353 HAUPTMANN
werfiichster Art" („Post"), der „theatralischen Verrohung" (E. Zabelin der „Nationalzeitung"), in der tendenziösen „Effekthascherei" des.,ekelerregenden Radaustücks" („Reichsbote") gar nicht genug tun,allen voran das jetzt andern Sinnes gewordene „Kleine Journal", dasden „jähen Niedergang" des „Deutschen Theaters" wehmütig be-trauerte und dem „entweihten Kunsttempel" mit seinen „leider soreichlich zugemessenen Privatmitteln" ein kräftiges Pereat ausbrachte.Selbst eine verherrlichende Kritik in der „Deutschen Warte" nanntedie „Weber" das „gefährlichste und aufreizendste Schauspiel, das jein deutscher Sprache gedichtet wurde". — Die Tatsache, daß die,,Salon- und Modesozialisten" des Berliner Premierenpublikums „mitden Roten Brüderschaft klatschten" („Kleines Journal"), besonders,als man die Vertreter des Gesetzes im Schauspiel verprügelte undDreißigers Wohnurig demolierte, erregte selbst bei liberalen Blätternein leises Frösteln und die Empfindung, als „ob etwas in der LuftHege". Im „Berliner Tageblatt" erinnerte Friedrich Dernburg an dieAufführung von Beaumarchais' „Hochzeit des Figaro" am Vorabendder Französischen Revolution, und dieses Memento mori ging schnelldurch die ganze Presse. Immer lauter wurden die Warnungen, daßman „auf einem Vulkan tanze", und der „Vorwärts" weissagte alsbald(30. September) ein allgemeines Kesseltreiben der Reaktionsparteiengegen die „Weber". „Das Schauspiel der Revolution ist gefunden",wehklagte der „Reichsbote" gleich nach der Premiere. „An dem Tage,wo sie beginnt (wenn uns Gott nicht in Gnaden davor bewahrt!), wirdman dies Stück aufführen, und die Massen werden wissen, was sie zutun haben." Am 3. Oktober gab dasselbe Blatt dem beginnenden Feld-zug eine neue Direktive: welche „wenig erfreuliche Rolle haben beidem Falle auch wieder unsere Juristen gespielt"! Die höchste richter-liche Instanz, das Oberverwaltungsgericht, hatte mittlerweile auch einin Breslau erfolgtes Verbot der „Weber" aufgehoben — wie könnedas Urteil dieses Gerichtes für die Zulassung der Aufführung maß-gebend sein! Dazu sei nur eine polizeiliche Zensurbehörde in derLage! Der „Reichsbote" war damals stark gereizt, er war soeben vomGericht wegen des Ausdrucks „Judenblatt" in Strafe genommen wor-den. Aber jener Hinweis wirkte (vgl. „Conservative Correspondenz"vom 25. Oktober). Gleichzeitig verkündeten Rechtsblätter in großerAufmachung, der Kaiser habe auf Antrag des Hausministeriums wegender „demoralisierenden Tendenz" der „Weber" seine Loge im „Deut-schen Theater" gekündigt, dieses verliere damit jährlich 4000 MarkEinnahme; alle, denen „die Erhaltung des Staates wirklich am Herzenliegt", wurden aufgefordert, ebenfalls fernzubleiben, dann werde diejetzige Direktion bald verschwinden und einem Nachfolger Platzmachen müssen, der besser wisse, welche „Anforderungen Kaiser undVolk" an das „Deutsche Theater" stellten („Bank- und Handels-
2 3