239 GRÜN
Schurz, den Schwager Lenaus: „Welche Überraschung! Heute kamdas Päckchen. Es war also in Lambach liegen geblieben und heute hatman es dem Ordinariknechte [dem Postboten] mitgegeben. Von demwas auf die Herzgrube gelegt werden soll habe ich bereits Gebrauchgemacht mit unerwartet herrlichem Erfolge. So ist's recht! Oduherrlicher Schurz! Nenne mir um's Himmels willen den Namen desDoktors; der soll mir Rector magnificus, magnificentissimus werden!Mein ganzes Herz frohlockt!" (S. v. Radics, „A. Grün. Verschollenesund Vergilbtes". 1879. S. 81.) Und was war der Inhalt des Päckchens?Schurz, k. k. Beamter in Wien, hatte dem Amtskollegen und Freundedie „Spaziergänge" gesandt und sie als Arzneimittel deklariert; derDank an den „Doktor" sollte nur die Polizei irreführen, falls SchleifersBrief auf der Post geöffnet würde, wie das im vormärzlichen Öster-reich und Deutschland üblich war, wenn ein Briefwechsel verdächtigerschien oder man mit Hilfe des „schwarzen Kabinettes" hinter Dingezu kommen hoffte, denen man gerade nachspürte.
Ob Schurz den Namen des Dichters damals schon kannte? Erst rietman auf den Freiherrn v. Zedlitz, den Dichter der „Totenkränze"(1827), der damals noch nicht im Fahrwasser Metternichs schwamm.Dann auf Grillparzer, dessen bissiger Verschlossenheit so etwas schonzuzutrauen war; aber der konnte mit gutem Gewissen die Autorschaftablehnen, über die er für sich sehr bald im klaren war. Ein Öster-reicher mußte es selbstverständlich sein. Die Polizei setzte alle Hebelin Bewegung, und der Scharfsinn der Zensoren kam auch bald auf dierichtige Spur: aus metrischen und andern Gleichklängen schloß derZensor Sartori in einem amtlichen Gutachten, der Wiener Spazier-hänger könne nur Anastasius Grün sein, und sein Amtskollege, Rupp-recht — „Knecht Rupprecht", wie ihn Grillparzer gebrandmarkt hat —behauptete mit Bestimmtheit dasselbe. Wer aber Anastasius Grün sei,war noch keineswegs bewiesen; dies doppelte Sphinxrätsel galt es alsozu lösen. Wurde der Verfasser als Österreicher in seiner Heimat „be-troffen", dann war er geliefert; mit einer Geldstrafe wegen Über-tretung des Zensurgesetzes war das Verbrechen dieses Buches nichtwettgemacht. Hier gab es nur zwei Möglichkeiten: hartnäckig leugnen— oder sein Heil in der Flucht suchen. Auersperg blieb, obgleich erder anonyme Verfasser war. Er hatte das Buch im Herbst und Winterl8 3°/3i geschrieben, das Manuskript einem BuchhandlungsgehilfenRudolf Berser übergeben, der gerade die Geroldsche Buchhandlungin Wien verließ, um nach Hamburg heimzukehren, und diesen mit derBeschaffung eines Verlegers in Deutschland beauftragt. Berser über-gab es Hoffmann und Campe, ohne den Namen des Verfassers zunennen, den auch der Verleger offenbar erst 1836 erfuhr, als er endlichdas Honorar für die erste und zweite (auf eigene Faust veranstaltete)Auflage abladen mußte, lumpige 200 Fl.; denn auch Campe pflegte in