469 KÖRNER
wohl seinem älteren Bruder in Apoll früher oder später auch nichterspart geblieben. Aber Körner erlebte es nicht mehr, daß man Leierund Schwert zum alten Eisen warf. Aus gelegentlichen Bemerkungenin Zeitungen und Zeitschriften der Reaktionsepoche geht hervor, daßman mindestens als Journalist mit Zitaten aus dieser Liedersammlungsehr vorsichtig sein mußte. So versichert ein Kritiker namens K.F. Neumann (Chiffer 129) im „Literarischen Conversations-Blatt"vom 28. April 1826, daß ihm von einem gewissen Zensor Stellen ausKörners „Leier und Schwert" unbarmherzig gestrichen wurden; undals 1833 der Göttinger Buchdrucker Rosenbusch eine Liedersammlungveranstaltete, verweigerte der dortige Zensor, Professor und Geh.Justizrat Mitscherlich, den bekanntesten Liedern von Körner („DuSchwert an meiner Linken") und Schenkendorf das Imprimatur, sodaß ein Bogen des Buches außerhalb Hannovers, in Osterode, ge-druckt werden mußte.
Daß aber der Klassiker, der wohl unter allen seinen Rangkollegenals der harmloseste anerkannt und jedem Unmündigen ohne Bedenkenin die Hand gedrückt wird, zu seinen Lebzeiten im Beichtstuhl derZensur wegen seiner sittlichen und politischen Grundsätze sehr schlechtbestand — dieser Gegensatz von einst und jetzt deutet wenigstens dietröstliche Möglichkeit an, daß ein Jahrhundert nicht ganz spurlos ander geistigen Entwicklung der Menschheit vorübergeht, so vielenRückfällen in ihr Kindheitsstadium sie auch unterliegen mag. Tat-sächlich wurde Körners Lustspiel in Alexandrinern „Die Braut" 1812vom guten Kaiser Franz von Österreich für durchaus unmoralischerklärt. Der junge Dichter, der damals in Wien lebte, mit einer Schau-spielerin verlobt, sogar zum offiziellen Theaterdichter avanciert war,mag wohl aus allen Himmeln gefallen sein, als er hörte, daß sein am12. Januar im Burgtheater mit Beifall aufgenommenes Stück andernTags dem Vizepräsidenten der Polizei- und Zensurhofstelle v. Hagerals dem verantwortlichen Zensor eine heftige Rüge vom Kaiser selbsteingetragen habe; dieser erklärte, es genüge nicht, wenn anstößigeStellen gestrichen würden, sondern es sei „weit wichtiger, Stücke zuverhindern, deren ganze Tendenz unmoralisch sei, und in denen dieehrwürdigsten Verhältnisse, z. B. zwischen Eltern und Kindern, wiedies in der neuen Piece ,Die Braut' geschehe, herabgewürdigt undlächerlich gemacht würden". Als Hager am 4. März ganz bescheidenund „unmaßgeblich" darauf remonstrierte, kam er vom Regen in dieTraufe: der Kaiser verbot das Stück ausdrücklich mit der bösen Note,er habe sich von der Zensurstelle „ein richtigeres Urteil über den Wertdieses Stückes versprochen". Der Zensor habe die Pflicht, „solcheBeziehungen auf die Religion und die Heilige Schrift oder andereheilige Gegenstände, die dahin nicht gehören", nicht zuzulassen. —Körners Trauerspiel „Toni" wurde beanstandet, weil der Stoff aus der