SCHILLER 5 68
Soviel über die Zensurschicksale der Schillerschen Dramen. Die Zen-surgeschichte seiner übrigen Werke ist bisher noch fast gar nicht ge-klärt. Zwei seiner Jugendgedichte aus dem Jahre 1781 gingen aller-dings durch die Retorte der Zensur. Als Einzeldruck erschien zum16. Januar 1781 seine „Elegie auf den frühzeitigen Tod Johann ChristianWeclcerlins". Es hat sich eine Abschrift der Bemerkungen erhalten,die der Zensor J. C. Voltz dazu machte. Schiller hatte (Strophe I,Vers 8) geschrieben: „Einen Sohn — das Pralen seiner Mutter"; dazubemerkte der Zensor: „Da diß Wort öfters in einer schlimmen Be-deutung gebraucht wird: so könnte es vielleicht mißdeutet, und übelaufgenommen werden." Strophe 7, Vers 8 lautete ursprünglich: „Pfaf-fen brüllend dich der Hölle weyhn"; der Zensor aber erklärte kate-gorisch : „Müssen weniger anstößige Ausdrücke gewählt werden", undSchiller ersetzte die „Pfaffen" durch „Manche"! Zu Strophe 7,Vers 10: „Und die Meze die Gerechtigkeit" meinte der Zensor:„Möchte in einem satyrischen Aufsaze passiren, nicht aber in einemernsthaften Gedichte", und Schiller änderte: „Und die Falsche" usw.Strophe 8, Vers n : „Bruder! Diesem Teufelvollen Himmel" verlangteder Zensor gemildert, Schiller bequemte sich und schrieb: „bosheits-vollen Himmel", wodurch der Sinn völlig entstellt war. Und inStrophe 9, Vers 3: „Sterben ist der langen Narrheit Ende" erschiendem Zensor die Zusammenstellung von Sterben und Narrheit unmög-lich, er machte aus dem zweiten Wort „Torheit". Am Schluß des Manu-skriptes schrieb er: „Nach oben bemerkten Verbesserungen [sie!],welche nicht unterlassen werden derffen: Impr." Schiller mußte sichwohl oder übel fügen; alle „Verbesserungen" des Zensors wurden ge-druckt, nur die erste blieb unbeachtet. Beim zweiten Abdruck der„Elegie" in der „Anthologie" 1782 änderte Schiller die zweite Hälfteder ersten Strophe fast ganz, und die vom Zensor stilistisch bemäkelteZeile hieß jetzt: „Einen Sohn, die Wonne seiner Mutter." — Im selbenJahr 1781 veröffentlichte Schiller in der Mäntlerischen Zeitung „Nach-richten zum Nuzen und Vergnügen" (Stuttgart, 6. März 1781, Nr. 19)eine „Ode auf die glückliche Wiederkunft unseres gnädigsten Fürsten",des Herzogs Karl, den zu besingen er nicht eben viel Ursache hatte.Die dritte Strophe lautete:
Groß zog er hin — die Schätze fremder WeisenZurückzubringen, die der laute Ruf versprach,Dort zog er hin, wo Menschen glücklich heißenUnd diese Kunst der Gottheit ahmt er nach.
Dem Zensor erschien es offenbar blamabel, daß ein Fürst wie HerzogKarl sich an den „Schätzen fremder Weisen" bereichert haben sollte;die Strophe durfte nicht gedruckt werden, worüber Schiller, der dasStuttgarter Blättchen damals auf kurze Zeit, redigierte, mit dem Ge-