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1 (1924)
Seite
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v. KLEIST 464

dem die Zensur den Hauptanstoß nahm: Käthchen ist in Wirklichkeitdie Tochter des nicht mit Namen genannten Kaisers, der sich in einerSommernacht mit dem Weibe des ahnungslosen Waffenschmieds Theo-bald vergangen hat. Es ist bezeichnend für des Dichters adeligesStandesbewußtsein, daß er durch diese, eines Kotzebue würdige Auf-klärung seinem Ritter vom Strahl eine halbwegs ebenbürtige Gattingeben zu müssen glaubte. Auf die Moral des Kaisers fiel aber damitein trübes Licht, und die Rolle des vermeintlichen Vaters wurde zummindesten peinlich. Und in welche Lage brachte hier obendrein derDichter eine Kaisertochter! Als die berühmte Schauspielerin KarolineBauer 1834 (vgl. ihr „Bühnenleben" I, 192) bei einem Gastspiel inKarlsruhe diese ihre Lieblingsrolle vorführen wollte, verbot man ihrdas, und die regierende Großherzogin Sophie erklärte ihr bei einerAudienz: „Ich finde es höchst unmoralisch, daß dies junge, liebevolleMädchen dem Wetter vom Strahl durchs Land nachläuft und ihm alsStalljunge dient."

Blieb aber Käthchen die richtige Tochter des Heilbronner Bürgers,so gab das am Schluß eine Mißheirat, die von der Zensur ebensoweniggeduldet wurde. Diesen Flecken aus dem Gemälde galt es also zu be-seitigen, „jener entnervten Sittsamkeit" zuliebe, wie Ludwig Börnein seinen „Dramaturgischen Blättern" sagt, „welche der Verführungheuchlerische, vermaledeite Kupplerin ist".

Der unbekannte Bearbeiter bei der Wiener Uraufführung half sichanscheinend damit, daß er den Kaiser zu einem Herzog degradierte.Die erfolgreichste, 1822 im Druck erschienene Einrichtung Franzv. Holbeins, der schon an der Bamberger Uraufführung beteiligt war,und dessen Betriebsamkeit sich um Kleist wahres Verdienst erworbenhat, macht Theobald zu einem Pflegevater des Kindes, das ihm derKaiser vor Jahren unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit hatanvertrauen lassen — der „einzige Fehltritt seiner Jugend". GenauereEinzelheiten bleiben im Dunkel, die Frage der Ebenbürtigkeit wirddadurch ausgeschaltet, das uneheliche Kind kann immer noch standes-gemäß sein. Der Kaiser erhebt sie jetzt zur Fürstin von Schwaben ;der Forderung der Ebenbürtigkeit ist also Genüge getan.

Der Wiener Dramaturg Schreyvogel (s. dessen Tagebücher II, 462)brachte das „Käthchen" am 22. November 1821 auf das Wiener Burg-theater und half sich ebenso wie der Bearbeiter bei der Wiener Urauf-führung 1810. Der Kaiser war nur ein Herzog von Schwaben, demman eine moralische Entgleisung und solch eine Standesverirrung eherhingehen ließ. Nebenbei mußten aus religiösen Gründen allerleiKleinigkeiten geändert werden: Der „Cherub" wurde ein „Genius", der„Engel" ein „Schutzgeist", der „Prior" ein „Klausner" und der„Teufel" der „Böse", denn man soll den Teufel nicht an die Wandmalen !