GRÜN 246
Gedicht auf die sieben Göttinger Professoren gesandt hatte, die da-mals Knall und Fall vom Könige von 'Hannover ihres Amtes entsetztwurden, weil sie gegen die willkürliche Aufhebung der Verfassungprotestierten ; die Frankfurter Zensur habe jedoch den Abdruck nichtzugelassen. Das Gedicht „An Jakob Grimm. Von Anastasius Grün"erschien dann Ende Februar in Karl Gutzkows „Telegraph für Deutsch-land" (Nr. 33). „Eben habe ich ein sehr freimüthiges Gedicht vonA. Grün an J. Grimm durch die Untiefen der Censur gelootset," schriebGutzkow an Moritz Carriere am 13. Februar; ohne Konzessionen wares aber auch hier nicht abgegangen: zwei von den dreizehn Strophen,die siebente und achte, mußten fortfallen, so ungern auch die Redak-tion, wie sie in einer Anmerkung sagt, „die politische Beziehung desGedichtes" opferte; die fehlenden Strophen deutet eine Linie Ge-dankenstriche an. Vollständig erschien das Gedicht bald darauf in der„Mitternachtszeitung" (Nr. 60) in Braunschweig, die anscheinendunter milderer Zensur stand.
Anastasius Grün schrieb also nun frank und frei politische Gedichte!Ob sich der „Spaziergänger" nicht bald in seiner eigenen Schlingefangen würde? Denn zu einem Geständnis über das Hamburger Büch-lein hatte er sich bisher noch keineswegs bequemt — er hatte nurseine Identität mit Grün zugegeben! Der Ehrgeiz der Polizeiorganewar also nicht ohne lockendes Ziel, und obendrein ergaben sich ausder neugeknüpften Verbindung des Grafen mit Paris an sich schonso viel Verdachtsmomente, daß der ganze Polizeiapparat wie elektrisierterschien. Im Mai 1838 meldete Polizeidirektor Siccard in Laibach,der sich um diese Spionage besondere Verdienste erwarb, Auerspergkorrespondiere nach Wien, Leipzig, Dresden, Stuttgart und Augsburg,und soundso viel Briefe seien von Thurn abgegangen oder dort an-gekommen. Die Postverwalter an der Grenze, in Salzburg, Inns-bruck usw. mußten alle Briefe abliefern, die an den Grafen eingingen,oder wenigstens Abschriften davon nach Wien schicken ! Für die PariserKorrespondenz interessierte man sich besonders. Auch fand man nichtsdarin, den einen oder andern Brief einfach zu unterschlagen, wenn erdurch wiederholtes Öffnen gar zu verräterisch ausschaute! Polizei-direktor Siccard, dem man die ganze Untersuchung anvertraute, hattealso alle Hände voll zu tun, obgleich er durch das freiwillige Ein-geständnis Grün-Auerspergs um den eigentlichen Siegespreis betrogenwar. Am 22. Mai stand der Graf vor dem Laibacher „Polizeijupiter"und mußte von diesem den Vorwurf hören, daß er „unter der Firmades Anastasius Grün mehrere höchst anstößige Schriften imAuslande habe drucken lassen" ! Auf dieses Vergehen stand eine Strafevon 25 Dukaten für jeden Bogen! Also ein ziemlich teurer Spaß! Fürden Grafen Auersperg ermäßigte man aber die Strafe auf 25 Dukatenim ganzen, und der Verurteilte zahlte sie, ohne Berufung einzulegen;