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1 (1924)
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373 HEBBEL

Nachdem sich Hebbel zwei Jahre in Paris und Italien aufgehaltenhatte, kam er im November 1845 nach Wien. Das ihm vom dänischenKönig gewährte Reisestipendium war abgelaufen, und mittelloser alsje kehrte der Dichter nach Deutschland zurück. Eigentlich wollte ernur kurze Zeit in Wien bleiben. Aber ein märchenhafter Glückszufallhielt ihn in der Kaiserstadt fest, die dann seine zweite Heimat wurde.Obendrein hatte er in den dortigen Schauspielern Ludwig Löwe undHeinrich Anschütz, besonders aber in Christine Enghaus, die der Dich-ter bald nachher zur Gattin gewann, begeisterte Verehrer seines Geniusgefunden. Was lag näher, als daß sich diese Begeisterung in lebhafteFürsprache der Schauspieler für den anwesenden Dichter bei der Lei-tung des Burgtheaters umsetzte? — Sie bestürmten also den Oberst-kämmerer Grafen Dietrichstein, zunächst die „Judith" zu erlauben.Aber das mehr als ein halbes Jahrhundert alte Schema F besagte: aufdem K. K. Burgtheater ist kein biblischer Stoff zulässig! Und denhätte schließlich keine noch so weitgehende Zensurbearbeitung, an dersich bereits der Wiener Schriftsteller Otto'Prechtler versuchte, ausdiesem Werk beseitigen können.

Mit „Genoveva" stand es ebenso: eine Kalenderheilige auf der Bühnedes katholischen Hofes? — Ausgeschlossen. Der Wiener DichterFriedrich Halm (v. Münch-Bellinghausen) riet zwar, die „Genoveva"nach den dort geltenden Zensurvorschriften zurechtzumachen, aber daserforderte Änderungen, bei denen Hebbel die Haare zu Berge stiegen.„Er hat neulich Abends einige Akte mit mir durchgegangen," schriebHebbel am 18. Dezember 1845 an Elise Lensing, „ich schauerte! . . .Wer sollte es denken, daß z. B. die Ausdrücke Heilige, Crucifix usw.nicht auf dem Theater vorkommen dürfen ? Und doch darf es nichtgeschehen, vielleicht nicht einmal, wenn Metternich selbst ein Stückschriebe."

Und mit dem „Diamant" war in Wien erst recht nichts anzufangen.Wie hätten die adeligen Fräulein in den Logen bei einem so undeli-katen Stoff die Nasen gerümpft! Hebbel hat dieses sein erstes Lust-spiel, das zu seinen Lebzeiten nur einmal in Kremsier in Mähren ge-spielt wurde, überhaupt nie auf der Bühne gesehen. 1853 sollte es aufdem Carltheater in Wien gespielt werden; die Zensur hatte auch dieErlaubnis gegeben, aber Hebbel selbst zog sein Stück wieder zurück,da ihm die dortigen Schauspielerkräfte zu miserabel erschienen. Aucheine Aufführung seines „Trauerspiels in Sizilien" hat er nicht erlebt,wofür jedoch der Zensur keine Schuld beizumessen ist.

Hebbels neuestes Drama „Maria Magdalene" hatte nun wieder soeinen biblisch anmutenden Titel, vor dem sich der Oberstkämmerer derHofburg bekreuzigte, und der Konflikt mußte den Hofmann mit nochgrößerem Entsetzen erfüllen. Dennoch wagte es Hebbel bald nachseiner Ankunft in Wien auf den Rat seiner dortigen Freunde, sogar