451 HEYSE
Schwert des Oberpräsidenten v. Bethmann-Hollweg. Der Aufführung
vor geladenem Publikum stand nun nichts mehr im Wege. Aber da-mit zugleich war auch die ganze Sensation verpufft! Schon als amJ 3- Mai das Wiener Künstlerpaar Olga und Joseph Lewinsky auf einerTournee „Maria von Magdala" in der Berliner Singakademie zumVortrag brachten, war der Saal halb leer und die Presse kühl bis ansHerz hinan. Eine Überraschung dabei war nur der plötzliche Umfallder „Germania" (14. Mai), die jetzt herausgebracht hatte: „Das Stück,welches von Sienkiewicz' Roman ,Quo vadis' und von dessen Skizze.Folgen wir ihm nach!' [also dem leuchtendsten katholischen Vor-bild !] stark beeinflußt zu sein scheint, macht einen nachhaltigen Ein-druck. Es ist von jeder christenfeindlichen Tendenz frei." Anstößigwirke allerdings besonders der Entschluß der wiedergeborenen Maria,sieh zur Rettung des Heilands dem Neffen des Landpflegers preiszu-geben ; der Entschluß gelange aber nicht zur Ausführung, eine Visiondes Heilands rette Maria vor neuer Schande. „Im übrigen erscheintdas polizeiliche Verbot des Stückes nicht recht verständlich. Mit dem-selben Rechte müßte auch Johannes' von Sudermann verboten werden.Hierzu liegt sogar noch mehr Grund vor." Vor Tische las man's aller-dings etwas anders! Immerhin bewies das Bekenntnis moralischen Mut.Als nun am 19. Mai, 3 Uhr nachmittags, die so hartnäckig erkämpfteVerstellung der „Maria von Magdala" als Veranstaltung des Goethe-Bundes im Lessingtheater vor sich ging, fragte sich männiglich : „Tantde bruit pour une Omelette?" Die Stimmung schwankte zwischen„Langeweile und Hochachtung" (Norbert Falk in der „BerlinerMorgenpost"), nicht einmal ein Demonstrationserfolg kam zustande,obgleich der Polizeipräsident mit seinen Räten, die Mitglieder des Be-zirksausschusses und des Oberverwaltungsgerichts (in Sachen „Mariavon Magdala" Gegenpole!) den ersten Rang krönten und das ganzeliterarische Berlin zur Stelle war. Es reichte nur zu einem „Achtungs-erfolg, der lediglich nach dem 2. und 4. Akte aus wärmeren Emp-findungen strömte" (Fritz Engel im „Berliner Tageblatt"). Nach dem„Vorwärts" war das Stück „die Ehre des Verbots nicht wert", undRudolf Herzog konstatierte in den „Berliner Neuesten Nachrichten",daß sich die Herren Zensoren an diesem Stück, bei dem „kein MenschBesonderes oder Aufregendes fand, eine gewaltige Schlappe vor derÖffentlichkeit" geholt hätten. Die Aufführung (Teresina Geßner-Sommerstorff als Maria, Lettinger als Judas, Patry als Flavius, Höferals Kaiphas) enttäuschte noch mehr. Die Berliner Kritik schien ordent-lich aufzuatmen, daß sie endlich die dem verbotenen Stück und Dichterschuldige Rücksicht los war und aus ihrem Herzen keine Mördergrubemehr zu machen brauchte. Mit der zweiten Vorstellung war die Sen-sation vollends erschöpft, und „Maria von Magdala" verschwand inder Versenkung. Der Erfolg der Vorstellung bewies, daß für öffent-
29*