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1 (1924)
Seite
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HEBBEL 372

Kriegsmusik in das Lager der Assyrier ein, und Judith wird von ihnenals Heldin und Retterin begrüßt. Sie aber tritt, „wie aus Erstarrunggeweckt, mit ihrem Schwerte unter sie" und verweist sie auf Gott, denHerrn, der das Große vollbracht habe. „Jauchze Volk der Verheißung!"jubelt der oberste Priester der Israeliten, und unter „Heil! JudithHeil!" fällt der Vorhang.

Diese Fassung verblieb der „Judith" fast ein halbes Jahrhundert,als ob das Originalwerk des Dichters gar nicht existierte. So kam sie1849 nl Wien, 1851 bei einem Gastspiel der Frau Hebbel in Berlin auchdort zur Darstellung, und so wurde sie auf fast allen deutschen Bühnenheimisch, die sich überhaupt zu einer Aufführung des Werkes ent-schlossen. Erst 1896, also nach sechsundvierzig Jahren, hat es MaxGrube als Regisseur des Königlichen Schauspielhauses in Berlin ge-wagt, die alte, von der Zensur diktierte Verballhornung beiseite zuwerfen und das Literaturwerk selbst („mit verständnisvollen Strichen",wie der Hebbelforscher Richard Maria Werner sagt) endlich in seinRecht einzusetzen.

Im Winter 1842/43 hielt sich Hebbel in Kopenhagen auf, und KönigChristian VIII. von Dänemark gewährte ihm auf zwei Jahre ein Reise-stipendium, so daß er Paris und Italien besuchen konnte. Am 13. De-zember 1842 hatte Hebbel eine Audienz bei dem König. Dabei kamdie Rede auf „Judith", die der Dichter nebst seinen übrigen Werkendem König vorher geschickt hatte. Nach seinen Aufzeichnungenlautete das Gespräch folgendermaßen:

König (ohne Übergang fortfahrend) : „Ihre Judith' kann abernicht gespielt werden. Ich habe mit dem Theaterdirektor darüber ge-sprochen. Es geht nicht an."

Hebbel: „Ich bitte Ew. Majestät um Vergebung, aber dieser Aus-spruch ist längst durch die Tat widerlegt worden, die Judith' wurdein Berlin und in Hamburg gespielt."

König: „Es stehen aber doch gräuliche Sachen darin."

Hebbel: „Ew. Majestät meinen, es stehen starke, ungewöhnlicheDinge darin, solche, die man im conventionellen Sinn indecente nennt."

König: „Ja, ja!"

Hebbel: „Die sind bei der Aufführung weggeblieben."

König: „Sehen Sie, die sind weggeblieben, das konnte ich alsLeser aber nicht wissen."

Hebbel: „Freilich nicht."

König: „Es ist überhaupt wohl zweierlei, ein Stück zum Lesenund ein Stück zum Spielen zu schreiben."

Hebbel: „Eigentlich nicht, aber so wie die Zeiten sind, aller-dings."

Eine Pause entstand, und um der bekannten Handbewegung zu-vorzukommen, verbeugte sich Hebbel und ging.