Druckschrift 
1 (1924)
Seite
377
Einzelbild herunterladen
 

377 HEBBEL

17. April 1848 durfte sich „Maria Magdalene" den Berlinern zeigen.Nachdem ihre Aufführbarkeit damit nachgewiesen war, wurde sie am22. Februar 1850 endlich auch vom Kgl. Schauspielhaus übernommen.Die dortigen Anschauungen über Sittlichkeit hatten sich offenbarmittlerweile wesentlich gewandelt.

Für Hebbel bedeutete der Umschwung, den die revolutionären Er-eignisse herbeiführten, eine Erlösung aus langjähriger Knechtschaft.Selbst die Hoftheater mußten nun dem frischen Sturmwind Türen undFenster öffnen, und schon im April 1848 begann der ebenso bunt-scheckige wie lärmvolle Triumphzug des jungen vormärzlichen Dramasüber alle königlichen und kaiserlichen Schauspielhäuser. In denheiligen Hallen des Wiener Burgtheaters mußte sich diese zum Teiletwas saloppe Gesellschaft am sonderbarsten ausnehmen. Hier er-öffneten Heinrich Laubes „Karlsschüler" den Reigen am 24. April.Gleich darauf setzte Holbein Hebbels „Maria Magdalene" aufs Reper-toire, die früher ihres biblischen Titels, vor allem aber ihres unsittlicherscheinenden Konfliktes und ihres proletarischen Milieus wegen aufder Hofburg unmöglich gewesen war. Am 8. Mai fand die WienerUraufführung statt, und fast kein Wort wurde an dem Urtext desWerkes gestrichen: „Nur die Flöhe, die der Teufel aus dem Ärmelschüttet, sind weggeblieben," schrieb der Dichter am 17. Mai an Röt-scher in Berlin, „aber nicht einmal Evas Feigenblatt, obgleich ich esvon Herzen gern preis gegeben hätte. Wenn man weiß, wie es hiervor dem ißten März stand und wie unmöglich es damals gewesenwäre, auch nur den an die Bibel erinnernden Titel des Stücks durch dieCensur zu bringen, so hat man schon darin einen schlagenden Beweis,um wie viel weiter wir vorwärts gekommen sind."

Im Anfang traute Hebbel der neuen Freiheit nicht sehr und wagtesich nicht darüber zu freuen. „Die großen Welt-Ereignisse greifenauch in meinen kleinen Privatkreis hinein," schreibt er am 28. Märzin sein Tagebuch. „Das Hofburgtheater wird meine Stücke spielen,Julia ist angenommen, Holbein zeigte es mir heute morgen persönlichan. Wer Kind genug wäre, sich darüber freuen zu können! Mirschmeckt das Ei nicht, das der Weltbrand geröstet hat." Aber derAusblick auf ein weniger gehemmtes Wirken als Dramatiker regte ihndoch mächtig an. „Ein ganz neues Stück habe ich, gleich nachdem ichdas letzte Plakat des Kaisers vernahm, erfunden," meldet am 15. März

1848 bei Verleihung der Preßfreiheit sein Tagebuch. „Herodes undMarianne" entstand in diesem Jahr und erlebte schon am 19. April

1849 seine Wiener Uraufführung, der letzte Akt wurde während derWiener Oktoberrevolution teils auf der Straße gedichtet, und Hebbelwar so voll neuer Ideen, Pläne und Entwürfe, daß er sie nicht alleniederschreiben konnte.

Am 1. Februar war !t Judith" mit starker Wirkung auf dem Burg-