unterschrieben hatten, schontot waren, riß ihn aus dieser Zurückhaltung weder nach der einennoch nach der andern Seite heraus. Als er 1794 seine Monatsschrift„Die Hören" begründete, lautete das Programm trotz der hochpoli-tischen Zeitläufte so unpolitisch wie möglich. Staatsreligion und poli-tische Verfassung sollten von der Diskussion streng ausgeschlossensein. In einem Brief an Friedrich Jacobi vom 25. Januar 1795 erläu-terte Schiller das Programm dahin, daß „dem philosophischen Geiste"keineswegs verboten sein solle, die politische Materie zu berühren;„nur soll er in den jetzigen Welthändeln nicht Parthey nehmen, undsich jede bestimmte Beziehung auf irgend einen particulären Staat undeine bestimmte Zeitbegebenheit enthalten. Wir wollen, dem Leibenach, Bürger unserer Zeit seyn und bleiben, weil es nicht andersseyn kann; sonst aber und dem G e i s te nach ist es das Vorrechtund die Pflicht des Philosophen wie des Dichters, zu keinem Volk undzu keiner Zeit zu gehören, sondern im eigentlichen Sinne des Wortesder Zeitgenosse aller Zeiten zu seyn." Zu dem Komponisten Reichardt,einem unruhigen politischen Kopf, der ein politisches Journal „Deutsch-land" herausgab, meinte er am 3. August desselben Jahres, er begreifenicht, wie ein Künstler „an dieser schwerfälligen politischen Diligenceder neuen Weltgeschichte ziehen" könne; er, Schiller, lebe gar nichtin seinem Jahrhundert: „Ob ich gleich mir habe sagen lassen, daß inFrankreich eine Revolution vorgefallen, so ist dies ohngefähr das wich-tigste was ich davon weiß." Ähnliches schrieb er an Herder und andere