Druckschrift 
1 (1924)
Seite
349
Einzelbild herunterladen
 

349 HAUPTMANN

unmittelbar zu einer Störung der öffentlichen Ordnung führenderWeise werde befördert oder gestärkt werden. Bei den übrigen Zu-schauern aber ist ganz ausgeschlossen, daß sie durch die Aufführungzu einer Störung der öffentlichen Ordnung veranlaßt werden könnten."Das Oberverwaltungsgericht hob demnach die Vorentscheidung desBezirksausschusses auf, woraus sich die künftige Erteilung der Erlaub-nis seitens der Polizei nunmehr von selbst ergab.

Die Freigabe der „Weber" war nur für das „Deutsche Theater" inBerlin erfolgt, nur darauf bezog sich die Klage, demnach auch dieEntscheidung. Auf der Linken aber hatte das Urteil daher keine „gutePresse". Der „Berliner Volkszeitung" war diese Einschränkung aufein bestimmtes Theater unbegreiflich. „Wer soll", fragte sie (3. Ok-tober), „jedesmal das Publikum auf seine Empfänglichkeit für die ver-meintlich .Sozialrevolutionäre' Tendenz des Stückes taxieren?" Der„Vorwärts" ironisierte (3. und 8. Oktober) die „juristischen Spitz-findigkeiten" des Verteidigers Grelling, des „freisinnigen Durchfalls-kandidaten", des „Schwiegersohns eines der reichsten LeinenfabrikantenDeutschlands", und auch Hauptmann, der „natürlich mit den Ord-nungsparteien sympathisiere", bekam seinen Denkzettel. Dem „Sozia-list" (7. Oktober) galt das Urteil als „ein Akt unserer Klassenjustiz",und um für die bevorstehende Aufführung in der „Neuen Freien Volks-bühne" zu werben, wußte er nichts Besseres zu tun, als an Paris zu er-innern, wo bei der Aufführung des Stückes in der dortigen „FreienBühne" einzelne Zuschauer aufgesprungen seien mit dem Rufe: „Nie-der mit den Ausbeutern! Tod der Knechtschaft!"

4. Die ersten Aufführungen der ,,W ehe r". Noch eheder Bezirksausschuß das Verbot der „Weber" bestätigen konnte, hatteihre Uraufführung bereits stattgefunden. Am 26. Februar 1893, Sonn-tag Mittag, brachte die „Freie Bühne" sie in Form einer Vereinsver-anstaltung auf dem „Neuen Theater" heraus, bekanntlich mit einemErfolg, dessen gleichen die „Freie Bühne" nicht vorher oder nachhererlebt hat. Die Ergriffenheit war „beispiellos", und selbst die „hart-gesottensten Matineebesucher" konnten sich ihrer nicht erwehren(„Kleines Journal" vom 28. Februar). Die „Norddeutsche Allgemeine"(28. Februar) berichtete — schamhaft nach der „Kölnischen Zei-tung" —, es unterliege keinem Zweifel, „daß diese Aufführung als eineder interessantesten theatralischen Kundgebungen dieses Jahres zu be-trachten sei". Die Hauptrollen spielten Rittner (Moritz Jäger), Pauli(der alte Baumert), Max Löwenfeld (Ansorge), Nissen (Fabrikant),Hock (der alte Hilse), Vorwerk (Bäcker) und Rosa Bertens (Luise).Regie führte Cord Hachmann. Aber gerade die begeistertsten Pro-pheten Hauptmanns urteilten über die Aufführung so, daß die Zensur-polizei ihre Äußerungen mit Befriedigung zu ihren Akten nehmenkonnte. Hauptmann nenne zwar sein Schauspiel historisch, aber sein