567 SCHILLER
bei seinem Gastspiel auf dem Burgtheater seine Glanzrolle Teil ent-schieden verweigert; der Schreck über die Julirevolution verbanntedas Stück vollends ins Theaterarchiv, aus dem es erst 1836 wieder her-vorgeholt werden durfte. Den echten' „Wilhelm Teil' - aber bekamendie Wiener erst unter Laube 1854 zu sehen!
Im Jahre 1839 wußte der Hamburger „Telegraph" (Nr. 99) zu mel-den, auf österreichischen Bühnen sei im „Teil" der Vogt Geßler imvollen Recht und der Freiheitsheld nichts weiter als ein frecher Auf-wiegler, und 1849 bestätigten das die aus Österreich gut bedienten..Grenzboten" (I, 338) durch folgende köstliche Zensuranekdote: DerTheaterdirektor eines österreichischen Landstädtchens wollte den..Wilhelm Teil" aufführen. Der Polizeivorsteher des Ortes erstaunteüber die kühne Idee, aber der Direktor versicherte schmunzelnd,er habe durch eine wohlangebrachte Änderung das Gift des Ra-dikalismus vollständig aus diesem sonst so vortrefflichen Stücke aus-gemerzt. Die Polizeiperson sah sich also die Probe mit an ; zu ihremErstaunen ging Wort für Wort das Schillersche Drama über die Bret-ter, mit all den politischen, in Österreich streng verpönten Ketzereien,die der enthusiastische Freiheitsdichter in die Welt geschleudert. Siewußte nicht, was sie dazu denken sollte, bis es zum Schluß kam, undder Chor, anstatt des Verses: „Es lebe Teil, der Schütz und der Er-retter !" in die Worte ausbrach: „Es lebe Österreich! Teil ist ein Ver-räter !"
In Darmstadt durfte vor 1848, versichert Alexander Büchner inseinen Jugenderinnerungen, Schillers „Teil" überhaupt nicht aufge-führt werden, wohl aber Rossinis gleichnamige Oper. Nur ging dieSache dann so aus, daß Teil — einen Fehlschuß tat und gefangen ab-geführt wurde. Auch in Berlin soll diese Rossinische Oper „mit ganzverändertem Text wegen des revolutionären Geistes darin" gespieltworden sein, so läßt wenigstens Ludwig Börne in seinen „Briefen ausParis" (9. November 1830) den Berliner Generaldirektor Spontini inParis erzählen, wobei auch von diesem bestätigt wird, daß SchillersSchauspiel nicht mehr gegeben werden dürfe. — Im Dezember 1846wurde „Wilhelm Teil" in Mainz verboten, weil bei einer vorhergehendenDarstellung das Publikum einzelne Stellen auf „naheliegende Verhält-nisse" bezogen und mit lautem Beifall ausgezeichnet hatte. („Allge-meine Theaterchronik" 1847, Nr. 2.) Auch in Frankfurt (Main) solll8 32 „Wilhelm Teil" verboten worden sein, so schreibt wenigstensBörne in seinen vorhin erwähnten „Briefen aus Paris" vom 28. No-vember 1832. Wenn das Stück vordem dort aufgeführt wurde, alsBörne seine „Dramaturgischen Blätter" schrieb, war mit Rücksichtauf den Präsidenten des Deutschen Bundes das Wort Österreich „mitallen daraus gebildeten Adjektiven ohne Schonung des Versmaßes aus-gemerzt" ; statt „Österreicher" hieß es „Fremdlinge"!