SCHILLER 5 66
Hydra ,Censur' überwand, ist nicht sein geringstes Verdienst." Aberauch er konnte die Genehmigung nur dadurch erreichen, daß er selbstalles strich, was in politischer und historischer Beziehung Anstoß er-regen konnte, besonders alle Erinnerungen an Österreichs ehemaligesVerhältnis zur Schweiz. Doch beseitigte er wenigstens die unsinnig-sten Grünerschen Verstümmelungen von 1810, rettete einen, wennauch stark verkürzten, 5. Akt und konnte den echten Text des Dich-ters zum Teil wieder herstellen. Die Episode Melchthal und Berthafügte er wieder ein. Geßlers Sturz und die Vertreibung der tyran-nischen Vögte war nun der eigentliche Inhalt des Stücks. „Österreichund dessen damalige Verhältnisse werden gar nicht erwähnt," schriebHofrat Mosel an Graf Czernin, „und die demokratische Tendenz, dieman dem Originale allenfalls zuschreiben könnte, verschwindet vordem bloß ländlichen und allgemein menschlichen Interesse." PfarrerRösselmann und Parricida fehlten ; des ersteren Verse auf dem Rütliwaren in andere Rollen verteilt. Der „durch Verschwörung bewirkteVolksaufstand gegen österreichische Herrschaft", wie es noch am20. November in einer Note des Polizeipräsidenten v. Sedlnitzky hieß(s. „Grillparzers Gespräche", hrsg. von Sauer II, 488), mußte natürlich„minder ausführlich" behandelt werden, und wenn nicht der Kaiserselbst die Aufführung schon „im allgemeinen" genehmigt, die Deko-rationen und Kostüme bereits fertig gewesen wären und man deshalbnicht den „doppelt ungünstigen Eindruck" eines Verbots gescheut hätte,wären Schreyvogels Bemühungen noch in letzter Stunde vereitelt wor-den. (Vgl. A. v. Weilen im „Euphorion" XII, 641 und SchreyvogelsTagebücher I, 63 Einleitung.) So erlebte „Wilhelm Teil" nach Be-seitigung auch der letzten anstößigen Stellen am 29. November 1827seine erste Aufführung auf dem Burgtheater, dreiundzwanzig Jahre,nachdem der Dichter sein letztes großes Werk der Öffentlichkeit ge-schenkt hatte. Ed. v. Bauernfeld versichert übrigens, die Zensur habees nur mit Rücksicht auf die Theaterkasse freigegeben, und zwar nurfür die Sonntage, an denen Kaiser Franz „fern von Madrid" in Laxcn-burg weilte, während er nach Wilhelm v. Chezys hier offenbar zu-treffenden „Erinnerungen" (II, 32) gesagt haben soll: „Ich weiß nicht,was die Censur gegen das Stück hat!" — eine naive Äußerung, diedem guten Kaiser Franz bei verschiedenen Zensurverboten in denMund gelegt wird. Einige Monate später glaubte die Polizei die Auf-führung des „Teil" noch immer „beanständen" zu müssen, weil er„einen durch Verschwörung bewirkten, mit dem bezielten Erfolg ge-krönten und in allen seinen Beziehungen in sehr günstigem Lichte ge-schilderten Volksaufstand gegen österreichische Herrschaft darstellt",wie Graf Sedlnitzky abermals dem Kaiser in einer ausführlichen Ein-gabe über Grillparzers „Ein treuer Diener seines Herrn" vom 8. März1828 darlegte. Drei Jahre später wurde dem Schauspieler Eßlair