v. KLEIST 462
Gedichte", Maurice R. v. Stern, „Proletarier-Lieder", Ad. Strodtmann,„Brutus" und „Arbeiterdichtung" und wenige dii minorum gentium.Aber sogar die „Visionen eines deutschen Patrioten" von RichardVoß sind in den großen Sack der „sozialdemokratischen Druckschriften"gesteckt! Alle diese Verbote wurden zuerst im ,,Reichs-Anzeiger" be-kanntgemacht. — Das Buch von Atzrott überholte eine schon 1882erschienene Zusammenstellung von Dr. L. Brandt: „Das Reichsgesetzgegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom21. Oktober 1878 nebst . . . einem alphabetischen Verzeichnis der ver-botenen Druckschriften und Vereine" (Berlin, 1882).
Weitere Indices librorum prohibitorum waren nicht nachweisbar.Die Anfertigung eines zuverlässigen neuen Verzeichnisses auch nurder in Deutschland verbotenen Bücher wäre eine Arbeit, vor der wohlauch der standhafteste Bibliograph zurückschrecken dürfte, da zu-sammenfassende amtliche Unterlagen fehlen, wie meine Übersicht er-gab. Wichtiger als die Tatsache des Verbots ist ja auch allemal seineBegründung, die meist nur durch genaues Studium der einzelnen Fälleund aller amtlichen und literargeschichtlichen Akten dargelegt werdenkann. Welcher Fülle von Material man bei solchen Versuchen gegen-übersteht, zeigt wohl am besten dieses Buch. (Akten des PreußischenGeh. Staatsarchivs Rep. yy II Gen. 19, Vol. 1 und 2, Gen. 20, Vol. 2,und Gen. 67.)
v. KLEIST, HEINRICH (1777—1811).
Wie Kleists Leben durch die übertriebene Peinlichkeit der Zensur-behörde bei Herausgabe seiner „Berliner Abendblätter" (1810/11)zerschlagen wurde, diese Zensurtragödie ist durch die Kleistforschungbis in alle Einzelheiten hinein bloßgestellt worden. Ich selbst habe inmeinem Buche „Hier Zensur — wer dort?" (2. Aufl., Leipzig, H.Haessel. 1923. Kapitel 9: „Ein Opfer der Zensur") eine alles Wesent-liche zusammenfassende Skizze dieses ewig beschämenden Trauer-spiels gegeben und möchte mich nicht wiederholen. Auch gehören die„Berliner Abendblätter" nur bedingt zu der Literatur, die in diesemanders gearteten Buche zu behandeln ist; sie waren ein politischesParteiblatt, das erste in seiner Art, und mußten daher den Behördendoppelt stark auf die Nerven gehen. Was den Hauptanstoß erregte,waren zum Teil politische Tagesnachrichten, die uns hier nicht be-schäftigen können, da sonst der „verbotenen Literatur" kein Endewäre. Eine Rolle in der Literatur haben die ,,Berliner Abendblätter"nicht gespielt, und was der Dichter selbst zu ihnen beitrug, bedeutetnur ein Anhängsel zu dem, was wir als sein unvergängliches Lebens-werk verehren. Hat sich die Zensur auch daran versündigt?
Als Kleist mit seinem Freunde Adam Müller 1808 in Dresden den„Phöbus" herausgab, eine literarische Zeitschrift ersten Ranges, scheint