311 GUTZKOW
nach glaube ich, daß von dem Buche keine Nachtheile zu befahrensind, es überhaupt nur einen sehr beschränkten Lesezirkel finden muß."Das Oberzensurkollegium hatte demnach gegen das Stück nichtseinzuwenden (24. Januar), am 14. Februar 1840 wurde sein Verkaufin Preußen zugelassen. An dem im ganzen nicht üblen GutachtenGranos ist aber charakteristisch, daß seine gnädige Zustimmung nichtunwesentlich durch die Spekulation beeinflußt ist, Gutzkows Tendenzkönne eine Deutung erfahren, die dem Dichter selbst unbequem sei.Daß die damals tobenden Kämpfe zwischen Preußen und der römischenKurie Gutzkow zur Wahl des Stoffes bestimmt hätten, wurde von ihmöffentlich bestritten, als die Buchhändleranzeige auf eine „Abspiege-lung unserer kirchlichen Wirren in einer dreitausendjährigen Ver-gangenheit" hindeutete; die tendenziöse Beziehung sei „rein zufällig"(„Telegraph" 1839, Nr. 168) ; es fehlte ja nur noch, daß die BerlinerZensur mit der Nase darauf gestoßen wurde. Aber die Aktualität desStoffes war schlechterdings nicht zu bestreiten und wurde auch sofortvon den Lesern empfunden, wie Georg Herweghs Kritik in der „Deut-schen Volkshalle" (Belle-Vue) zeigte; seinem Eindruck nach war „dastragische Ende Sauls mit specieller Beziehung auf die Kölner An-gelegenheiten" behandelt. Diese rein äußerliche Auffassung nimmt beieinem Dichter wie Herwegh wunder. Der Lebensnerv des Saulproblemslag für Gutzkow ganz anderswo; er liegt in den Worten Jonathans:
„Ein neu Geschlecht steht vor dem Thor — und LügeWird manches werden, was jetzt Wahrheit scheint."
Wem konnte diese Empfindung näherliegen als dem Schriftsteller des„Jungen Deutschlands", der am ärgsten Sauls Haß erfahren, im wil-desten Kampf mit einer unduldsamen Vergangenheit gestanden hatte!David gegen Saul — diese Kampfstellung ist ewig, da stets die Jugendgegen das Alter aufbegehren wird; die gewaltige Symbolik des Bibel-stoffes hat daher bis zum heutigen Tag zahllose Dichter gelockt. Aberkeines der Sauldramen kann auch den mit dem Stoff verwachsenenKampf des Königtums gegen das Priestertum umgehen, es war dahernicht nüchtern zurechtgelegte „Tendenz", wenn Gutzkow auch diesesAufeinanderprallen zweier Mächte in dem großen Widersacher seinesSaul, dem Hohenpriester Samuel, symbolisierte. Ein bloßes Buchdramazu schaffen, war aber keineswegs seine Absicht, er hatte den grandiosenStoff so einfach wie möglich geformt, um den Forderungen der Bühnegerecht zu werden. Daß die Aktualität des Stoffes ihm dabei im Wegestehen, daß die Hoftheater — nur diese bedeuteten damals für denDramatiker etwas — schwerlich dulden würden, „was der SchattenSamuels spricht", sah er allerdings voraus; wurde der Haß Samuelsgegen das Königtum von der Zensur gestrichen oder sonst irgendwiebeschränkt, so würde das unfehlbar die Nichtaufführung des Stückes