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1 (1924)
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379 HEBBEL

Wortes, erhielt aber nun die Antwort, „daß der Geist der Zeit sichinzwischen wieder verändert hätte, und daß das Stück sich zu sehrvon den gewöhnlichen Formen und hergebrachten Ansichten ent-fernte, um nicht höheren Orts und bei dem jetzt wieder den Ton an-gebenden conservativen Publikum Anstoß zu erregen". Das angeboteneAbfindungshonorar wies Hebbel zurück, erklärte sich dann aber mitder Aufführung der „Maria Magdalene" an Stelle der „Julia" einver-standen. Daraufhin ließ nun Hebbel sein Werk im Druck erscheinenund leitete es mit einer geharnischten Vorrede ein. Er erzählte hierdie Geschichte dieser Nichtaufführungen, da sie „für unsere gegen-wärtigen Zustände nicht ohne Bedeutung" seien, und setzte sich imAnschluß an das Problem dieses Stückes einmal gründlich mit demVorwurf der Unsittlichkeit auseinander, der von den „Schergen desAbsolutismus" gegen die meisten seiner Dramen erhoben worden sei.so daß er in „notgedrungener Resignation" auf die Darstellung setnerWerke meist habe verzichten müssen, da er „im Polizei-Reglementkeinen Commentar zum Aristoteles erblicken" könne. Dann gab erüber Sittlichkeit und Unsittlichkeit auf der Bühne folgende treffliche,nicht genug zu beherzigende Erklärung:

„Unstreitig findet sich in meiner Julia' viel Unvernünftiges undUnsittliches. Ich behaupte aber, daß gar kein Dramadenkbar ist, welches nicht in allen seinen Stadienunvernünftig und unsittlich wäre. Ganz natürlich, dennin jedem einzelnen Stadium überwiegt die Leidenschaft und mit ihrdie Einseitigkeit oder die Maaßlosigkeit. Vernunft und Sittlichkeitkönnen nur in der Totalität zum Ausdruck kommen und sind das Re-sultat der Correctur, die den handelnden Characteren durch die Ver-kettung ihrer Schicksale zu Theil wird. Genau besehen, nimmt derDichter die unvernünftigen und unsittlichen Elemente aus der Weltund lös't sie seinerseits in Vernunft und Sittlichkeit auf, indem er Ur-sache und Wirkung enger zusammenrückt, als es in der Wirklichkeitzu, geschehen pflegt. Man soll daher nie fragen, von welchem Puncter ausgeht, sondern stets, bei welchem Punct er anlangt, und wennman mir diese Gerechtigkeit erweis't, so wird man gewiß nur ein be-friedigendes Resultat finden.

„Ohne Zweifel steht es im schneidendsten Widerspruch mit den .ge-wöhnlichen' Formen und den .herkömmlichen' Ansichten, daß ein vor-nehmer Herr, der sich im Uebermuth der Jugend physisch zu Grundegerichtet hat, den Frevel, der darin liegt, erkennt und Buße dafür thut.Weit entfernt, der Welt, die er um einen Menschen betrog, dadurchErsatz zu leisten, daß er ihr einen Menschen erhält, der schon sicherverloren war, wie das in meinem Stück geschieht, wird er eine sitt-liche Niederträchtigkeit auf die andere folgen lassen. Er wird, wenner dem Bacchus und der Venus nothgedrungen Lebewohl sagen muß,