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1 (1924)
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375 HEBBEL

Zeit hatte der Stuttgarter Indendant Graf Leutrum, als ihm der Schau-spieler Seydelmann meldete, Karl Immermann sei angekommen, einemetwa drohenden Besuche mit der Bemerkung vorgebeugt, er könne ihn„nicht spielen lassen". Er hielt den berühmten Dichter und Theater-direktor für einen um ein Gastspiel nachsuchenden Komödianten!

Außerhalb des Theaters war für einen Schriftsteller wie Hebbel zujener Zeit in Wien noch weniger zu erzielen. Die dortigen Verlagshand-lungen mußte er, wie er am 26. November 1846 seinem Freunde Gurlittklagte, „aus Censur-Rücksichten als nicht vorhanden betrachten", unddie Zeitungen und Zeitschriften unterlagen demselben Zwang. Dahererhoben sich auch die wenigsten über das flache Niveau der Unter-haltungsliteratur. Um ein ernsthaftes literarisches Organ zu schaffen,gründete Hebbels Freund Siegmund Engländer 1847 eme Monats-schrift „Der Salon". An Beiträgen Hebbels sollte unter andern dessenGedicht „Der Jude an den Christen" darin erscheinen, das, wie derDichter am 1. September 1847 an Felix Bamberg schrieb, „in meinerWeise, also ohne alles Spitzen- und Stachelwesen den einfachenHumanitätsgedanken des Jahrhunderts" aussprach. Der Zensor striches weg; die Judenfrage durfte auch im versöhnlichsten Sinne in Wiennicht Gegenstand der Dichtung sein.

Das 3. Heft des „Salon" brachte Hebbels Novellenfragment „Diebeiden Vagabonden". Dieses Heft war aber auch schon das letzte;die Zensurquälereien, berichtet Emil Kuh, welche schon die Gründungder Zeitschrift erschwert hatten, machten ihr wieder ein Ende. Wiesollte es eine eigenartige, in vielen Punkten befremdende Dichter-individualität wie die Hebbels unter solchen Umständen anfangen,sich einem weiteren Leserkreis zu vermitteln?

Charakteristisch für die damaligen Wiener Zensurzustände ist nocheine Erfahrung, die Hebbel bald nach seiner Ankunft in Wien machte.Er hoffte sich durch kritische Mitarbeit an den Wiener „Jahrbüchernder Literatur" notdürftig über Wasser halten zu können, und der Her-ausgeber Deinhardstein gab ihm auch gleich den Auftrag, die letztenBände der Literaturgeschichte von Gervinus zu besprechen.

Damals warfen die Verleger noch nicht so freigebig mit Rezensions-exemplaren um sich wie heutzutage, und einem armen Teufel bliebdaher nichts anderes übrig, als sich ein Buch, das er rezensierenwollte, auf einer Bibliothek zu beschaffen. Als Hebbel aber auf derWiener Hofbibliothek das Werk von Gervinus forderte, wurde ihmdie Auskunft: das Buch sei verboten und dürfe daher nicht aus-geliehen werden. Das schloß aber wunderlicherweise nicht aus, daßdieses verbotene Werk in jenen Jahrbüchern besprochen wurde, dieauf Kosten der österreichischen Regierung gedruckt wurden!

Der Kampf Hebbels um seinen Platz an der Sonne war also ziem-lich aussichtslos. Erst das revolutionäre Gedränge des Jahres 1848