HAUPTMANN 350
Inhalt sei durch und durch modern, schrieb Fritz Stahl in der „Deut-schen Warte" (28. Februar) ; „es sind die sozialen Kämpfe darin ge-schildert, die gerade heute mit ungeheurer Erbitterung von beiden Sei-ten geführt werden. Und diese Kämpfe hatten dieselben Ursachen, unddie Schlagworte der Parteien sind dieselben, die auch uns heute in dieOhren gellen. Ich glaube auch, daß Hauptmann nur deshalb denhistorischen Kampf statt des gegenwärtigen gewählt hat, weil er dortdie Katastrophe fand, die er brauchte, den furchtbaren Abschluß, diesoziale Revolution." Und Julius Hart in der „Täglichen Rundschau"verstieg sich zu dem im damaligen Augenblick mindestens bedenk-lichen Panegyrikus: „Hier atmet ein revolutionärer Geist, so ernst undentschieden, wie in den ,Räubern' und in der .Kabale und Liebe', hierfließt der sozialdemokratische Ingrimm unserer Zeit, der auch in un-serer jüngeren Literatur nur zu oft als Esel in der Löwenhaut umher-geht, in purpurroten Blutwellen dahin, hier steckt jene Echtheit undEntschiedenheit der Gesinnung, welche auch den politischen Gegnermitzureißen vermag. Man erzählt, daß 1830 die Brüsseler ihre Barri-kaden aufbauten, als sie entflammt von den Weisen der ,Stummen vonPortici' aus dem Theater hinausströmten: auch eine Aufführung der,Weber' in einer Versammlung von Arbeitslosen, vor dem .Lumpen-proletariat' und den .Ballonmützen', würde aufreizender wirken, alsdie wildeste Anarchistenrede. Aber dabei steckt in der Dichtung nichteine Spur von eigentlicher Tendenzpoesie; jedem Reden ging der Dich-ter aus dem Wege, und alles ist echt und wahrhaft künstlerisch ge-staltet und gebildet worden." — Nach solchem Vorwort durfte man miteiniger Spannung dem Moment entgegensehen, in dem das umstritteneStück zum erstenmal d e m Publikum dargeboten wurde, das einer sofeinen ästhetischen Differenzierung zwischen revolutionärem Geisteines Stückes und Freiheit von Tendenz unfähig sein mußte. Ihmsollten „Die Weber" durch das Verbot entzogen werden — geradeihm wurden sie zunächst dadurch zugeführt. Da das Verbot für das„Deutsche Theater" noch bestand, nahm die von Bruno Wille ge-gründete „Neue Freie Volksbühne" sich zunächst des Stückes an undließ es am 15. Oktober 1893 in einer Sonntagnachmittagsvorstellung imViktoriatheater ihren Mitgliedern vorführen. Die Regie hatte dies-mal Emil Lessing, der auch den Fabrikanten gab; Baumert war wiederPauli, Moritz Jäger Herr Vallentin, der rote Bäcker Herr Paris. AlsProgramm diente Heft ir der Zeitschrift „Die Kunst dem Volke", indem ihr Herausgeber Bruno Wille den Dichter ebenfalls gegen dasMißverständnis in Schutz nahm, als ob er rein künstlerische Absichtenin politische habe verkehren wollen; „freilich die Art, wie er innerlichschaute und fühlte, ist beeinflußt worden von dem sozialen, politischentheoretischen und praktischen Tendenzen unserer Zeit; der Dichterist eben ein Kind seiner Zeit". Beigelegt war dem Heft das schon er-