GUTZKOW 310
auch Cotta, um vor der österreichischen Regierung rein dazustehen,am 25. Februar 1836 die Ausrede, er würde „Nero" nicht verlegt haben,wenn er ihn vorher gelesen hätte! (Vgl. Glossy a. a. O. I, 64.) Herbst1839 aber erschien bei Hoffmann & Campe das Trauerspiel „KönigSaul", mit dem Gutzkow der praktischen Bühne schon nähertrat.Dieses Buch wurde der preußischen Rezensur unterbreitet, und derZensor Grano als Vertreter Johns erstattete am 3. Januar 1840 dar-über folgendes Gutachten:
„Der Verfasser behandelt darin den düstern Lebensschluß jenesersten Königs des theokratischen jüdischen Staates. Saul ringt mitder Priesterherrschaft Samuels um die Unabhängigkeit des neuenKönigthums, der von dem Herrn Verworfene verfällt den dämonischenMächten, unterliegt seinen innern und äußern Feinden und endet inVerzweiflung durch Selbstmord. Diese sehr ungleich bearbeitete Tra-gödie, in der wahrhaft poetische, zum Theil den Psalmen David's nach-gebildete Stellen mit unverkennbaren Trivialitäten wechseln, würdezu- jeder andern Zeit zu den bedeutungslosen poetischen Versuchenzu rechnen sein. Es muß jedoch auffallen, daß der Verfasser der,Rothen Mütze und Kapuze' gerade jetzt bei dem noch schwebendenKonflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht sich zur Ver-arbeitung eines Stoffes gedrängt fühlt, in dem nicht nur die Hierarchiein dem Untergang der herrschenden Dynastie ihre Triumphe feiert,sondern sich auch als letzter Zweck des Hohenpriesterthums dieSchutzherrschaft der Menschenrechte, der weltlichen Macht gegenüberdarstellt (S. 87). Wünscht er deshalb diesem Erzeugnisse zeitgemäßeDeutung, worauf die Tendenzen seiner übrigen Schriften schließenlassen, so stellt er seinen Takt bei der Auswahl dieses Stoffs nicht ebenin ein günstiges Licht; denn für die noch ungelösten Fragen der Zeitsucht man in dem Gang des Schicksals die Entscheidung. Noch we-niger liegt indessen eine Berechtigung vor, seine Absicht bei dieserliterarischen Erscheinung zu verdächtigen, da er nicht nur durch diejesuitische Priestermoral, die Anmaßung und das ränkevolle TreibenSamuel's (S. 11, 41, 93), sondern auch durch die gedachte Schrift aufjedem Blatte gegen eine solch ungünstige Auslegung auf energischeWeise protestirt. Die neuesten Zeitereignisse dürften ihm daher wohlden Stoff zugeführt, er aber dabei nicht bedacht haben, daß die Er-scheinung einer Auslegung unterliegen könnte, die seiner eigenen Über-zeugung schnurstracks entgegentritt. Im übrigen findet sich gegenden Inhalt des Buches nichts zu erinnern. Die Philister, repräsentirtdurch Flach und Oberflach, sind moderne Figuren des Witzes burschi-koser Studenten und kontrastiren auffallend, doch nicht in Shake-speare's Weise mit der sonstigen Haltung des Stückes; die SchlußredeSamuel's aber enthält ein oft dagewesenes Memento mori an die Herr-scher der Welt, wie sie in Calderon und Schiller zu finden sind. Hier-