HAUPTMANN 346
Elend nach fünfzig Jahren des Ruhms und der Kultur nicht gar sosehr von dem damaligen verschieden." Ferner habe die „Freie Bühne"aus der Feder des „sozialdemokratischen Redakteurs" Bölsche eineKritik veröffentlicht, die besage, daß sich „das historische Motiv jenesalten Weberaufstandes geistig verknüpfen lasse mit gewaltigen, ringen-den Problemen der Menschheit", also der Gegenwart; das Stück sei„ein Stück der leidenden Menschheit ... so jung wie jedes Armen-kind, das der heutige Tag in die Wiege legt". Noch schärfer erhelledie Beziehung zur Gegenwart aus einem Aufsatz des sozialdemokra-tischen Schriftstellers Franz Mehring in der „Neuen Zeit" (Heft 24des Jahrgangs 1892/93, S. 769 ff.) ; Mehring gebe der Bourgeoisie ganzrecht, wenn sie „die Weber" als ein sozialistisches Tendenzstück, alsein „Schauspiel nach dem Text eines unverfälschten Sozialdemokraten"empfinde; die Vorstellung (auf der „Freien Bühne" am 26. Februar1893), so schrieb Mehring, „ließ gar keinen Zweifel an der mächtigenrevolutionären Wirkung, die das Schauspiel auf ein empfängliches undgenußfähiges Publikum haben müßte, und wenn Hauptmann nochHoffnungen auf die Freigabe seines Stückes für die öffentliche Auf-führung gehabt haben sollte, so mag er sie nunmehr begraben. No-blesse oblige — und den ,Webern' steht es besser an, sich mit Würdein die preußische Polizei zu fügen, als im Verwaltungsstreitverfahrendarum zu hadern, daß sie historische Vorgänge schildern, und nichtpolitische. Seien wir doch ehrlich: sie sind revolutionär und höchstaktuell." Aus diesen Äußerungen, so schloß Herr v. Richthofen, er-gebe sich doch klar, daß man sich sozialdemokratischerseits von demStück eine gewaltige Förderung der Parteileidenschaft verspreche.
Die Replik Grellings vom 31. Mai hielt dem entgegen, daß „DerSozialist" das Organ der unabhängigen Sozialdemokraten sei und zurSozialdemokratischen Partei zum Teil in direktem Gegensatz stehe,die „Freie Bühne" sich niemals zur Partei bekannt habe, Fragen derKunst behandle und der Politik ziemlich fern stehe, und daß FranzMehring, früher Redakteur der fortschrittlichen „Berliner Volks-Zeitung", bei seinen verschiedenen politischen Wandlungen nicht alsVertreter der Sozialdemokratie gelten könne. Daß unverständige undverblendete Beurteiler einen Dichter wie Hauptmann vor den Wagenihrer Parteiinteressen spannen möchten, sei nicht zu verwundern.Hauptmann habe aber mit seinem Werk nicht an die schlechten In-stinkte der Unterdrückten, sondern an das Mitleid der Unterdrückerappellieren wollen; es stehe durchaus auf dem Boden der bestehendenGesellschaftsordnung und verlange nur hier eine menschenwürdigeBehandlung und Bezahlung der Arbeiter. Der Dichter habe seinenVerteidiger ausdrücklich zu der Erklärung ermächtigt, daß es ihmvöllig ferngelegen habe, mit den „Webern" eine sozialdemokratischeParteischrift zu verfassen. „In einer derartigen Absicht (so schrieb