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1 (1924)
Seite
308
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GUTZKOW 308

vom Geist" (1851/52) noch fremd war. Zu einer Zeit, die mit poli-tischem Zündstoff geladen war, blieb es für einen Schriftsteller, derseit seinem ersten Auftreten immer mit einem Fuß auf dem Boden derPolitik gestanden hatte, ein kühnes Unterfangen, auf jedes bestimmteUrteil über das, was die Öffentlichkeit in Atem hielt, programmäßigzu verzichten und dennoch allen wichtigen Erscheinungen des Tageseine geistreiche Seite abzugewinnen, wie man das von dem Heraus-geber erwartete. Die Kollegen mokierten sich denn auch nicht wenigüber die Harmlosigkeit des Blattes, Robert Prutz war schon über dasvorsichtige Programm geradezu empört. Aber es galt eben, zwischender Scylla eines jederzeit drohenden Verbotes und der Charybdis allzugroßer Harmlosigkeit einherzusteuern, um ungefährdet in den Hafender Familie, des „häuslichen Herdes", einzulaufen. Da kein Zensormehr vorher die Auswüchse beschnitt, mußte der Verleger dessen Amtversehen, und so entwickelte sich Woche für Woche ein Kampf zwi-schen zager Vorsicht auf der einen und allerhand revolutionären Ge-lüsten auf der andern Seite, ein Prozeß, in dem Stöße von Akten, willsagen Briefen, beschrieben wurden, und der gewöhnlich mit einemmagern Vergleich endete. Erst 1860 wurde diese stoffliche Beschrän-kung der Zeitschrift aufgegeben, der Zeitgeist war doch etwas leb-hafter geworden, und die Furcht vor Verboten in Österreich oder garRußland schwand. Man gab eine Beilage dazu, die in Zeit, Leben undLiteratur nachdrücklicher eingriff, indem sie das Neueste berührte,was Politik, Religion und literarische Polemik zutage förderte.

Es allen recht zu machen, war natürlich Gutzkow nicht möglich,und wie wenig ihm das gegenüber seiner preußischen Heimat nachwie vor gelang, zeigte sich, als ihm 1854 vom Großherzog von Sachsen-Weimar der Falkenorden verliehen wurde und er als preußischer Unter-tan bei seiner Heimatsbehörde am 14. Oktober um die Erlaubnis zumTragen dieser Auszeichnung bitten mußte. Polizeipräsident undMinisterpräsident hatten nichts dagegen, um so mehr aber der König!Er erklärte am 20. Dezember, Gutzkow habe in seinen Schriften, „na-mentlich in den von ihm herausgegebenen .Unterhaltungen am häus-lichen Herde' die diesseitigen Verhältnisse in einer eben so hämischenals entstellenden Weise besprochen und sich dadurch aller vaterlän-dischen Gesinnung in einem Grade baar erwiesen, daß Ich mich nichtbewogen finden kann, ihm die nachgesuchte Genehmigung zu erteilen.Die Tragung des Ordens im Ausland bleibt ihm überlassen." Darauf-hin mußte das Gesuch am 27. Februar 1855 abgelehnt werden; erstder Prinzregent Wilhelm gewährte es drei Jahre später, am 18. No-vember 1858. Bedenkt man dabei, daß Gutzkow gerade 1852 seimliebenswürdigstes Buch „Aus der Knabenzeit" veröffentlicht hatte, dasfür seine treue Anhänglichkeit an die Eindrücke gerade seiner Ber-'liner Jugend ein so schönes Zeugnis ablegte, so bleibt nichts übrig,