36i HAUPTMANN
Der erbitterte Kampf gegen Hauptmanns „Weber" hat hauptsächlichdazu beigetragen, daß der „Köllersche Geist" der preußischen Ver-waltung fast so geflügelt wurde wie hundert Jahre früher derWöllnersche.
7- Das Verbot in Hannover und das dritte Urteildes Preußischen Oberverwaltungsgerichts vom1 5- Oktober 1896. Nach Freigabe der „Weber" für Breslau setztedas Stadttheater in Hannover das Stück auch auf seinen Spielplan.Die Aufführung wurde am 29. August 1895 kurzweg „aus ordnungs-polizeilichen Gründen" verboten. Der Oberpräsident v. Bennigsen be-stätigte das Verbot am 30. Oktober, weil das Schauspiel „zu einerStärkung der schon jetzt vielfach hier vorhandenen latenten Neigungzum gewalttätigen Auflehnen gegen die öffentliche Ordnung und diebestehenden wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, unter Um-ständen auch zu gewaltsamer Betätigung dieser Neigung" reizenkönne. Ob historisch oder nicht — dessen sei sich die große Mehrheitder Zuschauer nicht bewußt, und die beiden Entscheidungen des Ober-verwaltungsgerichts seien für eine Aufführung in Hannover nicht..präjudizierlich". Eine erneute Beschwerde wurde vom Oberpräsi-denten (2. Januar 1896) wiederum abgelehnt, wegen des „in hohemGrade aufreizenden Inhalts des Stückes". Daraufhin rief auch Theater-direktor Jäger, gleichfalls unter Assistenz Dr. Grellings, das Oberver-waltungsgericht an, und dieses gab am 15. Oktober 1896 „Die Weber"auch für Hannover frei. Der Anwalt Grelling konnte nur alles daswiederholen, was er schon so oft dargelegt hatte. Die Verhandlunggewann aber dadurch ein besonderes Interesse, daß der Oberpräsidentv. Bennigsen, der bekannte Führer der Nationalliberalen und lang-jährige Abgeordnete, der sich mit Bismarck zeitweilig wegen desSozialistengesetzes überworfen hatte, seine Stellungnahme ausführlichmotivieren ließ: in den „Webern" seien die Kaufleute, Gutsbesitzer,Beamte usw. als hart und roh hingestellt, und die notleidende Arbeiter-schaft könne daraus nur Haß und Erbitterung gegen sie schöpfen. Eskomme ja auch heute noch vor, daß Arbeiter und Arbeiterinnen in un-glaublicher Weise von ihren Arbeitgebern ausgenutzt würden, z. B.in der Konfektion ! Das Stück zwinge die Besitzlosen zu der Folgerung,daß nur Gewalt gegen die besitzenden Klassen und gegen die Regie-rung den Arbeitern helfen könne. Hauptmann hetze sogar gegen dasStaatsoberhaupt! Die Sozialdemokratie sei in letzter Zeit außerordent-lich gewachsen, überall dränge sie sich ein, mit besonderm Erfolg indie Gewerbegerichte. Sie gewinne immer mehr Anhänger auch inanderen Schichten, Rechtsanwälte schlössen sich ihr an, Geistlicheständen ihr wohlwollend gegenüber, sogar nicht wenige Beamte neigten'hr zu, wie erkläre sich sonst, daß die sozialdemokratische Presse sooft in den Besitz vertraulicher Schriftstücke der Behörden gelange!