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1 (1924)
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345 HAUPTMANN

ters zu einer literarischen Schule, die darauf ausgehe, das Leben, dieNatur, so wie sie ist, möglichst objektiv, ohne Tendenz oder anderesubjektive Zutaten, künstlerisch darzustellen. Der Fabrikant Dreißigersei daher nicht typisch für die besitzenden Klassen überhaupt. JedeEinzelheit des Werkes sei lokal- und zeitgeschichtlich bedingt; dereinzige Vergleichspunkt zwischen damals und heute bestehe in derUnzufriedenheit; ihre Gründe und die erstrebten Heilmittel seien da-gegen durchaus verschieden. Bei jedem Literaturwerk bestehe die Ge-fahr, daß Vorgänge und Anschauungen mißverständlich verallgemeinertwürden; dann müßten Gestalten wie Julius Cäsar, Coriolan, Wilhelm■feil, selbst Faust völlig von der Bühne verbannt werden. Der Kampfeigenartiger Charaktere gegen die bestehende Ordnung sei das Haupt-motiv aller tragischen Konflikte; auch dem Webervolk als dem Heldendes Stücks könne daher nicht verwehrt sein, das Gehege der Staats-ordnung gewaltsam zu durchbrechen. Bei aufmerksamer Lektüre des5- Aktes ergebe sich aus den Worten des alten Hilse (S. 112 f.) deut-lich genug, daß die Ordnung schließlich siege und die Aufrührer ihreTaten demnächst schwer büßen müßten. Wer in dem tragischen Endedieses braven Mannes eine Strafe für die Nichtbeteiligung an der Re-volte sehe, verstehe das Werk nicht. „Wer dem Geschöpfe seinerPhantasie so warme Töne in den Mund zu legen weiß wie Hauptmanndem alten Hilse, der steht mit seinem Herzen auf Seiten dieses Ge-schöpfes. Damit verurteilt der Dichter die Handlungsweise der übrigennoch nicht. Ein jeder handelt eben so, wie es seinem Charakter undseinem Temperament entspricht." Aber die Gestalt des Hilse beweise,daß Hauptmann nicht ausschließlich Menschen vorführe, die Raub undGewalttat als einziges Heilmittel betrachten. Durch seine Eintritts-preise sei das „Deutsche Theater" den „eigentlich aufreizbaren Volks-massen" fast gar nicht zugänglich. Derartige An- oder Aufregungenkönnten die sozialdemokratischen Arbeiter in ihren Zeitungen, Ver-sammlungen oder den Aufführungen der „Freien Volksbühne", diekeiner Zensur unterstehe, billiger haben. Übrigens sei die Verlaut-barung sozialdemokratischer Grundsätze von der Bühne herab nachAbschaffung des Sozialistengesetzes nicht mehr verboten, und mit derZulassung des Stückes für das „Deutsche Theater" sei es keineswegsauch für alle übrigen Bühnen freigegeben.

In seiner Antwort vom 10. Mai 1893 blieb der Polizeipräsident inallen Punkten bei seiner gegenteiligen Meinung. Er illustrierte nur dievon ihm befürchtete Wirkung des Stückes, auf die allein es ankomme,mit einigen Preßstimmen. Das Organ der radikalen Sozialdemokratie,„Der Sozialist", der sonst noch nie einem Werke der Kunst ein Wortgewidmet, habe den Inhalt der „Weber" in drei Nummern (3., 10. und17. Dezember 1892) ausführlich wiedergegeben. In dieser Kritik (vonAlbert Auerbach) fände sich die Bemerkung: „Ist doch das heutige